DEUTSCHES
BIOGRAPHISCHES
JAHRBUCH
HERAUSGEGEBEN VOM
VERBANDE DER DEUTSCHEN AKADEMIEN
QBERLEITUNGSBANDII: 1917-1920
1928
DEUTSCHE VERLAGS-ANSTALT STUTTGART
BERLIN UND LEIPZIG
PJi*>t<>iir^phisclii.j Originalaufnahme NicttL.i P^iiL-hcid. Berlin
Max K linger
REDAKTIONSAUSSCHUSS:
KARL BR AND I Gottinger Gesellsdiaft der Wissensdiaften
WALTHER VON DyCK, MunAener Akademie
PAUL ERNST, Heidelberger Akademic
FRITZ FOERSTER, Leipziger Akademic
ERNST HEyMANN, Berliner Akademie
ERICH MARCKS, Mundiener Historisrfie Kommission
JULIUS PETERSEN, Berliner Akademie
RICHARD VON WETTSTEIN, Wiener Akademie
HERAUSGEBER:
Dr. phii. HERMANN CHRISTERN in Berlin
BEARBEITER DER TOTENLISTE:
Dr. phil. JOHANNES HOHLFELD in Leipzig
GESCHAFTSSTELLE:
Berlin N\V 7, Unter den Linden 38
<PreufiisAe Akademie der Wissensdiaften)
VORBEMERKUNG:
Einige in Aussidit genommene Biographien hat der Herausgeber
fur diesen Band nicfat erhalten konnen, die Lucken solien nadi
Moglidikeit spater ausgefullt werden,- eine Biographie Friedridi
Naumanns wird im nadisten Bande (Jahrgang 1922) folgen.
Alle Rcchte vorbehalten
Druck der Deutschen VerlagS'Anstalt in Stuttgart
Papier von d.cr Papierfabrik Salach in Salach, Wurttemberg
INHALT
Biographien : IQ17 3
1918 207
1919 350
1920 490
Totenlisten: 1917 645
1918 679
1919 711
x920 739
Namenverzeidinis 767
Autorenverzeichnis 769
BIOGRAPHIEN
1917 / 1918 / 1919 / 1920
1917
Baare, Fritz, Geheimer Kommerzienrat und Dr.-Ing. e. h., * 9. Mai 1855 in
Bochum, 1 10. April 1917 in Oeynhausen. — Fritz B. wurde als drittaltester Sohn
des Geheimen Kommerzienrats Louis B. zu Bochum geboren. Schon in f riiher
Jugend zeigte er eine ausgesprochene Neigung zum Ingenieurberuf . Noch heute
wird eine von ihm in seiner Jugend hergestellte und gut arbeitende Dampf-
maschine aufbewahrt ; seiner Mutter hat er als Gymnasiast eine Nahmaschine
fur mechanischen Antrieb eingerichtet. Er besuchte zunachst das Gymnasium
zu Bochum und wahrend der letzten Jahre bis zur Erlangung des Reifezeug-
nisses das Gymnasium in Arnsberg. Schon als Schiiler hielt er sich in der GuB-
stahlfabrik auf und kannte viele altere Arbeiter, namentlich Facharbeiter,
personlich. Er studierte dann auf dem Polytechnikum in Berlin und Karlsruhe.
In Berlin wohnte er bei einem Schuhmachermeister, dem er manchen Hand-
griff in der Werkstatt absah. Sehr erstaunt war Geheimrat Louis B., als er
eines Tages in Marienbad ein Paket von seinem Sohn Fritz erhielt, in dem
dieser ihm ein Paar selbstgefertigter Schuhe iibersandte. Sie waren zwar nicht
von hochster Eleganz, aber doch recht bequem und veranlaBten den gleichf alls
in Marienbad anwesenden Dichter Emil Rittershaus zu poetischer Wurdigung
der schusterlichen Tat. Nach Beendigung des Studiums ging B. fur zwei Jahre
nach England zur Firma Tannet Walker & Co. in Leeds. Seiner Dienstpflicht
geniigte er bei den 1. Gardedragonern in Berlin. Gern hatte er damals den
Beruf des aktiven Offiziers gewahlt, verzichtete aber, dem Wunsche seines
Vaters folgend, hierauf. Seither gruppierte sich die Arbeit und die Erholung
seines Lebens um zwei Zentren : um den Beruf zum Ingenieur und um die Liebe
zum reiterlichen Soldatentum.
Fritz B.sLebensweg erscheint dem ihn nach seiner Vollendung tfberschauen-
den als ungewohnlich glatt verlaufend. Gliicklich verheiratet seit 1882 mit
Hedwig Heintzmann, der Tochter des Bergrats Heintzmann in Bochum, tatig
auf einem ihm zusagenden und auch dem Umfange nach seiner groBen Be-
gabung entsprechenden Arbeitsgebiet, lebend in einer Zeit, in welcher die
deutsche Wirtschaft nach dem tiefen Niedergang Ende der siebziger Jahre
allmahlich wieder zu erstarken begann, unbeschwert von den driickenden
Sorgen, die sein Vater nach der Griindung des Werkes und spater hatte durch-
kosten miissen, mit seinem Werk getragen und gehoben von der steigenden
Bedeutung der deutschen Industrie, so sieht sich sein Leben an als wahrhaft
vom Schicksal begnadet.
Naheres Betrachten zeigt aber auch in diesem Leben Schwierigkeiten, an
deren Uberwindung ein weniger starker Charakter, eine minder kraftvolle
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Natur als Fritz B. gescheitert ware. An den jungen Generalsekretar — dies war
er seit 1880 — wurden von seinem Vater die allergroBten Anforderungen an
Arbeitskraft und Zeit gestellt. 15 Jahre lang muBte er jederzeit des Winkes des
alten Herrn gewartig sein ; er war in seine tagliche Arbeit eingespannt wie kein
zweiter. In diesen langen Jahren hat Fritz B. einen eisernen FleiB und eine
Hingabe an seine Arbeit bewiesen, der auch die mitunter harte Hand des alten,
an sich selbst sehr hohe Anforderungen stellenden Geheimrats keinen Abbruch
getan hat, Urlaub im Sinne von Vergniigungsreisen kannte er weder damals
noch spater. Seine Erholung war der Sport nach Vollendung seiner Tagesarbeit,
dem er in vielerlei Form zugetan war. So hatte er bereits als Student in Berlin
sein Ruderboot auf der Spree und war stets ein ebenso eifriger Tennisspieler
wie Reiter. Abgesehen von tageweisen Abwesenheiten zur Jagd verbrachte er
irn iibrigen seinen Urlaub bei den militarischen tjbungen. Nach langjahrigem
Offizierdienst in der Reserve des Dragoner- Regiments 14 wurde er Rittmeister
der Landwehrkavallerie, erwirkte aber seine Zuriickversetzung in die Reserve
und setzte nunmehr bei den 11. Husaren in Diisseldorf bzw. Krefeld seine
tJbungen fort. Bei diesem Regiment wurde er anlaBlich des ioojahrigen Re-
giments] ubilaums auch Major d. R., ein Vorgang, der in der deutschen Frie-
densarmee selten genug war, um daraus auf die ungewohnliche Wertschatzung
riickschlieBen zu konnen, deren er sich auch in diesem seinem »Nebenberuf «
erfreute. Der Nachruf seines Regiments nennt ihn denn auch einen hervor-
ragenden Soldaten, einen treff lichen Kameraden und Freund. Auch der Kreis-
kriegerverband und der Kavallerieverein hoben bei seinem Ableben seine treue,
soldatische Gesinnung und seine groBen Verdienste fur ihre Sache in zu Herzen
gehender Weise hervor.
Fritz B. war der geborene Ingenieur. Mit den Erfahrungen von Leeds aus-
geriistet, trat er im Jahre 1880 als Generalsekretar und Stellvertreter seines
Vaters in die Dienste des Bochumer Vereins. Neben der hiermit verbundenen
kaufmannischen und Verwaltungsarbeit widmete er hauptsachlich der Technik
einen groflen Teil seiner Zeit und Kraft. Kein Tag verging, an dem er nicht in
den Konstruktionsbureaus und Betrieben des Werkes tatig gewesen ware. Von
ihm personlich entworfen und in alien Teilen der Ausfiihrung bestimmt ist die
1890 fertigmontierte hydraulische 4000-t-Schmiedepresse im Hammerwerk II.
Der Bochumer Verein trug sich schon seit langerer Zeit mit dem Gedanken,
die Herstellung groBerer und groBter Schmiedestiicke in seinen Erzeugungsplan
aufzunehmen. Die Absicht, zu diesem Zweck einen schweren Hammer aufzu-
stellen, scheiterte am Einspruch des Bergbaues, der den Untertagebau durch
eine solche Anlage an jener Stelle gefahrdet glaubte. Dieser Widerstand wies
den Weg zur Errichtung einer Schmiedepresse. Mit Unermiidlichkeit und groBer
Hingebung hat Fritz B. sich diesem Werk gewidmet, das insofern fiir deutsche
Verhaltnisse eine Neuerung darstellte, als hier zum erstenmal ein Differenzial-
kolben zur Anwendung kam, der die Einwirkung des vorhandenen Druckes von
50 bzw. 500 Atmospharen auf zwei verschieden groBe Flachen und damit eine
groBere Feinheit der Schmiedearbeit ermoglichte. Diese Presse steht noch
heute im Betrieb, allerdings in einzelnen Teilen erneuert und abgeandert. Um
die Mitte der neunziger Jahre, als die vom Bochumer Verein an die Waggon-
f abriken zu liefernden Waggonzubehorteile im Preise standig gedriickt wurden,
errichtete Fritz B. mit uberraschender Schnelligkeit und Energie eine voll-
Baare 5
standige Waggonfabrik auf dem Hiittengelande des Bochumer Vereins. DaB
er hierbei groBziigig vorging, beweist die Leistungsfahigkeit der neuen Anlage,
deren Hauptmontagehalle geniigenden Raum fur den gleichzeitigen Bau von
iiber 100 Eisenbahnwagen bot, und deren Jahreserzeugung bis 1500 Wagen
aller Art betrug.
Durch das langjahrige Zusammenarbeiten mit seinem Vater wuchs Fritz B.
auBerlich wie innerlich vollstandig in das patriarchalische System der Werks-
fuhrung hinein. Der Bochumer Verein war zwar eine Aktiengesellschaft, den-
noch war das Verhaltnis zwischen Arbeiterschaft und Werksleitung nicht etwa
ein unpersonliches, sondern im Gegenteil ein geradezu inniges zu nennen. Die
B.s waren derart mit dem Bochumer Verein verwachsen, daB sie vielfach als die
personlichen Besitzer betrachtet wurden. Sie waren Autoritaten fiir die General-
versammlung und den Verwaltungsrat, ebenso wie fiir Beamte und Arbeiter.
Auch das Verantwortungsgefuhl gegeniiber der Arbeiterschaft ubertrugsichvom
Vater auf den Sohn und schuf zwischen ihm und der Belegschaf t Beziehungen ,
wie sie zwischen dem personlichen Besitzer eines Werkes und seiner Arbeiter-
schaft nicht besser sein konnten. Dieses Gefiihl fiir die Zusammengehorigkeit
gait allgemein als althergebracht beim Bochumer Verein. Die alljahrlich statt-
findenden Jubilarfeste wurden als die Familienfeste des Werkes bezeichnet.
Fritz B. verstand es, bei diesen Gelegenheiten in geradezu meisterhafter Weise,
seine Zuhorer zu packen und ihnen klar zu machen, daB sie wie die Mitglieder
einer groBen Familie zusammengehorten und Treue um Treue zu iiben hatten.
Charakteristisch fiir seine Auffassung war es, als er gelegentlich einer Verwal-
tungsratssitzung dem Vorsitzenden Hermann Rosenberg anlaBlich seiner
25jahrigen Mitgliedschaft zum Verwaltungsrat das fiir 25jahrige treue Dienste
der Beamten und Arbeiter iibliche Geschenk, eine Uhr mit Widmung, ebenfalls
verlieh. Er sah in jedem, ob er am Tisch des Aufsichtsrats saB oder an der Dreh-
bank stand, in erster Linie den Mitarbeiter am gemeinsamen Werk. Den hohen,
moralischen und wirtschaftlichen Wert dieses Gefiihls der Zusammengehorig-
keit lernte man nach dem Tode von Fritz B. erst recht schatzen, als in den
Zeiten der Revolution manche ihrer Arbeit innerlich entfremdeten Beleg-
schaf ten ihren Werken dauernden schweren Schaden zufiigten. Der Bochumer
Verein mit seinen mehr als 2500 Jubilaren und meist seBhaften Arbeiter 11 in
der Belegschaft ist zwar von Erschutterungen dieser Art nicht ganz verschont
geblieben, aber der Verlauf dieser Vorgange war vergleichsweise giinstig zu
nennen.
Als Fritz B. 1895 der Nachfolger seines Vaters in der Leitung des Bochumer
Vereins wurde, standen Wirtschaft und Werk in voller Bliite. 1880 beschaftigte
das Werk 4000 Arbeiter, im Jahre 1895 waren es 8000. Unter seiner Fiihrung
dehnte es sich mehr und mehr aus. In der letzten Zeit seines Generalsekretariats,
als er bereits maBgeblichen EinfluB hatte, wurden die Aktien der Gesellschaft
fiir Stahlindustrie in Bochum angekauft. Mit gutem Blick hatte Fritz B. die
Zukunftsmoglichkeiten dieser Erwerbung fiir den Bochumer Verein erkannt.
Sie wurden allerdings erst nach seinem Tode mit der Verarbeitung und Ver-
feinerung des im Hauptwerk erzeugten Edelstahls ausgebaut. Heute sind diese
vortrefflichen Werkstatten ein Kernwerk der Deutschen Edelstahl A.G. Das
Hochofenwerk wurde um einen vierten Ofen vergroBert und, 1893, eine Gas-
kraftzentrale nebst einer NaBreinigungsanlage fiir Hochofengas gebaut, um
b 1917
dieses zur Gewinnung elektrischer Kraft nutzbar zu machen. Nach seiner 1895
erfolgten Emenniing zum Generaldirektor wurde auBer der bereits erwahnten
Waggonbauanstalt eine Brikettf abrik bei der Zeche Engelsburg gebaut und die
Hammerwerke, die mechanischen Werkstatten und die StahlguBformerei wur-
den vergroBert. Auch die Walzwerke wurden erneuert, desgleichen die Weichen-
bauanstalt und die Herzstiickwerkstatt. Die Erzbasis, die Louis B. durch den
Ankauf von Eisensteingruben im Siegerland, im Nassauischen und bei Bucke-
burg geschaffen hatte, wurde durch Neuerwerbungen in Lothringen erweitert.
191 1 wurden die Erzgruben Nartorpsfeld an der schwedischen Ostkiiste und
Intrangetsfeld in der Landschaft Dalekarlien hinzugekauft. Die Kohlenbasis,
seit 1886 vornehmlich bestehend aus der Magerkohle der Zeche Engelsburg,
wurde von Fr. B. 1900 durch den Erwerb der Fettkohlenzeche Carolinengliick
verstarkt und 1907 durch die im Horizont der Gas- und Gasflammkohlenpartie
abbauende Zeche Teutoburgia abermals verbreitert. Einige weniger gute
Zechen wurden dagegen 1904 abgestoBen.
Der Bochumer Verein war als Qualitatsstahlwerk bekannt und angesehen
in der weiten Welt. Fur Kundenwerbung wurden Ausgaben kaum gemacht.
Mit Stolz pflegte Fritz B. zu sagen: »Das haben wir nicht notig. « Nur bei Ge-
legenheit der Diisseldorfer Ausstellung 1902 wurde hiervon abgewichen und von
B. eine Ausstellungshalle errichtet, die berechtigtes Aufsehen erregte. An der
Vorbereitung und Durchfuhrung dieser Sonderausstellung des Werkes hat
Fritz B. mit dem groBten Eifer gearbeitet.
Seiner Beamtenschaft gegeniiber zeigte B. das groBte Wohlwollen. Er gab
gern und groBziigig, wo es verdient oder aus besonderen Griinden erforderlich
war. Freilich war er weniger geneigt, Anspriiche, die er nicht fiir berechtigt
hielt, anzuerkennen. Hierin, sowie in der Verteilung seiner Sympathie oder
Antipathie gegen Mitarbeiter war er schwer beweglich und unbeugsam, wie es
seinem Charakter entsprach. Sein personlicher Sinn fiir Uberlieferung wirkte
sich in einer Hochachtung vor dem Alten und Gewordenen aus. Als die tech-
nische Leitung indessen der Abneigung gegen notwendige Neuerungen und Ver-
besserungen weiten Spielraum lieB und die Selbstkosten des Werkes eine be-
drohliche Entwicklung nahmen, berief Fritz B., der gegen die hemmenden Ein-
fltisse einer zum Teil tiberalterten Beamtenschaft anzukampfen hatte, im Jahre
1906 einen neuen technischen Direktor, Felix Scharf vom Stahlwerk Osnabriick,
an den Bochumer Verein. In der Zusammenarbeit mit Scharf, der ein Stahl-
mann von Ruf war, zeigte sich die groBe Personlichkeit B.s im besten Licht. Er
vertrat die ganz ungewohnlich hohen Geldforderungen im Verwaltungsrat in
meisterhafter Weise, schnitt dadurch jeden Widerspruch ab und schuf so die
Moglichkeit zur technischen Erneuerung des Werkes, die Scharf und sein Mit-
arbeiter, der jetzigeGeneraldir. des Boch. Ver. Dr.-Ing. e. h. Walter Borbet unter
Fritz B.s Fuhrung beenden konnten. ImLaufe der folgenden Jahre wurde das
Hochof enwerk vollstandig modernisiert, die zweigeriistige SchienenstraBe durch
eine viergeriistige TriostraBe ersetzt, ein neues Siemens-Martin-Stahlwerk mit
einer Leistungsf ahigkeit von 30 000 t im Monat und eine Agglomerieranlage
zur Verhiittung von Feinerzen nach dem Dwight-Lloyd-Verfahren mit einem
Ausbringen von bis zu 2000 t taglich errichtet und schlieBlich, diese zu
Kriegszeiten, sehr groBe, mechanische Werkstatten in Angriff genommen. Ab-
gesehen von den letzteren war die technische Erneuerung des Werkes mit
Baare j
den vorstehend bezeichneten gewaltigen Neuanlagen und Umbauten vor
Beginn des Krieges abgeschlossen. Der erwartete giinstige EinfluB anf die Er-
zeugungskosten blieb nicht aus, insbesondere bei der neuen Stahlschmelze ;
das Werk vermochte sich ausschlieBlich auf das selbst erblasene Roheisen
und den im eigenen Betrieb entfaUenden einwandfreien Schrott zu stutzen.
Die Zusammenarbeit zwischen B. und Scharf ist jederzeit eine auBerst har-
monische gewesen.
B. muBte bei Kriegsbeginn zu seinem groBen Leidwesen sowohl wegen Un-
abkomrnlichkeit vom Werk als auch mit Riicksicht auf seine Gesundheit da von
Abstand nehmen, ins Feld zu ziehen. Sicherlich hatte es sonst keine groBere
Freude fiir ihn geben konnen, als mit seinen Husaren an den Feind zu kommen.
Mit um so groBerem Eif er widmete er sich nunmehr der Umstellung des Werkes
auf Kriegsbedarf, dessen Erzeugung alsbald gewaltige Zahlen aufwies.
Die Kriegsjahre wurden zugleich die letzten I,ebensjahre Fritz B.s. Seine ge-
schwachte Gesundheit war den besonderen Anforderungen, die auch in der
Heimat an die schaffenden Manner gestellt wurden, nicht mehr gewachsen, und
der bis zu allerletzt rastlos Tatige muBte im Marz 1917 nach Oeynhausen ge-
bracht werden, von wo er nicht mehr lebend zuriickkehren sollte.
Sein Charakterbild stand scharf umrissen vor seinen Mitarbeitern, sein Name
war ein Programm fiir den Bochumer Verein. Wenngleich Mitglied des Provin-
ziallandtages, des Bezirksausschusses in Arnsberg, des Bezirkseisenbahnrats
in Koln und der Handelskammer, so wohnte ihm doch eine starke Abneigung
gegen jedes offentliche Hervortreten inne, im Gegensatz zu seinem Vater, der
in den genannten Kollegien eine ungleich groBere Rolle gespielt hat. Jede
Tatigkeit, in der er die Moglichkeit einer Ablenkung vom Bochumer Verein
witterte, war ihm bedeutungslos. Kennzeichnend hierfiir ist die grundsatzliche
Ablehnung ihm angetragener Aufsichtsratsposten in anderen Gesellschaften,
zu deren Ubernahme ihn auch die Aussicht auf bedeutende Tantiemen nicht
zu bringen vermochte. Ebensowenig war er aus dem gleichen Grunde fiir den
Ankauf von Industrieaktien zu haben. Die Vorliebe fiir den bunten Rock war
und blieb die einzige Ausnahme, die er sich in dieser Beziehung gestatten zu
diirfen glaubte, und zwar um so mehr, als er mit diesem Dienst einer anderen
hohen Pflicht geniigen konnte. In seinen Entscheidungen war Fritz B. ruhig
und bestimmt. Er verlangte von denen, die Vortrag bei ihm hatten, peinlich
sorgfaltigste Vorbereitung, damit keine Zwischen- und Nachf ragen erforderlich
wurden. Seine Entscheidungen wurden ohne Ubereilung getroffen, waren aber
auch im allgemeinen unabanderlich. Es gab auf dem Bochumer Verein nichts,
was sich nicht seiner lebendigen Anteilnahme erfreut hatte. In der ersten Zeit
war ihm jede Neukonstruktion vorzulegen, in jeder technischen Beratung griff
er, so lange er sich daran beteiligen konnte, handelnd ein.
Neben dem Techniker darf aber auch der das Ganze iiberschauende Leiter
des Gesamtunternehmens, der Kaufmann und Finanzmann B., nicht iibersehen
werden. Er besaB einen vollkommenen Uberblick iiber die wirtschaftlichen Be-
dingungen, unter denen die westdeutsche Montanindustrie zu arbeiten hatte.
Seine Darlegungen aus AnlaB der Generalversammlungen erfreuten sich des-
halb der groBten Beachtung bei seinen Fachgenossen und bei der Borse. Im
personlichen wie im schriftlichen Verkehr fiir die Interessen des Werkes war B.
geradezu groB. Lange Eingaben an hochste Behorden diktierte er ohneStocken
8 1917
mit fabelhafter Sicherheit und legte dabei den Standpunkt des Bochumer
Vereins in den verwickeltsten Fragen klar. Auch als Finanzmann war Fritz B.
bedeutend. Jedem Schwindel abhold richtete er sein Bestreben stets darauf,
das Unternehmen leistungsfahig zu erhalten und nicht mehr Dividende aus-
zuschiitten, als nach sorgfaltiger Erwagung aller Verhaltnisse unter gebiihren-
der Beriicksichtigung veranderlicher und zweifelhafter Werte mit gutem Ge-
wissen verantwortet werden konnte.
In der Erinnerung der jetzt Lebenden erscheint Fritz B. als ein von der steten
Sonne eines wahrhaft heiteren Gemtits uberglanzter Charakter, als einer der
besten und witzigsten Gesellschafter, die innerhalb des ernsten Arbeitskreises
im Ruhrbezirk je an hervorragender Stelle gestanden haben. Stammt doch z. B.
von ihm die zunachst nur scherzhaft gemeinte Bezeichnung »Wumba« fur das
Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt. Er hatte, als er diesen Vorschlag ge-
legentlich einer Besprechung, einer momentanen Eingebung folgend, machte,
nicht entfernt daran gedacht, daB dieser Negername wirklich gewahlt werden
konnte. Der Bochumer Verein, heute ein Standardwerk der Vereinigten Stahl-
werke A.G. sieht in ihm den Mann, der das Werk seines Vaters zu stolzer Hohe
fortfuhrte, seine besten Uberlieferungen befestigte, der es schlieBlich im Kriege
zu gewaltiger Leistungsfahigkeit steigerte und dessen Name mit dem Werk
fur alle Zeiten eng verbunden bleiben wird. Unter den zahlreichen Ehrungen,
die ihm zuteil geworden sind, ist die hochste fur den Ingenieur erreichbare, die
Verleihung der Wiirde eines Doktor-Ingenieur ehrenhalber an der Technischen
Hochschule in Aachen besonders zu erwahnen. Aber B. war ein Mann, der durch
AuBerlichkeiten hindurch den Kern der Dinge zu schauen vermochte. Sein
Leben war Erfiillung des Dichterwortes seines Freundes Emil Rittershaus,
eines Wortes, mit dem er so manche Werkstattfahne geweiht hat, und das ihm
auch in das Grab nachgerufen wurde:
Was mit Kranzen kront die Erde,
Was mit Ehren lohnt die Welt,
Ist nur eine Stundenblume,
Die vor einem Hauch zerfallt.
Doch die Pflicht, die treuerfiillte,
Die die Menge nimmer preist,
Einst an deinem Sterbebette
Steht sie als dein guter Geist.
Bochum. Erhard v. Mutius.
Back, Otto, Burgermeister von StraBburg i. E., Dr. med. h. c, D. theol. h. c.%
* 30. Okt. 1834 in Kirchberg i. Hunsriick, f 15. Januar 1917 in StraBburg i. E. —
Otto B. wurde geboren als Sohn des evangelischen Pfarrers in Kirchberg,
spateren weithin bekannten Superintendenten und D. theol. in Castellaun. Er
besuchte zunachst die Volksschule in letzterem Ort, dann die Gymnasien in
Trarbach und Koblenz, wo er im Herbst 1854 das Abiturientenexamen bestand.
Er studierte auf den UniversitatenErlangen, wo er in das Korps Onoldia ein-
trat, Berlin und Bonn zuerst Theologie, dann Rechtswissenschaft, wurde 1858
Auskultator, 1859 Referendar. Als solcher wurde er zum besoldeten Bei-
geordneten der Stadt Barmen gewahlt, in welcher Stellung er bis 1866 ver-
Baare. Back g
blieb. 1864 hatte er sich mit Auguste Timme aus Koblenz verheiratet, welche
Ehe aber 1868 durch deren Tod gelost wurde. 1866 bestand er die Priifung als
Regierungsassessor und wurde 1867, zuerst kommissarisch, zum Landrat des
Kreises Simmern im Hunsriick, seiner alten Heimat, ernannt. 1870 heiratete
er in zweiter Ehe Luise Huesgen aus Traben, die ihm zu der Tochter aus
erster Ehe drei weitere Tochter und drei Sonne schenkte. Der Krieg 1870/71
fuhrte den Premierleutnant der Landwehr in das Kriegsgebiet nach ElsaB-
Lothringen. In dem neugewonnenen Reichslande fand er seinen weiteren
Lebensberuf , der ihn zu den hochsten Ehrenstellen fuhren sollte. Zunachst als
Unterprafekt in Metz und Diedenhofen tatig, wurde er 1872 Polizeidirektor in
StraBburg und 1876, als sich ein Weiterarbeiten der Regierung mit dem bis-
herigen Biirgermeister und Gemeinderat dieser Stadt als unmoglich envies,
mit der Verwaltung der Stelle des Biirgermeisters der Stadt StraBburg be-
traut. 1880 wurde er Bezirksprasident des UnterelsaB, 1887 Unterstaatssekretar
und Leiter der Abteilung fur Finanzen und Domanen. Schon Ende dieses
Jahres kehrte er aber, in den Gemeinderat der Stadt StraBburg gewahlt, unter
Zurdispositionsstellung in seinem Staatsamt auf das Rathaus zuriick. Er wurde
als erster Altdeutscher in den Bezirkstag des UnterelsaB und 1888 in den
LandesausschuB gewahlt, nachdem er schon vorher zum Mitglied des Staats-
rates ernannt worden war. In Verfolg der Uberlieferungen des Elternhauses
lieB er sich 1892 in das Presbyterium der lutherischen Gemeinde Jung-St.-Peter
und einige Mbnate spater in das Oberkonsistorium der Kirche Augsburgischer
Konfession wahlen. 1905 erhielt er den Charakter als Wirklicher Geheimer Rat
mit dem Pradikate Exzellenz, eine fiir einen Biirgermeister seltene Auszeich-
nung. Im Herbst 1906 schied er aus diesem seinem Amte aus, ubernahrn aber
trotz des hohen Alters von 76 Jahren 1910 noch die Stellung als Kurator der
Kaiser- Wilhelm-Universitat in StraBburg, in welcher er bis zu seinem Tode
blieb. 1911 wurde er vom Kaiser zum Mitglied der I. Kammer des auf Grund
der neuen Verfassung ins Leben gerufenen Landtages ernannt, welche ihn zu
ihrem ersten Prasidenten wahlte. Am 15. Januar 1917 starb er im Alter von
82 Jahren.
Von mehr wie mittlerer GroBe, breit gebaut war B. auBerlich eine sehr statt-
liche, mannliche Erscheinung. Bei dem geistigen Menschen trat vor allem seine
groBe, mit scharfem Verstande, schneller Auffassungsgabe und unerschiitter-
licher Ruhe gepaarte Klugheit hervor. Sie war die Grundlage fiir ein seltenes
MaB von Menschenkenntnis und Fahigkeit der Menschenbehandlung und einen
unfehlbaren Blick fiir die Wirklichkeiten des Lebens. Selbst immer klar und
griindlich, verlangte er die gleichen Eigenschaften von seinen Mitarbeitern.
Weil er in den Kern der Dinge eindrang, war es ihm leicht, die Hauptsache von
Nebendingen zu unterscheiden. Was er auch angriff, immer war er groBziigig.
Seiner Tatkraft gleich kam seine Geduld, mit der er die Frucht reifen lieB.
Jahrelang konnte er einen Plan, und wenn es sein Lieblingsplan war, zuriick-
stellen, bis er ihn plotzlich wieder hervorholte und zur Wirklichkeit werden
lieB. Monatelang lieB er schweigend die scharfsten An griff e iiber sich ergehen,
dann donnerte Jupiter und die Gegner waren zerschmettert. Fest im Blut saBen
ihm die Uberlieferungen seiner rheinischen Heimat von Freiheit und Unab-
hangigkeit. Nur vor wirklichem WTissen und Konnen hatte er Achtung, nicht
vor ScheingroBen. Aber auch anderen Menschen erkannte er das Recht auf
10 1917
Freisein von innerem und auBerem Zwange zu. Unermudlich fleiBig und
pflichttreu im alten preuBischen Sinne, kannte er, wenn die Arbeit drangte,
keine Dienststunden, ja, wenn es nicht anders ging, auch einmal keinen Sonn-
tag, so regelmaBig er sonst den Gottesdienst besuchte. Den Mann der festen.
entschlossenen Tat, der, wo die Verhaltnisse es forderten, sehr riicksichtslos
sein konnte, zierte dabei eine aus dem Herzen kommende Milde und ein warmes
Wohlwollen gegeniiber alien Menschen, mit denen das Leben ihn in dienstliche
oder personliche Beriihrung brachte. Wohl niemand, der ihm irgendeine Not
geklagt hatte, verlieB ihn ungetrostet. Sein Scherzname » Vater der Stadt* war
bei ihm ein wirklicher Ehrenname. Wie befreiend wirkte in schwierigen Lagen
oft sein nie versagender rheinischer Humor, wie erhebend seine f reudige Lebens-
bejahung! Zur Vervollstandigung seines Lebensbildes gehort noch seine ein-
fache, schlicht-burgerliche Iyebenshaltung, die ihn aber nicht hinderte, der
heiterste Gesellschafter zu sein, sein musterhaftes Familienleben und sein
ernstes, bewuJ3t evangelisches Christentum.
Mit so hohen Gaben des Geistes und des Charakters muBte B. in alien Stel-
lungen, zu denen er berufen war, Hervorragendes leisten. Lange hat man den
I,andrat von Simmern in seinem Kreise in gutem Andenken gehalten ; wer ihn
in seiner Tatigkeit als Bezirksprasident in StraBburg beobachten oder gar unter
seiner Leitung arbeiten durfte, bekam schnell den Eindruck ungewohnlicher
Tuchtigkeit. ElsaB-lothringischer Finanzminister war er zu kurz, um seine be-
sondere Begabung fur dieses Amt entf alten zu konnen. Sein Lebenswerk, mit
dem sein Name unausloschlich verbunden ist, war die Entwicklung von StraB-
burg zu dem Muster einer modernen deutschen GroBstadt. Sie zerfallt nicht nur
auBerlich in die beiden Perioden 1873 — 1880 und 1887 — 1906. Wahrend von
1873 — 1880 die Beseitigung der Mangel der franzosischen Verwaltung, die Ein-
deutschung des ganzen Gemeinwesens im Vordergrund stand und nur die ersten
Grundlagen fiir die kiinftige Entwicklung zur modernen GroBstadt gelegt wer-
den konnten, geht es von 1887 ab auf alien Gebieten der Verwaltung mit
schnellen Schritten vorwarts. Hierbei ist es von groBer Bedeutung, daB B. in
der ersten Periode nur von der Regierung bestellter Biirgermeisterei-Verwalter
war, wahrend von 1887 an ein einsichtiger, arbeitsfreudiger Gemeinderat dem
ordnungsmaBig gewahlten Biirgermeister einen Teil der Verantwortung ab-
nahm. Die Zeit 1873 — 1880 hat B. selbst in einem klar und eindringlich ge-
schriebenen Buch »Aus StraBburgs jiingster Vergangenheit« geschildert. Er
behandelt zunachst die politische Lage, die 1873 zur Amtsenthebung des
deutschfeindlichen Maires Lauth fiihrte, und geht dann auf die Zustande ein,
die er in StraBburg als einer nickstandigen franzosischen Departementalhaupt-
stadt von 85000 Einwohnern vorfand. Die erste Arbeit war die Klarung der
stadtischen Finanzlage. B. bewaltigte sie meisterhaft. Es gait die altiiber-
lieferten Verhaltnisse (eine Haupteinnahmequelle war und blieb eine Ver-
brauchsabgabe auf eine groBe Zahl unentbehrlicher Lebensbediirfnisse, das
Oktroi) mit den Anforderungen der Neuzeit (darunter Bewilligung auskomm-
licher Gehalter an die Beamten) in Einklang zu bringen. Das gelang damals und
in der Folgezeit trotz ungewohnlicher Schwierigkeiten so restlos, daB StraBburg
von jeder Finanzkrise verschont blieb. Einer volligen Umgestaltung, vor allem
auch in bezug auf die Raumlichkeiten bedurfte das deutschen Anforderungen
nicht geniigende Unterrichtswesen (kein Schulzwang!) von den Volksschulen
Back II
bis zum Gymnasium und den hoheren Madchenschulen. Viel Miihe und Kopf-
zerbrechen verursachte die Gelandebeschaffung fiir die Neubauten der 1872 ge-
griindeten Kaiser- Wilhelm-Universitat. Klug und zah wuBte B. schlieBlich alle
Hindernisse, die sich einer die Universitats- und stadtischen Interessen zugleich
entsprechenden Losung entgegensetzten, zu iiberwinden. Der Verbesserung der
teilweise iiblen Gesundheitsverhaltnisse diente die tatkraftige Durchfiihrung
der langst geplanten mustergiiltigen Wasserleitung, die riickstandigen Ver-
kehrsverhaltnisse wurden durch die Anlage eines weitverzweigten StraBenbahn-
netzes gefordert. Die Grundlage fiir die kiinftige Entwicklung zur GroBstadt
brachte die mit einer Vorschiebung der Festungswalle verbundene Stadt-
erweiterung. Ihr als der wichtigsten und nicht nur von der altelsassischen Be-
volkerung angefochtensten Aufgabe wandte B. das Schwergewicht seiner un-
erschopflichen Arbeitskraft zu. Sein genialer Weitblick, sein Wagemut, seine
Fahigkeit, auch scheinbar aussichtslose Verhandlungen zu dem gewollten Ende
zu bringen, bewahrten sich hier glanzend. Nicht weniger wie 17 Millionen Mark
muBte die Stadt dem Militarfiskus fiir das iiberlassene Gelande in GroBe von
384 ha zahlen, hierzu kamen viele Millionen fiir dessen AufschlieBung. Da war
es ein groBer Erfolg, daB 1906, als B. das Rathaus verlieB, das ganze Unter-
nehmen mit einem Plus von iiber 1 Million fiir die Stadt abgeschlossen werden
konnte.
Auch in der zweiten Amtsperiode (1887 — 1906) blieb die Durchfiihrung des
Stadterweiterungsunternehmens eine der Hauptaufgaben von B. StraBburg mit
seinem herrlichen Miinster war immer eine interessante, altertumliche Stadt
gewesen, jetzt erst wurde es wirklich die »wunderschone«, von der das Lied
singt. Die Neustadt durchzogen groBe, breite, vielfach mit Baumanlagen und
Vorgarten gezierte und in Schmuckplatze miindende StraBen. Von Jahr zu
Jahr wurden zahlreicher die meist prunkvollen offentlichen Gebaude, wie die
Universitatsbauten, der Kaiserpalast, die Ministerien, das Landtagsgebaude,
die Landesbibliothek, das Landgerichtsgebaude, die kath. Jung-St.-Peter-
kirche, die Synagoge, der Bahnhof, die neuen Kasernen. Ein ganz besonders
glucklicher Wurf von B. war es, daB er es durchsetzte, daB das an den alten
wundervollen stadtischen Garten, die Orangerie, angrenzende, 1895 fiir eine
Ausstellung aufgeschlossene Gelande in diese einbezogen wurde, womit
StraBburg einen der schonsten offentlichen Parks unter den deutschen GroB-
stadten erhielt. B. war es auch beschieden, die fiir die Zukunftsentwicklung
StraBburgs entscheidende Frage : die Schaf fung eines alien Anf orjierungen ge-
niigenden Rheinhafens im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhundert zur Losung
zu bringen. Erst legte er das ganze Gewicht seines Einflusses in die Wagschale
zugunsten einer Rheinregulierung im Gegensatz zu dem von vielen Seiten ge-
forderten Bau eines Kanals. Dann schuf er auf der Sporeninsel eine muster-
gultige, erweiterungsfahige Anlage, deren Entwicklung alien Erwartungen voll-
auf entsprach. Als ein Seitenstiick zu der in die erste Verwaltungsperiode fallen-
den Wasserleitung erscheint in der zweiten die erst heiB umstrittene, dann aber
von alien Einsichtigen gebilligte Durchfiihrung der Schwemmkanalisation fiir
das ganze Stadtgebiet. Aber auch in die unerfreulichen baulichen Verhaltnisse
der in mittelalterlicher Enge gebauten Altstadt griff B. zunachst durch Ver-
besserungsarbeit an Pflaster, Rinnen, Biirgersteigen, dann durch Nieder-
legung besonders ungesunder Hauser und endlich durch einen groBziigigen
12 1917
StraBendurchbruch mitten durch die iibelsten Viertel tatkraftig ein. Charakte-
ristisch fur ihn ist sein Verhalten gegeniiber der immer dringlicher werdenden
Entwicklung StraBburgs auf dem Gebiet der Sozialpolitik. Hier war fast alles
riickstandig: Armenwesen, Krankenpflege, Wohlfahrtspflege, Versorgungs-
kassen usw., alles war im wesentlichen so geblieben, wie es auf den von der
f ranzosischen Revolution geschaffenen Grundlagen seinerzeit eingerichtet war.
Nun kam die deutsche sozialpolitische Gesetzgebung der achtziger Jahre, die
eingewanderten Altdeutschen verglichen die StraBburger Einrichtungen mit
denen der alten Heimat und verlangten Reformen. Hier nach modernen Grund-
satzen entschieden selbst durchzugreifen, hinderte B. die aus der rheinischen
Heimat mitgebrachten Anschauungen eines Nationalliberalen Bennigsenscher
Farbung, auch wuBte er wie zah und aus innerstem Herzen kommend gerade
hier der Widerstand der AltstraBburger sein wiirde. So schuf er sich jiingere
Beruf sbeigeordnete — auch eine einschneidende Neuerung gegeniiber den
f ruheren Ehrenbeigeordneten — und iibertrug ihnen die ihm nicht in alien
Stiicken liegenden Aufgaben, ihnen hierbei in solchem Umfange freie Hand
lassend, daB 1906 bei seinem Abgang die Armen-, Kranken-, Wohlfahrts- und
Wohnungspflege und die ganze iibrige Sozialpolitik voll auf die Hohe der
iibrigen deutschen Stadte stand und unter seinem Nachfolger zu Muster-
einrichtungen ausgebaut werden konnte.
Selbst auf dem B. urspriinglich ferner liegenden Gebiete der Kunst wurde er
ein Bahnbrecher. Seiner Tatkraft ist die Griindung des bald eine beachtenswerte
Bedeutung erlangenden Kunstmuseums zu danken, eine bald groBen Ruf er-
langende Kunstgewerbeschule und ein Kunstgewerbemuseum rief er ins Leben,
das Stadtische Theater wurde nach tJberwindung von allerlei Hemmungen all-
mahlich zu einer der ersten Biihnen Siiddeutschlands entwickelt, fur das schon
zu f ranzosischer Zeit Erhebliches leistende Musikkonservatorium wurde schlieB-
lich eine so erstklassige Kraft, wie es Hans Pfitzner war, gewonnen.
Was B. angriff, geriet ihm wohl. StraBburg erreichte unter seiner Verwaltung
nicht nur 185000 Einwohner, sondern war eine in jeder Richtung auf der Hohe
stehende moderne GroBstadt geworden.
Ein eigenartiges Abklingen eines tatenfrohen Lebens war es, daB der 76-
jahrige noch die Stellung des Kurators der Kaiser- Wilhelm-Universitat iiber-
nahm. Die Universitat StraBburg hatte vorher schon seine Wirksamkeit als
Biirgermeister durch den Ehrendoktor der Medizin anerkannt. Nun lernte sie
ihn in seinem neuen Amte schnell hochschatzen und verehren; auch den Uni-
versitatskreisen wurde er bald Vertrauensperson.
Ein Wort muB noch dem einfluBreichen Politiker gewidmet werden. Seine
Klugheit, seine Besonnenheit, seine Milde lieBen ihn auch in den politischen
Korperschaften ein ungewohnliches Ansehen gewinnen, von dem er aber nur
den vorsichtigsten Gebrauch machte. Er war einer der entschiedensten Ver-
fechter der Verdeutschungspolitik auf lange Sicht, wollte die elsassische Eigen-
art geschont wissen, und nicht zum Deutschtum zwingen, sondern iiberzeugen
und gewinnen. Daher genoB er iiberall Vertrauen bis in die Kreise der elsassi-
schen Bevolkerung hinein, die sonst allem Deutschen abhold waren. Dieses
Vertrauen fand 191 1 seinen bezeichnenden Ausdruck in der schon erwahnten
Wahl zum Prasidenten der Ersten Kammer des Landtages.
Als Kirchenpolitiker ist B. wenig hervorgetreten. Im Oberkonsistorium
Back. Bassermann 1 3
schloB er sich der Gruppe der Rechten an, war aber auch dort der Mann der
Versohnlichkeit und des Ausgleiches. Die evangelisch-theologische Fakultat
der Universitat StraBburg anerkannte B.s Tatigkeit auf kirchlichem Gebiet
durch Verleihung des Ehrendoktors der Theologie.
Ob man B. in StraBburg je das verdiente Standbild errichten oder wenigstens
einen der hervorragendsten Platze oder StraBen nach ihm benennen wird ! Er
konnte jedenfalls im Riickblick auf das, was er aus StraBburg gemacht hatte,
sagen: »Exegi monumentum aere perennius.«
Koblenz. Hans Freiherr v. d. Goltz.
Bassermann, Ernst, Rechtsanwalt und Stadtrat in Mannheim, Reichstags-
abgeordneter fiir die Wahlkreise: 1893/98 Mannheim, 1898/1903 Jena, 1904/06
Frankfurt a. d. O., 1907/11 Rothenburg-Hoyerswerda, 1912/17 Saarbriicken,
* 26. Juli 1854 m Wolfach i. B., | 24. Juli 1917 in Baden-Baden, entstammte
einer alteingesessenen badischen Familie, aus der sich im 19. Jahrhundert eine
ganze Anzahl ihrer Mitglieder als Staatsbeamte, Parlamentarier und Industrielle
einen Namen machte. Er wurde geboren als Sohn des Referendars Anton
Bassermann (1821 — 1897) und seiner Frau Marie, geb. Eisenlohr, die ebenfalls
einer weitverbreiteten badischen Familie angehorte. Die schnell aufsteigende
Laufbahn des Vaters bis zum Landgerichtsprasidenten in Mannheim brachte
Ernst B. haufigen Schul- und Wohnsitzwechsel. Er besuchte die Gymnasien
in Rastatt, Offenburg und Mannheim. Als Student der Rechte war er 1872
bis 1874 bei den Korps der Schwaben in Heidelberg und der Lausitzer in
Leipzig aktiv. Im Winter 1874/75 studierte er in Berlin, wo er im Hause Fried-
rich Hammachers in die erste personliche Beruhrung mit nationalliberalen
Parlamentariern kam, dann ging er nach StraBburg und Freiburg und bestand
1876 das erste Staatsexamen, 1880 das zweite, nachdem er 1879 in Kolmar
i. E. beim 14. Dragoner regiment gedient hatte. Er lieB sich als Anwalt in
Mannheim nieder und heiratete 1881 Julia Ladenburg, die Tochter des In-
habers des angesehenen Bankhauses Ladenburg. Fast gleichzeitig begann er,
sich am offentlichen Leben zu beteiligen. Etwa seit 1884, dem Jahre der Ver-
kiindung des Heidelberger Programms, war er lebhaft agitatorisch fiir die
nationalliberale Partei tatig und wurde 1887 in den Stadtrat von Mannheim
gewahlt, dem er bis zu seinem Tode angehorte. 1893 trat er in den Zentral-
vorstand der Nationalliberalen Partei ein. Nach der Reichstagsauflosung im
Mai dieses Jahres wurde er als Reichstagskandidat fiir den Wahlkreis seiner
Heimatstadt aufgestellt und gewann Mannheim, das seit 1890 sozialdemokra-
tisch vertreten war, noch einmal fiir die Nationalliberale Partei zuriick.
Vom Zeitpunkt seines Eintritts in den Reichstag bis in die letzten Wochen
seines Lebens gab es keine groBere politische Aktion im Reichstag, bei deren
Durchfiihrung B. nicht im Vordergrund stand. Schon in der Legislaturperiode
1893 — 1898 wurde er Vorsitzender bzw. Berichterstatter wichtiger Kom-
missionen, fiir die ihn seine Sachkenntnis besonders geeignet erscheinen lieB,
wie der Schiffahrtskommission und der Kom mission fiir das Handelsgesetz-
buch. 1897 wurde er Schriftfuhrer und, als Rudolf v. Bennigsen 1898 aus
dem Reichstag ausschied, Fraktionsvorsitzender. Stellungnahme gegen Um-
sturz- und Zuchthausvorlage, d. h. Ablehnung aller Ausnahmegesetze und
14 l9*7
Eintreten fiir das Koalitionsrecht, fuhrende Mitarbeit ani KompromiB des
Zolltarifs von 1902, an alien Heeres- und Flottenvorlagen von 1893 bis 1913,
die starkste Stiitze Bulowscher Blockpolitik wie der Bulowschen Kanzlerschaft
iiberhaupt kennzeichnen seine Tatigkeit bis Kriegsausbruch.
Sein Anwaltbureau bestand mit wechselnden Partnern bis zu seinem Tode
fort, und die tJbernahme der juristischen Beratung des Bankhauses seines
Schwiegervaters, das alsbald als »Siiddeutsche Diskontogesellschaft« im Kon-
zern der Diskontogesellschaft aufging, hielt ihn mit dem praktischen Leben,
insbesondere mit der deutschen Wirtschaft in Verbindimg. Er war Aufsichtsrat
in fast anderthalb Dutzend Aktiengesellschaften, die groBtenteils dem Bank-
konzern nahestanden.
Sechzigjahrig zog er am 12. August 1914 als Rittmeister und Kommandeur
einer Munitionskolonnenabteilung ins Feld. Er machte den Franktireurkrieg
in Belgien und den schweren Herbstfeldzug in Polen mit, oft 8 bis 12 Stunden
im Sattel und nachts biwakierend. Im September wurde er zum Major und
Fiihrer einer Gefechtstaffel befordert und Ende Oktober zum Adjutanten des
Militargouverneurs von Antwerpen ernannt. Es litt ihn nicht lange auf diesem
relativ ruhigen Posten. Er sah mit wachsender Sorge, daB die verhaltnismaBig
giinstige politische Lage nicht ausgenutzt wurde. Gerade in Belgien trat ihm
die Unzulanglichkeit der deutschen Diplomatic krafl vor Augen. Er horte, wie
er an Stresemann schrieb, jeden Belgier Bethmanns Worte vom Fetzen Papier
und der Anerkenntnis des Neutralitatsbruchs im Munde fuhren und bezweifelte,
daB Bethmann einen festen Zukunftsplan habe. Er wiinschte, dem Zentrum
naher zu sein, um sich mehr »um die Zukunft kummern zu konnen«.
Im Februar 191 5 kehrte er nach Deutschland zuriick, war kurze Zeit fiir die
Einrichtung einer Zentralstelle zur Beschaffung von Metallen in Lodz tatig
und wurde am 18. Juli 19 15 als Richter zum Oberkriegsgericht des Gardekorps
in Berlin kommandiert, das zweimal wochentlich tagte. Er konnte nunmehr
seinen politischen EinfluB wieder geltend machen, soweit dies fiir einen Partei-
fuhrer in den ersten Jahren des Weltkriegs in Deutschland moglich war.
Bald zeigte sich, daB Bassermanns Gesundheit, der er schon durch den Feld-
zug das AuBerste zugemutet hatte, den politischen Aufregungen dieser Zeit
nicht mehr gewachsen war. Sein Herzleiden, das 1905 zuerst ernstlicher auf trat,
machte sich in zunehmendem MaBe bemerkbar. Trotz mehrfacher schwerer An-
falle hielt er in Berlin aus und nahm auch an zwei Reisen von Parlamentariern
nach der Tiirkei und Bulgarien teil. Im Februar 1917 nahmen B.s Herzbeschwer-
den so zu, daB er die parlamentarische Tatigkeit aufgeben muBte. Vergeblich
suchte er zunachst in Mannheim, dann in Kissingen und Baden-Baden Heilung.
Am 24. Juli starb er.
B. hat einmal 1904, als Hammacher starb, von»dieser verworrenen Zeit der
Garung « gesprochen, in der jeder Verlust politischer Krafte besonders schwer
wiege. Im Grunde ist das Deutsche Reich, dessen politische Einheit so viel
j linger ist als die der westeuropaischen GroBmachte, bis heute nicht aus der
Garung herausgekommen. Und so war auch B.s Leben, in dem hinter der Politik
alles andere zuriicktrat, ein solches der Garung und Unruhe. Es ist bezeichnend,
daB er in seiner ganzen politischen Laufbahn nicht zweimal den gleichen Wahl-
kreis vertrat. Im Kampf des Liberalismus mit der Sozialdemokratie um die
Seele des Arbeiters wurde er stets in den gefahrdetsten Wahlkreisen aufgestellt,
Bassennann 15
weil man hoffte, durch seinen Namen und seine Personlichkeit die Massen dem
Liberalismus zu erhalten bzw. zu gewinnen. Er selbst hat es im Gesprach mit
Stresemann als den Hohepunkt seines politischen Wirkens bezeichnet, als
bei seiner letzten Reichstagskandidatur in Saarbriicken ein Arbeitervertreter
nach dem anderen das Vertrauen der Arbeiterschaft zu ihm betont habe. Die
unruhigepolitische Fuhrung Wilhelms II. brachte wechselnd innen- und auBen-
politische Krisen und damit gleichzeitig der Volksvertretung ein ganz anderes
MaB wenn auch noch nicht staatsrechtlicher, so doch moralischer Verantwor-
tung als zu Zeiten Bismarcks. Weit mehr als friiher muBten ihre Fuhrer vor
und hinter den Kulissen dafiir sorgen — um mit dem romischen Senat zu
reden — , ne quid detrimenti res publica capiat. Die standige Unruhe, schon
auBerlich durch das Hin und Her zwischen Mannheim und Berlin wahrend der
Reichstagssessionen und durch die vielen Reisen zu Aufsichtsratssitzungen
wie politischen Versammlungen gekennzeichnet, die gleichzeitige Beschaftigung
mit den verschiedensten Problemen entsprach aber B.s innerstem Wesen. Bei
langerem Aufenthalt an einem Ort fuhlte er sich nicht wohl.
Seine Stellung als Parteifuhrer und das groBe Vertrauen, das sich in ihrer
tibertragung kundgab, verdankte B. in erster Linie seinem Geschick, tief-
gehende Gegensatze auszugleichen und gegeniiber dem Trennenden das Eini-
gende in den Vordergrund zu riicken. Diese Begabung war besonders notig fur
den Fuhrer einer Mittelpartei wie der nationalliberalen, deren rechter Fliigel
sich gern konservative, der linke demokratische Forderungen zu eigen machte.
Eine eigentlich schopferische Natur war B. nicht. Er hatte ein gutes Verstand-
nis fiir die auBenpolitischen Machtbelange der damaligen Zeit und erkannte
die Gefahren einer einseitig eine Klasse oder Konfession bekampfenden Innen-
politik, trotzdem sich ein erheblicher Teil seiner politischen Arbeit gegen
Zentrum und Sozialdemokratie richten muBte. Aber seinen Briefen und Reden
ist nicht der weite Blick des Vorgangers Bennigsen und des Nachfolgers Strese-
mann in der Parteifuhrung eigen. Sie spiegeln die Auffassungen des Tages
wider, und er suchte der Schwierigkeiten mit den Mitteln des Tages Herr zu
werden. Von politischen Personlichkeiten iibte Fiirst Biilow erheblichen Ein-
fluB auf ihn aus. Aus seiner Korrespondenz mit diesem ist klar ersichtlich,
daB Bulow nach seinem Abgang durch B. seine Politik im Reichstag zu
verteidigen suchte. Auch Tirpitz zog B. in den Bann seiner starken Per-
sonlichkeit.
B,s Wirken als Parteifuhrer laBt sich vielleicht in drei Abschnitte teilen:
Herstellung der Einheit in der Partei, Unterstutzung der Kanzlerschaft Biilow,
Bekampfung der Kanzlerschaft Bethmann. Noch bei den beiden gegen die
Sozialdemokratie gerichteten Gesetzentwiirfen (Umsturz- und Zuchthausvor-
lage), denen die Mehrheit der Partei mit B. an der Spitze ablehnend gegeniiber-
stand, dissentierte ein erheblicher Teil der Fraktion und unterstutzte sogar die
Gegenpartei. B. selbst wurde als siiddeutscher Demokrat verschrieen, auch
Bennigsen tadelte seine Haltung. Bei den Abstimmungen iiber den Zolltarif,
der die Grundlage der deutschen Wirtschaftspolitik bis zum Kriegsausbruch
wurde, stimmte die Fraktion im Jahre 1902 mit Ausnahme eines Einzelgangers
geschlossen fiir die von B. propagierte mittlere Linie, auf der der KompromiB
der Reichstagsmehrheit zustande kam. Zwei Jahrzehnte friiher war es be-
kanntlich gerade die Meinungsverschiedenheit in den wirtschaftspolitischen
i6 1917
Fragen gewesen, die der Partei ihre ausschlaggebende Stellung im Reichstag
gekostet hatte. Freilich ist zu beachten, dafi die Fiihrung einer Partei nach
1890 leichter war als zu den Zeiten Bismarcks, der durch sein riicksichtsloses
Gegeneinanderausspielen der Parteien gerade die ihm am nachsten stehenden
immer wieder vor schwere innere Konflikte stellte.
Die wichtigste Epoche fur den Iyiberalismus zu B.s Zeiten waren wohl die
Jahre der Blockpolitik 1907 bis 1909. Durch die Zuriickdrangung der sozial-
demokratischen Vertretung im Reichstag war die Nationalliberale Partei noch
einmal in die Lage ausschlaggebender Mitwirkung im Reichstag ohne Zentrums-
hilfe gelangt. Die »konservativ-liberale Paarung«, die den linken Freisinn ein-
schlieBen muBte, war nur moglich, wenn die Nationalliberalen das Bindeglied
bildeten. Ob B. an der Vorbereitung dieser Wendung Biilowscher Politik be-
teiligt war, laBt sich nach dem mir vorliegenden Material nicht feststellen. Der
Erfolgsmoglichkeit soil er zunachst skeptisch gegeniibergestanden haben.
Die Nachfolge des Staatssekretars des Reichsjustizamts Nieberding lehnte er
1907 ab als seinem Naturell nicht zusagend: er konne keinen Posten iiber-
nehmen, bei dem er um Urlaub einkommen miisse, wenn er langer als drei Tage
fortbliebe. Das Reichsvereinsgesetz, fur das die Nationalliberale Partei schon
1 87 1 einen Entwurf eingebracht hatte, und die Novelle zum Borsensteuergesetz
brachten dann aber unter intensiver Mitarbeit B.s die Verwirklichung alter
liberaler Forderungen. Die von Lasker schon bald nach Griindung der Partei
erstrebte Zusammenarbeit mit dem Linksliberalismus wurde durch die poli-
tische Konstellation ebenfalls Tatsache. Der von linker Seite angeregten Ver-
schmelzung der liberalen Parteien zu einer liberalen Gruppe scheint B. nicht
nachgegangen zu sein.
Auch den Stimmen, die aus AnlaB der unvorsichtigen Veroffentlichung des
kaiserlichen Interviews im » Daily Telegraph « im Herbst 1908 verantwortliche
Reichsministerien verlangten, der alte Programmpunkt der Partei seit 1867,
gab B. keine Folge. Er hat in dieser Zeit offenbar gewiinscht, die erschutterte
Stellung des Fiirsten Biilow nicht noch mehr zu erschweren, und in diesem
Sinn ist auch die Rede zu beurteilen, die B. am 10. November 1908 im Reichs-
tag gegen das personliche Regiment hielt und die er als die schwerste seines
I,ebens bezeichnete. Er hatte seine Interpellation dem Reichskanzler bereits
am 3. November angekiindigt. Die Daily-Telegraph- Affare ist dann doch die
Ursache des fruhen Endes der Blockpolitik geworden. AuBerlich war es aller-
dings die Reichsfinanzreform, das Abschwenken der Konservativen, die dem
Reich keine direkten Steuern lassen, d. h. die Reichsgewalt nicht starken woll-
ten und die vom Zentrum gebotene, ihnen genehmere Losung fur die Auf-
bringung der von der Regierung geforderten 500 Millionen Mark annahmen.
Auch Heydeb rands Wort, »eine liberale Ara, die von konservativen Kraften
gestutzt war, hat die Welt noch nicht gesehen«, gibt sicher einen der Griinde
fiir das Auseinanderfallen des Blocks an. Entscheidend war aber doch, daB
Biilow infolge der Vorgange vom November 1908 der Riickhalt am Kaiser
fehlte und vom Hof kein EinfluB auf die gouvernementalen Konservativen
ausgeiibt wurde, um Biilows Politik zu stiitzen. Die nachste Folges eines Sturzes
war, daB Konservative und Zentrum als Mehrheit die Friichte des Wahlerfolges
1907 ernteten. 19 12 trat dann die Reaktion auf die unpopularen Steuern ein :
die Sozialdernokraten errangen mit 112 Mandaten einen Wahlsieg in noch
Bas9ermann 1 7
nicht dagewesenem AusmaB, der die alte Moglichkeit der schwarzroten Mehr-
heit wieder herstellte.
Auf B. hat diese Wendung offenbar auBerordentlich verbitternd eingewirkt.
Seine Briefe lassen von jetzt ab einen Pessimismus erkennen, der bis zu seinem
Tode nicht wieder schwindet. Er vermiBt die energische Fuhrung der Reichs-
politik, die er Biilow zugetraut hatte, und hatte von vornherein kein Vertrauen
zu dessen Nachfolger v. Bethmann Hollweg. Schon im Januar 1910 schrieb er,
dieser sei kein Mann, der iiber der Sache stehe, sondera der kleinmiitig ohne
Spur von Genialitat von den Schwierigkeiten bedroht und erdriickt werde.
Bethmann versuchte dann immer wieder, sich von dem Odium der Regierung
mit dem schwarzblauen Block zu befreien und die Nationalliberalen unter
dem Schlagwort der »Sammlungspolitik« zu der alten Mehrheit Konservative,
Nationalliberale, Zentrum zu gewinnen. Demgegeniiber beharrte B. auf der
Forderung, daB der gesamte Liberalismus mitwirken und die Erbschaftsteuer
und die preuBische Wahlreform seitens der Rechten bewilligt werden muBten.
Es ist zu beachten, daB offenbar die giinstigen Erfahrungen der Zusammen-
arbeit mit dem jetzt in der »Freisinnigen Volkspartei« vereinigten Links-
liberalismus B. ermoglichten, die Solidaritat des Gesamtliberalismus energischer
zu betonen als bisher.
Die Wahlen von 19 12 brachten B. personlich eine besondere Enttauschung.
Der Verlust von 9 Mandaten lieB sich verschmerzen, die Rechtsparteien hatten
weit starkere Verluste zu beklagen, und es blieb die Tatsache bestehen, daB
die Anhangerzahl der Nationalliberalen im I^ande in standigem Wachsen war
und an dritter Stelle hinter Sozialdemokraten und Zentrum stand. Aber es
waren gerade die B. nahestehenden Abgeordneten wie Stresemann, Weber und
Wachhorst de Wente nicht wiedergewahlt worden. Die Opposition der Alt-
liberalen (Fuhrmann, Schiffer), die zum AnschluB an die Rechte neigten, auf
der einen, der Jungliberalen auf der anderen Seite wuchs in der Fraktion gegen
ihn. Im Februar 19 14 lehnte er noch einmal den von konservativer Seite ge-
machten und von einem Teil der eigenen Fraktion unterstiitzten Vorschlag ab,
die alte Zolltarifmehrheit wiederherzustellen, um die Interessen der produ-
zierenden Stande bei den kiinftigen Handelsvertragen geschlossen vertreten
zu konnen. Dann brach der Krieg aus und lieB alle innerpolitischen Fragen
einstweilen verschwinden.
B.s Stellungnahme war in den ersten zwei Jahren des Weltkrieges nicht
wesentlich anders als die der iibrigen Parteifuhrer von den Konservativen bis
zu den Sozialdemokraten : er hoflte, daB die Gegner trotz ihrer zahlenmaBigen
Uberlegenheit durch ihre militarischen MiBerfolge des Krieges miide wiirden
und daB ein Friede zustande kame, der Deutschland fiir die Kriegsopfer ent-
schadige. Er war dagegen, daB man das Minimum, auf welches man bei den
Friedensverhandlungen zuriickgehen wiirde, vorher erkennen lasse. In dieser
Richtung suchte er personlich bis zum Friihjahr 191 7 Bethmann zu beein-
flussen, nachdem ihn seine militarische Tatigkeit nach Berlin zuriickgefuhrt
hatte. Sein eigentliches Ziel war aber, Bethmann zu stiirzen und ihn durch
den Fiirsten Biilow zu ersetzen. Als dies unerreichbar schien, sich die nach
seiner Ansicht falschen politischen Handlungen, wie die Erklarung Polens zum
Konigreich und das Friedensangebot vom Dezember 1916, mehrten und die
Zahl der militarischen Gegner damit parallelgehend wuchs, wurde er iiber den
DBJ 2
i8 1917
Kriegsausgang immer skeptischer. Er warnte auch vor weiterer Verschleppung
der Reform des preui3ischen Wahlrechts, die, je spater vollzogen, desto radi-
kaler ausf alien miisse. Als Hindenburg Generalstabschef wurde, schrieb er:
»H. ist eine Hoflnung. Es ist spat, hoflentlich nicht zu spat; ein Jahr haben
wir verloren.«
Er erlebte noch Bethmanns Sturz. Beteiligt war er an der Aktion, die gleich-
zeitig den Eintritt von Parlamentariern in die Reichsregierung und damit eine
von B. schon 1910 prophezeite Entwicklung bringen sollte, infolge seines
schlechten Gesundheitszustandes nicht mehr. Die Riicksichtslosigkeit, mit
der er wahrend des Krieges seine Gesundheit einsetzte, um den freiwillig iiber-
nommenen militarischen wie politisehen Anforderungen zu genugen, hat zu
seinem verhaltnismafiig fruhen Tod zweifellos erheblich beigetragen. Wohl hat
er schon in Friedenszeiten in Augenblicken der Enttauschung verschiedentlich
mit dem Gedanken gespielt, sich von der Politik zuriickzuziehen. In Wahrheit
war ihm der politische Kampf Lebensbediirfnis und tiefe Leidenschaft, der er
bedenkenlos seine Gesundheit opferte.
Literatur: Ernst B., Nationalliberale. Handbuch der Politik. i.Auti. 2. Bd. Berlin
1912/13. — Karola B., Ernst B. 1854 — 1917. Mannheim [1919]. — Richard Eickhoff,
Politische Profile: S. 121/28 Ernst B. Dresden 1927. — Fritz Mittelmann, Ernst B. Reden
und Aufsatze. 1. Bd. Berlin 1914. — Ernst Muller-Meiningen, Parlamentarismus. S. 176/77.
Berlin 1926. — Wilhelm Spickernagel, Fiirst Bulow. Hamburg [192 1]. — Stresemann,
Reden und Schriften. 1. Bd. S. 140/163: Ernst B. Dresden 1926.
An ungedrucktem Material konnte ich die mir freundlichst vom Em pf anger iiberlassenen
Brief e B.s an Stresemann und einige Aufzeichnungen B.s iiber politische Vorgange be-
nutzen. Der iibrige umfangreiche schriftliche NachlaB befindet sich im Besitz von Frau
Julia B., Mannheim; er konnte von mir leider nicht eingesehen werden.
Potsdam. HansGoldschmidt.
Beck, Theodor, Professor, Dr.-Ing. ehrenhalber, * am 3. Juni 1839 in Darm-
stadt, t am 3°- Jul* I9I7 daselbst. — Theodor B. war ein Sohn des Groflh. Hes-
sischen Ministerialsekretars Friedrich B. in Darmstadt; seine Mutter Auguste
war eine Tochter des Geh. Medizinalrats Professor Dr. LudwigNebel in Giel3en.
Er besuchte das GroBh. Gymnasium in Darmstadt 1851 — 1853, dann vom An-
fange des Wintersemesters 1854/55 bis zum Schlusse des Schuljahres 1855/56 die
Grofih. Hohere Gewerbeschule, an der er im September 1856 mit sehr guten
Noten die Maturitatspriifung bestand. Bis zum September 1857 arbeitete er
dann praktisch bei dem Schlossermeister Carl Schnabel in Darmstadt ; in dem
vortreff lichen Zeugnis nennt ihn sein Lehrmeister »einen ausgezeichneten
jungen Mann, von dem bei fortdauerndem Fleifle dermaleinst GroCes zu er-
warten ist«. Gleichzeitig besuchte B. auch den Unterricht im Konstruktions-
zeichnen bei I. Schroder, dem Griinder der spater so bekannt gewordenen
Schroderschen Modellfabrik in Daimstadt.
In denStudienjahren 1857/58 und 1858/59 besuchte Theodor B. diebeiden
Kurse der mechanisch-technischen Fachschule der GroCh. Badischen poly-
technischen Schule in Karlsruhe, die damals die einzige wirkliche technische
Hochschule in Deutschland war. Seine Lehrer waren Redtenbacher, Riegler,
Eisenlohr und Seubert; den groBten EinfluB auf ihn iibte Jakob Ferdinand
Redtenbacher aus, dem er bis an seinen Tod ein treues und dankbares An-
denken bewahrte.
Bassermann. Beck
*9
Nun arbeitete B. ein Jahr lang in der Montierwerkstatte der Maschinenfabrik
und EisengieBerei Darmstadt, dann — 1861 bis 1862 — auf dem technischen
Bureau der Main-Weser-Bahn in GieBen. Dann ging er nach Schottland und
arbeitete 9 Monate hindurch als Zeichner in den Scotland Steel Iron Works der
Firma Mirrlees & Tait in Glasgow, dann bei David Napier in London, endlich
— 1865/66 — bei C. Hoppe in Berlin. Aus alien diesen Stellungen liegen glan-
zende Zeugnisse iiber seinen FleiJ3, seine Tiichtigkeit und seine Kenntnisse vor.
Im Jahre 1867 wurde B. Teilhaber der Maschinenfabrik von Kleyer & Beck,
spater Beck und Rosenbaum in Darmstadt, die noch heute besteht. Im Jahre
1885 trat er aus, um sich seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu widmen. Er
habilitierte sich als Privatdozent an der Technischen Hochschule in Darmstadt
und war in ausgedehntem MaBe schrif tstellerisch tatig. An der Hochschule hielt
er viele Jahre hindurch Vorlesungen iiber Gewichts- und Kostenberechnung im
Maschinenbau und erhielt den Professortitel. AuBerdem war er 1889 — 1903
Sekretar der Handelskammer Darmstadt, deren Mitglied er von 1875 an ge-
wesen war. Gelegentlich der Feier seines 25Jahrigen Bestehens im Jahre 1905
verlieh der Niederosterreichische Gewerbeverein Theodor B. eine von Professor
Stephan Schwartz ausgefuhrte Plakette, die der Verwaltungsrat des Vereins
hatte anfertigen lassen, »um sie den bewahrten Freunden und Forderern des
technologischen Gewerbemuseums zu widmen «. Eine noch hohere Ehrung
wurde Theodor B. am 26, Juni 1909 zuteil. AndiesemTage ernannte ihn die
GroBh. Badische Technische Hochschule zum Dr.-Ing. ehrenhalber »in An-
erkennung der Verdienste um die technischen Wissenschaften, die er sich durch
seine umf assenden Forschungsarbeiten und Mitteilungen iiber die Geschichte
der Technik erworben hat«. Diese hohe Auszeichnung bereitete dem riihrend
bescheidenen Manne eine groBe Freude.
Im Jahre 1869 verheiratete sich Theodor B. mit Sophie, Tochter des Hofrats
Friedrich Baer in Miinchen.
Die wissenschaftlichen Arbeiten Theodor B.s gehoren fast alle einem leider
nur wenig beachteten und bearbeiteten, aber hochst interessanten und wich-
tigen Gebiete an — der Geschichte des Maschinenbaues. Gerade fur uns heutige
Menschen, die wir taglich die fabelhaftesten Fortschritte der Technik erleben,
ist es von hochstem Werte, zu erkennen, auf welch muhseligem Wege die
Menschheit sich zu der Hohe technischen Konnens, die sie heute erreicht hat,
hin auf arbeiten muBte. Der Wunsch diesen Weg kennenzulernen, hat auch
Theodor B. zu seinen uberaus griindlichen und miihevollen geschichtlichen
Forschungen veranlaBt, die in so besonderer Weise seiner stets auf das Griind-
liche und Grundlegende gerichteten Natur entsprachen.
Die alteren geschichtlichen Abhandlungen B.s erschienen in den Jahren 1886
bis 1896 einzeln in der Zeitschrift »Der Zivilingenieur«, die spateren — nach-
dem diese Zeitschrift eingegangen war — in der » Zeitschrift des Vereins deut-
scher Ingenieure«. Professor Riedler war es, der den Vorstand des genannten
Vereins auf die hohe Bedeutung der Arbeiten B.s aufmerksam machte und ihre
Herausgabe in einem stattlichen Bande veranlaBte. Der Verein deutscher
Ingenieure bewilligte einen namhaften Beitrag zu den Herstellungskosten. Die
erste Auflage erschien 1899 unter dem Titel »Beitrage zur Geschichte des
Maschinenbaues «, die zweite, vermehrte Auflage (582 S.) schon 1900. (Verlag
von Julius Springer in Berlin.)
20 1917
Diese zweite Auflage umf afit folgende Abhandlungen : Heron der Altere von
Alexandria (um 120 v. Chr.) und seine Vorganger; Pappus der Alexandriner ;
Marcus Vitruvius Pollio; Sextus Jul. Frontinus; Cato der Altere; Leonardo da
Vinci (3 Abhandlungen) ; Vanuccio Biringuccio ; Georgius Agricola ; Hieronymus
Gardanus; Jacques Besson ; Agostino Ramelli ; Buonaiuto Lorini; Giambattista
della Porta; Skizzen aus der Zeit der Hussitenkriege ; Vittoria Zonka; Juanelo
Turriano; Heinrich Zeising; Domenico Fontana und der Transport der Vati-
kanischen Obelisken; Salomon de Caus; Faustus Verantius; Jacob de Strada;
Giovanni Branca; Marinus Mersenne; Georg Philipp Harstorffer; James Watt
und die Erfindung der Dampfmaschine.
AuBer den in dem genannten Bande vereinigten Abhandlungen sind noch die
folgenden besonders zu bemerken: Kinematik, 5 Abhandlungen im »Zivil-
ingenieur« 1876 — 1879, Joann Leucheron (» Zeitschrift des Vereins deutscher
Ingenieure« 1901. Bd. 45), Kaspar Schott (daselbst 1902, Bd, 46), Leonardo
da Vinci, vierte Abhandlung: Codice atlantico, nach der von der »Accademia dei
Lincein veranstalteten Ausgabe (Band 50 derselben Zeitschrift, 1906), Kosten-
berechnung in der Maschinen-Fabiikation (daselbst, Band 37), Biographien
englischer Ingenieure von 1750 — 1850 (dieselbe Zeitschrift 1900 — 1903), die
Geometrie krummliniger Figuren Leonardos da Vinci (» Zeitschrift fiir gewerb-
lichen Unterricht, Jahrgang XVIII, Nr. 12 u, 13), endlich Evangelista Torricelli
1608 — 1647, » Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure « 1908). Die Summe
sorgfaltigster, griindlichster Quellenforschung, die in diesen Arbeiten nieder-
gelegt ist, fordert Staunen und Bewunderung heraus. Ihren reichen Inhalt auf
dem beschrankten, hier zur Verfiigung stehenden Raume auch nur andeutungs-
weise zu besprechen, ist unmoglich. Die meisten dieser Abhandlungen bestehen
namlich aus einzelnen, oft nur kurzen Beschreibungen der verschiedensten
Maschinen und Vorrichtungen. Schon die einfache Aufzahlung der behandelten
Gegenstande wiirde Seiten fiillen. Daher kann auch von einer kritischen Be-
wertung der Arbeiten an dieser Stelle keine Rede sein. Bemerkt sei nur, daB B.
stets bis zu den eigentlichen Quellenschriften hinabstieg und sich niemals auf
Mitteilungen aus zweiter Hand verlieB. Besonders hingewiesen sei auch auf die
liberaus zahlreichen, mit unubertrefflicher Klarheit, Sorgfalt und Sauberkeit
gezeichneten Figuren.
Theodor B. besaB eine ungewohnlich umfassende Bildung. DaB er ein iiber-
aus griindlicher Kenner des Maschinenbaues war, versteht sich wohl von selbst ;
aber seine ausgedehnten Quellenstudien erforderten auch ungewohnliche Kennt-
nisse in den alten und neuen Sprachen. Er liebte die Mathematik und besaB
griindliche Kenntnisse in dieser, seinem ganzen Wesen so sehr entsprechenden
Wissenschaft der Klarheit. Ganz besonders stark war er in der Geometrie und
zog stets — ihrer Anschaulichkeit und Durchsichtigkeit wegen — die geo-
metrische Losung einer Aufgabe der analytischen vor. Dennoch war er auch
ein vortrefflicher Rechner.
Theodor B. war die verkorperte Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit. Still
lebte er seiner Familie und seiner Forscherarbeit. Er sprach wenig und liebte es
nicht, von sich reden zu machen. In der bescheidenen Mittelstadt, in der er ge-
borenward, sein Leben mit kurzen Unterbrechungen zubrachte und starb,
kannten ihn nur wenige Menschen, und nur einzelne von diesen wenigen mogen
gewuBt haben, einen wie bedeutenden Mitbiirger sie in ihm besaBen. Sogenannte
Beck. Behring 21
Vergniigungen liebte er nicht; seine einzige Erholung waren Spaziergange in
die herrliche Umgebung seiner Vaterstadt. Er war ein riistiger und ausdauern-
der FuBganger. Er war bis zu seiner letzten Krankheit — dank seinem
kraftigen Korper und seiner auBerst maBigen und regelmaBigen Lebensweise —
ein kerngesunder Mann. — GroBere Reisen machte er nur sehr selten; erst
nach vollendetem 70. Iyebensjahre unternahm er mit seiner Frau eine Reise in
die Alpen .
B.s Charakter war lauter, rein und edel. Er war giitig, gerecht und teilnahms-
voll, mild und versohnlich in seinem Urteil iiber andere. Ruhig und ausge-
glichen, wie er war, lag ihm alles Leidenschaftliche fern. In unserem jahre-
langen, freundschaftlichen Verkehr — von 1893 bis an sein Ende — habe ich
ihn niemals zornig oder aufgebracht gesehen.
Ein eigentlicher Geschaftsmann war Theodor B. auch als Maschinenfabrikant
— die Firma Beck & Rosenbaum beschaftigte sich vorwiegend mit der Her-
stellung von Brauerei-Einrichtungen — niemals. Sein holier Sinn war nicht auf
Geldverdienen, sondern nur auf Erkenntnis gerichtet. Echter Forscherdrang
war es, der ihn zu seiner ergebnisreichen I^ebensarbeit begeisterte.
Literatur: Der Nachlafi Theodor B.s — Schriftstiicke, Zeugnisse, Drucksachen, Do-
kumente usw. — befindet sich im Besitze seiner jiingeren Tochter, Fraulein Emily B.,
Darmstadt, SandstraBe 32. — Vgl. unten S. 218 ff. iiber B.s Bruder Ludwig B.
Darmstadt. Ferdinand Meisel.
Behring, Emil v., Prof. Dr. Wirkf. Geh.-Rat, Exzellenz, o. 6. Professor der
Hygiene und experimentellen Therapie an der Universitat Marburg, * am
15. Marz 1854 m Hansdorf bei Deutsch-Eylau in WestpreuBen, f am 31. Marz
1917 in Marburg. — Bis zum 13. Lebensjahr wurde B. im elterlichen Hause
von seinem Vater August B., der Lehrer in Hansdorf bei Deutsch-Eylau war,
unterrichtet. Er besuchte sodann das Gymnasium in Hohenstein i. Ostpr.
bis zu seinem Eintritt in das Kgl. Friedrich-Wilhelm-Institut in Berlin im
Oktober 1874. Am 24. Februar 1877 bestand er das Physikum, am 15. August
1878 promo vierte er zum Dr. med.y mit der Dissertation: Neuere Beob-
achtungen iiber die Neurotomia opticociliaris, und bestand im Juni 1880 das
medizinische Staatsexamen.
Nach Beendigung seiner arztlichen Studienzeit wurde er zunachst fiir kurze
Zeit als Unterarzt an die Charite nach Berlin kommandiert, hierauf nach
Wehlau in das Fusilierbataillon des 59. Regiments und von dort als Assistenz-
arzt zum 2. Leibhusarenregiment nach Posen versetzt. Dort hatte er im
Laboratorium der Versuchsstation unter Dr. Wild Gelegenheit zu chemischen
Studien, die sich vorwiegend mit der Frage der Wirkungsweise antiseptischer
Mittel befafiten und im Jahre 1882 teils in der »Deutschen Medizinischen
Wochenschrift*, teils in der » Berliner Klinischen Wochenschrift« veroffentlicht
worden sind. Man wird kaum fehlgehen, wenn man annimmt, daB in diesen
Jahren schon der Grund gelegt wurde fiir die Gedankenrichtung, die B.s
spatere Lebensarbeit beherrschten, die Idee der biologischen Desinfektion
bzw. Desintoxikation. Im Juli 1883 wurde B. auf eigenen Wunsch zur 4. Schwa-
dron der WestpreuBischen Kiirassiere nach Winzig versetzt, wo ihm auch
Gelegenheit zur Ausiibung einer privatarztlichen Praxis und zur Vorbereitung
22 1917
auf das Kreisarztexamen geboten war, das er im Marz 1885 ablegte. Im gleichen
Jahre nahm er in Wiesbaden im Untersuchungsamt des Direktor Dr. Schmidt
unter Leitung des Dozenten Dr. August Pfeiffer einen Kursus in Bakteriologie,
jener neuen Spezialwissenschaft, die dank der wenige Jahre zuvor von Robert
Koch gemachten Entdeckungen in raschem Aufbluhen begriffen war.
Nach Beendigung des bakteriologischen Kurses in Wiesbaden wurde B.
zunachst nach Bojanowo versetzt, und im August 1885 zum kommissarischen
Kreis- und Wundarzt in Rawitsch bestellt. Aber die rein arztliche bzw. kreis-
arztliche Tatigkeit befriedigte ihn nicht ganz. Zwei Jahre spater finden wir
B. in Bonn, wo er hauptsachlich bei dem bekannten Pharmakologen Binz
arbeitete. Aus dieser Zeit stammen die Arbeiten iiber Jodoform und Azetylen
(» Deutsche Med. Wochenschrift«, 1887, Nr. 20) und »t)ber die physiologischen
und die (choleraahnlich) toxischen Wirkungen des Pentamethylendiamins
(Cadaverin L. Briegers)« in der » Deutschen Medizinischen Wochenschrift*, 1888,
Nr. 24. Im Jahre 1889 ge^ang es B., Assistent bei dem damals schon welt-
beriihmten und gefeierten Robert Koch im Hygienischen Institut der Univer-
sitat Berlin zu werden. So wurde auch B. einer der Schuler Kochs. Aber er
war von Anfang an mehr als bloB ein Schuler Kochs. Er brachte seine eigenen
Ideen mit. Verfasser, dem es leider nicht vergonnt war, B. personlich zu
kennen, erinnert sich einer Unterhaltung, die er fern von der Heimat in Schang-
hai im Sommer 1917 mit dem gerade zu Besuch dort weilenden bekannten
Pathologen H. Welch von der John Hopkins University in Baltimore iiber
Emil von B., dessen Tod uns eben bekannt geworden war, hatte. Welch, der zu
jener Zeit auch in Deutschland studiert hatte, sprach mit grofler Lebhaftigkeit
davon, wie man im Kreise der Kochschen Assistenten und Schuler mit einer
seltsamen Mischung von Spott und Bewunderung auf den »verriickten« Stabs-
arzt wies, der im Korper Gegengifte erzeugen wollte. Und Max v. Gruber erzahlt,
wie ein fruherer Schuler Kochs bereits 1888 iiber den jungen Stabsarzt B.
berichtet hatte: »Niemand im Institut kann sich seinem EinfluB entziehen,
und alle erwarten AuBerordentliches von ihm.« In Wernicke fand B. einen
treuen und zuverlassigen Mitarbeiter, und schon bald nach seinem Eintritt in
den Kochschen Kreis konnte B. iiber wissenschaftliche Ergebnisse von groBter
Tragweite berichten. In der » Deutschen Medizinischen Wochenschrift« Nr. 49
(1890) veroffentlichte B. zunachst eine kurze, aber inhaltschwere Arbeit:
»t)ber das Zustandekommen der Diphtherie-Immunitat und der Tetanus-Immu-
nitat«, zusammen mit Kitasato, der ihm das zur Tetanus-Immunisierung not-
wendige Tetanusgift geliefert hatte. Die fur die Diphtherie-Immunisierung
und die Heilserumtherapie grundlegende, eingehende Mitteilung hat B. 1892
zusammen mit Wernicke in der Zeitschrift fur Hygiene und Infektionskrank-
heiten Bd. XII (Uber Immunisierung und Heilung von Versuchstieren bei
der Diphtherie) veroffentlkht. Behring und Wernicke, unlosbar sind diese bei-
den Namen verkniipft mit der Entdeckung des Diphtherieheilserums : B., der
leidenschaftliche Schopfer und Trager des Gedankens der Serumtherapie,
Wernicke, der unermudliche, sorgfaltige Experimentator und treue Bundes-
genosse B.s in dem Auf und Nieder der wechselvollen ersten Jahre ihres
Schaffens. Nach dieser wissenschaftlichen GroBtat war es selbstverstandlich,
daB der damalige Stabsarzt B. seine militarische Laufbahn auf gab, um
sich ganz seinen Forschungen und der Bearbeitung des von ihm eroffneten
Behring 23
vielversprechenden Gebietes widmen zu konnen. Auch auBere Ehrungen
stellten sich ein. Nachdem B. 1893 den Titel Professor erhalten hatte, wurde
ihm 1894 das Ordinariat fur Hygiene an der Universitat Halle und bald darauf
das in Marburg iibertragen. Die Jahre 1890 bis 1894 waren fur B. und seine
neue Heilserumlehre besonders kritisch gewesen. Er hatte in dieser Zeit den
groBen Sturm der Kritiker, Zweifler, Spotter und Gegner seiner neuen
Lehre zu bestehen. Und er hat ihn siegreich bestanden. Die praktische Brauch-
barkeit seines Heilverfahrens war nunmehr allgemein anerkannt. Der preu-
Bische Kultusminister wollte, in voller Wiirdigung der groBen Bedeutung des
B.schen Werkes, mit der Berufung nach Marburg B. eine moglichst ruhige und
geeignete Arbeitsstatte verschaffen. Das kleine Marburg mit seiner verhaltnis-
maBig geringen Studentenzahl schien hierzu besonders geeignet, urn so mehr,
als hier in der gerade frei gewordenen alten Roserschen Klinik groBe Raume
verfiigbar waren, die fur Laboratoriumszwecke umgebaut werden konnten.
Zu B.s Unterstiitzung im Unterricht wurde zuerst der Stabsarzt Dr. Wernicke
nach Marburg versetzt. Spater wurde eine Zweiteilung des Instituts vorge-
nommen: es wurde eine Abteilung fur Hygiene und eine Abteilung fur ex-
perimentelle Therapie geschaffen. Die Hygiene vertrat Bonhoff, und dadurch
wurde B. die Sorge fur den Unterricht fast ganz abgenommen. B. selbst iiber-
nahm die Abteilung fiir experimentelle Therapie und behielt die Direktion des
ganzen Institutes. Vom Jahre 1894 bis zu seinem Tode (1917) wirkte B. in der
reizvollen Universitat des Hessenlandes, in Marburg. In der Universitat, in
der Stadt und ringsherum im Gelande trifft man noch heute iiberall die
Spuren seiner Tatigkeit.
Zunachst warf sich B., unterstiitzt von seinen Schiilern und Mitarbeitern
Wernicke, Boer, Kossel, Kitashima, Ransom, Siebert, Knorr, v. Lingels-
heim, Romer, Much u. a., mit der leidenschaftlichen Energie seiner Person-
lichkeit auf den weiteren wissenschaftlichen und praktischen Ausbau seiner
Entdeckungen. Es gait, die Methoden der Herstellung des Diphtherie- und des
Tetanus- Heilserums zu verbessern und technisch so zu gestalten, daB dem
sich bald einstellenden Massenbedarf an Heilserum in der Praxis entsprochen
werden konnte. Zu diesem Zwecke trat B. in Verbindung mit den Farbwerken
Meister, Lucius & Briining in Hochst a. M. und griindete spater ein eigenes
Unternehmen, das » Behring- Werk«, Marburg, das sich spater zu der Aktien-
gesellschaft »Behringwerke« entwickelte. Von den Hochster Farbwerken
wurde ihm auf der Hone des SchloBberges ein besonderes Forschungsinstitut
errichtet, das spater (1920) den Namen »Institut fiir experimentelle Therapie
Emil von Behring* erhielt und 1920 bis 1923 von Uhlenhuth, 1923 bis 1927
von Dold geleitet wurde.
Es gait vor allem, MeB- und Prufungsmethoden fiir die Toxine und die Anti-
toxine zu schaffen. Diese grundlegenden und noch heute giiltigen Arbeit en
sind zum groBten Teil in engster Zusammenarbeit mit Paul Ehrlich (s. DBJ.
1914 — 16, S. 126 ff.), dem damaligen Direktor des Staatlichen Instituts fiir
experimentelle Therapie in Berlin-Steglitz, spater in Frankfurt a. M., ent-
standen. Neben diesen, dem weiteren Ausbau seiner Heilserumbehandlung
dienenden Forschungen nahm B. ein neues wichtiges Gebiet, die Frage der
Heilung und Verhiitung der Tuberkulose in Angriff. Die materiellen Vorteile,
die ihm aus seinen praktisch so bedeutungsvollen Entdeckungen zuflossen,
24 *9i7
lieB er seinen viel Geld verschlingenden neuen Arbeiten namentlich auf dem
Gebiet der Tuberkulose zugute kommen. Zuerst sahes aus, als ob es auch auf
diesem Gebiete B. gelingen wiirde, einen groBen Sieg zu erringen. B. hatte die
Hoffnung, auch bei der Tuberkulose wie bei der Diphtheric und beim Tetanus
eine ubertragbare Giftimmunitat erreichen zu konnen. Da das Tuberkulin
sich fur diesen Zweck als zu wenig wirksam envies, trachtete B. danach, starker
wirksame Gifte aus den Tuberkelbazillen zu gewinnen. Und in der Tat konnte
er Stoffe aus den Tuberkelbazillen extrahieren, die um ein Vieltausend-
faches giftiger waren als das Alttuberkulin. Leider gelang es aber auch mit
so hochwirksamen Giften nicht, kraftige und praktisch brauchbare Heilsera
zu erhalten. Nach diesem Fehlschlag wandte sich B. dem alten Pasteurschen
Immunisierungsprinzip, Erzielung einer Immunitat gegen virulente Bak-
terien durch Einverleibung der geschwachten Bakterien der gleichen Art, zu.
Im Gegensatz zu Robert Koch, der die Tuberkelbazillen des Menschen als
von den Perlsuchtbazillen (Tuberkelbazillen des Rindes) artverschieden er-
klart hatte, war B. zu der Auffassung gekommen, daB es sich hier nur um
Varietaten derselben Art mit verschiedener Virulenz handele, und daB der
sogenannte Typus humanus ein Tuberkelbazillus von geringerer Virulenz sei.
Er versuchte darum, das Rind mit Tuberkelbazillen vom Typus humanus
gegen die Perlsucht zu immunisieren. Im Jahre 1901 trat B. mit seinem neuen
Tuberkuloseschutzstoff fiir Rinder, dem »Bovovakzin« hervor, nachdem er
zunachst im Kleinen, dann im GroBen das Verfahren mit sehr gutem Erfolge
erprobt hatte. Wieder horchte die Welt auf, und ahnlich wie nach der Ent-
deckung des Tuberkelbazillus und des Tuberkulins durch Robert Koch ging
eine gewaltige Woge der Hoffnung durch die Menschheit. Aber wie damals
blieb auch diesmal der Riickschlag nicht aus. Die ubertriebenen Hoffnungen
konnten sich nicht erfullen. Teils weil bei den Nachpriifungen die Erfolge nicht
so offenkundig waren, wie man erwartet hatte, teils weil in den maBgebenden
Kreisen der Veterinarmedizin die Befreiung unserer Rinderbestande auf einem
anderen, veterinarpolizeilichem Wege, durch das sogenannte Tuberkulose-
tilgungsverfahren, angestrebt und die B.sche Methode der Schutzimpfung
stark befehdet wurde, flaute das Interesse fiir das neue Verfahren bald wieder
ab, und das Gefiihl der Enttauschung verdunkelte die groBe Bedeutung der
auch hier wieder von B. gemachten wichtigen Entdeckung: daB der einmal
tuberkulos infizierte Organismus durch diese Infektion eine betrachtliche
Immunitat gegen diese Krankheit erwerben kann und daB diese sogenannte
Infektionsimmunitat fiir den Verlauf der einzelnen Erkrankung sowohl
als auch fiir die Epidemiologic der Tuberkulose von der groBten Bedeu-
tung ist.
Die Enttauschung liber die Nichtanerkennung seiner Auffassungen iiber
Tuberkulose mag mit dazu beigetragen haben, daB sein Gesundheitszustand
in den folgenden Jahren viel zu wiinschen iibrig lieB und ihn ofters zwang,
die Arbeit, die er so sehr liebte, zu unterbrechen und Erholung zu suchen
auf Reisen und besonders in Italien, wo er in Capri ein Besitztum hatte.
Zuruckgekehrt und wieder im Besitz seiner Arbeitskraft griff er ein neues
Problem auf, das ankniipfte an seine ersten Entdeckungen. Bei dem Diphtherie-
heilserum handelt es sich um Antitoxine, die im Organismus von Tieren (Pfer-
den) gebildet und im Bedarfsfall dann dem kranken Menschen einverleibt
Behring 25
werden. Diese an artfremdes EiweiB gebundenen passiv ubertragenen Anti-
toxine werden aber bald wieder ausgeschieden. Um einen Schutz von langerer
Dauer zu erzielen, versuchte B. durch Einverleibung eines feinabgestimmten
Gemisches von Diphtherietoxin und -antitoxin eine aktive Immunisierung
des Menschen und besonders der Kinder zu erreichen. Das Toxin, das in dem
Toxin-Antitoxin-Gemisch zunachst gebunden ist, wird langsam wieder abge-
spalten und ruft eine allmahliche Antitoxinbildung im menschlichen Korper
hervor, die dem betreffenden Individuum eine praktisch furs Leben aus-
reichende Immunitat gegen Diphtherie verleiht.
Dieses sogenannte T.-A.-Verfahxen hat wahrend des Weltkrieges und nach-
her im Auslande, besonders in Amerika durch die verdienstvollen Arbeiten
von Park und seiner Schule, und in den letzten Jahren auch in Deutschland
mehr und mehr Eingang gefunden und wird allgemein als ein groBer Erfolg
B.s und als ein wertvolles Mittel im Kampfe gegen die morderische Volks-
seuche der Diphtherie anerkannt.
Der Weltkrieg, dessen ersten Jahre B. noch erlebte, brachte ihm noch die
groBe Genugtuung und Freude, die wunderbare Wirkung seines Tetanus-
serums bei prophylaktischer Anwendung erleben zu diirfen. Das Tetanus-
serum zeigt, bei der einmal ausgebrochenen Krankheit angewandt, meist eine
nur geringe Heilwirkung, weil das Tetanusgift sich zu schnell und zu fest am
Nervensystem verankert. Aber als Prophylaktikum gegeben, unterdriickt
es die Tetanusinfektion im Keime. GroB war die Sterblichkeit an Tetanus in
den ersten Kriegswochen, ehe die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer
systematischen Schutzimpfung gegen den Wundstarrkrampf durchgedrungen
und dann geniigend Tetanusserum beschafft war. Von da ab verlor der Wund-
starrkrampf fur die Verwundeten seinen Schrecken. Vielen Hunderttausenden
von Soldaten aller Nationen hat B.s Entdeckung das Leben gerettet.
Aber in diesen Jahren des Krieges, dessen Ausgang B. sorgenvoll entgegen-
sah, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand mehr und mehr, und am
13. Marz 1917 schloB Emil v. B. die Augen fur immer. An seiner Bahre trauer-
ten die Gattin und sechs Sonne, die Universitat und die Stadt Marburg, deren
Ehrenbiirger er war, die deutsche arztliche Wissenschaft, die einen ihrer
GroBten verloren hatte.
B.s groBe Bedeutung fiir die Medizin liegt darin, daB er zu einer Zeit, da
Virchows Zellularpathologie noch das ganze Denken der arztlichen Welt
allmachtig beherrschte, die Einseitigkeit und Unzulanglichkeit dieser Betrach-
tungsweise erkannte. Mit der Entdeckung der vom lebenden Organismus
erzeugten spezifischen Antitoxine war die groBe Bedeutung humoralpatho-
logischer Vorgange fiir Krankheit, Leben und Tod unzweideutig und weithin
sichtbar demonstriert. So wurde B. der Begriinder der Heilserumtherapie
als Heilmethode und der Schopfer der praktisch auBerordentlich wertvollen
Schutz-und Heilverfahren bei der Diphtherie und beim Wundstarrkrampf.
Und auch auf dem Gebiete der Tuberkulose sind seine Arbeiten nicht umsonst
gewesen: Sein auf der sogenannten Infektionsimmunitat sich aufbauendes
Schutzimpfungsverfahren ist eine der groBten wissenschaftlichen Leistungen
auf diesem Gebiet, und wir sind trotz intensivster Forschungsarbeit bei der
Tuberkulose nicht liber dieses B.sche Immunisierungsprinzip : Immunitat
durch Infektion, hinausgekommen.
26 19 17
B. war eine mit seltener Energie geladene Natur, eine eigensinnige, eigen-
willige, ganz auf sich selbst stehende Personlichkeit voll zaher Kraft. Kampf
war sein Leben. Und sein ward der Sieg. Er hat den Ruhm seiner Taten er-
leben dtirfen. Ehrungen durch in- und auslandische Universitaten und gelehrte
Gesellschaften, durch Fiirsten und Regierungen, Titel, Orden, Ernennung
zum Ehrenbiirger der Stadt Marburg, Erhebung in den erblichen Adelstand
wurden ihm zuteil. Und als arn 4. Dezember 19 15 sich der Tag, an dem das
Diphtherieserum der Offentlichkeit bekanntgegeben worden war, zum funf-
undzwanzigsten Male jahrte, wurde auf Anordnung des preuBischen Kultus-
ministers die Biiste Emil v. B.s im Treppenhause des Hygienischen Institutes
der Universitat Marburg aufgestellt. GroB und stark war der Eindruck, den
B. bei alien Marburgern Fakultatsmitgliedern seiner Zeit hinterlassen hat.
Gustav v. Bergmann hat es in der Chronik der Universitat Marburg nieder-
geschrieben :
»Wir sehen in B. ein Leben als Anspannung aller Krafte, Kampf bis zuletzt;
geworfen, erhob er sich noch einmal, urn unter Qualen zu sterben. Das Bild
ist zu groB, um auf kleine Fragen zu antworten: Was sagen die Studenten,
was sagen die Kollegen? Wer ihm wirklich nahe stand, es mogen auBer Frau
und Kindern nicht sehr viele gewesen sein, verehrte, liebte ihn . . . Mogen
die anderen, die drauBen standen, nur eines fiihlen: er war auf einem groBen
Gebiet der Wissenschaft, das geradezu sein Gebiet genannt werden darf,
gigantisch wie ein Naturphanomen, das man erleben soil jenseits von Liebe
und HaB. Dimensionen fiihlen, auch unter Zeitgenossen, das geniigt.«
Iviteratur: Eine vollstandige Zusatnmenstellung der zahlreichen Veroffentlichungen
Emil v. Behrings ist vom Verfasser in der Gedenkschrif t : In memoriam Paul Ehrlich und
E. v. Behring zur 70. Wiederkehr ihrer Geburtstage 14./15. Marz 1924, Frankfurt a. M.,
geliefert worden. Es diirfte desvvegen geniigen, wenn hier nur einige der wichtigsten Arbei-
ten B.s aufgefiihrt werden, im iibrigen aber auf diese an anderer Stelle erschienene voll-
standige Bibliographic hingewiesen wird. — B.und Kitasato, Uber das Zustandekommen
der Diphtherie-Immunitat und der Tetanus-Immunitat, Deutsche Medizinische Wochen-
schrift 1890, Nr. 49. — E. B., Untersuchungen iiber das Zustandekommen der Diphtherie-
Immunitat bei Tieren, ebenda 1890, Nr. 50. B. und Wernicke, t)ber Immunisierung und
Heilung von Versuchstieren bei der Diphtheric Zeitschrift f . Hygiene und Infektionskrank-
heitenBd. 12, 1892. — E. B., Zur Diphtherieheilungsfrage, Deutsche Medizinische Wochen-
schrift 1894, Nr. 15 — -17. — E. B. und P. Ehrlich, Zur Diphtherie-Immunisierungs- und
Heilungsfrage, ebenda 1894, Nr. 20. — E- B. und Boer, Oberdie quantitative Bestimmung
von Diphtherieantitoxinlosungen, ebenda 1894, Nr. 21. — E. B.und Ransom, Uber Te-
tanusgift und Tetanusantitoxin, ebenda 1898, Nr. 12. — B., Ransom und Kitashima,
ITber Tetanusgiftmodifikationen, Fortschritte der Medizin, 1899, Bd. 17, Nr. 21. — B.,
Ransom und Kitashima, t)berdie quantitativen Bindungsverhaltnisse zwischen Tetanus-
gift und Tetanusantitoxin im lebenden Meerschweinchenkorper, ebenda 1899, Bd. 17,
Nr. 22. — B., Ober die Artgleichheit der vom Menschen und der vom Rinde stammenden
Tuberkelbazillen und die Tuberkuloseimmunisierung von Rindern, Wiener Klinische
Wochenschrift 1903, Nr. 12. — E. B., Uber Lungenschwindsuchtentstehung und Tuber-
kulosebekampfung, Deutsche Med. Wochenschrift 1903, Nr. 39. — E. B., Die Bekampfung
der Rindertuberkulose mit Bovovakzin und Tauruman, Vortrag 14. Marz 1907. Arch, des
Deutschen I,andwirtschaftsrates 1907, Bd. 31. — E. v. B. DbereinneuesDiphtherieschutz-
mittel, Deutsche Med. Wochenschrift, 191 3, Nr. 19.
Berlin-Dahlem.
Hermann Dold.
Behring. Bettinger 27
Bettinger, Franz v., Kardinal der romischen Kirche und Erzbischof von
Miinchen-Freising, Doktor der Theologie, * am 17. September 1850 in Land-
stuhl (Rheinpfalz), f am 12. April 1917 in Munchen. — Kardinal B. entstammte
einfachen Biirgerverhaltnissen. Sein Vater war ein ehrsamer und biederer
Schmiedemeister in Landstuhl, verheiratet mit einer Tochter des ortsansassigen
Mullers der Felsenmiihle. Der allzeit gliicklichen Ehe entsprossen neun Kinder,
von denen zwei friih starben. Ihrem zweiten Kinde und ersten Sohne gaben
die Eltern den Vornamen des Vaters. Uber dem kraftigen SproBling lachte der
helle Sonnenschein eines vorbildlich schonen Ehe- und Familienlebens, von
dem die schwere Handearbeit des Mannes, das hauswirtschaftliche Verstandnis
und der rastlose FleiB der Frau, die Geniigsamkeit und Sparsamkeit beider
ernste Not fernzuhalten wuBten. Unter den warmen Strahlen gediehen des
Knaben gesunder Korper und klarer Verstand, sowie die pfalzischen Natur-
gaben geistiger Lebhaftigkeit und heiteren Gemiites. Was die Eltern und das
Elternhaus, in dem christliche Sitte und lebenstatiger Katholizismus wohnten,
dem Sohne in der Jugend geboten haben, ward von diesem nie vergessen.
Seiner Dankbarkeit durfte er, in selbstandige Berufsstellung gelangt, dadurch
freudigen Ausdruck verleihen, daB er den Vater und die Mutter bis zu ihrem
Tode in seinem Hausstande vor den Sorgen des Alters schiitzte.
Die vorziiglichen Geistesanlagen Franz B.s wurden in der Volksschule seiner
Heimat sehr bald als hervorstechend erkannt. I^ehrer und Erzieher rieten zum
Studium. Geistliche Gonner, die Ortskaplane Gumbinger und Stadtmiiller er-
teilten nacheinander den Vorbereitungsunterricht zum Eintritt in das acht-
klassige humanistische Gymnasium zu Speyer. Die Aufnahme in dieses erfolgte
zugleich mit der in das bischofliche Konvikt im Herbste 1864. Nach glanzend
bestandener Reifepriifung begann der Absolvent im Herbst 1869 das Fach-
studium fiir den langst nach reiflicher Uberlegung frei und fest erwahlten
Priesterberuf mit der Philosophic an dem damals noch bestehenden, um
Ostern 1880 aufgehobenen koniglichen Lyzeum zu Speyer. Die nachsten zwei
Jahre 1870 — 1872 gehorten dem Studium der katholischen Theologie an den
Universitaten Innsbruck und Wiirzburg. In jener Zeit konnten die Theologie-
kandidaten die zwei bis drei ersten akademischen Studienjahre noch auBerhalb
eines Konviktes oder Seminars zubringen. B. beniitzte die gegebene Freiheit
einmal, um neben den Beruf sstudien Einblick in andere Wissenschaf ten zu ge-
winnen, das geistige Sehfeld zu erweitern und an freien Tagen die herrliche
Natur in der Umgebung der Musenstadte, Land und Leute auf Wanderungen
kennen zu lernen, dann zum AnschluB an Studentenkorporationen und zu
regster Tatigkeit in denselben wie fiir sie. Es war mehr denn ein gesellschaft-
licher Akt, es war die glaubensmutige Ubernahme eines katholischen und
deutschen Lebensprogrammes der Tat als der j unge Akademiker in Tirols Haupt-
stadt zu Beginn des Winterhalbjahres 1870 in die unterm 9. Juni 1864 ge-
griindete katholische deutsche Studentenverbindung Austria eintrat und ein
Jahr danach in der Musenstadt am Main sich an der Stiftung der gleich-
gearteten Verbindung Markomannia maBgebend beteiligte und deren Grund-
satzen Religion, Wissenschaft und Freundschaft mit dem Wahlspruch »Furcht-
los und treu!« fiir das Leben sich verpflichtete. Den beiden Verbindungen und
dem sich stetig weitenden Verbande des »C.V.« (Cartellverband der katho-
lischen deutschen Studentenverbindungen) in alien Landern deutscher Zunge,
28 1917
die Jahrzehnte hindurch einen harten Kampf um ihr Dasein gegen nicht wenige
erbitterte Gegner zu fiihren hatten, blieb er mit tatigem Interesse treu bis zum
Tode. Franz B. machte sich den Gedanken der katholischen Universitats-
studentenverbindung schon in einer Zeit zu eigen, in der weite katholische
Laien- und Geistlichenkreise noch kein Verstandnis fiir ihre Bedeutung ge-
wonnen hatten. Sein klares Auge sah scharfer in die Gegen wart und Zukunft.
Sein starker Wille entschied sich fiir die Politik der Tat. Die Folgezeit gab ihm
recht. An der kirchlichen und offentlichen katholischen Erneuerung in den
deutschsprachigen Landern haben die katholischen Studentenverbande einen
nicht geringen Anteil. Als Priester, Erzbischof und Kardinal f reute er sich dessen
gehobenen Herzens und hiefl jede neu erstehende Vereinigung willkommen,
die sich auf die sittlich-religiose Grundlage seiner Verbindungen stellte. Ihn
erfiillte und leitete die Idee der unerschrockenen auBeren Vertretung des inner-
lich gefestigten iiberzeugungsvollen katholischen Glaubens- und Sittlichkeits-
bewuBtseins.
Die theologische Studienordnung rief den lebensfrohen, tiichtigen Hoch-
schiiler im Oktober 1872 zur wissenschaftlich-praktischen Berufsausbildung
als Alumnus in das bischofliche Klerikalseminar nach Speyer. Daselbst emp-
fing er im Laufe von zehn Monaten die Tonsur, die niederen Weihen und am
17. August 1873 im Kaiserdom die Priesterweihe. Oberhirtliche Anweisung
fiihrte den Neupriester, voll von Seelsorgeridealen, am 30. Oktober darauf als
Stadtkaplan nach Zweibriicken, als solchen dann am 12. April 1877 nach
Kaiserslautern, als Hilfspriester am 16. September 1878 nach Reichenbach, als
Pfarrverweser am 17. April 1879 nach Lambsheim. Hier wurde er am 19. August
1879 Pfarrer und wirkte in diesem Amte bis ihm am 26. Juni 1888 die Pfarrei
Roxheim ubertragen wurde. Konigliche Ernennung beforderte ihn am 21. Mai
1895 zum Domkapitular in Speyer, woselbst ihm auch die Verwaltung der
Dom- und Stadtpfarrei anvertraut wurde, am 24. Januar 1909 zum Domdekan
ebenda und auf Grund des bayerischen Konkordates unterm 23. Mai 1909 zum
Erzbischof von Munchen und Freising. Die papstliche Prakonisation erfolgte
am 26. Juni 1909 durch Konsistorialdekret, die Bischofskonsekration und
Inthronisation in der Metropolitankirche zu Unserer Iyieben Frau in Munchen
am 15. August 1909, kurz danach die Bekleidung mit dem Pallium. EinigeZeit
vorher hatte dem ernannten Erzbischofe die theologische Fakultat Munchen
den Doktortitel verliehen. Mit der Besitzergreifung des erzbischoflichen Amtes
war nach der bayerischen Verfassung vom 26. Mai 18 18 der Eintritt in die
Kammer der Reichsrate und das Recht auf den Anredetitel Exzellenz verbun-
den. Die konigliche Erteilung des Verdienstordens der bayerischen Krone gab
nach der Verfassungsurkunde den personlichen Adel mit dem Pradikate »von«.
Papst Pius X. kreierte den Erzbischof Dr. Franz v. B. im geheimen Konsisto-
rium vom 25. Mai 1914 zum Kardinalpriester der heiligen romischen Kirche
mit dem Titel S. Marcelli von Rom, iiberreichte ihm am 28. Mai im offentlichen
Konsistorium den Kardinalshut und wies ihn den Kongregationen der Sakra-
mente und Riten zu. Nach dem Tode des Papstes Pius X. zog Kardinal B. am
31. August 1914 in das Konklave im Vatikan ein und nahm an der Papstwahl
teil, aus der am 3. September Kardinal Jakobus della Chiesa als Benedikt XV.
hervorging. Verschiedentlich trat in der Presse des In- und Auslandes die Be-
hauptung auf, die Wahl dieses vortrefflichen, der schweren Kriegszeitlage als
Bettinger 29
gewachsen bewahrten Tragers der Tiara verdanke die katholische Welt dem
Miinchener Kardinal, der im Konklave zuerst auf ihn hingewiesen habe und
mit Eifer und Geschick fur seine Erhebung eingetreten sei. B. sprach nie ein
Wort hieriiber. Das Siegel seines Mundes und sein Wahleid blieben stets un-
verletzt. Einer spateren Geschichtschreibung mag es vorbehalten sein, aus
Geheimakten die Wahrheit zu offenbaren. Etwas ist aber an der Behauptung
zutreffend und erklart vielleicht ihre Entstehung, das namlich, daB der diplo-
matische Akt bei der nieht unschwierigen Papstwahl dem Wesen Kardinal B.s
nicht fremd gewesen ware. Bewies doch der Mann von Jugend auf einen auBer-
ordentlich scharfen Wirklichkeitssinn und piaktischen Blick fiir alles, was die
schwebende Stunde heischte. Das unverriickbare EbenmaB seines rasch auf-
fassenden und tief schurfenden Verstandes, wie seines zielbewuBten, zah, aber
unauff allig und nie verletzend schaffenden Willens brachte ihm bis zum letzten
Augenblicke des nahezu 67Jahrigen Lebens den reichsten Berufserfolg ein, er-
wirkte die auf richtige Hochachtung aller Stande und Gesellschaftsklassen ohne
Unterschied der Konfession und Weltauffassung vor seiner Wiirde und Person,
sicherte ihm die vertrauensvolle Hingebung und Verehrung von Klerus und
Volk und befestigte die treue Freundschaft von Nahestehenden, Studien-
genossen und Amtsbriidern. Der Zauber und das Geheimnis der Kraft seiner
Personlichkeit hatten ihren psychologischen Grund. B.s groBe Seele ankerte
in einem unerschiitterlichen, mannlich starken, jeder Gefahr und Versuchung
trotzenden Glauben an Gott und Kirche, in einer ererbten bodenstandigen,
echten, kindlichen Frommigkeit und einer streng gepflegten, niemals irgendwie
getriibten Sittlichkeit. All das verlieh seinem Leben und Wirken eine anziehende
und eindrucksvolle Ruhe und Sicherheit. Unterstiitzt wurde die Wirkung seines
festen Charakters durch eine hohe und breite Korpergestalt, deren schones
GleichmaB und elastischer Schwung die Harmonie der inneren Krafte wider-
spiegelte. Die hohe Stirne, vollen Ziige und lebhaften schwarzen Augen offen-
barten Milde und Wiirde, urwiichsige Geradheit und Ehrlichkeit, Kraft und
Giite und lieBen eine naturliche, hinter vornehmer Zuriickhaltung und Selbst-
beherrschung durchbrechende Lebensheiterkeit als Grundstimmung erkennen.
Frohliche sah er gern und liebte freundliche Erholungsplauderei am Abend
nach getaner Arbeit. Unmittelbarer, ungezwungener Verkehr war ihm Bediirf-
nis. Aus ihm schopfte er tiefe Menschenkenntnis und gewann griindlichen Ein-
blick in die jeweiligen Verhaltnisse und verlassiges Urteil iiber das zu tun Not-
wendige oder Vorteilhafte. Die Tiire des Dorf- und Dompfarrhauses stand jedem
Rat- und Hilfsbediirftigen offen und durch das Portal des erzbischoflichen
Palastes flutete ein groBer Verkehr. Als Kirchenfiirst freute sich B. auf die all-
jahrlichen Firmungs-, Visitations- und anderen Dienstreisen in seinem Sprengel,
weil er Klerus, Volk und Land genauer kennenlernen und mit seinem feinen
Natursinn die landschaftlichen Schonheiten genieBen wollte. Im Verkehr mit
dem Volke fuhlte er sich gliicklich und den Armen spendete er materiell fast
iiber seine Mittel. Er war ein Volksbischof im besten Sinne des Wortes. Nur
Boswillige konnten dem Wahn verf alien, dieser Eigenschaft eine politisch an-
nichige Bedeutung unterzuschieben. Seinem Konig und Land, Kaiser und
Reich wahrte er stets unentwegte ehrliche Treue. Im Leben und nach dem Tode
ward ihm hieriiber das beste autoritative und authentische Zeugnis ausgestellt.
Was er in der Zeit des Volkerkrieges fiir das Vaterland im Felde und in der
30 1917
Heimat geleistet, laBt in einem kleinen Ausschnitt der Lichtkegel schauen, den
das Biichlein »Im Purpur bei den Feldgrauen« von M. Buchberger (5. — 7. Aufl.
Kosel, Kempten-Miinchen 1917) gibt.
Man nannte B. oft ein »Verwaltungsgenie« und » seine Laufbahn die des
reinen Praktikers«. Zweifellos war er stark auf dem gemeinten Gebiete und hat
Bedeutendes geleistet. Ein Mann der Tat, voll Kraft und Leben, nicht trockener
Btichergelehrsamkeit bei allem Interesse f iir Iyiteratur, Wissenschaft und Kunst
— wissenschaftlich-literarisch trat er niemals hervor — setzte sich sein Talent
in der Welt von selbst durch, anspruchslos wirkend, gewissenhaft die zuge-
wiesene Pflicht erfiillend und zuf rieden mit dem auferlegten Amte, ohne eigene
Bemiihung und Bewerbung emporgetragen aus der Handwerkerhiitte in den
hochsten Rat der Weltkirche. In den von ihm geleiteten Landpfarreien be-
standen Ordnung und gute Sitten, herrschten streng katholischer Geist und
friedliches Zusammenleben mit Andersglaubigen. Seine Fachkenntnisse und
Erfahrungen im Volksschulwesen veranlaBten die Staatsbehorden, ihn zum
Distriktsschulinspektor zu ernennen, als welcher er sich sehr verdient machte.
In Speyer weckte der Dompfarrer reges Leben in der Pfarrgemeinde, gab dem
Vereinsleben machtigen Antrieb, beforderte den inzwischen verwirklichten Ge-
danken einer zweiten Stadtpfarrei und den Bau der St. Josephskirche und
griindete unter geschickter Uberwindung mancher Widerstande das Kranken-
haus St. Vinzentiusstift. Im Domkapitel war er gleichzeitig als Schulreferent
und Offizial tatig. Miinchen verdankt dem Kardinal und Erzbischof den Aus-
bau der Seelsorge in der rasch emporgewachsenen Haupt- und Residenzstadt,
mit deren Entwicklung die kirchlichen Einrichtungen nicht Schritt gehalten
hatten, die Anregung zur Hebung der Not an Kirchen in der Peripherie, die Er-
richtung neuer Pf arreien und Expositurbezirke mit entsprechenden Seelsorger-
stellen, die Schaffung der Gesamtkirchengemeinde, die Erweiterung und Be-
seelung des katholischen Vereinslebens, die Belebung und Bekraftigung des
nach innen und aufien tatigen Katholizismus. Nichts weniger als eine Kampf-
natur, vielmehr friedlich und versohnlich in seinem ganzen Wesen bevorzugte
er in seinem Wirken das freie Wort und offene Bekenntnis, besafi Mut und
Kraft, mit ritterlichen Waffen auf den Plan zu treten, wenn es gait, die hei-
ligsten Giiter gegen frevle Angriffe zu verteidigen. Mit apostolischer Uner-
schrockenheit trat er in seinem ersten Hirtenbrief am 17. August 1909 dem
Unglauben entgegen, wandte sich im Sendschreiben vom 28. Oktober gleichen
Jahres gegen die Angriffe auf die Religion, die Kirche und das Papsttum, nahm
in der groCen Protestversammlung der Munchener Katholiken das Wort gegen
die kirchenfeindliche Presse und hielt als Reichsrat eindrucksvolle Reden im
bayerischen Standehaus, so am 30. Mai 19 12 zur Frage der Aufhebung des
Jesuitengesetzes vom 4. Juli 1872.
Kardinal B. war ein geborener Fiihrer. GroBe Strategen sind Schweiger und
gute Taktik entquillt ruhiger Uberlegung. Diese Fiihrereigenschaften waren
ihm eigen und trugen manch schonen Erfolg ein. Er, der von den Jugend-
studien an die Rede und das Wort meisterte, einen gewandten fesselnden Stil
schrieb, frei von Phrasen und Wortgedrechsel in kernigen Satzen der Wahrheit
und dem Rechte Ausdruck verlieh, konnte schweigen wie das Grab, wenn es
sich um neue Plane handelte, wuBte zu dirigieren, ohne von anderen am Diri-
gentenpult gesehen zu werden, verstand ohne Laut und Larm zu organisieren
Bettinger. Bezzel 3 1
und umzugruppieren, die richtigen Unterfiihrer auszusuchen und an die rechten
Platze zu stellen. Man sah ihn nicht, man fiihlte ihn aber.
Gro.Be Menschen sterben in den Sielen. Am Donnerstag nach Ostern, 12. April
1917, wurde er durch einen Schlaganfall aus seinem segensreichen Arbeitsfelde
jah herausgerissen imd von der Hohe beruflicher Leistungskraft abgerufen.
Zwei Kunstschopfungen des Miinchener akademischen Bildhauers August
Weckbecker, eine plastische Biiste, aufgestellt im Historischen Museum der
Stadt Miinchen, und ein Standbild, aus rotem Untersberger Marmor gehauen,
den Kardinal in der Amtsgewandung mit dem roten Hute wiedergebend, am
Eckpfeiler der rechten Chorseite der Frauenkirche angebracht, erhalten die Er-
innerung an das korperliche Bild und den groBen Geist des Verewigten.
Literatur: Kardinal Dr. v. B.s jahrliche Hirtenbriefe (Amtsblatt fur die Erzdiozese
Miinchen und Freising 1909— 1917). — Lebensskizzen: Trauerrede von Domdekan
Sebastian Huber (Amtsblatt Beilage 2 vom 25. April 191 7). — August Knecht, Kardinal
v. B. zum verehrungsvoll treuen Gedachtnis (Akademia, Berlin, Germania 191 7, Nr. 59
bis 64). — M. Buchberger, Im Purpur bei den Feldgrauen. Kempten-Miinchen 191 7. —
Heimgang Sr. Em. des hochwiirdigen Herrn Kardinals und Erzbischofs Franziskus v. B.
(Schematismus der Geistlichkeit des Erzbistums Miinchen und Freising fiir das Jahr 1918,
S. 279 — 286). — Konrad Graf von Preysing, Kardinal Bettinger, nach personlichen
Erinneningen. Regensbuxg 1918.
Miinchen. August Knecht.
Bezzel, Hermann, Ritter v., Prasident des kgl. prot. Oberkonsistoriums in
Miinchen, * am 18. Mai 1861 in Wald bei Gunzenhausen, f am 8. Juni 1917 in
Miinchen. — Einem alten Pfarrgeschlechte entstammend, in dem die Reihe
der Trager des geistl. Amtes seit dem Jahr 1681 nie unterbrochen war, erblickte
Hermann B., der Erstgeborene unter 12 Geschwistern, das Licht der Welt zu
Wald, einem Pfarrdorf im Altmuhltal bei Gunzenhausen in Bayern, als Sohn
des dortigen Pfarrers Georg Ludwig B. und seiner Ehefrau Emma, geb. Frauen-
knecht, Stadtschreiberstochter von Gunzenhausen. Unter der eisernen Zucht
des gestrengen Vaters, von dem er nicht bloB die hohe Statur, sondern auch den
scharfen Verstand und das phanomenale Gedachtnis geerbt hatte, unter der
freundlichen Obhut der frommen, feingebildeten Mutter, der er sein tiefes Ge-
miit und mitfiihlendes Herz zu verdanken hatte, wuchs er heran. Schon in
seiner Kinderzeit trat an ihm ein auflergewohnlicher Ernst zutage, den seine
Geschwister in manchem Wort scharfer Zurechtweisung zu fiihlen bekamen.
Im Jahre 1872 bezog er das humanistische Gymnasium zu Ansbach, wo ihm
besonders die ersten Jahre viel Kummer und Herzeleid brachten. Das Abso-
lutorium (1879) aDer bestand er als einer der Besten, in manchen Fachern als
der Beste, schwach nur in der Mathematik, fiir die er wenig begabt gewesen zu
sein scheint. In seine Gymnasialzeit fiel ein bedeutungsvoller Wendepunkt fiir
seine innere Entwicklung infolge des friihen Todes der geliebten Mutter.
Seine Universitatsjahre von 1879 — 1883 verbrachte B. nur in Erlangen, wo
er, dem Wunsche des Vaters und seiner eigenen Neigung f olgend, Philologie und
Theologie studierte. Als Mitglied der Burschenschaft Bubenruthia, der er sein
ganzes Leben hindurch die Treue hielt, verstand er es, die pflichtmafiige Teil-
nahme an den studentischen Zusammenkiinften und Festlichkeiten reibungslos
zu verbinden mit regelmaCigem Kollegienbesuch. Fiir studentische Ausge-
32 1917
lassenheit hatte er keinen Sinn, wohl aber fur Humor und Satire. Bei seinen
Bundesbriidern durfte er sich wegen seines wiirdevollen Auftretens, seines be-
stimmten oft auch scharfen Urteils und seines energischen, zielbewuBten Han-
delns allgemeiner Hochachtung erfreuen, wenn er auch nicht von alien geliebt
wurde. Unter seinen akademischen Lehrern waren es vor allem die Philologen
Iwan Muller und August Luchs, die Theologen Hof mann, den er allerdings nicht
mehr personlich gehort, sondern nur studiert hat, Frank, Zezschwitz, Zahn und
Hauck, deren er Zeit seines Lebens in dankbarster Verehrung gedachte. Schon
nach drei Jahren (1882) unterzog er sich mit recht gutem Erfolg dem ersten
philologischen Examen, wahrend er das erste theologische Examen erst im
Jahre 1884 ablegte. Nach seinem Abgang von der Universitat Erlangen folgten
nun die Jahre seiner beruflichen Wirksamkeit, die ihn immer mehr in die breite
Offentlichkeit stellte und seinen Namen weithin bekannt machten.
Drei Lebensabschnitte sind es, die wir hier ins Auge zu f assen haben : 1 . S e i n e
Regensburger Zeit (1883 — 1891). Herbst 1883 wurde er zum Assistenten
an dem alten Gymnasium in Regensburg ernannt, wo ihn der streng katholische
Rektor Seitz, der bis zu seinem Tode mit ihm im brieflichen Verkehr stand,
hochschatzen lernte, seine Schiiler mit ehrfurchtiger Bewunderung zu dem
kenntnisreichen Lehrer und energischen Erzieher, der nicht nur an sie, sondern
auch an sich selbst hochste Anforderungen stellte, emporblickten. September
1884 wurde ihm vom VerwaltungsausschuB des protstantischen Alumneums
die erledigte Inspektorstelle iibertragen, die ihm Gelegenheit bot, diese etwas
heruntergekommene und in Verruf geratene Anstalt wieder zu heben und nach
seinen Erziehungsgrundsatzen umzugestalten. Strenge Zucht iibend, die aber
keineswegs in engherzigen Rigorismus ausartete, sondern sich auch offen hielt
fiir jugendliche Frohlichkeit, wuBte er seine Zoglinge anzuregen fiir die pflicht-
maBigen Arbeiten in der Schule und dariiber hinaus auch noch fiir eigene
Studien. Ein neues Wirkungsfeld fiir religiose Beeinflussung tat sich ihm auf ,
als er zur Erteilung des protestantischen Religionsunterrichts am neuen Gym-
nasium berufen wurde. Trotz dieses dreifachen Amtes brachte er in Regensburg
auch noch die Zeit und Kraft auf, sich den phil. Doktorgrad zu erwerben mit
einer Dissertation iiber ?>Conjecturae Diodoreaea, mit Predigten auszuhelfen
auch in der Diaspora und im Jahre 1890 seine theologische Anstellungspriifung
zu machen, bei der er durch seine in der St. Johanniskirche in Ansbach ge-
haltene Examenspredigt auffiel.
2. Seine Neuendettelsauer Zeit (1891 — 1909). Schon wahrend seiner
Regensburger Zeit war Neuendettelsau, die Griindung Lohes, in seinen Ge-
sichtskreis getreten, durch den Verkehr mit hier stationierten Diakonissen und
durch etliche Besuche, die er den dortigen Anstalten abstattete, so in den
Herbstferien 1888, wo Neuendettelsaus Gottesdienste mit den reichen Schatzen
altkirchlicher und altlutherischer Tradition einen tiefen Eindruck auf ihn
machten. Diese, wenn auch noch ganz losen Beziehungen waren der AnlaB,
dafl er am 18. August 1891 nach dem Tode Meyers, Lohes unmittelbaren Nach-
folgers, zum Rektor der dortigen Diakonissenanstalt gewahlt wurde. Erst in
dieser Stellung konnten sich nun seine reichen Gaben und Fahigkeiten in vollem
MaBe entfalten und auswirken. Achtzehn Jahre hindurch hat er, ohne auch nur
ein einziges Mai Ferien zu machen oder sich eine Erholungsreise zu gestatten,
nach der Versicherung seines Nachfolgers D. W. Eichhorn, die Arbeit von zwei
Bezzel
33
vollauf beschaftigten Mannern geleistet, und das nicht in auBerlicher Viel-
geschaftigkeit, sondern aus innerster religioser Willenshingabe. Neben den
eigentlichen Verwaltungsgeschaften erforderte viel Zeit und Kraft auch seine
reichbemessene Predigttatigkeit und der wahrend der Vorbereitung auf die
Konfirmation in weit iiber zwanzig Wochenstunden erteilte Unterricht. Dazu
kamen die vielen Besuche von seiten der das Mutterhaus aufsuchenden
Schwestern, die seelsorgerlichen Beratungen in gelegentlichen Aussprachen, fiir
die er immer Zeit hatte und in der Einzelbeichte, die von Lohes Tagen her in
Neuendettelsau fleiBig begehrt wird. Auch die Beitrage in dem von ihm re-
digierten, alle Monate erscheinenden Korrespondenzblatt fiir Diakonissen ent-
stammen fast alle seiner eigenen Feder. In seinen, theologischen Vorlesungen
gleichenden Einsegnungsunterrichten stellte er an seine Horerinnen nicht geringe
Anforderungen, wie das ganz besonders sein im Jahre 192 1 auch ira Druck er-
schienener Einsegnungsunterricht, »Der Knecht Gottes« beweist, dem auch fiir
die Geschichte der Theologie eine bleibende Bedeutung zukommen wird, da
hier B.s theologischer Lieblingsgedanke, der Gedanke der gottlichen Kondeszen-
denz, besonders deutlich in die Augen fallt. Das auBere Wachstum des Neuen-
dettelsauer Werkes forderte er durch mancherlei Erweiterungen und verschie-
dene Neugriindungen (Bruckberg, Himmelkron, Obernzenn). Besonders am
Herzen lag ihm auch die Ausgestaltung des Schulwesens, das er im innern Be-
trieb mit den staatlichen Forderungen in Einklang zu bringen suchte, nach
auBen durch die Griindung einer hoheren Madchenschule in Niirnberg (1901),
die immer mehr vergroBert werden muBte, des Lehrerinnenseminars und der
kleineren Seminare fiir Handarbeit in Himmelkron und fiir Kindergartnerinnen
in Neuendettelsau ausbaute. Daneben diente er auch schon damals in der Nahe
und Feme auch noch mit Predigten und Vortragen, fiir die er eine sonderliche
Begabung hatte, und verfaBte auch noch manche Betrachtungen und manche
Artikel fiir allerlei Zeitschriften, besonders fiir den »AltenGlauben«, aberauch
fiir die »Allgemeine evang.-luther. Kirchenzeitung«. Auch das Verdienst darf
ihm, den am 10. November 1904 auch die Erlanger theol. Fakultat durch die
Verleihung des Dr. theol. geehrt hatte, zugeschrieben werden, daB unter seiner
Leitung die Spannungen zwischen Neuendettelsau und der Landeskirche, die
da und dort noch hervortreten mochten, vollig ausgeglichen wurden.
3. Seine Miinchener Zeit (1909 — 1917). Nach dem Tode Dr. Alexander
Schneiders wurde B. durch den bayerischen Kultusminister v. Wehner als der
Mann, der in den verschiedensten Teilen der bayerischen Landeskirche treff-
lich Bescheid wuBte, dem man weithin auch aus den Kreisen der Pf arrer groBes
Vertrauen entgegenbrachte, am 6. Juli 1909 zum Prasidenten des kgl. Ober-
konsistoriums ernannt und damit vom 1. August an an die Spitze der baye-
rischen evangelisch-lutherischen Landeskirche gestellt; er wurde schon 1910
zum Ritter des Verdienstordens der bayerischen Krone und damit in den per-
sonlichen Adelsstand erhoben und erhielt 1912 den Titel Exzellenz. Wohl wurde
ihm, der nicht gewohnt war, Aktenstaub zu schlucken, sondern mit lebendigen
Menschen, vor allem solchen jugendlichen Alters, umzugehen, das Eingewohnen
in den neuen Verhaltnissen, das Zusammenarbeiten mit seinen neuen Amts-
genossen im Rahmen eines Kollegiums, »wo seine Stimme nicht mehr wog als
die eines jeden Kollegialmitglieds «, nicht leicht, so daB sich sogar eine schwere
Gemutsdepression einstellte; bald aber wuBte er seine Eigenart und die ihm
DBJ 3
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verliehene Gabe nicht bureaukratisch, sondern personlich zu regieren, auch in
der neuen Stellung nach Moglichkeit durchzusetzen. Von der Mehrzahl der
Kirchenglieder, aber auch von vielen Geistlichen, wenn auch nicht von alien,
wurde gerade dieser personliche seelsorgerliche bald ernst mahnende, bald
freundlich aufmunternde Ton aufs freudigste begriiBt. Auch bei den beiden
Generalsynoden, denen er zu prasidieren hatte, der Synode zu Ansbach 1909
gleich nach seinem Amtsantritt und der zu Bayreuth 1913, war es nicht so sehr
die kundige und gewandte Geschaftsfuhrung, durch die er sich auszeichnete,
sondern der aus der Furcht Gottes geborene Ernst, mit dem er die Verhand-
lungen leitete. Fast noch mehr Anerkennung aber als in seiner Heimatkirche
wurde ihm zuteil in der deutsch-evangelischen Kirchenkonferenz, wo er nach
dem tiefen Eindruck seiner gewaltigen Eroffnungspredigt am 6. Juni 1912 in
der Kapelle der Wartburg zum 1. Vorsitzenden gewahlt wurde, und im Kirchen-
ausschuB, wo ihm die Stelle des 2. Vorsitzenden iibertragen wurde. Durch seine
SchluBpredigt in Upsala aber auf der XIII. allgemeinen evangelisch-luthe-
rischen Konferenz (191 1) durfte er auch dazu mithelfen, das Zusammenge-
horigkeitsgefiihl der lutherischen Kirche der ganzen Welt zu starken. Auch
jetzt, noch mehr als in Neuendettelsau, ubernahm er zu seiner eigentlichen
Amtstatigkeit, die auch in dieser Stellung niemals unter bloB kirchenpolitischen,
sondern stets unter hochsten letzten Gesichtspunkten ausgeiibt wurde, viel
freiwillige Arbeit. Von tiberallher wurde er zu Festpredigten begehrt und zu
Vortragen aufgef ordert ; noch mehr : er erbot sich auch selbst etwa einem ihm
bekannten Pfarrer in einer kleinen Dorfgemeinde zur Aushilfe mit einer Predigt.
In Miinchen iibte er neben seinen beruflichen Pflichten eine iiberreiche seel-
sorgerliche Tatigkeit aus und pflegte auch sehr oft zu predigen besonders in
der Kriegszeit. Dazu kam noch seine schriftstellerische Tatigkeit: in der
»Neuen kirchl. Zeitschrift« erschienen Jahr fiir Jahr seine bedeutsamen
Neujahrsartikel, in der »Allgem. ev.-luth. Kirchenzeitung* seine tiefernsten
Betrachtungen zur Einfuhrung in die Passionszeit und noch manche andere
Beitrage. Im Jahre 1916 beschenkte er seine Pfarrer mit seinem Vademecum
pastorale »Der Dienst des Pfarrers«, dem er als Anhang Betrachtungen iiber
das Hohepriesterliche Gebet Johs. 17 beigegeben hatte, ein Kapitel, das ihm
besonders teuer war. Kein Wunder, daB unter dieser Arbeitslast und bei
solchem Arbeitstempo seine schon in Neuendettelsau iiberanstrengten Krafte
vor der Zeit verbraucht wurden. Schon im Jahre 1913 hatte seine Gesundheit
einen schweren StoB erlitten durch einen Gelenkrheumatismus, der eine Herz-
schwache zuriicklieB und ihn gegen seine bisherige Gewohnheit notigte, auch
einen zweimaligen langeren Urlaub zu nehmen. Vollig gebrochen aber wurden
seine Krafte durch seine beiden Berufsreisen an die Front Marz und August
1 916, wo er in standigem raschesten Ortswechsel mit immer neuen Ansprachen
und Predigten und fortwahrenden Besuchen bei den verschiedensten Truppen-
teilen und in alien irgendwie erreichbaren Lazaretten fast ITbermenschliches
leistete. Mit verfallener Gestalt kehrte der sonst so kraftige Mann zuriick, sich
noch immer mit auBerster Anstrengung dazu auf raff end, die gewohnte Tatig-
keit fortzusetzen. Am 21. Januar 191 7 leitete er nochmals eine Sitzung seines
Kollegiums. Nun aber kamen fiir ihn Monate schwerer Krankheit, die dem
Manne rastloser Tatigkeit, der sich nie Ruhe gegonnt hatte, dem Christen froher
Ewigkeitshoffnung, der so siegesgewiB von der Welt der Vollendung hatte
Bezzel. Bissing 35
reden konnen, auch noch Stunden hoher geistlicher Anfechtung brachten, wo
das eigene Glaubenslicht fast verloschen wollte. Am 8. Juni 1917 ging er, »tiber
dessen Wesen schon hienieden eine feierliche Weltentnommenheit lag«, heim.
Seine letzte Ruhestatte aber hatte er sich selbst ausersehen in dem gleichen
Dorfe, in welchem er geboren war, an der Seite seines Vaters. Hier wurde er,
der immer den einzelnen gesucht hatte, der sich so gerne gerade zu den Niedrigen
und Geringen herabgelassen hatte und die schlichten einf achen Leute, besonders
auch die Bauern viel mehr liebte als die Hohen und Vomehmen, betrauert und
geehrt wie ein Ftirst, mit einer Predigt seines Bruders Ernst, des dortigen
Pfarrers iiber Johs. 7,38 begraben.
Literatur: 1. »Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben*.
Zur Erinnerung an D. Dr. Hermann v. B.; herausgegeben von Pfarrer Dr. Hilmar Schau-
dig, 191 7, im Verlage des Evangelischen Gemeindeblattes Miinchen, in dritter, etwas
erweiterter Auflage erschienen 1925 in der Verlagsbuchhandlung Miiller & Frohlich,
Miinchen unter dem neuen Titel »Lebensbild des verstorbenen Oberkonsistorialprasidenten
D. Dr. Hermann v. B.«. — 2. »Zum Gedachtnis Hermann v. B.s.« Gesammelte Aufsatze,
Leipzig 1917. — 3. ♦ Hermann v. B.s religids-sittliches Ideal. « Von Lie. Johannes Rupp-
recht, Pfarrer in Wunsiedel, Niirnberg 1920. — 4. ^Hermann v. B., ein Seelsorger von
Gottes Gnaden.« Von Studienrat Lie. J oh. Rupprecht, Halle 1925. — 5. » Hermann B. als
Theologe* (436 S.). Von Lie. Johannes Rupprecht, Miinchen 1925. Dieses Buch enthalt
im Anhang eine Bibliographie samtlicher im Druck erschienenen Schriften B.s, auch
seiner Artikel in Zeitschriften und seiner nachgelassenen Werke. — NachlaB: B.s schrift-
licher NachlaB befindet sich in den Hand en seines Bruders, des Oberst Oskar B. in
Miinchen, Kurfurstenstrafie 18/IV, und seines Neffen, Studienrat Otto B., Augsburg,
Eserwallstrafle 17/0.
Augsburg. Johannes Rupprecht.
Bissing, MoritzFreiherrv., Generaloberst und Generalgouverneur inBelgien,
* am 30. Januar 1844 in Bellmannsdorf in Schlesien, Kreis Lauban, f am
18. April 1917 in Trois Fontaines (Gemeinde Vilvoorde) bei Briissel. — In
der durch Familienerinnerungen vorgezeichneten und von Kindheit an er-
sehnten Laufbahn als Soldat bis zu den hochsten Stellen emporgeschritten,
dabei lange Jahre in nachster Nahe des Herrscherhauses, hat B. iiber seine
militarische Wirkung hinaus seine reichen Gaben auch im innerpolitischen
Leben als Mitglied des Herrenhauses, besonders auf dem sozialen Gebiete der
Jugend- und Wohlfahrtspflege, entfalten konnen, bis ihn in hohem Alter das
Geschick zu einer staatsmannischen Aufgabe berief und ihn damit weit iiber
die Grenzen seines bisherigen Berufs- und Wirkungskreises und zugleich iiber
die seines von ihm heiB geliebten Vaterlandes hinaus zu weltgeschichtlicher
Bedeutung emporhob. Sein an Ereignissen und Taten reiches Leben zeigt
eine scharf ausgepragte Personlichkeit, deren hauptsachlichste Wesensziige
sich bereits in fruher Jugend gebildet haben.
B. entstammte einem Geschlecht des sachsischen Uradels, das reich an mili-
tarischen Erinnerungen war und seit langem verschiedentlich in preuBischen
Diensten gestanden hatte. Sein UrgroCvater Friedrich Leopold (1723 — 1790)
war Major im preuflischen Leib-Kurassierregiment gewesen, und sein Groi3-
vater Hans August hatte zur Zeit der Befreiungskriege das Landwehr-
Kavallerie-Ulanenregiment v. Bissing gefuhrt und war als Oberst verab-
schiedet worden. Die kavalleristische Neigung und Begabung hatte der Enkel
von seinen Ahnen geerbt. Dazu kamen Beziehungen der Familie zu dem
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Generalfeldmarschall Graf Neithardt v. Gneisenau, der der Vonnund seiner
Mutter Dorothea, geb. Freiin v. Gall gewesen war und auf dessen Besitzung
Erdmannsdorf in Schlesien sich seine Eltern kennengelernt hatten. Ein Lebens-
bild Gneisenaus zu verfassen, war lange Zeit Verlangen und Hoffnung B.s,
ist jedoch wegen der sich immer mehr steigernden dienstlichen Aufgaben nicht
iiber geringe Anfange hinausgekommen.
Als er als sechstes Kind seiner Eltern am 30. Januar 1844 geboren worden
war, begann seine Mutter zu krankeln und starb wenige jahre spater, am
19. Mai 1847, so daB der Knabe keine personlichen Erinnerungen an sie be-
wahrte und sie nur durch die liebreichen Erzahlungen seines Vaters Moritz
fortlebte, der preuflischer Kammerherr und Rittergutsbesitzer auf Bellmanns-
dorf war. Zwischen Vater und Sohn herrschte ein herzliches Verhaltnis, und
mit seiner jiingsten Schwester Wally, die zugleich seine Spiel- und Schul-
gefahrtin wurde, verband den Knaben eine innige Liebe. Dieses Verhaltnis
zu seinem Vater und zu seiner Schwester wurde noch enger, als sein Vater im
Jahre 1849 zum zweiten Male heiratete. Die neue Mutter, eine geborene Freiin
v. Kloch und Kornitz, die von ihrer Jugendzeit her dem Weimarer Kreise
nahestand, kam dem leidenschaftlichen und lebendigen Knaben freundlich
und liebevoll entgegen; bald jedoch nahm die Sorge um ihre eigenen Kinder sie
mehr in Anspruch, und so lief die wohl zu hoch gespannte Erwartung des
Knaben, der bisher die Mutterliebe entbehrt hatte, nach der er sich so sehnte,
auf eine Enttauschung hinaus. Als er mit neun Jahren in die Pension desDirek-
tors des Maria-Magdalenen-Gymnasiums in Breslau, Prof. Schonborn, gebracht
werden sollte, damit der schwer zu bandigende Junge der strengen und ernsten
Zucht einer f remden Hand anvertraut wiirde, rief er, obwohl ihm das Scheiden
von seinem Vater, von seiner Schwester und von seinem geliebten Heimatdorfe
fast unmoglich schien, trotzig aus: »Gott sei Dank, daI3 ich endhch diese Wei-
berherrschaft los werdeU So war der Knabe schon fruhzeitig dazu gekommen,
seine Gefuhle zu beherrschen und hinter einer festen, ja trotzigen Miene zu
verbergen. Die Leidenschaftlichkeit, die den Knaben beseelte, hat auch noch
den Greis durchlodert. Wenn der spatere Mann oftmals kantig und schartig
erschien und mitunter ein barsches Wesen zur Schau trug, so mag dies oft nur
ein Mittel gewesen sein, um die innere Running und Erregung zu verbergen.
Noch zwei weitere Charaktereigentiimlichkeiten haben ihre Wurzeln in der
Kindheit. Den ersten Unterricht erhielt B. von dem evangelischen Pf arrer Gustav
Hancke in Bellmannsdorf , der ihn spater auch fur die Ritterakademie vorberei-
tete. Dieser Ortsgeistliche hat auf den Knaben einen so nachhaltigen EinfluB
ausgeiibt, da£ die tiefe Frommigkeit, die B. bis zu seinem Tode bewahrt hat,
auf diesen ersten Seelsorger zuriickgeht. Es war eine Frommigkeit, die nichtsmit
Fanatismus zu tun hatte, die vielmehr tief genug war, um spater auch die Be-
durfnisse des katholischen Glaubens zu verstehen. In dieser Frommigkeit fand
B. aber auch wahrend seines ganzen Lebens die Kraft fur die zahlreichen Auf-
gaben, die das Leben ihm stellte, eine Frommigkeit, in der er sich auf das
innigste mit seiner zweiten Gemahlin traf .
Wie einesteils die Frommigkeit der tiefe Born fur seine Kraftentfaltung war,
so war die andere Quelle sein hoher Pflichtbegriff , der sich schliefllich zu einem
eisenharten Willen verdichtete. Mit 13 Jahren kam er 1857 auf die Ritter-
akademie in Liegnitz, wo er neben einer vorzuglichen wissenschaftlichen
Bissing 37
Ausbildung auch in alien ritterlichen Kiinsten, wie Reiten, Fechten, Turnen,
unterwiesen wurde. Drei Jahre spater wurde er an das Sterbebett des heiB-
geliebten Vaters gerufen, der am 5. Februar i860 nach einem langen Leiden
verschied. Die Mutter verkaufte das Gut Bellmannsdorf. So war der i6jahrige
vollstandig verwaist und heimatlos geworden. Er war von jetzt ab ganz auf
sich selbst gestellt, und der Ernst der Pflichterfullung, die dann zum hervor-
ragendsten Zug seines Wesens geworden ist, hat sich in diesen Jahren aus-
gebildet.
Der igjahrige trat als irmerlich gefestigter Mensch nach gut bestandenem
Examen am 1. Oktober 1863 be* der *• Eskadron des 2. Schlesischen Dragoner-
regiments Nr. 8 als Avantageur ein. Am 22. Mai 1865 wurde er Portepeefahnrich
und bezog im Oktober desselben Jahres die Kriegsschule in NeiBe, wo er nach
9 Monaten das Offiziersexamen bestand. Am 1. September 1865 zur 3- Es-
kadron in Oels versetzt, wurde er am 11. November desselben Jahres Sekonde-
leutnant mit einem Patent vom 11. Oktober 1865. ^n dieser Zeit besuchte er
als trefflicher Reiter von Oels aus oft die Giiter in Schlesien und war bei
Jagden, Ballen und Abendgesellschaften gem gesehen.
Im bald darauf folgenden Kriege gegen Osterreich lag er am 12. Juni 1866
zum ersten Male auf Vorposten vor dem Feinde. Am 27. Juni wurde er als
Ordonnanzof f izier zum General Steinmetz kommandiert. An diesem Tage erlebte
er auf der Hohe von Wiskow bei Nachod sein erstes Gefecht, und als er den
Ton der Trompete horte, der zur Attacke blies, und sein Regiment, das er
auf Befehl des Generals Steinmetz herangeholt hatte, vorstiirmen sah, da war
er, ohne seine Stellung als Ordonnanzoffizier zu beachten, mitten unter den
Kiirassieren und Dragonern gegen den Feind. Er war der einzige iiberlebende
Off izier seiner Eskadron, die nur noch 75 Mann zahlte, und mit der er selb-
standig noch einen Erkundungsritt nach Skalitz unternahm. Als er sich am
nachsten Tage bei dem als streng und unerbittlich geltenden General Steinmetz
meldete und auf dessen Frage, ob er wisse, dafi er durch sein Verhalten am
vergangenen Tage Arrest verdient hatte, bejahend antworten wollte, reichte
dieser ihm die Hand mit den Worten: »Zwei gut mitgerittene Attacken machen
groBe Vergehen gut, wieviel mehr das seinige, das ihm eigentlich SpaB gemacht
hatte. « Diese GroBherzigkeit, die er damals selbst erfuhr, hat er spater auch
geubt und als Vorgesetzter EntschluBfreudigkeit und ein richtiges selbstan-
diges Handeln stets anerkannt.
Im weiteren Verlaufe des Feldzuges von 1866 machte er die Gefechte bei
Schweinsschadel und Gradlitz sowie die Schlacht bei Koniggratz mit. Bei
Schweinsschadel fuhr ihm ein Granatstiick in den Rockarmel und zum EUbogen
wieder hinaus, ohne ihn weiter zu verletzen. An dieser Stelle des Unterarmes
setzte aber im Alter die Krankheit ein, die zu seinem Tode fuhrte.
Die nachsten zwei Jahre verlebte er in Oels, wo er besonders mit dem Fiihrer
seiner Schwadron, Rittmeister Otto Kaehler, befreundet wurde, der dann als
Generalmajor 1882 nach der Tiirkei ging und 1885 als kaiserlich ottomanischer
Generalleutnant und Generaladjutant des Sultans in Konstantinopel im Alter
von 55 Jahren starb. Kaehler hat groBen EinfluB auf B. ausgeiibt. Er war
neben dem Prinzen Friedrich Karl von PreuBen und dem General v. Schmidt
der Hauptverfechter der Bestrebungen, der Reiterwaffe trotz der durch die
gesteigerte Feuerwirkung der Infanterie und Artillerie veranderten Gefechts-
38 1917
verhaltnisse den friiher von ihr eingenommenen Rang und Platz wieder zu
verschaffen. Er hat B. wertvolle Manuskripte iiber Reiterausbildung hinter-
lassen, die jetzt im Reichsarchiv lagern. Kaehler ist es vor allem auch gewesen,
der B. veranlaBte, sich zum Examen flir die Kriegsakademie vorzubereiten.
Da diesem die Kriegswissenschaften ziemlich gelaufig waren, beschaftigte er
sich mit Mathematik und Geschichte, die er schon auf der Schule gern ge-
trieben hatte. Das Blut seiner aus Westdeutschland stammenden Mutter mag
ihn wohl hierzu besonders angetrieben haben. Dabei blieb er aber der flotte
Offizier, der auf den Gutern der Nachbarschaft stets gern gesehen war.
Durch viele und lange Ritte erhielt er nicht nur seinen Korper kraftig, son-
dern blieb auch stets in Verbindung mit den besten und angesehensten Fa-
milien Schlesiens. Als Priifungsaufgabe fur das Aufnahmeexamen der Kriegs-
akademie erhielt er das Thema : »Der Eintritt der europaischen Staaten in die
Reihe der GroBmachte und das Ausscheiden derselben mit Angabe der Griinde
fiir beides.« Im April 1868 bestand er das Examen und bezog, nachdem er
vom 23. Mai bis 15. September noch ein selbstandiges Remontekommando
nach OstpreuBen erhalten hatte, am 1. Oktober 1868 die Kriegsakademie, wo
er bis zum 15. Juli 1870 blieb. Wahrend der Herbsttibungen des I. und II. Ar-
meekorps 1869 war er als Ordonnanzoffizier dem Kronprinzen zugeteilt ge-
wesen.
Den Krieg von 1870/71 machte er als Adjutant beim Oberkommando der
3. Armee mit und zeichnete sich als besonders guter Meldeoffizier aus; er
nahm teil an den Gefechten und Schlachten von WeiBenburg, Worth, Beau-
mont, Sedan, Orleans sowie an der Belagerung von Paris. Am 27. Juni 1871
zum Regiment zuruckversetzt, ging er am 1. Oktober desselben Jahres zum
Besuche des dritten Kursus auf die Kriegsakademie, wo er bis zum 31. Juli
1872 blieb. Inzwischen war er am 14. Dezember 1871 zum Premierleutnant
befordert worden. Am 22. August 1872 verheiratete er sich in Dresden mit
Myrrha Wesendonck, der am 7. August 1852 in Zurich geborenen Tochter
des Kaufmanns Wesendonck und seiner Gemahlin Mathilde, der Verehrerin
und Freundin Richard Wagners. Die literarischen und kiinstlerischen Inter -
essen des jungen Offiziers erhielten durch diese Verbindung neue Nahrung.
Vom 1. Februar bis zum 30. September 1873 wurde er zur Dienstleistung
beim 1. Garderegiment zu FuB in Potsdam kommandiert, wo ihm am 22. April
sein Sohn Friedrich Wilhelm, der spatere Professor der Agyptologie, geboren
wurde. Am 15. Januar 1874 wurde er mit einem Patent vom 16. November
1871 in das 3. Badische Dragonerregiment Prinz Karl Nr. 22 nach Karlsruhe
versetzt und am 1. Mai desselben Jahres auf ein Jahr zur Dienstleistung
beim Groflen Generalstabe kommandiert. Seine Laufbahn entwickelte sich
nun schnell als die eines fiir die hochsten Stellen vorgesehenen Militars. Nach-
dem er einige Zeit wieder im Regiment Dienst getan hat, wird er am 1. Juni
1875 unter Beforderung zum Hauptmann und Stellung d la suite des General-
stabs der Armee in den GroBen Generalstab versetzt, vorlaufig im Neben-
etat und vom 23. Januar 1876 ab in etatmaBiger Stellung. Am 27. Juni des-
selben Jahres kommt er zum Generalstab des X. Armeekorps, wo er im
Herbst 1879 an der Ubung der Kavalleriedivision teilnimmt. Nachdem er am
18. September 1880 als Rittmeister eine Eskadron des Konigs-Husarenregi-
ments (1. Rheinisches) Nr. 7 erhalten hatte, wird er am 7. April 1883 als Haupt-
Bissing 39
mann in den GroBen Generalstab zuriickversetzt, am 2. Juni desselben Jahres
zum Major befordert und am 22. April des folgenden Jahres dem Generalstabe
des III. Armeekorps zugeteilt, wo er im Juni 1885 die Kavallerieiibungsreise
leitet.
Im Jahre 1887 tritt B., der dem Herrscherhause schon verschiedentlich
naher getreten war, in engste Verbindung zu dem spateren Kaiser Wilhelm II.,
indem er am 8. Marz unter Stellung a la suite des Generalstabs der Armee zum
personlichen Adjutanten des Prinzen Wilhelm von PreuBen ernannt wird.
Am 19. Juni 1888, drei Tage nach dem Regierungsantritt Wilhelms II., wird
er unter Befdrderung zum Oberstleutnant diensttuender Fliigeladjutant, erhalt
am 19. November desselben Jahres als Kommandeur die Leibgendarmerie
und wird am 18. Februar 1889 unter Belassung in dem Verhaltnis eines Fliigel-
adjutanten Kommandeur des Regiments der Gardedukorps und am 23. Mai
des folgenden Jahres zum Oberst befordert.
Inzwischen war seine Gemahlin am 20. Juli 1888 in Munchen verstorben.
Zwei Jahre spater, am 15. Oktober 1890, verheiratete sich B. zum zweiten
Male mit Alice Grafin von Konigsmarck, die am 24. Oktober 1867 in Kamnitz
geboren war und dem altmarkischen Uradel entstammte. Ihrer Ehe entspros-
sen drei Kinder. In seiner neuen Gemahlin f and B. nicht nur die liebende Gattin
und sorgende Mutter der Kinder, sondern seine treueste Mitarbeiterin, welche
nicht nur seine zahlreichen Briefe, Reden, Vortrage und Denkschriften nach
seinem Diktat mit der Schreibmaschine niederschrieb, sondern auch den Inhalt
mit ihm gemein3am bearbeitete, wie zahlreiche Verbesserungen von ihrer Hand
neben der ihres Mannes in den Konzepten beweisen.
Unter weiterer Belassung als Fliigeladjutant erhielt B. am 20. Mai 1893 die
4. Kavalleriebrigade und wurde am 17. Marz des folgenden Jahres zum General-
major befordert. Jetzt konnte er seine Auffassung uber die Bedeutung der
Kavallerie nachdrucklich zur Geltung bringen und ihre Weiterentwicklung ent-
scheidend beeinflussen. Im Juni 1894 leitete er die Kavallerieiibungsreise des
Gardekorps und nahm im Juni 1896 an der grofleren Kavallerieiibungsreise
unter Leitung des Inspekteurs der 2. Kavalleriedivision teil. Im Mai 1897
leitete er personlich die erste Ubungsreise der 1. Kavallerieinspektion und im
darauffolgenden Juni die zweite Ubungsreise der 1. Kavalleriedivision. Am
5. August desselben Jahres wurde er zur Fuhrung der Kavalleriedivision B
beim XI. Armeekorps kommandiert und erhielt am 1. September 1897 die
29. Division. Am 10. desselben Monats wurde er zum Generalleutnant befordert.
Nachdem er vom 12. bis 25. Oktober 1899 zum ersten Informationskursus
bei der Feldartillerieschiefischule in Jiiterbog kommandiert worden war, wurde
er am 18. Mai 1901 im Alter von 57 Jahren zum Kommandierenden General
des VII. Armeekorps in Minister i. W. ernannt und am 27. Januar 1902 zum
General der Kavallerie befordert. Uber sechs Jahre ist er Kommandierender
General des westfalischen Armeekorps gewesen.
B.s Streben ging nach selbstandiger Verwendung groBerer Kavalleriemassen,
wobei er besonderen Wert auf die Ausbildung der Kavallerie im Gefecht zu
Fufi legte. Er verfocht seine Gedanken auch schriftstellerisch und nahm ver-
schiedentlich Stellung zu den literarischen AuBerungen anderer, wobei er vor
allem die Arbeiten des Generalleutnants v. Pelet-Narbonne hoch einschatzte.
Aufklarung und Sicherung trennte er scharf als zwei verschiedene Aufgaben
40 1917
der Kavallerie, dzu deren Losung verschiedene, wenn auch sich erganzende
MaBnahmen erforderlich* seien. Besonders auf die Sicherungsfrage legte er
groBen Wert. »Die oft wiederkehrende Sehnsucht nach der schiitzenden In-
fanterie muB iiberwunden werden.* Wenn die Ansicht vorherrsche, »dieNahe
des Feindes meiden zu miissen, weil man sich schutzlos fuhlt«, dann wiirde
»auch im zukunftigen Kriege die Fuhlung am Feinde wieder verlorengehen,
seine Spuren sich verwischen, die Aufklarung unterbrochen werden*. Um eine
solche Lage der Kavallerie zu verhindern, sah B. das beste Mittel in einer
weittragenden, sicher treffenden und gerade fur den Sicherungsdienst wichtigen
SchuBwaffe. Es sind immer wieder die Lehren der Geschichte, die B. bei der
Beurteilung militarischer Handlungen oder Notwendigkeiten heranzieht. Da-
bei zeigt er oft eine iiber das rein Militarische hinausgehende umfassende histo-
rische Bildung. In den eingehenden Abhandlungen iiber die verschiedenen
Manover seines Armeekorps, die er im Druck alien seinen Off izieren zuganglich
machte, tritt deutlich sein Streben nach Objektivitat in der Kritik, sein Ringen
um Klarheit und Gerechtigkeit des Urteils hervor. Er verlangte von seinen
Offizieren, daB seine Auseinandersetzungen und Schilderungen micht als
eine zeitvertreibende Sofalektiire* angesehen werden durften, sondern »zum
eifrigen Studium, vornehmlich denjenigen, welche bereit seien, auch kritisch
seine Ansichten zu uberlegen*. Denn wenn er auch stets scharf seine wohl-
erwogene Ansicht vertrat, so war ihm doch jegliche Uberheblichkeit fremd,
und er war sich des Problematischen alles menschlichen Handelns wohl bewuBt.
»Nichts kann mir ferner liegen,« schreibt er einmal, »als zu wiinschen und zu
erwarten, daB man glaubt, ich hatte fur alle Verhaltnisse brauchbare Rezepte
geben wollen. Je mehr man sich in die Kunst der Truppenfuhrung vertieft, je
mehr man iiber die besten Mittel nachdenkt, die zu Erfolgen fuhren konnen,
um so mehr kommt man zu der Uberzeugung, daB selbst allgemein anerkannte
Grundsatze nfcht ausreichen, um die wechselnden Lagen, die zahlreichen
Zwischenfalle, welche im Verlauf der Handlungen eintreten konnen, stets
fehlerfrei zu iiberwinden. Wissen und Konnen muB sich erganzen; die Eigen-
schaften des Charakters tragen wesentlich dazu bei, in kritischen Lagen wenn
auch nicht immer das Beste, so doch Brauchbares zu leisten.« In seinen Erlassen
als Kommandeur und kommandierender General hat B. immer wieder darauf
hingewiesen, den einzelnen Mann bei aller Strenge der Disziplin zur Selb-
standigkeit zu erziehen und in ihm den Mut zu wecken, im gegebenen Falle
unter eigener Verantwortung zu handeln. Wie B. fiir jeden seiner Soldaten wie
fiir jeden ihm Untergebenen stets ein vaterliches Herz hatte, so verlangte er aber
auch vom Ersten bis zum Letzten strengste Pflichterfiillung ohne irgendwelche
Rucksicht auf Rang oder Geburt. Das Verhaltnis zu seinem Herrscher f aBte er
als Mannentreue auf, von der er in edelster Weise beseelt war; gerade diese Auf-
fassung befahigte inn, auch dort seiner Meinung freimiitigen Ausdruck zu
verleihen. Es war nur natiirlich, daB die Scharfe seiner Kritik und die Strenge
seiner Anforderungen, wenn er sie auch zuerst gegen sich selbst iibte, manchem
unbequem war. So sehr auch seine ehrliche Sachlichkeit riickhaltlos anerkannt
wurde, so blieb er doch nicht ohne personliche Gegner. Nachdem er am
ii. September 1907 noch den Schwarzen-Adler-Orden erhalten hatte, wurde
ihm bald darauf die Absicht mitgeteilt, einen Wechsel im Kommando des
VII. Armeekorps eintreten zu lassen. B. erlieB daraufhin im November an
Bissing 41
die ihm unterstellten Truppen folgenden Korpsbefehl : »Nachdem Seine Maje-
stat der Kaiser und Konig mir hat mitteilen lassen, daB Allerhochst derselbe
das VII. Armeekorps, das ich fast 7 Jahre mit besonderer Auszeichnung und
zu seiner dauerden Zufriedenheit gefiihrt hatte, deshalb neu besetzen wolle,
weil jiingere Krafte zu ihrer Verwendung im Ernstfalle sich im Frieden darauf
vorbereiten miiBten, habe ich Seiner Majestat gemeldet, daB ich am 1. Januar
1908 mein Abschiedsgesuch einreichen werde. Ich hoffe, daB ich in der Zeit,
in welcher es mir noch vergonnt ist, mein schones Armeekorps zu fiihren,
einzelne Standorte besuchen kann, urn meinen Untergebenen, die mir so sehr
ans Herz gewachsen sind, Lebewohl zu sagen.« Als dieser Korpsbefehl, der
fur den offenen und geraden Charakter B.s spricht und der in der Offent-
lichkeit groBes Aufsehen erregte, dem Kaiser bekannt wurde, lieB dieser B.
am 29. November seine MiBbilligung aussprechen, worauf B. am 8. Dezember
sein Abschiedsgesuch vorlegte, welches am 12. Dezember 1907 bewilligt wurde.
B. wurde mit der gesetzlichen Pension zur Disposition gestellt. Erst am
24. Januar 191 2 hat ihn dann der Kaiser a la suite des Regiments der Garde-
dukorps gestellt. So schmerzlich B. auch seine Entlassung und vor allem die
Auslegung seines letzten Korpsbefehls trafen, so war er doch nicht der Mann,
der sich dadurch hatte beugen lassen oder der in wohlverdienter Ruhe den
Rest seiner Lebenszeit in beschaulichem Dasein verbracht hatte.
Vom Kaiser nach seiner Verabschiedung wegen seiner reichen Erfahrung in
das Herrenhaus berufen, widmete er sich sofort mit seiner ganzen Tatkraft,
unterstutzt von seiner Gemahlin, der Wohlfahrts- und Jugendpflege. Er
nahm seinen Wohnsitz in Rettkau bei Gramschutz im Kreise Glogau und
begann planmaBig die Weiterbildung und Erziehung der schulentlassenen
landlichen Jugend in ganz Schlesien zu fordern. Er griff die Gedanken auf,
die von dem »Deutschen Verein fur landliche Wohlfahrts- und Heimat-
pflege* vertreten wurden, der 1903 als Nachfolger des seit 1896 wirkenden
» Ausschusses fiir Wohlfahrtspflege auf dem Lande« gegriindet worden war. Es
kam B. vor allem darauf an, die schulentlassene Jugend in der Zeit zwischen
der Schulzeit und dem Militardienst zu erf assen und sie in diesem fiir die weitere
Entwicklung so gefahrlichen und so einfluBreichen Alter in vaterlandischem
und konigstreuem Sinne weiterzubilden, wobei er immer wieder betonte, daB
jede Einseitigkeit in der Ausbildung vermieden, vielmehr sowohl die korper-
liche wie die geistige Weiterentwicklung beriicksichtigt werden musse. Ganz
bewuBt war seine Arbeit dabei als eine Abwehrhandlung gegeniiber den immer
weiter um sich greifenden sozialdemokratischen Gedanken gedacht. Seiner an-
spornenden Tatigkeit war es zu verdanken, daB der erwahnte Verein eine Pro-
vinzialabteilung Schlesien griindete, deren Satzungen am 12. Januar 1910 ge-
fai3t wurden und deren Vorsitzender B. wurde. Das praktische Mittel einer
Weiterbildung der Jugend sah dieser in der Fortbildungsschule und suchte des-
halb in zahlreichen Vortragen in verschiedenen Orten, in Aufsatzen sowie in Re-
den und Antragen im Herrenhause fiir die Ausbreitung dieser Schulgattung
auch auf dem Lande zu wirken. Ohne die Beratungen staatlicher Organe abzu-
warten, griff er zur Selbsthilfe, indem er zuerst in seiner Gemeinde Rettkau
eine Fortbildungsschule einrichtete und dann auch andere, gleichgesinnte Per-
sonen veranlaBte, seinem Beispiele in den anderen landlichen Gemeinden seines
Kreises zu folgen. Von Anfang an war er darauf bedacht, nicht nur einzelne
42 1917
Berufskreise zu gewinnen, sondern die Masse der Jugendlichen zu erreichen,
weshalb er zwar bereit war, mit den bestehenden Jugendvereinen zusammen-
zuarbeiten, die vorwiegend konfessionellen Charakter hatten, ihnen aber keines-
wegs das ausschlieBliche Vorrechtder Jugenderziehung einraumen wollte; denn
fur ion gait es, auch die der religiosen Einwirkung bereits entf remdete Jugend
fur eine sittliche und vaterlandische Erziehung zuruckzugewinnen. Als er im
Jahre 1909 in der Gemeinde Rettkau mit seinen Gedanken hervortrat, berief
er eine Versammlung der Gemeindemitglieder und befragte diese, ob sie ihm
und dem Lehrer Menzel die Einrichtung einer Fortbildungsschule in der Ge-
meinde anvertrauen wollten. Mit ihrer Unterstiitzung und mit Hilfe der Re-
gierungsvertreter der Provinz, des Bezirks und des Kreises konnte er am
1. Dezember 1909 seine Schule eroffnen. In der ersten Zeit hat B. den Unter-
richt groBtenteils selbst erteilt, wobei er neben geographischen Verhaltnissen
der Heimat vor allem geschichtliche Stoffe zugrunde legte. Am 9. April des
folgenden Jahres hielt er in Gramschiitz vor 70 Lehrern des Kreises Glogau,
evangelischen und katholischen, einen Vortrag iiber » die landliche Fortbildungs-
schule*, der ungeteilten Beifall fand. In der » Katholischen Schulzeitung fiir
Norddeutschland« veroffentlichte B. am 13. und 20. Oktober 1910 einen Aufsatz
iiber »Die landliche Fortbildungsschule «. Am 2. Juli 1910 war der pflichtmaBige
Besuch von landlichen Fortbildungsschulen in der Provinz Schlesien dort, wo
die Gemeinden bereit waren, solche Schulen einzurichten, durch Gesetz be-
schlossen worden, wie es bereits vorher 1904 fiir die Provinz Hessen-Nassau
und 1909 fiir die Provinz Hannover geschehen war. Als dieser Unterricht dann
auch in den iibrigen preuBischen Provinzen eingefuhrt werden sollte, hat B.
191 1, 1912 und 1913 in den Kommissionen und als Berichterstatter im Plenum
des Herrenhauses wiederholt das Wort ergriffen. Seine Arbeit ging nicht immer
ohne Widerstand vonstatten. In der umstrittenen Frage, ob die Volksschul-
lehrer oder die Geistlichen berufen seien, als Fortbildungsschullehrer zu wirken,
vertrat B., wie aus Aufsatzen von ihm im »Roten Tag* vom 30. Juli und
1. August 1911 hervorgeht, den Standpunkt, »daB die Volksschullehrer, wie
die Verhaltnisse auf dem L,and liegen, in der Regel allein befahigt und allein
verfiigbar seien, den Unterricht im Nebenamt zu ubernehmenct, und dafl »dies
auch fast ausnahmslos freudig und mit treuester Hingabe dort geschehen sei,
wo Fortbildungsschulen errichtet wurden*. Seiner ganzen, jeder Einseitigkeit
und jedem Doktrinarismus abholden Einstellung gemaB fiigte er aber hinzu,
daB jene Erfahrung nicht zu der SchluBfolgerung fuhren diirfe, »daB jeder
Volksschullehrer als solcher geistig und korperlkih, und zwar allein, zur Er-
teilung des Unterrichts brauchbar sei« ; wenn die notwendigen Vorbedingungen
fiir eine fruchtbringende Tatigkeit nicht ausreichten, so miisse fiir Ersatz ge-
sorgt werden. »Ob durch Geistliche oder durch geeignete Mitglieder anderer
Stande, dariiber entscheiden die besonderen Umstande.« In der Frage des
Religionsunterrichtes an Fortbildungsschulen war B. gegen eine zwangsweise
Einfiihrung, da gerade derjenige, der »es ernst meint mit der Religion, die
Heuchelei, welche bei ausgeiibtem Zwange unvermeidbar ist, verurteilen
muB«. Die Erhaltung des religiosen Sinnes in der Jugend lag ihm nichts-
destoweniger sehr am Herzen, und er hat in seiner gesamten Tatigkeit auf
dem Gebiete der Jugendpflege viel und eng mit Geistlichen beider Konfes-
sionen zusammengearbeitet. Die Fortbildungsschule hatte aber nach seiner
Bissing 43
Auffassung andere Aufgaben zu erfiillen und auf die Gesamtheit der Jugend-
Hchen zu wirken.
So sehr B. die landliche Fortbildungsschule als das beste Mittel der weiteren
Erziehung der landlichen Jugend ansah, so hat er doch auch den zahlreichen
anderen Bestrebungen, die von vielen verschiedenartigen Vereinen in der
Jugenderziehung verfolgt wurden, seine Aufmerksamkeit und seine Mitarbeit
gewidmet. Als der Kaiser ihn im Jahre 19 10 aufforderte, eine Organisation der
schulentlassenen Jugend nach dem Vorbild der von dem englischen General
Baden- Powell errichteten *Boy-Scouts« zu entwerfen, hat B. in einer Immediat-
eingabe im Juli 1910 ausfuhrlich dazu Stellung genommen und seine Gedanken
dem Kaiser in Gegenwart des Kriegsministers und des Kultusministers auch
personlich erlautert. Es ist der erste Vorschlag einer planmaBigen Zusammen-
fassung der Jugend gewesen, die spater unter dem Namen » Jungdeutschland«
als Griindung des Generalfeldmarschalls v. d. Goltz in das Leben trat. B. nennt
in seiner Denkschrift die Organisation der Jugend, d. h. die Zusammenfassung
aller Bestrebungen, welche zum Nutzen der Jugend und im Belang des Staates
wirken wollen, eine »nationale und sozialpolitisch notwendige Aufgabe*. Nach-
dem er die ahnlichen Bestrebungen in Italien, in Frankreich, Amerika und in
der Schweiz kurz besprochen hat, geht er auf die englische Organisation ein
und kommt dabei zu dem SchluB, daB bei aller Anerkennung der Bedeutsam-
keit der Einrichtung des Generals Baden-Powell doch dessen *Boy-ScotUs«
nicht in ihrer auBeren Form von Deutschland iibernommen werden konnten.
Denn in Deutschland gabe es bereits, was in England bisher nicht der Fall
gewesen sei, eine staatliche Fiirsorge und eine — fast zu groBe Anzahl von
Vereinen, die die Grundlage fur den Auf- und Ausbau einer Zusammenfassung
geben wurden. Eine neue Organisation wiirde die Wirksamkeit der bestehenden
nur schmalern. Auch sei die Freiwilligkeit des Beitritts nachteilig, weil dadurch
gerade diejenigen Elemente, die am notwendigsten zu erziehen seien, fortbleiben
wurden. Deshalb set es besser, die Fortbildungsschulen als Trager und die be-
reits bestehenden Vereine als Heifer der Organisation der preuBischen Jugend
zu betrachten. B. kam so zu dem Vorschlage: Einheitliche Leitung der be-
stehenden verschiedenartigen Organisationen, die bisher vorwiegend in den
Stadten wirkten, mit gemeinschaftlichem Programm, und fur das Land, wo
durchweg Neues geschaffen werden musse, Dezentralisation mit einheitlicher
Richtung der Vertrauensmanner in Orts-, Kreis- und Bezirksausschiissen unter
Beteiligung der Vertreter der Behorden. B. stellte elf Leitsatze auf, aus denen
hervorgeht, daB es ihm nicht um eine militarische Vorbildung der Jugend zu
tun war, weil dies nach seiner Auffassung gar nicht moglich sei, sondern um
eine allseitige korperliche und geistige Gesundhaltung und Tiichtigkeit, die
die beste Gewahr fiir eine spatere erfolgreiche militarische Ausbildung abgabe.
Deshalb betonte er besonders die Leibesiibungen und verstand darunter »das
volkstumliche Turnen, die Turn- und Jugendsptele, die Wandermarsche, die
Gelandetibungen, Eislauf, Skilauf, Rudern und Schwimmen«. Diese »sollen
nicht allein die korperliche Tiichtigkeit, sondern die Freude an der Natur,
die Liebe zur Heimat, die sittliche Entwicklung nach jeder Richtung hin for-
dern«. Er schlug vor, die Vorsitzenden einer Reihe von Verbanden zu einer ge-
meinsamen Besprechung einzuladen, und wies besonders auf den 1891 von
dem Abgeordneten v. Schenckendorff (s. DBJ. 1914 — 16, S. 167 ff.) gegriindeten
44 lW
»ZentralausschuB zur Forderung der Volks- und Jugendspiele* hin, auBerdem
auf die Deutsche Turnerschaft, die Ruder- und Schwimmverbande, die Zentral-
stelle fiir Volks wohlfahrt, die Jugendwehr usw. Vor allem miisse aber der
©bligatorische Fortbildungsschulunterricht eingefiihrt werden. Der Kaiser bil-
ligte im groBen und ganzen die Vorschlage B.s und beauftragte den Kultus-
minister, die weiteren Schritte zur Durchfuhrung der Organisation zu unter-
nehmen. Dieser fiirchtete jedoch einen zu starken Widerstand der einzelnen
Verbande gegen eine einheitliche Leitung; und an dieser Forderung scheiterte
B.s Organisationsplan. Wohl aber wollte der Kultusminister die in der Jugend-
pflege tatigen Vereine mit staatlichen Mitteln unterstiitzen. So war eine un-
mittelbare Folge der B.schen Denkschrift der ErlaB des Kultusministeriuins
vom 18. Januar 191 1 iiber die freiwillige Jugendpflege. Mit Hilfe der Regie-
rungsstellen sind dann eine Menge von Jugendvereinen in den einzelnen Orten
und Kreisen entstanden. Im Regierungsbezirk Liegnitz kam am 27. April 191 1
unter dem Vorsitz des Regierungsprasidenten ein AusschuB fiir jugendpflege
zustande, dem B. als Mitglied angehorte. In einer Denkschrift vom 12. Marz
wendet er sich dagegen, daB »die militarische Ausbildung der Jugend als Mittel
zum Zweck oder gar als das hauptsachlich zu erstrebende Ziel anzusehen« sei.
Er zeigt die recht erheblichen Nachteile, die aus solcher fruhzeitigen mili-
tarischen Vorbildung entstehen konnen, und schreibt unter Hinweis auf AuBe-
rungen des preuBischen Kriegsministers : » Die Armee wiinscht keinen solchen
Ersatz; sie braucht keinen mangelhaft gedrillten Ersatz, sondern geistig ge-
weckte, zur Selbstzucht und zur treuen Pflichterftillung erzogene Manner,
deren Korperkrafte gestarkt und fiir die Anforderungen des Heeresdienstes
zum Wohle des einzelnen wie zum Nutzen der Volks- und der Wehrkraft vor-
bereitet werden. « Am 1. Juli 191 1 wurde B. einstimmig in den »Zentralaus-
schuB« gewahlt und hatte damit ein weites Betatigungsfeld in ganz Deutsch-
land fiir seine Gedanken gewonnen.
Inzwischen hatte der Generalfeldmaschall v. d. Goltz den Gedanken von
Baden-Powell aufgegriffen und in einer Immediateingabe an den Kaiser vom
6. Juli 1911 den Plan des Bundes » Jungdeutschland« entwickelt. Dieser ent-
sprach in den Grundziigen den B.schen Gedankengangen. Nur lieB er einmal
die Betonung der Fortbildungsschulen auBer acht und ermoglichte anderer-
seits, daB neben den bestehenden Organisationen, die ganz wie bei B. in einer
einheitlichen Leitung zusammengefaBt werden sollten, auch selbstandige Grup-
pen des neuen Bundes entstehen konnten. Dazu kam, daB der Goltzsche
Plan ganz auf die militarischen Kreise eingestellt war. Soweit dieser Plan
von dem B.s abwich, stand er auch nicht im Einklang mit den bisherigen
MaBnahmen des Kultusministeriuins. Der Kaiser war auf die freiwilligen Jugend-
wehren nach Art der englischen Boy-Scouts zuriickgekommen und lieB am
25. September 191 1 durch den Chef des Zivilkabinetts v. Valentini bei B. an-
fragen, ob er sich noch mit dieser Frage weiter beschaftige und ob etwa schon
Versuche mit der Bildung derartiger Wehren angestellt worden seien. Es ist
bisher nicht deutlich geworden, wie es zu dieser mit der fruheren Besprechung
in Gegensatz stehenden Anfrage gekommen ist. B. war jedenfalls stark iiber-
rascht, als er erst wenige Wochen vor der konstituierenden Versammlung von
»Jungdeutschland« von den Goltzschen Planen etwas erfuhr. Er auBerte sofort
freimiitig den Regierungsstellen seine Bedenken gegeniiber einer Neugriin-
Biasing 45
dung. Als er aber von dem Kommandierenden General des V. Armeekorps
aufgefordert wurde, fur den Bereich der 9. Division im Regierungsbezirke
Liegnitz das Amt eines Vertrauensmannes zu iibernehmen, stellte er seine
Erfahrung und seine Kraft ohne jede Verargerung opferbereit zur Verfii-
gung. Die Bundesleitung, deren Vorarbeiten ohne jede Befragung oder Be-
nachrichtigung B.s vor sich gegangen waren, konnte jedoch nicht an ihm vor-
beigehen und wahlte ihn in der konstituierenden Versammlung am 13. No-
vember 191 1 zu ihrem Mitglied. B. hat dann in den folgenden Jahren in zahl-
reichen Vortragen in den verschiedensten Vereinen in Liegnitz, Bunzlau, Griin-
berg, Liiben, im Verein Deutscher Studenten in Breslau und in Halle, in der
Vereinigung der Steuer- und Wirtschaftsreformer in Berlin usw. fur die Ge-
danken von »Jungdeutschland« gewirkt. Dabei hat er immer versucht, die
Masse der Jugend zu erreichen, und auch angestrebt, nach Moglichkeit iiber die
militarischen Kreise hinaus auch die anderen Stande zur Mitarbeit heranzu-
ziehen, wobei er von dem Regierungsprasidenten von Liegnitz, dem Freiherrn
v. Seherr-ThoB, unterstiitzt wurde, mit dem er auch seinen ersten Aufruf vom
21. Juni 1912 eingehend besprach. »Jugenderziehung« war ihm, wie er einmal
gesagt hat, »in besonderer Weise personliche Arbeit. Nicht als Aufsichts-
beamter, auch nicht als Gonner und Wohltater darf der Leiter unter die Jugend
treten, sondern als ihr An wait, nicht nui in ihren religiosen, sondern auch in
ihren sozialen und wirtschaftlichen N6ten.« Es kam ihm dabei auf die Aus-
bildung der ganzen Personlichkeit an. Mit Sport, Spiel und Leibesiibungen
allein kame man nicht aus; die korperliche Trainierung konne nur als ele-
mentare Vorarbeit fiir die sittHche Erziehung gelten, da, wie er in einer
Rede im Herrenhaus am 18. Marz 19 14 ausfiihrte, »in alien Lebenslagen,
auch wenn auf dem Schlachtfelde die Kugeln pfeifen, das Entscheidende
die Seelenkrafte des Menschen sind.« DaB B. bei einer solchen Auffassung
berufen war, eine vermittelnde Rolle sowohl in der Bundesleitung wie auch
zwischen dieser und den verschiedenen kirchlichen Verbanden zu spielen, ist
nur naturlich. Wahrend es ihm dabei oft gelang, Bedenken katholischer Kreise
zu zerstreuen, vor allem durch seine Verhandlungen mit dem Fiirstbischof
Kopp von Breslau (s. DBJ. 1914 — 16, S. 48 ff.), ist es auffallig, daB ihm, dem
Evangelischen, gerade die evangelische Synode und die Superintendenten oft-
mals Schwierigkeiten bereiteten, wahrend die Geistlichen in seinem Bezirke
mit ihm zusammenarbeiteten. Nach dem Tode des Generalfeldmarschalls
v. d. Goltz war B. die angewiesene Person, um dessen Nachfolge anzutreten.
Eine im Jahre 1916 von den Mitgliedern der Bundesleitung Dernburg, Do-
minicus und v. Mendelssohn ergehende Bitte lehnte er zunachst wegen starker
Arbeitsiiberlastung — B. war damals Generalgouverneur in Belgien — und
auch deshalb ab, weil noch ganz ungeklart sei, wie die Verhaltnisse sich nach
dem Kriege entwickeln wiirden. Als er dann aber einstimmig zum Vorsitzenden
gewahlt wurde, bat er am 14. Oktober 19 16 den Kaiser in einem Immediat-
gesuche, die Annahme der Wahl zu genehmigen. Dabei machte er sofort wieder
Organisationsvorschlage, um den Bund den durch den Krieg veranderten
Verhaltnissen anzupassen. Die bald einsetzende Krankheit und der darauf-
folgende Tod verhinderten eine Ausfuhrung dieser Gedanken.
Neben der Frage der Fortbildungsschule und der allgemeinen Jugendpflege
beschaftigten B. auch andere Fragen, wie die Fursorgeerziehung Minder jahriger
46 1917
und die Errichtung von Horten f iir Schulkinder, welche Fragen er im Herrenhaus
ofter behandelte, oder die Landarbeiterfrage, die er 19 14 kurz vor Aus-
bruch des Weltkrieges zusammen mit dem Landesokonomiekollegium und nicht
ohne Gegenwirkung der Schlesischen Landwirtschaftskammer in Angriff nahm.
Besonders erfolgreich war seine Mitarbeit in der Forderung der landlichen
Krankenpflege durch Helferinnen, die der leitende Arzt der Heilanstalten von
Gorbersdorf, Dr. Weicker, betrieb. Seitdem von 191 1 ab B. in Zusammenarbeit
mit Dr. Weicker und unterstiitzt von dem Geschaftsfiihrer der Provinzial-
abteilung Schlesien des Deutschen Vereins f iir landliche Wohlfahrts- und Hei-
matpflege, dem Lehrer Tiffert in Brieg, dieser Frage seine Tatkraft widmete,
ging es mit dieser sozialen Arbeit schneller vorwarts. B. hielt auch iiber diese
Seite der Wohlf ahrtspflege wiederholt Vortrage, nicht nur in Schlesien, sondern
auch in Pommern.
Auch sonst war B. unermiidlich tatig. Er verteidigte das Offizierkorps gegen
die Angriff e desObersten Gaedke, der im » Berliner Tageblatt* am 25. Marz 19 11
den Offizieren, besonders in den sogenannten adligen Regimentern, allgemein
die Sucht des Hazardspieles vorgeworfen hatte; B. antwortete ihm in der
»Kreuzzeitung« vom 18. April mit einem Artikel: »Kein Spielteufel im
Heere.« Verschiedentlich hielt er auch Ansprachen an historischen Erinnerungs-
tagen.
Kurz vor Ausbruch des Weltkrieges nahm er ein neues groBes Arbeitsfeld
in Angriff, indem er im Mai 1914 im Henenhause einen Antrag auf Einfuhrung
der Sexualpadagogik einbrachte. Diesen Gedanken, die Gesunderhaltung unseres
Volkes durch sexuelle Erziehung, nicht durch sexuelle Aufklarung, zu sichern,
hat er dann auch als Generalgouverneur in Belgien weiter verfochten. Wenige
Wochen nach seiner Ernennung besprach er in den letzten Tagen des Dezember
1914 mit Vertretern der Landesversicherungsgesellschaften, vvie die schwierige
Frage des Kampfes gegen die Geschlechtskrankheiten in Feindesland zu losen
sei. Ihn leitete dabei in erster Linie die Sorge um die Erhaltung der Tiichtigkeit
und Leistungsf ahigkeit der deutschen Truppen ; zugleich aber galten seine MaB-
nahmen auch der Gesundung des belgischen Volkes. Seinen eingreifenden MaB-
nahmen war es zu verdanken, daJ3 die Zahl der Geschlechtskranken vom Januar
1915 ab sehr schnell abnahm. Doch B. blieb dabei nicht stehen. In der Er-
offnungsrede einer zur Behandlung dieser Frage nach Bnissel einberufenen
Versammlung fuhrte er am 8. Dezember 1915 aus, daB in der Auffassung
dieser Dinge ein grundsatzlicher Wandel eintreten miisse. Madchen undFrauen
fielen der Verachtung anheim, obwohl oft der Mann die Schuld trage; der
geschlechtskranke Mann dagegen werde nur »bedauert«; neben den hygieni-
schen, sanitaren, charitativen und sozialen MaBnahmen sei vor allem eine
sexuelle Erziehung des Mannes notwendig. Wenn in dieser fur die Volksge-
sundheit so wichtigen Frage eine Wandlung eingetreten ist, so hat B. das
Verdienst, in einer Zeit, wo man diese Dinge nur mit Scheu nannte, offen
die Wunde aufgedeckt und auch riickhaltlos Mittel zu ihrer Heilung ange-
geben zu haben.
Der Ausbruch des Weltkrieges berief B. als stellvertretenden Kommandie-
renden General des VII. Armeekorps nach seiner alten soldatischen Wirkungs-
statte in Miinster in Westfalen, wo er vom 2. August bis zum 27. November
blieb. An diesem Tage wurde er als Nachfolger des nach der Tiirkei versetzten
Bissing 47
Generalfeldmarschalls v. d. Goltz zum Generalgouverneur in Belgien ernannt.
Am 24. Dezember erfolgte seine Beforderung zum Generalobent. Damit trat
der Siebzigjahrige auf das Forum der Weltgeschichte. Die nicht ganz zwei-
undeinhalb Jahre, die ihm noch zu leben vergonnt waren, stellten ihn vor die
Aufgaben eines Herrschers iiber ein reich bevolkertes und von feindlichen
Heeren besetztes Land, die nicht nur militarische, sondern vor allem staats-
mannische Leistungen erforderten.
Am 8. Dezember 1914 traf B. in Briissel ein und ging sofort mit der ihm
eigenen Tatkraft an die Verwaltung des L,andes, fiir die er sich allein dem
Kaiser verantwortlich fuhlte. Diese Stellung als »selbstandiger Verwalter des
ihm vom Kaiser anvertrauten Okkupationsgebietes* hat er wiederholt betont,
vor allem gegentiber der Obersten Heeresleitung, wenn diese von ihm MaB-
nahmen verlangte, die er mit seinen Verwaltungsgrundsatzen schwer in Ein-
klang bringen konnte. Dabei vertrat er mit der alten Leidenschaftlichkeit, die
oft nicht ohne Scharfe war, seinen Standpunkt. Da die beiden Provinzen Ost-
und Westflandern nicht zum Generalgouvernement gehorten, sondern zur
Etappe der 4. Armee und zum Marinekorps, ergaben sich bei der Durch-
fuhrung seiner politischen und wirtschaftlichen MaBnahmen nicht selten
Schwierigkeiten, besonders mit dem Armeeoberkommando der 4. Armee. Bei
aller Scharfe war B. aber jederzeit bereit, in offener Aussprache strittige Fra-
gen zu klaren, und hat spater auf diese Weise mit dem Marinekorps eng zu-
sammengearbeitet. Gegeniiber dem Reichskanzler und den Reichsbehorden,
denen er personlich nicht unterstand, von denen aber wohl die Beamten seines
zivilen Stabes ernannt wurden, und welche die Richtlinien fiir die zu befolgende
Politik angaben, hat er in offener und ruckhaltloser Weise seine Meinung ver-
treten und sie manchmal vor vollendete Tatsachen gestellt. In der Flamen-
politik ist er mit dem Reichskanzler v. Bethmann Hollweg in Ubereinstim-
mung vorgegangen und hat sich dessen Ansichten angeschlossen, auch wenn
er erst anderer Meinung war. Dabei wurde von der Reichsleitung der Grund-
satz B.s, in »wohluberlegter, geduldiger, zaher und ausdauernder, vorsichtig
abwagender Kleinarbeit« vorzugehen, durchaus gutgeheiBen. B. hat die Ziigel
in Belgien fest in der Hand gehalten, was bei den vielen militarischen und
zivilen Behorden in Belgien und in Deutschland, die alle mehr oder weniger
etwas zu sagen hatten, nicht leicht war. Er wollte wirklich selbst verwalten
und nicht nur eine dekorative Spitze sein. Er hielt sich deshalb auch nicht an
den bureaukratischen Instanzenzug und lieB sich oft von nachgeordneten
Stellen unmittelbar Vortrag halten oder Bericht erstatten, ohne den Zwischen-
instanzen vorher da von Nachricht zu geben. Dieses selbstandige Eingreifen
ermoglichte es ihm, sich schnell iiber Einzelheiten zu unterrichten, und zwang
seine Untergebenen zu rastloser Tatigkeit. Gegen den Willen seines Verwal-
tungschefs und ohne die Reichsregierung zu fragen, die sich die Organisation
der Verwaltung in Belgien vorbehalten hatte, machte er die Abteilung I des
Verwaltungschefs zur selbstandigen, ihm unmittelbar unterstellten Politischen
Abteilung (13. Februar 1915) und begriindete dies mit »Abkurzung des In-
stanzenzuges*. Einen Monat spater, am 6. Marz, loste er, diesmal nach vor-
herigen Verhandlungen mit dem Reichsministerium des Innern, die Bank-
abteilung als selbstandige Behorde vom Verwaltungschef los. Der Grundsatz
seiner Verwaltung war, wie er es einmal in der Eroffnungsrede anlaBlich der
48 1917
Tagung richterlicher Militarjustizbeamter in Briissel am 29. Juni 1916 aus-
gesprochen hat, »daB das Volk, welches jetzt unter unserer Macht stent, nicht
mit HaB und Vergeltungswut behandelt wird. Denn es gehdren tatsachlich
ganz andere Faktoren dazu, ein feindliches Volk zu leiten, in Ordnung zu
halten; schlieBlich ist auch der Verwalter eines solchen Landes verpflichtet,
die Wohlfahrt wieder zu heben, das Land trotz der Not des Krieges zu starken
und, trotz der vor alien Dingen zu beachtenden militarischen Riicksichten,
wieder lebensfahig zu machen.« Er betonte, daB die volkerrechtlichen Be-
stimmungen seine »Handlungen und MaBnahmen auch in richterlicher Be-
ziehung als Grundlage voll und ganz beherrschen*, und hoffte, daB die wich-
tigen Fragen des Volkerrechts, die auf der Tagung behandelt werden sollten,
dazu beitragen mochten, »wenn auch nicht fiir den Augenblick, so doch fiir
die Zukunft wieder ein Volkerrecht zu schaffen und die Moglichkeit zu geben,
daB die jetzt feindlichen Lander, die sich bis zum WeiBbluten bekampfen, in
absehbarer Zeit wieder zur Einigkeit, zu gemeinsamen Kulturaufgaben ge-
langen*. Welcher Staatsmann oder Militar der Entente hat im Jahre 1916
solche volkerversohnenden Wiinsche ausgesprochen ! B. war sich der groBen
Schwierigkeit, ein besetztes Land zu verwalten, wohl bewuBt und immer darauf
bedacht, den richtigen Mittelweg zwischen einer zu strengen und einer zu
milden Behandlung zu finden. »Ich durfte,« schreibt er am 25. November 1916
einmal an den Chef der Obersten Heeresleitung, Generalfeldmarschall von
Hindenburg, »weder den Gefiihlen der Vergeltung nachgeben noch danach
streben, die Liebe des Volkes zu gewinnen. Mir muB es genug sein, wenn ich
mir die Achtung erworben habe.« So kam es, daB die Belgier, wenn er die
durch den Krieg notwendigerweise gebotenen MaBnahmen durchfuhrte, in
ihm ihren Bedriicker sahen, und daB andererseits manche deutsche Stellen
ihm zu groBe Nachsicht vorwarfen, wenn sie bemerkten, daB Belgien wieder
aufbluhte. Die belgischen Darstellungen aus der Kriegszeit geben das Bild
des bedeutendsten Generalgouverneurs ihres Landes in blindem HaB verzerrt
wieder, und auch nach dem Kriege hat sich in Belgien noch keine Feder ge-
funden, die auch nur den Versuch gemacht hatte, die Gestalt B.s vom Stand -
punkt seiner durch den Krieg ihm ubertragenen Stellung in gerechter Weise
zu beurteilen. Die Universitat Minister verlieh ihm am 1. Dezember 1915 die
Wiirde eines Dr. rer. pol. h. c, weil er ».durch weise, gerechte und zweckent-
sprechende Verordnungen und VerwaltungsmaBnahmen geradezu Mustergul-
tiges geschaffen« habe. In Deutschland hat man zwar erkannt, daB B. zu den
bedeutendsten Personlichkeiten des Weltkriegesgehort, aber das Fiir und Wider
um seine Taten und seine Wirkung hat noch keiner einheitlichen Auffassung
Platz gemacht. Dies wird so bleiben, solange die »belgische Frage* noch
im Mittelpunkt der innen- wie auBenpolitischen Leidenschaften stent, da die
fiir ein abschlieBendes Urteil notwendigen Quellen auch so lange der Offent-
lichkeit nicht zuganglich gemacht werden diirften. Manches laBt sich aber
mit Bestimmtheit heute schon sagen. B. hat sich scharf gegen den Vorwurf
verwahrt, als ob er Belgien auf Kosten Deutschlands zu Wohlstand verhelfen
wolle. Das deutsche Interesse hat ihm immer an erster Stelle gestanden, und
es war nur natiirlich, daB ein besetztes feindliches Land auch zu den Kosten
der Kriegfiihrung beitrug. Aber B. faBte seine Verwaltung als die » eines spar-
samen Haushalters«, um fiir die Zeit der Not Hilfe gewahren zu konnen. Der
Bissing 4g
Kaiser hatte ilnn nicht nur aufgegeben, Belgien entsprechend den volkerrecht-
lichen Vorschriften fiir die okkupierende Macht nutzbar zu machen, sondern
ausdriicklich aufgetragen, »soziale Politik zu treiben«. Dies hat er auch mit
alien Mitteln getan, deutsche soziale Einrichtungen eingefiihrt, fiir Kranke
und Arme gesorgt, vor allem aber versucht, die Produktionsfahigkeit des L,an-
des zu verstarken. Bei Handel und Industrie war dies bald erschopft, da die Roh-
stoffe fehlten und die uberseeische Einfuhr gesperrt war. Urn so mehr war er
besorgt, die Landwirtschaft zu heben, damit sie »auch bei Unterbrechung der
Zuf uhr aus tJbersee, wenn auch mit Not, die belgische Bevolkerung unter An-
wendung der weitestgehenden Sparsamkeit ernahren konnte«. Den Kohlenberg-
bau hat er in vollem Gange erhalten, und gegen die Abschiebung der Arbeits-
losen hat er sich mit seiner ganzen Zahigkeit so lange gestemmt, bis ihm die
Notwendigkeit der Zufuhrung belgischer Arbeiter fiir die deutsche Industrie als
fiir deren Fortbestand so dringend dargestellt wurde, da£ er aus deutschem
Interesse nachgab. Es zeigte sich bald, daB die MaBnahme verfehlt und auch
nicht notwendig war und daB seine Bedenken richtig gewesen waren.
Bei dieser Behandlung Belgiens leitete ihn einmal sein Pflichtgefuhl des
Herrschers iiber das ihm anvertraute Volk — ein Umstand, den anzuerkennen
bisher noch kein Belgier den Mut gefunden hat — , sodann aber, und dies in
-erster Linie, das deutsche Interesse, wie es auch nur natiirlich war. Die Schwie-
rigkeit der Verbindung dieser beiden Gesichtspunkte hat B. gelost; denn er hat
Belgien vor dem groBten Elend des Krieges bewahrt und hat andererseits in
Belgien dem Deutschen Reiche einen nie versiegenden Brunnen von Hilfs-
mitteln erhalten. Dabei erhebt sich die Frage, wie er sich das kiinftige Schicksal
Belgiens gedacht hat, eine Frage, mit der seine Flamenpolitik in engstem Zu-
sammenhang steht. B. kam mit den alten Gedankengangen von dem Rechte
des Eroberers nach Belgien, jedoch nicht in der Weise, daB das eroberte Land
unter alien Umstanden zu annektieren sei. Wohl aber war er der Meinung, daB
* Belgien in irgendeiner Form zur Machterweiterung Deutschlands benutzt«
werden miisse, wie er sich in einer Anweisung an die Zivilverwaltung vom
20. Februar 19 15 ausdriickte. Es sollten aber die Vor- und Nachteile sowie
die Moglichkeiten und Hemmnisse in eingehendem Studium genau untersucht
werden, und er gab deshalb in derselben Verfugung dem Verwaltungschef den
Auftrag, Erhebungen iiber den Zustand verschiedener wirtschaftlicher und
sozialer Einrichtungen in Belgien anzustellen, auf Grund welcher Verfugung
in rascher Folge mehr als vierzig Denkschriften hergestellt wurden. Die fla-
mische Bewegung war dem Generalgouverneur wie den meisten deutschen
Beamten etwas durchaus Neues. Die erste Anregung zu einer Flamenpolitik
kam von einigen privaten Personlichkeiten, die dann zum Teil zur Mitarbeit
nach Briissel berufen wurden. Den ersten offiziellen AnstoB gab der Reichs-
kanzler v. Bethmann Hollweg. Dieser hatte bereits am 1. September 19 14 an
den Verwaltungschef geschrieben, »die kulturelle flamische Bewegung, die ja
auch eine Bewegung zugunsten der hollandischen Sprache ist, nach Moglich-
keit sichtbar zu unterstiitzen« und »einige VerwaltungsmaBnahmen auf dem
Gebiete der Schulen in dieser Richtung zu treffen, wenn sie auch in der Kiirze
der Zeit nicht viel andern konnen«. Damals dachte man noch an eine kurze
Dauer des Krieges. Die Folge dieses Schreibens waren mehrere Besprechungen
und Verhandlungen, aber keine greifbaren WillensauBerungen. Deshalb wandte
DBJ 4
50 1917
sich Bethmann Hollweg kurz nach dem Eintreffen B.s in Briissel an diesen mit
einem ausfuhrlichen ErlaB vom 16. Dezember 1914. Dieser lautete: »Unab-
hangig von der Frage des spateren territorialen Schicksals Belgiens scheinen
mir unsere Interessen schon jetzt zu erfordern, daB das Deutsche Reich bei
einem starken Teil der belgischen Bevolkerung sich die Stellung eines natiir-
lichen Beschtitzers und zuverlassigen Freundes erwirbt und sichert. Nach Lage
der Verhaltnisse kann sich ein Gefuhl der Zusammengehorigkeit nur in den
flamischen Landesteilen heranbilden, deren tiralte Kultur und Sprache der
unserigen venvandt ist und deren berechtigte nationale Bestrebungen ixn
Kampf gegen die franzosierenden Einfliisse vor dem Kriege nur teilweise und
zogernd Anerkennung gefunden haben. Mit Dank wiirde ich es daher begruBen,
wenn Eure Exzellenz dem flamischen Problem nachhaltig und eingehend Ihr
Interesse zuwenden und daftir Sorge tragen wollten, daB alle damit in Ver-
bindung stehenden Fragen einheitlich, vielleicht von einer besonders damit zu
betrauenden Stelle, behandelt werden. Besonders wichtig erscheint, neben all-
mahlicher Fuhlungnahme mit den geistigen und wohl auch religiosen Fuhrern
der Bewegung, die weitestgehende Forderung der flamischen Sprache (unter
Verzicht darauf, in den flamischen Landesteilen der deutschen Sprache eine
iibergeordnete Rolle zuzuteilen), ferner die Ausgestaltung der Universitat in
Gent zu einer rein flamischen Lehranstalt und die Herstellung einer fiir die
militarischen Interessen annehmbaren publizistischen Verbindung zwischen
Holland und den flamischen Gebieten. Die Reichsbehorden, insbesondere das
Auswartige Amt, werden Anweisung erhalten, Euer Exzellenz Bestrebungen
in jeder Weise zu fordern. Um den in Ost- und Westflandern aus der Zuge-
horigkeit dieser Provinzen zum Operationsgebiet etwa erwachsenden Schwierig-
keiten zu begegnen, werde ich z weeks Verstandigung des Armeeoberkomman-
dos mich mit der Obersten Heeresleitung in Verbindung setzen.* Als der Ver-
waltungschef, dem B. diesen ErlaB zum Vortrag zuschrieb, zogerte, Mafi-
nahmen zu ergreifen, nahm B. die Behandlung selbst in die Hand, lieB sich von
sachverstandiger Seite auBerhalb der Verwaltung unterrichten und erlieB am
10. Januar 1915 seine Richtlinien zur Flamenpolitik. Er errichtete den Flamischen
AusschuB, dessen erste Sitzung am 16. Januar stattfand und dessen Vor-
sitzender bald der Leiter der neu errichteten Politischen Abteilung wurde. In
diesen Richtlinien gab er verschiedene Vorschriften liber Anwendung der fla-
mischen Sprache. Aber die »an sich hochbedeutenden Fragen des Ausbaues
des flamischen Schulwesens und einer flamischen Hochschule in Gent* wollte
er vorerst noch zuriickgestellt wissen. Die Verhaltnisse erschienen ihm damals
dazu noch nicht reif genug. »Die Masse des flamischen Volkes* sei »zur Zeit
durch die Ereignisse und Note des Krieges stark verstort, zum Teil noch in
MiBstimmung und Vorurteilen gegen uns befangen«, welche Stimmungen
» durch eine ausgezeichnet arbeitende geheime Verhetzung von franzosischer
Seite noch fortdauernd geschiirtd werde. Hier miisse erst durch geduldige und
zahe Kleinarbeit eine Anderung platz greifen. Dabei diirfe man aber »den
leitenden Grundgedanken der flamischen Bewegung uns Deutschen gegeniiber
nicht antasten«. Sehr klar formulierte er diesen mit den Worten: »Es sind nur
einzelne Flamen, welche direkt das Aufgehen in Deutschland wollen. Wir, die
groBe Mehrzahl der flamischen Volksgenossen, wollen Germanen mit flamisch-
niederdeutscher Kultur sein, aber nicht zu Hochdeutschen mit hochdeutscher
Bissing gT
Sprache gemacht werden. Wir wollen die volkische Selbstandigkeit der Nieder-
lande gewahrt wissen. Unsere flamische Bewegung hat als Ziel die geistige und
materielle Hebung unserer Volksgenossen durch das Mittel der heimischen
Muttersprache. Die Reichsdeutschen erkennen wir als ein uns befreundetes
Volk an, das uns stammverwandt ist, in dem wir aber keine Landesgenossen
erblicken.« So deutlich B. mit diesen Worten das Wesen der damaligen flami-
schen Bewegung umschrieb, so gab er doch den Gedanken und Wunsch nicht
preis, daB diese Gebiete fur Deutschland gewonnen werden konnten, indem
er am Schlusse seiner Richtlinien vermerkte: »Sollte die zur Zeit bestehende
Okkupation des Landes sich zu einer dauernden gestalten, so kann es meines
Erachtens keinem Zweifel unterliegen, daB durch diese Tatsache allein auf die
Dauer die im Flamentum bestehenden bedingten Sympathien eine nachhaltige
und schlieBlich auch sieghafte Starkung erfahren wiirden.* In einer Denkschrift
an den Kaiser aus dem April 1915 vertrat er noch durchaus Gedankengange,
die in den alten Gleisen verliefen, und sprach sich gegen eine Teilung Belgiens
nach Sprachgrenzen und fiir eine voile Einverleibung mit Militardiktatur und
nachfolgender Selbstverwaltung unter einem mit Vetorecht ausgestatteten
Statthalter aus. Die Politische Abteilung in Briissel, deren Mitglieder die
Trager der Flamenpolitik waren, hatte eine andere Auffassung und trat fiir
Zweiteilung des Landes ein. Obwohl diese Abteilung wie die iibrigen Zivil-
behorden dem Reichsministerium des Innern unterstellt war, brachte doch
die Zugehorigkeit ihres loiters zum Auswartigen Amt und ihr Arbeitsgebiet
es mit sich, daB sie auch in unmittelbarem Verkehr mit dem Auswartigen Amt
und damit mit dem Reichskanzler stand. In der Flamenpolitik verfolgten diese
drei gemeinsame Ziele, die von dem Gesichtspunkte ausgingen, daB die »Po-
litik in Belgien alle Eventualitaten im Auge behalten mussed und daB deshalb
»gerade die flamische Frage von dem Gesichtspunkt betrachtet werden miisse,
da£ der Ausgang des Krieges uns nicht die Moglichkeit gewahrt, nach Gut-
dunken iiber das Schicksal Belgiens zu entscheiden*. Gerade deshalb forderte
der Reichskanzler eine Beschleunigung der Losung der flamischen Fragen.
Die Politische Abteilung wurde somit der stets drangende Teil gegeniiber der
stets zogernden Zivilverwaltung. Es ist das hohe Verdienst B.s und ein deutliches
Zeichen seiner Fahigkeiten als Herrscher, daB er zwischen diesen beiden Fak-
toren stets den richtigen Mittelweg suchte und fand, daB er keineswegs starr
auf seiner Ansicht verharrte und daB er, sobald er sich von der Richtigkeit
einer anderen Auffassung iiberzeugt hatte, diese dann auch mit seiner ganzen
Tatkraft zur Durchfuhrung brachte. So hat er, wie er selbst sagt, »nur zogernd*
den Schritt zur Bildung einer flamischen Hochschule in Gent unternommen.
Aber nachdem er einmal in tJbereinstimmung und auf besonderes Andringen
des Reichskanzlers die grundlegende Verordnung fiir die Umwandlung der
Genter Universitat in eine flamische Hochschule am 15. Marz 1916 erlassen
hatte, sorgte er durch Einsetzung einer besonderen Kommission dafiir, daB
in genauester Einzelvorbereitung ein Werk aus einem GuB entstiinde. Und mit
voller Uberzeugung konnte er in seiner Ansprache bei Eroffnung dieser Uni-
versitat am 21. Oktober 1916 sagen: »Die traurigen sozialen Zustande unter
der flamischen Mehrheit des belgischen Volkes konnten ohne eine zielbewuBte
Forderung der lange vernachlassigten Rechte der Flamen nicht behoben wer-
den,* und weiter: » Keine deutsche Hochschule soil hier entstehen, aber erst
52 1917
recht keine franzosische, sondern eine im flamischen Volke wurzelnde nieder-
landische.« Schon vorher hatte B. auf Grund einer langen Denkschrift der Po-
litischen Abteilung am 27. Juni 19 16 neue Richtlinien fiir seine Flamenpolitik
herausgegeben. Eine eingehende Unterredung mit dem Reichskanzler v. Beth-
mann Hollweg in Berlin war vorausgegangen. Dabei hatte dieser den Zeitpunkt
fiir gekommen erachtet, »die Flamenbewegung auch dadurch zu fordern,
daB man eine Verwaltungstrennung vornehme und Flamen zur Mitarbeit besser
wie bisher heranzoge«. Der Reichskanzler erorterte gegeniiber B. seine Kriegs-
ziele, und diesem wurde » dadurch eine festere Grundlage fiir eine lebhaftere
Flamenpolitik gegeben«. Er sagte dem Reichskanzler zu, »auf dem bereits be-
schrittenen Wege vorwartszugehen und allmahlich MaBnahmen zu treffen,
welche seine belgische Politik fordern und der Flamenbewegung Nutzen
bringen sollen«. In den neuen Richtlinien betonte er, »daJ3 wir uns in dem
Lande, das wir angeblich mit roher Gewalt vernichten wollten, vor die Aufgabe
gestellt sehen, einem lange unterdriickten Volke zur Wiederaufrichtung und
zu hoherem Leben zu verhelfen und damit Leistungen zu vollbringen haben,
welche gerade die Entente mit England an der Spitze als ihr Kriegsziel in alle
Welt hinausschreit : ,Schutz der kleinen Nationen'. « Es sei jetzt die Zeit ge-
kommen, zu einer Verwaltungstrennung iiberzugehen. Damit kamen die von
den Flamen seit langem vorgebrachten Wiinsche der Verwirklichung nahe.
B. ging allerdings auch jetzt in der Weise seiner wohliiberlegten Kleinarbeit
vor, indem er zunachst das Kultusministerium durch die Verordnung vom
25. Oktober 19 16 in eine flamische und in eine wallonische Abteilung trennte
und fiir die iibrigen Ministerien Vorarbeiten machen lieB. Als dann zu Anfang
des Jahres 1917 die Neujahrsfriedensbotschaft des Kaisers erschien, furchteten
die Flamen, daB ihre Rechte, falls es tatsachlich zu Friedensverhandlungen
komme, weniger sicher durchgesetzt werden konnten, wenn sie keine eigene
Vertretung hatten. Deshalb stellten 46 Obmanner aller Gruppen am 7. Januar
1917 in Brussel die Forderung auf: »Die Flamen in Belgien fordern fiir Flandern
vollstandige und allseitige Selbstandigkeit und Selbstregierung und die un-
verziigliche Verwirklichung aller MaBnahmen, die dazu fiihren konnen«, und
errichteten am 4. Februar in einer Versammlung von 200 beauftragten Ver-
trauensmannern aus dem ganzen Lande den aus 50 Mitgliedern bestehenden
Rat von Flandern. Dadurch erhielt die Flamenpolitik einen Ansporn zu wei-
teren MaBnahmen, und nachdem die Reichsregierung durch den Staatssekretar
des Innern Helfferich in einer Besprechung am 17. Marz in Brussel deutlich
den Willen zu erkennen gegeben hatte, auf dem einmal eingeschlagenen Wege
weiterzuschreiten, setzte B. eine Kommission fiir die Verwaltungstrennung
des Landes ein und erlieB am 21. Marz 19 17 die grundlegende Verfiigung der
Trennung des Landes in zwei Verwaltungsgebiete. So sind alle groBen Verord-
nungen zur Neugestaltung und Neubelebung Flanderns unter der Regierung
B.s zustande gekommen. Die spatere Zeit brachte dann nur die Ausfuhrung
dieser Grundsatze. B. hat in den letzten Monaten seines Lebens mehrere Denk-
schriften an den Kaiser und an den Reichskanzler gerichtet. Darin gibt er klar
seiner Auffassung Ausdruck, daB » jede allzu vordringliche deutsche Einwirkung,
besonders alle Verdeutschungsversuche bei diesem zah an seiner Eigenart fest-
haltenden Volke das Gegenteil der beabsichtigten Annaherung bewirken wiir-
den. Dagegen bedeutet die Starkung des flamisch-niederlandischen Volkstums
Bissing co
an sich, wegen seiner sprachlichen und kulturellen Verwandtschaft mit deut-
scher Art und wegen der friiher beiderseits zu wenig erkannten Interessen-
gemeinschaft zwischen Deutschen und Flamen, auch einen Gewinn fur Deutsch-
land und eine Schwachung des Franzosentums. « Diese Denkschriften zeigen
in der grundsatzlichen Einstellung in bezug auf die flamische Sprache keine
Anderung gegeniiber der ursprunglichen Auffassung, wohl aber in der Form
der Durchfuhrung der Flamenpolitik. Von einem ungeteilten Belgien ist keine
Rede mehr. Die Forderungen der Flamen, die von der Politischen Abteilung
friihzeitig als richtig und durchfuhrbar erkannt und von der Reichsleitung
anerkannt worden waren, werden jetzt auch von dem Generalgouverneur ge-
billigt. Man kann deshalb die Denkschrift, die nach dem Tode B.s in der Zeit-
schxift »Das groBere Deutschland« von Bacmeister am 19. Mai 1917 veroffent-
Licht und als » Testament B.s« bezeichnet worden ist, nicht als sein Testament
ansprechen. Diese Denkschrift tragt die Ziige der Zeit um die Jahreswende
von 1915 zu 1916, also einer sehr friihen Zeit, wo weder die Genter Hochschule
verflamscht noch der Rat von Flandern geboren noch die Verwaltungstrennung
ausgesprochen war. Nur das eine ist richtig, daB B. bis zum SchluB an dem
Gedanken einer Oberherrschaft Deutschlands festgehalten hat. Aber die Form
dieser Oberherrschaft hat sich auch bei ihm mit dem Fortschreiten der flami-
schen Bewegung gewandelt, und je starker das Flamentum selbst wurde, um
so geringer vvurden die Moglichkeiten einer glatten Annexion. Die Mitarbeiter
B.s, vor allem die in der Politischen Abteilung, haben nicht immer den gleichen
Standpunkt wie der Generalgouverneur eingenommen. Es war einer seiner
groBen Vorziige, daB er seine Mitarbeiter arbeiten lieB, ihren Gedankengangen
sich nicht verschloB und fur die Moglichkeiten der von ihnen vertretenen
politischen Losungen, die dem veranderlichen Ablauf historischen Geschehens
unterworfen sind, einen offenen Blick hatte. Dabei half ihm auch sein hoher
Begriff der Pflichterfiillung, der ihn veranlaBte, seinen verantwortlichen Be-
amten auch die Freudigkeit und den Mut der Verantwortung zu belassen.
Dies war um so schwieriger, als sich gerade in der belgischen Frage aus den
verschiedensten Kreisen unverantwortliche Ratgeber an ihn herandrangten,
deren Stellung und Bedeutung oftmals den Anspruch begriindeten, gehort
und beachtet zu werden. Ein letztes Urteil iiber B.s Verwaltung und iiber seine
Regierungspolitik wird erst moglich sein, wenn die gesamte, sehr verwickelte
belgische Frage einmal eingehend untersucht und dargestellt werden kann.
Sein Name wird aber mit dem politischen BewuBtwerden des Flamentums fur
alle Zeiten verbunden sein.
Nachdem B. am 8. April 19 17 seine letzte Denkschrift an den Kaiser ab-
gesandt hatte, nahm seine schon lange wahrende Krankheit so rasch zu, daB
er am 14. April die Regierungsgeschafte niederlegen muBte. Mit zahester
Energie hatte er fast bis zum letzten Atemzuge trotz groBter korperlicher Be-
hinderung sein Amt erfullt. Sein Stellvertreter wurde an diesem Tage der
General der Infanterie v. Zwehl, Gouverneur von Antwerpen. Am 18. April,
8 Uhr 40 Minuten nachmittags, verschied B. in Trois Fontaines. Wie B. einmal
in einem ErlaB an seine Gouverneure gesagt hat, »daB jeder einzelne von uns,
vom einfachsten Landsturmmann bis zu mir herauf, die Verpflichtung hat,
die Ehre und den Ruf der deutschen Armee, des deutschen Namens auch den-
jenigen gegeniiber zu wahren, die unsere Feinde sind«, so hat er diesen Ehr-
54 w?
begriff bis zuletzt vor allem als Pflichterfiillung gefaBt. Auf dem Totenbett
hat er sich noch einmal emporgerichtet und in der Annahme, im Kreise seiner
Mitarbeiter zu stehen, seine letzte ergreifende Rede gehalten, die von seiner
Gemahlin dann aufgezeichnet worden ist; darin hat er in einer Art Rechen-
schaftsbericht im Angesicht des Todes u. a. die Worte gesprochen: »Ich habe
viel und lange dariiber nachgedacht, wie wir unsere Aufgabe gestalten miissen,
in welcher Weise sie ergriffen, durchdacht und angefaJ3t werden muB, urn etwas
Brauchbares, etwas Bleibendes zu schaffen, etwas zu gestalten, was nicht ein
Ideal ist, aber doch einen idealen Wert behalt. Ob es mir gelungen ist, ich weiB
es nicht, und erst die Zukunft wird es lehren. Aber wir haben es versucht, und
wir haben unsere besten Krafte daran verwendet. Die besten Manner des
Vaterlandes haben von Anf ang an, jeder an seiner Stelle, hier gearbeitet . . .
Es ist eine gewaltige Aufgabe gewesen, die an jeden einzelnen gestellt worden
ist, denn es gait, die Verhaltnisse, die sich langsam uberhaupt erst gestalteten,
erst heranreiften und noch nicht ausgereift sind, nicht allein zu beherrschen,
sondern vorauszusehen, sich tastend Schritt fiir Schritt weiter zu wagen und
doch die Gaben, die Erfahrungen jedes einzelnen dem Ganzen, dem gewaltigen
Plane so dienstbar zu machen, daB es fiir die Zukunft, welche wir heute noch
nicht iibersehen konnen, Fruchte tragen kann, selbst wenn wir nicht erleben
konnten, daB sie reifen . . . Als alter Offizier im Dienste seiner Majestat des
Konigs und als Mann, der sein deutsches Vaterland liebt, habe ich nur den
einen Begriff von Ehre, namlich den, meine Pflicht zu tun bis zum letzten Atem-
zuge. Das ist die einzige Ehre, die einen deutschen Mann erfullen darf . Ich habe
oft daran gedacht, daB ich ein alter, kranker, verbrauchter Mann bin, und ich
ware nicht an dieser Stelle geblieben, wenn ich mir nicht gesagt hatte, daB die
Arbeit, die Erfahrung, der Gedankengang dieses alten Mannes, welcher von
Anfang an hier gearbeitet hat, jetzt noch fiir die groBe Sache notwendig ge-
wesen ist; darum bin ich noch hier geblieben, darum gebe ich meine letzten
Krafte hin. Es ist nicht Eitelkeit oder Diinkel gewesen, aber der Wunsch,
meine Pflicht zu tun bis zum allerletzten, solange mir noch die Kraft blieb,
das Wort , Pflicht' zu erkennen.*
Iriteratur: Schriften B.s: Ausbildung, Fuhrung und Verwendung der Reiterei (Bei-
heft zum Militarwochenblatt 1895, He^ 2)- — Die Ubungen und Tatigkeit der Kavallerie-
Division B im Herbst 1897 (ebda. 1898, Heft 5). — Massen- oder Teilfuhrung der Kaval-
lerie, Berlin 1900. — Das Korpsmanover des VII. Armeekorps in den Tagen vom 21. bis
23. September 1903, Miinster i. W. 1903. — Das Korpsmanover des VII. Armeekorps in
den Tagen vom 21. bis 24. September 1904, Miinster i. W. 1905. — AUgemeine Bemer-
kungen zu den Manovern im Jahre 1905, Miinster i. W. 1906. — Bemerkungen iiber Aus-
bildung und Verwendung aller Waffen, iiber Leitung und Ausfuhrung der Manover, Miin-
ster i. W. 1907. — Aufierdem zahlreiche Aufsatze in Zeitungen und Zeitschriften, von
denen einige im Text genannt sind. — Der NachlaB B.s befindet sich zum Teil im Reichs-
archiv, zum Teil im Besitz seiner Gemahlin.
Potsdam. Robert Paul Ofiwald.
Brentano, Franz, Philosoph, * am 16. Januar 1838 in Marienberg bei Boppard
a. Rh., f am 17. Marz 1917 in Zurich. — B., Sohn des katholischen Schrift-
stellers Christian B., Neffe des Dichters Clemens B., Bruder des National-
okonomen Lujo B., besuchte in Aschaffenburg, wo die Familie bald nach seiner
Geburt ihren dauernden Wohnsitz nahm, das Gymnasium, studierte dann in
Bissing. Brentano 55
Miinchen, Wiirzburg, Berlin (wo ihn Trendelenburg in das aristotelische Stu-
dium einfuhrte) und Minister Philosophic Anf Grund seiner Schrift: »Von der
mannigfachen Bedeutung des Seienden bei Aristoteles* 1862, welche namentlich
-die Bedeutung und Entstehung der aristotelischen Kategorienlehre in neues
Licht setzte, wurde ihm von der Tubinger philosophischen Fakultat der Doktor-
titel zuerkannt. Seine durch den Geist des Elternhauses genahrte religiose Rich-
tung trieb ihn zum Studiura der katholischen Theologie. Er wurde 1864 Priester,
setzte aber seine aristotelischen Forschungen fort und habilitierte sich 1866
mit der Schrift : »Die Psychologie des Aristoteles, insbesondere seine Lehre vom
vof)$ 7toirjTiK6s« (1867) in Wiirzburg fur Philosophic Diese durch sorgfaltige
Textanalyse und prazise Darstellung ausgezeichnete Schrift fiihrt zuletzt den
seit Averroes oft in pantheistischenv Sinn als ein Denken Gottes im Menschen
gedeuteten nntellectus agensn auf eine begriffsbildende Kraft der menschlichen
Seele zurtick.
B.s Sinn war aber langst nicht nur auf geschichtliche Studien, sondern auch
auf eine Erneuerung der nach Hegels Tode zusammengebrochenen Philosophic
gerichtet. Er sah in der Abkehr von der Erf ahrung die Ursache des Zusammen-
bruches, in den spekulativen Systemen selbst also bereits Irrwege, und setzte
sich das Ziel, die Philosophic durch Wiedereinfiihrung der naturwissenschaft-
lichen (induktiven) Methode, die eine seiner Habilitationsthesen als die der
Philosophic einzig angemessene bezeichnete, von Grund aus zu reformieren, ohne
dabei die Richtung auf die hochsten Fragen preiszugeben. Diese Verbindung
cines hochgespannten Idealismus mit der Wertschatzung der Tatsachen, mit
auBerster Scharfe des logischen Denkens, kristallklarem Vortrag und einer
ganz der Sache hingegebenen, durch den Charakter wie die auBere Erscheinung
faszinierenden Personlichkeit fuhrten ihm nicht nur einen weiten Horerkreis,
sondern auch begeisterte nahere Schiiler zu. So von Anfang an den Unter-
zeichneten, bald darauf Anton Marty (1876 Professor in Czernowitz, 1882 — 1914
in Prag, als Forscher besonders durch seine Untersuchungen zur Sprach-
philosophie und L,ogik hervorragend). Auch Georg v. Hertling (s. unten,
S. 416 if.), der sich neben der philosophischen bald auch der politischen Lauf-
bahn widmete, Fuhrer der Zentrumspartei und zuletzt Reichskanzler wurde,
und Hermann Schell, der spatere Fuhrer der »Modernisten« unter den katho-
lischen Theologen, waren seine Schiiler in dieser Wiirzburger Zeit.
In den Vorlesungen ging B. von der Geschichte der Philosophic zum Aufbau
einer groBangelegten Metaphysik iiber, sodann zu einer ebenso kuhnen wie
folgerichtig aus bestimmten Vordersatzen abgeleiteten Reform und Verein-
fachung der iiberlieferten Logik, endlich zu einer Psychologie im Sinne genauer
Beschreibung, Analyse und Klassifikation der psychischen Phanomenc Stu-
dien iiber A. Comte (dem auch eine offentliche Vorlesung gewidmet war) und
iiber J. St. Mill und den englischen Empirismus trugen zu dieser rein empi-
rischen Aufgabestellung bei. Die Vorlesungen dieser Wiirzburger Jahre, von
denen teilweise genaue Nachschriften vorhanden sind, zeugen von einer
cminenten wissenschaftlichen Produktionskraft.
Allmahlich geriet aber B. in wachsende, zuletzt unlosbare Schwierigkeiten
mit den Dogmen der Kirche. Als iiberdies kirchengeschichtliche Studien ihm
das Unfehlbarkeitsdogma, dessen Verkundigung unmittelbar bevorstand, als
mit den Tatsachen unvertraglich zeigten, trennte er sich 1870 innerlich von der
56 1917
Kirche. Doch legte er, hauptsachlich aus Riicksicht auf seine Mutter, erst 1873
das Priestergewand ab und erklarte dem Bischof seinen Austritt aus dem geist-
lichen Stande. Kurz zuvor hatte er auch das ihm 1872 verliehene Extraordina-
riat an der Universitat niedergelegt.
1874 erschien der 1 . Band seiner » Psychologie vom empirischen Standpunkte «.
In demselben Jahre wurde er unter dem liberalen Ministerium Stremayr als
Ordinarius der Philosophic nach Wien berufen und entfaltete nun dort eine
noch ausgedehntere Wirksamkeit. Seine Vorlesungen erstreckten sich jetzt
auch auf die fur Juristen in Osterreich obligatorische »praktische Philosophies
(Ethik und Rechtsphilosophie). Er zog wieder viele jiingere Krafte zur For-
schung heran, so A. v. Meinong, der dann in Graz selbst eine einfluBreiche
Schule begriindete, Franz Hillebrand, der sich besonders als Experimental-
psychologe im Gebiete der Raumlehre auszeichnete (1896 — 1926 Ordinarius in
Innsbruck), Twardowski (spater Professor in Lemberg), Masaryk, der 1882 an
die neubegriindete tschechische Universitat in Prag kam und nach dem Welt-
kriege Prasident der tschechoslowakischen Republik wurde, Husserl (spater
in Halle, Gottingen, Freiburg i. B.), den bekannten Fuhrer der »Phanomeno-
logen«, v. Ehrenfels (Prag), der den Anstofl zur » Gestaltpsychologie « gab,
Hofler (Prag, Wien) u. a. Er war aber auch in der Wiener Gesellschaft ein gern
gesehener Gast. Ein Zeugnis seiner geistbelebten Unterhaltung ist die unter
dem Autornamen » Aenigmatias«erschienene und mehrfach aufgelegteSammlung
seiner bei solchen Gelegenheiten aufgegebenen, ebenso scharfsinnig erdachten
wie kiinstlerisch geformten Ratsel. Auch im Schachspiel, das gleichermaBen
seiner Neigung zur Stellung und Losung von Problemen entsprach, war er
Meister. 1880 verheiratete er sich mit Ida I,ieben, einer anmutigen und kunst-
sinnigen Wienerin, muBte aber, um seine Ehe gegen alle Einwendungen zu
schiitzen, aus dem osterreichischen Untertanenverband austreten und seine
Stellung als Ordinarius mit der eines Privatdozenten vertauschen. Obgleich die
philosophische Fakultat mehrmals seine Wiederernennung beantragte, konnte
sich das Ministerium Gautsch aus Riicksicht auf die Kirche nicht zur Wieder-
anstellung entschlieBen. Da ihm 1894 auch die Gattin durch den Tod entrissen
wurde, entschlofi er sich 1895, Wien und Osterreich uberhaupt, dem er sehr
zugetan war, zu verlassen.
1896 erwarb er die italienische Staatsbiirgerschaft (Norditalien war die Ur-
heimat der Brentanos) und liefi sich in Florenz nieder. Die Sommermonate
pflegte er aber in seinem 1887 erworbenen idyllischen Anwesen zu Schonbuhl
bei Melk an der Donau zu verbringen. 1897 schloB er einen zweiten Ehebund
mit Emilie Rueprecht, die ihm nicht nur eine sorgliche Gattin, sondern auch,
seitdem ein Augenleiden ihm das Lesen und Schreibenimmer mehr erschwerte,
eine Helferin bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten wurde. In Italien, wo er
gelegentlich auch in Rom und Palermo langeren Aufenthalt nahm, trat er in
Verbindung und Korrespondenz mit vielen dortigen Gelehrten (Puglisi, Amato,
Vailati, Enriquez u. a.) ; in Schonbuhl wurde er regelmafiig von Marty und viel-
fach von anderen Schiilern und Freunden aufgesucht. Philosophische Diskus-
sionen blieben ihm I,ebensbedurfnis, und jedesmal begegneten den Besuchern
neue Erweiterungen oder Umbildungen seiner Gedankenwelt. Als Italien im
Weltkriege auf die Seite unserer Feinde trat, iibersiedelte er nach Zurich, wo er
im8o. Iyebensjahre, langst erblindet, aber bis zumEnde in voller Geistesfrische,
Brentano ^y
gestorben ist. Er hinterlieB einen Sohn aus erster Ehe, der sich der akademischen
Iyaufbahn als Physiker gewidmet hat (z. Z. Universitatsdozent in Manchester).
B. war seit 1876 korr. Mitglied der Wiener, seit 1914 auch der Berliner Aka-
demie der Wissenschaften. Seine Veroffentlichungen in der Wiener Zeit waren
zumeist Ausarbeitungen von Vortragen, zu denen er aber immer prinzipiell
wichtige Fragen wahlte. Besonders gehort dahin die Schrift : »Vom Ursprung
sittlicher Erkenntnis« (1889). Aber auch die aristotelischen Studien setzte er in
Abhandlungen fur die Wiener Akademie fort (Kontroverse mit E. Zeller iiber
den aristotelischen Gottesbegriff). Nach der Wiener Zeit erschienen noch
»Untersuchungen zur Sinnespsychologie« (1907), worin fur die Klassif ikation
und Analyse der Empfindungen, besonders der Farben- und Tonempfindungen,
neue, zum Teil allerdings nur hypothetische, Gesichtspunkte aufgestellt, aber
auch Beobachtungstatsachen, wie die Identitat der Oktaventone, in neuer
Weise gedeutet wurden; ferner eine Sonderausgabe des Kapitels »Von der
Klassif ikation der psychischen Phanomene« aus der » Psychologie « mit wesent-
lichen Erganzungen (Lehre von den Modi des Vorstellens, zu denen auch die
Zeitvorstellung gerechnet wird); endlich zwei zusammenfassende Schriften
iiber Aristoteles* Weltanschauung. Aber B. hatte trotz und teil weise wegen der
bestandigen Durchpriifung seiner Anschauungen wenig Neigung zu Publika-
tionen. Die Friichte seines Nachdenkens wurden in zahlreichen diktierten Ab-
handlungen niedergelegt.
Nach seinem Tode haben zwei Schuler Martys, Professor O. Kraus (Prag)
und Professor A. Kastil (Innsbruck), die auch noch in personlichem Umgange
B.s spatere Anschauungen kennenlernten, in sehr dankenswerter Weise mit
der Herausgabe des Nachlasses und einer neuen Ausgabe der wichtigsten
friiheren Werke (im Verlage Felix Meiner, Leipzig) begonnen und sie mit Ein-
leitungen und Anmerkungen versehen. Der NachlaB befindet sich zunachst in
ihren Handen; ebenso B.s umfangreiche Korrespondenz mit Marty und Kraus
und andere wichtige Briefsammlungen.
Durchdringender Scharfsinn, Erfassung des Prinzipiellen, Kiihnheit der
Konzeptionen, weitschauende Vergegenwartigung logischer Zusammenhange
waren hervorstechende Ziige des B.schen Denkens. Zuweilen, wie in gewissen
Punkten der sinnespsychologischen Untersuchungen und in den letzten Aristo-
telesschriften, mogen diese Vorziige zu allzu groBem Vertrauen auf deduktive
Gedankengange gefiihrt haben. Aber mehr oder minder diirfte eine solche
Geisteshaltung alien imgroBen Stile Philosophierenden eigen sein. Zu diesen
intellektuellen Ziigen gesellte sich eine nicht geringe kiinstlerische Begabung.
unbeugsame Willenskraft im Bunde mit ethischem Idealismus, der auch seine
politische Einstellung beherrschte, ein starkes Freundschaftsbedurfnis, das sein
Verhaltnis zu den Schiilern ganz im Sinne der antiken Philosophenschulen ge-
staltete, endlich eine tiefreligiose Grundstimmung, der es nicht an gewissen
mystischen Elementen fehlte, aber auch sie in enger Wechselwirkung mit
subtiler Reflexion. Wer ihn genauer kannte und vor allem seine Forschertatig-
keit miterlebte, der muBte den Eindruck einer durchaus genialen, schopferischen
Natur empfangen.
Als Hauptpunkte seiner Philosophic waren zu nennen: in der Erkenntnis-
t h e o r i e und L o g i k die Herleitung aller Begrif fe aus den Gegebenheiten der
auBeren und inneren Wahrnehmung, die Begriindung alles Wissens auf un-
58 1917
mittelbar einleuchtende Urteile, die Reduktion der allzu detaillierten Schlufi-
lehre auf wenige Grundformen, die Rechtfertigung der Indnktion durch die
apriorischen Wahrscheinlichkeitsgesetze ; in der Psychologiedie Charakteri-
sierung des Bewufitseins durch die Beziehung auf Gegenstande (» Inten-
tion«), die Klassifikation der Akte durch die Verschiedenheiten dieser Be-
ziehung, die Unterscheidung des Urteilens vom blofien Vorstellen, die Ko-
ordination von Fiihlen und Wollen, die Betonung der einheitlichen Bewufit-
seinsstruktur gegeniiber der Assoziationspsychologie ; in der Ethik dieGrund-
legung durch als richtig charakterisierte Wertungs- und Vorzugsakte und dar-
auf gegriindete unmittelbar einsichtige Werturteile ; in der Metaphysikdie
Theorie der Kontinuen und der Relationen, die Lehre vom Realen als dem
einzig moglichen Gegenstand unseres Vorstellens und Urteilens (eine einschnei-
dende Neuerung seiner spatesten Zeit, worin die alteren Schuler ihm nicht
folgten), die Lehren von dem endlichen, aber ins Unendliche, selbst in der Zahl
der Dimensionen, zu immer hoheren Stufen fortschreitenden Universum und
von der Gottheit, welche theistisch, aber mit starken Abweichungen von dem
liberlieferten christlichen Gottesbegriffe gedacht wird. Gegen die Darwinsche
Theorie hat B. in Vorlesungen immer scharfe Einwande erhoben, aber den all-
gemeinen Entwicklungsgedanken um so entschiedener festgehalten. Sowohl
im Habitus seines Denkens als auch in vielen inhaltlichen Ziigen seiner Lehre
steht er Leibniz besonders nahe (Theismus, Optimismus, Determinismus,
Rationalismus, Logikreform, Theorie der unmerklichen Teilempfindungenu. a.).
Dagegen erachtete er Kants Grundlegungen als verfehlt.
Als ein besonders wichtiger, auch geschichtlich einfluBreicher Teil seines
Systems sei hier die Urteilslehre etwas naher charakterisiert. Gegeniiber der
liberlieferten, namentlich von der englischen Assoziationspsychologie ver-
tretenen Auffassung des Urteils als einer Verbindung zweier Vorstellungen
erkennt B. darin eine vom blofien Vorstellen wesensverscbiedene Grund-
funktion. Eine vorgestellte Materie wird bejaht oder verneint, anerkannt
oder verworfen. Sie kann aus Subjekt und Pradikat oder sonstwie zusammen-
gesetzt, kann aber auch eingliedrig sein (z. B. bei Impersonalsatzen). Die sprach-
liche Formulierung (Aussage) mufi sorgfaltig vom Urteil selbst unterschieden
werden ; viele sogenannteUrteilsunterschiede sind nur Unterschiede der Aussage-
form. Es gibt auch ein sprachloses Urteilen, sowohl im hoheren (begrifflichen)
als im elementaren (anschaulichen) Denken. (Uber B.s Interpretation der Aus-
sageformen, die Ubersetzung in Existentialsatze, in der er mit einer damals
noch unverof f entlichten Auf stellung Leibnizens zusammentraf , und ihre Folgen
fur die Syllogistik s. Fr. Hillebrand, Die neuen Theorien der kategorischen
Schliisse 1891). In der Wiener Zeit hat allerdings die Urteils- und Schlufilehre
infolge der Anerkennung von » Doppelurteilen « (s. das.) und weiterhin durch
die Beziehung aller Urteile auf Reales viel von ihrer Einf achheit verloren ; aber
zu diesen Konzessionen glaubte sich eben B. durch die Tatsachen genotigt. —
Von der Urteilsmaterie, den zugrunde liegenden Vorstellungen, unterschied B.
den Urteilsinhalt, der sprachlich durch die Infinitiv- oder »Dafi«-Form ausge-
driickt werden kann, z. B. Sein oder Nichtsein Gottes. Dieser Begriff des spe-
zifischen Urteilsinhaltes, fiir den Stumpf den Terminus »Sachverhalt« ein-
fiihrte, hat bei Marty, Meinong, Husserl, aber auch aufierhalb der Schule bei
Kiilpe (Logik), Selz, Biihler u. a. weitgehende erkenntnistheoretische Ver-
Brentano
59
wendung gefunden. Gegen die Hypostasierung solcher Inhalte aber, zu der
manche moderne Richtungen hinzuneigen schienen, hat B. spater nachdriick-
lich Stellung genommen, auch darin nicht ohne Beriihning mit Leibniz. —
Das Urteilen erfolgt entweder mit Einsicht (Evidenz) oder ohne solche, wie bei
den instinktiven oder durch Gewohnheit oder blinde Gefiihlsmotive bedingten
Urteilen. Jede Wahrnehmung ist schon ein Urteil, die sinnliche Wahrnehmung
ein einsichtsloses, die der eigenen augenblicklichen BewuBtseinsakte aber
(innere Wahrnehmung) ein unmittelbar einsichtiges Urteil. Dieses, Descartes'
*Cogito, ergo sum«, bildet die Grundlage aller Erkenntnisse von Tatsachen,
auch beziiglich der AuBenwelt.
B. betont als eines der wichtigsten Strukturgesetze des Psychischen, dafi
Vorstellungen alien iibrigen Akten zugrunde liegen und in ihnen eingeschlossen
sind. Man hat dies seitens der voluntaristischen Psychologie als Intellektualis-
mus bezeichnet. Es besagt aber nicht im mindesten die Umdeutung aller
psychischen Funktionen in bloBe Vorstellungen oder Verstandestatigkeiten.
B. dachte nicht daran, die qualitative Eigenart des Fuhlens und Wollens zu
bestreiten. In jenem Strukturgesetz hat er aber zugleich einen fur das psy-
chische Leben charakteristischen Zug hervorgehoben : die einseitige Abtrenn-
barkeit der Vorstellungen. Man kann vorstellen, ohne zu urteilen oder zu
wollen, aber nicht umgekehrt, wahrend materielle Teile gegenseitig trennbar
sind.
Von wesentlicher Bedeutung fiir die Gesamtauffassung der Philosophic bei B.
und den meisten seiner Schuler ist f erner seine Lehre von dem allgemeinen Ent-
wicklungsgange der Philosophic seit dem griechischen Altertum. Dieser er-
scheint ihm als eine in alien drei Perioden analog (wenn auch mit begreiflichen
Unterschieden im einzelnen) wiederkehrende Auf einanderf olge einer auf steigen-
den und dreier absteigenden Phasen (Verflachung, Skeptizismus, Mystizismus),
die sich in einer psychologisch verstandlichen Folge ablosen. Auf den Hohe-
punkt der alten Philosophie, Aristoteles, folgen die popularen Schulsysteme der
Stoiker und Epikureer, die skeptischen Richtungen der neuen Akademie und
des Pyrrhonismus, endlich die mystisch-spekulativen der Neupythagoreer und
Neuplatoniker ; auf die Hochscholastik in Albertus Magnus und Thoma^ von
Aquino die Schulstreitigkeiten der beiden groBen Orden, der Kritizismus Ock-
hams, die Mystik des ausgehenden Mittelalters (Nikolaus v. Kues) ; auf die
Epoche von Bacon und Descartes bis Locke und Leibniz das populare Philo-
sophieren der Aufklarungszeit, der Skeptizismus Humes und der Kritizismus
Kants, endlich die spekulativ-mystischen Systeme des deutschen Idealismus.
Der Aufstieg hangt immer zusammen mit giinstigen allgemeinen Kultur-
bedingungen und ist seitens der Philosophierenden selbst bedingt durch eine
Verbindung hochgesteigerten theoretischen Interesses mit Nuchternheit,
Griindlichkeit und Strenge des Denkens. Auch ist charakteristisch das Zu-
sammenwirken mit den Einzelwissenschaften, insbesondere den Naturwissen-
schaften als Vorbildern induktiver Methodik und Schopfern des physischen
Weltbildes. DaB im Mittelalter, abgesehen von den Arabern und einzelnen
Scholastikern wie Albertus, die Naturwissenschaften darniederlagen, war
neben dem Drucke der kirchlichen Autoritat eine Hauptursache fiir den
Mangel an gleich originellen Leistungen, wie sie die beiden anderen Perioden
aufweisen.
6o 1917
Diese Auffassung des allgemeinen Entwicklungsganges der Philosophic bil-
dete schon vor der Wurzburger Zeit den Ausgangspunkt fur B.s eigene philo-
sophische Lebensarbeit. Ob man ihm in der Bewertung der einzelnen Stadien
zustimmt, hangt natiirlich von dem eigenen Standpunkt ab; auch kann man
objektiv das geschichtliche Material nach vielen verschiedenenGesichtspunkten
anordnen. Aber daB hier lehrreiche und fruchtbare Analogien vorliegen, wird
sich nicht leugnen lassen.
Nachdem nun iiber 60 Jahre seit dem Beginne von B.s Auftreten ver-
flossen sind, laBt sich wohl auch seine eigene Stellung in der Philosophie-
geschichte einigermaBen bestimmen. Von besonderem Einflusse war er auf die
Psychologic Im Gegensatze zu Wundts, gleichzeitig mit der »Psychologie vom
empirischen Standpunkte« erschienener, » Physiologischen Psychologie« hielt
er vor dem Eintritt in die physiologischen Erklarungen, die zunachst immer
hypothetisch sein miissen, eine genaue Zergliederung des psychischen Tat-
bestandes auf Grund verscharfter Selbstbeobachtung (er nannte sie deskriptive
Psychologie oder Psychognosie) fiir notwendig ; und zu dieser lieferte er muster-
gultige, sei es auch nicht iiberall endgiiltige, Grundlegungen durch die Unter-
scheidung zwischen den Akten und den Gegenstanden des BewuBtseins (Akt-
oder Funktionspsychologie), durch seine klassifikatorischen Untersuchungen
und durch die Aufzeigung der spezifischen Strukturverhaltnisse zwischen und
innerhalb der einzelnen psychischen Zustande (Strukturpsychologie nach
Diltheys Bezeichnung). Nur Lotze war ihm unter den Neueren hierin voraus-
gegangen. Das spater von der Kiilpeschen Schule gegeniiber dem Sensualismus
betonte unanschauliche, begriffliche und symbolische Denken (Denkpsycho-
logie) bildete von Anfang an einen wesentlichen Bestandteil seiner Lehren. In
seiner Schule haben besonders Marty, Meinong und Husserl, auch Twardowski
solche Untersuchungen weitergefuhrt. Die im engeren Sinn experimentelle
Methode, wie sie durch E. H. Weber, Fechner, Helmholtz und Hering in die
Sinnespsychologie eingefuhrt worden war, wuBte er gleichfalls vom Beginne
seiner psychologischen Forschungen an vollauf zu schatzen. Die Beweiskraft
seiner eigenen ausgedehnten Experimente zur Begriindung einer Farbentheorie
ist wohl manchem Zweifel ausgesetzt. Aber seine Kritik der dem Fechnerschen
Gesetze zugrundeliegenden Voraussetzungen, sein Nativismus in der Raum-
lehre und anderes sind durchgedrungen. In seiner Schule haben Hillebrand und
der Unterzeichnete die experimentelle Methode gepflegt.
Aber nicht nur der Psychologie, auch alien iibrigen philosophischen Diszi-
plinen hat B. kraftvolle neue Impulse gegeben. Es ist nicht richtig, daB er sie
ausschlieBlich auf Psychologie hatte griinden wollen (Psychologismus) . Viel-
mehr suchte er die letzten Kriterien fiir Wahrheit und Falschheit in einleuch-
tenden Urteilen, die keine psychologische Begriindung zulassen, die fiir das
ethisch Gute in » als richtig charakterisierten « Gemiitstatigkeiten, deren Rich-
tigkeit gleichfalls keine psychologische Erklarung zulaBt. In der Erkenntnis-
theorie hielt er gegeniiber dem extremen Empirismus daran fest, daB neben
den unmittelbar gewissen Tatsachen des eigenen BewuBtseins apriorische
Grundsatze die Voraussetzungen aller Erfahrung bilden, ohne jedoch deren
synthetische Natur im Sinne Kants gelten zu lassen. In diesem Gebiete, der
Auseinandersetzung zwischen Empirismus und Rationalismus, ist zwar noch
lange keine definitive Einigung zu erwarten und sind auch innerhalb der
Brentano. Dyckerhoff 6 1
B.schen Schule Abweichungen, beispielsweise beziiglich der mathematischen
Axiome und der obenerwahnten elementarlogischen Fragen, hervorgetreten.
Aber die intensive Beschaftigung mit erkenntnistheoretischen Problemen ist
alien seinen Schiilern gemeinsam. Dasselbe gilt von der Ethik, in deren Auf-
fassung als allgemeinster Wertlehre in der Schule kaum Unterschiede bestehen,
wahrend im einzelnen Kraus und der Unterzeichnete sich enger als Meinong
und Ehrenfels an B. anschliefien. Fur die Rechtsphilosophie hat besonders
Kraus B.s psychologische und ethische Grundlegungen verwertet. In der
Asthetik steht Utitz (Theorie der Funktionslust) unter dem Einflusse B.scher
Psychologic Zur Geschichte der Philosophic haben zahlreiche Schiiler und
Enkelschiiler B.s, wie Arleth, A. v. Berger, Hugo Bergmann, v. Hertling,
Kastil, Kraus, v. Meinong, Schell, Stumpf u. a. Beitrage geleistet. So vielseitig
aber auch die von B. ausgegangenen Anregungen und die bevorzugten Arbeits-
felder seiner Schiiler sind : als Zentrum und letztes Ziel des Philosophierens gilt
sicher alien wie B. selbst weder Psychologie noch Erkenntnistheorie noch
Ethik, sondern eine neue, auf die Gesamtheit dieser Forschungen zu begriin-
dende Metaphysik. Am weitesten hat bisher er selbst sich in dieses zeitweilig
verrufene, heut aber wieder vielfach anerkannte Gebiet vorgewagt.
Vielleicht hat niemals auCer im 16. Jahrhundert eine solche Menge wider-
streitender philosophischer Richtungen gleichzeitig bestanden wie heute.
Inner halb dieses gahrenden Chaos hat B. als Denker strengster Observanz
bahnbrechend gewirkt, als Lehrer das Streben nach scharfer Begriffsbildung
und methodischem Aufbau der Untersuchungen den Schiilern zur obersten
Regel gemacht. DaB die Philosophic den AnschluB an die Naturwissenschaften
und konkreten Geisteswissenschaften wiedergewonnen hat, ist nicht zum
wenigsten seinem Einflusse zu danken. Sehr zu wiinschen ware aber eine Ge-
samtdarstellung seines Gedankensys terns einschlieBlich der Umwandlungen, in
der alles Wesentliche, unbeschadet der Genauigkeit, in einer leichter zu gang-
lichen Form wiedergegeben ware.
Literatu r: Naheres zur Biographie und Charakteristik B.s findet man in folgenden
Darstellungen : » Franz B.« von O. Kraus, mit Beitragen von C. Stumpf und E. Husserl;
Miinchen bei O. Beck, 1919 (mit zwei Bildnissen) ; Lebenslaufe aus Franken, Bd. II, 1922,
Art. » Franz B.« von C. Stumpf, Neue osterreichische Biographic, Bd. Ill, Art. »Franz B.«
von O. Kraus, 1926. In diesem Artikel zugleich ein vollstandiges Verzciclmis der zu B.s Leb-
zeiten erschienenen Schriften und Hinweise auf weitere biographische Darstellungen und
Quellen. Verzeichnisse der Schriften auch in dem vorher erwahnten Krausschen Buche
und in der Neuausgabe der » Psychologies, S. XCIV.
Berlin-Lichterfelde. Carl Stumpf.
Dyckerhoff, Rudolf, Professor, Dr.-Ing. e.h., Portlandzementfabrikant, * am
25. Marz 1842 in Mannheim, f am 23. Februar 19 17 in Amoneburg bei Biebrich
am Rhein. — Nach dem Besuch der Realschule seiner Vaterstadt bezog er die
Technische Hochschule in Karlsruhe und die Universitat Heidelberg, um
Chemie und Physik zu studieren. Im Jahre 1864 trat er in die von seinem Vater
gegriindete Portlandzementfabrik in Amoneburg bei Biebrich ein, um die
Leitung des Betriebes zu iibernehmen. Es darf nicht iiberraschen, da(3 der
junge Chemiker gleich den Betrieb ubernahm. War es doch zu einer Zeit, als
die ersten Portlandzementfabriken in Deutschland eingerichtet wurden, und
Erfahrungen, die noch nicht vorhanden waren, gesammelt werden muBten.
62 1917
Fur diese Aufgabe war der junge, aufstrebende, wissenschaftlich geschulte
Rudolf D. sehr geeignet. Seine Entwicklung geht parallel mit der Entwicklung
der deutschen Portlandzementindustrie, die seit der Begriindung der ersten
groBeren Zementfabrik in Ziillichow bei Stettin im Jahre 1850 nur langsam
voranschritt. Der englische Zement beherrschte damals den deutschen Markt,
und es gait, das deutsche Fabrikat in einer ganz besonderen Gute herzustellen,
wenn es das beliebte auslandische Erzeugnis ersetzen sollte.
Rudolf D. fiihrte dank umfassender wissenschaftlicher Kleinarbeit Ver-
besserungen in der Zementherstellung ein, und es gelang ihm bald, das Vor-
urteil der Uberlegenheit des auslandischen Zementes zu zerstreuen. Er war
von der Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Durchdringung der Zement-
fabrikation erfiillt, und in diesem Sinne arbeitete er ein Leben lang mit groBem
Erfolge. Uberzeugt, da6 die Gute des in der eigenen Fabrik hergestellten Port-
landzementes nur verbessert werden konnte durch einwandfreie Nachweise
seiner Eigenschaften, arbeitete D. an der Verbesserung der Priifungsmethoden
des Portlandzementes und wirkte so zugleich im allgemeinen Interesse. Im
Jahre 1876 erschien seine erste grundlegende Arbeit iiber die Priifung des Port-
landzementes in der Zeitschrift der »Ton-, Zement- und Kalk-Industrie«. Im
Jahre 1877 folgte die Veroffentlichung iiber Priifungsmethoden von Portland-
zement (» Deutsche Bauzeitung« Nr. 38). Diese Arbeiten bildeten die Grund-
lage fiir die Beratungen der Kommission, die zu der Einfuhrung der einheit-
lichen Priifung von Portlandzement in der Mitte der siebziger Jahre aus Fach-
leuten der Zement- und Bauindustrie und der Behorden eingesetzt wurde. Die
Ergebnisse der Kommissionsarbeit waren in den ersten Normen fiir die ein-
heitliche Lieferung und Priifung von Portlandzement niedergelegt, die inner-
halb und auBerhalb des Deutschen Reiches bei der Priifung der Eigenschaften
von Portlandzement allgemeine Anerkennung gefunden haben. Eine wert voile
Arbeit ist die Abhandlung Rudolf D.s fiir das Deutsche Museum fiir Meister-
werke der Naturwissenschaft und Technik in Miinchen iiber die Entwicklung
des Priifungsverfahrens fiir Portlandzement insbesonders in Deutschland, die
in der » Deutschen Bauzeitung* 1906 Nr. 9 veroffentlicht wurde.
Im Jahre 1865 entstanden die ersten Zusammenschliisse in der Kalk- und
Zementindustrie, und im Jahre 1877 wurde der Verein deutscher Portland-
zementfabrikanten unter Mitwirkung von Rudolf D. gegriindet, der wie kein
anderer von der Notwendigkeit der Zusammenarbeit von Wissenschaft und
Praxis durchdrungen war. In diesem Sinne wirkte der Verein vorbildlich dank
dem Einflusse Rudolf D.s und der Gleichgesinnten. Nach der Griindung des
Vereins Deutscher Portlandzementfabrikanten, der in diesem Jahre (1927) sein
50jahriges Bestehen feierte, trat Rudolf D. sehr bald durch Verof fen tlichungen
und Vortrage auf Grund seiner Arbeiten im Laboratorium hervor, die zum
groBen Teil in den Protokollen des Vereins niedergelegt sind. Unter den Ar-
beiten sind f olgende besonders zu nennen : » Der EinfluB einer Kalkbeimengung
zu Zement«, 1879; »Herstellung von Beton aus Portlandzement «, 1880; »t)ber
die Beimengung von Hochofenschlacke zu Portlandzement «, 1883 — 1885 ; »t)ber
die Wirkung der Magnesia im gebrannten Zement «, 1888. Im Jahre 1893 ff.
wurden die Arbeiten » Uber die Einwirkung von Meerwasser auf Zement und
auf hydraulische Bindemittel« veroffentlicht.
Rudolf D. hat sich rasch Anerkennung und einen guten Namen in der Fach-
Dyckerhoff. Flex 63
welt des In- und Auslandes erworben. Neben Delbriick gehorte er seit der
Griindung des Vereins Deutscher Portlandzementfabrikanten als 2. Vorsitzen-
der durch mehr als zwei Jahrzehnte dem Vorstand an. Die meisten Kom-
missionen des Vereins zahlten ihn zu ihrem Mitglied. Im internationalen Ver-
band fiir Materialpriifung der Technik war er Mitglied der Meerwasserkommis-
sion.
Im Jahre 1905 wurde Rudolf D. auf Grund seiner hervorragenden und grund-
legenden Verdienste um die Entwicklung des Portlandzementes von der Tech-
nischen Hochschule Dresden zum Dr.-Ing. e. h. ernannt, und im Jahre 1912
erhielt er von der hessischen Regierung den Titel » Professor «. Rudolf D. genoB
groBes Ansehen in wissenschaftlichen Kreisen und innerhalb der Zement-
industrie. Er besaB ernstes Streben, hohes Verantwortungsgefiihl und ist in
hervorragender Weise an der machtvollen Entwicklung der deutschen Port-
landzement-Industrie beteiligt. Er war ein Forscher, der bei seinen Arbeiten im
Laboratorium die Zusammenhange mit der Praxis stets beachtete, und es ist
ihm zu danken, wenn sich der »Dyckerhoff-Zement« bis zum heutigen Tage das
Vertrauen der Ingenieure und der Zement verarbeitenden Industrien erworben
hat. Als Mensch war er einfach, von lauterem Charakter, liebenswiirdig und
bescheiden.
Karlsruhe i. B. Emil Probst.
Flex, Walter, Dr. phil., Dichter, * am 6. Juni 1887 in Eisenach, gef alien am
16. Oktober 1917 in den Kampfen auf der Insel Oesel. — Walter F. gilt vielen
als der Dichter des Weltkrieges — und sicherlich hat er am reinsten und
packendsten dem Geiste der Kriegsfreiwilligen, dem bejahenden Opfergeist der
deutschen Jugend Ausdruck gegeben. Wer sich den Menschen F. nach Bildern,
mehr nach seinen Werken und den biographischen Nachrichten, die iiber ihn
verbreitet sind, vorstellen will, hat wohl unwillkurlich das Bild kraftvoller
Frische, tiefer Innerlichkeit, besonderer Reinheit. Aus seinem »Wanderer
zwischen beiden Welten«, seinem verbreitetsten Werk, erwachst dieses Bild,
und es steigt auch aus seinen Kriegsgedichten auf, die den so gliicklich ge-
wahlten Titel » Sonne und Schild« tragen. Ist's nicht, als ob der junge Dichter
damit selbst die Sinnbilder seines Schaffens bezeichnete? Zur Sonne, zum
Lichte strebte er in all seinen Gedanken und Taten ; und dabei war er doch ganz
erdnahe, war Schild des Vaterlandes, war innerlich ganz bereit, sich zu opfern.
Sein Wesen erklart sich klarer als das vieler anderer Dichter aus Herkunft
und Umgebung. Walter F. war der zweite von den vier Sohnen des Gymnasial-
oberlehrers Dr. Rudolf F. (f 1918) und seiner Ehefrau Margarete, geb. Pollack.
Sein Geburts- und Heimatsort war Eisenach. Seiner Stammesart nach war er
aber Schlesier, denn die Vorfahren des Vaters waren Bauern und Handwerker
in Konigshain bei Gorlitz, die Mutter stammte aus Rawitsch. Eine reiche
Jugend hatte der Dichter. Vielgestaltig waren die Bildungsmachte, die auf ihn
einwirkten. Ihn umfing die liebliche Thiiringer Landschaft, und in frohem
Wanderleben wurde die Freude an der Schonheit des Waldes, der Wiesen, der
einfachen und ewigen Pracht deutschen L,andes in ihm wach. Taglich griiBte
ihn die Wartburg, und die Kulturepochen der deutschen Geistesgeschichte ge-
wannen I^eben fiir ihn auf historischem Boden.
64 J9i7
Der stete und unmerklich wirkende EinfluB der Umwelt wurde durch die
Eltern geklart und gestarkt. Der Vater war im besten Sinne der Typ des geistig
regen Vorkriegsdeutschen, des Akademikers, der in dem erstarkenden, reichen
Deutschland mit Stolz und Begeisterung an alien of fentlichen Fragen teilnahm :
er war Bismarckverehrer, sprachlich und historisch interessiert, warb durch
Gelegenheitsgedichte und Festspiele fur seine Gedanken. Idealismus und Sich-
einsetzen fiir seine Uberzeugung — das war selbstverstandlich im F.schen
Hause. Der Oberlehrer Dr. F. war noch einer von denen, die es fiir nationale
Pflicht hielten, in Vereinen und Ausschiissen mitzuarbeiten. Bald gait es ein
Denkmal zustande zu bringen, bald in den Wahlkampfen fiir die national-
liberale Partei zu werben. Staat und Geschichte wurden durch das unermiid-
liche Wirken des Vaters sehr lebendige Machte fiir den Knaben. Der Wille zu
dichterischem Schaffen und zur Beherrschung der Sprache wurde in nicht ge-
wohnlichem MaBe in ihm geweckt.
Doch mehr bedeutete ihm die Mutter. So selten bei F. Liebesszenen, Liebes-
gedichte im iiblichen Sinne sind, so haufig sind innige, tief empfundene Worte
des Dankes und der Verehrung fiir seine Mutter. »Wenn er von der Mutter
erzahlte, lag es wie Weihestimmung iiber ihm; ich habe niemals eine so reine,
zarte Ehrfurcht vor dem Miitterlichen erlebt wie bei Walter F.«, so wird noch
der DreiBigjahrige geschildert. — Eine tief innerliche, phantasiebegabte Frau
war sie, von echtem religiosen Empfinden — eine Frau, die Wahrtraume hatte,
die soziale und weltanschauliche Fragen durchdachte, die vor allem durch ein
natiirliches Erzahltalent ihre Kinder anregte. Die Mutter und deren unver-
heiratete Schwester hiiteten und pflegten auch die fruherwachten dichterischen
Neigungen des Knaben und Junglings.
Der begabte, allgemein beliebte Junge verlebte eine gliickliche Schulzeit auf
dem Karl-Friedrich-Gymnasium zu Eisenach, an dem er Ostern 1906 das
Abiturientenexamen bestand. Hatte er weniger Selbstkritik gehabt, so hatte
es ihm gefahrlich werden konnen, daB er schon als Gymnasiast mit lyrischen
Gedichten und dramatischen Versuchen reiche Anerkennung fand. L,auten Er-
folg brachte ihm eine dramatische Skizze: »Die Bauernfiihrer«, die 1905 von
einem Gymnasiastenverein unter Mitwirkung des jungen Dichters aufgefiihrt
wurde. Andere Dramenentwiirfe entstanden in der Primanerzeit. Der Acht-
zehnjahrige wurde bereits »literarisch« bekannt. Schon als Student konnte er
in der »DeutschenRomanzeitung« zahlreiche Gedichte und Novellen verof fent-
lichen.
Eine reiche Jugend war es, durch die Walter F. heranreifte. Er nahm das
Beste aus ihr ins Leben mit : nicht Verwohnung und Eitelkeit, sondern Lebens-
freude und Natursinn, tatigen Idealismus und den Willen zu dichterischem
Schaffen.
Die gliickliche Jugend fand ihre Fortsetzung in einer noch gliicklicheren
Studentenzeit. Ostern 1906 ging er als Student der deutschen Literatur und
Geschichte nach Erlangen, zwei Jahre spater nach StraBburg. Zunachst schob
er alle Studiensorgen beiseite und genoB die unvergangliche Poesie deutschen
Studentenlebens, erfuhr an sich die frohliche und doch strenge Schulung des
Waffenstudenten turns. F. besaB eine iiberschaumende Jugendkraft, eine fast
leidenschaftliche Liebe zur Frohlichkeit. Und diese Anlagen tobte er in diesen
vier Erlanger Semestern in vollem MaBe aus. Die sittliche Starke seiner Person-
Flex
65
lichkeit blieb unangetastet. Nie vernahm einer aus seinem Munde ein zwei-
<ieutiges Wort. So bedeuteten die vier Semester, die er bei der Burschenschaft
Bubenruthia-Erlangen zubrachte, fur seinen Werdegang unendlich viel. Es ist
bezeichnend fiir F., daB er, der mit Schmissen bedeckte Couleurstudent, spater
der Verkunder des Wandervogelideals wurde. Ihm blieb das geniiBliche, ge-
dankenlos hintorkelnde Sauf- und Raufstudententum fern. Und weil er in der
Burschenschaft die doppelte Entwicklungsmoglichkeit zu reinem Idealismus
und zu couleurstudentischer Straff heit fand, darum fiihlte er sich jenem Kreis
stets innig verbunden.
In StraBburg wandte er sich mit frischem Eifer geistigem Schaffen zu. Das
Studium wurde gefordert, im philosophischen Seminar war F. bald ein ge-
schatztes Mitglied. Er bewies in diesen Jahren die groBe Schwungkraft des
geistigen Schaffens, die er bis zuletzt an sich hatte, derart, daB er auch im Felde
unter den widrigsten auBeren Verhaltnissen oft wie unter hoherer Eingebung
seine Dichtwerke niederschrieb. Bei aller notwendigen Examenarbeit verfaBte
er in der StraBburger Zeit eine groBe Zahl von Novellen, die er in der » Roman-
zeitung« veroffentlichte. Er liebte die historische Novelle und miihte sich um
die Gestaltung vor allem » religios-psychologischer Probleme, in eine starke,
reiche Handlung inkarniert, in einem dieser Handlung adaquaten sinnlich wir-
kenden Sprachstil, der . . . jeden Satz mit dem eigentiimlichen Zeitgeist durch-
trankt«. Conrad Ferdinand Meyer war ihm Vorbild. — GewiB, diese literarische
Arbeit war Gelegenheitsproduktion, war oft leicht hingeworfen. Aber er kam
vorwarts, erkannte immer klarer Weg und Ziel seines Schaffens.
Er straubte sich entschieden gegen den vom Vater gewiinschten »gesicherten
Lebensberuf « als Lehrer. Ihm geniigte es, daB er 1910 in Erlangen mit einer
Arbeit »t)ber die Entwicklung des tragischen Problems in den deutschen
Demetriusdramen von Schiller bis auf die Gegenwart« den Doktortitel erwarb.
— Andererseits hatte er ernste Bedenken, ob er sich wohl als Schriftsteller
werde durchsetzen konnen. Ein Drama » Demetrius « war in der StraBburger
Zeit vollendet worden und wurde 1909 im Eisenacher Stadttheater aufgefiihrt.
Die Novelle »Der Schwarmgeistd, — ein Gedichtband »Im Wechsel« erschienen
im Buchhandel und fanden auch Anerkennung, aber doch nicht derart, daB er
•darauf sein auBeres Leben griinden konnte.
So suchte er Zeit zur Entwicklung und zum Schaffen, ohne dem Vater weiter
auf der Tasche zu liegen. Er wurde Hauslehrer in adligen Hausern: zunachst
Erzieher des jungen Graf en v. Bismarck in Varzin, mit dem er auch spater
freundschaftlich verbunden blieb. Dann berief ihn die Fiirstin Bismarck nach
Friedrichsruh. Dort unterrichtete er Gottfried und Wilhelm v. Bismarck und
half bei der Ordnung des Familienarchivs. — Von dort ging er als Hauslehrer
zu dem Freiherrn v. Leesen nach Retschke in der Provinz Posen, wo ihm warme,
herzliche Teilnahme fiir sein dichterisches Schaffen entgegengebracht wurde.
Von 1910 bis 1914 wahrte diese Tatigkeit, und er fand dadurch die ersehnte
MuBe und reiche stoffliche Anregung fiir manches Werk. Erzahlende und dra-
matische Dichtungen entstanden in rascher Folge. Die Beschaftigung mit der
Geschichte des Hauses Bismarck regte ihn zu dem Novellenband »Zwolf Bis-
marcks« und zu der Tragodie » Klaus v. Bismarck « (Erstauffiihrung 1913 in
Koburg) an. Er griff auch auf Stoffe der friihen deutschen Geschichte zuriick
wie in seinem » deutschen Konigsdrama IyOthar«.
dbj 5
66 * 1917
Es lohnt, dieses Vorkriegswerk des Dichters naher zu betrachten. Alle diese
Dichtungen bekunden es, daB F. nicht erst durch den Krieg die bestimmende
Richtung seines Wesens erhielt. — Seine Dichtung stand im Gegensatz zu alien
asthetisierenden, experimentierenden, oft international gerichteten Kunst-
richtungen der Vorkriegszeit. Dem Begriff »Vaterland« suchte er neuen Inhalt
zu geben, die Zerrissenheit und soziale Not der Zeit beschaftigte ihn immer ein-
dringlicher. Die Iyiebe fur groBe Personlichkeiten, fiir Manner, die sich selbst
treu bleiben wie die Bismarcks, deren trotzige Fiihrerkraft ihn begeisterte,.
klingt aus den Werken jener Jahre heraus. So wird der verschiedenartige Stoff^
dessen Gestaltung der junge Dichter von allem Rohen und HaBlichen fernhalt,
zum Trager eines menschlich und kunstlerisch hohen Willens. Immer bewuBter,
immer klarer findet er schon in diesen Jaliren die Formulierung seiner kiinst-
lerischen Absichten. Im Begleitwort zu »Lothar« legt er seine tragische Theorie
dar, indem er die Gedanken seiner Dissertation ausfiihrt. Seine Theorie hat
deutliche Beziehungen zu Hebbel. Bezeichnend fiir F. ist aber, daJ3 ihm das
Wesen des Tragischen vor allem darin zu liegen scheint, daB ein GroBer den
Zusammenhang mit seinem Volk verliert. Das kann geschehen, indem er durch
eigene Schuld sich dieser Verbindung beraubt, oder indem sie ihm zerschnitten
wird. Der Dichter sagt selbst: »tragisch endet, wer sich selbst entwurzelt, vom
Du gelost wird oder sich von ihm lost, wer das Ziel auch des Einzelnen ver-
kennt, die Gesellschaft. « Das Bezeichnende an dieser Theorie ist die Selbst-
verstandlichkeit, mit der F. voraussetzt, daB der einzelne seine hochsten Auf-
gaben, den eigentlichen Sinn seines Lebens, nur erfiillen kann in der tiefsten
Verbundenheit mit seinem Volk. — Das Vaterland war ihm, wie er ebenso klar
ausfiihrt, nie etwas anderes als die Gesamtheit aller Volksgenossen. So wurde
ihm der Gedanke der sozialen Versohnung, mit dem er sich immer wieder be-
schaftigte, zum Problem, um dessen Losung er rang. Kurz vor dem Kriege
plante er einen Roman, der die Welt des deutschen Arbeiters darstellen sollte.
Walter F. war wahrlich auf den Krieg vorbereitet. Ihm war es langst be-
wuBte Erkenntnis, daB der einzelne nichts, daB das Volk alles bedeutete. In
einer Zeit satter Zufriedenheit sah er die Not der Armen, Bedriickten — be-
geisterte sich in seinen Werken fiir das Beispiel des Fiihrers, der Personlichkeit.
Und bei all dieser freien, stolzen Entwicklung hatte er sich ein kindliches, reines
Herz bewahrt, das empfanglich blieb fiir die Schonheit der Natur, fiir echtes
Menschentum, wo immer es ihm entgegentrat.
Da kam der Krieg! — Fiir F. bedeutete der Ruf zur Verteidigung des Vater-
landes den ersehnten Zwang, das zu verwirklichen und vorzuleben, was er ge-
lehrt hatte: den unbeugsamen Idealismus. Allzusehr wirkt heute die nieder-
ziehende, triibe Erinnerung an die letzten Kriegsjahre in uns nach. Da sollten
wir uns recht oft an den August 1914 erinnern, den F. »eine Flutmarke Gottes*
nannte, »die die Nachgeborenen des eigenen und der fremden Volker iiber sich
sehen werden an den Ufern, an denen sie vorwartsschreiten«. F. blieb dem
August 1914 treu bis zuletzt. Im Oktober 1917, in einem seiner letzten Briefe,
schrieb er: »Ich bin heute innerUch so kriegsfreiwillig wie am ersten Tag. Ich
bin's und war es nicht, wie viele meinen, aus nationalem, sondern aus sittlichem
Fanatismus. Was ich von der Ewigkeit des deutschen Volkes und von der welt-
erlosenden Sendung des Deutschtums geschrieben habe, hat nichts mit natio-
nalem Egoismus zu tun, sondern ist ein sittlicher Glaube, der sich selbst in der
Flex 67
Niederlage oder . . . im Heldentode eines Volkes verwirklichen kann.« So ging
Walter F. in unerschuttertem Idealismus, in festem Glauben an sein Volk seinen
Weg bis zuletzt.
Der Siebenundzwanzigjahrige, der bisher wegen einer Sehnenschwache der
rechten Hand nicht gedient hatte, trat als Kriegsfreiwilliger bei dem Inf .-Reg.50
in Rawitsch ein. Bald kam er ins Feld und nahm am Stellungskrieg in den Ar-
gonnen teil. Von den Strapazen des Winterfeldzuges, den er als Musketier mit-
machte, blieb ihm nichts erspart. Mit Eifer nahm er an alien, auch an den
niedrigsten Arbeiten teil. Kriegsgedichte und das Buchlein » Vom groBen Abend-
mahl« machten seinen Namen bekannt. Im Vorfriihling des Jahres 1915 wurde
er mit mehreren Kameraden nach dem Warthelager bei Posen kommandiert,
wo er zum Offizier ausgebildet wurde. Er trat als Leutnant in das Inf .-Reg. 138
ein, nahm an der Eroberung Wilnas teil und machte die Kampfe bei Postawy
und am Narotschsee mit.
Hart packte ihn der Ernst des Krieges. Sein geliebter j lingerer Bruder war
gleich zu Beginn des Krieges gefallen. Im August 1915 verlor er den Freund,
den Wandervogel Ernst Wurche, den er aus dem Kreise der Kameraden zu
reinster geistiger Gemeinschaft gewann. 1916 erschien das Buch, das vor alien
anderen seinen Namen weitertragen und verklaren wird: »Der Wanderer
zwischen beiden Welten«, das Buch, das nichts ist als ein wirkliches Kriegs-
erlebnis, das schlicht und innig von seiner Freundschaft mit Ernst Wurche er-
zahlt. Aber was F. da erstehen lieB, war das Bild der neuen Jugend, das Wider-
hall findet iiberall da, wo die Sehnsucht lebt nach Erlosung aus dem Schmutz
der Zeit, aus Geld- und Sinnengier. Der singende Wandervogel — der Theologe,
der das Neue Testament, Nietzsches Zarathustra und Goethe mit gleichef Liebe
bei sich fiihrt, der deutsche Jiingling, der im Geistigen sich ebenso rein badet
wie in Strom, Sonne und Wolke, wurde das Ideal einer neuen Jugend. »Rein
bleiben und reif werden «, das ist die Forderung, die aus diesem Buchlein in viele,
viele Herzen dringt.
Zuletzt war Walter F. von dem Plane erfiillt, die Geschichte eines Kriegs-
freiwilligen zu schaffen, das Buch seines eigenen Ich zu schreiben. Nur zwei
Kapitel sind von diesem Werk »Wolf Eschenlohr« vollendet. Auf hoherer Stufe
sollte diese Dichtung darstellen, was F. von der Menschheit forderte: ein neues
Verhaltnis der deutschenMenschen zueinander durch Versohnung der Schichten,
ein neues Verhaltnis aber auch zum t)berirdischen. Die harte Wirklichkeit mit
ihren unerbittlichen Pflichten lieB nicht zu, daJ3 dieses Werk ausreifte. F. war
Feldsoldat und wollte nichts anderes sein. Aber er empfand mehr als ein an-
derer die Qual, nicht gestalten zu konnen, was in ihm zur Niederschrift drangte.
»Ich beklage mich gewiB nicht, « schreibt er einmal im Marz 1917 aus dem
Felde, »und eine Anfrage, ob ich ins Presseamt eintreten wolle, habe ich kiirz-
lich abgelehnt, weil ich fiihlte, daB ich in die Front gehore. « Aber er fahrt auch
traurig fort: »Ein paar ruhige Wochen, und der Wolf Eschenlohr ware ge-
schrieben. a
Sein Wunsch, an den Kampfen im Westen teilzunehmen, blieb unerfullt.
Statt dessen wurde er Anfang Juli 1917 nach Berlin berufen, um in einer volks-
tumlichen Abhandlung (Der GroBe Krieg in Einzeldarstellungen) im Auftrage
des GroBen Generalstabes die russische Fruhjahrsoffensive 1916 darzustellen.
Die wenigen Wochen scharfster Arbeit gaben ihm dennoch MuBe, ein Kapitel
68 1917
des »Eschenlohr« niederzuschreiben. Anfang August war er wieder bei seinem
Regiment. Er machte den Ubergang iiber die Diina und die Eroberung von
Riga mit. Wie froh war er, wieder dabei sein zu diirfen! Voller Kampffreude
nahm er an dem Unternehmen gegen Oesel teil. Als er beim Vormarsch zu
Pferde gegen die Russen anstiirmte, traf ihn am 15. Oktober die todliche Kugel
aus einer Russenschar, die gleich darauf sich gefangen geben muBte. Innere
Organe im Unterleib waren zerrissen, und eine Operation war aussichtslos. Der
todlich Verwundete f ragte vor allem nach dem Stand des Gefechts, diktierte eine
beruhigende Karte an die Eltern und sandte seinem Regiment GriiBe. Am
Nachmittag des 16. Oktober 1917 starb Walter F. Auf dem Dorffriedhof von
Peude auf Oesel liegt er bestattet.
In seiner Kartentasche fanden sich, von dem GeschoB durchldchert, die
Blatter des zweiten Kapitels des »Eschenlohr«. Aus den Entwtirfen, die mit
dieser Niederschrift zusammen gefunden wurden, geht hervor, wie sieghaft und
kraftvoll der Dichter in diesem seinem letzten Werk um die ewigen Fragen der
Menschheit rang. Der Tod traf ihn als einen Geweihten. Er hatte uberwunden
und iiber Verzagtheit gesiegt. Hoch iiber irdische Schwachheit erhebt er sich,
wenn er die Uberzeugung ausspricht, daB wir von Gott keine Durchbrechung
der Kausalitatsgesetze erwarten und erbitten diirfen. »Nicht um die Pfennige
in Gottes Hand sollen wir beten, sondern um die Hand selbst, und die gottliche
Giite auch da noch verehren, wo das zerstorende Schicksal unser irdisches
Dasein zermalmt.«
So wurde Walter F. das hohe Gliick zuteil, mit seinem Tode seine Worte zu
besiegeln, so wurde dem deutschen Volke ein Fiihrer entrissen, den es heute
mehr als je brauchte.
Es ist miiBig, kritisch festzustellen, daB manches in den Werken des Dich-
ters, der als DreiBigjahriger aufhoren muBte zu schaffen, noch gedanklich kon-
struiert, zu grell, zu wenig abgerundet ist. Die deutsche Jugend hat seine Dich-
tung angenommen als ein heiliges Vermachtnis. Der Mensch Walter F. und sein
Werk sind eins. Durch seine Lieder und durch sein Leben wird er weiterwirken
als der deutsche Kriegsfreiwillige, der die heilige Flamme der Augusttage des
Jahres 1914 als unantastbares Heiligtum rein durch die Bluttage getragen hat,
der sittliche Forderungen nicht nur aufstellte, sondern sie auch erfiillte.
In den Notizen zu »Wolf Eschenlohr« findet sich das Wort: »Die Sieger
werden unter den Toten sein!« Ein solcher Sieger war Walter Flex!
Iviteratur: Gesammelte Werke von Walter F., 2 Bande, Miinchen (1926). Nicht in
dieser Ausgabe enthalten: »Der Schwarcngeist«, Erzahlung; oZwolf Bismarcks«,-Novellen,
beide Berlin; »Sonne und Schild«, Gedichte, Braunschweig; » Klaus von Bismarck*, Er-
zahlung, Stuttgart; »Die Bauernfiihrer«, drainatische Skizze, Berlin; »Die evangelische
P^rauenre volte in L,6wenberg«, ein lustiges Spiel, Eisenach. — Brief e von Walter Flex,
herausgegeben von Eggers-Windegg, Miinchen 1927. — Fur biographische Angaben und
Grundsatzliches zur Dichtung und Weltanschauung: Einleitung von Dr. Konrad Flex.
Gesammelte Werke Bd. 1. — Personlichkeit und Werk wurden in mehreren Aufsatzen
in den » Burschenschaf tlichen Blattern«, Heft 7, S. H. 1926, 40. Jahrg. dargestellt, und
zwar von: Hans Herding, Frau Fine Hiils, Dr. Schunk, Dr. Menn. — Der gesamte Nach-
laB befindet sich in den Handen des Bruders Dr. Konrad Flex (Anschrift durch Becksche
Verlagsbuchhandlung Miinchen) .
Danzig-Langfuhr, Walter Millack.
Flex. Freeh 69
Freeh, Fritz, Geh. Bergrat, ord. Professor der Geologie und Palaontologie an
der Friedrich-Wilhelms-Universitat und Technischen Hochschule Breslau, * am
16. Marz 1861 in Berlin, f am 28. November 1917 in Aleppo. — Das Werk:
Das Kennen der Dinge und das Wissen um die Dinge sind zwei Ziele der Natur-
forschung. Fur das erste sind die Dinge nur ein Objekt der Beschreibung, fur
das zweite sind sie mehr — ein Symbol, ein Ausdruck der iiberpersonlichen
Wirklichkeit. Das Kennen der Dinge ist zwar die erste unbedingte Voraus-
setzung der Forschung, aber, letzten Endes, nur ein Ergebnis von FleiB und
Gedachtnis, nur das handwerksmaBige Material, aus dem der Meister seinen
Dom errichtet. Das Wissen um die Dinge aber ist eine Gottesgabe und ein Aus-
druck der Naturverbundenheit ; es ist eine hohere Stufe, auf der die Natur-
wissenschaft zur Weltanschauung wird. Wer den Seherblick hat, zu erkennen
*wie alles sich zum Ganzen webt«, der wird den Meistern zugerechnet.
Freilich, wie jedes Bauwerk vom anderen verschieden ist, so wird auch jedes
Weltbild seine individuellen Ziige tragen. Diese mogen uns zum Teil fremd, ja
sogar falsch erscheinen, da ja kein irdischer Blick die ganze Wirklichkeit um-
fassen kann; aber dankbar nennen wir die Namen derer, die uns wenigstens
einen Teil der verborgenen GesetzmaBigkeit offenbaren durften.
Fritz F. gehorte zweifellos zu diesen Naturen grofien Formats, welche durch
amfassende Kenntnis zu einem Wissen vorgedrungen waren, welches die Dinge
nicht nur klassifiziert, sondern in ihrer gegenseitigen Bezogenheit erkennt und
zum Baue eines Weltbildes verwendet. Bedeutsam ist in dieser Hinsicht sein
Werdegang: er wurzelte in der exakten palaontologisch-stratigraphischen
Schule Beyrichs und wuchs in einer Zeit auf, die — damals mit vollem Recht —
in der Vermehrung der empirischen Kenntnisse das Hauptziel der Wissenschaft
sah. Aber schon an seinen ersten Arbeiten merkt man, daB er in dem von ihm
beschriebenen Fossilien mehr sieht, als bloBe Objekte der Rubrizierung, daB
sie ihm Probleme bedeuten, die iiber eine bloBe Photographie der Wirklichkeit
hinausgehen. Zwei Problemgruppen birgt das Steingeriist der Fossilien: die
biologischen Fragen, d. h. die Zoologie der Vorzeit und der entwicklungs-
geschichtliche Zusammenhang von einst und jetzt, und die geologischen Fragen
— die Geschichte der Erde und die GesetzmaBigkeit ihres Werdens, aus dem
L,eben der Vergangenheit rekonstruiert. Beide Wege hat F. beschritten, viel-
f ach als Neuerer und Bahnbrecher und die palaontologische Basis seines Lebens-
werkes leuchtet wie ein roter Faden durch alle seine, spater so mannigfaltigen,
Arbeiten hindurch.
Auffallend klar ist die Entwicklung und Erweiterung seines Arbeitsgebietes.
Von den palaonzoischen (devonischen) Korallen Deutschlands ging er aus und
ist dann zu der Untersuchung anderer Korallenfaunen geschritten. (*) Diese
Arbeiten bestimmten schon die beiden wichtigsten Problemstellungen seines
Wirkens : Biologie und Entwicklungsgeschichte fossil wichtiger Tierstamme an
entscheidenden Stellen ihres Werdens, insbesondere an der Grenze der Alt-
und Neuzeit der Erde, und die Geschichte der Erde selbst in diesen Zeiten. Das
Palaozoikum, seine Tiergemeinschaften, seine Geographie, sind die Fragen,
denen nun viele Jahre seine bedeutsamsten Arbeiten gelten. Fast stets geht
dabei die Untersuchung von gewissen, sorgfaltig aufgesammelten Tiergruppen
aus, und die Kenntnis des Lebens wird zur Kenntnis der Umwelt erweitert. (a)
Dabei zieht die Untersuchung immer weitere Kreise. Vom Devon Deutschlands
70 1917
geht er zum Palaozoikum Siidfrankreichs iiber, dann zu den Karnischen Alpen,
die fiir lange sein Arbeitsgebiet bleiben, schliefilich zu den eigenartigen permo-
karbonischen Faunen Armeniens. (3)
Eine glanzende Zusammenfassung fand diese Arbeitsperiode in der Lethaea
geognostica (1897 — 1902), einem von Roemer begonnenen (1880), von F. fiir das
Palaozoikum abgeschlossenem Werke, an dessen anderen Teilen (Trias, Quar-
ter) er auch mitgearbeitet hat. Das Buch war wohl zuerst als Handbuch der
Stratigraphie gedacht, aber F. hat ihm erst den Odem eingeblasen, indem er es
zu einer einzig dastehenden Synthese unserer Kenntnisse von der Lebewelt und
Geographie der Altzeit der Erde erweiterte. Fiir die biologischen Resultate
seiner Arbeiten fehlt eine ahnliche Zusammenfassung; aber solche sind fast in
alien seinen Spezialarbeiten enthalten, und daneben veroffentlichte er kleinere
Aufsatze, welche einzelne palaobiologische Probleme in oft iiberraschender
Weise klaren. (4) Diese Klarung, stets origineller Art, ergibt sich meist von selbst
aus der Betrachtungsmethode, den Stempel des »gesunden Menschenverstandesd
tragend — ein Lob, welches man durchaus nicht alien wissenschaftlichen
Spekulationen zollen kann!
Wenn auch die Methode der F.schen Arbeit eigentlich bis zuletzt die gleiche
blieb — sein 191 1 erschienenes Werk iiber China in Richthofens fiinfbandiger
Monographic mit wertvollen Beitragen zur alten Lebewelt Ostasiens ist ein
Beweis dafiir — , so lafit sich doch allmahlich eine Verschiebung des Schwer-
punktes der Forschung erkennen. Diese kann man indessen leicht logisch be-
gninden. Das Studium der Faunen mufite zu der Frage nach den Ursachen ihrer
Wandlung f iihren ; von hier richtet sich der Blick auf die Zeiten dieser Wand-
lung — die Revolutionen der Erde oder die Perioden der Gebirgsbildung.
Schon die erwahnte Lethaea bringt wertvolle Beitrage dazu. Mehr auBerlich
wurde diese Umstellung durch die Arbeit in den Ostalpen unterstiitzt, denen
F. auch als begeisterter Alpinist ein besonderes Interesse entgegenbrachte. Da-
mit wurde seine Tatigkeit durch einen ganz neuen Gedankenkomplex be-
reichert. Neben den Karnischen Alpen, deren alte Gebirgsbildung zu einem
Vergleich mit Mitteleuropa herausforderte, muBte ihn hier die junge Gebirgs-
bildung des alpinen Hauptzuges fesseln. (5) Als Basis diente ihm auch hier wieder
das palaontologische Studium der in den Ostalpen so eindrucksvoll entwickelten
Triasformation, zu der ihn ja schon seine Korallenstudien gefuhrt hatten. Auch
eine synthetische Zusammenfassung iiber den Bau der Alpen hat er gegeben,
und ich mochte betonen, daB diese, trotz unserer heute ungeheuer vermehrten
Kenntnisse, sich durch ihre ruhig abwagende Kritik vorteilhaft von einigen
Auswiichsen moderner Phantasie unterscheidet. F. war eben, schon dank seiner
exakten palaontologischen Schulung, niemals »reiner Tektoniker«, sondern
suchte stets in der historischen Rekonstruktion einen Anker, den eine rein
mechanische Betrachtung nie geben kann.
Vom palaontologisch-stratigraphischen Fragenkomplex ausgehend, gelangte
F. zu den Alpen ; von hier fuhrte ihn die junge Tektonik und das Studium der
Trias weiter nach Stidosten — nach dem Balkan, nach Griechenland und Klein -
asien. Auch hier blieb seine Basis faunistisch-stratigraphisch, wenn er auch
sein Hauptaugenmerk auf die Klarung des Gebirgsbaus, insbesondere der euro-
paisch-asiatischen Beziehungen richtete. (6) Diesen weitausgreifenden Arbeiten
seiner letzten Lebensjahre war ein AbschluB nicht mehr beschieden!
Freeh 7 1
Wenn die allgemeine Linie: von der Fauna zur Schichtenfolge, von dieser
zum Gebirgsbau — eigentlich in alien Arbeiten F.s klar hervortritt, so darf doch
nicht iibersehen werden, daB ein anderes »historisches« Problem ihm minde-
stens ebenso nahe am Herzen lag — die Palaogeographie und insbesondere das
Klima der Vorzeit. Auch hier, wo er zum Teil bahnbrechend wirkte, schafften
Spezialstudien im jiingeren Palaozoikum (Karbon, Perm) die Basis. Charakte-
ristisch fiir seinen weitblickenden Geist ist der groBziigige Versuch, zwischen
Stratigraphie, Gebirgsbau und Klima eine Briicke zu schlagen, und zwar auf
der Grundlage der von ihm geologisch ausgebauten Kohlensauretheorie von
Svante Arrhenius. Vermehrte Vulkanausbriiche steigern den Kohlensaure-
gehalt der Luft; die Kohlensaure absorbiert die Sonnenstrahlen ; dadurch
wachst die mittlere Temperatur und wird ein iippiger Pflanzenwuchs be-
giinstigt. Dieser wieder bindet, neben einigen Gesteinen des Meeres, den Uber-
schuB an Kohlensaure und die Temperaturen sinken wieder, letzten Endes bis
zu einer Eiszeit, wenn nicht neue vulkanische Tatigkeit den ProzeB neu ent-
facht. So baut F. einen groBziigigen Rhythmus des Erdgeschehens auf, der in
dem inneren Kraftehaushalt der Erde wurzelt, und alles — Klima, Leben,
geographische Gestaltung — reguliert.
Diese geniale Theorie ist, trotz manchen Widerspruches, kaum restlos zu
widerlegen und hat jedenfalls ungemein befruchtend auf die Forschung ge-
wirkt, wenn man auch in bezug auf einige Einzelheiten Vorbehalte machen
muB. (7)
Mit den aufgezeichneten Arbeiten hangt auch eine andere Forschungsrich-
tung eng zusammen, die er besonders in den letzten Jahren seines Lebens ein-
geschlagen hat — die Wirtschaftsgeologie. Auch hier wurde der AnstoB durch
das Studium des Jungpalaozoikums gegeben, welches ihn auf den wichtigsten
Bodenschatz dieser Zeit — die Kohle — hinwies. Auch die Heimatkunde
Schlesiens fuhrte ihn zu dem gleichen Problem, dessen Studium in einer In-
ventarisierung der deutschen Steinkohlenfelder einen Niederschlag fand ; aber
schon in dem erwahnten Chinawerk wird das wirtschaftsgeologische Motiv
kraftig angeschlagen.(8) Nach Ausbruch des Krieges war auch der auBere AnstoB
gegeben, um diese Arbeitsrichtung weiter auszubauen, und es entstanden eine
Fiille von Arbeiten, welche teils allgemein die wirtschaftliche Bedeutung der
wichtigsten Bodenschatze erlautern, teils die einzelnen Kriegsschauplatze, be-
sonders den F. so vertrauten Siidosten, vom Standpunkt ihrer Bedeutung fiir
die deutsche Rohstoffversorgung behandeln. Im Dienste seines heiBgeliebten
Vaterlandes geschaffen, von reifem Wissen und klarem Allgemeinblick ge-
tragen, bergen diese Arbeiten manchen wertvollen Gedanken; es ist eine iiber-
personliche Tragik, daB sie durch den ungliicklichen Ausgang des Krieges nicht
die Auswirkung erhalten durften, die ihnen zugedacht war!
Ich habe im Vorhergehenden versucht, die Leitlinien aufzuzeigen, welche F.s
Lebenswerk bestimmen. DaB durch diese Hauptarbeiten auch zahlreiche Er-
kenntnisse gewonnen wurden, die auf andere Gebiete der Geologie ubergreifen,
sei nur kurz erwahnt. Die Heimatkunde Schlesiens, schlesische Bodenschatze
und Mineralquellen, die Gestaltung der Alpen, Erdbebenkunde und Geologie
der Eiszeit sind einige der Gebiete, auf denen F. auch Wertvolles geleistet hat.
Auch hier zeigte sich seine Fahigkeit, hinter dem auBeren Erscheinungsbilde
die Grundprobleme und tieferen Zusammenhange zu sehen. (9)
72 1917
AuBerordentlich verdienstvoll ist ferner F.s organisatorische Tatigkeit ge-
wesen, als deren Frucht vor allem der von ihm ins Leben gerufene Fossilium
Catalogus zu nennen ist, ein Verzeichnis aller bekannten Fossilien ; die Arbeit
wurde natiirlich unter viele internationale Mitarbeiter verteilt ; F. hat indessen
neben der ungeheuren Organisationsarbeit auch eigene Beitrage dazu geliefert.
Hier sei auch seiner Tatigkeit als Herausgeber des Neuen Jahrbuchs fur
Mineralogie, Geologic und Palaontologie gedacht (1912 — 1917), an dessen Ent-
wicklung er auch durch zahlreiche Referate auf den verschiedensten Gebieten
tatig mitwirkte.
Nicht unerwahnt soil schlieBlich bleiben, daJ3 F. die Fahigkeit hatte, die Er-
gebnisse seiner und fremder Arbeit in gemeinverstandlichen Schriften auch
einem groBeren Laienpublikum zu erlautern. Fur die Verbreitung des allge-
meinen Interesses an unserer Wissenschaft hat er viel gewirkt. Zeugnis davon
geben sechs Bandchen » Aus der Vorzeit der Erde« (191 1 — 1917), welche durch
ihre klare und originelle Fassung einen weiten Leserkreis gefunden haben, da-
neben zahlreiche Aufsatze iiber allgemeinere Fragen der Geologie in den Natur-
wissenschaften, der Umschau, der Zeitschrift des Deutsch-osterreichischen
Alpenvereins und anderen Zeitschriften.
Das Iyeben : Ich habe absichtlich die Schilderung von F.s Lebenswerk
an den Anfang gestellt, weil hier, wie selten sonst, Werk und Mensch or-
ganisch verbunden sind, und dieser zum Teil nur aus dem Werk verstandlich
wird.
Schon in fruher Jugend zeigte F., der Sohn eines hohen preuBischen Justiz-
beamten, eine ausgesprochene Liebe zu den beschreibenden Naturwissenschaften
und sammelte schon als Gymnasiast zoologische und palaontologische Objekte.
Nach Beendigung des Berliner Wilhelms-Gymnasiums (1880) studierte er in
Berlin, wo Beyrich und Dames seine Lehrer waren und auf die Entwicklung
seiner spezifisch palaontologisch-stratigraphischen Einstellung entscheidend
eingewirkt haben. Neben diesen beiden hat dann vor allem Ferdinand v. Richt-
hofen, der ihm auBerlich und innerlich ahnlich war, einen groBen EinfluB auf
ihn ausgeiibt. Richthofen verdankt er wohl, in einem gewissen Gegensatz zu der
Berliner Geologenschule, die Scharfung des Blickes fur groBe Zusammenhange
und allgemeine Problemstellungen. 1885 promovierte F. mit der genannten
Arbeit iiber oberdevonische Korallen; 1886 unternahm er seine erste groBere
Reise nach Siidfrankreich zur Erweiterung seiner palaozoischen Basis; 1887
habilitierteersich in Halle mit einer Arbeit iiber das Devon vonHaiger (Nassau).
1891 erfolgte seine erste Reise nach Nordamerika, die fiir seine innere Ent-
wicklung sehr wdchtig war. 1893 erhielt er den Ruf als auBerordentlicher Pro-
fessor nach Breslau. Der Lehrstuhl des 1891 verstorbenen F. Romer wurde da-
mals geteilt, aber F. iibernahm das eigentliche Erbe des um das Palaozoikum
Deutschlands hochverdienten Forschers, dessen berufenster Nachf olger er schon
durch die Fortsetzung seines Lebenswerkes — der Lethaea paldozoica, war. In
diese Zeit fallen vor allem seine Studien in den Karnischen Alpen.
1894 vermahlte er sich mit Vera Klopsch, der Tochter eines bekannten Bres-
lauer Chirurgen ; es muB an dieser Stelle der verstandnisvollen, zum Teil aktiven
Mitarbeit gedacht werden, mit der seine Gattin 23 Jahre sein Iyebenswerk be-
gleitete, insbesondere auch als treue und aufopfernde Weggenossin auf seinen
Reisen.
Freeh 73
1897 wurde F. zum ordentlichen Professor in Breslau ernannt und iibernahm
dann auch die Professur fur Geologie an der neugegriindeten Technischen
Hochschule daselbst. In demselben Jahre erfolgte die fur seine spatere Tatigkeit
so bestimmende Reise nach Hocharmenien, welche an den internationalen
KongreB in RuBland anschloB.
Seine alpine Tatigkeit hat alle diese Jahre angedauert. 1906 besuchte er den
internationalen GeologenkongreB in Mexiko. 1907 erfolgte die erste Reise nach
dem Balkan (Bosnien und Dalmatien), die fur die Arbeiten seiner letzten
Lebensperiode bestimmend war. Es folgte dann 1908 eine Reise nach Nord-
albanien, Montenegro, den Ionischen Inseln und Kykladen, 1909 eine Reise
nach Anatolien, 1911 Forschungen in Attika und langs der Trace der Bagdad-
bahn von Konstantinopel zum Euphrat. 1913 besuchte er den Geologenkon-
greB in Kanada.
Seine groBen Verdienste um die Palaontologie wurden durch Ernennung zum
Prasidenten der internationalen Kommission fiir die » Paldontologia universalis «.
und durch die Wahl zum Vizeprasidenten der Palaontologischen Gesellschaft
gewiirdigt (1912). 1913 wurden ihm derTitel Geheimer Bergrat und der Rote-
Adler-Orden verliehen.
Nach Ausbruch des Krieges war es sein heiBester Wunsch, Gaben und Er-
fahrung in den ausschlieBlichen Dienst des Vaterlandes zu stellen; auf seine
Tatigkeit in dieser Richtung wurde ja schon oben hinge wiesen. Im August 1917
folgte er dann freudig der Ernennung zum leitenden Geologen beim Armee-
kommando der syrischen Front. Hier entriB ihn schon nach zwei Monaten ein
todlicher Malariaanfall der ihn so besonders begluckenden vereinten Tatigkeit
fiir Vaterland und Wissenschaft.
Die unbedingte GroBziigigkeit, welche alle seine wissenschaftlichen Arbeiten
auszeichnet, war ihm auch als Mensch eigen. Die gerade in Angrifl genommenen
Probleme erfiillten ihn vollkommen, und da der Glaube an die tJberzeugungs-
kraft seiner Ideen und das Temperament nicht fehlten, so hatte er sich auch
manchen Feind gemacht und manche Polemik auszufechten. Die innere Treue
gegen seine Wissenschaft und seine Freunde hat er dabei nie verleugnet, und
eine groBe Herzensgiite leuchtet vor allem aus dem Verhaltnis zu seinen Schu-
lern, fiir die er sich wissenschaftlich und menschlich voll einsetzte.
So erkennen wir noch heute, nach 10 Jahren, den Menschen und das Werk
als Einheit, — auBerlich mannigfaltig und auf die verschiedensten Gebiete
iibergreifend, innerlich logisch aufgebaut und in sich so geschlossen, wie das
in dem zersplitterten Wollen und Schaffen unserer Zeit kaum mehr erreichbar
ist. Die letzte Synthese, zu der er wohl befahigt war, hat sein friiher Tod ihm
und uns versagt ; der ausgestreute Samen wird aber noch lange weiter keimen !
I/iteratur: (l) Die Korallenfauna des Oberdevon in Deutschland. Zeitschr. d. Deutschen
Geol. Ges. 1885; Die Cyathophylliden und Zaphrentiden des deutschen Mitteldevons,
eingeleitet durch einen Versuch der Gliederung derselben, Palaont. Abhandl. 3, 1886;
ttber unterdevonische Korallen der Karnischen Alpen, Zeitschr. d. Deutschen Geol.
Ges. 1895; Die Korallenfauna der Trias, Palaontographica 1890, 37, und 1896, 43;
Palaozoische Korallen aus China, wissenschaftliche Ergebnisse der Reise des Grafen
Szecheny in Ostasien 1899. — (2) Die devonischen Aviculiden Deutschlands, Abh. PreuC.
Geol. Landesanstalt 1891 ; t)ber devonische Ammoneen, Beitr. z. Geol. u. Pal. Osterreich-
Ungarns und des Orients, 1902, 14; Neue Cephalopoden aus den Buchensteiner, Wengener
und Raibler Schichten des siidlichen Bakony, Result, d. wiss. Erforschung d. Balaton-
74 l^l7
sees, i, 1903 — 1904 usw. Hier ist auch die w.ertvolle Studie iiber Graptolithen in der
Lethaea pal&ozoica zu nennen. — (*) Die palaozoischen Bildungen von Cabrieres, Zeitschr.
d. Deutschen Geol. Ges. 1887, 89; ttber das Devon der Ostalpen I — III, daselbst 1888,
1 891, 1894; Devon und Carbonfaunen aus Zentralasien, Abh. d. Wiener Akad. 1899;
t)ber das Palaozoikum in Hocharmenien und Persien, Beitr. z. Geol. u. Pal. Osterreich-
Ungarns und des Orients, 1900, 12. — (4) t)ber das Kalkgeriist der Tetrakorallen.
Zeitschr. d. Deutschen Geol. Ges. 1885; Explosive Entwicklung der oberdevonischen
Ammoneen, daselbst, 1904; t)ber die Griinde des Aussterbens der vorzeitlichen Tierwelt,
Arch, f . Rassen- und Ges.-Biologie, 1906; Loses und geschlossenes Gehause der tetra-
branchiaten Cephalopoden, Centr. f. Miner., Geol. u. Palaont. 191 5. — (5) Die Tribulaun-
gruppe am Brenner, Richthofen-Festschrift, 1893 '> Die Karnischen Alpen, Abh. d. Naturf .-
Ges. Halle, 18, 1894; Geologie der Radstatter Tauern, geol. u. pal. Abhandl. 1901; Ge-
birgsbau der Tiroler Zentralalpen, Wiss. Erg.-Hefte d. D. u. Osterr. Alpenvereins, 1905;
t)ber den Gebirgsbau der Alpen, Peterm. Mitt. 1908. — (6) Die Hallstatter Kalke bei Epi-
dauros und ihre Cephalopoden, Neues Jahrbuch f. Min. usw. 1907; Neue Triasfunde auf
Hydra und in der Argolis, daselbst, Beil.-Bd. XXV, 1908; Sur la repartition du Trias
& faci&s ocianique en Grice, Compte rendus ac. d. Sciences, Paris, 1906; letztere beiden mit
Renz; Geol. Forschungsreisen in Nordalbanien, nebst vergleichenden Studien iiber den
Gebirgsbau Griechenlands, Mitt. d. k. k. Geogr. Ges. Wien 1909; t)ber den Gebirgsbau des
Tauros in seiner Bedeutung fur die Beziehungen der europaischen und asiatischen Gebirge,
Sitz.-Ber. d. Berliner Akad. 1912; Geologie Kleinasiens im Bereiche der Bagdadbahn,
Zeitschr. d. Deutschen Geol. Ges. 19 16. — (7) Studien iiber das Klima der geol. Vergangen-
heit, Zeitschr. d. Berliner Ges. f. Erdkunde, 1902, 1906; t)ber Klimaanderungen in der
geolog. Vergangenheit.Congr. internat. geol. Mexiko, 1909. — (8) In welcher Teufe liegen die
Floze der inneren niederschlesisch-bohmischen Steinkohlenmulde ? Zeitschr. f . Berg-,
Hiitten- und Salinenwesen 1909; Deutschlands Steinkohlenf elder und Steinkohlenvorrate,
Stuttgart 1 91 2; Die Kohlenvorrate der Welt, Finanz- und volkswirtschaftliche Zeitfragen,
H. 43, 191 7; daneben zahlreiche kleinere Aufsatze. — Uber den Bau der schlesischen Ge-
birge, Geogr. Zeitschrift, 1902; Schlesiens Heilquellen in ihrer Beziehung zum Bau der
Gebirge, Berlin 1 9 1 2 ; Schlesiens Landeskunde Bd. I, 191 3 ; L,awinen und Gletscher in ihren
gegenseitigen Beziehungen, Zeitschr. d. Deutsch-Osterr. Alpenvereins 1908; Erdbeben und
Gebirgsbau, Peterm. Mitt. 1907; t)ber die Machtigkeit des europaischen Inlandeises und
das Klima der Interglazialzeiten. Congr. intern, geol. Stockholm 1912; t)ber die geolog.-
technische Beschaffenheit und die Erdbebengefahr des Bagdadbahngebietes bis zum
Euphrat, Neues Jahrb. f. Min. usw. I, 191 3. Diese kleine Auswahl soil nur die Grund-
richtung der iibrigen Arbeitsgebiete aufzeigen.
Quellen: Zu der vorhergehenden Schilderung habe ich vor allem zwei Nachrufe be-
nutzt: J. Pompeckj, Fritz F., Neues Jahrbuch f. Mineral., Geol. und Palaont., 1919,
S. I — XXXVIII, mit Bildnis und Schriftenverzeichnis, und W. Volz, Fritz F., Jahres-
bericht der Schles. Gesellsch. f. vaterland. Kultur, 1918, S. 1 — 10. Besonders die erste
dieser gedankenreichen Arbeiten bildet eine fast erschopfende Darstellung, wie sie hier
auf beschranktem Raum nicht gegeben werden konnte. Ich mochte indessen hervorheben,
daC diese formvollendete Schilderung mir oft als Anregung gedient hat, wenn auch
natiirlich durch das Studium von F.s Schriften dieser mir seit Jahren ein vertrautes und
verehrtes Vorbild war. Fur manche personliche Angaben bin ich schliefilich Frau Vera
v. Miaskowski, verwitwete Frau Geheimrat Freeh, zu grofiem Danke verpflichtet. Ein
ausf iihrliches Schriftenverzeichnis konnte ich hier nicht aufnehmen und habe nur das mir
besonders wesentlich Erscheinende genannt; ich verweise fur das "Obrige auf die erwahnte
Arbeit von Pompeckj.
Breslau. Serge v. Bubnoff.
Friedrich, Johann, Kirchenhistoriker, Geschichtschreiber des vatikanischen
Konzils, * 5. Mai 1836 zu Poxdorf bei Forchheim in Oberfranken, f 19- August
1917 zu Munchen. — Als Sohn eines I,ehrers in bescheidenen Verhaltnissen
aufgewachsen, legte er seine humanistischen Studien als Zogling des Auf-
sessianischen Seminars zu Bamberg zuriick, worauf er am dortigen, mit tiich-
tigen Lehrkraften besetzten Lyzeum den philosophisch-theologischen Fachern
Freeh. Friedrich 75
oblag (1854 — 1858). Mit gediegenen Kenntnissen ausgeriistet, verlieB er, von
Erzbischof Deinlein 1859 zum Priester geweiht, das Klerikalseminar und fand
seine erste Anstellung als Kaplan in Markt Scheinfeld in Mittelfranken, wo
$j Jahre zuvor auch Dollinger kurze Zeit in der Seelsorge tatig gewesen war.
Friedrich fuhlte sich durch die praktische Wirksamkeit nicht befriedigt. Er
sehnte sich nach seinen geliebten Biichern und Studien zuriick und richtete
daher an seinen Erzbischof das Gesuch, behufs weiterer Ausbildung die Uni-
versitat Miinchen beziehen zu diirfen. Es sah wie ein Zufall aus und war doch
sichtlich hohere Fiigung, dai3 eben damals auch Dollinger den Oberhirten,
seinen ehemaligen Studiengenossen, um einen jungen Geistlichen bat, welcher
ihm bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten an die Hand gehen konnte. So kam
F. nach Miinchen und in den Bannkreis des Mannes, der das Schicksal seines
Lebens ward. Selten ging ein Schiller so ganz und mit solcher Hingebung in
seinem Lehrer auf , wie F. in Dollinger. Er wohnte nicht nur seinen Vorlesungen
an, sondern genoB auch, von ihm in seine Hausgemeinschaft aufgenommen,
das seltene Gliick, in stetem Verkehr und Gedankenaustausch mit dem groBen
Gelehrten, von ihm mannigfach angeregt und geistig befruchtet, sein Gesichts-
feld standig erweitern, sein Wissen ausbreiten und vertiefen zu diirfen.
Dollinger hatte, als F. Ende 1859 zu ihm zog, den Zenit seines Ruhmes in
.streng kirchlichen Augen bereits uberschritten. Diistere Wolken am Gelehrten-
himmel verkiindeten ein nahes schweres Gewitter. Zwei theologische Rich-
tungen gab es im katholischen Lager, welche die Geister schieden : die deutsche
historische und die romisch-jesuitische, neuscholastische. Noch in der ersten
Halfte des 18. Jahrhunderts beherrschte die scholastische Wissenschaft auch
in Deutschland alle geistlichen Schulen, siechte aber bereits unaufhaltsamem
Zerfalle entgegen. Da wirkte das lebendige Beispiel emsiger kirchengeschicht-
licher und patristischer Studien, wie sie von den franzosischen Benediktinern
^o erfolgreich betrieben wurden, erfrischend und neubelebend auf ihre Ordens-
genossen in Deutschland und besonders in Osterreich. Ein osterreichischer
Benediktiner, Stephan Rautenstrauch, Abt von Braunau (| 1785), war es, der
das theologische Studien wesen, das noch immer schwer unter den Nachwehen
des DreiBigjahrigen Krieges litt, neu organisierte, indem er ohne Beeintrachti-
gung der kirchlichen Dogmatik an Stelle der abgelebten Scholastik nach prote-
stantischem Vorbilde die kirchengeschichtlichen, bibelwissenschaftlichen und
patristischen Studien in den Vordergrund des theologischen Unterrichts riickte
und den Lehrplan entwarf, welcher fortan nicht bloB in den osterreichischen,
sondern auch in den deutschen katholisch-theologischen Schulen die Herrschaft
behauptete. Die gewaltige Reaktion, welche nach dem Zusammenbruche der
Franzosischen Revolution iiberall einsetzte, und der blendende Zauber, mit
welchem die Romantik die seligen Zeiten des mittelalterlichen Papsttums ver-
klarte, brachte es nun aber mit sich, daB sich im SchoBe des Katholizismus eine
Stromung breit machte, welche in der entschlossenen Riickkehr zur Papst-
herrschaft und zur Scholastik das Heil der Kirche und der burgerlichen Gesell-
schaft erblickte. Die Sonne des hi. Ignatius von Loyola, von Clemens XIV.
aufgehoben, von Pius VII. zu neuem Leben erweckt, waren die Bannertrager
der neuen Richtung, und ihre Schiiler, welche sie im sogenannten Collegium
Germanicum zu Rom mit ihrem Geiste erfiillten, wirkten, unter dem Einflusse
des immer mehr erstarkenden Ultramontanismus auf bischofliche Stiihle und
76 19*7
theologische Katheder erhoben, mit Feuereifer in ihrem Sinne. Des festen Ruck-
haltes in Rom versichert und gleich ihren Meistern gewohnt, kirchliche Recht-
glaubigkeit mit der von ihnen vertretenen Scholastik in eins zu setzen, iiber-
trugen sie ihren ungeziigelten HaB gegen Protestantismus nnd Auf klarung auf
die nach ihrer Anschauung aus demselben Geiste geborene und daher im
hochsten Grade anriichige deutsche Schule. Angriffslustig und siegesgewiB er-
offneten sie den Sturm zunachst auf philosophischem Boden und ruhten nicht,
bis die Fiihrer der aufbluhenden deutschen Philosophic, Manner wie Hermes,
Giinther, Frohschammer, Oischinger, dem romischen Index verfallen waren.
Und schon griff der Kampf auch ins theologische Bereich iiber. Schon war der
edle Hirscher, seit 1857 in Freiburg, von Rom verurteilt, schon sah sich der
Tubinger Dogmatiker Kuhn vom selben Lose bedroht. Der Bamberger Dom-
dekan Gengler, F.s Lehrer, von Konig Max II. zum Erzbischof von Bamberg
erkoren (1858), wagte die Ernennung nicht anzunehmen, aus Furcht, daJ3 er,
in Rom langst verdachtigt, die papstliche Bestatigung doch nicht erhalten
wtirde. Schon wurden die katholischen Fakultaten und die Universitatsbildung
der Geistlichen fiir bedenklich erklart und die Griindung einer »freien« katho-
lischen Universitat gefordert. Schon verkiindeten der Mainzer »Katholik«, die
Zeitschrift der Neuscholastiker, die Theologie der Orden (Jesuiten) und der
Germaniker sei auch die Theologie Roms und der ganzen katholischen Welt.
Schon erklarte er of fen, es gebe im Katholizismus zwei Richtungen, welche
nicht friedlich nebeneinander bestehen konnen, sondern sich gegenseitig auf-
heben. Schon war also der deutschen Schule der Vernichtungskrieg unverblumt
angekiindigt. Nur einer stand in Deutschland noch unbesiegt — Dollinger, das
gefeierte Haupt der Miinchener historischen Schule. Aber es ging das gefltigelte
Wort, das Dogma musse die Geschichte besiegen, und so muBte friiher oder
spater auch er fallen. Einen Sturm der Entriistung erregten im ultramontanen
Lager schon die Odeonsvortrage (1861) iiber den nahen Sturz des Kirchen-
staates, zumal da deutsche, belgische, englische und hollandische Bischofe den
Kirchenstaat soeben noch als einen wesentlichen Bestandteil der Kirche be-
zeichnet hatten. Aufs heftigste prallten die Gegensatze anlaBlich der Miinchener
Gelehrtenversammlung (September 1863) zusammen, auf welcher Dollinger
einen nach Form wie Inhalt ausgezeichneten Vortrag iiber » Vergangenheit und
Gegen wart der katholischen Theologie « hielt.
F. hatte wie an den Odeonsvortragen, so an der Gelehrtenversammlung und
den damit zusammenhangenden Beratungen lebhaften Anteil genommen, und
so war es unausbleiblich, daJ3 er, als getreuer Schiiler seines Meisters bekannt,
die unversohnliche Gegnerschaft, welche sich dieser seitens der Neuschola-
stiker zugezogen hatte, auch am eigenen Leibe zu spuren bekam. Schon als er
seine erste Schrift, mit welcher er sich den theologischen Doktorgrad erwarb,
iiber »Joh. Wessel. Ein Bild aus der Kirchengeschichte des 15. Jahrhunderts«
(Regensburg 1862) herausgab, sah er sich gezwungen, geharnischte Verwahrung
gegen einen neuscholastischen Kritiker einzulegen, welcher die Arbeit, noch
ehe sie gedruckt war, aus dem Pulte des Verlegers an sich zu bringen gewuBt
hatte und sich nun voller Entriistung iiber das vom Verf asser entworf ene diistere
Bild kirchhchen Verderbens der Vorreformationszeit aussprach. Als nun F.
nach seiner, auf Grand einer neuen Schrift iiber »Die Lehre des Joh. HuB und
ihre Bedeutung fiir die neuere Zeit« (Regensburg 1862) erfolgten Habilitation
Friedrich
77
(1862) zum auBerordentlichen Professor der Kirchengeschichte ernannt werden
sollte, trug der Erzbischof von Miinchen Bedenken, seine Zustimmung zu geben,
da sein » Wessel« AnstoB bei ihm erregt habe, und erst als sich der junge Gelehrte
auf das giinstige Urteil des Erzbischofs Deinlein von Bamberg und des Bischofs
Dinkel von Augsburg berufen konnte, erlitt seine Anstellung (1865) keinen Auf-
schub mehr. In der Tat war sie vollauf verdient. F. entfaltete eine ungemein
riihrige literarische Tatigkeit. Er hatte den groBen Plan einer » Kirchen-
geschichte Deutschlands« gefaBt, von welcher jedoch nur der erste Band und
die erste Halfte des zweiten erscheinen konnte (1867 — 1869), worauf das Werk
wegen aUgemeiner Teilnahmslosigkeit eingestellt werden muBte. Von ganz an-
deren Fragen waren damals die Gemiiter bewegt. Pius IX. hatte 1864 den
Syllabus verkiindet und darin die Kulturideale der modernen Gesellschaft ver-
dammt — ein Vorgehen, welches der Mainzer Neuscholastiker Heinrich als
»die groBte Tat des Jahrhunderts und vielleicht vieler Jahrhunderte« pries.
Im Jahre 1867 aber hatte der Papst ein allgemeines Konzil angesagt, und es
hieB, es solle bei dieser Gelegenheit die papstliche Unfehlbarkeit, vielleicht sogar
per acclamalionem, zum Dogma erhoben werden. Unter solchen Umstanden
war eine griindliche Beschaftigung mit der Geschichte der friiheren Konzilien,
besonders des letzten, des tridentinischen, aufs dringlichste geboten. F. widmete
sich ihr sofort mit Feuereifer und begab sich auf Doilingers Rat nach Trient,
um hier an Ort und Stelle auch Quellenstudien zu obliegen. Es war die Stunde,
die iiber sein ferneres Leben entschied, als er einen Brief Doilingers vom
25. September 1869 mit der iiberraschenden Mitteilung erhielt, KardinalHohen-
lohe habe um einen deutschen Theologen geschrieben, der wahrend des Konzils
bei ihm in Rom wohnen und ihm mit Ratschlagen beistehen konne. Er, Dol-
linger, habe ihn als den rechten Mann vorgeschlagen, F. moge sich die prachtige
Gelegenheit nicht entgehen lassen, »hinter den Kulissen stehend ein groBes,
weltgeschichtliches Drama (hoffentlich weder Komodie noch Trauerspiel) auf-
gefiihrt zu sehen«.
Im November 1869 reiste er nach Rom ab. Dollinger hatte sich in ihm nicht
getauscht — er war der rechte Mann, der es mit seiner Aufgabe ernst nahm
und fur ihre Lbsung durch seine Studien iiber das Trienter Konzil wohl aus-
geriistet war. Mit klarem Blicke betrachtete er Personen und Verhaltnisse, mit
sicherem, unbeirrbarem Urteile durchschaute er die voile Tragweite der den
Bischofen von der Kurie vorgelegten Entwiirfe und Formeln. Von Anfang an
erkannte er, wie ihm der preuBische Gesandte v. Arnim spater ausdriicklich
bezeugte, daB angesichts der geschlossenen, von ein em Willen zielbewuBt ge-
leiteten, zahlenmaBig weit uberlegenen Mehrheit, und der unsicher hin und
her schwankenden, in sich vielfach gespaltenen und uneinigen Minderheit der
Sieg des Papalsystems unabwendbar sein werde. Angelegentlich bemuhte er
sich, den meist nur mangelhaft vorbereiteten, erst durch ihre nunmehrigen Er-
fahrungen und Wahrnehmungen aus ihrer friiheren Vertrauensseligkeit auf-
geriittelten Bischofen der Minoritat mit Gutachten und Aufschliissen beizu-
springen. Unablassig stand er auf seinem Posten, mahnend, warnend, studie-
rend, priifend, beobachtend. In den Aufzeichnungen seines nachher durch den
Druck veroffentlichten Tagebuches sowie in den ausfiihrlichen Briefen an
Dollinger, die er noch kurz vor seinem Tode ebenfalls im Wortlaute mitteilte,
schilderte er die verschiedenartigen Gestalten, welche auf der buntbewegten
78 1917
Schaubuhne des Konzils auftraten, die mannigfachen Vorgange und Ereignisse,
die sich vor seinen Augen abspielten. Damals erreichte in ihm ein geistiger
Kampf sein Ende, der sein ganzes Wesen erschiitterte. Er erkannte die unsicht-
bare Hand, welche ihn nach Rom gefuhrt hatte, und je tiefer die Einblicke
waren, welche er Tag fur Tag aus nachster Nahe in das Konzilsgetriebe tun
durfte, desto mehr fuhlte er sich von ihm abgestoBen. »Was war Rom,« rief er
in seinem Tagebuch (2. Aufl., S. 196) aus, »einst fiir mich! Wie betete ich ge-
wissermaBen alles an, was von da kam! Jetzt sehe ich, daB nicht bloB die
grauenhaf teste Ignoranz, sondern noch weit mehr Hochmut, Luge und Siinde
hier herrschen. Nach zwei Hinsichten hat mein Leben seine Aufgabe jetzt be-
zeichnet erhalten: es ist von jetzt an dem Kampf e gegen die Kurie, nicht aber
(gegen den) Primat, sowie gegen die Jesuiten gerichtet. Gehe ich dabei zugrunde,
so glaube ich, daB es der Herr so gewollt hat. « Er rechnete seinen romischen
Aufenthalt zu den triibsten Tagen seines L,ebens und war entschlossen, dieses
Konzil niemals als okumenisches anzuerkennen.
Mitte Mai 1870 in die Heimat zuriickgekehrt, hatte er nur zu bald Gelegen-
heit, seinen EntschluB in die Tat umzusetzen. Am 18. Juli erfolgte die Dogma-
tisierung des Universalprimats und der personlichen Unfehlbarkeit des Papstes,
welcher sich die Konzilsminderheit nachtraglich ausnahmslos unterwarf . Da
wie Dollinger auch F. die Annahme dieser ihrer Uberzeugung gemaB neuen, in
Schrift und apostolischer Uberlieferung nicht begriindeten, von einer moralisch
unfreien, dem starksten Drucke durch die Kurie unterworfenen Versammlung
beschlossenen, fiir Kirche wie Staat gleich verhangnisvollen Glaubenssatze ver-
weigerten, so wurde Dollinger am 17., F. am 18. April 1871 vom Erzbischofe
Gregor v. Scherr von Miinchen exkommuniziert. Die groBe Frage war nun:
was sollte weiter geschehen? Dollinger und F. waren anfangs gesonnen, den
Kirchenbann iiber sich ergehen zu lassen, ohne an eine kirchliche Organisation
ihrer Gesinnungsgenossen zu denken. Bald aber drangte die Macht der Verhalt-
nisse in andere Bahnen. Da die »Altkatholiken« — die Bezeichnung geht allem
Anscheine nach auf den Abt Haneberg von S. Bonifaz in Miinchen, spateren
Bischof von Speier, zuriick — durch die romischen Kirchenbehorden von den
Sakramenten, namentlich von der damals auch zur staatlichen Giiltigkeit einer
EheschlieBung erforderlichen pfarrlichen Assistenz, sowie vom kirchlichen Be-
grabnisse ausgeschlossen waren, so sahen sie sich in die Zwangslage versetzt,
eine regelmaBige altkatholische Seelsorge in die Wege zu leiten. Dollinger wollte
davon anfangs nichts wissen; eindringlich widerriet er, » Altar gegen Altar zu
stellen.« F., der in manchen Dingen scharfer sah, vertrat in dieser praktisch so
wichtigen Angelegenheit den entgegengesetzten Standpunkt, welchem sich auf
die Dauer auch Dollinger nicht zu verschlieBen vermochte. Mit vorbildlicher
Hilfsbereitschaft und Opferwilligkeit leistete F., solange die Gemeindebildung
mit eigenen Geistlichen noch nicht durchgefiihrt war, in Miinchen selbst wie
auswarts, wo ein Kranker nach geistlichem Troste, ein Sterbender nach den
Sakramenten verlangte, den ersehnten Beistand. Als es gait, an der Universitat
Bern eine altkatholische Fakultat einzurichten, entsprach er auf Dollingers
Wunsch der an ihn ergangenen Einladung und hielt wahrend der beiden ersten
Semester (1874/75) kirchengeschichtliche Vorlesungen, welche er mit einer be-
deutsamen Rede iiber den » Kampf gegen die deutschen Theologen und theo-
logischen Fakultaten in den letzten zwanzig Jahren« eroffnete. Auf verschie-
Friedrich
79
denen Kongressen, wie in zahlreichen Versaminlungen trat er als Redner auf .
Mit unerschrockenem Bekennermute und riicksichtsloser Entschiedenheit ver-
teidigte er die altkatholische Sache auch in wuchtigen Broschiiren, und hielt
mit nnbeugsamer Festigkeit den leidenschaftlichen Angriffen der Gegner stand,
welche ihn, der freilich auch selbst eine schneidige Klinge schlug, mit einer Flut
gehassiger Schmahungen und Beschimpfungen iiberhauften, gegen welche er
gelegentlich auch gerichtliche Hilfe in Anspruch nehmen muBte.
Und doch hinderte ihn alles dies nicht, das groBe Werk seines Lebens zu voll-
enden, zu dem er wie sonst niemand berufen war, die »Geschichte des vatika-
nischen Konzils « in 3 bzw. 4 Banden, von welchen der erste (1877) die Vor-
geschichte bis zur Eroffnung des Konzils, der zweite (1883) die unmittelbaren
Vorbereitungen, der dritte, um seines groBen Umfanges willen in zwei Halften
geteilt, den Verlauf des Konzils bis zum entscheidenden 18. Juli behandelte
(1887). Das Werk wird nie veralten und fur alle Zeiten ebenso wie das Tagebuch
und die Berichte, welche der Verfasser wahrend seines romischen Aufenthaltes
an Dollinger gelangen lieB, eine Hauptquelle der Geschichte des vatikanischen
Konzils bilden. Seine Glaubwiirdigkeit und Zuverlassigkeit besteht, bei
manchen Irrtumern und Fehlern in Einzelheiten und Kleinigkeiten, die
strengste kritische Prufung. Selbst ein bald darauf von jesuitischer Seite auf
Grund der samtlichen vatikanischen Aktenstiicke verfaBtes Gegenwerk ver-
mochte es nicht zu iiberholen oder auch nur in seinen Hauptergebnissen zu er-
schuttern. Die Palme gebuhrt unter den drei Banden unstreitig dem ersten.
Mit musterhafter Griindlichkeit legt er die Machte und Triebkrafte bloB, welche
zur Verkiindigung der Unfehlbarkeit fiihrten, und bietet eine unerschopfliche
Fundgrube kostbarsten, zum Teile sehr entlegenen Stoffes zur Geschichte des
Ultramontanismus im 19. Jahrhunderte. Die gebiihrende Anerkennung blieb
denn nicht aus. W. v. Giesebrecht befurwortete 1880 F.s Wahl zum ordent-
lichen Mitgliede der Miinchener Akademie, und wenn dieser auch 1882 auf
Drangen der ultramontanen Kammermehrheit gegen seinen Willen aus der
theologischen Fakultat ausgeschieden und in die philosophische versetzt wurde,
so konnte er doch seine Vorlesungen ungestort wieder aufnehmen und seine
wirtschaftliche Zukunft fur gesichert halten. Der schwerste Schlag traf ihn,
als am 10. Januar 1890 Meister Dollinger aus dem Leben schied. Am 13. Januar
segnete er ihn, der Gebannte den Gebannten, zur ewigen Ruhe ein und widmete
ihm am offenen Grabe, aufs tiefste ergriffen, tief ergreifende Abschiedsworte.
Dem Wunsche des Entschlafenen gemaB besorgte er 1892 die neue Auflage der
1869 in der ganzen gebildeten Welt als formliches kirchenpolitisches Ereignis
gewiirdigten Schrift »Der Papst und das Konzil von Janus «, deren machtiger
Eindruck durch den ihr vom Wtirzburger Professor und spateren Kardinal
Hergenrother entgegengesetzten »Antijanus« nicht mehr hatte verwischt wer-
den konnen. Die Schrift, von F. mit sorgfaltigen Quellenbelegen versehen und
dadurch in ihrem wissenschaftlichen Werte noch gehoben, erschien nunmehr
unter dem Titel »Das Papsttum von J. v. Dollinger*, wodurch zugleich die
bisher noch immer ungeklarte Frage der Urheberschaft des Janus aufgehellt
wurde. F. war es auch, der zuverlassigen AufschluB uber den wahren Verfasser
der wahrend des Konzils in der Augsburger »Allgemeinen Zeitung« veroffent-
lichten und ob der Verlassigkeit ihrer Mitteilungen, ihrer ungewohnlichen Ge-
lehrsamkeit und geistvollen Sprache iiberall, besonders auch in Rom selbst von
8o 1917
den Konzilsvatern gierig verschlungenen »R6mischen Briefe« erteilen konnte,
die Ende 1870 in Buchfonn unter dem Namen »Quirinus« erschienen waren.
Ihr Verfasser war wiederum Dollinger, der sich hierbei nicht nur der schon er-
wahnten Briefe F.s, sondern auch der ihm zur Verfugung gestellten amtlichen
Berichte des bayerischen Gesandten Tauffkirchen und seines Attaches, Grafen
Arco, ganz besonders aber der aufierst aufschluflreichen Zuschriften seines
Freundes und Schulers, des I/>rds Acton, bedienen konnte, der die engsten Be-
ziehungen zu den fuhrenden Bischofen der Minderheit unterhielt, zu Darboy
von Paris, Dupanloup von Orleans und Strofimayer von Diakovar. Mit ihren
lebendigen Stimmungsbildern und ihren aus genauester Kenntnis der Personen
und Verhaltnisse geschopften Angaben zahlen die »R6mischen Briefe « zu den
zuverlassigsten und wichtigsten Quellen der Konzilsgeschichte, die von keinem
Forscher ungestraft beiseite geschoben werden konnen und auch von F. fleiBig
zu Rate gezogen wurden, als er seine Konzilsgeschichte verfaBte. Das monu-
mentum aere perennius setzte F. seinem Lehrer in der dreibandigen Biographie
»Ignaz von Dollinger «. Sein Leben auf Grund seines schriftlichen Nachlasses
(Miinchen 1899 — 1901), in der er mit pietatvollem Griffel ein lebenswarmes
Bild des grofien Theologen zeichnete und dabei ein Jahrhundert katholischer
Gelehrtengeschichte an unseren Augen voriiberziehen laBt. Waren damit nun
auch seine groBeren Werke geschlossen, so legte er die unermiidliche Feder doch
noch lange nicht aus der Hand. Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, teils in
den Abhandlungen der Munchener Akademie, teils als selbstandige Schriften
erschienen, legten von der ungeschmalerten Geistesfrische des nun auch selbst
schon ins Greisenalter getretenen Gelehrten riihmliches Zeugnis ab. Und frisch
und riistig blieb auch der Korper. Ungebeugt und ungebrochen durch die Last
der Jahre oder die rauhen Sturme, die iiber ihn hinweg gebraust waren und so
manchen anderen entwurzelt hatten, stand er trotzig und zah, wie die knorrigen
Eichen seiner frankischen Heimat, das ausdrucksvolle Haupt, aus dem die
blauen giitigen Augen so schalkhaft leuchteten, aber zuweilen auch zornige
Blitze spriihten, von ehrwtirdigen weiBen Locken umwallt. Der altkathohschen
Sache blieb er bis zum Tode unerschutterlich treu. RegelmaBig nahm er an den
Veranstaltungen und gottesdienstlichen Feiern der Gemeinde seines Munchener
Wohnsitzes teil, wenn er auch in den letzten Jahren keine kirchlichen Ver-
richtungen mehr vornahm. Unstreitig war er ein groBer Gelehrter. Aber er war
viel mehr. Er war, was so selten ist, von der FuBsohle bis zum Scheitel jeder
Zoll ein ganzer Mann. Was er am Grabe Dollingers diesem nachruhmte, das
gait ebenso von ihm selbst: »Sein ganzes Leben war ein ununterbrochener,
seinem Herrn gewidmeter Dienst.«
Literatur: H. Prutz, Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1918,
S. 69 ff. — O. K., Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1906, Nr. 104. — F. Hacker, J. F. als
Fiihrer der altkatholischen Bewegung, Internationale Kirchliche Zeitschrift 1918, S.252ff.
— Friedr. Nippold, Ein Jahr aus dem Leben von Prof. F., Der romfreie Katholik, 191 3,
Nr. 32, S. 250 f. — J. F., Rdmische Briefe iiber das Konzil (1869/70), Revue Internationale
de Thiologie XI (1903), 621 ff. — Derselbe, Meine Briefe an Dollinger aus dem Konzils-
jahre 1869/70, Internationale Kirchliche Zeitschrift VI (1916), 27 ff., 174 ff., 300 ff., 401 ff.
— Th. Granderath, S. J., Geschichte des Vatikanischen Konzils, herausgegeben von
K. Kirch, S. J., 3 Bande 1903 — 1906. — K. Mirbt, Die Geschichtschreibung des Vatika-
nischen Konzils, Hist. Zeitschr. CI (1908), 529 ff. — .Derselbe, Vatikanisches Konzil, Real-
Enzyklop. f. protest. Theologie XX 3, 445. — E. A. Roloff, Die »R6mischen Briefe vom
Friedrich. Fxoriep 8l
KonziU, Zeitschr. f . Kirchengeschichte XXXV (1914), 204 ff. — Jahrbiich der Ludwig-
Maximilians-Universitat Miinchen fur die Jahre 1914 — 1919(1927) S. 46 — 52 (Hermann
Grauert [f]: J. F.).
Miinchen. Joseph Schnitzer.
Froriep, August, Professor der Anatomie zu Tiibingen, * am 10. September
1849 in Weimar, f am 11. Oktober 1917 zu Tubingen. — F. entstammte einer
alten Weimarer Familie, war Sohn und Enkel eines Arztes und wandte sich, der
Familientradition folgend, dem Studium der Medizin zu, zunachst in Gottingen
(1868 — 1870), spater in Tubingen (von 1870 an), wo sein Groflvater Ludwig
Friedrich F. ehemals Professor der Anatomie gewesen war. Sein erster Aufent-
halt in Tubingen war jedoch nur von kurzer Dauer, da der Krieg ausbrach, den
F. als Freiwilliger mitmachte. Erst im Herbst 1871 kam F. nach Tubingen
zuriick, betrieb hier klinische Studien und arbeitete bei Hoppe-Seyler, ging
spater nach Leipzig und beendete dort seine Studien. Ostern 1875 trat der
junge F. an der anatomischen Anstalt zu Leipzig bei Braune als Assistent ein
und kam dadurch auch in nahere Beriihrung mit His, dem damaligen Leiter
der Anstalt. Im gleichen Jahre verheiratete er sich zum ersten Male mit Elise
Lenoir, einer Genferin, die ihm jedoch schon 1887 durch den Tod entrissen
wurde.
Es ist ganz zweifellos, dafl die Arbeitszeit an der anatomischen Anstalt zu
Leipzig in gewissem Sinne fur F. entscheidend war, denn seine embryologischen
Neigungen, denen er sein ganzes Leben iiber treu blieb, leiten sich jedenfalls
auf die von His empfangenen Anregungen zuriick, wahrend seine topogra-
phischen Studien in Braune ihre letzte Wurzel haben. In Leipzig kam er auch
in Beriihrung mit der dortigen Kunstschule, an welcher er mehrere Monate
lang den Lehrer der Anatomie zu vertreten hatte, und von diesem Ursprunge
her entwickelte sich seine Vorliebe f iir plastische Anatomie und seine » Anatomie
fur Kiinstler<(, die im Jahre 1880 zum ersten Male erschien.
Als 1878 Dursy, der erste Prosektor und a.o. Professor der Anatomie zu
Tubingen, starb, bewarb sich F. bei Henke, dem Vorstande der Anstalt, um
dessen Nachfolge und erhielt die Stelle freundlichst zugesichert. So las er also
im Wintersemester 1878/79 sein erstes Kolleg an der Universitat und hatte vor
alien Dingen auch viel mit den Praparieriibungen zu tun. Da er jedoch auch den
Unterricht in der mikroskopischen Anatomie hatte iibernehmen miissen, so
ging er im Friihjahre 1879 auf drei Monate nach Paris zu Ranvier, welcher da-
mals einen wohlbegriindeten Ruf in der Histologic, besonders als Techniker,
besaB, um sich dort in diesem Fache nach den Regeln der Kunst ausbilden zu
lassen. Dieser EntschluB ist darum bemerkenswert, weil damals eigentlich
Kolliker in Wiirzburg im Bereiche der Histologic der anerkannte Herrscher war,
wenigstens was Deutschland anlangt. F. ist die Liicken seiner franzosischen
Ausbildung in diesem Fache Zeit seines Lebens nicht los geworden. So kam es,
dafl die mikroskopische Anatomie f iir ihn immer ein Nebenfach blieb ; er hatte
zwar auch fur dieses Gebiet ein erhebliches Interesse, fand aber keine Gelegen-
heit mehr, sich nach dieser Richtung hin fortzubilden. Was die weiteren Lebens-
daten anlangt, so wurde F. 1884 a.o. Professor und ubernahm 1895 an Stelle
Henkes das Ordinariat fur Anatomie. Im Jahre 1890 ging er mit Marie Freiin
v. Hermann eine zweite Ehe ein, die erst durch den Tod F.s geldst wurde.
dbj «
82 1917
Die Beschaftigung mit der schon erwahnten Kunstleranatomie fallt in die
Jahre 1878 — 1880; sie erschien im Todesjahre F.s zum 5. Male, ein schlichtes
Werk mit klaren, kraftigen Abbildungen, welches dem Kiinstler das brauchbare
Handwerkszeug tibermittelt. Hierzu ist zu erwahnen, daB F. zweifellos der
Anlage nach kiinstlerische Interessen besaB, auch im Unterrichte die plastischen
Werke der Antike gerne projizierte, urn an diesen die wesentlichen Tatsachen
der plastischen Anatomie zu erlautern.
F.s Hauptgebiet jedoch war die Embryologie und dies entsprach dem Zuge
der Zeit. Seitdem im Jahre 1859 die »Entstehung der Arten« von Darwin er-
schienen war, waren zahlreiche Forscher bemiiht gewesen, die Grundbegriffe
der Deszendenzlehre auf die Morphologie anzuwenden und die Lehre Darwins
auf ihren Nutzungswert zu priifen. Die einschlagigen Arbeiten bewegen sich
naturgemaB auf den Gebieten der vergleichenden Anatomie und Embryologie
und eben hieran wollte der junge F. teilnehmen. Er wandte sich der Wirbel-
theorie des Kopfes zu, welche seinerzeit von Goethe und Oken begriindet wor-
den war und die nunmehr in abgeanderter Form wieder auftauchte. An die
Stelle der Wirbel traten die Metameren oder Folgestiicke, welche entwicke-
lungsgeschichtlich durch die Erscheinung der Ursegmente oder Urwirbel cha-
rakterisiert sind. F. wies nach, daB nur in dem hinter der Ohrgegend gelegenen
Abschnitte des Kopfes Urwirbel nachweisbar sind und daB somit nur dieser Teil
als ein modifizierter Teil des Rumpfes angesehen werden kann. Diese Arbeiten
zur Morphologie des Kopfes ziehen sich durch das ganze Leben F.s hindurch ;
die letzte Veroffentlichung erschien in seinem Todesjahr (1917).
F. hat, von den genannten Arbeiten ausgehend, auch andere Gebiete der
Anatomie des Kopfes eingehend bearbeitet. Vor alien Dingen war er ein vor-
trefflicher Kraniologe und hat zu Tubingen eine reiche anthropologische
Schadelsammlung angelegt. Hierher gehoren auch seine Veroffentlichungen
iiber die Schadel verschiedener historischer Personlichkeiten (Hugo v. Mohl,
Schiller, Fraulein v. Gochhausen). In den beiden letztgenannten Fallen handelt
es sich um die Identifizierung des Schadels nach dem vorhandenen Bildnis-
material, Untersuchungen, die jedesmal auBerst schwierig sind, aber gelegent-
lich auch durch die Umstande erforderlich werden. So hatte schon His seinerzeit
den Schadel Joh. Seb. Bachs auf Ansuchen des Rates der Stadt Leipzig iden-
tifiziert. Nachdem nun Welcker die Echtheit des in der Weimarer Fiirstengruft
aufbewahrten Schiller-Schadels angezweifelt hatte, suchte F. an der Hand des
Bildnismaterials den Schadel unter vielen neu zu bestimmen. Es ist bekannt,
daB er in der Tat einen anderen Schadel als den echten bezeichnete; da diese
Untersuchung mit dem Aufgebote aller technischen Hilfsmittel durchgefuhrt
worden war, muB man sich mit dem Resultate geniigen lassen ; es ist kaum an-
zunehmen, daB das gesamte Material noch einmal durchgearbeitet werden wird.
Weiterhin hat F. seine Untersuchungen am Kopfe auch auf die Lage des
Gehirns zum Schadel ausgedehnt. Es gelang ihm, ein topographisches Werk
ersten Ranges zustande zu bringen, welches auf diesem Gebiete als klassisch
bezeichnet werden muB, und die solide Grundlage fur die operativen MaBnahmen
am GroBhirn geworden ist.
Im ganzen gewinnt man von den Arbeiten F.s (umfassend 52 Nummern) den
Eindruck, daB er ein auBerordentlich peinlicher und gewissenhafter Forscher
gewesen ist, der sich nirgend genug tun konnte. Jederzeit wurden alle nur er-
Froriep. Gillhausen 83
denklichen Hilfsmittel ausgenutzt, urn das Resultat sicherzustellen. Auch als
Chef des Institutes hat er sich sehr erhebliche Verdienste erworben, denn die
anatomische Anstalt zu Tubingen in ihrer jetzigen verbesserten Gestalt ist sein
Werk. Auch hat er die Sammlungen reichlich vermehrt und den Unterricht in
vorbildlicher Weise gepflegt.
Literatur: M. Heidenhain, August v. F. Anatom. Anzeiger, Bd. 50, 191 7, mit Bildnis.
Tubingen. Martin Heidenhain.
Gillhausen, Gisbert, Geh. Baurat und Dr.-Ing. e. h., * am 28. Juli 1856 zu
Sterkrade bei Oberhausen, | am 16. Marz 1917 in Essen. — Gisbert G. war
der Sohn eines Hiittenbeamten der Gutehoffnungshiitte, die damals noch
unter der Firma Gewerkschaft Jacobi, Haniel & Huyssen bekannt war, und
so wurde er schon durch Geburt und Umgebung in die technische Laufbahn
gewiesen, fiir die er eine fruhe und entschiedene Begabung mitbrachte. Unter
acht Geschwistern in engen Verhaltnissen aufwachsend und durch den friihen
Tod des Vaters vor die Notwendigkeit raschen Vorwartskommens gestellt,
vertauschte der Knabe schon mit 16 Jahren das Gymnasium zu Wesel mit
dem Polytechnikum zu Aachen, wo ihn sein Fleifl und seine friih hervor-
tretende mathematische Begabung in dem gewahlten Fache des Maschinen-
baus rasch forderten. — Schon nach vierjahrigem Studium, noch nicht ganz
zwanzigjahrig, trat G. als Ingenieur in die Gutehoffnungshiitte ein, wo er
an groBeren Eisenbauten, u. a. an den Briicken fiir die Gotthardbahn und
an der Koblenzer Rheinbrticke, sein konstruktives Talent weiter ausbildete.
Einige Jahre spater finden wir ihn schon in selbstandig verantwortlicher
Stellung als Oberingenieur bei den Rheinischen Stahlwerken, und hier, wo
er nach seinen eigenen Worten die schonsten Jahre seines Lebens verlebte
und zur Familiengriindung schritt, eroffnete sich auch seiner seltenen Arbeits-
kraft und Energie ein breites dankbares Feld. Die deutsche Industrie trat
damals, am Beginn der achtziger Jahre, mit dem nach schweren Kampfen
errungenen Zolltarif nach langem Darniederliegen wieder in eine hoffnungs-
vollere Tatigkeitsperiode ein. Gleichzeitig eroffnete sich durch den vor kurzem
erschlossenen ThomasprozeC gerade fiir die deutschen Hiitten eine Moglichkeit
kraftigen Auf schwunges : die gewaltigen Eisensteinschatze des jiingst er-
worbenen Lothringens konnten durch das neue Verfahren erschlossen und ein
wertvolles Erzeugnis billig dem Weltmarkte zugefiihrt werden. An diesem
grofien Umschwunge als einer der ersten mitgearbeitet zu haben, hat G. immer
als eins der gliicklichsten Ereignisse seiner technischen I,aufbahn bezeichnet.
Die Rheinischen Stahlwerke begannen mit der Einfuhrung des Thomasver-
fahrens unmittelbar nach G.s Eintritt, er nahm an alien einschlagigen Arbeiten
starksten Anteil, entwarf einen groBen Teil der erforderlichen Hiittenanlagen,
Walzwerke und bereicherte zugleich seine eigenen Erfahrungen, die er dann im
Dienste der Firma Krupp auf der breitesten Grundlage verwerten konnte.
Im JahreiSgo, zehn Jahre nach G.s Eintritt bei den Rheinischen Stahlwerken,
erfolgte sein Ubertritt zu Krupp. Man berief ihn als Loiter des Technischen
Bureaus, in welchem samtliche, den weiten Umkreis der Kruppschen Werke
betreffenden Neuanlagen entworfen und ausgefiihrt werden, und an welcher
Stelle nach einer natiirlichen Pause des Stillstandes in den letzten L,ebensjahren
84 lw
und nach dem Abscheiden des groBen Alfred Krupp ein neuer, wissenschaftlich
durchgebildeter Betrieb wiinschenswert erschien. G. brachte fur eine Erneue-
rungsarbeit dieser Art alle Eigenschaften in reichem MaBe mit, ein griindliches
akademisches Wissen, reiche Erfahrung trotz seiner Jugend und eine unver-
siegbare, vor keiner Schwierigkeit zuriickschreckende Energie des Wollens und
der Tat. Sein Tatendrang, mit einer klaren Erkenntnis des Notwendigen und
einem eisernen FleiB vereinigt, war nach dem Zeugnis seiner damaligen Mit-
arbeiter und spateren Nachfolger derart ungestiim und unaufhaltsam, daB der
Fernerstehende ihm schwer zu folgen vennochte. Sein gliickliches Geschick
wollte es, daB er in dem Sonne und Nachfolger Alfred Krupps einen Chef und
Auftraggeber fand, der, bei bemerkenswerter eigener Einsicht in die technischen
Zusammenhange, frei von Kleinlichkeit und Eifersucht war und groBe Talente
hochherzig zu unterstiitzen verstand. Friedrich Alfred Krupp brachte den weit
ausgreifenden Planen G.s voiles Vertrauen entgegen, und aus diesem Zusam-
menwirken entstand zunachst jenes groBdurchdachte Werk neuzeitlicher In-
genieurkunst, die Friedrich- Alfred-Hiitte am Niederrhein, das zur Zeit seiner
Entstehung bis weit tiber die Grenzen Deutschlands als eins der leistungs-
fahigsten und besteingerichteten Hiittenwerke Europas anerkannt wurde. Die
groBen Fragen des Transportes, der Warmeausnutzung, des Ineinandergreifens
aller Arbeiten vom Schmelzen der Erze bis zum Fertigwalzen der Schiene sind
in Rheinhausen fruhzeitig mit einer amerikanischen Verhaltnissen zu ver-
gleichenden GroBziigigkeit gelost worden. Nach dem Zusammenbruche der
alten Grundlagen der Kruppschen GuBstahlfabrik infolge des verlorenen
Krieges und des Machtf riedens der Feinde ist dieses groBe Hiittenwerk der feste
Grundpfeiler bei der Wiedererneuerung des Gesamtunternehmens ge worden.
Mit der Kiihnheit, die ihn bei dem Entwurf groBer Plane auszeichnete, hat G.
in Rheinhausen auch die damals neue Frage der Gasverwertung in GroB-
maschinen, die zu den Grundztigen der modernen Hiittentechnik gehort, mit
einem Schlage gelost zu einer Zeit, als die GroBgasmaschine noch eine viel-
umstrittene, keineswegs geloste Aufgabe war. Er besaB das groBe MaB von
Verantwortungsgefiihl, das die Folgen eines neuen, ktihnen Schrittes wohl zu
berechnen, aber auch auf sich zu nehmen versteht.
G.s ganze Vielseitigkeit zeigte sich in den nachsten Jahren beim Neubau der
Germaniawerft in Kiel, die Krupp um die Jahrhundertwende seinen alteren
Betrieben angliederte. Die Germaniawerft ist ja, abgesehen von ihren sonstigen
Kriegsschiffbauten, die Wiege des deutschen Unterseebootes geworden, und
auch auf diesem Felde war es G. beschieden, tatkraftig einzugreifen, indem er
fruhzeitig die Bedeutung des Dieselmotors erkannte und die Unterstiitzung
dieser groBen Erfindung durch die Firma Krupp nachdrucklich beeinfluBte.
Was in der Maschinenfabrik Augsburg - Niirnberg Buz (s. unten S. 225 ff.)
leistete, das war in Essen G., und die U-Boots-Dieselmaschine, die das deutsche
Unterseeboot in erster Linie zu glanzenden Leistungen wahrend des Krieges
befahigt hat, hatte ohne die Tatkraft dieser beiden Manner schwerlich ihre
Tasche Vollendung erfahren. Es ist wenig bekannt, daB die erste Anregung zur
Verwendung des Dieselmotors als Schiffsmaschine schon im Jahre 1897 von G.
ausging.
Nach dem beendigten Ausbau der Germaniawerft kehrte G., seit 1899 ins
Direktorium der Firma Krupp berufen, etwa mit dem Jahre 1900 mitdoppeltem
Gillhausen 85
Eifer zu der Vollendung seiner liebsten Schopfung, des Hiittenwerks in Rhein-
hausen, zuriick. Aber auch als diese Aufgabe voll gelost war und Krupp damit
zeitweilig iiber das groBte und modernste Stahlwerk Europas gebot, kannte G.
kein Ausruhen. Schon seit Jahren drangte die Modernisierung und Zusammen-
fassung der in 50 Jahren langsam entwickelten Kruppschen Kanonenwerk-
statten als wichtigste, aber auch schwerste Aufgabe der Essener Betriebe. Auch
diese Arbeit, die sich im wesentlichen als die Uberfuhrung der Kruppschen
Werke in den neuzeitlichen GroBbetrieb bezeichnen laBt, fiel schlieBlich G. zu.
Sie nahm eine Reihe von Jahren in Anspruch und bezeichnet im groBen und
ganzen den AbschluB seiner umfassenden Tatigkeit fiir Krupp, ein Jahr vor
dem Ausbruche des Weltkrieges schied er aus der Firma aus. Er stellte sein
Wissen und seine Erfahrungen fortan durch gelegentliche Arbeiten fiir eine
Reihe der groBten Werke nicht nur in den Dienst der gesamten deutschen
Industrie, sondern ubte auch tiefgehenden EinfluB aus in den groBen wirtschaft-
lichen Verbanden des Rheinlandes und in der Verwaltung der machtig auf-
strebenden GroBstadt Essen. Hier behielt er auch nach dem Ausscheiden aus
der Firma Krupp seinen Wohnsitz und brachte damit seine Zugehorigkeit zum
Mittelpunkte der technisch gesteigerten deutschen Wirtschaft bewuBt zum
Ausdruck.
Zu Beginn des Jahres 1917 wurde G. von dem Leiter, Generalleutnant
Groener, zur Mitarbeit im deutschen Kriegsamt berufen, aber ein tragisches
Geschick riB ihm diese ersehnte Gelegenheit, dem Vaterlande mit seinen reichen
Gaben dienen zu konnen, aus der Hand. Eine kurze tiickische Krankheit, die
er sich auf einer mit seiner neuen Berufung im Zusammenhang stehenden
Reise zuzog, raffte den anscheinend kraftigen Mann in wenigen Tagen hin. Er
starb am 16. Marz 1917 im Alter von noch nicht 61 Jahren. An seiner Bahre
wurde das nachfolgende, seine Bedeutung kennzeichnende Wort gesprochen:
»Jedes U-Boot, das die Germaniawerft verlaBt, jedes Geschiitz, das von den
Essener Werken zur Front rollt, geben Zeugnis von seinem Wirken. a Die Firma
Krupp ehrte das Andenken eines ihrer groBten Ingenieure durch den im Jahre
192 1 vollendeten groBen Erzdampfer , Gillhausen*.
Die besten Eigenschaften Gisbert G.s hat einer seiner Freunde, der ver-
storbene Dr.-Ing. Hartwig, der seinerzeit Assistent G.s gewesen war, mit kurzen
Worten zusammengef aBt : »Er besaB in seltenem MaBe jene Gaben, die den
rechten Ingenieur ausmachen : technisches Wissen in engster Fuhlung mit den
Forderungen der Praxis, eisernen Willen, der sich riicksichtlsos durchzusetzen
wuBte, wenn es Wichtiges zu er reichen gait, zahe Ausdauer, unermiidlichen
FleiB, gewissenhafte Pflichttreue, treffsicheres Urteil, stark entwickelten Ord-
nungssinn, kaufmannisches Empfinden und rasches Erfassen des springenden
Punktes; in alien Fragen das Herz auf dem rechten Fleck, war er zuverlassig
in Gesinnung und gerecht im Tun, streng gegen sich selbst und gegen seine
Untergebenen, aber zugleich ein wohlwollender Berater und ein gerechter Vor-
gesetzter. Den Ingenieurstand suchte G. mit alien ihm zur Verfiigung stehenden
Mitteln hochzuhalten ; jungeren strebsamen Ingenieuren half er nicht nur gern
vorwarts, sondern hatte auch, wo es notig war, eine mildtatige Hand fiir sie,
wie er iiberhaupt seinen Opfersinn in zahlreichen Fallen, insbesondere wahrend
des Krieges, gern bekundete.«
Kosel (Kreis Eckernforde). Wilhelm Berdrow.
86 19*7
Hocheder, Karl, Architekt und o. Professor der Baukunst, * 7. Marz 1854 zu
Weiherhammer (Oberpfalz), f 21. Januar 1917 in Miinchen. — H. entstammt
einer bayerischen Beamtenf amilie ; der Vater, Adolf H. , war zur Zeit der Geburt
seines Sohnes Karl Bergmeister in Weiherhammer, spater Generaldirektor der
bayerischen Verkehrsanstalten. H. selbst war sich des ganz innigen Verwachsen-
seins mit dem altbayerischen Boden immer bewuflt ; nicht ohne Stolz erzahlte
er, daB »die Wiege seiner Ahnen kaum vier Stunden weit von Salzburg weg in
jenem bekannten Pfarrdorf Anger stand, das Kdnig Ludwig I. als das schonste
Dorf seines Landes gepriesen hat«. Das ist in der Tat eine gesegnete Gegend,
aus der ein rechtes Geschlecht heranwachsen konnte, nahe der klassischen
Landschaft Salzburgs und gegenuber dem romantischen Untersberg.
Die Schulen wurden in Miinchen besucht; erst das humanistische Gymna-
sium, dann das Realgymnasium. Auf der Technischen Hochschule traf H. zu-
nachst als Lehrer Gottgetreu und Geul, zu denen er kein naheres Verhaltnis
f inden konnte ; einfluBreicher war der Unterricht Neureuthers gegen Ende des
vierjahrigen Studiums, das 1878 durch die Prufung abgeschlossen worden ist.
Nachdem die praktische Ausbildung bei der Eisenbahnsektion L,andshut, bei
der Generaldirektion der Verkehrsanstalten in Miinchen und beim Landbau-
amt daselbst erledigt war, unterzog sich H. der praktischen Staatspriifung im
Jahr 1881, fand darauf Verwendung, aber kein Geniigen beim Iyandbauamt in
Amberg und stellte sich dem nur wenige Jahre alteren, als Nachfolger Neu-
reuthers berufenen neuen Professor der Baukunst Friedrich Thiersch (s. DBJ.
1921, S. 252 — 257) als Assistent zur Verfugung. Das war nun allerdings ein
frohliches Schaffen, anders als in den verstaubten Stuben der Bauamter. Neben,
nicht unter der glanzenden Person Fr. Thierschs zu arbeiten, war fur den
auflerlich weit weniger glanzenden H. sicher eine Freude, vielleicht auch manch-
mal ein Anlafi zur Ubung des ihm durchaus gelauf igen Ein- und Unterordnens ;
kunstlerisch genommen konnte es aber kaum groBere Gegensatze geben:
Thierschs Klassizitat und H.s warmbliitige, suchende Romantik. Ich erinnere
mich heute noch mit Vergniigen, welches kopfschiittelnde Staunen bei uns
Studierenden und beim Chef ein unter H.s besonderer Aufsicht entstehender,
ganz und gar verschnorkelter Deutsch-Renaissance-Entwurf hervorgerufen hat.
So blieb H. auf seiner Bahn, trotzdem er vier Jahre bei Thiersch assistierte;
menschlich aber traten sich die beiden nahe und wurden spater als Kollegen
gute Freunde.
Sollte der AnschluB im Staatsdienst nicht verpaBt werden, so muBte H.
dahin zuriickkehren. Als Bauamtassessor zog er 1885 noch einmal nach dem
schonen Stadtchen Amberg, ein Jahr spater wurde er an das Landbauamt
Miinchen versetzt. Allein die Aufgaben, die H. fur sich wiinschte, waren hier
kaum zu f inden ; viel eher mochte dies bei der Stadt sein ; er siedelte als Bau-
amtmann an das Stadtbauamt Miinchen iiber. Und nun begann eine Tatigkeit,
die ebenso fruchtbar wie segensreich fur Miinchen geworden ist, eine Tatigkeit,
die eine Zeitlang das Munchener Stadtbauamt zum Gegenstand der Bewunde-
rung und Nachahmung f iir ganz Deutschland machte — dies letzte sehr zum
MiBbehagen H.s. Denn seine Arbeit ruhte breit und fest im heimatlichen Boden ;
ihm muBte der nachgemachte »Miinchner Barock« in Mittel- oder Norddeutsch-
land ein Greuel sein.
Die Zustande am Stadtbauamt waren nach einer langen Epoche stark per-
ttocheder 87
sonlicher Leitung unter Zenetti reif zur Erneuerung. Zenettis Nachfolger,
W. Rettig, bedeutete eine kometenhaft schnell voriiberziehende Epoche ; erst
die tJbernahme der Oberleitung durch Adolf Schwiening brachte Ruhe und
GleichmaB in das Amt. Es ist Schwienings groBes Verdienst, daB er, eigener
Bautatigkeit ganz entsagend, H. voile freie Bahn gewahrte, ihm und seinem
ebenbiirtigen, bald nachher eintretenden Kollegen Hans Grassel.
Die Bauaufgaben, die nun in rascher Folge von H. zu bewaltigen waren,
betrafen zunachst Schulen, von denen die ersten noch gebunden und unfrei
Zeugnis davon ablegten, daB Uberkommenes zu verarbeiten war. Bald aber
brach die frohliche bayerische Art durch; heller Putz, rote schone silhouet-
tierende Dacher, freie schwingende Ornamentik und lichte Raume zeichnen
u. a. die Schulen an der ColumbusstraBe und die an der StielerstraBe aus. 189 1
ubernahm H. auBerdienstlich den Neubau der Kranken- und Pflegeanstalt des
bayerischen Frauenvereins vom Roten Kreuz in der Vorstadt Neuhausen. Das
war wieder gluckliche Uberwindung der Schwere und Tnibseligkeit — fast
heiter, soweit ein Krankenhaus heiter sein darf . Ahnlicher Aufgabe gait drei
Jahre spater H.s Arbeit an dem stadt. Armenversorgungsheim an der Martin-
straBe. Auch da kein finsterer Versorgungsbau, sondern ein biirgerlich statt-
liches, breit und behaglich daliegendes Haus. Industriebauten faBte nun aller-
dings H. nicht in moderner »Neuer Sachlichkeit« auf, sondern er suchte iiber
das Harte, damals wenigstens als hart Empfundene mit einer Anleihe bei der
burgerlich-klosterlichen Architektur hinwegzukommen ; sogar der hohe Kamin
des Elektrizitatswerkes an der StaubstraBe muBte eine dekorative Verkleidung
erfahren. Aber wer wiinschte statt des kostlichen kleinen Turbinenhauses in
den Maximiliansanlagen, das mit seiner griinen Haube an einen SchloBpavillon
recht lebhaft erinnert, ein Bauwerk in neuer Sachlichkeit zu sehen ? Diese Art
hat dann H. zu einer Hochstleistung gesteigert in seinem Volksbad, das nach
dem Stifter das Mullersche heiBt. Dieser verlangte um jeden Preis italienische
Renaissance; H. aber wollte nicht und setzte sich mit manchen Unan-
nehmlichkeiten durch. Er wollte auch nicht an eine akademisch zusamraen-
fassende Kastenarchitektur ; er verlangte die Vielheit der Bauteile, die zwei
Schwimmhallen, die Wannenbader und alles andere klar und deutlich auszu-
driicken, und das Hochreservoir war ihm gerade recht, einen Turm daraus zu
machen. Durch dieses Volksbad ist H. volkstumlich geworden, fast so sehr wie
Gabriel Seidl, dem er freundschaftlich bewundernd zugetan war.
Neben diesen groBen Arbeiten lief en, wie das in einem viel beschaftigten
Bauamt zu erwarten ist, eine Reihe minder wichtiger her: der Pfarrhof der
Giesinger Kirche — fast iibermaBig bewegt, das Feuerhaus an der Kirchen-
straBe u. a. m. Die Bauausfiihrung des Volksbades iiberdauerte die amtliche
Tatigkeit bei der Stadt ; einige wichtige Entwiirfe muBte er seinem Nachf olger
Rehlen iibergeben.
Denn nun trat eine neue entscheidende Wendung im Leben H.s ein, er wurde
1898 auf den Lehrstuhl Professor Geuls gerufen mit dem L,ehrauf trag : Ge-
baudekunde. Zunachst war das nach den fruchtbaren 9 Jahren des stadtischen
Dienstes ein Entsagen, denn die Aufgaben pflegen den Hochschulprofessoren
nicht in Menge in den SchoB zu fallen ; aber H. f and viel Gentigen in der Lehr-
tatigkeit, da ihm neben dem unermiidlichen kunstlerischen Tatendrang eine
starke Neigung zur Theorie innewohnte. Er war nun aufgenommen in einen
88 1917
Kreis von Mannern, mit denen ihn bald gleiches Streben nnd Freundschaft
verband. Die Beziehungen zu Friedrich Thiersch sind schon erwahnt. Dessen
Bruder August, Jakob Biihlmann und Heinrich v. Schmidt, bald darauf auch
Paul Pfann waren die bedeutenden Glieder dieses harmonischen Kreises. Die
Vorlesungen iiber Gebaudekunde, ein schwieriges und recht undankbares
Thema, arbeitete H. mit der groBten Gewissenhaftigkeit fast wortlich aus, in
jedem Jahr abandernd, Veraltetes streichend und Neues hinzuf ugend. Aber die
»t)bungen« waren ihm weitaus wichtiger. Er verlegte sich mit Feuereifer auf
die Korrektur, so griindlich, daB bald lauter Hocheder auf den ReiBbrettern
zu finden waren. Diese stark subjektive Art seiner Lehre hatte naturlich ihre
Vorteile und ihre Nachteile. Die Vorteile waren sehr augenfallig und nach-
haltig, denn neben dem vorbildlichen EinfluB seiner Bauten war es dieser kon-
sequent gleichgerichtete Unterricht, dessen Wirkung auf die jiingere Genera-
tion, und nicht nur die geringer begabte, die Architektur in Bayern fiir zwei
Jahrzehnte und mehr festlegte. Mehr noch fast als die Kunst Seidls hat H.s Art
auf die allgemeine Bautatigkeit Miinchens und von hier aus weithinaus einge-
wirkt, bis sie das Schicksal traf, das die Nachahmung notwendig macht: diese
wurde leer und verwassert und hat als solche der Meinung uber die eigene Ar-
beit H.s selbst fiir einige Zeit geschadet.
1900 war das Miillersche Volksbad fertig geworden. Nach der durch den
Ubertritt in das akademische Leben veranlaBten Pause entstand 1904 die schone
kleine Kirche der Protestanten in Pasing, dann kamen Wohnhauser fiir Kol-
legen und fiir sich selbst, das SchloB Hirschberg am Haarsee, eine Villa in
Levico, das Rathaus in Bozen, das eine eigenartige Mischung aus siidtiroler
Stimmung und der reichstromenden Phantasie H.s zeigt. Beziehungen, die H.
als der erfahrene Baderbaumeister zunachst als Gutachter angekniipft hatte,
brachten ihm einige Auftrage in der Feme: 1904 — 1906 baute er eine Bad- und
Kuranstalt in Hermannstadt in Siebenbiirgen ; spater hat er ein Thermalbad
fiir Banki bei Sofia entworfen. Dazwischen, im Jahr 1903, war eine starke Ver-
suchung, von Miinchen fortzugehen, an ihn herangetreten. Die reiche Stadt
Frankfurt a. Main bot ihm die Stelle des Stadtbaurates an. Eine ungleich be-
deutendere Tatigkeit hatte ihn verlocken konnen, aber die Heimat hielt ihn
fest, und nun besann sich der Staat darauf, daB der Hochschullehrer H. ein
um so besserer Lehrer sein konnte, wenn der Architekt H. eine groBe Aufgabe
zu bewaltigen hatte. Nach einer nicht ganz ernst zu nehmenden Konkurrenz
erhielt H. den Auftrag, ein Geschaftshaus fiir das bayerische Verkehrsministe-
rium zu bauen. Das Geschaftshaus sollte aber, so war es die Absicht der gesetz-
gebenden Korperschaften, »einen iiber die Befriedigung des nackten Raum-
bediirfnisses hinausgehenden reprasentativen Ausdruck haben, als Sitz der
obersten Verwaltungsstelle des gesamten bayerischen Verkehrswesens«. Dies
war nun freilich nach dem Herzen H.s, anders hatte es den Mann mit der un-
erschopflichen Phantasie, den Vorkampfer groBer stadtebaulicher Auffassungen
kaum gereizt. Der Platz liegt nordlich an den Hauptbahnhof angelehnt nicht
weit vom Empfangsgebaude. Der groBere Teil wird durch die ArnulfstraBe
abgetrennt, nur ein schmaler Streifen bleibt langs des Bahnhofes liegen. Diese
ArnulfstraBe einfach an einem Baukorper voriiberzufuhren, lag nicht im Sinn
Hs. ; er hatte zu viel iiber Platzwirkungen, iiber dasWesen des architektonischen
Raumes nachgedacht; er brauchte einen umschlossenen Raum, und die Arnulf-
Hocheder 89
straBe wurde gleichsam angehalten in ihrem Lauf, sie wird uberbaut mit aus-
reichend groBen Torbogen und so das » Forum « des Verkehrspalastes gebildet,
das erst im Jahr 1926 durch H.s Sohn, den Regierungsbaurat Karl H. gegen
die Bahnhofseite nach dem Plan des Vaters geschlossen worden ist. Sieben
Jahre hat H. dieser gewaltigen Arbeit gewidmet. Die stadtebauliche Seite der
Aufgabe beschaftigte ihn wohl am meisten ; aber die Sorge um das Innere war
nicht gering. Die vielen, teils in gleichmaBigen GroBen wiederkehrenden, teils
sich schwer verbindenden ungleichen Raumerfordernisse mit der gewiinschten
Monumentalitat zu umkleiden, war eine harte Aufgabe fur den GrundriB-
entwerfer. Nicht iiberall ist die Verarbeitung bis zur vollen Klarheit und t)ber-
sichtlichkeit gelungen. Der Bauteil, der der reinen Reprasentation dient, der
Kuppelraum, ist nicht mit der iiberzeugenden Sicherheit eingefugt, daB man
die Notwendigkeit ohne weiteres anerkennen miiBte. Das sind aber Bedenken,
die im Vergleich zum Ganzen nicht stark in die Wagschale fallen. Niemand, der
im Munchener Bahnhof einfahrt, wird sich dem zwingenden Eindruck dieser
phantastischen Baugruppe entziehen konnen, und niemand, der den jetzt gliick-
lich geschlossenen Platz betritt, wird sich durch Einzelbedenken von der Freude
liber diese groBe in ihrer Zeit einzig dastehende Raumgestaltung ablenken
lassen.
Die Schilderung der Werke H.s sei mit diesem, seinem groflten und wich-
tigsten abgeschlossen. Aber eben dieses Verkehrsministerium bietet die er-
wiinschte Gelegenheit, H.s Art noch klarer zu stellen. Vielfach wurde diese
Arbeit angegriffen; die Verteidigung hat H. selbst zum Teil ubernommen, und
seinen Gedanken zu folgen, ist wohl das beste Mittel, ihm als Kiinstler naher
zu kommen. Unfreundliche Beurteiler fanden die Anwendung des Barocks an
einem modernen Bau falsch und tadelten den Mangel an Charakteristik.
Freundliche Beurteiler priesen H. als den »letzten Barockmeister«. Er selbst
war mit beidem nicht einverstanden ; er f uhlte sich als ein Moderner ; er nahm
fiir sich in Anspruch, daB diese Form eine ihm iiberlieferte Sprache sei, in der
er doch ziemlich viel auszudriicken habe. Die Gleichsetzung der Stilform mit
der Sprache hatte er, wie viele anderen Gedankenwege, von Adolf Hildebrand
(s. DBJ. 1921, S. I42ff.) ubernommen. Weit von sich weist er eine Gleich-
stellung mit den Stilarchitekten der letztvergangenen Epoche, denen die Stil-
form nicht Mittel des Ausdrucks, sondern Endziel iiberhaupt war. Der Aner-
kennung, die im »letzten Barockmeister« liegen sollte, miBtraute er mit Recht,
denn sie schmeckte stark nach einer Entschuldigung. Entschuldigung aber
konnte er gut entbehren, ein Mann, der so sehr im Zug seiner Zeit schritt, selbst
die Entwicklung vorwarts trieb und auf solche Erfolge weisen konnte.
Wie klar er seine Stellung zur Zeit und zu seiner Umgebung sah, sollen einige
Satze aus einer Rede bezeugen, die er 191 1 hielt: »Ich habe das Gliick, oder
wenn Sie wollen, das Ungliick, daB man von meinen Bauten aussagt, sie hatten
alle etwas Katholisches an sich. Ich weiB nicht, was daran schuld ist, etwa daB
uns Bayern katholisches Wesen und Barock unzertrennlich verbundene Be-
griffe sind. Unsere Kloster und Fiirstensitze gehoren fast ausschlieBlich dem
Barockstil an. Oder sind Eindriicke meiner fnihesten Jugend, die ich in dem
schonen Salzburg zu verbringen das Gliick hatte, so machtig gewesen, daB sie
fiir das spatere Berufsleben noch nachhielten ? Oder liegt mir das katholische
Barock im Blute ? Kurz so manchen projektierten und verwirklichten Bauten
go 1917
meiner Hand hangt der Titel eines Klosters an. Wenn ich dem auch nicht eine
l^esondere Bedeutung beimesse, so habe ich dabei doch wenigstens die Beruhi-
gung, daB ich in meiner gewohnten Ausdrucksweise durch all die Jahre hin-
durch recht konsequent geblieben bin.*
Derart betrachtete er mit kritischem Blick sich, seine Kunst und die Kunst
tiberhaupt. Von Zeit zu Zeit fielen Friichte ab vom Baume seiner Erkenntnis.
Vortrage oder Schrif ten etwa mit dem Titel : » Konvexe und konkave Formen
in der Baukunst«; »Baukunst und Bildwirkung*; der Vortrag iiber das Ver-
kehrsministerium, dem die obigen Satze entnommen sind (191 1); »Die Fort-
schritte der Technik« (1916). Stark beeinfluBt von dem Hildebrandschen
♦ Problem der Form* behandelt H. mit Vorliebe das Raumliche im Gegensatz
zum Korperlichen. Wie Hildebrand geht er von physiologischen Dingen aus,
um seine Vorliebe fur das Konkave zu begriinden. Unter »amphitheatralischem
Aufbau« versteht er die der Hohlkugelform sich annaherade Anordnung der
Baumassen, von der er im Gegensatz zu der harten Wirkung des Konvexen die
besten Wirkungen erwartet. Seine Theorie ist der Praxis entwachsen und hat
als solche zum mindesten den Wert der begriindeten Empiric Freilich sind
diese Dinge auch nicht befreit vom Wechsel, zum mindesten nicht vom Wechsel
der ihnen zufallenden Aufmerksamkeit.
Mitten aus einer noch regen praktischen und geistigen Tatigkeit, umdiistert
allerdings von Sorgen um das Schicksal der Sonne im Krieg, starb H. am 21. Ja-
nuar 1917 plotzlich am Herzschlag. Er hinterlieB seine Freunde in tiefer Trauer.
Sie schatzten nicht nur den ausgezeichneten Kunstler in ihm, ebensosehr den
vortrefflichen Menschen. Bescheiden und fast angstlich sich zuriickhaltend,
lebte er in erster Linie seiner Kunst in nie ermudender Arbeit. Fast weichen
Gemtits und doch hartnackig, wenn es gait, wie etwa bei der Stilf rage des Volks-
bades, seiner Uberzeugung zum Recht zu helfen, war H. kein Mann der per-
sonlichen Wirkung im offentlichen Leben. Die Wirkung, die er ausiibte, ge-
schah durch seine Stetigkeit und durch seine Kunst.
Miinchen. Theodor Fischer.
Jacob!, Hugo, Kommerzienrat, Dr.-Ing., e. h., * am 28. Oktober 1834 auf
St. Antonyhiitte bei Sterkrade, f am 17. Oktober 1917 in Diisseldorf. — In
Hugo J. finden wir die Anlagen und Gaben einer Reihe von Ahnen wieder,
sein geistiges und moralisches Gut, seine ganze Wesensart darf man wohl
als eine Mitgift seiner Vorfahren ansehen. Er war der Sprofi einer Familie,
die seit Generationen im Hiittenfach gearbeitet und darin AuBergewohnliches
geleistet hatte und die auch ethisch hochstehend war. Hugos UrgroCvater
Johann Heinrich J., aus Eisleben stammend, der Erbauer der Sayner Hiitte
bei Koblenz, der auch die Saarbriicker Steinkohlenbergwerke einrichtete bzw.
»sie in bessere Verfassung brachte«, genoB als Hiittenmann und Bergwerks-
sachverstandiger einen groBen, weit iiber seinen eigentlichen Wirkungskreis
hinausgehendes Ansehen und wurde vielerorts als Gutachter herangezogen.
So auch Ende des 18. Jahrhunderts von der furstlichen Hofkammer des Hoch-
stiftes Essen fur den im dortigen Gebiet vorkommenden Eisenstein. Man
plante fur seine Verarbeitung die Errichtung einer Hiitte. J.s giinstig lautendes
Gutachten lieB den Plan zur Ausfiihrung kommen und fuhrte zur Griindung
Hocheder. Jacobi 01
der Eisenhiitte Neuessen, eines Werkes, das einen Teil der heutigen Gute-
hoffnungshiitte bildet und in dem seine Kinder und Kindeskinder ihre Lebens-
arbeit finden sollten. Sein Sohn, Gottlob Julius J. wurde der Erbauer und Leiter
dieser Hiitte ; er kann als der Mitbegriinder und Durchkampfer unserer Eisen-
industrie betrachtet werden (W. Grevel, Die Anfange der GuBstahlfabrikation
im Stifte Essen). Wahrscheinlich hat er auch mit Friedrich Krupp, der einige
Zeit auf der Sterkrader Hiitte tatig war, an der Losung des GuBstahlproblems
gearbeitet.
Die heutige Gutehoffnungshutte ist aus der Vereinigung dreier Werke ent-
standen, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts gegriindet wurden: 1753 die
St. Antony hiitte bei Recklinghausen, im kurkolnischen Gebiet, 1781 die Gute-
hoffnungshutte bei Sterkrade, die spater den vereinigten Werken den Namen
gab, im clevisch-preuBischen Gebiet, und 1791 die Eisenhiitte Neuessen (Ober-
hausen) , der Fiirstabtissin des Stif tes Essen gehorig. Bald nach der Griindung
Neuessen hielt man die Verschmelzung aller Hiitten fur notig, denn das Vor-
handensein dreier Hiitten auf so engem Raum war unwirtschaftlich, weil die
dort vorhandenen Rohstoffe, Eisenerz und Holzkohle, nur fiir eine Hiitte
geniigten. Aber die Vereinigung kam nicht zustande, nur die der Hiitten
Neuessen und Antony gelang; erstere wurde kurz darauf stillgelegt, weil die
Antonyhiitte vorteilhafter betrieben werden konnte. Weltgeschichtliche Er-
eignisse waren es, die aber doch endlich zur Verschmelzung der drei Hiitten
fuhrten. Durch den Frieden zu LuneVille 1801 gelangte das Fiirstentum Essen
in PreuBens Besitz. Die Fiirstabtissin wunschte den eigenen Weiterbetrieb
aufzugeben und bot die beiden Hiitten der preuBischen Regierung zum Kauf
an, hatte damit aber keinen Erfolg. Die Begriindung fiir die Ablehnung ist
eine Anerkennung der Geschaftstiichtigkeit G. J. J.s, des GroBvaters von
Hugo J. Es heiBt darin, »der groBe Absatz der Antonyhiitte riihre daher, daB
der beteiligte J. sehr erfinderisch sei, modische Formen zu Of en und anderen
GuBwaren sich zu verschaffen und zu verkaufen. Der Absatz wiirde aufhoren,
wenn andere benachbarte Hiitten einen ebenso gewandten und geistreichen
Herren an ihrer Spitze hatten oder die Antonyhiitte den J. verlore.* Im
Jahre 1805 fanden sich Kaufer fiir die beiden Hiitten in den Briidern Franz
und Gerhard Haniel, mit denen sich J., ihr Schwager, verband. Durch Ver-
mittlung Heinrich Huyssens, des Schwagers der Haniels, gelang es 1808, die
im Besitz der Witwe Krupp befindliche Gutehoffnungshutte anzukaufen und
Heinrich Huyssen als Gesellschafter zu gewinnen. Seitdem wurden die drei
Hiitten auf gemeinsame Rechnung betrieben, und nachdem der Gesellschafts-
vertrag 1810 schriftlich und notariell beurkundet war, erhielt die Firma den
Namen »Hiittengewerkschaft & Handlung Jacobi, Haniel & Huyssen «. J. hatte
die alleinige Direktion, weil er allein die zum Betriebe notigen Kenntnisse
besaB. Nach dem Vertrage durfte er unter keinen Umstanden austreten, muBte
sonst auf seinen Anteil verzichten. Unter seiner Leitung nahmen die vereinigten
Werke einen ungeheuren Aufschwung. Er starb 1823, an seine Stelle trat bis
1864 Wilhelm Lueg, der ehemalige Erzieher und Hauslehrer in der Familie J.,
der das Werk J.s mit Geschick und Energie weiter ausbaute. Gottlob J.s
Sohn August war Hiitteninspektor in St. Antony, er starb als sein Sohn
Hugo erst acht Jahre zahlte.
Die im Jahre 1808 vereinigten drei Werke wiesen grundsatzlich gleiche oder
92 1917
doch ahnliche Verhaltnisse auf, man legte den Hauptwert weniger auf die
Roheisenerzeugung als auf die Weiterverarbeitung. So blieb es bis Mitte des
Jahrhunderts, dann wurde die Herstellung des Roheisens in den Vordergrund
geschoben, um sie in Einklang mit der Weiterverarbeitung zu bringen. Dies
bedeutete einen entscheidenden Wendepunkt, weil sich daran eine entspre-
chende VergroBerung des Erzfelderbesitzes, unter anderem auch in Lothringen,
und der t)bergang zum Kohlenbergbau schloB. Die Entwicklung der Gute-
hoffnungshiitte spiegelt den wirtschaftlichen und kulturellen Werdegang
Deutschlands im 19. Jahrhundert zum Teil wider. Diesem folgend schritt
das Werk zur Einrichtung neuer Betriebe und Aufnahme neuer Produktions-
zweige. Vor und in den zwanziger Jahren wurde der Grund zur Maschinenbau-
anstalt gelegt, in der Hugo J. spater einer der Leiter war. Durch Franz Dinnen-
dahl, den Vater der Dampfmaschine fur den Ruhrkohlenbergbau, wurde die
Gutehoffnungshiitte mit den Anfangen des Maschinenbaus in Rheinland und
Westfalen verkniipft. Zunachst stellte man nur Maschinenteile her, bis man
im Jahre 181 9 zum Bau der ersten Dampfmaschine iiberging. Mit Griindung
der Rheindampfschiffahrtsgesellschaften und der Rheinschleppdampfer hangt
die Errichtung der Schiffsbauwerft in Ruhrort (stillgelegt 1899) in den zwan-
ziger und dreiBiger Jahren zusammen. Die Anfange des Eisenbahnbaus in den
dreiBiger und vierziger Jahren lieBen fiir dessen Belieferung Puddel, SchweiB-
und Walzwerke erstehen. Es folgte die Briickenbauanstalt, die Herstellung
von Siemens-Martin-Stahl und die Einfuhrung des Thomasverfahrens in den
siebziger bis neunziger Jahren. 1905 legte das Werk einen eigenen Hafen am
Rhein oberhalb des Dorfes Walsum an als Umschlagshafen fur Kohle, Erz-
und Huttenerzeugnisse, der mit samtlichen Betriebsabteilungen in Verbindung
steht.
Inmitten dieses komplizierten Riesengebildes flieBt das auBerlich so ein-
fache Leben Hugo J.s dahin. Die St. Antonyhiitte, die Statte, wo die Werke
der Gutehoffnungshiitte ihren Anfang nahmen, war seine Geburtsstatte. »Vor
seinem Geburtshause stand noch der Holzkohlenofen, unter dem Fenster seines
Geburtszimmers ging noch das Hiittenrad und hinter seinem elterlichen Hause
lag der Huttenteich. « (Stahl und Eisen 1918 Nr. 11.) Er bewahrte dieser Statte
wahrend seines ganzen Lebens seine Liebe und Treue und kam mit seiner
Familie von Sterkrade allsonntaglich hierher, um Erholung zu suchen. Als
sein Vater starb, waren er und seine sechs Geschwister noch unmiindig. Hugo
besuchte zuerst die Schule in Sterkrade und darauf die in Schermbeck an der
Lippe. An den Schulbesuch schloB sich praktische Arbeit in der Sterkrader
Hutte. Von 1850 bis 1852 besuchte er die Provinzialgewerbeschule in Hagen
unter Zehme. Nachdem er dann zwei Jahre als Zeichner auf der Gutehoffnungs-
hiitte tatig gewesen war, ging er zum Studium des Maschinenbauf aches nach
Karlsruhe 1854 bis 1856, wo Redtenbacher sein I^ehrer war. Nach Beendigung
seines Studiums begann er seine Laufbahn in der Sterkrader Hutte als Inge-
nieur und wurde spater Oberingenieur. 1872/73 fand die Umwandlung der
Firma Jacobi, Haniel & Huyssen in den Aktienverein fiir Bergbau und Hiitten-
betrieb statt, dessen Vorstandsmitglied Hugo J. wurde und gleichzeitig Leiter
der Sterkrader und Ruhrorter Betriebe. Nach 48jahriger Tatigkeit in der
Gutehoffnungshiitte setzte er sich 1905 zur Ruhe und zog sich nach Diissel-
dorf zuriick, blieb aber Aufsichtsratmitglied und stand bis zu seinem Tode
J acobi 03
dem Werke mit seinem Rate zur Verfugung. Im Jahre 1912 tat er den ersten
f eierlichen Spatenstich zu einer neuen Doppelschachtanlage der Gutehof fnungs-
hiitte in Osterfeld, die in Erinnerung an seinen GroBvater » Jacobi-Schachte*
genannt wurde. Bei seinem letzten Besuche auf der Gutehof fnungshutte sah
er noch die Umstellung des Werkes auf die Kriegswirtschaft. An seinem
80. Geburtstag verlieh ihm die Technische Hochschule Aachen die Wurde
eines Doktoringenieurs ehrenhalber.
Hugo J.s Haupttatigkeitsfeld und eigenstes Gebiet war die Sterkrader
Briickenbauanstalt und die Sterkrader Maschinenbauanstalt, in der er schon
als junger Ingenieur gearbeitet hatte und die unter ihm neu eingerichtet wurde,
ebenso das Hammer- und PreBwerk ; er paBte diese Werke immer wieder den
Anforderungen der Neuzeit an und sie verdanken ihm ihre iiberaus giinstige
Entwicklung. Die von ihm Anfang der achtziger Jahre eingefuhrte Ketten-
fabrikation war von besonderer Bedeutung fur die deutsche Volkswirtschaft,
weil bis dahin die Ketten ausschlieBlich aus England bezogen wurden.
Der Gedanke des Industriezusammenschlusses fand in Hugo J. einen eifrigen
Forderer ; er war f uhrend in der Wahrung der wirtschaf tlichen Interessen des
Maschinenbaues und griindete im Jahre 1890 mit Majert und Sehmer den
Westdeutschen Maschinenbau-Verband, den Vorlaufer des Vereins deutscher
Maschinenbau-Anstalten mit Sitz in Diisseldorf . Er fuhrte den Vorsitz in dem
ersteren Verband und war stellvertretender Vorsitzender in dem letzteren
Verein im Jahre 1892. Von diesem Posten trat er 1907 aus Altersriicksichten
zuriick. Er war aucn der Griinder des Ruhrorter Dampfkessel-tlberwachungs-
vereins und dessen Vorsitzender von 1898 bis 1900. Bei der Griindung des
Vereins deutscher Briicken- und Eisenbaufabrikanten, ebenso im Verein deut-
scher Eisenhiittenleute war er tatig.
Hugo J.s rastlosem Tatigkeitsdrang geniigte nicht die Arbeit auf seinem
eigentlichen Arbeitsfelde und der damit zusammenhangenden Verbandstatig-
keit, er widmete weit dariiber hinaus seine Arbeitskraft der Allgemeinheit.
Lange Zeit war er Gemeindevorsteher der Gemeinde Sterkrade, spater Bei-
geordneter, und zeichnete sich auch hier durch seine Tatkraft und seinen Weit-
bHck aus. In der evangelischen Kirchengemeinde erfreute sich seine Mitarbeit
der groBten Wertschatzung.
Allen ihm Unterstellten bewies er groBes Wohlwollen und wirkte durch seine
Punktlichkeit, Bescheidenheit und sein einf aches, anspruchsloses Wesen er-
ziehlich auf die mit und unter ihm Arbeitenden. Sowohl bei den Arbeitern wie
bei den Bewohnem von Sterkrade genoB er Liebe und Verehrung.
Hugo J. war ein Mann von strenger Lebensauffassung, wahrer Herzensgiite,
vornehmer Gesinnung und von nie versiegender Schaffensfreudigkeit. Sein
groBes Verdienst um die deutsche Industrie und Volkswirtschaft besteht darin,
daB er durch Hingabe seiner ganzen Kraft, seines reichen Wissens und Konnens
geholfen hat, einem der groBten und glanzendsten Werke Deutschlands seinen
Weltruf zu erhalten und zu mehren. Er gehorte den Wirtschaf tsfuhrern an,
welche der deutschen Industrie aus den verhaltnismaBig engen Verhaltnissen
der fiinfziger Jahre in den darauffolgenden Jahrzehnten zur Weltgeltung
verhalfen.
Literatur: »Die Gutehoffnungshiitte Oberhausen, Rheinland.« Zur Erinnerung an das
loojahrige Bestehen 1810 — 1910. — Zeitschrift »Stahlund Eisen«, Nr. 1 1, 1918. — Grevel,
94 W7
Wilhelm, Die Gutehoffnungshiitte A. V. fiir Bergbau und Huttenwesen zu Oberhausen
an der Ruhr, Geschichte der Griindung und ersten Entwicklung, Essen 1 88 1 . — »Sterkrader
Volkszeitung*. 1900, 191 7. — Historischer Riickblick iiber die Gutehoffnungshiitte von
Gillhausen.
Hagen i. W. Auguste Elbers.
Lange, Friedrich, Dr. phil., Tagesschriftsteller und Politiker, * am 10. Ja-
nuar 1852 in Goslar, f am 26. Dezember 191 7 bei Detmold, bestattet auf dem
alten Friedhof zu Berlin-Lichterfelde. — L-, der Sohn eines Topfermeisters,
wuchs auf unter den Eindrlicken der alten Kaiserstadt und des Harzes. Sein
Leben lang hat er sich freudig als Niedersachse gefiihlt. 1870 verlieB er das
Gymnasium und erlebte durch den Krieg eine gliickhafte Erweckung seines
deutschnationalen politischen Bewufitseins, wenn auch sein gliihender Wunsch,
am Kampfe teilzunehmen, unerfullt blieb. Als Gottinger Student dann schloB
er sich der Burschenschaft an, und nach langen Jahren hat er ihr wesentlichen
Anteil am Werden seiner volkischen Uberzeugungen zugesprochen. Das philo-
logische Studienwesen erschien ihm lebensfern und schal, auch vermochte ihn
selbst des verehrten Lotze freies und tiefes Denken nicht an die Philosophie
zu binden. Erst nachdem er 1873 bis 1876 Gymnasiallehrer in Wolfenbiittel
und am Johanneum in Hamburg gewesen war, unzufrieden mit seinem Amte
und zugleich doch angeregt zu Erwagungen iiber allgemeine Schulreform,
fand er, entschlossen sich vom Lehrbeamtentum abwendend, seinen selbst-
gewiesenen Beruf. Er trat beim » Braunschweiger Tageblatt« ein und blieb
dort fiinf Jahre, in denen er auch Wilhelm Raabe nahestand. Dann eroffnete
sich ihm ein grofier Wirkungsbereich mit seinem Eintritt in die »Tagliche
Rundschau « 1882. Von nun an fuhrte er in der Reichshauptstadt, in enger
personlicher Fiihlung mit den Menschen und Kraften des politischen und
geistigen Geschehens, seinen Kampf um eine nationale Presse als wirkliche
Fuhrerschaft der deutschen offentlichen Meinung. So gelang es ihm zunachst,
die »Tagliche Rundschau*, die als »Zeitung fiir Nichtpolitiker« sich dem
Parteigetriebe, damit zugleich aber auch dem wirklichen geschichtlichen
Werden des Reiches ferngehalten hatte, zu einer »Unabhangigen Zeitung fiir
nationale Politik« umzugestalten. Er machte sich zum Vorkampfer der Ko-
lonialpolitik und der Schulreform. Aber die journalistische Wirksamkeit ge-
niigte seinen Zielen nicht, die mehr und mehr auf eine Belebung, ja Erneue-
rung des gesamten nationalen Lebens in Deutschland gingen. So griindete er
1895 den Deutschbund, der als eine enge personliche Gemeinschaft durch Bei-
spiel und personlichen Einsatz eine Fuhrerschaft zum »Reinen Deutschtum«
erringen sollte. Denn »Reines Deutschtum« blieb die Iyosungsformel von L.s
Wirken, seit er 1893 (und in vermehrter Auflage 1904) seine grundsatzlichen
Aufsatze unter diesem Titel zusammengefafit hatte. Indessen muBte er noch
im Jahre 1895, nach einem nicht zum Erfolge gefiihrten Versuche, in der
»Volksrundschau« ein nationales Blatt fiir die breiten Schichten zu schaffen,
von der »Taglichen Rundschau «, die den Verleger gewechselt hatte, sich
trennen. Da gelang es ihm, mit unerwarteter Unterstiitzung von Gleichgesinn-
ten, ein eigenes Tageblatt, die » Deutsche Zeitung «, ins Leben zu rufen. Sie
warb, unabhangig von den Parteien, fiir eine volkische Politik nach auCen
wie innen, fiir machtvolle Weltpolitik und innere Uberwindung der Sozial-
Jacobi. Lange 95
demokratie mit einem nationalen Wirtschaftsprogramm. Wieder schloB sich
daran der Versuch politischen Handelns, zuerst 1902 mit dem Reichswahl-
verband, der unabhangig von der Regierung die nationalen Parteien fur den
Wahlkampf einigen sollte, dann mit mancherlei Bestrebungen zur Forderung
einer wirtschaftsfriedlichen volkischen Arbeiterbewegung. Im Jahre 191 2 zog
sich L. auch von der Leitung der »Deutschen Zeitung« zuriick, wahrend er
noch an der Beilage » Deutsche Welt«, die er zu einem Sprechsaal der volkischen
geistigen Bestrebungen ausgestaltet hatte, bis in den Krieg hinein mitgearbeitet
hat. Er lebte nun, zuletzt verdiistert durch ein nervoses Leiden, in Detmold,
unter dem Hennannsdenkmal, das friih zum Sinnbilde seiner Arbeit geworden
war, bis zu seinem Ende ziemlich zuriickgezogen mit seiner Familie.
Er hatte den deutschen Sinn fur reines und inniges hausliches Leben, den
er immer pries. (Zweimal war er vermahlt, 1876 mit Elise, geborene Kohler,
sie starb 1895; dann, 1897, mit Elli, geborene Rettig.) Doch es drangte ihn
stets zu offentlicher Tatigkeit. Die nationalpolitische Leidenschaft erfullte ihn
ganz ; und er war riicksichtslos gegen Menschen und Verhaltnisse in der Ver-
tretung seiner Ziele, ohne Scheu vor Einseitigkeit, ohne problematische
Schwere. Dabei stellte er an Freunde und Mitarbeiter scharfste Forderungen,
schroff bis zur Scheidung. Wie denn iiberhaupt Weichheit und Liebenswiirdig-
keit, Gedanklichkeit und zeitfremde Phantasie hinter dem durchstoBenden
Stolz und schnellen, sich auf Instinkt und Praxis berufenden Urteil zuriick-
traten. In jiingeren Jahren hat er sich dichterisch versucht; Bleibendes ist
ihm dabei nicht gelungen. Aber er behielt eine Offenheit fur die Entwicklung
des geistigen und ktinstlerischen Lebens, die ihn Mannern wie Richard Dehmel
(s. unten, S. 513 ff.) und den Briidern Hart nahebrachte. — Sein Streben
nach entscheidender einheitlicher Fuhrerschaft der volkischen Bewegung ist
nicht zum Ziele gekommen, er blieb ein Anreger und Beginner, seine Ab-
sichten sind von den Erben seiner Werke nicht rein bewahrt worden, waren
in sich auch nicht endgultig reif geworden. Doch ist er in den wesentlichen
Aufgaben seines offentlichen Lebens von dauernder Wirkung fiir die volkische
Bewegung gewesen. Wenn auch der Wahlverband schon 1905 durch ihn in
den groBen Reichsverband gegen die Sozialdemokratie aufgelost wurde, wenn
auch die nationale Arbeiterbewegung erst nach seinem Ende und auf anderen
Wegen sich zusammenschloB : in Kolonialpolitik und Schulreform hat er all-
gemeinen Bestrebungen zur Durchsetzung geholfen, die ^Deutsche Zeitung<t
und der Deutschbund aber iiberleben ihn und stehen noch heute unter dem
Anspruch seiner Ziele.
In der Kolonialpolitik ist L.s Name verbunden mit dem von Carl Peters
(s. unten, S. 285 ff.) und Ostafrika. Fiir das zunachst unbestimmt auf Afrika
geplante Unternehmen hatten sie sich mit mehreren zusammengef linden,
hatten gemeinsam die Hemmungen durch die Regierungen, Hohn und Vor-
wurf der Offentlichkeit ausgestanden ; L. hatte dabei vor allem fiir die publi-
zistische Werbung gewirkt, auch viel zur finanziellen Sicherung des Werkes
getan. Er hat schlieBlich die »Tagliche Rundschau* gerade hier fiir eine
deutschnationale Aufgabe eingesetzt. Aber an der Ausfahrt konnte er selber
nicht teilnehmen, mit seiner Unterstiitzung erlangte Peters die unbedingte
Vollmacht. Als dieser heimkam und seinen Herrschaftsanspruch fernerhin
geltend machte, als L. in den organisatorischen und finanziellen Anordnungen
g6 1917
und Planen des Griinders eine gesunde sachlich-unselbstische Begriindung
nicht mehr zu sehen vermochte, als endlich auch die selbstwilligen Tempera-
men te aufeinanderstieBen, hat sich L,. von der Ostafrikanischen Gesellschaft
gelost. Der Gegensatz zu Peters blieb freilich bestehen und sollte sich noch
einmal leidenschaftlich auBern, als I,, auf das begriindete Geriicht, jener
wolle, nachdem er so schmahlich im Vaterlande behandelt worden, in eng-
lische Dienste iibertreten, ihn (1896) in einem Aufsatze »Reislaufer« angriff,
was zu gerichtlichem Austrag und Vergleich fiihrte. Im Grunde wiederum er-
hielt sich unter dem alten Kampfgenossen eine schlieBliche t)bereinstimmung,
die auch in L.s spaterer Betrachtung der deutschen Kolonialtatigkeit sich
aussprach : aus dem machtpolitischen und siedlungspolitischen Denken heraus
findet er eine herbe Verurteilung des Sansibar-Vertrags und vor allem der
preuBischen Beamtenpolitik, die alles urspriingliche und fahige Streben ge-
hemmt und verdorben habe, sowie der Einsichtslosigkeit der groBen Wirtschaft.
L. glaubte nun in diesem Erobererpatriotismus der ersten Kolonialzeit ein
inneres Gebrechen zu finden, ihm schien da nur Nachahmung der englischen
und franzosischen Art zu entstehen. Er meinte die innere Notwendigkeit der
deutschen Reform zu fassen, wo der Ursprung der Weltfremdheit, des For-
malismus und des Kastengeistes allein zu liegen schien, in der Schule. So warf
er sich in den Streit gegen das humanistische Gymnasium. 1889 begriindete
er mit anderen den Verein fur Schulreform. Der Kampf schien zunachst am
Widerstande des Ministeriums in PreuBen scheitern zu sollen ; aber nicht zum
mindesten durch das personliche Eingreifen des Kaisers, in dem L. damals
dankbar wie auch oft spater den Vorfechter neuen, frischen nationalen Geistes
erblickte, drang das Verlangen durch, und die Begriindung der Realanstalten
hatte mit maBiger amtlicher Forderung einen glanzenden Erfolg. L.s Absicht
dabei erschopfte sich nun nicht in der Ablehnung des klassischen Humanis-
mus, im heftigen Widerspruch gegen die Bildungsziele Goethes und Hum-
boldts, gegen die abstrakte Philosophic auch nicht im Willen zur Naturwissen-
schaft. Am wenigsten wollte er bei allem Realismus einer bloBen Niitzlich-
keitsgesinnung in der Erziehung dienen. Ihm lag vielmehr der »Idealismus«
einer bei politischer Reife innerlich rein deutschen, bewuBt echten Bildung
am Herzen, die er mit dem allerdings »gereinigten« Inhalt der ganzen deut-
schen Geschichte nahren wollte. Der beste Sinn der lateinlosen Mittelschule
war auch ihm die demokratische Einheit, die Zerstorung geldlich begriindeter
Bildungsklassen, die Adelung alien Strebens. So erschien ihm die Schulreform
durchaus als »Kulturreform«. In solchen Gedanken wurde er zum Vorlaufer
von Versuchen, die heute bei ganz anderen Uberzeugungen geschehen und
fruchtbar werden. Die Bewegung indessen, der er zum Siege half, blieb im
Niitzlichkeitsrealismus stecken. Nicht einmal der staatsbiirgerliche Unterricht,
fur den er sich spater so einsetzte, wurde verwirklicht. Nun der Idealismus
des Gymnasiums zuriickgedrangt war, so war doch das Bildungsideal, das L.
wollte, zu wenig tief in der deutschen Geschichte, im deutschen Beruf und im
menschlichen Geiste gegriindet, um schopferisch zu sein.
Ein inneres Ungeniigen blieb auch fur L,. in alien diesen Bestrebungen und
ihren Erfolgen. Noch mehr aus dem Kerne wollte er die Erneuerung des
Volkstums zu befordern suchen. Aus dem Wunsche, »den Gemeinschaftswert
xeinen Deutschtums sozusagen in einem Ausschnitt des Volkes zu erleben«,
Lange gy
kam er zur Griindung des Deutschbundes. Wenn der Alldeutsche Verband,
den einst Peters ins Leben rief, vornehmlich um die Weltgeltung des Deutsch-
tums kampfte, so sollte der Deutschbund als eine briiderliche Gemeinde mit
der Kraft » einer gleichen Weltanschauung, eines in alien gleich starken und
zu religioser Glut verklarten Deutschideals* das Volk durchdringen. Etwas
wie eine » Burschenschaf t der Erwachsenen« sollte da entstehen, gegriindet
auf den Glauben an Blutserbschaft auch im Geistigen, erfiillt von den rein
volkstumlichen Uberlieferungen der Geschichte, streitbar gegen alles bloBe
Weltbiirgertum und gegen die volksfremden Einfliisse, besonders des Juden-
tums, ohne Beachtung der religiosen Bekenntnisgegensatze. L. wollte indessen
nicht, daB sein Bund sich auf Theorie irgendwelcher Art, der Rasse, der
Politik oder der Kultur festlege. Strebend aus vorurteilsloser Liebe sollte er,
gegriindet auf das »deutsche Gewissen, in unserer Brust, das innere Gesetz,
an dem sich Gott fur jeden einzelnen von uns in der Geschichte unseres ganzen
Volkes offenbarte«, als » Pflanzschule und Versuchsfeld fur alle natiirlichen
Triebe unseres deutschen Wesens, die auf dem freien Felde unseres offent-
lichen I^ebens noch nicht oder nicht mehr gedeihen wollen«, wirken. Dabei
hat L. jede Romantik, alle nur auf Vergangenes gewendete Schwarmerei immer
mit Spott abgewiesen. Der Gegenwart dienen sollte sein Bund vor allera in
der Vertretung eines nationalen Wirtschaftsprogramms, mit dem die Sozial-
demokratie, unter Erfullung der berechtigten Forderungen der unteren
Schichten, besonders aber durch Starkung des Mittelstandes, zu iiberwinden
ware. L,. sah wohl eine innere Notwendigkeit im Entstehen der sozialistischen
Bewegung, auch er war geneigt, bei aller Ablehnung proletarischer Klassen-
politik, sich gegen den Kapitalismus zu wenden. Er suchte das Heil in einer
nationalen berufsstandischen Organisation durch Zwangsgenossenschaften in
niodernem Sinne, zu denen er die Ansatze uberall zu sehen meinte. Hier zeigt
sich, wie L. dem Deutschbunde bei aller Betonung seines innerlichen Ge-
meinschaftscharakters doch groBere politische Wirkung in der Allgemeinheit
vorgesetzt hatte, als er mit ihm erreichen konnte.
So sah sich L,. am Ende doch auf die Tatigkeit verwiesen, zu der ihn seine
Natur am meisten forderte, das Wirken fur eine nationale Presse. Zwei
Richtungen nahm da sein Streben. Einmal gait es iiberhaupt eine unabhangige,
rein national bestimmte Tagespresse erst ins L,eben zu rufen, gegentiber all
dem Unwesen der Parteien und Interessen, dann aber diese Blatter auch mit
neuem Geist und BewuBtsein, mit dem Gehalt einer wirklichen volkischen
Erneuerungsgesinnung zu erfiillen. Nun hat gleich die »Tagliche Rundschau*,
wie L. sie gestalten konnte, eine schone und bedeutende Wirkung gehabt,
mehr noch ist die » Deutsche Zeitung«, in dem engeren Iyebens- und Gedanken-
bereich, der ihr gegeben, eine personliche Schopfung ihres Griinders und das
bahnbrechende Beispiel einer Gesinnungszeitung geworden. Aber es liegt doch
ein tragischer Schimmer iiber diesem Schaffen. L. ist endlich doch der Ge-
walten seines Berufes nicht Herr geworden. Er konnte auch seine Blatter
nicht auf die Dauer dem EinfluB der wirtschaftlichen Krafte und der Massen-
interessen entziehen ; so daB weder in der iiberlegehen politischen Zielsetzung
noch in der Reinheit wesentlicher Gesinnungen seiner Forderung genuggetah
ward. Die hinreiBende Macht, die er seiner Botschaft uberall verleihen wollte,
hat sich ihm immer wieder versagt ; und das hat doch auch den innereh Grund ,
BBJ7
<)8 1917
daB diese Lehre selber mit publizistischem Streben und tagespolitischer Ar-
beit verwachsen, zu wenig aus tieferen Griinden gesattigt, nicht zu den hoch-
sten Lebenszielen gesteigert war.
Mag man indessen auch das Unzulangliche von L.s Wirksamkeit heraus-
finden, so gilt es doch noch einmal den eigentlichen Gehalt und die wesent-
liche Leistung seines Strebens ins Licht zu setzen. Als er begann war nach
dem siegreichen Kriege jener Zustand der Sattigung und Tragheit im deut-
schen Burgertum eingetreten, die MiBgestaltung des Lebens durch den Kapi-
talismus und die Zersetzung durch die Parteigegensatze und den Klassen-
kampf. Neben der Verstandnislosigkeit fur die wirklichen Aufgaben eines
Weltvolkes machte sich ein lauter inhaltloser Patriotismus breit; gegen die
offenbare Wucherung wesensfremder Krafte in der deutschen Gesellschaft,
vor allem des Judentums, wandte sich nur ein agitatorischer, im Grunde
dummer und barbarischer, noch keines allgemeinen Zieles fahiger Anti-
semitismus. Diesem gerade muBte L. entgegentreten, wollte er zu fruchtbarer
Politik eine noch unreife Nation erziehen und fuhren. Er sah sich dabei nicht
unterstutzt von den Gebildeten und ihrem Geltungswillen, die im Epigonen-
tum beharrten. Anlage und Beruf veranlafiten ihn auch, stets von praktischen
Fragestellungen auszugehen und auf Dogma, System, ja auch geschlossene
Begriindung in der Idee Verzicht zu tun. So ward er der erste bedeutende
volkische Journalist.
L.s erstes Ziel war nun die Politisierung des deutschen Volkes. Ahnlich wie
Peters, aus einem naturlichen Bedurfnis der Zeit, nahm auch er den welt-
politischen Geist der Englander zum Vorbilde. Das riicksichtslose Selbst-
bewuBtsein, die unbedingte Voransetzung aller Wiinsche des Vaterlandes, den
niichternen Blick fiir die baren Interessen hinter alien internationalen Pro-
grammen sollte nach Bismarck ins Denken aller ubergehen; noch iiber Bis-
marck hinaus mit der riicksichtslosen inneren Kampfstellung gegen das Juden-
tum und der Forderung nach wirtschaftlicher und sozialer Neugestaltung des
nationalen Lebens. Wenn die weltburgerliche Bildungsidee Goethes abgelehnt
wurde, so sollte doch der Deutsche aus dem BewuBtsein seiner angeborenen,
treu gepflegten Werte sich als Vorkampfer der besten Menschheit fuhlen
lernen. Diese inneren Werte allerdings schienen zweifelhaft geworden.
Hier nun trifft L.s Nachdenken zu dem, was seit Lagarde Gehalt volkischei
Erneuerungsbestrebungen war. Auch er geht aus von dem Verhaltnis dei
echten Personlichkeit zur Nation und fordert Erlosung unseres offentlichen
Lebens von alien starren Schranken, von alien formalistischen Hemmungen,
die der preuBische Beamtenstaat erzeugte, verjiingte Volkstiimlichkeit, in
bestimmtem Sinne Demokratie, zugleich aber Herrschaft einer aristokratischer
Lebensgesinnung, die sich auf Blut und Leistung beruf t. Seine Hoffnung ist
daB aus dem Geiste und den Daseinsformen des Volksheeres ein neuer An-
trieb fiir die Allgemeinheit kommen werde, sei es auch im Gefolge eines groBec
Machtkampfes, den er schon als Lauterung und Wesensprobe wiinscher
mochte. Denn im Grunde sind dem deutschen Volke alle notwendigen und
heiligen Gehalte schon eingeboren, die rechte Aufgabe des Erziehers und
Politikers scheint Wiederfindung und Reinigung des verschiitteten Wesens
nicht so sehr schopferisch neues Wollen. Darin ist L. bestarkt von den Ge-
danken Gobineaus, den er als Verkunder j>arischer« Blutaristokratie mil
Lange. Matthias qq
Nietzsche vergleicht und hoherstellt. Das »Reine Deutschtum «, das ist ihm
der »eingeborene Idealismus « unseres Volkes, der zu sich selber finden wird,
wenn erst die humanistische Traumseligkeit und Entfremdung verschwindet,
der Idealismus des Tapferen, als solcher wesentlich dem weichen Christentum
iiberlegen. Das Christentum namlich kann weder als Weltansicht noch als
Sittlichkeit dem heutigen bewuBten Deutschen, wie L,. ihn will, geniigen, nur
der » Idealismus* daran, dem der ererbte arische Sinn schon entgegenkommt,
soil uns erhalten bleiben. Ubrigens ist ihm Religion, als Gottverbundenheit,
wesenhaft dogmenlos und so verstanden im »Reinen Deutschtum « unmittel-
bar gegeben.
Erstrebt L. also eine Bestimmung des deutschen Wollens aus sittlichem
Ziel der Menschheit, die sich in Volkern verwirklicht, so ist doch aus der Fiille
angeregter Probleme nicht die Idee geklart. Fiir die Wesenserkenntnis des
Deutschtums und seiner Sendung beruft sich I,, grundsatzlich nicht auf ein-
dringend-umfassende Gultigkeit des Denkens, noch auf klare GewiBheit einer
unmittelbaren Anschauung, sondern nur auf den instinkthaften Willen. Seine
Auffassung der deutschen Geschichte geht iiber alles hinweg, was nicht
realistisch-volkstumlich gemeint war. Und so muJ3 Weltgrund und Weltziel
hinter dem nationalen Begehr nach berechtigter Macht verschwimmen im
» Idealismus « fiir alles edel und gut Gefuhlte, in einem letzten bewahrten
Glauben an den Gott, der ein Volk nicht ohne Sinn berufen hat. — Damit
bleibt L. seiner Zeit unterworfen, der die Einheit innerlichen Lebens, die
wahre iiberweltUche Religion, entgangen war, in der Geist und Sinn von Trieben
und Zwecken uberwuchert wurden. Auch er hatte zugleich auf die Uber-
lieferung des deutschen Idealismus verzichtet, als er sich von Lotzes religio-
ser Philosophic unzuf rieden trennte ; die tieferen Forderungen seines Glaubens
fanden nicht den ersehnten Widerhall.
Im Weltkriege glaubte If. die Erfullung seines Lebenszieles nahe. Die f urcht-
bare Enttauschung von 1918 ist ihm erspart geblieben, aber er durfte nun
auch nicht mehr erfahren, wie die besten Inhalte seines Kampferdaseins auch
der Verzweiflung vexjiingt und gelautert entstiegen sind. Im Bemuhen um
Vereinigung deutschen nationalen Machtwillens und deutscher geistiger Welt-
bestimmung und Weltverantwortung zu volklicher Selbstbesinnung war er
Wegbereiter einer wartenden Zukunft.
Literatur: ^Deutsche Zeitung* 1. April 1921 (Karl Berger). — »Deutschbundb latter*
1927 (Fuchs). — Adolf Rapp: Der deutsche Gedanke. Bonn 1920. — Schriften:
Reines Deutschtum, Grundziige einer nationalen Weltanschauung (Anhang: Nationale
Arbeit und Erlebnisse), 4. Auflage, Berlin 1904 (Neuherausgabe durch den Deutschbund
geplant); Deutsche Worte, Deutschbundreden, Berlin 1907; Harte Kopfe, Roman, Leipzig
1885; ijothar, Epos, Hamburg 1889; Der Nachste, Drama, Hamburg 1890; Gedichte und
Erzahlungen in der »Taglichen Rundschau* u. a.; Aufsatze in der »Deutschen Welt^. —
Nach la ft: Liter arische Entwurfe, Kindheitserinnerungen, Reiseschilderungen ; person -
licher und politischer Brief wechsel, bei Frau Dr. E. Lange, Berlin-Friedenau.
Berlin-Steglitz. Rudolf Craemer.
Matthias, Adolf, Dr., Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat und Vortra-
gender Rat im preuBischen Kultusministerium, * am 1. Juni 1847 in Hannover,
t am 8. Juni 1917 in Diisseldorf. — In dem demokratischen Massengetriebe
100 1917
unseres heutigen Staatslebens verblaBt die Erinnerung an fiihrende Manner
schneller als in der patriarchalischen Einfachheit vergangener Zeiten. Auch
die hervorstechendste Personlichkeit ordnet sich bescheiden ein in das schnell-
abnutzende Gefuge der Beamtenmaschinerie, tritt in ihrer Bedeutung und
in der nachwirkenden Kraft ihres Schaffens bald zurtick und legt ihr ganzes,
des personlichen Reizes immer mehr entbehrendes Werk beim Ausscheiden
aus dem Amte entsagungsvoll in andere Hand.
Wie lebendig und scharf umrissen stehen in der Geschichte des hoheren
Bildungswesens noch Gestalten wie die eines Joh. Wilh. Siivern (1775 — 1829),
der im Verein mit Wilhelm v. Humboldt das gesamte Unterrichtswesen
PreuBens auf der neuhumanistischen Grundlage einer harmonischen Allgemein-
bildung aufbaute und ihm dabei ein universelles Geprage gab, das jahrzehnte-
lang bestimmend blieb — oder eines Joh. Schulze (1786 — 1869), der 40 Jahre
lang dem preuBischen Kultusministerium angehorte und einen groBen Teil
dieser Zeit hindurch das preuBische Bildungswesen leitete, ihm in Lehr-
verfassung, Lehrzielen und Methoden feste Formen vorzeichnend — eines
Ludwig Wiese (1806 — 1900), der fast ein Vierteljahrhundert hindurch den
hoheren Schulen seinen Geist, den Geist kirchlich humanistischer Strenge auf-
pragte — oder auch noch eines Hermann Bonitz (1814 — 1888), dem die Auf-
gabe zufiel, die hoheren Schulen den Anforderungen der durch die Reichs-
griindung bestimmten neuen Kultur anzupassen.
Diese Reihe glanzender Namen bricht ab mit der infolge der Industriali-
sierung einsetzenden Verbreiterung des offentlichen Bildungswesens und
seiner Verwaltung. Die Namen der nunmehr fiihrenden Personlichkeiten treten
zuriick hinter der Sache. Aber an einem Namen wird die Geschichte des preu-
Bischen Bildungswesens bei der Darlegung der padagogischen Bestrebungen
um die Jahrhundertwende nicht voriibergehen konnen: Christian Wilhelm
Adolf M., dem Namen eines Mannes, der durch seine eigenartige Personlich-
keit in seltenem MaBe EinfluB auf eine neuzeitliche Reform des hoheren
Schulwesens und auf seine Trager gewann.
Adolf M. war einer althannoverschen Familie entsprossen. Urspriinglich fur
den Apothekerberuf bestimmt, studierte er spater in Marburg und Gottingen
klassische Philologie, Deutsch und Geschichte. Seine Studien erlitten eine
Unterbrechung durch den Deutsch-Franzosischen Krieg, den er als Freiwilliger
im 8. Westfalischen Infanterieregiment Nr. 57 mitmachte. Fur tapferes Ver-
halten in der Schlacht bei Beaume la Rolande und in den Gefechten von
Villeporcher und Villethion wurde ihm das Eiserne Kreuz verliehen. Nach
Wiederaufnahme seiner Universitatsstudien bestand er im Juli 1873 die Lehr-
amtspriifung,( und noch im November desselben Jahres wurde ihm von der
Gottinger Philosophischen Fakultat die Doktorwiirde verliehen. Das Probe-
jahr leistete er am Herzoglichen Gymnasium zu Holzminden und am Gym-
nasium zu Essen ab. Als ordentlicher Lehrer wirkte er sodann vom 1. Oktober
1874 bis zum 1. April 1880 an dem unter Dr. Edm. Vogts Leitung stehenden
Gymnasium zu Essen, als Oberlehrer an den Gymnasien zu Bochum (1. April
1880 bis 31. Marz 1882) und Neuwied (1. April 1882 bis 1. Oktober 1884).
Von hier aus erhielt er einen Ruf als Direktor an das Lippische Gymnasium
in Lemgo, der Geburtsstadt Siiverns, die er aber bald wieder verlieB, um
Ostern 1885 die Leitung des Gymnasiums und Realgymnasiums in der Kloster-
Matthias 10 1
strafie zu Diisseldorf zu ubernehmen. Anfangs 1898 trat er als schultechnischer
Rat in das Provinzialschulkollegium in Koblenz ein, von wo er gleichzeitig
das wissenschaftliche Priifungsamt in Bonn leitete. Zwei Jahre spater erfolgte
seine Berufung in das preui3ische Kultusministeriura. Hier wurde er am
2. April 1900 zum Geheimen Regierungsrat, am 14. Dezember 1903 zum Ge-
heimen Oberregierungsrat ernannt. Ein Herzleiden zwang ihn im Sommer 19 10
seine Versetzung in den Ruhestand zu erbitten, die ihm unter Verleihung des
Charakters als Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat bewilligt wurde. Er
starb zu Diisseldorf, der Statte seiner friiheren Wirksamkeit, wo er bei seinem
Sohn zur Erholung weilte, kurz nach Vollendung seines 70. Lebensjahres.
Die Diisseldorf er Direktorzeit ist, wie M. in seinen »L,ebenserinnerungen«
(Aus Schule, Unterricht und Erziehung) selbst erzahlt, fiir ihn derjenige
Lebensabschnitt gewesen, in dem er die meisten wissenschaftlichen, pad-
agogischen und rein menschlichen Anregungen empfangen hat und aus dem
ihm die meisten freundschaftlichen Beziehungen, die schonsten Erinnerungen
erwachsen sind. Hier konnte sich seine sonnige, herzenswarme Personlichkeit,
seine Zuversicht in alles Gute im Menschen und besonders in der Jugend frei
entfalten undweiter entwickeln. Hier konnte im Verkehr mit seinen Schiilern,
denen er niemals als »Gendarm des Zwanges«, sondern immer als treuer,
wohlmeinender, auch die kleinen Schwachen der jugendlichen Unreife ver-
stehender Freund gegeniibertrat, sein reiches Wissen, sein kraftiges Empfinden
und Wollen, sein gesunder Humor reiche Anregungen geben und auf weite
Kreise, bei Eltern, Lehrern und Behorden, aufmunternd und erfrischend
wirken. Ein Zeichen dessen sind die beiden Werkchen » Wie erziehen wir unseren
Sohn Benjamin ?« und »Wie werden wir Kinder des Glucks?«, die beide aus
seinen Vortragen vor Lehramtskandidaten erwachsen sind.
Von Diisseldorf aus nahm er als Realgymnasialdirektor auch an der groBen
Schulkonferenz in Berlin im Dezember 1890 teil, wo er bereits fiir eine Rein-
erhaltung und gleiche Einschatzung der drei Schultypen Gymnasium, Real-
gymnasium, lateinlose Schule eintrat, eine Verminderung der Gesamtstunden-
zahl, eine Konzentration auf wenige, aber kraftig bildende Unterrichtsgegen-
stande, insbesondere Deutsch, Geschichte, Religion forderte und so die An-
erkennung der Gleichberechtigung der drei hoheren Schularten vertrat, der
er dann auf der Junikonferenz vom Jahre 1900 zum Siege verhelfen konnte.
Der Weiterfuhrung der auf dieser Konferenz beschlossenen und in dem
kaiserlichen Erlasse vom 26. November 1900 angeordneten Schulreform gait
sein ganzes ferneres Wirken. In ihren Dienst stellte er die von ihm in Ver-
bindung mit R. Kopke begriindete, aber von ihm allein geleitete »Monats-
schrift fiir hohere Schulen«, ihr widmete er seine hervorragende schriftstelle-
rische Begabung und seine iiberzeugende Beredsamkeit. Immer war er bestrebt,
frei von engherzigen und kleinlichen Vorurteilen, neben dem guten Alten auch
dem werdenden Neuen freie Bahn zu schaffen, und unbekummert urn alle
Angriffe, die auch ihm nicht erspart blieben, iiberall da, wo er dem hoheren
Schulwesen noch anhaftende Mangel sah, scharfe Kritik zu iiben. Gerade
dieser Freimut des Urteils, der ein kraftiges Wort nicht verschmahte, ver-
bunden mit dem frohlichen Humor seiner leichtflieBenden Darstellungsweise,
haben seinen zahlreichen Schriften, besonders seiner Praktischen Padagogik,
einen zahlreichen und dankbaren, iiber die engeren Fachkreise weit hinaus-
102 19*7
gehenden Leserkreis erworben. Versenkt man sich heute, nachdem ein voiles
Jahrzehnt iiberschaumender Reformfreude aus selbstgeschaffenen Triimmeni
heraus eine neue Padagogik aufbauen zu konnen wahnte, in die M.schen
Schriften, so ist man geradezu erstaunt uber den fortschrittlichen Geist, der
uns daraus entgegenweht und der an Mut und Frische hinter den mit urn-
stiirzlerischer Geste vorgetragenen Forderungen unserer »entschiedenen Schul-
reformer* keineswegs zuriicksteht. Das lag daran, daB M., nach seinen eigenen
Worten, sich in seiner langen Berufslaufbahn bei all seinem Tun warnend das
Goethe- Wort vorhielt: »Der Philister negiert nicht nur andere Zustande, als
der seine ist ; er will auch, daB alle iibrigen Menschen auf seine Weise existieren
sollen.« Und alle Philisterei, alle Pedanterie war ihm in der Seele zuwider.
»Unter Pedanterie, « sagt M., »verstehe ich Formalklauberei, Methoden-
karikatur, Systemfuchserei, Beschranktheit bei Verwirklichung groBer Ideen
und Abgeschmacktheit in ihrer Formgebung, vor allem aber Angstlichkeit,
wo es sich urn groBen Gewinn und groBe Ziele handelt, und Sklaverei kon-
ventioneller Lebensregeln, die sich im Entwicklungsgange der Kultur als un-
brauchbar, iiberlebt oder gar als schadlich erwiesen haben. Pedanterie aber
ist eine Haupteigenschaft aller Schul- und Erziehungsphilister. Unter Eltern,
Lehrern und besonders in der Schulverwaltung bis in die hochsten Spitzen
hinein habe ich so viele Philister angetroffen, daB ich fast glaube, sie haben
noch immer die Majoritat bei uns« (Deutsche Revue, Marz 191 1).
Was aber M. vor den heutigen Reformern auszeichnete, das war seine in
langer, freudig geleisteter Schularbeit erworbene tiefgehende Sachkenntnis,
seine tiefe Einsicht in die Grenzen padagogischer Schulweisheit, seine Ab-
neigung gegen alles Reglementieren und gegen ministerielle Richtlinien. Seine
Achtung vor der Menschenwiirde im Lehrer und Schiiler war zu fest begriindet,
als daB er es jemals gewagt hatte, das Freiheits- und Selbstgefiihl der Schiiler
oder das VerantwortungsbewuBtsein der Lehrer durch bureaukratisch-engher-
zige Bestimmungen zu schmalern. » Bewegungsf reiheit « fiir Lehrer und Schiiler,
das war das Ziel seines Strebens, das auch in den von ihm bearbeiteten Lehr-
planen und Prufungsordnungen deutlich erkennbar ist.
M.sche Tradition ist leider nach mancher Richtung hin von der offiziellen
Padagogik verlassen worden, die mit Herrschergewalt das Ganze des mensch-
lichen Daseins nach ihrem Willen formen und gestalten will. Um Jahrzehnte
ist dadurch die deutsche hohere Knabenschule mit ihren jetzt vorhandenen
37 verschiedenen Formen in ihrer fortschrittlichen Entwicklung zuriick-
geworfen worden. Aber jetzt schon ringt sich in der padagogischen Literatur
iiberall die Uberzeugung durch, daB eine Wiedergesundung unseres hoheren
Bildungs- und Erziehungswesens nur durch Ankniipfung an M.sche Ideen zu
erhoffen ist.
Lange Jahre, von 1893 bis 1917, hat der Unterzeichnete mit M. in enger
Freundschaft zusammengearbeitet, dabei bis zum Sommer 19 10, als ein Herz-
leiden M. zwang, seine Versetzung in den Ruhestand zu erbitten, mit ihm
und Karl Reinhardt sich in die Leitung des hoheren Schulwesens PreuBens
geteilt: kostliche Jahre eines freundschaftlichen, durch keine Dissonanzen ge-
triibten Ineinanderwirkens und eines freudigen Schaffens, das nicht in iiber-
stiirzten Reformversuchen sein Ziel sah, sondern in einer fortschrittlichen,
von freiheitlichem Geiste getragenen, aber auch in Achtung vor dem geschicht-
Matthias. Mehrtens 10 3
lich Gewordenen, sorgsam erwogenen Weiterentwicklung, in der Verbreitung
frohlicher heller Sonne in den Schulraumen, in Unterricht und Erziehung, im
Bereiten einer freien Bahn fiir ungezwungenes »Werden«, nicht fur gewalt-
sames »Gemachtwerden«.
Und so konnten seine Freunde in der ihm zum 70. Geburtstage iiberreichten
Adresse ihn mit vollem Rechte feiern als den Vertreter einer hoffnungsfreu-
digen Auffassung von der deutschen Jugend und der Aufgabe ihrer Erzieher,
als den Mitbegriinder einer freiheitlichen und weitschauenden Richtung in
unserem Schulwesen, als einen wahren Lehrer der Lehrer.
Literatur: J . Norrenberg, Nachruf auf Ad. M. im Deutschen Reichsanzeiger vom
12. Juni 191 7, Nr. 137. Dieser Aufsatz hat auch den vorstehenden Ausfiihrungen zugrunde
gelegen. — Rud. Lehmann, Adolf M., im Deutschen Philologenblatt, 1917, S. 347. —
Schmitz-Mancy, Adolf M. zum Gedachtnis. Zeitschr. f. lateinl. hoh. Schulen, 191 7, S. 145.
Griechische Wortkunde, 2. Aufl. 1886; Xenophons Anabasis, Kommentar und Text,
1884, 3. Aufl. 1 914; Heilungdes Orest in Goethes Iphigenie, 1887; Bedeutung der hoheren
Biirgerschule, 1888; Deutsches Volkslied, 1889, 4. Aufl. 191 3; Goethes Gedankenlyrik,
1002, 2. Aufl. 1914; Schillers Gedankenlyrik, 1902; Grillparzers Ahnfrau, Leipzig, Teub-
ner 1904; Grillparzers Sappho, 1903; Hilfsbuch fiir den deutschen Sprachunterricht, 1892,
8. Aufl. 1912; Frau Rat Goethe, 1912; Praktische Padagogik fiir hohere L,ehranstalten,
1895, 4. Aufl. 1912; Die patriotische Lyrik der Befreiungskriege, 1897; Wie erziehen wir
unseren Sohn Benjamin ? Ein Buch fiir deutsche Vater und Mutter. Beck, Munchen 1897,
10. Aufl. 191 5; Wie werden wir Kinder des Gliicks? Ebenda 1899, 4. Aufl. 1916; Die
soziale und politische Bedeutung der Schulreform von 1 900. 1 905 ; Geschichte des deutschen
Unterrichts. Ebenda 1907; Aus Schule, Unterricht und Erziehung, 1901; Meine Kriegs-
erinnerungen, 191 1, 3. Aufl. 1912; Bismarck, sein Leben und sein Werk, 191 5; Krieg und
Schule 191 5. Kriegssaat und Friedensernte 191 5. Deutsche Wehrkraft und kommendes
Geschlecht 191 5; Erlebtes und Zukunftsfragen, 191 3; Handbuch des deutschen Unter-
richts (Herausgeber) ; Zahlreiche Aufsatze in Zeitschriften und Zeitungen.
Bonn. Johann Norrenberg.
Mehrtens, Georg Chrlstoph, Ingenieur, Regierungs- und Baurat, o. Professor
fiir Statik der Baukonstruktionen, Festigkeitslehre und eiserne Briicken an
der Technischen Hochschule Dresden, * am 31. Mai 1843 in Bremerhaven,
f am 9. Januar 1917 in Dresden. — Nach AbschluB der Gymnasialbildung in
Bremerhaven arbeitete M. zwei Jahre in den Werkstatten der Maschinenfabrik
Balke in Altona und bezog darauf, 18 Jahre alt, die Technische Hochschule
Hannover, an der er bis zum Jahre 1866 Ingenieurwissenschaften studierte.
Im Jahre darauf bestand er die Regierungsbaufuhrerpriifung und trat als
solcher bei der Kgl. Eisenbahndirektion Hannover in den preuBischen Staats-
dienst. Im Jahre 1869 wurde M., nachdem er die zweite Staatshauptpriifung
bestanden hatte, bei derselben Verwaltung Regierungsbaumeister und blieb
in deren Diensten bis zum Jahre 1872. Die auBergewohnliche Belebung des
Eisenbahnbaus nach dem AbschluB des Deutsch-Franzosischen Krieges ver-
anlaBte ihn zum Ubertritt zu Privatbahngesellschaften, deren Aufgaben seine n
Schaffensdrang und seine ingenieurtechnische Begabung besser befriedigten.
Er war zunachst als Sektionsbaumeister beim Bau der Luneburg — Witten-
berger Bahn, spater als Abteilungsbaumeister beim Bau der Berlin — Dresdener
Bahn tatig. Hierauf wurde ihm der Bau der Eisenbahnstrecke Frankfurt a.d.O. —
Kottbus als Oberingenieur iibertragen.
In diesen Jahren hatte M. Gelegenheit, reiche Erfahrungen auf dem Gebiete
des Bauwesens zu sammeln, die die groBen Erfolge begriindeten, die ihm in
104 igi?
der zweiten Periode seines I^ebens beschieden waren. Er trat im Jahre 1878
in den preuBischen Staatsdienst zuriick und wurde im Ministerium der offent-
lichen Arbeiten in Berlin mit Vorarbeiten fur den Bau der Bahnlinie Erfurt —
Ritschenhausen betraut. Gleichzeitig ubernahm er an der Technischen Hoch-
schule Charlottenburg die Stellung eines Assistenten bei Professor Winkler,
einem der bedeutendsten Vertreter der Baustatik und des Briickenbaus. Die
hiermit verbundene wissenschaftliche Tatigkeit fiihrte nach kurzer Zeit zu
seiner Habilitation an derselben Hochschule. Er las zunachst iiber die Gebiete,
denen er bisher nahegestanden hatte, iiber die Ausfiihrung von Briicken, auBer-
dem iiber den Entwurf beweglicher Briicken. Diese Tatigkeit ist fur seine kiinf-
tige Entwicklung entscheidend geworden. Wenn sie auch durch seine Ver-
setzung nach Frankfurt a. d. O. im Jahre 1883 unterbrochen wurde, so konnte
doch O. Schwedler, der damalige Dezernent fiir die Briickenbauten der preuBi-
schen Staatsbahn im Ministerium der offentlichen Arbeiten im Jahre 1888
keinen geeigneteren Mann zum Bau der neuen Weichselbriicken bei Dirschau,
Marienburg und Fordon finden, als M. Er wurde der Leiter des hierfiir ein-
gerichteten Bureaus der Eisenbahndirektion Bromberg.
Diese Berufung war vor allem durch eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten
begriindet, deren Anregung in seiner Tatigkeit an der Technischen Hochschule
zu suchen sein wird und die in diesen Jahren veroffentlicht wurden. Eine
Studienreise im Auftrage des preuBischen Ministeriums der offentlichen Ar-
beiten fiihrte zu einer Arbeit »Notizen iiber die Fabrikation des Eisens und
der eisernen Briicken«. Darauf folgte ein Aufsatz iiber »Das Eisen im Altertum«.
Ein groBeres Werk erschien im Jahre 1885 und behandelte »Die Mechanik fester
K6rper«. Eine weitere Arbeit wurde im Jahre 1887 der Offentlichkeit iiber-
geben; sie betraf » Eisen und Eisenkonstruktion in geschichtlicher und techno-
logischer Beziehung«. In alien diesen Schriften kam schon das groBe Interesse
zum Ausdruck, das M. der geschichtlichen Entwicklung von Briickenbau
und Baustatik entgegenbrachte und das auch seine spateren Werke kenn-
zeichnet.
Die Arbeiten, die M. mit dem Jahre 1888 an der Weichsel ubernahm, haben
seine Bedeutung fiir die Entwicklung des Eisenbriickenbaus begriindet.
Wenn der Bau dreier groBer Strombriicken in diesen Jahren an und fiir sich
fiir die Entwicklung des Eisenbriickenbaus eine bedeutsame Aufgabe war, so
ist ihre Losung durch seine Initiative deshalb zu einer geschichtlich denkwiirdi-
gen Leistung geworden, weil hierbei alte Wege in der Herstellung des Baustoffes
aufgegeben und auch in Deutschland das SchweiBeisen auf Grund jahrelanger
Versuche der Bauverwaltung in Bromberg durch ThomasfluBstahl ersetzt
wurde. Die Nogatbriicke in Marienburg und die Weichselbriicke in Dirschau
sind noch mit SchweiBstahl gebaut worden. Dagegen wurde fiir die fiinf Strom-
offnungen der Weichselbriicke in Fordon basischer Siemens-Martin-Stahl der
Gute-Hoffnungshutte venvendet. Die dreizehn Flutoffnungen wurden aus
basischem Thomasstahl der Aachener Hiitte »Rote Erde« errichtet. Die Be-
denken, die das In- und Ausland der Anwendung des basischen FluBstahls im
Briickenbau entgegenbrachten, sind bald geschwunden. Damit verfiigte
Deutschland iiber einen dem englischen sauren Martinstahl gleichwertigen
Briickenbaustoff, der schon bei der Briicke iiber den Firth of Forth An-
wendung gefunden hatte.
Mehrtens 105
Der basische FluBstahl hat sich in kurzer Zeit die Welt erobert, so daB die
weitsichtigen Entscheidungen M.s nicht zum wenigsten die fuhrende Stellung
der deutschen Eisenindnstrie begriinden halfen und der Entwicklung des
deutschen Eisenbaus den Weg zu der beherrschenden Hohe gewiesen haben,
die dieser in der Gegenwart einnimmt. Diese Verdienste M.s sind schon zu
seinen Lebzeiten gewiirdigt worden. R. Krohn tat dies gelegentlich der Ver-
sammlung der deutschen Naturforscher und Arzte mit den Worten, »daB die
deutschen Eisenhiittenleute alle Ursache hatten, Georg M. fur die Einf tin-
ning des FluBeisens im Eisenbruckenbau ein Denkmal zu setzen«.
Die Arbeiten M.s, die diesen bedeutungsvollen Abschnitt technischer Ent-
wicklung in Deutschland begleitet haben, behandeln im wesentlichen die Ver-
suche, die die Anwendung des ThomasfluBstahls im Briickenbau rechtfertigen.
Sie sind in den Jahrgangen 1891 — 1893 der Zeitschrift »Stahl und Eisen« ver-
offentlicht. Die Erfahrungen, die hierin niedergelegt sind, wurden gelegentlich
der Weltausstellung in Chicago im Jahre 1893 von ihm auch vor der inter-
national Offentlichkeit vertreten. Mit seinem Vortrage »The use of mild
steel for engineering structures « hatte M. Gelegenheit, sein Wissen und seine
ganze Uberzeugungskraft fiir seine Ideen einzusetzen und der Einfuhrung des
basischen FluBstahls im Briickenbau auch auBerhalb seiner Heimat den Weg
zu ebnen.
Um die Moglichkeit zu besitzen, das ihm liebgewordene Fachgebiet weiter
wissenschaftlich zu durchdringen, gab M. im Jahre 1894 seine Tatigkeit im
praktischen Baudienst auf und folgte einem Ruf der Technischen Hochschule
Aachen als Professor der Ingenieurwissenschaften. Ein Jahr spater ubernahm
er nach dem Tode W. Frankels dessen Lehrstuhl fiir Baustatik und Eisen-
bruckenbau an der Technischen Hochschule Dresden und gliederte diesem
nach dem Rucktritt O. Mohrs (s. unten S. 282 fT.) auch die Festigkeitslehre
fiir Bauingenieure an.
Dieser akademischen Tatigkeit gait der Rest seines Lebens. Sein formvoll-
endeter Vortrag, die reichen Erfahrungen, die sich aus seiner groBen Bautatig-
keit ergaben, fesselten den Studenten in hohem MaBe. War er, der einen groBen
Teil der Entwicklung des Eisenbaus selbst erlebt und beeinfluBt hatte, doch
wie kein anderer berufen, die geschichtliche Entwicklung kritisch zu behan-
deln und daraus die Voraussetzungen fiir neuzeitliche Durchbildung abzu-
leiten. Das erste Ergebnis dieser Arbeiten war das Werk, das im Auftrage
einiger deutscher Briickenbauanstalten fiir die Pariser Weltausstellung in drei
Sprachen gedruckt wurde: »Der deutsche Briickenbau im 19. Jahrhundert«.
Auch seine Arbeiten auf dem Gebiete der Baustatik haben einen gewissen
historischen Einschlag. Sie sind in den ersten drei Banden seiner »Vorlesungen
iiber Ingenieurwissenschaften « zusammengefaBt und bilden im wesentlichen
den Inhalt der Vorlesungen, die er iiber dieses Gebiet an der Technischen
Hochschule Dresden gehalten hat. M. ist auf diesem Gebiet nicht schopferisch
tatig geweseu. Er war kein Theoretiker, der der Berechnung des Tragwerkes
neue Wege gewiesen hat. Daher erscheint auch sein Werk iiber Eisenbrucken-
bau, dessen erster Band im Jahre 1908 veroffentlicht wurde, von groBerer
Bedeutung. Neben den allgemeinen Grundlagen wird hier die einzige zu-
sammenfassende geschichtliche Darstellung des Briickenbaus gegeben, die
bei den zahlreichen personlichen Beziehungen, die M. im L,aufe seines I,ebens
io6 1917
mit den fiihrenden Mannern verkniipft haben, dauernden Wert behalten durfte.
Zahlreiche Aufsatze, die sich mit der jiingsten Entwicklung des Eisenbaus
befassen, sind von ihm in der Zeitschrift »Der Eisenbau« veroffentlicht worden,
deren Schriftleitungsansschni3 er vom Jahre ihres Erscheinens angehorte.
M. hat es an auBeren Ehxen nicht gefehlt. Das Vertrauen seiner Kollegen
belief ihn in den Jahren 1901/02 zum Rektor der Technischen Hochschule.
Im Jahre 1903 wurde er zum Geheimen Hofrat ernannt. Sein klares, sicheres
Urteil war in der Praxis sehr geschatzt, so daB er bei zahlreichen bedeutenden
Wettbewerben als Preisrichter berufen wurde. Von diesen sind besonders die
mittlere Rheinbnicke in Basel, die im Jahre 1914 fertiggestellte Hangebriicke
iiber den Rhein in Koln imd die FesthaUe in Frankfurt zu erwahnen.
M. war mit Eva Barbara, geb. Wittig, verheiratet und ist mit dieser bis zu
deren Tode im Jahre 1904 in einem iiberaus gliicklichen Familienleben ver-
bunden gewesen. Er selbst starb nach kurzem Krankenlager an den Folgen
einer Lungenentziindung, nahezu bis zuletzt wissenschaftlich tatig. Seine Ar-
beiten sind nicht durch theoretische Tiefe ausgezeichnet ; er gehorte vielmehr
zu den Ingenieuren, die die Bewaltigung der Aufgaben in deren baulicher
Durchbildung und schoner Form erblickte. Er war eine feine, durchgeistigte
Personlichkeit, ein Mann von groBer Liebenswurdigkeit, der seine Horer durch
einen lebendigen Vortrag zu fesseln verstand, in den er die vielen eigenen Er-
innerungen an Manner verflocht, die in der Entwicklung des Briickenbaus
eine Rolle gespielt haben. Er war ein geistreicher Gesellschafter und ein in
der Verfolgung seines Ziels unbekummerter Kampfer, dessen geistige Waffen
nicht zum wenigsten die Stellung des deutschen Briickenbaus in der Welt er-
fochten haben.
L,iteratur: F. Bleich, G. Chr. M. Zum 70. Geburtstage. — Der Eisenbau, 1913, S. 155.
Dresden. Kurt Beyer.
Meyer (aus Speyer), Wilhelm, Philologe, * am 1. April 1845 in Speyer,
t am 9. Marz 1917 in Gottingen. — Wilhelm M. ist als der Sohn kleiner Hand-
werksleute geboren, die spat geheiratet hatten und deren einziges Kind er blieb.
Er vergaB nie, was er seinen Eltern zu danken hatte, und wollte auch auf der
Hohe des Lebens die schlichte Herkunft nicht verleugnen, wie er denn auf Titel
jeder Art wenig Wert legte: die Doktorwiirde hat dem vierzigjahrigen Biblio-
thekssekretar die philosophische Fakultat der Universitat Erlangen honoris
causa verliehen — den » Geheimen Regierungsrat* schiittelte er mit grimmiger
Energie ab.
Schon auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt Speyer trat M.s Neigung fur
die klassischen Sprachen stark hervor. Eine Empfehlung an L. Urlichs fiihrte
den Abiturienten zu Ostern 1863 zunachst auf die Universitat Wiirzburg, wo
er aber weder die erhoffte auBere noch starkere wissenschaftliche Forderung
fand. Von Ostern 1864 ab hat er in Munchen studiert und hier 1867 mrt dem
Staatsexamen abgeschlossen. Seine Lehrer waren in erster Li nie Spengel und
Halm, von denen er aber weder in der Methode noch in der Stoff wahl seiner
Arbeiten anders als vonibergehend beeinfluBt wurde, so wenig wie spater im
personlichen Verkehr von Christ oder Wolfflin. Dagegen verdankte er vielseitige
Mehrtens. Meyer IO7
Anregungen und zugleich die ersten Stunden heiteren Lebensgenusses einem
Kreise gleichaltriger Freunde, an den er sich stets gern zuriickerinnerte.
Die Studienjahre und die Zeit, die ihnen folgte, waren fur den Mittellosen, der
bald auch die greisen Eltern unterstutzen muBte, hart und entbehrungsreich.
Durch viele Jahre hat er, in Miinchen und auch in Rom, Privatstunden ge-
geben, da sein karges Gehalt nicht ausreichte. Anfangs Hilfslehrer am Maxi-
milians-Gymnasium und vorubergehend in Bayreuth, wurde er im Herbst 1872
aus dem Schuldienst beurlaubt, um Halm bei der Katalogisierung der latei-
nischen Handschriften der Staatsbibliothek dauernd zu helfen. Nachdem dann
seine ersten Arbeitenzur mittellateinischen Philologie (»Waltharius«und »Rade-
win«) erschienen waren und er die Ausgabe der Horazscholien der Porphyrio im
Manuskript abgeschlossen hatte (sie kam 1874 heraus), ging er im Herbst 1873
mit einem Staatsstipendium nach Rom und verblieb im Siiden anderthalb
Jahr, eine gewaltige Arbeit von Abschriften und Kollationen bewaltigend.
Dann erreichte er im Friihjahr 1875 sein Ziel, eine feste Anstellung an der
Miinchener Bibliothek ; und er ist der Anstalt, die er seit langem liebte, treu
geblieben bei nur bescheidenen Fortschritten und Aufbesserungen, auch als inn
PreuBen 1876 fur die Greifswalder Bibliothek, 1885 fiir die philosophische
Fakultat von Kiel zu gewinnen suchte. Ein Jahr spater folgte er dann doch
einem Rufe an die Universitat Gottingen, der in ehrenvollster Form an ihn
erging, nachdem Ulrich v. Wilamowitz die Zuweisung eines philologischen Lehr-
stuhles an einen Mann von der Bedeutung Wilhelm M.s als eine Ehrensache
erklart hatte. — Seit 1877 war er Mitglied der Kgl. Bayerischen Akademie,
1892 wurde er auch in die Gesellschaft der Wissenschaften zu Gottingen
gewahlt.
Nicht alle Hoffnungen hat der Lehrer erfullt, die der Gelehrte geweckt hatte.
Wilhelm M. sehnte sich vom Katheder und aus dem philologischen Seminar, die
ihm fremd gebliebene und lastig bleibende Pflichten aufburdeten, hinweg zu
seinen geliebten Manuskripten. Er war sich mit Stolz bewuBt, fiir die Ordnung
der Handschriftenbestande der Miinchener Bibliothek das Beste geleistet und
dabei der Wissenschaft eine Fiille wertvollen Materials erschlossen zu haben ;
und so unterbreitete er dem Kultusministerium auf Althoffs Aufforderung einen
umf assenden Plan zur Bearbeitung der Handschriften im preuBischen Staate und
wurde 1889 daftir beurlaubt. Bis zum Jahre 1894 hat M. den dreibandigen
Katalog der Gottinger Handschriften fertig gestellt: ein Muster von Sorgfalt
und gleichmaBiger Ftirsorge fiir die verschiedenartigsten Bestande. Aber das
Unternehmen erschien Althof f in dieser Form zu umstandlich und kostspielig ;
so trat M. im Jahre 1895 zuriick und nahm seine Lehrtatigkeit an der Univer-
sitat wieder auf : mit der Erweiterung seines Lehrauf trages auf die lateinische
Sprache und Literatur des Mittelalters. Wie es M. selbst auffaBte, war es viel
mehr eine Einschrankung : denn in den ihm noch beschiedenen 20 Jahren hat
er sich fast ganz auf diese Seite seiner Lehrtatigkeit beschrankt und daneben
nur mit Eifer und Erfolg die Palaographie gepflegt, fiir die er auch durch selbst-
losen Ausbau des diplomatischen Apparats der Universitat sorgte.
Innerhalb des Mittellateins beschrankte er sich in der Hauptsache auf die
Dichter: von Venantius Fortunatus bis auf die Sanger und Dramatiker des
12. und 13. Jahrhunderts. Er war durchdrungen vom Wert und der Wichtigkeit
dieser Literatur und suchte die stets nur kleine Schar seiner Schiiler, die er wie
io8 1917
ein Vater liebte, mit warmem Eifer von dem Reiz ihres Studiums zu iiberzeugen.
Aber er konnte das nicht anders als indem er sie in seine eigene Arbeit ein-
fiihrte, er stellte ihnen keine Probleme, die er nicht selbst loste, iiberlieB ihnen
keine Aufgaben, die er nicht zuvor zu den seinen gemacht hatte. Dieser herzens-
giitige und stets hilfsbereite Mensch hat doch kaum je einen Fund aus der Hand
gegeben, der seinera Gliick und Geschick zugef alien war. Und so hinterlaBt er
auf einem Felde, wo es noch so unendlich viel zu tun gibt, keine Schule, wie sie
sein weitblickender Freund Ludwig Traube sichtbar geschaffen hat. M. fuhrte
die Studenten auf den Bahnen, die er selbst beschritten hatte, aber er erzog sie
nicht zu seinen Mitarbeitern und Nachfolgern.
M.s literarische Produktion ist ebenso vielseitig wie umf angreich : sie um-
faflt annahernd hundert selbstandige Publikationen und groBere Aufsatze.
Schnitzel hat er nicht publiziert, Rezensionen grundsatzlich niemals geschrie-
ben: nur zweimal hat er in eigener Sache (gegen Havet und Milchsack) die
Schranken der Gott. Gel. Anzeigen betreten. Immer deutlicher tritt dabei
zweierlei zutage : die durch die Munchener Bibliotheksschatze geweckte Freude
am Ungedruckten (die ihn aber niemals Wertloses uberschatzen lieB!) und das
fruh lebendige und bis ans Lebensende festgehaltene Interesse an Fragen der
Metrik und Rythmik. Die Prosa sowohl des Altertums wie des Mittelalters
interessiert ihn nur von seiten des Rythmus, insbesondere des rythmischen
Satzschlusses, und hierf iir freilich verdankt man ihm die wertvollsten Beobach-
tungen, die er vollig unabhangig von dem Franzosen Havet gefunden hat.
M. war unendlich fleiBig, aber er hat sich friihzeitig gegen aufgetragene
Arbeit gewehrt und die von ihm allzufriih ubernommenen Verpflichtungen
hinausgeschoben oder abgeschiittelt, wie die Ausgaben des Prokop, des Cas-
siodor oder des Placidus. Aber leider lieB er sich auch von eigenen groBeren
Editionen, die er bestimmt in Aussicht gestellt hatte, immer wieder durch neue
Funde und Interessen abdrangen: so ist er zu der kritischen Ausgabe der
Carmina Burana, die wir seit den ebenso durch neue Funde wie durch ein-
dringende Kritik bedeutungsvollen »Fragmenta Burana « M.s in der Festschrift
der Gottinger Gesellschaft der Wissenschaften (1901) erhofften, nicht mehr
gelangt.
Den Ausgangspunkt fur M.s metrische Arbeiten haben unzweifelhaft die
mittellateinischen Studien (seit 1872) gebildet, aber ihre Hohenleistungen
kamen ein Jahrzehnt spate r auch der klassischen Philologie zugute, die Schriften
»Uber die Beobachtung des Wortakzents in der altlateinischen Poesie« (1884)
und »Zur Geschichte des griechischen und lateinischen Hexameters « (1884).
Gerade der groBe Zusammenhang seiner metrischen Untersuchungen war es,
der M. zur Erkenntnis der Grundgesetze fur die Bildung der jambischen und
trochaischen Metra fuhrte und ihn vor allem eine wesentlich neue Anschauung
von der Natur des romischen Dialogverses begriinden lieB. Und ebenso hat er
fur den Hexameter der alexandrinischen Griechen wie der Romer die wich-
tigsten Feststellungen getroffen: die drei Hauptgesetze fur den SchluB des
Hexameters tragen jetzt Wilhelms M.s Namen.
Er selbst legte den groBten Wert auf diejenigen Arbeiten, welche er im Jahre
1905 in den » Gesammelten Abhandlungen zur mittellateinischen Rythmik «
(2Bde.) vereinigte. An die Spitze hat er hier die Arbeit »t)ber Ursprung und
Bliite der mittellateinischen Dichtungsf ormen « (aus den »Fragmenta Burana <c
Meyer IO9
1901) gestellt, weil er selbst die Empfindung haben mochte, daB sie mit ihrer
inneren Warme am besten geeignet sei, fur die junge Wissenschaft zu werben,
der er selbst mit stets noch wachsender Liebe diente. Mit den Ausgaben von
Radewins »Theophilus« (1873), dem »Ludus de Antichristo* (1882) und den
*Planctus« des Abaelard (1885. 1890) verbindet sich ein an neuen Erkenntnissen
reicher Uberblick iiber die verschiedensten Formen der Metrik und Rythmik
des 11. und 12. Jahrhunderts. Weiter zuriick greift der zweite Band: »Anfang
und Ursprung der lateinischen und griechischen rythmischen Dichtung« (1885) ;
»Der akzentuierte SatzschluB in der griechischen Prosa vom 4. bis 16. Jahr-
hunderU (1891); »Die rythmische lateinische Prosa« (1893); woran sich dann
die Abhandlungen iiber byzantinische Strophik (1896), den Ursprung der Mo-
tetten (1898); »Ein Kapitel spatester Metrik « (trochaische Septenare, metrisch-
rhythmische Senare 1903) ; ein wenig gliicklicher Versuch, die Alliteration
den Germanen abzustreiten (1909) und schlieBlich ein knapper, meisterhafter
Uberblick iiber »Liturgie, Kunst und Dichtung im Mittelalter « (1903) reihen. —
Daran haben sich in M.s letztem Jahrzehnt noch weitere Arbeiten ange-
schlossen, die (hoffentlich bald) einen dritten Band fiillen werden; als die
wichtigsten seien genannt: » Lateinische Rythmik und byzantinische Strophik «
(1908), »Die mozarabische Liturgie« (1914) ; » Die Verskunst der Iren in ryth-
mischen lateinischen Gedichten« (1916). Danebenher geht eine Fiille von
groBeren und kleineren Textpublikationen, aus denen nur berausgehoben
seien: »Der Gelegenheitsdichter Venantius Fortunatus« (1901), »Die Oxforder
Gedichte des Primas« (1907); »Die Arundel - Sammlung mittellateinischer
Lieder« (1908); »Die Preces der mozarabischen Liturgies (1914).
Aus M.s palaographischer Unterrichtstatigkeit erwuchs die umfangreiche
Arbeit iiber »Die Buchstabenverbindungen der sog. gotischen Schrift« (1897)
und aus weiterem Interesse ahnlicher Art »Henricus Stephanus iiber die Regii
Typi Graeci« (1902).
Was M. dariiber hinaus veroffentlicht hat, ist hochst mannigfaltiger Natur
und schwer unter eine andere Einheit als die des Bibliothekars und gliicklichen
Finders zu bringen : M. laBt sich in dieser Beziehung nur mit seinem Miinchener
Vorganger Johann Andreas Schmeller oder mit seinem groBen Wolfenbiitteler
Kollegen Lessing vergleichen. Seit er nach seinem friihen Eintritt in die Baye-
rische Akademie die Festrede iiber Calderons Sibylle des Orients gehalten (1879)
und gleich darauf die Gratulationsschrift zum Jubilaum des deutschen Archa-
ologischen Instituts (»Zwei antike Elfenbeintafeln der K. Staatsbibliothek «)
verfaBt hat, hat er nicht aufgehort, die gelehrte Welt mit mehr oder weniger
wertvollen Funden zu iiberraschen, die er stets trefflich auszuwerten und
lehrreich zu erlautern verstand: Rohmaterial hat er nie herausgegeben, aber
auch nur zogernd denen ausgeliefert, in deren Hand er es am besten auf-
gehoben wuBte. Solche Funde bringen die »Vita Adae et Evae« (1879), »Nurn-
berger Faustgeschichten« (1895), »t)ber Lauterbachs und Aurifabers Samm-
lungen der Tischreden Luthers « (1896), »Die Spaltung des Patriarchats Aqui-
leja« (1898), »Die Legende des hi. Albanus« (1904) und viele kleinere Arbeiten.
Uberall zeigt er sichere Orientierung, obwohl er keineswegs immer aus dem
paraten Wissen eines Polyhistors schopft, aber kaum je hat er sich ad hoc die
eigene Belehrung verschafft, ohne zugleich andere belehren zu konnen. Alle
Dokumente der Literatur und Kunst, der Buch-, Musik- und Kirchengeschichte,
no 1917
die ihm Findergliick und Findergabe zufiihren, versteht er nicht nur histo-
risch einzuordnen, sondern auch in ihrem Eigenwert zu erfassen und zu charak-
terisieren, und iiberall wo es sich um literarische Individualitaten und kunst-
lerische Werte handelt, bekundet er ein feines, einfiihlendes Verstandnis. Vor
Paul v. Winterfeld, der selbst ein Dichter, noch iiber ihn hinauswuchs, hat uns
kein Gelehrter die lateinischen Dichter des Mittelalters so als Personlichkeiten
und schaffende Kiinstler verstehen gelehrt wie Wilhelm M.f dessen Erfassung
des Waltharius-Dichters Ekkhard I (Ztsch. f. d. Alt. 43, 1899) ein Meisterstiick
der Liter aturwissenschaft bleiben wird.
Literatur: Nachr. d. Kgl. Ges. d. Wiss. zu Gottingen 1917, Geschaftl. Mitteilungen,
S. 76 ff. (E. Schroder). — Neue Jahrb. f. d. klass. Altertum etc. 39, 269 ff. (K. Plenio) —
Jahrb. d. Kgl. Bayr. Ak. d. Wiss. 1917, 20 ff. (F. Vollmer). — ZentralbL f. Bibliothek-
wesen 34, 209 — 221 (O. Glauning: Wilhelm M. und die Staatsbibliothek in Miinchen). —
Den Nachlafl Wilhelm M.s, wertvoll besonders durch die zahlreichen Mss.-Photographien,
verwahrt als Geschenk seines Sohnes (erster Ehe) Dr. Rudolf Meyer die Universitats-
bibliothek in Gottingen (vgl. ZentralbL f. Bibliothekwesen 41, 266 f.)f deren alphabetischer
Katalog auch das vollstandigste Verzeichnis der Druckschriften bietet. Soweit diese nicht
selbstandig erschienen sind, finden sie sich fast samtlich in den Sitzungsberichten und Ab-
handlungen der Bayerischen Akademie (seit 1873) un^ m den Abhandlungen, Nachrichten
und Anzeigen der Gottinger Gesellschaft der Wissenschaften (bis 1893); dariiber hinaus
kommen nur noch die Zeitschrift f. deutsches Altertum (Bd. 43 und 50) und die Fest-
schriften fiir K.'Hofmann (1890) und P. Rajna (191 1) in Betracht.
Gottingen. Edward Schroder.
Neumann, Karl Johannes, o. Professor der alten Geschichte an der Universitat
StraBburg i. E.,^* am 9. September 1857! in Glogowo bei Krotoschin, f am
12. Oktober 191 7 in Miinchen. — Da in Glogowo, wo N.s Vater ein Landgut
bewirtschaftete, keine hohere Schule vorhanden war, wurde Karl N. mitfg Jahren
auf das Gymnasium in Krotoschin gebracht. Er lebte dort im Hause seiner
GroBmutter, einer hervorragend begabten Frau, die die griechische Sprache be-
herrschte und mit ihrem Enkel die Klassiker in der Ursprache las. Unzweif el-
haft hat sie auf N.s Jugend und seine Bildung einen groflen EinfluB ausgeiibt,
Nachdem dieser am 8. Februar 1875 das Reifezeugnis in Krotoschin erworben
hatte, bezog er zunachst die Universitat Leipzig, wo wir ihn vom Sommer-
semester 1875 bis zum Wintersemester 1877/78 als Studierenden der Philologie
inskribiert finden. Bereits in dieser Zeit hat er Anregungen erfahren, die in der
Folge die wichtigsten seines Lebens werden sollten. Zwar lag es in dem nor-
malen Gang seines Studiums begriindet, daB er bei den Philologen Ludwig
Lange und Friedrich Ritschl horte. Aber von diesen beiden hatte Lange, dem
N. in Bursians biographischem Jahrbuch 1886, S. 31 — 61 einen Nekrolog
widmete, in immer starkerem Mai3e die sogenannten Realien zu behandeln be-
gonnen, und es ist bezeichnend, daB sich N., in welchem ein starkes historisches
Interesse vorhanden war, von ihm mehr angezogen f unite, als von dem reinen
Philologen Ritschl. Noch wichtiger aber sollte seine Verbindung mit dem
jugendlichen a. o. Professor der Kirchengeschichte an der Universitat Leipzig,
Adolf Harnack, werden; denn auf seinen EinfluB wird man es zuriickfuhren
durfen, wenn im wissenschaftlichen Denken N.s kein Problem eine solche Be-
deutung gewinnen sollte, wie die Frage nach dem Verhaltnis des romischen
Kaisertums zur christlichen Kirche. Bereits im Jahre 1877 bemiiht sich der im
Meyer. Neumann III
5. Semester stehende Student um Kyrillhandschriften fur die von ihm geplante
Ausgabe der Schrift Kaiser Julians gegen die Christen. Im AnschluB an die
Leipziger Studentenzeit ist er Ostern 1878 zum Studium einer weiteren Kyrill-
handschrift nach Venedig gereist. Von dort aber wandte er sich zur Fort-
setzung seines Studiums nach Tubingen, wo er vom Sommersemester 1878 bis
zum Wintersemester 1879/80 verblieb und in Alfred v. Gutschmid denjenigen Ge-
lehrten fand, der neben Ludwig Lange und Adolf Harnack den nachhaltigsten
EinfluB auf ihn ausiibte und ihn wohl bestimmte, das Studium der alten Ge-
schichte als Lebensberuf zu wahlen. Vor allem hat Gutschmid den Horizont des
jungen Studenten geweitet und ihn iiber das griechisch-romische Gebiet hinaus
in den spatantiken Orient eingef iihrt ; um mit Erf olg diese Studien durchf iihren
zu konnen, studierte er bei dem Theologen Franz v. Himpel die armenische
Sprache und Literatur. Auch dem feinsinnigen Erwin Rohde hat N. von seiner
Tubinger Zeit ein dankbares Andenken gewahrt und dessen Arbeiten zur grie-
chischen Chronographie als Muster methodischer Forschung hingestellt.
Nach Beendigung der Tubinger Studienzeit wurde N. am 14. Marz 1880 in
Leipzig zum Dr. phil. auf Grund seiner Dissertation : Prolegomena in Juliani
imperatoris libros quibus impugnavit Christianos promoviert und trat in den
Dienst der Universitatsbibliothek Halle ein, wo er im Sommersemester 1881
zum 1. Amanuensis aufstieg. Nur wenig spater erfolgte seine Zulassung als
Privatdozent in der philosophischen Fakultat Halle, vor der er am 24. Oktober
1 88 1 die offentliche Antrittsvorlesung iiber das Thema hielt »Der literarische
Kampf des Heidentums gegen das Christentum*. Die Aufmerksamkeit der ge-
lehxten Welt wurde sehr bald auf den jugendlichen Forscher gelenkt ; bereits
im Jahre 1884 erfolgte seine Berufung nach StraBburg, wo er zunachst als
a. o. Professor, sodann vom 9. April 1890 als ordentlicher Professor und Direk-
tor des Instituts fur Altertumswissenschaft wirkte. Am 19. November 1909
wurde er zur Zeit seines Rektorats Ehrendoktor von Briissel.
Nicht die auBeren Daten sind es, welche bei der Betrachtung eines Gelehrten-
lebens in den Mittelpunkt geriickt werden miissen ; den Vorrang hat die geistige
Arbeit zu beanspruchen, wie sie sich in Schrift und Lehre dokumentiert. Dabei
durfen wir eine systematische Gruppierung des Stoffes vornehmen, da N. im
wesentlichen in den Bahnen, die er anfanglich eingeschlagen hatte, verblieb.
Als dasjenige Gebiet, auf welchem seine groBten Leistungen liegen, muB un-
zweifelhaft die Frage des Verhaltnisses von Staat und Kirche wahrend der
romischen Kaiserzeit bezeichnet werden. Ihm gilt bereits das Thema der Disser-
tation, welche in erweiterter Form unter dem Titel Juliani imperatoris librorum
contra Christianos quae super sunt collegit recensuit prolegomenis instruxit C.J.
Neumann Lipsiae 1880 erschien und mit Recht des Verfassers Namen zu Ehren
brachte. Kaiser Julians Schrift gegen die Christen oder, wie sie wohl richtiger
heiBt, gegen die Galilaer, ist zuerst literarisch bekampft, spater der Vernichtung
anheimgegeben worden. Wer sie wieder erstehen lassen will, hat daher die
schwierige Aufgabe zu erfiillen, aus der Argumentation der Gegner, d. h. vor
allem des Kyrill von Alexandrien, den Gedankengang der Schrift wiederzu-
gewinnen. N. hat diese Aufgabe in geradezu vorbildlicher Weise gelost, aber
seinen Blick zugleich auf weitere Zusammenhange gelenkt. Es versteht sich,
daB die Argumentation der Christenbekampfer vielfach ubereinstimmte, und
so war es ein richtiger Gedanke, samtliche Christenbekampfer in einer Samm-
112 1917
lung zu vereinigen. N. hat diesem Gedanken dadurch einen auBeren Rahmenge-
geben, daB er seine Julian-Ausgabe als 3. Band einer Schriftenfolge aufgefaBt
wissen wollte, welche als Ganzes den Titel trug: Scriptorum Graecorum qui
Christianam impugnaverunt religionem quae super sunt, und auBer Julian vor
allem den Celsus, Porphyrius und Hierokles enthalten sollte. Zur Ausgestaltung
dieses Werkes sollte es allerdings nicht kommen, wie iiberhaupt N.s weitaus-
schauenden Planen vielfach die Verwirklichung versagt blieb. Dies gilt auch
von dem Werke, dem er den Titel gab »Der romische Staat und die allgemeine
Kirche bis auf Diocletian «, und dessen erster Band im Jahre 1890 erschien, bis
Philippus Arabs reichend. Dieses Werk zeigt N. auf der vollen Hohe seiner
wissenschaftlichen und schriftstellerischen Leistungsf ahigkeit ; durch die Jahr-
hunderte hindurch begleitet er die Fiille der Probleme, welche zu einer Kolli-
sion zwischen der sich bildenden Kirche und dem festgefugten Reiche fiihren
muBten. GewiB ist dies auch von anderer Seite geschehen, aber was N.s Werk
gegeniiber anderen Darstellungen charakterisiert, ist die Tatsache, daB es den
Staat und die Kirche auf Grund eigener Forschung in gleicher Weise beriick-
sichtigt. Jede Einseitigkeit ist dadurch vermieden, und die Darstellung auch
stilistisch auf eine Hohe gebracht, aus der man die Sorgfalt erschlieBen kann,
mit der der Verfasser an seinem Texte feilte, der gewiB nicht leicht zu lesen ist,
aber dem aufmerksamen Leser einen tiefen GenuB bereitet. Bereits in dieser
Schrift hat N. eine langere Betrachtung dem Bischof Hippolytos von Rom ge-
widmet; als sodann die Hippolytos- Ausgabe der Berliner Akademie im Jahre
1897 erschien, verwertete er dieses Material zu einer Monographic »Hippo-
lytus von Rom in seiner Stellung zu Staat und Welt «, deren erste Abteilung,
9 Bogen umfassend, im Jahre 1902 erschien. Auch hier blieb die Fortsetzung
aus. Was aber N. gab, war ein wiederum auf voller Beherrschung der christ-
lichen Literatur und der Kaisergeschichte gestiitzter, historisch orientierter
Kommentar zu Hippolytus' Schrift iiber Christus und den Antichristen ; eben
hier griff er an einem Brennpunkt den Gegensatz von Staat und Kirche. Immer-
hin brachte der » Hyppolytus « mehr eine Erganzung und nahere Ausf iihrung zu
dem ersten Band von » Staat und Kirche «, als die so dringend gewiinschte Fort-
f iihrung dieses wichtigen Werkes. Es versteht sich, daB der durch die Schriften-
folge Julian, Staat und Kirche, Hippolytos bezeichnete Problemkreis auch im
akademischen Unterricht N.s stark hervortrat. Vor groBerem Publikum pflegte
er mit starkem Erfolge iiber » Staat und Kirche in der romischen Kaiserzeit« zu
lesen; auch darf in diesem Zusammenhang auf die von ihm beeinfluBte, aus-
gezeichnete Arbeit seines Schiilers Georg Mau, die Religionsphilosophie Kaiser
Julians (1907) hingewiesen werden.
Wenn N. auf diesem Gebiete den Anregungen nachging, die Harnack ihm
gegeben hatte, so war es Alfred v. Gutschmid, welcher ihn auf die antike
Lander- und Volkerkunde hingewiesen hatte. N.s eigene literarische Tatigkeit
ist hier allerdings weniger reich, aber die Arbeiten seiner Schiiler zeugen auch
hier fur die von ihm ausgehenden Anregungen. N. selbst hatte sich in Halle mit
einer Arbeit habilitiert, die durch einen Nachtrag bereichert in den Jahrbiicheru
fur klassische Philologie Suppl. XIII, 1884, S. 322 — 354 unter dem Titel
»Strabons Landeskunde von Kaukasien, eine Quellenuntersuchung« wiederholt
wurde. N. sah in dieser Schrift, die er nicht ohne ein inneres Widerstreben er-
scheinen lieB (vgl. S. 351), nur eine Abschlagszahlung ; denn er war in der
Neumann
113
Priifung des wichtigsten erhaltenen Werkes aus dem Gebiet der antiken Geo-
graphic bereits weiter vorgeschritten, als auBere Griinde ihn zur Publikation
zwangen. Und doch hat er personlich — von einigen kleineren Beitragen ab-
gesehen — nur noch einmal zu den Fragen der antiken Lander- und Volker-
kunde Stellung genommen, als er in dem Gottinger gelehrten Anzeiger 1887,
S. 275 — 288, Hugo Bergers Geschichte der wissenschaftlichen Erdkunde der
Griechen I in einer durchaus originalen und fordernden Besprechung der ge-
lehrten Welt naher brachte. Dagegen haben mehrere seiner Schiller die von ihm
begonnenen Untersuchungen fortgesetzt und dabei zum guten Teil die Ideen
verbreitet, die ihnen N. iibermittelt hatte. Hervorgehoben seien, weil zur Ab-
rundung des Lebenswerks N.s gehorig, die StraBburger Dissertationen von
Wilhelm Fabricius, Theophanes von Mytilene und Quintus Dellius als Quellen
der Geographie des Strabon 1888; P. Bolchert, Aristoteles* Erdkunde von
Asien undLibyen 1908; Ferd. Strenger, Strabons Erdkunde von Libyen 1913.
Ein dritter Fragenkomplex, der N. von seiner Studentenzeit her beschaftigte,
war das romische Staatsrecht. Sein Lehrer Ludwig Lange war nicht allein Ver-
fasser der mehifach aufgelegten romischen Staatsaltertiimer, sondern hatte
auch als Dozent gerade auf diesem Gebiete die groBten Erfolge aufzuweisen.
Freilich war sich N. auch der Schwachen von Ranges wissenschaftlicher Tatig-
keit wohl bewuBt; sie lagen einmal auf dem kritischen Gebiet, insofern Lange
die tlberlieferung der innerpolitischen Geschichte Roms in den ersten Jahr-
hunderten der Republik fur zuverlassiger hielt, als N. anerkennen wollte (vgl.
K. J. Neumann, StraBburger Festschrift zur 46. Philol. Vers. 1901, S. 309ff.),
zum andern aber hat sich N. dem iiberragenden EinfluB von Mommsens ro-
mischem Staatsrecht nicht entzogen und den ungeheuren Fortschritt erkannt,
der an die Stelle der in den Altertumern behandelten Einzelerscheinungen das
logische System des juristischen Aufbaus setzte. Wohl hat er in seinem Beitrag
zu der von Gercke und Norden herausgegebenen Einleitung in die Altertums-
wissenschaft III2 1914, S. 435 — 481 denTitel » Staatsaltertiimer « beibehalten,
in Wahrheit war es jedoch ein AbriB des Staatsrechts, und unter dieser Be-
zeichnung pflegte er seine einschlagigen Vorlesungen zu halten, die zu seinen
FiiBen eine groBe Schar von Juristen und Historiker vereinigten. N. blieb aber
bei dieser Verbindung von Recht und Geschichte nicht stehen, vielmehr be-
trachtete er wohl selbst als das Chrakteristische seiner Leistung die Hinzu-
fiigung der Wirtschaft. Das Studium von G. F. Knapps Werk iiber die Bauern-
befreiung und den Ursprung der Landarbeiter in den alteren Teilen PreuBens
(1887) sowie die Teilnahme an Vorlesungen dieses seines StraBburger Kollegen
gewahrte ihm, wie er selbst auBerte, einen iiberraschenden Einblick in den
Zusammenhang von Wirtschaftsordnung und Verfassung; mit Hilfe des Ge-
dankens der Bauernbefreiung glaubte er die groBen Krisen der altromischen
Geschichte in seiner Rede »Die Grundherrschaft der romischen Republik, die
Bauernbefreiung und die Entstehung des Servianischen Verfassung « (1900) und
das Problem der altspartanischen Geschichte in der Abhandlung »Die Ent-
stehung des spartanischen Staates in der Lykurgischen Verfassung « (»Hist.
Zeitschr.« Bd. 96, 1905) erklaren zu konnen; von gleichen Gedanken ausgehend
hat er in Ullsteins Welt geschichte (1909) bei Behandlung der hellenistischen
Staaten und der romischen Republik den Versuch eines Neuaufbaus der alt-
romischen Geschichte gemacht.
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N. war nicht allein Historiker der alten Geschichte, sondern er kannte, wie
wohl nur wenige, die Geschichte seiner Wissenschaft, wobei er es verstand, sie
in die allgemeine Geistesgeschichte einzufiigen. Bereits der Nachruf auf seinen
I*ehrer Ludwig Lange laBt neben den biographischen Elementen diese weite
Orientierung erkennen ; als Theodor Mommsen gestorben war, verof fentlicht er
in der »Histor. Zeitschrift* Bd. 92, 1904, S. 193 — 238 unter fast vdlligem Ver-
zicht auf biographische Stiicke eine Umschau iiber die Lage der Wissenschaft,
wie sie vor Mommsens Auftreten war und wie sie sich durch Mommsens Werk
gestaltet hatte. SchlieBlich gab ihm seine Rektoratsrede vom 1. Mai 1909,
welche den Titel »Entwicklung und Aufgaben der alten Geschichte trug«, die
Gelegenheit, in den dem Drucke angefiigten Anmerkungen seine weite Belesen-
heit in den Dienst der Aufhellung der > Geschichte der alten Geschichte* zu
stellen. Daran aber war N. gelegen. Sein eigenes Iyebenswerk sollte sich in den
Rahmen der geistigen Entwicklung einftigen, und so suchte und fand er immer
wieder Ankniipfungen an die Gedanken der GroBen im deutschen Geistesleben.
Gerade hierauf beruhte ein guter Teil der Anregungen, die von ihm im person-
lichen Verkehr ausgingen. Seine Vorlesungen pflegte er in freiem Vortrag zu
halten; ohne jede Schwierigkeit floB ihm die miindliche Rede. Wohl fehlte dem
Vortrag nicht eine gewisse Einseitigkeit ; die Probleme, die N. beschaftigten
und deren Skizzierung oben versucht wurde, nahmen ofters einen breiteren
Raum ein, als die Gesamtdisposition der Vorlesungen gestattete, und so kam
es, daB er andererseits iiber wichtige Perioden hinwegeilen muBte. Aber gerade
dadurch pragte er seinen Schulern eine Vorstellung von seiner Forschungsarbeit
ein und lieB sie an ihr teilnehmen ; denn das was er sich in hartem Kampfe er-
arbeitet hatte, hatte schlieBlich auch auBerlich eine feste Form gewonnen, in
der er seine Gedanken mundlich vortrug und schriftlich festhielt. Dem engeren
Schulerkreis der Doktoranden war er ein hingebender Berater. Das Vertrauen
seiner Kollegen berief ihn 1909/10 auf das Rektorat der Universitat StraBburg;
deren Zusammenbruch im Jahre 1918 zu erleben, ist ihm erspart geblieben. Im
Juni 1916 ist N. schwer erkrankt, am 12. Oktober 1917 befreite ihn der Tod
von langem Siechtum. Die Beisetzung erfolgte auf dem Friedhof in Baden-
Baden, wo er neben einer groBeren Zahl seiner StraBburger Kollegen ruht. N.
war seit 1885 mit der Tochter des Apothekers Dr. Ernst Biltz in Erfurt ver-
heiratet. Seine Schrift iiber Hippolytus hat er ihm gewidmet.
L,iteratur: Die im Obigen zitierten Schriften K. J.N.s. — Das in den Akten der
philosophischen Fakultat zu Halle befindliche curriculum vitae von 1881. — Briefliche
Mitteilungen der Witwe N.s. — Personliche Krinnerungen des Verfassers aus der Stu-
dentenzeit (1898 — 1903) und der Tatigkeit an der Seite N.s (1909 — 1912). — Werner Schur,
K. J. N. in Bursians Jahresbericht f. Altertumswissenschaft Bd. 214, 1927.
GieBen. Richard Laqueur.
Niemann, Albert, Heldentenor, * am 15. Januar 1831 in Erxleben bei Magde-
burg, | am I3- Januar 1917 in Berlin. — Als Sohn eines wohlhabenden
Anwesenbesitzers, erhielt er in Magdeburg und Aschersleben Schulunterricht
bis zum Einjahrig-Freiwilligen-Zeugnis, um zum technischen Beruf in eine
Maschinenfabrik einzutreten. Wie von ungefahr kam er im Alter von 18 Jahren
zum Theater: Direktor Martini, der in Dessau und Helmstedt spielte, warb
ihn fur stumme und kleine Rollen, zunachst ohne I/)hn. In Halberstadt be-
Neumann. Niemann n «c
trat er zuerst die Biihne. In Dessau entdeckte der Komponist Friedrich
Schneider N.s stimmliche Begabung; seitdem wurde er fur die Oper im Chor
verwendet. An den verschiedensten Theatern in Stettin, Worms, Halle, Darm-
stadt, Berlin, Konigsberg usw. bekam er kleine Rollen. Der Berliner Intendant
Botho v. Hulsen lieB ihn durch Mantius unterrichten. Bei seinem ersten Auf-
treten als Sever in Bellinis Norma im August 1853 wurde er von der Berliner
Kritik abgelehnt. Am 25. Juli 1854 sang ¥• *n Insterburg unter dtirftigsten
auBeren Umstanden den Tannhauser mit der Erkenntnis: »Wird eine sehr
gute Rolle von mir werden.* Am 31. August 1854 ftihrte er sich als Max im
Freischiitz in Hannover ein, wo er seine Lehr- und Meisterjahre bis Mai 1866
erlebte. In klassischen und italienischen Opern ernster und heiterer Art iibte
er seine Stimme, fur deren Ausbildung er im Juni 1855 die Unterweisung des
Sangers Duprez und das anfeuernde Beispiel des Heldentenors Roger in Paris
genoB. Vor allem aber vertiefte er seine dramatischen Helden: Rienzi, Tann-
hauser, Lohengrin, die er bei Gastspielen auf den groBen deutschen Theatern
so vorziiglich darstellte, daB er bald als der groBte und unvergleichliche
Wagner-Sanger gait. Nach dem Kriege von 1866 kam er ans Berliner Hof-
theater, wo er nach LiUi Lehmanns Worten »der fiihrende Geist, nach dem
sich alles richtete«, wurde. In der Meistersinger-Auffuhrung vom April 1870
stand er als Walter Stolzing im Vordergrund. Im Marz 1876 sang er Tristan,
nach Wagners eigenem Ausspruch »eine fabelhafte Tat«, trotz erheblicher
Striche und Zugestandnisse aller Art, die in der Berliner Hofoper unvermeid-
lich waren. Am 8. September 1888 stand er zum letzten Male als Tristan am
Steuer, urn bald darauf klanglos von der Biihne zurtickzutreten. Vierzig Jahre
seines Lebens hatte er der Kunst geweiht, einmal war er zu einem Gastspiel
nach Amerika gereist; still und vornehm zog er sich, ohne eine Abschieds-
vorstellung anzukiindigen, ins hausliche Leben zuriick. In seinem schonen
Heim in der AhornstraBe verbrachte er seine letzten Lebensjahre. N. war
zweimal verheiratet: zuerst mit der gefeierten Schauspielerin Marie Seebach
(1859) *n Hannover, von der er sich 1867 trennte, in zweiter Ehe mit Hedwig
Raabe (1870).
Albert N. besafi die Macht bezwingender Personlichkeit. Seine Gestalt hatte
»etwas Altgermanisches: als wenn sich aus grauer Vorzeit durch Geheimnis
des Blutes ein SproB in eine kleine Gegenwart verirrt hatte, die ihn furchtsam
bewundert, so steht er da mit dieser unverwustlichen Korperkraft, diesem
unbezahmbaren Hang zur Jagd und Fischerei, zum Spielen und Zechen, zum
Durchsetzen seines Willens und, wenn notig, zum Dreinschlagen «. Den Mittel-
punkt seines Lebens und Schaffens bilden die Beziehungen zu Richard Wagner,
der ihm 1857 schrieb: » Alles, was ich von Ihnen hore, bringt mir den Glauben
bei, daB ich in Ihnen den mit Bangen gesuchten Sanger meines Siegfried ge-
funden habe.« Im Juli 1858 erfolgte die personliche Bekanntschaft, ein Be-
such N.s in Zurich, beim Tannhauser in Paris 1860/61 das erste Zusammen-
wirken Wagners und N.s, iiber den der Meister noch am 12. Februar 1861
nach Zurich berichtete: »Er ist durch weg erhaben, ein groBer Kiinstler der
allerseltensten Art.« I^eider aber erlag N. den feindseligen Einfliissen und
verlor das Vertrauen auf den Sieg des Werkes; er schrieb am Tage nach der
Pariser Auffuhrung, am 14. Marz 1861 : »Der Tannhauser ist buchstablich aus-
gezischt, ausgepfiffen und schliefilich ausgelacht worden; Gott sei Dank hat
n6 1917
der Darsteller des Tannhauser seine kiinstlerische Ehre gerettet. « Die Pariser
Presse erwahnte mit vielsagender Wendung, Meyerbeer habe N. die Tenor-
rolle im Propheten zugedacht! So war das Einvernehmen zwischen Wagner
und N. auf Jahre hinaus zerstort. In Ludwig Schnorr von Carolsfeld fand
Wagner vollen Ersatz, aber nur fur kurze Zeit, da der Sanger bald nach den
Miinchener Tristan- Auf fuhrungen im Juli 1865 starb. Als die Zeit der Bay-
reuther Festspiele herannahte, bezwang Wagner seinen Groll und schrieb an
N., der 1872 bei der Grundsteinlegung das Tenorsolo in Beethovens 9. Sinfonie
sang. Auf die Aufforderung zur Teilnahme an den Spielen schrieb N. im
Marz 1874: »Hoher Meister! Fur Ihre groBe Sache stehe ich stets und stiind-
lich mit Leib und Seele zur Verf tigung. Ich werde mit voller Selbstverleugnung
nur der Sache zu dienen suchen.« Freilich war er dem jungen Siegfried, fur
den er einst ausersehen wurde, entwachsen. Wagner erkor ihn zum Darsteller
des Siegmund, fiir den er wie geschaffen erschien. Im Riickblick auf die Fest-
spiele 1876 nennt Wagner N. »das eigentliche, Enthusiasmus treibende Element
unseres Vereins«, das » Genie der Darstellung, wogegen alles iibrige nur durch
FleiJ3 und edlen Willen sich beteiligen konnte«. Auch nach seinem Riicktritt
von der Biihne und nach des Meisters Tode hielt N. getreu zu Bayreuth und
setzte sich mit dem Ansehen seines Namens fiir den Parsifal-Schutz ein. Zu
den Festspielen kam er wiederholt als freudig begriiBter Ehrengast.
N. gehort zu den seltenen, wahrhaft mitschopferischen Kunstgenossen Wag-
ners, die nicht nur Anregungen empfingen, sondern auch gaben. Die Harten
und Schwachen verschwinden vor der groBen Personlichkeit, die nicht nach
DurchschnittsmaB bemessen werden darf. Seine kiinstlerische Entwicklung
fallt in eine Zeit, wo der Vortragsstil fiir das Drama Wagners erst gesucht
wurde. Aus eigener Erfindung und Gestaltungskraft gab er ein Beispiel, das
auBerlicher Nachahmung entriickt ist. Er nahm in seine Darstellung auf, was
seiner Art verwandt war. Er hatte keine Vorbilder, denen er folgen konnte,
er trug die AusmaBe und Gesetze des kiinstlerischen Schaffens, das er gefuhls-
maBig austibte, in sich. DaB er sich den heute fiir den Wagner-Stil giiltigen
Anforderungen hatte unterwerfen konnen, ist zweifelhaft. Auch war seine ge-
sangliche Leistungsfahigkeit beschrankt: auBer Siegmund sang er keine Rolle
strichlos. In den Jahren seines Aufstiegs (1861 — 1872) muBte er der unmittel-
baren personlichen Anleitung Wagners entbehren, weil er sein Vertrauen ver-
loren hatte: das war die schlimmste Folge des Pariser Zerwtirfnisses. Auch
Schnorr traute sich anf angs die L,6sung der von Wagner gestellten Forderungen
nicht zu, bis er im personlichen Verkehr eines Besseren belehrt wurde. Frau
Wagner schrieb im Januar 1905: »Sie sind der eigentliche Recke unserer Fest-
spiele 1876 gewesen ; niemals kommt Siegmund auf die Biihne, ohne daB Ihrer
mit Bewunderung fiir Ihre Leistung wie fiir Ihre begeisternde Haltung ge-
dacht wird. « N. bleibt auch im Schicksal seiner Kiinstlerlaufbahn Siegmund :
»in wildem Leiden erwuchs er sich selbst, mein Schutz schirmte ihn nie«. So
steht er als der groBte deutsche Heldensanger des 19. Jahrhunderts neben
Schnorr v. Carolsfeld : Tannhauser, Tristan, Siegmund !
Literatur: Richard Sternfeld, Albert N., Berlin 1904 (Das Theater, Band 4). —
R. Wagner und A. N., ein Gedenkbuch von W. Altmann, nebst einer Charakteristik N.s von
Dr. Gottfried Niemann (seinem Sohn), Berlin 1924; darin auch N.sTagebuch 1849 — 1855
Rostock. Wolfgang Golther.
Niemann. Olde jj 7
Olde, Hans (Johann Wilhelm), Maler und Graphiker, * am 27. April 1855
in Suderau (Holstein), f am 25. Oktober 1917 in Kassel. — O. entstammte
einem alten Marschenbauerageschlecht und war bestimmt, den vaterlichen
Stammsitz spater zu ubernehmen. Obgleich sich in dem Knaben fruhzeitig
der kiinstlerische Sinn regte, wurde O. nach dem Besuch der Schulen zu Horn,
Altona und Kiel — der Tradition seiner Familie gemafi — zunachst Landwirt
und iiberaahm als Verwalter ein Gut. Erst mit 24 Jahren entschloB er sich
fur die Laufbahn des Malers, studierte 1879 bis x^^4 bei Ludwig v. Loefftz
an der Miinchener Akademie und bildete sich 1886/87 in Paris an der Acad^mie
Julian weiter. Nach Deutschland zuriickgekehrt, lebte er zunachst bis 1892
in Miinchen, dann meist auf seinem Gute Seekamp bei Friedrichsort in Hoi-
stein. 1902 wurde er als Leiter der Kunstschule nach Weimar berufen, an
der er bis 1911 wirkte. Im November dieses Jahres erfolgte seine Berufung
zum Direktor der Kunstakademie in Kassel, wo O. bis zu seinem Tode an-
sassig blieb. — Hinsichtlich des Stoffgebietes sehr vielseitig, hat O. das Por-
trat, das Tierfach, die Landschaft, das Genre und das Interieurbild gepflegt.
Seine Hauptbedeutung hat er als Bildnismaler. Er ist einer der geschmack-
vollsten Vertreter des gemaBigten Impressionismus, fiir den ihm der Pariser
Aufenthalt die entscheidenden Anregungen gegeben hat. Die innige Ver-
trautheit des auf eigener Scholle Aufgewachsenen und leidenschaftlichen
Jagers mit der Natur kommt schon in den ersten Arbeiten O.s zum Ausdruck;
aus seinem von Jugend auf gepflegten engen Verhaltnis mit der Natur er-
wuchs ihm geradezu das Wesen seiner Kunst, die kerndeutsch blieb, obgleich
Paris die technische Grundlage vermittelte und namentlich Claude Monet,
bei dem er alles das realisiert fand, was er selbst erstrebte, zweifellos einen be-
deutenden EinfluB auf ihn ausgeiibt hat. Da er bis zuletzt jedes Jahr wahrend
der Sommermonate den Landwirt auf Seekamp machte, so erhielt sein Natur-
gefuhl in regelmaBigen Zeitabstanden eine Fulle immer wieder neuer An-
regungen, die die Gefahr einer mahlichen Verblassung seiner Naturempfindung
ausschlossen. Wie sehr er die freie Natur als den gegebenen Rahmen, die
selbstverstandliche Folie fiir alles Figurliche empfand, ersieht man nicht nur
aus seinen Genrebildern, wie dem liebenswiirdigen, ganz auf Goldblond gestimm-
ten Bildchen des Lubecker Museums, sondern vor allem auch daraus, daJ3 er
seine Portratf iguren mit Vorliebe ins Freie gegen einen landschaftlichen Hinter-
grund stellt ; so hebt sich die charakteristische Gestalt Klaus Groths von dem
kraftigen Griin eines Laubenganges ab ; seinen Liliencron hat er auf eine weiBe
Bank vor dichtem Wald placiert ; ahnlich ist das Arrangement auf dem Bildnis
der Frau Forster-Nietzsche ; die pompose Gestalt der Schriftstellerin Adelheid
v. Schorn laBt er im griinen Seidenkleide die StraBe iiberschreiten. Diese
genremaBige Einkleidung empfindet man nicht etwa als zufalliges Akzesso-
rium, sondern im Sinne einer Steigerung der dekorativen Bildwirkung und
zugleich eines Mittels zur geistigen Charakterisierung der Dargestellten vom
Kiinstler verwendet. Viel weniger gliicklich ist O., wenn er wie in seinen
offiziellen Staatsportraten auf diese liebenswiirdige genremaBige Note zu ver-
zichten genotigt wird; hier wirkt er dann leicht kalt und gelegentlich selbst
akademisch. Wie O.s Bildnisse alle auf eine diskrete, aber nichtsdestoweniger
sehr deutlich sprechende Hervorhebung der individuellen Eigenschaften des
Modells ausgehen, so auch seine von Licht und Luft erfiillten Landschaften,
n8 1917
deren Motive er anfanglich dem Holsteiner- und Thuringerlande, spater
vornehmlich dem Hessenlande entlehnte. — Ohne daB O.s Stil eine besonders
markante Entwicklungslinie aufwiese, ist doch der Ubergang von den Prin-
zipien des Impressionismus zu denen des Neuimpressionismus mit seiner
intensiven Farbigkeit deutlich in seinem Werk zu erkennen, ja in seinen letzten
Lebens jahren hat er sich sogar mit den expressionistischen Problemen aus-
einanderznsetzen versucht, wie einige hessische Stadtebilder aus den Jahren
1915 und 1916 zeigen. Die Hauptleistungen O.s fallen in die Zeit seines Weima-
rer Direktorats. Aus den neunziger Jahren stammen einige bereits ganz plei-
nairistisch aufgefaBte Tierstiicke (holsteinische Weiden), Landschaften und
Interieurs, in denen der Beobachtung der Licht- und L,uftstimmungen ein
besonderes Augenmerk geschenkt ist. In diese vorweimarische Zeit gehoreu
Bilder wie: »Die Schnitter«, von 1893; »Die Diele des Herrenhauses in Wal-
tershof«, von 1894 (Hamburg, Kunsthalle); » Holsteinischer Stier«, von 1896
(Dresden, Gemaldegalerie) ; »Wintersonne«, von 1892 (Berlin, Nationalgalerie).
Auch als Bildnismaler hat sich O. in dieser Friihzeit schon ausgezeichnet,
wie namentlich die Bildnisse der Hamburger Schriftstellerin und Philanthropin
Elise Averdieck, von 1894, und des Dichters Klaus Groth (in ganzer Figur
im Freien dargestellt), von 1899, beide im Besitz der Hamburger Kunsthalle,
beweisen. Aus der Weimarer Zeit stammen dann u. a. das Bildnis der Schwester
Friedrich Nietzsches, der Frau Elisabeth Forster-Nietzsche, das auf der Kiinst-
lerbund-Ausstellung in Weimar 1906 groBes Aufsehen erregte, das auf grau
und rot gestimmte, sehr feine Bildnis seines eigenen Tochterchens im Winter-
mantel und mit Pelzbarett, vor einer Gardine stehend, das hochst vornehme
Bildnis seiner Schwiegermutter, die Bildnisse der Dichter Theodor Storm,
Detlev v. L,iliencron und Gustav Falke, ein lebensgroBes Bildnis der jugend-
lichen Groflherzogin von Sachsen- Weimar, Studien fur ein Bildnis Nietzsches
und die beiden Kniebildnisse der Herzoge von Sachsen- Altenburg und von
Sachsen-Meiningen fur die Universitat Jena. AuBer den schon erwahnten
besitzen folgende offentlichen Sammlungen Bilder O.s: Kaiser-Friedrich-
Museum in Magdeburg (Bildnis des Magdeburger Oberburgermeisters Schnei-
der), die Kunsthalle in Kiel (Kuhe auf der Weide), das Behnsche Haus in
Lubeck (Am Gartentor), die Kunsthalle in Bremen (Bildnis Klaus Groths;
ein drittes Bildnis des Dichters im Museum zu Oldenburg) und das Museum
in Weimar (Ernte). O.s bekannteste Radierungen sind das ergreifende Bildnis
des kranken Friedrich Nietzsche und der markante Profilkopf Klaus Groths,
die beide zuerst in der Kunstzeitschrift »Pan« erschienen. Hervorgehoben
seien ferner die radierten Bildnisse des Admirals von Hollmann, des Dichters
Casar Flaischlen, das geschabte Huftbild des Philosophen Eucken im Armstuhl,
das geschabte Halbfigurbildnis des Anatomen His und das in Schabkunst
und kalter Nadel ausgefuhrte Bildnis der Frau Geheimrat Luise Delbriick.
Auch auf lithographischem Gebiet hat sich O. wiederholt versucht ; so schuf
er in dieser Technik ein groBes Bildnis Elise Averdiecks, das die verehrte
Greisin in ihrem Arbeitszimmer darstellt, und das auf Anregung der Ham-
burger Kunsthalle zum Jubilaum der Lithographie 1897 entstanden ist. Eine
im Kasseler Kunstverein am 1. Mai 1918 eroffnete Gedachtnisausstellung, in
der O.s umfangreicher klinstlerischer NachlaB gezeigt wurde (ca. 65 Bilder
und Studien, dazu viele Bildnisradierungen), lieB die Entwicklung dieses
Olde. Philippovich von Philippsberg no
feinen, liebenswurdigen Kiinstlers gut iibersehen. Die Stadt Kassel erwarb
auf dieser Ausstellung ein sonniges Interieur »Diele in BorgfekU (1899) und
eine Stimmungslandschaft »Reinhardswald« (1914). O.s sympathische auflere
Erscheinung ist uns in einem friihen Selbstbildnis aus der Miinchener Zeit
und in einer Marmorbuste seines Freundes und Landsmannes Adolf Briitt
erhalten. Die Erfullung eines alten Lieblingswunsches, seinen Lebensabend
auf seinem holsteinischen Giitchen zu verleben, sollte ihra nicht zuteil werden;
unerwartet schnell wurde er wenige Tage, nachdem ihn die Nachricht getroffen
hatte, daB sein altester Sohn den Seemannstod fur das Vaterland erlitten hatte,
aus einem arbeitsreichen Leben durch den Tod gerissen. Von den zahlreichen
Ehrungen, die ihm seine Kunst gebracht hat, seien genannt: Silberne Medaille
in Paris, Goldene Medaille in Diisseldorf und Ernennung zum Ehrenmitglied
der Weimarer Hochschule fur bildende Kunst.
Literatur: Fr. Jansa, Deutsche bild. Kiinstler in Wort und Bild, Leipzig*Ji9i2. —
W. Schafer, H. O. (Deutsche Monatshefte 1910 [= Jahrg. 10 der » Rheinlande «] , S. 213
bis 216 (mit 4 Textabbildungen, 1 Rad. und 4 Tondrucktafeln). — G. Gronau, H. O. (Vel-
hagen & Klasings Monatshefte, Jahrg. 34, Bd. I, Januar 1920, S. 514/28. — Kunst und
Kiinstler, XVI (1918) 1 56 (Nekrolog von J. Elias). — Kunstchronik, N. F. XXIX (1917/18)
Sp. 81/84 (G. Gronau). — Nucleus, Neues aus dem alten Weimar (Zeitschrift fur bild.
Kunst. N. F. XIX [1908] in ff., mit 4 Abbildungen).
Leipzig. Hans Vollmer.
Philippovich von Philippsberg, Eugen, o. Professor der Nationalokonomie in
Wien, * am 15. Marz 1858 in Wien, | am 4. Juni 1917 in Wien, — Sohn des
osterreichisch-ungarischen Obersten Nikolaus v. P., entstammt einer stidoster-
reichischen Offiziersfamilie, der auch der Eroberer Bosniens angehorte. E. P.
studierte in Graz, Wien und Berlin, habilitierte sich 1884 in Wien, wurde
1885 nach Freiburg i. B. als aufierordentlicher Professor berufen, wurde dort
1888 ordentlicher Professor, ging 1893 in gleicher Eigenschaft nach Wien, wo
er bis zu seinem Tode lehrte.
Man hat P.s Hauptbedeutung vielfach in dem Versuch erblicken wollen,
zwischen der Grenznutzen- und der historischen Schule zu vermitteln. Ein
genauer Blick iiber seine Arbeiten, in denen auch die Einzelheiten in iiber-
raschend tiefer Weise ausgearbeitet sind, zeigt jedoch, daB diese Ansicht
seinem Wirken unrecht tate. Er kam von der Grenznutzschule her als Lieb-
lingsschuler KarlMengers (s. DBJ. 1921, S. 192 ff.), der ihn hoch iiber Bohm-
Bawerk (s. DBJ. 1914 — 16, S. 3 ff.) und Wieser stellte, und er stand mit
Schmoller (s. unten S. 124 ff.) als zweiter Fiihrer des Vereins fur Sozialpolitik
in guter Fuhlung. Aber er erkannte deutlich den Epigonencharakter beider
Richtungen. Sein innerster Ehrgeiz war, eine Synthese zwischen Adam Smith
und Karl Marx zu versuchen. Viele Ansatze dazu sind in seinem Lehrbuch ent-
halten. Die enzyklopadische Beherrschung des ganzen Materials der national-
okonomischen Wissenschaft gab dem Lehrbuch Bedeutung, erschwerte aber
seine Fortfuhrung. Das Buch iiber die »Bank von England* gilt in England
als die klassische Darstellung des wichtigsten Teils der Geschichte der Noten-
bank. Dem scharfen Angriff , der gegen Grundanschauungen von P. in der be-
riihmten Produktivitatsdebatte des Vereins fiir Sozialpolitik in Wien von Max
Weber (s. unten S. 593 ff.) und Werner Sombart gerichtet wurde, ist nach
120 1917
scheinbarem Erfolge wahrend eines Jahrzehntes die Dauerwirkung versagt
geblieben. Die neueste Entwicklung der Wissenschaft, namentlich auch in
den Vereinigten Staaten, bewegt sich zweifellos in der Richtung, die P. ge-
gangen war.
L»iteratur: Seine Werke sind: Die Bank von England im Dienste der Finanzverwal-
tung des Staates (1885), 2. Aufl. (1914), auch in englischer Sprache. — t)ber Aufgabe
und Methode der politischen Okonomie (1886). — Die direkten Steuern des GroBherzog-
tums Baden (1888). — Der badische Staatshaushalt 1868— 1889 (1889). — Wirtschaft-
licher Fortschritt und Kulturentwicklung (1892). — Grundrifl der politischen Okonomie.
1. Band : Allgemeine Volkswirtschaftslehre (1893), zuletzt von P. bearbeitet 19 14 (7. Aufl.),
derzeit 18., unveranderte Aufl.; 2. Band: Volkswirtschaftspolitik, 1. Teil (1899), seit 1918
bearbeitet von Somary, derzeit 18. Aufl., 2. Teil (1907), seit der 10. Aufl. bearbeitet von
Somary. — Wiener Wohnungsverhaltnisse (1894). — Die Entwicklung der wirtschafts-
politischen Ideen im 19. Jahrhundert (19 10). — Zahlreiche Aufsatze in Fachzeit-
schriften, Schriften des Vereins fiir Sozialpolitik, Archiv, Conrads Jahrbuch, Finanzarchiv,
Jb. f . G. V., Zeitschrift fiir Volkswirtschaft, Revue d'Economie politique, Quarterly Journal,
Mitarbeit am Handworterbuch der Staatswissenschaften und Stengels Worterbuch, Her-
ausgeber der Wiener Staatswissenschaftlichen Studien (mit Bernatzik) und der Zeitschrift
fiir Volkswirtschaft (zusammen mit Bohm-Bawerk und Inama). — P.s Bibliothek wurde
von der Universitat Utrecht angekauft.
Zurich. Felix Somary.
Puttkamer, Jesko Albert Eugen v., Gouverneur a. D., * am 2. Juli 1855 in
Berlin, f am 23. Januar 1917 in Berlin. — Sein Vater war der langjahrige
konservative preuBische Minister des Innern v. P. Jesko v. P. besuchte das
Wilhelms-Gymnasium zu Berlin und das Gymnasium zu Gumbinnen, wo er
im Jahre 1873 das Abiturientenexamen machte. Seiner Militarpflicht geniigte
er als Einjahrig-Freiwilliger beim Schleswig-Holsteinschen Ulanenregiment
Nr. 15 in StraBburg. Er studierte in StraBburg, Leipzig, Freiburg, Breslau
und Konigsberg Jurisprudenz und trat nach abgelegtem 1. Staatsexamen am
1. Mai 1881 als Referendar beim Oberlandesgericht in Konigsberg ein. Vom
1. April 1882 bis Marz 1883 war er beim Kammergericht in Berlin beschaftigt.
Damals entschloB sich v. P., in den Konsulatsdienst einzutreten, und er
wurde zunachst dem Kaiserlichen Konsulat in Chikago zur Beschaftigung
iiberwiesen.
Im April 1884 wurde er zu seiner weiteren Ausbildung im Konsulatsfach
in das Auswartige Amt eingezogen. Wahrend seiner Tatigkeit im Auswartigen
Amt wurden die Schutzgebiete von Togo, Kamerun, Siidwestafrika und Ost-
afrika durch das Reich erworben, und nun meldete sich P. zum Kolonial-
dienst. Im Mai 1885 wurde er dem ersten deutschen Gouverneur von Kamerun,
dem Freiherrn v. Soden, als Kanzler beigegeben. Er war nun in den folgenden
Jahren abwechselnd als Kanzler von Kamerun, stellvertretender Gouverneur
von Kamerun und stellvertretender Kommissar von Togo tatig.
Eine fiir seine ganze koloniale Tatigkeit besonders wichtige Episode war
seine Entsendung nach Lagos. Am 6. August 1888 wurde er mit der interi-
mistischen Leitung des deutschen Konsulats in Lagos betraut. Er hatte hier
nicht nur Gelegenheit, die Methoden der damaligen englischen Kolonial-
verwaltung kennenzulernen, sondern er erhielt auch den Auftrag, sich durch
eine Reise den Niger aufwarts uber die politischen Verhaltnisse im Innern
Nigeriens zu unterrichten. Diese Reise, die er zum groBen Teil unter den da-
Philippovich von Philippsberg. Puttkamer 121
maligen primitiven Verhaltnissen im Kanu machen mufite, brachte ihn auch
mit der englischen Nigerkompagnie in Verbindung, die damals auf Grund
einer Royal Charter den groflten Teil des ostlichen Nigeriens verwaltete und
durch ihr Monopol wirtschaftlich beherrschte.
Nachdem P. im Oktober 1889 wieder mit der Vertretung des Kaiserlichen
Kommissars von Togo betraut worden war, wurde er im Dezember 1891 end-
gultig zum Kommissar, spater zum Landeshauptmann von Togo ernannt.
Als nach dem Dahomey- A uf stand, Ende 1894, Herr v. Zimmerer aus dem
Amte des Gouverneurs von Kamerun ausschied, wurde P. nach Kamerun als
Vertreter des Gouverneurs gesandt. Im August 1895 wurde er endgiiltig zum
Gouverneur von Kamerun ernannt, welches Amt er bis zum Jahre 1907 ver-
waltete, worauf er in den einstweiligen Ruhestand versetzt wurde. 1908 wurde
er pensioniert und war dann nur noch privatim fur die koloniale Sache tatig
als deutscher Vertreter bei einigen franzosischen Kolonialgesellschaften, deren
Gebiet durch das deutsch-franzosische Abkommen vom 4. November 191 1
zum Teil an das Schutzgebiet Kamerun gef alien war.
Als P. im Januar 1895 von dem bisherigen Gouverneur v. Zimmerer die
Verwaltung des Schutzgebietes von Kamerun ubernahm, stand er vor einer
ungewohnlich schwierigen Aufgabe. Das Schutzgebiet war im Anfang der Ent-
wicklung steckengeblieben. Die Ergebnisse der Expeditionen von Zintgraff,
Morgen, Stetten, Ramsay, die bis nach Adamaua vorgedrungen waren, hatten
aus Mangel an Mitteln nicht ausgenutzt werden konnen. Durch den Dahomey-
Aufstand war am Sitz des Gouvernements ein groBer Teil der Gebaude schwer
beschadigt worden. In die Verwaltung war Verwirrung gekommen, die Polizei-
truppe war aufgelost und in eine Schutztruppe umgewandelt worden. Die
Beziehungen der Schutztruppe zum Gouverneur waren unklar. Der Komman-
deur der Schutztruppe, Rittmeister v. Stetten, glaubte von dem Gouverneur
vollstandig unabhangig zu sein und weigerte sich, seine Unterstellung anzu-
erkennen.. Dazu kam ein personliches Moment. Der Kommandeur der Schutz-
truppe, Rittmeister v. Stetten, war der Ansicht, dafi ihm die Nachfolge des
Gouverneurs v. Zimmerer im Auswartigen Amt zugesichert worden sei und
glaubte, dafi P. ihm diese Stellung weggenommen habe. So begann die Tatig-
keit des neuen Gouverneurs mit einem Konflikt mit dem Kommandeur der
Schutztruppe. Trotzdem ist es der Tatkraft und der Geschicklichkeit P.s in
kurzer Zeit gelungen, die Entwicklung des Schutzgebietes in geordnete
Bahnen zu bringen und auch ein ertragliches Verhaltnis zur Schutztruppe
herzustellen.
Seine nachste Aufgabe war, die Verwaltung an der Kiiste neu zu organisieren.
Zu den beiden vorhandenen Bezirksamtern Victoria und Kribi bildete er ein
drittes Bezirksamt, das Bezirksamt der Mitte, damals als Bezirksamt Kamerun,
spater als Bezirksamt Duala bezeichnet.
Um wenigstens den Rest der Ergebnisse der Zintgraffschen Expedition zu
retten, wurde am Barombisee bei Kumba eine neue Station eingerichtet, die
der Gouverneur nach dem hochverdienten Prasidenten der Deutschen Kolonial-
gesellschaft, Herzog Johann Aibrecht zu Mecklenburg (s. unten S. 547 ff.),
Johann-Albrechts-Hohe nannte. Diese Station, die Zivilstation war und in
erster Linie wirtschaftliche Aufgaben hatte, sollte den Einflufi des Gouver-
nements am oberen Mungo sichern und ausdehnen. Dieselbe Aufgabe hatte
122 1917
am Sanaga die Zivilstation Edea bei den Sanagaf alien. Die beiden Stationen
im Siiden Lolodorf und Jaunde wurden zu reinen Militarstationen gemacht
mit der Aufgabe, den Siiden gegen die rauberischen Ngumbas bei Lolodorf
und die kriegerischen Wutes hinter Jaunde zu sichern.
Zu gleicher Zeit wurden die Besitzverhaltnisse an der Kiiste einer eingehen-
den Priif ung unterzogen. Mit den an der Kiiste ansassigen deutschen und schwe-
dischen Firmen, die auf Grund von Vertragen mit den Eingeborenen beinahe
das ganze Kiistenland als Privateigentum beanspruchten, wurde im Vergleichs-
wege ein Abkommen getroffen, das die Anspniche der Firmen auf einzelne,
bereits in Betrieb genommene Plantagen beschrankte. Da der Gouverneur
durch seine Reisen nach St. Thome' die dortigen ertragreichen Kakaokulturen
kennengelernt hatte, beschloB er zur wirtschaftlichen Entwicklung des Ge-
bietes an den Abhangen des Kamerunberges eine groBe Kakaokultur ins Leben
zu rufen. DaB er dabei nicht den Weg der Eingeborenenkulturen wahlte, son-
dern den europaischer Plantagenunternehmungen, lag in der Natur der Sache.
Die Eingeborenen am Kamerunberg waren mit Ausnahme der wenigen Victo-
rianer, die nicht aus dem Lande selbst stammten, kulturell noch so weit
zuriick, daB an eine Forderung der Kakaokultur durch Eingeborene nicht zu
denken war. War doch erst um Weihnachten 1894 Buea, der Sitz des trotzigen
Bakwirihauptlings Kuba, eingenommen worden und damit einigermaBen
Ruhe und Sicherheit im Gebirge eingekehrt.
Auch den Handel mit denjenigen Produkten, die die Eingeborenen selbst
gewannen, besonders Palmkerne, Palmol und Kautschuk, suchte der Gouver-
neur in jeder Weise zu fordern, indem er durch Verhandlungen mit den ein-
zelnen Stammen oder durch militarische Expeditionen das Monopol der
Kustenstamme zu brechen suchte. Das gelang am Wuri und Mungo auf
friedlicbem Wege, im Siiden durch die Militarstationen Lolodorf und Jaunde.
Schwieriger lagen die Verhaltnisse in der Gegend zwischen Sanaga und Njong,
weil es der Expedition von Stetten im Jahre 1895 nicht gelang, die kriege-
rischen Bakokos zwischen Edea und Jaunde zur Freigabe des Handels zu
zwingen.
Die Bestrebungen des Gouverneurs auf Ausdehnung und Befestigung der
deutschen Herrschaf t und wirtschaf tliche ErschlieBung des Landes beschrankte
sich aber nicht auf die Kiiste. Er suchte vielmehr moglichst bald das ganze
durch die Vertrage mit Englandern und Franzosen gesicherte Gebiet bis zum
Tschadsee im Norden und Sanga-Ngoko im Siiden der deutschen Verwaltung
zu unterstellen und dem deutschen Handel zu offnen. Diesem Zwecke diente
die groBe Expedition unter Hauptmann v. Kamptz nach Adamaua 1888/89
und die Errichtung einer Station in Molundu in der Siidostecke des Schutz-
gebietes.
Zur wirtschaftlichen ErschlieBung des Landes aber fehlten vor alien Dingen
die erforderlichen finanziellen Mittel. Der Gouverneur glaubte in Uberein-
stimmung mit der damaligen Abteilung des Auswartigen Amtes die Entwick-
lung des Schutzgebietes rasch fordern zu konnen durch Hereinziehung deut-
schen Kapitals im Wege der Verleihung groBer Landkonzessionen. Es kamen
die Konzessionen vpn Siidkamerun und Nordwestkamerun zustande, die spater
zu auBerordentlich starken Angriffen nicht nur gegen diese Landgesellschaften,
sondern auch gegen den Gouverneur fiihrten.
Puttkamer 1 23
Zu gleicher Zeit war durch die Einrichtung einer Reihe von Plantagen am
Kameninberg die Arbeiterfrage kritisch geworden. Die Ktistengebiete waren
zu schwach bevolkert, um die notigen Arbeiter stellen zu konnen. Auch waren
die Bewohner dieser Urwaldzone aui3erordentlich schwer zu regelrechter Ar-
beit zu bewegen. Es blieb also nur iibrig, entweder die Arbeiter in fremden
Kolonien anzuwerben, was auf der einen Seite zu teuer geworden ware, auf
der anderen Seite von Tag zu Tag schwieriger wurde, weil die fremden Kolo-
nien ihre Arbeitskrafte selbst brauchten, oder aber die kraftigen und kulturell
hoher stehenden Stamme des Binnenlandes als Arbeiter an die Kiiste zu ziehen.
Zu gleicher Zeit ergaben sich bei Abgrenzung der Plantagen fortdauernde
Streitigkeiten zwischen den Eingeborenendorfern und den I^eitungen der Plan-
tagen. Gegen die monopolartigen Handelsrechte der groBen Landgesellschaften
wandten sich nun aber auch die Ktistenfirmen, so da 13 der Gouverneur vor
einer Reihe schwerwiegender Fragen stand, die um so schwerer zu losen waren,
als an der Frage der geordneten Abgrenzung der Eingeborenendorfer auch die
Missionen interessiert waren und die Landkonzessionen die offentliche Mei-
nung Deutschlands stark erregten.
Es kam noch dazu, daB durch die rasche Ausdehnung der Verwaltung auf
Gebiete, die beinahe so groB waren, wie das Deutsche Reich, eine fortdauernde
Personalvermehrung notwendig wurde, die im Reichstag auf Widerstand
stiefi, weil ganz natiirlicherweise die Einnahmen aus den neubesetzten Ge-
bieten nicht von vornherein die Verwaltungskosten decken konnten. Auch
die Frage der wirtschaftlichen ErschlieBung des Schutzgebietes durch Bau
von StraBen, Reinigung der schiffbaren Teile der Fliisse und Bau von Eisen-
bahnen vermehrte die Arbeit des Gouvernements. Das Reich war nicht dazu
zu bringen, Mittel zum Bau von Eisenbahnen zur Verfiigung zu stellen. Es
muBte auch hier der Weg der Erteilung von Konzessionen beschritten werden,
und das fuhrte zu neuen Kampfen. SchlieBlich erhielt die Kameruner Eisen-
bahngesellschaft die Konzession zum Bau einer Eisenbahn von Duala mungo.
aufwarts nach den Hochlandern des Innern.
Trotz aller dieser Kampfe ging die wirtschaftliche Entwicklung des L,andes
in raschem Tempo vorwarts. Nachdem die Plantagen an der Kiiste ihre
Kinderkrankheiten iiberwunden hatten und ein regelmaBiger Arbeiterzuzug
gesichert war, entwickelten sie sich in gesunder Weise. Im Siiden drang der
deutsche Handel sehr rasch nicht nur iiber den Sanga, sondern auch auf der
StraBe Kribi, Lolodorf, Jaunde ins Innere weit vor, und als im siidlichen
Hinterland groBe Bestande eines Gummibaumes, der Kickxia elastica, ge-
funden wurden, nahm die Kautschukgewinnung einen ungeahnten Aufschwung.
Mitten aus dieser Entwicklung wurde der Gouverneur v. P. herausgerissen.
Es waren infolge der allgemeinen Krisis, in die die deutsche Kolonialverwal-
tung durch den groBen Eingeborenenaufstand in Siidwestafrika hineingerissen
wurde, in Deutschland eine Reihe Angriffe nicht nur gegen seine Verwaltung,
sondern auch gegen ihn personlich gerichtet worden. Im Januar 1906 wurde
Gouverneur v. P. abberufen.
Die Tatigkeit des Gouverneurs v. P. hat in der Zeit, in der er als Gouverneur
in Kamerun wirkte, die verschiedenste Beurteilung gefunden, je nach dem
Standpunkt, den der Beurteiler zu kolonialen Fragen iiberhaupt einnahm.
Heute, nachdem zwei Jahrzehnte seit seinem Ausscheiden aus Kamerun hin-
124 lgl?
gegangen sind, laBt sich diese Tatigkeit ruhiger beurteilen, und da ist es kein
Zweifel, daB P. seine ganze Kraft an die kolonialen Aufgaben gewandt hat.
Er war ein Mann von Geist und Energie und hatte dabei groBe kunstlerische
Interessen. Besonders nachdem er Gouverneur von Kamerun war, setzte er
seine ganze Kraft daran, das Land wirtschaftlich vorwarts zu bringen. Er hat,
nie rastend beinahe das ganze Schutzgebiet bereist ; war nicht nur im ganzen
Kustengebiet, sondern auch in Adamaua und am Sanga-Ngoko. Durch seine
vielen Reisen nach englischen Kolonien, nach dem Kongo, nach spanischen
und portugiesischen Kolonien hatte er einen Einblick gewonnen in die ganze
Entwicklung Westafrikas. Im allgemeinen richtete er seine Kolonialpolitik
nach englischem Muster ein. Besonders auch auf dem Gebiete der Eingeborenen-
politik. Er war nicht, wie vielfach behauptet worden ist, ein Vertreter der
Unterdriickung der Eingeborenen ; im Gegenteil, er suchte die Eingeborenen
nicht nur zur wirtschaftlichen, sondern auch zur politischen Entwicklung des
Landes heranzuziehen. Unter seiner Regierung wurde von der Kiiste aus bis
nach Jaunde ein Netz von Eingeborenenschiedsgerichten gebildet, die wohl
als Grundlage dienen konnten fur eine selbstandige politische Entwicklung
der Eingeborenen. Dem heute in der Offentlichkeit iiberall vertretenen Satz,
daB der Eingeborene nicht zu einem Zerrbild des Europaers heranzubilden
sei, sondern sich seiner Fahigkeit entsprechend eine eigene Kultur schaffen
soil, stand P. durchaus nicht ablehnend gegenuber. Wenn er mit seinen MaB-
nahmen haufig auf den Widerstand einzelner Kreise stieB, so lag das eben
daran, daB die verschiedenen Interessen der groBen Pflanzer, der Kaufleute
und der Missionen haufig schwer zu vereinen waren. Auch die Eingeborenen-
kulturen hat P. nicht grundsatzlich abgelehnt. Wenn er sie nicht in dem
MaBe forderte, wie das durch die Basler Mission an der englischen Goldkiiste
geschehen ist, so lag das zum groBen Teil daran, daB es viel schwerer war,
die Eingeborenen in Kamerun zur selbstandigen wirtschaftlichen Tatigkeit
zu bringen, als an der weiter fortgeschrittenen englischen Goldkiiste.
Das Verdienst aber wird man ihm nicht abstreiten konnen, daB er unter
den schwierigsten Verhaltnissen und fortdauernden Angriffen von alien Seiten
das Schutzgebiet erheblich vorwarts gebracht hat. Der beste Beweis ist das
Anwachsen der Ein- und Ausfuhr von 1895 bis 1905. Wahrend im Jahre 1895
der Gesamtwert der Ein- und Ausfuhr des Schutzgebietes rund 10400000 Mark
betrug, war er im Jahre 1905 auf das Doppelte, rund 20300000 Mark, gestiegen.
Das Ende des Weltkrieges hat Gouverneur v. P. nicht mehr erlebt, er starb
am 23. Januar 1917.
I/iteratur: v. P., Gouvemeurs jahre in Kamerun, Berlin 1912.
Berlin-Charlottenburg. Theodor v. Seitz.
Schmoller, Gustav v., Professor der Staatswissenschaften an der Universitat
Berlin, Wirklicher Geheimer Rat, * am 24. Juni 1838 in Heilbronn, f am
27. Juni 1917 (auf einer Reise in Harzburg. — Sch. war der Sohn eines wiirttem-
bergischen Kameralverwalters, dessen Urahn als Kriegskommissarius Bern-
hards von Weimar im DreiBigjahrigen Kriege nach Schwaben gekommen
und dort ansassig geworden war; miitterlicherseits stammte er aus dem
kaufmannischen Patriziat des bedeutendsten altwurttembergischen Industri e-
Puttkamer. Schmoller
125
zentrums Calw, wo sein GroB vater und sein UrgroB vater Gartner als nam-
hafte Privatgelehrte, Naturforscher und Botaniker, ein vornehm zuriick-
gezogenes Leben fuhrten, der UrgroBvater Mitglied der Petersburger Aka-
demie unter der Kaiserin Katharina II., der GroBvater im Verkehr mit Goethe
und in wissenschaftlichem Brief wechsel mit Darwin. Die Mutter hat er fruh
verloren; der Vater, ein giitiger Mann von ernster Gesinnung, aber heiterem
Temperament, hat seine wie seiner Geschwister Erziehung hauptsachlich
selbst geleitet und ihm den Trieb, nach etwas Ordentlichem und Tuchtigem
in stetiger Arbeit zu streben, von Jugend auf durch Mahnung und Beispiel
eingefloBt. Er gait in der Jugend als Schwindsuchtskandidat und ist dadurch
zu hygienischer Lebensfuhrung und planvoller Arbeitsokonomie erzogen
worden. Der Gymnasialunterricht in seiner Vaterstadt hat ihn nicht besonders
angesprochen ; philologische Studien und Methoden haben auch in seinem
spateren Leben keine besondere Rolle gespielt. Ihn interessierten mehr die
Dinge des praktischen Lebens, Menschen und Zustande der heimischen Um-
gebung und allgemeinere wissenschaftliche Betrachtungsweisen. Der Vater
hatte ihn zum Beamten bestimmt, wie es in der Familientradition lag, und
beschaftigte ihn, nachdem er das Gymnasium absolviert hatte, zugleich mit
Rucksicht auf seine schwachliche Gesundheit, vor dem Universitatsstudium
noch ein Jahr lang in seiner Amtskanzlei, wo er nicht nur die Elemente des
Finanz- und Verwaltungsrechts kennenlernte, sondern auch eine lebendige
Anschauung von Land und Leuten, von Sozial- und Wirtschaftsverhaltnissen
gewann. Seine Universitatsbildung hat er ausschlieBlich auf der heimischen
Hochschule Tubingen in den vier Jahren von 1857 D^s I^01 genossen. Die
nationalokonomischen Professoren Schiiz und Helferich haben keinen bedeu-
tenden EinfluB auf ihn geiibt, ebensowenig die Juristen. Starkere Eindriicke
empf ing er von den historischen Vorlesungen Max Dunckers. AuBer Geschichte
und Philosophie trieb er mit Vorliebe auch Physik, Chemie, Maschinenlehre.
Am SchluB seiner Studienzeit machte er sich an die Bearbeitung einer von
Schiiz gestellten Preisaufgabe iiber die volkswirtschaftlichen Anschauungen
der Reform ationszeit. Er gewann den Preis und wurde auf diese Arbeit hin,
die in der »Tiibinger Zeitschrift« erschien, zum Doktor der Staatswissenschaften
promoviert. Zugleich bestand er damals, 186 1, das erste kameralistische Exa-
men und durfte das erste Studium der Vorbereitungszeit als Finanzreferendar
bei seinem Vater in Heilbronn absolvieren, wo er MuBe zu wissenschaftlicher
Lektiire fand. Er begann ein griindliches Studium der philosophischen Systeme,
die von 1750 bis 1850 von EinfluB auf die Ausbildung der nationalokono-
mischen Theorien gewesen waren. Er war schon damals von der historischen
Richtung ergriffen, die Hildebrand und Roscher eingeschlagen hatten und die
auch Knies verfolgte. DaB das sogenannte klassische System der englischen
Nation alokonomie auf ganz anderen tatsachlichen Voraussetzungen beruhte,
als sie die Wirklichkeit des Lebens in Deutschland darbot, war schon seit List
ein Hauptargument gegen die Allgemeingiiltigkeit dieser Lehre; Sch. ge-
dachte nun auch ihre Abhangigkeit von philosophischen Anschauungen nach-
zuweisen, die in Deutschland damals als iiberwundener Standpunkt erschienen.
Das Buch, in dem er diesen Nachweis fiihren wollte, ist nicht zustande ge-
kommen, aber die Vorarbeiten dazu haben in Sch.s spateren Produktionen
nachgewirkt.
126 1917
Besonders wichtig wurde es fur Sch.s weitere Ausbildung, dafi er das zweite
Stadium seiner Vorbereitungszeit bei dem Statistischen Amt verbringen durf te,
dessen Leitung sein Schwager Gustav Riimelin nach dem Riicktritt vom
Kultusdepartement tibernommen hatte. Dieser bedeutende Mann, der auch
aus Heilbronn stammte und 1847, damals Rektor einer Lateinschule, eine
Scliwester Sch.s geheiratet hatte, 1848 im Frankfurter Parlament Mitglied
der erbkaiserlichen Partei und 1849 Mitglied der Deputation gewesen war,
die Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone anbot, hat einen sehr starken Ein-
fluB auf den jungen Sch. geiibt, einmal durch das Vorbild eines Gelehrten
von weiter, allgemeiner Bildung, das er ihm gab, dann aber auch durch die
in Wurttemberg damals seltene Schatzung des preufiischen Staatswesens,
die er ihm einfloBte. Er iibertrug ihm jetzt die Bearbeitung der eben damals
vorgenommenen wiirttembergischen Gewerbezahlung ; und diese statistische
Arbeit, die 1862 in dem Wiirttembergischen Jahrbuch erschien, hat spater den
Kurator der Universitat Halle, den fruheren Posener Oberprasidenten v. Beuer-
mann, veranlafit, die Berufung des Verfassers als Extraordinarius an die Uni-
versitat Halle in Vorschlag zu bringen. Eben damals hatte sich der junge
Sch. die wiirttembergische Beamtenlaufbahn verschlossen durch eine Broschure,
welche in der durch den preuBisch-franzosischen Handelsvertrag von 1861
herbeigefuhrten Krisis des Zollvereins fiir die preuBische Sache und gegen die
im Lager Osterreichs stehende wiirttembergische Regierung eintrat. Im Friih-
jahr 1864 nahm er daher ohne Zogern den Ruf nach Halle an. Vor dem Antritt
der Professur schrieb er noch einen bedeutenden Artikel iiber die Arbeiter-
frage fiir die »PreuBischen Jahrbucher«, den man wohl als das erste Programm
einer neuen sozialpolitischen Richtung in der deutschen Nationalokonomie
bezeichnen kann.
Die Verpflanzung nach Halle, zumal die Nachfolge in das Ordinariat von
Eiselen (1865), der eine Art von preuBischer Staatskunde vorzutragen pflegte,
brachte fiir Sch. die Aufgabe mit sich, auf dem Boden des preufiischen Staates,
seiner Verfassung, Verwaltung und Volkswirtschaft sich in derselben Weise
zurechtzufinden wie einst in seinem wiirttembergischen Heimatlande. Er wurde
Stadtverordneter in Halle, urn die stadtische Verwaltung aus eigener An-
schauung kennenzulernen, und arbeitete in den Ferien in dem Berliner Archiv,
wobei er mit richtigem Blick die Verwaltungsgeschichte der Epoche Friedrich
Wilhelms I. zum Hauptgegenstand seiner Studien machte. Preufien wurde
ihm mehr und mehr das Paradigma, an dem er die Verknupfung von Staats-
und Wirtschaftsleben, namentlich im Finanzwesen, in konkreter Anschau-
lichkeit studierte.
In Halle hat sich der junge Professor auch seinen Hausstand gegriindet
durch die Verheiratung mit Lucie Rathgen, der Tochter eines weimarischen
Geheimen Rates und Enkelin des von ihm hochverehrten Niebuhr. Aus
dieser sehr gliicklichen und harmonischen Ehe sind zwei Kinder, ein Sohn und
eine Tochter entsprossen. Das literarische Hauptwerk der Hallischen Jahre
war die »Geschichte des deutschen Kleingewerbes im 19. Jahrhundert* (1870),
das angesichts des soeben zum Durchbruch gekommenen Prinzips der Ge-
werbefreiheit auf die Notwendigkeit hinwies, nicht alles dem freien Spiel
der Konkurrenz zu iiberlassen, sondern hie und da im Interesse des Gemein-
wohls doch auch wieder hemmend, fordernd, regulierend einzugreifen. Das
Schmoller
127
war ein neuer Ton, der in dem Imager des damals maBgebenden liberalmanche-
sterlichen Kongresses der Volkswirte Aufsehen und MiBfallen erregte. Gegen
dies Buch von Sen. und zugleich auch gegen das von Brentano liber die eng-
lischen Gewerkvereine schrieb einer der einfluBreichsten Publizisten jener
Richtung, Heinrich Bernhard Oppenheim, einen beruhmt gewordenen Artikel
in der »Nationalzeitung«, in dem die neue Schule von Sozialpolitikern als »Kathe-
dersozialisten« vor der Offentlichkeit angeklagt wurde. Brentano, damals
Privatdozent in Berlin, nahm den Fehdehandschuh auf; durch ihn angeregt,
setzte sich Adolf Wagner (s. unten S. 1735.), der Ordinarius in Berlin, der
bis dahin sozialpolitisch noch nicht hervorgetreten war, mit Sch. in Verbindung;
und in dessen Hause zu Halle wurde von einer kleinen Gruppe, zu der auch
Hildebrand und sein Schuler Conrad gehorten, jene Zusammenkunft in Eise-
nach verabredet, auf der am 5. und 6. Oktober 1872 der Verein fiir Sozial-
politik gegriindet worden ist. Sch. hielt dabei die einleitende Ansprache; der
Vorsitz wurde zunachst an den Bonner Professor Erwin Nasse iibertragen ; als
dieser gestorben war (1890), wurde Sch. sein Nachfolger.
Die Berufung an die neu begriindete Universitat StraBburg (1872) fuhrte
Sch. zu eingehenden wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Untersuchungen,
die der Vergangenheit StraBburgs, namentlich der Zeit vom 13. bis 15. Jahr-
hundert gewidmet waren und aus denen schlieBlich das Buch iiber die Tucher-
tmd Weberzunft hervorgegangen ist, das 1879 erschien. In diesem Werke,
das ganz auf urkundlichem Material aufgebaut war, bei dessen Bearbeitung
ein talentvoller Schuler, Wilhelm Stieda, geholfen hatte, gait es, das Wesen
der mittelalterlichen Stadtwirtschafts- und Gewerbepolitik an einem ty-
pischen Beispiel darzustellen und wissenschaftlich zu erlautern. Der Lehrbetrieb
in dem mit Knapp und I^exis zusammen geleiteten staatswissenschaftlichen
Seminar gab Sch. Veranlassung zur Begriindung der groBen Reihe »staats-
und sozialwissenschaftlicher Forschungen«, die seit 1878 im Verlage von
Duncker & Humblot (Carl Geibel) erschien, eine Sammelstelle fiir die konkret-
realistische Tatsachenforschung, mit der er die Theorie des Wirtschaftslebens
zu fundamentieren bestrebt war. Die Verbindung mit Berlin und den preuBi-
schen Studien wurde nicht abgebrochen. Ein Vortrag iiber die soziale Frage
und den preuBischen Staat, den Sch. in den Osterferien 1874 in Berlin ge-
halten hatte und der in den » PreuBischen Jahrbiichern* gedruckt wurde, gab
dem Herausgeber, H. v. Treitschke, AnlaB dazu, in einigen gleich darauf
folgenden Artikeln iiber den Sozialismus und seine Gonner, gegeniiber dem
von Sch. aufgestellten sozialpolitischen Reformprogramm seinen eigenen,
auf die Notwendigkeiten einer hoheren Kultur sich berufenden sozialaristo-
kratischen Standpunkt zur Geltung zu bringen, worauf Sch. in einem langeren
offenen Sendschreiben » iiber einige Grundfragen des Rechts und der Volks-
wirtschaft* antwortete, das die ethischen und rechtsphilosophischen Ideen
seines Programms mit siegreicher Warme verfocht. Bald darauf, 1875, als
Sch. Rektor in StraBburg war, sagte ihm Bismarck einmal, er sei eigentlich
auch »Kathedersozialist«, er habe nur noch nicht recht Zeit dazu. Einige
Jahre darauf vollzog sich der groBe Umschwung, der mit der Steuer- und
Wirtschaftsreform auch die Ara der neuen sozialpolitischen Gesetzgebung
eroffnete. Die Ideen Sch.s und seiner Gesinnungsgenossen, die bisher nur als
eine Unterstromung sich bemerkbar gemacht hatten, erhielten jetzt Ober-
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wasser und sollten bald die Muhlen der Gesetzgebung treiben. Mit dieser Wen
dung stand es auch in Zusammenhang, daB Sch. d1'e Leitung des seit einigen
Jahren im Verlage von Duncker & Humblot erscheinenden Jahrbuchs fiir
Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft iibernahm, das erst der Staats-
rechtslehrer Franz v. Holtzendorff und dann Lujo Brentano herausgegeben
hatten. Es war das zweite groBe literarische Instrument, dessen er zur Ver-
wirklichung seiner Ideen und Plane bedurfte, neben den staats- und sozial-
wissenschaftlichen Forschungen,
So war Sch. eine fertige Gelehrtenpersonlichkeit mit stark und deutlich
ausgepragter Eigenart und festbegriindetem Ansehen, als er im Jahre 1882
nach Berlin iibersiedelte, wo er schon zweimal (1870 und 1879) vergeblich
zum Ordinarius vorgeschlagen worden war, wo aber jetzt erst die Bedenken
des Ministeriums gegen seine sozialpolitische Richtung hinwegfielen. Diese
war es, die ihn mit seinem Fachkollegen Adolf Wagner dauernd verband,
wahrend dessen theoretische Einstellung im offenen Gegensatz zu Sch.s
historisch-realistischer Betrachtungsweise stand. Aber nicht mit diesem her-
vorragenden Vertreter der theoretischen Richtung, sondern mit dem Wiener
Volkswirtschaftslehrer Karl Menger (s. DBJ. 1921, S. 192 ff., bes. S. 196 f.)
ist Sch. in den ersten Jahren seiner Berliner Wirksamkeit in einen Aufsehen
erregenden Methodenstreit geraten. Menger hatte in seinen »Untersuchungen
liber dieMethode der Sozialwissenschaften usw.« 1883 einen scharfen Angriff
gegen die historisch-psychologische Behandlungsweise der Nationalokonomie,
wie sie Sch. iibte, gerichtet. Sch. besprach diese Schrift mit sehr abfalliger
und temperamentvoller Kritik und behauptete seinen Standpunkt mit aller
Entschiedenheit. Menger antwortete durch eine neue, noch scharfere Schrift
tiber die Irrtumer des Historismus in der deutschen Nationalokonomie 1884;
aber Sch. schickte das ihm zugesandte Buch unter Protest zuriick und lehnte
es ab, sich auf eine weitere Diskussion einzulassen, die bei der Verschieden-
artigkeit der personlichen Einstellung zu den methodischen Problemen zu
keinem ersprieBlichen Ergebnis fuhren konnte. Es war ein Akt der Selbst-
behauptung seines innersten wissenschaftlichen Wesens; aber er hatte zu-
gleich die verhangnisvolle Wirkung, daB zwischen der nun bald herrschend
werdenden historischen Richtung der Nationalokonomie in Deutschland
und der zukunftreichen osterreichischen Schule, die eine neue auf die soge-
nannte Grenznutzentheorie begriindete Wertlehre ausbildete, ein jaher Bruch
eintrat, der erst nach Jahrzehnten, wo auch Sch. jene Bestrebungen gerecht
und vorurteilsfrei wiirdigte, wieder einer gegenseitigen Annaherung Platz
gemacht hat.
Sch. kam es jetzt vor allem darauf an, ohne Kraft- und Zeitverlust durch
methodische Kontroversen, seinen groBen Lebensplan, die historisch-rea-
listische Grundlegung zu einem neuen System der Staats- und Sozialwissen-
schaften, zu fordern und womoglich selbst noch zur Ausfuhrung zu bringen.
Mit neuer Energie wandte er sich den Studien iiber die preuBische Verwal-
tungs- und Wirtschaftsgeschichte zu. Er faBte seine langjahrigen archivalischen
Forschungen zu einer Reihe von groBen Aufsatzen iiber die brandenburgisch-
preuBische Wirtschaftspolitik im 16., 17. und 18. Jahrhundert zusammen,
aus denen nicht nur ein lebendiges Bild von der Geschichte des Elb- und Oder-
handels, der Verwaltung der neuen magdeburgischen Provinz und des Halli-
Schmoller
129
schen Salzwesens, der Handelsstreitigkeiten zwischen Brandenburg, Sachsen
und Hamburg sich ergab, sondern vor allem eine ganz neue Beleuchtung und
Wiirdigung des Merkantilsystems, das erst jetzt in seiner relativen Berechti-
gung als ein niitzliches und notwendiges Durchgangsstadium in der Geschichte
der wirtschaftychen Politik der neueren Staaten, als die natiirliche wirtschaft-
liche Begleiterscheinung des groBen Prozesses der modernen Staatenbildung
sich darstellte. Dazu kamen tiefschiirfende Aufsatzreihen iiber die Reform
der stadtischen Verfassung und Verwaltung durch Friedrich Wilhelm I.,
iiber die neue Regelung des Innimgswesens tmd der Gewerksprivilegien imter
seiner Regierung, iiber die Entstehung des preuBischen Heeres im 17. und
18. Jahrhundert, sein Verhaltnis zur Verwaltung und zum Wirtschaftsleben,
seine Einfiigung in die Staats- und Gesellschaftsordnung. Das alles waren
Bruchstiicke und Anfange, zu der geplanten Verwaltungsgeschichte unter
Friedrich Wilhelm I.; aber im iibrigen miindete dieser Plan in eine groB-
angelegte Quellenpublikation der Akademie der Wissenschaften, die bald
nach Sch.s Eintritt in diese Korperschaft (1887) unter dem verstandnisvollen
Entgegenkommen des Generaldirektors der preuBischen Staatsarchive, Hein-
richs v. Sybel, seit dem Jahre 1888 unter dem Namen »Acta Borussica:
Denkmaler der preuBischen Staatsverwaltung im 18. Jahrhundert« in die
Wege geleitet wurde und bis zum Anfang des groBen Krieges, wo eine lang-
andauernde Stockung eintrat, auf 22 Bande anwuchs. Sch. selbst, dessen
Vorarbeiten dabei iiberall zugrunde lagen, eroffnete die Reihe iiber » Behorden-
organisation und allgemeine Verwaltung « mit einer stoff- und gedankenreichen
Studie iiber die Entstehung imd das Wesen des Beamtentums in den neueren
Staaten, insonderheit Deutschlands : Mit der Leitung dieser groBen Akten-
publikation kam Sch. in einen engeren und festeren Zusammenhang mit den
historischen Studien uberhaupt, die der Geschichte des preuBischen Staates
gewidmet waren ; er nahm auch teil an der Leitung der Urkunden und Akten-
stiicke zur Geschichte des GroBen Kurfiirsten; er hat fiir diese Publikation
eine Erweiterung iiber den urspriinglichen Rahmen hinaus auf das Gebiet
der inneren Politik, namentlich der Domanen- und Kommissariatsverwaltung
durchgesetzt und in die Wege geleitet. Er iibernahm den Vorsitz des Vereins
fiir die Geschichte der Mark Brandenburg, der unter seinem EinfluB zu einer
landesgeschichtlichen Publikationsanstalt ausgebildet wurde, — imd dessen
Organ, die »Forschungen zur brandenburgischen und preuBischen Geschichte«,
in einen engen Zusammenhang mit den »Acta Borussica « trat.
Zugleich mit diesen historischen Quellenpublikationen behielt Sch. die
Zusammenfassung seiner sozialwissenschaftlichen Forschungen im Auge. Er
stellte tiefgriindige Untersuchungen an iiber Arbeitsteilung, iiber soziale
Klassenbildung, iiber die Formen der Unternehmung. Er hat den okonomischen
Stufengang Hildebrands: Naturalwirtschaft — Geldwirtschaft — Kreditwirt-
schaft — erganzt durch die aus dem konkreten Beispiel der deut schen Wirt-
schaftsgeschichte abgeleiteteEpochenfolge der Stadtwirtschaft, Territorialwirt-
schaft, Volkswirtschaft, und er hat alle diese drei Epochen in aufschluBreichen
Untersuchungen beleuchtet, in denen die Verbindung des Wirtschaftslebens
mit der Staatenbildung zu eindringlicher Anschauung gebracht wurde.
Auf eine Anregung seines Verlegers Carl Geibel unternahm Sch. schlieBlich
auch den Versuch einer zusammenfassenden historisch-systematischen Dar-
dbj 0
130 1917
stellung seiner Forschungsergebnisse in einem »GrundriB der Volkswirtschafts-
lehre*. Es war ein KompromiB zwischen der Forderung des Tages und dem
Plan, der ihm urspriinglich vorschwebte. Seine Meinung war immer gewesen,
daB erst in einigen Jahrzehnten monographischer, wirtschaftsgeschichtlicher
und statistisch-deskriptiver Einzelforschung eine feste Grundlage geschaffen
werden miisse, auf der dann ein neues Lehrgebaude errichtet werden konne.
Er glaubte aber, jetzt nicht langer damit saumen zu durfen, wenn er nicht
alles der kommenden Generation iiberlassen wollte. Seine akademische Lehr-
tatigkeit hatte ihn ja immer wieder veranlaBt, eine theoretische Zusammen-
fassung und Verarbeitung des allmahlich anwachsenden Stoffes vorzunehmen.
So entstand der »GrundriB der Volkswirtschaftslehre«, trotz der gedrangten
Kiirze ein monumentales Werk ; ein groBartiges Mosaikgemalde, in dem jedes
Steinchen das Resultat einer Spezialforschung war; es enthielt den Stoff zu
einer sozialen Universalgeschichte oder universalgeschichtlichen Soziologie,
aber noch in den Rahmen und das Fachwerk einer freilich soziologisch unter-
bauten Volkswirtschaftslehre hineingepreBt. Man kann es hier mit Handen
greifen, wie aus der Volkswirtschaftslehre die neue Disziplin der Soziologie
herauswachst, wie sie die alten Formen vielfach sprengt ohne doch schon
ihre eigene, selbstandige Form zu finden.
Wie in seinen Vorlesungen, so war Sch. auch in diesem ^GrundriB* vor
allem bestrebt, anschauliche Vorstellungen zu geben, die der weiteren Ver-
standesarbeit als Stoff und Unterlage dienen konnten. Aber andererseits
htitete er sich, die Dinge als einfacher und klarer darzustellen, als sie in der
Wirklichkeit sind. Er betonte das Hypothetische in den theoretischen Grund-
anschauungen, das Problematische in den praktischen Aufgaben der Wirt-
schaftspolitik, die relative Berechtigung der entgegengesetzten Standpunkte,
die ortliche und zeitliche Bedingtheit aller wirtschaftspolitischen MaBregeln.
Allen radikalen Losungen und schematischen Vereinfachungen war er ab-
hold; es war nicht Schul- sondern Lebensweisheit, was er lehren wollte. Es
war der Niederschlag einer mehr als 35jahrigen Forschungs- und Lehrtatig-
keit; aber doch eben nur ein »GrundriB«: gedrangt, kompendios, gedampft
im Ton. Wenn man die Kraft und den Schwung des Stils, den kuhnen Gedanken-
flug der besten Jahre Sch.s kennenlernen will, so muB man auch seine fruheren
Werke, namentlich seine Reden und Aufsatze, zur Hand nehmen.
Wer Sch. lediglich nach seinen Leistungen fiir die Fortbildung der theore-
tischen Nationalokonomie beurteilt, wird zu einem schiefen Ergebnis ge-
langen. Er ist aber wohl als der Wegbereiter der neuen » verstehenden Sozio-
logie* anzusehen, wie sie namentlich Max Weber (s. unten S. 593 ff.) und
Sombart, beide seine Schuler, aller dings sehr selbstandige, ausgebildet haben.
Dem Kern seines wissenschaftlichen Wesens kommt man am nachsten, wenn
man von seiner Neigung zu »anschaulichem Denken« ausgeht, wie er es nannte.
Der Kern des Methodenstreits, in den er verwickelt war, liegt nicht in dem
Gegensatz von deduktivem und induktivem Verfahren — Schlagworte, die
damals im AnschluB an die Millsche Logik vielfach gebraucht wurden. Er
liegt vielmehr in dem Gegensatz von Begriff und Anschauung. Die Gegner
hatten ein System von Begriffen im Auge, wie sie die Naturwissenschaft
braucht oder auch die Jurisprudenz ; Sch. schwebte eine Typenlehre vor,
die nicht Begriff e definieren, sondern anschauliche Abstraktionen, und zwar
Schmoller
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nicht eigentlich von substantiellen Dingen, sondern mehr von sozialen Hand-
lungen, Verhaltungsweisen und Ordnungen beschreiben wollte. Daher die
Fordening historisch-realistischer Einzelforschnng, die er erhob: sie sollte
das Material zu solchen Typenbildungen liefern und muBte daher so an-
schaulich und detailliert wie moglich sein. Er wollte solch typisches soziales
Handeln nicht bloJ3 von auBen »begreifen«, wie es die Naturwissenschaft
mit ihren Objekten tut, sondern er wollte es von innen heraus »verstehen«,
d. h. auf menschliche Motive zuriickfiihren, die uns bekannt sind. »Forschend
zu verstehen* war ja auch die Aufgabe, die der von ihm verehrte J. G. Droysen
dem Historiker gestellt hatte. Er traf auch mit dem Philosophen Dilthey, dem
er besonders nahe stand, in dieser Auffassungsweise zusammen. Daher seine
Betonung der Psychologic tJber die bisherigen Vertreter der historischen
Richtung in der Nationalokonomie ging er insofern hinaus, als er bereit war,
das iiberlieferte theoretische System ganz oder doch groBenteils preiszugeben,
urn auf Grund historisch-realistischer Forschung ein ganz neues System auf-
zubauen. Dabei kam es ihm im Grunde gar nicht allein auf die eigentliche
Volkswirtschaftslehre an, sondern auf die Gesamtheit der Staats- und Sozial-
wissenschaften — ein Programm, das der GrundriB der Volkswirtschaftslehre
allerdings nur unvollkommen realisiert hat, das erst die neuere Soziologie im
vollen Umfange auszufuhren versuchte. Jedenfalls aber stand die Verbindung
der Volkswirtschaft mit dem Staat und seiner Geschichte fiir Sch. im Mittel-
punkt seiner wissenschaftlichen und praktischen Interessen. Ebenso fest hielt
er an dem Zusammenhang des Wirtschaftslebens mit Sitte, Moral und Recht,
mit dem Ganzen der ethischen Kultur und Zivilisation. In seinen letzten
methodologischen Auseinandersetzungen mit Max Weber und dessen Ge-
sinnungsgenossen (Handworterbuch der Staatswissenschaften 1911, 3. Aufl.,
Bd. VIII) hielt er an seinem Standpunkt mit Entschiedenheit fest. Sein prak-
tischer Verstand straubte sich gegen die Fordening, daB die Sozialwissenschaft
auf Werturteile prinzipiell verzichten sollte; er verlangte nur Takt und maB-
volle Beschrankung im Urteil. Wie hatte auch der Mann, der im Namen der
sozialen Gerechtigkeit gegen die Manchesterlehre in der Nationalokonomie
zu Felde gezogen war, diese Idee als Leitstern seines wissenschaftlichen Denkens
verleugnen sollen! Die Wissenschaft erschien ihm iiberhaupt nur als ein
integrierender Bestandteil der allgemeinen geistigen Kultur; wie diese schien
auch sie ihm untrennbar verbunden zu sein mit ethischen Anschauungen und
Werturteilen. Seine philosophischen Ansichten wurzelten zwar im deutschen
Idealismus, aber sie hatten einen stark realistischen Zug angenommen unter
dem EinfluB des franzosischen und englischen Positivismus, von dem er ebenso
wirksam beruhrt worden war wie etwa Scherer und Dilthey. Er hat von
Comte und Spencer, zuletzt auch noch von Wundt gelernt. Mit Comte stimmte
er (wie auch Dilthey) uberein in der Meinung, daB die gegenwartige Epoche
des Denkens dem Zeitalter der Metaphysik entwachsen sei. Aber die Illusion
des Positivismus, als ob eine vollige Ersetzung der metaphysisch-teleologischen
Anschauungen durch exakte wissenschaftliche Forschung erreichbar sei,
teilte er nicht. Er erkannte an, daB doch immer nur ein verhaltnismaBig
kleiner Teil der uns gegebenen Wirklichkeit durch exakte wissenschaftliche
Forschung kausal erklart werden konne, daB im iibrigen die teleologischen
Vorstellungen, wie sie namentlich aus den Religions- und Moralsystemen
132 1917
stammen, ihren Platz weitgehend behaupten werden. Nur wollte er, dafl das
Gebiet der exakten Erkenntnis fortschreitend ausgedehnt werden sollte, und
daB die metaphysischen Vorstellungen zu einem entspreclienden Zurtick-
weichen oder zur Anpassung an die wissenschaftlichen Ergebnisse sich genotigt
sehen sollten. In diesem Sinne sah er mit Dilthey das Wesen der Geistes-
wissenschaften und so auch der Staats- und Sozialwissenschaften in der fort-
schreitenden Analyse eines im unmittelbaren anschaulichen Wissen und im
Verstandnis von vornherein besessenen Ganzen.
Die exakte Wissenschaft sollte also seiner Meinung nach durch die Welt-
anschauung mit ihren sittlichen Idealen erganzt werden. Die sittlichen Ideen
aber, die unser Handeln regulieren, erschienen ihm nicht als transzendente
Machte, sondern als Erzeugnisse eines Gemeingeistes und Gemeinwillens,
der zuletzt auf dem Zusammenwirken individual-psychologischer Prozesse
mit den uberlieferten Kulturordnungen beruht. Anthropologic und Psycho-
logic erschienen ihm — auch darin stimmte er mit Dilthey uberein — als die
Grundlagen aller Geisteswissenschaften.
Dabei hatte er freilich eine praktische Psychologie im Auge, wie sie mehr
aus der Beobachtung des Lebens und aus dem Studium von Geschichte und
Literatur stammte, als aus psychophysischen Experimenten. Er war ein aus-
gezeichneter Menschenkenner und besaB eine natiirliche Gabe der Beob-
achtung von Lebensverhaltnissen, die fruhzeitig geschult und fortgebildet
worden war. Die leichte und geschickte Behandlung schwieriger Geschafte
des praktischen Lebens, die Fahigkeit zu organisieren und zu leiten beruhte
ebenso darauf wie die glanzende Gabe, Charakterbilder zu entwerfen, die ihn
als Schriftsteller auszeichnete. Er hatte das Bediirfnis, sich die Menschen
nach ihren verschiedenen Lebenskreisen und Berufen, nach Herkunft und
Bildung, nach Rasse und Nationalitat in bestimmten Charaktertypen vorzu-
stellen, wie er sie zum Teil auch in seinem GrundriB mit wenigen Strichen
meisterhaft gezeichnet hat. Aus solchem Vorstellungsmaterial belebte und er-
ganzte er die historische Uberlieferung naher und ferner Vergangenheit ;
es war ihm zugleich aber auch ein Mittel, die Gegenwart, Menschen und Ver-
haltnisse, zu durchschauen und zu meistern. Seine fuhrende Stellung im Verein
fiir Sozialpolitik beruhte nicht etwa darauf, daB er der scharfste und ent-
schiedenste Vertreter der Reformideen ge wesen ware, sondern darauf, daB er
unter den entschiedenen Anhangern der Reform der maBvollste war, der es
am besten verstand, die auseinandergehenden Meinungen und Wiinsche durch
den Hinweis auf das Gemeinwohl immer wieder zusammenzuhalten, daB er
die relative Berechtigung der einander entgegenstehenden Interessen am klar-
sten zu erkennen und am feinsten abzuwagen wuBte, daB er iiberhaupt ein so
hohes MaB von personlichem Takt und politischem Verstand besaB. Das
war es auch, was ihm und seiner Richtung auf Jahrzehnte eine fuhrende Stel-
lung im Kreise der staatswissenschaftlichen Fachgenossen verschafft hat,
daneben freilich auch noch der Umstand, daB er von jeher von einem so groB-
artigen Vertrauen zur Leistungsfahigkeit der Staatsgewalt und des Beamten-
tums erfiillt war. Mit Staatsmannern wie dem Fiirsten v. Biilow, dem Finanz-
minister Miquel, dem Handelsminister v. Berlepsch, mit hohen Verwaltungs-
beamten vom ersten Range, wie den Ministerialdirektoren Lohmann, Thiel,
Althoff, stand er in vertrauensvollem und einfluBreichem Verkehr. Er war
Schmoller 1 33
seit 1884 Mitglied des preuBischen Staatsrats und vertrat seit 1899 die Berliner
Universitat, deren Rektor er kurz vorher (1897/98) gewesen war, im Herren-
hause. Er hatte selbst etwas von einem Staatsmann, wenn er auch immer ein
Gelehrter blieb und nichts anderes sein wollte. Die Nobilitierung und der
Exzellenzentitel, die ihm in seinen alten Tagen zuteil wurden, waren ge-
wissermaBen das Siegel auf diese hervorragende personliche Stellung, die er
sich errungen hatte. Aber auch eine groBe Anzahl von auswartigen Akademien
und gelehrten Gesellschaften erwahlte ihn zum Mitglied; seit 1899 war er Mit-
glied der Friedensklasse des Ordens »Pour le m£rite«.
Es gehorte zu seinen festesten Uberzeugungen, daB der Staat die groB-
artigste sittliche Institution der Geschichte sei, daB er namentlich in den neue-
ren Jahrhunderten die eigentliche Erziehungsschule der Volker darstelle.
Insonderheit dem Konigtum der Hohenzollern schrieb er den historischen
Beruf zur sozialen Reform zu. Seine preuBischen Geschichtsstudien sind durch
diese Idee wenn nicht geradezu beherrscht, so doch belebt und angeregt wor-
den, ahnlich wie einst die Droysens durch die Idee des Beruf es PreuBens
zur nationalen Einigung Deutschlands. Eingehendere Forschung hat dann
wohl eine ubertriebene Auffassung von der sozialpolitischen Bedeutung der
friderizianischen wie der Stein-Hardenbergschen Epoche auf das richtige
MaB zuriickgef uhrt ; aber die Idee vom sozialen Konigtum, die schon Lorenz
v. Stein vertreten hatte, saB fest im Geiste Sch.s und bildete das Zentrum
seiner politischen Uberzeugungen. Eben darum war er ein so iiberzeugter
.Monarchist, weil er eine starke Monarchic und ein von ihr erzogenes und ge-
leitetes Beamtentum fur das unentbehrliche Mittel hielt, urn die Klassen-
gegensatze von einem neutralen Standpunkt aus zu maBigen und den bru-
talen Klassenkampf, der alle Kultur vernichtet, durch rechtzeitige Reformen
zu verhiiten. Er sah iiberhaupt den Staat mehr unter dem Gesichtspunkt
der sozialen Wohlfahrt und Gerechtigkeit, als unter dem der Macht. Darum
hielt er sich mehr an Friedrich Wilhelm I., den eigentlichen Begriinder der
preuBischen Zucht und Ordnung, als an Friedrich den GroBen; und der Bis-
marck von 1878 bis 1888 war ihm noch inter essanter, als der von 1864 bis
1870. Die Monarchic erschien ihm mehr noch als eine sozialpolitische, wie
als eine machtpolitische Notwendigkeit. Darum war er auch nicht fiir parla-
mentarische Regierungsweise, weil sie im Grunde immer ein Partei- und Klassen-
regiment bedeute. Eine fortschreitende Demokratisierung des Staates aber,
die auch er als eine Notwendigkeit empfand, hielt er fiir wohl vereinbar mit
einer starken monarchischen Regierung.
Der iiberragende EinfluB Sch.s als Haupt der historischen Schule der
Nationalokonomie schuf ihm manche Gegner in den Kreisen derer, die sich
durch ihn in ihrer eigenen Geltung beeintrachtigt glaubten. Im Jahre 1904
unternahm der damals in Tubingen lehrende Verfassungs- und Wirtschafts-
historiker Georg v. Below einen umfassend angelegten Angriff, der darauf be-
rechnet war, Sch. aus seiner dominierenden Stellung in der gelehrten Welt
zu verdrangen. Er beleuchtete umstandlich alle Schwachen der Arbeiten
Sch.s, die darauf zuruckzufuhren waren, daB dieses beruhmte Schulhaupt
selbst niemals eine methodische historisch-kritische Schule durchgemacht
hatte und eigentlich iiberhaupt kein zunftgerechter Historiker war. Der von
personlicher Gehassigkeit getragene Angriff, der freilich auch manches Tref-
134 lw
fende enthielt, blieb unerwidert ; aber bei der schulmaBig-beschrankten und
unfruchtbaren Art der hier geiibten Kritik vermochte er das wissenschaf tliche
Ansehen Sch.s, das doch im Grunde auf dem lebendigen Eindruck einer auBer-
ordentlichen Personlichkeit beruhte, nicht ernstlich zu erschiittern, was sich
vier Jahre spater an den zahlreichen spontanen Kundgebungen zu Sch.s
70. Geburtstag zeigte.
FunfunddreiBig Jahre umfaBt die Berliner Wirksamkeit Sch.s. In stetiger,
unermudlicher Arbeit ist er frisch geblieben bis in das hochste Greisenalter.
Ein Aneurisma war die Ursache des Todes, der ihn anf einer Erholungsreise
in Harzburg, kurz nach dem Eintritt in das achte Jahrzehnt seines I^bens,
iiberraschte. Ein gnadiges Schicksal hat es ihm erspart, den Zusammenbruch
der Ideale und Ordnungen, an die er geglaubt und fur die er gearbeitet hatte,
zu erleben. Sein Lebenswerk gehort einer vergangenen Epoche an. Wissenschaft
und Politik gehen heut andere Wege als die, welche er beschritten hat. An
kleinlicher und gehassiger Kritik seines Wirkens und Wesens fehlt es auch
heute nicht. Aber die Spur seiner fortwirkenden Gedanken und Leistungen
ist fiir den tieferen, vorurteilsfreien Blick auch heute noch wohl erkennbar.
Literatur: Ein Verzeichnis der Schriften Sch.s bis 191 1 findet sich in dem Artikel
iiber ihn im Handworterbuch der Staatswissenschaften, 3. Aufl. (191 1), VII, S. 31 iff.
Hinzuzufiigen sind noch die aus seinem Nachlafl herausgegebenen Werke: Die soziale
Frage (Klassenbildung, Arbeiterfrage, Klassenkampf), Miinchen und Leipzig, Duncker
& Humblot, 19 1 8 (673 Seiten), und : Deutsches Stadtewesen in alterer Zeit. [Bonner Staats-
wissenschaftliche Untersuchungen, Heft 5], B6nn und Leipzig, Kurt Schroeder, 1922
(428 Seiten).
Der handschriftliche NachlaC wird bei der Preuflischen Staatsbibliothek aufbewahrt. —
Biographische Daten in dem angefiihrten Artikel des Handworterbuchs der Staatswissen-
schaften. — Autobiographisches Fragment von G. Sch. : »Meine Heilbronner Jugendjahre*
in dem Kalender: »Von schwabischer Scholle«, 1918 (Verlag Eugen Salzer, Heilbronn),
mit genealogischen Angaben iiber die Familie Sch., die der Sohn des Verf., Major a. D.
Ludwig v. Sch., Dufilingen bei Tubingen, aus dem NachlaC hinzugefiigt hat. — Viel bio-
graphische Aufschliisse in »Reden und Ansprachen, gehalten bei G. Sch.s 70. Geburtstag*.
Als Handschrift gedruckt 1908. — Biographische Wiirdigungen von O. Hintze in For-
schungen zur brandenburgischen und preuCischen Geschichte XXXI, 2, in den Abhand-
lungen der Preufl. Akademie der Wissenschaf ten , Jahrg. 191 8, Philosophisch-historische
Klasse, in der Historischen Zeitschrift n 8, 3. — Abfallige Kritik des Sch.schen Lebens-
werkes von G. v. Below in Zs. f. Sozialwiss. (herg. v. Jul. Wolf) Bd. VII (1904) und von
Edgar Salin in einer Geschichte der Volkswirtschaftslehre [Enzyklopadie der Rechts-
und Staatswissenschaft, Abteilung Staatsvvissenschaft, hrsg. von Arthur Spiethoff,
XXXIV, Berlin, Julius Springer, 1923]. Dazu H. Herkner im Jahrbuch fiir Gesetzgebung
usw., Jahrg. 47 (1923) : Zur Stellung G. Sch.s in der Geschichte der Nationalokonomie. —
Joseph Schumpeter: Gustav Sch. und die Probleme von heute (Jahrbuch f. Gesetzgebung)
usw., 50. Jahrgang, 3. Heft (1926).
Berlin. Otto Hintze.
Schonleber, Gustav, Maler, * am 3. Dezember 1851 zu Bietigheim a. d. E.
(Wurttemberg) , f am 1. Februar 19 17 zu Karlsruhe i. B. — Seine Jugendzeit,
die 1870 abschlieBt, verlauft im Wechsel von Schulen, Aufenthaltsort und
Tatigkeit. Das ist gewissermaBen symptomatisch fiir sein spateres kiinst-
lerisches Schaffen, mit dem fast von Jahr zu Jahr wechselnden Schauplatz
seiner Studien fiir das Lebenswerk, das sich auf die suddeutsche Heimat, die
Nord- und Ostseekiiste, Italien und ganz Westeuropa erstreckt.
Schmoller. Schonleber Ijc
Die Unterklassen der Lateinschule wurden in Bietigheim besucht (1861 bis
1863), dann das Gymnasium in Stuttgart (1864 — 1866). Hierauf trat Sch.
in die Maschinenbaulehre (1866 — 1868) zu Hemmingen, danach kam er in
die Oberrealschulen zu Ludwigsburg und EBlingen (1868 — 1869) und 1869 an
das Polytechnikum zu Stuttgart, wo die Professoren Kurtz und Conz sein
zeichnerisches Talent erkannten und seine Begabung fur die Kiinstlerschaft
hervorhoben. In den Ferienzeiten waren gelegentlich Studienreisen ins Zaber-
gau, ins Hohenlohesche, nach Bebenhausen und anderen Orten gemacht
worden, deren zeichnerische Ergebnisse in den friihen Skizzenbiichern auf-
bewahrt werden.
1870 wurde der EntschluB gefaBt, sich ganz der Kunst zu widmen. Sch.
kam in der Lier-Schule zum rechten Lehrer und zu den rechten Studien-
genossen (Baisch und Wenglein). Lier hatte bei Dupre* die Leistungen der
Barbizon-Schule kennengelernt und nach Deutschland gebracht. Trotz seiner
Verehrung fiir den Lehrer und der Achtung vor den Strebensgenossen ge-
wann Sch. zunachst nicht allzuviel in der Lier-Schule. 187 1 brachte er aus
StraBburg ein Bild der zerschossenen Stadt, mit dem er gleich Erfolg hatte.
Im Sommer desselben Jahres ging er mit seinem Vetter Conz durch Tirol iiber
den Gardasee nach Verona und Venedig und zeichnete und malte allerhand.
Heimgekehrt, arbeitete er diese Studien zu Bildern aus, mit denen er seine
groBen ersten Erfolge erzielte. Die dekorativen Mannen mit Segelschiffen und
Staff age nebst bedeutendem Hintergrund, in Farbe und Aufbau etwas ganz
anderes als »Heimatkunst«, lenkten die Aufmerksamkeit der Kunstkreise auf
den jungen Maler. Seine Bilder gingen rasch in offentlichen und privaten Besitz
iiber. Das nachste Jahr (1872) brachte Sch. von Genua aus an der Riviera zu
und erwarb sich mit einer »Gasse in Genua « die Medaille auf der Wiener Welt-
ausstellung. Die atmospharischen Verhaltnisse an der Riviera sagten aber
Sch. nur »bei schlechtem Wetter « zu, das ihm die silbrigen Tone, Wolken und
dunkelfarbiges Wasser gab. Deshalb suchte er 1873 die hollandische Kiiste
auf und fand auch bei van der Meer und Mesdag Anregungen fiir seine Kunst,
die sich in Bildern und Zeichnungen von Rotterdam, Dordrecht und Sche-
veningen aussprachen.
In diesem Jahr erhielt er auch den Auftrag der Verlagsbuchhandlung
Ad. Kroner (Stuttgart) fiir Illustrationen zu einem Werk iiber die Nord- und
Ostseekiiste; diese Arbeit beschaftigte ihn, mit Reiseunterbrechungen nach
Italien, zwei Jahre (1875 und 1876). 1877 arbeitete Sch. in Chioggia und 1878
in Nordwestfrankreich und England, wo ihn Werke von Constable und Turner
fesselten. Zuriickgekehrt, studierte er die heimatliche Natur in EBlingen und
erwarb mit dem »Stadtgraben« 1879 in Miinchen die kleine goldene Medaille.
Die rasch sich folgenden offentlichen Erfolge lenkten die Aufmerksamkeit
weiter Kunstkreise auf den jungen, eigenartigen, tiichtigen Maler. Sch. wurde
1880 als Professor fiir Landschaftsmalerei an die Kunstakademie nach Karls-
ruhe berufen. Hier erwarb er durch seine Kunst und seine hervorragende Lehr-
gabe sich den hochsten Ruhm und die treue Anhanglichkeit einer groBen
Schiilerschaft, unter der Namen von hohem Klang zu finden sind. Von nun
an wechseln Sch.s Studienplatze regelmaBig zwischen Holland und Heimat
und auch Italien und Heimat. Den Charakter dieser drei Hauptgebiete hat
Sch. mit zunehmender Klarheit und Wahrheit in den folgenden Jahren immer
136 1917
starker herausgearbeitet. 1880 malte er in Antwerpen und Vlissingen, 1881
in Amsterdam und EBlingen, 1882 in Delft, Overschie und Dordrecht, sowie
in Schwaben, wo er sich 1882 zu EBlingen auch verheiratete.
Nun war der Boden fur die groBen Arbeiten in der Heimat, im Siiden und
im Nordwesten geschaffen. Die achtziger und neunziger Jahre brachten die
groBen, in Raum, Farbe und Stimmung dekorativen Werke, die Sch.s Namen
ilber Deutschlands Grenzen hinaustrugen, aber zugleich auch sein Schaffen
und Leben in Karlsruhe verwurzelten und die eigentliche Heimatkunst vor-
bereiteten. So entstanden Overschie (1882), die Mondnacht am Neckar (1883),
Rom (1884) und Heiligenberg fur den Fiirsten von Fiirstenberg. Dann trat
Italien wieder in den Vordergrund mit Venedig und der Riviera, mit der er
sich mit » Quinto at maren (1886) die groBe goldene Medaille holte. Hierauf
entstanden neben bedeutsamen Kiistenbildern von der Riviera hollandische
Strandbilder aus Vlissingen, Ostende und Amsterdam, deren bewegte Ge-
staltungen das sonst ruhige Schauen und Schaffen Sch.s ins Dramatische um-
bildeten. In die Jahre 1888/89 ^llt der Hausbau Sch.s in Karlsruhe, der nach
eigenen Planen durchgefiihrt und schlieBlich von der Hand des Freundes
W. Volz d. A. an der AuBenf ront mit phantastischen Fresken geschmiickt wurde.
Die tonigen, dramatisch belebten Bilder von der Kiiste der Nordsee, der
Riviera und des Kanals schienen noch einer Steigerung fahig zu sein. Sch.
glaubte diese an Englands Kiistengebieten zu finden und bereiste 1890 die
Siidkiiste, fand aber in dem regnerischen Sommer nur wenige ihm zusagende
Motive. Von Ventnor und Clovelly und Isle Fracombe brachte er Stoff zu
einigen Bildern mit. Die folgenden drei Jahre galten der venezianischen
Lagune (1891) und der Riviera (1892 und 1893). Namentlich der Aufenthalt
auf Castello di Paraggi bei Montefino war ertragreich. Sch. erreichte in diesem
Winteraufenthalt die hochste Steigerung im Farbigen und Dekorativen
(Meeresufer, Castello di Paraggi, Punta di Madonetta, S. Fruttuoso, Bei
Montefino usw.). Aber die nachstfolgenden Jahre boten im Studium der nahen
Heimat ein Gegengewicht gegen diese starkfarbige, oft an Bocklins Farben-
freudigkeit und Stimmungsfulle gemahnende Malerei. Sch. schlagt in den
Jahren 1894 und 1895 erstraals die Tone einer groBziigigen und intimen
Malerei an: die Studien zum Bild »StraBburg i. E. « und »Rothenburg« fur
den Reichstagssaal und zu »Besigheim« entstehen und werden zum Teil aus-
gearbeitet, so daB 1897 »StraBburg« in seiner monument alen und zugleich
mythisch-topographischen Fassung abgeliefert werden konnte. Dasselbe Jahr
lieB auch, nachdem Studien in Neapel, Capri, Sorrent, Amalfi, Rom und
Genua eindringlich intime Werke dieser siidlichen Welt hatten entstehen
lassen, das in Sch.s Heimatkunst entscheidende Werk heranreifen, das 1899 als
» Heimat « den vollen Zauber seiner intimen Landschaftsauf fassung entfaltet.
Die nachfolgenden Jahre sind dem eindringlichen Studium der siiddeutschen
Heimat (Kocher-, Jagst-, Neckar- und Donautal), sowie der flamischen Kiiste
bei La Panne und Sluis gewidmet. Hier vollendet Sch. die wundervoll spre-
chende Darstellung einzelner Schiffskorper, die wie lebende Wesen im Wasser
und im Schlick stehen. Dort werden jene ganz einfachen, naturgegebenen
Motive in die Bildform gebracht, die nur durch die technische Sprache der
bald zeichnerischen, bald malerischen Behandlung in die Poesie des Aus-
drucks gehoben werden. Sch. faBt mit diesen Werken die dichterische Art der
Schonleber 13 7
Uhland, Kerner und Morike in seiner Kunst zusammen; »Zwischen Himmel
und Erde« (1903), Dinkelsbuhl (1903), Sersheim (1904), Friihling in Sersheim
(1906). Wahrend der Studien in der Heimat und in Italien kam der Auftrag
an ihn, die den stromtechnischen Unternehmungen am Oberrhein zum Opfer
fallenden Laufenburger Schnellen noch ins Bild zu retten. Sch. entsprach dem
seitens der badischen Regierung geauBerten Wunsche und gewann nunmehr
dem Oberrhein, den er zu Anfang seiner Kunstlerlaufbahn und auch spater
ohne nennenswerte Bilderfolge besucht hatte, eine Reihe machtvoller Werke
aus der I^aufenburger Gegend ab. Zugleich entstand das im Reichstagsgebaude
aufbewahrte groBe »Rothenburg o. d. T. « (1907). Damit war in gewissem Sinn
ein AbschluB erreicht. Ein beginnendes Herzleiden lieB groBe Reisen nicht
mehr ratsam erscheinen. Nur noch zweimal ging er auf weite Studienf ahrt :
1909 nach Italien (Florenz, Rom, Porto d'Anzio) und 1912 nach Nieuport,
Ostende und Brugge. Sonsthin blieb er in der Nahe, zur Erholung und zum
Studium : Ebersteinburg (1910 und 1911), Baden-Baden (1913) und ins Kocher-
und Jagsttal (1914). Von 1910 — 1914 waren auch eine Reihe groBer Aus-
stellungen zu veranstalten und zu besichtigen (Rom, Stuttgart, Berlin, Weimar,
Jena, Miinchen usw.). Erholungsaufenthalte in Baden-Baden, im Hohenlohe-
schen, in Lichtental und Heidelberg (1913, 1914, 1915 und 1916) fielen da-
zwischen. Aber die Beunruhigungen wahrend des Weltkrieges, der den Sohn als
Arzt in den Lazaretten, den Schwiegersohn an der Front forderte, und die
iiber Karlsruhe haufigen Fliegeriiberfalle lieBen eine dauernde Genesung nicht
mehr zu. Am 1. Februar 1917 erlag Sch. seinem Herzleiden. Gedachtnis-
ausstellungen in Karlsruhe 1917, Stuttgart 1918 usw. offenbarten noch ein-
mal den Reichtum und die Vielseitigkeit des Sch.schen Konnens.
Sch.s Kunst ist eine vollig selbstwtichsige und eigenartige Sache. Man kann
seine Werke weder der Heimatkunst, noch der dekorativen Landschaft, noch
der historischen, stilistischen oder der naturalistischen oder poetischen Land-
schaftskunst zuschreiben, obgleich sie Elemente aus jeder dieser kiinstlerischen
Gestaltungsweisen hat. Es sind, kurz gesagt, durch Form, Farbe und Raum
verklarte Naturbetrachtungen, die ganz aus dem Erleben und aus der Ge-
staltungsweise des Meisters herausgewachsen sind und sich von den zeitlichen
Richtungen und Malweisen fernhalten.
Im Technischen des Bildaufbaues und des Farbenauftrags hat Sch. groBe
Wandlungen durchgemacht, ohne je sein Personliches aufzugeben. Von einem
anfanglich fast breiten und pastosen Farbenauftrag ging er nach und nach
zur sparsamen, hauchartigen und oft zeichnerisch wirkenden, verschmolzenen
Malweise iiber. Aus dem Wechsel und Gegensatz von kalten und warmen
Farben stellte er in jedem Bildzustand eine Harmonie her, die durch die
Ausgewichtung der Massen und Farbflecken wohllautend zum Beschauer
spricht. Beschaulichkeit und Harmonie der Farben sind die Grundsteine der
Sch.schen Kunst.
Sch. war Mitglied der Berliner, Miinchener und Dresdener Akademien. Aus-
stellungsmedaillen erster Klasse hatte er in Berlin, Miinchen und Wien und
auf allerhand kleineren Ausstellungen erhalten.
Von seinen Werken sind in offentlichem Besitz in Berlin (Nationalgalerie, Reichstag),
Breslau (Schles. Museum), Krefeld (Kaiser-Wilhelm-Museum), Darmstadt (L,andes-
museum), Dresden( Galerie), DiisseJdorf (Stadt. Kunsthalle), Frankfurt (Stadelsches
138 1917
Institut), Freiburg i. B. (Stadt. Samnilungen), Hamburg (Kunsthalle) , Hannover
(Provinzialmuseum), Karlsruhe (Landeskunsthalle), Mannheim (St. Kunsthalle),
Miinchen (Neue Pinakothek), (Miinster (Westf. Museum), Stuttgart (Galerie), Wien
(Mod. Galerie). Das meiste ist in Privatbesitz in Deutschland, Osterreich, Italien und
Amerika.
Der kiinstlerische NachlaC befindet sich bei Frau Professor Dr. Sch. in Stuttgart.
Literatur: Beringer, J. A., Bad. Malerei, Karlsruhe 1922. — Monographic: Jos. A.
Beringer, G. Sch., Karlsruhe 1924. — Fr. Pecht, Kunst f. Alle, is.Februar 1891. —
A. Rosenhagen, Velhagen & Klasings Monatshefte 1901. — O. Reutter, Die weite Welt
1901. — W. Schafer, Rheinlande 1906. — A. Spier, Die Kunst unserer Zeit 1909. —
A. Dobsky, Reclams Universum 191 1. — C. Storck, Tiirmer 1912. — A. Dobsky, Leipz.
111. Zeitung 191 3. — A. Spier, Kunst fur Alle 191 5. — J. A. Beringer, Deutsche Kunst
und Dekoration 1917. — H. O. Schonleber, Wiirttemb. Nekrolog, Archiv. — J. A. Be-
ringer, Skizzenbuch II, 1925, Stuttgarter Kunstverlag, sowie die Ausstellungskataloge
191 1 (Karlsruhe), 191 2 (Stuttgart), 191 7 (Karlsruhe) und 19 18 (Stuttgart).
Mannheim. Jos. Aug. Beringer.
Schroder, Richard Karl Heinrich, o. Professor der deutschen Rechtsgeschichte
in Heidelberg, * am 19. Juni 1838 zu Treptow in Pommern, f am 3. Januar 1917
in Heidelberg. — Richard Sch. war neben vier Schwestern der einzige Sohn
des leitenden Richters am Land- und Stadtgericht seiner Heimat, Kreisjustiz-
rat Sch., und dessen Ehefrau Ida, geborene Kolling. Das schwachliche Kind
durchlebte eine gliickliche erste Jugend im sonnigen Elternhause. Der Knabe
besuchte die Stadtschule in Treptow, wo er ein Liebling von Fritz Reuter ward,
der seinem Vater nach Art und Gesinnung verwandt war ; zeitlebens gedachte
Sch. dankbar Fritz Reuters, von dem er die Liebe zur Volkssprache empfing,
die dann in Sch.s Hingabe an die deutschen Quellen des Mittelalters wieder-
klingt. Die Schulzeugnisse ruhmen den FleiB und das musterhafte Betragen
des Schulers. Von 1851 bis 1857 besuchte Sch. das Gymnasium Anklam. Sein
Knabenwunsch war, Naturforscher zu werden. Doch sammelte er schon als
Gymnasiast Miinzen und begeisterte sich fiir die deutsche Vergangenheit am
Nibelungenlied. Abiturient geworden, wollte Sch. anfanglich in Bonn Jura
und daneben bei Simrock deutsche Philologie studieren, wandte sich dann
aber doch ausschlieBlich der Rechtswissenschaft zu. Seine juristischen Stu-
diensemester verbrachte er 1857 bis J868 in Berlin, einzig unterbrochen im
Sommer i860 durch ein Semester in Gottingen, wohin ihn das Seminar von
Georg Waitz lockte. Schon in Berlin hatte Sch. neben den juristischen Vor-
lesungen philologische und historische Kollegien besucht, Gotisch bei H. F.
MaBmann, mittelhochdeutsche Dichtung bei Moritz Haupt gehort. Von des
letzteren Vorlesung iiber die Germania des Tacitus fuhlte er sich besonders
angezogen; noch in spaten Jahren in Heidelberg hat er dieselbe, zusammen
mit dem Philologen Zangemeister, in einem reizvollen Doppelkolleg zu neuem
Leben erweckt. Die wissenschaftliche Grundrichtung nach dem deutschen
Recht hin gewann Sch. bei v. Richthofen, Homeyer und Beseler; Beseler, den
Systematiker des deutschen Privatrechts und warmherzigen Patrioten, be-
trachtete er spater als seinen eigentlichen Lehrer, zu dessen FuBen gleichzeitig
mit Sch. auch Otto v. Gierke (s. DBJ. 1921, S. in) saB. Vor allem aber durfte
Sch. in Berlin Jakob Grimm nahertreten ; von diesem fiel, um mit K. v. Amiras
Worten zu reden, »aus der Abendrote der germanistischen Heroenzeit ein
letzter Strahl auf seine wissenschaftliche Entwicklung«.
Schonleber. Schroder 130,
In Berlin wurde Sch. unter Beselers Dekanat 1861 zum Dr. jut. promo viert.
Es folgte eine zweijahrige praktisch-juristische Lehrzeit in Berlin und Stettin,
das erste Jahr war auBerdem durch den Militardienst als Einjahrig-Freiwilliger
ausgefullt. Schon in diese praktischen Vorbereitungsjahre reichen aber die
rechtsgeschichtlichen Erstlingsarbeiten herein; damals wurde Sch. der Ge-
hilfe von J. Grimm bei der Sammlung der Weistumer. Die akademische Lauf-
bahn erschloB sich dem Funfundzwanzigjahrigen 1863 zu Bonn durch seine
Habitation fur deutsches Recht, in dessen geschichtlichen und praktischen
Fachern. Sie brachte Sch. in raschem Zuge voran. Er wurde 1866 Titular-
extraordinarius und stieg bereits 1870 an der rheinischen Hochschule zum
o. Professor auf . 1872 wurde er als Nachfolger Dahns nach Wiirzburg be-
rufen ; er blieb seiner, der bayerischen Regierung gegebenen Zusage, dorthin zu
gehen, treu, trotzdem ihn unmittelbar darauf Angebote von StraBburg und
selbst von Berlin trafen. Ulrich Stutz berichtet als Zeugnis fiir Sch.s Be-
scheidenheit, er habe im Alter geauBert, »die Rollen seien damals wohl richtig
verteilt worden«. Gluckliche Jahre am frankischen Main waren jedenfalls sein
nachster Lohn. Noch dreimal hat dann Sch. seine Wirkungsstatte gewechselt.
Er zog 1882 doch an die junge Reichsuniversitat StraBburg und folgte 1885
einem Ruf nach Gottingen. Nach der »wunderschonen Stadt« hatte ihn sein
vaterlandisches Herz gelockt, nach Gottingen das Ansehen der Hochschule
und die Erinnerung an die eigene Studentenzeit. In StraBburg war er Heinrich
Brunners mittelbarer Nachfolger und R. Sohms (s. unten S. 150 ff.), seines
naheren Landsmannes, Kollege; in Gottingen ersetzte er H. Tohl, den Be-
griinder des Handelsrechts. Als O. Gierke 1888 von Heidelberg nach Berlin
ging, riickte Sch. an seine Stelle. t)ber 50 Lehrsemester waren ihm hier noch
beschieden. Als »der Heidelberger Schroder « zumal hat er seinen Ruhm be-
grundet, mit Heidelberg und dem geistig regsamen badischen Staatswesen
und Volkstum ist er eng verwachsen. Hier wurde der Vielgewanderte seBhaft.
Tausende junger Juristen horten ihn hier und verehrten ihn. Mitten heraus
aus seinem akademischen Wirken und Schaffen ist Sch. nach kurzem Kranken-
lager zu Beginn 1917 von uns gegangen.
Die Bedeutung Sch.s griindet sich auf den Reiz seiner Personlichkeit, auf
seine Qualitaten als akademischer Lehrer, auf seine rastlose Forschertatigkeit.
Dem Reiz der Personlichkeit erschlieBt sich zuerst der junge Musensohn.
Von Sch. ging dieser Reiz in hohem Grade aus, das ist das ubereinstimmende
Urteil aller. In ihm paarte sich der Ernst des Gelehrten mit der Giite des
Lehrers und der schlichten Art eines frohgemuten Menschen. Mit Gliicks-
giitern zeitlebens nicht gesegnet, muBte Sch. sich seine Stellung im Iveben
durch unausgesetzte Arbeit erringen. Von Anbeginn darum seine ausgedehnte
Lehrtatigkeit. Schon in Bonn wurde sein urspriinglicher Lehrauftrag auf
preuBisches Landrecht erweitert, auBerdem vertrat er mehrere Jahre an der
Akademie Poppelsdorf das Iyandwirtschaftsrecht fiir die angehenden rhei-
nischen Landwirte. In Wiirzburg las er mehrere Jahre auch Kirchenrecht.
Erst das Aufsteigen in bessere Gehaltsstufen machte seine Hande freier fiir
die Forschertatigkeit. Manchmal hat er sich zuviel zugemutet und muBte noch
am Ende seiner Gottinger Zeit infolge Uberanstrengung ein Jahr aussetzen.
Die Freude an arbeitsreicher Pflichterfiillung iibertrug Sch. auf seine Horer.
Dazu kam anderes. Ein warmfiihlendes deutsches Herz in des Germanisten
140 1917
Bnist ist vielleicht eine Selbstverstandlichkeit. Der religiose Grundton seines
Wesens paarte sich in dem iiberzeugten Protestanten, der noch in Heidelberg
Mitglied der badischen Kirchensynode wurde, mit Toleranz gegen Anders-
glaubige; aller Kulturkampferei war er abhold. Seiner politischen Gesinnung
nach war Sen. ein rechtsgerichteter Liberaler burschenschaftlicher Pragung
mit einem SchuB Demokratie, den ihm Fritz Reuter vererbt hatte. Er hielt
schon 1873 in Wiirzburg im Verein fur Volksbildung Vortrage. In Heidelberg
stand er jahrelang an der Spitze der Organisation des Roten Kreuzes zur Heran-
bildung freiwilliger Krankenpfleger.
Sein bescheidenes Wesen wurde durch auBere Ehrungen nicht uberheblich.
PreuBische, badische und bayerische Orden zierten seine Brust. Hoher standen
ihm wissenschaftliche Anerkennungen. Er wurde 1892 korrespondierendes
Mitglied der bayerischen, 1895 auswartiges Mitglied der hollandischen, 1900
korrespondierendes Mitglied der Berliner Akademie, 1909 bei Begriindung der
Heidelberger Akademie, wie sich von selbst verstand, auch deren ordentliches
Mitglied. 1893 verlieh ihm seine alte Gottinger Universitat die Wiirde eines
Dr. phil. h. c, 1908 die Universitat Miinster den Dr. rer. pol. h. c. Daneben
zollten ihm historische und andere Vereine ihren Dank durch Cbertragung der
Ehrenmitgliedschaft.
Niemals Einganger, war Sch. von Jugend auf Optimist in der Beurteilung
seiner Mitmenschen, gern schloB er Iyebensfreundschaften. DaB ihn solche mit
den fuhrenden Mannern seines eigenen Fachs verbanden, war sein besonderes
Gliick. Kein schonerer Beweis fiir seine groBe Auffassung der Freundschaft
als die Tatsache, daB Sch., als er mit H. Brunner (s. DBJ. 1914 — 1916, S. 119 ff.)
im Wettlauf an einer Gesamtdarstellung der deutschen Rechtsgeschichte ar-
beitete, dem Freunde die eigenen Druckbogen zur Verwertung fiir die Zwecke
des Konkurrenzwerkes zugesandt hat.
Aus der religios-sittlichen Grundlage von Sch.s Lebensfiihrung entsprang
jener heitere Frohmut, der Sch. zeitlebens auszeichnete ; darin ganz besonders
fiihlte er sich als Schiiler Reuters. Schon als krankelnder Knabe hatte er die
Schlagfertigkeit des Witzes gelernt, mit dem er das Hanseln seiner Kameraden
quittierte. Zu Heidelberg hob sich in den letzten Jahrzehnten seines Lebens
gegenuber der uberschaumenden Lebenslust der Pfalzer sein niederdeutscher
Humor oft prachtig ab. Im Kolleg und in geselliger Unterhaltung brach er
iiberall durch und erfreute die anderen. Viele Scherzgeschichten von ihm und
iiber ihn machten die Runde und leben heute noch ; selbst wenn sie ans Derbe
und Burleske grenzten, konnte sie ihm niemand veriibeln.
Allem Luxus abhold, liebte der bei einfacher Lebensfiihrung doch so gebe-
freudige Mann zeitlebens die Formen gemiitlicher Geselligkeit. Er war im
iibrigen zufrieden, wenn ihm das Leben fiir des Lebens Notdurft reichte.
Ein riihrender Zug seines treuen Familiensinns spiegelt sich in der Tatsache,
daB er, als sein Vater 1869 infolge einer Biirgschaft wider Erwarten iiber-
schuldet verstarb, jahrelang die nicht groBen Einkiinfte seiner Professur mit
dazu verwandte, diese Schulden des Vaters zu tilgen. Eine seltene Eignung
fiir Hauslichkeit zeichnete Sch. aus. Nachdem ihm seine erste Gattin, eine
Offizierstochter, die er als junger Berliner Student kennengelernt und nach
Jahren brautlichen Wartens 1866 heimgefiihrt hatte, friih gestorben war,
trauerte er der Toten elf Jahre nach und war indessen seinen Kindern ein
Schroder 141
treusorgender Vater. Erst 1895 fand Sch. in der Witwe seines Verlegers Saunier
von Stettin ein zweites Lebensgliick an der Seite einer alten Jugendliebe.
Wiederum war es eine ideale Heirat, die die vaterliche Fiirsorge fur die Stief-
kinder seinem schon vorher nicht leichten hauslichen Pflichtenkreis hinzu-
fiigte.
Fiir jeden Studenten hatte Sch. ein offenes Herz. Er schuf seine Werke
nicht in weltentriickter Einsamkeit eines genialen Geistes; lebensnah blieb
er stets ein Lernender nnd darum ein Freund der Jungen. Darum war er
auch kein Diktierprofessor, sondern schopfte in der Vorlesung mit Vorliebe
frei aus dem Erlebten und in sich Aufgebauten. Dabei konnte es seinem
Temperament passieren, dafl er sich vertat; das genierte ihn nicht, sich vor
seinen Studenten selbst zu verbessern. Da er alien etwas bieten wollte, hielt
er seine Vorlesungen so, dafi sie der Durchschnittsstudent mit Gewinn auf-
nahm. Nur die Unfertigkeit der Verhaltnisse in StraBburg und die Sprodig-
keit der Niedersachsen in Gottingen schien ihm voriibergehend den vollen
Lehrerfolg zu versagen. Ganz als freundlicher Lehrer gab er sich in seinen
Ubungsvorlesungen. Aus ihnen erwuchs eine seiner wertvollsten Veroffent-
lichungen, die »Urkunden zur Geschichte des Deutschen Privatrechts«, die
er in Bonn zusammen mit dem Freunde H. Loersch angelegt hatte und die
1874 als Festgabe fiir Waitz erschien. So besafl Sch. alle Eigenschaften eines
akademischen Lehrers.
Sch.s Forschung baute sich in klarer Gliederung auf. In ihrem AusmaB ist
sie ein Denkmal des Selbstvertrauens, der Beharrlichkeit und nie versagenden
GelehrtenfleiBes. Von einem wichtigen Einzelgebiet der Rechtsgeschichte ging
Sch. aus, als Synthetiker des Fachs beschloB er, vielfach bewahrt, sein reiches
Leben. Obwohl nicht ohne philologische Bildung, beschrankte sich Sch. im
wesentlichen auf die Rechtsgeschichte der deutschen Stamme. Er zog zwar
das angelsachsische Recht in seinem Erstlingswerk mit heran, iiberlieB aber
die Pflege des nordgermanischen Rechts anderen. Seit den Bonner Jahren
zeigte Sch. lebhaftes Interesse auch fiir die westlichen Grenzgebiete, schon
seit seiner Studentenzeit hatte er auf seiner akademischen Wanderung iiberall
Beziehungen zur landesgeschichtlichen Forschung gefunden. Er gehorte von
Anfang an der Gesellschaft fiir rheinische Geschichtskunde an. Er war Mit-
begriinder der Badischen Historischen Kommission, bei der er die Heraus-
gabe der Oberrheinischen Stadtrechte anregte und dabei selbst mitarbeitete.
Seine rechtsdogmatischen Interessen galten vor allem dem deutschen Privat-
recht, nachstdem dem Handelsrecht und Seerecht. Je tiefer er aber ins Leben
hereinkam, um so ausschlieBlicher wurde er ein fiihrender Forscher auf dem
Gebiet der deutschen Rechtsgeschichte.
Eine Preisaufgabe der Berliner Juristenfakultat, von Beseler gestellt, hatte
dem jungen Sch. den Weg zu seiner Forschung liber die Entwicklung des
ehelichen Guterrechts gewiesen. Die Preisaufgabe handelte von der Bedeu-
tung der Dos in den Volksrechten. Unter dem bescheidenen Kennwort
• Lehrstiick ist kein Meisterstiick« hatte sie Sch. der Fakultat eingereicht und
damit den Preis errungen. Die bei seiner Promotion gelieferte Interpretation
vom Sachsenspiegel-Landrecht III, 73, § 1, die dann 1863 in Bonn zur
Probevorlesung erweitert wurde und 1864 unter dem Titel »Zur Lehre von
der Ebenburtigkeit nach dem Sachsenspiegel« erschienen ist, fuhrte Sch. zu
142 1917
den Standefragen und zum beriihmten Rechtsbuch des Mittelalters. Dieser
doppelte Vorgang beleuchtet, wie sehr schon dem jungen Sch. die Fahigkeit
eignete, auf fremde Anregungen einzugehen und darauf weiterzubauen ; es
war jene geistige Beweglichkeit, die Sch. spater zum gewissenhaften Mentor
der Entwicklung einer ganzen Wissenschaft gemacht hat.
Allezeit stand fur Sch. die Herausarbeitung der Forschungsergebnisse un-
mittelbar aus den Quellen im Vordergrund, in zweiter Linie zog er darum
nicht weniger gewissenhaft die Literatur heran. So hatte er es bei Waitz
gelernt. Aber wie niemand Rechtshistoriker sein kann, ohne die Quellen zu
kennen und immer wieder vorzunehmen, so kann sich auch kein Rechts-
historiker der Bereitstellung der Quellen aus dem gedruckten, mehr noch
aus dem ungedruckten Material ganz entziehen, zumal in Sch.s Lebenszeit,
die gerade damit beschaftigt war, eine Fulle unbekannter Quellen aus den
Archiven zu heben. Auch Sch. nahm an dieser Herausgebertatigkeit Anteil,
ja er begann damit sehr friih. Wir vernahmen, wie der junge Doktor den
greisen J. Grimm bei der Herausgabe der Weistiimer, jenen vielgestaltigen
Denkmalern des Rechts von Dorfern und Grundherrschaften, unterstiitzt hat.
Kurz vor seinem Tod handigte Grimm 1863 dem eben nach Bonn ziehenden
Privatdozenten das Material fur Band V der Weistiimer aus. Die damals be-
griindete bayerische Historische Kommission betraute dann Sch. damit, unter
G. L. v. Maurers Leitung das Weistiimerwerk zu Ende zu fuhren. In sechzehn-
jahriger Arbeit hat Sch. das Vermachtnis des groBen Meisters erfullt, zwei
Bande Text und in Band VII die umfassenden Namen- und Sachregister her-
gestellt, die letzteren in ihrer Kleinarbeit der unentbehrliche Schliissel zu dem
reich aufgestapelten Material des Gesamtwerkes. Wiederholt hat Sch. diese
» iiber jede Beschreibung muhseligen Register «, ein Sisyphuswerk von 418 Seiten,
als die starkste Arbeitsleistung seines Lebens bezeichnet. Die Weistiimerarbeit
wirkte in Bonn auch noch nach anderer Richtung; hier gab Sch. Clevesche
und andere niederrheinische Rechtsquellen heraus und kam damit dem hoi-
landischen Quellenkreis und den dortigen Rechtshistorikern nahe. Sch.s Mit-
arbeit an den oberrheinischen Stadtrechten wurde schon gedacht; seit die
badische Historische Kommission 19*10 auch den Plan der Herausgabe badi-
scher Weistiimer faBte, bildete dessen Forderung Sch.s besondere Hoffnung
und Freude ; auf die Arbeit am Rechtsworterbuch, das gleichf alls eine Quellen-
erschlieBung groBten Stiles werden sollte, ist noch zuriickzukommen.
Seinen Namen als Rechtshistoriker von Rang hat Sch. durch zwei Haupt-
werke, die in vier Teilen herausgebrachte »Geschichte des ehelichen Giiter-
rechts in Deutschland« und sein »Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte*,
begriindet. Das erstere Werk ist im ganzen heute noch nicht libertroffen, es
hielt Sch. in Bonn und Wiirzburg neben der Weistiimerarbeit in Atem. Aus-
gebreitete Quellenkenntnis befahigte ihn zu dem Wagnis, von Beseler und
Waitz hatte Sch. den Hinweis auf die hohe Bedeutung der Urkunden, als
Niederschlag der Praxis, gerade fiir die Bearbeitung eines derartigen Gebietes
empfangen. Um Sch.s Rechtsgeschichte des Ehegiiterrechts gerecht zu be-
urteilen, mufl man, worauf Stutz aufmerksam macht, beachten, daft die An-
lage des Werkes zeitlich vor den entscheidenden Forschungen iiber die Ehe-
schlieBung liegt, die durch Friedberg und Sohm veranlaBt wurden. Man muB
auch bedenken, wie ungeklart damals noch die Grundlagen des alteren deut-
Schroder 1 43
schen Schuld- und Haftungsrechts waren, die in EheschluB und Ehevertrag
doch iiberall hineinragen.
Aus der Berliner Preisarbeit war Band I des Werkes, die Zeit der Volks-
rechte umfassend, geworden, 1864 als Habilitationsschrift erschienen. Unter
Verzicht auf die Heransarbeitung eines einheitlichen Urgiiterrechts, stellte
hier Sch. das Gebiet, wie es in der Verschiedenheit der Stammesrechte im
frankischen Zeitalter in die historische Erkenntnis eintritt, dar. Das Mundial-
guterrecht, ein AusfluB der vormundschaftlichen Stellung des Mannes iiber
die Frau, von Sch. nicht ganz glucklich mit dem seitdem herrschend gewor-
denen Ausdruck »Verwaltungsgemeinschaft<< bezeichnet, hatte Sch. in seiner
iiberragenden entwicklungsgeschichtlichen Bedeutung wohl erkannt. Den
zweiten Teil des Werkes, das deutsche Mittelalter umfassend, gliederte Sch.
bei der Fulle des Stoffes nach Landschaften in drei Unterteile. Davon war
Teil I 1868 erschienen, eine fast vollige Neuschopfung, die das mittelalterliche
Ehegiiterrecht Siiddeutschlands einschlieBlich von Osterreich und der Schweiz
darstellte. In Teil III, 2 (erschienen 1871) behandelte Sch. die frankischen
Rechte mit ihren oberrheinischen Auslaufern; Teil II, 3 beschloB 1873 das
Werk mit der Darstellung der norddeutschen Giiterrechte des Mittelalters
von den Niederlanden bis zum Baltikum. Der ausbleibende buchhandlerische
Erfolg verleidete dem Verleger und Sch. selbst die Ausfuhrung eines urspriing-
lich geplanten III. Teiles, der die Entwicklung des ehelichen Giiterrechts von
der Rezeption des romischen Rechts bis zur Neuzeit behandeln sollte. Sch.
trostete sich mit der relativen Diirre dieser Rechtsperiode der Romanisierung
und der Erstarrung. GewissermaBen als Ausklang bot Sch. ein Gesamtbild in
einer Abhandlung der Historischen Zeitschrift: »Das eheliche Giiterrecht und
die Wanderungen der deutschen Stamme im Mittelalter* (1874). Dagegen
plante Sch. noch 1874 ein dogmatisches Werk iiber das geltende eheliche
Giiterrecht und machte sich begriindete Hoffnung, fur diesen Abschnitt des
Familienrechts in die Kommission zur Ausarbeitung des Biirgerlichen Gesetz-
buchs berufen zu werden. Sch. legte 1874 und 1875 dem deutschen Juristen-
tag Gutachten iiber die zweckmaBigste Ausgestaltung des ehelichen Giiter-
rechts im neuen Reichszivilgesetzbuch vor, erlebte aber dabei eine doppelte Ent-
tauschung: weder fand das von ihm zunachst vorgeschlagene Regionalsystem,
das den einzelnen Landschaften ihr traditionelles Giiterrecht belassen sehen
wollte, allgemeine Billigung; noch auch, als Sch. dem auf nationale und prak-
tische Griinde gestiitzten Drangen nach groBerer Vereinheitlichung des Giiter
rechts nachgab, sein Vorschlag, eine erweiterte Errungenschaftsgemeinschaft
als normalen gesetzlichen Giiterstand in den Mittelpunkt des neuen Rechts
zu stellen. So kam Sch. weder in die Kommission, noch gewann seine sachliche
Auffassung die Oberhand, die »Verwaltungsgemeinschaft« hatte gesiegt. Doch
geht es auf einen Antrag, den Sch. 1876 auf dem Juristentag zu Salzburg ver-
trat, zuriick, wenn das Biirgerliche Gesetzbuch neben dem gesetzlichen Giiter-
stand die anderen Hauptsysteme des deutschen ehelichen Giiterrechts als
sogenanntes dispositives Giiterrecht zur Erleichterung der Ehegatten beim
AbschluB von Ehevertragen gleichfalls normierte. Getreu seiner vornehmen
Gesinnung hat iibrigens Sch. auch weiterhin die Arbeiten am Entwurf zum
Biirgerlichen Gesetzbuch durch Einzelaufsatze befruchtet und es 189 1 auf
dem Juristentag durchgesetzt, daB die Verwaltungsgemeinschaft, statt in der
144 I9I7
romanistischen Gestaltung des sachsischen Biirgerlichen Gesetzbuchs in einer
mehr deutschrechtlichen Formulierung ausgestaltet wurde. Auch der Ein-
biirgerung des neuen Rechts leistete der Meister des ehelichen Giiterrechts
durch eine gemeinverstandliche, wiederholt aufgelegte Darstellung des letz-
teren, wie es Gesetz geworden war, gute Dienste. Aber der Plan einer dog-
matischen Darstellung des geltenden Ehegiiterrechts war von Sch. iiber den
gemachten Erfahrungen endgiiltig begraben worden.
An Fragen des geltenden Rechts interessierte Sch., wie schon angedeutet,
auBer dem ehelichen Guterrecht hauptsachlich das Handels- und Seerecht.
Seine Textausgabe des Handelsgesetzbuches, eine Frucht der Bonner Jahre,
erlebte zahlreiche Auflagen; in zwei derselben lieB er das Buch als ^Corpus
juris civilis fur das Deutsche Reich und Osterreich, erster Teil« hinausgehen
und lieB diesem ersten Teil 1877 in einem Teil 2 die privatrechtlichen Neben-
gesetze beider Reiche folgen. Dem Verfechter des deutschen Privatrechts
schwebte damit der in unseren Tagen wieder aufgenommene Plan vor, durch
solche Zusammenfassung die innere Zusammengehorigkeit des deutschen und
des osterreichischen Rechts zu pflegen. Mit besonderer Liebe, die sich auch
im Handelsrechtskolleg auBerte, gab sich Sch. als Mann von der Waterkant
den seerechtlichen Fragen hin, in deren Nonnenwelt so viel altdeutsches Recht
enthalten ist ; fur W. Endemanns Handbuch des Handelsrechts bearbeitete
er 1882 bis 1884 eine groBere Anzahl seerechtlicher Kapitel in mustergultiger
Darstellung.
Von der Geschichte des ehelichen Giiterrechts aus aber reifte in Sch. das
zweite Hauptwerk, das seinen Namen in den weitesten Kreisen bekannt machte,
das »L,ehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte«. Wohl hat Sch. vor und nach
seinem Erscheinen noch wiederholt rechtsgeschichtliche Einzelfragen behan-
delt, die ihm teils, wie die Abhandlung iiber die Erbsalzer zu Werl (1872),
aus Rechtsgutachten auf landesrechtsgeschichtlichem Gebiet erwuchsen, teils
aber auch wissenschaftlicher Neigung entsprangen: so die Arbeiten (1867 bis
1870), in denen er als Freund der Literaturdenkmaler, einer Anregung
Simrocks folgend, die deutsche Dichtung des Mittelalters in den Dienst der
Rechtsgeschichte zog, oder seine Heidelberger Rektoratsrede iiber die deutsche
Kaisersage (1891); so seine verschiedenen Beitrage zu den Rechtsbiichern
(1869 — ^92)» von denen ihn besonders der Sachsenspiegel und die im Halb-
dunkel der Vergangenheit verschwimmende Gestalt Eikes v. Repkow anzogen.
Zu den komplizierten Fragen der sachsischen Gerichtsverfassung und des
Standewesens nahm Sch. (1884) in einem seiner reifsten Aufsatze Stellung,
der als StraBburger Festgabe fur G. Beseler erschien. Als Otto v. Zallinger die
Standegliederung Eikes in ihrer Realitat in Zweifel zog und darin eine sub-
jektive standerechtlich interessierte Spekulation des Verfassers des Rechts-
buchs vermutete, fand er bei Sch. wohl iiber Gebiihr Zustimmung. Noch in
den letzten Zeiten seines Lebens hat Sch. bei der Neubearbeitung seines Lehr-
buchs fur die 6. Auflage kaum einem anderen Gebiet ein so lebhaftes Interesse
zugewandt, wie den Fragen der sachsischen Standegeschichte und Gerichts-
verfassung. Sch.s lebhaftem Sinn fur Symbol und Wort im Recht entsprangen
seine Arbeiten zur Roland-Forschung (1890 — 1906), in denen es freilich frag-
lich erscheint, ob er der sogenannten Spieltheorie von Heldmann und Jostes
gerecht wurde, sowie seine Aufsatze zur Bedeutung der Marktkreuze, die ihn
Schroder 145
im Streit der Stadtrechtstheorien an die Seite der Marktrechtstheorie und
damit an die Seite seines Freundes Sohm drangten. Zu der Ausgabe von
K. Zeumers frankischen Urkundenformeln steuerte Sch. wertvolle Beitrage
bei (1883 — 1892), die vor allem dem Wirken des Erzbischofs Arno von Salz-
burg galten.
Doch waren alle diese und andere Arbeiten, von denen noch Sch.s Unter-
suchungen zum frankischen Recht, Vorstudien zu einem geplanten Werk
iiber die Franken, genannt seien, die in der Abhandlung »Die Franken und ihr
Recht* (1881) ihre Bekronung fanden, Parerga zu Sch.s Deutscher Rechts-
geschichte. Die Anregung zur letzteren kam ihm schon in den Bonner I^ehr-
jahren von keinem Geringeren als von Friedrich Althoff ; begonnen hat Sch.
mit der Ausarbeitung in StraBburg, in der auptsache fertiggestellt wurde
das Werk in Gottingen, vollendet in Heidelberg.
Es war ein einzigartiges Zusammentreffen, daB, wie schon bemerkt, zwei
so angesehene Forscher, ' . Brunner und Sch., zu gleicher Zeit demselben Ziele
zusteuerten. Sicherlich war von beiden Brunner der groBere und scharfsinnigere.
Aber wahrend dieser von Anfang an auf ein universales Handbuch abzielte,
fur das er dann nur die der germanischen und frankischen Zeit — auch letztere
mit AusschluB des Privatrechts des Zeitalters — gewidmeten Bande vollenden
durfte (s. a. a. O., S. 123), gelang Sch. der Wurf, das Ganze der deutschen
Rechtsgeschichte bis herab zur Schwelle der Gegenwart zu meistern. Wohl
lag auch bei ihm von vornherein das Schwergewicht der Darstellung in den
mittelalterlichen Perioden der nationalen Rechtsentwicklung. In den folgen-
den Auflagen aber beseitigte er immer mehr das Skizzenhafte, das zunachst
seiner Darstellung der Rechtsgeschichte der Neuzeit anhaftete.
Durch sein I^ehrbuch war der Jurist Sch. mit einem Schlag auch in den
Kreisen der Historiker beruhmt, war sein Buch ein unentbehrliches Hand-
werkszeug aller rechts- und verfassungsgeschichtlichen Forschung geworden
und hat diese Geltung dank der nie rastenden Verbesserungsarbeit seines Ver-
fassers bis iiber dessen Tod hinaus behalten. Dieses Buch ersetzt »zugleich
die fehlende Bibliographic der deutschen Rechtsgeschichte « bis heute. Wohl
hat Sch.s Schmiegsamkeit gegenliber neuen Forschungsergebnissen, die doch
das schonste Zeugnis seiner wissenschaftlichen Aufgeschlossenheit und Ehr-
lichkeit ist, die Einheitlichkeit der Darstellung allmahlich beeintrachtigt —
Wichtiges steht heute im Anmerkungsapparat, was bei urspriinglicher Beriick-
sichtigung sicherlich im Text Platz gefunden hatte — , als Lebenswerk Sch.s,
und als getreuer Spiegel der reichen Entwicklung des Fachs wird sein Lehr-
buch stets fortleben, mag auch allmahlich die Zeit eine von Grund aus neue
Schopfung ahnlicher Art gebieterisch verlangen. Und noch eines, worauf Ulrich
Stutz mit Recht abhebt: die Neigung mancher Modernen, alles bisher Erarbei-
tete in Zweifel zu ziehen, hat Sch. manchmal verbittert und ihn zum Mahner
und Warner gemacht. Gleichwohl hat er die Grenzen maBvoller Auseinander-
setzung, er, der personlich niemandem bose sein konnte, kaum je iiberschritten.
AuBerungen des Zornes und der Entriistung lieB er miindlich in seinen vier
Wanden verrauchen, stets zur Versohnung bereit und als Vermittler gern
gesehen. v. KiinBberg berichtet, daB er »eine sarkastische Vorrede mit Hor-
nern und Zahnen« noch kurz vor dem Druck abgemildert habe.
Als eine groBe Geldstiftung die Berliner Akademie instand setzte, auf
dbj 10
I46 1917
Heinrich Brunners und K. v. Amiras Vorschlag der Herausgabe eines Worter
buchs der deutschen Rechtssprache naherzutreten, und dam it einem Bediirf-
nis der rechtsgeschichtlichen Forschung abzuhelfen, erschien keiner besser
geeignet, das neue Unternehmen zu leiten, als Sch., der Mann des Lehrbuchs
und der feinsinnigen Forschung, der zugleich durch seine Registerarbeit an
Grimms Weistumern den Befahigungsnachweis zur Bearbeitung eines Rechts-
worterbuchs erbracht hatte. In der Sitzung der Berliner Akademie vom
3./4. Januar 1897 ubernahm Sch. die wissenschaftliche Leitung. »Mit Feuer-
eifer ging der beinahe Sechzigjahrige an die Arbeit «, so berichtet v. KiinBberg,
der ihm bei derselben bald am nachsten stehen durfte. t)ber den Fortgang
der Vorarbeiten, die in rasch anschwellendem Tempo die Schatze der deut-
schen Rechtssprache in die Heidelberger Werkstatt sammelten, erstattete Sch.
seitdem alljahrlich Bericht. Aus der Exzerptorentatigkeit, an der Sch. selbst
ruhrigen Anteil nahm, entstand allmahlich in Heidelberg das Archiv des
Rechtsworterbuchs mit mehr als einer Million Zetteln. Die Vollendung zogerte
sich hin. »Hatten die Freunde urspriinglich gedacht, in zwolf Jahren das
Werk vor sich zu sehen, so auBerten sie nach zehn Jahren nur mehr bescheiden
die Hoffnung, vielleicht den Anf ang noch zu erleben. « Freilich war die Kraft
Sch.s bei herannahendem Alter nicht mehr voll ausreichend, um der Arbeit
am Rechtsworterbuch die fur seinen friiheren AbschluB erforderlichen Im-
pulse zu geben. Sch. selbst lieB wohl den Artikel Weichbild in wiederholter
Bearbeitung als Probeartikel erscheinen. 1912 gab er ein Quellenheft und 1914
sogar ein erstes Heft von Band I des Werkes selbst heraus, starb aber liber
dem durch den Kriegsausbruch verlangsamten Druck des zweiten Heftes.
Die Arbeitsgenossen am Rechtsworterbuch hatten Sch. noch zum 70. Geburts-
tag (1908) mit einer Sammlung »Beitrage zum Worterbuch der deutschen
Rechtssprache « iiberrascht; es war seine groBte Geburtstagsfreude, lieB doch
dieses Heft den Jubilar und die wissenschaftliche Welt »die Fiille und Tiefe
der noch zu hebenden Schatze ahnen«. Aber bei seinem Tod hinterlieB Sch.
in der Hauptsache nur den Torso des gewaltigen Zettelarchivs, dessen Be-
meisterung im engeren Rahmen jetzt geplant ist. Gleichwohl behalt G. Roethe
recht, wenn er dem verstorbenen Freund in den Berliner Sitzungsberichten
nachrief : »Wie er mit ungetriibter SiegesgewiBheit den Gefahren und Schwan-
kungen des Krieges sicheren Herzens zuschaute, so leitete ihn auch bei seiner
Arbeit am Deutschen Rechtsworterbuch ein frohgemutes Zutrauen zum guten
Erfolg, das er auf alle seine Freunde und Mitarbeiter ausstrahlte. Brunner
und er haben als die eigentlichen Vater des Deutschen Rechtsworterbuchs zu
gelten : ihr Name ist mit seiner Geschichte wurzelhaft verwachsen. « Und doch
werden wir schlieBlich Ulrich Stutz darin recht geben, daB Sch. mehr zum
Eigenforscher als zum Organisator geschaffen war, eine Tatsache, die Ulrich
Stutz auch an Hand der Schicksale der Zeitschrift der Savigny-Stiftung illu-
striert, deren deutschrechtliche Abteilung Sch. von 1886 bis 1897 geleitet hat,
ohne daB es ihm gelungen ware, namentlich den Literaturteil zu einer voll-
standigen und hochwertigen Uberschau der Neuerscheinungen zu gestalten.
So wird Sch. in der Gelehrtengeschichte der deutschen Rechtsgeschichte
als Lehrer und als Forscher von Format fortleben. Wohl iiberstrahlt ihn der
Ruhm anderer, die zu seinen Zeiten Bahnbrechenderes auf dem Gebiet der
Deutschen und der Germanischen Rechtsgeschichte geleistet haben. Was ihm
Schroder. Simson 147
aber keiner streitig macht, ist die Schopfung des Gesamtbildes seiner Wissen-
schaft und ihres jeweiligen Forschungsstandes in den sechs Auflagen seines
Lehrbuches, und ist der Reiz einer bedeutenden menschlichen Personlichkeit,
deren Kardinaltugenden Gute, ein mit Frohsinn selten gepaarter Lebensernst
und beharrlicher FleiB gewesen sind.
Literatur: Biographisches iiber Sch.: Karl v. Amira (Jahrb.d.bayer. Akad.d.Wissen-
schaften 1917, S. 80 — 87) ; Ernst Heymann (Deutsche Juristenztg. 1917, Spalte 206 — 208) ;
Eberhard Frhr. v. Kiinflberg (Ztschr.f.d. Gesch. d. Oberrheins, Neue Folge, Bd. 32, 1917,
S. 330 — 334); Ernst Landsberg (Gesch. d. dtsch. Rechtswiss. Ill 2, 1910, S. 898!.);
K. Lehmann (Ztschr. f. d. ges. Handelsrecht, Bd. 80, 1917. S. 439 f.) ; Gustav Roethe
(Sitzungsber. d. Berliner Akad.d.Wiss. 191 7, S. 97); Ulrich Stutz (Ztschr. d. Savigny-
Stiftung f. Rechtsgesch., Germ anist. Ab tig., Bd. 38, 191 7, S. 1 — 45; auch separat er-
schienen Weimar 191 7 mit Bild).
Munchen. Konrad Beyerle.
Simson, Paul, Professor, * am 5. Februar 1869 in Elbing, f am 6. Januar 1917
in Danzig. — Als Sohn wohlhabender Eltern geboren, verlebte S. seine erste
Jugend in dem schonen, freilich gegen Danzig nicht aufkommenden Elbing,
bis Ende der siebziger Jahre seine Eltern nach Danzig iibersiedelten. Die
Sommeraufenthalte in dem reizenden See- und Haffbadeorte Kahlberg gaben
seiner groBen und ihn fur das ganze Leben begleitenden Freude an der Natur
die erste Nahrung. In Danzig, das damals noch von dem jahrhundertealten
Festungsgurtel eingeengt war, erschlossen sich den Augen des Jungen staunen-
erregende Bilder. Die engen malerischen Gassen, die hochgiebeligen Hauser,
die stattlichen offentlichen Gebaude und Kirchen, vor allem die Marienkirche,
alle diese Zeugen einer groBen geschichtlichen Vergangenheit muBten in der
Seele des aufgeweckten Knaben tiefe Eindriicke hervorrufen, die den Sinn
fur die geschichtliche GroBe seiner neuen Heimat wecken und dauernd an-
regen konnten. Es blieb denn auch nicht aus, daB er sich bald mit Gleich-
gesinnten in immer fester sich gestaltender Gemeinschaft im Elternhause zu-
sammenfand, wo man durch schriftliche Arbeiten, Vortrage mit oft recht
stiirmischer Aussprache dem, was die Eindriicke der alten StraBen und ihrer
Vergangenheit in den jungen Seelen angeregt hatten, Ausdruck gab. Diese
geistige Vereinigung iiberdauerte die Schule, ja sie iibte noch in der Studenten-
zeit ihre einigende Kraft auf die zu den Ferien heimkehrenden Musen-
sohne aus.
Seine wissenschaftliche Ausbildung begann im Jahre 1876 im Koniglichen
Gymnasium in Elbing, wurde in Danzig im Koniglichen Gymnasium fort-
gesetzt und fand ihren ersten AbschluB im Jahre 1887, wo er mit dem Reife-
zeugnis die Schule verlieB, um sich dem Universitatsstudium zu widmen.
Welchem Zweige der Wissenschaft, war ihm selber noch nicht recht klar. Es
drangte ihn nur mit elementarer Gewalt hinaus, und der Vater, obgleich
Kaufmann, legte dem mehr zum Gelehrten als zum Handelsleben veranlagten
Sohne keinerlei Schwierigkeiten in den Weg, stellte nur die einzige Bedingung,
daB er sich dem Lehrberufe widmen solle. So entschloB sich S. zum Studium
der Philologie, wobei aber die Geschichte von Anfang an im Vordergrunde
stand. Sein erstes Ziel war Heidelberg, wo er, wie er oft freudig erzahlte, die
schonsten Monate seines Lebens verbrachte, und seine Zeit zwischen fleiBigem
I48 1917
Studium und froher studentischer Ungebundenheit, zwischen Kolleghoren und
Ausfliigen in lustiger Gesellschaft in das bliihende Neckartal oder in den
Odenwald teilte. Die zwei folgenden Semester verbrachte S. in Konigsberg
und folgte auch hier seinem ihn im ganzen Leben treu begleitenden Drange,
fleiBiges Studium, namentlich der Geschichte, mit Wanderungen in der Natur
zu verbinden.
Von Konigsberg aus besuchte er die Universitat Leipzig. Den AbschluB
seiner Studien bildete ein Aufenthalt in Berlin im Jahre 1891. Hier promo-
vierte er mit einer Arbeit aus der Danziger Geschichte, und zwar aus einem
Gebiete, das ihn gleich mitten in das groBe Ringen der Stadt im sogenannten
dreizehnjahrigen Kriege (1454 — 1466) fiihrte.
Nach Beendigung der Studien und Ablegung des philologischen Staats-
examens fiir Geschichte, Geographie und Deutsch, zu denen durch eine Er-
ganzungspriifung im Jahre 1894 auch Lateinisch kam, sowie nach Ableistung
seiner militarischen Dienstpflicht (1892/93) trat er in Danzig am 1. April 1894
als junger L,ehrer beim Stadtischen Gymnasium ein, ging aber schon 1895
zu dem damaligen Realgymnasium St. Petri iiber. Ihm gehorte er dann bis
zu seinem Tode an und unterrichtete da in Geschichte, Geographie und Deutsch
und, soweit sie in Betracht kamen, in den humanistischen Fachern. In beson-
derer Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen wurde ihm schon im
Jahre 1906 der Titel Professor verliehen, obgleich er seinem Alter nach noch
lange nicht an der Reihe gewesen ware.
Alljahrlich schiittelte er, sobald die Schulpforten sich geschlossen hatten,
den Staub der Stadt ab und eilte in die Ferae hinaus, viele Jahre hindurch
wie ein Zugvogel nach den Tiroler und Schweizer Alpen, von denen er nament-
lich die ersteren nach alien Seiten durchstreifte. Andere Reisen fuhrten ihn
durch die freundlichen Stadte Siiddeutschlands, oder die Versammlungen des
Hansischen Geschichtsvereins in den Pfingsttagen nach den Stadten Nieder-
sachsens. Im Friihling 1914 erfullte sich ihm ein langjahriger Sehnsuchts-
wunsch durch eine Reise nach Italien, auf die er sich griindlich vorbereitete,
und die fiir ihn eine Quelle hochsten Genusses wurde, obwohl er durch einen
ungliicklichen Zufall in der Villa Adriana bei Tivoli sich eine Knieverletzung
zuzog, die ihn wochenlang an das Deutsche Krankenhaus in Rom fesselte.
Sein Weg fiihrte ihn bis Neapel, und von der unverganglichen Schonheit der
naheren und weiteren Umgebung dieser Stadt der Freude, von Sorrent, Capri,
Amalfi und den Herrlichkeiten Pompejis konnte er, genuBfahig wie er war,
sich in Erzahlungen nicht genug tun.
Und doch nagte auch an diesem starken Baume ein Wurm, der ihn eher
fallen sollte, als irgend jemand geahnt hatte. Eine schwere Blinddarmerkran-
kung im Jahre 1901, die mehrere Operationen ndtig gemacht hatte, und dauernd
ihre Spuren hinterlieB, scheint auch unter Hinzutritt einer Phlegmone der
Ausgangspunkt seiner todlichen Erkrankung geworden zu sein.
S.s Bedeutung fiir die Danziger Geschichtschreibung ist auch heute noch,
obgleich manche seiner Forschungsergebnisse im einzelnen vielleicht iiberholt
sind, auBerordentlich groB, ja man kann wohl sagen, er ist der erste groBe
Danziger Historiker nach einem Jahrhunderte des Stillstandes geworden. Alle
seine Arbeiten sind der AusfluB zweier grundlegenden Eigenschaften seines
Charakters. Neben durchdringendem Verstande, staunenswertem Gedacht-
Simson I4Q
nisse selbst fiir die kleinste Einzelheit und feinem Gefiihle ftir die inneren
Zusammenhange des geschichtlichen Werdens, eiserner unbeugsamer FleiB,
der vor keiner noch so groBen Arbeit zuriickschreckte, und eine Griindlichkeit
und Gewissenhaftigkeit, die sich nie genug tun, keiner, auch der schlimmsten
Schwierigkeit nicht, ausweichen konnte, sondern jede Frage griindlich priifte,
und darum auch nie vor Bergen von Arbeit zuriickschreckte, die einen anderen
hatten verzagen lassen.
Sein Lebenswerk, die Geschichte Danzigs zu vollenden, ist ihm leider nicht
vergonnt gewesen. Mitten aus der Arbeit heraus hat ihn der Tod abgerufen,
und so ist das groBangelegte Werk ein Bruchstuck geblieben, von dem nur
die beiden ersten Bande (bis zum Jahre 1626) nebst einem Urkundenbande
fertig wurden. Und selbst von diesen ist nur der erste Band und ein Heft des
zweiten bei seinen Iyebzeiten erschienen, der Rest erst nach seinem Tode von
dem Direktor der Stadtbibliothek, Professor Dr. Gunther, und mir nach seinem
Manuskripte herausgegeben worden. Erstaunlich ist die Fiille von Aufsatzen
in den verschiedensten wissenschaftlichen Zeitschriften, die alle die Vorziige
der S.schen Griindlichkeit zeigen. Manche von ihnen konnten getrost als
selbstandige Werke gelten. So der Aufsatz: WestpreuBens und Danzigs Kampf
gegen die polnischen Unionsbestrebungen in den letzten Jahren des Konigs
Sigismund August (1568 — 1872), oder seine Geschichte der Schule zu St. Petri
und Pauli in Danzig. Grundlegend ist noch heute seine Geschichte der Danziger
Willkur, der Artushof in Danzig und seine Briiderschaften, die Banken, sowie
sein grofles Danziger Inventar (als dritter Band hansischer Archive des
16. Jahrhunderts vom Vereine fiir hansische Geschichte herausgegeben). Alles
Werke, von denen jedes allein einem Manne Ehre machen konnte.
Dabei war S. alles eher als ein weltfremder, trockener Stubengelehrter. Im
Gegenteile, sein aufs Praktische gerichteter Sinn lieB ihn auch mit den Lebenden
leben, in den Fragen des Tages seinen Mann stehen, ob er als Stadtverordneter
oder als Mitglied eines politischen Vereins, von dem Vertrauen seiner Mit-
biirger getragen, oder in einem neben rein asthetischen auch sehr praktischen
Fragen dienenden Vereine, wie dem zur Erhaltung der Bau- und Kunstdenk-
maler der Stadt Danzig, als langjahriger Vorsitzender tatig war.
Und wie er als Gelehrter von Einseitigkeit frei, menschlich verstandnisvoll,
eine harmonische Personlichkeit war, so besaB er auch nicht zum wenigsten
als Lehrer der Jugend die Gabe liebevollen Begreifens und Eingehens auf die
Regungen der jugendlichen Seele, verstand er es mit der Jugend jung zu bleiben
und auch ihren Torheiten, wenn sie nur nicht Roheiten waren, freundliche
Seiten abzugewinnen. Dabei war er als Lehrer streng und stellte groBe An-
spriiche an seine Schiiler. Aber wie er ihnen den Stoff interessant zu gestalten
wuBte, so war er auch in seinem Urteile gerecht und unabhangig von person-
licher Ab- und Zuneigung. Darum liebten ihn seine Schiiler auch, wie das
zahlreiche Briefe ehemaliger Schiiler aus dem Felde im groBen Weltkriege
deutlich zeigen.
So lebt S. im Gedenken aller derer, die ihn liebten und verehrten, nicht nur
als hervorragender Gelehrter, sondern auch als Mensch, der, mit reichen Gaben
des Herzens und Geistes ausgestattet, in straffer Selbstzucht sich zur Hohe
wahrer Humanitat emporgearbeitet hatte, fiir alle, die seine Hilfe brauchten,
als stets gewissenhafter Berater und treuer Heifer, der aus dem reichen
150 1917
Schatze seines Wissens selbstlos und verschwenderisch seine Gaben austeilte.
Sein Tod ist auch heute noch ein nicht ausgeglichener Verlust fur die ganze
wissenschaftliche Erforschung der groBen Vergangenheit Danzigs.
Literatur: Kaufmann, Paul S., in den Mitteilungen des WestpreuCischen Geschichts-
vereins, Jahrgang 16, Nr. 2, wo auch eine genaue Bibliographic seines gesamten Schaffens
zusammengestellt ist.
Danzig. Karl Josef Kaufmann.
Sohm, Gotthard Julius Rudolf, Professor der Rechte in Leipzig, German ist,
Kirchenrechtshistoriker, Rechtsphilosoph, * am 29. Oktober 1841 in Rostock,
f am 16. Mai 1917 in Leipzig. — Rudolf S. war im tiefsten Grunde seines Wesens
eine religiose Natur. Religios im zwief achen Sinne : erf ullt von der Liebe und
Hoheit des lebendigen Gottes (Gotteskindschaft, nicht Gottesfurcht!) und be-
seelt vom Glauben, da£ hochste Erkenntnis und reinste Wahrheit aus der
Intuition stammen. Das sind die Grundpfeiler, auf denen S.s Arbeit und Leben
ruhte. Von ihnen ist er niemals abgewichen. Ihnen verdankt er das GroBartige,
wie auch das Einseitige seiner Schopfungen. Alles, was zu diesen Grund-
pfeilern hinzutritt, ist Mauerwerk. Es fullt und macht reicher und vielgestal-
tiger. Aber es andert das Wesen des gesamten Aufbaues nicht.
S.s Vater war Advokat, spater Landesarchivar in Rostock ; dessen Ehef rau,
Auguste Sofie Friederike war eine geborene Walter. Der Spruch, den der junge
Konfirmand bei seiner Einsegnung in der Kirche zu Rostock erhielt, kann als
Leitmotiv fiir sein ganzes Leben angesehen werden : » Verteidige die Wahrheit
und das Recht bis an den Tod, so wird Gott der Herr fiir dich streiten« (Sirach
4» 33)- So war es: S. fuhlte sich als GefaB des Herrn, als ein Kampfer, dessen
Waff en Gott fuhrte. Wer seine kirchenrechtlichen Schriften aufmerksam liest,
wird an dieser Einstellung nicht zweifeln. An Ostern im Jahre i860 machte
er an der »Gro£en Stadtschule« sein Gymnasialexamen, das er mit der Note I
bestand. Bald darauf erkrankte er an einem schweren Typhus, erholte sich
jedoch relativ rasch und konnte im Oktober i860 als Student der Rechte an der
heimatlichen Universitat immatrikuliert werden. Den groBten Eindruck machte
dem Akademiker mit den f rischen klaren Augen der Jurist Wetzell. Im Winter-
semester 1861/62 begab er sich nach Berlin (dort starker EinfluB Bruns), im
Sommersemester 1862 nach Heidelberg (nachhaltiger EinfluB Vangerows),
dann bis 1864 wieder nach Rostock, wo nun Bohlau wesentlich auf ihn wirkte.
In dieser Zeit verfaBte er die von der Juristenfakultat Rostock preisgekronte
Schrift uber »Die Lehre vom Subpignus* (erschienen Rostock 1864). Das ist
kennzeichnend fiir den Gelehrten : das romische Recht zog ihn mit unwider-
stehlicher Gewalt an, sein ganzes Leben lang. Weshalb? Weil S. ein typischer
Vertreter der Begriffsjurisprudenz war. Im Begriff sah er das erlosende Zauber-
wort. »Die Begriffsjurisprudenz allein setzt uns in den Stand, uns des ge-
gebenen Rechts zu bemachtigen, seinen gesamten Inhalt mit einem Blick zu
iibersehen. J a, sie allein setzt uns in den Stand, die Welt der Rechtssatze zu
bewegen: auf den Inhalt zu, den die Gerechtigkeit der Gegenwart verlangt,«
schreibt er einmal spater (t)ber Begriffsjurisprudenz, Deutsche Juristenzei-
tung, Festnummer fiir Leipzig, 1909). Und welches Rechtssystem bietet den
geeigneteren Tummelplatz fiir die Begriffe als das romische Recht? Kein
anderes. —
Simsdn. Sohm
151
Am 13. Juni 1864 bestand S. sein juristisches Doktorexamen in Rostock
mit der Auszeichnung magna cum laude. Schon war der wissenschaftlicheTrieb,
schon war die Gelehrtenlust in ihm erwacht. Aber nicht mehr das romische
Recht, sondern die Entwicklung des deutschen Rechts begann ihn zu fesseln,
und so wandte er sich nach Miinchen, wo damals Paul Roth deutsche Rechts-
geschichte und deutsches Privatrecht las. Er setzte sich wieder auf die Schul-
bank und horte den hervorragenden Germanisten. Seit Waitz und Roth war
das Auge besonders stark auf die frankischen Rechtsquellen gelenkt worden
(f riiher mehr auf die sachsischen) . Roth hatte seine Geschichte des Benef izial-
wesens (1863) bereits geschrieben, ein Werk, das auf unseren jungen Gelehrten
»einen unausloschlichen Eindruck<( machte. Trotzdem habilitierte S. sich nicht
bei Roth, sondern bei der damals noch hannoverschen Juristenfakultat Got-
tingen mit der Arbeit: t)ber die Entstehung der Lex Ribuaria (1866). (S. gab
spater die Lex Ribuaria et Lex Francorum Chamavorum fur die Mon. Germ,
hist. Leges vol. V und fur die Schulausgabe der Leges heraus; Hannover 1883.)
Er schreibt: »Unter den Donnern des Krieges habilitierte ich mich 1866 in
Gottingen f ur deutsches Recht. Bei den Gottinger Professoren f and ich wah-
rend meiner Privatdozentenzeit das freundlichste Entgegenkommen und ge-
noB angeregtesten Verkehr in einem Kreise von gleichstrebenden jungen
Leuten.« Rasch ging's vorwarts. Schon 1870 wurde er auBerordentlicher Pro-
fessor und noch im gleichen Jahre rief ihn die Freiburger Fakultat, nament-
lich auf Betreiben Bindings (s. unten S. 495 ff.) und Degenkolbs, in ihre Mitte.
Unterdessen war sein groBes, von den Ideen Roths stark beeinfluBtes Werk
herangereif t : Die Frankische Reichs- und Gerichtsverfassung, gedacht als
erster Band der »altdeutschen Reichs- und Gerichtsverfassung « (Weimar 1871).
Nun gait es, im neuen Reichsland die besten Krafte zu sammeln. Zu diesen
gehorte bereits Rudolph S. 1872 kam er nach StraBburg, wo er als Fachge-
nossen den bedeutenden, freilich ganz anders gerichteten Heinrich Brunner
(s. DBJ. 1914 — 16, S. 119 ff.) fand. Auch trat er in nahe Beziehungen zu
dem Theologen Holtzmann, der auf seine religiosen Anschauungen starken
EinfluB ausiibte. Dort erlebte er, trotz seiner zunehmenden Schwerhorigkeit,
die Freude, beim zehnjahrigen Jubilaum der Universitat zum Rektor gewahlt
zu werden. Hier spielte sich auch der wissenschaftlich erbitterte Kampf mit
dem evangelischen Oberkirchenrat und mit dem Kirchenrechtslehrer Emil
Friedberg ab. Mit aller Energie griff S. die Behauptung an, die obligatorische
Zivilehe fordere notwendig die Beseitigung der kirchlichen Trauung und die
Verwandlung in eine bloBe kirchliche Segnung. Mit schwerem historischem
fanzer gewappnet und unter der Deckung einer kuhnen juristischen Kon-
struktion (die Wirkung der Ehe zerfalle in zwei Teile, in eine negative und in
^ine positive) stellte er fest, die kirchliche Trauung des spateren Mittelalters
sei keine EheschlieBung, sondern nur der kirchliche Vollzug der bereits ge-
schlossenen Ehe gewesen. Und so stehe es noch heute. (Das Recht der Ehe-
schlieBung aus dem deutschen und kanonischen Rechte geschichtlich ent-
wickelt, Weimar 1875.) Friedberg antwortete und ging in seinem Zorne iiber
S.s These so weit, ihm »Fabrikation von Stellen, zum mindesten Falschung«
vorzuwerfen, ein Vorwurf , der gehassig und unwahr ist. Denn gefalscht hat
S. niemals. Noch einmal griff S. ein und schrieb ein Buch iiber »Trauung und
Verlobung. Eine Entgegnung auf Friedberg « (Weimar 1876). Es war eine
152 1917
heiJ3e Fehde, welche die beiden Gelehrten ausfochten und aus welcher weder
S. noch Friedberg als volliger Sieger hervorging.
Schweres Leid traf ihn im Jahre 1879. Nach einer kurzen Ehe von sechs
Jahren wurde ihm seine Frau, Clara, die Schwester des Dichters Heinricli
Seidel, durch den Tod entrissen. Ein langes Krankenlager brachte Leid und
Entsagung in die Familie. Drei Jahre spater schritt S. zu einer zweiten Ehe
mit Charlotte Kehrhahn, einer sorgenden, treu ergebenen Gefahrtin, die kurz
vor Ausbruch des Weltkrieges im Juni 1914 von ihm schied.
Unterdessen war S. an die Universitat Leipzig berufen worden (1887), und
es begann fiir ihn eine Zeit groBter, einflui3reichster Wirksamkeit, zugleich
aber auch eine Epoche stiller Resignation. In Leipzig entfaltete er vor einem
gewaltigen Horerkreis seine hohe Rednergabe. Die Plastik der Rede, die Kunst
der Formgebung bestrickte alle. Jeder wurde fortgerissen, ob er wollte oder
nicht. Ich hatte selbst noch das Gliick, diesen wissenschaftlichen Kunstler zu
horen und dabei wahrzunehmen, wie er jedes Kolleg neu schuf und dadurch
unendlich lebendig wirkte. Und doch war es nicht dieses dialektische Konnen,
das so sehr fesselte. »Das war nicht nur ein GenuB fiir die Sinne. Das ging
zu Herzen. Das richtete auf. Das drang ins innerste Gewissen. Da stand nicht
der Redner, nicht der Gelehrte vor einem. Der ganze, groBe, reine, fiir Staat
und Recht und Kirche begeisterte Mensch tat sich auf und zog einen in seinen
unwiderstehlichen Bannkreis hinein. Nicht die Formgabe, die tJberzeugung
war das starkste an S. Nicht der geniale Mensch, sondern die ethische, eisen-
hart geschlossene und doch so giitige Personlichkeit strahlte ihren Zauber auf
die Studenten aus und stiftete unendlich reichen Gewinn,« so schrieb ich im
Nachruf von 1917.
Aber auBerhalb des Kollegs wurde es immer stiller urn den groBen Mann.
Sein Gehorleiden steigerte sich von Jahr zu Jahr. Der Verkehr mit ihm wurde
fast unmoglich. Nur mit seiner Familie und mit einem kleinen Kreis ver-
trautester Freunde pflegte er innigere menschliche Beziehungen. Er mied alle
Zerstreuungen und Gesellschaften und wurde immer einsamer. Als seine Gattin
von ihm genommen war und zwei seiner Sohne auf dem Felde der Ehre ihr
Leben gelassen hatten, war er ein gebrochener Mann, fast allein noch getragen
von seinem tiefen, unerschiitterlichen Glauben an Gott und die Richtigkeit
seiner Wege. Es war fiir ihn Erlosung, als er am 16. Mai 1917 sein Leben be-
schlieBen durfte.
Bei dieser seelischen Einstellung und den herben Grenzen, die ihm seine
Gesundheit und das auBere Leben setzten, ist es leicht verstandlich, daB sich
der Gelehrte immer mehr seinem ureigensten Gebiete, seinem lebhaftesten
Begehren zuwandte, der Kirche, ihrem ganzen Wesen und ihrem Rechte. Er
veroffentlichte eine Kirchengeschichte im GrundriB (1887; 19. Aufl. 1917),
einen wundervollen kleinen AbriB. 1892 erschien sein Kirchenrecht, 1. Band:
Die geschichtlichen Grundlagen, in Bindings Handbuch, ein Werk, von welchem
Kahl damalssagte, es sei die hervorragendste kirchenrechtlicheErscheinung der
Neuzeit. 1909 schrieb er iiber » Wesen und Ursprung des Katholizismus« (2. Ab-
druck 1912) und 19 14 gab er Freund und Feind kund, wie er sich grundsatzlich
zum Wesen des Rechts stelle und was ihm die Unterscheidung von weltlichem
Recht und geistlichem Recht ganz allgemein bedeute (Weltliches und geist-
liches Recht, Festgabe der Leipziger Juristen fiir Binding, Miinchen 1914). Im
Sohm 153
Jahre 1915 trat er mit seinem Riesenwerke hervor : Das altkatholische Kirchen-
recht und das Dekret Gratians (in der Festschrift der Leipziger Juristen f iir Wach,
Munchen 1918), das er seinem altgetreuen Freunde Adolf Wach widmete. Im
Vorwort findet sich das bemerkenswerte Gestandnis: »Als ich (seit dem Jahre
1 881) am Kirchenrecht in der Arbeit war und im AnschluB insbesondere an
den ersten Korintherbrief eine Ausfuhrung iiber das religiose Wesen der ur-
christlichen Ekklesia und iiber die daraus folgende leitende Stellung der
Propheten bereits niedergeschrieben hatte, erschien die Didache, und siehe da :
gerade dieses (und natiirlich noch anderes Wichtiges) stand darin. So auch
jetzt. Schon hatte ich iiber die religiose Art auch des altkatholischen Kirchen-
begriffs und die daraus folgende Bedeutung des altkatholischen Sakraments
eine langere Abhandlung ausgearbeitet, als ich noch einmal griindlich in
Gratian und die altesten Summen zum Dekret mich vertiefte, und siehe da:
gerade dieses stand darin. Was sich als der Sinn des altkatholischen Kirchen-
rechts ergab, der ,Meister Gratian' hatte es schon damals bewuJ3t erkannt und
ausgesprochen. « S. eilte also gleichsam der eigenen Forschung voraus. Seine
starke Intuition wies ihm den richtigen, durch die Quellen nachher bestatigten
Weg.
Und dies war noch nicht alles. S. war gestorben unter Hinterlassung eines
reichen kirchengeschichtlichen Materials. Dies erschien so wertvoll, daB sich
zwei seiner Kollegen, Erwin Jacobi und Otto Mayer, entschlossen, es in Buch-
form zu publizieren, namlich des Kirchenrechts 2. Band in Binding-Oetkers
Handbuch (1923). Es ist ein Torso geblieben. Es verarbeitet im wesentlichen
den Stoff des friiher herausgegebenen Dekrets Gratians.
Das, was S. ebenfalls bis zu seinem Lebensende beschaftigte, freilich nicht
mit der gleichen inneren Anteilnahme, das waren seine Institutionen des romi-
schen Rechts. (Mit dem Untertitel: Ein Lehrbuch der Geschichte und des
Systems des romischen Privat rechts, 1887.) Einem Zufall verdankte das Buch
seine Entstehung. S. hatte einst fiir seinen erkrankten Kollegen die Vorlesung
iiber romisches Recht in StraBburg iibernehmen miissen und schrieb damals
seine Institutionen jeweils in der freien Zeit »zwischen zwei Kollegien« nieder.
Darf man dies wirklich einen Zufall nennen ? Ich mochte umgekehrt sagen :
Nur ein Zufall hatte S. abhalten konnen, sich literarisch mit dem romischen
Rechte zu beschaf tigen. Denn wie ich schon sagte, die gesamte logisch-begrif flich
zugespitzte Denkweise des Mannes drangte mit Notwendigkeit dem romischen
Rechte entgegen. So war es denn mit die letzte Arbeit, die S. vollfuhrte: die
Fertigstellung der 16. Auflage seines Lehrbuches. Ein beispielloser Erfolg
war diesem padagogisch so ausgezeichneten, so anschaulich geschriebenen
Werke beschieden (17. Auflage, bearbeitet von Ludwig Mitteis, herausgegeben
von Leopold Wenger, 1924).
Auch die Kodifikation und der Ausbau des biirgerlichen Rechts lag ihm am
Herzen. Seines Leidens wegen wurde er nur zum nichtstandigen Mitglied der
zweiten Kommission fiir das Burgerliche Gesetzbuch ernannt. Am 13. November
1895 hielt er in einer Sitzung dem Kaiser Vortrag iiber die Regelung der
bauerlichen Grundbesitzverhaltnisse. Und spater, 1906, hat er in Hinnebergs
Kultur der Gegenwart eine groBziigige, sehr lebendige Darstellung des ge-
samten neuen Zivilrechts »Das burgerliche Recht « gegeben. Mit Feuereifer
drang er in den Geist der neuen Gesetzgebung ein und seine beruhmte Abhand-
154 igi?
lung iiber den »Gegenstand, ein Grundbegriff des BiirgerlichenGesetzbuches*
(Festgabe fur Degenkolb, Leipzig 1905) beweist, wie stark dieser forschende
Verstand nach den letzten Grundbegriffen innerhalb einer geltenden Rechts-
ordnung suchte. Es war eine Stoffbehandlung von hdchster Warte aus gesehen,
vielleicht das begrifflich Konstruktivste, was S. jemals geschrieben hat.
Einen politischen Kopf kann man ihn nicht nennen. Aber er ging von der An-
schauung aus, da£ das schwere Geschiitz, welches die Welt beherrsche, bei
den Gebildeten zu suchen sei, dafi daher die Universitaten und ihre Lehrer die
Pflicht hatten, ihr Wissen und ihre Uberzeugung fruchtbar zu machen fur den
Staat, das hiefl bei S. fur das Volk. Immer ist sein Herz warm und empfanglich
gewesen fur alle Bewegungen im Volke. Ihm erschien es als Pflicht, die roman-
tische Idee vom christlichen Staat zu stiirzen. Daher forderte er auf dem Kon-
greB fiir Innere Mission in Posen (1895) und ein Jahr spater bei der Griindung
des nationalsozialen Vereins in Erfurt die Trennung der beiden, innerlich ge-
schiedenen Lebenskreise, des geistlichen und des weltlichen. Die Gegenwart
hat ihm recht gegeben. Als Freund und Berater Pfarrer Friedrich Naumanns
(f 1919) half er kraftig am Aufbau des nationalsozialen Vereins mit. Als
sich dieser aufloste, warf er sich auf die Seite der Linksliberalen und begleitete
mit grdfltem Interesse alle Fortschritte der Sozialdemokratie. Das sachsische
Klassenwahlrecht empfand er als schlechtes, langst veraltetes Wahlsystem
und bekampfte es mit offenem Visier. Wo er auftrat, setzte er sich ganz ein.
Wo er eingriff, da fielen scharfe Hiebe, aber immer in vornehmster Art und
mit der Sachlichkeit des edeln Streiters.
In dieser Biographie konnen S.s Werke nicht im einzelnen aufgezahlt und
besprochen werden. Hier seien nur einige der bedeutsamen Grundgedanken,
die S. in seinen umfassenden und zahlreichen Veroffentlichungen niedergelegt
hat, entwickelt.
S.s erstes literarisches Auftreten fiel in eine Zeit, in welcher folgende Gegen-
satze aufeinanderprallten. Die eine Meinung, vor allem vertreten durch Otto
Gierke (s. DBJ. 1921, S. noff.), der 1868 den ersten Band seines »Genossen-
schaftsrechts« herausgab, ging von der Vorstellung aus: es gibt keinen alt-
deutschen Staat. Das frankische Konigtum gleicht einer obersten Grundherr-
schaft des Reiches. Alles ist beherrscht von der Idee der Genossenschaft. Auch
der Staat ist eine solche Genossenschaft. Die Staatsgewalt ist keine besonders
geartete, keine hochste Gewalt, sondern nebengeordnet den anderen genossen-
schaftlichen Gewalten. Die im Staate wohnenden Menschen stehen nicht in
einem personlichen Untertanenverhaltnis. Sie sind nur mittelbar durch das
Medium von Grund und Boden miteinander verbunden.
Dieser genossenschaftlichen Theorie trat S. mit der ganzen Bestimmtheit
seiner Dialektik entgegen und stellte das Vorhandensein echter staatlicher
Einrichtungen und damit eines echten Staates in germanischer und frankischer
Zeit fest. Vor allem wies er die Dingpflicht aller freien Leute nach, eine Pflicht,
die man unmoglich als eine auf Grund und Boden beruhende, rein genossen-
schaftliche Pflicht bewerten konnte. S. arbeitete jene benihmten Gegensatze
heraus, die spater so viele nachgeschrieben und nachgesprochen haben:
Staat im Gegensatz zur Genossenschaft, Konigsgewalt zur Beamtengewalt,
Amtsrecht zum Volksrecht, Hundertschaftsgemeinde zur Wirtschaftsge-
meinde usw. Die Arbeit wirkte auBerordentlich klarend und mancher Grund-
Sohm 155
gedanke S.s steht heute unerschiittert vor uns. Aber schon in dieser Studie
zeigt sich eine methodische Schwache, die ihn durch sein ganzes Leben be-
gleitete: iibertriebene begriffliche Konstruktion des geschichtlichen Stoffes,
ein dialektisches Spiel mit These und Antithese. Auch war der Forscher bereits
stark romisch-rechtlich befangen. Er glaubte den romischen Gegensatz von
jus civile und jus honorarium im frankisch-deutschen Recht wiederzufinden
und baute darauf sein stolzes Gebaude anf .
Getreu dem Glauben, die historische Welt durch die Aufstellung scharf zu-
gespitzter Gegensatze meistern zu konnen, untersuchte S. den Geist der mittel-
alterlichen Rechtswelt. Nach ihm gibt es auf der Welt nur zwei Rechte, fran-
kisches Recht und romisches Recht. Das salfrankische Recht siegt iiber alle
anderen Stammesrechte, schlieBlich auch iiber das sachsische Recht. »Die
mittelalterliche Rechtsgeschichte ist die Geschichte des westfrankischen, also
nach moderner Vorstellung ausgedruckt, des franzosischen Rechts. Das Recht
des deutschen Hochmittelalters ist das Recht des franzosisch-gotischen Stils. «
Nur ein Recht ist ihm ebenburtig: das romische. Der Langobardenstaat hat
zah an romischen Einrichtungen festgehalten und von Italien aus stromen
dann die romischen Rechtsideen auch nach Deutschland hinuber. Das
frankische Recht des Mittelalters erhalt sich nur in Partikularrechten. »Ein
Jahrtausend frankischer Rechtsgeschichte geht mit der vollendeten Rezep-
tiondes romischen Rechts zu Ende.« Wir glauben heute nicht mehr daran,
daB das Problem des Rechts im mittelalterlichen und neuzeitlichen Europa
mit der Gegensatzlichkeit von zwei Rechtssystemen gelost werden konne. Aber
auch hier darf man sagen : Abgesehen von der GroBe der Konzeption wirkte
die These in hohem Grade schopferisch.
Am bekanntesten ist S. geworden durch den dritten groBen Grundgedanken,
den er zwischen Juristen und Theologen, zwischen Protestanten und Katho-
liken, ja in die Mitte aller Gebildeten hineinwarf : »Die Kirche ist rechtlicher
Verfassung unfahig, ja, sie verwirft dieselbe. Das Kirchenrecht steht mit dem
Wesen der Kirche im Widerspruch. « Er glaubte den Kern der protestantischen,
namentlich der lutherischen Kirche in der urchristlichen Gemeinde zu finden.
Wie spater bei Luther, ist in der Urgemeinde das »Volk Gottes« keine auBer-
lich geformte, sondern nur eine geistliche, charismatische Organisation, eine
lose Vereinigung zum Sakrament des Abendmahls und zu den ubrigen Heils-
handlungen. Alles gipfelt in einem rein geistlichen Verbande. Die Umbildung
der urchristlichen Kirche in die katholische Kirche zieht die Umbildung eines
geistlichen Verbandes in einen Herrschaftsverband nach sich. Jetzt stromen
Recht und Zwang ein. Aber: »Was an rechtlicher Zwangsgewalt in der Kirche
wirksam ist, ist durchweg nicht der Kirche zustandig, sondern weltliche Ge-
walt. Das Wesen der Kirche ist geistlich, das Wesen des Rechts ist weltlich.
Die Kirche des Urchristentums (Ekklesia) ist eine rein geistliche, die katho-
lische Kirche eine geistlich-weltliche, die evangelische Kirche im Rechtssinn,
wie sie heute (1892) vor uns steht, eine rein weltliche Organisation. « In seiner
groBen Untersuchung iiber das Dekret stellt er — entgegen aller bisherigen
Forschung — den Satz auf, daB dessen Verf asser Gratian nicht ein Urheber
der neukatholischen Richtung, sondern ein Vollender des altkatholischen
Kirchenrechts war. Alles, was Juristen und Theologen, Katholiken und Pro-
testanten bis dahin verfochten hatten, ist verkehrt. Gratian, als Theologe,
156 1917
bringt das alte Sakramentsrecht zu hochster Entfaltung. Jetzt setzt die Be-
arbeitung des Kirchenrechts durch Juristen ein. Der Neukatholizismus wirft
seit etwa 1170 seine Strahlen aus und bringt sie um 1200 zu voller Entfaltung.
Erst um 1200 wird nach S. die Kirchenverfassung auf die Jurisdiktionsgewalt
aufgebaut. Erst um 1200 lafit sich deutlich die hierarchia jurisdictionis wahr-
nehmen. In seinem nachgelassenen Werke finden sich alle diese groBen Grund-
ideen wieder, und die Kampfansage der Kirche gegen das weltliche Recht
wird mit jugendlicher Frische fortgesponnen. Alle Herrschaft miisse dem
inneren Wesen nach der Kirche fremd bleiben. Seit dem 16. Jahrhundert gebe
es nur noch eine einzige offentliche Gewalt, den Staat. »Nur noch in der Form
des Staates ist das Volk obrigkeitlich verfaBt, nur noch in der Form des Staates
ist das Volk eine selbstherrliche Gemeinschaft, nur noch in der Form des
Staates ist das Volk Rechtsquelle, « lautet eine der wichtigsten Thesen, die
uns so deutlich in die ganze Denkweise des groBen Dogmatikers hineinschauen
laBt. Das Wort Dogmatiker sei bewuBt hierhergesetzt : S. war eben im Grunde
eine dogmatische, keine historische Natur. Immer und immer wieder unterlag
er der Versuchung, das geschichtliche Werden in scharfe begriffliche Kon-
struktionen zu fassen. Und diese Begriffe gewann er weit mehr im Wege der
Deduktion als im Wege der Induktion. Eine deduktive, dogmatisch geartete
Kiinstlernatur ist Rudolph S. gewesen. Und zu diesem Denken und zu dieser
Arbeitsweise trat auf alien Gebieten, welche kirchlichen und kirchenrecht-
lichen Boden beruhrten, der Glaubenseifer einer tief religiosen, enthusiast i-
chen Personlichkeit. Er war ein eminent schopferischer Geist. Am Reichtum
seiner Gedanken werden noch Generationen zehren, noch Generationen weiter-
bauen.
Literatur: AuBer den im Text genannten Schriften S. s. werden noch die folgenden auf-
gefiihrt: Der ProzeC der Lex Salica, Weimar 1867. — Das Verhaltnis von Staat und Kirche
an dem Begriff von Staat und Kirche entwickelt, Tubingen 1873. — Zur Geschichte der
Auflassung. Festgabe fur Thol, Straflburg 1879. — Zur Trauungsfrage, Zeitfragen des
christlichen Volkslebens, Heilbronn 1879. — Die obligatorische Zivilehe und ihre Auf-
hebung, Ein Gutachten, Weimar 1880. — Friinkisches Recht und Romisches Recht, Pro-
legomena zur deutschen Rechtsgeschichte, Weimar 1880. — Die deutsche Genossenschaft,
Festgabe fur Windscheid, Leipzig 1888. — Die Entstehung des deutschen Stadtewesens,
Festschrift fur Wetzell, Leipzig 1890. — Die sozialen Aufgaben des modernen Staates,
Leipzig 1898. — Neue Pflichten der Kirche, Dresden 1906. — Wesen und Voraussetzungen
der Widerspruchsklage, Leipzig 1908. —
Richard Schmidt, Worte zum Gedachtnis an Rudolf S. (Berichte der phil.-hist. Kl. der
Kgl. Sachs. Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig, Bd. LXIX, S. 1 5 f f .) ; Hans Fehr,
Rud. S., ein Nachruf (Zeitschr. der Savigny-Stiftung fur Rechtsgesch., germ. Abt.
Bd. XXXVIII, S. 1 ff.) ; Karl v. Amira im Jahrbuch der bayer. Akademie d. Wiss, Munchen
1918, S. 8iff.
Bern. Hans Fehr.
Stadler, Toni (Anton) v., Maler, * 9. Juli 1850 in Gollersdorf (Niederoster-
reich), f 18. September 1917 in Munchen. — Sohn eines Wirtschaftsrates im
alten Osterreich, Stiefbruder von Wilhelm Scherer, bestand St. 1868 in Wien
sein Abiturium und studierte zunachst in Wien und Wiirzburg Medizin. Da
er aber von Kindheit an gezeichnet hatte und einen unwiderstehlichen Drang
zur Kunst verspiirte, entschloB er sich 1873, trotz seiner Mittellosigkeit Maler
zu werden und ging nach Berlin zu Paul Meyerheim (s. DBJ. 1914 — 16, S. 151 ff.)
Sohm. Stadler 1 57
und 1878 nach Miinchen, wo er seitdem bis zu seinem Tode geblieben ist. Im
ganzen kann er als Autodidakt angesprochen werden. Von seinen Lehrern
und den Malern, mit denen ihn in der Jugend Freundschaft verband, wirkten
nur Schonleber (s. oben S. 134 if.) und in Miinchen Frolicher und Stabli
auf ihn ein; doch kamen seiner angeborenen Art, die Landschaft anzusehen,
alle diese weniger entgegen als einige alte Hollander wie Ruisdael und der
Haarlemer Vermeer, vor allem aber Hans Thoma. Auch mit Spitzweg ver-
bindet ihn Einiges.
In Miinchen, wo er lange Zeit in dem westlichen Vorort Laim (und zwar
in einem angeblich einst von Agnes Bernauer bewohnten Hause) lebte, ging
es ihm anfanglich nicht gut, und allgemein durchgesetzt hat sich St. erst nach
1900. Sein Leben floB still und ruhig in stetiger Arbeit hin. Studienreisen
fuhrten ihn nach Holland und Rom, von wo eine Anzahl seiner Motive stam-
men; die meisten Bilder aber sind von der oberbayerischen Hochebene, dem
Mangfalltal, den ausgedehnten Moosen der Munchener Umgebung eingegeben,
so daB er auch schon um der Gegenstande willen durchaus der Munchener
Landschaftsschule angehort, deren starken Ausklang er mit dem ihm ver-
wandten Karl Haider bildet. Seit 1900 lebte er in seinem schonen, von Gabriel
Seidl erbauten Hause. Eine Reise nach Agypten, die er in seinen letzten
Lebensjahren aus Gesundheitsriicksichten unternahm, ist fur seine Kunst
ohne Belang geblieben.
St. nahm aber nicht nur als Maler eine bedeutende Stellung im Munchener
Kunstleben ein, sondern auch als Mensch und Kunstfreund. Seine im edelsten
Sinne urbane und vornehme Personlichkeit, sein selbstloses Eintreten fiir
andere, vor allem auch fiir die jungen Kunstler, seine freie und groBziigige
Weltanschauung, die fiir das Echte in jeder Gestalt empfanglich war, seine
uneigenniitzige Giite und Freundschaft machten ihn von selbst zum ausglei-
chenden Mittelpunkt der vielfaltig widerstreitenden Interessen und Richtungen
in Miinchen. Ohne alien Ehrgeiz und ohne sich im geringsten voranzustellen,
kam er zu einer Art Vermittlerstellung, wurde zum Fiirsprecher und Ver-
teidiger der neuen revolutionaren Stromungen (die niemals auf seine eigene
Malweise abfarbten) und zum Vertrauten sowohl der Kunstlerschaft wie des
Staates und der Sammler. Als Kunstkenner hatte er den unfehlbaren Blick
fiir Qualitat. Seine eigenen Sammlungen dehnten sich auf antike Bronzen,
Miinzen und Terrakotten, japanische Stichblatter und Holzschnitte, agyptische
Statuetten, altpersische Teppiche aus. Nach auBen hin wirkte er als Berater
von Sammlern und als langjahriges Mitglied mehrerer staatlicher Kunst-
kommissionen, wo er Schlechtes vermeiden half, auf viel Gutes aufmerksam
machte. Als Tschudi 1908 als Generaldirektor der bayerischen Museen nach
Miinchen kam, wurde er ihm Freund und Ratgeber und starkste Stiitze gegen-
iiber mannigfachen Anf eindungen ; er iibernahm nach Tschudis Tode von 1911
bis 1914 selber als Dkiinstlerischer Beirat im Kultusministerium « seine Nach-
folge im Ehrenamt, bis man in Dornhoffer den leitenden Fachmann gefunden
hatte. In dieser Stellung hat St., ein ganz ungewohnlicher Fall in der Ge-
schichte der Museen, in Gemeinschaft mit Heinz Braune das Werk v. Tschudis
in selbstloser Weise fortgefiihrt, die von ihm begonnenen Ankaufe, vor allem
franzosischer Impressionisten, gesichert und weitere Erwerbungen in seinem
.Sinne gemacht, so vor allem von Arbeiten Hodlers, Liebermanns, Triibners,
158 1917
Leibls, Thomas, Schuchs und Uhdes. Ebenso ist seiner einsichtigen und liebens-
wiirdigen Energie die Umwandlung des Ausstellungsbaus am Konigsplatz —
der bis dahin der Sezession vom Staate tiberlassen worden war — in ein Mu-
seum der neueren Kunst zu verdanken: ein wichtiges Unternehmen, das
freilich nur seiner Besonnenheit und Stellung iiber den Parteien moglich
werden konnte, da gar zu viele Gegenwirkungen in der Kiinstlerschaft zu
iiberwinden waren.
St.s Malerei ist von Anfang an ausschlieBlich der reinen Landschaft ge-
widmet, menschliche Staffage und selbst Tiere haben darin keine Stelle, es
sei denn in winzig kleinem Format der Feme. Er schlieBt den groBen Kreis,
den die Miinchener Landschaftskunst beschrieben hat, auf einer hoheren Stufe
da ab, wo sie begann, so daB hier gewissermaBen eine Spirallinie beschrieben
worden ist. Immer wurde schon das Uberzeitliche bei ihm betont und seine
eigentumliche Mischung von Realismus und Romantik. In allem gehorte er
nicht der impressionistischen Epoche an, in die er doch hineingeboren war,
sondern erinnerte an die Anfange der siiddeutschen Landschaft unter Dillis
und Wilhelm v. Kobell. Ja, wenn man seine Herkunft von Schleich datiert
und an dessen klaren Aufbau, dramatische Steigerung und Trennung der
Griinde, sowie auch an Spitzwegs weite Ausblicke in den grenzenlosen Raum
und stoffliche Pointen erinnert (was namentlich R. Oldenbourg in geistreicher
Weise getan hat), so ist doch an den fundamentalen Unterschied des Male-
rischen zu denken, der ihre Kunst von der plastischen Art Toni St.s
trennt, und seine Herkunft noch weiter riickwarts zu verlegen, in die An-
fange der Miinchener Kunst und deren Vorbilder, die groBen Hollander. Dies
eint ihn durchaus mit Thoma und Haider; alle drei sind lange Zeit verkannt
und miBachtet worden, und schlieBlich hat eine Zeit, die den Impressionismus
iiberlebte, ihren wahren und iiberzeitlichen Wert erkannt und ihnen den ge-
buhrenden Platz als ganz deutsch empfindende Kunstler gegeben. Die Treue
zur Sache und die Klarheit im plastischen Raumaufbau bei ihnen sind uralte
deutsche Eigenschaften, die sie Konrad Witz und Altdorfer naherstellen als
selbst Schleich, Stabli und Spitzweg. Solch ein Gefuhl fiir die tastbaren Werte
der Raumbildung, wie sie vor allem St. besaB, ist angeborene Gabe und
kann durch keine Einfliisse abgelenkt werden ; weshalb denn auch Schonleber
und Neubert, seine eigentlichen Lehrer, wie seine Freunde Stabli und Frolicher,
im Grunde keinen EinfluB auf St. ausiiben konnten, und er seine vorgeschaute
Form sich autodidaktisch bilden muBte.
Diese Form ist durchaus raumanschaulicher Natur, ihre Mittel sind plastisch,
Farbe erscheint als sekundares Hilfsmittel, Stimmung und Romantik als nach-
geordnete Folge. Darum gibt es auch keine eigentliche Entwicklung in seiner
Kunst. Am Anfang kann man noch koloristische Niiancen feststellen (wie in
einem kleinen Bilde des Stadelschen Instituts), bald wird das Kolorit neben-
sachlich, und die Reproduktion gibt das Wesentliche des Originals wieder. In
seiner vollen Reifezeit um 1900 erscheint die Landschaft St.s als einheitliche
Darstellung des Raumes mit zeichnerischen Mittel n. Seine Lithographien, die
mit Einstimmigkeit als Hohepunkt und Quintessenz seiner Kunst betrachtet
werden, fallen in diese Epoche; die friihesten sind 1893, wohl die spatesten
1913 datiert. Aber die Kausalitat ist sicher umgekehrt zu deuten, als es ge-
schieht : nicht, weil er sich graphisch betatigte, sind seine Spatwerke so zeich-
Stadler 159
nerisch geraten, sondern er schuf Lithographien als deutlichste und eindrucks-
vollste Bekenntnisse seiner immer bewuBter werdenden plastischen Gesinnung.
Weil ihm die Farbe als storendes Moment von momentaner Stimmung, als
Luftton, immer weniger bequem wurde, konnte er sein Bestes ohne jene
Hemmung in der einfarbigen Zeichnung, der Lithographie, am sichersten
geben. Es ist ein Irrtum, die Harte seiner Spatbilder als ein Abgleiten dar-
zustellen; just in der plastischen Klarheit dieser Arbeiten gab St. Endgiiltiges,
in vollem Gegensatz zur Entwicklung rings um ihn, wo einerseits der form-
auflosende Impressionismus, andererseits die reine Farbigkeit des »Blauen
Reiters* den denkbar scharfsten Kontrast zu seinem Wollen darstellten. Das
hat ihn nicht gehindert, den Kiinstlern beider Richtungen sein Verstandnis,
ja seine Liebe entgegenzubringen und sie mit hochster Tatkraft zu f order n.
J a, es macht die Besonderheit seiner Grofle aus, daJ3 er die Entwicklung an-
erkannte und ihre Notwendigkeit mit untriiglichem Scharfblick einsah, fur
seine Arbeit aber mit derselben Intensitat ablehnte. DaB Erkenntnis und In-
stinkt in demselben Manne mit gleicher schopferischer Inbrunst lebten, ohne
einander zu widersprechen, ja, mit hoher Spannkraft sich gegenseitig in ihren
entgegenstrebenden Tendenzen bestarkten : dies erscheint wie ein Wunder von
Selbstiiberwindung und flofit das hochste Vertrauen zu den menschlichen
Qualitaten St.s ein.
Von dieser Seite erscheint die Wahl seiner Arbeitsheimat nicht gleichgiiltig .
Miinchen ist der Mittelpunkt einer Landschaft, die mehr plastischen als
malerischen Charakter besitzt, deren Atmosphare und geologische Gestaltung
dem raumlich bildenden Sinn starke Anziehungspunkte bietet. Etwas Ahnliches
ist es mit der romischen Campagna, aus der manche St.sche Bilder stammen.
AUes, was dazwischen liegt, vor allem die hollandischen Diinen, hat er in
seinem Sinne erfafit: das Wesentliche sind und bleiben in seiner Kunst die
riesigen Flachen, von fernen Bergen abgefangen, von einem unbegrenzten
Himmel mit Schrittmacherwolken iiberwolbt, wie er sie in der oberbayerischen
Hochebene vorfand; oder Bodenwellen, die sich im Vordergrunde greifbar
emporwolben und Sehnsucht wecken, ihre Hohe zu tiberwinden, um ins
Grenzenlose zu schauen. Dies ist seine dramatische oder romantische Span-
nung: die Befriedigung im Endlosen oder die Sehnsucht aus dem Beschrankten
hinaus ins Unendliche, das immer und iiberall als wolkeniiberspannter Himmel
schlieflt. Ob er das plastisch Geformte als Hiigel an die Erde, oder an den
Himmel als wunderbar geballten Wasserdampf versetzt, gilt ihm gleich:
wichtig ist nur ihre Funktion, dem Raumgefuhl der Unendlichkeit als Sprung-
brett zu dienen ; tastbare Meilensteine und Merkmale der Tiefendimension zu
sein. Erst aus dieser Spannung heraus entsteht im Betrachter das roman-
tische Gefuhl der Sehnsucht, die sich iiber die Erde hinausschwingen mochte.
Vielleieht war sie das primare Motiv in der Seele des Kiinstlers; bestimmt
erreicht sein Bild diese Wirkung, aber nicht mit sentimentalen Mitteln, son-
dern sehr sachdienlich, sehr herbe mit rationellen Formen aus dem Arsenal
der Raumdarstellung ; ein Arsenal urdeutscher Geisteshaltung.
Auch seine Arbeitsart weist eindeutig auf diese Bestimmung. Vor der Natur
wurde lediglich gezeichnet, Einzelheiten mit sorgfaltiger Exaktheit notiert.
Seine Bilder entstanden im Atelier; ein wunderbar geschultes Gedachtnis er-
machtigte ihn dazu. Die Geschlossenheit und GleichmaBigkeit seiner Raum-
i6o 1917
form und die lyrische Kraft im Ausdruck der Landschaft sind darauf zuriick-
zufuhren, und hier beriihrt er sigh mit alien wahrhaft gestaltenden Deutschen,
nicht blofl Landschaftern, sondern vor allem auch mit Marees und Bocklin;
denn nur aus der Vorstellung wird die leidenschaftliche Selbstherrlichkeit
einer so ganz personlichen Form geboren.
St.s Lithographien entstanden in den neunziger Jahren und nach 1910.
Seine Liebe zur Einsamkeit und GroBe der menschenfernen Natur konnte sich
in der graphischen Form am unmittelbarsten aussprechen ; selbst die Vor-
zeichnungen kommen nicht an die Kraft der Steindrucke selber heran. Er
arbeitete sie nur fur seine Freunde, ohne alien Ehrgeiz des Graphikers; sie
wurden in kleiner Auflage sorgfaltig gedruckt und sind von Anfang an Selten-
heiten gewesen, die dem Sammlerpublikum unbekannt blieben. Die einzige
vollstandige Sammlung, 32 Blatter einschliefilich aller Versuche, nebst der
einzigen Radierung, besitzt das Dresdener Kupferstichkabinett. Hier bevor-
zugte St. die hollandische Diinenlandschaft und die Verlassenheit der wetter-
gepeitschten Ebene, und er steigerte das Gefiihl der Weite oft bis zum Hero-
ischen. Die Lebendigkeit der bewegten Atmosphare ist ohnegleichen. Wenn
auch von irgendeiner Nachahmung nicht die Rede sein kann, so erinnern diese
Blatter wohl am starksten an die groBen Hollander des 17. Jahrhunderts: das
gleiche allumfassende Gefiihl fiir kosmische Verbundenheit von Erde und
Himmel, das iiber beide in die Unendlichkeit Hinausweisende, lebt in ihnen.
Die Einfachheit der Mittel, die im Fortlassen und Andeuten bestehen, wird
nur durch die Technik des Herausschabens von Lichtern mit Messer oder
Nadel unterbrochen, wodurch plastische Unmittelbarkeit gewahrt wird.
Ein sorgfaltiges Verzeichnis der Graphik stellte F. W. Bredt in den Mit-
teilungen zu den Graphischen Kiinsten, Bd. 38, S. 34 ff . auf .
Gem aide von St. finden sich in den Museen von Bremen, Elberfeld, Frank-
furt a. M. (Stadel), Graz (Joanneum), Leipzig, Miinchen (Neue Pinakothek),
Prag (Rudolphinum), Wien (Staatsgalerie) .
I,iteratiir: Eine zusammenfassende Darstellung iiber St. fehlt, und auch er selbst.
der als Erzahler in Freundeskreisen beliebt war, hat sich leider nie dazu bewegen lassen,
seine Memoiren zu schreiben. Wichtigere Aufsatze und Abschnitte iiber ihn finden sich in :
Dresdener Jahrbiicher I, 1905, S. 191 ff. (Lehrs), Kunst fiir Alle 21, 1905/06, S. 73 ff.
(F. v. Ostini) ; Zils, Geistiges und kiinstlerisches Miinchen, 191 3; Die Graphischen Kiinste,
Bd. 38, 191 5, S. 58 ff. (F. W. Bredt); Die Kunst, Bd. 33, 1917/18,8. 225 ff. (A.L.Mayer);
Kunstchronik N. F. 28, 1917, S. 525 f. (A. L. Mayer); Uhde-Bernays, Munchener Land-
schaftsmalerei, 1921, S. 113 ff.; Kunst und Kiinstler, Bd. 16, 1917/18, S. 74 f . (A. L.
Mayer); Kunstchronik, Bd. 29, 1917/18, S. 364 (H.Heyne); Die bildenden Kiinste II,
1919, S. 15 ff. (R. Oldenbourg).
Berlin. Paul F.Schmidt.
Steinhausen, Heinrich, Dichter und ev. Theolog, * am 27. Juli 1836 zu Sorau,
f am 26. Mai 1917 zu Schoneiche (Mark). — St. war der Sohn eines Bataillons-
arztes des 12. Infanterieregiments, seine Mutter eine geborene Naphtali. Er
genoB eine ausgesprochen evangelische, heiter-harmonische Erziehung, deren
Wirkung bei ihm wie bei seinem um zehn Jahre jiingeren Bruder, dem Maler
Wilhelm St., lebendig spiirbar blieb. Nach der i6jahrig bestandenen Reife-
priifung studierte St. in Berlin, dem neuen Standorte des Vaters, Theologie
Stadler. Steinkausen x6l
und Philologie. Unter seinen akademischen Lehrern iibte der Asthetiker und
Dichter Carl Werder den groBten EinfluB auf inn, Lehrer und Schuler blieben
in Lebensfreundschaft verbunden. Theologisch hat spater das Werk und Wesen
Soren Kierkegaards St. stark und nachhaltig beeindruckt. Von i860 bis 1868
war St. Erzieher im Kadettenkorps in Potsdam und Berlin, dann wurde er
Pfarrer in Bliithen bei Perleberg, in Lindow, in Beetz bei Kremmen, schlieB-
lich in Podelzig bei Frankfurt a. Oder. 1906 trat er in den Ruhestand und lebte
seitdem in Schoneiche bei Friedrichshagen. Er war mit Helene Juliane Thieme
verheiratet und besaB aus dieser Ehe neun Sonne, von denen sich einer im
Reichskolonialdienst, einer als Komponist ausgezeichnet hat.
Sein erstes dichterisches Werk war die mittelalterliche Klostergeschichte
» Irmela «, einer der wenigen Romane, die auf der Bahn von Scheffels »Ekkehard «
liegen, ohne in Nachahmung zu verf alien oder nach dem Muster des archao-
logischen Bildungsromans den dichterischen Stoff durch undichterische Zutat
zu strecken. Die Erzahlung war gewissermaBen der eigene Beleg zu St.s ein
Jahr vordem erschienener, humor istisch iiberglanzter Polemik gegen eben jenen,
damals modischen, archaologischen Roman, dessen Hauptvertreter Georg
Ebers St. in der Schrift » Memphis in Leipzig* (1880) bekampfte, die Verklei-
dung von Menschen mit gegen wartigem Lebensgefiihl in agyptisches Gewand
tiberlegen nachweisend. Die von keinem Zeiterfolg geblendete Selbstandigkeit
dieser Satire bewies St. auch in seinen spateren Dichtungen, mit denen er die
rasch beriihmt gewordene » Irmela « mannigfach iibertraf. Tont in der wie die
Szenen eines Lustspiels voriiberziehenden, von Ferdinand Avenarius besonders
warm geruhmten Geschichte »Herr Moffs kauft sein Buch« (1885) die Polemik
noch mit leisem Begleitakkord mit, so kommt in der »Neuen Bizarde« (1890),
insbesondere aber in der schalkhaften, mit sehr feinem Ohr allmahlich ge-
steigerten Kleinstadterzahlung »Markus Zeisleins groBer Tag« (1883) St.s aus
still beobachtender Menschenliebe quellender Humor zu einer, bei aller Ver-
haltenheit befreienden kiinstlerischen Aussprache. Wo er nicht mitspielt, wie
im »Korrektor« (1885), fehlt St. die sonst immer wieder erreichte letzte Lebens-
nahe. Aber iiberall meidet er, auch im Idyll, ein schonfarberisches Idyllisieren
und enthiillt, etwa in »Gevatter Tod« (1882), zumal im Kinde und in denen,
die gleich dem Kinde einfaltigen Herzens geblieben sind, die sozusagen unter-
irdische Wirkung der feinen und zarten Gegenkrafte gegen die herabziehenden
Machte einer sich mechanisierenden Welt. Er gehort gerade in diesem Betracht
zu Wilhelm Raabe, ohne dessen aus scharferem Temperament und groBerer
Tiefe stammenden lodernden HaB gegen die »Canaille«, aber mit derselben
Nahe zu den Grundkraften deutschen Wesens. Stilistisch steht St. den nord-
deutschen Kleinrealisten vom Schlage Heinrich Seidels oder den Berliner
Alterswerken Julius Rodenbergs (s. DBJ 1914 — 16, S. 84) naher. Die bewuBte
Bergung in der GewiBheit christlichen Glaubens gibt ihm neben dem Braun-
schweiger Meister wie neben den Berlinern das eigene Gesicht, sie spricht sich
freier in den aus seinem NachlaB veroffentlichten Gedichten »Ausklang«
(1917) aus.
Theologischem Richtungshader hielt St. sich fern, griff aber auch in kirch-
liche Angelegenheiten freimiitig ein, wie er denn im Jahre 1881 die Zeit-
schrift »Das Pfarrhaus« begriindete. Mit Rudolf Kogel, Ernst Dryander
(s. 1922), dem Pfarrer und Poeten Emil Frommel war er befreundet und
DBJ 11
162 1917
hielt mit ihnen geistigen Austausch. Moltke zahlte zu seinen warmsten Ver-
ehrern. Mannhaft bekampfte St. von der Griinderzeit an, damals einer der
Rufer in derWiiste, Scheinkultur, zivilisatorisclies Gehaben, Bildungshochmut,
Refonnwut, so in der unter dem Decknamen Veracus Rusticus erschienenen
Flugschrift »Meletemata ecclesiastical. Veroffentlichungen uber das Bauern-
haus brachten ihn in die Arbeitsgemeinschaft mit Avenarius (f 1923), dessen
Kampf fur eine neue, gewachsene Ausdruckskultur im Diirerbunde St. fuhrend
mitmachte. Seine publizistische Tatigkeit nach dieser Richtung war ebenso
weit, wie das immer aus der christlichen Mitte gespeiste Kraftfeld der geistigen
Interessen des charaktervollen, unabhangigen Mannes, Dichters und Seel-
sorgers.
Literatur: H.St., Wie »Irmela«, entstand.Eckart VI. — M.Necker.H. St., Grenzboten
1886. — R. Weitbrecht, H. St., Lit. Echo IV. — F. Avenarius, Vorrede zur St.-Schrift des
Diirerbundes, Miinchen 1906. — H. Spiero, Einl. zu H. St.s Erzahlungen, Stuttgart 1926.
Berlin. Heinrich Spiero.
Trubner, Wilhelm, Maler, * am 3. Februar 1851 in Heidelberg, fam2i. De-
zember 1917 in Karlsruhe. — Zwischen dem nationalen und dem kunst-
lerischen Aufschwung der einzelnen Volker bestehen unverkennbar Zusammen-
hange. Welt- und Kunstgeschichte liefern sichere . Beweise dafiir. Einen der
kraftigsten bietet das Aufbliihen der deutschen Kunst nach der Wieder-
aufrichtung des deutschen Kaiserreiches. Genau wie das politische Ereignis
bereitete sich auch der Aufstieg der Kunst jahrzehntelang vor. Niemals hat
es in Deutschland eine so stattliche Reihe grofler Maler gegeben wie in der
Zeit zwischen i860 und 1890, und ebenso wenig fehlte es an hervorragenden
Bildhauern und Architekten. Von bemerkenswerter Wichtigkeit war der
Wiedergewinn aller zur Austibung dieser Kiinste erforderlichen technischen
Fahigkeiten und Praktiken. Die Begriffe Malerei und Plastik erfuhren eine
neue Formulierung, und daraus ergab sich eine Umwertung aller kunstlerischen
Werte, in die die Allgemeinheit nur mit groBem Widerstreben und nach
heftigem Kampfe sich fand, weil zahllose Publikumslieblinge dabei gestiirzt
wurden. Man hatte in einer Gefiihlswelt gelebt und fand sich nun von der
Kunst einer Wirklichkeit gegenubergestellt, die man der kunstlerischen Wie-
dergabe nicht fur wurdig hielt, weil sie zu alltaglich schien. Bei dieser gegen-
satzlichen Einstellung zog die Kunst zunachst den kiirzeren. Maler wie Leibl,
Thoma, Klinger, Liebermann wurden mit ihren ersten Werken geradezu ver-
hohnt, und der deutscheste von ihnen, Wilhelm T., mit seinen vorziiglichsten
Bildern einfach iiberhaupt nicht beachtet. Es hat Jahrzehnte gewahrt, bis
das Publikum anderen Sinnes wurde und Verstandnis dafiir gewann, dafl es
in diesen Kiinstlern groBe Meister zu verehren habe, Maler, die ihre Kunst
als solche machtig vorangebracht und mit ihren Schopfungen jetzt Zeugnis
ablegen fiir die einstige Machtstellung des deutschen Kaiserreiches. Auch mit
Wilhelm T.s Art hat die offentliche Meinung sich allmahlich abgefunden,
recht begriffen aber eigentlich niemals, dafi er der weitaus selbstandigste und
originellste Kiinstler jener groBen Periode gewesen ist. Von Rechts wegen
hatte man ihn ebenso hochstellen miissen wie den Franzosen Cezanne, dem
er an urtumlicher Kraft weit iiberlegen ist, woraus der SchluB gezogen werden
Steinhausen. Triibner 1 63
darf, daB bei der Begeisterung fiir diesen ein gutes Stiick Heuchelei und
torichte Fremdenanbeterei mitwirkt. Erst spatere Geschlechter werden zu der
Tjberzeugung gelangen, daB dem problematischen Franzosen in T. ein voll-
kommener Meister gegenubersteht, eine »Natur« im Goetheschen Sinne.
Wie die Kunst aller groBen Maler, laBt auch die T.s sich nicht aus den
Anregungen erklaren, die er in seinem Leben von anderen erhalten. Sind seine
Friihwerke in Verbindung zu bringen mit den Schopfungen seines ersten
Lehrers Canon? Kaum! Spurt man Leibl, dessen Kreis er zugezahlt wird, in
den Arbeiten des Einundzwanzigjahrigen? Auch nicht oder doch hochstens
in der Sorgfalt, mit der er Hande gemalt hat. Von Beginn seiner Kiinstler-
tatigkeit an ist der junge Heidelberger ein Original, dessen Bildvorwiirfe,
dessen Art zu malen mit denen keines anderen Kiinstlers innerliche oder auBer-
liche Ahnlichkeit haben. Einzig, daB er wie fast alle Maler damals seinen Bil-
dern die Atelieratmosphare gibt, und als er zwanzig Jahre spater, dem Zuge
der Zeit folgend, Freilichtbilder malt, haben diese auch nicht das geringste
gemein mit dem, was die Pleinairisten von damals schufen. Kaum ein zweiter
Maler hat eine so hohe Vorstellung von der gottlichen Kraft der Kunst be-
sessen wie T. Er glaubte fest daran, daB die Kunst imstande ware, alles das
schon, vornehm und kostbar zu machen, was in der Wirklichkeit haBlich,
gemein und verachtlich ist, und hat sich von Anfang an bemuht, mit seinen
Schopfungen Beweise dafur zu lief era. Sehr zu seinem Schaden; denn seine
Bilder wurden hauptsachlich darum von dem Publikum und der Kritik ab-
gelehnt, weil er mit Vorliebe ungewohnlich haBliche Menschen malte. DaB er
dabei wahre Wunder von schoner Farbe und herrlicher Malerei schuf, wurden
nur wenige gewahr, weil die meisten keinen Unterschied zu machen wuBten
zwischen dem Naturschonen und dem Kunstschonen und sich nicht ent-
schlieBen konnten, Bilder eingehend zu betrachten, die sie rein gegenstandlich
schon abschreckten. Es darf nicht vergessen werden, daB T. mit Bildern
dieser Art gerade in einer Zeit hervortrat, die in den Idealen der Renaissance
schwelgte und von jedem Kiinstler verlangte, daB er ihre asthetischen Emp-
findungen respektierte. Und dann das Erdenfeste, Handlungslose, Stilleben-
artige von T.s Bildern. Man wollte Bilder haben, bei denen man sich etwas
denken konnte, die einen unterhaltsamen Inhalt hatten, iiber die sich sprechen
lieB; ein bloBes Augenerlebnis hatte fiir die Menschen von damals nicht den
geringsten Reiz, und vom Handwerklichen der Malerei hatte man keine
Ahnung. T. aber war in alledem der Zeit weit voran. Sein hochster Ehrgeiz
war, schone Malerei zu machen, wie sie die GroBen der Kunst, die Rubens,
Frans Hals oder Velazquez hervorgebracht, und Farben sollten auf seinen
Bildern leuchten, wie von den Altartafeln der alten deutschen Maler und von
gotischen Glasfenstern. In gewissem Sinne war er das deutsche Gegenstiick
zu Manet. Er wollte auch nicht malen, wie andere beliebten, zu sehen, son-
dern wie es ihm richtig erschien. Aber wahrend Manet die Fahigkeit besaB,
auch als Maler sich zu objektivieren, suchte T. die individuelle Malerei. Das
heiBt, er brauchte sie gar nicht zu suchen, sie war ihm angeboren; er sah
schon individuell. Es existiert von ihm eine Kopie nach Rubens, die er in
Briissel gemalt, und sie beweist, daB er nicht nur die Wirklichkeit auf seine
besondere Weise sah, sondern auch Kunstwerke ; denn diese Rubens-Kopie ist
in Auffassung, Malerei und Farbe ein echter T. geworden. Obwohl der Maler
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bereits in seiner Jugend nach Anerkennung hungerte und viele, ja endlose
Jahre hindurch keine andere fand als die von Kollegen, wie Leibl, Schuch,
Hans Thoma, und die einiger Freunde, wie des Dichters Martin Greif, des
Philosophen Du Prel und der Kunsthistoriker Bayersdorfer und Eisenmann,
hat er doch an dem Grundsatze festgehalten, Kunst um der Kunst willen zu
machen und sich nicht den Anspriichen des Publikums zu beugen. Er konnte
einfach gar nicht anders; denn auch als er den Versuch unternahm, genre-
hafte, mythologische und phantastische Bilder zu malen, stellte er das rein-
kiinstlerische Moment so stark in den Vordergrund, daB das Publikum tiber-
zeugt war, der Maler wolle mit diesen Bildern iiber den allgemeinen Geschmack
sich lustig machen. Die Unerschiitterlichkeit seiner Art und seiner Uber-
zeugungen aber macht T.s GroBe aus und laBt ihn als einen wiirdigen Nach-
kommen der alten deutschen Meister erscheinen, deren handwerkliche Tiichtig-
keit, deren Treue gegen sich selbst heute so lebhaft bewundert werden.
Wilhelm T. kam am 3. Februar 185 1 als Sohn des Juweliers und spateren
Stadtrats Georg T. in Heidelberg zur Welt. Ohne Frage war die Umgebung,
in der er aufwuchs, bestimmend fur seine Entwicklung. Die alte, an Erinne-
rungen reiche Stadt, ihre herrliche Lage, die Wohlhabenheit im elterlichen
Hause, die Tatigkeit des Vaters, die so eng verbunden war mit schonem
Material und sorgfaltiger und solider Arbeit, haben offenbar den Sinn des
jungen Menschen schon fruhzeitig beeinfluBt. Kiinstlerische Neigungen, die
vom Vater aber aufs entschiedenste abgelehnt wurden, zeigte bereits der
Knabe. In seinem dritten Sohne wollte der alte T. namlich sich einen Nach-
folger fiir sein Geschaft erziehen. Deshalb wurde der junge Mensch nach Ab-
solvierung der Schulzeit ohne weiteres nach Hanau geschickt, um dort die
notige kunstgewerbliche Ausbildung zu erhalten. Immer wieder besturmte der
Sohn den Vater vergeblich, ihn doch Maler werden zu lassen. Erst als die
Mutter, die immer auf der Seite ihres Kindes gestanden, darauf bestand, daB
man doch wenigstens einmal einen Maler fragen mochte, ob Wilhelm wirklich
Talent genug besaBe, um den Beruf des Malers zu ergreifen, entschloB sich
der Vater, die Arbeiten des Sohnes dem beruhmten Anselm Feuerbach vorzu-
legen, der damals gerade zum Besuch bei seiner Mutter in Heidelberg weilte.
T. hat dem Meister niemals vergessen, daB sein warmes Eintreten dem Gold-
schmiedssohn den Weg zur Kunst freigemacht und nunmehr dessen heiBer
Wunsch, die Kunstschule in Karlsruhe besuchen zu diirfen, erfullt wurde.
Ein Jahr, vom Fruhling 1868 bis 1869, blieb er dort, um dann auf den Rat
seines Lehrers, des Schlachtenmalers Feodor Dietz, nach Miinchen sich zu
begeben, wo er zunachst in das Atelier des Piloty-Schulers Alexander Wagner
eintrat. Die bald darauf stattfindende Eroffnung der internationalen Aus-
stellung im Miinchener Glaspalast aber, in der so bedeutende Erscheinungen
des Auslandes, wie Courbet, Millet und Manet zum ersten Male vor die deutsche
Offentlichkeit traten, die ferner die teilweise besten Werke von Feuerbach,
Victor Miiller, Leibl, Makart, Griitzner, Bocklin, Iyindenschmit, Piloty, Canon,
Franz Adam und anderen Malern enthielt, brachte ihm zum BewuBtsein,
daB man das Beste doch nur von den besten Kiinstlern, niemals in einer
Massenerziehungsanstalt erlernen konne, er also falsch am Orte sei. Der Aka-
demiebesuch wurde also aufgegeben, und, da T. den Maler Hans Canon
bereits in Karlsruhe kennengelernt hatte, dessen Bilder gut gefunden und ihn.
Triibner 1 65
als Lehrer hatte riihmen horen, entschloB er sich kurzerhand, diesem, der
damals von Karlsruhe nach Stuttgart iibersiedelte, dorthin als Schuler zu
folgen. T. hatte nicht besser wahlen konnen; denn obwohl Canon nicht be-
sonders originell war, beherrschte er doch das Handwerk und dessen Aus-
drucksmoglichkeiten in ganz iiberragender Weise. Er lenkte des jungen Kiinst-
lers Aufmerksamkeit auf die besten Vorbilder und lehrte ihn, die Malerei als
hohe Kunst treiben. Die leuchtende Farbe T.s, die representative Haltung
seiner Bildnisse, seine groBe Auffassung gehen unzweifelhaft auf Canon zuriick,
ebenso auch seine Vorliebe fiir Rubens. Canon muB ein sehr schnell fordernder
Lehrer gewesen sein; denn in seinem Atelier malte T. im Winter 1869/70
das jetzt in der Karlsruher Galerie hangende Bild der beiden Alten »in der
Kirche«. Fiir einen Neunzehnjahrigen eine iiberraschend gute Leistung. Im
Sommer 1870 schickte der Meister den Schuler auf Galeriestudien nach Frank-
furt, Kassel, Weimar, Gotha, Braunschweig, Dresden und Berlin, und im
Herbst des Jahres zog der junge Maler wieder nach Munchen, wo er auf Rat
Karl Pilotys in das eben eingerichtete Atelier von Wilhelm Diez als Schuler
eintrat. Das Vorbild von Wilhelm Diez bestarkte ihn in seiner von Canon
schon erweckten Vorliebe fiir die Kunst der alten Hollander und Flamen.
Eine starke Anregung gab ihm auBerdem der Verkehr mit dem Wiener Maler
Charles Schuch, dessen Beispiel ihn verlockte, Landschaften zu malen. Durch
ihn machte er auch die Bekanntschaft Wilhelm Leibls, der, nachdem er T.s
Arbeiten gesehen, dem jungen Kiinstler riet, die Schule zu verlassen und auf
eigene Hand weiterzuschaffen. Hatte T. Leibl schon langst bewundert, so
entschied er sich jetzt, ihn zu seinem Fiihrer in der Malerei zu erwahlen. Am
liebsten ware er dessen Schuler geworden; aber darauf liefl Leibl sich nicht
ein, und so beschrankte das Verhaltnis der beiden sich darauf, dafi T. ein
Bild Leibls — den » Jungen mit der Halskrause* — erwarb, um die Malweise
Leibls recht genau studieren zu konnen. Mit seiner Begeisterung fiir den groBen
Kiinstler steckte er eine ganze Reihe von anderen jungen Malern an, aus
denen der sogenannte » Leibl- Kreis« — es gehorten auBer T., Schuch und
Lang, die Maler Hirth, Alt, Sped, Schider, Sattler, Wopfner und Hans Thoma
dazu — sich zusammensetzte. Man traf sich im Cafe Probst, beim Letten-
bauer oder im Orlando di Lasso, wo auch Leibl einzukehren pflegte und den
Mittelpunkt der Gesellschaft und der Gesprache bildete.
T. war eine zu starke Individuality, als daB es ihm moglich gewesen ware,
ganz auf Leibls Art sich einzustellen. Er sah ihm in der Tat nicht viel mehr
als gewisse handwerkliche Gewohnheiten, wie das alia prima-Malen, die ge-
wissenhafte Wiedergabe von Handen und den Aufbau des Bildes aus farbigen
Flachen ab, eine Malweise, die er selbst im Laufe der Zeit immer weiter aus-
bildete und die fiir ihn iiberaus charakteristisch geworden ist. Wie wenig er
an Selbstandigkeit durch die Bewunderung fiir Leibl eingebiiBt, bezeugen
die Bilder » Junge am Schrank«, das »Madchen auf dem Kanapee« und »Im
Atelier «, die mit den in Konkurrenz mit Hans Thoma gemalten »Raufenden
Buben« samtlich im Jahre 1872 entstanden sind. Auch das Bildnis seines
Tauf paten, des » Burgermeister Hof meister « in Heidelberg, entstammt diesem
Jahre. Im Herbst 1872 traf er in Venedig mit Schuch zusammen, um mit
diesem Italien zu bereisen. Nachdem sie die wichtigsten Galerien des Landes
gesehen, lieBen die Freunde sich in Rom nieder, um die gewonnenen Erf ah-
i66 1917
rungen — fiir T. die reichere Farbe aus dem Studium der italienischen Ko-
loristen und der handfeste Luminarismus der Spanier — in eigenen Bildern
zu verwerten. Aus dieser Zeit stammen die drei Bilder eines Mohren, ein paar
Aktstudien, das Bild »Beim romischen Wein« und der kniend »Singende
Monch*. Im Herbst 1873 kehrte T. nach Heidelberg zuriick, malte in Er-
innerung an Velazquez die Bildnisse der Eltern, das einer Cousine mit Facher,
mehrere Selbstbildnisse, das Interieur »Im Heidelberger Schlofl« und vier
Wildstilleben, die Schuch erwarb, um sie als Vorbilder fiir seine eigene Stilleben-
malerei zu benutzen.
Der Fruhling 1874 findet die beiden Freunde in Briissel, von wo aus sie
Belgien und Holland bereisen, Galeriestudien machen und wo sie schlieBlich
ein Atelier mieten, um festzustellen, was sie bei ihrem Studium profitiert
haben. T. malt in drei Abwandlungen einen »Christus im Grabe« in kuhner
Verkiirzung von den Fiifien her gesehen, eine Mischung aus Erinnerungen an
Mantegna, Rubens, Ribera und Rembrandt und ein genrehaft gehaltenes
Bildnis des mit ihnen reisenden Malers Hagemeister, dem eine junge Dame
eine Schale mit Friichten anbietet. Fiir den Sommer setzen sich die Freunde
am Chiemsee fest, wo die ersten, bereits vollig meisterhaften Landschaften
T.s, zwei auf Grau und ein dunkles Griin gestimmten Bilder des Schlosses
auf der Herreninsel, der »Dampfersteg« und ein Bild des Sees entstehen. Vom
Herbst 1874 bis ebendahin 1875 absolviert T. seine einjahrige Dienstpflicht
beim 3. Badischen Dragonerregiment in Karlsruhe, malt in dieser Zeit nur
einige Selbstbildnisse und vereinigt sich danach wieder mit Schueh zu gemein-
samer Arbeit in Miinchen. Es kommt nun zu wahrhaften Meisterleistungen
auf dem Gebiete der Bildnismalerei, als deren hauptsachlichste die »Dame
in Grau«, »Maler Schuch «, »Dame in Braun«, »Dichter Martin Greif «, » Blonde
Dame mit Hut und Pelz«, » Brunette Dame mit Pelz« und »Mann mit rotem
Bart« genannt seien. Diese Iyeistungen stehen als Malerei weit iiber allem, was
sonst in dieser Zeit an Bildnissen hervorgebracht worden ist, und zeigen, was
ein begabter Mensch von Rubens, Velazquez und Hals lernen kann, ohne sie
nachzuahmen. Und doch hatte T. mit solchen Prachtstiicken in dieser Periode
der falsch verstandenen Renaissance nicht den geringsten Erfolg, was ihn sehr
niederdriickte. Ein Vierteljahrhundert spater rissen sich indessen die deutschen
Galerien um die verkannten Meisterwerke, und heute weiJ3 man, daB sie zum
Besten gehoren, was die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts hervorgebracht
hat. T. trostete sich nun wieder mit Landschaftsmalen am Wefilinger See,
wo einige seiner am meisten geschatzten Bilder, der »Badeplatz«, der »Zimmer-
mannsplatz« entstanden, denen dann in Bernried noch ein paar Waldbilder
und der »Kartoffelacker« folgten. Nachdem im Herbst 1876 Schuch von ihm
sich getrennt und in Miinchen der sogenannte Leibl-Kreis sich aufgelost
hatte, packte T. die L,ust, seinen Munchener Widersachern nun einmal auf
ihren eigenen Gebieten Konkurrenz zu machen. Er malte eine Anzahl heute
zum Teil verschollener Genrebilder, wie die »Kunstpause« in einer Tischler-
werkstatt, »Leichte Kavallerie«, »Modellpause«, » Munchener Wachtparade«,
ferner Phantasiebilder, wie die drei Bilder mit Zentaurenpaaren, »Mars und
Venus <(, Giganten- und Lapithenkampfe, die I^iebessunderinnen aus i>Dantes
H611e«, eine » Amazonenschlacht «, eine »Kreuzigung« und eine » Wilde Jagd«,
sodann Historien, wie »Gefangennahme Friedrich des Schonen«, »Tilly reitet
Triibner 167
in einen Dom«, und endlich gar Theaterszenen wie »Adelheid und Franz*,
♦Lady Macbeth*; aber auch mit diesen Schopfungen hatte er keine Erfolge,
teils weil das Gegenstandliche auBerhalb seiner Begabung lag, teils weil er
das Reinmalerische zu stark in den Vordergrund gestellt hatte oder zu viel
Wirklichkeitsgefuhl gezeigt, wodurch er den Anschein erweckte, er verspotte
auf seine Weise das, was andere Kiinstler gemacht. Ganz verzagt, begab er
sich 1884 zum Besuche von Verwandten nach London, wo er einige Bildnisse
malte und »Ludgate Hill«, die Strafle, in der das Geschaftshaus seines Onkels
lag, dessen beruhmte Biichersammlung er 1885 als Vermachtnis des Verstor-
benen der Heidelberger Universitatsbibliothek iiberbrachte. Durch das Erbe
seiner inzwischen ebenfalls verstorbenen Eltern in eine vollig unabhangige
Lage versetzt, war er jetzt nahe daran, die Malerei einfach aufzugeben und
ganz seiner Sammlerneigung zu leben ; doch da er die Sommer auf dem Lande
zu verbringen pflegte, erwachte nach kurzer Pause wieder seine Lust an der
Natur und am Landschaftern. In Paris, das er 1889 besucht, hatte er die
Bemiihungen der Maler gesehen, die Natur hell, in naturlichen Farben und im
Lichte der Sonne wieder zugeben, und er versuchte nun, am Chiemsee es ihnen
nachzutun. Sehr bezeichnend fiir diese Bemiihungen ist die »Landschaft mit
der Fahnenstange« von 1891. Ein Jahr spater lafit er sich in Seeon nieder,
wo er eine Reihe ausgezeichneter Bilder des Klostergebietes und des Sees
malt. Dann folgen Landschaften vom Bodensee und aus dem Schwarzwald,
und da er sich jetzt wieder ganz in Form fuhlt, betatigt er sich auch wieder
als Bildnismaler, portratiert eine Anzahl mehr oder minder schoner bekannter
Damen und Modelle, und zweimal den »Schottenjungen«. Auch schriftstelle-
risch tritt er hervor, indem er in einer zunachst anonym erschienenen Bro-
schiire »Das Kunstverstandnis von heute« dem schlechten Geschmack des
Publikums und den ihm immer trostloser erscheinenden Kunstzustanden in
Deutschland zu Leibe geht. Um seine Ansichten iiber das, was er in der Kunst
fiir gut hielt, in die Praxis zu ubertragen, richtete er in der GroBen Berliner
Kunstausstellung von 1895 Kollektiworfuhrungen von Werken Leibls, Hans
Thomas, Victor Mullers und eigener Arbeiten ein, die starke Beachtung fanden
und den Ausstellenden mit einem Schlage zur Beriihmtheit verhalfen. Die
wichtigen deutschen Galerien begannen nun, sich allmahlich mit Werken T.s
zu versehen. Nur in Miinchen lieB man ihn immer noch nicht gelten. Aus
diesem Grunde verlieB er die ihm so wenig wohlwollende Kunststadt 1896
und begab sich nach Frankfurt a. M., wo sein alter Freund Hans Thoma
wirkte. Er wurde nach einiger Zeit Lehrer an dem Stadelschen Kunstinstitut
und entwickelte als solcher eine ungewohnlich fruchtbare Tatigkeit. In aller
Stille vollzog sich hier die Wandlung zum Freilichtmaler, und nachdem es
ihm gelungen war, seine Landschaften auf helle Farben und Harmonien zu
stimmen, versuchte er, die neue Anschauungsweise auch auf das Figurenbild
und das Portrat zu ubertragen. Zunachst malte er einige Akte im Griinen,
wobei er die warme, durch Rot bestimmte Farbe des Fleisches durch den
Gegensatz kuhler griiner Reflexe sehr wirkungsvoll zu heben wuBte. Diese
Aktstudien gehen unter den Titeln: »Adam und Eva«, »Urteil des Paris «,
♦Susanna im Bade«, » Salome « u. a., fanden jedoch wenig Beifall beim Publi-
kum, weil den malerischen Vorziigen durchaus keine geistigen zur Seite
standen. Um so mehr Erfolg hatten die bald darauf entstandenen Reiter-
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bildnisse, weil fiir den Reiter das Freilicht das Natiirliche ist, weil T.s breite
Malerei dem Gegenstande angemessen erschien und sein Gefuhl fiir das Re-
presentative hierbei zur schonsten Geltung kam. Diese Reiterbildnisse ge-
horen nicht nur zu des Kunstlers originellsten Schopfungen, sondern auch
zu den eigenartigsten in der Malerei des 19. Jahrhunderts. Sie stellen mit ihrem
leuchtenden Rotbraun, smaragdenen Griin und den bunten Uniformen das
auBerste an Farbe dar, was seit den Tagen der alten deutschen Meister in
Bildern gezeigt wurde, und sind als prachtvolle Malerei nicht genug zu be-
wundern.
Im Jahre 1900 vermahlte T. sich mit seiner begabten Schulerin Alice
Auerbach, deren reifes und sicheres Kunsturteil er schatzen gelernt hatte.
Drei Jahre spater folgte er dem Rufe seines Landesherrn, des GroBherzogs
Friedrich I. von Baden zur Ubernahme eines Lehramtes an der Karlsruher
Akademie. Er wirkte dort sehr anregend als Lehrer sowohl wie auch als Maler.
Er, den man in Munchen so griindlich miBachtet hatte, portratierte nun, wie
Lenbach, Fiirsten und groBe Herren. Seine Bildnisse des GroBherzogs von
Baden, des GroBherzogs von Hessen, des Hamburger Burgermeisters Moncke-
berg stehen turmhoch iiber dem Ublichen und Gewohnten. Auch Wand-
gemalde wurden ihm in Karlsruhe iibertragen. MiBgliickt sind ihm im allge-
meinen allerdings die vielen Freilichtbildnisse, die er in dieser Zeit malte. Im
Portrat will man vor allem den darzustellenden Menschen, das Positive der
Erscheinung, nicht zufallige Zustande, wie sie das Spiel, das Sonnenstrahlen
auf dem Gesicht erzeugt. Den Irrtum, dem T. in dieser Beziehung sich hin-
gab, hat er allerdings reichlich ausgeglichen durch die wundervollen, von
starker Empfindung fiir die Natur und die Herrlichkeit ihres Farbenkleides
zeugenden Landschaften, die er in Amorbach, Hemsbach, am Starnberger See
und im Stift Neuburg malte. Sie stehen in ihrer festen Form, die nicht ver-
hindert, daB Licht und I^uft voller Leben erscheinen, in ihrer reichen Farbig-
keit und Leuchtkraft in der deutschen Kunst unerreicht da. Sie sichern dem
Namen Wilhelm Triibner Unsterblichkeit, soweit diese nicht schon durch die
meisterhaften Schopfungen der Fruhzeit begriindet wird.
T.s Schriften »Das Kunstverstandnis von heute«, »Die Verwirrung der
Kunstbegrif f e « und »Personalien und Prinzipienc sind mehr oder minder ge-
lungene Versuche, der Allgemeinheit klarzumachen, was er in seiner Kunst
erstrebt hat und erreicht zu haben glaubt, versehen mit Seitenhieben auf
die akademischen Richtungen, denen das Publikum allezeit eine ungleich
groBere Beachtung geschenkt hat als den wirklichen Meistern, den individuell
Schaffenden. Fiir einen solchen sich zu halten, hatte T. vollkommen recht,
und daB er der Kunst selbstlos gedient, ist kein Zweifel; aber eine gewisse
Starrheit der Empfindungsweise und geistige Unbeweglichkeit verhinderten
ihn, zu so tieferregenden Wirkungen zu kommen, wie sie von den Schopfungen
Diirers, Holbeins, Frans Hals', Rembrandts oder Velazquez* ausgehen. Als
Maler schlechtweg indessen steht er als ein Ebenburtiger neben den Aller-
groBten, und was in ihm als Anlage steckte, hat er zur hochsten Vollendung
gebracht. Von wie wenigen Kiinstlern laBt das sich behaupten! Und noch
eines darf von ihm gesagt werden : Seine gerade und einf ache Natur, die durch
nichts zu erschiitternde Hingabe an seine Ideale, die Ehrlichkeit und Sauber-
keit im Handwerklichen seiner Kunst kennzeichnen ihn als den deutschesten
Triibner. Veith l6o
aller Maler, die das 19. Jahrhundert hervorgebracht. Sein Schaffen bildet
den einstweiligen AbschluB der nihmreichen Periode jener deutschen Kunst,
deren grofiartige Leistungen aus dem 16. Jahrhundert in die Gegenwart
heriiberleuchten.
L,iteratur: Eigene Schriften: Das Kunstverstandnis von heute, Miinchen 1892, Casar
Fritsch; Die Verwirrung der Kunstbegriffe, Frankfurt a. M. 1898, Riitten & Iyoening;
Personalien und Prinzipien, Berlin 1907, Bruno Cassirer; Van Gogh und die neuen Rich-
tungen der Malerei. Kunst f. Alle, Januar 191 5; Der Krieg und die Kunst, Frankfurter
Zeitung, 21. Januar 1916; Der Wert deutscher und franzosischer Kunst, Woehenschrift
der Berliner Neuesten Nachrichten, 8. April 191 7. — Monographien : Hans Rosenhagen,
Nr. 98 von Velhagen & Klasings Kiinstlermonographien, 1908, Bielefeld und Leipzig;
Georg Fuchs, W. T. und sein Werk, 1908, Georg Miiller, Miinchen; Jos. Aug. Beringer,
Klassiker der Kunst XXVI, 1917, Stuttgart. — Schriften: Karl Voll, Zeitschrift fur Bil-
dende Kunst, 1901, Leipzig; Georg Hermann, Siidwestdeutsche Rundschau, 1902, Frank-
furt a. M. ; Hans Rosenhagen, Kunst fur Alle, 1902, Miinchen; L,. Brieger-Wasservogel,
Kunst der Neuzeit Nr. 10, 1903, Strafiburg; Hans Rosenhagen, t)ber Land und Meer, 1907,
Stuttgart; Benno Ruttenauer, Propylaen, 1908, Miinchen; ders., Westermanns Monats-
hefte, 1909, Braunschweig; Hans Rosenhagen, DaheimNr. 14, 1909, Bielefeld und Leipzig;
Wilhelm Michel, Ausstellung in Brackls Kunsthandlung, 19 10, Miinchen; J. A. Beringer,
Triibner- Ausstellung in Karlsruhe 191 1, Leipzig, Kunstchronik ; Karl Scheffler, Kunst und
Kiinstler, 191 1, Berlin; Robert Breuer, Reclams Universum XXVII, 191 1, Leipzig;
Georg Jak. Wolf, Jugend Nr. 4, 191 1, Miinchen; J. A. Beringer, Kunst fur Alle, 191 1,
Miinchen; E. Bender, Kunst und Jugend, 191 1, Stuttgart; Albert Geiger, Der Turmer,
191 2, Stuttgart; Hans Rosenhagen, Kunst unserer Zeit, 1909, Miinchen; Wilhelm Schafer,
Deutsche Maler, 1910, Diisseldorf ; J. A. Beringer, Deutsche Kunst und Dekoration, 1916,
Darmstadt; Paul Kiihn, Ulustrierte Zeitung, 1909, Leipzig; Emil Waldmann, Vorwort
zur II. Auflage von Personalien und Prinzipien, Berlin; Willy F. Storck, Katalog zur
Triibner- Ausstellung Basel 1927; Wilhelm Gobel, ebendort, 1927. — Kunst geschichten :
Richard Muther, Springer-Osborn, Lubke-Semrau-Haack, Alfred Koppen, Meier-Graefe,
Rosenberg-Rosenhagen, Richard Hamann, Wilhelm Hausenstein.
Berlin. Hans Rosenhagen.
Veith, Rudolph Hugo, * am 1. Juni 1846 in Bobischau, Kreis Habelschwerdt,
t am 13. Marz 1917 in Berlin. — Nachdem Rudolph V. die ersten Kind-
heitsjahre in Bobischau verlebt hatte, wurde sein Vater, von Beruf Steuer-
beamter, nach Breslau versetzt. Der kleine Rudolph besuchte dort zuerst die
Elementarschule, spater — von 1856 ab — das katholische Gymnasium zu
St. Matthias, das er 1865 verlieB, um ein Jahr lang als Maschinenbau- und
Hutteneleve in Malapane die praktischen Grundlagen fiir den von ihm er-
wahlten Beruf des Maschineningenieurs zu erwerben. Auf der Provinzial-
Gewerbeschule in Schweidnitz legte er 1867 die Reifepriifung ab, arbeitete so-
dann in der Maschinenbauanstalt des »Fabrikenkonimissarius« F. G. Hofmann
(Maschinen- und Olfabrik Koinonia) sowie in den Werkstatten der Oberschle-
sischen Eisenbahn bis zum 1. Februar 1869 praktisch und trat hierauf zur Ab-
leistung seiner Dienstpflicht als Maschinistenapplikant bei der Maschinen-
kompagnie der Kaiserl. Werftdivision ein. Sein Dienstjahr verlangerte sich un-
erwartet durch den Ausbruch des Deutsch-Franzosischen Krieges, wahrend-
dessen er anfangs auf der Panzerfregatte »Friedrich Karl«, spater — als dienst-
tuender Maschinist — auf dem Aviso »Adler« kommandiert war.
Nach Kriegsende bezog V. im Oktober 187 1 die Konigl. Gewerbeakademie
in Berlin, wo er sich dem Studium des Schiffsmaschinenbaufachs widmete. In
170 1917
der Studienzeit lieBen ihn sein reger FleiB, sein Streben nach Vervollkommnung
seines Wissens und Konnens selbst in den Akademief erien nicht f eiern ; er nutzte
sie, um in verschiedenen Berliner Konstruktionsbureaus sich zeichnerisch und
konstruktiv zu betatigen. Aber auch sonst fiillte ihn das Studium allein nicht
aus. Im akademischen Verein »Hutte«, dem er allezeit ein treues und eifriges
Mitglied gewesen ist, beteiligte er sich an alien wissenschaftlichen Unterneh-
mungen, und sein den Lernstoff tief durchdringender, das Wesentliche stets
scharf erfassender Verstand trieb ihn schon damals dazu, im Verein mit geistig
hochstehenden Freunden die Bearbeitung eines fiir Studienzwecke bestimmten
Lehrbuchs der technischen Mechanik zu ubernehmen und damit auch weniger
begabten Kommilitonen die Erreichung ihres Ausbildungszieles zu erleichtern.
Nach Ablegung der Diplomprufung am 27. Juli 1874 tat er zunachst bei der
Stettiner Maschinenbau-A.-G. Vulcan in Stettin-Bredow als Maschinenbau-
ingenieur Dienst, um jedoch bald in gleicher Eigenschaft in das Konstruktions-
bureau der Markisch-Schlesischen Maschinenbau-A.-G. vorm. F. A. Egells,
Berlin, iiberzusiedeln, wo er unter der trefflichen Anleitung des damaligen
Direktors dieser Firma, Jungermann, wertvolle Anregungen erhielt.
Am 15. April 1875 trat Rudolph V. in den Dienst der damals noch kleinen,
aber in langsamem Aufbluhen begriffenen deutschen Kriegsmarine ein. Er
wurde zunachst zur » probe weisen Beschaftigung« als Marine-Maschinenbau-
Ingenieuraspirant der Kaiserl. Werft in Wilhelmshaven iiberwiesen, wo er sich
schnell die Zuneigung und das Vertrauen seiner Vorgesetzten erwarb. Schon die
ersten Qualifikationsberichte heben seine hervorragende Befahigung, seine um-
fassenden Kenntnisse und seinen regen Diensteifer hervor, und der Vorschlag,
ihn zum Marine-Maschinenbau-Unteringenieurzu befordern, brachte zugleich —
ein gewiB seltener Fall — den Antrag an die Berliner Zentralbehorde heran,
ihm »in Anerkennung seines FleiBes« eine besondere Belobigung zu erteilen.
So arbeitsreich diese Zeit war, so engte sie doch seinen angeborenen, ihm bis ins
hohe Alter treu gebliebenen Frohsinn nicht sonderlich ein. In jugendlicher Un-
bekummertheit durchstreifte er damals im Kreise gleichgesinnter Kollegen die
Stadtchen und Dorfer der Umgegend, und so manche Geschichte aus dieser
Zeit, so mancher Jugendstreich lebte spater in seinen Erzahlungen wieder auf
zur Freude aller, die das Gluck hatten, ihm in solchen Stunden geruhsamer Er-
holung zuhoren zu diirfen.
Am 19. Juli 1878 verheiratete er sich mit Fraulein Katharina Asmus; mit
innigem Verstandnis fiir die Eigenart des mit Arbeit und Verantwortung tiber-
lasteten, dabei zu immer hoheren Wiirden aufsteigenden Gatten hat diese Frau
ihm allezeit treu zur Seite gestanden und Freud' und Leid mit ihm geteilt.
Nachdem V. 1883 zum Maschinenbau-Ingenieur befordert worden war, wurde
er 1885 als Baubeaufsichtigender fiir Torpedoboote zur Firma F. Schichau nach
Elbing kommandiert. Mit diesem Kommando erhielt sein Leben eine entschei-
dende Wendung. Schon damals genofl Schichau im Torpedobootsbau Weltruf,
und an dieser Statte eines grofiziigigen, alle Moglichkeiten bis zur auBersten
Grenze erschopfenden konstruktiven Wirkens konnte V. am besten den Grund
zu der Fiille von Sonderkenntnissen und -erfahrungen legen, die ihn spater zu
hohen Leistungen auf dem Gebiete des Torpedobootsbaues befahigten. Fiinf
Jahre lang hat er in dieser Stellung gearbeitet und — gelernt. Eine Reihe lite-
rarischer Arbeiten, die in der Marine- Rundschau abgedruckt wurden, legt
Veith I yx
Zeugnis ab von dem Geiste, mit dem er die damals gewonnenen Eindriicke fur
die weitere Entwicklung im Interesse der Marine nutzbar zu machen be-
strebt war.
1890 wurde V. als Marine-Maschinenbaumeister der Kaiserl. Werft in Kiel
zugeteilt. Nach voriibergehender Beschaftigung im Maschinenbauressort er-
nannte man ihn nebenamtlich zum technischen Beirat des Torpedoressorts und
iiberwies ihn nach der 1891 erfolgten Beforderung zum Marine-Maschinenbau-
Inspektor dem letztgenannten Ressort zu hauptamtlicher Beschaftigung. Von
hier aus wurde er 1893 »zum Studium des Baues und Betriebes der Thornycroft-
Wasserrohrkessel fiir Torpedoboote bzw. auf Torpedobooten « nach England
geschickt, wo er Gelegenheit erhielt, aus eigener Anschauung die Arbeitsstatten
kennenzulernen, die zu jener Zeit im Kriegsschiffbau fiihrend waren. Wenn
sich die deutsche Marine-Maschinenbautechnik in der Folgezeit sehr bald auf
eigene FiiBe gestellt und den englischen Lehrmeister zum mindesten erreicht,
wenn nicht iiberflugelt hat, so durfte — neben den Maschinenbaubetrieben der
groBen deutschen Werften und ihren Iyeitern — V. einen erheblichen Anteil an
dieser Entwicklung fiir sich in Anspruch nehmen.
An ein mehrjahriges Kommando zur Dienstleistung in der Konstruktions-
abteilung des Reichsmarineamts zu Berlin, wahrenddessen er unter der Ober-
leitung des durch seine Verdienste um die wirtschaftliche Weiterentwicklung
der Schiffs-Dampfkolbenmaschinen und die Einfiihrung der Wasserrohrkessel
in die Marine bekannten Geh. Admiralitatsrats Langner eine verantwortliche
Stellung innehatte und daneben auch noch die Baubeaufsichtigung fiir die
Maschinenanlagen der damals beim Stettiner Vulcan in Bau befindlichen
Kriegsschif f e ausiibte, wurde dem inzwischen zum Marinebaurat und Maschinen-
baubetriebsdirektor Beforderten die technische I,eitung bei der Kaiserl. In-
spektion des Torpedo wesens in Kiel iibertragen. Hier riickte er 1898 zum
Marine-Oberbaurat, 1899 zum Geheimen Marinebaurat und Maschinenbau-
direktor auf.
In dieser Stellung, die ihm zum ersten Male eine selbstandige schopferische
Tatigkeit ermoglichte, hat V. Leistungen vollbracht, die seinen Ruf auch nach
auBen hin fest begnindeten. Die Weiterentwicklung der groBen Torpedoboote,
die mit erheblichen konstruktiven Schwierigkeiten verbundene Anlage ge-
"trennter Maschinenraume, die Beseitigung der anfangs sehr unangenehm in
Urscheinung getretenen Vibrationen dieser Boote waren neben vielem anderen
sein Verdienst. Mit weitem Blick alle Zukunftsmoglichkeiten erfassend, rasch
aus der Fiille des Angebotenen das Aussichtsreiche herausschalend, bei allem
Wagen doch nie das Wagen auBer acht lassend, fand er zur rechten Zeit mit
genialer Sicherheit den Ubergang zur Dampf turbine, deren Einfiihrung einen
neuen Abschnitt in der Geschichte des Schiffsmaschinenbaus einleitete. Auch
die Bedeutung des Olmotors als Schiffsantriebsmaschine hat er schon damals
erkannt. In jahrelanger, an Fehlschlagen nicht armer, aber trotzdem von un-
beugsamer Zuversicht erfiillter Arbeit, stets in engster Fiihlung mit der ein-
schlagigen Industrie, hat er die ersten brauchbaren Unterseebootsmotoren
Dieselscher Bauart mit entwickeln helfen, wie ja auch die Entwiirfe zu den
ersten deutschen Unterseebooten damals unter seiner I^eitung entstanden.
Es konnte nicht ausbleiben, daB die groBen Fahigkeiten, die V. als technischer
Leiter des Torpedo- und Unterseebootsbaus bewiesen hatte, die Aufmerksam-
172 1917
keit der ihm vorgesetzten Dienststellen auf ihn lenkten, als es sich danim
handelte, die Stelle des Chefs der Maschinenbauabteilung im Konstruktions-
departement des Reichsmarineamts neu zu besetzen. 1906 in dieses Amt be-
rufen und damit an die Spitze des gesamten Marine- Maschinenbaus gestellt,
trat V. nunmehr seine hochste und erfolgreichste Dienststellung an, in der er
zunachst zum Geh. Oberbaurat, bereits 1909 zum Wirklichen Geheimen Ober-
baurat mit dem Range der Rate I. Klasse aufstieg.
In die zehn Jahre, wahrend deren es Rudolph V. vergonnt war, in dieser
Stellung tatig zu sein, drangte sich eine gewaltige Ftille von Entwicklungsarbeit
groBen Stils zusammen. Die schon in ziemlich vorgeschrittenem Bauzustande
befindlichen Dampfzylinder der GroBen Kreuzer »Scharnhorst« und »Gnei-
senau« wurden ausgebohrt und damit zu hoherer Leistung befahigt, eine Kiihn-
heit, die nur durch die auf den Torpedobooten gewonnenen Erfahrungen er-
klarlich war. Schnell kam dann der Ubergang zur Dampfturbine, zuerst bei den
Kreuzern, dann auch bei den Linienschiffen. GroBter Wert wurde von V. auf
wissenschaftliche Griindlichkeit bei der Weiterentwicklung dieses Maschinen-
typs gelegt, und er scheute sich gar nicht, Wissenschaftler der Technischen
Hochschulen zur Mitarbeit heranzuziehen, wo er sich davon eine sachliche
Forderung seiner Ziele versprach. Damit baute er auch die gewaltigen Lei-
stungen von mehr als 100 000 PS, die in den Maschinenanlagen unserer Schlacht-
kreuzer kurz vor dem Kriege untergebracht waren, auf fester Grundlage auf und
konnte die Verantwortung fiir Schiffsturbinenanlagen selbst von 300 000 PS,
wie sie wahrend des Kriegs, unter Einschaltung von Zahnradgetrieben hohen
Wirkungsgrades, entworfen wurden, aber des unglucklichen Kriegsendes wegen
leider nicht mehr zur Ausfuhrung kamen, getrost iibernehmen. Selbstverstand-
lich hat es dabei an Schwierigkeiten nicht gefehlt. Aber seine zahe Beharrlich-
keit, die ein als richtig und erstrebenswert erkanntes Ziel nie mehr aus den
Augen lieB, uberwand alle Hindernisse, die sich seinem technischen Wollen in
den Weg stellten. Die Schiffsolmaschine hat ebenfalls in ihm einen energischen
Forderer gefunden. Beweis dafiir sind die beiden je zwolftausendpferdigen
Dieselmotoren, die auf seinen Antrag schon 1909 bzw. 1910 bei der Maschinen-
fabrik Augsburg-Niirnberg bzw. bei der Fried. Krupp A.-G. Germaniawerft
bestellt wurden und die als Mittelmaschinen fiir die L,inienschiffe » Prinzregent
Luitpold« bzw. »Sachsen« bestimmt waren. Diese Groflolmotoren, die ersten,
die je gebaut worden sind, haben nach Beseitigung groBer Schwierigkeiten 1917
ihre Abnahmeerprobungen erfolgreich beendet, und wenn sie ihrem Bestim-
mungszweck nicht mehr zugefuhrt werden konnten, so lag das lediglich an den
Kriegs- und Nachkriegsverhaltnissen in Deutschland. Aber es unterliegt keinem
Zweifel, daB Bau und Erprobung dieser Motoren eine Ingenieurleistung ersten
Ranges waren und bahnbrechend sowie vorbildlich fiir den gesamten Schiffs-
olmaschinenbau gewirkt haben. Handelte es sich hierbei um groBe, langsam-
laufende Dieselaggregate, so wurde andererseits unter V.s I^eitung auch der
Grund zur Entwicklung kleinerer und leichter, bordbrauchbarer Schnellaufer-
Dieselmotoren gelegt, wie sie wahrend des Krieges in den deutschen Untersee-
bootsmaschinen das Staunen und den Neid aller Volker erweckt haben. Und
schlieBlich hat er durch sein Wirken als Prasident des Preisgerichts in den
beiden Kaiserpreiswettbewerben um den besten deutschen Flugzeugmotor auch
der Flugmotorenindustrie die Wege zu einer zielbewuBten Entwicklung ebnen
Veith. Wagner 1 73
helfen. Nach der Schlacht vor dem Skagerrak, in der sich die deutschen Kriegs-
schiffbauten vorziiglich bewahrt haben, wurde ihm das Eiserne Kreuz I. Klasse
als Anerkennung seiner Iyeistungen zuteil. Zahlreiche Ehrenamter hat er be-
kleidet, stets mit gleichem Erfolge, wie ihn iiberragende Klugheit und wohl-
begriindete Autoritat zu verbiirgen pflegen. Der Verein Deutscher Ingenieure,
der ihn zu seinen Ehrenmitgliedern zahlte, hat ihm die Grashof-Denkmunze,
die Schiffbautechnische Gesellschaft ihre goldene Medaille verliehen. Die
Technische Hochschule zu Darmstadt verlieh ihm die Wiirde eines Doktor-
Ingenieurs ehrenhalber.
Sein ganzes dienstHches Leben hindurch war V. ein trefflicher Vorgesetzter.
Pflichttreu bis zum Letzten, stellte er zwar an seine Mitarbeiter hohe Anforde-
rungen, lieB ihnen aber, sobald er Vertrauen zu ihnen gewonnen hatte, in ihrem
Arbeitsbereich groBe Selbstandigkeit und erhohte gerade dadurch ihre Arbeits-
freudigkeit in hohem MaBe. Zu den fuhrenden Mannern der Industrie hielt er
stets enge Beziehungen aufrecht. Mogen auch sein gesellschaftliches Talent,
seine stets humorvolle Erzahlungskunst zu dieser Beliebtheit ein gutes Teil
beigetragen haben, die Hauptursache lag doch in seinem immer von sachlichen
Gesichtspunkten getragenen dienstlichen Verhalten. Einen schonen Beweis
ihrer Zuneigung hat ihm die Industrie anlaBlich der Feier seines 70. Geburts-
tages gegeben, indem sie ihm einen groBeren Geldbetrag zu beliebiger Ver-
wendung zur Verfiigung stellte. Er bestimmte dieses Geld zu einer Stiftung,
deren Verwaltung er der Schiffbautechnischen Gesellschaft iibertrug und aus
der unbemittelten Studierenden des Schiffbau- und Schiffsmaschinenbaufachs
nicht nur das Studium, sondern auch nach dessen AbschluB der Ubertritt ins
berufliche Leben erleichtert werden sollte. Leider ist diese »Veith-Stiftung«
durch die Inflation zum groBten Teil vernichtet worden.
Literatur: Die aratlichen Akten des Reichsmarineamts. — Ein vom gleichen Verfasser
geschriebener Nachruf in der Zeitschrif t : Der Olmotor, Heft 12, vom Marz 19 17.
Berlin-Iyankwitz. Wilhelm L,audahn.
Wagner, Adolf, Dr. phil., o. Professor der Nationalokonomie und Statistik
^n der Universitat Berlin, Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz, * 25. Marz 1835 in
Brlangen, f 8. November 19 17 in Berlin. — Adolf W.s Leben und Wirken hat sich
ganz im Rahmen der Universitat abgespielt. Ein Jahr nach seiner Promotion
wurde er Professor und 59 Jahre ist er als solcher tatig gewesen. Es wird nicht
viele Professoren gegeben haben, die diese Ziffer erreichten.
Adolf W.s Professorenzeit zerfallt in zwei ungleiche Teile: eine Zeit der
akademischen Wanderschaft von 12 Jahren und eine Zeit von 47 Jahren in
Berlin. In der kurzen ersten Periode lernte W. das Ausland, allerdings iiber-
"wiegend das benachbarte und stammverwandte Ausland, in Wien und Dorpat
mit einer Griindlichkeit kennen, wie es bis dahin einem deutschen Professor
der Nationalokonomie noch nicht vergonnt gewesen war. Bedeutsame Inter-
nationale Vergleiche drangten sich ihm von selbst auf und machten ihn zum
ersten grundsatzlichen Vertreter der vergleichenden Methode. Die lange Periode
in der Reichshauptstadt umfaBt die Jahre von 1870 bis 1917, also fast die
ganze Zeit des neuen deutschen Kaisertums, fast ein halbes Jahrhundert. Auch
das diirfte seinesgleichen kaum finden.
174 lw
Wie das auBere Leben, zeichnete sich auch sein innerer Verlauf , trotz leiden-
schaftlicher Kampfe, durch grofie Stetigkeit aus. Es steht ganz unter dem
Zwang einer inneren Logik. Adolf W. ist als Spezialist in die Wissenschaft
eingetreten; man konnte ihn in der ersten Zeit seiner Laufbahn geradezu
den ersten ausgesprochenen Spezialisten unter den deutschen Nationaloko-
nomen nennen. Dann aber erwuchs aus dem Spezialistentum ein immer starke-
rer innerer Erweiterungstrieb, so daJ3 man am Ende seiner Laufbahn fast
sagen konnte, es habe unter den Zeitgenossen von Adolf W. keinen deutschen
Professor gegeben, der die eigentliche Nationalokonomie in solcher Voll-
standigkeit erfaBte. Nur Alfred Marshall ist ihm vergleichbar.
Unter den deutschen Nationalokonomen, die in voller Manneskraft die
Griindung und den Ausbau des Deutschen Reiches erlebt haben, nimmt
Adolf W. auch ins6fern eine besondere Stellung ein, als sich die deutsche Ge-
samtentwicklung kaum in dem Wirken eines anderen Gelehrten so bedeut-
sam spiegelt. Das erklart sich auBerlich aus der schon erwahnten Tatsache,
daB W. die Entwicklung des neuen Deutschen Reiches von Anfang an bis
tief in den Weltkrieg hinein in einer fur die Beobachtung und Anteilnahme
bevorzugten Stellung erlebt hat; und es erklart sich sachlich daraus, daB W.
als Vertreter eines Faches, das mit den Wandlungen der letzten Jahrzehnte
vielleicht starker als ein anderes verkniipft war, seine Gelehrtenarbeit stets
als einen Doppeldienst fur Wahrheit und Vaterland auffaBte und niemals
zauderte, mit seiner ganzen Personlichkeit fur das einzutreten, was er fiir
richtig hielt. Weil er ein Professor im urspninglichen und hochsten Sinn dieses
Wortes war, treten in seiner Personlichkeit die groBen Probleme, die die Zeit
bewegten, besonders eindrucksvoll in die Erscheinung.
Adolf W. entstammt einer ausgesprochenen Professorenfamilie. Schon sein
Vater (Rudolf) und sein Onkel (Moritz) waren bekannte Professoren gewesen,
und auch sein B ruder (Hermann) und sein Schwager (Benndorf) sind es ge-
worden. Auch fiir ihn selbst diirfte die akademische Laufbahn fruh festge-
standen haben. Anfangs widmete er sich der Rechtswissenschaft ; wahrend
aber in der spateren Generation viele erst im reifen Lebensalter den Ubergang
zur Volkswirtschaftslehre vornahmen, wandte er sich ihr schon auf der Uni-
versitat ganz zu. Mit dieser Umsattlung hangt es wohl zusammen, daB W.
nicht nur sein Studium lange ausdehnte, sondern auch wahrend seiner Studien-
zeit noch nicht zu einer rechten Selbstandigkeit in seinen wissenschaftlichen
Anschauungen gelangte. Karl Heinrich Rau hat ihn vielmehr in Heidelberg
in die Lehre der englischen Schule von der freien Konkurrenz eingefuhrt, die
sich damals in Deutschland, trotz Friedrich List, einer fast unbestrittenen
Herrschaft erf reute. Er war nicht der Mann tiefer Problemerorterung. W. scheint
daher die ihm iibermittelte Lehre zuerst einfach iibernommen zu haben und
erst spater, als er dem personlichen EinfluB seines Lehrers entriickt war, haben
sich starkere Zweifel bei ihm herausgebildet.
Auch bei seinem Gottinger Lehrer, Georg Hanssen, liegt es ahnlich. Zwar
hat W. immer mit groBer Hochachtung von ihm gesprochen ; aber man kann
heute nickblickend Hanssen geradezu als einen Gegensatz zu W. bezeichnen.
Er war kein Theoretiker, kein Politiker, kein Kampfer; er war eine stille, in
erster Linie der Vergangenheit zugewandte Gelehrtennatur, die ganz in ihren
feinsinnigen Forschungen aufging. Hanssen wTie Rau sind daher ohne dauern-
Wagner I nc
den EinfluB auf W.s wissenschaftliche Personlichkeit geblieben ; aber auBerlich
sollten beide sein Leben entscheidend beeinflussen.
Was Hanssen zunachst anlangt, so ist er es allem Anschein nach gewesen,
der W. bei der Wahl des Themas zu seiner Gottinger Dissertation behilflich
war. Diese Wahl ist fur W. zum groBen Gliick geworden. Er wurde durch sie,
als erster in Deutschland, mit dem praktisch und theoretisch bedeutsamen
Material bekannt, das aus AnlaB der Reform des englischen Banknotenwesens
zusammengebracht worden war und sich nicht nur aus Berichten und Verneh-
mungen, sondern auch aus einer hochstehenden Streitschriftenliteratur zu-
sammensetzte. Die theoretischen Auseinandersetzungen zwischen der Banking-
School und der Currency-School standen im Vordergrund, Auseinander-
setzungen, wie sie so tiefgriindig ein Gesetzgebungswerk noch nicht begleitet
hatten.
W. schloB sich in seiner Erstlingsschrift der Banking-School, die in Fullarton
ihren hervorragendsten Vertreter hatte, an. Er bekannte sich also als Gegner
der Grundprinzipien, auf denen die Peelsche Bankakte aufgebaut worden war,
und iibte insbesondere an den Ausfuhrungen des Hauptes der Currency-School,
Lord Overstone, eine scharfe, teilweise noch doktrinare Kritik. Er oflenbarte
sich noch ganz als Anhanger des Laissez-faire. Er glaubte ein »stetiges Fort-
schreiten zu freierer Gestaltung feststellen zu konnen« und sprach sich fur
Bankenfreiheit aus. Charakteristisch ist das Motto, das er seiner Arbeit vor-
ansetzt: Free trade in banking is not synonymous with free trade in swindling.
Der Verfasser ist in dieser Erstlingsarbeit unzweifelhaft mit den schwierigen
Problemen und dem iiberreichen Tatsachenmaterial innerlich und auBerlich
noch nicht fertig geworden. Und doch lenkte sie, als er sie 1857 stark erweitert
unter dem Titel: »Beitrage zur Lehre von den Banken« herausgab, die Auf-
merksamkeit in ungewohnlichem MaBe auf den jugendlichen Verfasser. Denn
sie zeigte ihn vertraut mit einer auslandischen Literatur, deren groBe allge-
meine Bedeutung jedem damals einleuchtete, und oflenbarte sich auBerdem
deutlich als ein erster Schritt auf einem weiten Wege. Der Eindruck, daB die
angeschnittenen Probleme den Verfasser so bald nicht wieder loslassen wiirden,
wurde entscheidend. Denn die Entwicklung, die das Wahrungswesen, zum Teil
infolge des Krimkrieges, in mehreren Festlandsstaaten Europas genommen
hatte, hatte einen gewissen Haussebedarf fiir gut geschulte Geld- und Bank-
theoretiker entstehen lassen. Voran stand zunachst Osterreich. Es war mitten
in erregten Erorterungen tiber die Wiederherstellung seines zusammengebroche-
nen Geldwesens. Als gerade damals die Handelsakademie in Wien ins Leben ge-
rufen wurde, lag es deshalb nahe, den jungen Gottinger Gelehrten fiir sie zu
gewinnen. W. wurde mit 23 Jahren an der neuen Anstalt Professor der Natio-
nalokonomie und Finanzwissenschaft. Das war der zweite groBe Glucksfall in
seinem Leben. Denn in Wien boten sich die Probleme, die er bisher nur aus
Buchern kannte, dem geschulten Blick in der wirtschaftlichen Praxis dar, und
der ubergliickliche junge Professor zogerte nicht, sich auf sie alsbald mit aller
Wucht zu sturzen. Erst dadurch wurden seine ubernommenen Lehrmeinungen
zu lebendigen Anschauungen. Erst in Wien rang er sich zu wissenschaftlicher
Selbstandigkeit durch.
Dazu hat unzweifelhaft auch die groBe Wirtschaftskrise von 1857, ^^e m
England zum zweitenmal zu einer Suspension der Peelschen Akte notigte, viel
176 1917
beigetragen. Sie machte W. an der bisher vertretenen Lehre von der Banken-
freiheit irre. Er sab ein, daB das Vielbankensystem in Krisenzeiten eine wirk-
same Kredithilfe schwer leisten kann. Er blieb zwar Gegner der Currency-
School und der Peelschen Bankakte, wurde zugleich aber zum iiberzeugten
Freund der Zentralisierung der Notenbanken. Das war die erste scharfe Ab-
wendung von der individualistischen Freiheitslehre, die er bei Rau gelernt hatte.
Von gereifteren Gesichtspunkten aus trat er so noch einmal an dasThema seiner
Dissertation heran. In einem neuen Buch liber die Geld- und Kredittheorie der
Peelschen Bankakte legte er 1862 in ausfuhrlicher theoretischer Begriindung
den Problemkomplex der englischen Notenbankgesetzgebung dar; noch ein-
dringlicher als bisher verfocht er das System der bankmaBigen Deckung der
Noten gegeniiber den Grundsatzen der Peelschen Bankakte und erweiterte
seine Darlegungen zu einer »Schrift liber Geld- und Kreditwesen im allge-
meinen«. Dabei vermied er es streng, zu den brennenden Wahrungsproblemen
Osterreichs ausdriicklich Stellung zu nehmen ; er iiberlieB es dem Leser, selbst
die notigen praktischen Folgerungen zu ziehen. In groBeren und kleineren
Artikeln, unter denen der in der Tubinger Zeitschrift erschienene »Zur Ge-
schichte und Kritik der osterreichischen Bankozettelperiode« besonders her-
vorgehoben zu werden verdient, befaBte er sich mit den einschlagigen oster-
reichischen Fragen ausdriicklich. Mit diesen Studien erweiterte er sein Ge-
sichts- und Arbeitsfeld. Hatte sein Bemuhen bisher der Frage gegolten, wie
man das Banknotenwesen am gesundesten aufbauen konne, so befaBte er sich
jetzt auch mit den Krankheitsproblemen des Wahrungswesens. Aufs sorgsamste
arbeitete er die wesentlichen Sonderheiten der Papiergeldwahrung aus. AUer-
dings sollten diese Arbeiten erst auf russischem Boden zu vollem AbschluB ge-
langen.
1864 vertauschte W. Wien mit Dorpat. So gern er nach Wien gezogen war,
Dorpat empfand er etwas als Verbannung. Trotzdem wandte er sich auch hier
sogleich den Studien der russischen Geldverhaltnisse zu. Die besonderen russi-
schen Probleme scheinen ihn sogar, trotz der Sprachschwierigkeiten, noch
starker als die osterreichischen gepackt zu haben. Die Hauptfrucht seiner
wissenschaftlichen Arbeit war hier das Buch »Die russische Papierwahrung«,
das 1868 erschien und von dem spateren russischen Finanzminister Bunge
in das Russische iibersetzt wurde. Damit war W.s Lehre vom Papiergeld, die
als Agiotheorie bekannt geworden und von ihm selbst auch »Kaufkraft-
Bewegungs-Theorie« genannt worden ist, ausgereift. Sie ist mit Recht als ein
»Musterbeispiel der Verbindung der Induktion und Deduktion« (Altmann)
bezeichnet worden und ist alsbald in der deutschen und russischen Literatur,
vor allem von A. SchafHe und von Robert v. Mohl angenommen worden. Erst
damit war W. der deutsche Sachverstandige fur die Fragen des Geld- und
Bankwesens geworden ; es war daher auch natiirlich, daB ihm die einschlagi-
gen Artikel im Handworterbuch der Staatswissenschaften von Rentzsch an-
vertraut wurden, wie er auch schon vorher mehrere im Staatsworterbuch
von Bluntschli und B rater abgefaBt hatte.
Da brachte das Jahr 1868 eine unerwartete Wendung. Der ordentliche Pro-
fessor der Nationalokonomie v. Mangoldt, der in Gottingen, als W. dort
studierte, Privatdozent war und mit dem W. 1862 eine kleine Studienreise nach
England unternommen hatte, starb plotzlich am Herzschlag. Sein j lingerer
Wagner I yj
Freund, der sich in diesen Jahren nationalen Aufschwungs immer mehr in die
deutsche Heimat zunickgesehnt hatte, wurde sein Nachfolger. Auch auf dem
deutschen Boden standen zunachst die Probleme des Geld- und Bankwesens
fur ihn im Vordergnind. Er hatte alsbald ein Gutachten iiber die Banknoten-
frage in Baden zu erstatten, nnd zwar von dem Standpunkt aus, wie sich der
Staat zum Banknotenwesen zu verhalten habe. Aus diesem Gutachten ist ein
neues Werk, das vielleicht bedeutendste von Adolf W., hervorgewachsen. Es
ist das allerdings erst 1873, schon in W.s Berliner Zeit, erschienene umfang-
reiche » System der Zettelbankpolitik«. Es erganzt die friiheren theoretischen
Erorterungen aus dem Jahre 1862 durch eine wirtschaftspolitische Monographic,
wie sie so geschlossen und vollstandig auch die englische Literatur noch nicht
aufzuweisen hatte. In ihr wendet W. zuerst ganz umfassend die vergleichende
Methode an. Er behandelt neben Deutschland, das er jetzt auch griindlich
studiert hat, England und Schottland, die Vereinigten Staaten, Frankreich,
Osterreich und RuBland und verwendet zum erstenmal eingehend die kurz vor
dem Deutsch-Franzosischen Kriege veranstaltete franzosische Bankenquete
und insbesondere den bemerkenswerten SchluBbericht ihres Generalbericht-
erstatters de Lavenay. Zum Teil gestiitzt auf die hier gemachten Ermittlungen,
bietet W. im Rahmen dieses groBen »Handbuchs« die erste zusammenfassende
wissenschaftliche Bearbeitung der Diskontpolitik. Auch alle anderen Fragen
des Notenbankwesens, die fur den Staat Bedeutung haben, erfahren eine zum
Teil sehr eingehende Behandlung. Das Werk sollte zugleich ein »Nachschlage-
buch« fiir Manner der Wissenschaft und der Praxis des Geschaftslebens und
des Staatsdienstes sein. Es zeigt, wie die eingehenden Vergleiche W.s praktischen
Blick geschult haben und ihn zu reifen Anschauungen iiber das Verhaltnis von
Theorie und Praxis gelangen lieBen. Es hat fiir die Regelung des Banknoten-
wesens im Deutschen Reich eine grundlegende Bedeutung gewonnen.
Stellt dieses Buch den auBeren AbschluB der Studien aus der Jugendzeit
dar, so haben doch die Fragen des Geld- und Bankwesens nie aufgehort, W.
zu beschaftigen ; erst spat sind sie jedoch zu einer groBen Gesamtdarstellung
zusammengefaBt worden. Diese Verspatung hangt u. a. mit einem wissen-
schaftlich-politischen Streit zusammen, den W. in Berlin mit groBer Leiden-
schaftlichkeit viele Jahre lang gefuhrt hat. 1877 hatte namlich der beriihmte
Wiener Geologe Ed. SueB (s. D. B. J. 1914 — 16, S. 93) eine aufsehenerregende
Schrift »Die Zukunft des Goldes« erscheinen lassen. In ihr gelangte er zu sehr
pessimistischen Ergebnissen iiber die Goldversorgung der WTelt, und den Aus-
fuhrungen des Geologen schloB sich W. als Volkswirt an. Er zeigte, wie man
die Schwierigkeiten des Ubergangs zur reinen Goldwahrung in Deutschland
unterschatzt habe, und zogerte nicht, aus der neuen Erkenntnis auch alsbald
die praktische Konsequenz zu ziehen, indem er in den achtziger und neunziger
Jahren sich, gegeniiber dem Doktrinarismus einzelner Goldwahrungspolitiker,
zu einem zu weitgehenden AnschluB an die bimetallistische Stromung hinreiBen
lieB. Wenn W. spater diesen Standpunkt wieder aufgegeben und sich ausdriick-
lich von der Doppelwahrung abgewendet hat, so bedeutet das aber keineswegs
einen Widerruf fruher von ihm vertretener theoretischer tJberzeugungen. Die
Erklarung dieser Meinungsanderung liegt vielmehr im Bereiche der Tatsachen.
Die bergbauliche Praxis widerlegte die geologische These von der zu kurzen
Golddecke. Sobald das feststand, zog W. daraus mit derselben Unerbittlichkeit
dbj 12
178 1917
seine Folgerungen, wie seinerzeit aus dem Warnnife von Suefl im Vertrauen
auf die Autoritat desselben.
Sogleich zu erwahnende andere Aufgaben sind es dann in erster Linie ge-
wesen, welche die angekiindigte lehrbuchartige Darstellung des gesamten Geld-
wesens lange nicht zustande kommen lieBen. In einer anderen als der ursprting-
lich geplanten Form ist sie erst 1909 als letzte groBe Veroffentlichung von Adolf
W. erschienen. Es ist das die nahezu 700 Seiten umfassende »Sozialokonomische
Theorie des Geldes und des Geldwesens«. Aui3erlich ist sie ein Teil der zweiten
Abteilung von W.s theoretischer Sozialokonomik ; in Wahrheit stellt sie eine
groBe Monographic des Geldwesens dar, die nur mit dem 1873 erschienenen
Hauptwerk von Knies und dem 1903 veroffentlichten Buch von Karl Helfferich
iiber das Geld verglichen werden kann. Hat W. es auch etwas gewaltsam in
seinen urspriinglich ganz anders angelegten »GrundriB« hineingezwangt, so
sucht er doch eine Eigengesetzlichkeit im Bereich des Geld- und Kreditwesens
darzustellen und geht auf die Verkniipf ung mit dem gesamten Wirtschaftsleben
nur so weit ein, als es die Geldlehre erfordert. Damit sind die Gesichtspunkte,
welche in der Inflationszeit in den Vordergrund traten, nicht, wie man wohl
gemeint hat, in unzulanglicher Weise beriihrt worden. Sie finden vielmehr in
der isolierenden Betrachtung Beachtung, und daB diese Betrachtungsweise,
wie anderswo, auch hier den Vorzug der Fruchtbarkeit hat, kann wohl nur in
Zeiten der Wirrnis iibersehen werden. Allerdings findet die Quantitatstheorie
unter ihrem Namen keine eingehende Behandlung. Unter dem EinfluB von
Tooke war W. anfangs ihr Gegner. Im Grunde aber hat er sich immer nur gegen
ihre Ubertreibungen und Unvollstandigkeiten gerichtet. Sein Eintreten fur
bankmaBige Notendeckung beruht auf quantitatstheoretischen Erwagungen,
und er zuerst hat in der deutschen Literatur Entwertung gegeniiber dem
Metallgeld und Wertverminderung gegeniiber alien anderen Waren scharf von-
einander gesondert. Fiir W. war es selbstverstandlich, daB er in seinem SchluB-
werk das Wertproblem als »das wichtigste okonomische Problem « des Geld-
wesens bezeichnete und, wie schon in seinen ersten Schriften, auch hier wieder
betonte : nicht Stoff und nicht Bezeichnung bestimmen den Geldwert, sondern
die Funktion des Geldes. Das hat er mit besonderem Nachdruck gegeniiber
Knapp hervorgehoben, dessen 1905 erschienene »Staatliche Theorie des Geldes«
er als »miBlungenen Versuch, in iiberkiinstelter Terminologie, unter zu weiter
Zuriickdrangung der wirtschaftlichen Ausgangspunkte jedes Gelds, mit t)ber-
spannung des staatlichen Einflusses auf Geld und mit falschen Deduktionen
aus im iibrigen langst bekannten Vorgangen in reiner Papierwirtschaft« be-
zeichnet. Leider sind W.s Darlegungen nicht zu der ihnen gebiihrenden Wirkung
gekommen. Daran ist zum Teil unzweifelhaft die besonders schwerfallige Dar-
stellung dieses Alterswerkes schuld, zum Teil aber auch die Tatsache, daB
Knapp die Erorterung allzusehr in theoretisch nicht uninteressante, aber im
Grunde doch unfruchtbare Nebenbahnen hineingedrangt hatte.
ZWISCHEN dem Geldwesen, zumal dem kranken, und dem staatlichen Finanz-
wesen bestehen mannigfache Beziehungen, die sich im staatlichen Anleihe-
wesen zu konzentrieren pflegen. Es lag daher in der Logik der Dinge, daB W.
in Wien von der Geld- und Wahrungspolitik zum Staatsschuldenwesen gelangte,
und von ihm aus fiihrte der Weg von selbst weiter zu den staatlichen Finanzen
im allgemeinen. Denn die groBe Hauptfrage ist stets, wann sind Anleihen ge-
Wagner 1 79
rechtfertigt und wann miissen Steuern erhoben werden. Schon Karl Dietzel
hatte diese Frage 1855 in seinem »System der Staatsanleihen « nach der Dauer
der Wirkung der Ausgaben beantwortet/ Im AnschluB daran griff 1863 der
28jahrige W., nachdem er drei Jahre vorher schon iiber »das neue Lotterie-
anlehen und die Nationalbank« in Osterreich eine Druckschrift herausgegeben
hatte, mit einer Arbeit iiber »die Ordnung des osterreichischen Staatshaushalts
mit besonderer Riicksicht auf den Ausgabe-Etat und die Staatsschuld « in die
Erorterung ein und machte, im AnschluB an eine klarende theoretische Dar-
legung, viel beachtete praktische Reformvorschlage. Auf dem Gebiete der Fi-
nanzwissenschaft ging W. also, im Gegensatz zu seinen Geld- und Bank-
studien, von brennenden Problemen der finanziellen Praxis aus und gelangte
erst von ihnen zur Theorie. Von vornherein stellte er hier eine enge Verbindung
zwischen Theorie und Praxis dar, wie er sie im Geld- und Bankwesen erst spat
und nie so vollig erreicht hat. Das hat viel dazu beigetragen, daJ3 W. hier noch
schneller als im Bankwesen zum anerkannten Sachverstandigen wurde. Es
war daher auch nicht auffallig, daB W. 1870 an die Berliner Universitat berufen
wurde, als man Roscher nicht fur sie zu gewinnen vermochte, und daB der alte
Rau noch vorher die Fertigstellung der neuen Auflage seines Lehrbuches der
Finanzwissenschaft W. iibertrug. Das war der Punkt, wo dieser Lehrer be-
deutsam in W.s Leben eingriff. Die neue Aufgabe, die er ihm anvertraute,
wurde fur W. zur eigentlichen Hauptaufgabe seines Lebens.
Die Finanzwissenschaft war bekanntlich im Ausland ein Teil der gesamten
Volkswirtschaftslehre geblieben, in Deutschland dagegen — dank den Kame-
ralisten — zu weitgehender Selbstandigkeit losgelost worden. Diese Isolierung
war ihrem wissenschaftlichen Charakter zunachst nicht forderlich gewesen. Rau
hatte es sich zur Aufgabe gestellt, das dadurch zu iiberwinden, daB er die L,ehren
der Finanzwissenschaft, nach einer griindlichen Sichtung, mit der englischen
Wirtschaftslehre von der freien Konkurrenz in Verbindung zu bringen suchte.
Ihm war unzweifelhaft ein Fortschritt zu danken. Denn die Finanzwissenschaft
wurde damit aus den engen Banden bloBer Routine herausgelost ; grundsatz-
liche Erorterungen konnten jetzt an die Stelle einseitiger Erfahrungsregeln
treten; eine Finanztheorie, insbesondere Steuertheorie wurde moglich. Rau
nutzte aber diese Moglichkeiten nicht aus. Er beschrankte sich auf eine ziem-
lich auBerliche Verbindung der beiden verschiedenen Bestandteile, von denen
die kameralistischen nach wie vor das Ubergewicht behielten ; die theoretische
Herausbildung der Probleme gelangte bei ihm nicht zu ihrem Recht.
Zum Teil wegen dieses unproblematischen Grundcharakters, zum Teil aber
auch trotz der wissenschaftlichen Schwache hatte sich das Rausche finanz-
wissenschaftliche Lehrbuch seit dem Beginn seines Erscheinens im Jahre 1832
in immer neuen Auflagen auf dem wissenschaftlichen Markte erhalten. Es hatte
anfangs eine Konkurrenz nur im Roscherschen Lehrbuch, das von ahnlichem
Vermittlungsstreben beherrscht war und seine wissenschaftlichen Vorziige in
zahllosen Anmerkungen versteckte. Das hatte sich jedoch neuerdings geandert.
i860 hatte Lorenz v. Stein sein Lehrbuch der Finanzwissenschaft herausge-
geben, das, in denkbar scharfstem Gegensatz zu Raus Darstellung, alles mit
ziigelloser Dialektik zum Problem machte und von Auflage zu Auflage die er-
staunlichsten Veranderungen aufwies.
Angesichts dieser Lage war die von W. ubernommene Aufgabe sehr schwierig.
i8o 1917
Die Neuherausgabe muBte eine griindliche Umarbeitung werden, und zwar
gait es, besonnen eine Mittellinie zwischen Rau und v. Stein zu verfolgen. Wie
sonst in der Wirtschaftswissenschaft, muBten auch hier die Probleme heraus-
gearbeitet und durch sorgsam gesichtete und verglichene Tatsachen, moglichst
von internationalem Umfang, untermauert werden und verlangte auch die
internationale wissenschaftliche Literatur griindliche Beriicksichtigung. Das
alles ist W. alsbald bei seinen ersten Arbeiten klar geworden. Die Veranderung,
die notig wurde, war so groB, daB er sich 1879 mit Recht entschloB, den Namen
des Lehrers aus dem Titel fortzulassen. Aber so klar er auch das zu verfolgende
Ziel erkannte, iiber die Schwierigkeiten seiner Erreichung hat er sich griindlich
getauscht. Sein ganzes langes I^eben hat nicht ausgereicht, sie zu iiberwinden.
Zwar ist W.s Finanzwissenschaft, die in vier starken Banden von rund
3300 Seiten vorliegt, von v. Heckel mit Recht »ein Monumentalbau, wie die
finanzwissenschaftliche Weltliteratur keinen zweiten aufzuweisen hat«, genannt
worden, aber dieser Bau ist unfertig geblieben. Auch konnen die vorliegenden
Bande im ganzen nicht als eine reife Frucht bezeichnet werden. Sie fallen in
zwei so verschiedene Bestandteile auseinander, daB sie eigentlich nur durch
den Titel zusammengehalten werden.
Die ersten beiden Bande sind der wesentliche Kern des Werkes. Sie sind der
Theorie des Finanzwesens gewidmet und stellen W.s bleibende groBe Leistung
auf dem Gebiet der Finanzwissenschaft dar. Ihre Grundgedanken sind in drei
Auflagen mit emsigstem FleiB und sorgsamster Selbstkritik immer starker
herausgearbeitet worden. Nur ein Vergleich mit dem Voraufgegangenen gibt
fur diesen Bestandteil den gerechten MaBstab.
W. hat in diesen beiden ersten Banden den Bereich der Finanzwissenschaft
erweitert. Er hat insbesondere zuerst die privatwirtschaftlichen Einnahmen
des Staats in sie umfassend hineingezogen und vor allem die Verstaatlichung
der Eisenbahn griindlichster Erorterung gewiirdigt. Er hat weiter die Finanz-
verwaltungslehre zu einem wissenschaftlichen Bestandteil der gesamten Fi-
nanzwissenschaft zu erheben gesucht.
Wichtiger sind die Anderungen grundsatzlichen Charakters. W. ist es, nach
Lorenz v. Stein, in erster Linie gewesen, der die Finanzwissenschaft an die
vornehtnlich in Deutschland entwickelte organische Auffassung vom Staat
angepaBt hat, und er hat wirksamer als ein anderer die Volkswirtschaftslehre
und Finanzwissenschaft, unter Beibehaltung ihrer auBeren Trennung, zu einer
groBen geistigen Einheit zusammengefiigt. Davon ist sogleich noch zu handeln.
Hier muB nur hervorgehoben werden, daB W. aus der speziellen Steuerlehre
die allgemeine Steuerlehre, die bei Rau sich kaum in Ansatzen und bei v. Stein
in vagen Allgemeinheiten vorfindet, zu einem der wichtigsten Teile der ge-
samten Finanzwissenschaft entwickelt hat.
Dieser erste Hauptteil des groBen finanzwissenschaftlichen Werks wird
weiter dadurch gekennzeichnet, daB W. zuerst in die Finanzwissenschaft und
Finanzpolitik den sozialen Gedanken hineinzubringen gesucht hat. Hatte man
bisher fur die Finanzgebarung nur das Ziel der zweckmaBigsten Deckung der
offentlichen Ausgaben ins Auge gefaBt, so stellt W. jetzt daneben das neue Ziel
der Minderung steigender Ungleichheiten in den Einkommen; der Staat soil
nach ihm befugt sein, mit Steuern »regulierend und veranderad« in die Ein-
kommens- und Vermogensverhaltnisse der einzelnen einzugreifen. Hier ist der
Wagner l8l
Punkt, wo W. die scharfsten Angriffe erfahren hat, und sie gehen zum groBen
Teil iiber einseitige Interessenpolitik weit hinaus. Heute wird man einerseits
anerkennen miissen, daB der mutig verfochtene soziale Grundgedanke W.s
richtig war. W. vor allem ist es zu danken, daB heute bei der Verteilung einer
gegebenen Steuerlast die Beriicksichtigung der Leistungsfahigkeit der ein-
zelnen Steuerzahler als selbstverstandlich erscheint, obwohl auch mit diesem
Grundsatz der Steuerprogression Gefahren des MiBbrauchs verbunden sind.
Mit dem Vorschlag, dariiber hinaus die Steuer als Mittel der Sozialpolitik zu
verwenden, ist W. aber andererseits auf iiberwiegende Ablehnung gestoBen.
Denn in der »sozialen Auffassung« liegt ein Moment der Willkiir, das lahmend
auf Unteraehmungslust und Kapitalbildung wirken kann; und mit Steuern
kann weder die Verteilung der Einkommen noch ihre Verwendung direkt be-
einfluBt, sondern nur nachtraglich eingegriffen werden. Demgegeniiber ist
eine Politik der Prevention vorzuziehen.
Der zweite Teil, der aus dem 3. und 4. Bande besteht, bietet Finanzgeschichte.
Einer einheitlichen Skizze iiber die Steuergeschichte von den fruhesten Zeiten
bis 1800 (200 S.) folgen fur das 19. Jahrhundert Sonderdarstellungen : zunachst
auf kurzem Raum (140 S.) fur England, dann ganz ausfuhrlich (549 S.) fur
Frankreich, dessen Steuerwesen W. das gewaltigste nennt, das die Welt bis-
her gesehen hat, und in dem er auch fiir die Gegenwart ein »Lehrexempel
groBten Stils « sieht, endlich nicht minder ausfuhrlich (850 S.) fiir Deutschland.
Es soil ten noch andere Lander folgen, insbesondere die Vereinigten Staaten.
Dazu ist es nicht mehr gekommen.
Auch dieser geschichtliche Teil ist eine erstaunliche Leistung. Aus der ganzen
deutschen Literatur kann ihm kein zusammenfassendes Werk der Finanz-
geschichte zur Seite gestellt werden. Und doch iiberwiegt der unbefriedigende
Eindruck. Diese umfangreichen geschichtlichen Darstellungen sind, wie W.
mit starkem Nachdruck betont, » nicht aus dem Gesichtspunkt des Historikers*
geschrieben worden ; sie sollten — um den schweren Mangeln des Lehrbuchs
von Lorenz v. Stein zu entgehen — die notige feste Tatsachengrundlage fiir
die spezielle Steuerlehre liefern und nur »Vorbereitungen fiir die Losung der
eigentlichen finanzwissenschaftlichen Aufgabe« darstellen. Diese groBe Auf-
gabe einer vergleichenden »Steuerwissenschaft« ist aber nicht mehr zur Losung
gebracht worden und konnte auch von einem einzelnen — miissen wir heute
sagen — nicht zur Losung gebracht werden. Es lag in der selbst gestellten
Aufgabe, daB nicht mehr als ein eindrucksvoller Torso gewonnen werden
konnte. Wohl ist in den beiden starken Banden manche wertvolle Frucht miih-
seliger Sammelarbeit enthalten ; im ganzen ist aber nicht zu leugnen, daB auch
W.s Kraft und FleiB an der Aufgabe gescheitert sind. Sie hat auch heute noch
keine Losung gefunden und wird sie auch kaum bald finden.
Da W. in den geschichtlichen Vorarbeiten seine Kraft verzehrt hat, ist sein
finanzwissenschaftliches Hauptwerk auch auBerlich unvollendet geblieben.
Die beiden SchluBbande, welche die spezielle Steuerlehre und die Staatsschul-
denlehre behandeln sollten, sind nicht mehr geschrieben worden. Aber fiir
diese fehlenden Bande ist teilweise ein gewisser Ersatz vorhanden. W. hat
namlich in dem der Finanzwissenschaft gewidmeten Teil des von Schonberg
herausgegebenen Handbuchs der politischen Okonomie die spezielle Steuer-
lehre, soweit sie die sogenannten direkten Steuern, insbesondere die Ertrags-,
182 1917
Personal-, Einkomraen- und Vermogenssteuer betrifft (215 S.), und ferner die
Ordnung der Finanzwissenschaft und den offentlichen Kredit (116 S.) behan-
delt. Natiirlich war das Geplante etwas von Grund aus anderes.
AM Schicksal der Finanzwissenschaft von Adolf W. war noch etwas Weiteres
beteiligt. Die Losung der Hauptaufgabe, Finanzwissenschaft und Volkswirt-
schaftslehre in Einklang miteinander zu setzen, war verhaltnismaBig leicht,
wenn die Volkswirtschaftslehre etwas Feststehendes war, wie Rau es noch
glaubte. Im selben MaBe, wie man von der individualistischen Lehre der
englischen Klassiker abwich, wuchsen die Schwierigkeiten. Dann war die Auf-
gabe nur losbar, wenn man vorher darlegte, was man im einzelnen unter Volks-
wirtschaftslehre verstehe. Dann muBte also der Darstellung der Finanzwissen-
schaft eine zusammenfassende Darstellung der theoretischen Volkswirtschafts-
lehre vorausgehen. So gelangte W. mit logischem Zwang zur Abfassung einer
allgemeinen theoretischen »Grundlegung«. Er dehnte dementsprechend die
Ubernahme des Rauschen Lehrbuchs 1872 auf die ganze »politische Okono-
mie« aus. Natiirlich dachte er nicht daran, das Ganze allein zu bearbeiten.
Ihm lag zunachst nur an der »Grundlegung« fiir das groBe, die Finanzwissen-
schaft mit einschlieBende Werk. Fiir die iibrigen Teile hatte er urspriinglich
Erwin Nasse und nach dessen Tode Heinrich Dietzel, A. Buchenberger und
Karl Biicher gewonnen. Wahrend bezeichnenderweise nur Buchenberger mit
der iibernommenen Bearbeitung des Agrarwesens und der Agrarpolitik fertig
wurde, Dietzel nach einer Teilveroffentlichung die Bearbeitung der theoreti-
schen Volkswirtschaftslehre auf gab, um Pohle, der auch in den Vorarbeiten
stecken blieb, Platz zu machen, und Biicher nicht einmal bis zu den Anfangen
des von ihm iibernommenen Gewerbe- und Handelswesens gelangte, stiirzte
sich W. selbst sogleich mit aller Kraft auf die »Grundlegung«, so dafl diese
Unteraufgabe bald zur Hauptaufgabe fiir ihn wurde. So entstand dasjenige
Werk, das man als das wissenschaftliche Hauptwerk W.s zu betrachten
pflegt und das am meisten dazu beigetragen hat, seine finanzwissenschaftlichen
Studien zu verzogern.
W. war schon in Wien bei seinen Studien iiber die Peelsche Bankakte in
einzelnen Punkten an der iiberkommenen Lehre der Klassiker irre geworden.
Er hatte dann in Dorpat im AnschluB an die 186 1 erfolgte Aufhebung der russi-
schen Leibeigenschaft seine Aufmerksamkeit auf den Agrarkommunismus
in RuBland gerichtet, und damit war er zuerst auf das Grundproblem des
Eigentums gestoBen, das ihn dann sein Leben lang beschaftigt hat. So war
im kleinen der Boden vorbereitet fiir die Lehren dreier Manner, von denen
er immer wieder dankbar hervorgehoben hat, daB er von ihnen »mehr und
tiefere und forderlichere Anregungen erhalten habe als von irgendeiner an-
deren Seite«. Alle drei waren zugleich Manner, fiir die W. unzweifelhaft auch
darum immer wieder so warm eingetreten ist, weil ihre Bedeutung in der
zeitgenossischen Wissenschaft seiner Meinung nach nicht richtig gewiirdigt
wurde.
Zeitlich voran stand Robert v. Mohl. Er war unzweifelhaft unter den Uni-
versitatslehrern W.s die Personlichkeit, die ihm am meisten ahnlich war.
Schon die Unermudlichkeit, mit der er, 55 Jahre lang, mutig zu den Fragen
seiner Zeit Stellung nahm, fast alles, das er las und dachte, literarisch ver-
wertete und ruhelos immer an sich selbst besserte, hatte etwas mit W. Ver-
Wagner 1 83
wandtes. Trotzdem hat er erst nach seiner Studienzeit v. Mohls Bedeutung
richtig erfaBt. Er wurde aufmerksam auf seinen 1835 in Raus Archiv er-
schienenen Aufsatz, der den bezeichnenden Titel tragt: »Uber die Nachteile,
welche sowohl den Arbeitern selbst als dem Wohlstand und der Sicherheit der
gesamten biirgerlichen Gesellschaft von den fabrikmaBigen Betrieben zugehen,
und iiber die Notwendigkeit griindlicher Vorbeugungsmittel«. Hier war von
einem deutschen Professor zum erstenmal auf die schadlichen Wirkungen
der neuen Produktionsmethoden fiir die gewohnlichen Fabrikarbeiter und
auf die »drohenden Folgen« hingewiesen und dem iiblichen Optimismus die
Ansicht gegeniibergestellt worden, es sei »fiir den Wohlstand und fiir die Ruhe
von Europa eine Gefahr zu besorgen, wie sie das rdmische Reich durch den
Sklavenkrieg, Deutschland durch die emporten Bauern zu Anfang des
16. Jahrhunderts kennenlernte«. Mohl zog aus dieser Auffassung auch weit-
gehende Folgerungen. Was die Wissenschaft anlangt, so rief er aus: »Jede
Stimme, welche sich erhebt zur Bekampfung dieser tief unsittlichen und mate-
riell hochst gefahrlichen Folge unserer Konkurrenz-Nationalokonomie, ist als
eine Wohltat anzusehen«; und was die Politik anlangt, so hielt er »eine wesent-
liche Anderung in dem ganzen sozialen Gebaude« fiir notig; Selbsthilfe geniige
nicht; »hier ist eine Hilfe von seiten der Staatsgewalt so unerlaBlich als ir-
gendwo«; Fabrikgesetzgebung, Gewinnbeteiligung, Arbeiterfortbildung seien
die wichtigsten Aufgaben des Tages. Diese schrillen Warnrufe, die v. Mohl —
gleichsam als erster Kathedersozialist — noch vor Rudolf Hildebrand er-
schallen lieB, haben auf W. urn so tiefer eingewirkt, als sie sonst merkwiirdig
unbeachtet geblieben waren; selbst Roscher hat in seiner Geschichte der
Nationalokonomik in Deutschland 1874 von ihnen keine Notiz genommen.
Um so dankbarer hat W. in v. Mohl den ersten gesehen, der ihn in seinen ur-
spriinglichen individualistischen Anschauungen von Grund aus erschiitterte.
Starker noch hat Karl Rodbertus auf ihn gewirkt. W. wurde in Freiburg
auf seine Arbeit iiber die Kreditnot des Grundbesitzes, deren erster Teil 1868
erschien, aufmerksam. »Erst jene Schrift — so sagt er selbst — hat mir wie
seiten eine wissenschaftliche Arbeit imponiert und mein ,Damaskus' gegeniiber
der herrschenden Smithschen Wirtschaftslehre mit zum Durchbruch gebracht. «
Mit einem Schlage wurde W. jetzt klar »die Einseitigkeit der bisherigen Natio-
nalokonomie mit ihrer Annahme des bestehenden Rechts als etwas Selbstver-
standlichem und im wesentlichen Unveranderlichem«. Er ging den fruheren
Schriften von Rodbertus nach und fand, daB er schon 1837 vorgeschlagen
hatte, die natiirliche Freiheit durch ein » System staatlicher Leitung« zu er-
setzen; nur dadurch, daB der Staat sich zum »leitenden Organ « im Wirt-
schaftsleben aufschwinge und die Volkswirtschaft mehr als bisher zur Staats-
wirtschaft mache, konne das dringend notige »KompromiB« zwischen der be-
stehenden Gesellschaftsordnung und den herandrangenden sozialistischen Be-
strebungen erreicht werden. Dieser nationale und monarchistische Sozialist,
der wie kein anderer die Staatsidee gegeniiber dem Individualismus betonte
und zum Schutze des Staats und der Monarchic seine sozialistischen Lehren
ersann, machte auf W. einen so starken Eindruck, daB er ihn als den »Ricardo
des okonomischen Sozialismus« neben v. Thiinen und Hermann stellt. Er ist
mit ihm in Briefwechsel getreten und hat dann die Herausgabe seines literari-
schen Nachlasses zeitweise geleitet. Soweit W. »Staatssozialist« ist, ist er es
184 x9i7
durch Rodbertus geworden, und in mehreren Einzellehren, wie insbesondere
in seiner Kapitallehre, steht er deutlich unter seinem starken EinfluB.
In mancher Hinsicht ein Gegengewicht gegen Rodbertus war der dritte Ge-
lehrte, dem sich W. besonders verpflichtet gefuhlt hat: Albert Schaffle. Ihm
hat er 1901 zum 70. Geburtstag den 4. Band seiner Finanzwissenschaft »in
dankbarer Verehrung des Schulers« gewidmet, und er hat hinzugefugt, daB
er sich bewuBt sei, »vielfach in seinen Spuren gewandelt zu haben«. Das bezieht
sich, wie er selbst angibt, in erster Iyinie auf die »Grundlegung«, und zwar
diirfte das in doppelter Weise der Fall sein. Erstens nimmt Schaffle als Kritiker
des Sozialismus eine besondere Stellung ein ; kein anderer Deutscher hatte bis-
her einen so besonnenen wissenschaftlichen Versuch gemacht, in den Ideen
des Sozialismus Wahres und Irriges voneinander zu scheiden, wie er in seinen
1870 veroffentlichten Vortragen iiber Kapitalismus und Sozialismus. Diese
Vortrage sollten zugleich »zur Versohnung der Gegensatze von Lohnarbeit
und Kapital« dienen. Der Kritik entsprach eine positive Darlegung, die sich
zu einer allgemeinen Theorie der Gemeinwirtschaft ausreifte. In diesem Doppel-
streben begegneten sich W. und Schaffle starker als irgendwelche zeitgenossi-
schen Nationalokonomen, so sehr sie auch in der Technik des wissenschaftlichen
Arbeitens voneinander abwichen. Zeitweise sind sie auch auBerlich in der
Schriftleitung der Tiibinger Zeitschrift fiir die gesamten Staatswissenschaften
miteinander verbunden gewesen.
Unter diesen vielfaltigen Einfliissen hat sich W. — zuerst in einer 1870 er-
schienenen Schrift: »Die Abschaffung des privaten Grundeigentums« — von
der »bequemen StrauBenpolitik des optimistischen Manchestertums« abge-
wendet und die neueren theoretischen Anschauungen herausgebildet. Er hat
sie zuerst in seiner »Grundlegung der politischen Okonomie«, die 1876 zum
erstenmal erschien und in dritter und letzter Fassung 1893 und 1894 in zwei
starken Banden herausgegeben wurde, zu einem System zusammengefaBt.
Spater ist noch aus einem 1900 zuerst angefertigten VorlesungsgrundriB die
»Theoretische Sozialokonomik oder Allgemeine und theoretische Volkswirt-
schaftslehre« hervorgegangen, welche die Grundlegung durch die »Aus-
fuhrung«, die urspriinglich von Dietzel und dann von Pohle geliefert werden
sollte, in kurzerem Umfang erganzen sollte und von der 1907 ihr erster, hier
in Betracht kommender Band erschien und 1909 ihr zweiter iiber das Ver-
kehrswesen, der vor allem von der bereits besprochenen groBen Monographic
iiber das Geldwesen gebildet wird, wahrend der vorgesehene dritte Band iiber
»Kredit und Kredit- (Bank-) Wesen, Versicherung und Versicherungswesen,
Konsumtion usw. « nicht mehr fertig geworden ist.
Die starke Wandlung W.s in seinen grundlegenden Anschauungen war an
sich nichts Besonderes. Sie kann geradezu als eine Erscheinung der Zeit be-
zeichnet werden. Ahnlich war z. B. Schmoller (s. oben S. 124 ff.), wie er 1870
in seinem Buch »Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahr-
hundert« bekannt hat, »fruher zu optimistisch nach der hergebrachten Ansicht
der liberalen Nationalokonomie« gewesen. Auch im letzten Ergebnis waren
beide nicht sehr verschieden. Beide waren gegen den »Absolutismus der
Losungen«, wie ihn die extremen Befiirworter des » Laissez-faire « vertraten,
und hielten eine Erganzung der Theorie durch Tatsachenermittlung fiir ge-
boten; beide verurteilten den »schonfarbenden Optimismus« der bisher herr-
Wagner 185
schenden Lehre, konnten sich den »mancherlei nachteiligen Folgen fur die
Verteilung des gesamten Giiterertrages unter die bei der Produktion betei-
ligten Personen« nicht verschlieBen und traten dafiir ein, dafl neben wirt-
schaftlichen Gesichtspunkten auch ethische Beriicksichtigung fanden; beide
haben daher auch bei der Begriindung des Vereins fiir Sozialpolitik wichtige
Rollen gespielt. W. hat sogar durch einen kraftvollen Vortrag iiber die soziale
Frage, den er kurz nach seiner Ubersiedlung nach Berlin 1871 hielt, die An-
grifle der Gegner der Sozialpolitik, deren Wortfuhrer H. B. Oppenheim war,
auf sich konzentriert und so, als »das lohnendste und mustergultigste Exemplar
der ganzen Gattung« des Professorentums, den unmittelbaren AnstoB zur
Pragung des neuen Ausdrucks »Kathedersozialismus« gegeben. Spater ist er
allerdings aus dem Verein fur Sozialpolitik zeitweise wieder ausgeschieden,
und zwar teils urn voile Freiheit im Verfolgen seiner Ziele zu haben, teils aber
auch, weil er, im Gegensatz zu den Fuhrern des Vereins, der Ansicht war, daft
die wiinschenswerte Vereinigung wirtschaftlicher und ethischer Gesichts-
punkte nicht bereits in der Wirtschaftslehre, sondern erst in der Praxis des
Wirtschaftslebens zu erfolgen habe. Darum wollte er das protestantische
Christentum fiir den sozialen Gedanken zu gewinnen und eine evangelisch-
soziale Arbeiterbewegung, als Gegenstiick zu der groBen katholischen, ins
Leben zu rufen helfen. Aufs lebhaf teste nahm er an dem Evangelisch-sozialen
KongreB und seinen Arbeiten teil und schloB sich sogar, obwohl er anfangs dem
rechten Fltigel der Nationalliberalen oder dem linken der Freikonservativen
angehorte, Adolf Stocker an, um mit seiner Hilfe die konservative Partei, die
dem Christentum am nachsten stand, mit sozialpolitischem Geist zu erfullen.
Er hat kurze Zeit auch (1882 — 1884) als ihr Mitglied dem Reichstag angehort.
Die Gegensatze zwischen W. und der Historischen Schule, deren Fuhrung
sich immer mehr in Schmollers Hand vereinigte, gingen aber noch tiefer. Wah-
rend die neue historische Schule sich von der klassischen nicht nur in einzelnen
Lehren, sondern im ganzen abwandte und in der abstrahierenden und deduk-
tiven Methode den Hauptmangel der bisherigen Lehre erblickte, verbrannte
W. nicht, was er bisher angebetet hatte. Er wollte die Lehre der englischen
Klassiker nicht preisgeben, sondern weiter entwickeln und bekampfte nicht
die Abstraktion und die Deduktion an sich, sondern ihre falsche Verwendung.
Nach ihm handelt es sich nicht um die Alternative Theorie oder Tatsachen-
kunde, sondern ist beides aufs engste zu verbinden. Noch ehe von einer neuen
historischen Schule die Rede war, ist W. in dieser Frage zu bemerkens-
werter Klarheit gekommen. Er fuhrte schon 1868 in seinem Buch iiber die
russische Papierwahrung das Folgende, das 50 Jahre spater auch ein Max
Weber hatte sagen konnen, aus: »Die sozialen und wirtschaftlichen Organismen
unterstehen, wie alles Menschliche, zwei Gesetzen, dem Gesetz der gleich-
artigen Gestaltungstendenz der Erscheinungen im ganzen und dem Gesetz
der individuellen Verschiedenheiten der zu einer Erscheinungsgruppe ge-
horigen Vorgange im einzelnen. Die Vereinigung beider Momente, nicht die
ausschlieBliche Beriicksichtigung bloB des einen oder des anderen ist das
Richtige und damit auch die wahre Aufgabe der gelauterten Theorie. Aber
begreiflich ist es, daB die Theorie zu leicht geneigt ist, nur das Gleichartige,
die Praxis nur das Verschiedene der Erscheinungen zu beachten.« Der Theo-
retiker muB, »um eben auf das schlieBlich doch die Entwicklung der Erschei-
i86 1917
nung nachhaltig beherrschende Gesetz zu kommen, von den modifizierenden
Umstanden abstrahieren. Aber er darf hinterher bei der Wiederanwendung
der Theorie fiir die Praxis, d. h. eben fur die jeweilige Wirklichkeit oder die
Welt des Individuellen nicht vergessen, daB er abstrahiert hat . . . Der Prak-
tiker aber miifite bedenken, daB seine Routine im Grunde stets ebenfalls auf
einer Theorie . . . beruht«, die aber »in der Regel eine falsche Abstraktion
des Gleichartigen in den Erscheinungen ist . . . Der rat ion e lie Praktiker,
welcher nicht Routinier sein will, muB sich dieser theoretischen Einsicht fiigen,
sonst baut er fiir den Moment, wo zufallig die Bedingungen wirksam sind,
welche er fiir bleibend wirksam halt, nicht fiir die dauernde Zukunft.«
Auf Grund dieser Erwagungen betrachtete es W. als seine Aufgabe, »zwar
das Gleichartige in den Erscheinungen nicht zu tiberschatzen und das Ver-
schiedene nicht zu verkennen, aber dennoch von diesem Gleichartigen aus-
zugehen und die gewonnenen allgemeinen Grundsatze zur Richtschnur auch
bei der konkreten Frage zu nehmen«. Danach hat er auch stets gehandelt.
Von diesem Stand punkt aus ist er zugleich zu einem Verteidiger der Klassiker
geworden. Gegeniiber den Vorwiirfen eines kalten Utilitarismus und oden
Schematism us betonte er den hypothetischen Charakter jeder Abstraktion
und Deduktion. So fuhrte er aus, daB es, »rein okonomische Beweggriinde nur
in der Hypothese gibt«, im Leben haben ihnen sittliche Pflichten, wie sie aus
Vermogen, Bildung und gesellschaftlicher Stellung erwachsen, zur Seite zu
treten. Aber er halt es, wie schon angedeutet wurde, fiir falsch, daraus die
Folgerung zu ziehen, daB die Theorie sich nicht wie bisher der isolierenden
Methode bedienen diirfe. Ohne Isolierung sei sie nicht moglich; sie schaffe des-
halb immer nur »Annaherungswerte«, »Gestaltungstendenzen« und bedurfe
immer im konkreten Einzelfall der Erganzung durch Tatsachenermittlung.
Die Forderung miisse also heiBen : den hypothetischen Charakter der Theorie
nicht vergessen! Nicht in der Theorie selbst, in ihrer Anwendung liegt der
Mangel !
Es war nur eine natiirliche Konsequenz dieses Standpunktes, daB W. sich
auch der osterreichischen Schule der Volkswirtschaftslehre nicht so ablehnend
gegeniiberstellte wie fast alle Anhanger der historischen Schule. Er bekannte
ausdriicklich, ihr viel zu verdanken, ohne sich freilich »durchaus auf ihre Seite
zu stellen«. Vor allem Bohm-Bawerks groBes Werk (s. DBJ. 1914 — 16, S. 3 ff.)
riihmt er als »ausgezeichnete« Leistung. In dem heftigen Streit zwischen
Schmoller und Menger (s. DBJ. 1921, S. 196 ff. und oben S. 128) steht er sach-
lich Menger naher, aber innerlich hat er trotzdem Schmoller gegen die »pam-
phletistische Polemik« des Wiener Kollegen in Schutz genommen. Im ganzen
hat jedoch auch W. mit der osterreichischen Schule nahere Fuhlung nicht
gehabt. Wahrend er sich sonst stets mit Andersdenkenden ausfuhrlich aus-
einandersetzte, versagte er hier zum groBen Teil. Er hat auch nie eine richtige
Vorstellung von der auBerordentlichen Verbreitung der Grenznutzenlehre
auBerhalb Deutschlands gewonnen.
Auch in bezug auf die Untermauerung der Theorie mit Tatsachenmaterial
war urspriinglich ein Unterschied vorhanden, der freilich im Laufe der Zeit
etwas verblaBte. Die historische Schule stellte die Vergleiche verschiedener
Zeiten und Entwicklungsphasen eines Volkes in den Vordergrund. W\ dagegen
erstrebte »ahnliche Vergleichungen im Raume, bei gleichzeitig lebenden ver-
Wagner 1 87
schiedenen V61kern«. Es ist klar, daJ3 diese international vergleichende Me-
thode und die geschichtliche Methode sich nicht ausschlieBen. W. meinte aller-
dings, Vergleichungen der zweiten Art hatten, insbesondere fur praktische
Zwecke, »mehr Wert, weil die einwirkenden Faktoren sicherer zu iibersehen
und die Starke ihres Einflusses eher zu ermessen sei«. Er betrachtete insbeson-
dere das statistische Verfahren als »das relativ vollkommenere Induktions-
verfahren«. Aber wenn auch, wie er meinte, beim historischen Verfahren die
Isolierung der Ursache schwieriger ist, so war er keineswegs gegen wirtschafts-
geschichtliche Untersuchungen. Er hat ja selbst sehr dicke Bande mit ihnen
gefullt. Nur die Identifizierung der Wirtschaftsgeschichte mit der Wirtschafts-
theorie lehnte er scharf ab ; in ihr sah er einen » VerstoB gegen die Forderungen
der Logik in der Methodologie, Systematologie und Aufgabebestimmung der
Wissenschaft«. »Nicht das eine oder das andere, sondern das eine und das
andere!« Nur keine AnmaBung einer »Alleinherrschaft«!
Trotz der umfangreichen wirtschaftsgeschichtlichen Arbeiten W.s bleibt es
Tatsache, daB er sich mit der Statistik sehr viel lieber befaBt hat. Es ging das
zum Teil auf Wappaus zuriick, der Professor in Gottingen war und in dem er
den »hervorragendsten Vertreter des Lehramts der Statistik deutscher Zunge«
erblickte. Aber auch Qu£telet hatte auf W. groBen Eindruck gemacht. Theo-
retisch und praktisch interessierten ihn die statistischen Probleme. Er hat
daher schon 1863 ein Buch iiber die »GesetzmaBigkeit der scheinbar willkiir-
lichen Handlungen« herausgegeben und ist dabei in dem Engel und Wappaus
gewidmeten zweiten Teil auf die Statistik der Selbstmorde aufs griindlichste
eingegangen. Wie diese stoffreiche Arbeit unter den statistischen Privatarbeiten
jener Zeit eine ruhmliche Stellung einnimmt, so war auch W.s Artikel »Sta-
tistik« in Bluntschlis und Braters Staatsworterbuch lange die umfassendste
Bearbeitung dieses Themas. W. ist dann auch in Dorpat Professor nicht nur
der Nationalokonomie, sondern ausdriicklich auch der Statistik gewesen, und
er wurde, als er nach Berlin berufen wurde, Mitglied des PreuBischen Statisti-
schen Bureaus. Er ist als Gutachter in statistischen Fragen verschiedentlich
tatig gewesen und hat auch in seinen iiberwiegend theoretischen Arbeiten
mehrfach eingehende statistische Ausfuhrungen eingefugt, so in seine Sozial-
okonomische Theorie des Geldes die auBerordentlich ausfuhrliche »historische
Statistik der Edelmetalle «.
Nicht minder wichtig als die Unterschiede in der Methode sind die in den
behandelten Objekten. Insbesondere einer ist von groBter Bedeutung. Wahrend
namlich Schmoller in seinem 1900 — 1904 erschienenen »GrundriB der allge-
meinen Volkswirtschaftslehre « dem Sozialismus keinen groBeren Abschnitt
gewidmet hat und demgemafi auch in der Schmoller als Festschrift zum 70. Ge-
burtstag iiberreichten »Entwicklung der deutschen Volkswirtschaftslehre im
19. Jahrhundert« keine der 40 Arbeiten den Sozialismus besonders behandelt,
wahrend auch der Verein fiir Sozialpolitik sich bis zum Kriege mehr um die
einzelnen praktischen Forderungen der Sozialdemokratie als um die Grund-
ideen des Sozialismus bekummert hat, ist fiir W. seine griindliche Auseinander-
setzung mit dem Sozialismus besonders charakteristisch. Er sah in ihm, mit
einem Gemisch von Bestiirzung und Bewunderung, die vielleicht groBte geistige
Bewegung der Zeit. Soweit sie sich kritisch gegen den Optimismus der Kon-
kurrenztheorie wandte, war nach seiner Ansicht, trotz vieler Ubertreibungen,
i88 1917
»im groBen und ganzen das Bild nicht unrichtig, die Malerei nicht tendenzios,
die Diagnose des Ubels nicht falsch«. So kam er zum ersten viel umstrittenen
SchluB : man muB von der Kritik des Sozialismus lernen und sich hiiten, die
kritische Betrachtung der Wirtschaft zu einem Monopol der unteren Schichten
der Bevolkerung werden zu lassen. Er selbst hat immer wieder mutig bekannt,
viel vom Sozialismus gelernt zu haben.
Neben der Kritik steht das Dogma des Sozialismus. Auch dieses muB mit
groBter Sorgfalt zum Gegenstand einer unbefangenen Kritik gemacht werden.
Die Axiome miissen in Probleme verwandelt werden. Denn »was in den kriti-
schen Gedanken und positiven Ideen des Sozialismus richtig ist, wird sich
siegreich erweisen«, und je mehr von den Wunschen der unteren Schichten
unerfullt ist, um so eifriger muB verlangt werden, »daB das Erreichbare ge-
schehe und daB auf das sorgfaltigste gepriift werde, was eben erreichbar sei«.
W. hat diese Priifung des Sozialismus mit nie erlahmendem Mut zur Durch-
fuhrung gebracht und damit die theoretische Volkswirtschaftslehre in bedeut-
samster Weise bereichert. Einige seiner Lehren miissen als Hauptbeispiele da-
fur kurz hervorgehoben werden.
Erstens hat W. eine nationalokonomische Rechtslehre unter dem Schlag-
wort »Freiheit und Eigentum« entwickelt. In ihr wendet er sich einerseits
gegen das, was Jhering das »Blendwerk der juristischen Dialektik, welche dem
Positiven den Nimbus des l,ogischen zu geben versteht«, genannt hat, und
andererseits gegen die Forderungen, die sozialistische Demagogen mit »bod en-
loser I,eichtfertigkeit« in das Publikum tragen. Wissenschaftlich kann es sich
weder um einfache Aufrechterhaltung noch um einfache Beseitigung des Pri-
vateigentums handeln. Die Wissenschaft hat vielmehr die Aufgabe, unab-
hangig vom positiven Recht, breit und ausfuhrlich zu erortern, wo ist Privat-
eigentum und wo Gemeineigentum am Platz, und W. kam bei dieser Erorte-
rung zum Ergebnis, daB viele Unterscheidungen gemacht werden miissen. Er
ging den verschiedenen Verwendungsarten des Bodens nach und unterschied
Wohnboden, landwirtschaftlichen Boden, Waldboden, Bergwerksboden, Wege-
boden und Gewasser. Dieser Mannigfaltigkeit der Bodenarten muBte auch eine
Mannigfaltigkeit in den Rechtsformen des Bodenbesitzes entsprechen. Wie
zur Erhaltung eines gesunden Bauernstandes, des Haupttragers individueller
Volkskraft, das Privateigentum an landwirtschaftlichem Boden unentbehrlich
ist, so erschienen ihm staatliche Beschrankungen, die bis zur Beseitigung des
Privateigen turns gehen konnen, iiberall dort geboten, wo der Boden einen
Monopolcharakter tragt, wie bei den Eisenbahnen infolge der Kostspieligkeit
ihrer Anlage, wie der Bergwerksboden infolge der Erschopflichkeit der Boden-
schatze, wie auch der stadtische Bauboden infolge seiner Lage. Diesen tief-
greifenden Verschiedenheiten muB die Rechtsordnung sich anpassen. Sie ist
nichts Unabanderliches, muB vielmehr im selben MaBe, wie die fortschreitende
Entwicklung neue Unterschiede hervortreten oder Bedeutung gewinnen laBt,
gewandelt werden. Die Grenzen des Staatsbesitzes konnen nicht grundsatz-
Hch ein fiir allemal festgelegt werden. Sie nach den sich andernden Verhalt-
nissen im Wirtschaftssystem neu zu ziehen, ist fiir jede Zeit eine der schwierig-
sten und wichtigsten Aufgaben. Diese hiermit nur angedeutete Theorie des
Grundbesitzes und der Grundrente stellt unzweifelhaft eine sehr wertvolle
Bereicherung der theoretischen Erkenntnis durch W. dar.
Wagner 189
Auch bei der Kapitallehre, die mit seinem Namen verbunden ist, im wesent-
lichen aber schon anf Rodbertus zuriickgeht, handelt es sich darum, zwischen
dem Wirtschaftlichen und Rechtlichen klar zu scheiden. Immer ist Kapital,
ganz unabhangig von der Rechtsordnung, zur Gutererzeugung notig. Dieses
Kapital im reinwirtschaftlichen Sinn, das sich vorfindet, mag das Wirtschafts-
leben organisiert sein wie es wolle, hat W. Volks- oder Produktionskapital ge-
nannt. Es kann auch in einer sozialistischen Gemeinschaft nicht entbehrt
werden. Es ist eine »wirtschaftliche Kategorie«. Das Recht dagegen ist wan-
delbar, und darum ist jede positive Rechtsform des Kapitals nur eine »ge-
schichtlich-rechtliche<( Kategorie. Das ist der Fall mit dem auf dem Privat-
eigentum beruhenden und Einkommen schaffenden Kapital, das W. als das
Privat- oder Erwerbskapital bezeichnet. Dieses ist das Kapital, das der Sozia-
lismus beseitigen will; nur dieses kann beseitigt werden. Die wichtige Folge-
rung ist, daB man bei den »kapitalistischen« Folgen auch diese Unterscheidung
scharf beriicksichtigen muB. Ein groBer Teil der Folgen beruht auf dem Kapital
als wirtschaftlicher Kategorie, auf dem Volks- oder Produktionskapital. Eine
Aufhebung des Privatkapitals beseitigt sie nicht; sie bezieht sich vielmehr
nur auf diejenigen »kapitalistischen« Folgen, die aus der privaten Rechtsform
des Kapitals hervorwachsen, und man kann sehr zweifelhaft sein, ob sie die
wichtigeren sind. Jedenfalls hat der Mangel einer solchen klaren Unterschei-
dung beim Sozialismus eine Fulle von Verwirrung hervorgerufen.
Nicht minder wichtig ist W.s wirtschaftliche Motivenlehre, die er selbst den
»Ausgangspunkt fur alle weiteren Erorterungen in der Wirtschaftslehre« ge-
nannt hat. Auch in ihr richtet er sich gegen zwei Fronten : gegen die Sozialisten,
die den Erwerbstrieb aus dem Wirtschaftsleben ausschalten wollen, und gegen
die Anh anger der historischen Schule, welche in der Lehre von Adam Smith
liber das »Selbstinteresse« eine »bodenlose Oberflachlichkeit<< erblicken. W.
sucht als erster in sorgfaltiger Untersuchung festzustellen, welche Motive im
Wirtschaftsleben uberhaupt eine Rolle spielen und wie sie sich im einzelnen
zueinander verhalten, insbesondere, wieweit sie sich ersetzen konnen. Er ge-
langt zunachst gegeniiber der historischen Schule zu dem Ergebnis, daB die
Lehre der Klassiker hier zwar erganzungsbedurftig, aber nicht falsch und ober-
flachlich ist, wenn sie richtig verstanden wird. Er sagt nachdriicklich, mit Recht
habe »die Methode der Deduktion der politischen Okonomie gerade dieses
Motiv — den , self interest' — als Ausgangspunkt genommen«. Diese ideal-
typische Abstraktion halt er fiir ein wirksames Hilfsmittel, in die Kausal-
zusammenhange einzutreten. Nur muB man natiirlich auch hier das »Verifizie-
rungsverf ahren « nicht vernachlassigen, wie es vor allem die Nachfolger der
klassischen Schule get an haben ; auch iiber die durch das Gesamtwohl gebotenen
Grenzen des Erwerbstriebes und die Moglichkeiten seiner Kontrolle ist Klar-
heit notig. Wichtiger noch ist das Ergebnis gegeniiber dem Sozialismus: die
von diesem so leichthin angenommene Ersetzbarkeit des Erwerbstriebes durch
andere Motive ist ein durch nichts gerechtfertigter Optimismus. Die psycho-
logischen Griinde sind es in erster Linie, an denen die sozialistischen Plane
scheitern; sie bauen sich auf der Annahme »wesensanderer Menschen« auf.
Was Schaffle zuerst dargelegt hat, hat W. zu einer system atischen Lehre ausge-
staltet. GewiB ist sie nichts Fertiges fiir alle Zeiten. Insbesondere in der Zu-
ruckfuhrung der Motive auf die Bediirfnisse und in der Differenzierung der
igo 1917
Analyse konnte man noch weiter gehen. Aber W.s Motivenlehre bleibt eine
theoretisch und praktisch auBerordentlich wertvolle Leistung.
Neben der Motivenlehre hat W. stets in der Bevolkerungslehre den durch-
schlagendsten Grund gegen den Sozialismus gesehen. Er hat immer wieder
Malthus gegen MiBverstandnisse in Schutz genommen, die Ansicht von Karl
Marx, daB das Ubervolkerungselend nur eine Frage der »kapitalistischen« Pro-
duktionsweise sei, bekampft und auf die aus der gleichbleibenden Natur des
Menschen hervorwachsenden grundlegenden Bevolkerungsprobleme hinge-
wiesen. Mit Riicksicht auf sie hat er alles befurwortet, was einer Entvolkerung
des platten Landes entgegenwirken konnte, inid den Kampf gegen den »In-
dustriestaat« auf genommen. Mit Riicksicht auf sie war er der Ansicht, daB die
Ausfuhrung der sozialistischen Plane so harte Beschrankungen der individuellen
Freiheit erfordere, daB sie als untragbar empfunden werden miiBten.
Wahrend W. in der Verstandnislosigkeit des Sozialismus fur die Bevolke-
rungsfrage einen seiner Hauptmangel sah, erkannte er immer wieder an, daB
»eine vollstandige prinzipielle Behandlung der Einfliisse der Konjunktur vor-
nehmlich doch erst den sozialistischen Theorien zu verdanken« sei. Schon 1879
befiirwortete er, auch hier vom Sozialismus zu lernen; denn »die Signatur der
modernen Volkswirtschaft« liege darin, daB die Konjunktur »vielfach als
dritter Hauptfaktor, von welchem die Tauschwertsumme des Giiterbestandes
in der Wirtschaft und des Vermogensbestandes einer Person abhangt, neben
die beiden anderen hierfiir maBgebenden Faktoren, die Produktion und die
Konsumtion, tritt«. Daher hielt er es auch fiir eine berechtigte Aufgabe, den
miBlichen Folgen der Konjunktur entgegenzuarbeiten ; aber das sei naturlich
nur eine »Bekampfung der Symptome, der Folgen des t)bels«. Wichtiger sei,
»zu fordern, ob und wieweit das Ubel selbst, der maBgebende EinfluB der
Konjunktur, beseitigt oder vermindert werden kann«. Das bezeichnet W. als
»die prinzipielle Frage der heutigen Nationalokonomie<(. Diese klare Erkennt-
nis, die seinerzeit nur wenig Beachtung fand, muB sich, fast ein halbes Jahr-
hundert spater, durch eine Wirrnis unklarer Plane erst muhsam wieder durch-
ringen.
Endlich steht mit der Motivenlehre noch eine Lehre im Zusammenhang : die
Organisationslehre. Auch hier hat W., gestiitzt auf Schaffle, in der wissen-
schaftlichen Analyse einen wichtigen Schritt voran getan. Er unterscheidet
drei Systeme : das privatwirtschaftliche, gemeinwirtschaftliche und karitative
System. Stets sind in der Praxis des Wirtschaftslebens alle drei Systeme mit-
einander vermischt. Diese Mischung ist immer verschieden und gibt der ein-
zelnen Volkswirtschaft ihr besonderes Geprage. Den wechselnden Erforder-
nissen der Zeit diese Mischung anzupassen, ist eine Hauptaufgabe aller Wirt-
schaftspolitik. Sie lost sich in zahlreiche Einzelprobleme, insbesondere schwie-
rige Verstaatlichungsfragen auf, die nur in ernster Einzelpriifung, nicht durch
Schlagworte, gelost werden konnen.
An diese Organisationslehre knupfen die positiven Reform vorschlage W.s
an. Sie laufen in der Hauptsache darauf hinaus, das gemeinwirtschaftliche
System in der Volkswirtschaft zu verstarken. Einmal sollen durch eine Reihe
von Verstaatlichungen — die Eisenbahnen, WasserstraBen, Notenbanken so-
wie Walder spielen dabei eine besondere Rolle — besonders schadliche und
verbitternde Ausbeutungsmoglichkeiten ausgeschaltet und damit eine hohere
Wagner igi
Gerechtigkeit in der Verteilung der Giiter erzielt werden. Im Interesse der
Gesamtheit darf der Staat iiberhaupt Monopole privater Art nicht aufkommen
lassen. Zweitens musse ein hoherer Wohlstand der Arbeiterklassen erstrebt
werden. »Proletarier« wie »Millionare« sind »ein Auswuchs, eine soziale Krank-
heit«. Die Gegensatze von Arm und Reich diirfen nicht immer groBer werden;
sie mussen im Gegenteil verringert werden, da die zunehmende Bildung der
Arbeiter sie immer fuhlbarer werden laBt. Das ist der Gesichtspunkt, von dem
aus W. auch die schon besprochene » soziale Steuerpolitik« befurwortet.
W. glaubt im AnschluB an Rodbertus in der Entwicklung des Wirtschafts-
lebens ein »historisches Gesetz« der zunehmenden Ausdehnung der Staats-
tatigkeit erkennen zu konnen und meint, wer dieses Gesetz erfafit habe, habe
auch »die Berechtigung, zu sagen, was geschehen soll«. Fiir dieses Gesetz
ist aber ein zwingender Beweis nicht zu erbringen. Es ist unzweifelhaft in
einem gewissen Gegensatz zum systematischen MiBtrauen, mit dem der Libe-
ralismus der Staatstatigkeit gegeniiberstand, aufgestellt worden; und mit
Recht ist auch gefragt worden, ob der Nachweis einer historischen Entwicklung
geniigen konne, eine tief eingreifende Wirtschaftspolitik zu rechtfertigen.
Solche Zweifel sind urn so mehr am Platze, als eine scharfe Grenze zwischen
Individuum und Staat nicht zu ziehen ist. W. begniigte sich daher auch mit
der ganz allgemeinen Formel, die Tatigkeit des Staates sei moglichst auszu-
dehnen, ohne die Entwicklung des Individuums zu gefahrden. Er verkannte
nicht, daB darin ein gewisses MaB von »Willkur« liege. Darum faBte er auch
selbst »Kautelen« ins Auge, und zwar erstens eine international einigermaBen
gleiche Arbeitergesetzgebung, zweitens eine Regelung der internationalen Kon-
kurrenz durch »soziale Schutzzolle« und drittens die gesetzliche Beseitigung be-
sonderer MiBstande der freien Konkurrenz im Borsen-, Bank-, Aktien- und
Versicherungswesen. Auch dann bleibt besonnenes MaBhalten oder — wie
W. sagt — eine Beschrankung auf die Falle notig, »wo es okonomisch und tech-
nisch passend ist«. Dtese vorsichtige Formulierung kann dariiber nicht tau-
schen, daB W. bei seinen Forderungen einseitig die staatlichen Verhaltnisse
ins Auge gefaBt hat, die ihm damals im Deutschen Reich gegeben zu sein
schienen. Er hat es nicht beachtet, daB das MaB der Staatstatigkeit in erster
Linie von der Art des Staates selbst abhangt: von dem Grade seiner Stetigkeit
und Uberparteilichkeit, der Gesundheit seiner Traditionen, der Bildung seiner
Leiter. Die Gefahren treten urn so ernster in den Vordergrund, je mehr Garan-
tien besonnenen MaBes im Staate fehlen. Seinerzeit hat jedoch diese unermiid-
lich verfochtene Politik, die mit dem irrefuhrenden, nur fiir Rodbertus passen-
den Ausdruck »Staatssozialismus« bezeichnet zu werden pflegt, groBte Be-
achtung gef unden ; sie ist auch von starkem praktischen EinfluB gewesen und
hat einen Sturm von Angriffen gegen W. entfesselt. Mit Bezug auf sie hat
Toennies gesagt: » Kathedersozialismus ist eine Merkwiirdigkeit, eine Gelehr-
samkeit, eine Vermittlung. Staatssozialismus ist ein Programm. Und das war
es, was der Natur W.s gemaB war : in ihm loderte die Flamme reformatorischen
Geistes. «
DAS wissenschaftliche Lebenswerk von Adolf W. stellt eine gewaltige, frei-
lich vielfach unvollstandige Einheit dar. Unter dem Zwang der Logik und dem
Druck eines starken wissenschaftlichen Verantwortungsgefuhls hat sich die
Arbeit eines Spezialgelehrten, der fiir monographische Studien ungewohnlich
192 1917
befahigt war, zu immer umfassenderen Aufgaben systematischer Art geweitet,
obwohl die Zeit, infolge des stiirmischen Gangs der Entwicklung, ihnen abhold
war und wirtschaftswissenschaftliche Spezialstudien einseitig begiinstigte.
Schmoller hat sich diesem Zuge der Zeit gefiigt. Seit seiner Jugendschrift
»Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert« aus dem
Jahre 1870 hat er drei Jahrzehnte lang kein ejgentliches Buchmehr geschrieben
und erst am Ende seines Lebens seine Aufsatze und Vorlesungen zu einem
Werk zusammengefaBt, das mehr das erstaunliche Ergebnis einer langen, rast-
losen Lesearbeit darstellt als das geschlossene System einer Wissenschaft.
W. dagegen hat sich bereits zu Beginn seiner Laufbahn mit den groBten
Aufgaben der Zusammenfassung belastet, von denen er sein Leben lang nicht
wieder frei wurde. Spurt man in Schmollers »Grundrii3« einen Hauch der freu-
digen Stimmung eines Erntefestes, so empfindet man bei den umfangreichen
Werken W.s von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mehr, wie er von einer Riesenlast
bedriickt wurde, die nicht abzuwalzen war. W. fuhlte sich gleichsam in geistigen
Fesseln, und wenn er sie auch immer wieder fur kurze Zeit abstreifte, so geschah
es doch meist mit einem Gefuhl des schlechten Gewissens. Die voile Freude
des Freischaffenden hat er nur selten genossen. In diesem Widerspruch der
logisch erwachsenen Aufgabe zum Grundcharakter der Zeit und zu der Lei-
stungsfahigkeit eines einzelnen liegt in erster Linie die Tragik dieses Gelehrten-
lebens.
Erst an zweiter Stelle liegt sie in der Sonderstellung, die W. lange Zeit in der
deutschen Wirtschaftswissenschaft angenommen hat. Er schwamm bewuBt
gegen den Strom. Darin war seine wissenschaftliche und menschliche GroBe
begriindet; daraus erwuchs ihm aber auch immer wieder ein Gefuhl nutzlos
vertaner Arbeit und hilfloser Isolierung. Doch immer wieder triumphierte auch
die Uberzeugung von der Berechtigung und Zukunftskraft seiner Methoden
und Lehren, und zum SchluB seines Lebens hat er die groBe Befriedigung ge-
habt, daB die Gesamtentwicklung mehr und mehr in Bahnen einlenkte, die er
selbst zu wandeln und zu lehren nicht miide geworden war.
Trotzdem haben auch jetzt W.s Hauptwerke nicht den EinfluB gewonnen,
auf den sie sachlich einen Anspruch hatten. Das hangt mit dem Gewand zu-
sammen, in dem sie auftreten. Schon auBerlich ist es ungewohnlich. Wahrend
Anmerkungen namlich sonst am FuBe des Textes oder am SchluB des Para-
graphen untergebracht zu werden pflegen, hat W. sie in den Text einbezogen.
Seine Gedankenfuhrung erleidet daher immer wieder Unterbrechungen und
Verlangsamungen. Auch wo eine groBe L,inie in der Darstellung vorhanden ist,
vermag sie nicht wirksam in die Erscheinung zu treten. Das ist um so storen-
der, als W. es als Pflicht wissenschaftlicher Griindlichkeit und literarischen
Anstandes empfand, bei jedem Schritt festzustellen, mit wem er sich ganz
oder teilweise in tTbereinstimmung befinde, und sich mit alien umstandlich
auseinanderzusetzen, welche irgendwie eine andere Ansicht vertraten. Immer
wieder muB der L,eser auf Seitenwegen an kleineren NebenstrauBen teilneh-
men, die ihn wcnig oder gar nicht interessieren.
Das fiel fort, sobald W. die schwerfallige Riistung des wissenschaftlichen
Systematikers auszog. Dann konnte seine Personlichkeit, die mit der umstand-
lichen und pedantischen Methode seiner Lehrbiicher in scharfem Widerspruch
stand, sich frei entfalten. In ihr lebte bis an die Schwelle des Todes eine jugend-
Wagner. Zeppelin 103
liche Feuerseele. Nicht Gelehrter und Lehrer standen bei ihm im Vordergrund,
sondern der furchtlose Kampfer, der gerade aufs Ziel losgeht, sich opfert fur
seine Uberzeugung, auch mit Freunden bricht, wenn die Sache es erfordert.
Diese freie, offene, feurige Personlichkeit enthullt sich in den zahlreichen
Streitschriften, die so eindrucksvoll die miihsame Gelehrtenarbeit begleiten.
Erst Widerspruch brachte sie zu voller Entfaltung.
Ganz ahnlich auch in der Lehrtatigkeit. Die groBen systematischen Vor-
lesungen unterdriickten seine Personlichkeit. In ihnen trat die Muhseligkeit
der Arbeit und die Unterwerfung unter selbst erwahlte Grundsatze zu sehr in
den Vordergrund. Fur sie lieB ihm auch seine wissenschaftliche Tatigkeit
meist nicht viel Zeit zur Vorbereitung. Fiir W. war die kurze offentliche Vor-
lesung der Hohepunkt seiner Lehrtatigkeit. Da entfaltete sich seine groBe
natiirliche Beredsamkeit, steigerte sich sein Wahrheitsdrang zum Bekenner-
mut, teilte er nach links und rechts, oft herausfordernd, lustige Schlage aus.
Wenige konnten eine groBe Zuhorerschaft, zumal eine studentische, so packen
und begeistern. Und wenn W. auch wohl kaum ein groBer Lehrer genannt
werden kann, seine tapfere, treue Mannesart, seine ganze vorbildliche Person-
lichkeit machte ihn zum groBen Erzieher. Er hat keine Schule hinterlassen, und
doch war sein EinfluB weitreichend wie selten der eines Professors. Der auf-
rechte, ritterhche Kampfer fiir das Vaterland, fiir die Gerechtigkeit und fiir
die Wahrheit hat sich, weit iiber den Tod hinaus, eine Statte in vielen dank-
baren Herzen geschaffen.
Literatur: Zunachst iiber Wagners Personlichkeit im ganzen: Schmoller und Sering,
Reden zu W.s 70. Geburtstag. Schrnollers Jahrbuch 1905. — Einleitung zur Festgabe
zum 70. Geburtstag von Adolf W., Berlin 1905. — Artikel W. im Handworterbuch der
Staatswissenschaften. — Reinhold Seeberg, Trauerrede fiir Adolf W., Berlin 1918. —
Hermann Schumacher, Adolf W., eine Gedachtnisrede, Schrnollers Jahrbuch 19 18; auch
Hermann Schumacher, Gustav Schmoller. Technik und Wirtschaft 191 7, Heft 8. —
Toennies, Adolf W.Deutsche Rundschau, Band 174. — Westphal, Adolf W. Deutsche
Akademische Rundschau vom i.Mai 1927.
Sodann iiber W.s Schriften : v. Heckel, Die finanzwissenschaftlichen Schriften Adolf W.s.
Jahrbiicher fiir Nationalokonomie und Statistik 1900. — Entwicklung der deutschen
Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert (Schmoller-Festschrift), und zwar insbesondere
Hermann Schumacher, Geschichte der deutschen Bankliteratur im 19. Jahrhundert; Ger-
lach, Geschichte der Finanzwissenschaft; v. Heckel, Die Steuern. Leipzig 1908. — Vogel,
Die finanzpolitischen Steuerprinzipien in Literatur und Theorie. Zeitschrift fiir die ge-
samten Staatswissenschaften 1 9 10. — Schneider, Adolf W.s Beziehungen zum Sozialis-
mus. Neubrandenburg 192 1. — Kirchner, Adolf W.s Nachlafl in der PreuBischen Staats-
bibliothek. Schrnollers Jahrbuch 1927.
Berlin-Steglitz. Hermann Schumacher.
Zeppelin, Ferdinand Graf v., * am 8. Juli 1838 auf dem Landgut Girsberg bei
Konstanz, f am 8. Marz 1917 in Berlin. — Die Ahnen des Grafen Z. waren
urspriinglich in Mecklenburg ansassig. Bereits im 13. Jahrhundert gab es hier
ein Gut Zepplin. Im 18. Jahrhundert trat der Groflvater, Ferdinand Ludwig,
in wurttembergische Dienste und wurde in den Grafenstand erhoben. Graf
Friedrich, sein Sohn, war Hofmarschall des Fiirsten von Hohenzollern. Auf
seinem Gute wurde ihm am 8. Juli 1838 Graf Ferdinand v. Z. geboren. Hier
verbrachte er seine ersten Jugendjahre und wurde von seiner Mutter und spater
von mehreren Hauslehrern unterrichtet. Im Alter von 14 Jahren kam er in die
DBJ 13
194 lw
Realschule nach Stuttgart, spater in die Kadettenanstalt Ludwigsburg und
wurde 1857 Leutnant. Bereits im nachsten Jahre wurde er beurlaubt und stu-
dierte in der Hauptsache staatswissenschaftliche Facher auf der Universitat
Tubingen. 1859 versetzte man inn in das Ingenieurkorps nach Ulm, im Herbst
desselben Jahres kam er in den Generalquartierstab. Im Frontdienst war er
jedoch nicht lange tatig.
Zahlreiche Reisen, deren Hauptzweck stets militarische Studien waren,
fuhrten ihn 1861 nach Osterreich, Italien und Frankreich, 1862 nach Belgien
und England. Im Jahre 1863 erhielt er Urlaub, um an dem amerikanischen
Sezessionskrieg als Zuschauer teilnehmen zu konnen. Dort machte er bei
St. Paul seinen ersten Aufstieg in einem Militarballon. Seine Studien in Amerika
beschrankten sich jedoch nicht auf das rein militarische Gebiet. Er lernte Land
und Leute eingehend kennen und unternahm eine Forschungsexpedition zur
Erkundung der Mississippiquellen. 1864 nach Deutschland zuriickgekehrt,
zeichnete er sich im Feldzug 1866 aus.
Als Generalstabsoffizier der wurttembergischen Reiterbrigade nahm Z. an
dem Feldzug 1870 teil. Zu Beginn dieses Krieges fiihrte er erfolgreich eine
wichtige Erkundungspatrouille durch, durch die er in weiteren Kreisen iiber
die deutsche Armee hinaus bekannt wurde. Es handelte sich darum, festzu-
stellen, ob Mac Mahon in die Pfalz aufmarschiere, ob eine dritte Division bei
seinem Korps sei ; bisher hatte man nur Truppen der ersten und zweiten Divi-
sion festgestellt. Spater nahm dann Z. an dem Kampf bei Worth und vor Paris
teil. 1874 wurde er Major, 1882 Regimentskommandeur. In den diplomatischen
Dienst iibertretend, war er 1885 — 1887 Militarbevollmachtigter bei der wurt-
tembergischen Gesandtschaft in Berlin und bis 1889 Gesandter und Bevoll-
machtigter beim Bundesrat. 1888 wurde er zum General d la suite des Konigs von
Wurttemberg befordert. In den Militardienst zuriickgekehrt, erhielt er 1890
eine Kavalleriebrigade in Saarburg. Jedoch in den Manovern des nachsten
Jahres wurde er zur Disposition gestellt. Dies kam fur alle, die seine aoBer-
ordentlichen militarischen Fahigkeiten kannten, iiberraschend. Seine mili-
tarische Laufbahn war abgeschlossen. Er hielt dies fur ein Ungliick, jedoch
sollte es sich in ein Gliick fur die Luftschiffahrt verwandeln.
Bereits im Jahre 1873 hat Z. ein groBes, starres, in Zellen eingeteiltes Luft-
schiff entworfen, ohne sich jedoch klar zu sein, mit welchen Maschinen es an-
getrieben werden sollte und welches fur die Versteifung notwendige Metall
verwendet werden miiBte. Im gleichen Jahre hielt Dr. Stephan (der spatere
General-Postmeister) einen Vortrag iiber Weltpost und Luftschiffahrt, der ein
Jahr spater veroffentlicht wurde. Hieraus seien folgende Satze mitgeteilt:
»Seit den altesten Zeiten finden sich Spuren davon, dai3 der menschliche
Geist sich mit der Fortbewegung des Korpers in der Luft beschaftigt. Die
Gesamtsumme der in Europa und Amerika bis jetzt (1874) ausgefiihrten Luft-
fahrten belauft sich auf 3700. Auf diese Zahl kommen 16 Tote, gewifi kein un-
gunstiges Resultat. Im ganzen liefern diese Tatsachen den Beweis, daB man
imstande ist, mit dem Ballon langere Reisen zu unternehmen. Die Schnellig-
keit und Richtung hangen zurzeit noch freilich ganz vom Winde ab, und hier
tritt der Kern der Frage hervor.« Ferner: »Seit den Zeiten Elisabeths von Eng-
land (1558 — 1603) beschaftigt das Problem der Nordpolexpedition den mensch-
lichen Geist; mit den bisherigen Mitteln und Anstalten der Ausfuhrung hat
Zeppelin 195
es schon viele Menschenleben gekostet und scheint auf den gewohnlichen Wegen
dennoch unlosbar zu sein. Wie leicht wiirde das Luftschiff iiber die undurch-
dringlichen Eisf elder hinwegfliegen ! « Und gegen^den SchluB des Vortrages
heiBtes: »Soviel durfte feststehen, daB wenigstens von den bisher bekannten
neueren Erf indungen keine so sehr wie die Luftschif f ahrt zu einer Vervollkomm-
nnng der Kommunikation der Erdbewohner sich als geeignet erweisen wird.«
Aus den Besprechungen iiber seinen Plan, die durch den Vortrag Stephans
angeregt wurden, erkannte man, welche Bedeutung Z. der Verwirklichung
seines Gedankens beimaB. Er betonte wiederholt die kulturelle Aufgabe eines
solchen Fahrzeuges fur grofle Forschungsreisen. Jedoch erst viel spater ver-
lieh Z. seinen Anschauungen iiber Lenkluftschiffe dadurch festere Gestalt, daB
er im Jahre 1887 dem Konig von Wiirttemberg in einer Denkschrift seine
Gedanken darlegte.
»Die Unvollkommenheit der Fesselballone hatten die Kriegsministerien der
GroBstaaten zu der Erkenntnis gebracht, daB eine bedeutende Einwirkung auf
die Kriegfuhrung nur durch Lenkballone zu erreichen sei, und es seien auch
Aufwendungen fur diesen Zweck gemacht worden, wobei Deutschland zuriick-
geblieben sei, wahrend Frankreich, das nicht mit Mitteln karge, wo es sich um
militarische Vorteile iiber die Nachbarn handle, schon Erfolge auf diesem Gebiet
aufzuweisen habe, indem durch das Luftschif f »La France a der Hauptleute
Rinard und Krebs, das allerdings nur eine Eigengeschwindigkeit von 5 Meter-
sekunden habe, die Moglichkeit der Lenkung unwiderleglich erwiesen sei.
Zur wirtschaftlichen Nutzbarmachung der freien Luftschiffahrt fur mili-
tarische Zwecke sei daher nur noch erforderlich, daB die Schiffe auch gegen
starkere Luftstromungen vorwarts kamen, daB sie erst nach langerer Zeit
(mindestens 24 Stunden) zu landen genotigt seien, um weite Rekognoszierungen
ausfuhren zu konnen, daB sie bedeutende Tragkraft besaBen, um eine grofiere
Zahl von Menschen, Vorraten oder Sprengstoffen mitfuhren zu konnen. Alle
drei Anforderungen bedingten ausgedehnte Gasraume, also groBe Luftschiffe.
Wesentliche Fortschritte in der Vervollkommnung der lenkaren Schiffe
blieben nur noch zu machen in der Findung einer zum Durchschneiden der Luft
geeigneten Form und der Moglichkeit ohne Ballastverminderung zu steigen und
ohne Gasverlust zu sinken. Gelange es, dieses Problem zu losen, so sei der
Luftschiffahrt eine noch ganz unschatzbare Bedeutung nicht allein fur die
Kriegfuhrung, sondern auch fur den allgemeinen Verkehr (kiirzeste Verbin-
dung durch Gebirge oder Meere getrennter Orte) fur die Erforschung der Erde
(Nordpol, Innerafrika) in der Zukunft gewiB. «
Aus seinen heute noch gultigen und kaum erf ullten Auf gaben des Ivuftschiff-
baues und der Luftschiffahrt kennzeichnenden Darlegungen geht klar hervor,
daB Z., bevor er an die technische Seite der Losung des Problems heranging,
die Aufgaben festlegte, die von einem Luftschiff erfiillt werden muBten, um
Nutzen zu bringen, und denen die Einrichtungen des Luftschiffes anzupassen
waren, f erner daB er betonte, daB das Luftschiff groB ausgef uhrt werden miisse.
Verf olgt man die Entwicklungsgeschichte der beiden in derLuftschiff ahrt neben-
einander bestehenden Systeme, namlich das starre Luftschiff und das Prall-
luftschiff, so erkennt man klar den Grund fur die groBen Erfolge des starren
Systems. Das Pralluftschiff , entstanden in engster Anlehnung an den Frei-
ballon, besitzt keine feste Form, diese mufi vielmehr auf kunstlichem Wege
196 1917
gegeben und erhalten werden. Beim starren Luftschiff liegt diese im Bau
selbst.
Nach seinem Ausscheiden aus dem Militardienst im Jahre 1891 konnte er
mit voller Energie und groBer Begeisterung an die Verwirklichung der in der
Denkschrift niedergelegten Gedanken herangehen. Gemeinsam mit dem In-
genieur Theodor Kober fuhrte er im Jahre 1892 und 1893 die Berechnung und
Zeichnung seines Luftschiffes durch. Anfang 1894 war der Entwurf fertig-
gestellt und wurde im Marz in einer Denkschrift mit den dazugehorigen Zeich-
nungen einer Kommission, die vom Kriegsministerium einberufen war, vor-
gelegt.
Die Hauptkennzeichen, die dem ersten Projekt zugrunde lagen und die be-
zuglich des konstruktiven Charakters bis zu seiner Vervollkommnung unver-
andert beibehalten wurden, sind: die schlanke Form, das Gerippe aus Alu-
minium, die Einteilung des Gasraumes in eine groBe Zahl gleicher zylindrischer
Zellen, die Anordnung von zwei getrennten Gondeln, eine Kommandostelle,
die feste Verbindung der Gondeln mit dem Gerippe, die Anordnung eines Ver-
bindungsganges zwischen den Gondeln, die Anbringung der Luftschrauben in
Hohe des Luftwiderstandsmittelpunktes.
Ausgehend von den in der Denkschrift niedergelegten Gedanken, daB das
starre Luftschiff groB sein miisse und im Hinblick darauf , daB das Luftschiff
sein Eigengewicht, Betriebsmittel fur mehrere Stunden, Ballast, Triebwerke
zur Erreichung von mindestens 9 m/s Geschwindigkeit und die notwendige
Besatzung heben miisse, sowie unter Beriicksichtigung eines Sicherheits-
faktors, betrug die erforderliche Gasmenge 11 300 cbm. AlsGas wurde Wasser-
stoffgas gewahlt.
Die langgestreckte Form des Luftschiffes ergab sich bei dem festgelegten
Inhalt aus zweierlei Grunden. Entsprechend den Ansichten iiber den Wider-
stand von durch die Luft bewegten Korpern muBte der Querschnitt so gering
wie moglich gehalten werden. Die andere Forderung bestand darin, daB, urn
ein geringes Gewicht zuerzielen, die kleinste Oberflache zugrunde zulegen war.
Mit Rucksicht auf die Handhabung des Luftschiffes auf der Erde sowie die
GroBe der Bauhalle betrug der Durchmesser 11,6 m, seine Lange 128 m. Die
gewahlte schlanke zylindrische Form hatte den Vorteil, eine groBe Zahl gleich
groBer zylindrischer Gaszellen einbauen zu konnen und zwei Gondeln mit
vollig unabhangigen Maschinenanlagen anbringen zu konnen, wodurch auch
die Betriebssicherheit erhoht wurde. Der Bau eines zylindrischen Korpers
war einfach. Der Querschnitt durch den Ballonkorper war nicht ein Kreis,
sondern ein 24-Eck. Die beiden Enden des Ballonkorpers waren eiformig
ausgebildet. Der Ballonkorper war durch 16 Querwande in 17 Abteilungen
unterteilt.
Als Baustof f fiir das Gerippe wurde nach langen Versuchen in der Material-
priifungsanstalt der Technischen Hochschule Stuttgart unter Leitung von
C. v. Bach Aluminium gewahlt. Graf Z. hat diese Wahl damit begriindet, daB
natiirlich unter den sonst gleichen Bedingungen der Zug- und Druckf estigkeit
und des Gewichts das Aluminium eine groBere Knickf estigkeit aufweist als
Stahl. Die Wandstarken der in Betracht kommenden Bauelemente waren
groBer und daher auch fiir die Bearbeitung zweckmaBiger als bei der Ver-
wendung von Stahl. Hiermit geht Hand in Hand eine groBere Widerstands-
Zeppelin 197
fahigkeit gegen rein ortliche Beanspruchung. Obwohl Holz noch giinstigere
Ergebnisse lieferte, sah man von dessen Verwendung aus verschiedenen
anderen Griinden ab.
Wahrend das Projekt als Bauelemente fur die Druckubertragung Alu-
miniumrohren, fur die Zugiibertragung Drahtseil atis Aluminiumbronze vor-
sah, wahlte Ingenieur Kiibler als Hauptbauelement bei den ersten Zeppelin-
luftschiffen flache, aus Aluminium-T-Profilen zusammengesetzte Gitter-
trager. Beim zweiten Schiff wurden die flachen Gittertrager nach Angaben
des Grafen Z. dnrch Dreiecktrager ersetzt. AuBerdem wurde als Querschnitt
nach Angaben Diirrs das 16-Eck zugrunde gelegt.
Der Uberzug des Metallgeriistes, die AuBenhaut, bestand im oberen TeU
aus wasserdichtem Baumwollstoff, im unteren, der groBeren I^eichtigkeit
wegen, aus diinner Seide. Die Querwande im Schiff bestanden aus den so
genannten Hauptringen, die durch ein System von Verspannungsdrahten, die
quer durch das Schiff laufen und ein ziemlich enges Netz bilden, versteift
sind. Die Drahte bilden die Wande, die die Ballonzellen voneinander trennen.
Die Zellen sind aus gasdichtem Ballonstoff hergestellt, sie fullen den Raum
zwischen zwei Hauptringen, wenn sie gefullt sind, ganz aus.
Die Seitensteuer waren als Schaukelsteuer (stoffbespannte Holzrahmen)
ausgebildet, die an beiden Enden angeordnet waren. Die Hohensteuerung
wurde dadurch ermoglicht, daB man im Laufgang ein Bleigewicht, auf einem
Drahtseil beweglich, anordnete. Nach dem dritten Aufstieg des ersten I,uft-
schiffes wurde aber ein Hohenruder angebracht. In den beiden Gondeln, die
erste war beim Ubergang vom ersten zum zweiten, die zweite vom dritten
zum vierten Viertel der Fahrzeuglange starr aufgehangt, befand sich je ein
14,7 PS starker Daimler-Motor im Gewicht von 385 kg — so viel wiegt heute
ein Motor von 300 PS Leistung. In dem Projekt des Jahres 1892 waren zwei
Motoren von je 11 PS Leistung und im Gewicht von je 500 kg vorgesehen, die
von der Daimler-Motorengesellschaft entworfen waren. Mittels zweifacher
Kegelradgetriebe und schragen Wellen trieben die beiden Motoren je zwei
rechts und links im Tragkdrpergerippe in Hohe des Iyuftwiderstandsmittel-
punktes angebrachte Schrauben.
Nach wiederholtem Zusammentreten lehnte die vom Kriegsministerium ein-
gesetzte Kommission im Dezember 1894 das Projekt des Grafen Z. ab. Einer
der Griinde war, daB die Militarverwaltung sie nur dann als Kriegsmittel an-
wenden konne, wenn die Fahrzeuge ftir Verkehrszwecke bereits vorhanden
und erprobt waren. Da ihm fiir die Durchf iihrung seines Planes nicht geniigende
Mittel zur Verfiigung standen, wandte sich Graf Z. im Dezember 1895 an die
Offentlichkeit, um zu versuchen, auf diese Weise die Mittel aufzubringen. Er
veroffentlichte eine ausfuhrliche Denkschrift, in der er die bisherigen Schick-
sale seiner Erfindung darlegte und die Allgemeinheit aufforderte, sein Unter-
nehmen zu fordern. Es sollte ein Kapital von mindestens 800 000 Mark aufge-
bracht werden. Leider fuhrte die auf diese Weise eingeleitete Sammlung nicht
zu dem gewiinschten Ergebnis.
Wahrend der Sammlung der Geldbetrage nahmen sich die deutschen In-
genieure der Sache des Grafen Z. an. Der Verein Deutscher Ingenieure erlieB
am 30. Dezember 1896 einen Aufruf , in dem zum Ausdruck gebracht wurde,
daB nur auf die gemeinniitzige und opferwillige Geneigtheit derjenigen Kreise,
198 1917
die dazu imstande sind, insbesondere also anf die Geneigtheit der Vertreter
der deutschen Industrie, die Hoffnung gesetzt werden kann, daB sie fur die
Forderung einer sehr wichtigen und groBen technischen Aufgabe unseres Zeit-
alters zur Aufbringung der bedeutenden Mittel sich bereitf inden lassen mochte,
ohne welche ein entscheidender Fortschritt nicht zu erwarten ist. »Frankreich,
Nordamerika und England sind uns mit bedeutenden Aufwendungen voraus-
gegangen. — Sollte die deutsche Technik nicht auch ihren Anteil an der Losung
dieser Aufgabe haben und nehmen?«
Dieser Aufruf fiihrte dann auch einige Vertreter der deutschen Industrie
zur Griindung einer Aktiengesellschaft, fiir die auch von anderen Kreisen
Aktien gezeichnet wurden. Graf Z. iiberaahm die Halfte der Aktien, da sich
noch nicht geniigend Personen an dem Unternehmen beteiligten. Es wurde
eine Aktiengesellschaft unter dem Namen » Gesellschaft zur Forderung der
Luftschiff ahrt« mit einem Grundkapital von 800000 Mark im Jahre 1899 ge-
griindet.
Aus den Mitteln wurde das erste Luftschiff nach dem Entwurf des Grafen Z.
unter der Leitung des Oberingenieurs Kiibler, in der schwimmenden Holzhalle,
die in der Bucht von Manzell bei Friedrichshafen verankert war, gebaut. Die
weite Flache des Sees, die keinerlei Hindernis bot, erschien das geeignetste
Ubungsfeld fiir das Luftschiff , auBerdem bot die nur an der Spitze verankerte
Halle den groBen Vorteil, daB sie sich immer in die Windrichtimg einstellte,
wodurch das Aus- imd Einfahren des Luftschiffes wesentlich erleichtert
wurde.
Nach vielen Zwischenf alien erfolgte am Abend des 2. Juli 1900 inn 8 Uhr
unter Fuhrung des Grafen Z. der erste Aufstieg. Bei dem erfolgreich durchge-
fiihrten kurzen Fluge hatten sich jedoch, wie zu erwarten war, eine groBe Zahl
von Mangeln herausgestellt, an deren unverziiglicher Abstellung man unmittel-
bar nach der Landung schritt. Besonders betrafen diese das Gerippe imd das
Steuer. Am 17. Oktober wurde dann der zweite Aufstieg unternommen, bei
dem sich die Neuerungen gut bewahrten. Der Flug dauerte 1 Stunde und
20 Minuten. Bei dem dritten Aufstieg am 24. Oktober, bei dem eine Geschwin-
digkeit des Luftschiffes von 8 m/s gemessen wurde, bewahrte sich die Steue-
rung gut. Nach der Landung war es notwendig, das Luftschiff neu zu fiillen.
Die Mittel waren jedoch erschopft.
Die Gesellschaft beschloB im November 1900, sich aufzulosen. Graf Z.
erwarb nun von der Gesellschaft das Luftschiff mit allem Zubehor. Er hoffte,
die notwendigen Mittel zu erhalten, inn seine Versuche weiter durchfiihren zu
konnen. Er wandte sich zu diesem Zweck im Marz 1901 an den Verein Deutscher
Ingenieure mit der Bitte, die Kommission des Jahres 1896 erneut zusammen-
zuberufen, um die auf Grund seiner Versuche gefundenen Ergebnisse zu tiber-
priifen und den damaligen BeschluB zu erganzen oder zu berichtigen. Der Aus-
schuB trat im Juni 1901 in Kiel zusammen, ohne jedoch zu einem bestimmten
Ergebnis zu kommen. Am 2. Marz 1902 fand eine neue Sitzung der Kommission
in Berlin statt, bei der die verantwortlichen Mitglieder des Ausschusses — es
stimmten nicht alle dem Gutachten zu — erklarten, daB die friiheren An-
nahmen und Ermittlungen durch die Aufstiege zwar bestatigt seien, daB aber
nicht gentigende und gesicherte Unterlagen vorlagen, um sie zu erganzen und
zu berichtigen.
Zeppelin 199
Um seine Versuche fortsetzen zu konnen, war Z. gezwungen, zu versuchen,
Geldmittel hierfiir zusammenzubekommen. Die Firmen, die die Rohstoffe,
wie Aluminium, Ballonhiillenstoff und die Motoren liefern sollten, stellten diese
kostenlos zur Verfiigung. Um den Zusammenbau durchfuhren zu konnen,
wurde Z. in Wiirttemberg eine Lotterie bewilligt. Man konnte nunmehr mit
dem Bau beginnen. Das zweite Luftschiff hatte man in seinen Einzelheiten
bedeutend verbessert; das Aluminiumgerippe bestand aus dreiseitigen Langs-
tragern, die auch heute noch verwendet werden. Dagegen fehlten noch aus-
reichende Steuer. Die Motorenindustrie, die sich sprunghaft inzwischen ver-
vollkommnet hatte, lieferte Motoren von 85 PS.
Das neue Luftschiff unternahm im November 1905 einen Aufstiegsversuch,
der jedoch miBgluckte. Eines der Haltetaue war mit einem Knoten in einem
Ring hangen geblieben, wodurch das Luftschiff auf den See herabgedriickt
und infolge des starken Windes weit in den See auf dem Wasser schwimmend
hinausgetrieben wurde. Bei dem zweiten Aufstieg im Jahre 1906 hatte das
nicht prall gef ullte Luftschiff starken Auftrieb ; in 500 m Hohe kam es in eine
starke Windstromung und wurde abgetrieben. Es landete gliicklich bei KiBlegg
im Allgau, wo es aber, da die notwendigen MaBnahmen zur sorgfaltigen Ver-
ankerung fehlten, in der Nacht durch einen plotzlich ausgebrochenen starken
Sturm zerstort wurde. Es muBte auseinandergenom m en werden.
Z. lieB sich durch dieses unvorhergesehene Ungliick nicht entmutigen. Er
wrertete die auf diesem Flug gewonnenen Erfahrungen aus und beschloB, aus
den noch brauchbaren Resten des zweiten Luftschiffes ein neues, drittes Luft-
schiff zu bauen. Mit diesem Luftschiff, bei dem zum ersten Male genugende
Dampfungsflachen eingebaut wurden, unternahm Z. am 9. und 10. Oktober
1906 zwei Aufstiege, die glanzend gelangen. Die viele aufgewendete Muhe und
die groBen Opfer waren nunmehr von Erfolg gekront. Das Luftschiff war gut
lenkbar und hielt ordentlich Kurs. Hohen- und Seitensteuerung sowie Sta-
bilitat hatten sich bestens bewahrt.
Um weitere Versuche durchzufuhren, fehlten jedoch wieder Geldmittel. Nun-
mehr griff das Reich ein. Es wurden die geniigenden Mittel zur Verfiigung ge-
stellt, um eine neue schwimmende Halle aufzubauen. Wahrend dieser Zeit
wurde vom Grafen Z. das in der festen Holzhalle in Manzell liegende Luftschiff
teilweise umgebaut und die Steuervorrichtung verbessert. Die Motoren wurden
sorgfaltig uberpriift, um etwaige Storungen zu verhindern.
Ende September 1907 war die neue schwimmende Luftschiffhalle fertig-
gestellt. Es wurden mehrere wohlgelungene Fliige durchgefuhrt, darunter eine
achtstiindige Fahrt. Die Geschwindigkeit des Luftschiffes bet rug 15 m/s. Die
Ergebnisse des Jahres 1907 waren fur den Grafen Z. sehr giinstige. Mit Hilfe
des Reiches hatte er sein Luftschiff vervollkommnet, wertvolle neue Erfah-
rungen gesammelt, auBerdem eine zuverlassige Ballonmannschaft ausgebildet.
Nach langen Verhandlungen entschloB sich der Reichstag, dem Grafen Z. die
Mittel zu bewilligen, um zwei neue Luftschiffe bauen zu konnen.
Am Ende des Jahres 1907 sollte jedoch durch ein Naturereignis wiederum
das Unternehmen des Grafen Z. schwer in Mitleidenschaft gezogen werden.
Am 14. Dezember sank infolge eines schweren Sturmes teilweise die schwim-
mende Halle, in der das Luftschiff untergebracht war. Da die Wiederherstel-
lungsarbeiten sehr lange Zeit in Anspruch nahmen, begann Z. inzwischen in
200 igi7
seiner auf dem Lande befindlichen Halle mit dem Bau des vierten Luftschiffes,
das am 20. Juni 1908 zu seiner ersten Fahrt aufstieg. Seine Lange betrug
136 m, sein Durchmesser 13 m. Die Seitensteuerung war verstarkt worden,
im Laufgang hatte man eine Kabine eingebaut und die Gondeln ver-
groBert. Die beiden Motoren leisteten 210 PS. Das Schiff war also be-
deutend leistungsfahiger.
Am 1. Juli wurde eine zwolfstiindige Fahrt iiber der Schweiz erfolgreich
durchgefuhrt, so daB man hoffte, eine vierundzwanzigstiindige Fahrt mit
Leichtigkeit ausfiihren zu konnen. Dieser Versuch wurde am 14. Juli gemacht.
Jedoch muBte er unterbrochen werden, da ein Motorschaden auftrat. Am
4. August gelang es endlich, den groBen Flug anzutreten. Um 6 Uhr morgens
stieg das Luftschiff auf. In der Nacht setzte dann infolge Ausschmelzen eines
Lagers der vordere Motor aus. Kurz vor 8 Uhr morgens am folgenden Tage
muBte das Luftschiff, da es gegen den stark aufgekommenen Wind nicht mehr
vorwarts kam, bei Echterdingen notlanden.
Das Luftschiff wurde verankert. Am Nachmittag dieses Tages um 3 Uhr
setzte plotzlich eine starke Bo ein. Da der Wind das Schiff breitseits traf,
rissen die Ankertaue. Ebenso konnten die Mannschaften das Luftschiff nicht
mehr halten. Das Luftschiff wurde abgetrieben, in ungefahr 1 km Entfernung
vom Ankerplatz streifte es eine Baumgruppe und geriet dabei in Brand. Es
wurde vollstandig zerstort.
In alien Kreisen Deutschlands war man nun bereit, dem Graf en zu helfen.
Wenige Tage nach dem Ungliick waren schon geniigende Mittel vorhanden,
um ein neues Zeppelin-Luftschiff zu bauen. Die Nationalspende mit einem Er-
gebnis von iiber 6 Millionen Mark fuhrte dem Grafen Z. die Mittel zu, sein
Lebenswerk auf finanziell gesicherter und technisch verbreiterter Grundlage
weiter auszubauen. Z. verwandte die tiberwiesene Summe zur Erbauung einer
Werft, zur Fortsetzung seiner Fahrversuche und fiir wissenschaftliche Unter-
suchungen.
Aus den Mitteln der Nationalspende errichtete Z. die Zeppelin-Stiftung mit
der Bestimmung, daB alle Einkiinfte daraus der Entwicklung der Luftschiff ahrt
und deren Verwendung fiir die Wissenschaft dienen sollten. Ferner wurde eine
Gesellschaft mit beschrankter Haftung »Luftschiffbau Zeppelin* in Friedrichs-
hafen gegriindet. Die erste Aufgabe dieser Gesellschaft war, dem Reich die
beiden Luftschiffe zu liefern. Das beschadigte Luftschiff Z 3, das in der teilweise
untergegangenen schwimmenden Halle untergebracht war, wurde ausgebessert
und iiberholt. Dieses Luftschiff wurde vom Reich angekauft. Mit einem neuen
Luftschiff Z 5 unternahm dann Z. Ende August 1909 vom Bodensee aus eine
Fernfahrt, deren Ziel Berlin war. Auf dem Rtickflug muBte man bei Goppingen
eine Zwischenlandung vornehmen, um die Betriebsstoffe zu erganzen. Hierbei
wurde das Luftschiff an der Spitze eingedriickt. Man beseitigte die beschadigten
Teile, baute den vorderen Motor aus und band die Hulle iiber dem beschadigten
Teil zusammen. Mit eigener Kraft konnte dann das Luftschiff seinen Hafen
erreichen.
Im Jahre 1909 wurde die Deutsche Luftschiffahrts-A.-G. (Delag) gegriindet.
Die Stadt Dusseldorf entschloB sich, auf eigene Kosten eine Luftschiffhalle zu
bauen. Die Delag war es, die dem Luftschiffbau Zeppelin neue Auftrage gab
und somit das Unternehmen lebensfahig erhielt. Die Gesellschaft fuhrte Passa-
Zeppelin 201
gierfahrten mit Zeppelin-Luftschiffen durch. Ihr gehorten die Luftschiffe
*Deutschland«, »Schwaben«, »Viktoria Luise«, »Hansa« und »Sachsen«.
Um den immer wieder auftretenden Motorenschaden abzuhelfen, da das
Versagen der Motoren f iir die Luftschif f ahrt auBerst verhangnisvoll war, wurde
die Motorenbau-G. m. b. H. gegnindet, die unter der Leitung von Maybach
den Bau von Flugzeugmotoren aufnahm. AuBerdem wurde in Berlin die
Ballonhullen-G. m. b. H. gegriindet, um zweckmaBigen Stoff fiir die Zellen
und die Hulle zu schaffen. Neue Luftschif fhallen wurden in den verschieden-
sten Orten des Reichs, auch in Berlin, in Potsdam, Johannistal und Staken
gebaut.
Von den Mitarbeitern des Graf en Z., die ihm bei der erfolgreichen Durch-
f iihrung seiner genialen Idee half en, sind zu nennen : Dr. Durr, Chefkonstruk-
teur und Direktor der Luftechiffbauwerft, Kommerzienrat Colsmann, General-
direktor des Zeppelinkonzerns, und Dr. Hugo Eckener, der in aller Welt als
Kommandant des Amerikaluftschiffes bekannt geworden ist.
Mit dem Passagierluftschiff » Viktoria Luise« wurden 1912 — 1914 489 Fahrten
diirchgefuhrt. In 981 Fahrtstunden wurde eine Gesamtstrecke von 54 000 km
zunickgelegt und 9758 Personen, einschlieBlich der Besatzung, befordert. Das
Passagierluftschiff »Sachsen« konnte mit einer Geschwindigkeit von 72 km
pro Stunde, mit 1000 kg Besatzung und 3000 kg Nutzlast eine Strecke von
2200 km durchfliegen.
Bis zum Kriege waren von der Heeresverwaltung sechs Luftschiffe iiber-
nommen worden. Bei Beginn des Krieges waren in Deutschland zehn Luftschiffe
der Bauart Zeppelin vorhanden. Bis zum Kriegsende wurden 66 Marineluft-
schiffe und 35 Heeresluftschiffe fertiggestellt
Die Entwicklung der Zeppelin-Luftschiffe mogen folgende Angaben beleuch-
ten: Wahrend das erste Luftschif f einen Gasinhalt von 11 300 cbm, 11,7 m
Durchmesser, 128 m Lange, 17 Zellen, 2 Motoren von einer Gesamtleistung
von 30 PS, 4 Propeller und eine Geschwindigkeit von71/2m/shatte, hatten die
Luftschiffe der GroBkampfschiffbauart 55 200 cbm Gasinhalt, 23,9 m Durch-
messer, 198 m Lange, 19 Zellen, 6 Motoren von einer Gesamtleistung von
1440 PS mit 6 Propellern. Das Luftschiff hatte eine Geschwindigkeit von
28,7 m/s, die Nutzlast betrug 32 Tonnen, es konnte ohne Fahrtunterbrechung
7400 km bei groBter Geschwindigkeit zuriicklegen.
Trotz vieler Riickschlage und einer groBen Reihe von Unfallen, von denen
die Luftschiffahrt betroffen wurde, hat sich das geniale Werk des Grafen Z.
sieghaft durchgerungen. Im Jahre 1914 begann Z. auch auf der Werft in See-
moos, die der Leitung Dorniers anvertraut war, mit dem Bau von GroBflug-
zeugen, ein Gebiet, dem er sich mit ganz besonderem Interesse widmete.
Von den Tagen von Echterdingen bis zu seinem plotzlichen Tode am 8. Marz
1917 in Berlin glich sein Leben einem Siegeszug. Zahlreich sind daher auch die
Ehrungen, die ihm von alien Seiten verliehen worden sind. 1906 wurde er zum
Ehrendoktor der Technischen Hochschule Dresden und kurze Zeit danach von
der Technischen Hochschule Stuttgart ernannt. Der Verein Deutscher In-
genieure verlieh ihm 1908 die goldene Grashof-Denkmiinze ; zum sojahrigen
Militardienstjubilaum verlieh ihm der Konig von Wurttemberg das GroBkreuz
des Militarverdienstordens; die Universitat Tubingen ernannte inn zu seinem
70. Geburtstag zum Doktor der Naturwissenschaften. Im Mai 1908 verlieh
202 1917
ihm der Kaiser den Schwarzen-Adler-Orden ; an seinem 75. Geburtstag ernannte
ihn eine ganze Reihe von Stadten zu ihrem Ehrenbiirger, kurz vor seinem Tode
ernannte ihn das Deutsche Museum in Munchen zu seinem ersten Ehren-
mitglied.
Graf Z. war eine iiberragende Personlichkeit. Dem Ziel, das er sich auf dem
Gebiet der Luftschiffahrt gesteckt hatte, hat er alles andere untergeordnet.
Keine Muhe, keine Arbeit war ihm zu schwer, kein Gang, mochte er noch so
unangenehm fur ihn sein — besonders gilt dies fur die Zeit, wo er unter Geld-
mangel litt — , wurde nicht versucht, wenn er fiir seine Sache eine Fdrderung
erhoffte. Er war ein unermudlich Arbeitender, oft arbeitete er bis spat in die
Nacht hinein, urn doch am Morgen als erster wieder im Werk tatig zu sein. Ein
eigener Zauber ging von seiner Personlichkeit aus. Er war ein Glucklicher,
nicht nur durch seine Erfolge, sondern auch durch die Eigenschaften seines
Gemiites. Der Glaube an sich selbst, tapfere Entschlossenheit und Ausdauer
hat die groBten, scheinbar uniiberwindlichen Hindernisse beseitigen konnen.
Das deutsche Volk konnte ihn daher nicht hoher ehren, als ihn zu seinem
Nationalhelden zu erheben.
Literatur: Dr. Stephan, Weltpost und Luftschiffahrt. J. Springer, Berlin 1874. —
Jahrbuch der Schiffbautechnischen Gesellschaft 191 5, S. 178. J. Springer 191 5. — Graf
v. Zeppelin, Die Eroberung der I,uft. Vortrag, gehalten in Berlin am 28. Januar 1908.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1908. — Luftschiffbau Zeppelin, Das Werk Zeppelins.
Eine Festgabe zu seinem 75. Geburtstag 191 3. J.Hoffmann, Stuttgart. — L. Durr,
25 Jahre Zeppelin -Luftschiffbau. VDI-Verlag, Berlin 1924. — Aug. v. Parseval, Graf Zep-
pelin und die deutsche Luftfahrt. H. Kleinm A. -G., Berlin 1926. — Hans Hildebrandt,
Zeppelin-Denkmal fiir das deutsche Volk. Germania-Verlag, Stuttgart. — Joh. Schwengler,
Der Bau der Starrluftschiffe. J. Springer, Berlin 1925. — MatschoB, Manner der Technik.
VDI-Verlag, Berlin 1925. — Engberding, Luftschiff und Luftschiffahrt. VDI-Verlag,
Berlin. — Kollmann, Das Zeppelinschiff , seine Entwicklung, Tatigkeit und Leistung.
M. Krayn, Berlin. — Feldhaus, Buch der Erfindungen. — Feldhaus, Bezwinger der Lufte.
R. Bardtenschlager, Reutlingen und Stuttgart 1925. — Georg Neumann, Die deutschen
Luftstreitkrafte im Weltkriege. Mittler & Sohn, Berlin. — Johann Schiitte, Der Luft-
schiffbau Schutte-Lanz 1909/ 192 5. R. Oldenbourg, Munchen und Berlin 1926. — Dr. Carl
Berg, David Schwarz — Carl Berg — Graf Zeppelin. Ein Beitrag zur Entstehung der
Zeppelin-Luftschiffahrt in Deutschland. Selbstverlag. — Zeitschrift des Vereins Deutscher
Ingenieure. — Zeitschrift fiir Flugsport und Motorluftschiffahrt.
Berlin. Erich Gossow.
Ziese, Carl Heinrich, Ingenieur und Inhaber der Schichau-Werke Elbing
und Danzig, Geh. Kommerzienrat, Dr.-Ing e. h., * am 2. Juli 1848 in Moskau,
f am 15. Dezember 1917 in Elbing. — Carl Z. entstammte einer holsteinischen
Familie, UrgroBvater und GroBvater waren Hamburger Burger, letzterer
GroBkaufmann, der durch die Kontinentalsperre Napoleons und die eng-
lischen Kaperschiffe Vermogen und Schiffe verlor. Der Vater, Alexander
Berthold Z., geboren 1812, ging nach vollendeter Lehrzeit nach Kopenhagen,
spater nach Paris, wo er die »Ecole Polytechnique« besuchte, so daB er mit
etwa 30 Jahren eine russische Staatsstellung annehmen konnte, die darin be-
stand, die zu jener Zeit junge russische Industrie und die dortigen Bahnbauten
zu organisieren und zu beaufsichtigen ; daneben baute er noch eine eigene
Maschinenfabrik, bis er durch einen Ungliicksfall genotigt wurde, RuBland
zu verlassen und krank nach Deutschland zuriickzukehren, wo er 1858 starb.
Zeppelin. Ziese 20 3
Die Mutter, eine geborene Burchardi, entstammte einer alten Gelehrten-
und Predigerfamilie, deren Stammbaum bis ins 13. Jahrhundert zuriickreicht.
Sie blieb nach dem Tode des Gatten mit fiinf Kindern zuriick, die zuerst bei
ihrem Onkel, Prediger Burchardi in Hamburg, dann in Kiel ihre Ausbildung
erhielten. Carl Heinrich, der alteste der Sonne, damals 10 Jahre alt, und sein
Bnider Rudolf kamen in die ruhmlich bekannte Privatschule von Dr. Meyer
und dann aufs Gymnasium. Carl, der von klein auf den Wunsch hatte, In-
genieur zu werden, ging nach seiner Konfirmation als Volontar zur Firma
Schweffel & Howaldt, der Vorgangerin der spateren Howaldt-Werke. Kenn-
zeichnend f iir seine Veranlagung und seine spatere glanzende Entwicklung zu
einem der hervorragendsten deutschen Ingenieure ist die Bemerkung in dem
Abgangszeugnis, das er nach Verlassen der Meyerschen Schule erhielt: »Ein
junger Mann von eigentumlicher Begabung. Biicherweisheit liegt ihm fern;
dagegen besitzt er eine fabelhaft leichte Auffassung alles Sichtbaren, Natiir-
lichen und Zeichnerischen ; nach dieser Richtung ist er geradezu genial ver-
anlagt. «
Nach Beendigung seiner dreijahrigen praktischen Lehrzeit bei Schweffel
& Howaldt trat er als Monteur in die Werkstatten von John Elder & Co.
in Glasgow ein, die zu jener Zeit die ersten Compoundmaschinen (Ver-
bimdmaschinen) bauten, bei denen wesentlich hoher gespannter Dampf, als
bisher ublich, in zwei Zylindern nacheinander wirkte, was eine erhohte Wirt-
schaftlichkeit gegeniiber den alteren Dampfmaschinen ergab und fur die Ent-
wicklung der Schiffahrt von umwalzender Bedeutung wurde. Sein Bruder
Rudolf folgte ihm spater, kehrte auch nach dem siebziger Kriege fiir mehrere
Jahre nach England zuriick.
Der Ausbruch des Krieges veranlaBte beide Bruder, sich zum Militardienst
zu stellen. Sie kamen zuerst auf das Kanonenboot »Chamaleon«, dann auf das
Zeichenbureau der Kieler Werft, und bezogen nach Erledigung ihres Kriegs-
dienstes im September 1871 die Berliner Gewerbeakademie in der Kloster-
straCe (die spatere Technische Hochschule), um Maschinenbau und Schiffbau
zu studieren. Aus jener Zeit stammen die Beziehungen, die Z. mit bedeutenden
deutschen Technikern, damals Studierende der Gewerbeakademie, zeitlebens
verbanden, mit Busley, dessen Name mit der Entwicklung von Deutsch-
lands Schiffbau und Schiffahrt verknupft ist, den Werftbesitzern Blohm und
Sachsenberg, ferner mit Heckmann, Oechelhauser, Hoppe, Max Krause, Pro-
fessor Slaby, dem Heizungstechniker Professor Rietschel (s. DBJ. 1914 — 16
S. 81) und manchen anderen.
Im Herbst 1873 trat die entscheidende Wendung in Z.s Leben ein : er erhielt
eine Stellung als Schiffsmaschinenbauer bei der Firma F. Schichau in Elbing,
die, 1837 gegriindet, sich allmahlich zu einer bedeutenden Maschinenfabrik im
ostlichen PreuBen entwickelt hatte. Ferdinand Schichau erkannte sofort die
hohen Ingenieurfahigkeiten, die in dem 25jahrigen Z. steckten, und er iiber-
trug ihm bald die Leitung des gesamten Schiffsmaschinenbaues. Bis zu jenen
Jahren hatte sich Schichau nur mit dem Bau von kleineren Handelsdampfern
und Baggern beschaftigt. Z. steckte seine Ziele weiter; er wandte bald seine
Aufmerksamkeit der in den Anfangen ihrer Entwicklung befindHchen deut-
schen Kriegsmarine zu, die 1878 die beiden Avisodampfer »Habicht« und
*>M6wTe« bei Schichau in Bestellung gab. Fiir diese Schiffe entwarf Z. Verbund-
204 *9I7
maschinen von je 600 PS und fuhrte damit als erster dieses System erfolgreich
in den deutschen Kriegsschiffbau ein.
Die Torpedowaffe hatte Anfang der siebziger Jahre in England zum Bau
kleiner, schneller Schiffe, der Torpedoboote, Veranlassung gegeben; klar sah
Z. — der inzwischen Schichaus Schwiegersohn geworden — die Zukunft dieses
neuen Schiffstyps voraus und widmete vom Jahre 1877 ab der Entwicklung
des Torpedobootes seine voile Arbeitskraft. Gleich das erste Boot, fur Rufi-
lands Marine gebaut, das bei 18 m Lange 16 Knoten lief und unter eigenem
Dampf von Elbing nach Petersburg fuhr, war ein voller Erfolg. Rasch folgten
sich die Bestellungen auf solche Boote : nicht nur die Kaiserliche Admiralitat,
auch Rufiland, Italien, Osterreich, China, die Tiirkei, die alle bisher nur in
England bestellt hatten, wandten sich nach Elbing, und in den folgenden
Jahren sah das bescheidene, westpreufiische Stadtchen Schiffbau-Ingenieure
aus aller Welt in seinen Mauern. Die Anforderungen an die Geschwindigkeit
wuchsen, und damit stiegen Maschinenleistung und Bootsdimensionen : 1889
war das russische Torpedoboot »Adler« mit 27,5 kn das schnellste Schiff der
Welt, 1898 liefen die chinesischen Torpedojager 36,7 kn, die hochste Geschwin-
digkeit, die mit Kolbenmaschinen je erreicht worden ist. Die Kaiserlich deutsche
Marine bestellte vom Jahre 1883 ab alle ihre Torpedoboote — die S-Boote —
bei Schichau und gab durch ihre mustergiiltige Ausgestaltung des Torpedo-
wesens Z. dauernd neuen Anreiz zur Weiterentwicklung des von ihm geschaffe-
nen Typs. Auf der Pariser Weltausstellung des Jahres 1900 konnte Schichau
250 von ihm gebaute Torpedoboote und Torpedojager in Bild und Modell vor-
fuhren, eine Zahl, die bis dahin keine andere Werft der Welt aufzuweisen hatte.
Die Maschinenanlagen dieser Torpedoboote waren Z.s ureigenste Schopfung ;
als ein Ingenieur von seltener konstruktiver Gewandtheit, von angeborenem
sicheren Gefuhl fiir die Ausgestaltung des Details, driickte er seinen Schop-
fungen einen Stempel auf, der sie in auffalliger Weise von alien anderen unter-
schied. Der kiinstlerische Sinn, der ihm eigen war, kam darin zum Ausdruck ;
wahrend die meisten Schiff smaschinen bis zur Nuchternheit »billige« Zweck-
formen aufwiesen, zeigten Z.s Entwiirfe bis hinab zum geringftigigsten Detail
eine vollendete Schonheit der Form, die sie von alien anderen charakteristisch
aufs vorteilhafteste unterscheidet. Die Z.schen Konstruktionen wurden vor-
bildhch fiir den Bau leichtester Kriegsschiff maschinen.
Z.s EinfluB ging jedoch, was vielleicht zu wenig bekannt ist, iiber die eigent-
liche Maschinenkonstruktion hinaus und erstreckte sich auch auf das Schiff.
Er erkannte bald, dafi die aufierste Sparsamkeit an Maschinengewicht, wie
sie der Torpedobootsbau gebieterisch fordert, in einem Mifiverhaltnis zu der
bislang geubten Praxis der meisten Schiffbauer stand, deren Detailkonstruk-
tionen nur zu haufig zeigten, daB — um seine Worte zu gebrauchen — »der
Holzschiffbau ihnen noch an den Fingern klebte«. So wurden denn unter seiner
Leitung all die tausend Einzelheiten des Torpedobootes bis ins kleinste »durch-
konstruiert« und in jahrzehntelanger Ubung zu mustergultigen Typen leichte-
ster Schiffbaudetails ausgestaltet. Nur so erklart es sich, daB Schiff und Ma-
schine »wie aus einem GuB« erscheinen, ein harmonisches Ganzes bilden, beide
von gleichem Geiste durchsetzt sind. Als Kunstlernatur, als vorziiglicher
Zeichner von hervorragend malerischer und bildhauerischer Begabung reizte
es Z. stets, auch auf anderen Gebieten, die der Schiffbautechnik ferner liegen,
Ziese 205
sich zu betatigen; mancher dekorative Entwurf, manches Mobelstiick in
Scbiffskajiiten und Salons verdankt seine Entstehung Z.s formgewandter
Hand.
Die gesteigerten Anf orderungen an die Wirtschaf tlichkeit des Schiffsantriebes
bedingten die Weiterentwicklung von der Verbund- zur Dreifacbexpansions-
maschine. Nach Z.s Entwurf baute Scbicbau als Versuchsmaschine 1881 die
erste dreikurbelige Dreifacbexpansions-Scbiffsmascbine anf dem Kontinent,
deren Original als ein Meisterstiick deutscher Technik vor einigen Jabren dem
Miincbener » Deutscben Museum « iiberwiesen wurde. Der Dampfer »Nierstein«
der Dampfschiffahrtsgesellschaft »Hansa« wurde 1883 als erstes deutsches
Schiff mit einer solchen Mascbine ausgerustet.
So lange sicb Scbicbau auf den Bau von Torpedobooten, -jagern und Han-
delsscbif fen mittlerer GroBe bescbrankte, reicbte die Elbinger Werft mit ibren
beengten Wasserverhaltnissen aus; als sicb Scbicbau aber an dem Ausbau
der deutscben Kriegs- und Handelsflotte, der Ende der acbtziger Jabre einen
ersten starken AnstoB erbielt, beteibgen wollte, konnte es nur durcb Scbaffung
einer neuen Werft an geeigneter Stelle gescbeben. So wurde 1890 an der Dan-
ziger Weichsel ein Gelande von 50 ba erworben und in ktirzester Zeit eine neue
Werft erricbtet, die Z. fur den Bau groBter Kriegs- mid Handelsscbiffe aus-
riisten UeB. Fiir das erste Kriegsscbiff, die Kreuzerkorvette »Gefion«, wurde
dort 1891 der Kiel gestreckt; 1894 Hefen die beiden Reicbspostdampfer »Prinz-
regent Luitpold* und »Prinz Heinricb« vom Stapel. Bis zu Z.s Tod batte die
Danziger Scbicbauwerft der deutschen Flotte iiber 20 Linienscbiffe und Kreuzer
gebefert, fiir die Handelsmarine iiber 30 der groBten Passagier- mid Fracbt-
dampfer, darunter aucb das damals groBte Scbiff des Norddeutscben Lloyd
»Columbus« gebaut.
Zu einer Zeit, als die Anwendung des Stablgusses im Scbiff- mid Scbiffs-
maschinenbau nocb wenig Anklang fand, hatte Z. bereits erkannt, welcbe
Bedeutung diesem Material fiir die Zukunft der Scbiffbautecbnik innewobnt;
lange bevor andere sicb dazu entscblossen, verwandte er bei seinen Konstruk-
tionen StahlguB und gliederte, um sicb von den weit entfernten StahlgieBereien
unabhangig zu macben, seiner Elbinger Werft 1898 ein Stablwerk an, das so-
fort fiir die Lieferung groBter GuBstiicke eingericbtet wurde und heute bei
einer tagbcben Lieferung von 50 Tonnen die groBte StablgieBerei im deutscben
Osten darstellt.
So entwickelte Z. die Scbicbau- Werke zu einer Weltfirma, die miter seiner
Leitung tausend Scbiff e gebaut und mit Mascbinen von rund 5 MilHonen PS
ausgerustet batte. Febl- mid Riickscblage sind ibm dabei erspart geblieben;
nacb 45jabriger Tatigkeit konnte er von sicb bebaupten, stets ins Scbwarze
getroffen zu baben; sicbtbarer Segen rubte auf all seiner Arbeit. Es war nur
scbeinbar, wenn er sicb Neuerungen langsamer vielleicbt als andere anschloB ;
das »Sensationelle« reizte ibn nicbt; batte er aber einmal das Gute im Neuen
erkannt, dann setzte er seine ganze groBe Energie und die groBen, ibm zur
Verfiigung stebenden Mittel an die Erreicbung des neuen Zieles. So war es,
als er 1907 den Dampfturbinenbau in groBtem Stile aufnabm und den Bau von
Unterseebooten wabrend des Krieges begann.
Dem bier gezeicbneten Bilde Z.s feblte jedocb ein wichtiger Zug, wollte man
nicht aucb des Reizes seiner Personlicbkeit gedenken, die Liebenswiirdigkeit
206 19 1 7
erwahnen, die jeden sofort fur sich gewann, der in die Nahe dieses Mannes kam.
Wer Gelegenheit hatte, mit Z. zu verkehren, ward von der gewinnenden Art
bestrickt, mit der er — gegen Hoch und Niedrig stets gleich — jedem ent-
gegentrat, von jener Form des Umgangs, die in ihrer Bescheidenheit kaum er-
kennen lieB, mit welcher bedeutenden Personlichkeit man es zu tun hatte.
Diese Bescheidenheit behielt er bis an sein Lebensende, trotz der hohen Aus-
zeichnungen, die ihm von vielen Regierungen zuteil wurden, trotz der Ehrungen
seitens der Technischen Hochschule Berlin und des Vereins deutscher Inge-
nieure, der ihm die Grashof-Denkmunze verlieh. Er stellte den Typus des
» gentleman « in des Wortes bester Bedeutung dar; sein AuBeres, das den ge-
sunden Geist im gesunden Korper erraten lieB, sein Auftreten machten ihn
bei Versammlungen zu einer hervorstehenden Erscheinung, die man nicht
iibersehen konnte. Er selbst fuhlte sich, ganz im Sinne des groBen Konigs, als
ersten Diener seines Reichs; Glockenschlag acht bei der Arbeit, nach dem
letzten seiner Beamten von der Arbeit gehend, so kannten ihn die Seinen, die
zu ihm nicht in einem bloBen Verhaltnis der Untergebenen zum Herrn standen,
die vielmehr durch sein freundliches Wesen, durch die fast kollegiale Art seines
Umganges an ihn gefesselt wurden.
Es muB aber auch noch besonders des innigen Verhaltnisses gedacht werden,
das ihn bis zum Tode mit seinem Bruder Rudolf (* 12. Juni 1850) verband,
der, selbst ein hervorragender Ingenieur, zuerst lange Jahre in England als
Schif f smaschinenbauer gearbeitet hatte und spater die Vertretung der Schichau-
Werke in RuBland iibernahm. Aus dem jahrzehntelangen Zusammenarbeiten
der Bruder ist die Anregung zu mancher Schichauschen Neukonstruktion ent-
standen.
Unerwartet, mitten in der Fulle von Arbeit, die der Krieg in erhohtem MaBe
von ihm verlangte, starb Carl Z. nach kurzer Krankheit am 15. Dezember 191 7.
Ihm folgten nacheinander in der Leitung des Werkes seine Gattin Elisabeth,
geborene Schichau (f 2. Juli 1919), sein Schwiegersohn, Ingenieur C. Carlson
(f 23. Oktober 1924) und seine Tochter Frau Carlson, geborene Z. (f 4. Marz,
1927).
Berlin-Charlottenburg. Paul Krainer.
1918
Bachem, Julius, Politiker und Publizist, * am 2. JUH1845 inMulheim a. Rh.,
t am 22. Januar 1918 in Koln. — B. war der Sohn eines Farb- und Kolonial-
warenhandlers und besuchte zunachst in seiner Vaterstadt die Realschule
I. Ordnung. Unter dem Einflusse seines Vaters entwickelte sich bei ihm ein
starkes Interesse an der Natur, besonders der Vogel- und Insektenwelt. Noch
in spateren Lebensjahren betatigte er sich auf diesem Gebiete als Sammler
und Forscher. Nach der Absolvierung der Tertia der Realschule kam er an
die Handelsschule in Rolduc in Hollandisch-Iyimburg, wo in der ehemaligen
Augustinerabtei mehrere hohere Unterrichtsanstalten vereinigt waren. Da B.
Lust zum akademischen Studium bekam, ging er zur Lateinschule iiber, die
er mit gutem Erfolg besuchte. Dann trat er in die Unterprima des Huma-
nistischen Gymnasiums in Kempen ein, das er Sommer 1864 mit dem Zeugnis
der Reife zum Universitatsstudium verlieB. In Bonn studierte er zuerst
neuere Sprachen und Naturwissenschaften, ging aber nach zwei Semestern
zur Rechtswissenschaft iiber, der er sich in Berlin und Bonn widmete. Im
Sommer 1868 wurde er nach bestandenem Examen bei dem Kolner I,and-
gericht als Auskultator angenommen. Gleichzeitig trat er in die Redaktion der
»K61nischen Blatter « ein, die seit dem 1. Januar 1869 den Namen »K61nische
Volkszeitung* fiihrten. Bei seiner groflen Willensstarke gelang es B., seiner
Dienstpflicht am Gericht und zugleich seinen ObHegenheiten als Redakteur
zu gentigen, und bestand mit gutem Erfolge das Assessorexamen. Danach
entschied er sich endgiiltig fiir die Journalistik. Seine Tatigkeit als Redakteur
f iel zeitlich zusammen mit dem groBen kirchenpohtischen Konflikt (Kultur-
kampf), der 1872 ausbrach. B. stand an der Wiege der Zentrumsfraktionen
des Reichstags und des PreuBischen Landtags. Er erblickte seine Lebensauf-
gabe darin, die Grundideen der Zentrumspartei und die praktische Zentrums-
politik offentlich zu vertreten.
Zu Beginn des Jahres 1876 trat der Bonner Privatdozent fiir Geschichte,
Dr. Hermann Cardauns, als Hauptredakteur in die Leitung der »K61nischen
Volkszeitung« ein. Beide Manner haben mehr als drei Jahrzehnte in eintrach-
tiger Zusammenarbeit die Redaktion des sich stetig entwickelnden Hauptorgans
der Rheinischen Zentrumspartei geleitet, wobei B. vorwiegend das staatsrecht-
Uche und das sozialpolitische Gebiet behandelte. Wiederholt verdichtete sich
seine publizistische Tatigkeit zu konkreten Gesetzesvorschlagen, fiir die er als
Schriftsteller und Redner unausgesetzt bemiiht war. So bei der zuerst von ihm
planmaBig betriebenen gesetzhchen Bekampfung des »unlauteren Wett-
bewerbs*, dem er im Sinne der franzosischen Rechtsprechung wider die Con-
208 1918
currence deloyale aus Artikel 1382 des Code Civil beizukommen suchte. Mehr
und mehr setzte sich bei den Juristen und auch in Handelskreisen dieser Ge-
danke durch, und am 27. Mai 1896 nahm der Reichstag das Gesetz gegen den
unlauteren Wettbewerb an. Mit dem Abgeordneten Oberlandesgerichtsrat
Roeren gab B. einen in mehreren Auflagen erschienenen Kommentar zu diesem
Gesetze heraus.
In ahnlicher Weise setzte B. sich in Zeitungsartikeln und inBroschiiren fur die
Einfiihrung der sog. bedingten Verurteilung ein, durch die die schwerwiegenden
Nachteile der kurzfristigen Freiheitsstrafen abgeschwacht werden sollten. Er
hatte die Handhabung des einschlagigen belgischen Gesetzes an der Zucht-
polizeikammer in Luttich studieren konnen, und wenn die bedingte Verurtei-
lung damals im Deutschen Reiche auch nicht in der von B. beabsichtigten
Weise eingefuhrt wurde, so kam der Grundgedanke seit 1895 in den meisten
deutschen Bundesstaaten doch in der Weise zur Durchfuhrung, dafl die Landes-
justizverwaltungen im Verordnungswege eine bedingte Strafaussetzung mit
Aussicht auf StraferlaB im Gnadenwege gewahren konnten.
Auch auf dem Gebiete der Kommunalpolitik hat B. sich eifrig betatigt,
Kaum 30 Jahre alt wurde er 1875 in der dritten Wahlerabteilung in das Kolner
Stadtverordnetenkollegium gewahlt. Der Kampf der Parteien wurde damals
vor allem in der dritten Klasse gefiihrt, zumal das Wahlrecht in der Rhein-
provinz fiir die stadtische Vertretung gesetzlich an einen um eine Stufe hoheren
Zensus gekniipft war als in den alten Provinzen PreuBens, und da es, wie auch
in Koln, durch Ortsstatut noch um eine weitere Stufe erhoht worden war. Erst
1892 gelang es bei Gelegenheit der Miquelschen Steuerreform hauptsachlich
durch die Bemuhungen B.s im PreuBischen Abgeordnetenhause, daB der Wahl-
zensus um eine Stufe herabgesetzt wurde, wodurch allein in Koln die Zahl der
Wahler in der dritten Klasse um rund 8000 stieg.
Im Herbst 1876 wurde B. fiir den Wahlkreis Sieg - Miilheim a. Rh. -Wipper-
fiirth auch in das PreuBische Abgeordnetenhaus gewahlt, dem er bis 1890 an-
gehorte. Rasch erlangte er in der Zentrumsfraktion, aber auch bei den ubrigen
Parteien infolge seiner Rednergabe und seiner Sachkenntnis eine angesehene
Stellung. Ihm lag neben Windthorst, den beiden Reichensperger und Lieber
die parlamentarische Vertretung der politischen, der kirchenpolitischen und
der Schulfragen ob. In der Schrift »PreuBen und die katholische Kirche« schil-
derte er das Verhaltnis dieser beiden Gewalten in seiner geschichtlichen Ent-
wicklung. Als Parlamentarier wie als Journalist hielt B. es fiir seine vornehmste
Pflicht, fiir die Beseitigung der Kulturkampfgesetzgebung, fiir die Freiheit der
Religionsubung des katholischen Volksteils und fiir die verfassungsmaBige
Gleichberechtigung desselben einzutreten. Die Erregung, die sich in katho-
lischen Gegenden der Bevolkerung damals bemachtigt hatte, fiihrte wiederholt
zu ZusammenstoBen mit den Organen der Staatsregierung und zu aufsehen-
erregenden Gerichtsverhandlungen. Zweimal hatte dabei B. als Rechtsbeistand
einen vielbesprochenen Erfolg; das erstemal 1876 bei dem ProzeB gegen
21 Leute aus dem Dorfe Marpingen (Bez. Trier), die wegen Aufruhrs und Land-
friedensbruchs angeklagt waren, aber bei der Gerichtsverhandlung in Saar-
briicken auf Antrag B.s freigesprochen wurden. Das zweitemal bei dem sog.
Rheinbrohler GlockenprozeB. In dem Orte Rheinbrohl bei Neuwied hatte der
Biirgermeister beim Begrabnis eines zweijahrigen Kindes das Lauten der
Bachem
209
Kirchenglocken angeordnet, und als die Kirchengemeinde dieser Forderung
passiven Widerstand entgegensetzte, in Koblenz Landgendarmerie und Militar
requiriert. B. vertrat im Landtage mit Erfolg den Satz, daB die Glocken in
Rheinbrohl der Kirchengemeinde gehorten und daB die Bevdlkerung zu der
schroffen MaBregel der Requirierung von Militar keinerlei AnlaJ3 gegeben habe.
Das Oberlandesgericht in Frankfurt erkannte das alleinige Eigentum der
Kirchengemeinde an der Kirche und dem Kirchturm an, und demgemaB wur-
den der Zivilgemeinde die erheblichen Kosten des militarischen Eingreifens
wieder erstattet.
Als 1876 der hundertjahrige Geburtstag Joseph v. Gorres' gefeiert wurde,
war B. in Koblenz mit fiinf Gesinnungsgenossen, darunter die Bonner Privat-
dozenten Freiherr v. Hertling (s. unten VS. 418) und Hermann Cardauns,
an der Griindung der » Gorres-Gesellschaf t zur Pflege der Wissenschaft im katho-
lischen Deutschland« hervorragend beteiligt. Besonders enge verkniipfte ihn
mit dieser Organisation die Bearbeitung und Herausgabe des von ihr ver-
offentlichten »Staatslexikons«, von dem unter der Redaktion B.s vier Auflagen
erschienen. Nach der Fertigstellung der ersten Auflage ernannte ihn die Uni-
versitat Lowen zuin Ehrendoktor der Staatswissenschaften. In ahnlicher Weise
war B. auch fur den Ausbau des 1878 gegrundeten Augustinus-Vereins zur Pflege
der katholischen Presse bemiiht, bei dessen Generalversammlungen er meist
die politischen Refer ate erstattete.
In der Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts verbreitete sich
von Frankreich und Italien her auch in Deutschland ein von den sog. franzo-
sischen »Fumisten« ausgehender Schwindel, dessen Urheber, vor allem der
franzosische Schriftsteller und ehemalige Freimaurer Leo Taxil, auf Grund
willkurlicher Erfindungen und Enthiillungen in Biichern und Zeitungen die
Freimaurerei als im Bunde mit dem Teufel stehend hinstellten. Auf dem im
September 1896 in Trient stattfindenden Internationalen Antifreimaurer-
kongreB sollten diese sensationellen Enthiillungen als Beweismaterial fiir kirch-
liche MaBnahmen gegen die Freimaurerei verwertet werden. In dieser hoch-
kritischen Situation gelang es B. auf Grund seiner personlichen Beziehungen zu
einem dieser f ranzosischen Schriftsteller die ganze groBangelegte Mystif ikation
aufzudecken und ihre Hintermanner in mehreren Artikeln der Presse zu ent-
larven. Dadurch hat er sich urn die Bewahrung des deutschen Katholizismus
vor der ihm zugedachten Blamage ein groBes Verdienst erworben.
B. wollte nach seinen offentlichen Versicherungen nichts anderes sein, als
Zentrumspublizist und Zentrumspolitiker schlechthin, so wie er in der Schule
Windthorsts es gelernt hatte. Trotzdem konnte er nicht verhindern, daB er von
sog. integralen Schwarmgeistern als Vertreter einer einseitigen Richtung, der
Richtung Bachem oder auch der Koln - M. - Gladbacher Richtung bezeichnet
und heftig angefeindet wurde. Diese kritische Einstellung gegenuber der von
B. vertretenen Kulturpolitik war hervorgerufen durch einen Artikel, den B.
1906 unter dem Titel »Wir miissen aus dem Turm heraus! « in den »Munchener
Historisch-Politischen Blattern« (Bd. 137, S. 376 ff.) veroffentlicht hatte, und
der lange Zeit hindurch in der Presse aller Parteien ein groBes Aufsehen erregte
und vielfach angefochten wurde. Dadurch wurde der jahrelang wahrende Streit
um den Charakter der Zentrumspartei bewirkt, der in der 1910 erschienenen
anonymen Streitschrift »K61n — eine innere Gefahr fiir den Katholizismus «
DBJ 14
210 1918
gipfelte. Was B. mit jenem Artikel beabsichtigte, hat er in seiner Schrift »Lose
Blatter aus meinem Leben« erlautert. Danach wollte er die starke Verteidi-
gungsstellung des Zentrums nicht preisgeben, aber anderseits die Zentrums-
partei auch nicht als eine ausschlieBlich konfessionelle Partei kennzeichnen,
sondern er betonte ausdriicklich, daB das Zentrum nach der Absicht seiner
Griinder, nach seinem Programm und nach seiner Geschichte eine politische
nichtkonfessionelle Partei sei, der auch jeder Nichtkatholik, der dessen Pro-
gramm annehme, beitreten konne und dem auch bis in die neueste Zeit hinein
hervorragende Mitglieder des protestantischen Bekenntnisses arigehort hatten.
Mit dieser Forderung B.s war also nicht gemeint, das Zentrum solle sein bisher
vertretenes Programm aufgeben und sich in eine rein wirtschaftliche Partei
umwandeln, wie die Richtungsgegner B.s dies unterstellten. Die in dem Turm-
artikel erorterten Gesichtspunkte des Verfassers haben sich, nachdem die Mi£-
verstandnisse und falschen Auffassungen beseitigt waren, allmahlich auf der
ganzen Linie durchgesetzt.
B. besaB einen ungemein klar denkenden Verstand, eine rasche Auffassung
und eine schier unbeugsame Willenskraft. Seine geistige Starke lag auf poli-
tischem Gebiete, wo ihn auBer einem rastlosen FleiB ein geradezu divinato-
rischer Scharfblick auszeichnete, der ihn kommende politische Situationen
sicher vorhersehen und genau berechnen lieB. Er war eine ausgesprochene
Kampfer- und Fiihrernatur und besafi eine hinreiBende und schlagfertige Be-
redsamkeit. Er war eifrig um den wirtschaftlichen, sozialen und wissenschaft-
lichen Auf stieg des katholischen Volksteiles bemiiht und hat diesen durch seine
46jahrige journalistische Tatigkeit aus alien Kraften zu befordern gesucht, aber
er hat sich doch anderseits auch stets fur den paritatischen Rechtsstaat und
fiir die biirgerliche Toleranz in Deutschland eingesetzt und bewuBt die gemein-
samen Giiter aller Konfessionen gepflegt.
Literatur: Bachem (und W ein and) : Vor den Wahlen. Mahnruf an das christlich-
konservative Deutschland, 1871. — B. (und Semmerau) : Lamy, ein Opfer der Geheim-
biinde. Auszug aus Brescimis Jude von Verona, 1873. — Das Zentrum im Landtag und
im Reichstag, 1874. — Ein Kapitel uber die Polizei, 1876. — Strafrechtspflege und
Politik, 1876. — Gesetz und Recht, 1876, 2. Auflage 1877. — Preuflen und die katholische
Kirche, 1884, 5. Auflage 1887. — Der unlautere Wettbewerb, 1892. — Wie ist dem un-
lauteren Wettbewerb zu begegnen ? 1893. — Bedingte Verurteilung, 1894. — Bedingte
Verurteilung oder bedingte Begnadigung, 1896. — B. (und Roeren) : Das Gesetz zur Be-
kampfung des unlauteren Wettbewerbs, 1896, 3. Auflage 1900. — B. (und W. Hankamer) :
Die Paritat in PreuBen, 1897, 2- Auflage 1899. — Allerlei Gedanken iiber Journalistik, 1905.
— Lose Blatter aus meinem Leben, 1910. — Erinnerungen eines Politikers, 191 2. — Das
Zentrum, 191 3. — Der Krieg und die politischen Parteien, o. J. — Der Krieg und das
Papsttum, o. J . — Der Krieg und die Polen, o. J . — Hsg. J ahrhundertf eier zur Vereinigung
der Rheinlande mit PreuBen, 1915. — Staatslexikon der Gorres-Gesellschaft, 1900 ff. —
Hermann Cardauns, Aus dem Leben eines Redakteurs, 191 2.
Koln. Karl Hoeber.
Ballin, Albert, Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, * 15. August
1857 in Hamburg, f 9. November 1918 in Hamburg. — Albert B. wurde in
Hamburg unten im Hafenviertel, in dem heute nicht mehr bestehenden alt-
hamburger Hause Stubbenhuk 17 als dreizehntes Kind seines Vaters geboren.
Der Vater, Samuel Joel B., aus dem kleinen Hafenort Horsens an der Ostkiiste
Siid-Jiitlands stammend, war 1832 als Handwerker in Hamburg eingewandert,
Bachem. Ballin 211
hatte es rasch mit einer Dekatier- und Farbereiwerkstatt, die schlieBlich zur
Fabrik angewachsen war, zu kleinem Wohlstand gebracht, der freilich nach
dem groBen Brand von Hamburg 1842 infolge der Insolvenz groBer Hamburger
Firmen wieder zusammenbrach. 1852, also funf Jahre vor Alberts Geburt, er-
richtete der Vater mit einem Sozius eine Auswandereragentur,.die sich bis zu
seinem Tode (1874) miihselig durchschlug und keine besondere Bedeutung er-
langen konnte. In diesem Milieu wuchs Albert B., nahe dem Zentrum des Ham-
burger Hafenverkehrs und tagtaglich hingewiesen auf den groBen, namentlich
nach der Revolution von 1848 mehr und mehr anschwellenden Auswanderer-
verkehr iiber Hamburg, mit hellsichtigen Augen auf. Als der Vater, siebzigjahrig,
gestorben war, muBte er, noch unmiindig, sehr bald die Fiihrung der Firma, die
nominell der Mutter gehorte, ubernehmen. Seine Schuljahre hatten ihm auf
verschiedenen Lehranstalten das iibliche Bildungsgut vermittelt. Ein glanzen-
der Schuler ist er niemals gewesen. Die wertvollste Ausbildung brachte ihm in
den nachsten Jahren das Leben selbst, zumal er nun einen eisernen FleiB, eine
ungewdhnliche Auffassungsgabe und einen ganz seltenen Blick fur geschaft-
liche Moglichkeiten entwickelte. Die kleine Auswandereragentur verstand er
als » junger Mann « sehr bald zu groBerer Bedeutung zu bringen, so daB er bereits
1880 mit seiner Firma einen erheblichen Teil des indirekten Auswanderer-
verkehrs iiber Hamburg, d. h. den Transport von Auswanderern iiber englische
Hafen beherrschte. Reisen nach England brachten ihm Beziehungen aller Art,
verschafften ihm Einblick in die treibenden Krafte des Schiffahrtsgeschaftes
und in die damals namentlich in England aufstrebenden GroBreedereien.
Die Entwicklung der deutschen Reedereien war bis dahin keine besonders
gluckliche gewesen. Zwar hatte der Norddeutsche I,loyd in Bremen (gegriindet
1857) einen erheblichen Teil des Auswandererverkehrs iiber deutsche Hafen an
sich ziehen konnen, ebenso wie die Hamburg-Amerikanische Paketfahrt A.-G.
(Hapag, gegriindet 1847) mit wechselndem Gliick ihre Beziehungen im Per-
sonen- und Frachtverkehr nach Amerika und Westindien ausgestaltet hatte.
Anfang der achtziger Jahre aber, zu einer Zeit, in der Bremen in seinen Be-
forderungszahlen einen starken Vorsprung vor Hamburg erzielt hatte, waren
die inneren Verhaltnisse der Hapag iiberaus unsicher und schwankend. Es lag
wie eine Lahmung iiber dem Unternehmen. Der Reeder Edward Carr, vorher
Mitinhaber der bekannten Firma Rob. M. Sloman jr. stellte der wenig unter-
nehmungslustigen Hapag eine Auswandererlinie nach Neuyork entgegen und
sicherte sich die Mitarbeit der B.schen Agentur mit dem Erfolg, daB die Hapag
trotz ihrer iiberragenden GroBe schlieBlich dazu iibergehen muBte, sich mit
dieser tatkraftigen jungen Konkurrenz zu verstandigen. Die Carrschen Inter-
essen wurden mit der Hapag vereint, und B. trat, 20jahrig, 1886 als Passage-
leiter in den Dienst der groBten Hamburger Reederei. Zwei Jahre spater wurde
er Mitglied des Direktoriums und abermals einige Jahre spater Vorsitzender
des Direktoriums des sich nunmehr » Hamburg- Amerika -L,inie« nennenden
GroBbetriebes.
War schon der personliche Aufstieg dieses Mannes, den weder uberkommenes
Vermogen noch glanzende Verbindungen oder Familientradition zur Ver-
fiigung standen, ein namentlich in der alten patrizischen Hansestadt durchaus
ungewohnlicher Vorgang, so war die Iyeistung, die nun folgte, etwas Erstaun-
liches.
212 1918
Zunachst organisierte B. den Passagedienst der vergroBerten Gesellschaft
sowohl in Hamburg als auch in Neuyork neu, schuf die ersten Grundlagen
einer reprasentativen Propaganda, die bekanntlich heute ein iiberaus wichtiges
Element der iiberseeischen Personenschiffahrt darstellt, und trieb die Gesell-
schaft dazu an, den Schnelldampfertyp, mit dem der Norddeutsche Lloyd in
den letzten Jahren vor 1886 grofle Erfolge erzielt hatte, aufzunehmen und fort-
zubilden. Der erste grofle Schritt der Hapag war der Bau eines Doppelschrauben-
Schnelldampfers, der den Einschrauben-Schnelldampfern des Norddeutschen
Lloyd die Spitze bieten sollte. Damit gewann die Hamburg- Amerika-Linie un-
geahnte Entwicklungsmoglichkeiten. Sie konnte ihre Schiffe wesentlich ver-
groBern und wegen der beiden nebeneinanderliegenden Maschinen verbreitern,
ohne daB darunter das Ziel groBerer Schnelligkeit litt. Der Norddeutsche Lloyd,
der sich zunachst nicht zum Bau von Doppelschraubenschiffen entschlieBen
konnte, muflte bald empfinden, daB ihm ein scharfer Wettbewerber in Ham-
burg entstanden war. In den ersten zehn Jahren der B.schen Wirksamkeit in
der Hamburg- Amerika-Linie muBte sich der Norddeutsche Lloyd trotz eigener
vortrefflicher Entwicklung, sowohl was Tonnage, beforderte Passagiere, wie
Auswandererzahl angeht, iiberfliigeln lassen. Das Kennzeichen der B.schen
Wirksamkeit innerhalb seiner Reederei war die f achliche Universalitat. Obwohl
er in seinen Lehr jahren mit dem Frachtgeschaft kaum etwas zu tun hatte,
wirkte er bald anfeuernd auch auf die Frachtlinien der Hamburg-Amerika-
Linie ein. Die Ausbildung des Borddienstes stand nicht nur unter seiner Auf-
sicht, sondern blieb bis zuletzt bis ins einzelne seinem EinfluB unterworfen. In
technischer Beziehung stellte er seine Mitarbeiter immer erneut vor neue und
groflere Aufgaben. Auf finanziellem Gebiet verstand er es, der Gesellschaft,
deren Aktien vorher zeitweise stark angeboten waren, neues Vertrauen nicnt
nur in den hamburgischen Wirtschaftskreisen, sondern im ganzen Reiche zu
verschaffen. Die in finanzieller Beziehung durchaus vorsichtige, aber auch
wagemutige Fiihrung der Gesamtentwicklung ermoglichte immer neue Kapital-
erhohungen und schuf damit erst die Grundlage zu neuen technischen Fort-
schritten. Nicht zuletzt war es B. zu danken, daB der Hamburger Staat in weit
groflerem Umfange als f riiher seine Fiirsorge der Vertiefung und dem Ausbau
der Unterelbe zuwendete (s. Bubendey, unten S. 359), so daB die von der Ham-
burg- Amerika-Linie in raschem Tempo geschaffenen, immer grofler werden-
den Schiffsgefafle fast ausnahmslos bis in den Hamburger Hafen gelangen
konnten. Die geniale Beweglichkeit seines Geistes und die vorausschauende
Feinfuhligkeit, mit der er den Wiinschen des zu Seereisen geneigten Publikums
zuvorkam, fiihrten in der Ausgestaltung der transatlantischen nordamerika-
nischen Fahrten zu einer iiberaus sinnvollen jeweiligen Verlegung des Schwer-
gewichts im Charakter der neu geschaffenen Schiffstypen, indem wechselweise
im Abstand von mehreren Jahren das eine Mai mehr der gesteigerten Schnellig-
keit, das andere Mai der Bequemlichkeit und hervorragenden Raumgestaltung
an Bord die groflere Bedeutung zugemessen wurde. Daneben verstand B. fur
die europaische Auswanderung nach Nordamerika vorbildliche neue Grund-
lagen zu schaffen. Die Organisation des Auswandererdienstes schon an der
russisch-polnischen Grenze, die Unterbringung der Auswanderer bis zur Ab-
fahrt des Schiffes im Hamburger Hafen in einer eigens hierzu geschaffenen
Auswandererhallenanlage, die einer ganzen Stadt gleicht, und die gesundheit-
Ballin 213
liche Sicherung der immer mehr wachsenden Anzahl von Menschen (letzteres
namentlich nach dem katastrophalen Cholera jahr von 1892) wurde so geradezu
zur Voraussetzung des glatten Ablaufs jenes Auswandererstromes, dessen
Hunderttausende alljahrlich iiber europaische, meist deutsche Hafen eine neue
Lebensgrundlage jenseits des Ozeans such ten. — Als B. in die Hapag eintrat,
lieB diese ihre Schiffe lediglich nach Nordamerika und Westindien laufen. In
der Folgezeit steigerten sich die Leistungen der Gesellschaft, indem immer
neue Gebiete der Welt in den Verkehr einbezogen wurden. Mit Ausnahme der
australischen Hafen gab es vor Ausbruch des Weltkrieges kaum irgendeinen
groBeren Hafen an den Kiisten dieser Erde, in dem nicht die Flagge der Hapag
regelmaBig gezeigt worden ware. Die geradezu meisterhafte Propaganda, die
unter dem EinfluB B.s sowohl in kunstlerischer wie in literarischer Beziehung
ausgebaut wurde, fand Unterstiitzung in der Angliederung kleinerer Unter-
nehmen, die fur das Urteil des Publikums erhebliche Bedeutung hatten: die
Ausgestaltung des deutschen Nordseebaderdienstes und der Reisebureaus. Es
soil nicht behauptet werden, daB alle Einzelheiten dieser Entwicklung das per-
sonliche Verdienst oder die ureigenste Idee Albert B.s gewesen seien. Er war viel
zu objektiv, um nicht das Gute daher zu nehmen, wo er es fand. Wohl aber war
er oft derjenige, der den ersten AnstoB gab, und der nicht ruhte, bis eine Neue-
rung in der feinsten Form durchgefuhrt wurde. So war der Gedanke der Nord-
land- und Mittelmeerfahrten mit denjenigen groBen Passagierdampfern, die in
der stilleren Zeit im transatlantischen Verkehr nicht benotigt wurden, eine
seiner originellen, fruchttragenden Ideen.
Wenn der alte Satz, daB die Flagge dem Handel vorausgeht, als richtig anzu-
erkennen ist, dann hat Albert B. fur die Ausgestaltung der deutschen Ubersee-
wirtschaft, fur die Entwicklung des AuBenhandels und gleichzeitig auch der
deutschen Industrie eine Riesenleistung vollbracht. Der Auftrieb seiner Tatig-
keit und seines Unternehmens riB naturgemaB andere Unternehmungen gleicher
Art zu groBen Leistungen mit. Er hat niemals der Meinung gehuldigt, daB,
nachdem die Hamburg- Amerika-Linie zur groBten deutschen Reederei ge-
worden war, ihr etwa eine Art Monopol oder Vorzugsstellung verschafft werden
konnte. Trotz seiner guten Beziehungen zur deutschen Regierung und der
Freundschaft, die ihn etwa von der Jahrhundertwende ab mit dem deutschen
Kaiser verband, hat er niemals versucht, seiner Reederei Subventionen der
Regierung, wie sie in anderen Landern ublich waren, zuzufuhren ; im Gegen-
teil, er war ein scharfer Gegner dieser Art von Schiffahrtspolitik.
Dem schrankenlosen Wettbewerb, der insbesondere der Schiffahrt eigen sein
kann, begegnete er mit dem Aufbau einer der glanzendsten internationalen
Organisationen, die die neuere Wirtschaftsgeschichte kennt. Es ist bezeichnend,
daB er bereits als 2oJahriger junger Mann beim Eintritt in die Hapag den Plan
zu einem internationalen Schiffahrtspool mitbrachte. Neben der iiberaus viel-
seitigen Tatigkeit des ersten Jahrzehnts innerhalb der Hapag war die Durch-
arbeitung dieser Idee und der allmahliche unter seinem maBgeblichen EinfluB
zustande kommende Aufbau des transatlantischen Passagepools, dem sehr bald
ahnliche Organisationen auf alien Schiffahrtsgebieten folgten, einer der wich-
tigsten Leistungen. Die Eigenart dieser groBen Kartelle, denen sehr bald alle
Schiffahrtsunternehmungen angehorten, lag darin, daB zwar die Preise und die
Linienorganisation auf einer sinnreich durchdachten Vereinbarung beruhten,
214 1918
daB aber gleichzeitig den einzelnen Unternehmungen hinsichtlich der quali-
tativen Ausgestaltung ihres Dienstes und der technischen Verbesserung ihrer
Schiffe keinerlei Schranken gezogen waren. So wurde B. selir bald als aner-
kannter Fiihrer dieser Organisation zu einer wirtschafts-politisch bedeutenden
Personlichkeit, deren EinfluB auch auBerhalb der Grenzen groB zu nennen war.
Es nimmt daher nicht wunder, daB ihm ganz von selbst auch ein erheblicher
politischer EinfluB zuwuchs, der keineswegs nur auf seiner Freundschaft zum
deutschen Kaiser beruhte. Seine Beziehungen zu den Wirtschafts- und Finanz-
fuhrern der groBen Weltmachte, denen der gewaltige wirtschaftliche Erfolg
seiner Reederei hohe Achtung abgerungen hatte, fiihrten ganz von selbst dazu,
auch in den groBen Fragen der AuBenpolitik eine nicht unwesentliche Stellung
zu finden. Er hat freilich niemals eine amtliche Tatigkeit auf diesen Gebieten
erstrebt oder ubernommen. AuBere Ehrungen, die ihm zahlreich angeboten
wurden, hat er gering geschatzt, und so we it es sich um Titel handelte, charakter-
voll abgelehnt. Den Gipfel seiner Laufbahn erklomm er in den letzten Jahren
vor dem Weltkriege, indem er unter der besonderen Aufmerksamkeit des
Kaisers den groBen Wurf der drei Imperatorenschiff e wagte : Drei Turbinen-
schnelldampfer von ungeheuren AusmaBen mit drei Schrauben, zwischen
52 000 und 60000 Bruttoregistertonnen mit einer bis dahin noch nicht gekannten
Schnelligkeit versehen, mit Bordraumen von bisher ungekannter Pracht: ein
dreifaches Werk, dessen Vollendung der Weltkrieg verhinderte. Dampfer
»Imperator<( war 1913, Dampfer »Vaterland« 1914 in Dienst genommen, wah-
rend Dampfer » Bismarck « erst wahrend des Krieges langsam fertiggestellt
werden konnte.
Damit begann der tragische Zusammenbruch einer seltenen menschlichen
Laufbahn und Leistung. Der Krieg zerstorte die Organisation der deutschen
Reedereien mit einem Schlage. Der Frieden von Versailles nahm der Hamburg-
Amerika-Linie den verhaltnismaBig groBen Teil der Schiffe, die ihr trotz Ver-
senkung und Wegnahme verblieben waren, vollends fort. B. hat diesen letzten
und schwersten Schlag nicht mehr erlebt. Aber sein Geist hatte dieses vor-
laufige Ende seines Lebenswerkes vorausgefuhlt. — Wahrend des Krieges
stellte er seine Kraft fur die Beratung in groBen wirtschaftlichen Fragen und
fur politisch-diplomatische Verhandlungen soweit moglich zur Verfugung. Sein
Urteil iiber die politische Fuhrung des deutschen Volkes wahrend des Krieges
war im ganzen, wenn auch unter Schwankungen, die seinem sanguinischen
Charakter entsprachen, absprechend. Er begann aus seiner Auslandskenntnis
heraus bereits friih daran zu zweifeln, daB es Deutschland moglich sein wiirde,
einer ganzen Welt zu widerstehen. Er warnte vor der Einleitung des unbe-
schrankten U-Bootkrieges und lieB sich schlieBlich durch die Urteile der Marine-
politiker bestimmen, seinen Widerspruch aufzugeben. Der Eintritt Amerikas
in den Krieg nahm ihm aber fast alle Hoffnungen auf einen giinstigen Ausgang,
und der Gedanke, daB er im Schatten der durch den Krieg hervorgerufenen
Hetze gegen Deutschland genotigt sein konnte, eines Tages aus den Triimmern
seines Unternehmens wieder eine neue Reederei aufzubauen, hat ihn in seinen
Nerven auf das schwerste erschtittert. Im Herbst 19 18 wandten sich maB-
gebende Kreise, unter ihnen Hugo Stinnes, an Albert B., seinen EinfluB bei
Wilhelm II. im Sinne einer Liquidierung des Krieges einzusetzen. Ende Oktober
legte man ihm nahe, die Waffenstillstandsverhandlungen zu fiihren. Er war
Ballin. Baeyer 215
bereit. Als der Zusammenbruch da war und die Erregung der Revolution jede
Arbeit vollends zum Stillstand brachte, schlug das Schicksal auch iiber dem
Haupte Albert B.s zusammen. An dem schicksalsschweren 9. November 1918
schied er aus dem Leben.
Literatur: Huldermann, Albert Ballin, 1920, 2. Auflage 1922; P. F. Stubmann,
Albert Ballin, 1926.
Hamburg. Peter Franz Stubmann.
Baeyer, Johann Friedrich Wilhelm Adolf v., Dr. phil., o. Professor der Chemie
an der Universitat Miinchen, Geh. Rat; * am 31. Oktober 1835 m Berlin,
•f am 20. August 1918 *) in Miinchen. — Adolf B. wurde als Sohn des Hauptmanns
im Generalstab und nachmaligen Generalleutnants Johann Jakob B. und dessen
Frau Eugenie, geb. Hitzig, geboren. Das Milieu, in welchem Adolf B. seine
Jugend verlebte, ware eigentlich viel mehr dazu geeignet gewesen, den Knaben
einem schongeistigen Beruf zuzufiihren als der Naturwissenschaft. Denn sein
Geburtshaus bewohnten auBer den Eltern auch die GroBeltern Hitzig und sein
Onkel Franz Kugler (s. DBJ. 1914 — 16, S. 27), ein namhafter Kulturhistoriker,
und in deren Kreise hatten einst Chamisso und E. Th. A. Hoffmann verkehrt
imd verkehrten in Adolf B.s Jugendjahren noch Geibel, Paul Heyse (s. DBJ.
1914 — 16, S. 26ff.)( Fontane und andere Dichter alsFreunde und haufigeGaste.
Gleichwohl wiesen angeborene Neigmig und Anregungen, welche der Junge
auf Reisen mit seinem Vater empfing, ihn den Weg zur Naturwissenschaft.
Obwohl die von ihm besuchte Schule, das Friedrich- Wilhelm-Gymnasium
in Berlin, ihm anfanglich keinerlei Anregung in naturwissenschaftlicher oder
mathematischer Richtung bot, oblag der junge B., geleitet von Stockhardts
beriihmtem Buch » Schule der Chemie «, im Elternhaus mit Eifer chemischen
Studien, deren Auswertimg in Experimenten nicht immer den Beifall der
Hausinsassen fand. Vom 13. Lebensjahr ab gewannen die besonderen Inter-
essen des Jimgen auch durch die Schule Forderung, da nunmehr K. Schellbach
dort ausgezeichneten Unterricht in Mathematik und Physik erteilte. Die Wir-
kimg von Schellbachs Unterricht war nachhaltig, denn als B. 1853 das Gym-
nasium absolviert hatte, begann er an der Universitat das Studium der Mathe-
matik und Physik ; der Physiker Magnus und der Mathematiker Dirichlet waren
ihm dabei ausgezeichnete Lehrer. Nach dem dritten Studiensemester wurden
Adolf B.s Studien durch Abdienen des Militardienstjahres unterbrochen. In
dieserZeit vollzog sich in dem jimgen Mann ein entscheidender Wandel : alle
bisherigen Neigtmgen traten von nun an hinter denen zur Chemie zuriick. In
Berlin war damals ein fruchtbares Chemiestudium nicht moglich, weil der
Universitat ein chemisches Laboratorium fehlte. Deshalb trat B. in das be-
riihmte Laboratorium Robert Bunsens in Heidelberg ein.
Die Kenntnisse und Fertigkeiten, die der junge Chemiebeflissene einer
friihen hauslichen Beschaftigung mit Chemie zu danken hatte, kamen dem
Studenten B. nun vorziiglich zustatten; denn schon nach Ablauf eines ein-
zigen Semesters in Heidelberg wurden seine analytischen Fahigkeiten als hin-
reichend anerkannt, und da in jener Zeit eine anorganisch- oder organisch-
praparative Schulung noch nicht tiblich war, durfte B. nun sogleich seine erste
wissenschaftliche Arbeit beginnen. Das Thema dazu stellte Bunsen; es handelte
sich urn Feststellung des Einflusses von L,icht auf die Reaktionsgeschwindigkeit
•) 1917 (nicht 19 18) : durch Versehen des Verfassers irrtiimlich an dieserStelle eingereiht.
2l6 1918
zwischen Weinsaure und Brom. »Mein Anteil an der Arbeit war naturlich nur
ein rein mechanischer, und die veroffentlichte Notiz gab nur die von Bunsen
mir mitgeteilten Gedanken wieder«, so aufierte sich B. selbst iiber seine erste
wissenschaftliche Produktion.
Vielleicht noch wertvoller als der EinfluB Bunsens waren die Anregungen
alterer Praktikanten, die znsammen mit B. den Unterricht des Meisters ge-
nossen. Roscoe, Lothar Meyer, Pebal, Schischkoff, Lieben, Beilstein, Frapolli,
Pavesi, Filipuzzi u. a. bildeten fur B. den anregendsten Umgang. Besonders
wichtig aber wurde fur ihn sein Bekanntwerden mit August Kekule, der sich
gerade in Heidelberg als Privatdozent habilitiert hatte und ein eigenes Labo-
ratorium einrichtete. B. wurde sein erster Praktikant und griff nun eine schon
im Bunsenschen Laboratorium, allerdings erfolglos, von ihm begonnene Arbeit
iiber Kakodylderivate wieder auf, diesmal mit dem Resultat, daB er die
Niederschrift der Ergebnisse 1858 in Berlin als Dissertation einreichen und die
Doktorwiirde erlangen konnte.
Wenn auch die Neigungen Kekules zu wissenschaftlichen Spekulationen von
denen auf die chemischen Individuen selbst gerichteten B.s stark differierten,
so war Kekules EinfluB auf den jungen Forscher doch zweifellos groB. Als
Kekule* kurz nach B.s Promotion seine Arbeitsstatte nach Gent verlegte, folgte
ihm der junge Doktor dorthin nach. Es folgte die Zeit, in welcher B. seine
klassischen Arbeiten iiber Verbindungen der Harnsauregruppe begann.
Im Fruhjahr i860 kehrte B. nach Berlin zuriick und habilitierte sich hier als
Privatdozent. Da in jener Zeit die Universitat einem Chemiedozenten nur Ge-
legenheit zu Vorlesungen, nicht aber zu Experimentalarbeiten bot, nahm B.
als Hauptberuf eine Lehrstelle am »Gewerbeinstitut« an, wo ihm durch das
Wohlwollen des Direktors Nottebohm ein geraumiges Laboratorium zur Ver-
fiigung gestellt wurde.
Zwolf sehr fruchtbare Jahre verbrachte B. in dieser Stellung. Es war die
Zeit, in welcher er seinen Untersuchungen iiber Harnsaure feste Basis gab, in
welcher ferner die bewundernswerten Arbeiten iiber Indigo begonnen und
(1870) durch eine erste Synthese dieses wichtigsten aller technischen Farb-
stoffe gekront wurden. Arbeiten iiber die Natur des Benzols, die Konden-
sationen von Phthalsaure mit Phenolen und vieles andere Bedeutende datiert
aus jener Zeit.
Eine ganz besondere Fahigkeit B.s, wie sie im gleichen Grade niemals ein
anderer Chemiker besaB, tat sich bereits in jener Entwicklungsperiode kund:
eine unvergleichliche Lehrbegabung, das Vermogen, dem Lernenden in gleichem
MaBe Begeisterung zur Forschung, weiten Blick fiir das Bedeutungsvolle und
streng kritischen Sinn einzupflanzen. Wenn aus B.s Schule in jenem beschei-
denen Laboratorium Manner wie Berend, Grabe, Liebermann und Viktor
Meyer hervorgegangen sind, so war dies gewiB kein Zufall, sondern ein hohes
Verdienst B.s, das der Meister auch an seinen spateren Wirkungsstatten bis
ins hohe Alter immer erneuerte.
Wenn die Tatigkeit am Berliner Gewerbeinstitut somit reich an Erfolgen
war, so lieBen ein kargliches Gehalt und die Knappheit der Arbeitsmittel B.
doch eine Veranderung seiner Position sehr wiinschenswert erscheinen, um so
mehr, als er nicht mehr fiir sich allein zu sorgen hatte. 1868 hatte er namlich
eine Tochter des Geheimrats Bendemann als Gattin heimgefuhrt.
Baeyer 217
So mag B. es mit Freuden begriifit haben, als 1872 seine erfolgreiche Tatig-
keit in einer Berufung auf das Ordinariat fiir Chemie in Strafiburg Anerkennung
fand. Er folgte dem Ruf, wenn die damit verbundenen Veranderungen auch
ihre starke Schattenseite hatten. In Strafiburg bestand namlich kein chernisches
Universitatslaboratorium, und es war B.s erste Aufgabe daselbst, im Garten
des pharmazeutischen Instituts ein provisorisches Laboratorium zu erbauen.
Dazu hemmte Anfangerunterricht, den B. in ausgedehntem Mafie zu erteilen
hatte, in unerwiinschter Weise die Forschungsarbeit. Es ist einzigartig, in
welcher glanzenden Weise trotzdem B. auch in Strafiburg Schule machte.
In der Reihe derer, die bei dem Lehrer Anregung und Belehrung suchten und
fanden, finden wir Emil Fischer, Julius Weiler, Guido Goldschmidt, Julijan
Grabowski, E. Hepp, Hemilian, Edmund ter Meer, C. Schraube, F. Fuchs,
Ad. Kopp, N. Gerber, Zeidler, R. Schiff u. a. m., eine Reihe glanzender Namen f
Hatte B.s Wir ken bis dahin nicht immer den Dank der Regierung in dem
Mafie, wie B. hatte erwarten konnen, gefunden, so war es fiir ihn eine urn so
bedeutungsvollere Wendung, als nach dem Tode Justus Liebigs (1875) von
Miinchen aus die Einladung an ihn erging, Nachfolger des beruhmtesten Che-
mikers jener Epoche zu werden. B. nahm diese ehrenvolle Berufung urn so lieber
an, als die Regierung in Berlin keinen Versuch machte, ihn in seiner Strafi-
burger Professur zu halten.
Einst hatte Liebig dadurch umwalzend auf den chemischen Unterricht ge-
wirkt, dafi er in Giefien das erste deutsche Unterrichtslaboratorium einrichtete.
Spater (1852), als er nach Miinchen zog, waren seine Neigungen zum praktischen
Unterricht aber so vollig erschopft, dafi er zur Bedingung stellte, vom Labora-
toriumsunterricht vollig befreit zu sein. So kam es, dafi B. auch in Miinchen
einen Laboratoriumsneubau zu errichten hatte. Sein praktischer Sinn bewahrte
sich dabei aufs allerbeste, denn wenn seit etwa einem Jahrzehnt das von B.
geschaffene Miinchener Institut auch wesentlich erweitert und in seinen Ein-
richtungen verbessert worden ist, so hat sich B.s Schopfung doch durch f iinf
Jahrzehnte aufs beste bewahrt.
Die 40 Jahre, wahrend welcher B. in Miinchen seine Forscher- und Lehr-
tatigkeit ausiibte, waren mit einer Fulle von wissenschaftlichen Erfolgen ge-
segnet. Die Chemie des Indigo fand ihre Vervollstandigung in der Synthese
des Isatin (1878) und zwei neuen Indigosynthesen (aus Nitrophenylpropiol-
saure [1880] und aus O-Nitrobenzaldehyd [1882]). Zu nennen ist weiter die
grofie Reihe von grundlegenden Arbeiten, die von der Chemie der Azetylene
zur sogenannten »Spannungstheorie«, von hydrierten aromatischen Verbin-
dungen zu B.s Benzolformel fiihrte. Nennen wir noch die Arbeiten iiber Per-
oxyde und Persauren, iiber die Farbstoffe der Triphenylmethanreihe, die
Untersuchungen iiber die basischen Eigenschaften des Sauerstoffs, so ist da-
mit nur das Allerwichtigste zitiert. Ein glanzender Kreis von Schiilern umgab —
wie in Berlin und Strafiburg — auch in Miinchen den Meister. Unter den
vielen aus der Miinchener Schule, die in der akademischen Laufbahn sich be-
deutende Namen machten, seien nur die Namen Otto Fischer, Volhard, Claisen,
Bamberger, Kriifi, Pechmann, Curtius, Thiele, Konigs, Muthmann, Willstatter,
K. A. Hofmann, Wieland und Purnmerer genannt.
Eigenartig war B.s Wirken auf die chemische Industrie. Niemals bestimmten
B.s Arbeitsplane gewinnverheifiende Ziele; ihn interessierte das Wissenschaft-
2l8 1918
liche an den chemischen Problemen und nicht materieller Erfolg. Trotzdem
oder vielleicht gerade deshalb hat er die deutsche chemische Industrie in un-
gewohnlicher Weise befruchtet. Denn viele seiner Ideen lieBen sich von der
machtig emporwachsenden Farbstoffindustrie nutzbringend verwerten. Und
in mindestens gleichem MaBe erwarb er sich urn unsere Industrie hochstes Ver-
dienst dadurch, daB er ihr vortreffliche Chemiker erzog.
Am AbschluB seines 80. Lebensjahres noch hielt B. seine regelmaBigen Vor-
lesungen, die durch den meisterhaften Vortrag, den klaren Inhalt und treffliche
Experimente alljahrlich ein Anziehungspunkt fiir eine groBe Schar Lernbegie-
riger waren. Was nicht selten bei Gelehrten ist, die bis zum hohen Alter ihrer
Wissenschaft gedient haben, daB sie namlich sich an den Ruhestand nicht
mehr gewohnen konnen, traf auch bei Adolf B. ein. Am 20. August 1918, in
seinem 83. Lebensjahr, verlosch der Geist, der durch fast sechs Jahrzehnte
seinen Schulern geleuchtet hatte.
Die Kraft zu seinen unvergleichlichen L,eistungen schopfte B. zeitlebens
aus einer weisen Lebensfuhrung, die zwischen Arbeit und Erholung stets den
richtigen Wechsel eintreten lieB, und auBerdem in einem Familienleben, das
ihm seine Gattin und die Kinder, spater auch eine frohliche Enkelschar, sehr
gliicklich gestalteten.
Berlin. Wilhelm Schlenk.
Beck, Ludwig, Eisenhuttenmann, * 10. Juli 1841 zu Darmstadt, f 23. Juli 1918
zu Biebrich/Rh. — B. entstammt einer alten hessischen Beamtenfamilie. Sein
Vater vererbte den Sinn fiir die Vergangenheit auf seine drei Sonne, von denen
der spatere General Friedrich B. als Verf asser zahlreicher Regimentsgeschichten,
und Professor Theodor B. (s. oben S. 18 ff.) durch seine Forschungen zur Ge-
schichte des Maschinenbaues bekannt sind. I^udwig B. besuchte anfanglich
das Gymnasium in Darmstadt und dann die dortige hohere Gewerbeschule.
Schon mit i63/4 Jahren erwarb er sich das Reifezeugnis und bezog die Univer-
sitat Heidelberg. Er arbeitete im Bunsenschen Laboratorium und wurde,
20 Jahre alt, am 24. Juli 1861 auf Grund einer vor Bunsen (Chemie), Kirchhoff
(Physik) und Blum (Mineralogie) mit Note II (insigni cum laude) bestandenen
Priifung zum Dr. phil. promoviert. Nun wandte er sich dem Studium des
Eisenhiittenwesens zu und studierte von 1861 bis 1863 m Freiberg und dann in
Leoben, wo er von Peter Tunner angezogen wurde. Es folgte eine praktische
Ausbildung in den Berg- und Hiittenwerken zu Ems und auf der Henrichs-
hutte bei Hattingen. Von besonderer Bedeutung fiir seinen Entwicklungsgang
war ein Aufenthalt in London, der Hauptstadt des damals im Eisenhutten-
wesen fiihrenden Landes. Er war dort in den Jahren 1864/65 Assistent an
der Royal School of Mines bei Professor John Percy, dem ersten I^ehrer fiir
Eisenhiittenkunde seiner Zeit. Wie B. im Vorwort seiner »Geschichte des
Eisens« sagt, hat er von Percy die unmittelbare Anregung zur Abfassung
seines Werkes erhalten. Percy, der damals gerade mit seiner » Sketch of the
history of iron* im zweiten Bande seiner »Metallurgie« beschaftigt war, sprach
gelegentlich aus, eine ausfuhrliche Geschichte des Eisens zu schreiben, miisse
einmal eine Aufgabe fiir B. werden. Diese Anregung ist auf einen fruchtbaren
Boden gef alien.
Baeyer. Beck 210
1865 bis 1867 war B. als Hochofeningenieur in Altenhundem im Sauerland
tatig. Aber die iibliche eisenhiittenmannische L,aufbahn sagte ihm nicht zu.
Nachdem er in den beiden folgenden Jahren in Darmstadt und Frankfurt Vor-
lesungen iiber Hiittenkunde und Geologie gehalten hatte, machte er sich 1869
durch Ubernahme der Rheinhutte bei Biebrich selbstandig. Das Werk war 1857
als Hochofenwerk gegriindet worden, konnte sich aber als solches nicht halten.
B. baute es zu einer bedeutenden EisengieBerei aus. Leider fiihrt das Werk
heute nicht mehr den geachteten Namen L. Beck & Co.
In Biebrich griindete B. eine Familie und fand am schonen Rhein eine zweite
Heimat.
Es ist erstaunlich, daB B. neben seiner Tatigkeit im eigenen Werke und in
Industrieverbanden noch Zeit gefunden hat, sich geschichtlicher und archaolo-
gischer Bestrebungen anzunehmen. Als Forderer und Vorsitzender des Vor-
stands des romisch-germanischen Zentralmuseums, innig bef reundet mit dessen
Direktor Ludwig Lindenschmit, hat er sich verdient gemacht. Fast unverstand-
lich aber bleibt es, daB B. in Biebrich Zeit fand, die geplante » Geschichte des
Eisens « fertig zu stellen. Nachdem sich B. durch jahrelanges Studium vor-
bereitet hatte, erschien das Werk 1884 bis 1903 in fiinf Banden mit iiber 6000
Seiten bei Vieweg in Braunschweig.
Das Unternehmen war nicht leicht durchzufuhren. Fur die altere Geschichte
des Eisens lagen nur Einzelstudien vor. Das meiste Material muBte aus archaolo-
gischen Werken und Urkundensammlungen zusammengesucht werden. Fiir die
neuere Zeit gait es eine Unzahl seltener Werke zu beschaffen und durchzu-
arbeiten. Fiir die neueste Zeit erschwerte dagegen eine erdriickende Fiille von
Fachliteratur den Uberblick und drohte die Darstellung zu verwirren. Eine
weitere Klippe bildete die Begrenzung des Stoffes. Eine Geschichte der Eisen-
hiittenkunde, der Gewinnung und Verarbeitung des Eisens in dem Umfange,
wie sie auf den Eisenhutten betrieben wird, hatte fiir die altere Zeit zu wenig
Stoff geliefert und hatte die kulturgeschichtliche Bedeutung des Eisens nicht
erkennen lassen. Erst dadurch, daB B. auf kulturgeschichtlichem Hintergrunde
die Geschichte des Eisens aufbaute, schuf er ein Werk, das weit iiber den Kreis
der Eisenhiittenleute hinaus Bedeutung erlangte.
Der erste Band behandelt das Eisen im Altertum und im Mittelalter. Der
Zusammenhang ergab sich dadurch, daB das Eisen bis ins spate Mittelalter
nach dem »direkten« Verfahren gewonnen wurde, das die Naturvolker noch
heute benutzen. Eine schwierige Aufgabe war es, die Anfange der Eisentechnik
aufzufinden. Die Gelehrten hingen mit wenigen Ausnahmen der Lehre vom
Bronzezeitalter an, d. h. sie glaubten, daB iiberall der Eisenzeit eine eisenlose
Bronzezeit vorausgegangen sei. B. wuBte als Hiittenmann, wie leicht das Eisen
aus seinen Erzen zu gewinnen ist, und griff diese Lehre an. Heute steht fest,
daB die Reihenfolge, in der die Volker mit den Metallen bekannt geworden sind,
wechselt, und daB die Eisentechnik weit alter ist als der BronzeguB. Ebenso
schwierig war es, den Anfangen der modernen Eisengewinnung im Hochofen
nachzugehen, denn fiir das Aufkommen der Hochofen und der EisenguBtechnik
lag damals nur weniges und dabei unzuverlassiges Material vor. Trotzdem er-
kannte B. den Zusammenhang zwischen dem Aufkommen der Feuerwaffen und
der Erfindung des Eisengusses, den er und jiingere Forscher spater klar be-
wiesen haben.
220 1918
Der zweite Band schildert die Geschichte des Eisens im 16. und 17. Jahr-
hundert. Die Anfange der hiittentechnischen Literatur, die Erzeugung des
Eisens im Hochofen und im Frischfeuer, die hohen Leistungen der GuB- und
Schmiedetechnik im 16. Jahrhundert sowie die fesselnde Geschichte der da-
maligen Eisenindustrie in den einzelnen Landern werden im ersten Abschnitt
dieses Bandes behandelt. Im zweiten hebt B. besonders die Anfange der mo-
dernen Technik der Dampfmaschine und der Walzwerke sowie das Aufbluhen
der Eisenindustrie in England, Schweden und RuBland hervor.
Der dritte Band umfaBt die Entwicklung der Eisenindustrie im 18. Jahr-
hundert. Auf dem Festland machte die Holzkohlentechnik, angeregt durch
wissenschaftliche Studien, neue Fortschritte, wahrend man in England auf-
bauend auf den Erfindungen von James Watt und Henry Cort neue Bahnen
einschlug.
Der vierte Band schildert den machtigen Auf schwung der Eisenindustrie unter
Englands Ftihrungin der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts, insbesondere durch
das Aufkommen der Eisenbahnen. Er schlieBt mit Bessemers Erfindung ab.
Der fiinfte Band endlich ist dem Zeitalter des FluBeisens und der Riesen-
erzeugungen gewidmet. Besonders ist dabei die wachsende Bedeutung der
Eisenindustrie Deutschlands und Amerikas hervorgehoben.
B.s Schreibweise ist fesselnd und anregend. Sein Urteil, dessen Zielsicherheit
oben an einigen Beispielen gezeigt ist, geht selten fehl. Der Verein deutscher
Eisenhiittenleute hat kiirzlich eine gedrangte Darstellung der Geschichte des
Eisens herausgegeben, die zeigt, daB B.s Werk auch heute nur des Ausbaues,
aber in den Grundziigen nicht der Berichtigung bedarf. Auch die von B. vor-
gezeichnete Einteilung des Stoffes konnte beibehalten, ja noch straff er durch-
gefiihrt werden. (Geschichte des Eisens. Im Auftrage des Vereins deutscher
Eisenhiittenleute gemeinverstandlich dargestellt von Dr. Otto Johannsen;
1. Auflage Diisseldorf 1924, 2. Auflage ebenda 1925.)
Nach Vollendung seines groBen Werkes ruhte B. nicht. Er war der berufene
Berichterstatter iiber neue Beitrage zur Geschichte des Eisens, die groBtenteils
durch sein Werk angeregt waren. Besonders fesselte ihn dauernd die Geschichte
des Eisengusses, fur die er wert voile Erganzungen lieferte. Ferner beschaftigte
er sich mit der Geschichte des Eisens in seiner engeren Heimat. Zuletzt befaBte
er sich gemeinsam mit dem Archivar Dr. Hans Schubert mit urkundlichen
Studien zur alteren Geschichte des Eisens in Nassau, doch erlebte er die Voll-
endung der Arbeit nicht mehr.
Nachdem anfanglich B.s » Geschichte des Eisens « auf manchen Widerspruch
gestoBen war, wurde dem Verfasser spater reiche Anerkennung zuteil. 1905
erhielt cr den Titel Professor, 1909 verlieh ihm der Verein deutscher Eisen-
hiittenleute die Carl Lueg-Denkmiinze und 1910 erfolgte seine Ernennung zum
Dr.-Ing. E. h. durch die Technische Hochschule in Aachen.
Wie er sich durch seine wissenschaftliche Tatigkeit die Achtung aller er-
worben hatte, so gewann er sich durch seine Tatigkeit auf sozialem Gebiete und
durch seinen lauteren Sinn die Liebe der Mitmenschen.
Literatur: Hans Schubert, Ludwig B. (Stahl und Eisen, 1918, S. 789). — Briefliche
Mitteilung der Phil. Fakultat der Universitat Heidelberg.
Aufler der »(>eschichte des Eisens « und verse hiedenen Besprechungen und kleineren
Arbeiten veroffentliehte B.: Beitrage zur Geschichte der Eisenindustrie (Annalen des
Beck. Below 221
Vereins fiir nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung, Bd. 14, 1877; ebenda
Bd. 15, 1879, S. 124) ; Beitrage zur Geschichte des Eisens in Nassau (ebenda Bd. 32, 1903,
S. 211); Die Familie Remy und die Industrie am Mittelrhein (ebenda Bd. 35, 1906, S. 1) ;
Die alte Bruderschaft der Stahlschmiede in Siegen (ebenda Bd. 37, 1908); Zum fiinfzig-
jahrigen Jubilaum des Regenerativofens (Stahl und Eisen, 1906, S. 1421); Urkundliches
zur Geschichte der Eisengieflerei (Beitrage zur Geschichte der Technik und Industrie.
Jahrbuch des V. d. Ingenieure, herausg. von C. MatschoB, Bd. 2, Berlin 1910, S. 83) ;T>ie
Einfiihrung des englischen Flammofenfrischens in Deutschland durch Heinrich Wilhelni
Remy & Co. auf dem Rasselstein bei Neuwied (ebenda Bd. 3, Berlin 191 1, S. 86); Die ge-
schichtliche Entwicklung der EisengieBerei (C. Geigers Handbuch der Eisen- und Stahl-
gieBerei, Bd. 1, Berlin 1911, S. 1).
Volklingen (Saar). Otto Johannsen.
Below, Fritz Theodor Carl v., General der Infanterie, * am 23. September 1853
in Danzig, f am 23. November 1918 in Weimar. — Fritz v. B. war ein Sohn
des preuBischen Generalmajors Ferdinand v. B. und seiner Gemahlin Therese,
geb. Mauve. Er entstammte einer alten Soldatenfamilie, die der Armee viele
hervorragende Ftihrer und tapfere Offiziere geschenkt hat. Sein Vater erhielt
den Pour le merite 1866 als Regimentskommandeur. Sein GroBvater erwarb
denselben hohen Orden 1807 als Rittmeister und das Eichenlaub dazu als
Regimentskommandeur in den Befreiungskriegen. Fritz v. B. erhielt seine Er-
ziehung zunachst im elterlichen Hause, dann im Gymnasium zu Gumbinnen,
auf der Stadtschule zu Litzen und im Gymnasium zu Ratzeburg, schlieBlich in
den Kadettenhausern zu Wahlstadt, Culm und Berlin.
Am 19. April 1873 wurde er aus dem Kadettenkorps als Sekondeleutnant dem
1. Garderegiment zu FuB iiberwiesen und begann damit seine ebenso glanzvolle
wie arbeitsreiche militarische Laufbahn. Abwechselnd im Truppendienst und
im Generalstabe, erstieg er rasch eine Stufe nach der andern. Er hatte reiche
Gelegenheit, seinen Blick zu scharfen und seinen Horizont zu erweitern. Schon
als j unger Offizier wuBte er sich ein eigenes Urteil zu bilden, kraftvoll trat er
stets fiir seine Uberzeugung ein. Am 23. Marz 1887 wurde er Hauptmann und
in den Generalstab der Armee versetzt, am 16. Februar 1889 zur Dienstleistung
beim Kriegsministerium kommandiert, am 22. Marz 1891 Kompagniechef im
1. Garderegiment zu FuB, am 17. Mai 1892 Generalstabsoffizier bei der 5. Divi-
sion. Am 31. Mai 1892 zum Major befordert, wurde er am 24. Oktober 1893 zum
Generalstabe des Gardekorps versetzt. Vom 20. Mai 1896 bis 1. April 1898
fuhrte er ein Bataillon im Gardegrenadierregiment 4. Hierauf wurde er mit
Wahrnehmung der Geschafte als Chef des Generalstabes III. Armeekorps be-
auftragt, am 27. Januar 1899 zum Oberstleutnant befordert, am 1. Oktober 1899
mit Wahrnehmung der Geschafte eines Abteilungschefs beim Generalstab der
Armee und am 16. November 1899 mit Wahrnehmung der Geschafte als Chef
des Generalstabes des Gardekorps beauftragt. Der 22. Mai 1900 brachte seine
Ernennung zum Chef des Generalstabes des Gardekorps, der 18. April 1901
seine Beforderung zum Oberst. Am 14. November 1901 sehen wir v. B. als
Kommandeur des Gardegrenadierregiments 3. Er verstand es binnen kurzem,
die ihm anvertraute Truppe auf eine hohe Stufe der Ausbildung zu bringen.
Vor allem wirkte er auf das Offizierkorps erzieherisch ein und suchte dessen
Bildung und Konnen zu fordern. Am 15. September 1904 wurde er mit der
Fiihrung der 4. Gardeinfanteriebrigade beauftragt und am 27. Januar 1905
222 I9i8
unter Beforderung zum Generalmajor Kommandeur dieser Brigade. Am 13. Fe-
bruar 1906 wurde er als Oberquartiermeister in den Generalstab der Armee ver-
setzt und gleichzeitig mit Wahrnehmung der Geschafte des Chefs des Stabes
der 1. Armeeinspektion beauftragt. In diesen Stellungen war er einer der
nachsten Mitarbeiter und Gehilfen des Chefs des Generalstabes der Armee. Am
18.' Februar 1908 wurde er unter Beforderung zum Generalleutnant zum Kom-
mandeur der 1. Gardedivision ernannt, am 13. September 1912 zum General
der Infanterie befordert und am 1. Oktober 1912 zum Kommandierenden
General des XXI. Armeekorps ernannt. In vorbildlicher Weise hat er sein
Korps fiir den Ernstfall geschult, so daft es gut ausgebildet in den Weltkrieg
ausriicken konnte. Bei der Anlage der Manover setzte er sich dafiir ein, dafl die
ihm unterstellten Truppen in Anlehnung an einen groBeren Truppenverband
zu fechten lernten, und nicht allein als Detachements manovrierten. Er be-
tonte immer wieder, daB im Kriege der erste Fall fast stets, der letztere selten
vorkommen wiirde. Wie richtig seine Ansicht war, hat der Weltkrieg gezeigt.
v. B. hatte ein ungemein klares Urteil iiber Ausbildungs- und Fuhrerfragen.
Seinen Besprechungen bei Gefechtsaufgaben, Besichtigungen und Manovern
waren ungekiinstelt und niichtern und doch nie ermiidend, weil sie immer
klarend und iiberzeugend wirkten.
v. B. fiihrte sein XXI. Armeekorps auch ins Feld. Siegreich kampfte es im
August 1914 in den Gefechten bei Lagarde und Lauterfingen, sowie in der
groBen Schlacht in Lothringen. Schon hier zeigte sich v. B. als ein energischer,
tatkraftiger General, der auch in unklaren, gefahrlichen Lagen die Nerven nicht
verlor, und als ein Fuhrer, der sich ein klares Bild von der eigenen und der Lage
beim Feinde machen konnte, und entsprechend zu handeln wuBte. Dem
XXI. Korps war ein voller Erfolg beschieden. Gelang es ihm doch, den rechten
feindlichen Fliigel einzudrucken. Wiederholt bot ihm der Bewegungskrieg im
Anfang des Feldzuges Gelegenheit, Beweise seiner Kaltbliitigkeit und person-
lichen Unerschrockenheit zu geben. Auch in der mehrtagigen, blutigen Schlacht
an der Somme im September /Oktober 1914 rechtfertigte er das in ihn gesetzte
Vertrauen. AnschlieBend blieb er mit seinem Korps im Stellungskampf an der
Somme.
Dann riefen neue, gewaltige Aufgaben nach dem Osten. In der Winterschlacht
in Masuren zeichnete er sich erneut aus. War es doch sein Korps, das den Ring
auf der Ostseite um die sich verzweifelt wehrenden Russen schloB. Kuhn war
das Wagnis, da die Festung Grodno im Riicken lag, um so groBer war der Er-
folg. Der Kaiser erkannte seine Leistungen durch Verleihung des Pour le tneritc
an. In dem vom Armeeoberkommando 10 gemachten Ordensvorschlage heiBt
es : » Dem XXI. Armeekorps als auBerem schwenkenden Fliigel der Armee boten
sich ungewohnlich hohe Schwierigkeiten durch Wege- und Wetterverhaltnisse.
Nur der eisernen Energie und dem rucksichtslosen Drang nach vorwarts des
Kommandierenden Generals ist es zu danken, daB die Umklammerung gelang. «
Der Marz brachte unter schwierigen Verhaltnissen erneute, ruhmvolle Kampfe
im Osten.
Am 4. April 1915 wurde v. B. an Stelle des erkrankten Generalfeldmarschalls
v. Bulow (s. DBJ. 1921, S. 52 ff.) zum Oberbefehlshaber der 2. Armee ernannt.
t)ber ein Jahr leitete er die erfolgreichen Stellungskampfe westlich von St. Quen-
tin. v. B. war ein Fuhrer, den es aus seinem Hauptquartier nach vorn drangte
Below
223
in die vordersten Schtitzengraben, der sich nicht auf Meldungen und Berichte
verlieB. Er wollte selbst wissen, wie es vorn aussah und in Fiihlung bleiben mit
den braven Feldgrauen.
Im Sommer 1916 hatte v. B. rechtzeitig erkannt, daJ3 der Feind Angriffs-
vorbereitungen traf . Er sah die Gefahr, die seinem rechten Arraeefliigel drohte
und meldete an die Oberste Heeresleitung. Da diese aber zur Stiitzung des
osterreichisch-ungarischen Bundesgenossen zahlreiche Divisionen nach Galizien
und Wolhynien hatte werfen miissen und die Kampfe bei Verdun noch nicht
zum AbschluB gebracht worden waren, konnten wesentliche Reserven nicht
zur Verfugung gestellt werden. So muBte die 2. Armee den feindlichen Ansturm
zunachst allein aushalten. Und das schier Unmogliche gelang. Am 24. Juni 1916
eroffneten die Englander und Franzosen ihre seit dem Fruhjahr groBzugig vor-
bereitete Offensive beiderseits der Somme gegen den rechten Fltigel der
2. Armee. An diesen Tagen brauste ein Orkan von Eisen und Stahl der iiber-
machtigen feindlichen Artillerie und Minenwerfer, haufig untermischt mit Gas-
granaten und Gasminen, auf die Infanterie- und Batteriestellungen. Weit-
tragende Flachbahngeschutze erreichten tief im riickwartigen Gebiet StraBen,
Bahnen und Truppenunterkunfte. Eine an Fesselballons, besonders aber an
Fliegern stark iiberlegene, vorzuglich organisierte Luftmacht des Feindes be-
herrschte die Luft. Die eigene Artillerie und die eigenen Luftstreitkrafte
konnten trotz besten Willens dagegen nicht aufkommen. Die Macht des Mate-
rials zeigte sich in ihrer ganzen Schwere. Unsere Feinde hatten ja die Hilfs-
mittel der ganzen Welt zur Verfugung. Die deutschen Stellungen waren bald
eingeebnet. In dem Trichterfeld hielten aber tapfere Manner, stiindlich den Tod
vor Augen, trotz namhafter Verluste aus. Am 1. Juli brach der feindliche Sturm
los. Der Kampf wogte hin und her. Immer neue Divisionen warfen die Feinde
in die Schlacht. Die sich mehrere Wochen lang hinziehenden Kampfe mit ihrer
groBen raumlichen Ausdehnung machten eine Neuordnung der Befehlsverhalt-
nisse notig. Es war auf die Dauer unmoglich, von einem Armeeoberkommando
aus die gesamte schwierige Verteidigung im GroBkampf zu leiten. So wurde am
19. Juli 1916 nordlich der Somme, dem Brennpunkt der Schlacht, die 1. Armee
gebildet und zu ihrem Fiihrer Fritz v. B. bestimmt. Ihm unterstanden die
Gruppen Stein, Armin und GoBler. Sommeschlacht : aus diesem Wort erklingt
das Hohelied vom Heldentum des deutschen Frontkampfers. Tausende und
Abertausende wackerer deutscher Manner kampften und starben unter unsag-
baren Leiden im Trichterfeld des Sommegebiets fur Deutschlands Bestand.
Tatkraftig von seinem Chef, Oberst v. LoBberg, unterstiitzt, hielt v. B. die
Ziigel fest in der Hand. Mit eiserner Ruhe traf er seine Anordnungen. So oft er
konnte, eilte er nach vorn, urn seine Truppen anzufeuern. RiesengroB waren
die Anforderungen, die an die Fuhrung gestellt wurden. Nur tropfenweise
traf en die sehnsuchtig erwarteten Verstarkungen ein, die sofort in den Kampf
geworfen wurden, wo es am notigsten war. Neben den Heldentaten der tapferen
Frontkampfer waren es vor allem v. B.s iiberlegene Fuhrung und seine sach-
gemaBen Anordnungen, welche den Erfolg sicherten. Der erstrebte Durchbruch
des Feindes durch die deutschen Stellungen liber Bapaume^ — P^ronne auf
Cambrai — Le Cateau miBlang. Dankbar erkannte der Kaiser am 11. August
1916 die Verdienste B.s durch Verleihung des Eichenlaubs zum Pour le
merite an.
224 IQl8
An die Sommeschlacht schlossen sich die Stellungskampfe in demselben
Frontabschnitt an und dann im Friihjahr 1917 die Kampfe vor der Siegfried-
Stellung. Geschickt losten sich die Truppen v. B.s vom Feinde los und raumten
auf hoheren Befehl feindliches Gebiet, um eine wesentliche Frontverkiirzung
zu erzielen.
Das Vertrauen des Kaisers rief v. B. im Mai 1917 in die Gegend ostlich Reims,
wo die Franzosen zu neuem Schlage ausgeholt hat ten. Furchtbar wogte der
Kampf in der sogenannten Doppelschlacht an der Aisne und in der Champagne
hin und her. v. B. blieb Sieger und wurde am 20. Mai 1917 durch Verleihung
von Kreuz und Stern der Komture des Hausordens von Hohenzollern ausge-
zeichnet.
Bis Friihjahr 1918 wahrten die Stellungskampfe vor Reims. In dieser Zeit
^ntstand unter der Leitung v. B.s die Neubearbeitung der in weiten Kreisen
der Armee mit groi3er Genugtuung begriiBten Ausbildungsvorschrift fiir die
FuBtruppen, die dem Geist der neuen Kampfverhaltnisse in hervorragender
Weise Rechnung trug.
Am Ende seiner erfolgreichen militarischen Laufbahn war es ihm, der sich
in vielen heiBen Abwehrschlachten als Armeefuhrer bewahrt hatte, vergonnt,
seine Armee noch einmal zum Angriff zu fiihren. Bei der groBen Maioffensive
vor Reims 1918 erntete auch die tapfere 1. Armee reichen Lorbeer.
Mitten aus siegreichen Tagen zwang ihn plotzlich eine Lungenentziindung
aufs Krankenlager. Er wurde zur Wiederherstellung seiner Gesundheit nach
Deutschland beurlaubt und erlebte dort den Zusammenbruch von Armee und
Vaterland. Dies fraB an seinem deutschen Herzen. Er sah voraus, welche
Folgen sich einstellen muBten, und konnte nicht verstehen, daB Deutschland
die Waffen f reiwillig aus der Hand gelegt hatte. Als er Wiesbaden infolge feind-
licher Besetzung verlassen muBte, zwang ihn sein Kriegsleiden in Weimar er-
neut aufs Krankenbett. Am 23. November 1918 starb er an Lungenentziindung.
Beigesetzt wurde er in Berlin auf dem Invalidenfriedhof.
In Kennzeichnung der Personlichkeit lassen dienstliche Leistungen wie
private Beurteilung aller derer, die mit ihm in Beriihrung kamen, stets die
gleichen Eigenschaften an ihm erkennen. Wie alle B.s, so war auch er schlicht,
bescheiden, vornehm, ritterlich und treu, von warmem, giitigem, frommem
Herzen. Er trat gern in den Hintergrund, wollte stets mehr sein als scheinen.
Die Sache gait ihm alles, die Person nichts. v. B. war eine wahrhaft vornehme
Personlichkeit, der alles Kleinliche fremd blieb. Er war das Vorbild eines Edel-
mannes in des Wortes schonster Bedeutung. Trat er oft auch zuriick, die ihn
kannten, wuBten doch, was sie an ihm hatten: einen Heerfiihrer, der mit
s^trenger niichterner Sachlichkeit und scharfem Verstande erst wagte, bevor er
wagte, aber dann auch zu wagen verstand mit der ganzen Tatkraft seines klaren
Willens. Das einmal fiir richtig Erkannte setzte er entschlossen in die Tat um.
In der preuBischen Garde groB geworden, war er ein Freund altpreuBischer
Disziplin, aber ein Feind jeder unnotigen Harte. Warm, voll Fiirsorge und
Wohlwollen schlug sein Herz fiir die Truppe, in erster Linie fiir die Front-
kampfer und besonders fiir die brave Infanterie. Ihren Leistungen zollte er
uneingeschrankte Anerkennung und aufrichtige Bewunderung. Das Vertrauen
und die Verehrung fiir Fritz v. B. war daher groB. Darum standen die Offiziere
unter dem Zauber seiner Personlichkeit und arbeiteten gern unter ihm, darum
Below. Buz 22S
gingen die Mannschaften fur ihn durchs Feuer. Fritz v. B. ging ganz auf in
seinem Benif, er war Soldat, nur Soldat. Er kannte nur ein Gliick: restlose
Pflichterfiillung fiir Konig und Vaterland. Ihm war es versagt, zu jenen gltick-
lichen Feldherren zu gehdren, deren Namen nach glanzenden Siegen im Volke
von Mund zu Mund gehen. Und dennoch zahlte er unzweifelhaft mit zu den
tiichtigsten Heerfiihrern der deutschen Armee im Weltkriege. In kritischen
Lagen traten sein groBes Konnen und seine hervorragenden Ftihrereigen-
schaften deutlich zutage. Viel hat ihm das Vaterland in jenen schicksals-
schweren Monaten der Sommeschlacht des Jahres 19 16 zu danken, er war es
nut vor allem, der den feindlichen Durchbruch mit seinen unabsehbaren Folgen
zu verhindern verstand. Hat ihn auch schwere Krankheit gezwungen, den
Kommandostab aus der Hand zu legen, das Schicksal hat es gut gemeint. So
lange er das Kommando fuhrte, wich der Sieg nicht von den Fahnen seiner
Armee. Da ging es vorwarts, immer vorwarts zu stolzen, groflen Erfolgen.
Literatur: Reichsarckiv, Der Weltkrieg 19 14/ 18, Bd. 1 — 4. — Hermann Stegemann,
Geschichte des Weltkriegs, Bd. 1 — 4. — Deutsches Offizierblatt 1926, Nr. 25/26. — Einige
von der Familie zur Verfugung gestellte Brief e, Nachrufe und Erinnerungen.
Potsdam. Ernst Zipfel.
Buz, Heinrich Hitter v., Maschineningenieur, Geheimer Kommerzienrat,
Generaldirektor der Maschinenfabrik Augsburg-Nurnberg A.-G., * am 17. Sep-
tember 1833 in Eichstatt, f am 8. Januar 1918 in Augsburg. — Seine Eltern
waren der koniglich bayerische Genieoberleutnant Carl Christoph B. und
dessen Ehefrau Adolphine, geborene Sax. Sein Vater nahm 1838 den Ab-
schied, beteiligte sich zunachst am Bau der Eisenbahn Miinchen — Augsburg
und erwarb 1841 die Geigersche Buchdruckerei in Augsburg. Im Jahre 1844
ubernahm er pachtweise, gemeinsam mit seinem Schwager Carl August
Reichenbach die von Ludwig Sander in Augsburg 1840 gegriindete Ma-
schinenfabrik, die damals 44 Arbeiter beschaftigte. Bald darauf erwarben
die Pachter das Werk kauflich und fuhrten es als »C. Reichenbachsche Ma-
schinenfabrik« weiter. Im September 1857 trat Heinrich B., der vorher an
der Polytechnischen Schule in Augsburg und dem Polytechnikum in Karlsruhe
studiert hatte, dann im Elsafi, in Paris und London als Ingenieur tatig ge-
wesen war, als Konstrukteur und technischer Korrespondent in die Fabrik
ein, die damals 300 Arbeiter beschaftigte und am 1. Dezember 1857 in die
»Aktiengesellschaft Maschinenfabrik Augsburg« umgewandelt wurde. Als
am 1. Juli 1864 der Vater Carl B. von der Direktion zuriicktrat, war Heinrich
B. mit den Verhaltnissen des Unternehmens so wohl vertraut, daB die Direk-
tion ihm iibertragen wurde. Damit trat der Mann an die Spitze des Unter-
nehmens, dem es beschieden war, die Fabrik in wenigen Jahrzehnten durch
seinen genialen Scharfblick fiir das technisch Brauchbare und wirtschaftlich
Zweckmafiige, durch zahe ausdauernde Arbeit, durch treues Festhalten an
den altuberkommenen bewahrten Grundsatzen auf die hochste Stufe der
Entwicklung zu heben und ihr einen der ersten Platze unter alien Maschinen-
fabriken des europaischen Festlandes zu sichern. Die Fabrik baute anfangs
Wasserrader und Turbinen, Transmissionen, Dampfmaschinen und vor allem
Buchdruckschnellpressen, war doch C. A. Reichenbach ein Neffe von Friedrich
DBJ 15
226 I9i8
Konig, der 1810 die BuchdruckschneUpresse erfunden hat. Neben Neuerungen
an Wasserturbinen, deren rechnerische Grundlagen urspriinglich von B.
stammten, brachten Verbesserungen an der Reichenbachschen SchneUpresse
diesen Fabrikationszweig zu rascher Entfaltung. In inniger Fiihlung mit dem
graphischen Gewerbe, dessen Bediirfnisse nach fortschrittlicher Entwicklung
rasch von B. erfaBt worden waren, vollzog sich der Schritt von der Flach-
druckmaschine zur Rotationsmaschine und damit zu immer groBeren Lei-
stungen. Die Rotationsmaschine hat ihren Namen daher, daB sich ihre Druck-
zylinder ununterbrochen in derselben Richtung drehen (rotieren), und zwar
die die Stereotypplatten tragenden in der einen, und die den Druck aus-
iibenden in der entgegengesetzten Richtung. Voraussetzung fur ihre An-
wendung war die Einfiihrung des sogenannten endlosen Papieres, des Rollen-
papieres. Die erste dieser Rotationsmaschinen war auf der technisch so be-
deutsamen Wiener Weltausstellung 1873 im Betriebe zu sehen. 1882 wurde
eine solche Maschine bereits alien Anspriichen fiir Mehrfarbenillustration
gerecht. Mit der Zweirollenmaschine wurde 1892 der erste Schritt zur Mehr-
rollenmaschine getan und damit die Leistung sprunghaft gesteigert. Die zur
stiindlichen Herstellung von 200 000 Zeitungen zu 6 Seiten fiir eine groBe
Pariser Zeitung gebaute Sechsrollenmaschine war bei Ausbruch des Welt-
krieges die leistungsfahigste des Kontinents. Unter der Direktion B.s verlieBen
das Werk Augsburg iiber 10 000 Buchdruckmaschinen, die sich iiber den
ganzen Erdkreis verteilten.
Als Professor Linde 1873 den Entwurf seiner ersten Kaltemaschine fertig-
gestellt hatte, war der Ruf der Maschinenfabrik Augsburg nach der konstruk-
tiven und werkstattentechnischen Seite hin bereits so ausgezeichnet, daB er
sich damit keinem Besseren anzuvertrauen wuBte als B., der sofort die groBe
Bedeutung der mechanischen Kalteerzeugung fiir Industrie und Volkswirt-
schaft erkannte. Diese erste Maschine fand in Miinchen bei Gabriel Sedlmayr
(Spatenbrauerei) Aufstellung. 1875 schloB B. im Verein mit Georg KrauB
und Gabriel Sedlmayr ein Abkommen mit Linde zur Aufbringung der Mittel
zur weiteren Entwicklung und Verwertung der Lindeschen Patente. 1877
verlieB die zweite Lindesche Kaltemaschine die Maschinenfabrik Augsburg;
diese arbeitete in der Dreherschen Brauerei in Triest bis zum Jahre 1908.
1879 wurde die »Gesellschaft fiir Lindes Eismaschinen* gegriindet, in deren
Auf sich tsrat B. eintrat, der damit durch langsichtige Vertrage seinem Werk
ein umfangreiches Arbeitsgebiet fiir Deutschland und fremde Lander sicherte.
Die ausgezeichneten Erfolge des Linde-Unternehmens sind nicht zuletzt
dem langjahrigen, befruchtenden Zusammenarbeiten mit der Maschinen-
fabrik Augsburg und deren vorziigliche Leistungen in Konstruktionsbureau
und Werkstatte zuzuschreiben. Tausende von Lindes Kaltemaschinen stammen
aus Augsburg. Was B.s Verhaltnis zur Linde-Gesellschaft besonders aus-
zeichnete, war sein unermiidlicher Eifer, den er all ihren Unternehmungen
entgegenbrachte. Er gait auch der Frage der Gasverfliissigung, die im Welt-
krieg fiir Deutschlands Riistung von so schwerwiegender Bedeutung wurde.
Linde selbst preist in seinem Buch »Aus meinem Leben« die hohe und gleich-
maBige Qualitat der Augsburger Maschinen als ein wesentliches Moment
fiir den Erfolg seiner Arbeit, und schreibt, wie sehr B. durch seine vornehme
und gerechte Gesinnung den geschaftlichen und personlichen Verkehr durch
Buz
227
Jahrzehnte hindurch zu einein ebenso erfreulichen als fruchtbaren gemacht
hat. Das Zusammenarbeiten mit der Iyinde-Gesellschaft brachte der Ma-
schinenfabrik Augsburg aber noch einen sehr groBen indirekten Nutzen,
indem sie hierdurch auf warmetechnische Fragen gelenkt wurde, ihren
Dampfmaschinenbau auBerordentlich forderte und auf eine sehr hohe Stufe
der Entwicklung brachte. Die Fabrik hatte schon von 1845 an kleinere Hoch-
druckmaschinen von 3 — 4 PS. gebaut, in stehender Anordnung mit obenliegen-
der Welle. 1856 wurde eine liegende Zwillingsdampfmaschine fur die Augs-
burger Baumwollfeinspinnerei, 1857 eme ebensolche fur die Kammgarn-
spinnerei Worms gebaut. Diese Maschinen, denen bald solche bis zu 300 und
600 PS. folgten, hatten Farcotsche Expansionssteuerung mit unmittelbarem
Regulatoreingriff, Dampfmantel und Kondensation unter Flur. Schon friih-
zeitig wurden die Maschinen genauen Versuchen auf den Dampfverbrauch
unterworfen. 1871 nahm die Fabrik den Bau von Prazisions-Ventildampf-
maschinen auf und damit begann der Siegeslauf der Augsburger Dampf-
maschinen, die neben denen von Gebrtider Sulzer in Winterthur jahrzehnte-
lang die besten der Welt waren., 1876 wurde fiir die Neue Baumwollspinnerei
Hof im Gegensatz zu dem bis dahin allgemein ublichen Stirnraderantrieb
zum erstenmal die Kraftiibertragung durch Hanfseile bewerkstelligt. 1879
ging B. an die Einfiihrung der liegenden zweikurbeligen Verbunddampf-
maschine, und zwar als Erster in Deutschland fiir ortsfeste Anlagen. Diese
150 PS.-Maschine fiir die Augsburger Kammgarnspinnerei wurde namentlich
durch die daran vorgenommenen ausgedehnten Versuche epochemachend
und vorbildlich. 1888 lieferte die Firma ihre erste Dreifach-Expansions-
Dampfmaschine von 700 — 900 PS. an die Vogtlandische Baumwollspinnerei
in Hof. 1894 wurde die erste Dreifach-Expansionsmaschine mit geteiltem
Niederdruckzylinder und 1200 PS. Leistung fiir die Augsburger Kammgarn-
spinnerei gebaut, welche Bauart bald viel Nachahmung fand. Im Bau der
stehenden Dampfmaschine machte das Werk urn die Jahrhundertwende die
Entwicklung der groBen Elektrizitatswerke mit. Die Zahl der unter der Direk-
tion von B. gebauten Augsburger Dampf maschinen geht in viele Tausende.
Die hervorragendste und bemerkenswerteste Leistung B.s, die in ihren
Folgen auBerordentlich weittragend war, und durch die selbst seine starken
Fahigkeiten auf eine sehr harte Probe gestellt wurden, kniipft sich an das Auf-
treten Rudolf Diesels, der 1893 in seiner kleinen Schrift »Theorie und Kon-
struktion eines rationellen Warmemotors« auf Grund von warmetheore-
tischen Betrachtungen neue Ideen fiir eine bessere Warmeausnutzung vor-
trug. DaB auf Grund dieser Ideen wirklich ein brauchbarer Warmemotor ent-
stehen konnte, namlich der heute so auBerordentlich wichtige, allgemein
als »Dieselmotor« bezeichnete Olmotor, ist das groBe und ausschlieBliche Ver-
dienst von B. Mit der Geschichte des Dieselmotors bleibt daher der Name
Heinrich v. Buz untrennbar verbunden. Er hatte das gute in den Diesel-
schen Ideen klar erkannt und hielt daran auch dann noch fest, als maB-
gebende Manner in Industrie und Wissenschaft langst davon abrieten, und
andere Firmen von ebenfalls allererstem Range die Dieselsache nach groBen
Geldopfern als vollig hoffnungslos aufgegeben hatten. Hier auBerte sich B.s
unbeugsame Willenskraft von dem Augenblicke an, wo er eine Sache fiir
gut erkannt hatte, mochte der Weg auch noch so weit und noch so dornenvoll
228 I9i8
sein. Fast vier Jahre lang MiBerfolg auf MiBerfolg mit ungeheuren Geld-
opfern (iiber M. 400 000) waren vorerst der Lohn fiir sorgenvolle, keine Zeit
und Grenzen kennende Arbeit. Diesel selbst hatte an der Erreichung eines
marktfahigen Motors gezweifelt. Die Idee war geradezu in Verruf gekommen.
Unter solchen Umstanden ging B. unter Einsetzung von persdnlicher und
geschaftlicher Ehre im Vertrauen auf seine treuen bewahrten Mitarbeiter
den schier uniiberwindlich scheinenden Schwierigkeiten zu Leibe. Seine
Hauptstiitzen dabei waren der damals junge Ingenieur und jetzige Geheime
Baurat Dr. ing. Imanuel Lauster und die hochentwickelte Werkstattentechnik
der Fabrik. Die Konstruktion der Dieselmaschine muBte von Grund auf
neu geschaffen werden. Und es gelang. Der ortsfeste Olmotor mit der von
Diesel ertraumten Warmewirtschaftlichkeit war im Februar 1897 erreicht.
Es folgte dann die weitere Entwicklung zu immer groBeren Leistungen,
groBter Betriebssicherheit und der TJbergang von der ortsfesten zur Schiffs-
antriebmaschine, welch letztere im U-Bootkrieg fiir Deutschland so ungeheuer
wichtig und wertvoll gewesen ist. Sein nie versagender Glaube an seine
Arbeit, seine gesunde Hartnackigkeit im Verein mit seinen fiihrenden Mit-
arbeitern vollbrachten ein Werk, das B. seinen Platz unter den GroBen der
Technik fiir alle Zeiten sichert. Auch nach Ablauf der Dieselschen Patente,
als sich viele Fabriken dem Bau der Schwerolmaschine zuwandten, behielt
die Maschinenfabrik Augsburg ihre fuhrende Stellung an der Spitze aller
Dieselmotoren herstellenden Werke. Aus ihren Werkstatten sind bis zum
Jahre 1927 — 30 Jahre nach Fertigstellung des ersten brauchbaren Motors —
Dieselmotoren mit einer Gesamtleistung von einundeinhalb Millionen PS.
hervorgegangen ; das ist schatzungsweise der vierte Teil der auf der Welt
vorhandenen sechs Millionen Diesel-PS. Baute man 1903 noch Maschinen
mit Zylinderleistungen von 100 PS., so waren es 191 3 bereits solche mit
1000 PS. Im Weltkrieg nahm der Dieselbau einen auBerordentlichen Auf-
schwung und zwar im Bau von schnellaufenden Motoren bis zu 3000 PS. fiir
Unterseeboote. Der groBte Dieselmotor der Welt wurde 1926 von Blohm
& VoB, Schiffswerft und Maschinenfabrik in Hamburg — einer der vielen
Lizenznehmerinnen der Maschinenfabrik Augsburg-Niirnberg — nach den
Patenten und Entwiirfen von Maschinenfabrik Augsburg-Niirnberg (M.A.N)
gebaut. Er entwickelt 15 000 PS. in neun Zylindern. Zum Betrieb von Fabriken,
als Antriebsmaschine von See- und FluBschiffen und Lokomotiven, Kraft -
wagen, sowie als Lokomobile findet der Dieselmotor heute Anwendung;
diejenige fiir Flugzeuge und Luftschiffe steht der Verwirklichung nahe.
Fiir GroBkraftwerke ist das Vorhandensein des Dieselmotors als Momentan-
und Spitzenreserve geradezu eine Lebensf rage ; verursacht doch die Unter-
dampfhaltung von Kesseln und die Aufheizung von solchen fiir die nur wenige
Stunden dauernden Lichtspitzen enorme Verluste. Der hohe Stand des Diesel-
motorenbaus bei der Maschinenfabrik Augsburg-Niirnberg wird dadurch noch
bestatigt, daB diese Firma mehr als 20 Lizenzen an erstklassige Firmen des
In- und Auslandes vergeben hat, die heute alle nach den Entwiirfen und
Planen der Maschinenfabrik Augsburg-Niirnberg arbeiten.
Im Jahre 1898 entschloB sich B. in richtiger Erkenntnis technischer und
wirtschaftlicher Forderungen der Zeit zur Verschmelzung der Maschinen-
fabrik Augsburg mit der Maschinenbaugesellschaft Niirnberg. B. war von
Buz 229
1898 bis 1913 gemeinsam mit A. v. Rieppel, Generaldirektor der Maschinen-
fabrik Augsburg-Niirnberg A.-G. (M.A.N.), eines Unteraehmens, das beim
Tode B.s mit rund 85 Millionen Aktienkapital und Reserven arbeitete und in
seinen Werken Augsburg, Nurnberg, Gustavsburg und Duisburg rund
25 000 Arbeiter und Beamte beschaftigte.
Dem Wohlergehen und den Bediirfnissen seiner Beamten und seiner
Arbeiterschaft stand B. immer mit wahrhaft sozialer Gesinnung gerecht
gegeniiber. Mannigfache Wohlfahrtseinrichtungen wurden geschaffen, deren
Leistungen er durch hohe personliche Zuwendungen steigerte. Dabei lag ihm
besonders die Heranziehung eines tiichtigen Nachwuchses am Herzen. So
kam es, daB die Arbeiterverhaltnisse fast patriarchalisch blieben, was ein
Blick auf den alten Arbeiterstamm, der noch beim Tode B.s im Werk Augs-
burg tatig war, bestatigt. Im Verkehr mit seinen Angestellten war er jeder
formellen AuBerlichkeit abhold : Einf achheit und Disziplin waren seine Richt-
punkte. DaB er, der fast ein halbes Jahrhundert lang Tausenden von Arbeitern
gut bezahlte Arbeit verschafft hat, von sozialdemokratischen Fuhrern miB-
gunstig beurteilt wurde, braucht wohl kaum erwahnt werden. Wenn B. Auf-
sichtsratstellen annahm, so geschah dies nicht in seinem personlichen, als
vielmehr im Interesse seines Werkes. So war B. in den Aufsichtsraten folgender
Gesellschaf ten : Augsburger Lokalbahn, A.-G. fiir Bleicherei, Farberei und
Appretur in Augsburg, Gesellschaft fiir Markt- und Kiihlhallen in Hamburg,
Maschinenfabrik Augsburg-Niirnberg A.-G., Gesellschaft fiir Lindes Eis-
maschinen in Wiesbaden, Haunstetter Spinnerei und Weberei in Augsburg,
Mechanische Seilerwarenfabrik in Bamberg, Schantung-Eisenbahngesellschaft
in Berlin. Als B. in die Fabrik, das heutige Werk Augsburg der Maschinenfabrik
Augsburg-Niirnberg eintrat, hatte diese 300 Arbeiter, bei seinem Riicktritt
als Generaldirektor am 1. Juli 1913 dagegen 5500 Arbeiter und Beamte.
B. konnte von sich sagen, daB er der erste Arbeiter in seinem eigenen Werk
war ; er war in seinen gesunden Jahren der Erste und der Letzte auf seinem
ebenso verantwortungsvollen wie arbeitsreichen Posten. Ohne zwingende
Grande verlieB er sein Werk nicht. Eingedenk des guten alten deutschen
Sprichwortes »Fern von Haus ist nan' bei Schaden« konnte er sich nicht ent-
schlieBen, alle moglichen Ehrenstellen und Ehrenamter anzunehmen, die
einem Manne von seiner Bedeutung und seiner Stellung naturgemaB reichlich
angeboten werden, die ihn aber von seinen Pflichten, wie er sie auffaBte, ab-
gelenkt und haufig von Augsburg weggefuhrt hatten. Seine Arbeit und Sorge
gait seinem Werk, das er zu hochster Bliite brachte, und auBerdem seiner
Heimatstadt Augsburg und deren Industrie. So ist es seinem Eintreten zu-
zuschreiben, daB 1888 die Augsburger I^okalbahn gegriindet wurde, deren
Linien alle Augsburger industriellen Werke unter sich und mit dem Netz der
staatlichen Bahnen verbinden, wodurch eine der wesentlichsten Bedingungen
fiir den Aufschwung der Augsburger Industrie erfullt wurde. Der 1893 erfolgte
ZusammenschluB der Augsburger Unternehmungen zum Industrieverein fand
in B. eine seiner vornehmsten Stiitzen. Den besonderen Dank der Augsburger
Bevolkerung erwarb sich B. durch die Griindung des Augsburger Stadt-
gartens mit seinen prachtigen Anlagen, zu der er 1886 den AnstoB gegeben
hat und dessen Leitung, Verschonerung und Bewahrung vor finanziellen
Schwierigkeiten ihm bis ins hohe Alter eine liebe Aufgabe war.
230 19 1-8
In seiner auBeren Erscheinung war B. stattlich, hochgewachsen, breit und
stark, fast derb an Gestalt und Gesichtsziigen, die kraftvoll und mannlich
ebenso unbeugsame Willenskraft wie wohltuende Herzensgtite ausdriickten.
B. war energisch Und zielbewuBt, besaB groBes Wissen und starkes Konnen,
technischen Scharfblick, bedeutendes Organisationstalent und eine rastlose
Arbeitsfreudigkeit. Von Hause aus Ingenieur, besaB er gleichwohl ein aus-
gezeichnetes Verstandnis fur die wirtschaftlichen Verhaltnisse und besonders
fur die kaufmannisch- wirtschaftlichen Fragen im Betrieb seiner Fabrik.
Seine vorsichtige Dividendenpolitik, die sorgfaltige Beachtung, die er den
Amortisationskonten und Reserven schenkte, und seine groBziigige Ver-
kaufsorganisation legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Freilich, jene beweg-
liche Vielseitigkeit, jenes spekulative GroBunternehmertum, jenes kritiklose
Herumprobieren, wie man es anderwarts so haufig sieht, war seinem Wesen
fremd. Er war immer davon iiberzeugt, daB nur bei weisester Selbstbeschran-
kung auf wenige Hauptgebiete des Maschinenbaues eine solche Fabrik hochste
Qualitatsleistungen hervorbringen kann. Diese tlberzeugung veranlaBte
auch B., den Wasserturbinenbau, in dem die Maschinenfabrik mehrere Jahr-
zehnte lang fiihrend war, ganz aufzugeben, als am Anfang des Jahrhunderts
die technisch-wissenschaftliche Entwicklung eine derartige geworden war,
daB auf diesem Gebiet nur durch Konzentration und Einrichtung von Ver-
suchsanstalten hochste Leistungen moglich gewesen waren. AuBerordentlich
klug, von ruhiger, treffsicherer Urteilskraft pflegte er nur auf ganz bestimmten,
sicheren Grundlagen seine Plane aufzubauen und sie dann, unbekummert um
Hindernisse und die Meinung anderer, unter alien Umstanden zur Durch-
fuhrung zu bringen. Die Schopfung des Dieselmotors in der Maschinenfabrik
Augsburg ist dafiir ein in der Geschichte des Maschinenbaues einzig dastehen-
des Beispiel. Er entwickelte dabei eine Ausdauer und Zahigkeit, eine Hart-
nackigkeit und Unbeugsamkeit des Willens, die seinem Wesen fiir die AuBen-
welt und auch fiir seine Untergebenen manchmal einen autokratischen Zug
verliehen. Durch den standigen Aufenthalt im Schwabenlande, durch seine
enge Zusammenarbeit mit Mannern schwabischen Stammes mogen diese
im schwabischen Volkscharakter so stark ausgepragten Eigenschaften auch
bei ihm in besonderem MaBe ausgebildet worden sein. An seiner eisernen
Konstitution gingen nahezu sieben Jahrzehnte angestrengter nimmermuder
Arbeit fast spurlos voriiber. Im Privatleben war er ein liebenswiirdiger, lustiger
Gesellschafter. Neben vielen anderen Orden besaB er den Verdienstorden
der Bayerischen Krone, mit dem der personliche Adel mit dem Pradikate
»Ritter von« verbunden war. Seinem ganzen Charakter und seiner recken-
haften Gestalt stand die Ritterschaft so gut wie selten einem.
Miinchen. Paul v. Lossow.
Cohen, Hermann, o. Professor der Philosophic in Marburg a. d. L., * am 4. Juli
1842 in Koswig (Anlialt), f am 4. April 1918 in Berlin. — Seine Eltern waren
Gerson C, Lehrer an der jiidischen Gemeindeschule und an der Stadtschule
seiner Heimat, und Friederike C, geb. Salomon. Die fruheste Ausbildung des
Kindes lag in der Hand des Vaters, der ihn im Deutschen, Franzosischen und
Hebraischen unterrichtete. C.besuchte dann die Stadtschule seiner Heimat und
Buz. Cohen 231
vom elften Jahr an das Gymnasium zu Dessau, urn dann von der Sekunda aus
auf das jiidisch-theologische Seminar zu Breslau iiberzutreten. Von den zahl-
reichen bedeutenden Lehrern, die dort wirkten, wollen wir als die bekanntesten
hier nur Jakob Bernays, den Philologen, und Hermann Gratz, den Historiker
des Judentums, nennen. So dankbar C. sein Leben lang fiir mancherlei ge-
diegene und griindliche Kenntnisse, die ihm in dieser Zeit iibermittelt wurden,
war, so konnte doch sein reicher Geist unmoglich in der Vorbereitung zum
Rabbinat das letzte Ziel seines wissenschaftlichen Studiums sehen. Nachdem
er daher als Extraneos sein Abitur am Matthiasgymnasium zu Breslau gemacht
hatte, bezog er 1861 in dieser Stadt die Universitat. Er setzte sein Studium
1864 in Berlin fort, wo er in den Kreis der Studierenden urn Lazarus und Stein-
thal aufgenommen wurde. Unter seinen Lehrern verdient noch der Philologe
Boeckh Erwahnung. Seine philosophischen Studien umfaBten in dieser Zeit
fast das ganze Gebiet der Geschichte der Philosophie, besonders aber widmete
er sich der Lektiire Kants und der nachkantischen Philosophen. 1865 promo-
vierte er zu Halle mit der Schrift »Philosophorum de antinomia necessitatis
et contingentiae doctrinae*. Durch Steinthal war C. besonders auf Herbarts
Lehre aufmerksam geworden, und ohne daJ3 C. jemals wirklicher Herbartianer
gewesen ware, zeigen doch seine Erstlingsschriften einen EinfluB Herbarts (auf
dem Umweg iiber Steinthal). In der von Steinthal herausgegebenen Zeitschrift
fiir Volkerpsychologie erschienen mehrere kleinere Abhandlungen C.s, von
denen wir hier nur die eine erwahnen wollen, welche den Titel tragt: »Die
dichterische Phantasie und der Mechanismus des BewuBtseins. « Sie ist fiir die
Entwicklung C.s deswegen von Bedeutung, weil sich in ihr bereits Grund-
begriffe seiner spateren Asthetik finden. Er leitet in genialer Weise die Ent-
stehung der Poesie aus dem Mythos ab, erkennt das reine Gefuhl als den
Urgrund kiinstlerischen Schaffens und den Vergleich als die innere Form des
Kunstwerks. Erkenntnistheoretisch ist er in diesem Werke noch nicht zur
Klarheit vorgedrungen, es bedurfte dazu einer intensiveren und liebevolleren
Versenkung in Kant. Sobald ihm das Verstandnis der Kantschen Philosophie
aufgegangen war, machte er sich an die Ausarbeitung seines ersten groBeren
Werkes, das den Grundstein zu seinem spateren Weltruhm legen sollte. 1871
erschien » Kants Theorie der Erfahrung«. Nur bei wenigen auserlesenen Geistern
stieB er sogleich auf das richtige Verstandnis. Die Berliner philosophische
Fakultat verhielt sich unter der Fuhrung des Philosophen Trendelenburg, den
C.mehrfach temperamentvoll aber objektiv angegrif fen hatte, ablehnend gegen
C, so daB dessen Versuche, sich in Berlin zu habilitieren, fehlschlugen. Er
konnte sich damit trosten, daB Friedrich Albert Lange, der giitige und gelehrte
Verfasser der » Geschichte des Materialismus « und der »Arbeiterfrage« sofort
den Wert seines Buches erkannte. Lange, der damals noch in Zurich Professor
war, schickte ihm mit einer Empfehlung den jungen August Stadler zu, der
zugleich mit anderen gescheiten jungen Kopfen von dem »Privatgelehrten« C.
in das Verstandnis Kants eingefuhrt wurde. Nachdem inzwischen Lange nach
Marburg berufen worden war, forderte er 1873 C. (eben auf Grund seines Kant-
buches) auf, sich in Marburg zu habilitieren. Auf Langes Betreiben hin wurde
C. 1875 in Marburg Extraordinarius. Nur kurze Zeit leider war es C. vergonnt,
mit Lange gemeinsam in Marburg zu wirken, da den letzteren schon 1876 der
Tod abrief. Im gleichen Jahre wurde C. sein Nachfolger auf dem philosophi-
232 igi8
schen Lehrstuhle an der Universitat. Es kam nun eine schaffensreiche Zeit
fiir C. und eine groBe Zeit fiir Marburg. C. wurde zum Begriinder der neukanti-
schen Marburger Schule und fand an Paul Natorp (f 1924) einen verstandnis-
vollen und gleichgesinnten Mitarbeiter. Eine groBe Anzahl von Schulern lerate
hier die Methode des Philosophierens, denn nur auf die Methode, nicht auf die
Uberlief erung philosophischer Dogmen war die Einheit der Marburger Schule be-
griindet. Deren Wirksamkeit blieb durchaus nicht auf Deutschland beschrankt,
sondern die Schuler kamen aus fast aller Herren L,andern. C. hatte sich mittler-
weile mit Martha, geb. Lewandowski, verheiratet. Das C.sche Haus wurde zum
Mittelpunkt reger geistiger Geselligkeit. Es verkehrten in ihrem Hause Na-
torp, Rade, Varrentrapp, v. Sybel u. a. Aber auch Musiker gingen aus und
ein, da nicht nur C. selbst Verstandnis und Liebe zur Musik hatte, sondern
auch seine Frau als Klavierspielerin und Sangerin mehr als dilettantisches
Konnen besaB.
Die nachste wissenschaftliche Aufgabe, die sich C. stellte und loste, war die
weitere Durchforschung, kritische Darstellung und Fortbildung des Kantschen
Systems. So erschienen denn in kurzen Zeitabschnitten »Die systematischen Be-
griffe in Kants vorkritischen Schriften, nach ihrem Verhaltnis zum kritischen
Idealismus«. (Berlin 1873.) »Kants Begriindung der Ethik* (Berlin 1877),
» Kants Begriindung der Asthetik« (1889). Daneben befaBte sich C. in mehreren
bedeutenden Universitatsreden mit Kant. C. war keineswegs der erste, der in
Zeiten philosophischen Tiefstandes den Geist der Kultur wieder an Kant
orientieren wollte. Schopenhauer und Fries konnten ja neben dem romantischen
Dreigestirn Fichte, Schelling, Hegel ohnehin als treuere Kantianer gelten ; ob-
gleich Schopenhauer nicht nur mit seiner Willensmetaphysik, sondern auch
in der subjektivistischen Auffassung der Kantschen Erkenntnistheorie und
Fries in seinem Vorurteil gegen das Transzendentale weit von der rechten
Bahn abgewichen waren. Aus den Reihen der Hegelianer selbst hatte Chr. H.
WeiBe im Jahre 1847, bald darauf auch Eduard Zeller wieder auf Kant hin-
gewiesen, doch waren diese noch zu sehr in der Dogmatik ihres Meisters Hegel
befangen, um zu einem tieferen Verstandnis Kants vorzudringen. Dies wurde
zuerst durch Otto L,iebmanns Schrift »Kant und die Epigonen« 1865 ermoglicht.
Es muB aber gesagt werden, daB auch Liebmann den Geist der transzenden-
talen Methode noch nicht rein zu erfassen vermochte. Friedrich Albert I*ange
war vor allem dem ethischen Teil des Kantschen Systems nicht gerecht ge-
worden. Erst die Schriften C.s waren es, welche eine objektive ErschlieBung
dieses Systems brachten, und indem sie auf dem von Kant vorgezeichneten
Weg liber Kant hinausgingen, der Philosophic iiberhaupt einen machtigen
Impuls gaben.
C. faBte das Kantsche System als Theorie der Erfahrung. Wie ist Erfahrung
moglich ? Das ist die Kardinalf rage der kritischen Philosophic Erfahrung be-
deutet hierbei das System der Wissenschaft, nicht aber das individuelle Er-
fahren deseinzelnen. Was das erkennendeSubjekt und das erkannte Objekt sei,
ist selbst eine Frage der Philosophic, die nicht das eine oder andere als gegeben
voraussetzen darf. Die Kritik der reinen Vernunft richtet die transzendentale
Frage an die Mathematik und die mathematische Naturwissenschaft. Welches
sind die obersten und unerlaBlichen Bedingungen der Erfahrung, das heiBt,
von welchen »selbst gedachten Prinzipien«(Kategorien und reineAnschauungen)
Cohen 233
mufl die Wissenschaft ausgehen, damit mathematische Naturwissenschaft
moglich sein soil. In ahnlicher Weise fragt die Ethik, wie sie in der Kritik der
praktischen Vernunft enthalten ist, nach den obersten Voraussetzungen einer
allgemeingultigen Sittlichkeit. Die Kritik der Urteilskraft richtet in ahnlicher
Weise die transzendentale Frage auf die Reiche der Kunst und der Organismen.
Die objektive Richtung der kritischen Philosophic diirfte hierdurch vorlaufig
zur Geniige gekennzeichnet sein.
In der Kritik der reinen Vernunft riickte gemaB der v6n C. wiederentdeckten
Unterscheidung des metaphysischen und transzendentalen Apriori der Schwer-
punkt der Betrachtung ganz und gar in die transzendentale Deduktion und
das System der Grundsatze. Die transzendentale Apperzeption wurde als ge-
raeinsamer Quell der reinen Anschauungen und Kategorien erkannt. In der
dritten Auflage seines kritischen Grundwerkes iiber Kants Theorie der Erfah-
rung wurde der Begriff der reinen Anschauung der Kritik unterworfen und
Raum und Zeit als Denkprinzipien den Kategorien beigeordnet. C. war es
auch, der zuerst die Identitat der Begriffe Ding an sich und Idee nach-
gewiesen hat.
In der Kritik der Kantschen Moralphilosophie hat sich C. in zwiefacher Hin-
sicht ein Verdienst erworben, indem er namlich erstens den Zusammenhang
zwischen Recht und Sittlichkeit wieder offenkundig machte und zweitens die
Kantsche Postulatenlehre mit triftigen Griinden verwarf.
Fur die Darstellung der Asthetik war vor alien Dingen die Korrektur am
Begriff des Erhabenen von Bedeutung, welches C. schon in der Schrift » Kants
Begriindung der Asthetik « als eine Unterart des Schonen nachwies.
Bei diesen kurzen Bemerkungen in bezug auf die Stellung C.s zu Kant muft
es hier sein Bewenden haben. Wenden wir uns nunmehr wieder seiner Biographie
zu. Als Dozent hatte C. groBen Erfolg. Freilich klagten die Studenten, wenig-
stens diejenigen, welche den Vorlesungen nicht regelmaBig folgten, ilber die
Schwierigkeit seiner Darstellung. Wer aber den philosophischen Eros in sich
trug, der muBte von der Art seines Vortrags machtig angezogen werden. Je
alter C. wurde, desto mehr trat das religiose Problem ins Zentrum seines Inter-
esses. Es hat ihn zwar von jeher beschaftigt, denn er litt personlich stark unter
der Inhumanitat des Antisemitismus. Sein Eintreten fiir die Religion des ein-
zigen Gottes war vom reinsten sittlichen Pathos erfiillt. Ubergehen wollen wir
hier seine Auseinandersetzungen mit Martin Buber und E. Frankel iiber das
Problem des Zionismus. Im freiesten und humansten Geist hat er sich in zahl-
reichen Vortragen und Abhandlungen iiber die religiose Frage geaufiert. Man
kann iibrigens hier eine Entwicklung seines Denkens verfolgen. In der Schrift
Religion und Sittlichkeit (1907), ebenso aber auch im zweiten Teil seines
Systems der Philosophic (Ethik des reinen Willens, 2. Aufl., 1907) steht er
noch auf dem Standpunkt, da£ im Lauf der Zeit alle Religion in Sittlichkeit
aufzuheben sei. Nach und nach aber gewinnt die Religion, ohne irgendwie in
Gegensatz zur Ethik zu kommen, doch eine gewisse Selbstandigkeit. (Vgl.
die Schriften »Der Begriff der Religion im System der Philosophies, 1915, und
»Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums*, posthum er-
schienen 1919.) Wahrend die Ethik, wie wir noch horen werden, das Individuum
ganz und gar auf die Allheit der Menschheit hin orientiert, sollte nunmehr die
Religion fiir das Verhaltnis des einzelnen zu seinem Gotte einzutreten haben.
234 l(*lS
In stiller Gedankenarbeit hatte C. bis zum Jahre 1902 die Grundlagen des
eigenen Systems der Philosophic gefunden. Im genannten Jahr erschien der
erste Band, die »Logik der reinen Erkenntnis«. Obgleich es offensichtlich ist,
daB Platon, Leibniz und Kant die geistigen Tauf paten dieses Werkes sind,
so haben wir es darin doch mit einem Erzeugnis von hoher Originalitat zu
tun. Die transzendentale Fragestellung Kants ist beibehalten, aber das Problem
ist selbstandig und den Fortschritten der Wissenschaft entsprechend bear-
beitet. C. behandelt die Logik in erster Linie als Logik des Ursprungs. Der
Ursprung wehrt zunachst das Gegebene ab. Das reine Denken der Wissenschaft
muB die obersten Prinzipien und Hypothesen, auf denen das System der
Wissenschaft erbaut werden soil, selbstandig entwerfen und darf sie weder von
irgendwelchen gegebenen Dingen noch von der Empfindung entlehnen. Im
wissenschaftlichen Urteil wird der allgemeine Gegenstand der Natur ent-
worfen und erzeugt. In der Ausfuhrung schlieBt sich C. an die historisch be-
dingte Einteilung der Urteile nach den Gesichtspunkten der Qualitat, Quan-
titat, Relation und Modalitat an. Die Urteile der Qualitat entsprechen dabei
dem Denken der formalen Logik. Formal heiBt die Logik hier nicht etwa des-
wegen, weil sie mit dem Inhalte der Erkenntnis nichts zu tun hatte ; denn ein
inhalts- und gegenstandsloses Denken kann es nicht geben; sondern sie heiBt
formal, weil sie die allgemeinsten Denkgesetze angibt, die iiberall bei der Ent-
werfung des Gegenstandes der Erkenntnis sich fruchtbar erweisen. Hier steht
das Urteil oder das Denkgesetz des Ursprungs an der Spitze. Wahrend wir es
uns sonst versagen miissen, die Urteilsarten alle einzeln zu besprechen, so
mtissen wir auf das Urteil des Ursprungs wegen seiner uberragenden Bedeutung
fiir das ganze System C.s eingehen. Das Denkgesetz des Ursprungs gibt ganz
allgemein die Methode an, wie man zu einem problematisch entworfenen Be-
griff den erklarenden oder erzeugenden Begriff, der die Losung des vorlaufig
gefaflten Problems bringt, findet. Es entspricht dem in der alteren Logik als
unendliches Urteil bezeichneten Urteil. GemaB dieser Methode sucht man zu
dem problematisch aufgestellten Begriff den im System der Begriffe kon-
tinuierlich benachbarten Begriff als Ursprungsbegriff. So wurde der Begriff
des Atoms oder des Unteilbaren erdacht, um das Teilbare, das heiBt die Ma-
terie zu begreifen; ahnlich etwa auf dem Gebiete der Ethik dient der Begriff
der Unsterblichkeit, um das Wesen der sterblichen Menschen zu ergriinden.
Da beim Aufsuchen des Ursprungsbegriffs ein logischer GrenzprozeB, das heiBt
ein Durchgang durchs Unendliche erfolgt, so ist die Ubereinstimmung mit
dem unendlichen Urteil offenkundig. Der Ursprung nun muB in alien Kate-
gorien und Urteilsarten lebendig bleiben : sie sind gleichsam nur Abwandlungen
dieses einen Prinzips. Es erstreckt iibrigens seine Geltung iiber das ganze Ge-
biet der Philosophic Unter den Urteilen der formalen Logik oder der Qualitat
finden wir dann weiter die Urteile der Identitat und des Widerspruchs.
Der nunmehr erst ganz allgemein angelegte Gegenstand der Erkenntnis
findet seine nahere Bestimmung durch die Urteile der Mathematik oder
Quantitat. Die drei fundamentalen Urteilsarten, die hier auftreten, sind die
Urteile der Realitat, der Mehrheit und der Allheit. Die Realitat des Gegen-
standes legt die Physik im Differential oder der Infinitesimalzahl fest. Diesen
Gedanken hatte C. schon fruher in einer Schrift iiber das Prinzip der Infinitesi-
malrechnung ausgesprochen. Das Differential ist gleichsam nur eine Anwen-
Cohen
235
dung des Prinzips des Ursprungs. In der Optik, Akustik usw. wird das sinnlich
Gegebene (die Empfindung) in Differentialgleichungen objektiviert. So ist die
Mathematik fur C. nicht etwa nur ein auBerliches Hilfsmittel des Physikers,
sondern ihr kommt konstituierende Bedeutung zu: in ihren Begriffen erfaBt
der Physiker das Sein. — Es ist wichtig, zu bemerken, daB C. nicht, wie Kant,
ein besonderes Urteil der Einzelheit kennt, denn wie C. in dem nachsten Urteil,
dem Urteil der Mehrheit, zeigt, ist das einzelne iramer Glied einer Mehrheit
und hat nur als solches Bedeutung. In dem Urteil der Mehrheit entwickelt C.
unter anderem den Begriff der endlichen Zahl und den der Zeit. Da die Auf-
fassung des Zeitbegriffs, wie sie C. zu eigen ist, iiber die Logik hinaus fur das
System von Bedeutung ist, so miissen wir ihr wenigstens einige Worte wid-
men. C. geht nicht vom Begriff der Folge aus, wie es der Sensualismus tut,
dieser halt sich an die gegebenen Vorstellungen, die einander im Geiste
folgen. Aber fur C. darf kein Gegebenes die Erkenntnis bestimmen. Es ist
daher vollkommen dem Geist seines Systems entsprechend, wenn er die Zeit
vornehmlich als Antizipation, als Vorwegnahme der Zukunft denkt. Zuerst
ist die Zukunft, diese verwandelt sich erst in die Gegenwart und Vergangen-
heit. — Das dritte Urteil der Mathematik ist das der AUheit. Der Sinn der
Mehrheit und demnach auch der Einzelheit wird erst durch die Allheit ent-
hullt. Auch dieses Urteil ist fur die Ethik von groBter Bedeutung. Es sei im
Vorbeigehen angemerkt, daB im Urteil der Allheit auch die Kategorie des
Raumes auftritt.
Der Gegenstand der Erkenntnis wird nun immer konkreter bestimmt. An die
Urteile der Mathematik schlieBen sich die der mathematischen Naturwissen-
schaft an. Es sind die Urteile der Substanz, des Gesetzes und des Begriffs.
Nachdem mit ihnen der Gegenstand in seinen allgemeinen Umrissen ent-
worfen ist, bleiben noch die Urteile der Methodik (Modalitat) iiber. Hier
werden die Begriffe der Moglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit er-
ortert. Das Urteil der Notwendigkeit gibt Gelegenheit, die Syllogistik kritisch
zu beleuchten.
Die Ethik C.s sucht die Ethik als Logik der Geisteswissenschaften und ins-
besondere des Rechts aufzubauen. Die transzendentale Frage richtet sich hier
also auf das Recht und den Staat als die konkreten Erscheinungsformen der
Sittlichkeit. Die Ethik ist die Lehre vom Begriff, besser gesagt von der Idee
des Menschen. Sie spricht nicht von der zufallig wirklichen Existenz der Indi-
viduen, sondern vom Seinsollenden, das heiBt von der Aufgabe einer Willens-
gemeinschaft der Menschheit. Jeder Begriff, also auch der des Menschen, ent-
halt, wie die Logik gezeigt hat, die drei Stufen der Einzelheit, Mehrheit und
Allheit in sich, wobei das einzelne gegeniiber der Mehrheit und Allheit un-
selbstandig ist. Das bedeutet fur die Ethik, daB der einzelne sein sittliches
Selbst nur in der Allheit finden kann. Das sittliche Selbst als die Aufgabe der
Willenshandlung wird gemaB dem Prinzip des Ursprungs aus dem anderen
geboren. Die Methode aber, die Willensgemeinschaft des sittlichen Selbstes
zu erzeugen, liegt in der Idee des Staates. Wenn man vom Staat als dem Weg
des sittlichen Selbst spricht, so darf man nicht vergessen, daB es sich urn den
seinsollenden Staat, das heiBt urn die Idee des Staates, nicht urn den zufallig
wirklichen Staat handelt. Diesen letzteren der Idee gemaB zu machen, ist
vielmehr gerade die hochste Aufgabe des Menschengeschlechts.
236 I9i8
Wenn die Ethik das Ideal des Sittlichen entwirft, so entsteht die bange
Frage, ob denn dieses Ideal auch zu verwirklichen sei? Es konnte ja sein, daB
die Natur des Menschen oder der Dinge sich den Anforderungen der Sittlich-
keit dauernd entzoge, oder daB die Sittenwesen aussterben, ehe die Sittlichkeit
wirklich wird ; dem widerspricht das Grundgesetz der Wahrheit. Wahrheit ist
nicht ein bloB logischer Begriff, sondern er greift von der Logik in die Ethik
iiber. Die Logik hat es nur mit der Richtigkeit der Begriffe zu tun, die Wahr-
heit aber ist zugleich ein sittlicher Begriff. Ira Interesse der Sittlichkeit fordert
das Grundgesetz der Wahrheit die Harmonie von Natur und Sittlichkeit, das
heiBt die Moglichkeit einer stets fortschreitenden Annaherung an das Ideal.
Das Grundgesetz der Wahrheit vertieft sich dann in C.s Ethik zur Idee Gottes,
in der die Sicherheit des sittlichen Fortschrittes beruht. In dieser Lehre ver-
wertet C. aufs fruchtbarste seinen Begriff der Antizipation.
Der Begriff des Willens wird von C. weder rein intellektualistisch gemaB der
Gesinnungsethik gedacht, noch auch, wie in aller utilitaristischen Ethik, in
die auBerliche Tat verfliichtigt. Im Willen miissen sich Denken und Affekt
vereinigen. Das Denken entwirft das Ziel der Handlung, aber der sittliche Affekt
setzt die Handlung in Bewegung. Als sittliche Affekte stellt nun C. zwei auf :
erstens den Affekt der Achtung, er ist der treibende Motor aller Handlungen,
die sich auf die Allheit beziehen ; zweitens der Affekt der Liebe, er ist die Trieb-
kraft, die die Handlungen, welche sich auf die Besonderheiten der Familie, der
Gesellschaft usw. beziehen, beseelt. Demnach unterscheidet C. ein System von
Tugenden der Achtung und der Liebe, das seinen Gipfel im Begriff der Humani-
tat findet. In der Tugend der Humanitat durchdringen sich alle anderen Tugen-
den, verschmilzt die Achtung und die Liebe. Mit ihr aber sind wir auch an der
Grenze der Asthetik angelangt.
Die Asthetik weist im Gefuhl der Menschenliebe den Ursprung der Kunst
auf. Natur und Sittlichkeit geben den Stoff ab, aus dem der Kunstler die neue
Wirklichkeit des Kunstwerks fonnt, die, wie sie aus dem Eros entsprungen ist,
Liebe im Beschauer erweckt. Der Kunstler hat weder Sittlichkeit zu lehren
noch die Natur nachzuahmen, aber er muB Herr der Natur und Sittlichkeit
seiner Zeit sein, um beide in das harmonische Gefuhl der Menschenliebe auf-
zulosen. Die gefuhlsmaBige Harmonie von Natur und Sittlichkeit tritt im
Kunstwerk als Schonheit in Erscheinung; Schonheit ist also die Grundkate-
gorie der Asthetik. Der Kunstler erzeugt sein asthetisches Subjekt in und an
dem asthetischen Objekt, das heiBt, dem Kunstwerk. Das asthetische Subjekt
ist nicht ein solches des Begriffes, sondern des Gefuhls. Das Erhabene und das
Humoristische sind Unterarten des Schonen, die dadurch entstehen, daB ent-
weder die Seite der Natur oder der Sittlichkeit fur das Gefuhl voriibergehend
pravaliert; voriibergend, denn endlich muB die Auflosung in die Harmonie
des Gefuhls doch immer erfolgen. Von diesen sicheren Voraussetzungen aus
entwirft C. das Svstem der Kiinste, das hier zu reproduzieren uns der Raum
fehlt.
Die Marburger Schule, deren anerkanntes Haupt C. war, hatte mittlerweile
zahlreiche Anhanger und Freunde gewonnen. Dies zeigte sich deutlich, als C.
191 2 seinen 70. Geburtstag feierte. Aus aller Herren Landern kamen die Gra-
tulanten, siebzig Kollegen und Schuler iiberreichten eine Festschrift, auBer-
dem wurde noch eine besondere Festschrift von 43 judischen Gelehrten ihm
Cohen. Crusius
237
dargebracht. Nach seinem 70. Geburtstag verlieB C. die bisherige Statte seiner
Wirksamkeit und siedelte von Marburg nach Berlin iiber. Hier war er dann
noch eine Reihe von Jahren an der Akademie des Judentums als Lehrer tatig.
C. war nicht, wie ich aus einem Mifiverstandnis heraus in meinem Cohen-Buch
(S. 94) angab, Freimaurer, dagegen hat er immer den regsten Anteil am reli-
giosen Leben seiner Glaubensgenossen genommen.
In die Zeit seiner Berliner Wirksamkeit fallen noch zwei bedeutsame Er-
eignisse, namlich einmal die Reise nach RuBland 1914, auf der er von der ge-
lehrten Welt Polens und RuBlands seinem Genie und seinen Leistungen ent-
sprechend geehrt wurde; und die Feier seines sojahrigen Doktorjubilaums
1915, bei welcher Gelegenheit ihm wieder zahlreiche Beweise der Verehrung
und Liebe zuteil wurden.
Literatur: Eine ausfuhrlicheC. -Bibliographic findet man beiW. Kinkel: H.Cohen, eine
Einfuhrung in sein Werk, Stuttgart 1924, S. 346 ff . Wir begniigen uns hier, die wichtigsten
seiner Werke anzufuhren: Kants Theorieder Erfahrung, Berlin 1871, 2. Aufl. 1885, 3. Aufl.
19 18. — Die systematischen Begriffe in Kants vorkritischen Schriften nach ihrem Ver-
haltnis zuin kritischen Idealismus, Berlin 1873. — Kants Begriindung der Ethik, Berlin
1877, 2- Aufl. 1910. — Das Prinzip der Infinitesimalmethode und seine Geschichte, Berlin
1883. — Kants Begriindung der Asthetik, Berlin 1889. — Logik der reinen Erkenntnis,
Berlin 1902, 2. Aufl. 19 14. — Religion und Sittlichkeit, Berlin 1907. — Ethik des reinen
Willens, Berlin 1907. — Asthetik des reinen Gefuhls, 2 Bde., Berlin 191 2. — Deutsch-
tum und Judentum, GieBen 191 5. — Der Begriff der Religion im System der Philo-
sophic GieCen 191 5. — Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums,
Leipzig 19 19. — Jtidische Schriften, ed. B. Straufl, 3 Bde., Berlin 1924. — Kleine philo-
sophische Schriften, ed. Cassirer & Gorland, im Erscheinen begriff en. — tfber das Leben
Cohens orientiert aufler meiner oben genannten Schrift R. Fritzsche: H. Cohen aus per-
sonlicher Erinnerimg. Berlin 1922. — Der wissenschaftliche NachlaC findet sich in
Handen von Frau Martha Cohen, Berlin W 10, Dornbergstr. 6.
Gieflen. Walter Kinkel.
Crusius, Otto, klassischer Philologe, * am 20. Dezember 1857 m Hannover,
f am 29. Dezember 1918 in Miinchen. — C. entstammt von vaterlicher Seite
einer meist im alten Kurfurstentum Sachsen ansassigen Gelehrtenfamilie, aus
der sein Oheim Gottlob Christian C. (1785 — 1848), zuletzt Kantor und philo-
logischer Lehrer am Lyzeum in Hannover, als Verfasser eines vielbenutzten
Homer-Lexikons und kommentierter Homer- Ausgaben bekannt ist ; die Mutter,
eine Niedersachsin (geb. Winckelmann) , war mit Heinrich Hoffmann von
Fallersleben befreundet, der dem schon seit 1861 vaterlosen C. ein vaterlicher
Freund wurde. Die dem Verfasser des Deutschlandliedes eigentumliche Mi-
schung naturwiichsiger poetischer Improvisationsgabe und biederer Ge-
lehrsamkeit ist nicht ohne Eindruck und Wirkung auf C. geblieben. Das
Lyzeum seiner Geburtsstadt Hannover, eine Gelehrtenschule alten und besten
Stils, auf der er in politisch bewegter Zeit heranwuchs, gab ihm strenge geistige
Schulung: es war Heinrich Ludolf Ahrens, der ihm in der Prima die Augen
fur die »lebendige« antike Welt offnete und den Ernst sprachlichen Studiums
zum vollen BewuBtsein brachte. Ihm fiihlte er sich sein ganzes Leben mehr
als irgendeinem seiner Universitatslehrer zu grenzenlosem Dank verpflichtet
und huldigte ihm schriftlich und miindlich, so oft er nur konnte (vgl. auch
das Vorwort zu H. L. Ahrens, Kleine Schriften, I, 1891). Seinen immer regen
Bildungshunger suchte er durch die bunteste Privatlektiire zu stillen; schon
238 I9i8
als Gymnasiast hat er seine besonderen Lieblinge Heinrich v. Kleist und Karl
Immermann entdeckt, der scheinbar zufallige Erwerb der kdstlichen Basler
Folio- Ausgabe des Petrarca ist gleichsam das Symbol seiner humanistischen
Bestimmung.
Als C. Ostern 1875 an die Universitat Leipzig kam, um klassische Philo-
logie zu studieren, war das Gestirn Friedrich Ritschls kurz vor dem Erloschen
(t Nov. 1876); es ist bezeichnend, daB ihm bei aller Hochachtung vor der
disciplina Ritscheliana seine Schriftstellerinterpretation »damals meist im
Handwerklichen steckenzubleiben schien«. Zunachst zogen ihn tiberhaupt
die Germanisten starker an, unter ihnen besonders Rudolf Hildebrands
reicher und feiner Geist; ja es muB damals die Gefahr bestanden haben, daB
ihn der von kleinauf leidenschaftliche Hang zur Musik ganz der Wissenschaft
entfuhrte. Klarend und befreiend hat die groBe Reise gewirkt, die er als
Begleiter einer deutschamerikanischen Familie nach seinem 5. Semester
im Jahre 1877 — 1878 durch Siiddeutschland, Italien und Frankreich machen
konnte. Jetzt tritt die griechisch-romische Antike als die sein Leben bestim-
mende GroBe in den Mittelpunkt und alle anderen Neigungen ordnen sich
dem einen Ziele unter. Von seiner Riickkehr nach Leipzig an konzentriert
er sich unter Otto Ribbecks teilnahmsvoller Leitung ganz auf die klassischen
Studien, als deren erstes bedeutendes Ergebnis seine Dissertation de Babrii
aetate 1879 erschien. Daran schloB sich das Staatsexamen und seine An-
stellung als Gymnasiallehrer zuerst am Gymnasium zu Dresden-Neustadt,
dann nach dem Militarjahr 1881/82 in Leipzig an der Thomasschule bis 1886:
seiner praktischen Tatigkeit im Schuldienst hat er immer in treuer Dankbar-
keit gedacht. Aber schon im Mai 1883 habilitierte er sich mit einer Arbeit
iiber die antiken Paromiographen, die ihn sofort in die vorderste Linie der
jiingeren Philologen stellte. Nachdem er sich 1885 mit Franziska v. Bihl ver-
mahlt hatte (von den beiden Sohnen ist der altere, Otto C, Musiker, der
jiingere, Friedrich C, Philologe), konnte er Ostern 1886 das ihm angebotene
Jenaer Extraordinariat ausschlagen und dem Rufe an Erwin Rohdes Stelle
nach Tubingen folgen ; nach dessen f riihem Tode folgte er ihm auf den Heidel-
berger Lehrstuhl 1898 (nachdem er Halle abgelehnt hatte) und ging schlieB-
lich (nach Ablehnung eines Wiener Rufes) 1903 als Nachfolger Wilhelm
v. Christs nach Miinchen, wo er 1915 zum Prasidenten der bayerischen Aka-
demie gewahlt wurde. Dieser rasch ansteigende und auBerlich glanzende
cutsus honor um war nur die gemaBe Anerkennung seiner Fahigkeiten, deren er
sich selbst stets kraftvoll bewuBt war. In den letzten Tagen des schweren
Jahres 1918 setzte ein Gehirnschlag seinem Leben ein jahes, vollig uner-
wartetes Ende.
Die Leistungen des Forschers liegen zunachst auf festumgrenzten, der
hohen und klassischen Literatur f ernen Gebieten : schon bei der Dissertation
iiber die Lebenszeit des Babrios ist das Wesentliche nicht das chronologische
Ergebnis (das ja auch durch die Papyrusfunde eine Korrektur erfahren
muBte), sondern das lebendige Verstandnis der antiken Fabel als einer Aus-
drucksform griechischen Volksgeistes und die souverane Beherrschung der
weit iiber die Antike hinaus reichenden Fabelliteratur. Fiir Babrios hat C.
1897 die maBgebende Edition besorgt; die weiter greifenden Plane muBten
unvollendet bleiben : sowohl das Corpus fabidarum Aesopicarum (mit Hausrath
Crusius 23Q
u. a.), wie eine Geschichte der antiken Fabel und ihres Nachlebens. Was C.
19 13 »aus der Geschichte der Fabel « als Einleitung zu Kleukens popularem
Buch der Fabeln veroffentlichte, sind kostliche Proben reifer geschichtlicher
Einsicht, die den Verzicht auf das Ganze tun so bitterer empfinden lassen.
Neben der Fabel gait seine Arbeit dem Marchen, den Sprichwortern, den
religiosen Brauchen und Vorstellungen des Volkes: insbesondere sollte der
reiche Schatz der griechischen Sprichworter, den er kannte und liebte wie
keiner, gehoben werden. Seine Analecta ad paroemiographos Graecos 1883
legten die aufierordentlich verwickelte Uberlieferung der vorhandenen Samm-
lungen klar und sind noch heute das einzige Buch, das den Zugang zu ihnen
eroffnet; denn so viel er (z. T. mit Iy. Cohn zusammen) spater noch zu den
Paromiographen veroffentlicht hat (Plut. de proverb. 1887 u. 1895, Ver-
handlg. d. 40. Phil.-Vers. Gorlitz 1890, Philol. Suppl. 1891, Sitz.-Ber. d.
bayer. Akad. 1910), auch hier ist das am Anfang sicher ins Auge gefafite eigent-
liche Ziel, ein neues Corpus Paroemiographorum Graecorum (sehr verschieden
von dem alten Gottinger) zu schaffen, nicht erreicht worden. Weit zerstreut
sind seine religionsgeschichtlichen und volkskundlichen Aufsatze von der
I^eipziger Zeit (Artikel fur Ersch und Gruber, Roscher u. a.) bis zum Beitrag
in der Kuhn-Festschrift (1916): sie sind in ihrer Mehrzahl Interpretations-
versuche, meist von Dichterstellen, und insofern echte Philologie. Von den
dunkelsten Regungen der Volksseele und ihren primitiven Ausdrucksformen
wird der Weg gesucht zu den erhabensten AuBerungen griechischen Geistes
in Lyrik und Drama. Die zeitliche Bedingtheit dieser Arbeiten offenbart sich
wohl in der Herubernahme mancher »folkloristischen« Hypothese: aber im
letzten Grunde wurzeln sie doch noch in den Anschauungen der von der
romantischen Geistesbewegung mitbestimmten »historischen Schule«. Jacob
Grimm hat er immer mit bewufitem Nachdruck »den grofiten Philologen*
genannt, und unter den Altertumsforschern verehrte er Otfried Muller als den
genialsten; Wilh. Mannhardt aber pries er unaufhorlich als den Forscher,
der in rastloser Arbeit das Gemeinsame in antikem und nordischem Volks-
glauben aufgedeckt hatte. Den vom Teubnerschen Verlag ausgehenden Plan
einer Sammlung seiner Beitrage zur alten Folklore und Dichtung vereitelte
der Ausbruch des Krieges.
Eine seltsame Gabe der tv%?] war fiir ihn der 1890 wiedergefundene Heron-
das: der »volksmaJ3ige« Inhalt, il piccolo mondo antico, vor allem zog ihn an
und lieB ihn fiir Ausgabe (1892, 5. Aufl. 1914), Untersuchungen (1892), Uber-
setzung (1893, 2. Aufl. von Rudolf Herzog 1927) in schneller Folge sorgen.
(Viele Einzelbeitrage im Philologus bis zu dem nachgelassenen von R. Herzog
veroffentlichten Stiick Philol. 79, 1924.) GewiB war er seinen vorausliegenden
Studien nach besonders zum Interpreten dieses Dichters geriistet, aber die
rasche und sichere Art, mit der er in wenigen Monaten den schwierigen Text
alien Fernerstehenden zuganglich machte, ist verbluffend. Diese Tatigkeit
des unmittelbaren Eingehens auf das Neue, das vor allem der sich gerade
damals offnende Boden Agyptens brachte, macht viele Jahrgange des seit
1886 von ihm redigierten Philologus zu einer sehr anregenden Lektiire.
Neue Funde gaben ihm auch Gelegenheit, seine unter Philologen einzigartige
Kenntnis antiker Musiktheorie, die er sich als Musikf reund und Musiker fruh
erworben hatte, f ruchtbar zu machen : er hat in den ratselhaften Zeichen auf
24O I9i3
dem Grabstein des Seikilos die Musiknoten erkannt (i 891, ausgefuhrt 1893), hat
auf dem Orestes-Papyrus die Instrumental- von den Vokalnoten unterschieden
(1893) und hat die delphischen Hymnen in einem Buche (1894) behandelt,
in dem besonders die Ausfuhrungen iiber das Verhaltnis von /u^Aog und
Sprachakzent wichtig und unmittelbar einleuchtend sind. Der beste Kenner
griechischer Musik, Hermann Abert (t am 13. Aug. 1927) hat bei seiner An-
trittsrede in der Berliner Akademie (Sitz.-Ber. 1925, XCVI) fur seinen Tii-
binger Lehrer, der seiner Laufbahn die entscheidende Wendung gegeben hat,
«in begeistertes Bekenntnis abgelegt. — Im Gegensatz zu alien bisher genannten
Arbeiten war die fliichtige Revision und Erganzung der Bergk-Hillerschen
Anthologia lyrica 1897 (alle spateren Drucke sind nur mechanische Wieder-
holungen) eine Not- und Pflichtarbeit. Die Notwendigkeit einer volligen Neu-
gestaltung dieser unentbehrlichen handlichen Textausgabe der griechischen
Lyriker hat niemand schmerzlicher empfunden als C. selbst, der ja eine Zeit-
lang auch die Erneuerung des groBen Bergk plante und in den Artikeln der
ersten fiinf Bande der Real-Enzyklopadie (bis 1905) skizzenhafte Lyriker-
Portrats und Entwicklungsgeschichten lyrischer Dichtformen (Dithyrambus,
Elegie) entwarf : aber wie andere oben schon genannte Teile seines Lebens-
werkes blieb auch die Arbeit an den griechischen Lyrikern fragmentarische
Hindeutung auf ein groBes Ziel. Hier, bei den Lyrikern, glaubte er — wahrend
es ihm bei der Fabel, beim Sprichwort u. a. um allgemeine Volkergedanken
und naives Volkstum zu tun war — die Macht der »Personlichkeit« in ihrer
eigentiimlich griechischen Pragung am unmittelbarsten zu fassen. Doch hat
er das in den gedruckten Arbeiten kaum angedeutet, ausgefuhrt hat er solche
Gedanken nur in den Vorlesungen. Es vermogen ja uberhaupt weder die
kleine Zahl der vollendeten Werke noch die Unzahl von Werkstticken in
Einzeluntersuchungen und Aufsatzen (ca. 150 ohne die 80 Artikel bei Ersch
und Gruber, Roscher und Pauly-Wissowa, dazu die wirklich zahllosen Rezen-
sionen im Literar. Zentralbl.) einen Begriff von dem zu geben, was C. liber
die Antike sagen wollte und konnte. Das haben nur seine Horer erfahren, die,
in glucklichen Stunden das lebendige tonende Wort, sehr abhangig von der
Stimmung und Eingebung des Augenblicks, vernahmen. Vom Anfang der
Tiibinger Zeit an hat er groBe darstellende Hteraturgeschichtliche Vorlesungen
gehalten, die anfangs beide Literaturen bis in die Kaiserzeit umfaBten, sich
aber spater auf die griechische beschrankten und schlieBlich immer starker
auf die klassische Epoche konzentrierten. Als wichtigstes und eindrucks-
vollstes in 30 Jahren oft wiederholtes Hauptkolleg steht daneben das liber
Metrik und Poetik der Griechen und Romer, das unter dem Titel »Formen-
lehre der antiken Dichtung« sein letztes, nicht mehr vollendetes sein sollte.
Interpretiert hat er in den Vorlesungen vor allem Aristophanes, Aeschylus,
Theokrit, dagegen Homer und Sophokles erst in Miinchen. Und diese spatere
Zeit, in der er die in Heidelberg (1901) aufgenommene »Griech. Volkskunde*
nur selten wiederholte, hat neben einer umfassenden Vorlesung iiber Ge-
schichte der Philologie (zuerst 1904/05) eine iiber die Antike im 19. Jahrhundert
gezeitigt (zuerst 1904); im Krieg (1915/16) hat er beide vereinigt unter dem
Titel »Altertum und Deutschtum, Einleitung in das Studium der klassischen
Philologie « gehalten. Off en spricht hieraus, was doch auch die Dominante
aller anderen Vorlesungen war, das Bekenntnis zum Griechentum.
Crusius 241
Damit erst erreichen wir — nachdem mit Vorbedacht zuerst die Leistungen
des Forschers und Dozenten in ihrer konkreten Fiille und Vielfaltigkeit aus-
gebreitet wurden — den Punkt, in dem das Personlichste und Allgemeinste
zugleich beschlossen liegt. Wir miissen erkennen, daB das in alien Erinnerungs-
bildern und Gedachtnisreden laut und einstimmig gepriesene Menschen- und
Kunstlertum in C. seine seelenbezwingende Macht von einer hoheren Idee
her erhalten hat. Er besaB das Charisma des echten Humanisten. Erst wenn
es gelingen sollte, diesen » Humanismus « in seiner Eigenart zu bestimmen
und inn als eine Haupttriebkraft seiner Philologie zu fassen, diirften wir hoffen,
einer so komplizierten geistigen Erscheinung, wie C. es war, einigermaBen
gerecht zu werden : vom Stile des Epitaphs wie von dem der kritischen Aus-
einandersetzung gleich weit entfernt, wollen wir hier ja nichts anderes als ihn
verstehen. — Zu C.s Lebenszeit standen nebeneinander (um es grob zu sagen)
ein traditioneller Schulhumanismus, der nach der Ansicht der Wissenschaft,
so weit sie ihn iiberhaupt beriicksichtigte, nur von einem Scheinbild, von
einer »gedachten« Antike lebte, und die reale Altertumswissenschaft, die sich
um das wirkliche Altertum bemuhte und fur welche die Antike als Ideal
dahin war. C. aber glaubte, ohne die im 19. Jahrhundert vertiefte und er-
weiterte geschichtliche Erkenntnis der alten Welt preiszugeben, auf die Prin-
zipien Wilhelm v. Humboldts zuriickgreifen zu konnen und zu miissen. »Das
Ideal des Neuhumanismus ist durch das Lauterungsfeuer der Geschichts-
wissenschaft gegangen und hat standgehalten « (1910). Fiir den Aufbau der
antiken Kultur selbst schien ihm die Idee der Personlichkeit und die der
inneren Freiheit grundlegend, entwicklungsgeschichtlich betrachtet, stand
ihm ihre Urspriinglichkeit (im Volklichen, Staatlichen, Individuellen) und
der ewige Symbolgehalt fiir die europaische Kulturgemeinschaft fest. Die
Griechen sind, wie er in immer neuen Variationen ausgefiihrt hat, die Schopfer
und Trager der Bildungsidee : Humboldt und jeder, der an geschichtlich
Gegebenes ankniipfen will, muB sich an sie als die Erzieher wenden. Die
Romer galten ihm — so sehr er ihrer Eigenart sonst gerecht zu werden
versuchte — unter diesem Gesichtspunkt nur als die Vermittler, dieBotschaft
vom griechischen Kulturgedanken zu bringen hatten. Diese Gesamtanschau-
ung vom Wesen der Antike steht mehr oder minder deutlich ausgesprochen
hinter alien seinen AuBerungen ; in den Publikationen tritt ein (f reilich von dem
ersten kaum zu trennender) zweiter Gesichtspunkt beherrschend in den
Vordergrund: die lebendige Wirkung der Antike auf die Folgezeit. Zur Er-
forschung des geschichtlichen Zusammenhangs der alten Kultur mit alien
spateren europaischen versuchte er anzuregen (Das Erbe der Alten, mit Zie-
linski und Immisch seit 1910; zum Untertitel des Philologus: Zeitschr. f. d.
klass. Altertum fiigte er »und sein Nachleben« hinzu seit 1912); er selbst
ist vor allem dem Verhaltnis von Altertum und Deutschtum nachgegangen.
Hier hinwiederum hat ihn naturgemaB die Zeit vor 100 Jahren lebhaft be-
schaftigt, aber auch das folgende 19. Jahrhundert, insbesondere Nietzsche
und die unmittelbare Gegenwart. (Europa und der griech. Gedanke in: Mann-
haftigkeit und Biirgersinn, Tat-Biicher 10, 1915. — W. v. Humboldt und die
Erneuerung des deutschen Geistes im Zeitalter der Befreiungskriege, Vortrag,
Miinchen, 1. 2. 1916, nicht gedruckt, mangelhafte Nachschrift im NachlaB. —
Der griechische Gedanke im Zeitalter der Befreiungskriege in: Mitteilungen
DBJ 16
242 1918
des Wiener Ver. d. Freunde des hum. Gymn. 17, 1916. — Berliner Vortrag,
Anf. Dez. 1917, Manuskript im NachlaB ohne Titel, wohl: Deutschtum und
Altertum; auch fiir Frontvortrage verwertet.) »Humboldts Forderungen sind
keine verganglichen Theorien und Geschmacksurteile, sie sind gewisser-
maBen die Funktionsformeln des deutschen Geisteslebens und sie bezeichnen
die Integration deutschen Wesens in der Richtung zum Europaischen und
Menschlichen. Die lebendigen Machte der Personlichkeiten und Nationali-
taten (nicht allgemeine Lehrsatze und Anweisungen) sind das wahrhaft Bil-
dende. « Das Wissen um die Grundkrafte hellenischen Geistes wirkt unmittel-
bar ins eigene Leben, und aus der eigenen Lebendigkeit nur laBt sich das Grie-
chentum verstehen. Die Gestaltung des eigenen Selbst und die werthafte Er-
fassung der Antike bedingen sich also gegenseitig. Der »zwanglose«, 191 1
gedruckte Vortrag: Wie studiert man klassische Philologie? sollte zu einem
Buche in humanistischem Geist: »Philologiestudium und die Bedeutung der
Antike « ausgearbeitet werden. Es ist im Grunde das humanistische Ethos,
das ihn zu dem innerlich sonst so ganz anders gearteten Rohde hinzog und in
dessen Preis sein »Biographischer Versuch* (1902) ausklingt; und wie stark
ihn die Problematik der »klassischen« Philologie bewegt hat, zeigen neben
diesem seinem groBten und bedeutendsten Werk zu ihrer Geschichte seine
Aufsatze iiber Ribbeck (Beilage zur Allg. Zeitung 1899, 180, 213), seine
Einleitung zum II. Bande von Nietzsches Philologica (1913), ja selbst
seine weit iiber ihren unmittelbaren Gegenstand hinausgreifende Rede auf
v. Christ (1907).
Alle Vorbedingungen fiir eine gliickliche Zusammenfassung zu einem groB-
angelegten und durchgeformten Werk schienen gegeben zu sein ; und doch ist
schlieBlich das meiste in Ansatzen haften geblieben, gegeniiber dem » wahrhaft
monumentalen Werk* eines Freundes hat er (21. 11. 1909 an Herm. v. Fischer,
s. u. S. 522 ff.) schaudernd gesehen, wie seine »Schreiberei verzettelt und zer-
flattert ist«. Er selbst wie andere haben die Last der Amter (oberster Schulrat
in Baden und in Bayern, Zensurbeirat) und Wiirden (Prasidentschaft der
Akademie und Generalkonservatorium der Sammlungen des bayer. Staates)
beklagt und die I^ockungen des kiinstlerisch-geselligen I^ebens in dem baye-
rischen Capua (nahe stand er z. B. Mich. Gg. Conrad, Josef Ruederer, Isolde
Kurz ; Otto Greiner, Adolf v. Hildebrand ; dem ganzen Kreis der Siiddeutschen
Monatshefte). Aber die letzte Ursache des friihzeitigen und iiberraschenden
Nachlassens der in den Leipziger und Tiibinger Jahren so intensiven Forscher-
arbeit liegt tiefer ; schon aus dem oben Ausgefuhrten ergibt sich, daB ihm nicht
wie den meisten seiner Zeitgenossen der hochste Wert fachwissenschaftlicher
Arbeit an sich bedingungslos feststand, er suchte nach dem Sinn und er
suchte nach dem unmittelbaren tatigen AnschluB an die Zeit; er gehorte
nicht zu den reinen Vertretern des filog decogrjTiKOg. Die kurz skizzierten
Leitgedanken seiner humanistischen Bestrebungen — eben jenes Suchen
nach dem Sinn — ermangelten schlieBlich doch einer tieferen Begriindung,
einer theoretischen Verarbeitung ; Humboldtsche Ideen kreuzten sich viel-
fach mit ausgesprochen »romantischen«, und die Wendung ins Praktische,
im Krieg dann besonders ins Politische, hatte etwas Plotzliches, Unorgani-
sches: das In-Beziehung-Setzen mit der Formel »auch bei uns« und das
Jagen nach Analogien war mitunter nicht ohne Gewaltsamkeit und Gefahr.
Crusius
243
Die standige Fuhlung mit dem zeitgenossischen geistigen Leben konnte er
gar nicht entbehren: »ich fiihle die Verpflichtung Zeitgenosse zu sein, und es
ist auch gut, wenn man sich von Zeit zu Zeit von den literarischen Nord-
winden anblasen laBt . . . « (an H. v. Fischer, 12. 12. 1905). So schon eine solche
Offenheit fiir alles Lebendige ist, die Winde der Zeit bliesen zu heftig und nicht
immer giinstig. Wenn bei ihm statt fester Gedankengefuge und Gestaltungen
eine lose Folge von » Impressionen « entsteht, so ist das Zeitstil, und wenn
»Leben« »Lebendigkeit« j»Erleben« einen breiten Raum in seinem Wortschatz
beanspruchen, so erkennen wir auch daran den Zeitgenossen der )>I^bens«-
Philosophie, ja der Biologie, nicht den Erben der Grimm und O. Muller.
GewiB war auch seine Sprache »lebendig« und kaum war einer, selbst in der
kleinsten und intimsten philologischen Untersuchung, vom Pedantismus
deutschen Gelehrtenstils f reier als C. ; angeborenes kiinstlerisches Empfinden
und ohne Frage auch die Lehre des groBen Sprachmeisters Rudolf Hilde-
brand wirkten gliicklich zusammen, aber seine Starke lag im Aper9u, im
Aphorismus, im Impromptu, nicht in einer groBeren und geschlossenen Form.
Darum hat er, wie etwa bei der Fabel, immer wieder Fragmente herausgegeben,
weil ihn das Ganze in der Form nie befriedigte. Es war die innere Erregung
der Kriegszeit und das Drangen des Verlages, was ihn zur Sammlung und
Veroffentlichung eigener poetischer Improvisationen veranlaBte (Heilige Not
1916): den Durchschnitt von Professorenpoesie erheblich iiberragend, sind
sie, auch wo sie sich volkstumlich geben, geschmackvoll und sehr gebildet.
Immer dringender wurden die Forderungen des »Lebens« von alien Seiten,
gehetzt und atemlos muBte er immer ofter von dem Wege abschweifen, auf
dem er nach dem hohen Sinn fiir seine Wissenschaft suchte ; das Ziel f reilich
»schwebte ihm (um eine seiner charakteristischen Iyieblingswendungen zu
gebrauchen) vor Augen«, bis den Rast- und Ruhelosen die Gotter vom un-
vollendeten Lebenspfad entrafften. Aber in confinio duorum saeculorum
seine Stimme weithin pro humanitate erhoben zu haben, ist etwas so Beson-
deres und GroBes und in die Zukunft Weisendes, daB es auch ohne die Gnade
der endlichen Erfullung des dauernden Gedachtnisses wiirdig und gewiB ist.
Literatur: Von seiner Kindheit und Jugend bis zura Abiturium erzahlt C. selbst bei
A. Graf, Schiilerjahre, 191 2, S. 65 — 84; bei W. Zils, Geistiges und kiinstlerisches Miinchen
in Selbstbiographien, 19 13. S. 50 — 56, spricht nicht C. selbst, aber er hat dem Heraus-
geber sehr ausfiihrliche (schriftliche und miindliche ?) Unterlagen geliefert. — Eine voll-
standige Bibliographie aller Veroffentlichungen (einschliefllich der Rezensionen) bis zum
Jahre 1909 s. im Almanach d. bayer. Akad.der Wiss.zum 150. Stiftungsfest 1909, S. 205
bis 216. — Der ausfiihrliche Nekrolog von K. Preisendanz, Bursians Jahresbericht f. d.
Altertumswissenschaft, Bd. 185 B, 1920 (57 S.) verwertet menschlich interessantes Brief-
material. — Kiirzere Nachrufe: W. Schmid, Wiirttemberg. Korrespondenzblatt 25 (1918),
S. 186 ff.; A. Rehm, Jahrbuch d. bayer. Akad.der Wiss. 1919, S. 8 ff.; L. Rademacher,
Akad. der Wiss. in Wien, Almanach f. 1919, S. 231 ff.; R. Pfeiffer, Liter. Beilage z. Augs-
burger Postzeitung 1919, S. 1 ; K. Rupprecht, Siiddeutsche Monatshefte, Mai 1919, S. 142.
— Der handschriftliche NachlaC ist in den Hiinden der Familie (Miinchen, Isabella-
strafle 26) ; zwei ungedruckte Vortrage aus der Kriegszeit uber humanistische Probleme
sind oben benutzt, ebenso der (schon von Preisendanz herangezogene) Brief wechsel mit
H. v. Fischer. Fiir die Uberlassung der Handschriften sowie fiir andere aufschluBreiche
Mitteilungen bin ich Dr. Friedrich Crusius dankbar verpflichtet.
Freiburg i. Br. Rudolf Pfeiffer.
244 I9lS
Eichhorn, Hermann v., Koniglieh preuBischer Generalfeldmarschall, * am
i3.Februar 1848 in Breslau, f (durch Bombenanschlag) am 30. Juli 1918 in
Kiew. — Unter den Fiihrern des deutschen Heeres wahrend des Weltkrieges
wird man v. E. stets einen der hervorragendsten Platze zuweisen miissen. v. E.
war aber nicht nur der bedeutende Soldat, dessen Taten im Kampfe gegen die
Russen zu den groBen Erfolgen des Krieges zahlen, seine vielseitige, tiefe Bildung
hat ihm den Ruf einer tiberragenden Personlichkeit geschaffen. »Er gehorte zu
jenen Menschen, die man achtet und verehrt, nicht weil die Fiille der Ordens-
sterne blendet oder die Wiirde der hohen Stellung Eindruck macht, sondern
weil man die Warme ihres Herzens und die Uberlegenheit ihres Geistes spiirt. «
»Wer mit ihm zusammen dienen durfte, der wird sich freudig dieses ganzen
Mannes erinnern.«
Die Familie E. stammt aus dem Hohenlohischen. Der GroB vater v. E.s war
der preuBische Staatsmann J. Friedrich E. Dieser Mainfranke war bei der
Wiedererhebung PreuBens ein Mitarbeiter von Gneisenau und Stein gewesen,
hatte dann hervorragenden Anteil an der Griindung des Zollvereins gehabt und
wurde schlieBlich preuBischer Minister der geistlichen Angelegenheiten. Aus
der Ehe mit Amalie Sack, der Tochter des Berliner Oberhofpredigers, einer
Frau »von hoher Intelligenz und groBter Zartheit des Gefuhls«, entsproB als
Erstgeborener der Vater des Feldmarschalls, der spatere Regierungsprasident,
der am 27. Februar 1856 in den preuBischen Adelsstand erhoben wurde. Im
Jahre 1843 fiihrte dieser die Tochter Julie des Philosophen Friedrich J. Schel-
ling als Gattin heim. Die Mutter v. E.s hatte ein gutes Teil von ihrem bedeu-
tenden Vater mitbekommen; »von groBer korperlicher Schonheit und hoher
Regsamkeit des Geistes gewann sie tiefen und nachhaltigen EinfluB auf die
Entwicklung ihrer Kinder. «
Wie ererbte Eigenschaften seinen Charakter beeinfluBten und andere ihn
besonders auszeichneten, schildert Sittmann: »Die nordische Geistesartung
kam denn auch bei dem Feldmarschall neben der siiddeutschen zu starkem
Ausdruck ; aus einer Mischung beider laBt sich das Wesen des Mannes gut er-
klaren. Mit einer auBerordentlichen L,ebhaftigkeit und Beweglichkeit, mit einer
starken Begeisterungsfahigkeit fiir ethische und asthetische Werte, mit einer
iiberraschenden Vielseitigkeit der Interessen vereinigte der Geist des Feld-
marschalls eine durchdringende Scharfe des Blickes, der nie an der Oberflache
haften blieb, ein scharfes Herausarbeiten der Zusammenhange, eine Zahigkeit
im Erwarten, eine Kraft im Festhalten und eine Sicherheit im Einordnen des
geistigen Gewinnes. « Bildung und Wissen waren bei ihm nicht Selbstzweck.
Wenn er sprach, war es gehaltvoll und klar, immer den Kern der Sache er-
fassend, seine Reden und Gedanken getragen von tiefer, gliihender Vaterlands-
liebe. Von seinen Lippen kamen stets nur Worte der Gerechtigkeit. Uber seine
ganze Personlichkeit schwebte der Zauber gewinnender Ritterlichkeit und
Herzensgiite. In alien Stellungen der Friedens- und Kriegszeit war er nicht nur
Soldat und Vorgesetzter, sondern auch Kamerad und vaterlicher Freund. An
sich selbst stellte v. E. die hochsten Anforderungen ; er war strengster, vor-
bildlicher Pflichtbegriff, eine Verkorperung der Selbstzucht. Der echte und
frische Soldatengeist verlieh ihm noch im hohen Alter die Spannkraft eines
Junglings.
Als zweiter von drei Sohnen geboren, besuchte v. E., in altpreuBischer Ein-
Eichhorn 245
fachheit und Sparsamkeit erzogen, zunachst das Gymnasium in Breslau und be-
stand dann in Oppeln, wohin sein Vater versetzt worden war, das Abiturienten-
examen. Am 1. April 1866 trat er als Dreijahrig-Freiwilliger mit Aussicht auf
Beforderung in das 2. Garderegiment zu FuB ein. Schon als Unteroffizier nahm
er an dem Feldzuge gegen Osterreich teil und kampfte bei Soor, Koniginhof und
Koniggratz in den Reihen seines Regiments. Am 6. August wurde v. E. Portepee-
fahnrich, genau einen Monat spater ebenfalls ohne Examen Sekondeleutnant.
Mit dem 2. Gardelandwehrregiment zog er in den Krieg gegen Frankreich, und
wurde dann mit diesem bei der Belagerung von StraBburg und vor Paris ein-
gesetzt. Seit dem Marz 1872 schmuckte ilin das Eiserne Kreuz II. Klasse; im
Oktober des gleichen Jahres wurde er zur Kriegsakademie kommandiert. Hier
fand er in dem spateren Generalfeldmarschall v. Hindenburg und dem General
der Kavallerie v. Bernhardi » Alters-, Arbeits- und Gesinnungsgenossen«. 1873
erhielt er seine Beforderung zum Premierleutnant. Nach Beendigung des Kom-
mandos zur Kriegsakademie tat v. E. in seinem alten Regiment Dienst, war
auch wenige Monate Regimentsadjutant, bis er am 18. Mai 1876 auf ein Jahr zur
Dienstleistung beim GroBen Generalstabe kommandiert wurde. Von 1877 bis
1879 war v- E. dann Adjutant der 60. Infanteriebrigade in Metz, wurde auch hier
am 8. Juni 1878 iiberzahliger Hauptmann. Im Dezember 1879 bekam er als
Kompagniechef die 12. Kompagnie im 2. Garderegiment zu FuB.
Am 2. Marz 1880 verheiratete sich v. E. in Berlin mit Jenny Jordan (f 22. April
1925), der zweiten Tochter des Geh. Legationsrates im Auswartigen Amt, Wil-
helm Jordan. » Jahre, in denen manche ernste Sorge an sie herantrat, haben das
Paar fester aneinandergekettet, als UberfluB und GenuB es vermocht haben.
So wurden die Eheleute eine Einheit, in der man sich den einen Teil ohne den
anderen nicht vorstellen kann; die Arbeit, die Erfolge, das Wesen des Mannes
nicht ohne die umhegende, ausgleichende, liebreiche Fiirsorge der Gattin, die
geistige Hohe und die Herzenstiefe der Frau nicht ohne die Leitung und Forde-
rung durch den Mann. Als starkstes einigendes Band, starker fast noch als die
Sorge fur die Kinder, umschlang das Paar, wie das groBelterliche, die gluhende
Vaterlandsliebe. « Uberall wurde sein Haus die Statte hochstehenden geistigen
Verkehrs. Aus dem Ehebunde sind in den Jahren 1880 — 1883 zwei Sonne und
eine Tochter entsprossen.
Im Januar 1883 erneut zum GroBen Generalstabe kommandiert wurde v. E.
einen Monat spater dem Generalstabe der 30. Division mit dem Standort in Metz
zugewiesen. Am 15. Mai erfolgte dann unter Belassung in der bisherigen Dienst-
stelle seine Versetzung in den Generalstab der Armee. Von 1884 — 1888 finden
wir v. E. als Generalstabsoffizier bei der 5. Armeeinspektion in Karlsruhe;
Generalinspekteur war damals General der Kavallerie Friedrich, GroBherzog
von Baden. Am 20. Februar 1886 zum Major befordert, wurde v. E. Weih-
nachten 1888 in den Generalstab der 2. Division versetzt. Elf Monate spater
wurde er zur Dienstleistung beim Generalkommando des I. Armeekorps kom-
mandiert, im Marz 1890 in den Generalstab des soeben gebildeten XVII. Armee-
korps versetzt. Nachdem v. E. am 16. Mai 1891 zum Oberstleutnant befordert
war, erhielt er am 19. September 1891 seine Versetzung in den GroBen General-
stab, einen Monat spater seine Emennung zum Abteilungschef. Im gleichen
Jahre hatte an Stelle des Grafen Waldersee der General Graf Schlieffen das
verantwortungsvolle Amt als Chef des Generalstabes ubernotnmen.
246 I9i8
Im Mai 1892 muBte v. E. seinen Wohnort Berlin mit Karlsruhe vertauschen,
wohin er als Chef des Generalstabes des XIV. Armeekorps versetzt wurde. Sein
Kommandierender General war hier der General der Inf anterie v. Schlichting.
Mit diesem geistreichen Manne und bekannten Lehrmeister blieb v. E. auch
spater in warmer Freundschaft verbunden. Am 14. Mai 1894 Oberst geworden,
wurde v. E. nach einer ununterbrochenen, iiber zwolf Jahre sich hinziehenden
glanzenden, aber arbeitsreichen Tatigkeit im Generalstabe zum Kommandeur
des Leibgrenadierregiments Nr. 8 in Frankfurt a. O. ernannt. Hier »zeigte er
sich vom ersten Tage an als eine allem Kleinlichen fernstehende, vom vater-
lichen Wohlwollen namentlich fur die jiingeren Kameraden erfullte Personlich-
keit, der man das Geniale und tJberragende ihres Wesens von vornherein
instinktiv anmerkte «. Im besonderen MaJ3e pflegte er die feldmaBige Gefechts-
ausbildung seines Regimentes. Seine Ernennung am 16. Februar 1897 zum Chef
des Generalstabes des VI. Armeekorps loste jedoch nicht auf ewig die Bande,
v. E. hat stets eine grofle Anhanglichkeit an das Regiment bewahrt. Noch in
demselben Jahre zum Generalmajor befordert, wurde v. E. am 8. Oktober 1898
Kommandeur der 18. Infanteriebrigade in Liegnitz. Nachdem er dann zunachst
als Generalleutnant die 9. Division in Glogau wenige Wochen vertretungsweise
gefuhrt hatte, erfolgt am 4. Juni 1901 seine Ernennung zum Divisionskomman-
deur.
Am 1. Mai 1904 wurde v. E. zum Kommandierenden General des XVIII.
Armeekorps in Frankfurt a. M. ernannt, am 24. Dezember 1905 zum General
der Infanterie befordert. Am 6. Juni 1908 wurde v. E. d la suite des Leib-
grenadierregiments Nr. 8 gestellt, am 1. Januar 191 2 durch die Verleihung des
Schwarzen-Adler-Ordens weiterhin ausgezeichnet.
Diese Stellung war eine nicht ganz einfache. Mit Vorsicht, Klugheit und Takt
muBten Klippen und Schwierigkeiten iiberwunden werden, welche haufige
Besuche des Kaisers im Taunus, Anschauungen der Frankfurter Gesellschaft
und der Umstand bedingten, dafl das GroBherzogtum Hessen einen Teil des
Korpsbezirkes bildete. v. E. zeigte sich aber auch diesen Anforderungen voll
und ganz gewachsen. Seine langjahrige Tatigkeit als Kommandierender General
ist von ausschlaggebender Bedeutung fur die Entwicklung und Ausbildung der
Armee geworden. Fast an jeder der neuen Dienstvorschriften hat v. E. hervor-
ragenden Anteil gehabt. So war er als Kommissionsmitglied bei der Umarbei-
tung des Infanterie-Exerzierreglements von 1906 bemuht, seine Gefechtsgrund-
satze durchzusetzen. Seine Auffassungen, die »mehr Freiheit in der Gefechts-
fiihrung, Durchbildung der Unterfuhrer«, mehr Personlichkeitsausbildung ver-
langten, brachten ihn dabei oft in Gegensatz zu seinem alten Regiments-
kameraden und Freund, dem Kommandierenden General des III. Armeekorps,
v. Biilow (s. DBJ. 1921, S. 52 ff.). Als Vorsitzender der 1907 einberufenen
Kommission ftir die Ausarbeitung einer neuen Felddienstordnung ist dann v. E.
erneut tatig gewesen. Diese Felddienstordnung von 1908 ist »zum Bestandteil
der deutschen klassischen Prosa geworden <(, sie zeigt »in Form und Inhalt, im
Aufbau und Gliederung die starken Spuren der Personlichkeit des Vorsitzen-
den der Kommission «. Auch praktisch wuJ3te v. E. der Truppe die Neuerungen
und Erfahrungen der letzten Kriege zunutze zu machen und sein Korps tak-
tisch auf eine besonders hohe Ausbildungsstufe zu bringen. Seine Kritiken und
Manoverbesprechungen bildeten immer eine besondere Anziehungskraft und
Eichhom
247
wirkten befruchtend auf das gesamte Offizierkorps. Viel Interesse zeigte v. E.
fiir die Luftwaffe, obgleich man damals noch nicht voraussehen konnte, welche
Bedeutung sie einst haben sollte, sie erhielt durch ihn eine weitgehende Forde-
rung, er selbst nahm sogar schon 1909 an einem groBeren Uberlandflug eines
Zeppelinluftschiffes teil. Neben seiner dienstlichen starken Inanspruchnahme
blieb jedoch noch Zeit iibrig, in der v. E. eifrig Vorlesungen besuchte, in der
schonen Umgebung jagte oder mit gebildeten Off izieren und Vertretern anderer
Berufe einen ungezwungenen Verkehr pflegte. An der Entwicklung von Frank-
furt hat er in diesen Jahren ebenfalls Anteil genommen, er fehlte auch bei
keiner off iziellen Veranstaltung. Sehr ungern sahen ihn daher weite Kreise der
Stadt scheiden, als er im Herbst 1912 zum Generalinspekteur der 7. Armee-
inspektion in Saarbriicken ernannt wurde.
Anf Grund einer solch' glanzenden Friedenslaufbahn, seines in so vielen
Stellungen bewahrten militarischen Konnens, seines in mehreren groBen
Manovern bewiesenen Fiihrertalents war Generaloberst (1. Januar 1913) v. E.
fiir den Mobilmachungsfall zum Oberbefehlshaber der 5. Armee in Aussicht
genommen. Im Mai 1914 hatte aber v. E., der trotz seines schweren Gewichtes
ein guter und passionierter Reiter war, in Metz bei einer Truppenbesichtigung
einen schweren Unfall mit dem Pferde, dem sich eine langwierige Lungen-
entziindung anschloB. Als der Krieg ausbrach, war v. E. noch nicht wieder
felddienstfahig. Ein fiirwahr tragisches Geschick fiir einen alten Soldaten und
so hervorragenden Offizier, kein Wunder, daB er sich in jenen Tagen selbst als
»den ungliicklichsten Mann der ganzen Armee « bezeichnete. Kaum genesen,
erbat er Ende 1914 von seinem Obersten Kriegsherrn die Erlaubnis, sich
zum Leibgrenadierregiment 8 begeben zu diirfen, das damals vor Soissons
lag. Hier erlebte v. E. die erfolgreichen Januar-Kampfe; diese ersten Ein-
driicke im Weltkriege, schrieb er spater, gehorten »zu seinen schonsten
Erinnerungen «.
Hindenburgs Feldziige in Siid- und Nordpolen endeten im Dezember 1914
im Stellungskriege tief im polnischen Gebiet. Inzwischen waren die Russen
wieder in OstpreuBen eingef alien. Eine neue Operation wurde deshalb gegen
diesen Feind eingeleitet. Jetzt endlich (26. Januar 1915) erhielt v. E. den lang-
ersehnten Befehl iiber eine Armee. Seiner, der neugebildeten 10. Armee fieldie
Aufgabe zu, den iiberlegenen russischen rechten Fliigel zu umfassen. Anfang
Februar begann die »Winterschlacht in Masuren«. Im Norden bei Insterburg,
wahrend vom eisigen Wind aufgepeitschte Schneemassen Weg und Steg ver-
wehten, fiihrte v. E. seine Truppen zum Angriff vor. Mit wuchtigen Schlagen
zertrummerte er den rechten Fliigel des iiberraschten Feindes und eilte in
machtiger Umfassungsbewegung, unbekiimmert um Flanke und Riicken, iiber
Marjampol bis vor die Tore der starken Festung Grodno. Hier traf die 10. Armee
mit dem iiber Augustow kommenden anderen Teil der deutschen Zange
(8. Armee) zusammen, wahrend die Masse der Russen in dem verschneiten, weit-
gedehnten Augustower Wald vergeblich nach einem Ausweg suchte. Auch Ent-
lastungsvorstoBe aus Grodno gegen den Riicken der Deutschen scheiterten.
Hunger und Verzweiflung fuhrten fast die ganze eingeschlossene russische
Armee in Gefangenschaft. OstpreuBen war jetzt endgiiltig befreit. Fiir diesen
Sieg wurde v. E. mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse und durch ein ehrenvolles
Telegramm seines Obersten Kriegsherrn ausgezeichnet.
248 I9i8
Bei der Fortsetzung der Operation erwiesen sich die Hindernisse der Natur
starker als der Wille des Fuhrers und die Tapferkeit der Truppen. Die erreichte
Linie war fur die 10. Armee hochst ungiinstig, ein Zuriickschwenken in die
Front Suwalki — Pilwischki ergab sich mit zwingender Notwendigkeit, zumal
die Armee noch Teile zu anderer Verwendung abgeben muBte. Bei dieser Be-
wegung kam aber die EntschluBfreudigkeit und Tatkraft des Generalobersten
von neuem zum Ausdruck, in den ersten Marztagen erzielte er weitere Erfolge
gegen die Russen, um dann in der neuen Stellung alle feindlichen VorstoBe
abzuwehren.
Der Sommerfeldzug gegen RuBland 191 5 ist stark beeinfluBt durch den
Gegensatz zwischen Hindenburg-Ludendorff und dem Chef des Generalstabes
des Feldheeres v. Falkenhayn. Bald nach der Erzwingung der Narew-Linie
sollte aber auch die Armee v. E. neue Aufgaben erhalten. »Der General hatte
sich bei mir schon dauernd beklagt, daB die 10. Armee zu lange untatig ware«,
schreibt Ludendorff. v. E. wurde jetzt beauftragt, die Belagerung von Kowno,
des wichtigen Eckpfeilers der nordrussischen Festungsfront, vorzubereiten. Von
Ende Juli ab schob v. E. seine Truppen von Siidwesten her an die Werke heran.
Am 17. und 18. August erstiirmte seine Armee nach kurzer BeschieBung aus
schwerstem Geschiitz Kowno. Seit diesem Tage schmiickte v. E. der Orden
Pour le merite; die Verleihung des Eichenlaubs erfolgte bald darauf nach der
Einnahme von Wilna.
Die Ersturmung von Grodno bestarkte den Oberbefehlshaber Ost darin,
die Offensive nunmehr mit den eigenen Mitteln zu wagen, obgleich er sich
dessen bewuBt war, daB der gtinstigste Zeitpunkt fiir den StoB Din die Herz-
gegend des russischen Heeres« verpaBt war. Anfang September begann der
Vormarsch der Armee Eichhorn. Mit Wucht und Leidenschaft wurde der
AngrifT gefuhrt. Der Russe stemmte sich jedoch bei Wilna der deutschen
Umfassung entgegen, wahrend weiter sudlich seine Korps in hartnackigen
Ruckzugsgefechten nach Osten entwichen. Unaufhaltsam drang indessen der
linke Fliigel der 10. Armee vor, Reitergeschwader und vorderste Infanterie ge-
langten bis Wileika, 80 Kilometer an Minsk heran. Doch der Fliigel erwies sich
als zu schwach und muBte der Ubermacht weichen. Wilna fiel nach schweren
Kampfen in die Hand der Armee Eichhorn. Nach weiterer, aber frontaler Ver-
folgung bezog die 10. Armee Stellungen bei Smorgon — Narotsch-See — west-
lich Postawy.
Die bedrangte L,age der Franzosen bei Verdun veranlaBte die Russen zu einer
groBangelegten Entlastungsoffensive, sie wollten auf Wilna durchstoBen. In
gewaltiger Ubermacht griff der Feind im Marz 1916 an. Wahrend die Fruhjahrs-
schneeschmelze die deutschen Graben mit eisigem Wasser fiillte, tobte der
schwere Abwehrkampf, die feindlichen Stiirme erstickten »im Blut und Sumpf «.
Mit Recht konnte Feldmarschall v. Hindenburg am 1. April bei der Feier des
goldenen Militarjubilaums v. E.s sagen, »die Armee Eichhorn war der ent-
scheidende Fliigel in der Winterschlacht, der Sturmbock, der die Russen iiber
den Njemen gejagt hat, und ist jetzt der Prellstein, an dem der russische Angriff
zerschellt ist und zerschellen wird.«
Als dann Generalfeldmarschall v. Hindenburg zum Chef des Generalstabes
des Feldheeres ernannt wurde, ubernahm v. E. unter Beibehaltung seines Ober-
kommandos iiber die 10. Armee den Heeresgruppenbefehl iiber die Armee-
Eichhorn 249
gruppe Scholtz und die 8. Armee. Den Truppen seiner Heeresgruppe, der
nordlichsten an der weitgedehnten Ostfront, war es vergonnt, in den folgenden
Jahren weitere Siege zu erringen, unter denen die Einnahme von Riga der be-
deutendste ist.
Der Aufgabenkreis des Oberbefehlshabers in Wilna erweiterte sich mehr und
mehr. v. E. konnte neben seiner militarischen Tatigkeit seine politische Be-
gabung und sein wirtschaftliches Organisationstalent in den besetzten Gebieten
zur Entfaltung bringen.
Die Friedensverhandlungen mit den Russen begannen im Dezember 1917 und
zogen sich ergebnislos bis zum Februar 1918 hin. Trotzki erklarte wohl die »Be-
endigung des Kriegszustandes«, lehnte es aber ab, einen Friedensvertrag zu
unterschreiben. Die deutsche Oberste Heeresleitung teilte daraufhin den Russen
die Beendigung des Waffenstillstandes mit. — Seit Dezember 1917, nach Auf-
losung der Heeresgruppe Woyrsch, war ihr nordlicher Abschnitt zur Heeres-
gruppe Eichhorn gekommen. — Deutsche Truppen traten am 18. Februar 19 18
den Vormarsch an. Ungeheure Raume wurden mit schwachen Kraften durch-
eilt. Die Heeresgruppe Eichhorn nahm Borissow, Pskow, Dorpat und Reval.
v. E. verlegte sein Hauptquartier nach Riga. Der Monat Februar brachte v. E.,
der am 18. Dezember 1917 zum Generalfeldmarschall befordert war, noch eine
besondere Ehrung: die juristische Fakultat der Universitat Berlin ernannte den
Enkel des Ministers E. zum Ehrendoktor.
Der weitere Vormarsch, letzten Endes weder aus Eroberungsplanen noch
ideellen Gninden unternommen, sondern veranlaBt aus Sorge um das unheim-
liche Gebilde des Sowjet-Staates, mehr noch durch die bittere Notwendigkeit,
Getreide aus dem russischen Suden zu gewinnen, machte eine Anderung der
Befehlsverhaltnisse an der Ostfront notwendig. Schon am 5. Marz 19 18 war die
Trennung des Oberkommandos der Heeresgruppe von dem der 10. Armee voll-
zogen. Jetzt (31. Marz) ubernahm v. E. die bisherige Heeresgruppe Linsingen,
sein Hauptquartier wurde Kiew.
Seiner neuen Heeresgruppe fiel nunmehr die militarische Verwaltung des
groBen, nordlichen Teiles der Ukraine und der Gouvernements Taurien und
Krim zu. v. E. war in Kiew der rechte Mann an der rechten Stelle ; es gait auf-
zubauen, zu ordnen, zu schlichten und zu versohnen. »Nicht nur der Verstand,
auch das Herz hatte mitzuwirken bei einer Aufgabe, die weit iiber die Fahig-
keiten auch des besten Soldaten hinausging «. Er f and ungeheuer schwierige und
verworrene Verhaltnisse vor, aber allmahlich gelang es ihm, die Stellung
Deutschlands in der Ukraine zu festigen. v. E. war »ein aufrichtiger und iiber-
zeugter Anhanger und Freund des ukrainischen Volkes«; im festen Glauben
an die Wiedergeburt des Landes hat er mit Klugheit und Verstandnis an seinem
Wiederaufbau gearbeitet.
Fern der Heimat fand der 70jahrige Feldmarschall den Heldentod im Dienste
fur sein iiber alles geliebtes Vaterland. Am 30. Juli fiel v. E. mit seinem ge-
treuen Adjutanten, Hauptmann v. DreBler, einem Bombenanschlag zum
Opfer.
Nicht personliche Rache war es, die den nicht ukrainischen, aus Moskau
herbeigeeilten Sozialrevolutionar die schmahliche Tat vollbringen lieB, sondern
der Kampf gegen die Deutschen, als deren Vertreter, deren Fiihrer und Symbol
damals fiir groBe Teile RuBlands v. E. erscheinen muBte.
250 I9i8
Am Abend des gleichen Tages erlag v. E. den erlittenen Verletzungen. Seine
letzte Ruhestatte fand v. E. in Berlin auf dem Invalidenfriedhofe, anf dem so
viele groBe Deutsche den letzten Schlaf tun.
Literatur: Gothaisches Geneal. Taschenbuch der adeligen Hauser. Alter Adel und
Briefadel, 19. Jg., Gotha 1927. — Bredow-Wedel, Historische Rang- und Stammliste des
deutschen Heeres, Berlin, o. J. — Die Schlachten und Gefechte des GroBen Krieges 19 14
bis 1 918. Zsgest. v. Gr. Generalstab, Berlin 191 9. — Der Grofle Krieg 1914 — 1918, herausg.
v. M. Schwarte (Der deutsche Landkrieg, Bd. I — III), Berlin 192 1 ff. — Volkmann, E. O.,
Der Grofle Krieg 1 9 1 4 — 1 9 1 8 auf Grand der am tlichen Quellen , Berlin 1922. — Foerster, W . ,
Graf Schlieffen und der Weltkrieg, 2. Aufl., Berlin 1925. — Ludendorff, E., Meine Kriegs-
erinnerungen 1914 — 1918, Berlin 1919. — Falkenhayn, E- v., Die Oberste Heeresleitung
1914 — 1916, Berlin 1920. — Redern, v., Die Winterschlacht in Masuren (Der groBe Krieg
in Einzeldarstellungen, H. 20), Oldenburg 1918. — Flex, W., Die russische Fruhjahrs-
offensive 1916 (Der grofle Krieg in Einzeldarstellungen, H. 31), Oldenburg 19 19. — Leib-
grenadierregiment Konig Friedrich Wilhelm III. (1 . Brandenb.) Nr. 8 im Weltkriege. Zsgest.
v.H.Schoning, Oldenburg-Berlin 1924 (Erinnerungsblatter deutscher Regimen ter, Bd. 128).
— Schulthefl' Europaischer Geschichtskalender 1918, T. II, Miinchen 1922. — Siiddeutsche
Monatshefte, H. 5, Jg. 192 1 : Die Ukraine und Deutschlands Zukunft (K. Deuringer, Der
deutsche Einmarsch in die Ukraine 1918; G. Frantz, Die Ermordung des Generalfeld-
marschalls v. E. in Kiew ; M. J . Wolff, Land und Leute) . — Moser, 0. v., Kurzer strategischer
Oberblick iiber den Weltkrieg 19 14 — 19 18, Berlin 1921. — Weltgeschichte der neuesten
Zeit 1890 — 1925 I. II. hrsg. v. P. Herre, Berlin 1925. — Kronprinz Wilhelm, Meine
Erinnerungen aus Deutschlands Heldenkampf, Berlin 1923, S. 4. — Generalfeldmarschall
v. Hindenburg, Aus meinem Leben, Leipzig 1920, S. 49, 123. — Bernhardi, F. v., Denk-
wiirdigkeiten aus meinem Leben, Berlin 1927. — Freytag-Loringhoven, Frhr. v., Menschen
und Dinge, wie ich sie in meinem Leben sah. Berlin 1923, S. 33, 1 19, 123. — Allg. Anz.
zum Militar-Wochenblatt 1918, Nr. 15, 17, 20. — Koln. Zeitung 1918, Nr. 703, 705 — 710;
711 (Dr. E. Herold). — Frankf. Zeitg. u. Handelsblatt 1918, Nr. 210, 211. — Illustr. Zeitg.
Nr. 3919 vom 8. August 19 18 (Major a. D. v. Schreibershofen). — Sittmann, G., Hermann
v. E., Dettelbach a. M. (Sonderdr. a. d. Jahrbuch 1918 des Hist. Vereins Alt-Wertheim
in Wertheim). — Generalfeldmarschall v. E. in »Das 2. Garderegiment z. F.«, Jg. 25, Nr. 2
(Generalmajor a. D. Hell). — Mitteilungen des Generallt. a. D. v. Hofacker, General-
major a. D. v. Hahnke, Generalmajor a. D. Graf Finck v. Finckenstein, Oberst a. D. Ehr-
hardt, Major a. D. Dr. v. Hake an den Verfasser. — Mitteilungen und Auskiinfte des
altesten Sohnes des Feldmarschalls, Dr. jur. L. v. Eichhorn in Wien, an den Verfasser.
Potsdam. Georg Strutz.
Hahn, Diederich, Dr. phil., Direktor des Bundes der Landwirte, * am 12. Ok-
tober 1859 m Ostedeich (Kreis Neuhaus an der Oste in Hannover), f am 24. Fe-
bruar 191 8 in Berlin. — Diederich H. stammt aus Ostedeich, besuchte die
Volksschule und dann das Gymnasium in Stade, wo er 1878 das Abiturienten-
examen bestand. Darauf studierte er Geschichte, Geographie, Geologie und
germanische Philologie in Leipzig und Berlin und bestand 1884 das Exameri
pro facilitate docendi in Berlin. Dann wandte er sich dem Studium der National-
okonomie und Jurisprudenz zu und promovierte 1886 in Berlin zum Dr. phil.
In demselben Jahre wurde er Probekandidat am Kaiserin- Augusta-Gymnasium
in Charlottenburg. Von 1886 bis 1893 war H. Archivar der Deutschen Bank in
Berlin.
Aus dieser Stellung schied H., als ihn die Politik in den Bann zog. Schon am
Griindungstage des Bundes der Landwirte trat er in der Versammlung auf dem
Tivoli in Berlin am 18. Februar 1893 fur die aufschaumende Bauernbewegung
ein. In demselben Jahre wurde er in seinem Heimatkreise Neuhaus - Geeste-
niiinde in den Reichstag gewahlt, wo er zunachst als Hospitant der National-
Eichhorn. Hahn 25 1
liberalen Partei angehdrte. Als er am 10. Marz 1894 im Reichstage gegen den
russischen Handelsvertrag stimmte, wurde ihm vom Vorstand der national-
liberalen Fraktion des Reichstages in einem Schreiben nahegelegt, aus der Liste
der Hospitanten der Partei auszuscheiden. H. entsprach selbstverstandlich
diesem Wunsche und nahm sofort seinen Platz auf der Rechten des Hauses.
Im Jahre 1893 war H. auch in das PreuBische Abgeordnetenhaus gewahlt
worden. Als 1897 der Direktor des Bundes der Landwirte, Dr. Suchsland, starb,
iibernahm H., der seit der Griindung des Bundes mit ihm in engster Fuhlung
stand, diese Stelle und hat sie bis zu seinem Tode innegehabt.
H. war ein zaher Niedersachse und hatte in seinem Wesen einen starken Teil
von der beharrlichen Bodenstandigkeit dieses deutschen Volksstammes. Er
hing mit alien Fasern seines Herzens an seiner engeren Heimat. Die Scholle gait
ihm als der Nahrboden seines deutschen Volkes. Heimattreue und Schollentreue
war es, die ihn zu dem Bund der Landwirte gef uhrt hat. Durchdrungen von der
Bedeutung der deutschen Landwirtschaft, in voller Kenntnis ihrer Lebens-
notwendigkeiten, in dem BewuBtsein, daB ihr Gedeihen die unbedingte Vor-
aussetzung fiir das Gedeihen unseres Vaterlandes war, setzte er seine reichen
Krafte fiir die deutsche I,andwirtschaft ein. Seine auf Uberzeugungstreue be-
ruhende Unerschrockenheit machte ihn zum erfolgreichen Kampen, der im
politischen Kampf immer dort stand, wo es am heiBesten zuging, und der zur
rechten Zeit als ein starker Charakter das rechte Wort fand. Schon in jungen
Jahren als Griinder und Fiihrer des Vereins deutscher Studenten hat er das
Wort gesprochen: »Ohne bliihende Landwirtschaft ist nichts zu wollen.* Auf
dem Grunde dieser sicheren Uberzeugung erwuchs er zum begeisterten Herold
der Bismarckschen nationalen Wirtschaf tspolitik ; und von H. stammt das
Wort, das spater der Reichskanzler Furst Biilow sich zu eigen machte: »Ohne
Heimatpolitik keine Weltpolitik. «
Im politischen I^eben spielte Dfederich H. eine erhebliche Rolle. Er war ein
gewandter, temperamentvoller Redner und ein geschickter, schlagfertiger De-
batter, der stets das Interesse der Of fentlichkeit fand. Mit der Kampfnatur ver-
einte sich in seiner Person der Zauber liebenswiirdiger Wesensart, die auch den
Gegner zu entwaffnen wuBte.
Das Arbeitsgebiet des Direktors H. in der Zentralverwaltung des Bundes der
Landwirte umfafite besonders die Abteilung Presse, die Wahlabteilung und die
Ausbildung von Wanderrednern. Der Bund unterhielt zur Vertretung seiner
Anschauungen die » Korrespondenz des Bundes der I,andwirte«, die zugleich
das Sprachrohr fiir die offiziellen Kundgebungen der Bundesleitung bildete,
und die Wochenschrift »Bund der I,andwirte«. Die Wahlabteilung, die vor-
nehmlich zum Arbeitsgebiet H.s gehorte, hielt die Verbindung zwischen der
Bundesleitung und den Bundesorganisationen drauBen im Lande behufs ge-
meinsamer und einheitlicher Vorbereitungen fiir die Parlamentswahlen. Neben
einer groBeren Zahl von Flugschriften fiir die allgemeinen Wahlen und von
Flugblattern fiir die einzelnen Wahlkreise wurde fiir die Reichstagswahlen
unter Leitung H.s jeweilig ein sogenanntes » Wahl-Abc des Bundes der Land-
wirte « verf aBt, das in alphabetischer Reihenf olge alle in Betracht kommenden
wirtschaftspolitischen Fragen behandelte. Eine eigenartige Schopfung H.s
war die Einrichtung und Abhaltung von Rednerkursen zur Ausbildung von
Wanderrednern des Bundes der Landwirte. Diese wurden in einem besonderen
252 1918
Lehrgang auf ihren Aufklarungs- und Werbedienst vorbereitet, rednerisch ge-
schult und mit den wirtschaftspolitischen Fragen vertraut gemachl;. Alljahrlich
fand vor Beginn der Winteragitation ein allgemeiner Rednerlehrgang in der
Bundeszentrale in Berlin statt, wobei H. seine schopferische Rednergabe und
seine Kunst der Debatte besonders wirksam entfalten konnte.
Im Deutschen Reichstag betatigte sich H. besonders an der Borsengesetz-
gebung von 1896 und 1908, wobei er sich erfolgreich fur das Verbot der spe-
kulativen Borsentermingeschafte in Getreide und Erzeugnissen der Getreide-
muUerei einsetzte.
In seiner Heimatprovinz Hannover hatte H. die Vorzuge der bauerlichen
Anerbensitte und des Anerbenrechts kennengelernt und trat im PreuBischen
Abgeordnetenhause wiederholt fiir die Erhaltung eines bodenstandigen und
leistungsfahigen Bauernstandes ein. Das Anerbenrecht bildet zugleich einen
wichtigen Bestandteil der inneren Kolonisation ; es dient zur Erhaltung der
Rentengiiter in wirtschaftskraf tiger Hand. Die alte friderizianische Landpolitik
des » Bauernschutzes «, d. h. der Erhaltung des Bauernlandes und Bauern-
standes, schwebte dem Direktor des Bundes der Landwirte vor, als er 1907 im
PreuBischen Abgeordnetenhause in Gemeinschaft mit dem freikonservativen
Abgeordneten Engelbrecht einen Antrag einbrachte, wonach gesetzliche Be-
stimmungen herbeigefiihrt werden sollten, daB in solchen Landesteilen, die der
Gefahr der Aufsaugung des bauerlichen Besitzes durch Groflkapital (zwecks
Schaffung von Luxus- und Jagdgiitern) ausgesetzt sind, der Erwerb bauerlicher
Besitzungen unter Aufsicht zu stellen sei. Die Gesetzentwiirfe iiber die »Guter-
schlachterei « kniipften daran an.
Aus seiner hannoverschen Heimat brachte H. auch seine Bestrebungen zur
Forderung der Moorkultur mit. Er hat sich selbst sein »Moorgut« Hanefort in
seiner engeren Heimat aufgebaut, um eine eigene Scholle zu haben.
Zu den wesentlichen Zugen H.s gehort sein Organisationstalent. Das hat er
auch im Weltkriege bewiesen. Als der Krieg ausbrach, meldete sich H., der fast
55 Jahre alt war, als Hauptmann der Reserve sofort zur Fahne und marschierte
mit in Belgien ein. Er war dann als Kommandant einer Etappe im Westen mit
groBem Erfolge tatig und erhielt in Anerkennung seiner Verdienste, die er sich
bei der Verpflegung der Truppen erworben hatte, im September 19 14 das
Eiserne Kreuz. Ein Mitarbeiter der Berliner »Morgenpost«, Sanitatsrat
Dr. Bernstein, der den Direktor des Bundes der Landwirte politisch viele Jahre
bekampft hatte und als Arztim Felde stand, schrieb im November 1914 in der
» Morgenpost « : »Als ein Meister in der Organisation der Kriegswirtschaft zu-
gunsten der Armeen und der Landesbewohner wurde mir bei meiner Ankunft
auf franzosischem Boden ein Mann erwahnt, den wir auch in Deutschland, frei-
lich nicht zu unserer aller Freude, als einen Meister der Organisation seit Jahren
kennen: Dr. Diederich H., Direktor des Bundes der Landwirte, zur Zeit wohl-
bestallter Hauptmann und Kommandant an der Eingangspforte des gewaltigen
Etappengebietes, in dem ich mich befinde. Just Diederich H. ist mein erster
Vorgesetzter gewesen, als ich franzosischen Boden betrat. Der Krieg schafft
wunderbare Kumpaneien! Zwanzig Jahre lang habe ich ihn bekampft, aber
jetzt muB ich ihn loben. Seine Brust schmuckt das Eiserne Kreuz, und das mit
Recht, denn die Kriege werden nicht sowohl in der Front wie in der Etappe
gewonnen. Hohes, gewaltiges organisatorisches Genie ist hier am rechten Platze,
Hahn. Hauck 253
wo es oft darum geht, aus dem Nichts etwas zu schaffen. Seine riihrige Klugheit
zwingt die Menschen und Dinge in die Bahn seines Zieles. « Dieses Zeugnis eines
sicherlich nicht voreingenommenen Mannes charakterisiert das Schaffen H.s.
Die Anstrengungen der langen Kriegszeit sind auch an der Elastizitat und
Gesundheit des schaffensfreudigen und nimmermiiden Direktors des Bundes
der Landwirte nicht spurlos voriibergegangen. Es lag etwas Herbes nud Tra-
gisches darin, daB H. an dem 25jahrigen Jubilaum des Bundes, zu dessen Auf-
bliihen und Entwicklung er so hervorragend beigetragen hatte, am 18. Fe-
bruar 19 18 nicht teilnehmen konnte, weil er von schwerer Krankheit im
Krankenhaus zu Hamburg gefesselt war, der er dann auch am 24. Februar 1918
erlag.
Berlin-Siidende. Paul Boetticher.
Hauck, Albert, evangelischer Kirchenhistoriker, * am 9. Dezember 1845 zu
Wassertriidingen in Franken, f am 7. April 1918 in Leipzig. — H. entstammte
der Ehe des Advokaten Albert H. zu Wassertriidingen mit Sophie Greiner aus
Ansbach. Die Vorfahren des Vaters waren schon nach dem DreiBigjahrigen
Kriege in dem erstgenannten Orte ansassig, wahrend die Familie der Mutter
schwabischen Ursprungs war. Als seine »Heimat« hat H. aber Ansbach be-
trachtet, wohin die Mutter nach dem friihen Tod ihres Mannes 1854 iiber-
siedelte. Von ihr vortrefflich erzogen, empfing er auf dem Gymnasium in Ans-
bach eine umfassende humanistische Bildung und eine gediegene sprachliche
Schulung, die ihm in dem spateren Leben sehr zustatten gekommen ist. Dafi
seine stille und verschlossene Art einen seiner Lehrer zu dem seltsamen Irrtum
verleiten konnte, ihn fiir unbegabt zu erklaren, sei bemerkt, weil sein zuriick-
haltendes Wesen fiir ihn charakteristisch geblieben ist. Gliicklicherweise
richtete dieses Fehlurteil keinen Schaden an, da der Rektor der Schule wie der
Philologe Iwan Miiller, damals noch Lehrer in Ansbach, ihn richtig eingeschatzt
haben. Im Alter von 18 Jahren bezog H. 1864 d*e Universitat Erlangen, um
sich dem Studium der Theologie zu widmen. Er begann es hier unter giin-
stigen Verhaltnissen, denn die Theologische Fakultat hatte damals ihre groBe
Zeit. Am starksten haben Hofmann und Thomasius auf H. eingewirkt und
ihn zu dem »Erlanger« gemacht, als den er bis an sein Lebensende sich gefiihlt
hat. In den beiden von Ostern 1866 bis Ostern 1867 in Berlin zugebrachten
Semestern wurde er vornehmlich von dem christlichen Archaologen Ferdinand
Piper und von dem Philosophen Trendelenburg gefesselt, am starksten und
nachhaltigsten jedoch durch Leopold v. Ranke beeinfluBt, dem er stets eine
groBe Verehrung bewahrt hat. Was er von diesem Meister der Geschicht-
schreibung an Wegweisungen empfing, ist allerdings erst dann zur vollen
Entfaltung und Auswirkung gekommen, als er selbst an die groBe Aufgabe
seines Lebens herantrat. Fur die Gesamtanlage seiner Studien ist bezeichnend,
daB sie auf die Gewinnung einer griindlichen Durchbildung in alien theolo-
gischen Disziplinen und deren Grenzgebieten abzielten. Dadurch wurde H.
befahigt, spater von hoher Warte aus sein groBes enzyklopadisches Unter-
nehmen zu organisieren. Die mit sehr gutem Erfolg 1868 in Ansbach bestan-
dene » Theologische Aufnahmepriifung« eroffnete ihm den Eintritt in den
Dienst der evangelisch-lutherischen Kirche Bayerns. Der nun folgende mehr-
254 x9l8
jahrige Aufenthalt in Miinchen war zwar in erster Linie seiner praktisch-
theologischen Ausbildung gewidmet, die ihm in dem von Burger geleiteten
Predigerseminar zuteil wurde, aber hat ihm zugleich die mit groBem Eifer
ausgenutzte Gelegenheit zu wissenschaftlicher Vertiefung geboten, auch in
kiinstlerischer Hinsicht ihm starke Anregungen zugefuhrt. Der Verwendung
als Stadtvikar in Miinchen folgte die Ubertragung eines standigen Vikariats
in Feldkirchen bei Miinchen und 1874 die Anstellung als Pfarrer in Franken-
heim bei Schillingsfurst. In die hier verbrachten vier Jahre fiel seine Verhei-
ratung mit Amalie Helferich, durch die ihm ein groBes Familiengliick zuteil
wurde, das ihn durch sein ganzes Leben begleitet hat. Die pfarramtliche
Tatigkeit in dieser kleinen abgelegenen Gemeinde ist fur H. von bleibendem
Wert gewesen, denn sie hat ihm das kirchliche Leben beider Konfessionen
in enger Abgrenzung nahegebracht und durch das dort befindliche Rettungs-
haus zugleich ein wichtiges Stuck sozialer kirchlicher Aufgaben anschaulich
vor Augen gestellt. Diese Jahre stiller Beobachtung deutschen Volkstums sind
fiir seine spatere Darstellung christlicher Sitten und christlicher Sittlichkeit
ein gewifl nicht unwichtiges Vorstadium gewesen. Zugleich reifte in dieser
Abgeschiedenheit die erste Frucht seiner standig fortgesetzten wissenschaft-
lichen Studien heran : im Jahre 1877 erschien sein Buch »Tertullians Leben und
Schriften«. Dieses Werk hat ihm die akademische Laufbahn erschlossen, in der
die vielseitige und groBe BegabungH.s zur vollen Entwicklung gelangen sollte.
1878 wurde ihm die auBerordentliche Professur fiir Kirchengeschichte und
christliche Archaologie in Erlangen iibertragen, 1882 erhielt er daselbst eine
ordentliche Professur. Nach der Veroffentlichung des ersten Bandes seiner
Kirchengeschichte Deutschlands 1887 wurde er als Professor der Kirchen-
geschichte 1889 nach Leipzig berufen, um an dieser Universitat bis an sein
Lebensende zu wirken. Als ihm nach dem Tode des Historikers Scheffer-
Boichhorst 1902 der Lehrstuhl fiir Geschichtswissenschaft an der Berliner
Philosophischen Fakultat angeboten wurde, entschied er sich fiir sein Ver-
bleiben in Leipzig.
Wann immer der Name Albert H.s genannt werden wird, wird stets die Er-
innerung an seine Kirchengeschichte Deutschlands lebendig werden. Dieses
Werk ist seine groBte wissenschaftliche Leistung. Der 1. Band wurde, wie
schon bemerkt, 1887 veroffentlicht, in 5. Auflage 1920; der 2. Band 1890, in
4. Auflage 1906; der 3. Band 1896, in 4. Auflage 1906; der 4. Band 1904, in
4. Auflage 1913; der 5. Band, und zwar die erste Halfte 1910, die zweite Halfte
1920. Dieser zweite Teil des 5. Bandes ist von Heinrich Bohmer (| 1927) nach
einem »zum guten Teil druckf ertigen « Manuskript herausgegeben worden. Der
Plan H.s, die Kirchengeschichte Deutschlands bis zum Augsburger Religions-
frieden darzustellen, ist nicht zur Ausfiihrung gelangt; das Werk schlieBt mit
den Verhandlungen zwischen den Hussiten und dem Basler Konzil 1437.
DaB eine hohere Gewalt dem unermudlichen FleiB des greisen Gelehrten ein
Ziel gesteckt hat, bevor er in der Schilderung des Zeitalters der Reformation
seinem Werk die erwartete Kronung geben konnte, ist selbstverstandlich eine
schwer empfundene Enttauschung. Aber es ware verkehrt, aus dem plotz-
lichen Abbruch der Darstellung in der Mitte des 15. Jahrhunderts den SchluB
zu ziehen, daB H.s Kirchengeschichte der langen Reihe von Werken, die ein
Torso geblieben sind, eingefiigt werden miiBte. Die von ihm behandelte
Hauck 255
Kirchengeschichte Deutschlands von ihren Anfangen an bis an die Pforte der
Neuzeit stellt vielmehr ein in sich geschlossenes selbstandiges Ganzes dar.
t)ber seine Auffassung der Reformation hat er sich in den sechs Volkshoch-
schulvortragen »Die Reformation in ihrer Wirkung auf das Leben«, Leip-
zig 1918, ausgesprochen.
Das allgemeine Urteil iiber H.s Kirchengeschichte ist von einer Einmiitig-
keit, wie sie uns vergleichsweise nur in der Schatzung der Werke Rankes be-
gegnet ist. Als Forscher schlagt H. den vorbildlichen Weg ein, aus den Quellen
zu schopfen. Das bedeutete fiir ihn eine umfassende Sammlung und kritische
Sichtung und Abstufung der Nachrichten des betreffenden Zeitalters. Es ver-
schlagt gar nichts, ob H. in jedem einzelnen Fall das Richtige getroffen hat.
Monographischen Darstellungen bleibt selbstverstandlich immer eine Nach-
lese und eine Weiterfuhrung der Spezialkenntnis von einzelnen Ereignissen
und einzelnen Personen. Entscheidend ist vielmehr die zur Anwendung ge-
langte Methode, die dem Leser des Buches sehr bald den beruhigenden Ein-
druck iibermittelt, einen zuverlassigen, umsichtigen und nur der Wahrheit
dienenden Fuhrer vor sich zu haben. H. war der souverane Beherrscher eines
staunenerregenden Einzelwissens, das er in den zahlreichen Anmerkungen
niedergelegt und zur Nachprufung ausgebreitet hat. Aber er hat sich nicht
darauf beschrankt, iiber die Resultate seiner sich weitverzweigenden Einzel-
forschungen streng sachlich zu referieren, sondern er war zugleich ein Ge-
schichtschreiber groBen Stils. Es ist fiir H. selbstverstandlich gewesen, die
Einzeltatsachen in groBe Zusammenhange einzureihen und damit Welt-
geschichte zu schreiben. Voll Verstandnis fiir die Wichtigkeit der Institutionen
und festen Ordnungen des Lebens hat er zugleich die iiberaus anziehende
Gabe, mit wenigen knapp gehaltenen Worten Menschen und Verhaltnisse
plastisch zu charakterisieren. Mit besonderem Geschick stellte er sich die
Auf gabe, die geistigen Stromungen der einzelnen Perioden und die in ihnen
waltenden religiosen und sittlichen Krafte herauszuarbeiten. Dadurch ist es
ihm gelungen, jedes Zeitalter aus dem Neben- und Ineinander der es bestim-
menden Faktoren, also aus seinem inneren Wesen heraus zu erschlieBen.
Neben der Auf zeigung der groBen Entwicklungslinien betatigt er zugleich das
groBe Geschick, fiir die Geschichte einzelner Fragen das einschlagige Material
so sorgfaltig zu sammeln, daB in nicht wenigen Fallen die Aneinanderfiigung
der betreffenden Abschnitte in den verschiedenen Teilen des Werkes einer
monographischen Darstellung nahekommt. Der starke Eindruck und der
groBe Erfolg des H.schen Werkes erklart sich endlich nicht zum wenigsten
daraus, daB dem Verfasser eine Schreibweise eigentiimlich ist, die den Vor-
zug groBer Klarheit mit einer eindrucksvollen Durchsichtigkeit der Gedanken-
fuhrung verbindet. Uber den Dingen stehend und doch in ihnen lebend, ver-
mag er es, in einfacher und dabei stets geistvoller Darstellung auch verwickelte
Materien verstandlich zu machen. So steht das Werk vor uns als ein Monu-
ment deutschen Geisteslebens aus der groBen Zeit des Deutschen Reiches.
Die Kirchengeschichte Deutschlands von A. H. ist ein glanzendes Zeugnis der
geistigen Hohe, die auch in dieser letzten Periode der deutschen Geschichte
durch einen Forscher von hohem Rang erreicht werden konnte.
Die zweite groBe wissenschaftliche Leistung H.s ist die dritte Auflage der
von Joh. Jakob Herzog begriindeten » Realenzyklopadie fiir protestantische
256 I9i8
Theologie und Kirche«. Bereits an der Herausgabe der zweiten, von Herzog
und G. Plitt besorgten Auflage war H. beteiligt, und zwar in wachsendem
MaBe. Vom 8. (1881) bis 11. Band (1883) wird sein Name neben denen von
Herzog (f 1882) und Plitt (f 1880) als Herausgeber genannt. Vom 12. Band
(1883) bis zum 18. Band (1888), der das Werk abschlieBt, lag die Redaktion
allein in seiner Hand. Es liegt in der Natur der Sache, daB die Fortfuhrung
eines von anderen begonnenen Unternehmens gewisse Bindungen mit sich bringt .
Die Gelegenheit, nach seinen Wiinschen das Werk zu gestalten, bot sich ihm
dagegen, als eine dritte Auflage notig wurde und deren Leitung ausschlieBlich
in seine Hande iiberging. Seinem grofien redaktionellen Geschick war es zu
verdanken, daB die einzelnen Bande dieses Riesenunternehmens nach dem
vorgesehenen Plan punktlich erschienen sind: Band 1 — 22 1896 — 1909, die
Erganzungsbande 23 und 24 im Jahre 1913. Diese 3. Auflage der Realenzyklo-
padie genieBt als einzigartige Zusammenstellung des theologischen Wissens
allgemein ein hohes Ansehen, das dadurch nicht eingeschrankt wird, daB sie
manche Sonderwiinsche noch unerfullt gelassen hat. Der Vergleich dieser
dritten Auflage mit der zweiten Auflage zeigt nicht nur nach seiten der Aus-
dehnung des bearbeiteten Materials groBe Fortschritte, sondern ist vor allem
auch durch das ersichtliche Streben, die Forscher aller Richtungen zur Mit-
arbeit heranzuziehen, ausgezeichnet. Die vertrauenswiirdige Personlichkeit
von H. und seine anerkannte Objektivitat war die Voraussetzung fur den
Erfolg seiner ernsten Bemuhungen, ein Spiegelbild der gesamten theologischen
Wissenschaft zu bieten. Da H. der alleinige Herausgeber seines Werkes war,
ruhte auf ihm ausschlieBlich die Auswahl der behandelten Artikel, die ebenso-
wohl sein enzyklopadisches Wissen bezeugt wie die Fahigkeit, groBe Gebiete
zu iiberschauen. Die Erreichung seiner hochgesteckten Ziele ist ihm dadurch
erleichtert und zum Teil erst ermoglicht worden, daB er eine groBe Geschafts-
gewandtheit besaB, die ihm auch auf anderen Gebieten, wie z. B. der Uni-
versitatsverwaltung, eigen gewesen ist. Die dritte Auflage der Realenzyklo-
padie, das groBte Werk der protestantischen Theologie der letzten Gene-
ration, ist daher unter die groBen Leistungen von H. zu buchen. DaB er der
eifrigste Mitarbeiter an seinem eigenen Werk gewesen ist, darf noch hinzu-
gefugt werden.
Die iibrigen Schriften von Albert H. tragen einen recht verschiedenen
Charakter. Manche waren Vorarbeiten fur die Kirchengeschichte Deutsch-
lands, so : Die Bischofswahl unter den Merowingern, Erlangen 1883 ; Die Ent-
stehung der bischoflichen Furstenmacht, Universitatsprogramm Leipzig 1891 ;
Friedrich Barbarossa als Kirchenpolitiker, Leipzig 1899; Der Gedanke der
papstlichen Weltherrschaft bis auf Bonifaz VIII., Leipzig 1904; Die Ent-
stehung der geistlichen Territorien (Abhandlungen der Sachsischen Gesell-
schaft der Wissenschaften) , Leipzig 1910; Deutschland und die papstliche
Weltherrschaft, Universitatsprogramm Leipzig 1910; Studien zu Johann HuB,
Universitatsprogramm Leipzig 1916. Auch seinen in nicht groBer Zahl vor-
liegenden Vortragen blieb die ihnen gebiihrende Achtung nicht versagt. Dazu
gehoren: Die Entstehung des Christustypus in der abendlandischen Kunst,
Heidelberg 1880; Vittoria Colonna, ebenda 1882 ; Der Kommunismus in christ-
lichem Gewande, Leipzig 1891; Der Kampf um die Gewissensfreiheit, Leip-
zig 1898; Hat Jesus gelebt?, Leipzig 1910; Die Trennung von Staat und
Hauck
257
Kirche, Leipzig 1912, 5. Auflage 1919; Evangelische Mission und deutsches
Christentum, Giitersloh 1916; Die Apologetik der alten Kirche, Leipzig 1918.
Von besonderem Interesse sind die wahrend des Krieges in Upsala gehaltenen
acht Vorlesungen iiber »Deutschland und England in ihren kirchlichen Be-
ziehungen«, Leipzig 1916. Zur Betatigung seiner Gabe der Charakteristik
gaben ihm die Nachrufe auf Oskar v. Gebhardt (1906), Brieger (1915), Lam-
precht (1915), Heinrici (1917), Schnedermann (1917) Gelegenheit.
Auch in seiner akademischen Tatigkeit tritt die Vielseitigkeit der Interessen
von H. hervor. Denn er hat neben den herkommlichen kirchenhistorischen
Vorlesungen auch christliche Archaologie, christliche Kirchengeschichte und
die Geschichte des Kirchenbaus in Vorlesungen und Ubungen, und zwar mit
besonderer Vorliebe behandelt. Seine Vortragsweise iibte zunachst keine An-
ziehungskraft aus. Sie war ruhig und streng sachlich. Aber schon in Erlangen
erhielt seine Art zu reden fur den, der seiner geistigen Fuhrung folgte, einen
eigenen Reiz, da mit groBer Klarheit eine wohlerwogene Abgrenzung des
Stoffes und eine straffe Konzentration auf den zur Verhandlung stehenden
Gegenstand verbunden war. Spater hat das Gewicht seines Namens den Ein-
druck seiner Vorlesungen verstarkt. Diese mehr oder weniger in alien Arbeiten
H.s hervortretende Eigenart hatte von ihm ausgezeichnete Lehrbiicher er-
warten lassen, wenn er zu ihrer Abfassung die Neigung gehabt hatte. Aber
er hat sich darauf beschrankt, die vierte Auflage der Dogmengeschichte von
H. Schmid, Nordlingen 1887, neu zu bearbeiten. Von weiteren Auflagen hat
er abgesehen, vielleicht weil die damals einsetzende Bewegung auf dem Ge-
biet der Dogmengeschichte groBere Umgestaltungen notwendig gemacht hatte,
als ihm die Fortsetzung seines groBen Lebenswerkes gestattete.
H. lebte zuriickgezogen, war im Verkehr rait anderen von einer scheuen
Zuriickhaltung. Aber sie schloB nicht aus, aaB er die ihm eigene Gabe
kritischer Beobachtung und sein tiefes Mitempfinden den schweren Zeiten
gegeniiber bewahrte, die in seinen letzten Lebensjahren iiber Deutschland
hereinbrachen. DaB der Weltkrieg einen seiner Sonne 1916 dahinraffte,
war fur ihn ein schwerer Verlust, aber er hat ihn mannhaft und tapfer
ertragen.
Als Forscher und Gelehrter hat H. seinen festen Platz in der Geschichte
der deutschen Geschichtschreiber der neuesten Zeit. Wir wiirden aber eine
wesentliche Seite seiner Personlichkeit unterdriicken, wenn wir nicht noch
hervorheben wiirden, daB er ein bewuBtes Mitglied der lutherischen Kirche
gewesen ist und gern die Kanzel bestiegen hat. Seine Predigten, die leider
nicht im Druck erschienen sind, zeigen die lautere, feine Personlichkeit, die,
alien Phrasen abhold, den christlichen Glauben in schlichter und besonders
eindringender Weise darzulegen verstand.
Dem groflen Gelehrten und feinsinnigen Schriftsteller haben die Zeit-
genossen die ihm gebuhrende Anerkennung nicht versagt. Gefordert wurde
diese Hochschatzung dadurch, daB H. auBerhalb alien Parteigetriebes stand
und diesen Platz behauptet hat. Durch Ehrenpromotionen und durch die
Mitgliedschaft der deutschen Akademien ausgezeichnet, hat H. erreicht, was
ein deutscher Professor an Huldigungen empfangen kann. Zu seinem 70. Ge-
burtstag wurde ihm die Festschrift » Geschichtliche Studien«, Leipzig 1916,
iiberreicht, in der 31 Theologen und Historiker ihre Verehrung fur den da-
dbj 17
258 I9i8
mals noch in der vollen Kraft seines Schaffens stehenden Gelehrten zum Aus-
druck brachten.
In bewuBter Abkehr von dem Larm des Tages ist sein Leben verlaufen.
Auch seine Bestattung ist nach seinem Willen in der Stille erfolgt. Die Uni-
versitat erfuhr von seinem Ende erst, als sich das Grab iiber ihm bereits ge-
schlossen hatte. Eine einfache Sandsteinplatte auf dem Siidfriedhof in Leipzig
tragt die Worte: »D. theol. Albert Hauck« und die von dem Entschlafenen
selbst gewahlten Satze: tNascimur ut moriatnur — moritnur ut vivamus*.
Der handschriftliche Nachlafl von Albert H. befindet sich in der Universitatsbibliothek
Leipzig.
Literatur: t)ber Albert H. handeln: H. Bohmer, Albert H., ein Charakterbild in:
Beitrage zur Sachsischen Kirchengeschichte, 33. Heft, Leipzig 1920 (78 Seiten), mit einem
allerdings nicht ganz vollstandigen Verzeichnis der Schriften H.s; G. Seeliger, Albert H.:
Berichte der . Sachsischen Gesellschaft der Wissenschaften, Phil.-Hist. Klasse 70, Heft 7,
Leipzig 1918, S. 17 ff. (Schriften S. 29 f.); Neue Jahrbiicher fur das klassische Altertum,
5, 1, S. 275 ff.; Riemer, Albert H., Sonderabdruck aus»Die Studierstube*, 1919; Allgem.
Evangel. -Luther. Kirchenzeitung, 51. Bd. 1918: Zum Gedachtnis Albert H.s. Drei Auf-
satze von Ihmels, Bonwetsch, Caspari, S. 492 ff., 514 ff., 668 ff.
Gottingen. Carl Mirbt.
Hering, Ewald, Professor der Physiologie in Leipzig, * am 5. August 1834
in Altgersdorf in der Lausitz, f am 26. Januar 1918 in Leipzig. — Ewald H.#
ein Pfarrerssohn, verlebte die Kinder jahre im elterlichen Hause auf dem Lande,
besuchte dann das Gymnasium in Zittau und bezog 1853 die Universitat in
Leipzig. Hier studierte er Medizin, beschaftigte sich daneben aber eifrig mit
Zoologie, in die ihn V. Carus einf uhrte, und — was fiir seine geistige Entwick-
lung von besonderer Bedeutung wurde — mit philosophischen Studien, ange-
regt durch Theodor Fechner, einen der Begriinder der Psychophysik. Ein zoo-
logischen Studien gewidmeter Auf enth alt in Messina (mit Carus Winter 1858 /5g)
war sicher mit von Bedeutung fiir die auflerordentliche Weite des Horizontes,
den H.s biologischer Blick spater umfaBte. i860 wurde er zum Doktor der
Medizin promoviert; er lieB sich als praktischer Arzt in Leipzig nieder und war
einige Zeit als poliklinischer Assistent des Internisten Ernst Wagner tatig. In
diese Zeit fallen H.s erste optische Arbeiten, auf Grand deren er sich 1862 in
Leipzig fiir das Fach der Physiologie habilitierte. Dieses Fach war damals in
Leipzig durch einen Meister allerersten Ranges vertreten, durch Ernst Heinrich
Weber, dessen Arbeiten, wie z. B. die Studien iiber »Tastsinn und Gemein-
gefiihU, auf die Richtung von H.s wissenschaftlicher Entwicklung entschieden
mit von Einflufi waren. Aufsehen erregende physiologisch-optische Unter-
suchungen, die »Beitrage zur Physiologies, waren auch 1865 fiir H.s Berufung
als Nachfolger Carl Ludwigs an die kaiserlich militararztliche Akademie, das
Josephinum, in Wien maBgebend. Erst hier in Wien konnte H. sich vollkommen
seinem theoretischen Fache widmen; ausgezeichnete histologische und bahn-
brechende experimen telle Arbeiten stammen aus dieser Zeit. Nach dem Tode
des greisen Purkinje, der noch in Beziehung zu Goethe gestanden hatte, wurde
H. an die, damals noch doppelsprachige Universitat in Prag berufen, an der er
bis 1895 wirkte. In Prag widmete H. seine Arbeitskraft und das Gewicht seiner
auch rein menschlich uberragenden Personlichkeit neben seiner Wissenschaft
Hauck. Hering 259
vor allem auch dem Kampfe um die Erhaltung des Deutschtums. Ihm war in
erster Linie die Abtrennung einer rein tschechischen Universitat mit zunachst
nur drei weltlichen Fakultaten von der gemeinsamen Hochschule zu danken,
wodurch die fast 6oojahrige Karl-Ferdinands-Universitat wieder ihren deut-
schen Charakter gewinnen und bis zum heutigen Tage bewahren konnte. H.
war der erste Rektor der deutschen Universitat in Prag (1882/83).
Im Alter von 61 Jahren hat H., der inzwischen eine Reihe von Berufungen,
darunter eine an die neu gegriindete Universitat StraBburg (1872) abgelehnt
hatte, sich entschlossen, einem Rufe an die Universitat seines Heimatlandes
Sachsen zu folgen; er iibersiedelte 1895, abermals als Nachfolger Carl Ludwigs,
nach Leipzig. Dank einer ungewohnlichen Riistigkeit hat H. noch 21 Jahre in
Leipzig eine iiberaus fruchtbare Tatigkeit entfalten konnen. Eine standig
wachsende Zahl von Schiilern aus alien Landern — Physiologen und Ophthal-
mologen — sammelte sich, wie schon in Prag, im Leipziger Institute, das —
seiner Tradition entsprechend — ein Zentrum der physiologischen Forschung
in Deutschland blieb. Ostern 1916 trat H. vom Lehramte zuriick. Am 26. Ja-
nuar des letzten Kriegsjahres starb er in Leipzig.
Aus dem schlichten Rahmen dieses auBerlich stillen Gelehrtenlebens leuchtet
das Bild einer ganz ungewohnlich vielseitigen und erfolgreichen Forscherarbeit.
H.s Forschungen konnen in zwei Gruppen getrennt werden, in die Bearbei-
tung rein biologischer Probleme und in sein sinnesphysiologisch-psycho-
physisches Lebenswerk, wobei allerdings zu betonen ist, daB diese Trennung
nur thematisch berechtigt ist, denn auch bei seinen psychophysischen Arbeiten
ist H. — und gerade darin liegt seine Bedeutung — Biologe im besten Sinne
des Wortes geblieben.
Morphologische Probleme haben H, schon wahrend der Studentenzeit be-
schaftigt. Er hat als erster (1856) die Generationsorgane des Regenwurmes
richtig beschrieben und den Begattungsvorgang bei diesen Wiirmern be-
obachtet (1). Auch seine Doktor-Dissertation behandelte die Keimdriisen und
die Exkretionsorgane einer Gruppe der Ringelwiirmer der Alciopiden (2). Als
kleiner, aber charakteristischer Zug, der die peinliche Sorgfalt zeigt, mit der
H. seine Befunde stets verzeichnete und verwertete, sei hier erwahnt, daB er
noch 33 Jahre nach seinem Aufenthalte in Messina — durch auBere Umstande
veranlaBt — wertvolle Beitrage zurSystematik der Alciopiden publiziert hat (3),
die auf Beobachtungen zuriickgingen, die er seinerzeit in Sizilien gemacht hatte.
Mit einer fur seine Zeit ganz auBergewohnlich guten histologischen Technik hat
H. ferner wahrend seiner Wiener Zeit den Bau der Wirbeltierleber bei verschie-
denen Wirbeltierklassen vergleichend untersucht (4) ; wir verdanken ihm die
wichtige Erkenntnis, daB die Leber als eine tubulose Driise mit netzartig anasto-
mosierenden Gangen aufzufassen ist. Nicht nur in morphologischer, sondern
auch in funktioneller Hinsicht interessant sind H.s Mitteilungen iiber das
»Leben der Blutzellen «, in denen er vor allem die Diapedese der Erythrocyten
behandelt hat (5).
Aus H.s Wiener Zeit stammt auch die gemeinsam mit Breuer ausgefuhrte
klassische Untersuchung iiber die Selbststeuerung der Atmung durch den
N. vagus (6). H. zeigte, daB die Atembewegungen normalerweise nicht im
Rhythmus des automatisch tatigen Atemzentrums erfolgen, sondern, daB jede
Ein- und Ausatmung sozusagen vorzeitig kupiert wird, einerseits durch einen
26o 1918
exspiratorisch, andererseits durch einen inspiratorisch wirkenden Reflex. Die
afferenten Bahnen dieser beiden Reflexe verlaufen in sensiblen Fasern des
Vagus, welche in der Lunge selbst durch die Erweiterung, bzw. durch den
Kollaps der Lungenalveolen erregt werden. Durch diese Beobachtung deckte
H. das erste Beispiel eines reflektorisch antagonistisch und dabei streng ge-
koppelt wirkenden Nervenpaares auf, und es bestehen innige Beziehungen
zwischen dieser groBen Entdeckung und der heute ein so weites Gebiet beherr-
schenden Lehre der reziproken Innervation.
Im Anschlusse an diese Versuche hat H. den EinfluB der Atmung auf den
Kreislauf studiert (7) : Beim Aufblasen der Lunge hatte er bei den eben er-
wahnten Versuchen eine Akzeleration der Herztatigkeit beobachtet. Die muster-
giiltige Analyse dieser Beschleunigung des Herzschlages ftihrte zu der Ent-
deckung, daB von den bei der Lungenblahung erregten sensiblen Vagusfasern
der Lunge aus eine reflektorische Hemmung des herzverlangsamend wirkenden,
tonisch erregten Vaguszentrums erfolgt. Ferner stellte H. fest, daB die, seither
als Traube-Heringschen Wellen bezeichneten Blutdruckschwankungen im
Rhythmus der Atembewegungen erfolgen, und auf einer funktionellen Be-
ziehung zwischen dem Atemzentrum und dem GefaBzentrum beruhen, einer
Beziehung, wie er sie auch zwischen dem Atemzentrum und dem Herz-
hemmungszentrum gefunden hatte.
Die bisher erwahnten experimentellen Arbeiten H.s nehmen in seinem
Lebenswerk eine isolierte Stellung ein ; seine ganze iibrige, so vielseitige wissen-
schaftliche Forschung ging letzten Endes von einer groBen allgemeinen Idee
aus, die er sich vom Wesen der Lebensvorgange gebildet hatte, und deren
Grundziige er in dem beriihmten Vortrage »Zur Theorie der Vorgange in der
lebendigen Substanz« (8) zusammengefaBt hat. H. faBt das Leben als einen
Gleichgewichtszustand auf, in dem gleichzeitig nebeneinander zwei antago-
nistische chemische Vorgange ablaufen, Assimilation und Dissimilation (A und
D), Aufbau und Zerfall. Solange die lebendige Substanz in Ruhe ist, verlaufen
A und D mit gleicher Geschwindigkeit ; auBere Reize konnen aber das Gleich-
gewicht in dem einen oder anderen Sinne storen, sie konnen entweder die A
fordern, so daB die Substanz »iiberwertig« wird, oder die D steigern, so daB die
lebendige Substanz unterwertig wird. Fallt nun der betreffende Reiz weg, wird
also das wahrend der Reizdauer kunstlich aufrecht erhaltene »allonome«
Gleichgewicht gestort, so kehrt die lebendige Substanz, dank einer ihr imma-
nenten Tendenz automatisch wieder in das urspriingliche »autonome« Ruhe-
gleichgewicht zuriick, was nur durch eine spontane Steigerung der wahrend der
Reizdauer durch den Reiz unterdriickten Stoffwechselphase (A oder D) moglich
ist. Das Wesentliche und das prinzipiell von den iiblichen Lehren Abweichende
dieser Theorie liegt in der Annahme von Reizen, welche einen der »Erregung«
entgegengesetzten Vorgang auslosen.
Dieser geniale Gedanke zieht sich als Leitmotiv durch den groBten Teil von
H.s nerven- und muskelphysiologischen Arbeiten und durch seine beriihmten
Arbeiten iiber den Lichtsinn und Temperatursinn. Leitet man einen elek-
trischen Strom durch ein lebendes Organ, so wird dieses in seinen Funktionen
an der Ein- und Austrittstelle gegensinnig beeinfluBt. In dieser teils erregenden,
teils hemmenden Wirkung des elektrischen Stromes, sah H., so wie etwa in der
Wirkung der Nn. accelerant es und des N. vagus auf das Herz, eine Bestatigung
Hering 26 1
seiner Theorie der dissimilatorisch und assimilatorisch wirkenden Reize. Er
ging diesem Gedanken nach und studierte zunachst die polaren Wirkungen
des konstanten Stromes, wurde aber dann oft genotigt, scheinbar von seinetn
Thema abseits liegende Fragen der Nerv-Muskelphysiologie zu klaren, und so
entstand die lange Reihe der 23 »Beitrage zur allgemeinen Nerv-Muskel-
physiologie* (9), die er gemeinsam mit W. Biedermann veroffentlicht hat.
Jede einzelne dieser Arbeiten beweist die fur H.s ganze wissenschaftliche
Tatigkeit besonders charakteristische Strenge der Selbstkritik ; in der Methodik
werden mit peinlicher Gewissenhaftigkeit alle moglichen Fehlerquellen aus-
geschaltet, so daB die mit groBter Sachlichkeit diskutierten Versuchsergebnisse
immer wieder wertvolle Fortschritte auf dem Gebiete der allgemeinen Nerven-
und Muskelphysiologie brachten.
Das Feld, auf dem H.s allgemeine Theorie von den Lebensvorgangen beson-
ders reiche Friichte trug, war die Lehre vom Iyichtsinn (10) und die Farben-
lehre (11). H. erkannte als erster die weitgehende Gegensatzlichkeit, die
zwischen den Gliedern bestimmter Farbenpaare (weiB-schwarz, rot-griin,
gelb-blau) herrscht, und erkannte auch die gerade durch diese Gegensatzlich-
keit ermoglichte Zusammenfassung der sechs Grundf arben zu den genannten
drei Paaren von »Gegenf arben «. Er ging bei seinen Untersuchungen und bei der
Fundierung seiner Farbentheorie aus von der Unvereinbarkeit der betreffenden
Farbenempfindungen, von Kontrast-, Adaptations- und Nachbilderschei-
nungen sowie von den physiologischen Formen der Farbenblindheit, der
peripherer Netzhautzonen, und den pathologischen Fallen von partieller und
totaler Farbenblindheit. H.s Theorie der Gegenf arben bedeutete nicht nur eine
Revolution auf dem engeren Gebiete der physiologischen Optik, in der damals
die Young-Helmholtzsche Farbentheorie allein herrschte, sondern sie lehrte die
Physiologen zugleich eine neue, ungemein fruchtbare Denkrichtung kennen, die
auf ganz neue Losungsmoglichkeiten sinnesphysiologischer und dariiber hinaus
allgemein psychophysischer Probleme hinwies.
Helmholtz hatte das Gebiet der Sinnesphysiologie als Physiker betreten. H.
reklamierte es mit Recht als eine Domane der Biologic Helmholtz sah in den
Empfindungen im wesentlichen nur Funktionen der physikalisch definierten
Reize, wahrend H. — so wie Johannes Muller — die Empfindungen in erster
Linie als Korrelate der Lebensvorgange des Nervensystems auffaBte, sie also als
in gleicher Weise von dem jeweiligen Zustande des Nervensystems wie von der
Art des auBeren Reizes abhangig erkannte. Er sah in den Gliedern der Gegen-
farbenpaare den sinnfalligen Ausdruck fiir die von ihm postulierten assimila-
torischen und dissimilatorischen I^ebensvorgange im nervosen Anteil unseres
Sehorganes. Es sei hier erwahnt, daJ3 H. von dem gleichen Standpunkte aus,
auch eine physiologische Theorie der Temperaturempfindungen entwickelt
hat (12).
Die Differenz der Resultate, die sich aus den gegensatzlichen Betrachtungs-
weisen von H. und Helmholtz ergibt, moge ein Beispiel aus der Farbenlehre
zeigen. Helmholtz meinte, daB die Merkmale einer Farbe, ihr Ton, ihre Hellig-
keit, ihre Sattigung physikalisch definierbar seien durch die Wellenlange, die
Amplitude und die Menge des beigemischten weiCen Lichtes. Da nun die tag-
liche Erfahrung lehrt, daB zwischen unseren Farbenempfindungen und jenen,
nur nach der physikalischen Qualitat des Reizlichtes zu erwartenden Empfin-
262 1918
dungen tiefgreifende Unterschiede bestehen (Kontrast, Nachbilder usw.), sah
sich Helmholtz genotigt, diese Unterschiede, z. B. bei den simultanen Kontrast-
phanomenen, als Folgen von Urteilstauschungen, unbewuBten Schliissen usw.
anfzufassen. Es ist ein nicht hoch genug einzuschatzendes Verdienst H.s um
die Sinnesphysiologie wie auch um die Psychologie, daB er die Unhaltbarkeit
dieser Hilfshypothesen nachgewiesen und sie durch das Gesetz der »Wechsel-
wirkung der Sehf eldstellen « ersetzt hat.
Ein geistreicher englischer Biochemiker schreibt: t>All dogmatic and exclusive
teaching about any aspect of the phenomena of life is apt to be checked by the
ultimate discovery that living cell is before all things a heretic* (Sir Frederick
Gowland Hopkins, On current views concerning the mechanisms of biological
oxidation. Skand. Arch. 1926.) H. hat diese Ketzernatur des Organischen sehr
wohl gekannt und sah auch in seiner Theorie von den Vorgangen in der leben-
digen Substanz nur eine »Annaherung an die Wahrheit«. Seine schonen Worte:
» Sterile Theorien verf alien leicht der Unsterblichkeit ; die fruchtbaren vererben
ihren unsterblichen Teil ihren Kindern, wahrend ihre sterbliche Hiille zerfallt, «
hatten fiir seine eigenen Gedanken einen prophetischen Sinn, denn auch H.s
Theorie lebt heute noch, wenn auch nicht in ihrer urspriinglichen Fassung,
allerorts in der Biologie fort, wie z. B. in der Lehre von den assimilatorisch und
den dissimilatorisch wirkenden Hormonen, in der Reflexlehre Sherringtons usw.
Eines der wichtigsten Gebiete, das durch H.s wissenschaftliche Arbeit von
Grund auf neu fundiert wurde, ist schlieBlich die Lehre vom Raumsinne und
den Bewegungen unseres Augenpaares (14). In den alteren, auch noch von
Helmholtz vertretenen Lehre von der optischen Lokalisation, nach der wir
unsere Gesichtsempfindungen auf Grund von Erf ahrungsmotiven in den Raum
»hinausprojizieren«, sie in den Schnittpunkt der Richtungslinien verlegen
sollten, hatten unbewuBte psychische Vorgange die Hauptrolle gespielt. In
H.s Theorie des Raumsinnes spielt dagegen der wirkliche, durch Messung usw.
erweisbare Ort der Raumdinge iiberhaupt keine Rolle, H. sieht vielmehr mit
vollem Recht in dem scheinbaren Ort eines Sehdings ebenso ein primares, an-
geborenes Merkmal der Empfindung, wie in der Farbe jedes Dinges. Es zeigt
sich auch auf diesem Gebiete die prinzipielle Verschiedenheit der Denkrichtung
des physikalisch-mathematischen Forschers auf der einen, des biologisch ge-
schulten Psychophysikers auf der anderen Seite.
So wie H.s Untersuchungen auf dem Gebiete der Farbenlehre haben auch
seine Arbeiten iiber die Motilitat des menschlichen Doppelauges eine weit iiber
das Theoretische hinausgehende Bedeutung gewonnen. Darauf ist es zuriick-
zufiihren, daB in H.s Laboratorium nicht nur Physiologen heranwuchsen, son-
dern daB eine groBe Zahl fiihrender Ophthalmologen sowie auch Psychologen
(ich nenne nur HeB, Hillebrand, Bielschowsky und Bruckner) sich dankbar zu
H.s Schule bekennen. Die Zahl seiner Schiiler, die auch spater als Physiologen
tatig blieben, ist im In- und Auslande ungewohnlich grofi (M. Loewit, Bieder-
mann, Knoll, F. B. Hofmann, Tschermak, Garten, Dittler, Briicke, sowie eine
lange Reihe von Physiologen in Japan, RuBland usw.). Nicht nur als Meister
seiner Wissenschaft verehrten ihn seine Schiiler, sondern auch als einen Mann
lautersten Charakters, als einen wahrhaft edlen Menschen.
Die absolute Klarheit, bis zu der H. seine Gedanken stets durchdachte und
seine Experimente durchfiihrte, kommt auch in seinen Reden zum Ausdrucke
Hering. Jiingst 263
(15), von denen speziell die beriihmte Rede tiber das Gedachtnis als eine all-
gemeine Funktion der organischen Materie hier hervorgehoben sei, die in ihrer
formvollendeten Schonheit und dem Schwung ihrer Gleichnisse sachlich, wie
auch sprachlich zu den klassischen Werken der deutschenLiteratur zu zahlenist.
Literatur: Eine ausgezeichnete Wurdigung von H.s sinnesphysiologischem Lebens-
werk bringt das Buch von F. Hillebrand : Ewald Hering, ein Gedenkwort der Psycho-
physik. Berlin 1918, Springer.
(Die nachstehenden Numraern beziehen sich auf die entsprechenden Hinweise im Text.)
1. Zur Anatomie und Physiologie der Generationsorgane des Regenwurms. Ztschr. f . Zool.,
Bd. 8, S. 400, 1856. — 2. De alcioparum partibus genitalibus usw. Diss., Leipzig i860. —
3. Zur Kenntnis der Alciopiden von Messina. Sitz.-Ber. der k. Akademie d.W. inWien,
m. n. CI., Bd. 101, Abt. 1, 1892. — 4. Uber den Bau der Wirbeltierleber, I. u. II. Mitt.
Sitz.-Ber. d. k. Ak. d. W. in Wien, m. n. CI., 1. Abt., Bd. 54, S. 335 und S. 496, 1866. —
5. Zur Lehre vom L,eben der BlutzeUen, I u. II. Ebenda, Abt. 2, Bd. 56, S. 691, 1867, und
Bd. 57, S. 170, 1868. — 6. Die Selbststeuerung der Atmung durch den N. vagus. Nach
Versuchen von Breuer. Ebenda, Bd. 57, S. 672, 1868. — 7. t)ber den Einfluflder Atmung
auf den Kreislauf , I. u. II. Mitt. Ebenda, Abt. 2, Bd. 60, S. 829, 1869; Bd. 64, S. 333, 187 1.
— 8. Zur Theorie der Vorgange in der lebendigen Substanz. Lotos, N. F. Bd. 9, Prag 1888.
— 9. Beitrage zur allgemeinen Nerven- und Muskelphysiologie (gemeinsam mit W. Bieder-
mann) . Sitz.-Ber. d. k. Ak. d. W. in Wien, m. n. CI., Abt. Ill, in den Banden 79 bis 97,
1879 — 1888. — 10. Zur Lehre vom Lichtsinn (6 Mitt. a. d. Sitz.-Ber. d. k. Ak. d. W. in
Wien, Bd. 60 — 70, 1872 — 1874). Auch als Monographic C. Gerolds Sohn, Wien 1878;
Grundziige der Lehre vom Lichtsinn, Graefe-Saemisch, Hb. d. ges. Augenheilk., 1905
bis 1920. — 1 1. UberNewtonsGesetzderFarbenmischung. LotosN. F. Bd. Ill, S. 77, 1887;
Zur Erklarung der Farbenblindheit. Daselbst Bd. I, S. 76, 1880; t)ber individuelle Ver-
schiedenheit des Farbensinnes. Daselbst, Bd. 6, S. 1, 1885; sowie eine groBe Zahl verstreut
erschienener Arbeiten. — 12. Der Temperatursinn. Hermanns Hb. Ill, 2, S. 415, 1879. —
13. Neben verschiedenen Spezialarbeiten, zusammenfassende Darstellungen in: Beitrage
zur Physiologie, Leipzig 1861; Die Lehre vom binocularen Sehen, Leipzig 1868; Der
Raumsinn und die Bewegungen des Auges. Hermanns Hb. Ill, 1, S. 343, 1879. — 14. Fiinf
Reden von Ewald Hering, Leipzig 192 1.
H.s wissenschaftlicher Nachlafl befindet sich im Besitze seines Sohnes Geheimrat
E. H. Hering in Koln.
Innsbruck. Ernst Th. v. Briicke.
Jiingst, Carl, Geheimer Bergrat, Dr.-Ing. e. h., * am 7. Juni 1831 in Lingen
an der Ems, f am 25. September 1918 in Gleiwitz. — Carl J. wurde als Sohn
des Superintendenten J. geboren. Er besuchte die Volksschule und das Gym-
nasium in seiner Vaterstadt Lingen und trat in der Absicht, sich dem Eisen-
huttenfach zu widmen, im Jahre 1849 De* dem damaligen Koniglich Hannover-
schen Berg- und Forstamt in Clausthal als Bergbaubeflissener ein. Im Winter
1853/54 schloB er mit Erfolg seine Studien an der Clausthaler Bergschule mit
der ersten Berg- und Hiittenmannischen Priifung ab. Als » Htittenaspirant «
wurde er sodann der Konigshiitte in Bad Lauterberg a. Harz iiberwiesen.
Seine praktische Tatigkeit, bei der er sich vor allem mit den verschiedenen
Arten des Puddelverfahrens befaCte, iibte er bei verschiedenen Harzer Hiitten,
in Varel und Augustfehn aus. Nach einer Studienreise nach Osterreich, wo
Sektionsrat Tunner seine Weiterbildung wesentlich beeinfluflte, legte J. im
Februar 1858 die zweite Fachpriifung ab. Danach trat er wieder bei der
Konigshiitte im Harz, und zwar als Betriebsgehilfe bei der Eisenhiitten-
verwaltung, ein.
264 I9i8
Im Jahre 1865 unternahm J. zur Erweiterung seiner Kenntnisse, insbeson-
dere auf dem Gebiete des Bessemer- Verfahrens und der Anlage von Koks-
hochofen, groBere Reisen, die ihn in die bedeutendsten Werke von Oster-
reich, Sachsen, Westfalen, Nassau, des Siegerlandes und von Ostfrankreich
fiihrten. Nachdem er im Herbst 1865 als »Hiittenmeister« zum ersten Betriebs-
beamten der Konigshiitte ernannt worden war, machte ihn eine abermalige
Reise mit den Hiittenwerken in Horde, der Georgsmarienhiitte in Osnabriick,
der Fiirst-Stolberg-Hiitte in Ilsede und sogar mit den Hiittenwerken in Nieder-
bronn und Rosenberg bei Sulzbach in Bayern bekannt.
Seine Tatigkeit bei dem damaligen Koniglich PreuBischen Hiittenamt in
Gleiwitz, die sein Lebenswerk werden sollte, nahm er Anfang 1871 auf. Zu-
nachst als Hutteninspektor zur vorlaufigen Amtsverwesung bestellt, wurde
er im Jahre 1872 zum Hiittendirektor befordert, und damit ubernahm er end-
giiltig die gesamte Leitung des Werkes, in dem er 31 Jahre lang, bis zu seinem
tibertritt in den Ruhestand im Jahre 1902, gewirkt hat. Das Werk erfuhr
unter der Leitung von J. durch die Angliederung einer RohrengieBerei und
einer StahlgieBerei umfangreiche, mit Scharfsinn und Weitblick durchgefiihrte
Erweiterungen. Im Jahre 1883 wurde ihm der Titel eines Bergrates und 1891
der des Geheimen Bergrates verliehen.
Wenn schon die Leitung eines so bedeutenden Huttenwerkes ein groBes
MaB von Arbeitskraft verlangte, so drangte sein reger Forscher- und Schopfer-
geist J. weit uber die Grenzen dieses Aufgabenkreises hinaus.
Seine vielseitigen Interessen lagen in erster Linie und fast ausschlieBlich
auf technischem Gebiet. Als Eisenhuttenmann widmete er sich besonders
dem GieBereiwesen. Bahnbrechend sind seine Forschungen auf dem Gebiet
der Untersuchungen liber das Wesen des GuBeisens und der Priifungsverfahren
fur GuBeisen. Er gehorte den einschlagigen Ausschussen der maBgebenden
Fachverbande, wie z. B. des Deutschen Verbandes fiir die Materialpriifungen
der Technik, des Vereins Deutscher EisengieBereien usw. an, die er zum Teil
leitete. So war er jahrzehntelang Vorsitzender der Saulenkommission des
Vereins Deutscher EisengieBereien, deren Aufgabe es war, die Verwendungs-
f ahigkeit guBeiserner Saulen im Vergleich zu den schmiedeeisernen Saulen zu
priifen. Von besonderer Bedeutung ist sein im Jahre 1886 im Verein Deut-
scher EisengieBereien gehaltener Vortrag iiber die »Verwendung guBeiserner
Saulen zu Hochbauten«. Im Deutschen Verband fiir die Materialpriifungen
der Technik war er Obmann des Unterausschusses, der sich mit dem Studium
der Grundsatze fiir die GuBeisenpriifung befaBte. Das Ergebnis dieser Ar-
beiten waren die »Vorschriften fiir die Lieferung von GuBeisen «, die im
Jahre 1909 vom Verband fiir die Materialpriifungen der Technik gemeinsam
mit dem Verein Deutscher EisengieBereien und dem Deutschen GuBrohr-
verband herausgegeben wurden und die heute noch die Grundlage fiir die
Priifung des GuBeisens sind.
Als Ziel seiner Arbeiten bezeichnete J., mit dazu beitragen zu wollen, daB
»die noch dunklen Eigenschaften des GuBeisens zur vollen Erkenntnis« ge-
langen. Er war der tjberzeugung, daB die in den bestehenden Vorschriften
fiir die Lieferung von GuBeisen geforderten Festigkeitziffern zu niedrig seien,
und daB es, um die Verwendung des GuBeisens nicht durch eine gesteigerte
Verwendung von Eisenbeton, FluBeisen und FluBstahl zu beeintrachtigen.
Jungst 265
notwendig sei, bei den steigenden Anspriichen an die Eigenschaften des Ma-
terials sowohl im Maschinenbau als auch im Hoch- und Tiefbau die Festigkeit-
ziffern fiir GuBeisen zu erhohen. Er wollte deshalb versuchen, nachzuweisen,
daB die tatsachlichen Leistungen der deutschen EisengieBereien weit hoher
seien, als auf Grund der Lief erungsvorschrif ten angenommen werden konnte.
So sagte er in einem im Jahre 1904 vor der »Eisenhiitte Oberschlesien « gehal-
tenen Vortrag uber das Thema: »Eine Phase aus dem Kapital GuBeisen-
priifungd am SchluB die bemerkenswerten Worte: »Das GuBeisen ist besser
als sein Ruf. Es besitzt vortreffliche Eigenschaften, welche es zu vielen
Zwecken des geschaftlichen Lebens besonders geeignet machen, vorausgesetzt,
daB seine Darstellung richtig gehandhabt wird. Ich bin iiberzeugt, daB das
GuBeisen nicht allein sein gegenwartiges Feld behaupten, sondern auch einen
groBen Teil des in den letzten Jahren verlorenen Feldes wiedergewinnen
wird. « Dieser Vortrag und zahlreiche andere Berichte und Veroffentlichungen
sind die Vorarbeiten zu der bekannten im Jahre 1913 erschienenen Schrift:
»Beitrag zur Untersuchung des GuBeisens* (Verlag Stahleisen, Diisseldorf). In
dieser Schrift ist mit den Ergebnissen von 407 Analysen der Rohstoffe und
des GuBeisens und nicht weniger als 5894 nach einheitlichen Gesichtspunkten
durchgefuhrten Untersuchungen auf Durchbiegung, Biegefestigkeit, Zug-
festigkeit, Schlag- und StoBfestigkeit, Hohenverminderung, Druckfestigkeit
und Harte ein Stoff zusamxnengetragen, wie er vollstandiger, umfangreicher
und fiir die Zukunft des EisengieBereiwesens wertvoller nicht zusammen-
gebracht worden ist. Als einen groBen Mangel des GuBeisens, der seiner Ver-
wendung beim Baufach und Maschinenbetriebe sehr entgegenstehen konnte,
betrachtet er die Unsicherheit der Darstellung von GuBstiicken mit gleichen
Eigenschaften und die sich daraus ergebende Ungleichheit des gelieferten Er-
zeugnisses. Bei der Durcharbeitung der Untersuchungsergebnisse hat er ver-
sucht, den Umfang der im GuBeisen auftretenden UngleichmaBigkeiten zu er-
kennen, ihre Ursachen zu finden und Winke zu ihrer Vermeidung, so weit
dies moglich ist, zu geben. — Die Priifung speziell der Druckfestigkeitziffer
beim GuBeisen hat J. wiederum zu mehreren hundert Untersuchungen ver-
anlaBt. Diese Arbeiten sind durch den Krieg unterbrochen und daher nicht
mehr zur Veroffentlichung gekommen. Bedeutungsvoll sind seine Versuche
mit Ferro-Silizium, die er einmal in einem Vortrag »EinfluB des Ferro-
Siliziums auf das Material zur Herstellung von Bergwerksmaschinen « (1889)
und in einem weiteren Vortrag »Schmelzversuche mit Ferro-Silizium « (1890)
behandelt hat. Insbesondere dieser letzte Vortrag, der in der amtlichen »Zeit-
schrift fiir Berg-, Hiitten- und Salinenwesen im preuBischen Staat« veroffent-
licht ist, war besonders einschneidend und bildete die Grundlage fiir weitere
Arbeiten. — Zwei seiner Arbeiten befassen sich mit dem RohrenguB. Im
Jahre 1884 beschrieb er eingehend die neue RohrengieBerei des Koniglichen
Hiittenamtes Gleiwitz, und in einem 1899 gehaltenen Vortrag besprach er
den »EinfluB der im Wasser enthaltenen Gase auf Wandungen guBeiserner
Rohren «.
Neben seiner rein fachwissenschaftlichen Betatigung lieBen ihn auch die
wirtschaftlichen Fragen seiner Zeit nicht unberuhrt. Er war 30 Jahre lang
(1872 — 1902) Vorsitzender der Schlesisch-Ostdeutschen Gruppe des Vereins
Deutscher EisengieBereien und ferner Vorstandsmitglied der »Eisenhutte
266 igi8
Oberschlesien«. Bei dem im Jahre 1879 entbrannten Kampf um die Erhaltung
der Eisenzolle gehorte J. zu den Sachverstandigen (Eisenenquetekommission),
die mit der Priifung der Verhaltnisse fiir die Eisenindustrie betraut waren.
Im Jahre 1879 veroffentlichte er in den »Verhandlungen des Vereins zur Be-
forderung des GewerbefleiBes* einen Bericht tiber »Die Roheisenerzeugung
auf der Weltausstellung zu Paris «, in dem auBer einer Betrachtting iiber den
Gegenstand selbst die derzeitigen Fortschritte der fiir das Eisenhiittenwesen
in Frage kommenden Maschinen beschrieben sind.
Die Arbeiten J.s fanden die entsprechende Wurdigung, die sich in den viel-
fachen Ehrungen, die ihm zuteil wurden, auBerte. J. war Ehrenmitglied des
Vereins Deutscher EisengieBereien und der »Eisenhiitte Oberschlesien*; die
Technische Hochschule in Breslau verlieh ihm bei der Einweihung ihrer
huttenmannischen Institute die Wiirde eines Doktoringenieurs ehrenhalber.
Soil das Lebensbild J.s wiedergegeben werden, so darf nicht unerwahnt
bleiben, daB er bei seinen zahlreichen Berufs- und Fachamtern auch noch
Zeit fand, seiner Stadt und Gemeinde Gleiwitz, die seine zweite Heimat ge-
worden war, zu dienen. So war er lange Jahre als Stadtverordneter und Stadt-
rat in Gleiwitz tatig und gehorte auBerdem zu der kirchlichen Gemeinde-
vertretung, wo er insbesondere als Mitglied der Synode fiir den Kreis Gleiwitz
eifrig wirkte.
J. erreichte das hohe Alter von 88 Jahren. Ihm blieb bis zu seinem Lebens-
ende eine seltene korperliche und geistige Frische erhalten. Die groBe Ver-
ehrung und das unbeschrankte Vertrauen, die dem mit reichen Gaben des
Geistes und des Herzens ausgeriisteten Manne in den Tagen seines Schaffens
tiberall begegneten, erhellten noch seinen Lebensabend, der dazu von gliick-
lichen Familienverhaltnissen getragen war.
Das Leben J.s war reich an Arbeit, aber auch reich an Erfolgen. Der Name
J.s ist mit der Geschichte der Technik der Eisenhuttenkunde, insbesondere
des EisengieBereiwesens, auf immer verbunden.
Literatur: Brandt: Zur Geschichte der deutschen EisengieBereien. »Mitteilungen des
Vereins Deutscher EisengieBereien.*
Diisseldorf. Theodor Geilenkirchen.
Kawerau, Gustav, D. theol., o. Honorarprofessor an der Universitat Berlin,
Propst zu St. Petri und nebenamtliches Mitglied des Evangelischen Ober-
kirchenrats, * am 25. Februar 1847 in Bunzlau (Schlesien), | am 1. Dezem-
ber 1918 in Berlin. — Gustav K.s Vater war Lehrer. Spater wurde der Vater
Organist an St. Matthaus in Berlin. In Berlin war K. Schuler des Friedrich-
Wilhelm-Gymnasiums. 1863 bestand er die Reifeprufung. Von 1863 bis 1866
studierte er Theologie in Berlin. Beide theologische Priifungen bestand er 1867
und 1869 vor dem Evangelischen Konsistorium in Berlin. Am 6. Februar 1870
wurde K. ordiniert. Alsbald wurde er Hilfsprediger an St. Lukas in Berlin.
Bereits am 15. Mai 1871 erfolgte seine Berufung zum Pastor der Gemeinde
Langheinersdorf, Kreis Zullichau. Er verwaltete dieses Pfarramt fast fiinf
Jahre lang. Am 1. April 1876 ging er in das Pfarramt Klemzig, Kreis Zullichau,
iiber. Die Aufmerksamkeit weiterer Kreise lenkte sich auf den jungen Pfarrer.
35 Jahre alt, wurde er zum Professor und Geistlichen Inspektor an dem Kloster
Jungst. Kawerau 267
Zu Unserer Lieben Frauen in Magdeburg eraannt (1. Oktober 1882). Die An-
stalt, an der er nur dreieinhalb Jahre gewirkt hat, dient hauptsachlich der
Ausbildung von Religionslehrern. Er konnte hier sein hervorragendes padago-
gisches Geschick trefflich verwerten. K.s literarische Tatigkeit, die inzwischen
groBeren Umfang angenommen hatte, lieB daran denken, ihn an eine Uni-
versitat zu ziehen. Schon am 1. April 1886 wurde K. o. Professor fur prak-
tische Theologie in Kiel; nach genau acht Jahren (1. April 1894) siedelte er
in gleicher Eigenschaft an die Universitat Breslau iiber. Hier erweiterte sich
der Kreis seiner Tatigkeit iiber die Universitat hinaus: er wurde zugleich im
Nebenamt Mitglied des Koniglichen Konsistoriums in Breslau und Univer-
sitatsprediger. 1902 erging aus der Elisabethgemeinde in Breslau die Bitte
an ihn, das Amt ihres Pastor primarius zu iibernehmen. K. zeigte sich nicht
abgeneigt, wiinschte aber, wenn auch mit Einschrankungen, seine Professur
und das Nebenamt des Konsistorialrats beizubehalten. Das Kultusministe-
rium, das gegen die Verbindung eines Pfarramts mit einer Professur grund-
satzliche Bedenken hatte, machte Schwierigkeiten, und er lehnte sehr zum
Bedauern der Elisabethgemeinde ab. Als spater eine Anfrage wegen einer
Berufung an die Evangelisch-Theologische Fakultat in Bonn erfolgte, lehnte
er ab, weil die Anfrage nicht im Einklang mit der dortigen Fakultat erfolgt
war. 1372 Jahre seiner besten Kraft hat K. den Breslauer Amtern gewidmet.
Als Sechzigjahriger setzte er den Wanderstab noch einmal weiter. Der Konig
berief ihn als Propst an St. Petri und nebenamtliches Mitglied des Evange-
lischen Oberkirchenrats nach Berlin (1. Oktober 1907). Eigenem Wunsch ent-
sprach es, daB er die Universitatstatigkeit nicht aufgab; er wurde zugleich
o. Honorarprofessor an der Theologischen Fakultat der Universitat Berlin.
Diese Amter hat er bis zu seinem Tode innegehabt. In voller Frische beging
er den 70. Geburtstag, begann dann aber zu krankeln und starb infolge von
Entkraftung, welche die Entbehrungen des Krieges zweifellos beschleunigt
hatten, am 1. Dezember 1918. Am Luther- J ubilaum, 10. November 1883,
haben zwei deutsche theologische Fakultaten, Halle und Tubingen, ihm auf
Grund seiner Luther- Forschungen die Wiirde eines Ehrendoktors der Theologie
verliehen. Am Calvin- J ubilaum (16. Juli 1909) ernannte die Philosophische
Fakultat der Universitat GieBen ihn gleichfalls ehrenhalber zum Dr. phil.
Am 7. April 191 1 erhielt er den Titel eines Geheimen Oberkonsistorialrats.
K. verheiratete sich am 10. Januar 1872 mit Berta, geborene Hermann,
die ihn uberlebte. Der Ehe entsprossen acht Kinder. DaB sein Sohn Hans
(* 1881) als Divisionspfarrer im Weltkrieg mitten im Gottesdienst in einer
Kirche an der Ostfront durch eine einschlagende Bombe getotet wurde, war
ihm ein tiefer Schmerz, der dazu beigetragen haben mag, seine Kraft zu zer-
miirben.
Will man K.s Tatigkeit ausreichend wiirdigen, so wird man ihn als Pro-
fessor, als theologischen Forscher und als Kirchenmann zu zeichnen
haben. Ein Versuch, die Personlichkeit des Mannes von innen heraus zu ver-
stehen, muB den AbschluB bilden.
Als Professor hatte K. auftragsgemaB praktische Theologie zu lehren.
Er hat das von seiner Berufung nach Kiel an, im ganzen also fast
32 Jahre lang, getan. In Vorlesungen wie Ubungen stand die praktische
Theologie (einschlieBlich Padagogik, Innere und AuBere Mission, Katechismus)
268 I9i8
im Vordergrund. Meist waren ihre Gebiete allein ihr Gegenstand. Das verdient
besondere Hervorhebung, weil seine schriftstellerische Tatigkeit sich in wach-
sendem Mai3 mit kirchengeschichtlichen Stoffen befaBte. Indes war doch kein
Zwiespalt zwischen seiner akademischen Lehrtatigkeit und seiner schrift-
stellerischen Arbeit. Manche seiner historischen Studien greifen in die Ge-
schichte der kirchlichen Praxis ein, wie das in hervorragendem MaBe von
den Studien iiber die Entwicklung der lutherischen Taufliturgie gilt. (Litur-
gische Studien zu Luthers Taufbuchlein von 1523. Zeitschrift fiir kirchliche
Wissenschaft und kirchliches Leben. 1889. Hefte 8, 9, 11, 12.) Auch hat K.
sich an der Erorterung grundsatzlicher praktisch-theologischer Fragen oft
beteiligt. Schon hier sei erinnert an seine Auseinandersetzung mit Ernst
Christian Achelis iiber die Reform der Konfirmationsordnung. (Bedarf die
gegenwartige Konfirmationsordnung einer Anderung? Halte was du hast,
Jahrgang 24 [1901], S. 129 ff., vgL 367 ff.)
Er hat aber auch die Moglichkeit gefunden, iiber den eigentlichen Lehr-
auftrag hinaus Vorlesungen zu halten ; so exegetische Vorlesungen iiber die
Perikopen und die Pastoralbrief e ; ofter hat er in Breslau auch iiber die
» Geschichtliche Erklarung der Confessio Augustana«, einmal, Sommer 1900,
zweistiindig iiber »Das Leben Luthers «gelesen. Seine praktisch-theologischen
Vorlesungen waren stark geschichtlich fundamentiert. Er war als prak-
tischer Theologe ein Vertreter der Richtung, die eine genaue Kenntnis der
Entwicklung des kirchlichen Lebens in alien seinen AuBerungen fiir die
unentbehrliche Grundlage theoretischer Erorterungen halt. Aber er blieb
nicht im Geschichtlichen stecken, sondern gab klare grundsatzliche Dar-
legungen, die der Praxis der Gegenwart dienlich waren. Seine Vortragsweise
auf dem Katheder zeichnete sich nicht durch rednerische Mannigfaltigkeit
und Lebendigkeit, aber durch auBerordentliche Klarheit aus. In formvoll-
endeter Darstellung brachte er seine Gedanken den Horern eindriicklich nahe.
In den Ubungen des homiletischen und katechetischen Seminars verstand er
es, freundliche Kritik mit weiterfiihrenden Weisungen zu verbinden.
Als theologischer Forscher hat K. seine Arbeit in besonderem MaB
auf die Geschichte der lutherischen Reformation konzentriert. Eine Fiille
von einzelnen Studien, die teils in Form von Aufsatzen, teils in Form von
Monographien erschienen sind, legt davon beredtes Zeugnis ab. Ich gebe im
folgenden ein Verzeichnis der wichtigeren (nicht aller) dieser Veroffent-
lichungen: Johann Agrikola von Eisleben, 1881; Luthers Lebensende in
neuester ultramontaner Beleuchtung, 1890; Hieronymus Emser, 1898 (Schrif-
ten des Vereins fiir Reformationsgeschichte Nr. 61) ; Die Versuche, Melanchthon
zur katholischen Kirche zuruckzufiihren, 1902 (ebenda) ; Luthers Riickkehr
von der Wartburg nach Wittenberg, 1902 ; Luther in katholischer Beleuchtung,
Glossen zu H. Grisars Luther (Schr. d. V. f. R.-G. Nr. 105), 1911; Luthers Ge-
danken iiber den Krieg, 1916 (Schr. d. V. f. R.-G. Nr. 124); Luthers Schriften
nach der Reihenfolge der Jahre verzeichnet, mit Nachweis ihres Fundorts in
den jetzt gebrauchlichen Ausgaben, 1917 (Schr. d. V. f. R.-G. Nr. 129).
So muBte es ihm eine hohe Genugtuung sein, als der Antrag an ihn heran-
trat, eine neue Auflage von Julius Kostlins Luther-Biographie zu bearbeiten.
Allerdings hatte er gewisse Bedenken dabei zu iiberwinden. Im Vorwort zu
der fiinften Auflage hat er sie selbst dargelegt. Der Druck der neuen Bear-
Kawerau 269
beitung hatte bereits begonnen; es konnte sich nicht um grundlegende Neu-
arbeit handeln, sondern nur um Fortsetzung und Vollendung. Charakter, An-
lage und Stoffgruppierung lieB K. daher vollig unverandert ; er trug nur die
Ergebnisse der neueren Forschungen nach. Eine selbstlose Arbeit! Es gelang
K. in verhaltnismaBig kurzer Zeit, die umfangreiche Aufgabe zu bewaltigen.
Er hat mit der ihm eigenen peinlichen Genauigkeit, mit der alle anderen
Rucksichten zuriickstellenden Sachlichkeit Kostlins Darstellung des Lebens
Luthers eine Gestalt gegeben, die bis heute ihren groBen Wert behauptet.
Andere Luther-Biographien mogen geistreicher geschrieben sein; sie mogen
psychologisch mehr in die Tief e gehen ; sie mogen die Umwelt Luthers genauer
ergriinden ; sie mogen Luthers Arbeit starker in die Geschichte der politischen
Entwicklung des Reformations] ahrhunderts hineinstellen — an klarer t)ber-
sichtlichkeit, ruhiger Sachlichkeit und peinlicher Griindlichkeit hat keine das
Kostlin-Kawerausche Buch iibertroffen.
Ein sehr erhebliches MaB von Arbeit hat K. ferner auf die Darstellung der
Reformationsgeschichte verwendet, die den 3. Band des von W. Moeller be-
gonnenen Lehrbuches der Kirchengeschichte bildet. Moeller starb, ehe er sein
Werk vollendet hatte ; K. ubernahm die Fortsetzung, soweit Reformation und
Gegenreformation in Frage kam. Auch in diesem Bande zeigt sich die Eigenart
seiner Darstellung. Da es sich um ein Lehrbuch handelt, muBte der iibersicht-
lichen Gliederung des Stoffes, der richtigen Auswahl des Darzubietenden be-
sondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Ohne diese Gesichtspunkte irgend
auBer acht zu lassen, schuf K. einen trefflich lesbaren, in vielen Punkten auch
wissenschaftlich weiterf uhrenden Text, der den Studenten als Grundlage seiner
Arbeiten von hochstem Werte sein muB.
Es war ein eigentumliches Geschick, daB diese beiden groBten zusammen-
fassenden Arbeiten zur Reformationsgeschichte nicht unter K.s eigenem Namen
gingen. Jene Luther-Biographie fuhrte denTitel: » Martin Luther. Sein Leben
und seine Schriften. Von Julius Kostlin. Fiinfte, neubearbeitete Auflage, nach
des Verfassers Tode fortgesetzt von D. Gustav Kawerau. 2 Bande, 1903.(1 Das
Lehrbuch der Kirchengeschichte hieB : » Lehrbuch der Kirchengeschichte, von
D. Wilhelm Moeller. 3. Bd. : Reformation und Gegenreformation. Bearbeitet
von D. Gustav Kawerau, 1907. « K. selbst hat dieses Zuriicktreten seines
Namens selbst mit einer gewissen Resignation gelegentlich der Erwiderung
auf eine Gluckwunschrede an seinem 70. Geburtstag hervorgehoben, Zu der
Anspruchslosigkeit des Gelehrten, die K. niemals verleugnet hat, gehorte auch
dieses Sichbescheiden.
Ahnlich wie bei diesen groBen Arbeiten ging es ihm auch mit einer anderen.
Enders hatte begonnen, den Briefwechsel Luthers herauszugeben. Als er
starb, trat K. in die Arbeit ein. Es gelang ihm, die Herausgabe bis fast ans
Ende zu fuhren, bis zum 16. Band » Martin Luthers Briefwechsel. Heraus-
gegeben von Ludwig Enders, Gustav Kawerau und Paul Flemming. Abge-
schlossen von O. Albrecht. 18 Bande «. Kurz vor der Vollendung starb er.
Eine auBerordehtliche Anerkennung seiner Luther-Arbeit lag in der Be-
rufung zum Mitarbeiter (1884), noch mehr in der zum Vorsitzenden (1905)
der Kommission, die mit der Bearbeitung der Kritischen Gesamtausgabe von
»D. Martin Luthers Werken«, der sogenannten Weimarer Ausgabe, betraut
war. Der 3., 4., sowie der 8. (1885 ff..) Band tragen seinen Namen (der
270 I9i8
letztere gemeinsam mit Nikolaus Miiller). Fiir diese Ausgabe gedachte er
Luthers Briefe zu bearbeiten. Reiches Material dafiir lag bereits vor, als
ihm der Tod die Feder aus der Hand nahm.
Gelegentlich hat K. iibrigens auch auf Gebieten der Kirchengeschichte ge-
arbeitet, die auBerhalb der Reformationszeit lagen. So hat er anlaBlich der
Paul Gerhard-Gedenkfeier in den Schriften des Vereins fiir Reformations-
geschichte eine Wiirdigung Paul Gerhards veroffentlicht, die von liebevoller
Einfiihlung zeugte. Sehr wertvoll war auch ein Aufsatz iiber die Stellung des
schlesischen Konsistoriums zu dem in der Erweckungszeit am Anfang des
19. Jahrhunderts neuerwachenden Missionsleben in der Provinz Schlesien (ab-
gedruckt unter dem Titel: »Der Kampf des schlesischen Konsistoriums gegen
die ersten Missionsvereine* in der Allg. Missionszeitschrift 1900, S 545 — 564).
Der Aufsatz beleuchtete ein iiberaus interessantes Stuck neuester Kirchen-
geschichte.
Auf den hervorragenden Forscher richteten sich die Augen des Vereins fiir
Reformationsgeschichte, als durch Kostlins Tod der Platz des Vorsitzenden
frei wurde. Von 1903 bis zu seinem Tod hat K. den Vorsitz gefuhrt; nur in
der letzten Zeit hatte er sich von der Leitung der Vereinsgeschaf te allmahlich
zuriickgezogen. Von 191 3 an zeichnete er ferner (gemeinsam mit L. Zscharnack)
als Herausgeber des »Jahrbuchs fiir Brandenburgische Kirchengeschichte*.
Als Prediger hat K. in verschiedenen Amtern zu wirken gehabt. tlber
seine Predigt im Landpfarramt ist Naheres nicht bekannt. In Breslau iibten
K.s Predigten eine groBe Anziehungskraft auf die ganze Stadt aus. Die Kirche
war regelmafiig dicht gefullt. Ein groBer Teil der hier gehaltenen Predigten
ist in den beiden Banden : Predigten auf die Sonn- und Festtage des Kirchen-
jahres (1897) und »Neue Sammlung« mit gleichem Titel (1899) gedruckt. Der
erste Band bringt 64, der zweite 63 Predigten. AuBer Breslauer Predigten
sind auch solche aus Kiel und an verschiedenen Orten gehaltene Festpredigten
aufgenommen. So geben diese Bande ein umfassendes Bild von K.s Predigt-
weise. Der Prediger nahm wohl auch auf die Anliegen der aus der Universitat
hergekommenen Horer Bezug; in der Hauptsache aber waren seine Predigten
Gemeindepredigten. Er sprach ruhig und ohne jedes rhetorische Mittel.
»Das Mittel aber, das ich dafiir als Prediger zur Verfugung habe« — so
sprach er sich selbst aus — , »ist nicht irgendwelche Kunst menschlicher Rede
oder irgend welches Reizmittel fiir Phantasie oder Nerven, sondern lediglich
der heilige Ernst, die Tiefe und Kraft des Wortes Gottes selbst. « (Vorwort
zum 2. Band der Predigten.) Doch wirkte die Predigt naturlich auch durch
die innere Lebendigkeit, mit der sie vorgetragen wurde. Es war ihm ein Her-
zensanliegen, auf Grund des biblischen Textes zu predigen. Er bekannte sich
als einen Schuler Steinmeyers, von dem er in seinen Berliner Studienjahren
viel gelernt hatte. Zwar hat er Steinmeyers Einseitigkeiten niemals mit-
gemacht. Aber in der Art, wie er in die Tiefen des Textes griff und ihn nach
alien Richtungen fruchtbar machte, zeigte sich Steinmeyers EinfluB. Dabei
hat K. noch in einem anderen Stuck von Steinmeyer gelernt. Im Vorwort zu
dem zweiten Predigtbande dankt er Steinmeyer dafiir, dafl er seinen Schulern
den Satz eingepragt habe, die Predigt solle Religion, aber nicht Theologie
zum Inhalt haben, und die Quelle, aus der sie zu schopfen habe, diirfe nicht
die Dogmatik, sondern allein das urspriingliche, lebendige Zeugnis der Schrift
Kawerau 271
sein. In der Tat findet man nirgends bei ihm irgendwelche theologischen oder
theologisierenden Ausfuhrungen. Uberall sind seine Predigten von der Riick-
sicht auf das innere Leben bestimmt. Dabei fehlt jede Neigung zum Senti-
mentalen, jeder Versuch zur Gefiihligkeit. Alles ist wahr, und alles ist ernst;
alles ist biblisch, und alles ist evangelisch. Dazu verstand er es trefflich, das
Zeitmafi, das der Predigt gewiesen ist, innezuhalten. Sorgfaltig bereitete er
sich vor, auch dann, wenn drangende Arbeit sich haufte.
Auch als Mann der Kirche und der Kirchenleitung will K. gewiir-
digt sein. Er trat nicht in die Front der Kampfer im kirchlichen Streit; viel-
melir befleifiigte er sich in kirchlichen Dingen, wie deutlich zu erkennen war,
absichtlich einer gewissen Zuriickhaltung. Mancher hat gemeint: vorsich-
tiger Zuriickhaltung. Diese Auffassung ist sicherlich irrig. Er war keine
Kampfernatur, sondern eine Gelehrtennatur. Am Schreibtisch und auf dem
Katheder war sein Platz, nicht im Parteigetriebe. Aber seine Haltung war
sachlich klar und entschieden. Er ging in seiner kirchlichen Art nicht die
Wege seines Lehrers Steinmeyer. Fur ihn war bestimmend eine biblisch-
evangelische Haltung. Sie war ganz und gar an der Reformation orientiert.
Als der Rezensent einer kleinen Predigtsammlung bedauert hatte, dafi
moderne Christen in K.s Predigten nicht fanden, was sie begehrten, erwiderte
er: wenn diese statt des alten ein modernes Evangelium zu horen begehrten,
so konne er ihnen nicht helfen ; er kenne nur das alte, sei auch der guten Zu-
versicht, dafi dieses ewig jung bleibe (Vorwort zum 2. Band der Predigten).
Andererseits war er aus derselben Grundhaltung heraus auch jedem Versuch
abgeneigt, die evangelische Kirche in die Bahnen einer neulutherischen Ent-
wicklung zu lenken. Das Neuluthertum schien ihm die evangelischen Grund-
satze der Reformation nicht zu ihrem Rechte zu bringen.
Es hing mit dieser Stellung zusammen, dafi er dem Versuch, Parteikonstel-
lationen bei der Besetzung theologischer Professuren mafigebend sein zu lassen,
grofie Abneigung entgegenbrachte. In den Streit, der um die Besetzung
theologischer Professuren 1907 /1908 entbrannte, griff er durch einen Artikel in
der »SchlesischenZeitung« ein, der ihm von manchen Seiten verdacht wurde,
der aber zeigt, wie er zum gegebenen Zeitpunkt seine innere Stellung auszu-
sprechen ein Bedtirfnis hatte. Seine kirchliche Auffassung teilte er weit-
gehend mit seinem Schwager Erich Haupt in Greifswald, seit 1888 in Halle.
Wie dieser, so rechnete auch er, der doch die Abneigung gegen alles Partei-
wesen gelegentlich zu scharfem Ausdruck brachte, sich trotz allem zu der
sogenannten preufiischen Mittelpartei, an deren Reorganisation im Jahre 1905
er aktiven Anteil nahm. Er ubernahm, wenn auch zweifellos schweren Her-
zens und nur dem Pflichtgefuhl folgend, den Vorsitz in der neugeordneten
schlesischen Gruppe dieser Partei, die sich »Landeskirchliche evangelische
Vereinigung* nannte, und fuhrte ihn bis zu seinem Scheiden aus Schlesien.
Dieser Vereinigung ist er bis zu seinem Tode treu geblieben. Auch als Mit-
glied der Kirchenregierung hat er die verstandnisvolle Art der Beurteilung
der verschiedenen Stromungen des kirchlichen Lebens nicht verleugnet.
Ftir K.s kirchliche Art ist die Studie besonders aufschlufireich, die er in
der Zeitschrift fiir Praktische Theologie (1895, S. 240 — 265) unter dem Titel:
»t)ber Lehrverpflichtung und Lehrfreiheit« veroffentlichte. Die energische
Griindung auf das Evangelium bei aller Wahrung innerer Freiheit ist ihm
272 I9i8
Leitstern. »Worauf wird es also hierbei ankommen? Negativ, dafi dem Be-
treffenden das Bekenntnis die Schranke seiner Lehrtatigkeit bildet, positiv,
daB er sich der Glaubensgemeinschaft mit der als geschichtliche GroBe in
Bekenntnis, Kultus und Lebensideal ihn umgebenden evangelischen Kirche
bewuBt ist.«
Bei der Besprechung seiner kirchlichen Tatigkeit darf nicht vergessen
werden, wie hohen Wert K. auf die Pflege des Gottesdienstes auch nach seiner
musikalischen Seite gelegt hat. Er besaB ein iiberaus feines musikalisches
Verstandnis ; auch ausiibend war er tatig ; bis in seine letzte Lebenszeit hinein
hat er in der Singakademie zu Berlin selber im Chor mitgesungen. In Schlesien
wurde er alsbald nach seinem Eintritt in die Provinz Ehrenmitglied des
Schlesischen Evangelischen Kirchenmusikvereins. An den Arbeiten und Ver-
sammlungen dieses Vereins beteiligte er sich mit Eifer. An den groBen Ta-
gungen f ungierte er fast regelmaBig als Liturg ; die Ordnungen dieser Gottes-
dienste schuf er selbst. Im Konsistorium lag das Dezernat fiir Kirchenmusik
in seinen Handen. In dieser Eigenschaft regte K. die Einrichtung von Fort-
bildungskursen fiir Organisten an (seit 1913), die er mit Ansprachen zu er-
offnen und zu schlieBen pflegte. Auch als Mitglied des Evangelischen Ober-
kirchenrats hatte er die Angelegenheiten der tnusica sacra zu bearbeiten.
Endlich eine kurze Wiirdigung der Personlichkeit und ihrer Stellung im
kirchlichen Leben seiner Zeit. Wer K. in seinen reifen Jahren gekannt hat,
hat wohl leicht den Eindruck gehabt, daB er schwer den EntschluB faBte,
aus sich herauszugehen. Er gab sich immer als einen Mann vornehmer Ruhe
und zuriickhaltenden Urteils. Es ist mir zweifellos, daB hinter dieser Zuriick-
haltung in ganz anderem MaBe, als viele es gedacht haben, ein sehr lebhaftes
Empfinden und eine ausgepragte Energie gestanden hat. In jedem Fall hat
K. ein warmes Herz gehabt, das nicht nur fiir die Seinigen schlug, sondern
auch fiir andere. Ein Mann eisernen FleiBes und peinlichster Zeitausntitzung
ist er gewesen. Er verstand es, seinen weitreichenden Amtern gerecht zu
werden und jede freie Stunde der wissenschaftlichen Arbeit am Schreibtisch
zu widmen. Es mag sein, daB die oben geschilderte Zuriickhaltung ihm im
Verkehr mit seinen Studenten, vielleicht auch mit anderen, gelegentlich ein
Hemmnis bedeutet hat. Freilich hat sie ihn davor bewahrt, rasche AuBerungen
zu tun, die hatten miBdeutet werden konnen. Er war nicht dazu geboren, als
Kampfer in vorderster Front zu stehen. Aber er hat seine Uberzeugung dort
zum Ausdruck gebracht, wo die Sache es forderte.
So war Gustav K. eine in sich hannonische, feine, abgeklarte Personlich-
keit, deren Innenleben auf reformatorischem Grunde ruhte, dessen An-
schauungen im tiefsten evangelisch waren und der als Mann der Kirchen-
leitung in peinlicher Gerechtigkeit, als wissenschaftlicher Forscher in licht-
voller Sorgfalt und griindlichster Genauigkeit hervorragende Arbeit getan hat.
Literatur: Personalakten beim Ev. Oberkirchenrat in Berlin; Nachrufe im Kirchl.
Gesetz- und Verordnungsblatt (Berlin) 1918, Nr. 8; Schlesisches Blatt fiir evangelische
Kirchenmusik, 51. Jahrg. 19 18/19, Nr. 2; Vorwort zum 5. Bd. der Tischreden in der Kri-
tischen (Weimarer) Gesamtausgabe von D. Martin L,uthers Werken, 191 9; Jahrbuch fiir
Brandenburgische Kirchengeschichte, 16. Jahrg. 1918; Andrae, Art. Kawerau in » Religion
in Geschichte und GegenwarU, 1. Aufl., Bd. 3. — Mitteilungen von Prof. D. J. Steinbeck
aus den offentlichen Vorlesungsverzeichnissen der Universitat Breslau.
Breslau. Martin Schian.
Kawerau. Krauel
273
Krauel, Richard, deutscher Gesandter, * am 12. Januar 1848 in Liibeck, f am
2. Dezember 1918 in Freiburg i. Br. K. entstammte einer Juristenfamilie. Der
Vater, Hans Friedrich K. (1806 — 1857), war Richter in Liibeck; der mutter-
liche Groflvater Georg August Wilhelm du Roi, der SproBling einer jener fran-
zosischen Protestantenfamilien, die im 17. Jahrhundert, vor der religiosen Ver-
folgung fliehend, nach Deutschland gekommen waren, wurde 1827 an das
Oberappellationsgericht in Lubeck berufen. Auch Richard K. wahlte das
juristische Studium und besuchte die Universitaten Bonn, Heidelberg und
Gbttingen. Sodann bewirkte er seine Anmeldung als Advokat in seiner Vater-
stadt und ward Ltibecker Burger und Notar. Doch Gesundheitsriicksichten
fuhrten ihn in eine andere Bahn. Nachdem er durch eine Lungenerkrankung
gezwungen gewesen, zwei Winter in einem siidlichen Klima zu verbringen,
meldete er sich fur den Konsulatsdienst. Sechs Jahre lang, 1873 — 1879, war
er als Konsul in mehreren chinesischen Hafenplatzen, in Futschau, in Amoy,
in Schanghai, tatig. 1879 ward er Generalkonsul des Deutschen Reiches in
Australien und nahm seine Wohnung in Sydney.
Seine Amtstatigkeit erstreckte sich aber iiber alle Teile Australiens und auf
Neuseeland. Er hat auf weiten Reisen die Gebiete, in denen er fur deutsche
Interessen einzutreten hatte, griindlich studiert und ist darin iiber die ein-
fache Erfiillung der Pflichten seines Amtes weit hinausgegangen. K.s Wirken
als Generalkonsul in Sydney fand jedoch einen plotzlichen AbschluB durch
ein Telegramm, das ihn 1884 nach Berlin berief. Es war in der Zeit der be-
ginnenden deutschen Kolonialpolitik. Als Kenner Australiens wurde er dazu
ausersehen, die notwendig erscheinenden Verhandlungen mit England zu
fuhren, durch welche die deutschen und englischen Interessenspharen in der
Siidsee gegeneinander abgegrenzt werden sollten. Neuguinea, Samoa, die
Fidschiinseln bildeten die wichtigsten Gegenstande, iiber die verhandelt wurde.
Zweimal, 1885 und 1886, ist K. in diplomatischer Mission nach I/>ndon ent-
sandt worden. Wahrend der iibrigen Zeit ward er nun, bis 1890, im Auswartigen
Amt in Berlin beschaftigt, wo er, rasch befordert, die auBereuropaischen,
handelspolitischen und kolonialpolitischen Angelegenheiten zu bearbeiten
hatte. Und als durch den Etat des Auswartigen Amts fur 1890/91 eine Kolonial-
abteilung daselbst errichtet wurde, ward K. zum » Dirigenten « derselben ernannt.
Die in der Heimat verbrachten Jahre 1884 — 1890 waren fur K. die Zeit der
Einfuhrung in die hohe Politik. Es war die Epoche Bismarcks. Mit Genug-
tuung hat K. spater von sich selbst als einem der Uberlebenden gesprochen,
»die unter dem gewaltigen Lehrmeister der Politik gelernt und seines Geistes
einen Hauch verspiirt haben«. K. ist ihm auch personlich nahegetreten und
hat wiederholt als Gast in Varzin und Friedrichsruh geweilt. Bismarck hat in
ihm den klugen und kenntnisreichen Beamten geschatzt. »Sie haben gut und
sachlich gesprochen, « sagte er, nachdem er K. als Kommissar des Bundesrats
im Reichstage reden gehort. Das freundliche Verhaltnis (das auch iiber Bis-
marcks Entlassung hinaus erhalten blieb) ward auch nicht dadurch gestort,
daB es bei den zwischen ihnen gepflogenen kolonialpolitischen Erorterungen
gelegentlich nicht an starken Meinungsverschiedenheiten fehlte, wie denn
Bismarck die Bildung kapitalkraftiger kolonialer Gesellschaften in Deutsch-
land empfahl, wahrend K. von diesem System (das sich z. B. in Ostafrika
nicht bewahrte) nur wenig hielt.
DBJ 18
274 l?lS
Die sechsjahrige Tatigkeit K.s im Auswartigen Amte schloB mit seiner Teil-
nahme an dem denkwiirdigen Sansibar-Vertrage von 1890. Es ist jenes deutsch-
y/ englische Abkommen, durch das Deutschland groBe Opfer in Ostafrika brachte
und die Insel Helgoland dafiir eintauschte. Die Mehrheit der deutschen Zeit-
genossen hat den VertragsschluB hart verurteilt, und auch der kurz zuvor ent-
lassene Bismarck hat sich dieser Kritik angeschlossen. Kaum dachte jemand
an die Moglichkeit eines deutsch-englischen Krieges und welche Rolle ein
deutsches Helgoland in solchem Kriege als Bollwerk der deutschen Kiisten
gewinnen muBte. Damals, 1890, hat K. als Leiter der kolonialen Verwaltung
eine gedeihliche Entwicklung des afrikanischen Besitzes auch auf Grund
dieses Vertrages sicherlich fur moglich gehalten. Aber auch er hat nicht
leichten Herzens, sondern nur »hoheren Weistuigen folgend«, seinen Namen
unter die Urkunde gesetzt.
/ * Noch im Jahre 1890 ward K. zum Gesandten in den La-Plata-Staaten er-
nannt mid bezog den Posten in Buenos Ayres. GroBe Aufgaben gab es hier
nicht zu losen. Kein auswartiger Konflikt, keine der in Siidamerika so hau-
figen Revolutionen erschwerten die Tatigkeit des deutschen Gesandten. Es
war mehr das ruhige Walten uber den politischen und handelspolitischen
Beziehungen, die Sorge, daB die oft vorfallenden, oft so imbequemen Re-
klamationen nicht zu ernsten Konflikten fiihrten, es waren die notwendigen
Reisen nach den beiden anderen Hauptstadten, nach Montevideo und Asuncion
und endlich die vielfachen Pflichten der Representation, die dem Gesandten
oblagen.
Weit bedeutender und auch folgenreicher war die Tatigkeit, die K. auf der
nachsten Stufe seiner Laufbahn zu entfalten vermochte. Er vertauschte 1894
den Gesandtenposten in Buenos Ayres mit demjenigen in Rio de Janeiro. Die
wichtigste Frage, mit welcher der Gesandte sich zu befassen hatte, betraf die
deutsche Einwanderung nach Brasilien. Diese Einwandenmg war wahrend
des ganzen 19. Jahrhunderts vor sich gegangen, hatte sich aber in den letzten
Jahren stark vermindert. Bis 1891 hatte man alljahrlich Tausende von deut-
schen Einwanderern gezahlt, seither aber waren es kaum noch Hunderte. Die
brasilianische Regienmg selbst sah dies ungern. Der President der Republik
sprach im Februar 1897 dem neuen Gesandten sein Bedauern aus tiber die Ab-
nahme der deutschen Einwandenmg nach den Siidprovinzen mid nannte das
deutsche Element einen ungleich wertvolleren Bestandteil der dortigen Be-
volkerung als die massenhaft zustromenden Italiener. So richtete K. vom
ersten Tage an sein Augenmerk auf die Hebung der deutschen Einwanderung.
Auch fiir das Mutterland war dies ein erwunschtes Ziel, denn die in Brasilien
eingewanderten Deutschen lebten nicht weithin zerstreut iiber das an GroBe
einem Erdteil gleichende Land. Vielmehr hatte sich ein guter Teil der deut-
schen Ankommlinge in groBen Komplexen, sogenannten deutschen Kolonien,
zusammengeschlossen, besonders in den drei stidlichsten Staaten der Republik,
in Parand, Santa Catharina mid Rio Grande do Sul. Deutschlands Interesse
ging nun dahin, diese Kolonisten in ihrem Deutschtmii zu befestigen. Man
, hatte es hier mit einem Falle zu tun, wo deutsches Leben in einem fremden
Erdteil stattlich aufbluhen konnte, wahrend der Wmisch, auch die Staatshoheit
des Reiches hier aufzurichten, ruhig schweigen durfte. An Gebietserwerbungen
auf dem Boden Brasiliens hat die deutsche Regierung in der Tat niemals
Krauel 275
gedacht, wohl aber daran, jene Volksgenossen auf fremder Erde in wirt-
schaftlichen Beziehungen zur alten Heimat zu erhalten, Sorge zu tragen,
daB sie ihre Prodnkte nach Deutschland lieferten und deutsche Fabrikate
kanften. Und so meinten es auch die Kolonisten selbst. In Sprache und
Sitte waren sie deutsch, in ihrem politischen Denken vind Fiihlen aber bra-
silianisch.
Um nun den Strom der deutschen Einwanderung neu zu beleben, schien es
K. zuvor notwendig, zwei Ziele zu erreichen. Der preuBische Handelsminister
v. d. Heydt hatte, veranlaBt durch zahlreiche Nachrichten iiber das traurige
Schicksal vieler nach Brasilien Ausgewanderter, unter dem 3. November 1859
ein Reskript erlassen, welches jede Konzession zur Beforderung von Aus-
wanderern dorthin versagte. Die Bedeutung dieses Reskripts ist freilich stark
iiberschatzt worden. Es war nur fur PreuBen erlassen, es verbot nur die Er-
teilung von Konzessionen fur Auswanderungsagenten, jahrzehntelang war
trotz des v. d. Heydtschen Reskripts die deutsche Einwanderung in Brasilien
bestandig gewachsen, und erst als der Riickgang eintrat, erinnerte man sich
wieder des Reskripts und gab ihm die Schuld an der veranderten Lage. Immer-
hin erblickte man in ihm — und das war besonders die Auffassung der Deutsch-
brasilianer, die nach weiterem Zustrom deutschen Blutes verlangten — den
eigentlichen Grund fiir das Stocken der Einwanderung.
Und feraer fehlte es noch an einem deutschen Auswanderungsgesetz. Wohl
hatten sich manche der deutschen Einzelstaaten schon offiziell mit dem
Auswanderungswesen beschaftigt. Das Reich aber war zuriickgeblieben. Es
stand dieser machtigen Erscheinung im wirtschaftlichen Leben noch ratios
gegeniiber und meinte vor der Tatsache zu stehen, wie ein Franzose es aus-
gedriickt hat, daB die 100 000 Auswanderer, welche Deutschland jahrlich ver-
heBen, einem wohlausgeriisteten Heere glichen, das iiber die Grenze geht und
spurlos verschwindet. War also die Bewegung nicht einzudammen, so war es
die Aufgabe der Gesetzgebung, nicht allein das Wohl der auswandernden Volks-
genossen im Auge zu haben, sondern, soweit es moglich schien, den Strom in
solche Gebiete zu leiten, wo die dem Reiche entzogene Volkskraft nicht vollig
verloren war.
K. hat, um iiber die Verhaltnisse Brasiliens ein klares Urteil zu gewinnen,
sich vor allem — und nicht ganz leicht — vom Auswartigen Amt die Erlaub-
nis erwirkt, das Land zu bereisen, die deutschen Stammesgenossen an den
Statten ihrer Arbeit aufzusuchen. So hat er besonders die drei Siidprovinzen
durchreist. Diese Informationsreisen aber lieferten ihm jene Kenntnis der Ver-
haltnisse, die ihn befahigte, durch seine Berichterstattung wie durch miind-
lichen Vortrag bei einer Urlaubsreise in die Heimat erfolgreich auf die ihm
notwendig erscheinenden Ziele (wenn der Ausdruck gestattet ist) der deutschen
Brasilien-Politik hinzuweisen.
In der Tat hat er die Aufhebung des v. d. Heydtschen Reskripts fiir die
drei Siidprovinzen Brasiliens herbeigefiihrt, und es waren seine Ideen, die in
dem 1897 vom Reichstage angenommenen Auswanderungsgesetz sich wieder-
finden. Der leitende Gedanke in der Begriindung des Gesetzes: »Ablenkung
von Nord-, Hinlenkung nach Sudamerika« ist ebenso ein K.scher Gedanke
wie die von dem Gesetz empfohlene Ansiedlung deutscher Einwanderer »in
kompakten Massen«.
276 I9i8
Man sollte freilich die Bedeutung dieser Entscheidungen auch nicht iiber-
schatzen. Auch nach der Aufhebung des genannten Reskripts im Jahre 1896
sind die Einwanderungsziffern nicht mehr gestiegen. Trotzdem hat diese MaB-
regel stark beigetragen zur Verbessening der Beziehungen Brasiliens zum
Deutschen Reiche, und noch mehr ward es von den deutschen Kolonisten wie
eine freundliche BegriiBung, wie ein Hilfeversprechen von seiten der alten
Heimat empfunden. Sie haben es zwar nicht verhindern konnen, daB 1917
auch Brasilien, unter dem Druck der Ententemachte, seine Kriegserklarung
bei Deutschland abgab, aber nach dem Ende des Weltkrieges haben sie den
wirtschaftlichen Verkehr rait dem alten Vaterlande rasch wiederhergestellt
und dem geistigen Austausch ihre Herzen geoffnet.
Von seiner am 27. Oktober 1897 angetretenen Urlaubsreise in die Heimat
ist K. nicht wieder nach Brasilien zuriickgekehrt. Sein Wunsch, nunmehr
einen Gesandtenposten in Europa zu erhalten, blieb unerfullt, trotz der
personlichen Zusagen, die er von Wilhelm II. und dem Reichskanzler
Hohenlohe erhalten hatte. Da er sich nicht entschloB, noch einmal auf
einige Jahre in die Neue Welt zuriickzukehren, so hatte seine amtliche
Tatigkeit noch vor dem Eintritt in das 50. Lebensjahr ihren AbschluB ge-
funden.
K.s Lebensabend, den er in Freiburg i. Br. verbrachte, war verschont durch
edle Geselligkeit, durch Teilnahme am geistigen Leben der Zeit, durch eigene
wissenschaftliche Arbeit. Voriibergehend hat er einige Jahre lang sogar eine
akademische Iyehrtatigkeit innerhalb der juristischen Fakultat der Berliner
Universitat ausgeiibt, urn jedoch bald wieder zuriickzukehren zu dem be-
schaulicheren Leben in Freiburg. Seine Veroffentlichungen, oft auf archiva-
lischer Grundlage ruhend, liegen besonders auf dem Gebiete der neueren Ge-
schichte und des Volkerrechts. Unter den historischen Arbeiten sind die vor-
trefflichen Schriften iiber den Prinzen Heinrich von PreuBen, den Bruder
Friedrichs des GroBen, und iiber den preuBischen Minister Graf Hertzberg an
erster Stelle zu nennen. Seine Berliner Vorlesungen behandelten die Fragen
des Volkerrechts im allgemeinen und Deutschlands internationale Vertrags-
beziehungen im besonderen. Sie fanden dankbare Zuhorer und erhielten durch
die reichen Kenntnisse des im diplomatischen Dienst erfahrenen Mannes noch
eine besondere Note.
In K.s Personlichkeit schatzten seine Mitarbeiter und Nachfolger seine um-
fassende Kenntnis, sein sicheres Urteil, gepaart mit einer vornehmen und im
Grunde seines Herzens trotz seiner mitunter sarkastischen Art wohlwollenden
Gesinnung. Den Wert seiner Tatigkeit als Gesandter erblickten sie in dem
standigen Hinweis auf die Bedeutung Siidamerikas fiir die Zukunft der Welt
im allgemeinen und fiir Deutschlands wirtschaftliche Verhaltnisse im be-
sonderen. Seine diplomatischen Depeschen wurden geriihmt als Muster einer
sachlichen, klaren und anschaulichen Berichterstattung — ein Urteil, dem sich
auch der Verfasser dieser biographischen Skizze, dem es vergonnt war, diese
Depeschen im Auswartigen Amt zu studieren, riickhaltlos anschlieBt. Man
muB es bedauern, daB seine hohen Fahigkeiten so fruhzeitig dem Dienste des
Reiches entzogen wurden. Und hier ist der Gedanke nicht vollig abzuweisen,
daB gegeniiber dem alten Bismarck-Schiiler und treuen Anhanger des ent-
lassenen Reichskanzlers die Stimmung der neunziger Jahre an hochster Stelle
Krauel. Krocher 277
nicht allzu giinstig war. So liegt auch in seinem Schicksal ein Stiick von »der
Tragodie der Nach-Bismarck-Zeit«.
(Die vorstehende Skizze beruht auf der Benutzung der brasilianischen Berichte K.s
im Auswartigen Amt sowie des im Besitze Ihrer Exzellenz Frau Geh.R. K. befindlichen
handschriftlichen Nachlasses und auderer Korrespondenzen. Ferner habe ich meinen
eigenen, auf demselben Material beruhenden Aufsatz: Richard K. als deutscher Ge-
sandter in Brasilien, 1894 — l&97 [Preufiische Jahrbiicher 195, Januar 1924], frei benutzt.)
Freiburg i. Br. Wolfgang Michael.
Krocher, Jordan v., deutschkonservativer Staatsmann, langjahriger Pra-
sident des Preuftischen Abgeordnetenhauses, Koniglicher Wirklicher Geheimer
Rat, Hauptritterschaftsdirektor, * am 23. Mai 1846 in Isenschnibbe bei
Gardelegen, f am 10. Januar 1918 in Vinzelberg, Kreis Gardelegen. — Sein
Vater war Friedrich Wilhelm v. K. (1810 — 1891), Fideikommiflherr auf
Vinzelberg, Landrat des Kreises Gardelegen, weiten Kreisen ein Fuhrer im
Kampf fur die christliche Sonntagsheiligung, seine Mutter war Bertha
v. Gerlach, die Tochter Wilhelms (1789 — 1834), des altesten der als christlich-
konservative Vorkampfer bekannten vier Briider, und der Ida v. Chambaud-
Charrier aus altem Hugenottenadel. Sein GroB vater vaterlicherseits war der
Landesdirektor der Altmark, Friedrich Wilhelm von K. (1782 — 1861), ein
einflufireicher konigstreuer Mann und erfolgreicher Landwirt. Jordans GroB-
oheime, der Minister Graf von Alvensleben-Erxleben (1794 — 1858), Leopold
(179 1 — 1 861) und Ludwig v. Gerlach (1795 — 1877), waren den Eltern an-
regend und wegweisend eng verbunden. So wurzelte das Elternhaus fest in
der Uberlieferung des Adels der altmarkischen Stammlande Brandenburgs,
suchte seine Aufgaben im Dienst am heimatlichen Volk und Boden und fand
Kraft und Ziel in gottesfiirchtiger Nachfolge Christi und Konigstreue. Unter-
richtundEinsegnungbei dem Pastor, spateren Generalsuperintendent Braun — ,
und die Gymnasialjahre in Giitersloh wirkten weiter in der Befestigung eines
einheitlichen Charakters.
Nach kurzem juristischen Studium in Gottingen meldete sich Jordan
v. K. bei Ausbruch des Krieges 1866 als Einjahrig-Freiwilliger beim heimat-
lichen 16. Ulanenregiment, wurde Avantageur und trat dann, dem Ruf alter
Jugendfreunde folgend, als Portepeefahnrich zum 1. Gardedragoner regiment
iiber, wo er am 16. Juli 1867 Offizier wurde. Er nahm als Zugfiihrer in diesem
Regiment teil an dessen ruhm- und verlustreicher Attacke bei Mars la Tour
und wurde dabei leicht verwundet, eine zweite leichte Verwundung erlitt er
vor Sedan. Von 1873 bis 1875 war er Regimentsadjutant. Am 14. August 1875
schied er aus dem Heeresdienst, um seine Arbeit dem ihm vom Vater iiber-
lassenen Gut Vogtsbriigge in der Prignitz zu widmen. Nach des Vaters Tode
ubernahm er 1891 auch Vinzelberg und siedelte dorthin iiber. Am 21. Fe-
bruar 1874 hatte er sich mit Fraulein I,uise v. Krosigk a. d. H. Poplitz-
Nienburg verheiratet.
1879 wurde er von seinem Heimatkreis in das Preufiische Abgeordneten-
haus gewahlt. Er gehorte diesem bis zu seinem Tode an. Daneben war er
seit 1898 Mitglied des Reichstags.
Sein bei zartem Empfinden fester Wille und klarer Blick, sein immer selb-
standiges und klug abgewogenes, von scharfem Verstand geleitetes treffendes
278 I9i8
Urteil, sein unbedingt unparteilicher und unbestechlicher Gerechtigkeitssinn,
der sich in alien Lagen und insbesondere in den parlamentarischen Aussprachen
immer wieder bewahrte, sein von herzlichem Wohlwollen getragenes liebens-
wiirdiges Wesen, sein schlagfertiger und doch stets versohnlicher Witz ge-
wannen ihm schnell groBen EinfluB bei seinen konservativen Freunden, in
den Parlamenten bei alien Parteien und bei der Regierung. Daher wurde er
bald in den Vorstand seiner Fraktion berufen, erhielt den Vorsitz im Budget-
ausschuB des Abgeordnetenhauses und wurde 1897 Prasident dieser Korper-
schaft, deren Verhandlungen er bis 191 2 mit nie versagendem Geschick vor-
bildlich leitete.
In wiederholten Unterredungen mit den Reichskanzlern Fiirsten v. Hohen-
lohe und v. Bulow und Herrn v. Bethmann Hollweg suchte er in den
Jahren der Kampfe um den Mittellandkanal, die landwirtschaftlichen groBen
Meliorationen, die Handelsvertrage, die Schulgesetzgebung und die Stellung
zur Sozialdemokratie den konservativen Anschauungen Geltung zu verschaffen
und vorausschauend die Reichs- und Staatspolitik von der abschiissigen, iiber
den Parlamentarismus zur Revolution fuhrenden Bahn fernzuhalten. Mit
schwerer, von Jahr zu Jahr zunehmender Sorge beobachtete er das Vordringen
unpreuBischer Elemente in PreuBen und im Reich und dadurch gegeben das
Paktieren mit der wachsenden Macht demokratischer Bestrebungen. Wo es
gait, einzutreten fiir Bewahrung und Starkung der Grundlagen echter Frei-
heit in PreuBen und im Reich, namlich die Unversehrtheit der koniglichen
Autoritat, das Recht, das preuBische Heer, die christliche Kirche und Schule,
oder fiir die Erhaltung der Quelle der volkswirtschaftlichen Wohlfahrt, das
Gedeihen der Landwirtschaft, setzte er unbeugsam Person und Kraft ein,
treu seiner christlichen und vaterlandischen tJberzeugung, treu seinem Konige,
treu seinem Volke, treu seinen Freunden und Untergebenen. Auch Stocker,
der Streiter fiir Christum und Volkstum, hat diese Treue noch erfahren, als
die belogene »6ffentliche Meinung« ihn besudelte und alte Freunde ihn ver-
lieBen.
Noch in dem Deutschland aufgezwungenen Weltkriege widmete Jordan
v. K. sein letztes Konnen Kaiser und Volk als Offizier im Stabe des Ober-
kommandos in den Marken und als Parlamentarier, ein unermudlicher Warner
fiir alle, die glaubten, durch Betonen der deutschen andauernden Friedens-
bereitschaft und Nachgiebigkeit von den zielbewuBten feindlichen Friedens-
brechern den Frieden erlangen oder die Revolution durch »volkstumliche«,
PreuBens Gefiige erschiitternde Konzessionen abwenden zu konnen. Er sah
klar vor Augen, wie durch dies alles die Feinde zum Durchhalten ermutigt,
die Bundesgenossen und das eigene Volk aber entmutigt wurden. DaB sich
die Reichskanzler auBen- und innenpolitisch immer mehr in Abhangigkeit
von der groBstadtischen »6ffentlichen Meinung«, weltfremden Ideologen und
den sozialdemokratischen Parteifiihrern begaben, die groBe vaterlandisch und
kaisertreu empfindende Masse des deutschen Volkes aber iibersahen, aus-
schalteten und fortstieBen, statt sie zu sammeln, zu starken, zu fiihren und
gegen die Mutlosen und Abtriinnigen einzusetzen, verstand er nicht. Er sann
bestandig auf Abhilfe, versuchte die Fiihrer in der Heimat und an der Front
aufzuklaren und durch seinen EinfluB das Steuer zu wenden, und litt bis zur
korperlichen Erschopfung unter der Erfolglosigkeit seiner Bemiihungen. Kurz
Krocher. Launhardt 270
vor der Reife der als verhangnisvoll bekampften Kanzler- und Reichstags-
politik schloB er die Augen zum letzten Schlummer.
Literatur: Der handschriftliche Nachlafi.
GroBendorf, Kreis Stolp. Nikolaus v. Gerlach.
Launhardt, Wilhelm, Geheimer Regierungsrat, Professor, Dr. ing. h. c,
* am 7. April 1832 in Hannover, f am 14. Mai 1918 ebendaselbst. — L. besuchte
die hohere Biirgerschule seiner Vaterstadt, welche ihrem Aufbau nach einem
heutigen Realgymnasium entsprach, und legte auf ihr die Reifepriifung ab.
Dann studierte er vom Jahre 1848 ab am Polytechnikum zu Hannover und
bestand die erste Staatspriifung im Jahre 1854, die zweite im Jahre 1859,
beide mit dem Ergebnis »vorziiglich gut«. Nach Ablegung der ersten
Staatspriifung trat er in den hannoverschen Staatsdienst ein und war fast
15 Jahre, zuletzt als Vorstand der Wegebauinspektion Geestemiinde, im Wege-
und Briickenbau tatig. Wenige Monate, bevor er im Herbst des Jahres 1869
an das Polytechnikum in Hannover berufen wurde, war er beim Bau der
Venlo — Hamburger Eisenbahn beschaftigt.
Am Polytechnikum erhielt er den Lehrstuhl fur StraBen- und Eisenbahnbau
und fur Briickenbau. Im letzteren Fache hielt er anfangs Vortrage iiber Holz-,
Stein- und Eisenbriicken, vom Jahre 1875 nur noch iiber eiserne Briicken
und gab auch diese Vortrage im Jahre 1883 an Barkhausen ab. Ein Jahr hat
er auch in Vertretung des in den Ruhestand versetzten Professor Treuding
Vortrage iiber Wasserbau gehalten und spater mehrere Jahre iiber Grund-
ziige des Bauingenieurwesens fur Maschineningenieure gelesen. Im Jahre 1872
lehnte er Berufungen an die Technischen Hochschulen zu Stuttgart und
Dresden ab. Als Karmarschs Nachfolger wurde er 1875 Direktor des Poly-
technikums und gleichzeitig zum Geheimen Regierungsrat ernannt. Nachdem
das Polytechnikum im Jahre 1879 zur Technischen Hochschule umgewandelt
nnd nachdem in den folgenden Jahren das Wahlrektorat eingefiihrt worden war,
ist er zweimal hintereinander im Jahre 1880 und 1883 vom Professorenkolle-
gium zum Rektor mit je dreijahriger Amtsdauer gewahlt worden. Er wurde
1880 bei der Griindung der Akademie des Bauwesens zu deren Mitglied, und
zwar als einziges auswartiges Mitglied aus der Zahl der Bauingenieure gewahlt,
und im Jahre 1898 zur Vertretung seiner Hochschule als lebenslangliches
Mitglied ins Herrenhaus berufen. Die Technische Hochschule zu Dresden
ernannte ihn im Jahre 1903 zum Dr.-Ing. e. h.
Im personlichen Verkehr war L. sehr anregend; er besaB die Gabe, sofort
zu erkennen, auf welchem Gebiete die geistigen Interessen eines jeden lagen,
mit dem er sich unterhielt, vermochte sich schnell der herrschenden Stimmung
anzupassen und hat im Kreise seiner ihn hochverehrenden Studenten wie auch
alterer Freunde manche geist voile Rede gehalten, manches frb'hliche Lied
gedichtet.
Die 15 Jahre seiner Baupraxis vor der Berufung nach Hannover fielen in
die Zeit des reinen Regiebaues, in welcher bei den groBen Erd- und StraBen-
bauten und den zahlreichen Briickenbauten, die seiner Leitung unterstanden,
die Verwendung von Maschinen nur in sehr beschranktem Umfange iiblich
und moglich war. Er hat es damals meisterlich verstanden, im wahren Sinne
28o 1918
des Wortes Bauleiter zu sein, bei der Entwurfsbearbeitung wie bei der Bau-
ausfuhrung an Arbeitskraften und Baustoffen zu sparen, den Umfang und
die Kosten jeder Arbeit schon im voraus tunlichst genau zu berechnen und
den Bau so zu gestalten, dai3 in der Folge die Unterhaltung der Bauwerke
eine wirtschaftliche und bequeme sein konnte. In spateren Jahren hat er
neben seiner Lehrtatigkeit praktische Arbeit nur in beschranktem MaBe durch
Aufstellung einiger Entwiirfe fiir Briicken und durch Begutachtung verschie-
dener Entwiirfe ausgeiibt.
Als Hochschullehrer hat L. vorbildlich gewirkt. Vom Tage seines Eintritts
in den Lehrkorper des Polytechnikums an ist er mit Erfolg bestrebt gewesen,
seine Vortrage zu wirklich wissenschaftlichen zu gestalten, seine Zuhorer nicht
zum Lernen, sondern zum Studium anzuleiten, ihnen eine wissenschaftliche
Grundlage fiir die Praxis mit auf den Lebensweg zu geben. Klare Stoffteilung„
Vermeidung alles Unwesentlichen, streng logische SchluBfolgerungen charak-
terisierten seine formvollendeten Vortrage. In ihnen wuBte er meisterhaft die
Moglichkeiten der Weiterentwicklung der Ergebnisse wissenschaftlicher For-
schung und praktischer Erfahrung herauszuarbeiten und die Notwendigkeit
wirtschaftlicher Gestaltung der Bauausfuhrungen sowie der Unterhaltungs-
arbeiten hervorzuheben. Die Ubungen benutzte er dazu, die mathematische
Begriindung und konstruktive Anordnung der Entwiirfe selbst nachzupriifen
und dabei wertvolle Erganzungen seiner Vortrage zu geben. Es war erstaun-
lich, wie I,., dem infolge seiner zunehmenden, zuletzt fast zur Blindheit ge-
steigerten Schwachsichtigkeit die Nachpriifung zeichnerischer Berechnungen
unbequem war, diese Nachpriifung durch Kopfrechnung zu ersetzen imstande
war, und wie er immer wieder bei Besprechung der Aufgaben aus dem Ge-
dachtnis genaue Zahlenangaben iiber die Verhaltnisse gleichgearteter aus-
gefiihrter Bauten machen konnte. Eingehend erlauterte er dabei den in jedem
einzelnen Fall fiir Massenberechnungen und statische Ermittlungen erfor-
derlichen Genauigkeitsgrad und versaumte nicht, brauchbare empirische For-
meln und deren Ableitung zu geben.
L. hat sich des weiteren groBe Verdienste als Organisator erworben. Zu-
nachst gait es, am Polytechnikum den Ubergang vom schulmaBigen Betrieb
zum wissenschaftlichen Studium und eine scharfere Trennung der einzelnen
Lehrgebiete im besonderen fiir Architekten und Bauingenieure durchzufiihren.
Waren doch im Jahre 1875, als L. zum Direktor ernannt wurde, die ersten
drei Jahreskurse fiir Architekten und Ingenieure vollig die gleichen; erst im
letzten Studienjahr war je ein Sonderkursus fiir Architekten und Bauingenieure
vorgesehen. Dann folgte die Umwandlung des Polytechnikums in die Hoch-
schule und die Ubersiedlung der letzteren in das neue Gebaude, welches ur-
spriinglich als SchloB erbaut worden war und dessen Innenraume sich als
vollig ungeeignet fiir Hochschulzwecke erwiesen. Hieraus erwuchsen auBer-
ordentliche Schwierigkeiten insbesondere bei den baulichen Abanderungen des
ganzen Schlosses. Die Uberwindung dieser Schwierigkeiten und die fiir jene
Zeiten mustergiirtige Einrichtung der Raume ist fast ausschlieBlich das Ver-
dienst L.s, welcher zum AbschluB der ganzen Umstellung der Hochschule die
Einfiihrung der Rektoratsverfassung eingeleitet und als erster Rektor wahrend
zweier Triennien vollendet hat. Unter seiner Leitung vervollkommnete sich
der innere Betrieb, wuchs das auBere Ansehen der Hochschule.
Launhardt 28 1
Als Schriftsteller ist L. schon wahrend der Zeit seiner Praxis, vor allem
aber wahrend der letzten drei Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts, hervor-
getreten. Es war besonders die Verstaatlichung und der weitere Ausbau der
preuBischen Eisenbahnen und die starke Entwicklung des Chausseenetzes im
Hiigel- und Flachland, welche ihn zu zahlreichen Veroffentlichungen veran-
laBten. Wie in seinen Vortragen, so ist er auch in den Veroffentlichungen, die
sein Lehrgebiet betrafen, fiir seine Schiiler und Fachgenossen ein Wegweiser
nach einem vorher fast gar nicht erstrebten Ziel hin gewesen, namlich jeden
Bau und jeden Betrieb nicht nur technisch richtig, sondern auch wirtschaft-
lich moglichst vorteilhaft zu gestalten und fiir die Wirtschaftlichkeit den
mathematischen Beweis zu erbringen, wie es heute ja als selbstverstandlich
angesehen wird.
Auf dem Gebiet des Eisenbahnwesens ist vor allem L.s in zweiter Auflage
erschienene » Theorie des Trassierens« hervorzuheben, die vom Verein Deutscher
Eisenbahnverwaltungen preisgekront worden ist und zu ihrer Zeit allgemeine
Anerkennung gefunden hat. Die mathematisch-wirtschaftliche Begriindung
und Entwicklung der aufgestellten Theorien hat in ihrer Eigenart und Neu-
heit manchen Fachgenossen zu weiterer Bearbeitung des Stoffes angeregt.
Ferner hat L. eine Reihe von beachtenswerten Arbeiten iiber die Bildung
der Personen- und Frachttarife sowie iiber Bauwurdigkeit und Wirtschaft-
lichkeit der Haupt- und Nebenbahnen unter Hervorhebung vieler neuer Ge-
sichtspunkte veroffentlicht. Auch in seinen Schriften iiber das StraBenwesen
behandelt I,, teilweise sehr eingehend die Trassierung und die Wirtschaftlich-
keit der LandstraBen.
t)ber seine sonstigen zahlreichen Veroffentlichungen ist neben einigen klei-
neren Mitteilungen iiber den Bau eiserner Briicken noch eine Gruppe von Ar-
beiten iiber verschiedene Wirtschaftsfragen beachtenswert, zu welchen L.
seinerzeit durch die Aufrollung der Wahrungsfrage und die allgemeine Ent-
wicklung des Verkehrs angeregt worden ist. In erster Linie sei hier seiner
» Mathematischen Begriindung der Volkswirtschaftslehre« gedacht, welche die
Aufmerksamkeit der Zeitgenossen in hohem MaBe erregt hat. Unter Bertick-
sichtigung der beim Erscheinen dieses Buches herrschenden Zeitverhaltnisse
wird man auch heute noch die mathematischen SchluBfolgerungen als in alien
Teilen richtig anerkennen miissen.
Iy.s Schriften zeichnen sich durch knappe, klare Schreibweise aus. Wohl-
geformt schlieBt sich ein Satz dem anderen an. Kurz sind die Begriindungen,
sicher die SchluBfolgerungen. Manche der Veroffentlichungen sind ins Eng-
lische, Franzosische und Italienische ubersetzt worden.
Iviteratur: StraBenbau: Rentabilitat und Richtungsfeststellung der StraBen, 1869. —
Eisenbahnwesen : Das Massennivellement 2. Aufl., 1877; Die Betriebskosten der Eisen-
bahnen und ihre Abhangigkeit von den Steigungs- und Krummungsverhaltnissen. Ergan-
zungsheft zum 4. Bande des Handbuchs fiir spezielle Eisenbahnkunde, 1877; Theorie des
Trassierens, 2. Aufl., 1887 und 1888; Theorie der Tarifbildung auf Eisenbahnen, 1890. —
Wirtschaftliche Fragen u.dgl.: Mathematische Begriindung der Volkswirtschaftslehre,
1885 ; Das Wesen des Geldes und die Wahrungsfrage, 1885 ; Mark, Rubel und Rupie. Erlau-
terungen zur Wahrungsfrage und Erorterungen iiber das Wesen des Geldes, 1894; Am
sausenden Webstuhl der Zeit, 3. Aufl., 1917; Die Technische Hochschule Hannover 183 1
bis 188 1. — Broschuren und Abhandlungen in wissenschaftlichen Zeitschriften. StraBen-
bau: Die zweckmaBigsten Steigungsverhaltnisse der Chausseen, Zeitschrift des hannover-
schen Architekten- und Ingenieurvereins, 1867; Rentabilitat und Richtungsfeststellung
282 I9i8
der Strafien, ebd., 1870; Die Steigung der Straflen, 1880. — Eisenbahnwesen u. Wasser-
bau: Vergleichung der verschiedenen Systeme der beweglichen Wehre, Zeitschr. des
hannoverschen Architekten- u. Ingenieurvereins, 1868. — Kommerzielles Trassieren der
Verkehrswege, desgl., 1872; Virtuelle Lange und virtuelle Steigung, Organ fiir die
Fortschritte des Eisenbahnwesens, 1876; Wirtschaftliche Fragen des Eisenbahnwesens,
Zentralblatt der Bauverwaltung, 1883; Bauwiirdigkeit geplanter Eisenbahnen, Zeit-
schrift des hannoverschen Architekten- und Ingenieurvereins, 1885; Das Personenporto
auf Eisenbahnen, Zeitschrift zur guten Stunde, 1889; Der Korbbogen im Eisenbahn-
gleise, Organ f. d. Fortschritte des Eisenbahnwesens, 1889; Zur Frage einer besseren Be-
rechnung des Personenfahrgeldes auf Eisenbahnen, ebenda, 1896; Theorie der Tarifbildung
Archiv fiir Eisenbahnwesen, 1890 und 1892 ; Die Bauwiirdigkeit von Nebenbahnen, Zentral-
blatt der Bauverwaltung, 1898. — Briickenbau: Der Viadukt bei Lecker, Strecke Osna-
briick — Bremen, Zeitschrift des hannoverschen Architekten- und Ingenieurvereins, 1872;
Die Inanspruchnahme des Eisens, Deutsche Bauzeitung, 1872; Working strength, »Iron«,
1874; t)ber zweifaches Fachwerk und ein neues Tragersystem, Deutsche Bauzeitung, 1875.
— Wirtschaftliche Fragen u. a. m.: Der zweckmaBigste Standort einer gewerblichen An-
lage, Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure, 1882; Die Gesetze der Preisbildung,
Zeitschr. des hannoverschen Architekten- und Ingenieurvereins, 1886; t)ber die Wah-
rungsfrage, desgl., 1886; Wahrungsverhaltnisse, desgl., 1890; Ablosung der Baukosten,
desgl., 1887; Die Quantitatstheorie, ein Beitrag zur Lehre vom Wesen des Geldes, Zeit-
schrift t Polytechnikunm, Hannover 1889; Die Wirkungen der Vervollkommnung des Ver-
kehrs, Deutsches Wochenblatt, 1889; Die Entwicklungen und die Wirkungen des Verkehrs
in den letzten 50 Jahren, Zentralblatt der Bauverwaltung, 1892; Die transkaspische
Eisenbahn, Zeitschrift des hannoverschen Architekten- und Ingenieurvereins, 1888; Die
sibirische Eisenbahn, desgl., 1892. — Auflerdem eine grofle Anzahl von Aufsatzen in der
Enzyklopadie des Eisenbaluiwesens und vielen Tageszeitungen.
Hannover. Wilhelm Hoyer.
Mohr, Christian Otto, Professor der technischen Mechanik in Dresden,
* am 8. Oktober 1835 in Wesselburen, f am 3. Oktober 1918 in Dresden. —
Zu Wesselburen in Nord-Dithm arschen an der holsteinischen Nordseekiiste
geboren, war Otto M. in seinem ganzen Wesen ein wortkarger, kerniger Sohn
von der Waterkant. Eine Schilderung der Umwelt seiner Jugend findet
sich in den Brief en Friedrich Hebbels, der 18 13 am gleichen Ort geboren wurde,
mit 14 Jahren beim Kirchspielvogt M., dem Vater Otto M.s, als Schreiber
tatig war imd aus dessen Biicherei mancherlei Anregimg empfing. Strengste
Einfachheit und auBerste Sachlichkeit waren die Grundzuge der Erziehung
Otto M.s. Sie kennzeichnen auch seine Personlichkeit und seine Arbeiten.
Ein Zwillingsbruder erblickte mit ihm das Licht der Welt, der auch den 80. Ge-
burtstag mit ihm zusammen, und zwar als Geheimer Justizrat in Flensburg,
feiern konnte.
Mit 16 Jahren kam Otto M. auf die Polytechnische Schule Hannover, um
Ingenieurwissenschaften zu studieren, und war dann zehn Jahre lang als In-
genieur bei den hannoverschen Staatsbahnen tatig. Spater betatigte er sich
beim Bau der oldenburgischen Staatsbahnen unter Generaldirektor Buresch,
dessen Tochter Anna seine treue Lebensgefahrtin wurde. Sie war in ihrer
heiteren, frohlichen Art der Sonnenschein im Leben des ernsten Forschers.
Die stiirmische Entwicklung der Eisenbahnen und die Ausbildung eines neuen
Briickenbaustoffes, des Schweifleisens, fuhrte zu einer Fulle von Problemen
der technischen Mechanik, der Statik und des Eisenbriickenbaues. Von 1850
bis 1870 eilte der Geistesflug auf theoretischem Gebiete vielfach seiner Zeit
voraus, befruchtete die konstruktive Gestaltung und spornte die Ausfuhrung
Launhardt. Mohr 283
zu kuhnen Taten an. So brachten auch die zahlreichen Neubaustrecken der
Staatseisenbahn des Konigreichs Hannover nmfangreiche Aufgaben fur das
Bauingenieurwesen, das dort gerade in dieser Zeit, wie aus der bekannten
hannoverschen Zeitschrift hervorgeht, in hoher Bliite stand und mit den
Namen Karmarsch, August Ritter, Kopcke verkniipft ist. Hier entwarf Otto M.
auch die unseres Wissens erste eiserne Fachwerkbriicke mit einf achem Dreieck-
fachwerk, die bei Liineburg ausgefuhrt wurde. Mit 25 Jahren veroffentlichte
er seine erste grundlegende Arbeit iiber die Dreimomentengleichung des durch-
laufenden Tragers unter Beriicksichtigung der Hohenlage der Stiitzen.
Mit 32 Jahren erhielt er einen Ruf an das Polytechnikum Stuttgart als Pro-
fessor fur technische Mechanik, Trassieren und Erdbau. Einen begeisterten
Kreis von Schulern scharte er hier um sich, zu denen Anton v. Rieppel, August
Foppl und Carl v. Bach zahlen. Hatte doch gegentiber den analytischen Ver-
fahren die graphostatische Behandlung von Konstruktionsaufgaben, be-
sonders fur den aufbluhenden Eisenbau in der meisterhaften einfachen Form,
wie sie Otto M. schuf, die Vorzuge grofiter Klarheit, Durchsichtigkeit und
Zeitersparnis. Seine Kolleghefte erlangten einen hohen Seltenheitswert, wie
die autographierte Ausgabe seiner Vorlesungen durch den Ingenieurverein am
Polytechnikum Stuttgart bezeugt. Das zeichnerische Verfahren der Darstel-
lung der Biegelinie, das er im Jahre 1868, wie der Nachfolger Culmanns, Wil-
helm Ritter, sagt, »der technischen Welt bescherte«, bildet seitdem das all-
tagliche Riistzeug unserer Konstrukteure und begriindete M.s groflen wissen-
schaftlichen Ruf. (S. Beitrag zur Theorie der Holz- und Eisenkonstruktionen,
Zeitschr. des Arch.- und Ingenieurvereins zu Hannover 1870, S. 41, und
W. Ritter, Anwendungen der graph. Statik, Zurich 1900, III. Teil, Vorwort
S. V.) Da bisher die Ldsung dieser Aufgabe nur rechnerisch durch eine doppelte
Integration moglich war, verlieh Ritter seiner Bewunderung fiir Otto M. in
den Worten Ausdruck: »Selten wohl hat ein so einfacher Gedanke so reiche
Friichte gezeitigt, wie das M.sche Verfahren zum Zeichnen der elastischen
Linie. « Dieselbe grundlegende Arbeit M.s enthalt auch die erstmalige Anwen-
dung von EinfluBlinien, nahezu gleichzeitig mit Emil Winkler, der 1865 von
Dresden nach Prag und 1868 nach Wien berufen worden war.
Im Jahre 1873 folgte M. einem Rufe nach Dresden als Nachfolger von Klaus
Kopcke auf dem Lehrstuhl fiir Eisenbahnbau, Wasserbau und Graphostatik.
Hier wirkte er neben dem Bruckenbauer Dr. Wilhelm Frankel bis 1894 in der
Bauingenieurabteilung und iibernahm sodann als Nachfolger Gustav Zeuners
das allgemeine Kolleg iiber technische Mechanik und Festigkeitslehre. Von
den 26 bedeutsamen Abhandlungen wahrend seiner Dresdener Iyehrtatigkeit
von 1873 bis 1900 seien nur folgende herausgegriffen, die samtlich Grundsteine
der weiteren Entwicklung geworden sind. Die erstmalige Benutzung des Prin-
zips der virtuellen Geschwindigkeiten zur Berechnung statisch unbestimmter
Systeme ist 1874 in seinem » Beitrag zur Theorie der Bogenf achwerktrager «
enthalten sowie 1874 und 1875 in seinen »Beitragen zur Theorie des Fach-
werkes« (Zeitschr. des Architekten- und Ingenieurvereins zu Hannover 1874,
S. 223 und S. 509, 1875, S. 17), wo auch bereits der Satz von der Gegenseitig-
keit der Verschiebungen behandelt wird. Dieses Prinzip der virtuellen Ge-
schwindigkeit oder Verschiebungen, das M. an die Spitze seines spateren Sam-
melwerkes gestellt hat, ist einer der fruchtbarsten Gedanken der neuzeitlichen
284 J9i8
Baustatik geworden. Die »Darstellung des Spannungszustandes und des De-
formationszustandes eines K6rperelementes« im »Zivilingenieur« 1882, S. 113,
enthalt erstmalig den »Mohrschen Spannungskreis« und die Hiillkurven, mit
denen eine auBerst einfache ebene Darstellungsweise des allgemeinen Span-
nungszustandes in Verbindung mit den Gleitflachenrichtungen gefunden
war. Der M.sche Tragheitskreis mit dem Tragheitsschwerpunkt (1887 »Zivil-
ingenieur« S. 43) ist heute das einfachste Mittel zur Bestimmung von Tragheits-
und Zentrifugalmomenten fur alle praktisch vorkommenden Anwendungsfalle.
Die sogenannten Verschiebungsplane (z. B. nach Williot) zur Berechnung der
Verschiebungen und der Stabkrafte von Fachwerken wurden von M. bereits
1887 im»Zivilingenieur« S. 631 unter der Bezeichnung Geschwindigkeits- und
Beschleunigungsplane gegeben. Die Berechnung des Fachwerkes mit starren
Knotenverbindungen war trotz der Bemuhungen aller namhaften Forscher in
den Jahren 1880 bis 1890 wegen der groBen Anzahl von Gleichungen und Un-
bekannten fur die praktische Anwendung ein noch nicht gelostes Problem.
Der erlosende Gedanke M.s war die Einfuhrung von Stab- und Knotendreh-
winkeln, wodurch die Zahl der Unbekannten auf die der Fachwerkknoten ein-
geschrankt wurde.
Mit der Erreichung der Altersgrenze von 65 Jahren schied Otto M. 1900
nach 33jahriger, reich gesegneter Wirksamkeit als akademischer Lehrer aus
dem Amte in voller korperlicher und geistiger Frische. Schlicht und einfach
in seiner Art, alien auBeren Ehren abhold, lebte er nun auf seinem prachtigen
Besitztum in Wachwitz bei Dresden in landlicher Stille nur seiner Wissenschaft
und seiner Familie bis zum Heimgange seiner Gattin im Jahre 1907 und dann
noch stiller und zuriickgezogener in seinem Landhause in Blasewitz unter der
aufopfernden Pflege seiner Tochter. Noch 16 Schriften brachte diese letzte
Zeitspanne von 1900 bis zu seinem Tode, der am 3. Oktober 1918, also kurz
vor Erreichung des 83. Geburtstages, nach nur achttagigem Krankenlager er-
folgte. Es blieb ihm erspart, den Zusammenbruch des alten Reiches zu erleben.
Aus diesen letzten Arbeiten seien folgende grundlegende Gedanken hervor-
gehoben. Die Abhandlung in der Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure
1900, S. 1524, brachte die neue M.sche Hypothese iiber die Elastizitatsgrenze
und den Bruch eines Materials mit der Darstellung der Grenzkurven und Gleit-
flachen. Heute, nach einem Vierteljahrhundert eifrigster internationaler Ma-
terialforschung gilt immer noch diese Hypothese von Otto M. im Weltschrift-
tum als die beste vorhandene Grundlage zur Vorausbestimmung des Gleitungs-
bruches sproder Stoffe. Seine Beitrage zur Geometrie der Bewegung und zur
»Kinetik ebener Getriebe« (Zeitschr. fur Mathematik und Physik 1903, S. 399
und 1904, S. 29) gaben die Grundlage eines neuen Wissenszweiges, namlich der
geometrischen Behandlung der Bewegung starrer Korper und zwangslaufiger
Korperverbindungen. Dem Drangen seiner Freunde und Verehrer folgend, faBte
OttoM. seine samtlichen verteilten »Abhandlungen auf dem Gebiete der techni-
schen Mechanik« in einem Sammelwerk zusammen, das 1905 und 1914 in 1.
und 2. Auflage, in 3. erweiterter Auflage Berlin 1928 erschien. Mit 80 Jahren
veroffentlichte er im Zentralblatt der Bauverwaltung 1916, S. 285, noch eine
Abhandlung iiber »Die Theorie des statisch unbestimmten Fachwerkes *, in der
all die Satze der technischen Mechanik und insbesondere der Fachwerk- und
Tragerlehre, die zum groBten Teile seine ureigensten Geisteskinder sind, noch
Mohr. Peters 285
einmal wie die Gestalten seiner Lebensarbeit voriiberziehen, in neuer, knappe-
ster Fassung und klassischer Klarheit. Der Planetenbewegung gait die letzte
Geistesarbeit des Zweiundachtzigjahrigen, die er druckfertig hinterlieB. t)ber
die Wirren des Weltkrieges und das Irren der Menschheit hob sich sein Blick
empor zu den ewigen Gesetzen der Gestirne.
Von der Technischen Hochschule Hannover, seiner Bildungsstatte, wurde
er zum Dr.-Ing. ehrenhalber ernannt. Im Jahre 1904 fand sich eine stattliche
Reihe seiner begeisterten Schiiler zur Vorbereitung seiner 70. Geburtstagsfeier
zusammen, um ihn durch die Anbringung seines Bildes aus Erz im Treppen-
hause der Technischen Hochschule Dresden zu ehren, »In dankbarer Erinne-
rung an seine selbstlose, fruchtbare Forschertatigkeit«. An seinem 81. Geburts-
tage erhielt er die seltene Auszeichnung der Ernennung zum Wirklichen Ge-
heimen Rat mit dem Pradikat Exzellenz. An diesem Tage iiberreichten ihm
seine Verehrer und Schiiler eine Festschrift: »Otto Mohr zum 80. Geburtstage«
(Verlag von Wilhelm Ernst & Sohn, Berlin 1916). Sie enthalt auBer den Ab-
handlungen aus dem Gebiete des verehrten Meisters auch eine ausfuhrliche
Zusammenstellimg seiner Arbeiten.
Dresden. Willy Gehler.
Peters, Carl, Dr. phil., Reichskommissar a. D., * am 27. September 1856
in Neuhaus a. d. Elbe, f am 10. September 1918 in Woltorf bei Peine. —
C. P. wurde als das achte Kind des Pastors Carl P. und seiner Ehefrau Elisa-
beth, geb. Engel, geboren. Er besuchte vom 6. Lebens jahre ab die Schule in
Neuhaus und erhielt im elterlichen Hause Nachhilfestunden im Lateinischen
und Griechischen. Ostern 1870 wurde er mit 13V2 Jahren konfirmiert und
nach Liineburg geschickt, wo er in die Untertertia des Johanneums aufge-
nommen wurde. Nach nur einjahrigem Auf enthalt in Liineburg wurde er von
seinem Vater in die Klosterschule in Ilfeld a. H. gesandt, wo ein Verwandter
von ihm, Dr. Schimmelpfeng, Direktor geworden war. In Ilfeld gab es eine
Anzahl von Freistellen, von denen C. P. schon nach dem ersten Semester eine
erlangte. Er trat 1871 mit der Reife fiir Obertertia in die Klosterschule ein.
Diese Schule befand sich in dem sehr schon in den Vorbergen des Harzes
gelegenen Ilfeld. Sie war groBenteils von Adligen besucht, darunter Sohnen
aus reichsunmittelbaren Familien. Die Klosterschule war (und ist) ein Alumnat,
in dem die damals 80 — 90 Schiiler in Zimmern zu 2 oder 4 zusammenwohnten,
ihre Mahlzeiten gemeinsam in einem Speisesaal einnahmen und auBerhalb
der Schulzeit geregelte Arbeits- und Erholungszeiten hatten. Der I^ehrgang
war der eines preuBischen Gymnasiums. Es wurde auf die Innehaltung guter
gesellschaftlicher Sitten gehalten. Unter den Schiilern herrschte ein starker
Korpsgeist. In Ilfeld lernte P. u. a. seinen Freund und spateren Mitarbeiter
Karl Jiihlke, den Sohn des Hofgartendirektors Jiihlke in Sanssouci bei Pots-
dam, kennen, so wie einen anderen spateren ostafrikanischen Gefahrten,
v. St. Paul-Illaire, Sohn des Hofmarschalls des Prinzen Adalbert von PreuBen.
Im Jahre 1872, als P. Untersekundaner war, starb sein Vater und lieB seine
Witwe ohne Vermogen zuriick, so daB sie lediglich auf ihre kleine Witwen-
pension angewiesen war. Der alteste Bruder von P. war damals noch Kandidat
der Theologie, sein zweiter Bruder befand sich auf der Universitat, fiinf Schwe-
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stern waren unverheiratet und damit unversorgt. In der Familie wurde ge-
plant, P. die untere Zollaufbahn einschlagen zu lassen. Er ging jedoch nach
Ilfeld zuriick und begann mit Erlaubnis des Direktors in den friihen Morgen-
stunden Nachhilfeunterricht zu geben, urn so das Notwendigste zu verdienen.
Von Obersekunda an war er auch schriftstellerisch tatig. Er verfaBte einige
Stiicke, machte Gedichte und versuchte sich, allerdings ohne Erfolg, an Zei-
tungsartikeln und Roraanen.
Innerhalb der Schuler hatten sich einige Parteigruppen gebildet. P. nahm
daran aktiven Anteil und wurde Fuhrer einer Gruppe. Das selbstbewuBte Auf-
treten P.', das in manchen Fallen einzelnen Lehrern gegeniiber das MaB des
Zulassigen iiberschritt, verschaffte ihm wiederholt Arrest.
Ostern 1876 bestand P. das Abiturientenexamen. Das Lehrerkollegium der
Klosterschule Ilfeld hatte bei seiner Meldung zur Reifeprufung folgende Cha-
rakteristik gegeben: »P. ist recht gut beanlagt, was jetzt noch mehr hervor-
treten wurde, wenn er immer gleichmaBig fleiBig gewesen ware und wenn er
nicht durch sein etwas grillenhaftes und sehr zur Eitelkeit und Selbstiiber-
schatzung neigendes Wesen seine wahrhaft griindliche Ausbildung doch etwas
gehemmt hatte. Zu wiinschen ist ihm, da£ sein Glaube, ein Genie zu sein,
recht bald erschiittert wird.« Das Abiturientenzeugnis wies in alien Fachern,
ausgenommen allein Franzosisch und Hebraisch (beide bef riedigend) , » recht
gut« oder »sehr gut« auf.
P. bezog die Universitat Gottingen, um dort zu studieren und gleichzeitig
sein Einjahrigenjahr abzudienen. Bei der arztlichen Untersuchung wurde er
jedoch wegen Kurzsichtigkeit als »bedingt tauglich« zuriickgestellt. Das einzige
P. zur Verfugung stehende Kapital waren 163 Taler (489 Mark), zu welchem
Betrage ein bei seiner Taufe von drei Paten zuriickgelegter Sparpfennig an-
gewachsen war.
Um sein Studium zu ermoglichen, gab P. Privatstunden in Lateinisch und
Griechisch. Ein Celler Stipendium, das er erhielt, verschaffte ihm eine regel-
maBige Jahreseinnahme von 70 Talern, weitere Einnahmen erlangte er dadurch,
daB er die Ausarbeitung von zwei Museumskatalogen, eines geographischen
und eines kunstgeschichtlichen, ubernahm. Spater schrieb er gegen ein festes
kleines Monatsgehalt fiir den »Beobachter am Harz« wochentlich dreimal
einen politischen Leitartikel. In Gottingea horte P. geschichtliche, juristische
und philosophische Vorlesurgen. Den Hauptgegenstand seines Studiums bil-
dete die Philosophie. Er las Werke von Eduard v. Hartmann und Schopen-
hauer sowie Kants »Kritik der reinen Vernunft«. Besonders groBen EinfluB
auf ihn erlangte die Weltanschauung Schopenhauers. Nach P.* eigener Er-
klarung in seinen »Lebenserinnerungen« (S. 47) war Schopenhauer neben Masius
(Naturstudien) und Mommsen (Romische Geschichte), mit denen er sich schon
in seiner Schiilerzeit sehr viel beschaftigt hatte, »der dritte Kopf, welcher
wesentlichen EinfluB auf meine Denkweise gewonnen hat«.
Da P. infolge Mangels an Mitteln nicht Korpsstudent werden konnte, was er
gern geworden ware, schuf er selbst eine eigene kleine Verbindung, die ihn zu
ihrem Prases wahlte, und trat auBerdem in den Akademischen Turnverein
ein. Er betatigte sich auch schriftstellerisch und veroffentlichte einiges unter
dem Namen C. Fels.
Sein drittes Semester verbrachte P. in Tubingen, wo er seinen Freund Karl
Peters 287
Juhlke wieder traf. Er grundete mit diesem und anderen zusammen eine
schlagende Verbindung »Ilfeldensia«. P. bewarb sich mit einer quellenkriti-
schen Arbeit iiber den Kreuzzug von 1101 unter Professor Kugler um die
Klostermeyerstiftung in Detmold, welche gegriindet war, um bediirftigen
Studenten der Staatswissenschaften eine jahrliche Unterstiitzung von 1200 Mark
zu gewahren. P. erhielt diesen Preis zunachst auf drei Jahre, dann noch auf
ein viertes Jahr verlangert. AuBerdem arbeitete er fur deutsche Zeitschriften.
1877 bezog P. die Universitat Berlin. Er studierte dort vor allem Geschichte,
Politik (Treitschke), Staatsrecht und Philosophie. In Berlin grundete P. wieder
einen studentischen Verein, den »Proppenbund«, dessen Satzungen auf Bierulk
hinausliefen. Trotz dieser Ablenkung errang P. den Preis bei Bearbeitung einer
von der philosophischen Fakultat gestellten Preisaufgabe iiber den 1177 zu
Venedig zwischen Kaiser Fried rich I. und Papst Alexander III. geschlossenen
Frieden und erhielt von der Fakultat die goldene Medaille. 1879 promo vierte P.
an der Berliner Universitat zum Dr. phil. unter Benutzung dieser Preisarbeit
fur seine Doktordissertation. 1880 bestand er sein Oberlehrerexamen mit der
Berechtigung, in der Prima jedes Gymnasiums in Geschichte und Geographie
zu unterrichten.
Nach dem Examen siedelte P. nach Hannover iiber und begann Vortrage
fur junge Damen in Literatur, Mythologie und griechischer Geschichte zu
halten, mit der Absicht, sich auf die akademische Laufbahn als Privatdozent
vorzubereiten. Er brach die Vortrage jedoch bald ab, um sich nach London zu
begeben. Dort lebte der Bruder seiner Mutter, Carl Engel, der in kinderloser
Ehe mit einer Englanderin aus angesehener Familie verheiratet und selbst
naturalisierter Englander geworden war, und der als Musikhistoriker und
Sammler eine angesehene Stellung unter den Gelehrten wie in der Gesellschaft
erlangt hatte. Nach dem 1880 erfolgten Tode seiner Frau, die ihm ihr nicht un-
bedeutendes Vermogen zuriickgelassen hatte, fuhlte sich Engel vereinsamt
und lud seinen Neffen C. P. zu sich ein. P. machte von London aus mit seinem
Onkel Reisen in England wie in Westeuropa. Diese Londoner Zeit, in der P.
frei von finanziellen Sorgen in groBziigigen Verhaltnissen lebte, war fur seine
spatere Lebensrichtung entscheidend. Er fuhrt dariiber in seinen »Erinne-
rungen« (S. 60) aus: »Der Unterschied zwischen englischen und deutschen
Lebensformen und Anschauungen muflte sich mir taglich aufdrangen, und
wenn ich der Sache auf den Grund ging, so muBte ich mir sagen, daB die groBere
Unabhangigkeit jedes einzelnen in der Gesamtheit das eigentlich Unterschei-
dende in dem Charakter zwischen Angelsachsen und Deutschen sei. Wenn ich
aber dariiber nachdachte, so erkannte ich schon damals, daB die groBartige
Weltstellung der Briten, vornehmlich auch die gewaltige Kolonialpolitik dieses
Volkes, die Grundlage war, welche es jedem Englander ermoglichte, sich eine
wirtschaftliche Unabhangigkeit, frei von Fremden, frei von seinem eigenen
Staate und seiner eigenen Regierung irgendwo auf der Erde zu erwerben . . .
Diese Anschauungen sind der Ausgangspunkt meiner eigenen kolonialen Be-
strebungen fur Deutschland geworden. «
1881 schrieb P. ein als Fortsetzung der Philosophie Schopenhauers gedachtes
Buch: »Willenswelt und Weltwille«. Er versucht darin eine Synthese der
Schopenhauerschen Gedanken von der Welt als Wille und Vorstellung mit einer
Art von monotheistischer Gottesidee. Die kritischen Teile dieses Buches
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sind, wie P. dies selbst spater anerkannt hat (Erinnerungen S. 61), besser
als seine positiv aufbauenden.
Wahrend der Zeit seines Aufenthaltes in England machte C. Engel seinem
Neffen den Vorschlag, dauernd bei ihm zu bleiben. Er wolle ihn adoptieren
und ihm sein Vermogen hinterlassen. C. P. lehnte jedoch den Gedanken ab,
seine deutsche Volkszugehorigkeit aufzugeben. Beide reisten im April 1882
nach Deutschland. P. begab sich nach Berlin, um seine Habilitation als Privat-
dozent zu betreiben. C. Engel hatte sich mit der englischen Pflegerin seiner
verstorbenen Frau verlobt, beging jedoch vor der Hochzeit im November 1882
in London Selbstmord. In seinem Testament hatte er seine deutschen Ge-
schwister zu seinen Erben eingesetzt, C. P. aber zum Testamentsvollstrecker
ernannt. P. begab sich zur Abwicklung der Erbschaft und Ordnung des ihm
zugefallenen literarischen Nachlasses seines Onkels nach London. Diese zweite
Londoner Zeit bot P. wiederum viele Anregungen, besonders auf dem Gebiet
der kolonialen Bewegung. Unter anderen lernte er einen Nordamerikaner
Mr. Stacy kennen, welcher aus dem Maschonaland in Siidafrika zuriickgekehrt
war. P. schlug diesem vor, ein gemeinsames Kolonialunternehmen siidlich des
Sambesi, im heutigen Rhodesia, nach Art der alten englischen » adventurers*
durchzufuhren, wobei die zu erwerbenden Gebiete unter deutsche Flagge
gestellt werden sollten. Stacy lehnte aber ab.
Nach Reisen nach Wien und Paris traf P., Oktober 1883, wieder in Berlin ein,
um sich als Privatdozent niederzulassen, mit dem Plan jedoch, zu versuchen,
mit deutscher Unterstutzung irgendwo auf der Erde eine deutsche Kolonie
zu gninden.
Am 28. Marz 1884 griindete P. in Gemeinschaft mit dem Grafen Behr-Ban-
delin die » Gesellschaf t fur deutsche Kolonisation«, welche geeignete Gebiete
fiir die Schaffung von deutschen Ackerbau- und Handelskolonien erwerben
und die deutsche Auswanderung dorthin lenken sollte. Die ursprungliche Ab-
sicht, sich in Siidafrika festzusetzen, wurde aufgegeben und dafiir Ostafrika
in Aussicht genommen. Im Juli wurde die Grundlage fiir ein Kolonialunter-
nehmen durch Ausgabe von Anteilscheinen zu je 5000 Mark finanziert. Im
September wurde auf Antrag von P. von dem AusschuB der Gesellschaf t be-
schlossen, »an der Ostkiiste Afrikas, Sansibar gegeniiber, in Usagara, die Land-
erwerbung der Gesellschaf t fiir deutsche Kolonisation vorzunehmen«. P. selbst
wurde zum Fiihrer der nach Ostafrika zu sendenden Expedition ernannt. Mit
ihm fuhren sein Freund Dr. Karl Juhlke so wie Graf Pfeil und der Kaufmann
Otto. Anfang November 1884 trafen sie in Sansibar ein. Am 10. November
setzten sie nach Saadani auf dem Festland von Ostafrika hinuber. Am 19. No-
vember hLBte P. die deutsche Flagge in Useguha, mit dessen Sultan er einen
Abtretungsvertrag abgeschlossen hatte. Weitere Vertrage wurden im No-
vember und Dezember 1884 von P. und seinen Gefahrten mit den Sultanen
von Nguru, Usagara und Ukami abgeschlossen. Diese Vertrage waren zwar
formell keineswegs einwandfrei. Sie waren eilfertig und unklar abgefaBt, aber
doch wurde durch sie ein Gebiet von i40 00oQuadratkilometern unter deutsche
Herrschaft gestellt.
Am 7. Dezember traf P. krank wieder an der Kiiste ein, begab sich aber so-
fort iiber Sansibar nach Deutschland zuriick und erhielt vom Fiirsten Bismarck
den kaiserlichen Schutzbrief vom 27. Februar 1885, durch welchen die Gebiets-
Peters 289
erwerbungen der Gesellschaft fur deutsche Kolonisation unter deutsche Ober-
lioheit gestellt wurden und der Gesellschaft sowie den Rechtsnachfolgern der-
selben unter der Bedingung der Wahrung der deutschen Leitung und des deut-
schen Charakters die Befugnis zur Ausiibung aller staatshoheitlichen und son-
stigen aus den Vertragen resultierenden Rechte verliehen wurde.
Zu bemerken ist, daB P. seine Expedition, die zur Erwerbung Deutsch-Ost-
afrikas fuhrte, ohne Unterstiitzung der deutschen Regierung ausgefuhrt hatte.
Im Gegenteil war ihin bei der Ankunft in Sansibar im November 1884 noch
von dem deutschen Konsul im Auftrage der Reichsregierung eroffnet worden,
daB er keinerlei Anspruch auf Reichsschutz habe ; gehe er dennoch mit seinem
Plan vor, so geschehe das lediglich auf seine eigene Gefahr und Verantwortung.
Nach der ganzen Art und Weise, wie P. sein Unternehmen eingeleitet und durch-
gef uhrt hat, kann nicht bestritten werden — wie dies in dem spater um ihn
einsetzenden Kampf der Meinungen verschiedentlich geschehen ist — , daB
P. in der Tat der Begriinder von Deutsch-Ostafrika war. Ohne ihn hatte es
kein Deutsch-Ostafrika gegeben.
Die Notifizierung der fremden Machte von der tJbernahme des deutschen
Schutzes iiber die ostafrikanischen Gebiete seitens der Reichsregierung fuhrte
zu keinen Schwierigkeiten, wohl aber sandte im April 1885 der Sultan von
Sansibar ein Telegramm an die Reichsregierung, in dem er gegen das Vorgehen
von Dr. P. und dasjenige der Gebriider Denhardt, welche im Februar 1885
mit dem Sultan von Witu Vertrage abgeschlossen hatten, protestierte, wahrend
er gleichzeitig Truppen in die betreffenden Gebiete einnicken lieB. Nachdem
deutsche Kriegsschiffe vor Sansibar eine Flottendemonstration veranstaltet
hatten, gab der Sultan jedoch nach, erkannte die P.schen Vertrage an und trat
den Hafen Daressalam an die P.sche Ostafrikagesellschaft ab.
Am 2. April 1885 griindete P. die Kommanditgesellschaft »Deutsch-Ost-
afrikanische Gesellschaft Carl Peters und Genossen«. Die Leitung hatte ein
Direktorium von 5 Mitgliedern, die eigentliche Geschaftsfuhrung wurde P.
iibertragen. Da sich die Form der Kommanditgesellschaft angesichts der groBen
Aufgaben und materiellen Bediirfnisse nicht als ausreichend erwies, beschloB
am 7. September 1885 das Direktorium die Umwandlung in eine Aktiengesell-
schaft, »Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft «. Die Generalversammlung ge-
nehmigte dies am 14. Dezember 1885. An die Spitze der neuen Gesellschaft
trat P. als Vorsitzender der Direktion mit zwei Direktoren sowie einem Direk-
tionsrat. Die Anteile wurden auf je 10 000 Mark erhoht und insgesamt 33/4 Mil-
lionen Mark zusammengebracht. Die Deutsch-Ostaf rikanische Gesellschaft ent-
f altete unter I^eitung von P. eine lebhafte Tatigkeit, um ihren Besitz zu sichern
und durch neue Erwerbungen zu vergroBern. Bereits 1885 sandte die Gesell-
schaft nicht weniger als 11 Expeditionen ins Innere. Im folgenden Jahre wurde
der langjahrige Freund P.', Referendar Dr. Karl Juhlke, bei dem Versuch, an
der Somalikiiste neue Erwerbungen zu machen, am 1. Dezember 1886 in Kis-
maju von Eingeborenen ermordet.
Der deutsch-englische Vertrag vom 30. Dezember 1886 brachte eine vor-
laufige Grenzregelung zwischen deutschen und englischen Interessenspharen in
Ostafrika. Dabei wurde dem Sultan von Sansibar ein Kiistenstreifen zuge-
sprochen. Im Jahre 1887 verhandelte P. mit dem Sultan von Sansibar iiber
Abtretung der Verwaltung dieses Kiistenstreifens. Den von ihm beabsichtigten
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Abmachungen wurde jedoch von Berlin die Genehmigung versagt. Er wurde
abberufen und traf imFebruar 1888 wieder in Europa ein. Der Vorsitzende der
Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, Karl v. d. Heydt, uberreichte ihm bei
seiner Ankunft in Nervi eine Denkschrift, welche den Gedanken einer deutschen
Emin-Pascha-Expedition entwickelte und die Zeichnung eines erheblichen
Betrages in Aussicht stellte, falls P. geneigt sei, die Fuhrung derselben zu iiber-
nehmen. P.ging imPrinzip auf denVorschlag ein, machte indessen seinen end-
gultigen EntschluB von der Aufnahme des Gedankens in Deutschland ab-
hangig.
Emin-Pascha (Dr. tned. Eduard Schnitzer), gebiirtig aus Oppeln in Schlesien,
war etwa 10 Jahre lang als Arzt in tiirkischen Diensten gewesen. Im Jahre
1878 wurde er von dem Generalgouverneur des Sudans, Gordon, zum Gouver-
neur der Aquatorialprovinz ernannt. Als im Sudan der Mahdistenauf stand aus-
brach, wurde dadurch Emin-Pascha 1883 von Agypten abgeschnitten. Er be-
hauptete sich aber jahrelang in seiner Provinz. Die Kunde davon fuhrte zu
Bewegungen zu seinem Entsatz in England wie in Deutschland. Von englischer
Seite wurde Anfang 1887 der bekannte Afrikadurchquerer Stanley mit einer
Expedition entsandt, welche von Westafrika aus durch den Kongo nach Emins
Provinz marschierte. Er erreichte Emin-Pascha am 9. April 1888, marschierte
nochmals zuriick, urn seine Nachhut und zuriickgelassenen Lasten zu holen,
und traf im Januar 1889 wieder in der Aquatorialprovinz ein. Im Mai 1889
marschierten Stanley und Emin-Pascha, der nur widerwillig seine Provinz ver-
lieB, nach der ostafrikanischen Kiiste und traf en am 5. Dezember 1889 in Ba-
gamoyo ein. Zuverlassige Nachrichten von diesen Ereignissen erreichten die
AuBenwelt erst 1889 zu der Zeit, als die beiden Afrikaforscher wieder in den
Bereich der ostafrikanischen Kiiste gelangten.
In Deutschland bildete sich Mitte 1888 ein Komitee zur Unterstiitzung Emin-
Paschas unter Vorsitz von P. Am 12. September 1888 fand die entscheidende
Sitzung statt, die fur die Finanzierung der Expedition erforderlichen Mittel
wurden zum groBten Teil gezeichnet. Als Fiihrer der Expedition wurden C. P.
und der Afrikadurchquerer Hermann WiBmann in Aussicht genommen, zwi-
schen denen das Kommando geteilt werden sollte. Die Plane verdichteten sich
spater dahin, daB WiBmann sich zuerst mit einer Vorexpedition nach Ost-
afrika begeben und Peters mit der Hauptkolonne folgen sollte. In diesem Sta-
dium der Vorbereitung der Emin-Pascha-Expedition trafen aber alarmierende
Nachrichten aus Ostafrika ein iiber den Ausbruch des Araberaufstandes.
Durch Vertrag vom 28. April 1888 hatte der Sultan von Sansibar die Ver-
waltung der ostafrikanischen Kiiste und die Erhebung der Zolle an die Deutsch-
Ostafrikanische Gesellschaft iibertragen. Die Araber Ostafrikas sahen darin
den Anfang ihrer volligen Unterwerf ung und furchteten insbesondere, die ihnen
aus Sklavenraub und Sklavenhandel zuflieBenden bedeutenden Einnahmen
zu verlieren. Als der Vertrag im August 1888 durch Ubernahme der Verwaltung
durch die Beamten der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft in Kraft ge-
setzt wurde, brach der Araberauf stand aus. Die Beamten der Deutsch-Ost-
afrikanischen Gesellschaft wurden angegriffen, einzelne ermordet, die ubrigen
muBten fliichten oder wurden belagert. Die ganze Kiiste und ein Teil des
Innern loderte im Aufstand auf. Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft
hatte selbst keine geniigenden Machtmittel, urn den Aufstand niederzu-
Peters
291
werfen, und wandte sich um Hilfe an das Deutsche Reich. Dieses schloB
im November 1888 ein Abkommen mit England und Portugal, um die ost-
afrikanische Ktiste gegen die Einfuhr von Kriegsmaterial und die Ausfuhr von
Sklaven zu blockieren. Nachdem durch Reichsgesetz vom 30. Januar 1889
die Mittel zur Unterdriickung des Sklavenhandels und zum Schutz der
deutschen Interessen in Ostafrika zur Verfugung gestellt waren, wurde
WiBmann als Reichskommissar mit der Niederwerfung des Aufstandes be-
auftragt.
Mit Rucksicht auf die in Ostafrika ausgebrochenen Wirren wurde die Aus-
fuhrung der deutschen Emin-Pascha-Expedition zunachst verschoben. Im
November 1888 jedoch beschloB das Komitee, mit der Ausfuhrung der Ex-
pedition zu beginnen. Da WiBmann infolge seiner Ernennung zum Reichs-
kommissar bald darauf aus dem Unternehmen der Expedition ausschied,
blieb P. nunmehr der alleinige Fuhrer derselben. Uber Emin-Pascha und die
Stanley-Expedition traf en zu dieser Zeit einander widersprechende Nachrichten
in Europa ein. Am 31. Januar 1889 wurde P. von dem Gesamtkomitee beauf-
tragt, bei nachster Gelegenheit nach Ostafrika zu fahren, um das Kommando
der Emin-Pascha-Expedition zu ubernehmen. Er sollte drauBen im Einver-
nehmen mit der bevorstehenden Reichsaktion vorgehen. P. beschloB, mit Riick-
sicht auf die Unruhen in Ostafrika seine Expedition nordlich davon, im Sultanat
Witu (im jetzigen Kenya) zu organisieren, und traf entsprechende Anordnungen
wegen Uberfuhrung der angeworbenen Somalisoldaten und noch anzuwerben-
den Trager. P. stieB jedoch bei seiner Ankunft in Sansibar im Marz 1889 wie
an der ostafrikanischen Kiiste auf sehr groBe Schwierigkeiten. Er fand nicht
nur keine Unterstiitzung seitens der Vertreter des Deutschen Reichs, sondern
begegnete den groBten Hindernissen vor allem bezuglich Landung seiner
Waffen und der angeworbenen Farbigen, welche den des Araberaufstandes
wegen getroffenen BlockademaBregeln widersprach. Das ganze Blockadegebiet,
das deutsche wie das englische, war fur P. verschlossen. Der Sultan von San-
sibar verbot die Anwerbung von Tragern. Die Expedition schien zum Scheitern
verurteilt. Doch mit unbeugsamer Energie ging P. vor, um trotz allem seinen
Zweck zu erreichen. Es gelang ihm, in einem gecharterten Dampf er die Blockade
zu umgehen und seine angeworbenen Schwarzen in einem Hafen der jetzigen
Kenyakolonie zu landen und nach Witu zu schaff en. Allerdings war die Expe-
dition infolge der durch die englische Blockade bereiteten Hindernisse weder
was Soldaten noch Trager noch Bewaffnung noch Tauschartikel anbelangte
in dem eigentlich vorgesehenen MaBe ausgeriistet.
Trotz allem begann am 26. Juli 1889 die Expedition von Witu aus ihren
Marsch ins Innere, der sie zunachst den TanafluB auf warts fuhren sollte. Als
einziger Europaer auBer P. nahm Adolf v. Tiedemann daran teil. Die Expe-
dition hatte mit groBen Schwierigkeiten zu kampfen, mit Mangel an Verpfle-
gung, zeitweise auch mit Wassermangel, ebenso hinsichtlich der Erganzung
der Trager. In manchen Gegenden hatte sie auch schwere Kampfe mit den
Eingeborenen zu bestehen, vor allem mit den kriegerischen Massai. Im Februar
1890 erreichte P. die Landschaften nordlich des Viktoriasees und erhielt hier,
nachdem schon vorher von Eingeborenen Mitteilungen iiber Stanleys Emin-
Pascha-Expedition zu ihm gedrungen waren, aus einem auf gef undenen Schrei-
ben Stanleys Kenntnis davon, daB dieser mit Emin-Pascha bereits Ende August
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1889 in Makolo am Sudende des Viktoriasees eingetroffen und im Begriff ge-
wesen war, tiber Mpapua zur Kiiste aufzubrechen. P. beschloB nun, sich nach
Uganda zu wenden, tun in die dortigen, groBenteils auf Zwistigkeiten zwischen
Mohammedanern und Christen beruhendenWirren im christlichen Sinne einzu-
greifen und dort im deutschen Interesse zu wirken. Bereits unterwegs hatte
P. verschiedene Schutzvertrage mit Eingeborenenhauptlingen abgeschlossen.
In Uganda angelangt, schloB P. mit dem dortigen Konig Muanga einen Pra-
liminarvertrag, in welchem dieser die Kongoakte annahm und Deutschland
gegenseitige Handlungs- und Niederlassungsfreiheit verbiirgte.
Nach Uberfahrt tiber den Viktoriasee in Booten marschierte P. vom Siidufer
unter AbschluB weiterer Schutzvertrage mit Eingeborenen zur Kiiste zuriick.
In Ugogo hatte er noch Kampfe mit Eingeborenen zu bestehen. Er erreichte
im Juni 1890 Mpapua und traf dort Emin-Pascha, welcher mit Stuhlmann seine
Expedition ins Seengebiet angetreten hatte. P. wurde hier von der Nachricht
vom Riicktritt des Fiirsten Bismarck iiberrascht. Im Juli traf er in Bagamoyo
an der Kiiste ein und erfuhr die Bestimmungen des deutsch-englischen Ab-
kommens vom 1. Juli 1890 (Sansibarvertrag). Deutschland erhielt Helgoland
und die Anerkennung Deutsch-Ostafrikas als deutsches Gebiet, es erkannte
seinerseits das englische Protektorat tiber Sansibar an und verzichtete auf
Witu. Als Grenze im Norden wurde der 1. Grad stidlicher Breite anerkannt.
Damit waren samtliche Erwerbungen verloren, welche P. auf seiner Expedition
nordlich und nordostlich des Viktoriasees durch Vertrage mit Eingeborenen-
machthabern gemacht hatte. Die Empfindungen P.' beim Empfang dieser
Nachricht kann man sich denken. Im August 1890 traf P. wieder in Deutsch-
land ein und wurde Gegenstand mannigfacher Ehrungen.
Die deutsche Emin-Pascha-Expedition war, wie P. es ausgesprochen hat,
ein Versuch, unsere Interessensphare iiber den Norden des Viktoriasees und
nilabwarts bis nach Lado auszudehnen, also Uganda und Emin-Paschas Pro-
vinz in unser Schutzgebiet einzubeziehen. Das war ein groBziigiger und kiihner
Plan. Seine Durchfiihrung wurde, soweit er Emin-Paschas Provinz betraf,
durch den Abzug Emin-Paschas mit Stanley vereitelt. Sie muBte aber audi
abgesehen da von scheitern, weil Deutschland im Sansibarvertrag auf jene
I^ander verzichtete.
Die in weiten Kreisen des deutschen Volkes gegen den Sansibarvertrag ent-
fachte Agitation fiihrte zur Griindung des Alldeutschen Verbandes. Da C. P.
dabei eine wesentliche Rolle zufiel, bedarf es eines Eingehens auf diesen
Teil seiner Tatigkeit. Bereits Ende 1885 hatte P. in Verbindung mit dem
» Westdeutschen Missionsverband« und dem »Zentralverein fiir Handelsgeo-
graphie« eine Einladung zu einem » Allgemeinen deutschen KongreB zur For-
derung iiberseeischer Interessen Deutschlands « fiir den Herbst 1886 erlassen.
In erster Linie ging die Einladung an die Uberseedeutschen, deren deutsche
Art zu erhalten ein Hauptziel der Beratungen sein sollte. Zu den Aufgaben
des neuen Verbandes sollte unter anderem die Fortfiihrung der Kolonial-
bewegung zu brauchbaren Ergebnissen, die deutsche Auswanderungsfrage,
die deutschen Missionen in iiberseeischen Gebieten, die Festigung der Be-
ziehungen zwischen unseren I,andsleuten in der Fremde und in der Heimat
gehoren. Der KongreB fand vom 13. bis 16. September 1886 in Berlin statt.
Er beschloB die Schaffung eines » Allgemeinen deutschen Verbandes zur
Peters
293
Forderung iiberseeischer deutsch-nationaler Interessen«. Der Verband trat
einige Monate spater ins Leben, fiihrte aber infolge geringer Anteilnahme
der beteiligten Vereine und der haufigen Abwesenheit von P. zu keinen
erheblichen Auswirkungen. Als es dann im Jahre 1890 infolge der Bewe-
gung gegen den Sansibarvertrag zur Griindung eines neuen Verbandes kam,
ging der fruher von P. gegriindete Verband mit darin auf. An die Spitze
des neuen Verbandes wollte man P. stellen, nicht nur, um die Werbekraft
seines Namens fiir die Bewegung zu gewinnen, sondern auch, um ihm einen
unabhangigen Wirkungskreis zu schaffen. P. gab zunachst eine ausweichende
Antwort, trat aber bald darauf als Reichskommissar in die Dienste der
Reichsregierung, um wieder nach Deutsch-Ostafrika hinauszugehen. Doch
berief er im Januar 1891 selbst eine Versammlung, um den »Allgemeinen
deutschen Verband « mit erweiterten Zielen und in zeitgemaBerer Form
zu neuem Leben zu erwecken. Am 9. April 1891 fand dann die Griindung
des neuen »Allgemeinen deutschen Verbandes « statt, der vom alten Verband
den Namen ubernahm, aber sich nicht auf t)bersee beschrankte, sondern die
Forderung der deutsch-volkischen Gesamtbelange im In- und Auslande zum
Ziel nahm. P. muBte infolge der von ihm dem Auswartigen Amt gegenuber
ubernommenen Verpflichtung zwecks Wahrung der Unabhangigkeit des Ver-
bandes auf das ihm angebotene Amt des Vorsitzenden verzichten und sich
mit der beratenden Stellung eines Ehrenmitgliedes begniigen. Seitdem trat
er nur noch selten im Verbande hervor, der am 1. Juli 1894 den Namen »A11-
deutscher Verband « annahm, als welcher er gegenwartig noch besteht. P. nahm
erst nach seiner Ruckkehr nach Deutschland in den Kriegsjahren wieder die
Fuhlung mit dem Verbandsvorsitzenden auf, ohne aber in eigentlicher Mit-
arbeit sich zu betatigen.
Von der Reichsregierung wurde P. die Stellung als Reichskommissar zur
Verfiigung des Gouverneurs von Deutsch-Ostafrika angeboten. Zum Gouver-
neur war Freiherr v. Soden, der fruhere Gouverneur von Kamerun, ernannt
worden. P. nahm an und wurde durch ErlaB vom 18. Marz 1891 zur Verfiigung
des Gouverneurs von Deutsch-Ostafrika gestellt. Nach seiner Ankunft in
Deutsch-Ostafrika iiberwies ihm der Gouverneur das Hinterland von Usatn-
bara sowie das Pare- und Kilimandscharogebiet als Feld seiner amtlichen Tatig-
keit. Im Juli 1891 traf P. in Moschi am Kilimandscharo ein, begleitet von einer
Kompagnie der Schutztruppe, von der aber der groBere Teil bald darauf zur
Kiiste zuriickmarschierte. P. griindete die Kilimandscharostation in Marangu.
Dort ereigneten sich jene Vorfalle, welche als »Fall Peters « spater jahrelang
die Offentlichkeit beschaftigten und zur Amtsentsetzung P.s im Disziplinar-
verfahren fuhrten.
Im August 1891 war die starke Expedition des Kommandeurs der Schutz-
truppe v. Zelewski gegen die Wahehe im Siidwesten der Kolonie von diesen
kriegerischen Eingeborenen iiberfallen worden, wobei einschlieBlich des Kom-
mandeurs 10 Europaer und ein groBer Teil der Schutztruppen-Askaris den
Tod fanden. Die Kunde davon gelangte Anfang Oktober 1891 nach Kiliman-
dscharo. P. fiihrte dort den Kriegszustand ein, da er aufstandische Geliiste
unter den Eingeborenen zu bemerken glaubte. Wahrend dieser Zeit wurde im
Oktober 1891 ein schwarzer Boy (Diener), welcher einen nachtlichen Einbruch
in das Stationsgebaude bewerkstelligt hatte, und im Januar 1892 ein einge-
294 x9l8
borenes Madchen, mit der P. selbst geschlechtlich verkehrt hatte, letztere
wegen Konspiration gegen die Sicherheit der Station und wiederholter Deser-
tation znm Tode verurteilt und gehangt. Der englische Missionsbischof
Smythies in Marangu schrieb auf Grund der dariiber an ihn gelangten Mit-
teilungen an den Gouverneur von Daressalam, P. hatte willkiirlich seinen
Diener und eine Konkubine wegen geschlechtlicher Verfehlungen aufhangen
lassen. Eine daraufhin vom Gouverneur angestellte amtliche Untersuchung
ftihrte zu keinem weiteren Verfahren gegen P. Dieser war 1892/93 deutscher
Kommissar bei der deutsch-englischen Grenzregulierung zwischen dem Kili-
mandscharo und der Kuste. Am Kilimandscharo selbst kam es 1892 zum
Ausbruch eines Aufstandes der Eingeborenen. Der Stationsleiter Freiherr
v. Biilow fiel bei Moschi im Kampf gegen die Wadschagga.
Nach Beendigung der Grenzregulierung kehrte P. nach Deutschland zurtick
und wurde nach mehrmonatigem Besuch der Vereinigten Staaten von Ame-
rika dem Auswartigen Amt in Berlin zugeteilt. Am 18. Mai 1894 wurde P.
vom Kaiser zum etatmaBigen Reichskommissar ernannt.
Im Februar 1895 wurde P. als nationalliberaler Reichstagskandidat im
Wahlkreise Witzenhausen-Eschwege-Schmalkalden aufgestellt, unterlag je-
doch gegen den antisemitischen Kandidaten. Von sozialdemokratischer Seite
wurden im Reichstag die Vorfalle am Kilimandscharo zur Sprache gebracht,
worauf eine erneute amtliche Untersuchung eingeleitet wurde, die jedoch
wiederum zu keinem belastenden Ergebnis fuhrte. P. wurde im November
1895 der Posten eines I^andeshauptmanns am Tanganjika angeboten, den
er aber ablehnte. Darauf wurde P. zur Disposition gestellt.
P. trat nun in der Offentlichkeit fur eine Flottenvermehrung ein und be-
muhte sich, insbesondere die Deutsche Kolonialgesellschaft dafiir zu inter-
essieren. Hierbei geriet er mit dem Vorsitzenden der Abteilung Berlin, dem
bekannten Zentni msabgeordneten Prinz Arenberg, in Differenzen. Als Februar
1896 dessen Amtsjahr als Vorsitzender abgelaufen war, trat ihm P. wegen
seiner negativen Stellung zur Flottenfrage entgegen und stellte sich selbst
zur Wahl. Das Ergebnis der Abstimmung war, dafi P. die Majoritat erhielt
und der Prinz Arenberg nur eine starke Minoritat. Die Folge war die Ab-
splitterung eines Teils der Mitglieder und die Griindung einer Abteilung Char-
lottenburg der Deutschen Kolonialgesellschaft, welche Prinz Arenberg zu
ihrem Vorsitzenden wahlte.
Im Reichstag setzten im Marz 1896 starke Angriffe gegen P. ein. Der Sozia-
listenfiihrer Bebel erhob gegen P. die schwersten Beschuldigungen, wobei er
auf einen angeblich von P. an den englischen Bischof Tucker geschriebenen
Brief Bezug nahm, in dem P. die ihm zugeschriebenen Schandtaten zugegeben
habe; er habe sich indes damit entschuldigt, daJ3 er nach arabischem Gesetz
mit dem gehangten schwarzen Weibe verheiratet gewesen sei, also das Recht
gehabt habe, sie und ihren Geliebten aufzuhangen. Der Kolonialdirektor
Kayser erklarte darauf, daB die Anschuldigungen bereits fruher wiederholt
untersucht und als unbegriindet befunden seien, daB aber auf Grund der
Bebelschen Angaben betreffend den Tucker-Brief die ganze Angelegenheit er-
neut untersucht werden wurde. In einem groBen Teil der Presse wurden auf
Grund der Reichstagsverhandlungen die Dinge in einem P. ungiinstigen Sinne
erortert.
Peters 295
Gegen P. wurde das Disziplinarverfahren eingeleitet. Wie in diesem ein-
wandfrei festgestellt ist, hat P. niemals einen derartigen Brief an den Bischof
Tucker oder einen anderen Bischof geschrieben, sondern im Gegenteil in einem
Brief an den oben erwahnten Missionsbischof Smythies die gegen ihn erhobenen
Vorwiirfe als unrichtig zuriickgewiesen. Dagegen wurden im Disziplinarver-
fahren Dienstverfehlungen P.' festgestellt. Er wurde durch Urteil der Diszi-
plinarkammer fur die Schutzgebiete vom 24. April 1897, das durch Urteil des
Disziplinarhofes vom 15. November 1897 bestatigt wurde, wegen wiederholter
Dienstvergehen mit Dienstentlassung bestraft. Im ersteren Urteil wurde von
den den Hauptgegenstand der Anklage bildenden beiden Hinrichtungen nur die
des schwarzen Dieners als Dienstvergehen angesehen, wahrend das Urteil des
Disziplinarhofes auch die Hinrichtung des schwarzen Madchens als disziplinar
zu ahndendes Dienstvergehen ansah. Im iibrigen wurde in beiden Urteilen
hauptsachlich falsche Berichterstattung P.' als Dienstvergehen festgestellt.
P. hatte sich bereits im Jahre 1896 nach London begeben und kam von dort
zu den notwendigen Vernehmungen im Disziplinarverfahren nach Berlin her-
iiber. Nach seiner Dienstentlassung blieb er in England und nahm nach wechsel-
vollem Aufenthalt in Eastbourne, auf der Insel Jersey und in Tunbridge Wells
ein Flat (Etagenwohnung) in London, erst in Park Lane, von 1902 ab in
Buckingham Gate.
Vor dieser Zeit, im Jahre 1895, hatte P. in der Bibliothek eines Freundes
in Deutschland eine alte Karte von Mittel- und Siidafrika aus dem Jahre 1705
gefunden und veroffentlicht. Bald darauf veroffentlichte er eine Schrift: »Das
goldene Ophir Salomos«, welches er in Siidafrika vermutete. Zur genauen
Untersuchung beschloB P., sich nach den Sambesigebieten zu begeben, und
griindete vorwiegend mit deutschem Gelde die »Z>. Carl Peters' Estates and
Exploration Co. « und wurde ihr Vorsitzender und Fuhrer ihrer Expeditionen.
1899 reiste er nach dem Sambesi ab. Insgesamt unternahm er sechs Forschungs-
reisen im Hinterlande von Chinde und Sofala, in welchen Gebieten er untriig-
liche Merkmale festzustellen glaubte, daB dort das alttestamentliche Ophir
gewesen sei. Das Ergebnis seiner Forschungen legte er in seinem 1902 er-
schienenen Buch »Im Goldlande des Altertums« dar, welches auch englisch
als %The Eldorado of the ancients* erschien. Diese P.schen Theorien haben
jedoch keineswegs allgemeine Anerkennung gefunden.
Wahrend seiner Londoner Zeit schrieb P. eine Reihe von politischen Auf-
satzen, welche in deutschen Zeitungen und Zeitschriften erschienen. 1904
veroffentlichte er sein Buch » England und die Englander«, welches von seiner
genauen Kenntnis von Land und Leuten, insbesondere auch von den politi-
schen Verhaltnissen Englands Zeugnis ablegte. Auch in der Folgezeit, und zwar
1905 und 1906 und dann spater nach seiner Verheiratung 1909/10 und 191 1,
reiste P. wiederholt nach Siidafrika, um seine Minenunternehmung, die t>South
East Africa Ltd.n, in welche seine urspriingliche Gesellschaft umgewandelt
war, weiter zu entwickeln. 1910 verkaufte P. dieses Unternehmen an eine eng-
lische Finanzgruppe und iibergab 191 1 an Ort und Stelle den Besitz einem
Vertreter dieser Gruppe und schied seinerseits aus der Leitung des Minen-
unternehmens aus, an dem er selbst einen groBeren Betrag eingebuBt hatte.
Im Jahre 1905 begann in Deutschland eine Bewegung zugunsten von P.,
fiir den einige seiner Freunde, vor allem der Reichstagsabgeordnete Dr. Otto
296 1918
Arendt, sich unermiidlich einsetzten. P. erhielt in diesem Jahre im Gnaden-
wege den Titel als Reichskommissar a. D. zuriickverliehen. 1906 unternahm
P. eine Vortragsreise durch Deutschland und sprach in verschiedenen groBen
Stadten. Bei diesem AnlaB wurden die Anschuldigungen gegen ihn aus seiner
deutschen Kolonialtatigkeit in einer Reihe von Zeitungen wieder vorgebracht,
nicht bloB von Sozialdemokraten, sondern auch von einem anerkannten
Kolonialmann, dem fruheren Gouverneur von Deutsch-Neuguinea, Rudolf
v. Bennigsen, dem Sohn des friiheren Oberprasidenten v. Bennigsen, welch
letzterer der Gonner P.' gewesen war. P. strengte verschiedene Beleidigungs-
prozesse an, in welchen er obsiegte, soweit nicht aus formal-juristischen
Griinden die Einstellung erfolgte.
Am 27. Februar 1909 verheiratete sich P. mit Fraulein Thea Herbers aus
Iserlohn. Das Ehepaar nahm seinen Auf enthalt in England auf der Isle of Wight
und in Richmond. Vom Juni 1909 bis Januar 1910 und vom Dezember 1910
bis Juni 1911 waren P. und seine Gattin in Siidafrika im Manicaland. Spater
wohnten sie in London und verbrachten den Winter 19 12 in Agypten, 19 13
in Algier. Zwischendurch machte P. eine Kur in Nauheim gegen Herzbeschwer-
den und nahm in Partenkirchen Aufenthalt, immer von seiner Frau begleitet.
Im Fruhjahr 1914 kehrte das Ehepaar nach London zuriick.
Anfang 1914 wurde P. vom Kaiser im Gnadenwege seine Beamtenpension,
der er durch das Disziplinarverfahren verlustig gegangen war, wieder gewahrt.
Im gleichen Jahre wurde eine Ehrung fiir P. durch Aufstellung eines Denk-
mals in Deutsch-Ostafrika beabsichtigt. Bereits 1913 hatte sich ein Komitee ge-
bildet, .welches Gelder dafiir sammelte. Das Denkmal wurde von dem Bild-
hauer Mobius in Gestalt einer Statue von C. P. in anderthalbfacher Lebens-
groBe hergestellt. Als Platz war in Daressalam, der Hauptstadt Deutsch-
Ostafrikas, eine Stelle unmittelbar an der Hafeneinfahrt vorgesehen. Die Auf-
stellung sollte bei der fiir August 19 14 geplanten groBen deutschen Landes-
ausstellung in Daressalam erfolgen. Das Denkmal wurde mit dem Dampfer
»Feldmarschall« der Deutschen Ostafrika-Linie unmittelbar vor Ausbruch
des Krieges verladen und traf kurz nach Ausbruch des Krieges in Daressa-
lam ein. Es wurde mit dem anderen Inhalt der Ladung geloscht, ist spater
aber, ohne ausgepackt zu sein, in die Hande der Englander geraten. Von diesen
wurde das Denkmal nach dem Kriege wieder ausgeliefert. Es ist dann schlieB-
lich nach Hamburg gelangt um dort aufgestellt zu werden.
Nach Kriegsausbruch erhielt P. die Erlaubnis, nach Deutschland zuruckzu-
kehren. Im Oktober 1914 kam das Ehepaar P. in Berlin an, und P. versuchte
seine Kenntnis der Englander und der englischen Politik fiir die leitenden
Stellen nutzbar zu machen, ohne aber Erfolg dabei zu haben. Er schrieb nun
fiir die deutsche Presse, doch wurden seine Aufsatze durch die Kriegszensur
vielfach verstummelt.
In den Jahren 1914/18 lebte P. mit seiner Gattin meist im Sommer in Harz-
burg, im Winter in Hannover, Berlin und zuletzt Wiesbaden. Von Wiesbaden
aus fuhren sie 19 18 wieder nach Harzburg. Bei dem kalten Wetter erkrankte
P. dort bald an einer schweren Bronchitis. Um gute Pflege zu ermoglichen,
fuhr er, sobald sich sein Zustand gebessert hatte, mit seiner Gattin im Auto
nach dem Sanatorium in Woltorf bei Peine. Dort erholte sich P. gut und ar-
beitete wieder eifrig, erlag jedoch am 10. September 1918 einem Herzschwache-
Peters
297
an fall. Sein letzter Artikel, den er kurz vorher geschrieben hat, lautete: » Eng-
land unser eigentlicher Feind«. Sein Grab befindet sich auf dem Engesohder
Friedhof in Hannover, wo die Stadt einen Ehrenplatz schenkte.
P. war unter mittlerer GroBe, fast schmachtig zu nennen, mit blondem Haar.
Er hatte scharf ausgepragte Gesichtsziige, kiihne Augen, die durch Kneifer-
glaser teilweise verdeckt wurden. Der Ausdruck der Augen wie der ganzen Per-
sonlichkeit in Worten und Bewegnngen war der eines ungemein starken Selbst-
bewufitseins. Dieser Ausdruck wurde noch verstarkt und bisweilen in das
Prahlerische gesteigert, wenn P., was in seiner Junggesellenzeit ofters der Fall
war, dem Alkohol zugesprochen hatte. Er gefiel sich dann bisweilen in uber-
triebenen Erzahlungen uber seine eigenen Taten im Guten und Bosen und
verstieg sich hie und da zu Paradoxen.
P. war ein Mann von groBter aktiver Energie. Er setzte sich auch unter den
schwierigsten Lagen durch, was er schon als Schuler und mittelloser Student
und ganz besonders als Begninder von Deutsch-Ostafrika und als Expeditions-
fulirer in Afrika bewiesen hat. Seine Willenskraft auBerte sich in manchen
Fallen mit brutaler Riicksichtslosigkeit nicht bloB gegen Schwarze in Afrika,
sondern bisweilen auch gegen WeiBe und auch gegen deutsche Volksgenossen
beiderlei Geschlechts.
Doch gehorte P. nicht zu den Menschen, bei denen der Wille einseitig unter
Vernachlassigung des Geistes ausgebildet ist, sondern er war ein Mann von
auBerordentlich hoher geistiger Begabung. Ein selbstandiger Denker von
schnellem Erfassen und groBem Ideenreichtum, hatte er seinen Geist in philo-
sophischen und historischen Studien durchgebildet. Er war ein auBerst geist-
reicher und interessanter Gesellschafter, wobei allerdings bisweilen die oben
hervorgehobenen Eigenheiten den mit ihm noch nicht naher Bekannten ver-
wundern konnten. P. war in Rede und Schrift ein sehr wirkungsvoller Agitator.
Verbunden mit dem scharf en Verstand war eine ausgepragte Phantasie.
P. zeigte gelegentlich selbst eine gewisse Neigung zum Okkultismus.
Das Tragische von P.* Leben lag einmal darin, daB er durch die Erwerbung
Deutsch-Ostafrikas GroBes leistete und dann statt Anerkennung Dienstab-
setzung im Disziplinarverf ahren und MiBachtung und Hohn von einem groBen
Teil der deutschen Offentlichkeit erntete. Dann aber lag es vor allem darin,
daB er weiter GroBes fiir sein Vaterland leisten wollte und nach seiner Be-
gabung zu leisten imstande gewesen ware, aber an der Ablehnung durch das
eigene Volk scheiterte. Der Grund hierfur war zum Teil der Unverstand des
groBten Teiles seiner deutschen Zeitgenossen, welche die kuhnen politischen
Ideen P.' nicht zu fassen vermochten. Vielleicht zum noch groBeren Teil aber
lag er in dem eigenen Charakter P.'. Er hat selbst in seinen Erinnerungen
(S. 111) mit Recht gesagt: »Ich glaube, daB meine angeborenen Eigenschaften,
welche auf der anderen Seite die Grundlage aller meiner Erfolge gewesen sind,
vor allem mein Trotz und die Heftigkeit meines Wollens meinem Einleben in
die deutschen Verhaltnisse im Wege gestanden haben. « Insbesondere hat ihm
die Riicksichtslosigkeit, mit der er sich durchsetzte, viele Feinde verschafft,
denen schlieBlich nur eine kleine Zahl begeisterter Freunde und Anhanger
gegenuberstand. Von den Disziplinarurteilen, die P.' Laufbahn in Deutschland
vernichteten, laBt sich nur sagen, daB sie selbstverstandlich von den Richtern
subjektiv nach bestem Wissen und Gewissen gefallt waren und dem formalen
298 igi8
Recht Geniige taten. Trotzdem konnen von einer wirklichen Kenntnis der
afrikanischen Verhaltnisse zu jener Zeit einerseits, von richtiger Einschatzung
der Personlichkeit P.s seiner Leistungen und seiner oben charakterisierten
Ausdrucksweise andererseits ausgehenden Betrachtung die Urteile nicht als
endgiiltige und gerechte I,6sung des »Falles Peters* erscheinen. In jedem Falle
ist es in hdchstem Mafie zu bedauern, daB durch diese Entwicklung und durch
den jahrelang besonders von sozialdemokratischer Seite betriebenen person-
lichen Kampf, welcher in dem Schlagwort »Hangepeters« seinen Ausdruck fand
— und man muB hinzufiigen, ebenso durch die im eigenen Charakter P.' liegen-
den Harten und Mangel — , eine der an Willenskraft und Intelligenz hervor-
ragendsten Personlichkeiten des deutschen Volkes an dem weiteren Wirken
fiir unser Vaterland verhindert wurde.
P. ist wiederholt zum Gegenstand von Romanen gemacht worden. So unter
anderem Namen in einigen in den i89oer Jahren erschienenen Romanen von
Frieda Freiin v. Biilow, insbesondere in »Der Konsul*. In dem 1927 er-
schienenen Peters-Roman »Ich bin Ich« von Balder Olden ist eine Hauptseite
des Wesens P.s, die riicksichtslose Durchsetzung der eigenen Personlichkeit
und das grofle Wollen fiir sein Vaterland richtig erfaBt, wahrend in manchen
Dingen, besonders was seine Beziehungen zu einzelnen weiblichen Wesen anbe-
triff t, mehr Intuition gewaltet, als Tatsachenmaterial zu Grunde gelegen hat.
I/iteratur: P. hat folgende Biicher und Schriften veroff entlicht : Untersuchungen zur
Geschichte des Friedens von Venedig, Berliner Preisarbeit, Hannover 1879. — Willens-
welt und Weltwille, Leipzig 1882. — Deutsch-national, Berlin 1887. — Die Deutsch-
Ostafrikanische Kolonie in ihrer Entstehungsgeschichte und wirtschaftlichen Eigenart,
Berlin 1 888 . — Gef echtsweise und Bxpeditionsf iihrung inAf rika, Berlin 1 892 . — Die Deutsche
Emin-Pascha-Expedition, Miinchen 1895. — Eas Deutsch-Ostafrikanische Schutzgebiet.
Im amtlichen Auftrag, Miinchen 1895. — Eine Karte von Mittelafrika aus dem Jahre 1703,
Berlin 1895. — E)as goldene Ophir Salomos, Berlin 1895. — Was lehrt uns die englische
Kolonialpolitik ? Berlin 1897. — Weitherzige Kolonialpolitik, Berlin 1897. — MiBbrauch
der Amtsgewalt, Berlin 1899. — Im Goldland des Altertums, Miinchen 1902. — Sonne
und Seele, I^eipzig 1903. — England und die Englander, Hamburg 1904. — Die Grundung
von Deutsch-Ostafrika, Hamburg 1906. — Ophir nach den letzten Forschungen, Berlin
1908. — Zur Weltpolitik, Hamburg 191 2. — Wie Deutsch-Ostafrika entstand, Leipzig 1922.
— Das deutsche Elend in London, Leipzig 1914. — England und Irland, Hamburg 191 5.
— Afrikanische Kopfe, Berlin 191 5. — Zum Weltkrieg, Hamburg 1916. — Lebenserinne-
rungen, Hamburg 1918. — Die Korrespondenz P.s mit seinen Geschwistern von ihrer
Schulzeit bis zu seinem Xode befindet sich im Reichsarchiv in Potsdam.
Berlin. Heinrich Schnee.
Petri, Georg Karl Emil, Dr. jur., Unterstaatssekretar, * am 3. April 1852
in Buchsweiler im Elsafl, f am 11. Dezember 1918 in Kehl a. Rh. — Emil P.
ist in Buchsweiler im Unterelsafi geboren, wo seine Familie seit den Tagen
der groBen Franzosischen Revolution ansassig war, als Sohn des dortigen
Kirchschaffners Dr. jur. Petri. Er besuchte in dieser alten Hauptstadt des
friiheren Hanauer Landes das College (Gymnasium), das seit 1612 vorher zu
deutscher, dann zu franzosischer und nachher wieder zu deutscher Zeit eine
Anstalt von Ruf ge wesen war, und bestand 1870, kurz vor Ausbruch des
Deutsch-Franzosischen Krieges, in StraBburg das bacalaur^at es lettres.
Wahrend der darauffolgenden Monate gab er aushilfsweise im College zu
Peters. Petri 299
Buchsweiler auf Veranlassung des von ihm hochverehrten Rektors Herdner
Unterricht und bestand im Fruhjahr 1871 das bacalaureat es sciences. Nach
FriedensschluB bezog er die Universitat Heidelberg, wo er zwei Jahre Rechts-
wissenschaft studierte. Hier lernte er den aus Zabern im ElsaB gebiirtigen
spateren Landgerichtsprasidenten, Abgeordneten und Mitglied des Staatsrates
Fiirst kennen, mit dem ihn ein enges Freundschaftsverhaltnis verband, das
erst durch den wahrend des Weltkrieges erfolgten Tod seines Fretindes ein
Ende fand. Er setzte dann seine Studien an der Kaiser- Wilhelms-Universitat
StraBburg fort, wo er Mitglied der alten evangelischen Verbindung »Wil-
helmitana* war, und bestand 1874 zu Kolmar im ElsaB am Sitz des Ober-
landesgerichts die Referendarprufung und, nachdem er zwischenzeitig noch
zu StraBburg zum Doktor juris promoviert war, 1878 die Staatsprufung.
1875 hatte er sich mit Lina, geb. Ehrstein, aus Lembach im ElsaB, auch
einer Alt-Elsasserin, verheiratet und lieB sich nach bestandener Prufung in
StraBburg als Rechtsanwalt nieder.
Schon friihzeitig entwickelte sich bei P. das Interesse fur offentliche, und
zwar sowohl kirchliche wie politische Angelegenheiten. 1884, also im Alter
von 32 Jahren, wurde er in das Oberkonsistorium der Kirche »Augsburger
Konfession* gewahlt, und zwar als Vertreter seiner heimatlichen Inspektion
Buchsweiler, dem er bis zu seiner Ernennung zum Unterstaatssekretar an-
gehorte. Er war ein freidenkender Protestant ohne jeden Hang zur Frommelei,
der zeit seines Lebens den Angelegenheiten seiner Kirche das lebhafteste
Interesse entgegenbrachte. Von weitherziger Toleranz anderen Konfessionen
gegeniiber, vertrat er im Oberkonsistorium die kirchlichen Angelegenheiten
mit Eifer, Warme und Geschick und errang sich daselbst in kurzer Zeit eine
einfluBreiche und maBgebende Stellung.
Der Kanton Sulz u. d. Wald im UnterelsaB wahlte ihn 1885 als Nachfolger
seines zum Prasidenten des Direktoriums und Oberkonsistoriums der Kirche
» Augsburger Konfession« ernannten Vetters Friedrich P. in den Bezirkstag des
UnterelsaB und eroffnete ihm damit die politische Laufbahn. Dieser Bezirks-
tag entsandte ihn 1886 in den LandesausschuB fur ElsaB-Lothringen, die par-
lamentarische Vertretung des Landes, dem er bis zu seiner Ernennung zum
Unterstaatssekretar angehorte. Als im Jahre 1887 der Reichstag, der dem
Reichskanzler Fiirsten Bismarck die Kredite fur die Militarvorlage verwei-
gert hatte, aufgelost und Neuwahlen ausgeschrieben wurden, wurde P. vor
allem auf Drangen und Veranlassung des Fuhrers der sogenannten Autono-
mistenpartei, Julius Klein, als Kandidat dieser Partei im Stadtkreis StraB-
burg aufgestellt. Sein Gegner war der Fuhrer der Protestpartei, Jacques
Kabl6. P. unterlag in dieser Wahl mit 6807 Stimmen, Kable* wurde mit 8281
Stimmen gewahlt. Nach Einfuhrung der Statthalterschaft in ElsaB-Lothringen
im Jahre 1879 und des damit von Berlin nach StraBburg verlegten Schwer-
gewichts der Verwaltung hatte die deutschfreundliche Autonomistenpartei,
deren weitsichtigem, tatkraftigem und gewandtem Fuhrer August Schneegans
diese Neuordnung der Dinge im wesentlichen mit zu verdanken war, im Lande
starken EinfluB gewonnen. Schneegans war allerdings bald nachher aus Griin-
den, deren Erorterung hier zu weit fiihren wiirde, nachdem er kurze Zeit
Ministerialrat im Ministerium fiir ElsaB-I/Othringen gewesen war, in den
Reichsdienst getreten, und der Fuhrer der Partei, Julius Klein, hatte den ihm
300 I9i8
angebotenen Posten eines Unterstaatssekretars abgelehnt. Aber sowohl im
Reichstage wie im LandesausschuB war die Autonomistenpartei stark ver-
treten und nahm im offentlichen Leben des Landes eine fiihrende Stellung
ein. Da waren die Reichstagswahlen von 1887 gekommen. Den Protestlern
gelang es, in der offentlichen Meinung des Landes den Gedanken durchzu-
setzen, die Annahme der Militarvorlage im Reichstage bedeute den Krieg,
und die Protestler siegten auf der ganzen Linie. Bei diesem denkwiirdigen
Wahlkampf unterlagen auBer P. namentlich auch die bekannten Autonomisten
North in StraBburg-Land, Dr. Hoffel in Zabern, Freiherr Zorn von Bulach
in Erstein-Molsheim. Nach dem im Jahre 1888 erfolgten Tode von Kable* er-
neuerte P. seine Kandidatur und wurde in den Reichstag gewahlt. Eine
protestlerische Kandidatur wurde ihm nicht entgegengestellt, dagegen stellte
eine Gruppe altdeutscher Wahler ihm als Gegenkandidaten den Generalfeld-
marschall Graf v. Moltke gegeniiber, der iibrigens nur widerwillig seine
Zustimmung zu dieser Zahlkandidatur gab. Als spater Moltke bei einem
parlamentarischen Bierabend P. auf diesen Wahlkampf hin ansprach, be-
merkte letzterer, daJ3 die StraBburger Reichstagswahlkampagne wohl die
erste und einzige Schlacht gewesen sein diirfte, die der groBe Heerfuhrer
verloren hatte.
In diesen drei Korperschaften entfaltete P. eine umfassende, groBziigige
, und erfolgreiche Tatigkeit fur die politische Weiterentwicklung ElsaB-Lothrin-
gens. AuBerdem war er vielfach durch Veroffentlichung von Zeitungsartikeln
und Aufsatzen politischer Natur schriftstellerisch tatig. Er kann wohl als
der erste einheimische politische Fiihrer des Landes angesprochen werden,
der sich voll und ganz als Deutscher fiihlte und aus seinen Anschauungen kein
Hehl machte. Aus den Kreisen der Autonomistenpartei herausgewachsen,
daif man ihn als damaligen Sprecher und Fiihrer der deutschgesinnten Elsasser
bezeichnen, und sein mannhaftes und entschiedenes Auftreten, das er mit
staatsmannischer Klugheit von Anfang an zu verbinden wuBte, verschaffte
ihm viele Freunde und Gesinnungsgenossen, die treu zu ihm standen. Die
Autonomistenpartei, die mit der Verfassung von 1879 die erste Etappe ihres
Zieles erreicht hatte, wuBte ihren Erfolg nicht auszunutzen, sie hatte nicht
den Mut gehabt in die Regierung maBgebend einzutreten, und loste sich nach
und nach stillschweigend auf. Sie war eine Partei von Freunden und Gesin-
nungsgenossen gewesen, die zu richtiger Zeit sehr verdienstlich gewirkt hatte,
zu einer eigentlichen Parteibildung im heutigen Sinne kam es in ElsaB-Lothrin-
gen jedoch erst urn die Jahrhundertwende, als es gait, die politischen Ziele
des Landes mit starkeren und wirksameren Mitteln weiterzufuhren, als dies
bis dahin geschehen war. Bis dahin aber war P. der politische Exponent der
deutschgesinnten Elsasser, die auf dem Wege eines Zusammenwirkens mit
der Regierung die Gleichstellung ElsaB-Lothringens mit den deutschen
Bundesstaaten erstrebten.
P. benutzte sowohl im Landesausschusse wie im Reichstag die erste Gelegen-
heit, um seine nationalpolitische Einstellung klarzulegen. Im Reichstage, wo
er sich der nationalliberalen Fraktion angeschlossen hatte, wies er am 24. Fe-
bruar 1888 bei der Etatsberatung, als es sich um den ReichszuschuB von
400000 Mark fur die Landesuniversitat in StraBburg handelte, darauf hin,
daB die StraBburger Universitat nicht fur die besonderen Verhaltnisse ElsaB-
Petri 301
Lothringens gegriindet worden sei, sondern daB sie »als eine Pflanzstatte
deutscher Kultur und deutscher Wissenschaft den deutschen Geist in der
Westmark des Reiches verbreiten solle«. Er betonte weiter: »Ich werde die
elsaB-lothringischen Verhaltnisse immer nur vom deutsch nationalen Stand-
punkt aus betrachten und besprechen, dafiir spricht der Charakter meiner
Wahl, dafiir spricht auch mein ganzes politisches Verhalten. Nicht nur hier
im Hause, auch im engeren Kreise werde ich von unseren Verhaltnissen ohne
Hintergedanken und Vorurteile reden, andererseits aber auch ohne Schwache,
frei aus der Brust heraus, wie es einem freien und unabhangigen Mann ge-
ziemt.« Ebenda fuhrte er am 17. Januar 1889 gelegentlich der Besprechung
der PaBverordnung vom 22. Mai 1888, welche in Auswirkung der damals
zwischen Deutschland und Frankreich entstandenen Spannung infolge des
Grenzzwischenfalls Schnabele und des Auftretens des Generals Boulanger
den PaBzwang fur Reisende aus Frankreich an der elsassisch-franzosischen
Grenze einfuhrte, folgendes aus, indem er von der Voraussetzung ausging,
daB diese MaBregel sowohl materielle wie moralische Schaden fiir das Land
gebracht habe: »Wir stellen uns in ElsaB-Lothringen die Frage: War denn
iiberhaupt die MaBregel erforderlich ? Meine Freunde und ich, die voll und
ganz auf dem deutsch nationalen Standpunkt stehen, wollen, wenn es sich
urn Interessen des Reiches handelt, auch dazu beitragen und sind bereit, dem
allgemeinen Wohl des Reiches unsere Sonderinteressen zu opfern. Aber die
Frage ist nur die : War dies Opfer wirklich erforderlich ? « Nach eingehender
Wiirdigung der Verhaltnisse und herber Kritik unnotiger Polizeischikanen
fahrt er dann weiter fort: »Uns aber, den deutschgesinnten Elementen des
Landes wird der Boden unter den FiiBen entzogen. Ob der PaBzwang trotz
der Erregung im Lande erforderlich ist oder nicht, ist nicht unsere Sache zu
entscheiden. Wenn es die Ansicht der Regie rung ist, daB er unbedingt not-
wendig sei, ist aber eine milde Praxis zu handhaben.«
Diese unzweideutige deutsch nationale Gesinnung war fiir ihn die Grund-
lage auf dem Wege zum Ziele, das er sich gesteckt hatte, der Autonomic ElsaB-
Lothringens im Rahmen des Deutschen Reiches, der vollen staatsrechtlichen
Gleichstellung des Landes mit den deutschen Bundesstaaten. Er erklart am
2. Februar 1893 im LandesausschuB, daB, wenn fruher in der schwierigen
ITbergangsperiode wichtige politische Griinde fiir eine Sonderstellung ElsaB-
IyOthringens im Reich bestanden haben mogen, dies heute nicht mehr der
Fall sei. »Der Protest als solcher sei tot. « Das Erfordernis unserer Gleich-
berechtigung mit den iibrigen deutschen Staaten soil unser »Ceteram censeo*
auf politischem Gebiet bleiben. »Wir wollen mitarbeiten an der Erreichung
der Ziele, zu denen das deutsche Volk berufen ist. « In gleichem Sinne spricht
er sich ebendaselbst am 1. Februar 1894 aus und beschaftigt sich eingehend
mit den dem Verlangen nach Gleichstellung entgegenstehenden Schwierig-
keiten, insbesondere der Frage der Souveranitat und des Stimmrechts im
Bundesrate, und halt diese Schwierigkeiten nicht fiir uniiberwindlich. Am
5. Februar 1895 erklarte er ebenfalls im LandesausschuB, daB die Abschaffung
des sogenannten Diktaturparagraphen gewiB notwendig sei, wichtiger aber
sei die Gleichstellung ElsaB-Lothringens mit den Bundesstaaten. Und am
4. Februar 1896 wiirdigte er nochmals die besonderen Schwierigkeiten des
Stimmenrechts im Bundesrat und verlangte als ersten Schritt auf dem Wege
302 1918
zur Gleichstellung die Beseitigung der Mitwirkung des Bundesrates bei der
elsaB-lothringischen Landesgesetzgebung und der Moglichkeit, elsaB-lothrin-
gische Landesgesetze auf dem Wege der Reichsgesetzgebung beschlieBen zu
lassen. Indem er hierbei auf die allgemeine politische Lage des I^andes zu
sprechen kam, fiihrte er aus, daB man ElsaB-Lothringen in Deutschland viel-
fach ungerecht beurteile. Man bedenke nicht, daB ElsaB-Lothringen »ganz
natiirlich im Laufe der Jahrliunderte immer mehr den deutschen Traditionen
entfremdet und dem franzosischen Nationalgefuhl zuganglich gemacht worden
war*. Wer dies im Auge behalte, miisse mit der heutigen Lage der Dinge
zufrieden sein. »Nach den Protestlern kamen die Autonomisten, nach den
Autonomisten kommen allmahlich die Deutschen ; man store nur nicht diesen
stetig, aber langsam fortschreitenden psychologischen Hergang durch das
Kommandowort : Rasch und stramm voran; man verderbe nicht durch Un-
geduld dasjenige, was die Verhaltnisse und die Zeit sicher mit sich bringen
werden. «
Neben dieser hochpolitischen Verfassungsfrage behandelte P. sowohl im
Reichstage wie im Landesausschusse eine Reihe wichtiger Probleme, die ihn
als eine Personlichkeit von umfangreichen Interessen und griindlicher Sach-
kenntnis erscheinen lassen. In der Iyinie der Ausgestaltung ElsaB-Lothringens
zum Bundesstaat liegen seine Bestrebungen der Heranziehung der Eingebo-
renen des Landes zur Beamtenlaufbahn. In diesem Sinne machte er in den
Jahren 1887, 1889, 1893 und 1894 bemerkenswerte Ausfuhrungen im Landes-
ausschuB. Er verlangte 1887 und 1888, daB sich der Nachwuchs der Beamten-
schaft der inneren Verwaltung, der Justizverwaltung und der Steuerverwal-
tung ausschlieBlich aus dem Lande rekrutiere, da die hierzu notigen Krafte
vorhanden und durchaus geeignet seien, bemangelte 1894, daB bei der Uni-
versitat und Landesbibliothek nur wenig Einheimische angestellt seien, und
verlangte 1898, daB wie in den anderen deutschen Landern grundsatzlich nur
einheimische Beamte zur Anstellung gelangen sollen. Fiir die Interessen der
Beamtenschaft ist er sowohl im Reichstag wie auch im LandesausschuB stets
verstandnisvoll eingetreten.
Als ausgezeichnetem Juristen — er genoB als gewissenhafter An wait nicht
nur das voile Zutrauen seiner zahlreichen Klienten, sondern wegen seines
vornehmen Auftretens und seiner wissenschaftlich hochstehenden Rechts-
ausfuhrungen auch die voile Wertschatzung der Richter und der Staats-
anwaltschaft — lagen ihm selbstverstandlich alle Fragen des Rechtes beson-
ders nahe, und er hat zu alien wichtigen Fragen dieser Art im LandesausschuB
das Wort genommen und stets die Aufmerksamkeit sowohl der Abgeordneten
wie auch der Regierungsvertreter in hohem MaBe auf sich gezogen. Die Frage
der Notwendigkeit eines Verwaltungsgerichts in ElsaB-Lothringen, die Frage
der Schaffung eines neuen Liegenschafts- und Hypothekenrechts unter Zu-
grundelegung von Grundbiichern und die damit verbundenen Vorarbeiten im
Katasterwesen, sowie die Vorbereitung zur Uberleitung des fiir die Jahrhun-
dertwende in Kraft tretenden neuen Burgerlichen Gesetzbuches f anden in ihm
einen tatkraftigen und sachkundigen Mitarbeiter und Forderer. In der Kom-
mission fiir Justiz, Kultus und Unterricht war er ein eifriges und maBgebendes
Mitglied. Es war selbstverstandlich, daB er als Mitglied des Oberkonsistoriums
der Kirche »Augsburger Konfession« alien Kultusfragen das lebhaf teste Inter-
Petri 303
esse entgegenbrachte, dasselbe gilt fur die Fragen des Schulwesens und der
Angelegenheiten der Lehrerbesoldung an hoheren und niederen Schulen.
Desgleichen arbeitete er rege mit an den Verhandlungen bei Schaffung einer
neuen Gemeindeordnung und des Gesetzes betreffend die Sparkassen sowie
bei Verkehrsfragen, wobei er lebhaft ftir den Ausbau des Eisenbahnnetzes und
den Bau eines Kanales Straflburg — Ludwigshafen (Pfalz) eintrat. Feraer be-
miihte er sieh im Reichstag lebhaft um die Einfuhrung der Gewerbeordnung
in ElsaB-Lothringen, im LandesausschuB fiir den Neubau der Universitats-
und Landesbibliothek in StraBburg. Im Jahre 1892 ubernahm P. auf drin-
genden Wunsch des Aufsichtsrats mit Herrn Rudolf Sengenwald die Leitung
der Aktiengesellschaft fiir Boden- und Kommunalkredit in ElsaB-Lothringen,
der angesehenen Hypothekenpfandbriefbank des Landes.
Im selben Jahre 1892 fanden wieder Reichstagswahlen statt. Neben P.
kandidierten in StraBburg-Stadt fiir die katholische Partei Abbe Miiller-
Simonis, fiir die Sozialdemokratie Bebel. Diese Wahl gab den Protestlern noch
einmal Gelegenheit, gegen den wegen seiner deutschen Gesinnung von ihnen
stark angefeindeten P. vorzugehen. Sie stellten zwar keinen eigenen Kan-
didaten auf, gaben aber die Parole fiir Bebel aus. Es kam zur Stichwahl
zwischen P. und Bebel, bei der zum allgemeinen Erstaunen Bebel gewahlt
wurde. Die iiberwiegende Mehrheit der Katholiken hatte fiir Bebel den Aus-
schlag gegeben, der auch sonst noch gewahlt fiir StraBburg annahm.
Am 18. Februar 1897 wahlte der LandesausschuB P. zum Mitglied des Staats-
rats. Diese Korperschaft, die neben einigen anderen Funktionen der Landes-
regierung zur Vorberatung von Gesetzentwiirfen zur Seite stand, setzte sich
aus einer Reihe teils vom Kaiser ernannter, teils vom LandesausschuB ge-
wahlter Mitglieder zusammen.
Im Jahre 1896 war der einheimische Abgeordnete Baron Hugo Zorn von
Bulach (s. DBJ. 1921, S. 281 ff.), der SproB eines alten elsassischen Geschlechts,
zum Unterstaatssekretar im Ministerium fiir ElsaB-Lothringen ernannt und
mit der Leitung der Abteilung fiir Landwirtschaft und offentliche Arbeiten
betraut worden. Im Jahre 1898 trat der Statthalter Fiirst zu Hohenlohe-
Langenburg an P. mit dem Anerbieten heran, als Unterstaatssekretar und
Leiter der Abteilung fiir Justiz und Kultus in das reichslandische Ministerium
einzutreten. Nachdem P. zunachst abgelehnt hatte, gab er auf dringende
Vorstellung des Statthalters, der namentlich betonte, daB der Eintritt eines
Alt-Elsassers in die reichslandische Regierung einem vom Kaiser ausgesproche-
nen Wunsche entsprache, eine zusagende Ant wort. P. legte sein Mandat als
Mitglied des Landesausschusses nieder, behielt aber sein Mandat als Mitglied
des Bezirkstages des Unterelsasses bei.
Wahrend P. bisher in der das Land am starksten beruhrenden Frage der
Verfassung und des damit eng verbundenen Verhaltnisses des Landes zum
Reich im offentlichen Leben eine fiihrende Stellung eingenommen hatte, be-
faBte er sich nun mit gewohnter Arbeitsfreude und bestem Erfolge mit den
Angelegenheiten seines Ressorts und deren Vertretung im LandesausschuB.
Seine Tatigkeit fiir die Weiterentwicklung der Verf assungsf rage, die er zweifels-
ohne, soweit es ihm sein EinfluB in der Regierung gestattete, weiterverfolgte,
entzog sich der Offentlichkeit, da diese Angelegenheiten nach auBen ihre Ver-
tretung durch den jeweiligen Staatssekretar fanden.
304 19*8
Als er seine Abteilung ubernahm, herrschte darin Hochbetrieb. Die Ein-
fuhrung des neuen Biirgerlichen Gesetzbuches erforderte eine Reihe legislato-
rischer und administrativer MaBnahmen. Da, wo er als Abgeordneter beratend
und fordernd mitgearbeitet hatte, war er nun die entscheidende Personlich-
keit geworden. Umgeben von einem Stabe ausgezeichneter Juristen, die er
sich nach und nach auch selbst heranzog, wobei er seinen friiheren als Ab-
geordneter erhobenen Forderungen entsprechend das einheimische Element
stark beriicksichtigte, wurde in den nun folgenden Jahren treffliche Arbeit
geleistet. Er vertrat die Vorlagen seiner Abteilung in den Kommissionen und
dem Plenum des Landesausschusses mit Geschick und bestem Erfolg. Fur die
Beamten der Justiz trat er, wo es notig und angebracht war, mit Warme ein.
Insbesondere schiitzte er sie gegen unbegnindete Kritik, und hat z. B. Angriffe
des Abgeordneten Wetterle", der die Unparteilichkeit einzelner Richter be-
zweifelte, mit aller Scharfe und aller Entschiedenheit zuriickgewiesen. Wahrend
seiner Amtsfuhrung hatte er auch Gelegenheit, in Kultusfragen zu wichtigen
Angelegenheiten Stellung zu nehmen und Entscheidungen herbeizufuhren.
Am 28. Februar 1899 entwickelte er im LandesausschuB Gedanken iiber Er-
hebung einer Kirchensteuer, die er im Jahre 1901 bei der Beratung der Vor-
lage iiber die Gehalter der Geistlichen weiter ausspann und spater durch inter-
essante Ausfuhrungen iiber das Verhaltnis von Kirche und Staat erganzte.
Im Jahre 191 2 nahm er Stellung zum Entwurf einer neuen Kirchenverfassung
der Kirche »Augsburger Konfession«, die damals Gegenstand von Verhand-
lungen zwischen Regierung und Kirchenbehorden bildete. Und endlich be-
sprach er im Jahre 191 1 eindringlich die Frage des i>Culte des Morts* und des
»Culte du Passed, Fragen, die damals im AnschluB an die Tatigkeit des » Sou-
venir francais* und der » Lorraine Sportive «, die Offentlichkeit stark erregten.
Die Gefahren, die er damals beruhrte, haben sich leider spater verhangnisvolL
ausgewirkt, und es war eine heute unverstandlich erscheinende verhangnis-
volle Schwache, nicht etwa nur der elsaB-lothringischen Landesregierung,
sondern auch aller in Betracht kommender Reichsinstanzen — Regierung und
Parlament — , daB derartige f ranzosische Propaganda im Reichsland geduldet
wurde, die ihre Kronung in der Errichtung der beiden franzosischen Denk-
maler in Noisseville und WeiBenburg gefunden hat.
In den Verhandlungen der Parlamente bewahrte er sich als formvollendeter
Redner und gewandter Debatter, der auch in der Hitze des Kampfes niemals
die vornehme Form vermissen lieB. Die Auseinandersetzungen mit den ihm
sonderlich nicht gewogenen, im Grunde des Herzens franzosisch gesinnten
Abgeordneten PreiB und Wetterl^ waren Rededuelle, bei denen mit Geist
und Eleganz gefochten wurde. Das iiberlegene Rapier fuhrte P., wahrend
PreiB haufig massiv wurde und Wetterl£s Kampfart zwar geistreich war,
aber stets Hinterlist und Tiicke erkennen lieB.
Im Jahre 1906 wurde P. Wirklicher Geheimer Rat und damit Exzellenz.
Seine Freunde hatten erwartet, daB ihm dereinst die Leitung des reichslan-
dischen Ministeriums zufallen und ihm damit die Gelegenheit geboten wurde,
seine staatsmannische Befahigung in groBem Rahmen zu betatigen und die
voile Gleichstellung ElsaB-Lothringens mit den deutschen Bundesstaaten mit
seinem Namen zu verkniipfen. Allerdings sprach die parlamentarische Kon-
stellation, der wachsende EinfluB der elsaB-lothringischen Zentrumspartei und
Petri
305
die mehr und mehr deutschfreundliche Einstellung namhafter Fiihrer der-
selben, wie HauB und Dr. Ricklin, gegen solche Erwartungen. Es kam anders.
Der Fall Zabern steckte P.s amtlicher Laufbahn ihr Ziel. Es ist nicht mog-
lich, in diesen Ausfiihrungen naher auf diesen Fall einzugehen. Es sei nur
festgestellt, daB mit verschwindend wenigen Ausnahmen die gesamte offent-
liche Meinung des Landes, insbesondere die deutschgesinnten ElsaB-Lothringer
und ihre Fiihrer und die Beamtenschaft hinter dem Statthalter und dem
reichslandischen Ministerium standen, wahrend allerdings Manner wie Martin
Spahn, Theobald Ziegler und auch Friedrich Lienhard anders dachten. Mit
der Desavouierung dieser Stellen durch den Kaiser war die Stellung des Statt-
halters und der beteiligten Beamten, des Staatssekretars Baron Zorn von
Bulach und des Leiters der Abteilung des Innern, Unterstaatssekretars
Mandel, unhaltbar geworden. Der Chef der Justizabteilung, P., wurde erst
beteiligt, als von militarischer Seite Angriffe gegen hohere Justizbeamte von
Zabern unternommen wurden. In seiner letzten Parlamentsrede, am 14. Ja-
nuar 1914, trat er im LandesausschuB warm fiir die Unabhangigkeit der Ge-
richte und die Unversehrtheit des Verfassungsstaates ein, wofiir ihm der
Fiihrer der Zentrumspartei, HauB, unter lebhaftem Beifall des ganzen Hauses
Dank und Anerkennung aussprach. Er zog alsdann die Konsequenzen aus
dieser Stellungnahme und nahm mit seinen Kollegen den Abschied. Dieser
Schritt in diesem Augenblick gemacht, ist von vielen Deutschen, namentlich
solchen alldeutscher Richtung, scharf getadelt, von anderen, namentlich von
Elsassern, warm begriiBt, von den meisten aber, was die inneren Beweggriinde
anbelangt, miBverstanden worden. Es war kein Abriicken vom Deutschtum,
fiir das er stets eingetreten war, keine Konzession an den Teil des Elsasser-
tums, der mit franzosischen Sympathien spielte, sondern fiir ihn war das
beinahe zu Instinkt gewordene Gefuhl maBgebend, daB er kraft seines Amtes
zur unbedingten Verteidigung und Wahrung des Gedankens der Unabhangig-
keit der Rechtspflege sich riickhaltlos einzusetzen verpflichtet sei, selbst auf
die Gefahr hin, daB, wie es tatsachlich auch geschah, seine AuBerungen an
hochster Stelle miBdeutet wurden. Mit seinem Deutschtum hatten diese ganzen
Vorgange nichts zu tun, und auch der im Ruhestand lebende Privatmann
hat seine deutsche Gesinnung niemals geandert.
In den 16 Jahren, in denen P. die Abteilung fiir Justiz und Kultus leitete,
standen die Staatssekretare v. Puttkamer, v. Koeller und Baron Zorn von
Bulach nacheinander an der Spitze des reichslandischen Ministeriums, wahrend
die Statthalterschaft in dieser Periode in den Handen des Fiirsten Hohenlohe-
Langenburg und des Grafen, nachmaligen Fiirsten Wedel (s. unten S. 475 ff .) lag.
Es kann hier nicht die Aufgabe sein, auf diese Personlichkeiten und ihr Wirken
naher einzugehen, es sei nur festgestellt, daB P. mit v. Puttkamer trefflich
harmonierte, und nicht nur bezuglich seines engeren Ressorts, sondern auch
in den groBen politischen Angelegenheiten EinfluB iiben konnte, wahrend
v. Koeller diese letzteren vollstandig in seiner Hand hielt und nicht nur
seinen Mitarbeitern wenig EinfluB auf sie zulieB, sondern auch dem Statt-
halter, Fiirsten Hohenlohe, gegeniiber seine Ansichten durchsetzte. GroBer
war P.s EinfluB wieder unter Baron Bulach, obwohl es auch da nicht sehr
einfach war, durchzudringen, da Baron Bulach die groBe staatsmannische
Linie in seiner Amtsfiihrung fehlte. Bei beiden Statthaltern war P. hoch an-
r\r»r orv
306 1918
gesehen und geschatzt, und war auch in der Lage, seine Ansichten mit Erfolg
zu vertreten.
Im Reichstag hatte sich P. der nationalliberalen Partei angeschlossen, in
ElsaB-Lothringen hatte er dem Kreise der Autonomisten angehort, schloB sich
spater bei Griindung der Parteien im Lande im Hinblick auf sein hohes Staats-
amt keiner Partei an, stand aber der liberalen Landespartei nahe, mit deren
Mitbegrunder und erstem Fiihrer ihn freundschaftliche Gesinnimg und ge-
meinsame Weltanschauung verbanden. Er war einer der Manner, die bei un-
bedingt nationaler und vaterlandischer Gesinnung ebenso entschieden frei-
heitlich gerichtet waren, und hat aus diesen freiheitlichen Anschauungen nie
ein Hehl gemacht.
Die Beurteilung, die P. wahrend seiner politischen Laufbahn erfahren hat,
war stark von den widerspruchsvollen, an MiBverstandnissen reichen Stim-
mungen, die fiir die deutsche Zeit in ElsaB-I^othringen charakteristisch waren,
beeinfluBt. Von vielen Elsassern der oberen Burgerschicht wurde ihm sein
Deutschtum, noch mehr sein offenes Eintreten fiir die deutsche Sache, ver-
iibelt. Vielen Altdeutschen war er nicht deutsch genug. Die altelsassischen
deutschgesinnten Fuhrer hatten eben standig einen Kampf gegen zwei Fronten
zu fuhren. P. ist sich stets seines Deutschtums so sicher gewesen, daB er es
unter seiner Wiirde hielt, AuBerlichkeiten angstlich zu vermeiden, die man-
chem altdeutschen Gegner willkommene Angriffspunkte boten. Er behielt stets
seine elsassischen Lebensgewohnheiten bei und scheute sich nicht, im Kreise
seiner Familie sich auch der f ranzosischen Sprache zu bedienen. Sein Bestreben
war eine Versohnung und Ausgleich zwischen den altelsassischen und den
altdeutschen Elementen herbeizufuhren. Die Spuren, die die lange Zugehorig-
keit Elsafi'-I/Othringens zu Frankreich unverkennbar hinterlassen hat, betrach-
tete er als einen gewissen Partikularismus, dessen Auspragung dem Elsasser
nicht in hoherem MaJ3e veriibelt werden durfte, wie eigenbrotlerische Ten-
denzen bei anderen deutschen Volksstammen.
P. war nach seinem Ausscheiden aus dem Amte nicht etwa verbittert. Er,
der in seiner Stellung nie uberheblich geworden, sondern mit einer naturlichen
Wiirde der anspruchslose, bescheidene Mensch geblieben war, der er stets ge-
wesen, trat in voller Selbstverstandlichkeit wieder in die Reihe der Burger
zuriick, aus der er gekommen war, und lebte heiter und zufrieden im Kreise
seiner Familie. Sein Familienleben war stets musterhaft und glucklich ge-
wesen, das einfache, aber doch sichere und vornehme Leben einer alten guten
elsassischen Familie. Zwei Kinder waren der Ehe mit seiner treuen L,ebens-
gefahrtin entsprossen, ein Sohn, der in der Verwaltungslaufbahn des inneren
Dienstes Kreisdirektor in Schlettstadt geworden war, und eine Tochter, die
Gattin des letzten deutschen Bezirksprasidenten in Strafiburg, Pauli. Er liebte
die Natur und pflegte auch wahrend seiner amtlichen Zeit die Sonntage zu
Tagesausflugen in die Vogesen zu benutzen, wobei er stundenlang durch die
schonen Walder iiber Berg und Tal wanderte.
So traf ihn der Weltkrieg. Nun war er der Meinung, dafl die Zeit des Schwan-
kens endgiiltig zu Ende sein, daB sich jeder ElsaB-Lothringer nun voll und
ganz zum Deutschtum bekennen niusse. Er stellte sich zum Zwecke der Kriegs-
hilfe zur Verfiigung und war stolz auf die groBen Erfolge der deutschen Waff en.
Wahrend des Krieges erfolgte seine Berufung in die Erste Kammer des elsaB-
Petri. Richthofen 307
lothringischen Landtags, die er personlich schon bei seinem Ausscheiden aus
dem Amte erwartet hatte und deren Vorenthaltung wohl auf Treibereien
alldeutscher Gegner zuriickzuf iihren war. In der » Strafiburger Gesellschaf t fur
deutsche Kultur* traf er sich mit Freunden und Gesinnungsgenossen zu offener
Aussprache iiber die gewaltigen Ereignisse der schweren Kriegslage. Schwer
traf ihn dann der Zusammenbruch der deutschen Sache und damit die Er-
kenntnis, daJ3 Frankreich Elsafl-Lothringen wieder an sich ziehen, daB Elsafi-
Lothringen Deutschland verloren sein werde.
Als der Waffenstillstand abgeschlossen war und es feststand, daJ3 die Fran-
zosen das Land bald besetzen wiirden, schien er zuerst entschlossen zu sein,
es freiwillig zu verlassen wie viele seiner deutschgesinnten Landsleute. Dann
entschied er sich aber doch, zu bleiben. Die Warnung eines Freundes vor
drohenden Unbilden durch die Franzosen beantwortete er mit den Worten:
»Was wollen die Franzosen mir eigentlich machen ? « Die Franzosen machten
ihm aber doch, wie befiirchtet, das Leben unertraglich, er wurde in schirnpf-
licher Weise von dem Pobel belastigt und endlich von der franzosischen Re-
gierung aufgefordert, das Land zu verlassen. Er, der stets hilfreich sich jedem
seiner Landsleute zur Verfugung gestellt hatte, insbesondere auch wahrend
des Krieges, fand niemanden, der ihn geschtitzt hatte. Fiirwahr, ein trauriger
Undank. Schon stark erkaltet, verlieB er die Heimat und zog iiber die Rhein-
briicke nach Kehl. Eine Lungenentztindung, verbunden mit Herzlahmung,
raffte ihn wenige Tage nachher, am n. Dezember 1918, daselbst dahin. Seine
Hoffnung, sein Heimatland in spaterer Zeit wiederzusehen, sollte sich nicht
erfiillen.
An seiner Bahre stand nur ein Teil der nachsten Angehorigen, die anderen
hatten die Umstande dieser schweren Zeit daran gehindert. So starb P. mitten
im schlimmsten Chaos des Zusammenbruchs. Kein Lichtblick zeigte sich ihm
fur die Zukunft. Was er leidenschaftlich in zaher Arbeit erstrebt, schien ihm
verloren. Undank bei seinen Landsleuten in der Heimat, bis in die Fugen in
seinem Bestande erschiittert das Deutsche Reich, sein geliebtes Vaterland.
Fiirwahr, eine schwere Tragik des Schicksals.
Und doch, die Zeit wird kommen, und sie naht schon heran, da wird in
der alten Heimat sein Lebenswerk anerkannt und sein Name in dankbarer
Erinnerung hochgehalten werden. Das deutsche Volk aber wird in ihm einen
Mann ehren, der die Arbeit eines ganzen Lebens darangesetzt hat, deutsches
Land und deutsches Volk der Gesamtheit des deutschen Volkes wieder nahe-
zubringen und innerlich zu verbinden.
Literatur: Verhandlungen des Bezirkstages des UnterelsaB. — Verhandlungen des
Landesausschusses fiir ElsaC-Lothringen. — Verhandlungen des Deutschen Reichstags. —
Bronner: Die Verfassungsbestrebungen des landesausschusses fiir Elsafi-Lothringen
(1890 — 191 1). — Aufzeichnungen der Familie P.s.
Stuttgart. Adolf Goetz.
Richthofen, Manfred Freiherr v., Rittmeister und Kommandeur des Jagd-
geschwaders Freiherr v. Richthofen (Konigl. Preui3.) Nr. 1, * am 2. Mai 1892
in Breslau, gef alien nach Luftkampf an der Westfront am 21. April 1918. —
Als R. geboren wurde, stand sein Vater als Major bei den Leibkurassieren in
Breslau. Nachdem er kurze Zeit die Schule in Schweidnitz besucht hatte, wurde
308 1918
er als Kadett in Wahlstatt und L,ichterfelde 1903 bis 191 1 erzogen. Im No-
vember 1912 wurde er Leutnant im Ulanenregiment Nr. 1 (» Kaiser Alexan-
der III.«) in Militsch. R. wurzelte also ganz in schlesischem Boden. Seine
Vorfahren hatten durchweg auf der Scholle gesessen, auch ihre Frauen gehorten
dem schlesischen Adel an. Freude am Landleben und vor allem heiBe Leiden-
schaft zum Weidwerk zeichnete sie alle aus. Und so ist Manfred R. ein echter
Landedelmann, gesund und frisch, mit hellen, scharfen Augen und blitzenden
Zahnen, ein Naturkind, ein Jager mit sicherem Falkenauge und nie fehlender
Hand. Interessen und Ehrgeiz auf anderen Gebieten kannte er kaum. Ware
der Krieg nicht gewesen, er hatte sich als Rittmeister oder Major auf sein
Gut gesetzt und hatte nie die Welt mit seinem Ruhme gefullt. So aber hat
ihm Pflichttreue, Mannesmut und Kampfes- und Jagdlust, gepaart mit seinen
hervorragenden physischen Eigenschaften, den unsterblichen Ruhmeskranz
hochsten Heldentums gebracht. R. steht mit der hohen Zahl von achtzig an-
erkannten Luftsiegen an der Spitze der deutschen Jagdflieger. Es darf hierbei
allerdings nicht vergessen werden, daB R. ohne die Schule des Altmeisters
Boelcke (s. DBJ. 1914 — 1916, S. 185) nicht zu seinen Taten hatte kommen
konnen ; er setzte Boelckes Werk fort und hat ihn nur in der Zahl seiner Luf t-
siege ubertroffen. R. sagte selbst einmal: »Wenn Boelcke noch lebte, so hatte
er weit iiber hundert Gegner abgeschossen. «
Den Anfang des Krieges erlebte R. als Kavallerist. Mit seinem Ulanen-
regiment ging er zunachst iiber die russische Grenze, dann aber bald auch
nach Frankreich hinein. Als der Bewegungskrieg zum Stellungskrieg erstarrt
war, litt es den Unternehmungslustigen nicht im Schiitzengraben. Er meldete
sich im Mai 1915 zur Fliegertruppe. Da er befiirchtete, die Ausbildung zum
Flugzeugfuhrer wiirde zu lange dauern, und der Krieg inzwischen beendet
sein, lieB er sich zum Beobachter ausbilden. Seine ersten Feindfliige machte
er im Osten. Sein Flugzeugfuhrer war damals der bekannte Herrenreiter Graf
Hoick, der spater auch als Jagdflieger fiel. Im August 1915 wurde R. an die
Westfront versetzt. In Ostende flog er bei dem erstmalig als Bombengeschwader
zusammengestellten Verband, der den Namen B.A.O. ( Brief tauben-Abteilung-
Ostende) trug, auf einem GroBkampfflugzeug. Es war damals eine verhaltnis-
mafiig geringe Flugtatigkeit auf beiden Seiten der Linien, so daB eigentlicher
Luftkampf oder gar AbschuB seiten war. Nur einer hatte es verstanden, sich
mit einer kleinen, leichten Maschine an den Gegner heranzupirschen und
bereits auf diese Weise eine Reihe von Luftsiegen zu erringen. Das war Boelcke,
der Begriinder der Jagdfliegerei. Zu ihm fiihlte sich R. machtig hingezogen,
er bewunderte ihn und versuchte, es ihm gleichzutun. Dazu muBte R. sich
zunachst erst einmal zum Flugzeugfuhrer ausbilden lassen. Sein grofier Wunsch
ging in Erfullung: im September 1916 wurde er zu Boelckes Jagdstaffel ver-
setzt. R. nennt ihn in seinen Frontberichten in ehrfurchtiger Bewunderung
nur »den groBen Mann«. Nur wenige Monate hat er unter Boelckes Fuhrung
gekampft, da setzte ein ungliicklicher Zufall Boelckes Siegeslaufbahn ein Ende.
R., damals noch ein Unbekannter, trat sein Erbe an und hat es tapfer und
treu verwaltet. Sehr schnell geht nun R.s Siegeszug. Um die Jahreswende
1916/17 steht er bereits der AbschuBzahl nach an der Spitze der deutschen
Jagdflieger, erhalt den Orden Pour le merite und bekommt eine eigene Jagd-
staffel, die Jagdstaffel Nr. 11. In derselben Art, wie er es bei Boelcke sah,
Richthofen. Rosegger 309
sucht er sich seine Mitkampfer aus und lehrt sie die Regeln des Luftkampfes.
Bald ist er mit seiner Schar der Schrecken aller L,uftgegner an der Westfront,
die ihn nach der Farbe seines Flugzeugs den »roten Teufel« nennen.
Fast atemlos folgt das ganze Volk in der Heimat den wachsenden Sieges-
ziffern R.s, die Abend fiir Abend der Heeresbericht meldet. Im April 1917
steigt die AbschuBziffer iiber das halbe Hundert. R. wird vom Kaiser zum
Oberleutnant und kurz danach schon zum Rittmeister befordert, wird ins
Hauptquartier zur personlichen Vorstellung befohlen. Von da ab ist er nicht
nur der Fliegerheros, sondern der Heros des deutschen Kampfers iiberhaupt.
Hindenburg nennt ihn das »Vorbild jeden deutschen Jiinglings« und Luden-
dorff bezeichnet ihn als die »Verkorperung des deutschen Angriffsgeistes*.
Leichtere Verwundungen vermochten R. nicht lange der Front fernzuhalten.
Er haufte Sieg auf Sieg. Mit banger Spannung sah das ganze Volk auf zu seinem
Helden in steter Besorgnis: »Wann wird auch diesen unbesiegbar scheinenden
Helden sein Schicksal ereilen ? «
Kurze Urlaubstage verbrachte er daheim, auf Einladung deutscher Fiirsten
seiner Lieblingsbeschaftigung, der Jagd, nachzugehen.
Als der Angriffsgeist des deutschen Heeres sich zum letztenmal in ganz
groBer, jeden Widerstand brechender Form zeigte, im Marz 1918, riB R. an
der Spitze des Gesch waders, das dam als bereits auf Allerhochste Kabinetts-
order seinen Namen trug, die gesamten deutschen Luftstreitkrafte und durch
sein Wirken auch alle anderen erdgebundenen Formationen mit sich zum
Siege. Noch hatte sich das deutsche Schicksal nicht entschieden, noch war
das Gliick bei den deutschen Fahnen; R.s AbschuBziffer war bereits auf die
unerhorte Zahl achtzig gestiegen, als ein jaher Tod dieser beispiellosen Lauf-
bahn ein Ende setzte.
Am 21. April 1918, nachmittags, kehrte R. von einem Feindflug nicht mehr
zuriick. Seine Kameraden, die ihn begleitet hatten, konnten keine bestimmten
Angaben iiber seinen Verbleib machen. Englische Meldungen brachten die
GewiBheit von seinem Tod. Uber den genauen Hergang der Ereignisse, die
zu seinem Tode fiihrten, ist nie etwas ganz Sicheres zu erfahren gewesen.
So ruht iiber den Ausgang dieses Heldenlebens ein unheimliches Dunkel.
R. hatte seinem groBen Vorbild Boelcke das voraus, daB ihm eine langere
Zeit fiir seine Siegeslaufbahn vergonnt war. So ist sein Name schon fast
mythisch geworden wie Siegfrieds Name. Nicht seiner eigenen Generation
allein wird er als die Verkorperung unbeugsamen deutschen Siegeswillens
gelten.
Literatur: Richthofen, Ein Heldenleben. Berlin 1920.
Berlin. Hermann Dahlmann.
Rosegger, Peter, Dichter, *am 31. Juli 1843 zu Alpel bei Krieglach in der
Steiermark, f 26. Juni 1918 in Krieglach. — Peter R.s Vorfahren waren Bauern.
Das Geschlecht saB in den steirischen Fischbacher Alpen zwischen Semmering und
Mur, Wechsel und Hochschwab. Die waldumrauschten Hohen des Miirztales,
ostlich von Krieglach, waren des Waldbauernbuben unvergeBliche Heimat.
Dort liegt der Teufelsstein. Einer seiner Vorberge heiBt das Rossegg. Da
breitet sich oberhalb St. Kathrein am Hauenstein der Bauernhof der GroB-
310 I9i8
Rossegger, der 1405 beurkundet ist. Aber schon im 13. Jahrhundert, noch
vor Rudolf von Habsburg, ist ein »her Ulreich der Rosseker« bekannt, der,
ein Kleinadliger, im silbernen Schild ein rotgezaumtes schwarzes Rossel mit
Egge und Dreschflegel als Wappen fiihrte, vielleicht der Urahne des Dichters.
Auch im Herzen der Waldheimat, im Kluppenegg, hausten bereits am Aus-
gang des 15. Jahrhunderts Rossegger, 1691 setzte sich hier der jiingere Sohn
des GroB-Rosseggers fest, der Stammvater der Linie. Das war der »obere
Kluppenegger«, wahrend der untere Kluppeneggerhof vom UrgroBvater des
Dichters, Joseph, erheiratet wurde. Der Hof bildete friiher »eine Art Dorf-
gruppe von Gebauden«, die heute verwahrlost und zerf alien sind. Der Erbe
des Hofes war Lorenz Rossegger, 1814 — 1896, der 1842 Maria Rossegger (1818
bis 1872) ehelichte. Sie war gleichen Namens, aber kaum eine Verwandte.
Das waren die Eltern des Dichters. Der Vater ein Traumer, weltfremd, tief
religios, aber von der Eigenart bauerlichen Spintisierens. Die Mutter, Tochter
eines Kohlenbrenners und Schulmeisters, liederfroh und marchenreich, lesens-
kundig und giitig. Vom Vater bekam der Sohn die sittlichen Charakter-
anlagen, von der Mutter die plauderhafte Art des Geistes, der alles Erlebnis
und Erzahlung wird. Derbes strotzendes Bauerntum lag ihm von keinem der
Eltern im Blute. Auch sie waren den Stiirmen der andringenden Not nicht
gewachsen. Ein Hagelschlag verheerte ihren Wohlstand und 1868 ging der
Hof in fremde Hande uber.
Am 1. Juli 1843 wurde der alteste Sohn des Paares in der Kirche zu Krieg-
lach getauft und erhielt vom Kalenderfest den Namen Petri Kettenfeier.
Ein schwachliches Kind, lebte er alle Schonheiten und Seltsamkeiten seiner
Waldheimat durch. Waldesrauschen, unberiihrte Natur, Bergsegen und Blicke
in die Weite, aber auch merkwiirdige Gestalten trifft er auf seinen Jugend-
wegen, Kohler, Wildschtitzen, Holzfaller, Wurzelgraber, Pechschaber und
sonderbare Weiblein. So gestaltet sich die Friihzeit als ein Sammeln uner-
schopflichen Reichtums an Gesehenem und Erlauschtem, Erlebtem und Er-
fahrenem. Die scharfe Beobachtungsgabe lag ihm von der Mutter im Blut,
vom Vater die humorvoll-uberlegene Betrachtung der uberkommenen Ein-
driicke.
1848 bis 1854 besuchte Peter R. die Schule bei Michel Patterer. Der hatte im
Sturm jahr wegen freisinniger AuBerungen seine Lehrstelle in St. Kathrein
eingebuBt und war darum nach Alpel gezogen, wo er zuerst bei den Bauern
reihweis unterrichtete, bis schlieBlich der Gutsbesitzer Baron SeBler-Herzinger
die Schule in seinem Forsthause unterbrachte. Der Junge tat sich mit dem
Rechnen schwer, im Auslegen des Evangeliums aber war er der beste. Nun
beginnt er zu lesen. P. Kochems »Iyebensbeschreibung Jesu Christi«, vor allem
aber die »Historische Volksbilderbibel « von dem Franziskaner Aloys Adalbert
Waibel, 1839, hatten es ihm angetan. Dann fiel ihm 1856 der Volkskalender
von Joh. Nep. Vogl und 1858 der von Karl August Silberstein in die Hande.
Und nun sucht er nachzuahmen und nachzubilden. Hier liegen die Wurzeln
zum »Heimgarten« und zu »INRI«. Er schreibt selbst Kalender, illustriert
sie und leiht sie gegen kleines Entgelt weiter. Eine Lebensbeschreibung des
heiligen Joachim war vorausgegangen, eine Schrift »Freue dich des Lebens«
verkorpert schon den didaktischen Zug in R. Ein » Kalender fur Zeit und Ewig-
keit«, i860 — 1862, bringt es gar auf drei Jahrgange (spater gab R. wirklich
Rosegger 311
einen Kalender »Das neue Jahr«, 1872 — 1880, heraus). Daneben entsteht eine
Sammlung von Predigten und eine Wochenschrif t : »Die Welt«. Durch seinen
Landsmann Urban Offenluger, der in Graz Theologie studiert, wird er mit
Schillers und Lessings Werken bekannt, unter Offenlugers Buchern trifft er
auf Lehrbucher, Volksbiicher, Reiseschilderungen und Biographien, die er mit
HeiBhunger verschlingt.
Mittlerweile sollte sich R.s aufleres Schicksal entscheiden. Zu schwach fur
die Bauernarbeit, wird er fur den geistlichen Stand bestimmt. Aber die Auf-
nahme ins Grazer Seminar miBlingt. Beim Dechant in Birkfeld, der den Jungen
fur das Studium vorbereiten soil, halt er es vor Heimweh nicht aus. So kommt
er i860 zum Schneidermeister Ignaz Orthofer nach St. Kathrein in die Lehre,
vier Jahre lang. Beim Herumwandern »auf der Stor« weitet sich sein Gesichts-
kreis, er lernt Menschen kennen und ihre Umgebung, und nun erwacht in
ihm auch der Dichter. Seine Zuhorerin und Vertraute wird die friih erblindete
Wirtstochter Julie von Sommerstorff, die eine ungewohnliche Bildung besaB
und sich gern vorlesen lieB. Dann die Familie des Schullehrers, Mesners und
Kramers Karl Haselgraber in St. Kathrein, fur sie bestimmte R. alles, was
er an Erzahlungen, Dramen, Bekenntnissen und Betrachtungen schuf. Hier
las man die Grazer »Tagespost«, an die R. 1864 Gedichte zur Beurteilung
einsandte. Das brachte die groBe Wendung. Dr. Adalbert Svoboda war der
Leiter des Blattes, die Sendung R.s gelangt in seine Hande, er macht am
13. Dezember 1864 in einem Feuilleton: »Ein steirischer Volksdichter«, auf
R. aufmerksam und wirbt Gonner, die dem jungen Mann Bildungsmoglich-
keiten und ein besseres Auskommen verschaffen sollen. Zunachst kommt R.
zum Buchhandler Giontini nach Laibach, aber wieder vertreibt ihn das Heim-
weh. Er kehrt nach Graz zuruck, entmutigt und hoffnungslos. Da nimmt sich
seiner der Religionslehrer der Grazer Handelsakademie, der Priester und
Astronom Rudolf Falb an, ein Obersteirer, der ihm Naturerscheinungen er-
klart, ihm in Grazer Familien Eingang verschafft und Freikarten fur das
Theater vermittelt. Er hat R. bei dem schwierigen tJbergang vom Land in die
Stadt gerettet. Im Sommer 1865 bringt er ihn in die zweite Klasse der Handels-
akademie, ihn den Einundzwanzigjahrigen. Svoboda und Peter Reinighaus
unterstiitzen ihn, Franz Dawidowsky, zweiter Leiter der Anstalt, verschafft
ihm einen Freiplatz in seinem Schulerheim. Das Studium fallt ihm schwer,
aber es war doch eine Bereicherung und Erweiterung damit verbunden. Wieder
verfaBt R. eine selbstgeschriebene Wochenschrif t : »Der Akademiker«. Und
nun dringt er in seiner Lektiire iiber August Silberstein und Berthold Auer-
bach zu Adalbert Stifter vor und hat damit einen Wesensgleichen gefunden.
Als er 1869 seinen unregelmaBigen Studiengang vollendete, waren schon die
ersten Dorfgeschichten und Mund art gedichte in verschiedenen Zeitungen und
Zeitschriften im Druck erschienen: in der Grazer »Tagespost«, in der »Oster-
reichischen Gartenlaube«, im Gmundner »Wochenblatt«, in Sibersteins »Volks-
kalender«.
1868 hatte er Robert Hamerling kennengelernt. Dieser wahlte aus dem
Vorrat von R.s Dichtungen aus und gab sie mit einem Vorwort ver-
sehen unter dem Titel » Zither und Hackbrett« heraus (1869). ^s waren Ge-
dichte in obersteirischer Mundart. Schon 1864 hatte R. fiir den volkstiim-
lichen Steirer Musiker Jakob Eduard Schmolzer, den SchloBverwalter in Ober-
312 19*8
kindsberg, »Volkslieder aus der Steiermark* zusammengetragen, die 1871 noch-
mals mit der Vertonung von Richard Heuberger erschienen. Jetzt schlieBt
er in seinen Versen ans Volkslied an: keck, lustig, frisch, mit feiner Unter-
scheidung von Mundart und Schriftsprache quellen die Lieder hervor. Ein
epischer Band »Tannenharz und Fichtennadeln « (1869) folgt rasch, im Titel
schon das Wiirzige und Stachelige betonend. Der geborene Erzahler tut sich
da kund, nie fallt er aus der Rolle. In echt bairischer Weise travestiert er
Begebenheiten der Biblischen Geschichte oder der griechischen Heldensage
ganz ins Steirische. Schon zeigt sich aber auch die Kluft und die Tragik, der
Zwiespalt zwischen Kultur und Natur :
Hon gmoant, wir ih auBa bin gstiegn aus der Ormuad in Woldlond,
Wia schon daJJ *s miiad sein in a Gegnd, wo d' L,eut hisch wos wissn
Und kinen und hobn — 's miiad a besseri Welt sein.
Do hot's dar Oan ongschmirt!
Innere Uberrumpelung laBt ihn, den Menschen der Natur, in Kulturfragen
die damals gelaufigen Entscheidungen anerkennen: »Gut osterreichisch, aber
grofldeutsch, keine Pfaffen, sondern Priester.« Aber R. blieb dieser auf-
klarerische Zug seiner jungen Jahre nicht immer in diesem MaBe eigen, durch_
die Entfernung von der Natur wird die sentimentalische Einstellung zum_
Leben der Alplerbauern immer groBer und das Wort »Bildung macht fceim
laBt er spater nur mehr bedingt gelten.
Den beiden mundartlichen Banden folgten zwei volkskundliche : »Volks—
leben in Steiermark«, 1870, und »Die Alpler«, 1872, und zwei erzahlende:
»Das Buch der Novellen«, 1872, und »Waldheimat«, 1873. Mit den »Schrifteri
des Waldschulmeisters«, 1875, erreicht er die Hohe. Im »Volksleben« bringt
er Darstellung von Sitten und Gebrauchen in Haus und Jahr, in den »Alplern«
steigt er auf zur Schilderung menschlicher Typen und zeigt bereits Ansatze
zur Form der Ich-Erzahlung, die dann groBte Feinheit und Meisterschaft
bringen sollte. Die »Novellen« versuchen Menschen zu zeichnen, Menschen
auBerhalb des eigenen Ich, nur durch Erzahlung von Ereignissen und Begeben-
heiten, nicht mehr durch Schilderung und Beschreibung. Sie stellen die Vor-
schule zur )>Waldheimat« dar, dem Buch, das allein den Dichter unsterblich
machen muBte. Es ist der erste echte Rosegger, es ist die Grundlage fur alle
spateren autobiographischen Biicher des Dichters, es ist das erstemal, dafi
der Dichter sich selbst vergegenstandlicht, sich selbst erzahlt. Auf dem un-
geheuren inneren Reichtum beruht der Wert des Buches, das von Jugend und
Heimat, von Waldleben und Einheit mit der Natur spricht. R. ist zur Natur
zuriickgekehrt. Jene Gattung von Wahrheit ist in diesen Erzahlungen, »welche
durch den Poeten ins AUgemeine gehoben wird und den ganzen Menschen
zeigt «. Die Form ist einfache, unbekiimmerte Erzahlung, unliterarisch, rein
aus der Natur geboren.
Am 16. Januar 1872 starb R.s Mutter. Es scheint, als ob der Sohn durch
den Tod der Mutter veranlaBt wurde, seine Jugend nochmals zu durchleben
und in der »Waldheimat« zu erzahlen. 1873 vermahlte er sich mit Anna
Pichler, der Tochter eines Grazer Hutfabrikanten. Aus der frohen Zeit der
jungen Ehe erbluhte ihm sein schonstes Buch: »Die Schriften des Waldschul-
meisters«, 1875. Stifters Erzahlung »Aus der Mappe meines UrgroBvaters*,
Rosegger 313
Dawidowskys Vortrage iiber Pflanzenpsychologie, der arme Mann im Toggen-
burg, Uli Bracker, dessen Selbstschildening R. mit Begeisterung las, haben
ihre Spuren zuriickgelassen. Durch eine ganze Reihe kleinerer Erzahlungen
R.s wurde das Buch motivisch und gedanklich vorbereitet. Andreas Erdmann
— der Name ein Symbol ! — tragt Ziige Michel Patterers. Wichtiger aber ist
das Problem : ein Gescheiterter fliichtet sich aus der Welt in die Einsamkeit
der Natur und sucht dort ein Gemeinwesen zu griinden. Fiir den Wald und
seine Bewohner waren R.s friihere Bucher wie Vorstudien, denen sich 1875
die »Sonderlinge aus dem Volke der Alpen« anreihten. Alle die einsamen
Wandler, schrulligen und finsteren Gestalten der Pechgraber, Holzfaller,
Hirten tauchen auf . Ganz aus dem Nichts wird eine Waldgemeinde ins Leben
gerufen, der Urwald weicht vor der Kultur zuriick. Ausgleich von Kultur und
Natur, Veredlung eines Volkes durch die Kultur, aber nur soweit, dafi die
Urspninglichkeit noch erhalten bleibt, das Grundproblem R.s war hier auf-
geworfen. Menschlichkeit ist die grofle Erzieherin und Freundin. Das Ganze
wird gegeben in Form eines Tagebuches jenes Andreas Erdmann, den spat
nochmals die Sehnsucht nach der Welt iiberkam und der in Eis und Schnee
seinen Tod fand.
1870 gewann R. in Gustav Heckenast in Pest, dem Verleger Stifters, auch
seinen Verleger. Im selben Jahr fuhrte ihn eine Reise weit durch Deutschland
und die Schweiz, 1872 streift er durch Italien, bis ihn in Neapel wieder das
Heimweh zur Umkehr zwingt. Verwandter Dichter nimmt er sich an. Mit
Heckenast wird eine Ktirzung von Stifters »Nachsommer« versucht, J. F. Lent-
ners »Geschichten aus den Bergen « werden von ihm in 2. Auflage heraus-
gegeben, 1882 /1884 veranstaltet er eine Ausgabe von Stelzhamers Werken mit
einer liebevollen Biographie des Mannes, den er selber noch kennengelernt hatte.
Das Jahr 1875 raubte dem Dichter seine junge Frau. In der bitteren Zeit
der Trostlosigkeit suchte er sich durch eine Aufgabe zu retten, die ihn zu
geregelter Arbeit zwang. Er schuf eine Monatsschrift, »Der Heimgarten*, den
er von 1876 bis 1910 leitete. Der Titel hatte symbolische Bedeutung und war
von der alpenlandischen Sitte abendlicher Zusammenkunfte genommen. Die
Zeitschrift war ein Sammelpunkt fiir seine Freunde, fiir seine Arbeiten, die
von da ab alle zuerst im Heimgarten erschienen, aber auch ein. Symbol fiir
seine Bestrebungen, ein Heimgarten fiir die entwurzelte Zeit, der dem Volke
seine alten Ideale erhalten sollte, Natur, Einfachheit, Redlichkeit. Aber der
Ruf scholl weiter, gerade die Gebildeten und unsicher Gewordenen fliichteten
sich zu ihm. Und R. selbst fand wieder Ruhe und Heimat. 1877 baute er sich
als Ersatz fiir das verlorengegangene Vaterhaus ein Landhaus in Krieglach,
in dem er die Sommermonate verlebte. Beim Bau wurde er durch den Wiener
Bauunternehmer Wenzel Knaur beraten und lernte dessen Tochter Anna
kennen, die dann 1879 seine zweite Frau wurde.
Fast unglaublich ist die Fulle von Werken, die in den Jahren bis 1894 R.s
Feder entquoll. Zunachst Sammlungen von Schwanken, Erinnerungen, kurzen
Erzahlungen. Die mundartlich meisterhaften Geschichten von »Stoansteirisch«
(1885), schriftdeutsche Gegenstiicke in »Allerhand I^eute* (1888) und im
»Schelm aus den Alpen« (1890), Stiicklein, die von R. bei seinen Vortrags-
reisen gern dargebracht wurden. Dazu treten Bucher personlichen Erinnerns.
»Am Wanderstab* (1882), »Meine Ferien« (1883), »Neue Waldgeschichten «
314 l<*18
{1884) aus dem Kreise der Waldheimat, »Hoch vom Dachstein« (1891), »Spa-
ziergange in der Heimat« (1894) und die literarhistorisch wichtigen »Erinne-
rungen an Robert Hamerling« (1891) und »Gute Kameraden« (1893), die tiber
Lebensgeschichtliches und Verhaltnis zur zeitgenossischen Literatur handelten.
Am bedeutendsten aber sind die drei neuen Novellenbande » Feierabende «
(1880), darunter Geschichten, die dann spater in der »Abelsberger Chronik<(
selbstandig gemacht wurden, mit Motiven, die auf den »Gottsucher« vor-
deuten, »Dorfsiinden« (1883, der 4. Band des »Buchs der Novellen«) und
»H6henfeuer« (1887), die sich in manchem mit dem »Gottsucher« und » Jakob
dem L,etzten« beriihren. Die Entscheidung brachten groBe Romane. Da war
zuerst »Heidepeters Gabriel* (1882), ein Buch, das zunachst in zwei Teilen
erschienen war, dessen erster »In der Einode« (1872) an das Schicksal des
Waldbauernhofes anschloB, dessen zweiter »Oswald und Anna« (1876) die
Geschichte der ersten Ehe des Dichters erzahlte. Der Roman ruht stark auf
autobiographischer Grundlage, wenngleich die Freiheit des Dichters gewahrt
ist. Die Waldheimat geht zugrunde, das Jugendgliick entschwindet und das
Liebesgliick hat keinen Bestand. Der »Gottsucher« und » Jakob der Letzte«
reihen sich hier an. Im »Gottsucher« wollte R. zeigen, daB ein Volk ohne
positive Religion nicht leben konne, habe es die alte verloren, so mache es
sich eine neue, und sei diese falsch, so gehe es daran zugrunde. Man hat darauf
hingewiesen, daB das Grundproblem aber eigentlich anderswo liege (Nadler).
Es ist ein Wiederaufgreifen der Probleme des »Waldschulmeisters« mit Weiter-
fiihrung auf religiosem Gebiet und Vertiefung. Ein Volk lost sich von der
Kultur ab und fallt in seinen Naturzustand zuriick. Diese Umkehr erweist
sich aber als unmoglich und es geht daran zugrunde. Das Stofflich-Historische
ist dabei in ein ungewisses Halbdunkel gehiillt, denn es handelt sich R. nicht
um einen bestimmten historischen Vorgang, sondern um einen sinnbildlich
erzahlten. » Jakob der Letzte« stellt dann die Frage des Einzelschicksals der
verlorenen Waldheimat auf weitere Basis, Giiterzerstuckler und Jagdliebhaber
bringen den heimischen Bauernstand ins Verderben, aber jenseits des Meeres
wird im entlegenen Urwald eine neue Kultur geschaffen. Demgegenuber liegt
»Martin der Mann« (1891) mehr an der Peripherie des R.schen Schaffens.
GewiB wird auch hier der Gedanke der Riickkehr aus verfeinerten Kultur-
verhaltnissen zur Natur und dessen Scheitern gestreift, das Ganze aber ist in
ein marchenhaftes Licht getaucht, so daB das Buch etwas Unwirklich-Unwahr-
scheinliches bei aller Feinheit der Naturschilderung an sich hat. Im » Peter
Mayr« (1893) wagte sich dann R. auf das Gebiet nicht allzu ferner geschicht-
licher Zeiten, deren Ereignisse er etwas gewaltsam zurechtbiegt. Auch hier
der Gedanke des Bauerntums, das zur Selbsthilfe schreitet, aber diesmal ein
R. fremdes Bauerntum, das tirolische, mit dem der Dichter nicht so vertraut
war. Auch die hochdeutschen Gedichte (1891), vermehrt und umgearbeitet
-191 1 zu »Mein L,ied«, sind nur als Versuche zu werten. Mundartlich bewegt
sich R. viel freier. Ebenso fallt die dramatische Tatigkeit R.s, die neben klei-
neren Gelegenheitsstiicken auch das erfolgreiche Volksschauspiel »Am Tage
des Gerichts« (1892) zeitigte, im Zusammenhang seines Schaffens nicht allzu-
sehr ins Gewicht.
Die Mitte der neunziger Jahre brachte Klarung und Lauterung. 1894 wurde
die erste Gesamtausgabe der Schriften in 20 Banden abgeschlossen, die seit
Rosegger 315
1880 bei Hartleben in Wien erschien, der nach dem Tode Heckenasts (1878)
R.s Verleger geworden war. Als R. 1892 in schwere Krankheit verfiel, bereitet
sich in ihm eine entscheidende religiose Wendung vor. Er liest auf dem Kran-
kenlager das Evangelium. Nun lost er sich vom Dogma der romisch-katho-
lischen Kirche los, deutet die Glaubenssatze in seinem Sinne um und stiitzt
sich letzten Endes auf das evangelische Schrifttum. Auch hier strebt er zum
Urspriinglichen zuriick und verneint spatere Entwicklungen. Drei Elemente
kommen fur diesen Umschwung, der schon langere Zeit vorbereitet war, in
Betracht: der Josefinismus seiner Jugend, die Los-von-Rom-Bewegung und
die Evangelienlekture. Und dieser neue Glaube bildet nun den Gedanken
seiner letzten Bticher aus. Wieder kniipf t er an die Waldheimat an : » Als ich
jung noch war« (1895), »Der Waldvogel« (1896), »Idyllen aus einer unter-
gehenden Welt« (1899), »Sonnenschein« (1902), »Wildlinge« (1906), »Nixnutzig
Volk« (1907) bringen Abfalle und Rankenwerk an kleinen Geschichten und
Bildern wie fruher. 1898 und I9i4schildert er in zwei Banden sein»Weltleben«.
Schon 1885 hatte er mit den » Bergpredigten « das Gewissen der Zeit wach-
zuriitteln gesucht, das setzt er nun fort im »Sunderglockel« (1904) und in den
»Volksreden« (1908). Gestaltet aber waren die neuen Ideen wieder in groBen
Romanen: »Das ewige Licht«, »Erdsegen« und »INRI«.
»Das ewige Licht« (1897) ist kompositionell ein Seitenstiick zum »Wald-
schulmeister«. Das Problem aber macht das Buch zu einem Gegenstuck. Der
fortschrittlich gesinnte Pfarrer, der in eine von Fremdenverkehr und Industrie
bedrangte Hochpfarre geschickt wird, um seine Neuerungen in die Tat ura-
setzen zu konnen, wird dort konservativ. Natur wird durch Kultur vernichtet.
Ein Aufgeklarter wird bekehrt. Kultur kann nicht vorbehaltlos als Segen
gelten. Eine Weiterbildung des Gedankens brachte »Erdsegen« (1900). Wieder
geht ein Stadter aufs Land und wird durch das Leben mit dem Landvolk aus
einem Zeitungsmenschen in einen Bauern verwandelt. »Der vollkommene
Mensch besitzt nichts und genieBt alles . . . Sollte es denn nicht die hochste
Kultur sein, daB der Mensch genieBt anstatt vermiBt?« und »Der Mensch
steht nirgends so fest gegriindet als im Bauerntum, und dieses nirgends so
tief als in den Bergen. Wenn dieser Grund bricht, was sollte dann noch halten ? «
DaB das aber nicht jedermanns Sache sei, sollte der nachste Roman » Welt-
gift* (1904) zeigen, in dem freilich manches stark verzeichnet ist. GroBstadt-
leben und Bauernleben wird gegeniibergestellt, wer zu viel Weltgift in sich
gesogen hat, dem ist die Riickkehr zur Natur verwehrt. Die Moglichkeit einer
Gesundung hangt vom einzelnen ab. Religiose Elemente waren da schon
iiberall hineinverschmolzen, besonders im »Ewigen I,icht«. 1901 spricht R.
in dem abgeklarten Buch: »Mein Himmelreich« seinen Glauben aus. Es war
die gedankliche Vorstufe fiir die dichterische Durchfiihrung in »INRI, Frohe
Botschaft eines armen Sunders «, 1905. Ein Verurteilter, der auf seine Hin-
richtung wartet, schreibt sich einfach und liebevoll die Geschichte Christi,
wie er sie aus Erinnerung und innerem Erleben erschaut. Vermenschlichung
war der Grundvorgang, er will Christus sich naherbringen und sich an
seiner schlichten GroBe aufrichten. Auch hier ist die Liebe das ewige Licht.
Wie R. sich schon fruher fremde Stoffe ins Obersteirische iibertragen hatte,
so tut er es hier dem ganzen Ton nach mit dem Evangelium. Nochmals er-
zahlt er dann mit dem Behagen des Alters zwei Geschichten: »Die Forster-
316 1918
buben« (1908) und »Die beiden Hanse« (1911), ohne zu neuen Fragen vorzu-
stoBen oder neue Losungen zu finden. Er hatte gesagt, was er zu sagen hatte.
Und es war ihm noch vergonnt, die reife Frucht seiner Lebensernte in die
Scheuer zu bringen. In den Jahren 1912 bis 1916 konnte er bei Staackmann
in Leipzig eine Gesamtausgabe in 40 Banden erscheinen lassen. Neu eingeteilt,
leise uberarbeitet, mit einer I^ebensskizze und mancher aufschluBreichen Ein-
leitung versehen, schickte er seine Schriften nochmals in die Welt. In »Heim-
gartners Tagebuch« (1912 und 1917) hat er dann noch eine Fiille an Alters-
weisheit niedergelegt. Die Zeit brachte ihm manche Ehrung. Zum 60. Geburts-
tag ernannte ihn die Universitat Heidelberg zu ihrem Ehrendoktor, zum 70.
folgten Graz und Wien. Wie selten ein Mann der Feder hat R. auch durch
die Tat gewirkt. Mit seinem Namen sind auf immer verbunden der Bau der
evangelischen Heilandskirche in Miirzzuschlag (1900), die Wiedererrichtung
der abgebrannten katholischen Kirche in St. Kathrein (1906), die Griindung
der Waldschule in Alpel (1902) und der Plan zu einem Alpenhaus deutscher
Lehrer (1918), vor allem aber der grofle Gedanke der deutschen Schutzstiftung
nach dem beriihmten Leitsatz: Zweitausend Kronen = zwei Millionen.
Sein Leben liest sich wie ein Marchen. Seltenes Gliick war ihm zuteil ge-
worden. Er hat es vom einfachen Bauernbuben zum weithin bekannten Dichter
gebracht, er hat einen Aufstieg gemacht, wie er kaum einem zweiten begeg-
nete. Und er blieb im Innern der bescheidene Mann: »Ich stelle das Naturliche
hoher als das Gemachte, das Landliche hoher als das Stadtische, die Einfach-
heit hoher als den Prunk, die Taten hoher als das Wissen, das Herz hoher
als den Geist.« Er, der immer gepredigt: »Heim zur Scholle*, der die Gefahr
erkannt, die eine Entwurzelung des Bauernstandes mit sich bringt, mufite in
den furchtbaren Jahren bis 1918 noch einen Teil der Folgen fruchtlosen
Warnens miterleben. Das Aufierste freilich blieb ihm erspart. Am 26. Juni 1918
starb er in seinem geliebten Krieglach und wurde dort am 28. Juni beigesetzt.
Aus seinem Nachlasse erschien 1919 das letzte Buch: »Abenddammerung,
Riickblicke auf den Schauplatz des Lebens«.
Literatur: Den Nachlafl verwaltet die Witwe des Dichters in Graz. Er umfaflt 1. Ju-
genddichtungen, 2. den Briefwechsel, 3. Manuskripte der in Buchform erschienenenWerke.
Ausgaben: Neben den Einzelausgaben : Ausgewahlte Schriften, Wien, Hartleben, 1880
bis 1894, 20 Bande; Volksausgabe, 3 Serien, Wien und Leipzig, Staackmann, 1895 — 1906;
Gesammelte Werke, vom Verfasser neubearbeitete und neueingeteilte Ausgabe, Leipzig,
Staackmann, 19 12 — 19 16; Schriften in steirischer Mundart, Graz 1894 — 1896, 3 Bande;
dazu vgl. Heimgarten 20,716 und L. Staackmann, Leipzig 1869 — 191 9, Gedenkblatter
zum i.Oktober, hrsg. vom Verlag, Leipzig 1919, S. 99 und 154 ff . ; der Jugendroman
» Gabriel Mondf eld «, Heimgarten 46 (1922), 649, und 47 (1923). — Briefe:A. Bettelheim,
Auerbach und R., Deutsche Rundschau 1903; Briefwechsel zwischen Hamerling und K.t
Heimgarten 27; Briefwechsel zwischen R. und Friedr. v. Hausegger, hrsg. v. Siegmund
Hausegger, Leipzig 1924. — Allgemeine Literatur iiberRosegger : H. L. Rosegger,
R.s Vorfahren, Gartenlaube 1921, 448 ff. ; derselbe, Monatshefte fiir deutsche Spracheund
Padagogik 1924, 8 ff.; A. V. Svoboda, P. K. R., Breslau 1885; M. M. Rabenlechner, P. R.,
Wien 1899; E. Seilliere, L'dme styrienne et son interprite P. R.t Revue des deux mondes 1902,
iibersetzt von Semmig, Leipzig 1903; H. und H.Mobius, P. R., Leipzig 1903; Th. Kapp-
stein, P. R., Stuttgart 1904; A. Vulliod, P. R., L'homme et I'oeuvre, Paris 1912, deutsch
von M. Necker, Leipzig 1913; A. Schlosser, P. R., Leipzig, Reclam (1921); J.Nadler,
P. R., Neue osterreichische Biographie 181 5 — 1918, 1. Abt., Wien 1923, 158 ff.; E. Ertl,
P. R., Wie ich ihn kannte und h'ebte, Leipzig 1923; H. L. Rosegger, R.s Waldheimat
einst und jetzt, Graz 1924; derselbe, P. R. und sein Heimatland, die griine Steiermark,
Rosegger. Rothpletz 317
Berlin 1925 ; R.Latzke, Zur Beurteilung R.s, Programm Korneuburg 1904; derselbe, R.-Stu-
dien I., Programm Korneuburg 1905 ; derselbe, R.s Martin der Mann, Programm Wien 1907 ;
L. Siitterlin, Sprache und Stil in R.s »Waldschulmeister«, Ztschr. f. deutsche Mundarten,
1906, S. 35 und 97 ff.; W. B. Boschann, Stifter und R. als Schilderer der Natur, Berlin 191 3;
S. B. Claes, Erzahlungstechnik in R.s »Buch der Novellen«, Miinster 1924.
Innsbruck. Moriz Enzinger.
Rothpletz, August, * am 28. April 1853 in Neustadt a. d. Hardt, f am 27. Ja-
nuar 1918 in Oberstdorf im Allgau. — R. stammte vaterlicherseits aus einer
schweizerischen Familie. Seine Mutter war eine Pfalzerin. Er wuchs in Neustadt
auf, wo er Privatunterricht empfing, siedelte mit 15 Jahren nach Aarau liber,
besuchte dort das Gymnasium und legte im Herbst 1871 das Abiturienten-
examen in Zurich ab. Er studierte dann vier Semester in Heidelberg, zwei in
Zurich und wurde im Fnihjahr 1875 Geologe bei der sachsischen geologischen
Landesanstalt in Leipzig. Hier blieb er in der ausgezeichneten Schule Hermann
Credners bis zum Herbst 1880, kartierte eine Reihe von sachsischen Mefltisch-
blattern, trieb intensiv Petrographie bei Zirkel und promo vierte zum Dr. phil.
Schon wahrend seiner Leipziger Tatigkeit hatte er seine Urlaubszeiten zu
Studienreisen benutzt. Jetzt streifte er, der wirtschaftlich unabhangig war, alle
Fesseln ab und gab sich iiber drei Jahre lang auf ausgedehnten Reisen und in
Miinchen tektonischen, stratigraphischen und palaontologischen Studien hin.
Im Friihjahr 1882 nahm er seinen Wohnsitz endgiiltig in Miinchen, das ihm
zweite Heimat wurde. Hier habilitierte er sich im Januar 1884 fur Geologie und
Palaontologie und entfaltete neben seiner Forschertatigkeit eine hochst segens-
reiche Lehrtatigkeit, deren auch der Verfasser dieser Zeilen in dauernder Dank-
barkeit gedenkt. Er war nicht nur ein vorzuglicher klarer Vorlesungsredner,
der seine Schiiler in den Kern der wissenschaf tlichen Fragen einf iihrte ; seine
Hauptbedeutung lag vielmehr in seinen Unterrichtsausflugen und -reisen. Auf
ihnen stellte er die hochsten Anforderungen an Korper und Geist. Er zwang
seine Schuler nicht einfach vorgefafite Meinungen zu vertreten, sondern jede
Behauptung zu begriinden, das Gesehene zeichnerisch festzuhalten, alles Hypo-
thetische als solches zu kennzeichnen. So verdanken ihm zahlreiche Genera-
tionen von deutschen und auslandischen Geologen eine glanzende Ausbildung.
Ich selbst bekenne offen, dafi ich von keinem anderen meiner Lehrer auch nur
annahernd so viel gelernt habe wie von R. Dabei war er nach beendigter Arbeit
nicht mehr der Fachmann, der Professor, sondern der vielseitig interessierte
und gebildete Reisegefahrte, voll Freundlichkeit und Witz, ein Feind jeder
Uberhebung und jedes Bonzentumes, ein begeisterter Bewunderer der Schon-
heit der Alpen. So wird wohl jeder, der das Gliick hatte unter seiner Fiihrung
die Alpen zu durchwandern, auch dem ausgezeichneten Menschen R. in dank-
barer Freundschaft verbunden bleiben.
Trotz seiner grofien Leistungen als Forscher und Lehrer verlieh ihm die
bayerische Regierung erst nach 10 Jahren den Titel eines aufierordentlichen
Professors; und erst, als Zittel 1904 starb, wurde er Ordinarius, Direktor der
geologischen und palaontologischen Staatssammlungen und ordentliches Mit-
glied der Bayerischen Akademie der Wissenschaf ten.
Unendlich vielseitig war seine Forschertatigkeit. Hatte er in Leipzig Gebiete
kristalliner Schiefer kartiert und petrographische Fragen verfolgt, so widmet
318 1918
er sich schon dort und spater auch in Miinchen haufig der Erforschung fossiler
Pflanzen und Floren. Die oberkarbonische Flora des Todi in der Schweiz, die
Kulmflora von Hainichen in Sachsen, Fucoiden der Alpen, Kalkalgen palao-
zoischer und jiingerer Formationen waren Gegenstand wichtiger Unter-
suchungen.
Eine Reihe zweifelhafter Reste wie Eozoon, Atikokania, die Oolithe, Spongio-
stromen wurden von ihm mikroskopiert und ausfiihrlich beschrieben. Er ent-
deckte silurische Radiolarien in Sachsen, beschrieb Brachiopoden, Ammoniten
und andere tierische Fossilien aus dem Jura der Alpen, dem Perm, der Trias
und dem Jura Ostasiens, klarte die Faciesverhaltnisse einer Anzahl alpiner
Schichtreihen auf, entdeckte Versteinerungen im nubischen Sandstein der~
Sinaihalbinsel und iiberpriifte den Fossilgehalt der archaozoischen Ablage —
rungen Nordamerikas.
Er beschaftigte sich mit diluvialen Ablagerungen (Hottinger Bresche, Paris^^
Osterseen usw.), klarte merkwiirdige Strukturen der Sedimente auf (Stylo —
lithen, Drucksuturen) , studierte alpine Mineralquellen, suchte die Bildungs —
dauer der Solnhofer Kalksteine zu bestimmen und schrieb so seinen Namen fast
in jedes Kapitel der Geologie mit hohen Ehren ein.
Seine Hauptbedeutung aber lag in seinen tektonischen Untersuchungen tiber*
den Bau der Alpen im besonderen und iiber Gebirgsbildung im allgemeinen. Er
ist einer der ersten, der ausgedehnte horizontale Bewegungen in den Alpen
nachweist. Er deutet sie als Uberschiebungen und gerat so in einen langwahxen-
den Streit mit dem ebenf alls um die Erforschung des Alpenbaues hochverdienten
Albert Heim. Er bekampft zuerst fast allein Heims beruhmte Doppelfalte. Er
erkennt die mechanische Unmoglichkeit einer derartigen Falte und erklart die
Lagerungsverhaltnisse durch eine einfache Uberschiebung. Er studiert die
tJberschiebungen in Sachsen, Skandinavien, Schottland, Nordamerika und den
Alpen und gewinnt immer mehr die Uberzeugung von ihrer grundlegenden Be-
deutung fiir den Bau grofier Faltengebirge. Er tritt deshalb auch in Kampf-
stellung gegen die mittlerweile ihren Siegeslauf beginnende Deckentheorie. Er
glaubt nicht an die Haufigkeit der Falteniiberschiebungen, zweifelt an der
von den Deckentheoretikern angenommenen Richtung der Deckenschiibe
und zwingt so, selbst und durch die Arbeiten seiner Schiller, zu einer sorg-
faltigen Nachprufung des Tatsachenmateriales. In diesem Kampfe, den er mit
der ganzen Zahigkeit und dem Scharfsinne, die alle seine Arbeiten auszeichnen,
jahrzehntelang fiihrte, lieferte er eine Reihe von Arbeiten, die fiir sich allein
ausreichen wurden, seinen Namen in der Geschichte der Geologie dauernd zu
erhalten. Ich nenne vor allem seinen beriihmten Querschnitt durch die Ost-
alpen, den er von Schaftlarn bei Miinchen bis Bassano und Tezze am Siidrande
der Alpen im MaBstabe von 1 75000 maBstabgetreu zeichnete. Weiter sind an-
zufiihren seine » Geotektonischen Probleme« (1894), die » Geologischen Alpen-
f orschungen «, sein kleiner, aber grundsatzlich bedeutungsvoller Aufsatz »Uber
die Moglichkeit den Gegensatz zwischen der Kontraktions- und Expansions-
theorie aufzuheben«. Hier zeigt er schon 1902, daB die Kontraktionstheorie
nicht ausreicht, um die Fiille des Beobachtungsmateriales zu erklaren.
Mag sich auch die Wagschale mehr und mehr zugunsten der Deckentheorie
gesenkt haben, das Verdienst wird R. bleiben als einer der Ersten Decken er-
kannt zu haben ; und es ist noch immer fraglich, ob' nicht die endgiiltige Er-
Rothpletz. Schniitgen 319
klarung des mechanischen Prozesses der Deckenbildung in sehr vielen Fallen
dem von R. angenommenen Typus entsprechen wird.
In seiner Privatdozententatigkeit in Miinchen begann R. seine Schiiler
geologische Karten im MaBstabe von 1:25000 im Karwendelgebirge machen
zu lassen. Spater setzte er diese Tatigkeit durch den allergroBten Teil der
Bayerischen und angrenzende Teile der Tiroler Alpen fort. So hat er personlich
eine geologische Karte in groBem MaBstabe in einem der schwierigsten Teile
von Deutschland geschaffen, eine Leistung wie sie sonst nur eine mit reichen
staatlichen Mitteln ausgestattete Landesanstalt zu erzielen pflegt.
Von anderen Leistungen R.s als Sammlungsdirektor und als langjahriger
verdienstvoller Vorstand der Sektion Miinchen des Deutschen und Oster-
reichischen Alpenvereines sehe ich an dieser Stelle natiirlich ab. Rothpletz
blieb Junggeselle, lebte aber bis zum letzten Jahre vor seinem Tode in einer
ungewohnlich zartlichen und gliicklichen Gemeinschaft mit seiner geistig hoch-
stehenden, aber auch fur die materiellen Bediirfnisse ihres Sohnes auf das
liebevollste sorgenden Mutter.
Nicht yergessen darf werden, daB R. den groBten Teil seines Vermogens der
Universitat Miinchen hinterlieB, damit sie einen besonderen Lehrstuhl fiir all-
gemeine Geologie errichte. So hat er auch da mit klarem Geiste die Richtung
der notwendigen Weiterentwicklung der Geologie erkannt und diese vorwarts-
gedrangt.
Liter atur: Wer eine eingehendere Wiirdigung dieses ausgezeichneten Menschen und
Forschers lesen will, wird sie in dem vortreff lichen Nachrufe von Pompeckj in den Monats-
berichten der Deutschen Geologischen Gesellschaft, Bd. 70, 1918, S. 15 — 35, finden. Dort
sind auch wohl alle seine Arbeiten zitiert und ihrer Bedeutung nach besprochen, wahrend
kiirzere Nachrufe von Broili im Neuen Jahrbuch fiir Mineralogie, 1919, S. XXXIX — UII
und in den Mitteilungen der Munchener Geographischen Gesellschaft, Bd. XIII,
S- 359 — 363, gute Bilder und ebenfalls eine Fiille von personlichen Ziigen enthalten.
Heidelberg. Wilhelm Salomon.
Schniitgen, Alexander, Domkapitular, * am 22. Februar 1843 in Steele an der
Ruhr, f am 24. November 1918 in Koln. — Das Koln, in dem Alexander Sch.
den groBten Teil seines arbeitsreichen Lebens, mehr als 50 Jahre, zugebracht
hat, war von einer besonderen geistigen Struktur. Nirgendwo sonst hat das
Mittelalter so lange und so lebendig die Geister beherrscht, nirgends haben
die Stimmung und die Anschauungen der Romantik so spat nachwirkend
sich unangefochten erhalten, wie hier. Von Koln waren Schlegel und seine
Schuler, die Briider Boisser£e ausgegangen: die altdeutsche Malerei, die hin-
gebungsvolle SiiBe und Frommigkeit der Meister der Kolner Malerschule waren
hier zuerst erkannt und gepriesen worden: hier zuerst bildeten die Werke
dieser alten Meister den Lieblingsgegenstand zahlreicher Sammler unter der
Burgerschaft. Und diese Hinneigung zum Mittelalter und zu seiner iiber-
wiegend kirchlichen Kunst, die sich in der Erhaltung und Pflege der iiber-
kommenen Baudenkmale und in der wissenschaftlichen Erforschung und
Propagierung dieser Kunst dankbare Aufgaben stellte, fand die groBte und
am meisten Begeisterung verlangende im Ausbau des Doms und in der Sorge
fiir seine innere Ausstattung. An diesem Schaffen zur Vollendung des Doms,
das nicht nur eine Kolner, sondern zugleich eine allgemein deutsche Sorge war,
320 I9i8
hat Sch. teilgenommen, seitdem er als junger Kaplan 1866 sein geistliches
Amt am Dom angetreten hat. Erst in dieser Umgebung, in dem romantischen
Klima dieser Domstadt, wurde der junge Westfale, der ebenso durch seinen
hiinenhaften Korperbau wie durch die lebendige Offenheit seines Verstandes
unter seinen Altersgenossen im Priesterseminar schon aufgefailen war, zur
Beschaftigung mit der Kunst, zum Studium und zum Sammeln angeregt. Er
selbst gab gelegentlich zu, daB es mehr nur ein Zufall war, dem er diese Wen-
dung verdankte ; die Studienzeit hatte ihm keine Grundlage an kunstgeschicht-
lichem Wissen gegeben. Das Vorbild der beiden groBen erfolgreichen Kunst-
histonker unter den rheinischen Theologen, Friedrich Schneider in Mainz
und Franz Xaver Kraus in StraBburg, spater in Freiburg, mag ihm vielleicht
vorgeschwebt haben; ausschlaggebender Impuls war indessen sicher der
Genius loci, die Notwendigkeit, an den Fragen teilzunehmen, die mit dem
Dombau zusammenhingen, und der Verkehr mit den fiihrenden Kopfen der
damaligen Kolner Kunstfreunde, an deren Spitze die Briider Reichensperger
standen.
Aus dieser Umgebung nahm der junge Domkaplan die Anregung zu seiner
Beschaftigung mit der Kunst; nie hat ihn der Drang des Systematikers zur
zusammenfassenden Darstellung groBer Kunstepochen verleitet, stets war es
die Realitat der praktischen Aufgabe, die ihn beschaftigte. Den mittelalter-
lichen Kirchenbau zu studieren, gab ihm auBer dem Dom, an dem er amtierte,
diese und jene Dorf- oder Stadtkirche des Rheinlandes AnlaB, die wieder-
hergestellt oder erweitert werden sollte; nach den Originalwerken der kirch-
lichen Goldschmiedekunst hielt er Umschau, weil es ihm am Herzen lag.
nach ihrem Vorbild neue Werke f iir den Kirchengebrauch ausgef uhrt zu sehen ;
und im selben Sinne wandte er seine Aufmerksamkeit den liturgischen Ge-
wandern, den Stickereien und Bildwirkereien und den mittelalterlichen Stoffen
und ihrer Geschichte zu. Neben dem reichen Bestand der Kolner Kirchen-
schatze haben zahllose und ausgedehnte Reisen in alien Teilen Deutschlands
und im Ausland ihm Gelegenheit gegeben, sein Auge zu schulen, seine Kenner-
schaft zu vertiefen, zu Sammlern, Museen und Kennern allenthalben in Be-
ziehung zu treten. So wurde er selbst zum Kenner und Sammler, so ver-
einigte sich in seinem Denken der Drang zur kunsthistorischen Erkennt-
nis mit dem Willen zur Pflege und Erhaltung des Alten und zur Anregung
baukunstlerischen und handwerklichen Schaffens nach dem Vorbild der Alten.
So wenig wie seine Zeitgenossen hat er die Unzulanglichkeit dieser Gedanken-
gange erkannt, die uns heute so selbstverstandlich geworden ist, daB das
Naehahmen alter Kunstwerke nie zu einer eigenen Kunst fuhren kann.
Im Jahre 1888, als unter lebhaftestem Anteil ganz Deutschlands in Miinchen
die beriihmte Kunstgewerbeausstellung »Unsrer Vater Werke « dem Volk vor
Augen stellte, was auf alien Gebieten des Handwerks das Vorbild der alten
Meister an Glanzleistungen des Kunstgewerbes hervorbringe, als unter all-
gemeinem Beif all der Kolner Kunstfreunde aus dem Bestand der alten Samm-
lung Wallrafs das Kunstgewerbemuseum gegriindet und gleichzeitig der Kunst-
gewerbeverein, der das Museum zu fordern bestimmt war — in diesem Jahre
begann Sch. mit der Herausgabe der »Zeitschrift fur christliche Kunst«. Seine
Blatter waren es, die nun monatlich, und schon im ersten Jahrgang in einer
Auflage von mehr als 1000 in die Rheinlande und dariiber hinaus gingen;
Schniitgen 3 21
denn es gibt kein Heft dieser Zeitschrift, in dem Sch. nicht selbst das Wort
nimmt, sei es zur kunstgeschichtlichen Erlauterung eines seltenen Werkes aus
altem Kirchenbesitz, sei es zu Bauvorhaben, Schaffung von Kirchengestuhl,
Altargerat u. dgl., oder endlich zu Fragen der Denkmalpflege. Aus dem Kreis
seiner Freunde und Gleichgesinnten f and er leicht die Schar seiner Mitarbeiter :
Pralat Friedrich Schneider in Mainz, Kanonikus Bock in Aachen, der Jesuit
Stephan Beissel, der eifrige Sammler der urkundlichen Nachrichten iiber
Kdlner Kiinstler und Handwerker, J. Merlo, der Sammler Biirgermeister
Thewalt und viele andere. A. Essenwein, der als Kirchenrestaurator in Koln
damals an GroB-St. -Martin und S. Aposteln tatige Schopfer des Germanischen
Museums, gehort ebenso zu Sch.s Freunden wie zu den Mitarbeitern seiner
Zeitschrift.
Die lebendige Beredsamkeit und Klarheit in diesen durch drei Jahrzehnte
ununterbrochen fortgesetzten kleinen Aufsatzen Sch.s ruhrt nicht so sehr von
einer besonderen schrif tstellerischen Veranlagung, als vielmehr aus einer auf-
gespeicherten Fiille von Kenntnissen, die gerade in dieser Verbindung selten
sind: Theologe, und als solcher vertraut mit Liturgie und Altardienst, mit
Texten und Legenden, zeigt er sich zugleich ebenso unterrichtet iiber die
Fragen der Ikonographie, wie iiber Handwerkstechnik und Herstellungsweise
von Geweben, Goldschmiedewerk oder Email, wie iiber die stilgeschichtlichen
Zusammenhange. Er hat die Eigenschaften des Sammlers, der unendlich viele
seltene und gelaufige Dinge in den Sakristeien und Kirchenschatzen priifend
in der Hand gehalten und von so vielen gleichartigen Stiicken Proben in seinen
Wohnraumen um sich angesammelt hat, mit denen er taglich umgeht. Schon
als 1876 eine Anzahl von Kunstfreunden in Koln im Kasino eine Ausstellung
von alter Kunst aus Kolner Privatbesitz veranstalten, kann Alexander Sch. eine
Sammlung von Hunderten von wertvollen Stoffen, Stickereien und Para-
menten zu dieser Ausstellung beisteuern und beschreibt sie in dem heute noch
beachtenswerten Katalog mit bewundernswerter Sachkenntnis. Mit geringen
Mitteln, aber mit zaher L,iebe hat er den Ausbau dieser seiner Sammlung als
sein Hauptlebenswerk in den folgenden Jahrzehnten mit groBartigem Erfolg
betrieben. Das Koln seiner Zeit gab ihm dazu den geeigneten Boden. Es gab
keine zweite Stadt im Reich, die iiber einen so leistungsfahigen, unterrichteten
und riihrigen Kunsthandel verfiigte wie Koln zur Zeit der Lempertzschen
Auktionen, in denen jahrlich der NachlaB so vieler einheimischen und aus-
wartigen Sammler auf den Markt gebracht wurde,.zur Zeit, als das Sammeln
in irgendwelchem Umfang und Sondergebiet fast selbstverstandliche Gewohn-
heit jedes gebildeten Burgers in Koln war.
Die 30 Bande seiner Zeitschrift und die kostbare Sammlung kirchlicher
Kunst aller Art, die er der Stadt Koln zum Geschenk machte, bilden das
^hrenvolle Denkmal, das Alexander Sch. sich gesetzt hat. Nachdem er 21 Jahre
xiindurch Domvikar gewesen war, wurde er 1887 in das Domkapitel berufen.
Die Universitat Lowen, an der er als Theologiestudent gearbeitet hatte, er-
nannte ihn zum Dr. phil. h. c, Miinster fiigte den Dr. theol. h. c. hinzu; und
in Wiirdigung seiner besonderen Verdienste um das Rheinland verlieh ihm
die Universitat Bonn die Wiirde eines Honorarprofessors, besonders zum Danke
iiir die Mitarbeit an den beiden groBen, fiir die kunstgeschichtliche Wissen-
schaft so ergebnisreichen Ausstellungen in Dlisseldorf 1902 und 1904, in denen
dbj 21
322 I9i8
mit ebensoviel wissenschaftlicher Griindlichkeit als imposanter Sachkenntnis
die rheinische Kunst des Mittelalters zur Darstellung kam. Zu seinem 70. Ge-
burtstag tibergaben ihm seine Freunde ein Kapital von annahernd 100 000
Mark, dessen Zinsen zum weiteren Ausbau seiner Sammlung dienen sollten.
Als am 16. Oktober 1910 die Sammlung Schnutgen in dem stattlichen Erwei-
terungsbau des Kunstgewerbemuseums der Offentlichkeit ubergeben wurde,
zeichnete die Stadt den hochherzigen Stifter dadurch aus, daB sie ihm das
Ehrenbiirgerrecht verlieh,
Koln a. Rh. Karl Schaefer.
Schwerin-Ldwitz, Hans Axel Tammo, Graf v., * am 19. Mai 1847 zu Schwerins-
burg, f am 4. November 1918 zu Berlin. Sohn des Kammerherrn Graf en Viktor
v. Schwerin-Schwerinsburg und der Ida Freiin v. Schimmelmann. — 1865
beim 7. Kurassierregiment in Halberstadt eingetreten, als Fahnrich im
Felde 1866, nach der Schlacht von Koniggratz Leutnant, 1873 — 1876 person-
licher Adjutant des Herzogs Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha, 1878 vermahlt
mit Marie v. Gerstenberg, Tochter des sachsen-altenburgischen Ministers
v. Gerstenberg, 1881 als Rittmeister verabschiedet, iibernahm Hans Sch.-I,. die
Verwaltung des Gutes Lowitz, begann bald die erfolgreiche Moorkultur Maria-
werth, trat 1889 in die Selbstverwaltung als Mitglied des Kreisausschusses
und Kreisdeputierter des Kreises Anklam, 1896 Vorsitzender der pommer-
schen Landwirtschaftskammer, 1899 der Zentralstelle der Landwirtschafts-
kammern, 1901 des preuBischen Landesokonomiekollegiums und des deutschen
Landwirtschaftsrates. Politisch hervortretend 1892 als Mitglied der Vereini-
gung der Steuer- und Wirtschaftsreformer, 1897 des wirtschaftlichen Aus-
schusses zur Vorbereitung von Handelsvertragen und Vertreter im Borsen-
ausschuB, 1893 Mitglied des Deutschen Reichstages, 1897 des PreuBischen
Abgeordnetenhauses in der deutsch-konservativen Fraktion, 1910 — 1912
Reichstagsprasident, 191 1 Wirklicher Geheimer Rat, Dr. h. c. phil. et theol.,
1912 — 1918 Prasident des PreuBischen Abgeordnetenhauses. Sein auBerer
Lebensgang, wie ihn diese Amter und Wurden kennzeichnen, gibt auch seine
eigenartige Bedeutung wieder. Er war eine seltene Vereinigung von Praxis
und Theorie, von Politik und Fachkunst. Aufbauend auf seinen praktischen
Erfahrungen als Landwirt, im besonderen auch als Moorkulturwirt und als
Pferdeziichter, widmete er sich bald so eindringlich dem Studium der Grund-
und Lebensbedingungen des landwirtschaftlichen Gewerbes und der Grund-
lagen deutscher Agrarpolitik, daB er schon nach zehn Jahren praktischer
und verwaltender Tatigkeit Anspruch auf Beachtung im politischen Leben
erheben und in kurzem sich als eine agrarpolitische Autoritat entwickeln
konnte, deren Wort in Schrift und Rede im Vereinswesen, auf Kongressen,
in den Parlamenten wirksam war. Nach und nach vereinigten sich in ihm alle
maBgebenden und offiziellen Vertretungsbefugnisse seines Berufsstandes.
Aus der Fiille seiner Arbeiten laBt sich als roter Faden immer herausfinden
das Ziel: Sicherung der Ernahrung des deutschen Volkes aus eigener Kraft,
Sicherung lohnenden Betriebes und Schutz vor auslandischer Konkurrenz, Er-
haltung einer bodenstandigen, heimattreuen Landbevolkerung. Ein kurzer
Rundblick iiber seine Reden und Aufsatze ergibt die Mannigf altigkeit seiner
Schnutgexu Schwerin-Lowitz 323
Arbeit. Zuckersteuerprobleme, Kalilagerversicherung, landwirtschaftliche Ver-
wertungsgenossenschaften, Aufhebung des Identitatsnachweises und der ge-
mischten Privattransitlager, Zolltarifaufstellung, Beschrankung der Zoll-
kredite, Zollvergiitung fiir ausgeftihrtes Mehl, Zollregulativ fiir die Mehl-
ausfuhr, Miihlenkonten, Quebrachozoll, Meistbegiinstigungsfragen, Handels-
vertrage, Antrag Kanitz, Fleischversorgung, Vieh- und Fleischpreisstatistik,
Arbeiterfahrpreise, Borsengesetzgebung, innere Kolonisation, Reichsfinanz-
reform — alles Stichworte fiir seine griindliche, tiefgehende Beschaftigung mit
den Iyebensfragen der deutschen Landwirtschaft. Er erwartete von der Er-
hohung landwirtschaftlicher Schutzzolle durchaus nicht allein das Heil der
Landwirtschaft, befiirwortet aber freilich ausreichenden Schutz gegen die
Uberschwemmung mit auslandischem Getreide und gegen eine unter ungleichen
Bedingungen arbeitende Konkurrenz des Auslandes. Er kampft in der Hoff-
nung auf eine bessere Zukunft des landwirtschaftlichen Gewerbes, wie sie
durch die einseitige Caprivische Handelspolitik so schwer erschtittert war,
gegen den wachsenden Pessimismus des landwirtschaftlichen Berufsstandes
und sucht ihm den Glauben an eine groBere Prosperitat zu erhalten, dem eine
Steigerung der Unternehmungslust und eine Zunahme der Produktion von
selber folgen. Er ruft dauernd auf zur technischen Hebung und Vervollkomm-
nung der Betriebe zum Zweck sicherster Ernahrungsversorgung. Er vermeidet
es sorgfaltig, einseitige Forderungen zu erheben, er verlangt dimmer nur aus-
kommliche Preise auf moglichst gleichmaBiger mittlerer H6he«, »der Zoll
soil eine Vermehrung der Inlandproduktion ermoglichen, ohne Preisdruck und
Preisfall, so daB der Produzent seine Rechnung findet und der Konsument
nicht belastet wird«. Schon lange vor dem Weltkriege vertritt er den ernsten
Hinweis auf die Notwendigkeit gesicherter Selbsternahrung durch wirtschaft-
liche Riistung fiir den Fall kriegerischer Verwicklungen und stellt die Eigen-
produktion der zur Ernahrung unseres Volkes erforderlichen Nahrungsmittel
als ein nationales Erfordernis hin. Wie er einerseits feststellte, daB der wirt-
schaftliche Aufschwung infolge der neuen Handelsvertrage besonders den
Lohnarbeitern durch gesteigerte I^ohne zugute kam, so daB die Auswanderung
aus Arbeitslosigkeit fast ganz auf horte, so empf and er andererseits die schwere
Sorge des dauernden Arbeitermangels auf dem Lande und die fehlerhafte
Verteilung der Arbeitskrafte zwischen Stadt und Land. Die innere Koloni-
sation ist ihm ein Mittel zur Abhilfe, nicht im Sinne des parteipolitischen
Schlagworts, denn er halt sie nur fiir moglich und aussichtsvoll bei standig
rentablen Preisen fiir die landwirtschaftlichen Erzeugnisse, die eine wirkliche
SeBhaftmachung von bauerlichen und Iyandarbeiterfamilien gewahrleisten.
Er meint zwar (1905), daB in den ostlichen Provinzen 800000 Hektar Land,
das aus bauerlichem Besitz in den GroBgrundbesitz iibergegangen war, wieder
in bauerliche Hande zuruckgefiihrt werden konnte, aber nur in der Voraus-
setzung, daB die Intensitatssteigerung der Getreideproduktion, die im groBen
und ganzen nur vom groBeren Besitz geleistet werden kann, im Interesse
der Sicherstellung der Volksernahrung nicht darunter leidet.
Unermiidlich war er in dem Problem der Fleischversorgung tatig und in
dem Kampf gegen die Verhetzung der Massen durch den Vorwurf des Fleisch-
wuchers gegen den GroBgrundbesitz. Er wies nach (1906), wie 93 Prozent der
ganzen deutschen Viehproduktion von den kleinsten Landwirten gestellt wiirde,
324 x9l8 •
wie notwendig es sei, der Preisnotierungswillkur entgegenzutreten und Anord-
nungen fiir zuverlassige Viehpreisnotierungen an Stelle dieser Willkiir zu
treffen, wie es falsch sei, die Fleischeinfuhr aus dem Auslande zu erleichtern,
statt die eigene Produktion im Inlande zu steigern und sinngemaB in die
groBen Stadte und Industriezentren zu leiten, unter Herabsetzung der exorbi-
tanten stadtischen Gebiihren sowie Eisenbahntarife und Fleischbeschaukosten
und bei Notierung auch nach Lebendgewicht und nach Detailpreisen zur In-
formation der Konsumenten. Statistik der Viehpreise, organisierte Schlacht-
viehversicherung, bakteriologische Institute zur Seuchenerforschung, solche
Forderungen erhob er bei jeder geeigneten Gelegenheit, stets mit dem Ziel,
der Volksernahrung aus eigener Kraft naherzukommen und vom Auslande
sich immer mehr selbstandig zu machen. »Wirtschaftliche Unabhangigkeit
vom Auslande kann sich nur stiitzen auf eine leistungsfahige Landwirtschaft«
(1900). Es war eine der tiefsten Enttauschungen fiir ihn, daB seine Bemuhungen
in dieser Richtung wenig Gehor fanden und daB er noch 1914 zusehen muBte,
wie alle landwirtschaftlichen Produkte noch bis zum Juli hinaus ins Ausland
exportiert wurden. Als der Weltkrieg ausbrach, verdoppelte er in voller Einig-
keit mit den von ihm geleiteten groBen Berufsorganisationen seinen Eifer, der
deutschen Landwirtschaft den »letzten Zentner« abzuringen. Seine Kriegs-
reden und Aufsatze wurden besonders gesammelt, da sie klar und iiberzeugend
wirkten. Von dem Standpunkt aus, daB fiir die Stellungnahme der landwirt-
schaftlichen Korperschaften nur das groBe gemeinsame vaterlandische Interesse
und die Riicksicht auf die auskommliche Versorgung des Volkes, bestimmend
sein diirfe, proklamierte er wiederholt den Satz: »Nicht die Preisfrage, sondern
die Vorratsfrage ist entscheidend «, und schon am 10. August 1914 gab er
namens der deutschen Landwirtschaft die Erklarung ab, daB sie es ablehne,
aus der Kriegslage einen Konjunkturgewinn zu ziehen, und statt dessen Hochst-
preise fiir Brotgetreide, Mehl und Brot fordere ; Schaffung der Vorrate stehe
in erster Linie, gerechte Verteilung auf alle Verbraucher in zweiter, Preis-
stellung erst in dritter Linie. Verminderung der behordlichen Eingriffe in die
Betriebsverhaltnisse, soweit sie nicht die Sicherstellung der Ernahrung be-
treffen, Vermeidung der Gemeinwirtschaft in der Produktion als Todesursache
jeder Unternehmerlust, Verwerfung des Zwangsanbaues oder gar der Zwangs-
bewirtschaftung groBer Giiter als Gipfel des Unfugs ward er nicht miide zu
fordern. Statt dessen empfahl er, wie in Frankreich, hohe Staatspramien fiir
gut bestellte Anbauflachen, fiir ihre Ausdehnung Saatgut aus Staatsmitteln,
Sicherstellung giinstigerer Riibenpreise, Herausholung hochster Ertrage aus
neukultivierten Moorboden. In der Tagespresse warb er fiir voile und
sparsame Ausnutzung der vorhandenen, moglichst gesteigerte, mindestens
aber unverminderte Erzeugung neuer Vorrate, fiir Einschrankung des Fleisch-
verbrauchs auf den friiheren Umfang (1870 entfielen 29 Kilo, 1914 54 Kilo
auf den Kopf der deutschen Bevolkerung, wahrend 29 in Osterreich-Ungarn
und 13 in Italien), damit dadurch 9 Millionen Tonnen Kraftstoffe fiir Minder-
verfiitterung erspart wurden. Durch Vergleich mit den Landern der Entente,
wo in alien Ausfuhrlandern ein beispielloser Riickgang des Getreideanbaues
festzustellen war (wahrend das bei uns 1916 noch nicht eingetreten war)
und wo der Preis des Brotgetreides fast das Doppelte unserer Hochstpreise
erreicht hatte (was der Ernahrung unseres Volkes zum halben Weltmarkt-
Schwerin-Lowitz 025
preise gleichkam), suchte er immer wieder das Selbstvertrauen der Berufs-
genossen und den Siegeswillen des Volkes zu erhohen. Er war sich dariiber
vollig klar geworden, daJ3 wir auch bei Friedensschluft noch lange anf Selbst-
erzeugung angewiesen sein wiirden und daft bei einer durchaus erreichbaren
Selbsternahrung der Zwang zu nationaler Wirtschaftspolitik unabhangig von
internatinonalen Einfliissen geschaffen sei. Er sagte einmal: die Gemein-
bewirtschaftung unserer Vorrate im Kriege wiirde vollkommen entbehrlich
geworden sein, wenn wir in ihm schon so ausreichend iiber selbsterzeugte
Lebensmittel verfiigt hatten, daft eine aUgemeine Einschrankung des Ver-
brauchs nicht erforderlich gewesen ware. Eine reale Sicherheit gegen die
Wiederkehr eines solchen Aushungerungskrieges werden wir nicht in sozia-
listischer Gemeinwirtschaft, von der niemand satt wird, sondern allein in der
Steigerung unserer Iyebensmittelerzeugung bis zur vollen und reichlichen
Selbsternahrung unseres Volkes zu suchen haben. Daft dieses Ziel erreichbar
ist, wird fur keinen Kenner unserer neuzeitlichen Produktionsmoglichkeit
zweifelhaft sein.
So hat die Lebensarbeit des Grafen iiber 37 Jahre hindurch der deutschen
Landwirtschaft gegolten, aus der wirtschaftlichen und politischen Uberzeu-
gung heraus, daft sie die starkste Wurzel unseres Volkstums sei. Wie er in
seinem hauslichen I,eben ein schlichter, frommer Christ und Haushalter, ein
reger, umsichtiger, erfolgreicher I^andwirt, in der groften Familie, der er an-
gehorte, ein treuer Berater gewesen, so setzte er sich in seinem offentlichen
I^eben durch als griindlicher, sachkundiger Forscher, als sachlicher, nie ver-
letzender Redner, in Verhandlungen als verbindlicher, auf den Ausgleich von
Gegensatzen bedachter Diplomat, als Vorsitzender grofter politischer und
landwirtschaf tlicher Korperschaften ein Vorbild unparteilicher und vornehmer
Geschaftsfiihrung.
Sein Nachfolger im Vorsitz des I,andes6konomiekollegiums, der Staats-
minister Freiherr v. Schorlemer-Lieser (f 1922), gab ihm den Nachruf : »Bei
aller Entschiedenheit, bei der festen Uberzeugung, daft er niemals Grund-
satze zum Opfer bringen durfte, war Graf Sch.-L. doch jederzeit bereit, wenn
moglich, zu vermitteln und gegenseitig auszugleichen, und das hat ihm auch
in Kreisen, die ihm ferngestanden, nicht den Ruf des einseitigen Agrariers
und Junkers, sondern das Ansehen eingetragen, das demjenigen nicht versagt
wird, der bei Gelegenheit auch die Interessen anderer Berufe und Stande zu
berucksichtigen und mit den Interessen seines eigenen Berufsstandes auszu-
gleichen bestrebt ist. Und dazu kam sein lauterer Charakter, seine harmonisch
abgestimmte Personlichkeit, die sich stiitzte auf feste religiose Uberzeugung,
auf unentwegte Liebe zu Konig und Vaterland und auf das lebhafte Interesse,
das er bis in die letzten Lebenstage seinen lieben Landwirten und Berufs-
genossen entgegengebracht hat.
Iviteratur: Dr. H. Graf Schwerin, Aufsatze und Reden. Herausgegeben vom Deut-
schen Landwirtschaftsrat, Berlin 1911, Paul Parey. — Fr. Keiser, Kriegsreden und Auf-
satze, Berlin 1916, PreuB. Verlagsanstalt. — Fr. Keiser in DDeutscher Aufstieg«, Bilder
aus der Vergangenheit und Gegenwart. Herausgegeben von H. v. Arnim und Georg
v. Below, 1925. — Mitteilungen der Witwe.
Berlin. Friedrich Ernst v. Schwerin.
326 I9i8
Simmel, Georg, Philosoph und Soziologe, * am i. Marz 1858 in Berlin, f am
26. September 1918 in StraBburg i. E. — S., der in seinen Buchern iiber Denker
und Kiinstler die entwicklungsgeschichtliche Methode verschmahte, um ein end-
gtiltiges, ewiges Bild der Personlichkeit und des Werkes zu umreiBen, hat auch
seine eigene Entwicklung nicht dargestellt, ja vergleichende Riickblicke ver-
rnieden. Doch ist diese Entwicklung in sich selbst und geistesgeschichtlich be-
deutend genug, um Aufmerksamkeit zu verdienen.
S. berichtet in der mit seiner Dissertation gedruckten »vita«, daB er zuerst in
Berlin Geschichte studierte, dabei an den Ubungen Mommsens teilnahm. Um
aber die Schwierigkeit und GroBe der Geschichte besser zu erkennen, habe er
dann bei Lazarus und Bastian, d. h. also bei den Fuhrern der Volkerpsychologie
und Ethnologie, Psychologie gehort und sei von da aus zur Philosophic ge-
kommen. Er erhielt am Ende seiner Studien den Preis fur eine von der philo-
sophischen Fakultat gestellte Aufgabe und promovierte 1881 auf Grund dieser
Preisarbeit : »Das Wesen der Materie nach Kants physischer Monadologie*.
Eine in den abstrakten Grundlinien ahnliche Jugendentwicklung ist bei vielen
Denkern seiner Generation wiederzufinden : von einer Einzelwissenschaft,
iiber deren Prinzipien, die man zunachst in der Psychologie sucht, zur Philo-
sophic Die individuelle Gestalt der Linie aber weist in jedem Zuge etwas fur S.
Wesentliches auf. Zunachst: er ging von der Geschichte aus, nicht wie die
Mehrzahl der Zeitgenossen von der Naturwissenschaft. Diese zog er vielmehr
erst nachtraglich, auf auBere Anregung hin, zur Erganzung heran, wie das
Thema der Dissertation zeigt. Ferner: er weitet seinen Blick iiber die Welt der
Kulturvolker hinaus zu den Primitiven — der Ubergang von der Volker-
psychologie zur Soziologie in S.s Sinn war dann wesentlich der vom Stoff zur
Form. Endlich: die erste groBe historische Gestalt, der er sich zuwendet, ist
Kant, aber zunachst noch der vorkritische. Die der Dissertation angehangten
Thesen behaupten einen naturalistischen Positivismus. Die zweite und dritte
seien alsZeugnisse abgedruckt: »Die Selbstentwicklung des Begriffs des Theis-
mus fiihrt durch Pantheismus auf Atheismus «. »Jede Annahme iiber ein auBer
uns Seiendes beruht auf einer Hypothese; es ist deshalb Aufgabe der Philo-
sophic, soweit sie als Erkenntnislehre Wissenschaftslehre ist, die einfachste
Hypothese ausfindig zu machen, die unter Anerkennung der theoretischen Un-
widerleglichkeit des subjektiven Idealismus ausreicht, um die sinnlichen Er-
scheinungen als reale zu begreifen.« Am 19. Januar 1885 habilitierte sich S.,
nachdem er ein halbes Jahr vorher auf Grund des Kolloquiums abgewiesen wor-
den war, bei der philosophischen Fakultat der Universitat Berlin. Es ist be-
merkenswert, daB unter den von ihm fiir die Antrittsvorlesung vorgeschlagenen
Thematen, neben solchen aus der Ethik, sich auch eines: »t)ber Goethes Philo-
sophic« befand.
Seine Vorlesungen beschaftigten sich anfangs besonders mit Ethik und
Sozialwissenschaft, mit Kant und der »neuesten Philosophic «. Die Bezeichnung
» Soziologie « taucht zuerst (fiir Ubungen) im Sommerhalbjahr 1893 auf. All-
mahlich erweitert sich der Kreis: im Sommer 1898 liest er zuerst iiber Logik
und Erkenntnislehre, im folgenden Winter wird Ethik »mit religionsphilo-
sophischen Exkursen«, im Sommer 1901 » Religionsphilosophie mit Riicksicht
auf die gegenwartigen Iycbensprobleme « angekiindigt. Diese enge Fiihlung mit
der Gegenwart macht sich in den Ankiindigungen immer wieder geltend, so
Simmel
327
wenn er zu der Vorlesung: » Philosophic des 19. Jahrhunderts« hinzusetzt »von
Fichte bis Nietzsche* (Winter 1901/02) oder: » bis Nietzsche und Maeterlingk*
(Winter 1907/08), endlich » von Fichte bis Nietzsche und Bergson« (zuerst : Win-
ter 1911/12). Seltener als man es nach seinen Schriften erwarten sollte, hat er
iiber asthetische Themata gelesen, zuerst Sommer 1902 iiber » Formprobleme
der Kunst«. Trotz ungemeinen Lehrerfolgs und weiten Ruhms verhielten sich
Fakultaten und Regierungen lange ablehnend gegen ihn; am 16. Juni 1900
wurde er zum unbesoldeten auBerordentlichen Professor in Berlin ernannt,
erst 1914 wurde er als ordentlicher Professor nach Strafiburg berufen, wo er
nur noch ein Friedenssemester wirken durfte, dann aber wahrend des Krieges
seine Vorlesungen fortsetzte — er hat hier auch iiber Padagogik und Meta-
physik gelesen. Kurz vor dem Ende des Krieges ist er gestorben, um sein Ende
wissend und bis ans Ende philosophierend. Sein Wesen schildert treffend und
anschaulich der ihm befreundete Dichter Paul Ernst (»Die Badia von Fiesole*
in »AltitalienischeNovellen«, Leipzig, Insel 1907. I, 7). »Der Philosoph war von
Geburt Jude und hatte in merkwurdiger Weise den bestimmenden Ziigen ju-
dischen Empfindens und Denkens einesteils durch den EinfluB der Frau« (S. war
seit Sommer 1890 verheiratet) »welche christlicher Abstammung war, Inhalte
ganz deutscher Art einbilden lassen, andernteils Ziele des philosophischen Ideals
vorgestellt, so daB er sich zu einem wunderbar vielfaltigen Menschen gemacht,
dessen Eigenschaften sich um eine auBerordentlich zahe und starke und wie
ein diinner Stahlstab elastisch gewordene Einheitlichkeit ringten. Er hatte einen
festen Willen und eine groBe Fahigkeit, sich in das Iyeben zu finden, indem er
dessen Zufalliges abstreifte, soweit es ihm nicht genehm war, dem Wesentlichen
aber sich anzwang. Daher f reute er sich einer gliicklichen Auf f assung des Lebens
und eines groBen Genusses an ihm, und wuBte sich selbst das Fremdeste zu
eigen zu machen und als solches dauernd zu besitzen, wenn es ihm nur gefiel.
Durch dieses wandelte er im Laufe der Jahre wichtige Teile seines Menschen,
so daB er, wenn man nur seine Inhalte betrachtete, in zehn Jahren etwa ein
ganz anderer wurde ; aber die Art war immer die gleiche . . . « » Das Wesentliche
dieser Art aber war der lebendige Drang, gleich das Konkrete zu verlassen,
wenn er es kaum beriihrt, und schnell das Abstrakte zu erreichen ; eigene Er-
fahrung, wie ubermittelte Kenntnis betrachtete er nie als Zweck, und selbst
die kiinstlerischen Dinge genoB er nicht lange als die wirklichen Dinge, sondern
bald, indem er iiber das GenieBen nachdachte ; und fast konnte man sagen, daB
er in diesem Nachdenken vornehmlich genoB.« . . . »Und als ein ganz froher
Mensch hatte er oft die schonste Freude, namlich an sich selbst und seiner Art,
und vermochte so durch sein Herz, das nicht schwach und weich war, sondern
stark und warm, sich noch mehr mitzufreuen (welches denn die edelste Gabe
einer anderen Seele an uns ist), wie mitzuleiden. «
In erster Annaherung laBt sich der Entwicklungsgang S.s auffassen als Weg
von einem positivistischen Relativismus zu einer Lebensphilosophie und zu
dem Beginn ihrer tlberwindung. Aber mit solchen allgemeinen Bezeichnungen
ist das Wesentliche, was ihn auszeichnet, nicht gesagt — auch ist nicht zu ver-
gessen, daB schon in den friihen Werken Ansatze der spateren Entwicklung sich
finden und daB S. nie friihere Erkenntnisse verleugnet, vielmehr sie durch
tiefere Einsichten unterbaut hat, ohne daB sie fur ihn in ihrer begrenzten Sphare
die Geltung verlieren. Will man der besseren Orientierung wegen in den stetigen
328 I9i8
Verlauf seines geistigen Lebens Grenzpunkte setzen, so scheinen mir solche am
ehesten durch seinen »Kant« 1904 und durch den Aufsatz »Zur Metaphysik des
Todes« (Logos I, 1910) bestimmbar.
S. hat stets und bewuBt im Zusammenhange mit seiner Zeit gedacht, wenn
auch mehr und mehr ein Gegenwille gegen das nur Zeitliche, eine Richtung vom
Zeitlichen auf das Ewige hin bemerkbar wird. Seine Jugend fiel in die Hochbliite
des Spezialismus ; die Einzelwissenschaftler sahen selten die Notwendigkeit
philosophischer Orientierung und Erganzung, es gab auch Professoren der
Philosophic, die die Philosophic unter die Einzelwissenschaften aufteilen
vvollten, ja S. selbst hat einige Male diese Aufteilung sehr ernsthaft erwogen.
Dabei war Vorbild der Methode allgemein die Physik; im Darwinismus
meinte man das Mittel zu besitzen, durch das man die Mannigfaltigkeit der
organischen Gestalten mechanistisch erklaren konne. Die kapitalistische Um-
gestaltung der Wirtschaft hatte soziale und nationalokonornische Fragen in
den Mittelpunkt des Interesses genickt. Der »historische Materialismus« zog
aus dieser Lage seine Anziehungskraft. Geisteswissenschaftlich gerichtete
Denker muBten so zunachst dazu gefuhrt werden, eine Naturwissenschaft vom
Sozialen zu suchen, als deren Anwendungsgebiete.sich dann Geschichte, Ethik,
Asthetik usw. darstellten.
Dai3 S. mit einer soziologischen Arbeit sein selbstandiges Schaffen begann,
ist also wohl verstandlich. Schon in dieser ersten Arbeit »t)ber soziale Differen-
zierung« (Staats- und sozialwissenschaftliche Forschungen, herausgegeben von
G. Schmoller 10, 1. 1890) faBt er die Aufgabe der Soziologie formal und verhalt
sich gegen soziologische Gesetze skeptisch. Soziologie teile mit Metaphysik und
Psychologie die Eigenttimlichkeit, daJ3 in ihnen entgegengesetzte Satze das
gleiche MaB von Beweisbarkeit und Wahrscheinlichkeit zeigen. Den Grund
dafiir sieht er in der mangelhaften Spezifikation der Begriffe sowie in der
Komplikation und fehlenden Isolierbarkeit der Tatsachen — noch nicht, wie
spater, in dem notwendigen Verhaltnis des Begriffs zum Leben uberhaupt. Die
Gegnerschaf t gegen rasche Vereinheitlichung der Ergebnisse ist allerdings schon
hier getragen von der Liebe zur Mannigfaltigkeit der Dinge und der geistigen
Haltungen. »Wo . . . der Monismus der Anschauungsweise nicht die Differen-
zierung und Individualisierung ihrer Inhalte zum Korrelat hat, da ist er viel-
fach kraftsparend, allein nicht im Sinne der anderweitigen, im ganzen erhohten
Tatigkeit, sondern im Sinne der Tragheit« (a. a. O., 1 19/120). Weit deutlicher
zeigt die »Einleitung in die Moral wissenschaft« (2 Bde. 1892/93) ein doppeltes
Antlitz. Anfangs scheint sie sich durchaus gegen jede Art deduktiver Ethik zu
wenden: aus jedem allgemeinen Moralprinzip konnen gleich leicht entgegen-
gesetzte Folgerungen gezogen werden. So soil fur psychologische, soziologische,
historische Forschungen, die an die Stelle der Ethik zu treten haben, Platz ge-
schaffen werden. An solchen Stellen liest sich die Einleitung etwa wie eine
Ausleitung aus der Moral wissenschaft. Seele und Ich werden in eine Summe von
Vorstellungen und Strebungen aufgelost, die Wahrheit sogar wird quantitativ
als Majoritat der miteinander ubereinstimmenden BewuBtseinsinhalte be-
stimmt. Im Verlaufe des Werkes aber richtet sich die Kritik immer entschie-
dener gegen die Dogmen des Naturalismus, von denen S. doch noch abhangig
bleibt. Die naive Gleichsetzung des Natiirlichen mit dem Verbreiteten einer-
seits, mit dem Wertvollen andererseits erweist sich als Irrtum (I, 86, 96) ; die
Simmel 329
scheinbare Selbstverstandlichkeit des summativen Hedonismus (groBtes Gliick
der groBten Zahl) wird zerstort. Die Moglichkeit anderer Ideale wird aufgezeigt :
Ausbildung der Individuality, reichbewegtes Leben, das jede Art und jeden
Grad von Schmerz wie von Lust empfunden hat (I, 357). Die eigentliche Wert-
setzung entzieht S. (vielleicht schon unter Nietzsches EinfluB) der Wissen-
schaft, weist sie dem moralischen Gesetzgeber, dem praktischen Revolutionar
zu (I, 322). Uneinheitliche Haltung und Mangel an Ehrfurcht vor dem Tiefsinn
groBer Philosopheme haben das trotzdem bedeutende Werk seinem Urheber
verleidet, als er dariiber hinausgewachsen war. Er konnte sich nie dazu ent-
schlieBen, es umzuarbeiten ; wohl gab er Erlaubnis zu einem anastatischen
Neudruck, hat aber zuletzt verboten, das Buch wieder aufzulegen.
Die Tendenz, das Denken dem Leben unterzuordnen, laBt sich in der »Ein-
leitung in die Moral wissenschaft« vielfach spiiren. Aber » Leben « wird noch
nicht als unmittelbar gelebtes Leben, sondern biologisch, als naturwissenschaft-
lich gedachtes Leben wesentlich unter Gesichtspunkten der Darwinschen
Selektionslehre gesehen. Da zugleich der Glaube an eine absolute Wahrheit er-
schiittert ist, wird die Wahrheit selbst als Anpassung verstanden. Nicht so, als
seien nur die Erkenntnisfunktionen Werkzeuge im Dienste der Lebenserhal-
tung, sondern viel radikaler : Wahrheit selbst ist nichts anderes als der Inbegriff
der Vorstellungen, die sich als niitzlich im Lebenskampfe erwiesen haben.
Immerhin wird Wahrheit nicht mehr durch die Mehrheit der Vorstellungen,
sondern durch das Verhaltnis zum Lebensganzen definiert. »Man konnte viel-
leicht sagen : es gibt gar keine theoretisch giiltige Wahrheit, auf Grund deren
wir dann zweckdienlich handeln ; sondern wir nennen diejenigen Vorstellungen
wahr, die sich als Motive des zweckmaBigen lebenfordernden Handelns er-
wiesen haben*. In dem Aufsatze »Uber eine Beziehung der Selektionslehre
zur Erkenntnistheorie« (Arch, f . syst. Philos. 1895), dem dieser Satz entnommen
ist, hat S. den Grundgedanken entwickelt, der bedeutend spater, wesentlich
unklarer und mit ganz anderen Antrieben vermischt, in dem sogenannten
»Pragmatismus« aus Amerika importiert wurde.
Es ist fur S. bezeichnend, daB eine geistigere und reichere Auffassung des
Lebens sich in dem Werke anbahnt, das er dem universellen Mittel der Wirt-
schaft, dem Trager der Mechanisierung, widmete, in der » Philosophic des
Geldes* (1900). Schon das Bekenntnis zur Philosophic, das der Titel enthalt,
deutet darauf hin. » Keine Zeile dieser Untersuchungen, « so heiBt es in der
»Vorrede«, »ist nationalokonomisch gemeint. Sondern der Sinn und Zweck des
Ganzen ist nur der : von der Oberflache des wirtschaf tlichen Geschehens eine
Richtlinie in die letzten Werte und Bedeutsamkeiten alles Menschlichen zu
ziehen. « Es soil die Moglichkeit dargetan werden, »an jeder Einzelheit des
Lebens die Ganzheit seines Sinnes zu finden«. Damit hat S. die ihm eigentiim-
liche philosophische Arbeitsweise erkannt und ausgesprochen. Er hat das zeit-
gebundene MiBverstandnis seiner selbst uberwunden, durch das er sich den
Totengrabern der Philosophic, den Verteilern ihres Erbes an die Einzelwissen-
schaften angescfylossen hatte — er weiB nun, daB ihm umgekehrt alle einzelnen
Erkenntnisse der Wissenschaften wie der Lebenserfahrung nur Wert haben,
sofern er von ihnen aus dem Sinn des Lebens sich nahern kann. Von der absoluten
Schatzung der Einzeldinge her kommt man der Wahrheit naher, wenn manein-
sieht, daB alles Einzelne seinen Sinn erst aus den Beziehungen zu anderem zieht.
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Was S. »Relativismus« (besser ware wohl: »Relationismus«) nennt, ist nicht die
banale Herabsetzung aller Werte durch die ode Formel: alles ist relativ —
sondern die Erkenntnis, daB Wahrheit und Wert jeweils in den ganz bestimmten
Relationen der Dinge zueinander und zum erkennenden oder begehrenden
Subjekte bestehen. »Dies ist die philosophische Bedeutung des Geldes: daB es
innerhalb der praktischen Welt die entschiedenste Sichtbarkeit, die deutlichste
Wirklichkeit der Formel des allgemeinen Seins ist, nach der die Dinge ihren
Sinn aneinander finden und die Gegenseitigkeit der Verhaltnisse, in denen
sie schweben, ihr Sein und Sosein ausmacht.« (S. 85.) Wird so analytisch der
Sinn des Geldes zuriickverfolgt bis zu den Griinden des Erkennens iiberhaupt,
so werden dann synthetisch die Zusammenhange der Geldwirtschaft mit alien
Seiten der modernen Kultur, mit dem ganzen Stil des neuzeitlichen Lebens
aufgewiesen. Die Berechenbarkeit der Natur durch die mathematische Natur-
wissenschaft, die Rationalisierung der staatlichen Entscheidungen durch das
Prinzip der Majoritat und die Geldwirtschaft werden als AuBerungen des
gleichen Geistes begriffen.
Bei aller Weite und Tiefe haben die friihen Werke S.s etwas von geistreichem
Spiele — die Souveranitat eines alles verkniipfenden, alles Einzelne zugleich
benutzenden und verwerfenden, jede Richtung des Denkens radikal verfolgen-
den und durch eine Gegenrichtung widerlegenden Geistes genieBt sich selbst
in ihnen. Uber diese Stufe erhebt er sich, indem er sich Kant in seiner Weise
aneignet. Schon daB er es in dem Vorwort seines »Kant« (1904), der auf sein
Kolleg im Winter 1902/03 zuruckgeht, als seine Absicht ausspricht, »die Kern-
gedanken, mit denen Kant ein neues Weltbild gegrundet hat, in das zeitlose
Inventar des philosophischen Besitzes . . . einzustellen, « zeigt neuen Ernst und
erhohte Verantwortlichkeit. In der Gesetzlichkeit des Subjekts, die als Wesen
des Subjekts iiberhaupt, damit als uberindividuell erkannt ist, begriindet Kant
die Objektivitat neu. Das Eigenrecht jedes der groBen Kulturgebiete, die Er-
kenntnis der besonderen Normen der Wahrheit, der Sittlichkeit, der Kunst —
das ist der eine groBe Gewinn, den die Vertiefung in Kant bringt. Damit ist der
Einheit des Lebensstromes die Getrenntheit autonomer Wertreiche gegeniiber-
gestellt. Die Bewegung, die durch diese Polaritat erzeugt wird, ist von da an eines
der Hauptthemata von S.s Denken. Der zweite Gewinn, der mit dem ersten eng
zusammenhangt, ist die Begrenzung des Relativismus durch den End- und
Richtpunkt eines absoluten »Apriori«. Dabei bestreitet S. freilich dauernd, daB
dieses absolute Apriori in Kants Kategorientafel oder in irgendeiner anderen
Reihe von Begriffen sich auf zeigen lasse ; es ist f iir ihn vielmehr immer hinter
den relativ giiltigen Voraussetzungen als deren letzter Grund zu fordern. Die
Kategorie riickt ihm so in eine Iyinie mit der Kantischen » Idee «, wird im Unend-
lichen liegendes, regulatives Ziel.
Erst durch die Vertiefung in Kant gelingt es ihm, die Frage der geschicht-
lichen Erkenntnis genau zu stellen, die Frage also, die ihn zuerst zur Philosophic
gefiihrt hatte. Die erste Auflage seines Buches »Die Probleme der Geschichts-
philosophie« (1892) enthalt bereits die bedeutende Analyse des geschichtlichen
»Verstehens«, verteidigt schon die Geschichte als »Wirklichkeitswissenschaft«
gegen die Anspriiche der Gesetzeswissenschaften, allein als »Wissenschaft«
zu gelten ; aber noch wird Philosophic als vorlaufige Wissenschaft bezeichnet,
noch herrscht das Ideal des mechanistischen Erkennens, noch fehlt der Begriff
Simmel
331
eines Apriori der Geschichte. Erst die zweite, »vollig veranderte « Auf lage (1905)
stellt die Frage nicht mehr psychologisch, sondern erkenntnistheoretisch und
eroffnet eben darum die Perspektive auf die Zusammenhange zwischen Er-
kenntnistheorie und Psychologie in der Theorie des geschichtlichen Verstehens.
Sicherlich hat S. von den bedeutenden Arbeiten Diltheys, Windelbands und
Rickerts, die zwischen 1892 und 1905 erschienen waren, sehr viel gelernt —
das Wesentlichste aber stammt unmittelbar aus Kant. Wie Kant den Realismus
der naturwissenschaftlichen Erkenntnis iiberwunden hat, so will S. den Realis-
mus der geschichtlichen Erkenntnis uberwinden, ihre Abhangigkeit vom er-
kennenden Subjekt nachweisen. Der »WeltanschauungswerU ist in beiden
Fallen der gleiche: Befreiung vom Historismus wie vom Naturalismus. »Den
Menschen, der erkannt wird, machen Natur und Geschichte: aber der Mensch,
der erkennt, macht Natur und Geschichte <* (2. Aufl., S. VII).
So sehr die »Soziologie« (1908) den AbschluB fruherer Studien bedeutet —
fur ihre Ausfiihrung ist der Durchgang durch Kant ebenfalls wichtig geworden.
Soziologie wird als Lehre von den Formen der Vergesellschaftung aufgebaut,
dadurch von alien inhaltlich orientierten Kulturwissenschaften einerseits, von
der Psychologie andererseits abgetrennt. Die Tatsachen aus alien Teilen des
sozialen Lebens, aus alien Geschichtsperioden und Kulturen dienen doch nur
zur Illustration der Formenlehre. So wird eine Ubersicht iiber die Moglichkeiten
geboten, innerhalb deren die Wirklichkeit sich entfaltet. Die Haltung ist be-
wuBt einzelwissenschaftlich. Aber neben der erkenntnistheoretischen Begriin-
dung herrscht in dem Werke noch ein zweites philosophisches Interesse:
hinter dem Spiel der Erscheinungen wird das soziale Leben als spannungs-
haltige Einheit sichtbar. Der soziale Kampf ist nicht etwa Stoning der sozialen
Einheit, er wird vielmehr als gesellschaft-aufbauend erkannt. Die heraklitische,
den Kampf und die Bewegung bejahende Richtung bestimmt — unter Nietz-
sches EinfluB — S.s Denken immer entschiedener.
Ein nahe verwandter Gedanke vertieft dann in der Abhandlung »Zur Meta-
physik des Todes« (1910) die Lebensphilosophie. Der Tod ist kein »Parzen-
schnitU, der den Lebensfaden willkurlich durchtrennt, kein auBerliches
Schicksal, das auch wohl ausbleiben konnte — er ist dem Leben wesentlich ;
Leben existiert nur als todeshaltiges, seiner selbst bewuBtes Leben nur als todes-
bewuBtes. Wie das Leben sein Ende in sich aufnimmt, so auch seinen Gegensatz :
das t)berlebendige, die Idee, die strenge, gultigeObjektivitat der Wissenschaft,
der Kunst, der Sittlichkeit. Leben will nicht nur mehr Leben, wie W. H. Rolph
(Biologische Probleme 1882) und Nietzsche im Gegensatze zu der Darwinschen
Lebenserhaltung gesehen hatten, es will immer auch » mehr als Leben «. Mit dieser
Wendung wird die Lebensphilosophie zugleich Kulturphilosophie. Das Leben
wird Geist, es sucht die Form, die selbstandige eigengesetzliche Objektivitat
der Wirtschaft, des Staates, der Wissenschaft, der Kunst — und doch zerbricht
es als Lebensstrom immer von neuem diese Formen ; denn sie vergewaltigen
das Leben. Das Leben erzeugt aus sich immer von neuem seine hohere Stufe,
die zugleich etwas ihm Notwendiges und etwas ihm Feindliches einschlieBt. Die
Zwiespaltigkeit des Geistes und der Kultur ist also im Leben selbst begriindet
und darum echt tragisch. Mit dem Leben bejaht S. auch diese seine Tragik,
d.h. er wird von ihr weder zur Abkehr vom Leben noch zur Abkehr von der
Kultur getrieben. GroBte Lebensfulle, hochste Spannung desErlebens ist ihm
332 I9i8
unzweifelhaft wertvoll — an diesen Wert, sein personliches Apriori hat der
kritische Scharfsinn seines Geistes nie geriihrt, was um so bemerkenswerter ist,
als Stoa, Buddhismus und mindestens eine Grundrichtung des Christentums
in der Ablehnung dieses Ideals der Erlebnisfulle einander begegnen. Gerade in
seiner durchaus positiven Stellung zum Leben folgt S. Goethe. Da er den tiefen
Zwiespalt in allem Leben langst erkannt hatte, konnte der Krieg seine An-
schauung nicht erschiittern, nur durch die grundlose Liebe zu Deutschland, die
rational zu rechtfertigen er verschmahte, vertiefen. Allerdings wurde er auch,
obgleich jetzt mehr dem ewigen Sinne einzelner groBer Personen zugewandt,
durch die Ereignisse zu einer Deutung der zeitlichen Lage getrieben. Die all-
gemeine Tragik der Kultur, daB ihre hochsten Erzeugnisse das Leben hemmen
und vora Leben darum wieder zerstort werden, sieht S. in der Gegenwart zur
Krise sich zuscharfen. Daher die Feindschaft gegen die Formen als solche, nicht
nur gegen bestimmte erstarrte Formen, die der Expressionismus bedeutete.
Deshalb auch ist der Begriff » Leben «, der einen Gegensatz zu der driickenden
Sachkultur bildet, zum Grundbegriff alles Philosophierens geworden, in dem wie
in alien solchen Grundbegriffen, wie einst in Substanz, Gott, Sein, zugleich
Existenz und Wert gedacht werden. S. erkennt als zeitbedingt, kritisiert und
uberschreitet damit einen Lebensbegriff, der zu einem Jenseits des Lebens, zu
den strengen Formen der Sachkultur in Gegensatz stent — als das Ziel kiinf-
tigen Philosophierens steht ihm ein Begriff des Lebens vor dem Geist, der das
Leben und seine Gegensatze, den Tod wie die iiberlebendige Form, umspannt.
S. braucht gelegentlich fur seine Philosophic den, wie er weiB, altmodisch
klingenden Ausdruck »Lebensweisheit« in einem neuen, pragnanten Sinn: sie
ist ihm das Wissen um das Leben und zugleich die Weisheit, die das Leben
ehren und f iihren hilft. Er denkt durchaus immanent — alles, selbst die Wahr-
heit, ist abhangig von unserem Leben und Erleben. Trotzdem ist er »Meta-
physiker* — aber nicht indem er ein vom Erleben unabhangiges Sein erreichen
will, sondern indem er das Erleben selbst von einem Tieferen getragen fiih.lt.
Diese Hingegebenheit an ein Urspriingliches ist es, in der er die Religion be-
griindet weiB — ganz unabhangig von alien besonderen Inhalten des Ge-
glaubten, die historische oder philosophische Kritik antasten konnte. So
spricht er das ozutiefst Religiose in Goethe* damit aus, »daB ihm das Absolute
ein Wert ist, daB ihm der Wert nicht an Unterschiede geknupft ist« (» Goethe^
S. 168).
S. hat seine Lehren nie systematisch entwickelt, und das nicht etwa, weil
er nicht fertig damit geworden ware, sondern weil er es nicht wollte, ja nach
seiner ganzen Einstellung nicht wollen konnte. Er versenkte sich mit voller
Liebe in jede Seite, sogar in jede Einzelheit, die sich seinem Geiste darbot^
und er zeigte, wie man von jedem Punkte aus in die Tiefen des Lebens hinab-
stoBen kann. Diese Verbindung von scharfster Analyse und tiefsinniger Deu-
tung gibt Aufsatzen wie dem iiber den Henkel oder uber den Schauspieler eine
ganz einzigartige Anziehungskraft. Eine andere Gruppe von Arbeiten hat er
groBen Personlichkeiten gewidmet. Auch sie sind von einer ganz besonderen
Art — weder objektive Darstellung des Werkes oder der Lehre, noch historische
Einordnung, noch Biographie, sondern reine Herausarbeitung dessen, was er
als das ewig Wertvolle an dieser einmaligen Personlichkeit und ihrer Leistung
erkennt. Hierher gehort in gewissem Sinne schon der » Kant «, dann » Schopen-
Simmel
333
hauer und Nietzsche*, » Goethe «, » Rembrandt «, ferner Aufsatze iiber Michel-
angelo, Stefan George, Rodin, Bergson. Alle diese Essays und Biicher enthalten
aufier dem idealen Portrat ihres Helden grundsatzliche Untersuchungen, im
» Rembrandt* iiberwiegt das allgemein Kunstphilosophische entschieden. Das
sind keine auBerlichen Zutaten — vielmehr die groBen Personlichkeiten sind
ihm wichtig, weil sich von ihnen aus das allgemein Bedeutsame in besonderem
Aspekt zeigt. Individualitat reicht fur S. tief in die letzten Werte und Wert-
gestalten hinein. Ihm ist nicht Einzigkeit, nicht die jedem Stticke Wirklichkeit
anhaftende Besonderheit, sondern »Eigenheit« der wesentliche Sinn der Indi-
vidualitat. Den Kantischen Gegensatz von Sollen und Sein sieht S. in jedem
individuellen Leben. Noch weit radikaler als Kant will er das Sollen von jeder
Art von Zweckhaftigkeit trennen — das Leben selbst, weil es mehr als Leben
will, erzeugt aus sich ein Sollen, das das Leben beherrscht. Dies Sollen ist fur
jedes Individuum seinem Wesen (nicht seinem Wollen!) entsprechend ein
anderes — und of fenbart sich ihm als Ubereinstimmung der Tat mit der To-
talitat des Lebens. »Statt des eigentlich oden Nietzscheschen Gedankens:
Kannst du wollen, daB dieses dein Tun unzahlige Male wiederkehre — setze ich :
Kannst du wollen, daB dieses dein Tun dein ganzes Leben bestimme ? « (»Lebens-
anschauung«, S. 241). DemgemaB iiberwindet derEinzelne dieSchranken seiner
Eigenart nicht durch abstrakte Allgemeinheiten, sondern durch Verstehen des
individuellen Gesetzes groBer Personlichkeiten. So gliedern sich die ideal-bio-
graphischen Darstellungen seinem Werke ein. — Entsprechend bedeutet ihm
Ewigkeit kein Jenseits der Zeit, noch weniger etwa unendliche Zeit, sondern
Uberzeitlichkeit innerhalb des zeitlichen Verlaufs selbst. So versteht man einen
Satz aus dem nachgelassenen Tagebuch: »Wie mein Problem ist: Objektivie-
rung des Subjekts oder vielmehr: Entsubjektivierung des Individuellen (jenes
ist mehr Sache von Kant und Goethe), so auch die Ewigkeitsbedeutung des
Zeitlichen. <n
Literatur : Ein Verzeichnis der zahlreichen Aufsatze S.s in Zeitschriften und Zeitungen
fehlt. Das Wesentliche seines Werks ist in seine Biicher eingegangen, die hier in der
Reihenfolge ihres ersten Erscheinens aufgefuhrt seien: Die Probleme der Geschichts-
philosophie, 1892 (2., vollig veranderte Aufl. 1905, 3., erweiterte Aufl. 1907); Einleitung
in die Moralwissenschaft, 2 Bande, 1892/93; Philosophic des Geld es, 1900 (2., vermehrte
Aufl. 1907); Kant, 1904; Kant und Goethe 1906; Schopenhauer und Nietzsche, 1907;
Soziologie, 1908; Hauptprobleme der Philosophic (Sammlung Goschen), 19 10; Philo-
sophische Kultur, 191 1 (2. um einige Zusatze vermehrte Aufl. 1919); Goethe 1913; Rem-
brandt 1 9 16; Grundfragen der Soziologie (Sammlung Goschen), 191 7; DerKriegund die
geistigen Entscheidungen (Reden und Aufsatze), 191 7; Der Konflikt der modernen Kultur
(Ein Vortrag), 191 8; Lebensanschauung. Vier metaphysische Kapitel, 1918. — Nach
Simmels Tode sind auf seine Anordnung hin erschienen : Zur Philosophic der Kunst, 1922 ;
Schulpadagogik, 1922; Fragmente und Aufsatze aus dem NachlaO und Veroffentlichungen
der letzten Jahre, 1923. — Weiterer wissenschaftlicher NachlaC existiert nicht. — t)ber
Simmel: Max Adler, G. S.s Bedeutung f iir die Geistesgesehichte, Wien 1919; A. Mamelet,
La philosophic dcG.S., Rev. de MUaph. ctdeMor., 1912 — 1913 (auch als Buch 1914). —
Unter den Nachrufen bemerkenswert die Aufsatze von Frischeisen-Kohler, Kant-Studien,
Bd. 24; Kracauer, I,ogos, Bd. 9; Utitz, Zeitschr. f. Asth., Bd. 14. — Fiir freundliche
Auskiinfte und Angaben bin ich der philos. Fakultat der Universitiit Berlin und Frau
Gertrud Simmel, geb. Kinel in Jena zu Dank verpflichtet.
Freiburg i. B. Jonas Cohn.
334 I918
VoB, Richard, Dichter, * am 2. September 1851 in Neu-Grape, Pommern,
f am 10. Juni 1918 in Berchtesgaden, Oberbayern, vermahlt 1878 mit Melanie,
geb. v. Glenck aus Basel, wuchs in Berlin und Thiiringen auf, ging als frei-
williger Krankenpfleger in den Krieg 1870/71, studierte in Jena und Munchen
und lebte dann in Berchtesgaden, in Rom und Frascati, in Munchen und Berlin.
In seinen letzten Lebensjahren fuhrten ihn weite Reisen nach Griechenland,
Agypten und Indien. Paris und London hat er nie gesehen. Italien kannte und
liebte er wie wenige. Seine ersten Bekenntnisse, »Nachtgedanken auf dem
Schlachtfeld von Sedan « und »Visionen eines deutschen Patrioten« (1872) er-
regten ein gewisses Aufsehen. Sie galten dem Grauen des Krieges. Des Dichters
letzter Roman »Die Erlosung« sucht verzweifelt den Ausweg aus den Schrecken
und Verwilderungen des groBen Weltkrieges. Den »Visionen« folgten »Die
Scherben« (1875). Nicht mit Unrecht hat man diese Skizzen Vorlaufer des
Naturalismus genannt. Ein Stuck daraus » Von der Gasse« war von ungewohn-
licher, realistischer Schilderungskraft und wurde in die ausgewahlten Werke
aufgenommen. Seinen ersten groBen Erfolg dankt V. seinem preisgekronten
Drama »Die Patrizierin «. Es wurde 1881 in Frankfurt aufgefuhrt. Der Dichter
blieb dann etwa ein Jahrzehnt hindurch der gefeiertste der deutschen Dra-
matiker. Besonders seine Dramen » Alexandra «, »Eva« und »Schuldig« waren
von alien Theatern begehrt. Als Richard V. fuhlte, daB auf der Buhne ein ganz
neues Geschlecht mit ganz anderem Wollen als das seine war, besonders von
der Jugend sturmisch begriiBt wurde, entsagte er freiwillig dem Drama. Er hat
das Gelobnis, nicht wieder furs Theater zu dichten, bis an sein Lebensende
tapfer gehalten. Uns scheint heute der Hohn, mit dem die Kritik der damals
Jungen das Werk von Richard V. uberschiittete, ungerecht und kurzsichtig. Das
echte Buhnenblut dieser Stiicke, die starke Phantasie, die sich der heran-
drangenden Flut der Gestalten kaum erwehrt, die instinktiv sichere Technik
und der Sinn fur groBe und dekorative, wenn auch theatralische Wirkungen,
schlieBlich die schwarmerische, weiche und weltfremde Menschenliebe geben
diesen Dramen doch ein eigenes Gesicht, und besonders die heranwachsende
Jugend konnte auch heute noch dafiir empfanglich sein. Betrachtet man die
Dramen literargeschichtlich, so erscheinen sie als Versuche auf dem Weg vom
franzosischen Gesellschaftsdrama und vom deutschen Epigonenstiick zum
Realismus, auch die Einwirkung von Ibsen macht sich bemerkbar. Eben weil
sie ganz weder das Alte noch das Neue waren, hat sie die damalige Jugend ver-
urteilt ; uns werden sie durch ihre Zwischenstellung eher interessant. Jedenf alls
hatte man den franzosischen Stiicken der Sardou, Augier und Dumas Fils
ebenso scharf widersprechen sollen, wie ihren V.schen Gegenbildern ; das ge-
schah naturlich nicht.
Richard V., der rasch und fieberhaft dichtete, hat sich schon friih der Novelle
und dem Roman zugewandt und verschrieb sich ihnen in den letzten Jahrzehnten
seines Lebens ganz. Aus der langen Reihe seiner Erzahlungen ragen einige ita-
lienische Novellen hervor — in einer Blutezeit deutscher Novellen entstanden
und Meisterstiicke ihrer Gattung — durch die Glut und Anschaulichkeit der
Schilderung, durch die Leidenschaft des Erlebens, durch die starken Span-
nungen und durch die ausgezeichnete Abrundung der Themen, ebenso durch
die Vorliebe fur die seltsamsten Begebenheiten, etwa aus der Welt des Spiritis-
mus. Wir nennen » Maria Botti«, »Die Villa Falconieri«, »Der Tugendpreis*,
v°fi 335
»Die Calmadolenserin «, »Der gute Fra Checco «. Aus spaterer Zeit mochten wir
»Die Herzogin von Plaisance* und die agyptischen Novellen riihmen, und von
den deutschen Geschichten »Der Monch von Berchtesgaden «.
Von den groBen Romanen gelangten »Zwei Menschen« zu beispielloser Ver-
breitung (1910 erschienen, jetztim 560. Tausend vorliegend). Kiinstlerisch be-
deutender scheinen uns » Michael Cibula«, »Dahiel der Convertit« und » Richards
Junge«. Auch der Aufbau der Romane zeigt den erfahrenen Biihnendichter, der
zu spannen und zu steigern weiB ; einzelne Szenen von starker erregender Kraft,
von berauschender Schonheit der Schilderung, vom zartesten Gefiihl und von
lebendiger Echtheit pragen sich jedem Leser ein. Sehnsucht nach Reinheit und
Schonheit und nach der groBen und unberiihrten Natur und ihren elementaren
Gewalten verklaren diese Konfessionen und tiefes Mitleid mit den Armen und
Schwachen. Immer von neuem erhebt sich der Kampf des angeborenen und
echten religiosen Empfindens mit den starren und grausamen Gesetzesvor-
schriften der geltenden Religion. Eine gewisse Weltfremdheit, Mangel an
Selbstkritik, fortwahrende Ubertreibungen und Verherrlichungen, falsches
Pathos und ein Schwelgen in Sensationen und manchmal auch im Ent-
setzlichen, sind ihre Schwachen. Unter der langen Reihe der hier nicht ge-
nannten Romane sind viele rasch und fliichtig hingeworfen oder mit er-
lahmender Kraft geschrieben, schwachliche und breite Wiederholungen von
Themen, die der Dichter fruher wirksamer und besser gestaltet hatte. Alles
in allem scheinen aber die besten Romane von Richard V. ein Besitz
unserer Dichtung, der besonders wieder jungen Menschen die Augen fur die
Welt der Schonheit und Liebe offnen und sie mit Begeisterung und Mitleid
erfullen kann.
Als kiinstlerische Personlichkeit gehort Richard V. in die Zeit und Welt von
Richard Wagner und Franz Liszt, von den Meiningern und Ludwig II. von
Bayern, von Lenbach und Makart. Mit ihnen gemeinsam hat er auch den Hang
zu einer etwas theatralischen Pracht und zu furstlichem Auftreten. Gleich-
zeitig fuhlte V. sich lebhaft zur Zeit unserer klassischen Dichtung hingezogen.
Ohne Schiller mochte er nicht leben. Die Freundschaft mit dem GroBherzog von
Weimar empfand er als heiliges Vermachtnis. Uberhaupt war dieser schwar-
merische Dichter in Freundschaft unersattlich ; weich und empf indsam wie er
war, von der maBgebenden Kritik selten anerkannt und in seiner besten Zeit
durch rauschende Erfolge verwohnt, verlor er leicht den Glauben an sich selbst
und bedurf te der Anlehnung an andere ; er wollte auch gern verwohnt und ver-
hatschelt sein. Eine groBe und bezaubernde Liebenswiirdigkeit und echte Gute
gewannen ihm viele Herzen. Er hatte das Bediirfnis, alien, die er verehrte, die
zartesten Aufmerksamkeiten zu erweisen. Von seiner treuesten und auf-
opferndsten Freundin an, von seiner Frau, die ihn in alien seinen Krankheiten
und in seinen vielen schlaflosen Nachten giitig behiitete, hat er viele Frauen ge-
funden, denen er sich gern anvertraute und die ihn trosteten, aufrichteten und
ermutigten. AuBer dem GroBherzog von Weimar waren der Herzog von Mei-
ningen Georg II. (s. DBJ. 1914, S. 23 ff.) und der Herzog-Regent Albrecht
(s. unten S. 547 if.) seine nahen Freunde. Viele von den Kiinstlern und GroBen
seiner Zeit hat er gut gekannt, vielen in seiner Villa Falconieri und seinem
Haus in Berchtesgaden die giitigste Gastfreundschaft erwiesen, wie er auch
seinen Dienern und Dienerinnen immer ein giitiger Herr war. — Die Erinne-
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rungen von V. » Aus einem phantastischen Leben« sind fast ein Bild des ganzen
geistigen und kiinstlerischen Deutschland von 1870 bis 1918.
Literatur: Die Selbstbiographie von Richard V.: »Aus einem phantastischen Leben*,
erschien 1920, seine Gesammelten Werke 1923. Diese enthalten das meiste von seinen
best en und charakteristischen Dichtungen. Ein ziemlich vollstandiges Verzeichnis seiner
Werke findet man in den friiheren Jahrgangen des Kiirschnerschen Literaturkalenders.
Koln. Friedrich v. der Leyen.
Wedekind, Benjamin Franklin, Schriftsteller, * am 24. Juli 1864 in Hannover,
•f am 9. Marz 19 18 in Miinchen. — Frank W. entstammt vaterlicherseits einem
alten niedersachsischen Geschlechte, das eine groBe Reihe von Beamten,
Juristen und Medizinern hervorgebracht hat, miitterlicherseits einer schwa-
bischen Kaufmannsfamilie von betriebsamer, unruhiger, origineller, freiheit-
licher und kiinstlerischer Art. Die iibergroBen Gegensatze der Eltern, in deren
Adern iibrigens kein jiidisches Blut floB, erklaren seinen menschlichen und
dichterischen Charakter.
Die Kinder jahre in Hannover blieben ohne besonderen EinfluB und waren
auch schon 1872 zu Ende, als der Vater wegen der ihm unsympathischen Ent-
wicklung der politischen Verhaltnisse in die republikanische Schweiz iiber-
siedelte. Die Jugend- und Schulzeit auf dem vaterlichen Schlosse I^enzburg, im
gleichnamigen Stadtchen, und im benachbarten Aarau war die glucklichste und
eindrucksreichste seines Lebens. Friih schon kannte er Dichter und Philo-
sophen, betatigte sich auch selbst literarisch nach Muster von Wieland, Burger
und Heine und hatte lebhaftes Interesse furs Theater, wurde aber zum juri-
stischen Studium bestimmt, das er nach einem schongeistigen Lausanner Hoch-
schulsommer im Herbst 1884 in Miinchen begann. Am liebsten horte er kunst-
und kulturgeschichtliche Vorlesungen und machte sich sehr vertraut mitMusik
und Theater. Ein Jahr spater war er heimlich entschlossen, Schriftsteller zu
werden und fiihrte sein Universitatsleben jetzt nur noch als Fristung fur sein
erstes groBes literarisches Werk, das ihn rechtfertigen sollte. Dies aber lieJ3 auf
sich warten, und als er im Herbst 1886 seinem Vater die eigenmachtige Ver-
wendung der Studienzeit gestehen muBte, kam es zu einem Bruch. Frank wurde
gezwungen, seinen Unterhalt eine Zeitlang als Pressechef der Firma Maggi in
Zurich, sowie als Feuilletonist zu suchen, wahrend er gleichzeitig noch Anlaufe
zu groBen Dichtungen machte. Dberarbeitet, enttauscht, entkraftet brach er
zusammen und bat um Gnade. Der Vater gab ihm noch einmal Mittel, um sich
im Winter 1887/88 dichterischen Arbeiten widmen zu konnen, gegen die Ver-
pflichtung, vom Sommersemester 1888 ab seine juristischen Studien zu Ende
zu fiihren. DaB dies nicht geschah, lag an der Selbstbestatigung, die er in dem
jungen Ziiricher Dichterkreise von Henckell, Carl und Gerhart Hauptmann,
Mackay, v. Stern, Hille und anderen erfuhr, sowie an dem plotzlichen Tode des
Vaters.
Jetzt konnte ihn niemand mehr daran hindern, seine ganze Zeit und Kraft
auf Schriftstellerei zu verwenden. Eine kleine Erbschaft bot ihm Freiheit genug.
In Berlin vermochte er sich im Fruhling 1889 nicht recht einzugewohnen, um
so besser aber wieder in Miinchen, wo er vom Sommer des Jahres bis zum
Herbst 1891 wohnte und den Sockel seiner Kunst schuf . Fertig wurden die aus
VoD. Wedekind 337
Familien- iind Kindheitserinnerungen erwachsenen » Kinder und Narren* (»Die
junge Welt«) und »Friihlings Erwachen«, begonnen »Der Liebestrank«, letzteres
Stiick unter dem Eindruck seines genialischen Freundes, des Artisten W. W.
Rudinoff.
Im Dezember 1891 lieB er sich im Triebe nach volliger literarischer Unab-
hangigkeit in Paris nieder, wo er mit ktirzeren Unterbrechungen (erste Halfte
1894 in London) bis Februar 1895 blieb und sich eifrig dem Studium des Lebens
und der Liebe hingab. Hier lernte er die bestimmende Personlichkeit Willy
Gretors kennen. Aus einer Neigung zu Ballett, Zirkus und Variety entstanden
seine Pantomimen, und in diesem Geiste wurde auch der »Liebestrank« abge-
schlossen. Das wichtigste kiinstlerische Produkt jener Zeit aber war die fiinf-
aktige Monstretragodie »Die Biichse der Pandora «. Im Ringen um dieses Werk
und seinen Stil gewann W. so viel innere Klarheit und EntschluBkraft, daB er
sich fortan in den Zentren Deutschlands um die Eroberung der Buhne bemiihte.
Von der Schwierigkeit des bevorstehenden Kampfes hatte er natiirlich keine
Ahnung. Die Auf f iihrung des ersten Teiles seiner » Biichse der Pandora « durch
die Leipziger liter arische Gesellschaft im Februar 1898 war sein erster Erfolg.
Mit seinem nachsten Stiick, dem » Marquis von Keith « nach dem Modelle Willy
Gretors, tat er kiinstlerisch einen bedeutenden Schritt vorwarts, hatte aber
gerade wegen dieses groBeren Willens damit auf dem Theater zunachst kein
Gliick, wahrend der ungleich schwachere Einakter » Kammersanger « viel ge-
spielt wurde.
Seinen Aufenthalt wechselte W. haufig und war bald in Berlin, bald in
Leipzig, in Dresden, in der Schweiz, hauptsachlich aber in Miinchen, wo er Mit-
arbeiter des soeben gegriindeten »Simplizissimus« wurde, in welchem seine
Lyrik und Epik Aufsehen erregte. Fiir ihn verfaBte er seine scharfen politischen
Gedichte. Wegen Majestatsbeleidigung verklagt, floh er nach der Schweiz und
Paris, stellte sich aber doch, um nicht den Boden zu verlieren, den Gerichten
und verbiiBte nach kurzer Gefangnishaft den Rest seiner Strafe vom September
1899 bis Marz 1900 auf der Festung Konigstein. Die folgenden Jahre muBte er
wirtschaftlich Not leiden. Miihsam hielt er sich durch das Kabarett liber Wasser,
dessen bedeutendstem, den Miinchener »Elf Scharfrichtern«, er von Friihling
1901 bis Winter 1902/03 angehorte. Der erfolgreiche Kabarettsanger empfand
das Schicksal seines groBen » Marquis von Keith « doppelt traurig. Das Schau-
spiel » Konig Nicolo« (»So ist das Leben«) ist ein etwas sentimentales Spiegelbild
des Kampfes um seinen kiinstlerischen Charakter. Krankheit und Verlags-
schwierigkeiten brachten ihn der Verzweiflung nahe, doch besserten sich seine
Verhaltnisse seit 1904 langsam.
Durch nichts hat W. seine Sache so sehr gefordert als durch den EntschluB,
sich der Schauspielkunst zuzuwenden und selbst auf der Buhne fiir sein Werk
und seinen Stil einzutreten. Griindlicher Unterricht brachte ihm Technik bei,
und bald war er imstande, seine Personen mimisch zu verlebendigen, weitab
vom naturalistischen Schema. Er wuBte wie nur ganz Wenige, daB Seele und
Inbegriff der Schauspielkunst ist, Leidenschaften zu verkorpern. Er packte
seine Gestalten bei diesem ihrem Charakterzuge, bei ihrer Agilitat, ihrer ent-
schlossenen Intelligenz und hatte dafiir die Seelenglut, die Geistigkeit und das
Tempo. Die innere Wahrheit, der Ernst, die Besessenheit gaben seiner Darstel-
lung ihren auf der Buhne seiner Zeit sonst kaum vorhandenen Zug von Damonie.
DBJ 22
338 i9i8
Was er als Darsteller bis zu seinem Tode ohne Ermiiden erstrebte, das hat er
auch theoretisch klar ausgefuhrt in seinem Glossarium »Schauspielkunst«.
Anerkennung fand er besonders als Karl Hetmann in der »Hidalla«, einem
Drama, welches dem Stoffkreise seines f ragmentarisch hinterlassenen, umfang-
reichen Werkes uber korperliche Erziehung, »Die groBe I,iebe«, entstammt und
die alteren Standpunkte in ironisch-tragischer Beleuchtung zeigt. Eine willige
und fahige Helferin im Theaterspiel, eine treue Frau voll Feingefiihl, Opfer-
kraft und heroischer GroBe wurde ihm die junge Grazerin Tilly Newes, die ihm
auch zwei Tochter schenkte. Die zeitweilige Verbindung als Darsteller mit
Max Reinhardt, so gewiB sie ihn gefordert hat, envies sich auf die Dauer als un-
haltbar ; er bedurf te groBerer Freiheit und auch groBerer Sicherheit und Ruhe,
als ihm dort und iiberhaupt in Berlin zuteil werden konnte, und so ubersiedelte
er denn im Herbst 1908 endgultig nach Miinchen.
Nach der hochgespannten, abstrakten Dramatik seines Einakters »Toten-
tanz« war inzwischen die stilistisch bemerkenswerte Groteske, die dramatische
Moritat »Musik<< entstanden, und nachdieser»Oaha«, eine Skandalchronik im
Komodienton, eines seiner schwachsten Stiicke.
Gegen die Verbote, denen mehrere seiner wichtigsten Dramen unterstellt
bUeben, gegen die Einschrankung seiner Spiel- und Vortragstatigkeit, sowie
gegen MiBverstandnisse und kritisches Ubelwollen wehrte sich verbissen der
Einakter »Die Zensur«. Eine lange Reihe Presseartikel unterstiitzten dies
Ringen und suchten auch Reklame zu machen, zah und unbedenklich, aller-
dings um der endlichen Durchsetzung seines Werkes willen. Aus dem Ressen-
timent, das ihn zeitweilig iiberschattete, erhob sich zuerst der Einakter »Der
Stein der Weisen « mit humorvoller Verurteilung seiner eigenen Schwachen und
Fehler. Zu groBerer Fiille der Gesichte und reicheren Formen kommt er erst
wieder in den folgenden Dramen liber das Problem der Ehe. Er greift hier Ge-
dankengange der » GroBen Liebe « auf und bestimmt und erganzt sie nach MaB-
gabe seiner neuen Erfahrungen. Hatte er dort die Grundlagen der Beziehungen
von Mann und Weib erortert, so behandelte er in »SchloB Wetterstein« und
weiter in seiner »Franziska« ihre Ergebnisse im Zusammenleben. Allmahlich
tritt die Erfindung zurtick, welcher doch — abgesehen vom »Liebestrank« —
die Stoffe seiner samtlichen bisherigen Dramen entsprungen waren. Auf die
»Franziska«, die eine genaue Faust-Paraphrase gibt, folgt der »Simson«, der
in die altbiblische Handlung eine originelle und dramatisch reizvolle Diskussion
der Begriffe Schamgefuhl und Eifersucht einschiebt. Fast unbegreiflich er-
scheint unter den Dramen W.s der »Bismarck«, ein Stuck Geschichte, treu bis
aufs Wort nach den Urkunden und der Forschung in Szene und Dialog gebracht,
das die personlichen Beziehungen vermeiden und strenge Sachlichkeit der Form
betonen wollte. Sein letztes Drama gab in der mythologischen Gestalt des
»Herakles« eine Selbstentratselung : in dem Umgetriebenwerden zwischen Gott
und Tier, dem Kampf um seine Eigenheit und Uberzeugung, der fruchtbaren,
aber tragischen Polemik, dem Bahnbrechen seiner Taten, den MiBerfolgen, dem
Bediirfnis nach Anerkennung und Liebe, den Sklavendiensten bis zur Er-
ringung der Freiheit, dem Leid am Eros, dem Verhaltnis zur Frau, der Krankheit
und dem jammervollenUntergang. W.sWeg war ein Heraklesweg. Das Ende
und besonders der SchluBchor mit seiner symbolischen Kraft ist geschaffen aus
einer Ahnung eigener Verhangnisse, aus dem hellsichtigen Zwange des Genius.
Wedekind
339
W. fuhrte als einer der ersten und machtigsten urn die Jahrhundertwende
den Kampf mit dem Biirgertum, nicht gegen das Biirgertum, denn heimlich
blieb und war ja W. ein Burger, ein ausgestoBener allerdings, der sich nach
Ruhe und Ordnung innerhalb der bestehenden Verhaltnisse sehnte ; aber gegen
seine Schwachen und Schattenseiten, seine Gefiihlsduselei, seine Sentimenta-
litat, seinen scheinbaren Idealismus und tatsachlichen Materialismus, seine
stumpfen Vorurteile, seine konventionelle Moral, seine sittliche Verlogenheit,
seine sinnliche Verkummerung und Naturferne, sowie gegen seine bodenlose
Selbstsicherheit. W. riittelte das Gewissen seiner Generation auf . Er verwies
auf die hohe Bedeutungder Jugendaufklarung. Er kritisierte die oberflachliche,
widernatiirliche Frauenbewegung und gab ihr tiefere Anregungen. Er beschaf-
tigte sich eingehend mit der aktuellen Ehefrage und betonte angesichts der ge-
fahrlichen Uberziichtung des Geistes den Korper, die Sexualitat. Er forderte
die Nacktkulturbestrebungen, rhythmisclie Bewegungen und Tanz, die wir
heute iiberall in Bliite sehen. Er net in einer Zeit, die den korperlich Schwachen
und Kranken, den Entarteten zugeneigt war, nach dem Vorbild der Antike
harter zu sein gegen das Minderwertige, und setzte sich fur das Gesunde und
Kraftige ein, fur die Ertiichtigung des kommenden Geschlechts. Seine unaus-
gesetzten Bemuhungen um Hebung der Rasse sind ganz auBerordentliche Ver-
dienste, die man erst nachtraglich zu wurdigen weiB. Er bahnte der modernen
Hygiene und Eugenik den Weg. Er setzte sich zu Zeiten des auBerlichsten
Patriotismus fur internationale und pazifistische Bestrebungen ein.
W. war Romantiker des Geistes und des Willens. Fur einen Menschen von
Schopferdrang ergab sich daraus ganz von selbst das energische Streben nach
einer harten, klaren Form, nach Struktur, nach Konsequenz auch innerhalb
der Gattung. Damit gelangte er iiber die Gestaltungsfaktoren der Romantik
weit hinaus. Dies ist die Grundtatsache seines Stils. Man stelle sich zu W. als
Menschen, wie man will, unleugbar bleibt sein Verdienst als Stilschopfer. In
einer Periode, in welcher eine Menge dichterisch begabter Literaturstiicke und
technisch geschickter BiihnenreiBer geschrieben wurden, war W. ernst und un-
ablassig bemiiht um die wesentlichen Forderungen des Dramas. Er wuBte, daB
Mimik das A und O des Dramas ist. Er suchte ihm Bewegung zu geben, Hand-
lung, Willen, Leidenschaft, Tempo, straffen Bau. Er niitzte alle Reize der
Buhne aus, Kostiime, Chor, Masse, Szenenbild, L,ichteffekt, Musik, Gesang,
Tanz. So kann er den weibischen Zivilisationstyp seiner Zeit nicht gebrauchen,
den Nervenmenschen und Dekadenten, den Leidenden und Schwachen, sondern
er wahlt sich Leute von Format, auBerhalb von Staat, Gesetz, Sitte, Kultur,
Religion, Familie; man kann nicht bestreiten, daB diese grundsatzlich dra-
matisch giinstig sind. Aber die Menschen sind seinem Aktivismus nur Mittel.
Seine Charakteristik ist von phantastischer Lebendigkeit, aber herrisch. Die
Marionette steht dem Stil nicht fern. Spiel will er, selbstverstandlich Spiel von
tieferer Bedeutung. Im Dienst der Handlung, Charakteristik und schauspiele-
rischen Ausubung steht seine Sprache. Auch sie ist spezifisch drama tisch. Er
verfeinert besonders den Dialog, welcher unerhorte Offenbarungen der Spre-
chenden und ihrer Situationen gibt. Das beriihmte Aneinandervorbeireden
ist ein erschutterndes Zeugnis der Isoliertheit seiner Menschen. Folgerichtig
muBte er auch dem Bau spezifisch dramatischen Charakter geben. Auch hier,
in der einzelnen Szene wie in ihrer Folge auf FluB und Spannung achten, immer
340 I9i8
neue Reize schaffen durch Abwechslung von Drang und Verzdgerung, durch
Aufstellung innerer nnd auBerer Gegensatze, durch tiberlegene, zielstrebige
Technik. Besonders auffallig ist die Richtung auf das Dramatische in der Szene
nicht nur dadurch, daB er Einrichtung verlangt von mimischer Gunst, mehr
jedenf alls noch durch den AusschluB alles bloB Dekorativen, Milieuhaften, durch
Zuriickweisung aller Ubergriffe von Malera, Architekten, Maschinenmeistern,
durch Freilegung der Btihne fur den Schauspieler, durch Bestimmung ihres
dienenden Charakters. W. drang auf Einfachheit der Ausstattung, auf Stilisie-
rung. Nachdem 1908 das Miinchener Kiinstlertheater dafiir eine brauchbare,
der Shakespearebiihne ahnliche Formel gefunden hatte, benutzte er haupt-
sachlich dieses System. Radikale Bestrebungen der Jiingsten aber lehnte er ab.
Sein Zwist mit JeBner offenbart das tragische Menschengeschick, daB auch der
fortgeschrittenste Geist gebunden ist, daB auch der ktihnste Revolutionar ein-
mal Entwicklungshindernis wird.
W. befehdete den Impressionismus und Naturalismus, als ihm noch die
Massen anhingen, und vertrat die wertvollsten expressionistischen und ak-
tivistischen Elemente, langst bevor daraus eine neue, alleinseligmachende, nun
auch schon wieder iiberwundene Lehre geschaffen war. Somit hat er neben Ver-
diensten um den Gattungsstil auch solche urn den Zeitstil.
Expressionist war W. natiirlich nicht, er verwarf seine Systematik und seinen
stilfeindlichen Radikalismus. W. gehdrt zu der Geistesfamilie der Lenz, Grabbe,
Biichner, die als geniale Sonderlinge unserer Literatur gelten, als die Unge-
kronten fiirstlichen Blutes. Sie sind keine Erf tiller aber Stilbildner, machtige
Entwicklungsf aktoren .
W. hat der Dichtung seiner Zeit neuen Inhalt und neue Form gegeben.
Thomas Mann schreibt im Jahre 1910 nach der Lektiire von »SchloB Wetter-
stein*: »W., wird die Geschichte einmal sagen, war in einer teils senilen, teils
puerilen, teils femininen Epoche der einzige Mann. « Er war einer der starksten
Kiinstler seines Menschenalters, bleibend, historisch also, durch groBes Konnen,
durch groBeres Streben.
Literatur: Gesamtausgabe : Ausgabe letzter Hand 1912 ff. in sechs Banden, erschienen
bei Gg. Miiller in Munchen; dazu Bd. VII mit dem Rest der Werke 1920, ebenda, hrsg.
von A. Kutscher; Bd. VIII und IX 1919 und 192 1 mit dem Nachlafl, ebenda, hrsg. von
A. Kutscher und J. Friedenthal; F. Wedekind, Lautenlieder, 1920 im Drei Masken Verlag,
Berlin und Munchen, hrsg. von A. Kutscher und H. R. Weinhoppel. — W.s Gesammelte
Brief e, 2 Bande, hrsg. bei Gg. Miiller, Munchen 1924, von F. Strich. — W.s Ausgewahlte
Werke in ftinf Banden, 1924, ebenda, hrsg. von F. Strich. — Uber Wedekind: Raimund
Pissin, F. W. Mod. Essays, Berlin 1905; Julius Kapp, F. W., Seine Eigenart und seine
Werke, Berlin 1909; Hans Kempner, F. W. als Mensch und Kiinstler. Eine Studie. Ber-
lin 1909, 2., erw. Aufl., B. o. J. (191 1); Kurt Herbst, Gedanken iiber F. W.s Friihlings-
erwachen, Erdgeist und Biichse der Pandora. Eine literarische Plauderei. Leipzig o. J.;
Erich Viehweger, F. W. und sein Werk. Einfiihrung in das Leben und Werden eines Viel-
bef ehdeten unter Anlehnung an die iiber den Dichter erschienene Literatur. Chemnitz o. J . ;
Paul Friedrich, F. W., Berlin o. J. (1903) ; Paul Fechter, F. W., Der Mensch und das Werk,
Jena 1920; Fritz Dehnow, F. W., Leipzig 1922; Hanns Martin Elster, F. W. und seine
besten Biibnenwerke. Eine Einfiihrung. Berlin und Leipzig o. J. (1922) ; Fritz Hagemann,
Wedekinds Erdgeist und Biichse der Pandora, Erlanger Dissertation 1926; Artur Kutscher,
F. W., Sein Leben und seine Werke, I. Bd. 1922, II. Bd. 1. Teil 1927, 2. und letzter Teil
erscheint noch dieses Jahr.
Munchen. Artur Kutscher.
Wedekind. Wellhausen
341
Wellhausen, Julius, Professor der semitischen Sprachen in Gottingen, D. theol. ,
* am 17. Mai 1844 in Hameln, f am 7. Januar 1918 in Gottingen. — W. wurde
als Sohn des Pastors W. in Hameln geboren, den ersten Unterricht erhielt er in der
Volksschule und hernach in einem Progymnasium seines Heimatortes, von 1859
an besuchte er das Lyzeum I in Hannover. 1862 bezog er die Universitat Got-
tingen, urn Theologie zu studieren, und hier wurde der greise Ewald zunachst
durch seine »Geschichte des Volkes Israel*, dann durch seine Vorlesungen
bestimmend fiir das ganze Leben des jungen Studenten. Er wandte sich speziell
dem Studium der hebraischen Sprache und des Alten Testamentes zu. 1865
bestand er das I. theologische Examen. Von 1865 — 1867 war er Hauslehrer
einer Familie Cammaini in Hannover. Im Herbst 1867 kehrte er nach Got-
tingen zuriick, um unter Ewalds Leitung besonders orientalische Sprachen zu
studieren. Im Jahre 1870 bestand er die Lizentiatenpriifung auf Grund der
Dissertation »De gentibus et familiis Judaeis quae 1. Chron. 2. 4. enumerantur«
und im AnschluB daran habilitierte er sich als Privatdozent fiir die alttestament-
liche Wissenschaft.
Schon im Jahre 1872 wurde er als o. Professor nach Greifswald berufen, 1873
von der Gottinger Fakultat zum D. theol. honoris causa ernannt. In die Greifs-
walder Zeit, in der er iibrigens mit dem Philologen v. Wilamowitz - Mollendorf
eine enge Freundschaft furs Leben schloB, fallen seine ersten groBen Arbeiten
hinein, die ihn schnell beruhmt machten, ihm freilich auch viele Gegnerschaft
brachten. Da er meinte, daB er um seines theologischen Standpunktes willen
keine Aussicht habe, an eine andere theol. Fakultat berufen zu werden, und
nicht zeitlebens die kiinftigen Diener der pommerschen Landeskirche ausbilden
wollte, wobei er ernste Konflikte vorauszusehen glaubte, entschloB er sich
dazu, seine theol. Professur aufzugeben, und wurde vom Ministerium, das wohl
annahm, hiermit am besten dem Frieden dienen zu konnen, 1882 zum a. o. Pro-
fessor fiir semitische Sprachen in Halle ernannt.
Nach einem dreijahrigen Aufenthalt in Halle, wo er sich nicht besonders wohl
gefuhlt hat, wurde er 1885 als o. Professor nach Marburg gerufen. Die Jahre,
die er hier verlebte, waren wohl die gliicklichsten seines Lebens. In Niese, Justi,
Julicher u. a. fand er treue Freunde, seine Lehrtatigkeit im Syrischen und
Arabischen fand eifrigen Zuspruch, das ganze Leben in der Universitatsstadt
des Hessenlandes behagte ihm aufs beste.
Im Jahre 1892 wurde er als Nachfolger de Lagardes nach Gottingen berufen
und konnte diesen ehrenvollen Ruf an die Statte mit groBerer Wirkungssphare,
an der sich ihm auch die Moglichkeit, alttestamentliche Vorlesungen zu halten,
wieder eroffnete, nicht ablehnen. In ungetriibter Kollegialitat lehrte er hier
neben seinem Schiiler und Freunde Smend, und neue Freunde gewann er zu
den alten, darunter seit 1902 besonders Eduard Schwartz. Gleich nach seiner
Berufung wurde er in die Kgl. Gesellschaft der Wissenschaften aufgenommen.
Spater wurde er auch Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin und
Ritter des Ordens Pour le merite. Zu seinem 70. Geburtstag im Jahre 1914
brachten ihm 22 Freunde und Schiiler eine Festschrift »Studien zur semitischen
Philologie und Religionsgeschichte « dar.
Eine immer starker werdende Schwerhorigkeit hatte ihn schon 1903 ver-
anlaBt, seine Mitgliedschaft der Gesellschaft der Wissenschaften niederzulegen.
Dies Leiden steigerte sich allmahlich bis zur Taubheit und hat ihm die letzten
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Lebensjahre sehr schwer gemacht und ihn vereinsamt. Wenige Monate vor dem
Zusammenbruche seines Vaterlandes, an dem er mit ganzer Seele hing, starb er.
Er hatte in gliicklicher Ehe gelebt mit einer Tochter des Chemikers Limpricht
in Greifswald. Kinder waren ihm versagt geblieben.
Drei groBen wissenschaftlichen Arbeitsgebieten hat das Schaffen W.s ge-
golten, jedes einzelne so groB und weit, daJ3 es allein bei normaler Veranlagung
die Kraft eines ganzen Lebens erfordert, dem Alten Testament, der Geschichte
des Arabertums und dem Neuen Testament, insonderheit den Evangelien. Und
doch hat er sich auf den beiden ersten Gebieten den Ruf eines fast untibertrof-
fenen Meisters, ja Weltruf erworben. Die Frage, ob sein Arbeiten auf dem
dritten Gebiete auch noch einmal als epochemachend gelten wird, ist noch un-
beantwortet, vorlaufig scheint es nicht so.
i. Schon seine ersten beiden groBeren alttestamentlichen Schriften »Der
Text der ,Bb. Samuelis'* 1871 und »Pharisaer und Sadduzaer* 1874 packten
alte Probleme in vollstandig neuer Weise an und ergaben Resultate, denen sich
keiner entziehen konnte. Die Arbeiten aber, die seinen Weltruf begriinden
sollten, begannen mit dem Jahre 1876: a) die Abhandlungen uber die Kom-
position des »Hexateuchs« in den Jahrbuchern fur deutsche Theologie 1876 und
1877, als zweites Heft seiner »Skizzen und Vorarbeiten« 1885 von neuem er-
schienen und 1889 erweitert zu dem Buche »Die Komposition des Hexateuchs«
und der historischen Biicher des Alten Testaments; b) die Herausgabe der
4. Auflage von Bleeks »Einleitung in das Alte Testament* 1878 mit einer voll-
standig neuen Analyse der Bb. Richter, Ruth, Samuelis und Konige, die in der
5. und 6. Auflage wieder fortgelassen wurde; c) vor allem die » Geschichte
Israels« I, 1878, seit 1883 neu aufgelegt unter dem Titel » Prolegomena zur Ge-
schichte Israels «, die sechs Ausgaben erlebt hat, die letzte 1905.
Die epochemachende Grundanschauung aller dieser Schriften, die nach viel
Kampf und Streit ein unerschiitterliches Fundament fiir die alttestamentliche
Literatur- und Religionsgeschichte geworden ist, ist f olgende : die eine der vier
groBen pentateuchischen Quellenschriften, die gewohnlich die Priesterschrift
genannt wird, und alle ihr geistverwandten Abschnitte im Josuabuche und den
historischen Buchern, gehoren nicht an den Anfang, sondern an das Ende
dieser Literatur, sind erst ein Erzeugnis des nachexilischen Judentums. Das
hatten auch schon andere vor W., z. B. Vatke, Graf, ReuB, Kiinen, angenommen
und bewiesen, aber erst ihm ist es gelungen, durch eine wunderbar geschlossene
Argumentation, die vor allem die ganze israelitische Kultgeschichte dem lite-
rarischen Problem dienstbar machte, dies Resultat nach kurzer Zeit einer viel-
fach leidenschaftlichen Diskussion, an der er selbst sich aber so gut wie gar
nicht beteiligte, geradezu zu einem Gemeingut der alttestamentlichen Wissen-
schaft zu machen.
Den positiven geschichtlichen Aufbau auf Grund dieser literarischen Pra-
misse lieferte W. in seiner » Geschichte Israels «. Schon im Jahre 1880 hatte er
eine kleine Schrift unter diesem Titel, als Manuskript gedruckt, erscheinen
lassen; sie deckt sich inhaltlich fast mit seinem Artikel » Israel « in der Ency-
clopaedia B ritannica 1881. Im Jahre 1884 erschien sie umgearbeitet und erweitert
als erstes Heft der Skizzen und Vorarbeiten unter dem Titel » AbriB der Geschichte
Israels und Judas «. Und im Jahre 1894 erschien die vollstandige » Israelitische
und jiidische Geschichte «, die sieben Ausgaben erlebt hat, die letzte 1914.
Wellhausen
343
Dies Buch von klassischer Schonheit, von einer vielfach geradezu genialen
Erfassung der politischen und kultischen Verhaltnisse Israels sowie einzelner
seiner Personlichkeiten, wird sicher zu denen gehoren, die noch nach Jahr-
hunderten gelesen werden, wenn auch die Forschung in noch so vielen Einzel-
heiten iiber sie hinaus gelangt. Und das ist hier bereits geschehen, sowohl nach
der literaturgeschichtlichen wie nach der religionsgeschichtlichen Seite hin,
besonders seitdem man in ganz anderer Weise als W. es vermochte, durch die
fortschreitende ErschlieBung des ganzen alten Orientes gelernt hat, die ge-
samte Geschichte Irsaels in die kulturgeschichtliche Entwicklung jenes hinein-
zuziehen. Aber der Ausgangspunkt fur alle weitere israelitische Geschichts-
forschung wird dies Werk bleiben.
Neben diesen seinen epochemachenden Arbeiten sind besonders noch drei
namhaft zu machen : zunachst zwei, die W. auch als einen Meister in der Text-
kritik und Ubersetzungskunst zeigen, das funfte Heft der Skizzen und Vor-
arbeiten »Die kleinen Propheten ubersetzt, mit Noten« 1892 und die Bearbei-
tung der Psalmen in der Hauptschen Ausgabe i>The sacred Books ot the Old
Testament* 1895, und sodann die kurzeSkizze »Israelitisch-judische Religion*,
in der Hinnebergschen »Kultur der Gegen wart « 1905 und 1909, wunderbar
schlicht und klar geschrieben, freilich gerade auch dadurch die charakteristische
Einseitigkeit in der W.schen Betrachtungsweise der alttestamentlichen Religion
besonders scharf hervortreten lassend.
2. W.s Arbeiten auf dem Gebiete der Arabistik setzten spater ein als die
alttestamentlichen. Im Jahre 1882 erschien seine Schrift »Muhammed in
Medina « auf Grund von Vakidi's Kitab al Maghazi, der altesten und unbe-
fangensten Urkunde iiber jenen Aufenthalt, die W. in London exzerpiert und
dann ubersetzt hatte. Im Jahre 1884 veroffentlichte er im ersten Heft der
Skizzen und Vorarbeiten (2) die Lieder der Hudhailiten arabisch und deutsch
und bahnte sich durch die Behandlung dieser, die beinahe auf demselben Boden
entstanden sind wie der Islam, einen Weg zur Untersuchung des vorislami-
schen arabischen Heidentums. Der Erforschung dieses selbst gait dann das
dritte Heft der Skizzen und Vorarbeiten 1887 »Reste arabischen Heidentums «,
eine wundervolle Arbeit, in der man auf Schritt und Tritt den Meister in der
Wiederentdeckung der altisraehtischen Volksreligion wieder erkennt.
Ihr folgten im vierten Heft der Skizzen und Vorarbeiten 1889 die Unter-
suchungen iiber Medina vor dem Islam, Muhammeds dortige Gemeinde-
ordnung und seine Schreiben und die Gesandtschaften an ihn nach Ibn Sa'd,
durch den wir die beste Kunde iiber die erste Ausbreitung des Islam erhalten.
Im sechsten Heft der Skizzen und Vorarbeiten 1899 lieferte er dann Prolego-
mena zur altesten Geschichte des Islam, in einem kleinen gediegenen Vortrag
»Ein Gemeinwesen ohne Obrigkeit« 1900 schilderte er die erste Entwicklung
dieses und im Jahre 1901 behandelte er in den Abhandlungen der Gottinger
Gesellschaft der Wissenschaften die religios-politischen Oppositionsparteien
im alten Islam.
Im Jahre 1902 erschien das grofie Werk, das vor allem W.s Namen auf diesem
Gebiete unsterblich gemacht hat, »Das arabische Reich und sein Sturz«. Ein
Kenner hat mit Recht von diesem gesagt: »Hier hat er mit bisher unerhorter
Kraft Richtschneisen durch einen undurchdringlichen Urwald geschlagen und
einzelne Teile in einen wohlgepflegten Park umzuschaffen begonnen.« Seine
344 !9l8
Darstellung des Kalifats der Ommajaden und die Herausarbeitung der Wurzeln
ihres Sturzes durch die Abbassiden ist und bleibt etwas Uniibertreffliches.
Nach diesem Werke, der Krone seiner arabistischen Arbeiten, sind auf diesem
Gebiete nur noch einige kleine Abhandlungen von ihm erschienen.
3. W. wandte sich nun dem dritten und letzten groBen Wissenschaftsgebiete
zu, das ihn in seinem arbeitsreichen Leben beschaftigt, und auf dem er neuen
Samen ausgestreut hat, der evangelischen Literatur des Neuen Testaments.
Im Jahre 1903 verdffentlichte er »das Evangelium Marci iibersetzt und er-
klart«, 1904 schnell hintereinander das Evangelium des Matthaus und des
Lucas. Diesen folgte im Jahre 1905 die Einleitung in die drei ersten Evangelien,
in der er iiber Wrede, Joh. Weifl u. a. hinausgehend der Gemeindetheologie
einen starken EinfluB auf die Gestaltung des in den Evangelien vorliegenden
Stoffes zuschrieb. Nach einigen kiirzeren Abhandlungen iiber Erweiterungen
und Anderungen im vierten Evangelium, Noten zur Apostelgeschichte und einer
Analyse der Offenbarung Johannis 1907 wagte er sich dann im Jahre 1908 auch
an das tiefste und schwierigste Evangelium, das des Johannis, in dem er eine
Grundschrift mit einer Reihe nachfolgender Bearbeitungen unterscheiden zu
konnen glaubte.
Das Urteil iiber alle diese Arbeiten ist noch im Flusse begriffen, iiberwiegend
ist es bis jetzt unter den Fachgelehrten, wie wir schon oben andeuteten, ein
ablehnendes. Aber in dreifacher Richtung herrscht iiber sie auch unter sonstigen
Gegnern nur eine Meinung, erstens in der Anerkennung der vielen Forderungen,
die W. durch seine griindliche Kenntnis der aramaischen Sprache der Erkla-
rung der Evangelien gebracht hat, zweitens in dem Respekt vor der Klarheit,
mit der er die Grenzen unseres Wissens auf dem Gebiete der evangelischen Ge-
schichte erkannt hat, und drittens in der Bewunderung der Schonheit und
Treffsicherheit seiner Ubersetzungen.
Von den vielen Rezensionen, durch die W. die alttestamentliche wie die
orientalische Wissenschaft bis zum Jahre 19 13 gefordert hat, sowie von mancher
kleineren und doch bedeutenden Abhandlung, wir denken z. B. an die iiber die
Riickkehr der Juden aus dem babylonischen Exil (Nachrichten der Gottinger
Gesellschaft der Wissenschaft, 1895) oder die iiber den arabischen Josippus
(Abhandlungen der Gottinger Gesellschaft der Wissenschaften) 1877 muJ3te
in dieser kurzen Lebensiibersicht abgesehen werden (vgl. das Verzeichnis seiner
samtlichen Schriften von Rahlfs in der ihm gewidmeten Festschrift 1914,
S- 353 ff.)- Sie alle konnen das Urteil nur noch bestatigen, das iiber J. W. in
gleicher Weise unter den fast unbedingten Anhangern seiner wissenschaftlichen
Resultate — und ihrer gibt es auf den beiden ersten seiner Arbeitsgebiete eine
sehr groCe Zahl — wie unter denen, die in wichtigen Einzelf ragen seine Gegner
waren, — und auch deren Zahl war nicht gering — herrscht, das Urteil, dafl
mit ihm ein ganz GroBer durch die deutsche Wissenschaft hindurchgegangenist.
Literatur: Rede auf J.W. von Ed. Schwartz, 1918. — J.W., von C.H.Becker in
*Der Islam «, 1919, S. 95 ff. — J. W., von H. GreBmann im Protestantenblatt 1918, Nr. 6.
Berlin. Ernst Sellin.
Wilms, Max, Professor der Chirurgie, * am 5. November 1867 in Hiinshoven
(Rheinland), f am 14. Mai 1918 in Heidelberg. — W. studierte an den Univer-
sitaten Miinchen. Marburg, Berlin und Bonn. Das Staatsexamen bestand er in
Wellhausen. Wilms 345
Bonn im Wintersemester 1890/91. Bis 1895 war er Assistent am pathologischen
Institut in GieBen unter Bostroem. Von der Pathologie wandte er sich der
inneren Medizin zu; ein Jahr verbrachte er in Koln bei Leichtenstern am
Augusta-Hospital. Im Dezember 1896 trat er als Assistensarzt in die chirur-
gische Klinik zu Leipzig ein, welche Meister Trendelenburg leitete. Nach seiner
Habilitation (1899) wurde W. 1904 zum auBerordentlichen Professor ernannt.
1907 folgte er einem Rufe in die Schweiz nach Basel. Im Herbst 1910 ver-
tauschte er Basel mit Heidelberg. Nur bis zum Jahre 19 18 war es ihm ver-
gonnt, dort zu wirken. Eine tiickische Diphtherie raffte inn dahin, mitten aus
bester Arbeitskraft, mitten aus seiner Lebensarbeit.
W. war schriftstellerisch ungemein fruchtbar. Als Assistent am GieBener
pathologischen Institut und auch noch im Anf ange in seiner Leipziger Zeit be-
schaftigte er sich mit grofiem Erfolge mit der Genese der Mischgeschwulste. Bei
der Besprechung dieser wird immer der Name W. von Pathologen und Chirurgen
genannt werden miissen. In die Kolner Zeit fallt eine bedeutsame Arbeit iiber
den »Druck im Riickenmarkskanal«. Sie erlangte praktische Bedeutung bei der
Behandlung der Schadelschiisse im Weltkrieg. Mit einem wahren BienenfleiBe
ist sein groBes Werk iiber den DarmverschluB (Ileus) verfaBt (Handbuch der
prakt. Chirurgie, 4. Aufl., 3. Band, 1912). Es handelt sich bei diesem nichtnur
um eine Zusammenstellung des Vorhandenen; neue Gedanken und neue Ex-
perimente sind in das Buch hineingewoben. Es sei nur an den Mechanismus der
Strangulation des Darmes, an dessen Knotenbildung erinnert, ferner an die
Sensibilitat der Bauchorgane und an die Erklarung der Kolikschmerzen. Das
reiche Material der Leipziger Klinik bot ihm Gelegenheit auf verschiedenen
Gebieten zu schiirfen. Er lieferte eine originelle Studie iiber den Verbrennungs-
tod (Grenzgebiete der Medizin und Chirurgie, Band 8, Heft 4 u. 5, 1901), iiber
hyperalgetische Zonen bei Kopfschiissen (Leipzig 1903). In die Baseler Zeit
fallen die Arbeiten iiber das Coecum mobile, die kiinstliche Erzeugung des
Kropfes bei Ratten und iiber die Behandlung der Knochen-, Lymphdriisen-
und Gelenktuberkulose mit Hilfe der Rontgenstrahlen. Letztere (Deutsche
Medizinische Wochenschrift, 1910) hat ihren Platz in der Chirurgie behauptet.
Die erstgenannten Theorien werden nicht mehr diskutiert; sie haben aber
seinerzeit befruchtend gewirkt und zu groB angelegten Nachpriifungen Ver-
anlassung gegeben. In Heidelberg ging W. an der chirurgischen Behandlung
der Lungentuberkulose nicht achtlos voriiber. Er suchte die hohe Sterblichkeit
der ausgedehnten Rippenresektion (Brauer) herabzusetzen. Er fuhrte die sog.
» Pf eilerresektion « ein (Therapie der Gegenwart, Januar 1913). Sie hat nicht
vollkommen befriedigt. Man darf wohl sagen, daB man sich jetzt auf eine
mittlere Linie, die paravertebrale Resektion (Sauerbruch) geeinigt hat. Sie
zeitigt von geiibter Hand ausgefiihrt 30 Prozent guter Erfolge.
Auch der Prostatahypertrophie schenkte W. sein Augenmerk (Miinch. Med.
Wochenschr., 1916), ebenso der Behandlung des Gallensteinleidens (Mitt. Med.
Klinik Nr. 21, 23, 27, 1918). Fur den Zugang zur Vorsteherdnise schuf er einen
neuen Weg, der von einzelnen noch betreten wird. Aus seinen Betrachtungen
iiber die Cholelithiasis klingt heraus, daB man das Leiden friihzeitig chirurgisch
angehen soil. Gegen die Trigeminusneuralgie empfahl W. die Anwendung der
Rontgenstrahlen (Miinchn. Med. Wochenschr, 1918), er glaubte auch beim Ulcus
ventriculi Gutes von ihrer Wirkung beobachtet zu haben. Trotzdem verhielt
346 J9i8
er sich nicht ablehnend gegeniiber der chirurgischen Behandlung des Magen-
geschwiirs; er lieferte zu ihr einzelne Beitrage in technischer Hinsicht.
Mit Wullstein zusammen gab W. ein Lehrbuch der Chirurgie heraus (6. Aufl.,
1918). Er verstand es, sich gute Mitarbeiter zu gewinnen. Die eigenen Beitrage
sind gut und erschopfend. Das Buch hat sich seinen Platz erobert. Auch an
dem groBen Handbuch der Operationslehre von Bier, Braun und Kummell war
W. beteiligt. Es war ihm die Aufgabe zugefallen, die Operationen am Halse zu
bearbeiten, diese Aufgabe hat er bestens gelost (Chir. Operationslehre, Band 1,
I9I3)-
Man sieht, daJ3 W. nicht, wie so mancher, nur ein Organ immer und immer
wieder bearbeitete; er iibersah die ganze Chirurgie. Seinen Assistenten und
Schulern wuBte er seine Kenntnisse in bester Form zu ubermitteln. Der friih-
zeitige Tod verhinderte ihn, eine Schule zu hinterlassen.
Heidelberg. Eugen Enderlen.
Ziegler, Karl Reinhart Ludwig Theobald, Dr. phtL, o. Universitatsprofessor,
Padagoge, Philosoph, Literarhistoriker, Kulturpolitiker, Volksbildner, * am
9. Februar 1846 zu Goppingen in Wiirttemberg, f am 1. September 1918 in
Sierenz im OberelsaB. — Theobald Z. ging in Goppingen, einem am FuBe des
Hohenstaufen gelegenen schwabischen Oberamtsstadtchen, wo sein Vater
Pfarrer war, in die Volksschule; mit elf Jahren stand er seinem Volksschul-
lehrer im Unterricht als Heifer zur Seite. Nach dem Besuche der Latein-
schule zu Herrenberg, des Stuttgarter Gymnasiums, des Seminars fur evan-
gelische Theologen zu Schonthal, studierte Z. im Tiibinger »Stift«, der Pfleg-
statte griindlicher philosophischer Bildung und straffer geistiger Zucht, Theo-
logie, Philosophic, klassische Philologie. Wahrend sein Vater ein »Orthodoxer
mit Schleiermacherschem Einschlag« geblieben war, hatte sich der Sohn an
den Schriften des Hegelianers David Friedrich StrauB »in die Theologie hinein
und aus der Theologie heraus zu Hegel und zur Philosophic und ins Freie
durchgearbeitet«. Nach ehrenvoll abgeschlossenem Universitatsstudium, nach
seiner Promotion zum Doktor der Philosophic war er als Vikar am Gymna-
sium zu Heilbronn und als Repetent am Schonthaler Seminar tatig ; an beiden
Orten predigte er auch mit eindrucksvoller Beredsamkeit. Im Jahre 1871
wurde er auf kurze Zeit Repetent am Stift zu Tubingen, ging dann, als ihm
eine Gymnasiallehrerstelle in Winterthur angeboten wurde, in die Schweiz.
Wahrend seiner funfjahrigen Tatigkeit im Schuldienste der Schweiz — von
Winterthur aus hielt er auch Lehrvortrage an der Zuricher Universitat —
verheiratete er sich am 17. April 1873 mit Minna Binder, der Tochter des
Gymnasialprofessors Dr. Gustav Binder in Ulm, eines mit StrauB befreundeten
freigesinnten Theologen, Schulmannes und Politikers, der spater in Stuttgart
President der Kultusministerialabteilung fur Gelehrten- und Realschulen
wurde. Z.s Lebensgefahrtin, eine geistig bedeutende, gemiitvolle Frau, wurde
ihm »die erste Horerin, Leserin, Kritikerin« seiner literarischen Arbeiten. Im
Jahre 1876 folgte er, da er von der »freien« Schweiz sich gerne lossagte, einer
Berufung als Gymnasialprofessor nach Baden-Baden; ein von dort aus unter-
nommener Versuch, in seinem wiirtte mbergischen Heimatland Verwendung
zu finden, miBlang. Als er sich 1878 um eine Lehrerstelle an dem Gymnasium
Wilms. Ziegler 947
zu Ulm bewarb, erhielt er das erstrebte Amt nicht »wegen seiner religiosen
Ansichten* und weil er »ein allzu eifriger Anhanger von StrauB« war. Im
Jahre 1882 ging er ins Reichsland, wurde Konrektor des Protestantischen
Gymnasiums zu StraBburg i. E. Nach zwei Jahren, 1884, lieB er sich zugleich
als Privatdozent fiir Philosophic und Padagogik an der dortigen Universitat
nieder, ging, als er 1886 eine ordentliche Professur der Philosophic als Nach-
folger von Ernst Laas erhielt, zur akademischen Laufbahn tiber. Als gefeierter
Hochschullehrer blieb er in StraBburg bis zu seinem Ubertritt in den Ruhe-
stand am 1. Oktober 191 1. Im Jahre 1895 durfte er die Gluckwiinsche seiner
Hochschule zu Bismarcks 80. Geburtstage dem Fiirsten tiberbringen. Die
Rektorwtirde bekleidete er 1899/1900. Als es 1909 zur Griindung eines Psycho-
logischen Institutes kam, wurde er Mitdirektor. Von 1906 — 1908 hatte sich Z.
auch als Mitglied des StraBburger Gemeinderates, von 1908 an als Vorsitzender
der Wissenschaftlichen Gesellschaft betatigt. Bei seinem mit ehrenvollen Kund-
gebungen fiir ihn verbundenen Scheiden von der reichslandischen Universitat
widmete ihm 191 1 ein dankbarer Horer die Z.s sittlich starke Personlichkeit
und deren Anziehungskraft kennzeichnenden Verse:
»Dir gilt das Leben ein verpflichtend Leben,
Ein rastlos Streben nach dem Ideal,
In all dem Wirren, Werden und Vergehen
Blieb dein Erkennen fest und hart wie Stahl.
Dein edles Wirken ist ein brausend Weben,
Ein Sturm, vernichtend, was unfrei und schal,
Und was dein Herz gebar in herber Qual,
Ist eines Menschen fuhlendes Verstehen.
So ragst du, seelengroB in unserem Geiste,
Ein Kampfer fiir die Freiheit und das Recht,
Ein Rufer fiir das reifende Geschlecht.«
Seit Herbst 191 1 bis zu seinem Tode hatte Z. seinen Wohnsitz in Frank-
furt a. M., wo er sich bereits seit 1889 durch Lehrgange im »Freien Deutschen
Hochstift« und durch Vortrage vor der Frankfurter Lehrerschaft viele Freunde
erworben hatte. Bei seinem 70. Geburtstage ernannte ihn der Frankfurter
Lehrerverein wegen seiner groBen Verdienste um die Volksschule und ihre
Lehrer zum Ehrenmitglied. In seiner Wahlheimat entfaltete er an seinem
Lebensabend eine rege schriftstellerische Tatigkeit, trat oft als Redner hervor,
forderte das Volksbildungswesen, wirkte mit bei der Armenpflege. Als der
Weltkrieg ausbrach, stellte sich der greise Gelehrte dem Wohler-Realgymna-
sium, dessen Lehrkorper durch Einberufungen zum Heeresdienst besonders
betroffen war, selbstlos als vollbeschaftigter kriegsfreiwilliger Lehrer zur Ver-
fiigung. Wahrend der Dauer des Krieges unterrichtete der ehemalige Rector
magnificus der StraBburger Universitat ohne Entgelt, das er aus vaterlan-
dischem Pflichtgefuhl ablehnte, mit Meisterschaft auf der Ober- und Mittel-
stufe insbesondere Deutsch und Geschichte, tat, frei von Gelehrtendiinkel,
als Klassenleiter mit Hingebung auch den Kleindienst eines Jugenderziehers,
leitete, solange der Direktor im Felde stand, ehrenamtlich das mit der Anstalt
verbundene Padagogische Seminar. Im offentlichen Leben trug er in den
Kriegsjahren durch Wort und Schrift mit jugendfrischer Begeisterung bei zur
348 J9i8
Starkung der inneren Front, bekampfte Parteisucht und Eigenbrotelei, setzte
sich ein fur die Ziele der »Deutschen Vaterlandspartei«. Im Winter 1917/18
wirkte er in StraBburg als Vortragender mit an den von der Heeresgruppe seines
Herzogs Albrecht von Wiirttemberg veranstalteten Hochschullehrgangen.
Im Oktober 1917 und wiederum im August 1918 hielt er als weltlicher Feld-
prediger im Sinne eines Fichte taglich Vortrage fiir die Soldaten in der Etappe
um Freiburg und in Siidbaden, im elsassischen Operationsgebiet. Die Feld-
grauen lauschten dem beredten Alten mit dem silberweiBen Barte, der hoch-
gewolbten Denkerstirn, den blitzenden Augen. Den zweiundsiebzigjahrigen
Wanderredner, dessen Gesundheit nach dem am Jahresende 1917 erfolgten
Hinscheiden seiner Gattin minder widerstandsfahig geworden war, warf im
Kriegsgebiet des OberelsaB ein Ruhranfall aufs Krankenlager. Im Feldlazarett
zu Sierenz in der Nahe von Miilhausen starb er am 1. September 1918, ein
Held der Pflicht. Sein I^icht erlosch unter dem Donner der Geschiitze, die
ElsaB bedrauten, seine zweite Heimat, fiir deren Eindeutschung er in seinen
besten Mannesjahren einen guten Kampf gekampft hatte, deren Zukunft ihn
bis zum letzten Atemzug aufs tiefste bewegte. Z. fand seine Ruhestatte auf
dem Hauptfriedhofe zu Frankfurt a. M. Zu dauernder Ehrung des Toten gab
die Stadtgemeinde einer 1920 erbauten Burgerschule den'Namen »Theobald-
Ziegler-Schule«, der angrenzenden StraBe die Bezeichnung » Theobald -Ziegler-
Stra£e«.
Dem eigenartigen schwabischen Kulturkreise, dem ein David Friedrich
StrauB, Friedrich Theodor Vischer, Adolf Schwegler, Eduard Zeller zur Zierde
gereichen, gehort auch Theobald Z.s Charakterkopf an. Die geistige Richtung
gab ihm zunachst die kritische protestantische Theologie Wiirttembergs, deren
radikaler Vertreter David Friedrich StrauB in ihm seinen Biographen gefunden
hat (2 Bde. 1908). Religiose Fragen beschaftigten ihn zeitlebens. Zugleich ver-
tiefte er sich, als Mensch selbst ein Vorbild sittlicher Starke, in die Probleme
des sittlichen Lebens (»Sittliches Sein und sittliches Werden« 1890; »Die soziale
Frage eine sittliche Frage« 1891, 6. Aufl. 1899); er stellte die geschichtliche
Entwicklung der Ethik dar (1881 — 1886; 2. Ausg. 1892). Weitere Studien auf
dem Gebiete der Philosophic die auf seine geistige Personlichkeit am nach-
haltigsten durch Spinoza, Kant und seinen schwabischen Landsmann Hegel
einwirkte, fiihrten ihn unter anderem zu einer Monographic iiber Nietzsche
(1900), zu einer psychologischen Untersuchung iiber das Gefuhl (1893, 5. Aufl.
1912). Im Banne des deutschen Idealismus trat er von der philosophischen
Seite her an die deutsche Geistes- und Literaturgeschichte heran, auch an
Schiller (1905, 3. Aufl. 1916), vor allem an Goethe, iiber dessen »Welt- und
Iyebensanschauung« (1914) er ein seinen reichen und freien Geist, seine feine
innere Kultur bekundendes Biichlein schrieb, das er »so etwas wie ein eigenes
Glaubensbekenntnis« nennt. »Wenn ich mich,« so schlieBt er das Vorwort,
»nach jemand nennen sollte, so wuBte ich in aller Bescheidenheit keinen anderen
als Goethe. « Zu A. Bielschowskys unvollendetem »Goethe« verfaBte er die zwei
SchluBkapitel (1903).
In der theoretischen Padagogik stand Z. im Gegensatz zu Herbart, in enger
Fuhlung mit Schleiermacher (»Allgem. Padagogik*, 1901; 4. Aufl. 1914). Als
Historiker der Padagogik erforschte er insbesondere den Werdegang des deut-
schen hoheren Schulwesens (Geschichte der Padagogik, 1895; 4. Aufl. 1917,
Ziegler 349
5. Aufl. v. A. Nebe 1923, in A Baumeisters »Handbuch der Erziehungs- und
Unterrichtslehre fiir hohere Schulen« 1, 1), als Kenner der Hochschulpadagogik
schilderte er den deutschen Studenten um die Jahrhundertwende (1895, 12.
Aufl. 1912). Zu Fragen der Schulorganisation und Schulreform nahm er Stel-
lung. Er trat als einer der ersten wissenschaftlichen Verteidiger der Sozialpad-
agogik auf den Plan, gab auf dem deutschen Lehrertage zu Munchen (1906)
der Simultanschule den Vorzug vor der Konfessionsschule (»Die Simultan-
schuled 1904). Als Gegner der Vorschulen, Anwalt der allgemeinen Volks-
schule, war er dem Volksschullehrerstand willkommen, der ihn zu Vortrags-
reihen, fiir die Weiherede zur Frankfurter Pestalozzi-Feier, fiir die Gedachtnis-
rede auf Adolf Diesterweg gewann. Seine Vortragskunst und besondere Bega-
bung, seine Forschungsergebnisse und Lesefriichte in edler, eindrucksvoller
Sprache mit allgemeinverstandlicher Klarheit seinen Zuhorern zu iibermitteln,
machten ihn zum beliebten Dozenten bei Bildungskursen in deutschen Kultur-
mittelpunkten. Als gehaltvoller und ziindender Festredner war er bei Ge-
denkfeiern begehrt (»Menschen und Probleme. Reden, Vortrage und Aufsatzei
1914). Sein tiefes und uber die Grenzgebiete seiner Fachwissenschaf t hinaus-
reichendes Wissen, sein weiter Gesichtskreis, sein kritisches Urteil befahigten
ihn zu einer weitverbreiteten Darstellung der geistigen und sozialen Stro-
mungen des 19. Jahrhunderts (1899; 7. Aufl. 1921; Volksausgabe 1916).
Regen Anteil nahm er an der offentlichen Erorterung wichtiger Zeit- und
Streitfragen der deutschen Kultur- und Bildungspolitik ; ausgepragtes natio-
nales und soziales Empfinden, unerschrockener Freimut zeichneten den
schlichten wackeren Schwaben aus. Als Herold deutscher Geisteshelden, als
tapferer Streiter fiir sein Ideal einer Veredlung unserer Volkskultur hatte er
einen klangvollen Namen. Einige seiner Veroffentlichungen, von denen nicht
wenige in Buchform aus Vorlesungen und Vortragen entstanden sind, hatten
einen bei deutschen Gelehrten seltenen aufieren Erfolg, wurden in die Spra-
chen der verschiedensten europaischen Lander ubersetzt. In den Jahrzehnten
zwischen dem deutschen Einheitskampf und dem Weltkriege ist Z. zu Deutsch-
lands geistigen Fiihrern zu zahlen ; in seinem Lebenswerk darf er wohl einem
Friedrich Paulsen und Rudolf Eucken an die Seite gestellt werden.
Literatur: J oh. Ficker, Worte, gesprochen b. d. Einascherung von Th. Z. am
9. 9. 19 18 zu Frankfurt a. M. — Th. Kostlin, Th. Z. |. Im: oSchwab. Merkur« vom 7. 9.
1918, Nr. 421. — Alb. Bacmeister, Th. Z. In: *Beilage d. Staatsanzeigers f. Wiirttem-
berg«, Stuttgart 1918, Nr. 9, 1. Oktober. — G. Egelhaaf in »Suddeutsch. Ztg.«, 1918,
Nr. 245. — A. Buchenau in »Deutsch. Phil.-Blatt«, Jahrg. 26, Nr. 37/38, Leipzig 1918. —
O. Liermann in »Feldzeitung der W6hlerschulen«, Ffm. 1918, Nr. 14. — A. Moller in
» Frankfurter Schulztg.«, Jahrg. 35, 1918, Nr. 18, s. auch Jahrg. 33 (19 16), Nr. 4, Jahrg. 30
(19 1 3), Nr. 24. — E. Keller, in Wochenschrift »Die Mainbriicke«, Jahrg. 11 (1918), Ffm.,
Nr. 36. — J. Ziehen in »Mitteilg. a d. Frkf. Schulmuseum«, Jahrg. 3 (1916), Heft 1
(mit Bildnis). — Wer ist's? VII. Ausgabe, Lpz. 19 14. — Auskunft iiber d. liter. NachlaB,
u. a. eine nahezu druckfertige Monographic uber Schleiermachers Padagogik, bei Fraulein
Helene Ziegler, Frankfurt a. M., Griineburgweg 91.
Frankfurt a. M. Otto Liermann.
1919
Bubendey, Johann Friedrich, Wasserbaudirektor, * am 4. Juli 1848 in Ham-
burg, | am 10. Mai 1919 in Hamburg. — B. wurde geboren als Sohn des Pro-
fessors der Mathematik, Gerhard Heinrich B. in Hamburg, und erhielt seine
erste Schulbildung an der Realschule des dortigen Johanneums. Mit 15 Jahren
trat er in ein kaufmannisches Geschaft ein, urn Kaufmann zu werden, verlieJ3
jedoch diesen Beruf, der ihm keine Befriedigung gewahrte, schon nach einem
Jahre wieder und wandte sich nunmehr, der vom Vater ererbten Veranlagung
und Neigung folgend, mathematischen und technischen Studien zu. Er trat
in der damals in Hamburg iiblichen Weise als Eleve beim Ingenieurwesen der
1. Sektion der Baudeputation ein und wurde unter dem Bauinspektor Maack,
dem Hamburg nach dem groften Brande von 1842 eine groJ3e Zahl massiver
Briicken, in erster Reihe die bekannte Lombardsbriicke, zu verdanken hat,
in das Baufach eingefuhrt. Nebenbei bildete er sich fleiEig theoretisch weiter
aus, besonders in der hoheren Mathematik von dem Vater unterrichtet. Im
Herbst 1867 bezog er das damalige eidgenossische Polytechnikum, die heutige
Technische Hochschule, in Zurich und war hier ein eifriger Schiller von Cul-
mann und Zeuner, denen er fur das von ihnen erworbene griindliche Wissen
bis in sein hohes Alter hinein grofie Dankbarkeit bewahrte. Neben seinen
eigentlichen Fachlehrern war es noch Gottfried Kinkel, bei dem er in den
Abendstunden Kunstgeschichte horte und hierbei in des Wortes wirklicher
Bedeutung, wie er spater noch mit Freude bekannte, zu seinen Fiifien safl.
Die Zeit ernsten Strebens und froher Studentenlust wurde unterbrochen durch
den Krieg von 1870/71. B. folgte freiwillig dem Ruf des Vaterlandes, trat in
das hanseatische Infanterieregiment Nr. 76 ein und machte nach kurzer Aus-
bildungszeit den Winterfeldzug und seine Schlachten bei Le Mans mit. Die
Kriegsdenkmiinze mit der Gefechtsspange von Le Mans blieben ihm eine
dauernde Erinnerung. Nach gliicklich beendetem Kriege nahm er seine Stu-
dien auf der neugegriindeten Technischen Hochschule in Aachen unter den
Professoren Intze, Heinzelmann und v. Kaven wieder auf und brachte sie mit
dem Wintersemester 1871/72 zum AbschluB.
Am 1. April 1872 trat B. in den Dienst der 2. Sektion der Baudeputation
fur Strom- und Hafenbau in Hamburg ein.
Infolge der verheerenden Sturmfluten der Jahre 1791 und 1792 war »zur
Sicherung der Stadt gegen die Fluten der Elbe von der See her« von dem
Mathematikprofessor Biisch und dem Strombaudirektor Woltman ein Plan
entworfen worden, die Stadt und den Hafen elbseitig durch einen sturmflut-
freien Deich einzuschlieBen (die Stadt »einzumauern«, wie man im Volksmunde
Bubendey 35 1
sagte) und den Hafen nach hollandischen und englischen Vorbildern nur durch
Schleusen zuganglich zu machen, ihn also in einen Dockhafen nmzugestalten.
Nach der groBen Sturmflut vom 3. zum 4. Februar 1825, der hochsten, die
iiberhaupt an der Elbe beobachtet worden ist, wurde der Plan wieder auf-
genommen, auch der hollandische Ingenieur Mentz 1840 zu Rate gezogen, der
einen dem Busch-Woltmanschen ahnlichen Entwurf aufstellte. SchlieBlich war
es in den funfziger Jahren dem tatkraftigen Wasserbaudirektor Dalmann ge-
lungen, seinen Plan der Anlage offener, jederzeit und unabhangig von den
Tidebewegungen zuganglicher Hafen mit sturmflutfreier Aufhohung der Kai-
flachen nach langen heftigen Kampfen zum Siege zu verhelfen und damit
Hamburg vor dem Schicksal der »Einmauerung« zu bewahren. Dalmann ist
durch seine Planungen nicht nur der Begriinder des Hamburger Hafens, son-
dern der Schopfer des neuzeitigen deutschen, von fremdlandischen Vorbildern
losgelosten Hafenbaus iiberhaupt geworden. 1862 bis 1866 wurde der erste
offene Hafen, der Sandtorhafen, gebaut, und ihm folgten in den nachsten zwei
Jahrzehnten die anderen auf dem rechten Elbufer belegenen Hafen.
In dieser Zeit regster Bautatigkeit erfolgte der Eintritt B.s beim Strom-
und Hafenbau, und es war ihm vergdnnt, noch drei Jahre unter seinem genialen
Meister Dalmann arbeiten zu konnen. Uberreichliche Gelegenheit fand sein
Betatigungsdrang, wofiir ihm die Anerkennung seiner Behorde nicht ausblieb.
Schon ein Vierteljahr nach seinem Eintritt wurde er zum Baukondukteur
zweiter Klasse, am 1. Januar 1875 zum Baukondukteur erster Klasse und
bereits 1879 zum technischen Bureauchef ernannt, dem die selbstandige Be-
arbeitung der technischen Entwiirfe oblag.
Nach kurzem Stillstand setzte eine zweite Hochflut der Bautatigkeit im
Hamburger Hafen ein, bei der es gait, die auBerst umfangreichen Anlagen zur
Ausgestaltung des Hamburger Freihafens in den Jahren 1882 bis 1888 zur
Ausfuhrung zu bringen, ein Unternehmen, dem ein groBer Teil der Wohn-
und Speicherviertel in der siidlichen Altstadt, dem Katharinenkirchspiel, zum
Opfer gebracht werden muBte. Auch bei diesen Arbeiten, soweit sie staat-
licherseits von der Sektion fur Strom- und Hafenbau ausgefiihrt wurden, be-
wahrte sich B. aufs beste und riickte 1886 zum Wasserbauinspektor auf.
Neben seiner reichen dienstlichen Tatigkeit brachte er es fertig, eine leb-
hafte literarische und Vereinstatigkeit zu entfalten. Der Architekten- und
Ingenieurverein in Hamburg zahlte ihn zu seinen eifrigsten und wegen seiner
Mitarbeit auch einfluBreichsten Mitgliedern. Zum Dank fiir seine Tatigkeit
ernannte ihn der Hamburger Verein, als B. am 1. April 1895 nach Charlotten-
burg iibersiedelte, um hier den Lehrstuhl fiir Wasserbau an der Technischen
Hochschule als Nachfolger von Schlichting zu ubernehmen, zu seinem Ehren-
mitgliede.
Auch in Charlottenburg vermochte seine amtliche Lehrtatigkeit an der
Technischen Hochschule nicht seine gesamte Zeit auszufiillen. Auch hier ging
eine ausgedehnte schriftstellerische, Gutachter- und wieder eine lebhafte
Vereinstatigkeit nebenher. Besonders waren es der Berliner Architektenverein,
der ihm wahrend zweier Jahre den Vorsitz anvertraute, und der Verein fiir
deutsche Binnenschiffahrt, der ihn ebenfalls zum Vorsitzenden und schlieB-
lich 1904 zum Ehrenmitglied ernannte. Auch seiner Tatigkeit als Mitglied
des deutschen Ausschusses fiir die internationalen Schiffahrtkongresse ist zu
352 1919
gedenken. In diese Berliner Zeit fallt seine Ernennung zum Geheimen Baurat
und zum auBerordentlichen Mitgliede der preuBischen Akademie des Bau-
wesens. Seine Wertschatzung seitens des Lehrkorpers der Technischen Hoch-
schule fand ihren Ausdruck in der Wahl zum Rektor 1901.
Hamburg hatte wahrend der achtjahrigen Abwesenheit B.s zwei Wasser-
baudirektoren durch den Tod verloren, 1897 Nehls und 1903 Buchheister. Ein
geeigneter Nachfolger unter den hoheren Baubeamten, die damals noch die
Amtsbezeichnung »Bauinspektor« fuhrten, war nicht vorhanden. Schwierige
Verhandlungen mit PreuBen iiber den Ausbau der Elbe unterhalb Hamburgs
standen bevor. Unter diesen Umstanden war es nur zu erklarlich, daB sich die
Augen des Hamburger Senats auf B. richteten, der von seiner fruheren Tatig-
keit her die hamburgischen Verhaltnisse sehr genau kannte und wegen seiner
nachherigen Tatigkeit in PreuBen auch fur die bevorstehenden Verhandlungen
die geeignete Personlichkeit schien. B. folgte dem an inn ergangenen Rufe
und kehrte in seine Vaterstadt zunick als Wasserbaudirektor an die Spitze
der Verwaltung, der er frtiher bereits 23 Jahre angehort hatte.
Werfen wir nunmehr einen ganz kurzen Uberblick auf die Strom- und
Schiffahrtverhaltnisse der Elbe unterhalb Hamburgs, die man kennen muB,
um die groBen Verdienste B.s um den Ausbau dieser Stromstrecke voll wiirdigen
zu konnen.
Etwa um das Jahr 1840 waren hier die Stromverhaltnisse, besonders in dem
Gebiet der Barren von Blankenese, noch so schlecht, daB bei mittlerem Hoch-
wasser nur Schiffe von 4,3 Meter Tiefgang ohne zu leichtern den Hamburger
Hafen erreichen konnten. Gedrangt durch die nach Einfuhrung der Dampf-
kraft standig zunehmende VergroBerung der Schiffe und die Vermehrung ihres
Tiefganges ging Hamburg daran, durch planmaBige Baggerungen das Fahr-
wasser zu vertiefen. Der Erfolg dieser jahrzehntelangen Bemuhungen war ein
derart giinstiger, daB gegen Ende des 19. J ahrhunderts Schiffe mit annahernd
S Meter Tiefgang bei mittlerem Hochwasser ohne zu leichtern in den Hafen
gelangen konnten. Die gewaltig gesteigerte Zunahme der SchiffsgroBen im
neuen Jahrhundert zwang dann zu weiteren MaBnahmen. Aus den bisherigen
Erfolgen war jedoch die Erkenntnis gewonnen worden, daB eine weitere Ver-
tiefung durch Baggerung allein wohl zu schaffen, aber nicht zu erhalten sei,
daB zur Erhaltung des Fahrwassers ein planmaBiger Ausbau mit Strombau-
werken erforderlich sei. Zu solchen MaBnahmen muBte das Einverstandnis
PreuBens eingeholt werden. Nachdem schon durch den Staatsvertrag vom
19. Dezember 1896 vorbereitende MaBnahmen vereinbart worden waren, ge-
langte nach schwierigen Verhandlungen der Staatsvertrag vom 14. Novem-
ber 1908 zum AbschluB, der den Ausbau der Unterelbe bis zur Schwingemun-
dung bei Brunshausen zum Gegenstand hatte. Hamburg erhielt durch ihn das
Recht, die Sohle des Strombettes den fortschreitenden Anforderungen seiner
Seeschiffahrt entsprechend zu vertiefen.
Die Verhandlungen iiber diesen Vertrag nahmen mehrere Jahre in Anspruch.
Als sie einmal wegen der schweren Bedingungen, die PreuBen stellte, zu schei-
tern drohten, war es nach einem besonderen Dankschreiben des Hamburger
Senats wesentlich B.s technischen Vorschlagen zu danken, daB ein Weg ge-
f unden wurde, unter Wahrung der hamburgischn Belange die Verhandlungen
zu einem gliicklichen Ende zu fiihren.
Bubendey 353
Wohl lagen aus fniherer Zeit (von Dalmann) vorbereitende theoretische
Untersuchungen vor. Das Verdienst B.s, der hierin von dem Wasserbau-
inspektor, spateren Baurat Bensberg unterstiitzt wurde, ist es, sie zum Ab-
schluB gebracht und auf ihrer Grundlage die Ausbauentwiirfe den neuzeit-
lichen Anforderungen entsprechend ausgearbeitet und ausgestaltet zu haben.
Wahrend man bis zum AbschluB des Vertrages von 1908 eine Vertiefung
des Fahrwassers auf 10 Meter bei mittlerem Hochwasser und eine Verbrei-
terung auf 200 Meter ins Auge gefaBt hatte, wurde nach dem AbschluB des
Vertrages das Ziel weitergesteckt, derart, daB die Tiefe bei Hamburg 12 Meter
und weiter abwarts der zunehmenden FlutgroBe entsprechend nahezu 13 Meter
betragen sollte. Bis zum Beginn des Weltkrieges war auf der oberen Strecke
die Vertiefung schon in einem solchen MaB erreicht, daB Schiffe von n Meter
Tiefgang, wie die Riesenschiffe der Hamburg- Amerika-Linie, der sogenannten
Imperatorklasse, in den Hafen gelangen konnten (s. Ballin, oben S. 212).
Durch die Regelung der Elbe, » seines « Stroms, die als sein Lebenswerk an-
zusprechen ist, ist B. fur die Elbe, »Hamburgs Lebensader«, wie er sie in einer
seiner Schriften genannt hat, das geworden, was Franzius fur die Weser ge-
wresen ist.
Neben den Strombauten diirfen natiirlich auch die Hafenbauten, die unter
B.s Oberleitung geplant und ausgefuhrt wurden, nicht vergessen werden. Hier
kommen hauptsachlich in Betracht: in Hamburg: die Erweiterung der Kuh-
warderhafen nach Suden zu (RoBhafen, Oderhafen, Travehafen, Ellerholz-
kanal, RoBkanal) und der teilweise Ausbau der neuen Hafen auf Waltershof,
einem westlich von der verlegten Kohlbrandmiindung belegenen Hafengebiet
(Waltershofer Hafen, Parkhafen, Maakenwerder Hafen, Neuer Petroleum-
hafen, Jachthafen); in Cuxhaven: der Ausbau des Fischereihafens und die
Erweiterung des Neuen Hafens von 9 Hektar auf 42 Hektar Grundflache mit
einer bis 12 Meter unter Niedrigwasser reichenden Sohle (der heutige Amerika-
Hafen). Zur Erleichterung des Ortsverkehrs wurden die St. Pauli-I,andungs-
briicken in groBziigiger Weise erneuert und zur Verbindung der beiden Elb-
ufer der durch zwei senkrechte Schachte (statt Rampen) mit elektrischen
Wagen- tmd Personenauf ziigen zugangliche Elbtunnel zwischen den Landungs-
briicken und dem gegeniiberliegenden Hafengebiet von Steinwarder gebaut,
ein Meisterwerk deutscher Ingenieurkunst. Seine Fahrbahn liegt etwa 21 Meter
unter dem mittleren Hochwasserspiegel der Elbe.
Fur das Vertrauen und die Wertschatzung, deren sich B. bei Senat und
Biirgerschaft Hamburgs zu erfreuen hatte, spricht die Tatsache, daB die in
die Millionen gehenden Kosten dieser Bauten, von denen hier nur genannt
seien: 37 Millionen fur Strombauten, 45 Millionen fur Hafenbauten, 10,7 Mil-
lionen fur den Elbtunnel, man mochte sagen, fast ohne Erorterung bewilligt
wurden. Der Senat ehrte ihn noch besonders durch den BeschluB vom Fe-
bruar 1914, das Elbufer der neuen Hafenanlagen auf Waltershof zwischen
dem Parkhafen und dem Jachthafen »Bubendey-Ufer« zu benennen, urn auf
diese Weise seinen Namen der Nachwelt in Verbindung mit seinen Werken
zu vermitteln.
Aus der Erkenntnis heraus, daB zur gedeihlichen Entwicklung eines groBen
Seehafens auch eine leistungsfahige BinnenwasserstraBe gehort, wandte B.
sein Streben auch der Verbesserung der Oberelbe zu. Die Elbe ist zwar eine
DBJ 23
354 ^J9
Wasserstrafle, die mit ihren Nebenfliissen das Hinterland bis nach Mittel-
deutschland, bis nach Bohmen hinein und tiber Berlin bis zur Oder erschliefit ;
ihre Leistungsfahigkeit ist jedoch noch nicht erschopft (sie ist nur fur Mittel-
wasser ausgebaut) und es bedarf noch einer durchgehenden planmafiigen
Niedrigwasserregelung. Eifrig hat B. an dem Zustandekommen des Gesetzes
iiber die Verbesserung der Schiffbarkeit der deutschen Wasserstrafien, des
sogenannten Schiffahrtsabgabengesetzes, soweit die Elbe dabei in Betracht
kam, mitgearbeitet und ist mit Wort und Schrift fur die Durchfuhrung der
in diesem Gesetz festgelegten Niedrigwasserregelung der Elbe eingetreten. Ein
Erfolg ist diesem Streben nicht beschieden gewesen und wird bei der wirt-
schaftlichen Lage Deutschlands, in die es durch den Weltkrieg geraten ist,
auch so bald nicht zu erwarten sein. Aus der gleichen Erkenntnis heraus und
mit gleichem Eifer trat B. fiir den Bau binnenlandischer Kanale ein, mit deren
Planung er sich schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts be-
schaftigt hatte. Als wahrend des Weltkrieges Bayern fiir eine Kanalverbin-
dung des Rheins mit der Donau warb, trat er lebhaft fiir eine Verbindung
der Elbe mit der Donau mittels des Elbe-Donau-Kanals ein, um den Vorteil,
der durch den bayerischen Plan den hollandischen Hafen zuwachsen werde,
wieder einigermafien zugunsten der deutschen Nordseehafen auszugleichen.
Und als dann der Gedanke einer unmittelbaren Kanalverbindung zwischen
dem westfalischen Industriegebiet und den Hansestadten auftauchte, trat er
mit Warme fiir den von Hoch aufgestellten Entwurf des sogenannten Hoyaer
Kanals ein, den er als die fiir Hamburg giinstigste Losung bezeichnete.
Durch die neue Reichsverfassung ist die Elbe, wie alle anderen Wasser-
straUen, in das Eigentum des Reiches iibergegangen und infolgedessen Ham-
burg seiner Fiirsorge fiir die Unterelbe, die es jahrhundertelang ausgeubt hat,
enthoben worden; nur die kurze Strecke innerhalb des Hafengebiets ist ihm
als Mandat geblieben. So ist B. »der letzte Wasserbaudirektor Hamburgs« im
alten Sinne gewesen.
Steht so das Bild B.s als eines hervorragenden Fachmannes auf dem Gebiet
des Wasserbaus fest, dessen Verdienste die Technische Hochschule in Han-
nover durch Ernennung zum Dr.-Ing. ehrenhalber anerkannte, so mtu3 das
Bild zum Schlufi noch durch den Hinweis auf seine personlichen Eigenschaften
erganzt werden. Als ein Mann von geradem, aufrechtem Charakter, ehrlicher
Uberzeugung und unbedingter Zuverlassigkeit, zugleich aber auch von reichem
Gemiit und voller Lebensfreude, so lebt er in dem Gedachtnis aller, die ihm
nahergetreten sind.
Literatur: de Thierry in Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure (Bd. 63, S. 573).
— Wendemuth in Zentralblatt der Bauverwaltung, Fritz Eiselen in Deutsche Bauzeitung,
53, 222. — K. Baritsch in Zeitschrift des Verbandes deutscher Diplomingenieure (Bd. 10,
S.61). — Otto Hoch in Zeitschrift fiir Binnenschiffahrt. — Ernst Baasch, Geschichte
Hamburgs 1814 — 1918, Bd. II, S. 267 f., 1925.
Schriften: Geschichte der Mathematischen Gesellschaft zu Hamburg. Festschrift.
Leipzig 1890. — Unsere Stellung zur Schulfrage. Vortrag. Berlin 1891. — Die Grenzen
der Seeschiffahrt. Festrede. Berlin 1902. — Praktische Hydraulik in Handbuch der
Ing.-Wissenschaften III., Bd. 1. Leipzig 191 1. — Der Hafen von Neuyork. Hamburg 191 3.
— Die Rheinschiffahrt und ihre Zukunft. Hamburg 191 5. — Die Elbschiffahrt und ihre
Fortsetzung zur Donau. Hamburg 1916. — Die Kunst des Vortrages. Hamburg 191 7. —
Berichte fiir verschiedene internationale Schiffahrtkongresse, und zwar fiir den VII. 1898,
den IX. 1902, den X. 1905, den XII. 191 2. — Strom- und Uferbau ten, Abschnitt II, Unter-
Bubendey. Delbriick 355
elbe in ^Hamburg und seine Bauten*. Hamburg 1914. — Die Wasserstraflenentwurfe fiir
Mitteleuropa. 1. Jahrbuch der Hafenbautechn. Ges., 1918. — Bine groBe Anzahl Auf-
satze, Berichte und Vortrage in Deutsche Bauzeitung 1883, l&&4> 1890, 1892, 1899, 1900,
1905; in Zentralblatt der Bauverwaltung 1895, J896, 1897, 1898, 1899; in Bayerisches
Industrie- und Gevverbeblatt 1899; *n Zeitschrift fiir Binnenschiffahrt 1897, !898, 1900,
1901, 1902, 1903, 1905; in Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure 1903; in Zeit-
schrift »Hansa« 1907; in Zeitschrift des Verbandes deutscher Diplomingenieure 1914. —
Ferner: Nelils und B., Die Elbe, Hamburgs Lebensader. Hamburg 1892. — Tolkmitt-B.,
Die Grundlagen der Wasserbaukunst, 2. Aufl. Berlin 1907. — B. und Lorenzen, Der
Hamburger Hafen und die Regulierung der Unterelbe. Hamburg 191 2.
Hamburg. Otto Hoch.
Delbriick, Max, Geh. Regierungsrat, Prof. Dr. phil., Dr. ing. h. c.t Direktor des
Instituts fiir Garungsgewerbe, o. Prof, fiir Technologie der Garungsgewerbe
an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin, * am 16. Juni 1850 in
Bergen (Riigen), f am 4. Mai 1919 in Berlin. — Max D. wurde als Sohn des da-
maligen Kreisrichters, spate ren Appellationsgerichtsrates Dr. Berthold D. und
seiner Gattin Laura geboren. Sein Vater starb jung; von ihm, dem reich be-
gabten Juristen, iiberkam D. die ihm eigene unerbittliche Scharfe des Ver-
standes, aber auch die Zartheit der Empfindung. Seine Mutter, eine Tochter
des Hegelphilosophen Professor Leopold v. Henning, iibernahm nach dem
Tode ihres Mannes mit geringen Mitteln die Erziehung ihrer vier Kinder. Von
dieser seltenen Frau, die durch die strahlende Warme thres Wesens, durch die
Kraft, mit der sie trotz mancher Miihe und Entsagung das Leben bejahte,
durch das Feuer der Begeisterung, mit dem sie fiir alles Gute und Edle erfullt
war und andere erfullte, aller Herzen sich zu eigen machte, empfing D. den
eigentlichen Kern seines Wesens. Seine Schulbildung genoB er nach der tJber-
siedlung seiner Eltern nach Greifswald auf dem dortigen humanistischen Gym-
nasium, seine Allgemeinbildung in der geistigen Atmosphare des Elternhauses,
das viele Freunde aus dem Gelehrtenkreise der Universitat sein eigen nannte.
Als i8jahriger Abiturient ging B. nach Berlin, urn an der damaligen Gewerbe-
akademie, der heutigen Technischen Hochschule, Chemie zu studieren. Im
weiteren Verlaufe seiner Studien kehrte er jedoch nach Greifswald zuriick,
fuhrte dort unter Leitung von Limpricht seine Doktorarbeit aus und wurde
1872 zum Doktor der Philosophic promoviert. Schon damals wurde ihm von
seinen L,ehrern eine ungewohnliche Auffassungsgabe und die Fahigkeit, sofort
den Kern jeder Sache zu erkennen, nachgeruhmt. Von 1872 — 1873 war D. Assi-
stent in dem unter Liebermanns Leitung stehenden organischen Laboratorium
an der Gewerbeakademie in Berlin, von 1873 — 1874 Assistent an der von
Maercker geleiteten Landwirtschaftlichen Versuchsstation in Halle a. d. S. Das
Zusammenarbeiten mit Maercker wurde fiir D.s Leben entscheidend. Maercker
veranlaBte 1874 die Begriindung der Versuchsanstalt des Vereins der Spiritus-
fabrikanten in Berlin, zu deren Leitung sein Assistent D. berufen wurde, der im
Maerckerschen Laboratorium bereits grundlegende Arbeiten auf brennerei-
technischem Gebiete ausgefuhrt hatte. Mit der Ubernahme der Leitung der
neuen Versuchsstation betrat D. den Boden, auf dem er in 45jahriger Lebens-
arbeit den gewaltigen Bau des heutigen Instituts fiir Garungsgewerbe errichtete.
Sogleich setzte D.s geniale Organisationsarbeit ein: er griindete 1875 eine
Brennereischule zur Ausbildung der Betriebsleiter im sachgemaBen Brennerei-
356 1919
verfahren; 1876 richtete er eine eigene Glasblaserei ein, um das Brennerei-
gewerbe jederzeit mit guten, gepriiften Kontrollinstrumenten versehen zu
konnen; 1878 iibernahm er gemeinsam mit Maercker die Herausgabe der »Zeit-
schrift fiir Spiritusindustrie«, um in einem eigenen Fachorgan den wissen-
schaftlichen und praktischen Verkehr zwischen der Versuchsanstalt und dem
Gewerbe lebendig zu erhalten ; 1879 folgte die Griindung der Versuchsbrennerei
in Biesdorf , um die Errungenschaften der I^aboratoriumsarbeit jederzeit sofort
auf ihren praktischen Wert priifen zu konnen. 1882 wurde die Versuchsanstalt
in den Neubau der Landwirtschaftlichen Hochschule aufgenommen. Noch in
demselben Jahre organisierte D. die erste Ausstellung fiir Spiritusindustrie,
der weitere folgten, jedesmal in eindrucksvollerer Weise die Vielseitigkeit der
Verwendung des Spiritus zu technischen Zwecken bezeugend.
Aber inzwischen waren schon neue groBe Plane in D. gereift. Auch das nord-
deutsche Brauereigewerbe erkannte die Notwendigkeit der Begriindung einer
eigenen Versuchsanstalt. Der Verein »Versuchs- und Lehranstalt fiir Brauerei
in Berlin « wurde von D. im Bunde mit dem spateren Ministerialdirektor
Dr. Thiel und fuhrenden Personlichkeiten der Brauereiindustrie 1883 ge-
schaffen und die Versuchsanstalt des Vereins der Leitung D.s unterstellt.
Schon im folgenden Jahre gab D. die »Wochenschrift fiir Brauerei « heraus, die
sich rasch zu einem mafigebenden Organe auf dem Gebiete der Brauwissen-
schaft und -praxis entwickelte. 1883 wurde als ein Zweig des Vereins der
Spiritusfabrikanten in Deutschland der Verein der Starke-Interessenten in
Deutschland ins Leben gerufen und seine Versuchsanstalt ebenf alls an die Land-
wirtschaftliche Hochschule angegliedert. 1888 eroffnete D. die Unterrichts-
anstalt fiir Brauer, die sich rasch zu einer Musterstatte technologischer Ge-
dankenerziehung entwickelte, und griindete im selben Jahre die Deutsche
Kartoffel-Kultur-Station, bald erganzt durch die entsprechende Einrichtung
fiir Gersten- und Hopfenkultur.
Diese neuen Einrichtungen und die von D. als notwendig erkannte Schaffung
von Versuchsfabriken liefien schon damals den Plan emporwachsen, ein be-
sonderes Institut fiir die drei Versuchsanstalten zu errichten. 1897 wurde das
Werk vollendet, das mit Hilfe von Staatsmitteln neu errichtete Institut fiir
Garungsgewerbe, dem eine Versuchsbrauerei, eine Versuchsbrennerei mit Hefe-
zuchtanstalt, eine Versuchsstarkefabrik und eine Versuchsessigfabrik angeglie-
dert sind, wurde bezogen. Noch im selben Jahre wurden die neu ins Leben
geruf enen Versuchsanstalten des Vereins der Kornbrennereibesitzer und PreB-
hefefabrikanten Deutschlands und des Verbandes deutscher Essigfabrikanten
an das Institut angegliedert. 1900 wurde die Institutsanlage durch ein groBes
Ausstellungsgebaude erweitert. 1907 — 1909 wurden die letzten Abteilungen an
die Anstalt angeschlossen, namlich die Versuchsanstalt des Vereins deutscher
Kartoffeltrockner, die Abteilung fiir Trinkbranntwein- und Likorfabrikation
sowie die ernahrungsphysiologische Abteilung. 1908 erfolgte ein vollstandiger
Umbau der Brauerei unter gleichzeitiger Neuschaffung eines groBen Versamm-
lungs- und Wirtschaftsgebaudes.
Hand in Hand mit den Organisationen und Einrichtungen, die D. im Rahmen
der Technischen Abteilung der Landwirtschaftlichen Hochschule schuf, ging
seine schopferische Mitarbeit an dem ZusammenschluB des Brennereigewerbes,
den er stets vom Standpunkt der Forderung der kartoffelbauenden Landwirt-
Delbriick
357
schaft betrachtete. Er erkannte Mitte der achtziger Jahre, daB der technische
Atifschwung des Gewerbes auch zur Ursache seines Niedergangs wurde: der
Spiritusabsatz nach dem Ausland wurde von den empfangenden Landern ge-
sperrt, Osterreich und RuBland erschienen mit eigener Ware auf dem Welt-
markt, die Zahl der deutschen Brennereien nahm bestandig zu, ebenso ihre
Erzeugung, die Preise fur Spiritus fielen in beangstigender Weise, die Gefahr
der Einschrankung des Kartoffelbaues drohte. Bedeutende Einnahmebediirf-
nisse des Reiches fiihrten zur Einbringung der Bismarckschen Branntwein-
monopolvorlage, sie fiel und an ihre Stelle trat, in ihren Grundgedanken aus
dem AusschuB des Vereins der Spiritusfabrikanten unter Mitwirkung D.s ge-
boren, die Branntweinsteuergesetzgebung vom Jahre 1887 mit ihrem spater so
vielgeschmahten Kontingent, das dann fiir Jahrzehnte dieGrundlage der Brannt-
weinsteuergesetzgebung geblieben ist. Von jetzt ab fiel der Geschaftsfuhrung
des Vereins der Spiritusfabrikanten nicht nur die technisch-wissenschaftliche
Arbeit, sondern auch die wirtschaftliche Vertretung des Gewerbes zu. In zehn-
jahrigem Ringen fuhrte die Arbeit 1899 zu dem groBen Erfolge der Griindung
des Verwertungsverbandes deutscher Spiritusfabrikanten und der Zentrale fiir
Spiritusverwertung (spater Spirituszentrale), einer Organisation, in der dem zu-
sammengeschlossenen, den Spiritus liefernden Brennereigewerbe die geeinigte
Gruppe der Spritfabrikanten als aufnehmende, vertreibende und Kapital
gebende Stelle gegeniibersteht.
Nach dem ZusammenschluB ruhte die Mitarbeit D.s an der Organisation der
Kartoffelverarbeitung und des Kartoffelbaues nicht, die Erneuerung der Ver-
trage des Verwertungsverbandes und der Spirituszentrale im Jahre 1908 sah
ihn wiederum auf dem Plan. Einige Jahre spater erfuhr der Kartoffelbau eine
starke Forderung durch die von D. angeregte und im Bunde mit den Ftihrern
desflandwirtschaftlichen Kartoffelbrennereigewerbes durchgefuhrte Griindung
von zwei Kartoffelbaugesellschaften. Die Starke- und Kartoffeltrocknungs-
industrie fand 1915 ihren wirtschaftlichen ZusammenschluB in der Trocken-
Kartoffel-Verwertungsgesellschaft. Als letzte Organisationstat D.s folgte im
April 19 19, also kurz vor seinem Heimgang, die Griindung einer Gerstenbau-
gesellschaft im Bunde mit fiihrenden Personlichkeiten des Brauereigewerbes
und der Gerste bauenden L,andwirtschaft, die sich die Hebung des Gersten-
baues nach Menge und Giite zum Ziel gesetzt hat, um in erster Linie dem
Brauereigewerbe, aber auch den anderen Gerste verarbeitenden Industrien den
wirtschaftlichen Neuaufbau nach dem Kriege durch bessere Belief erung mit
Rohstoffen zu ermoglichen.
Neben dieser organisatorischen Tatigkeit ging D.s wissenschaftliche Arbeit
her. Eigene Experimentalarbeiten hat D. freilich nur im Anfang seiner Lauf-
bahn ausgefuhrt, stets behindert durch den Verlust der Sehkraft des einen
Auges, den er sich als Knabe infolge eines Unfalls zugezogen hatte. Dennoch
ist die wissenschaftliche Tatigkeit D.s von grundlegender Bedeutung fiir die
Technologie der Garungsgewerbe geworden. Die von ihm bevorzugten Gebiete
hat D. mit einer groBen Zahl von Mitarbeitern ergnindet und gemaB seiner
organisatorischen Eigenart zu technologischen Anschauungssystemen ausgebaut.
Das Studium der Hefe vom Standpunkte der Gararbeit, die sie leistet, und
der Bewegung, die sie hervorbringt, in klarer Bierwiirze und in Brennereidick-
maischen unter Benicksichtigung des Einflusses der Zellenvermehrung, der
358 i9i9
Temperatur, der Liiftung, baute D.zu einer »Lehre von derMechanik und Dy-
namik der Hefe« aus. Er erkannte als erster die entscheidende Bedeutung der
Bewegung, welche die Hefe selbst durch die entwickelte Kohlensaure in den
Garflussigkeiten schafft.
Dem Spiel der Enzyme in der lebenden Zelle gait seine Forschung; aus-
gehend von der Tatigkeit der Enzyme bei den Lebensabwandlungen der Hefe-
zelle im Zustande der Arbeit, der Ruhe und des Absterbens, ergriindete D. die
Enzymarbeit, die Energie- und Stoffbilanz beim Vermalzen der Gerste, bei
ihrer Lagerung und ubertrug die Ergebnisse auf die Kartoffel, deren Verhalten
und Verluste bei der Lagerung er besondere Aufmerksamkeit zuwandte. Dieses
Arbeitsgebiet, in dem die Ernahrung der Pflanzenzelle, ihre chemische Zu-
sammensetzung, der EinfluB der Art und Rasse, bei der Hefe auBerdem die
Wirkungen der gesamten MaBnahmen der Garungsfuhrung eine Rolle spielen,
faBte D. unter dem Begriff der »Anderung des physiologischen Zustandes der
Zelle « zusammen, gleichzeitig die Briicke schlagend zur allgemeinen Physio-
logic der Zelle des menschlichen und tierischen Organismus.
Die Reinerhaltung von Hefe und Garung von dem Augenblicke an, in dem
die Hefe den Zustand der absoluten Reinzucht verlaBt, gestaltete D. zu einem
» System der natiirlichen Hef ereinzucht « aus. Er wies nach, daB die Kunst-
griffe der Garungsfuhrung, die sich in den Garungsgewerben seit Jahrhunderten
vom Vater auf den Sohn vererbt haben, unbewuBte Vorschriften fiir die natiir-
liche Reinzucht enthalten. Fiir die Hefebereitung in der Brennerei wurde das
System zu einer besonderen Kunsthefefuhrung ausgebaut, fiir das Brauerei-
gewerbe zu einer » natiirlichen Hef ereinzucht nach dem Satz- und Triebver-
fahren«, indem die Wege gezeigt werden, auf denen man die Fahigkeit des
Absitzens oder Auftreibens der Hefe sich zur Scheidung der Heferassen und
zur Gewinnung von Anstellhefe besonderen Charakters dienen lassen kann.
Alle Zweige dieses Systems betrachtet D. unter dem Gesichtspunkt des Kampfes
der Mikroorganismen untereinander und der Leitung dieses Kampfes nach be-
stimmten gewollten Richtungen.
Mit der Ernahrung der Hefe in Brennereimaischen durch Ammoniaksalze
zum Zwecke der Umwandlung des Ammoniaks in HefeeiweiB zur Erlangung
eiweiBreicher Schlempe betrat D. das Forschungsgebiet, mit dem er sich zu-
letzt beschaftigt hat. Diese Arbeit brachte das sogenannte »Mineralhefever-
fahren« hervor, zu dessen praktischer Ausnutzung im Kriege zwecks Herstel-
lung von Futter- und Nahrhefe D. den AnstoB gegeben hat, aufbauend auf den
schonen Erfolgen, die mit der Verwertung der UberschuBhefe der Brauereien
fiir menschliche Ernahrung und Tierfiitterung unter seiner Fiihrung bereits
erzielt worden waren. An die Massenziichtung der EiweiBhefe schloB sich, von
einer anderen Stelle des Instituts ausgehend, diejenige der Fetthefe, ebenfalls
im Kriege geboren und von D. aus dem Laboratorium heraus auf die Grund-
lage gehoben, auf der die Entwicklung eines praktisch durchfuhrbaren Ver-
fahrens moglich erscheint.
Mit besonderer Vorliebe widmete sich D. dem Studium der Geschichte der
Garungsgewerbe, dessen Ergebnisse er vielfach zum Gegenstand riickschauen-
der Vortrage bei festlichen Anlassen machte.
Es war eine Eigentiimlichkeit D.s, daB er sich bei der Stellung der Arbeits-
themata vielfach nicht nur von wissenschaftlichen Gesichtspunkten und den
Delbriick
359
technischen Bediirfnissen der Gewerbe, sondern auch von wirtschaftlichen
Fragen leiten lieB. Seine wahre Kraft und Bedeutung auBerte sich daher
nicht in rein wissenschaftlicher, sondern vielmehr in volkswirtschaftlich-
technologischer Richtung.
Im Rahmen der dargelegten Forschungsgebiete ist eine groBe Zahl von Ar-
beiten teils von D. selbst, teils von seinen Mitarbeitern veroffentlicht worden,
nicht immer in Gestalt eigentlicher wissenschaftlicher Publikationen, sondern
vielf ach nur in ihren Ergebnissen in Vortragen und Berichten aui den technisch-
wissenschaftlichen Tagungen der dem Institut ftir Garungsgewerbe ange-
schlossenen Verbande mitgeteilt. Fur den Verein der Spiritusfabrikanten in
Deutschland beschrankten sich diese Berichte im allgemeinen auf die jahr-
liche Generalversammlung im Februar, die gelegentlich durch eine technische
Sitzung erganzt wurde. Ganz besonders aber hat D. diese technischen Tagungen
fur die Versuchs- und Lehranstalt ftir Brauerei ausgebildet. Die von D. ins
I^eben gerufene und in jedem Jahre mit gleicher L,iebe organisierte Brauerei-
maschinen-, Gersten- und Hopfenausstellung gab der Oktobertagung auBerlich
das festliche Geprage. D. selbst erstattete den zusammenfassenden Bericht
iiber die Arbeiten des vergangenen Jahres mit stets gleichbleibender feuriger
Beredsamkeit in der Generalversammlung des Vereins. Durch diese groB-
ziigige Gestaltung der Oktobertagung schuf D. ein unzerreiBbares Band zwi-
schen der Praxis des Brauereigewerbes und den wissenschaftlichen Mitgliedern
der Anstalt.
Zu D.s bevorzugten Arbeitsgebieten gehorte auch das Unterrichtswesen am
Institut ftir Garungsgewerbe. Die zu Beginn in einfachem Rahmen abgehalte-
nen I,ehrkurse wurden fast samtlich nach und nach zu Studiengangen aus-
gebaut, welche die Teilnehmer bei Vorhandensein einer bestimmten Vorbil-
dung zu ordenthchen Horern der Landwirtschaftlichen Hochschule machten
und ihnen innerhalb von sechs Semestern die Erlangung des Diploms als
Brauerei- oder Brennerei-Ingenieur ermoglichten.
DaB ein Mann von so umfassendem Weitblick und sicherem Urteil sich als
Berater allgemein der groBten Wertschatzung erfreute, ist selbst verstandlich.
Zahlreichen Korperschaften gehorte D. an : dem Deutschen Landwirtschaf tsrat,
dem PreuBischen L,andes-Okonomie-Kollegium, dem Verwaltungsrat und wissen-
schaftlichen Beirat der PreuBischen Forschungsgesellschaft f iir Landwirtschaft,
dem Vorstand der Kaiser- Wilhelm-Gesellschaft zur Forderung der Wissenschaf-
ten. DenTitel Professor erhielt D. im Jahre 1882, eine ordentliche Professur ftir
Technologie der Garungsgewerbe an der Land wirtschaftlichen Hochschule 1898
in seiner Eigenschaft als Vorsteher des Instituts ftir Garungsgewerbe. Fur die
Zeit vom 1. April 1898 bis 1. April 1900 wurde D. zum Rektor der Iyandwirtschaft-
lichen Hochschule erwahlt. DaB D. neben seiner vielseitigen Tatigkeit noch
nebenbei zwanzig Jahre lang die Stellung eines Mitgliedes des Patentamtes
bekleiden konnte, zeugt von seiner gewaltigen Arbeitskraft.
Von Jugend an erfullt von hohen Idealen kannte er keine andere Betatigung
seiner ungewohnlichen Geistesgaben, als die vollige Hingabe an das von ihm
als groB, gut und schon Erkannte. Um diesen Kern seines Wesens, der sich
mit unversiegbarem Gedankenreichtum und hochster schopferischer Gestal-
tungskraft gliicklich verband, gruppieren sich alle ihm eigenen Ziige: eiserne
Pflichterfiillung, schnellste EntschluBfahigkeit, nicht zu beirrende Tatkraft
360 1919
und Zahigkeit in der Verfolgung seiner Ziele, weitblickendes Vorausschauen,
ein haarscharfer, jedem unklaren Ausweichen abgeneigter Verstand, und das
alles mit einem unbeschreiblich warmen und mitfuhlenden Herzen zu seltenem
Zusammenklang verbunden.
Max D. war der geborene Erzieher. Der unermudlich Tatige verlangte viel
von seinen Mitarbeitern, und je naher man ihm durch gemeinschaftliche Arbeit
riickte, desto hoher wurden seine Anforderungen und desto schwerer die Auf-
gaben, die er austeilte. Selir groB war D.s Einflui3 auf die unter seiner Leitung
studierende Jugend, zu deren Belehrung und Erziehung er aus dem reichen
Schatz seines Wissens schopfte. Seine Ausfiihrungen, stets von hoher Warte
aus frei entwickelt, wurden mit hinreiflender Gestaltungskraft und schopferi-
scher Phantasie vorgetragen, mit erfrischendem Humor gewiirzt.
Das Bild D.s wiirde nicht vollstandig sein, wenn man den schonsten und
edelsten Inhalt seines Lebens still beiseitelegen wollte. Ein vollkommenes
Ineinanderaufgehen, eine Gemeinschaft der Seelen, die keiner Zeichen und
Worte bedarf, war D. an der Seite der Gattin beschert, in deren Wesen sich
Giite und Treue zu dem reinsten Bilde deutscher Frauenart vereinigen. Fiinf
starke Sonne nannten D. und seine Gattin ihr eigen; einer starb in jungen
Jahren, zwei weitere blieben auf dem Felde der Ehre im Kampfe urn Deutsch-
lands Recht und Freiheit. Nie hatte D.s weiches Herz diese Schicksalsschlage,
die ihm den Keim des Todes einpflanzten, noch so lange ertragen, wenn ihm
nicht die Lebensgefahrtin, obwohl selbst bis ins Innerste getroffen, in selbst-
loser Treue den Schaffensmut erhalten hatte. Als der Tod D. abrief, stand er
im fast vollendeten 69. Lebensjahre.
Literatur: Maercker-Delbriick, Handbuch der Spiritusfabrikation, 8. und 9. Aufl.,
zusammen mit einer ganzen Reihe seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter. — In Gemein-
schaft mit Foth, Anleitung zum Brennereibetrieb. — Zusammen mit Schrohe, Hefe,
Garung und Faulnis. — Mit Schdnfeld, System der natiirlichen Hefereinzucht. — In
Gemeinschaft mit Struwe, Beitrage zur Geschichte des Bieres und der Brauerei. — Mit
F. Hayduck, Die Garungsfiihrung in Brauerei, Brennerei und PreBhefefabrik. — In Ge-
meinschaft mit dem gesamten I^ehrkorper des Instituts fur Garungsgewerbe, Das Illu-
strierte Brauerei-Lexikon und das Hlustrierte Brennerei-Lexikon. — Die vorliegende
Biographie ist ein stark gekiirzter Auszug aus F. Hayduck, Max Delbriick zum Gedacht-
nis (Privatdruck, Berlin 1919).
Berlin. Friedrich Hayduck.
Deussen, Paul Jakob, o. Professor der Philosophic in Kiel, * am 7. Ja-
nuar 1845 zu Oberdreis im Westerwald, f am 6. Juli 1919 zu Kiel. — Paul D.
wurde als dritter Sohn des Pfarrers Adam D. in dem Dorfchen Oberdreis
geboren, wo sein Vater seit 1842 das Pfarramt verwaltete. Dieser stammte
aus einer begiiterten Bauernfamilie und war weniger durch Neigung als durch
Umstande zur Theologie gekommen. Die Mutter, Jakobine Ingelbach, die
alteste Tochter eines Pfarrers, brachte aus dem Hause ihres Onkels Briining,
Oberburgermeisters in Elberfeld, wo sie vom 17. bis 23. Jahre weilte, eine
Neigung zum Pietismus mit, die sie die freiere Richtung ihrer Kinder schmerz-
lich empfinden liefi. Nachdem sich die Ausbildung der alteren Knaben durch
oft wechselnde Hauslehrer auf die Dauer als unhaltbar erwiesen hatte, bezog
D. im Jahre 1857 das Gymnasium zu Elberfeld, aber schon im Herbst 1859
fiel ihm eine lange beantragte konigliche Freistelle in Schulpforta zu.
Delbriick. Deussen 361
In den Jahren, die D. in dieser ehrwurdigen Anstalt verbracht hat (1859
bis 1864) ist in ihm der Grund zu jener soliden Kenntnis der griechischen und
romischen Klassiker gelegt worden, die ihn durch sein ganzes Leben begleitet
hat, so daB er zum Schulfest 1864 die Erstiinnung der Diippeler Schanzen in
ein paar hundert lateinischen Distichen besingen konnte. Von seinen damaligen
Lehrern hat er in hohem Alter noch immer mit Begeisterung gesprochen und
oft versichert, daB sie viel tiefer auf ihn gewirkt hatten als es je seine Univer-
sitatslehrer vermochten. In Pforta bildeten sich auch die freundschaftlichen
Beziehungen mit Friedrich Nietzsche, der von Anfang bis zu Ende sein Klassen-
gefahrte war.
Nach glanzend bestandenem Abiturientenexamen bezog er zusammen mit
Nietzsche die Universitat Bonn, wo er drei Semester blieb, immer in naher
Fuhlung mit dem genialen Freunde. Diese Anfangssemester verliefen in ziem-
licher Planlosigkeit. Die theologischen Vorlesungen waren ihm langweilig,
zumal er durch die Lekture des gerade erschienenen »I,eben Jesu« von D. F.
StrauB einen von der Bonner Theologie vollig abweichenden Aspekt gewann.
Auch die philologischen Kollegs konnten ihn nicht befriedigen: »Ich hoffte,
an der Hand dieser Manner (Ritschl und Hahn) in den groBen freien Geist
des klassischen Altertums tiefer eingefiihrt zu werden, und empfing statt
dessen bei Ritschl Konjekturen und Varianten, bei Hahn Buchertitel und
Zitate ohne Zahl. Diese Eindriicke haben wesentlich dazu mitgewirkt, mein
Herz nicht dem klassischen Altertum, wohl aber der klassischen Philologie
zu entfremden.« Auch die Philosophic zog ihn nicht an, dagegen widmete er
sich mit Eifer den Anfangsstudien des Sanskrit bei dem alten Lassen, der
ihm auch auf alle Fragen liber die indische Welt mit unerschopflicher Geduld
Ant wort gab. Daneben trieb er tuchtig Hebraisch, um das Alte Testament,
frei von alien modernen theologischen Beziehungen, im Urtext zu lesen.
Hierin konnen wir eine Tendenz erkennen, die sich in seiner ganzen Lebens-
arbeit zeigt: selbstandiges Studium der Quellen ohne viel Riicksicht darauf,
was der Wissenschaftsbetrieb an Kleinarbeit dazu geliefert hat.
Nach einem Semester in Tubingen, das ihn der Theologie ganz entfremdete,
kehrte er nach Bonn zuriick, um sich trotz des Widerspruchs seines Vaters
nun nur noch in der philosophischen Fakultat einschreiben zu lassen. Er trieb
hier wieder Sanskrit bei Gildemeister, auch etwas klassische Philologie und
alte Geschichte, sowie Philosophic, ohne irgendwo festeren FuJ3 zu fassen,
obwohl ihm die Anfertigung einer Seminararbeit iiber das Leben des Konigs
Euagoras von Cypern Freude machte.
Erst in Berlin, wohin er im Fruhjahr 1867 ging, gelang ihm eine wirkliche
Konzent ration. Neben den bei Weber betriebenen Sanskritstudien ward ihm
durch Werder, der die Hauptlehren Kants, Schopenhauers und Hegels vor-
trug, endlich der Zugang zur Philosophic eroffnet. Die klassische Philologie
fesselte ihn von seiten der Professoren auch jetzt nicht, aber er gelangte selbst
zu Plato, den er nach seiner Aussage im Februar 1867 vollstandig durchgelesen
hatte. Und so entschloB er sich nach einigen Umwegen zu einer Dissertation
iiber den Sophista, die er in seinem Heimatsdorf ausarbeitete und in Marburg
einreichte. Hier bestand er am 29. Januar 1869 das miindliche Doktorexamen
in klassischer Philologie, Philosophic, Franzosisch und alter Geschichte mit
Glanz. Zeichen seiner besonderen Sprachbegabung ist es, daB er dabei die ge-
362 1919
forderten Interpretationen nicht nur wie vorgeschrieben in lateinischer, son-
dern auch in griechischer Sprache flieBend vortrug, den franzosischen Text
franzosisch interpretierte und sogar das ihm noch nicht sehr gelaufige Eng-
lisch zu sprechen wagte. Gleich darauf ging er als Probekandidat an das
Gymnasium in Minden und legte in den Sommerferien 1869 das Staatsexamen
in Marburg ab, wobei er die Fakultas in Griechisch, Lateinisch, Deutsch und
Hebraisch fiir alle Klassen, in Religion fur die mittleren erhielt. Zur Erholung
machte er mit 21 Talern ersparten Gehalts eine zwolftagige Harzreise, was
hier nur erwahnt sei, um auf die durch sein ganzes Leben betatigte Reiselust
und seine Fahigkeit, sie mit kleinsten Geldmitteln zu befriedigen, hinzuweisen.
In die Mindener Zeit fallt sein endgultiger AnschluB an Schopenhauer, den
er schon wahrend der Arbeit an seiner Dissertation naher kennengelernt hatte,
ohne ihm doch ganz folgen zu mogen. Jetzt wurde er ihm »zum philosophus
christianissimus, und das Studium Schopenhauers, verbunden mit der Lektiire
des Neuen Testaments, gestaltete sich in mir zu einem harmonischen Ganzen,
welches die strengsten Anforderungen der Wissenschaft mit den ebenso un-
abweisbaren Bediirfnissen des religiosen Gemiites in voll befriedigender Weise
vereinigte«. Da ihm Minden bald zu eng erschien, sah er sich nach einem
anderen Wirkungskreis um. Bei der Wahl zwischen einer Gymnasiallehrer-
stelle in Duisburg mit 600 Talern und einer Hilfslehrerstelle am Marburger
Gymnasium mit 400 Talern entschloB er sich zur zweiten, um der Universitat
naher zu kommen. Wahrend des kurzen Marburger Aufenthalts (Fruhjahr 1871
bis Herbst 1872) bereitete er sich auf Wunsch seiner El tern neben der Erfullung
seiner Lehrerpflichten auf das theologische Examen pro licentia concionandi
vor, da die Eltern die Kosten des einjahrig-freiwilligen Jahres fiirchteten, die
Mutter auch noch immer hoffte, den Sohn als Theologen auf der Kanzel zu
sehen. Dauernde Nachtarbeit brachte ihm das Pradikat bene stetit ein, aber
die Erlosung aus diesem ihm noch in spateren Jahren als Gefangnis erschei-
nenden Lehrerdasein kam ihm nicht hierdurch, sondern durdi eine von
Nietzsche (damals Professor in Basel) vermittelte Hauslehrerstelle in einer
vornehmen russischen Familie, die in Genf lebte. Die nicht schwere Arbeit,
den jungen Kantschin auf das college vorzubereiten, wurde mit hohem Gehalt
bezahlt, und das Leben in der eleganten Familie machte D. zum erstenmal
mit der Atmosphare reicher Lebensfiihrung bekannt. So konnte er die Folgen
seiner bisherigen Uberanstrengung bald iiberwinden und an die Verwirklichung
seines innigsten Wunsches denken, namlich an die Habilitation an der Genfer
Universitat. Die Einreichung der Doktordissertation geniigte, und im Winter-
semester 1873 begann D. seine Vorlesungen in franzosischer Sprache: Philo-
sophic (4 Stunden) und Sanskrit (2 Stunden), welch letzteres Fach bis dahin
in Genf noch nicht gelesen worden war. Hier kam ihm nun der Gedanke, die
beiden Facher, die er am meisten liebte, zu verbinden und sich die Erforschung
der indischen Philosophic zur Lebensaufgabe zu machen. Mit der Energie,
die ihn immer ausgezeichnet hat, widmete er sich von jetzt ab dem Studium
der Sanskritliteratur, wozu er von Gildemeister brieflichen Rat einholte. Aber
schon trat eine neue Veranderung ein. Der junge Kantschin sollte nun die
Technische Hochschule in Aachen besuchen, und so sehen wir D. im Herbst 1875
vor 300 Zuhorern als Privatdozent der Hochschule zwei Abende in der Woche
liber Philosophic vortragen. Aus den gedruckten Zusammenfassungen, die er
Deussen 363
seinen Zuhorern nach jedem freien Vortrag in die Hand gab, entstanden die
»Elemente der Metaphysik«, worin D. sein auf Schopenhauer gegriindetes
philosophisches System in allgemeinverstandlicher Weise zur Darstellung ge-
bracht hat. Die so gewonnene Bekanntheit wurde noch durch heftige Angriffe
gegen die religiose Gefahrlichkeit des Vorgetragenen in dem ultramontanen
*Echo der Gegenwart« gesteigert. Nachdem die Sache sogar im PreuBischen
Abgeordnetenhause zur Sprache gekommen war, wurde D. vom Handels-
minister, dem die Aachener Hochschule unterstand, aufgefordert, nicht mehr
iiber Schopenhauer zu lesen, sondern sich auf die Geschichte der Philosophic
bis Kant zu beschranken und auch nichts iiber indische Philosophic zu sagen.
Die daraufhin angekiindigte Vorlesung iiber die Vorsokratiker erfreute sich
natiirlich groBten Zulaufs, wurde aber dadurch an der Vollendung verhindert,
daB D. durch Kantschins Vermittlung, der mit seinem Sohn neue Plane hatte,
in den Dienst des Fursten Zscherbatof f trat, um die Erziehung der drei altesten
Sohne zu iibernehmen. Sein Urlaubsgesuch wurde vom Ministerium abschlagig
beschieden und seine Dozentur an der Hochschule geloscht. Man war froh,
den Qualgeist loszuwerden, erzahlt D. befriedigt. Das Jahr auf dem Schlosse
des Fursten in SiidruBland gewahrte D. eine wert voile Horizonterweiterung
durch den Einblick in russische Verhaltnisse, lehrte ihn den Gebrauch der
russischen Sprache und vermehrte seine Ersparnisse, so daB er am Schlusse
imstande war, sich in Berlin wieder energisch dem Sanskrit zu widmen.
Wahrend er sich nun mit den alteren Upanisaden und mit Samkaras groBem
Kommentar zu den Brahma- Sutras beschaftigte und daneben bei Albrecht
Weber Interpretation des Atharvaveda und des Rgveda horte, hatten ihn
seine russischen Freunde nicht vergessen und im russischen Kultusministerium
fur seine Anstellung als ordentlicher Professor an einer russischen Universitat
gearbeitet. Aber diese Zukunftsplane wurden durch das Attentat zerstort,
dem Zar Alexander II. am 13. Marz 1881 zum Opfer fiel. Nach dem im Zu-
sammenhang damit erfolgten Riicktritt des Ministeriums erhielt D. seine
Zeugnisse mit dem Ausdruck des Bedauerns aus RuBland zuriick und be-
schloB nun, sofort seine Habilitation zu versuchen, ohne von Weber oder
Zeller dazu ermutigt zu sein. Er reichte Zeugnisse, Doktordissertation, die
gedruckten »Elemente der Metaphysik« und das handschriftliche System des
Vedanta beim Dekan der Berliner philosophischen Fakultat ein, wurde zur
Probevorlesung iiber die Stellung des Cartesius in der Geschichte der Philo-
sophic zugelassen, konnte leicht Zellers und Webers Fragen im Kolloquium
beantworten und erhielt am 28. Juli 1881 die Venia legendi fur » Philosophic
und deren Geschichte «. Neben eifrigem Betreiben der Vorlesungen (». . . mit-
zuteilen, was mir Kopf und Herz so tief bewegte«) vollendete er das » System
des Vedanta a, das Ostern 1883 im Verlage von F. A. Brockhaus erschien und
mit Recht das warme Lob Webers erntete. Der genaue Titel des Buches lautet
in seiner etwas altertumlich-umstandlichen Form: »Das System des Vedanta
nach den Brahma-Sutras des Badarayana und dem Kommentar des £ankara
iiber dieselben als ein Kompendium der Dogmatik des Brahmanismus vom
Standpunkt des £ankara dargestellt. « Aus diesem Titel ergibt sich schon,
daB der groBe Kommentar des Samkara (so schreibt man heute statt ^ankara)
die Basis der Darstellung ist, und so wird der Plan D.s verstandlich, die voll-
standige deutsche Ubersetzung dieses umfangreichen und schwierigen Werkes
364 *9'9
der indischen Hochscholastik, das noch in keine europaische Sprache iibersetzt
war, herauszubringen. Diese Ubersetzung erschien 1887 unter dem Titel:
»Die Sutras des Vedanta oder die £ariraka-Mimansa des Badarayana nebst
dem vollstandigen Kommentare des £ankara«, und muB als eine Leistung
ersten Ranges bezeichnet werden, die er ohne Unterstiitzung durch indische
Pandits, die in der Tradition des Kevaladvaita (das ist die Spezialrichtung
des Samkara innerhalb des Gesamt-V edanta) aufgezogen sind, allein gestutzt
auf seinen philosophischen Instinkt und seine ungewohnliche Sprachbegabung
zu einer Zeit hervorgebracht hat, da niemand anders in Europa dazu imstande
gewesen ware. In der Vorrede wird auch schon ein Plan entwickelt, wie die
indische Philosophic in Ubersetzungen der wichtigsten Werke den philosophisch
und theologisch Interessierten vorzulegen sein wiirde. Bemerkenswert an die-
sem Plane ist die Zuruckstellung der buddhistischen Philosophic, wahrend D.
es doch vorher nicht als ausgeschlossen bezeichnet hat, »daB nebenbei £ankara
in ahnlicher Weise unter dem Einflusse des von ihm bekampften und per-
horreszierten Buddhismus stehen mag, wie der Katholizismus unserer Tage
unter dem der lutherischen Reformation «.
Wahrend D. diese beiden groBen Arbeiten vollendete und sich eifrig den
philosophischen Vorlesungen widmete, hatte er sich im August 1886 mit
Marie Volkmar verheiratet. Den AbschluB der Samkara- Ubersetzung belohnte
das Ministerium durch Verleihung des Professortitels im August 1887, aber
eine ordentliche Professur ergab sich erst 1889. Die Freude dariiber wurde
geschmalert durch den notwendigen Abschied von Berlin. »K6nnte ich frei
wahlen, so wuBte ich keinen Ort innerhalb oder auBerhalb Deutschlands zu
nennen, dem ich vor Berlin den Vorzug geben konnte«, ruft er in seinen Er-
innerungen aus, und das L,eben in Kiel, das jetzt fur ihn beginnt und nach
30 Jahren mit seinem Tode abschlieBt, vergleicht er mit einer Wanderung
durch eine fruchtbare, etwas einformige Ebene, unterbrochen durch Aufstiege
zu Berghohen mit weiter, erquickender Fernsicht, d. h. durch die alljahrlich
einmal, gewohnlich sogar zweimal unternommenen Reisen, die ihn und seine
Frau durch ganz Europa, Agypten, Palastina und als Hochstes nach Indien
gefiihrt haben, wo er einen Winter herumreiste und mannigfachste Eindriicke
empfing, die in seinem Buche »Erinnerungen an Indien « (1904) niedergelegt
sind. Auf diesen Reisen, bei denen ihm sein Sprachtalent viele Turen offnete,
erwarb er sich auch den internationalen Freundeskreis, auf den er grofles
Gewicht legte. RegelmaBig besuchte er die internationalen Kongresse, vor
allem die fiir Orientalistik, spater auch manche andere, so fur Geschichte,
Philosophic und Religion.
Neben der Vorlesungstatigkeit, die sich auf Geschichte der Philosophic,
auf Schopenhauers System, das das seinige war, sowie auf die Interpretation
griechischer und indischer philosophischer Texte, auf Goethes Faust und
manches andere bezog, ist die Hauptfrucht der Kieler Zeit seine »Allgemeine
Geschichte der Philosophic mit besonderer Beriicksichtigung der Religionen «,
das erste Werk, in dem die Entwicklung der indischen Philosophic in voller
Parallelitat, was den Umfang der Darstellung betrifft, der westasiatisch-
europaischen gegeniibergestellt wird. D.s Absicht war, wie er im Vorwort
zum SchluBbande sagt, »alles in den Kreis der Betrachtung zu ziehen, was,
von Indien und China anfangend, in Babylonien und Persien, in Agypten und
Deussen ^65
Palastina, in Griechenland und Rom, im Mittelalter und in der neueren Zeit
zum Aufbau des geistigen Lebens der Gegenwart in philosophischer und reli-
gioser Hinsicht von dauerndem Werte geworden ist«. Die Titel der dieser
Absicht dienenden sechs Bande lauten: 1. Allgemeine Einleitung und
Philosophic des Veda bis auf die Upanishads (361 S.); 2. Die Philosophic
der Upanishads (401 S.); 3. Die nachvedische Philosophic der Inder (670 S.),
mit einem Anhang liber die Philosophic der Chinesen und Japaner (115 S.);
4. Die Philosophic der Griechen (530 S.) ; 5. Die Philosophic der Bibel und des
Mittelalters (517 S.); 6. Die neuere Philosophic von Descartes bis Schopen-
hauer (602 S.)-
Zu diesem groBen Werke, dessen wissenschaftliche Bedeutung wesentlich
in den ersten drei Banden liegt, kommen noch zwei Arbeiten hinzu, welche
tJbersetzungen indischer philosophischer Werke bieten und dem zweiten und
dritten Bande des ebengenannten Gesamtwerkes in ahnlicher Weise erganzend
zurSeite stehen wie die Samkara-tTbersetzung dem System des Vedanta, nam-
lich: 1. »Sechzig Upanishads des Veda, aus dem Sanskrit iibersetzt und mit
Einleitungen und Anmerkungen versehen« (920 S.), wohl diejenige Arbeit,
die von allem, was D. geleistet hat, den groBten EinfluB auf auBerwissenschaft-
liche Kreise gehabt hat. Den Manen Arthur Schopenhauers gewidmet, darf
sie wirklich als die Ausfuhrung dessen angesehen werden, was Schopenhauer
von der Zukunft erhoffte, als er die groBen Gedanken der Upanisaden mit
genialem Blick aus der sonderbaren Dbersetzung des Anquetil Duperron er-
kannte, trotzdem dieser den aus dem Sanskrit ubersetzten persischen Text
in ein Latein mit Nachahmung der persischen Konstruktion tibertragen hatte.
2. »Vier philosophische Texte des Mahabharatam : Sanatsujata-Parvan-
Bhagavadgita-Mokshadharma-Anugita. In Gemeinschaft mit Dr. Otto StrauB
aus dem Sanskrit iibersetzt« (1010S.). Die Unterstiitzung des in dem Titel
genannten jungen Gelehrten war notwendig geworden, da D. durch eine seit
1899 sich entwickelnde Netzhautablosung das eigene Lesen und Schreiben
auf ein Minimum reduzieren und alle seitdem erschienenen Werke mit Hilfe
fremder Augen ausfiihren muBte. Die zahe Energie, die der Leser dieser Skizze
an dem Durchringen D.s bis zur Habilitation in Berlin an D. bemerkt hat,
zeigt sich am intensivsten in der unermudlichen Produktion, die trotz der fast
volligen Unbrauchbarkeit der Augen die letzten 20 Jahre seines Lebens aus-
gefiillt hat. Sein glanzendes Gedachtnis und die friih angenommene Gewohn-
heit des freien Vortrags erlaubten ihm, auch seine Vorlesungen wahrend der
ganzen Zeit bis wenige Tage vor seinem Tode fortzusetzen.
Nach diesem kurzen tJberblick iiber D.s Leben und Hauptwerke, wobei
verschiedene kleinere Gelegenheitsschriften unerwahnt bleiben muBten, sind
noch zwei Punkte, Nietzsche und Schopenhauer betreffend, zu beruhren. Am
25. August 1900 war Nietzsche gestorben, und die » Wiener Rundschau « bat D.,
iiber ihn etwas zu schreiben. Von den Erinnerungen, die D., in der Augenklinik
liegend, seiner Frau aus dem Gedachtnis diktierte, strich die Redaktion allcs
bis auf den Bericht iiber die Erkrankung, und veroffentlichte diesen zur Ent-
riistung D.s unter der sensationellen Uberschrift: »Die Wahrheit iiber Fr. N. «
Zu seiner Rechtfertigung publizierte D. nun bei Brockhaus sein urspriingliches
Manuskript, vermehrt urn eine Reihe von Brief en Nietzsches und eine kurze
Zusammenfassung seiner Lehre unter dem Titel » Erinnerungen an Friedrich
366 1919
Nietzsche* (1901). Die wechselvollen Schicksale seiner Beziehungen zu dem
Schulfreund hat er darin mit groBer Ehrlichkeit dargelegt.
Im Herbst 1910 wurde von dem Verlage Piper & Co. in Munchen eine neuer
absolut korrekte Schopenhauer- Ausgabe ins Auge gefaBt, deren Leitung D.
ubernahm, nachdem er sich vergewissert hatte, daB sein langjahriger Haupt-
verleger Brockhaus dem Konkurrenzunternehmen freundlich gegeniiberstand.
Eine Reihe j lingerer Krafte wurde herangezogen, die Berliner Filiale unter
die Leitung Dr. Franz Mockrauers gestellt, so daB »Die Welt als Wille und
Vorstellung« mit textkritischen Anhangen und Zitateniibersetzung in vor-
trefflicher Ausstattung bald erscheinen konnte. Eine stattliche Reihe von
Banden ist bis heute (1927) gefolgt.
Ein Unternehmen aus D.s eigensfcer Initiative kam im Friihjahr 19 n auf
dem philosophischen KongreB zu Bologna durch ein Gesprach mit dem be-
kannten Rechtslehrer Josef Kohler in FluB : die Griindung der Schopenhauer-
Gesellschaft, die bald machtig aufbliihte und D. viel Freunde erwarb, aber
auch sehr viel Arbeit machte. Die Gesellschaft, die sich nicht auf die strenge
Wissenschaft beschrankt, hat ihren geistigen Vater zu iiberleben vermocht.
Nach Uberwindung mancher Schwierigkeiten bliiht sie noch heute ; durch ihre
Tagung zu Dresden im Juni 1927, die unter der Devise »Europa undlndien*
stand, hat sie erneut ihre Lebenskraft erwiesen und ihrem Griinder alle Ehre
gemacht.
Zum Schlusse sei noch ein Wort allgemeiner Charakteristik hinzugefugt.
D. reprasentiert einen besonderen Typus des wissenschaftlichen Arbeiters.
Seine Werke und seine Vorlesungen sind ihm immer Herzenssache in einem
gleichsam religiosen Sinne gewesen. Weit entfernt von jedem Relativismus
oder Skeptizismus hat er fest daran geglaubt, daB die Wahrheit nur eine sein
konne. Er fand sie bei Schopenhauer, im Urchristentum und im indischen
Vedanta, mit denen Kant und Plato recht verstanden auf eine Linie riickten.
Um diese Wahrheit herauszuschalen, studierte er die Werke der indischen
Philosophie, wenig oder gar nicht bekummert um das, was andere Forscher
gesagt hatten, immer begierig, die Originalquelle selbst sprechen zu lassen.
Die Wahrheit, an die er glaubte, mitzuteilen, war er immer bereit. Menschen
heranzuziehen, war ihm Bediirfnis. Da scheute er keine Muhe und suchte sie
energisch festzuhalten. So ist sein Kampf fur die Beibehaltung der Philosophie
als obligatorisches Priif ungsf ach im philosophischen Doktorexamen bezeichnend.
Wahrend die Gegner auf dem Standpunkt standen, daB die auBere Aneignung
philosophischer Daten seitens etwa eines Chemikers, der keinen Sinn fur
Philosophie hat, unerwiinscht sei, glaubte D., daB ein solcher Zwang niitzlich
sei und daB selbst ein wenig und selbst aufgedrangte Philosophie zum Heile
gereiche. Wenn man sagen darf, daB alle indische Philosophie niemals allein
Wahrheitsforschung ist, sondern immer das Heil als Ziel hat, dann hat D.
eine tiefinnere Verwandtschaft mit Indien besessen. Darum sind alle seine
Arbeiten so eingerichtet, daB sie jeder Gebildete verstehen kann, darum griin-
dete er die Schopenhauer-Gesellschaft nicht als wissenschaftliche Forschungs-
gesellschaft, sondern als Suchergemeinschaft auf breitester Basis. Und die
Wissenschaft, die sich fern vom Zweck nur der Forschung um der Forschung
willen widmet und das profanum vulgus scheut, pflegte er argerlich als »ge-
heimratlich« abzulehnen. In der weltumspannenden Synthese, die ihm Herzens-
Deussen. Dolivo-Dobrowolsky 367
sache war, liegt die Kraftquelle fiir seine umfangreichen I^eistungen, liegen
seine groBen Vorziige und auch die Angriffspunkte fiir die Kritik.
Bei seinem Tode am 6. Juli 1919 hinterliefl er zwei Kinder: Frau Dr. med.
Erika Deussen- Rosenthal in Dusseldorf und Dr. med. Wolfgang Deussen, zur
Zeit Missionsarzt in China. In ihrem Besitz befindet sich der NachlaB. Die
Tochter hat seine Selbstbiographie unter dem Titel: »Paul Deussen. Mein
Leben« im Jahre 1922 bei Brockhaus herausgegeben. Auf diesem Werke be-
ruhen alle tatsachlichen Angaben dieser Skizze.
Breslau. Otto StrauB.
Dolivo-Dobrowolsky, Michael, Dr.-Ing. e. h., stellvertretendes Vorstands-
mitglied und beratender Ingenieur der Allgemeinen Elektricitats-Gesellschaft,
* am 2. Januar 1862 in St. Petersburg, f am 15. November 1919 in Darmstadt.
— D.-D. war eine der markantesten Erscheinungen in der Elektrotechnik und
der Vater der heute iiblichen elektrischen Kraftubertragung auf groJ3e Ent-
fernung. Ein hoher, schlanker Mann mit diinnem Bart und hagerem Gesicht,
das ganz beherrscht wurde von ein paar klugen, festen, guten Augen, in denen
gern etwas Ironie leuchtete. D.-D. hatte in den Jahren 1881 bis 1884 an der
Technischen Hochschule in Darmstadt studiert und war kurze Zeit darnach
als Chefelektriker bei der Deutschen Edison-Gesellschaft fiir angewandte
Elektrizitat angestellt worden, aus der im Jahre 1887 die AUgemeine Elektri-
citats-Gesellschaft hervorging.
Damals beschaftigte man sich im wesentlichen nur mit dem Gleichstrom,
fiir dessen Herstellung die Maschinen mit der Edison-Lampe aus Amerika
heriibergekommen waren und die einige Jahre noch hauptsachlich aus Amerika
und aus Paris bezogen wurden. — Bei der Durcharbeitung und dem Studium des
Gleichstromsystems und seiner Erscheinungen fand D.-D. eine Arbeit von
Ferraris, die seinem regsamen Geist den AnstoB gab zu theoretischen t)ber-
legungen und praktischen Versuchen, die ihn auf die Entdeckung des Dreh-
stroms ftihrten, dessen Anwendungsgebiet den Gleichstrom und den ein- und
zweiphasigen Wechselstrom weit iiberfliigelt hat.
Die AUgemeine Elektricitats-Gesellschaft zeigte — gelegentlich der Tagung
des Verbandes der Elektrotechniker in Frankfurt 1891 — zum erstenmal eine
nach Angaben von D.-D. erbaute Kraftubertragung von L,auffen a. N. nach
Frankfurt a. M. auf eine Entfernung von 175 Kilometer. D.-D. und die AU-
gemeine Elektricitats-Gesellschaft wurden damit die Weiser auf einen bis
dahin nur geahnten Weg, der unmittelbar zu der schnellen Entwicklung der
elektrotechnischen Industrie und weitesten Verbreitung des elektrischen
Stromes fiihrte.
Neben diesem groBten Erfolg seines Lebens stehen zahlreiche Erfindungen
und Konstruktionen, die dem gedankenreichen Kopf D.-D.s entsprangen, so
die Konstruktionen von MeBinstrumenten und anderen Apparaten fiir elektro-
technische Anwendungsgebiete. — Auch seine sehr lebhafte Mitarbeit bei der
Herstellung des ersten Aluminiums Ende der achtziger Jahre des vorigen
Jahrhunderts darf nicht vergessen werden. — Mit einem 8 PS-Gasmotor stellte
er damals in der drittenEtage des ersten Bureau- und Verwaltungsgebaudes der
Allgemeinen Elektricitats-Gesellschaft, SchlegelstraBe 26, das Aluminium dar.
368 igi9
Die bedeutsame konstruktive Begabung D.-D.s erhellt insbesondere die
Tatsache, daB der KurzschluBanker und der Schleifringanker der Drehstrom-
motoren, wie sie D. ersann, noch heute im wesentlichen nach gleichen Prin-
zipien zur Anwendung kommen, und daB die Begriffe und Erscheinungen, mit
denen er bei der Herstellung der ersten Drehstromanlagen sich abzufinden
hatte, noch heute Begriffe und Erscheinungen sind, mit denen man sich im
Laboratorium, bei der Konstruktion und auf der Montage zu beschaftigen hat.
Es lag im Wesen der Sache, daJ3 D.-D. anfangs der neunziger Jahre Inge-
nieuren, Technikern und einzelnen wenigen Kaufleuten Vortrage zu halten
hatte iiber sein Drehstromsystem und dessen Eigenheiten. Diese Vortrage sind
jedem der sie mit anhoren durfte, unvergeBliche Erinnerung. Obgleich D.-D.
fest in der Praxis stand, durfte sich seine Vortragsweise mit der des fahigsten
Hochschulprofessors messen. D.-D. sprach mit etwas russischem Akzent ein
einwandfreies, klares Deutsch in kurzen, plastischen Satzen, die natiirlich dem
sorgfaltig ausgewahlten Zuhorerkreis ohne Schwierigkeit eingingen. Seine Rede
war humorvoll, gewiirzt mit Beispielen aus dem taglichen Leben, die die
schwierige und sprode Materie leichtverstandlich machten, und es ihm er-
moglichte, bis dahin auch unbekannte Vorgange in einfachster Weise auf-
zulosen.
1903 hatte sich D.-D. aus der Industrie zuriickgezogen und sich in der
Schweiz niedergelassen, aber sein regsamer Geist ertrug die Mufie nicht, so
daB er 1909 von neuem in den Dienst der Allgemeinen Elektricitats-Gesell-
schaft trat, wo er — stellvertretendes Vorstandsmitglied — als beratender
Ingenieur fiir die Maschinen- und Apparatetechnik bis Mitte des Jahres 19 19
tatig war. — Um diese Zeit zog sich D.-D., der f ruber schon Ehrendoktor der
Technischen Hochschule in Darmstadt geworden war, nach Darmstadt zuriick,
bedrangt von einem schweren Herzleiden, das ihn am 15. November 1919
aus dem Leben riB.
Natiirliche Begabung und intensivstes Studium hatten aus D.-D. einen
hervorragenden Techniker und Erfinder gemacht. Die Liebenswiirdigkeit
seines Wesens und die Universalitat seines Wissens machten ihn zu einem
wunderbaren Gesellschafter. Mit seinem warmen Herzen und dem Verstand-
nis fiir alles Menschliche war er der sympathische Freund aller, die ihn
kannten.
Berlin. James Birnholz.
Eisner, Kurt, bayerischer Ministerprasident, * am 14. Mai 1867 m Berlin,
t am 21. Februar 191 9 in Miinchen. — E. war der Sohn eines angesehenen israe-
litischen Kaufmanns, seine Mutter der Typus einer stillen, liebenswiirdigen alten
Berlinerin; ob er jemals den Namen Kosmanowsky gefuhrt hat, wie vielfach
angenommen wurde, war nicht feststellbar. In Berlin besuchte er das askanische
Gymnasium, erhielt Ostern 1886 das Reifezeugnis und studierte hierauf acht
Semester Philosophic und Germanistik, insbesondere bei Cohen in Marburg.
Er wandte sich friihzeitig der schriftstellerischen Tatigkeit zu, seine erste
Schrift betraf das Problem Friedrich Nietzsche; schon hier zeigte sich die
vorwiegend journalistische Behandlung des gewahlten Themas, die auch spater
seine Besonderheit blieb. Seine groBe Begabung fiir vorziigliche Formulierung
Dolivo-Dobrowolsky. Eisner 369
blendender Ideen tritt schon darin hervor, wie auch der Mangel an systema-
tischer Zusammenfassung seiner Gedanken und der Angriffe, die er gegen
Nietzsche schleudert. Von Politik ist hier noch nicht die Rede ; es sind andere
Stimmungen, die er bekennt, wenn er die erlosende Wirkung der nieder-
landischen Kunst, namentlich des Jan Steen als des Freude- und Lichtspenders
gegen Pessimismus, preist oder erklart, daB »gerade an Detlev v. Liliencron
ihm anfgegangen sei, was ihm und zahllosen Modernen fehle und was er und
diese sogar hassen, weil sie es nicht besitzen: die freie lichte Seele, welche
die ganze Welt einatme und alles umgebe mit quellendem Glanz und guldenem
Schimmer. — Nietzsche vergifte nicht nur das Leben, das Leben vergifte
auch ihn.« — 1892/93 war E. an der » Frankfurter Zeitung* tatig und lebte
dann in Marburg, von wo aus er als politischer Essayist an verschiedenen Zeit-
schriften mitarbeitete, unter anderem auch die spater im »Taggeist« gesam-
melten Kulturglossen als Stimmungsbilder aus dem ersten Jahrzehnte des
neuen Kurses (Militarismus, Capri vi, Die Tragddie des Mittelstandes, Die All-
macht der Korpsstudenten, Marzfeier, Weltpolitik, Der tolle Junker u. a.)
verfaBte.
Die Anklage wegen Majestatsbeleidigung brachte ihn vom November 1897
bis August 1898 in das Gefangnis in Plotzensee; bald nach seiner Entlassung
forderte ihn Wilhelm Liebknecht auf, die politische Redaktion des »Vor-
warts* zu iibernehmen. Auch hier scheiterte er trotz groBer schriftstellerischer
Leistungen, die ihn neben Franz Mehring (s. unten S. 446 ff .) zum hervor-
ragendsten Publizisten der deutschen Sozialdemokratie stempelten, infolge
der Festigkeit seiner Uberzeugung an dem konventionellen Radikalismus einer
seiner Art fremden Parteigenossenschaft. Der bekannte »Vorwarts«-Konflikt
im November 1905 beendete seine Tatigkeit im Zentralorgan, da er sich mit
zwei Kollegen, die entlassen werden sollten, solidarisch erklarte und mit ihnen
seine Tatigkeit kiindigte. Als Teilnehmer an dem bekannten Konigsberger
Hochverratsprozefl (1904), der die erste russische Revolution einleitete, schil-
derte er in einer vielgelesenen Flugschrift dessen Verlauf und Wirkungen.
Nach dem Weggang vom »Vorwarts« blieb E. vorerst freier Schriftsteller und
verwandte alien Eifer, getrieben von tiefstem HaB gegen die Hohenzollern
und alles spezifisch PreuBische, dazu, in einem umfassenden Buche: »Das
Ende des Reiches* den Zusammenbruch des alten Deutschen Reiches und
PreuBens im Jahre 1806 darzustellen. Hierbei suchte er auch — unter vielen
Ausf alien gegen das »Ewig-PreuBische« als das Verhangnis deutscher Volks-
geschichte — Ideen geschichtlich darzulegen, die fortan auch fur sein poli-
tisches Wirken bestimmend waren. Sein Leitsatz fiir die Darstellung, die im
wesentlichen die Geschichte einer von dynastischen und feudalen Machten
unterdriickten deutschen Revolution enthalt, hat er im Vorwort ausgesprochen :
»Die diimmste und die unehrlichste Methode, Geschichte zu schreiben, ist die,
das Bestehende zu rechtfertigen.« Er konnte aber trotzdem sich der Gefahr
nicht entziehen, auch seine Ideen in die Schilderung tatsachlicher Vorgange
und in die Aufhellung ihrer Zusammenhange hineinzutragen. Mit Leidenschaft
klagt er das PreuBentum an, daB es die mit Kant, Fichte, Humboldt erweckte
Neugestaltung des preuBischen Denkens und Handelns zu menschlichem Da-
sein (Hausenstein) wieder erstickt habe. Fichte, dessen Bedeutung er in glan-
zend geschriebenen Artikeln darzulegen versuchte, verstand E. dahin, daB
dbj 24
370 1919
dieser Philosoph die deutsche Aufklarung zu ihrem Gipfelpunkte gefuhrt
habe, namlich zur Demokratie, die sozialistisch sich vollende. Die nach inner-
sten Gesetzen tatige Menschenvernunft werde zum schaffenden Prinzip der
Welt erhoben, alle Erkenntnis werde in bewegt-bewegende Handlung auf-
gelost. Sein absolutes Ich, sein Gott, sei gar nichts anderes als Demokratie
und Sozialismus als tatiges Zielprinzip.
War E. auch leidenschaftlicher Sozialist, so war, wie Hausenstein zutreffend
betont, seine Denkart doch mehr durch Kant und Fichte als durch Marx
und Marxismus bestimmt. Er faBte den Sozialismus mehr als eine Forderung
aus deren philosophischen Grundanschauungen denn als eine Folgerung aus
der Entwicklung wirtschaftlicher Verhaltnisse auf, er war verstandesmaBiger
oder abstrakter eingestellt als Marx ; es war erklarlich, daB er desbalb, zumal
er mit absoluter Zahigkeit an seinen philosophischen Anschauungen und Irr-
tiimern festhielt, mit den von der Partei verfochtenen Zielen und Methoden
vielfach in Gegensatz geraten muBte.
Seltsam mutet seine Begeisterung fur Napoleon I. an, in dem er den Retter
deutscher besserer Zukunft, den Zerstorer der feudalen Gesellschaft, an deren
Stelle die burgerliche eintrat, verherrlichte.
Wahrend seines Berliner Aufenthalts war er ein eifriger Forderer der Volks-
biihnenbewegung, seine kunstlerisch-literarischen Arbeiten, die unter dem
Titel: »Feste der Festlosen« erschienen sind, hatten einen bedeutenden Ein-
fluB auf die geistig-seelische Bildung des deutschen Proletariats.
Auf diesem Gebiete zeigte er eine allgemein anerkannte Meisterschaft der
Darstellung, als Theaterkritiker der »Miinchener Post« stand er mit an erster
Stelle; seine Meinung aber, daB er ein Dichter sei, kann nicht gelten. Zur
Charakterisierung seines Denkens und Fiihlens in kiinstlerischen und asthe-
tischen Dingen mogen einige Zitate aus diesen Schriften dienen.
»Der Kiinstler ist ein Martyrer und wer sich ihm empfangend hingibt, teilt
jenes Marty rium, in dessen ringender Qual wohl das hochste Menschengliick
beschlossen ist. «
»Ich vertraue auf die proletarische Bewegung, daB sie mit heiliger Liebe,
in mitten im sturmischen Ringen um die wirtschaftliche Erlosung, bedacht
ist, die Schatze der Kunst zu bewahren und dem Volke zuganglich zu machen.
Das Proletariat ist berufen, nicht nur das Erbe der klassischen Philosophic,
sondern auch das Erbe der klassischen Kunst zu ubernehmen. Erst mit der
Befreiung vom Kapitalismus wird sich ein Kunstleben entfalten, in dem
Kiinstler und Kunstgemeinde die ganze Kraft betatigen werden, die dem
Menschen gegeben ist. «
Seine Einstellung zur Musik, sein Urteil iiber das Wesen der Kunst iiber-
haupt tritt besonders anschaulich hervor in einem Hymnus an Beethoven
(Marz 1915 in der Schrift: »Vor der Revolution «, erschienen in DUnser
Weg« 1919).
»Erst wer das gemeine Leben ganz verloren, so scheint es, ist berufen, das
hohere, reinere, das wahre Leben zu erschaffen, das in der groBen Kunst sich
abbildet. Und einem solchen Martyrer kiinstlerischen Schaffens wird auch
jener Weltblick zu eigen, der ihn befahigt, in den Eingebungen seines Genies
die Visionen der Menschheit, des Erdenschicksals zu gestalten. Das ist das
eigentliche Wunder der Ewigkeitskunst. Und wenn ihr ganz ratios und ver-
Eisner 371
zagt geworden seid, so rettet euch in die Neunte Sinfonie und ihr werdet auf
einmal dieser qualvollen Gegenwart euch klar bewuBt und findet aus Wirrnis,
Pein und Zerstorung den rettenden Ausweg. In Beethovens Kunst rinnt das
Blut der Menschheit. Die Weltgeschichte rinnt und brennt in seiner Musik.
AUe menschliche Kreatur erscheint als ausgestoBen aus dem verschwenderisch
sich darbietenden Erdengluck der Natur. Aber der Kiinstler, der barraherzige
Gott, iiberwindet fur die Menschheit den zerstorenden Gegensatz und fuhrt
sie auf die lichten, freien Hohen der Zukunft. «
So sehr er in Beethoven den Menschenbefreier und Schopfer von Ewigkeits-
werten verehrte, so ablehnend, geradezu hassend, stand er der Kunst Richard
Wagners gegeniiber.
Neben seinen geschichtlichen Studien befaBte sich E. wahrend seines letzten
Aufenthaltes in Berlin als einer der ersten sozialdemokratischen Schriftsteller
mit der Kritik der deutschen auswartigen Politik, wozu dann noch seine Ver-
suche kamen, die politische Bedeutung des Alldeutschen Verbandes festzustel-
len, in dem er die eigentlich treibende Kraft der deutschen Politik vermutete.
In einer damals wenig beachteten Flugschrift »Der Sultan des Weltkrieges
(1906), ein marokkanisches Sittenbild deutscher Diplomatenpolitik« kiindigte
er die kommende Europakatastrophe an, unter Gegeniiberstellung des in der
Marokkokrisis veroffentlichten franzosischen Gelbbuches mit dem deutschen
WeiBbuche, das in seiner Lacherlichkeit vollends die Ungeheuerlichkeiten der
deutschen Politik der Wirrnisse und des Verderbens entbloBt habe. Die durch
das Auswartige Amt korrumpierte biirgerliche Presse, der er auch nach der
Revolution seine voile Verachtung aussprach, habe es erreicht, daB man in
Deutschland nicht einmal ahne, was geschehen sei, obwohl Europa in dieser
Zeit wiederholt vor der unmittelbaren Gefahr eines Krieges gestanden sei.
Die damals gewonnenen Eindriicke bildeten die Grundlage fur seine spatere
Einstellung zur auswartigen Politik im Kriege und nach der Revolution.
Anfangs 1907 verlieB er Norddeutschland und ging zunachst nach Niirn-
berg, wo er die I^eitung der »Frankischen Tagespost« iibernahm und sich in
Bayern naturalisieren lieB. Er begriindete eine literarische und eine wissen-
schaftliche Beilage fiir dieses Blatt, um den Arbeitern ein weiteres Bildungs-
mittel zu bieten, auf dessen Ausgestaltung er viele Zeit und erfolgreiche Muhe
verwandte. Auch in Niirnberg, wo er in den Schonheiten der alten Reichs-
stadt eine innere Befriedigung fand, kam er in Streit mit Parteigenossen, der
ihn veranlaBte, im Jahre 1910 nach Mtinchen zu ziehen. Hier lieB er sich nun
als freier Schriftsteller nieder; in einem Hauschen am Waldfriedhof fand er
Wohnung mit seiner Familie. Bis zum Kriegsbeginn behandelte E. als Beauf-
tragter des Vorstandes der bayerischen Sozialdemokratie die parlamentarische
Politik in der Presse, schrieb fiir die »Munchener Post« Stimmungsbilder iiber
die Verhandlungen des bayerischen Landtags, politische und feuilletonistische
Artikel fiir sozialdemokratische Zeitungen, indem er eine vielverbreitete Korre-
spondenz »Arbeiterfeuilleton« herausgab. Auch war er Mitarbeiter an der von
Albert Langen und Ludwig Thoma herausgegebenen Zeitschrift »Marz«. Mit
Ausbruch des Krieges stellte er seine politische Mitarbeit an der »Munchener
Post« ein, blieb aber deren angesehener Theaterkritiker.
Bei Beginn des Krieges 1914, den er zunachst als deutschen, gegen RuBland
und den Zarismus gerichteten Verteidigungskrieg betrachtete, war er fiir die
372 1919
Bewilligung der Kriegskredite eingetreten, anderte aber nach Erscheinen des
deutschen WeiBbuches und der bekannten diplomatischen Aktenstiicke der
Entente seine Meinung vollstandig, da er nun die Schuld der kaiserlichen deut-
schen Regierung und der hinter ihr stehenden alldeutschen Kreise an dem
Verderben des Weltkrieges fur absolut feststehend hielt. Aus dieser Uber-
zeugung, aus seiner »fanatischen Wahrheitsliebe«, die nur auch Irrtumer fiir
solche Wahrheiten hielt, erklart sich sein weiteres Verhalten in und nach
dem Kriege. Zunachst bemuhte er sich, als Berichterstatter in das Groi3e Haupt-
quartier zu kommen, nach seiner Wandlung zum Kriegsgegner versuchte er
in standigem Kampf mit der Zensur seine Einstellung gegen den Krieg auch
literarisch zu betatigen, doch wurde fast alles unterdriickt. Um so eifriger
strebte er, im personlichen Verkehr Aufklarung in seinem Sinne in die
Arbeitermassen zu tragen; in den von ihm geleiteten Diskussionsabenden
schuf er sich einen Kreis von unbedingten Anhangern und geistig fiir die Re-
volution vorbereiteten, meist jugendlichen Mitarbeitern.
Seit seinem Eintritt in die Sozialdemokratie war er ein Gegner der von der
Parteileitung hauptsachlich befolgten Agitationstatigkeit gewesen, er war stets
Anhanger der revolutionaren Aktion, die das, was sie als politisches Ziel an-
strebt, auch durchzusetzen sucht, ohne sich zu sehr in Organisationsarbeit
zu verlieren. Als wahrend des Krieges die Unabhangige Sozialdemokratische
Partei gegriindet wurde, trat er folgerichtig dieser bei und griindete spater in
Miinchen die »Neue Zeitung«; seine spateren Versuche, wieder in die Sozial-
demokratische Partei aufgenommen zu werden, fanden dort keine Gegenliebe.
Seit Dezember 1917 bemuhte er sich, durch eine Streikerhebung des deut-
schen Proletariats den Krieg zum AbschluB zu bringen. Seine Idee war, Belgien
sofort freizugeben, nach dem Zusammenbruch Rui31ands die Abmachungen
von Brest-Litowsk und die geplante Offensive im Westen zu verhindern und
Frankreich, das von den deutschen Osttruppen uberflutet sein wiirde, zum
Frieden geneigt zu machen. In Miinchen hatte seine Streikpropaganda im
Januar 1918 zunachst starken Erfolg, mit E.s und seiner Genossen aus der
Unabhangigen Sozialdemokratischen Partei Verhaftung am 31. Januar wurde
aber die Bewegung, in die auch die Mehrheitssozialisten eingriffen, zum Still-
stand gebracht. Im Gefangnisse Stadelheim bei Miinchen war E. achteinhalb
Monate in Untersuchungshaft, wo er sich unter anderem viel mit dem Studium
von Werken tiber revolutionare Bewegungen und Geschehnisse, die er sich
aus der Staatsbibliothek zu verschaffen wuBte, beschaftigte. Als E. im
Oktober 1918, da G. v. Vollmar (s. DBJ. 1922) sein Reichstagsmandat
niederlegte, als Kandidat der Unabhangigen Sozialdemokratischen Partei auf-
gestellt worden war, wurde er auf Anordnung des Reichsanwalts aus der Haft
entlassen und stiirzte sich nun mit unermudlichem Eifer — den Schlaf be-
zeichnete er gelegentlich als Vorurteil — in die wilde Agitation seiner Partei,
die in Miinchen zur Revolution fiihrte. In einer Versammlung am 23. Oktober
wandte er sich, der bald aus einem wenig gewandten Redner zum geschick-
testen Demagogen mit ganz machtigem EinfluB auf die Massen sich verwan-
delte, die er bald durch Widerspruch und Tadel auf reizte, bald durch phantasie-
volle VerheiBungen und Schmeicheleien zu sich emporriB, aufs scharfste gegen
die Mehrheitssozialisten ; diese hatten den Landtagsabgeordneten Erhard Auer
als Gegenkandidaten aufgestellt. Dort entwickelte er auch sein auBenpolitisches
Eisner 373
Programm: »Mit einem Deutschland, an dessen Spitze der President L,ieb-
knecht stiinde, wiirde die Entente binnen 24 Stunden Frieden schlieBen;
ElsaB-Lothringen wie Posen und alle anderen polnischen Gebiete miiBten ab-
getreten, Danzig miisse der Hafen Polens werden.«
Zunachst ward die Verstimmung unter den sozialistischen Gruppen, nament-
lich infolge der E.schen Hetzereien immer groBer; urn dann eine Einigung
gegen den gemeinsamen Feind, den Kapitalismus, zu erreichen, ward am 4. No-
vember in einer groBen Versammlung eine paritatische Einigungskommission
bestellt, fiir den 7. November wurde von beiden Gruppen zu einer Volks-
versammlung auf die Theresienwiese aufgefordert, in der unter anderen Auer,
Eisner, Simon und Unterleitner sprachen; die von den Fuhrern vorgeschla-
genen EntschlieBungen fanden Annahme; an der Spitze stand: »Das deutsche
Volk weiB sich eins mit alien Volkern Europas in dem Willen, die Zukunft
der Welt durch einen allgemeinen Bund des Rechtes und der Freiheit sicher-
zustellen und sieht der Erfiillung des vom Prasidenten der Nordamerikanischen
Union verkiindeten Weltfriedens mit Vertrauen entgegen.« Das war ganz die
E.sche Ideologic, die ihn noch zu weiteren verhangnisvollen Schritten trieb.
Aus der gewaltigen Volksmenge losten sich kleinere Gruppen von Soldaten
und sonstigen Versammlungsteilnehmern, die zu den Kasernen und verschie-
denen offentlichen Gebauden zogen; E. durcheilte mit dem blinden Bauern-
fuhrer Gandorfer und einigen seiner besonderen Vertrauten die Stadt, braehte
die Inwohner der Kasernen rasch auf seine Seite und schon am spateren
Nachmittag zogen Soldaten mit roten Fahnen und andere grofie Gruppen
durch die Stadt, die Revolution hatte begonnen, sie fand keinen Widerstand,
und E.s Vorsatz, sie ohne BlutvergieBen durchzufiihren, war verwirklicht.
Noch in der Nacht bildete sich unter seiner Leitung ein provisorischer Rat der
Arbeiter, Soldaten und Bauern, das Landtagsgebaude ward die Statte seiner
Versammlungen, als sein erster Vorsitzender erlieB E. am Morgen des 8. No-
vember einen Aufruf an die Munchener Bevolkerung. In diesem verkiindete
er den Freistaat Bayern, die baldigste Einberufung einer konstituierenden
National versammlung mit Wahlrecht aller miindigen Manner und Frauen, die
demokratische und soziale Republik, strengste Ordnung, Sicherheit der Person
und des Eigentums, Belassung der Beamten in ihren Stellungen, Versorgung
der Stadte mit l^ebensmitteln durch die Bauern, grundlegende soziale und
politische Reformen; er rief die gesamte Bevolkerung zur schaffenden Mit-
hilfe an der neuen Freiheit auf und stellte die auf der revolutionaren Grund-
lage begriindete Einheit der Arbeitermassen fest. Konig Ludwig III. hatte,
von seiner unmittelbaren Umgebung, auch der pomposen Iyeibwache, nicht
geschiitzt, mit seiner Familie in der Nacht Miinchen verlassen.
In der ersten Sitzung des provisorischen Nationalrates schlug E. vor, die
bisherigen Ministerien unter Einfiigung eines Ministeriums fiir soziale An-
gelegenheiten beizubehalten, er selbst wolle das Ministerium des AuBeren mit
dem Presidium iibernehmen, sein Stellvertreter und Kultusminister sollte der
Abgeordnete Hoffmann werden, zu dem noch die weiteren Mehrheitssozialisten
Auer (Inneres), RoBhaupter (militarische Angelegenheiten) und Timm (Justiz)
eintraten, wahrend die Unabhangigen Unterleitner das neue Ministerium und
Jaffe* (s. DBJ. 1921, S. 160 ff.) das Finanzministerium iibernahmen. Dazu kam
der fnihere Verkehrsminister v. Frauendorfer als Leiter der Verkehrsverwal-
374 !9iQ
tung. Unter einzelnen Widerspriichen gegen Auer wurde die neue provisorische
Regierung gebildet, E. gab sie auch dem Arbeiter- und Soldatenrat bekannt.
Die Mehrheitssozialisten waren in das Ministerium eingetreten, um gegen
E., dem sie keinerlei politische Fahigkeiten zutrauten, das zur Vermeidung
einer Katastrophe notwendig erscheinende Gegengewicht zu schaffen. Es
wurde den Rahmen dieser Biographie iiberschreiten, wenn hier die einzelnen
Handlungen dieses Ministeriums oder die Entwicklung der Revolution ira
allgemeinen verzeichnet werden sollten, dariiber berichten ausfuhrlich die im
angefiigten Schriftenverzeichnisse angegebenen Drucksachen.
E. hatte unter Einsetzung seines Lebens in einem fur seine Plane auBer-
ordentlich klug gewahlten Augenblick den Umsturz herbeigefuhrt, war aber
trotz einer hohen Intelligenz und starken Willens der ubernommenen poli-
tischen Aufgabe keineswegs gewachsen. Er hatte wohl die durch Krieg, Not
und Agitation erregten Massen zunachst an sich gefesselt und hoffte, sie zur
dauernden lebendigen Mitarbeit an der Uberwindung des uberkommenen
Elends und zur Neuschdpfung einer wirklichen Demokratie »in vollkommen
verbiirgter Freiheit und in sittlicher Achtung vor den menschlichen Empfin-
dungen« zu gewinnen. Seine personliche Uneigenniitzigkeit bei Verfolgung
seiner Ideen und seine Zahigkeit in der Festhaltung von Irrttimern, gepaart
mit dem fiir Revolutionare unentbehrlichen Optimismus, veranlaBten ihn zur
vielfachen Verkennung der tatsachlichen Verhaltnisse wie der Triebkrafte, die
in den auf die StraBe gerufenen Massen schlummerten und rasch wirksam
wurden, ganz fremd war ihm die politische Denkweise der iibergroBen Mehr-
heit der Bauern, die zu gewinnen er sich vergeblich miihte.
Sein innerpolitisches Programm, das er am 15. November verkiindete, zeigte
deutlichst die Unklarheit und Widerspriiche in seinem Denken, man hat es
auch als Ausdruck seines zur Zweideutigkeit neigenden Wesens bezeichnet.
Gegeniiber seiner ersten Ankundigung der baldigsten Einberufung der ver-
fassunggebenden National versammlung erklarte er nun, es musse vor ihrem
Zusammentritt die Demokratisierung des offentlichen Geistes wie der offent-
lichen Einrichtungen erreicht werden. Hierfiir sollten neben dem provisorischen
Zentralparlament und dem in der Regierung verkorperten Vollzugsausschusse
alle einzelnen Verbande und Berufe ihre eigenen Angelegenheiten offentlich
erortern konnen; sein Lieblingsgedanke war die Errichtung von Raten, die
standig tatig sein und auf das eigentliche Parlament, das er nicht als die aus-
reichende demokratische Vertretung des freigewordenen Volkes betrachtete,
standig und lebensvoll einwirken sollten. Die staatsrechtliche Erfassung und
Ausgestaltung dieser Idee gelang ihm nicht, zumal gerade auf diesem Gebiete
die scharfste Ablehnung der Mehrheit seiner Ministerkollegen einsetzte und
einsetzen muBte, da eine solche Staatsorganisation der Grundauffassung der
Mehrheitssozialisten direkt entgegengesetzt war.
Dazu kam, daB auBere Vorgange, wie die Forderung des Verkehrspersonals
und eine Demonstration des Pionierbataillons vor den Ministern, ihn zur
Einlosung seiner Zusage, die Nationalversammlung einzuberufen, zwangen.
Am 12. Januar 1919 fanden die Wahlen statt, in voller Ruhe bei starker Be-
teiligung nach der neuen Wahlordnung. E.s Partei erhielt nur 2,5 Prozent der
Stimmen, wahrend die Mehrheitssozialisten mit 35 Prozent abschnitten; es
war also keine revolutionare Mehrheit in der Nationalversammlung vorhanden
Eisner 375
Gegenuber der neugebildeten Reichsregierung mit Ebert und Scheidemann
beseelte ihn ein schrankenloses MiBtrauen, das ihn zu leidenschaftlichen An-
griffen und schlieBlich zum Abbruch des geschaftlichen Verkehrs mit dem
Auswartigen Amte fuhrte, da er auch die durch Erzberger und Solf gefiihrte
auBere Politik absolut verwarf ; denn sie widersprach seiner schon erwahnten
Grundeinstellung, daB nur ganz neue Methoden, Deutschlands Schuldbekennt-
nis und offene Annaherung an das menschliche Vertrauen und Verstandnis
des »Dichters« Clemenceau die Feinde voll versohnen konne. Diese Denkweise
verleitete ihn auch dazu, schon am 11. November namens der bayerischen Re-
gierung den schweizerischen Bundesrat zu ersuchen, an die Entente einen
Aufruf zur Selbstuberwindung in der Liquidation des Weltkrieges und zur
Versohnung mit dem endlich befreiten Volke zu vermitteln.
Um die Schuld der kaiserlichen deutschen Regierung am Kriege zu erweisen,
veroffentlichte er einen Teil des Berichtes des Gesandten Grafen Lerchen-
feld, da er an diese Schuld glaubte und annahm, die Methode der Wahrheit
in den internationalen 'Beziehungen wiirde siegen, in welcher Auffassung er
noch durch rein international eingestellte Politiker, wie Forster, Grelling,
Herron, bestarkt wurde. Dieses Vorgehen war ein schwerster, verhangnisvoller
Fehler, demgegentiber der Bruch mit der Berliner Regierung und die Offnung
der Mappe eines Kuriers des Auswartigen Amtes gewissermaBen nur erhei-
ternde, wenn auch der Stellung Bayerns unter den damaligen Gewalten ab-
tragliche Episoden waren. Er hatte sich nicht nur in dem Ubermute der Sieger,
sondern auch in der Einstellung und Bedeutung der franzosischen Sozialisten
getauscht.
Bei seiner Riickkehr von der Konferenz der Vertreter der Freistaaten, die
am 25. November in Berlin stattfand, erstattete er im bayerischen Ministerrate
folgenden Bericht, der wegen seiner Bedeutung fur die Beurteilung seines
Wesens hier auszugsweise mitgeteilt sei: »In Berlin ist keine revolutionare
Stimmung, Zerfahrenheit, Ratlosigkeit, Katzenjammer, jeder fiirchtet sich
vor dem anderen und arbeitet gegen den anderen. Liebknecht und Rosa
Luxemburg sind allein agitatorisch tatig. Die Kombination, sie in die Zentral-
regierung aufzunehmen, ist nicht brauchbar. Liebknecht ist geistig minder-
wertig wie Levin. Der Bolschewismus ist nur ein Popanz, der nur mit dem
enormen Geld der russischen Gesandtschaft vertreten wird. Die groBe Masse
ist reaktionar, nicht revolutionar. Im Vollzugsausschusse des Arbeiter- und
Soldatenrates herrscht absoluter Stumpfsinn, darunter sind Streber wie Colin
RoB usw. ; Zustande trostlos, es fehlen selbstlos fiihrende Personlichkeiten.
Erzberger und Solf vertreten die Konterre volution, arbeiten wie friiher mit
bestellten Lugenberichten iiber auslandische Vorgange; Erzberger habe die
ganze Welt gegen uns vergiftet, beide hatten die Entente zuriickgestoBen.
Ebert sei die tiichtigste Kraft in der Regierung. Auch Kautsky und Ledebour
seien Gegner, es sei daher von Berlin zunachst nichts zu erwarten. Die Ver-
handlungen seien ergebnislos verlaufen. «
Auch auf dem internationalen SozialistenkongreB, der im Februar 1919 in
Bern stattfand, nahm er eine von der Politik der Reichsregierung und den dort
erschienenen Mehrheitssozialisten Wels und Hermann Miiller ganz entgegen-
gesetzte Haltung ein; seine Rede ist in der unten erwahnten Flugschrift
» Schuld und Siihne« abgedruckt. Seine Ausfiihrungen gaben in Miinchen An-
376 1919
lafl zu leidenschaftlichen Angriffen und Drohungen gegen E., wahrend die
neutrale Auslandspresse betonte, daB nur E. die Ententesozialisten zum Ein-
treten fiir die deutschen Kriegsgefangenen bestimmt habe. Der Ministerrat
lehnte es ab, diese Ausfuhrungen zu decken; in bezug auf die ihm gemachten
Vorwiirfe des Verrates am eigenen Volke erklarte E. dort am 13. Februar —
also acht Tage vor seiner Ermordung — , er sei fest iiberzeugt, daB ihm infolge
der Hetze wegen der Kriegsgefangenen in den nachsten Tagen etwas geschehe ;
was man ihm vorwerfe, sei so abscheulich, daB man wirklich einen Minister-
prasidenten, der so etwas tue, iiber den Haufen schieBen miiBte.
An die Verkiindigung des Regierungsprogrammes hatten sich die Vorarbeiten
fiir einen Entwurf der bayerischen Verfassung geschlossen, allein E. fand zur
griindlichen Durchberatung des von einer besonderen Kommission aufgestellten
allgemeinen Entwurfes zunachst keine Zeit; seine Befangenheit im Rate-
gedanken, seine Unklarheit in den Verfassungszielen iiberhaupt hemmten ihn
im Vorwartskommen mit den inneren Arbeiten, insbesondere hinsichtlich der
Konstniktion des neuen Staatswesens. Dazu kam die Schwierigkeit, daB iiber
die Gestaltung des neuen Reichsstaatsrechtes und die Eingliederung Bayerns
in die von E. erstrebten »Vereinigten Staaten Deutschlands « noch voile Un-
klarheit herrschte und E. zunachst nicht zu bestimmen war, von Miinchen
aus in die Vorbereitung einer Reichsverfassung durch bestimmte Vorschlage
einzugreifen. Er dachte an eine Aufteilung Deutschlands in ungefahr zwolf bis
vierzehn moglichst gleich groBe Staaten, erwartete zuversichtlich die sofortige
Auflosung PreuBens in mehrere selbstandige Staaten und hatte fiir meine
Darlegung, daB er gerade als bayerischer Ministerprasident die Pflicht habe,
den inneren Zusammenhang PreuBens zu fordern, weil mit der aus der Zer-
reiBung PreuBens folgenden Schwachung seiner so schwer fiir das Deutschtum
errungenen Ostmark auch die unmittelbare Gefahrdung der bayerischen Ost-
grenze gegeniiber dem tschechischen Drucke eintreten miisse, bei seiner
international gerichteten Denkweise kein Verstandnis.
Bei den Beratungen iiber die Landesverfassung in den ersten Januartagen
1919 zeigte sich besonders deutlich eine innere Wandlung im Wesen E.s, die
dann durch den fiir ihn niederdriickenden Ausfall der Wahlen sehr verscharft
wurde. Es ward klar, daB nun seine Hauptsorge nicht dem Zustandekommen
des Verfassungswerkes, sondern der Erhaltung seiner Gewalt gait. Er wollte
durch eine von der revolutionaren Regierung ausgehenden Verfugung, der auch
nach der Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofes der Charakter einer
Rechtssatzung zukam, vor allem eine vorlauf ige Ordnung der Macht erzwingen,
durch die diese Regierung auch gegeniiber einer etwa in der Mehrheit nicht-
sozialistischen Nationalversammlung sich zu erhalten und die Errungenschaften
der Revolution zu sichern in der Lage ware. Es ward das vorlaufige Staats-
grundgesetz vom 4. Januar 1919 verkiindet, in dessen Einleitungsworten E.
nochmals seine Ideen und die Ziele einer lebendigen Demokratie im Gegensatz
zu einer reinen Parlamentsherrschaft entwickelte. Bis zur Vollendung des
umfassenden Verfassungswerkes, das die Grundsatze der sozialistischen Re-
publik darstellen wiirde, sollte dieses Gesetz in Kraft bleiben, das die uner-
laBlichen Grundsatze der kiinftigen Verfassung festlegte. Daher bestimmte
auch § 17 dieses Gesetzes: »Bis zur endgiiltigen Erledigung des Verfassungs-
entwurfes, der dem Landtag sofort nach seinem Zusammentritt vorgelegt
Eisner
377
werden muB, iibt die revolutionare Regierung die gesetzgebende und voll-
ziehende Gewalt aus.«
Dieser Versuch der Regierung, dem Landtage i h r Grundgesetz aufzuzwingen,
konnte nach den Wahlen nicht mehr gelingen, da sie der Diktatur des E.schen
Ministeriums den Boden entzogen hatten und die Stellung der Mehrheits-
sozialisten, insbesondere ihres Fiihrers Auer im Kabinette so verstarkten, da£
ihrem Einflusse es nun gelingen konnte, die mit der Aufgabe einer verfassung-
gebenden Versammlung unvereinbaren Bestimmungen des vorlaufigen Staats-
grundgesetzes zu beseitigen. Die Gegensatze im Ministerium wurden immer
scharfer und nach auflen mehr siehtbar, wie ja auch in Berlin wieder die
in der Revolution geschaffene Einigung der sozialdemokratischen Parteien
durch Ausscheiden der Unabhangigen aus der Reichsregierung schon Ende
Dezember 1918 zerrissen worden war.
Die inneren Kampfe, die einerseits aus E.s Bestreben, die Rate als Gegen-
gewicht gegen einen ihm nicht genehmen Landtag zu erhalten, und aus den
verstarkten Forderungen des Kongresses der die Regierungsgewalt bean-
spruchenden Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrate, andererseits aus der ent-
gegengesetzten Forderung der Mehrheitssozialisten, einen demokratischen
Volksstaat mit parlamentarischer Verfassung zu schaffen, entstanden, sowie die
Beteiligung E.s an der Berner Konferenz, Auers an den Verhandlungen in Wei-
mar verzogerten die Einberufung des Landtagesbis zum 21. Februar. Die Sozial-
demokratische Partei hatte im Februar 1919 in einer Landeskonferenz ein-
stimmig beschlossen, sich an einer Regierung, in der E. vertreten sei, nicht
mehr zu beteiligen. Es folgten heftige Auseinandersetzungen zwischen E. und
Auer, da letzterer beauftragt war, E. zum Rticktritte zu veranlassen. Das
Ministerium beschloB denn auch, dem Landtage den Rticktritt der gesamten
Regierung mitzuteilen, E. liefl sich zwei Tage vor diesem Beschlusse noch zum
Prasidenten des Arbeiter- und Bauernrates wahlen, um fur spatere Aktionen
gegeniiber dem Landtage und der neuen Regierung eine Sttitze zu haben. Ob
er eine Verwirklichung seiner wiederholten Drohung, eine zweite Revolution
durchzufuhren — die er auch mir gegeniiber nach seiner leidenschaftlichen
Auseinandersetzung mit Auer am 19. Februar in aller Scharfe aussprach — ,
tatsachlich plante, laBt sich nicht mehr feststellen. In ihm war doch auch die
Erkenntnis wachge worden, daB er die unruhig gewordenen Massen und die
sich immer mehr steigernden wirtschaftlichen Note, denen er zu wenig Sorge
zugewendet hatte, nicht mehr meistern konne, und daB nur politische Um-
triebe die Bediirfnisse des Volkes nicht befriedigen konnen. Deshalb schei-
terten auch alle Versuche seiner nachsten Umgebung, insbesondere Fechen-
bachs, ihn vom Rucktritte abzuhalten, vollstandig.
Auf dem Wege zur ersten Sitzung des Landtages ward E. von einem Grafen
Arco erschossen ; dies war die Einleitung und Ursache der weiteren schweren
Ereignisse in Munchen.
Literatur: Schriften von Kurt Eisner. Psychopathia spirituals : Friedrich Nietzsche
und die Apostel der Zukunft, Leipzig 1892; Taggeist, Kulturglossen 1901; Fichte zum
Gedachtnis des ioojahrigen Todestages, herausgegeben im Auftrage des sozialdemokra-
tischen Bezirksbildungsausschusses in Berlin; Konigsberg, der Heimbund des Zaren,
Berlin 1904; Feste der Festlosen, Hausbuch weltlicher Predigtschwanke, Dresden 1906
(mit Bildern klassischer Plastik und Malerei) ; Eine Junkerrevolte, drei Wochen preuCischer
Politik, Berhn 1899; Der Sultan des Weltkrieges, ein marokkanisches Sittenbild deutscher
378 J9i9
Diplomatenpolitik, Dresden 1906; Das Ende des Reiches, Dautschland und Preuflen im
Zeitalter der groBen Revolution, Berlin 1907; Otto Liebknecht, sein Leben und Wirken,
2. Aufl., Berlin 1906; Faust I. Teil, in den Einfiihrungen in Dratnen und Opern 1. Die
Volksbiihne 1909; Gesammelte Schriften, Berlin 19 19; Kleine Schriften, aus der Kriegs-
zeit, Berlin 1918; Unterdriicktes aus deni Weltkriege, 19 19; Die Neue Zeitung, unter Mit-
wirkung von K. E., 1918; Die neue Zeit, 1. und 2. Folge, Miinchen 1919; Die 9. Sinfonie
in »Unser Weg«, Verlag Cassirer, Berlin 19 19; in Flugschriften des Bundes »Neues Vater-
land«: 1915 Nr. 4; Treibende Krafte, 1919 Nr. 12 S^huld und Siihne mit Vorwort von
H. Strobel; Die Gotterpriifung, Berlin 1920, begonnen im Strafgefangnis am Plotzensee
1898, vollendet 1918 im Untersuchungsgefangnis in Miinchen; Der Sazialismus und die
Jugend, Basel 1919. — tJber Eisner: Vgl. Der Kampf, siidbayerische Tageszeitung der
Unabhangigen, Miinchen 1919, Gedachtnisnummer : dort: Gedenkrede von Heinrich
Mann 19 19, Theo Kaiser: Nachruf, Jean Longuet: Vorwort zu K. E. La revolution en
Bauidre, Paris 191 9; Wilhelm Hausenstein, Erinnerung an E. in »Zeiten und Bilden,
1. Folge, Miinchen 1920; Mario Mariani im Vorwort zur Cbersetzung J nuovi tempi, Mai-
land 19 19; Heinrich Strobel in der Einleitung zur Flugschrift »S2huld und Siihne*, s. o.;
Escherich-Hefte, Verlag Heimatland, Miinchen 19 19, Heft 1 und 2.
Miinchen. Josef v. Graflmann f.
Fischer, Emil, Professor der Chemie, * am 9. Oktober 1852 in Euskirchen,
f am 15. Juli 1919 in Berlin. — Emil F. entstammt einer seit langer Zeit im
Rheinland in der Gegend des kleinen Stadtchens Euskirchen ansassigen pro-
testantischen Familie. Er kam als achtes Kind seines damals 45jahrigen
Vaters Laurenz und seiner Mutter, einer geborenen Poensgen, zur Welt. Eine
gliickliche Jugendzeit in dem wohlhabenden Elternhaus, dem kleinen Land-
stadtchen Euskirchen, im Verein mit frohen Gespielen, meist den eigenen
Geschwistern, Vettern und Basen, die Freude an der Natur und spater, unter
Anleitung des lebenslustigen und lebenskraftigen Vaters, an der Jagd, wech-
selnde Schulzeit, die ihn bald von zu Hause fort nach Wetzlar und zum Schlufi
auf das Bonner Gymnasium fiihrte, lieBen in ihm innere Freiheit und Selb-
standigkeit, praktische Lebensklugheit und Lebensfreude entstehen. Er war
stets ein begabter und tiichtiger Schiller, der sein Abgangsexamen » unter
groBer Auszeichnung« bestand.
Die Berufswahl bereitete Schwierigkeiten. Emil fiihlte sich zu den Natur-
wissenschaften, besonders zur Physik und zur Mathematik, die schon auf der
Schule sein Iyieblingsfach war, hingezogen. Der Vater hatte den einzigen Sohn
gern als Nachfolger in seinen bltihenden kaufmannischen Unternehmungen
gesehen. Ein kurzer Versuch der Kaufmannslehre, zu der der Sohn sich bereit
erklarte, konnte aber die Abneigung nur erhohen. So willigte der Vater schlieB-
lich in ein Studium ein, freilich das der Chemie, von der er sich ein ersprieB-
lich-wirtschaftliches Fortkommen fur den Sohn versprach. Der Beginn des
Studiums wurde aber durch eine ernste hartnackige Darmkrankheit verzogert.
Zum erstenmal muBte sich Emil F. korperlich gehemmt fiihlen, gerade in dem
Augenblick, wo er ein Ziel, das Studium, erreicht hatte. Noch oft hat er mit
Krankheit zu hochst ungelegener Zeit zu kampfen gehabt, ein Kampf, der
fur ihn und fur seine Umgebung schwer und verdrieBlich war, und drohend
mahnte, daB keine verschwenderische Fiille von Arbeitskraft zur Verfiigung
stand, daB L,eistungen fiir ihn dauernd nur bei vorsichtigem Haushalten mit
Kraft und Gesundheit zu erreichen waren.
Das zunachst in Bonn begonnene Studium wurde vom Herbst 1872 an
in StraBburg bei Adolf v. Baeyer (s. oben S. 215 ff.) fortgesetzt. Die Per-
Eisner. Fischer 370
sonlichkeit dieses Lehrers und Forschers war entscheidend : erst jetzt war
Emil F. fur die Chemie, die ihm in Bonn gerade in ihrem praktischen Teil
noch gar nicht gefallen wollte, endgiiltig gewonnen. Zwar Schwierigkeiten
gab es auch jetzt noch genug zu iiberwinden. Der erste Versuch zur Doktor-
arbeit scheiterte klaglich an einer Ungeschicklichkeit, aber dann kam in
etwa einjahriger Anstrengung eine Arbeit auf dem Gebiet der Fluoreszein-
farbstoffe zustande, die Emil F. im Sommer 1874 zur Doktorpromotion
fiihrte.
Trotz des nicht besonders glanzenden Examens hatte Baeyer den kiinftigen
ttichtigen Chemiker erkannt und iibertrug ihm eine Assistentenstelle, die den
jungen Doktor zu seiner ersten selbstandigen und unerwarteten Entdeckung,
dem Phenylhydrazin, fiihrte, das seither durch F.s Arbeit und die anderer
Chemiker ein unentbehrliches Reagens, ein Ausgangsprodukt fur wertvolle
Farbstoffe und pharmazeutische Mittel (z. B. Antipyrin) geworden ist.
Vom Winter 1875 an arbeitete F., zunachst ohne Anstellung als Privat-
gelehrter, in Miinchen wieder bei A. v. Baeyer, der als Nachfolger Liebigs
dorthin iibergesiedelt war. Nach einer kurzen Unterbrechung, die ihn noch-
mals nach StraBburg fiihrte, vollendete er in Miinchen die StraBburger Ent-
deckung und habilitierte sich auf Drangen seines Lehrers Baeyer im
Jahr 1878 an der Miinchener Universitat fiir das Fach der Chemie. In die
gleiche Zeit fallen seine Arbeiten iiber die Rosanilinfarbstoffe, die er zusammen
mit seinem Vetter Otto F. durchfuhrte. Sie brachten — nicht ohne geschick-
ten Kampf gegen andere Ansichten — vollstandige Klarheit iiber dies Ge-
biet, das Wissenschaft und Technik damals in gleichem MaJ3 interessierte,
und die Namen der beiden F. in weiteren Kreisen bekannt machte. Im
April 1879 wurde F. Leiter der Anorganischen Abteilung des Miinchener
Chemischen Instituts und damit gleichzeitig a.o. Professor an der Universitat.
Die wissenschaftlichen Erfolge Emil F.s und seine Stellung in Miinchen als
Schiiler Adolf v. Baeyers fiihrten schon sehr bald zu dem ersten Ruf nach
auswarts. 1880 bewarb sich Aachen durch das preuBische Unterrichtsmini-
sterium wiederholt und eindringlich um ihn. Doch lockte ihn das Aachener
Angebot nicht, und erst spater gelang es Erlangen, ihn als Nachfolger Voll-
hards fiir sich zu gewinnen.
Im April 1882 siedelte er, begleitet von mehreren Schulern, in die neue
Stadt iiber. Sie brachte ihm wissenschaftlich und personlich trotz der kurzen
Zeit, die er dort war, wichtige Grundlagen fiir sein weiteres L,eben.
Das damalige Erlanger Chemische Institut war recht diirftig. Am emp-
findlichsten war der Mangel guter Ventilation, der Gefahren und Schadigung
fiir Dozenten und Studenten brachte. Aber der voll erwachte Drang Emil F.s
nach Arbeit und Erfolg iiberwand oder miBachtete diese Ubelstande. Mit
verschiedenen Mitarbeitern wurden synthetische Arbeiten iiber Indolderivate
durchgefiihrt, wurde das von anderen schon vielfach bearbeitete Gebiet der
Harnsaure, der Purinderivate in Angriff genommen, wurden schlieBlich die
ersten Erfolge in der Chemie der Zucker errungen.
Emil F. schaffte aber auch in seinem Institut, hier wie spater, den Boden,
auf dem andere gedeihen konnten. Eine Anzahl wichtiger Arbeiten junger
Erlanger Chemiker ging in der Zeit neben den Arbeiten des Chefs aus dem
Institut hervor.
380 1919
1883 drohte der so glucklich begonnenen wissenschaftlichen Laufbahn
Emil F.s ein plotzliches Ende. Mit alien Mitteln versuchte die Badische Anilin-
und Sodafabrik ihn als Leiter ihres Forschungslaboratoriums zu gewinnen.
Doch das lockende Angebot konnte den Selbstandigkeitsdrang und die Freude
am unabhangigen, unbekiimmerten wissenschaftlichen Forschen schliefilich
doch nicht iiberwinden.
Auch ein Angebot im folgenden Jahr, an die Eidgenossische Technische
Hochschule in Zurich zu gehen, wurde abgelehnt. Und doch schlieflt die an
Anerkennung und Erfolg so reiche Erlanger Zeit mit einem erasten Miflklang.
Das unbekiimmerte Arbeiten in den schlechten Raumen hatte dem noch nicht
EinunddreiBigjahrigen schlieBlich durch Reizung und Erkaltung der At-
mungswege so zugesetzt, dafl er nach erfolgloser Erholungsreise zu Anfang
des Wintersemesters 1883 einen einjahrigen Urlaub nehmen mufite. Ein wech-
selnder Aufenthalt, vornehmlich auf Korsika, zuletzt im Schwarzwald, brachte
die Gesundheit zuriick. Aber sehr ernst und eindringlich war auch diesmal
die Mahnung gewesen, mit seinen Kraften vorsichtiger zu sein.
Inzwischen war das Wurzburger Chemische Institut frei geworden. Die
Nachricht von F.s Genesung, von der sich dann die Wurzburger Fakultat
aufs drastischste durch einen besonderen Abgesandten uberzeugte, kam gerade
noch rechtzeitig, um die Wahl auf ihn zu lenken. F. nahm ohne Zogern an.
Das neue Laboratorium war auch nur wenig geraumig und mangelhaft.
Gewitzigt durch die schlimmen Erlanger Erfahrungen, konnte aber wenig-
stens der Bau gut ventilierter Abziige, deren behelfsmaflige Konstruktion F.
selbst erdachte, durchgefiihrt werden.
Die Wurzburger Jahre waren fur Emil F. die glucklichsten seines Lebens.
Vorlesung, Institutsverwaltung und die sonstigen »Ordinariatsgeschafte« lieBen
ihm immer noch genug Zeit, griindlichen tatigen Anteil an der I,aboratoriums-
arbeit zu nehmen. Die im Sommer 1888 erfolgte Ablehnung eines Rufes nach
Heidelberg als Nachfolger Bunsens wurde von der bayerischen Regierung dank-
bar mit der Bewilligung eines lange schon beantragten Institutsneubaus an-
erkannt, dessen mit Sorgfalt unter Mitwirkung von F. ausgearbeitete Plane
nach Uberwindung mancher parlamentarisch-unerfreulicher Widerstande um
1892 Wirklichkeit werden sollten. Im Institut tatige, selbstandig arbeitende
junge Chemiker brachten bemerkenswerte Resultate heraus. Der auch da-
mals durch partikularistische und Konfessionsunterschiede nicht getriibte,
ungezwungene Verkehr in der schonen Mainstadt mit Bekannten und Kollegen
brachte manche anregende und dauernde Bindung und Freundschaft. Emil F.
fand in Agnes Gerlach, der Tochter des Erlanger Anatomen, eine Braut, die
er im Februar 1888 heimfuhrte.
t)ber allem aber stehen die wissenschaftlichen Erfolge dieser Jahre: neben
Vollendung der Indolarbeiten ging mit einer Schar tiichtigster Mitarbeiter,
die sich in Eifer um den anfeuernden und manchmal recht gestrengen Lehrer
zusammenfanden, die vielleicht groBte Arbeit des Meisters ihrem Gipfelpunkt
entgegen. Es gelang ihm, in dem Wirrwarr von Substanzen und Reaktionen,
die, ohne Zusammenhang und haufig einander widersprechend, auf dem Ge-
biet der Zucker schon dam als vorlagen, durch konsequente Anwendung van't
Hoffscher Ansichten iiber den Aufbau der Molekiile im Raum systematische
Klarheit zu schaffen und diese Klarheit in fiir die damalige Zeit iiberaus
Fischer 38 1
schwierigen synthetischen Versuchen zu erharten und zu beweisen. Die Losung
einer solchen Aufgabe ist die eines genialen Entdeckers, der in dem Nichts
zwischen einzelnen mafiig bekannten Landern Verkniipfung und Verbindung
manchmal errechnet, haufiger nur ahnt, immer aber unter Einsatz seines
ganzen Konnens und seiner ganzen Personlichkeit bis hinunter zur kleinsten
Einzelheit die Reise mit alien Enttauschungen, Irrwegen und Entbehrungen,
manchmal sogar gegen meuternde Mannschaft, bis zum ersehnten oder un-
erwarteten »Land, Land* als Fuhrer durchkampfen muB.
1890 hielt F. in Berlin auf Einladung der Deutschen Chemischen Gesellschaft,
mit der er seitdem in steter personlicher Fuhlung geblieben ist, die er zwolf-
mal im Lauf der Jahre als President und Vizeprasident zu vertreten und zu
fuhren hatte, einen zusammenfassenden Vortrag iiber seine bisher erreichten
Ziele auf dem Gebiet der Zucker. Der tiefe Eindruck laBt sich nicht besser
schildern als durch die Worte, die ein auch gegen Emil F. sehr kritisch ein-
gestellter Zuhorer spater in einem Nachruf veroffentlichte : » Ich habe niemals
einen besseren Vortrag nach Form und Inhalt, voll Leidenschaft und doch
voll edler MaBigung gehort, der ganz groBe Forscher trat darin klar zutage.
Emil F. wurde fiir uns das MaB fiir alle anderen Persdnlichkeiten. «
Kein Wunder, daB bald nach dem Ableben A. W. v. Hofmanns der Lehr-
stuhl fiir Chemie in Berlin von Fakultat und Regierung dem erst vierzigjahrigen
Emil F. angetragen wurde. Kein Wunder aber auch, daB dieser lange zogerte.
Ein harmonischeres Leben in Arbeit, Erfolg und Freude konnte ihm Berlin
trotz Anregung und Arbeitsmoglichkeit nicht bieten. Nach genauer Besichti-
gung, nach manchem Schwanken entschloB er sich doch schlieBlich zur An-
nahme des Rufs.
Wir diirfen fiir diese Entscheidung dankbar sein. Denn erst in der einfluB-
reichen Umgebung der GroB- und Hauptstadt kam F.s Wissenschaft und Per-
sonlichkeit zu der machtvollen Entfaltung, deren Friichte heute und noch
auf lange Zeit hinaus alle Richtungen der Chemie mehr oder weniger bewuBt
und dankbar genieBen.
Die erste Zeit in Berlin brachte mancherlei Unannehmlichkeit und Ent-
tauschung. Im Ministerium bedurfte es erst sehr deutlicher Unterredungen
und des Einsatzes der ganzen Personlichkeit, um das bei der Berufung sicher
Versprochene auch durchzusetzen. Eine groBe Anzahl unerwarteter und un-
erwiinschter Nebengeschafte lagen auf der von Hofmann ererbten Stellung
und raubten, zusammen mit der vermehrten Last des groBeren Ordinariats,
viel kostbare Zeit und Kraft. Die Instandsetzung des Instituts, vor allem auch
hier die Einrichtung der gesundheitlich so dringenden Ventilation, wurde nur
provisorisch betrieben mit Riicksicht auf den in Aussicht gestellten Neubau,
dessen Vollendung sich dann doch noch acht Jahre hinzog. Schwerstes Leid
brachte ihm das Jahr 1895. Es starb seine Frau, die ihm, dem Vielbeschaftigten,
seine wenigen MuBestunden behaglich gemacht und verschont hatte, die ihm,
das sah er am Verlust mit trauernder Deutlichkeit, die Grundlage und Ruhe
seines Heims geworden war. Es ist nicht zu verwundern, daB er sich von Ver-
kehr und gesellschaftlichen Vergniigungen mehr und mehr zuriickzog, daB sich
bei ihm jene Unnahbarkeit des inneren Menschen herausbildete, die fiir seine
spatere Zeit charakteristisch war und blieb. So liebenswiirdig und gewinnend
er im Umgang mit Menschen sein konnte, so behaglich man sich bei ihm zu
382 1919
Hause, besonders in seinem Sommerheim in Wannsee, fiihlte, nur ganz selten
hat er Einblicke in sein inneres Menschentum tun lassen. Auch in seiner Selbst-
biographie, so anziehend und fesselnd sie geschrieben ist, halt er diese Schran-
ken anfrecht, die sich so leicht bei Einsamen ausbilden und die bei Emil F.
wesentlich fur den groBen Eindruck seiner Personlichkeit waren.
Die Tatigkeit in der Fakultat, die er fur zu zahlreich hielt und in der er
das numerische Ubergewicht der Geisteswissenschaften als storend und den
Naturwissenschaften abtraglich empfand, sagte ihm wenig zu. Sehr viel wohler
fiihlte er sich in der PreuBischen Akademie der Wissenschaften, zu deren Mit-
gliedern zu zahlen er bis in sein Alter besonders stolz war. RegelmaBig betei-
ligte er sich an ihren Sitzungen, in denen er haufig Vortrage hielt. Das Reden
fiel ihm trotz seiner langjahrigen Ubung nie leicht. Er glaubte sich stets aufs
sorgfaltigste vorbereiten zu mtissen und fuhrte dies, wo er nur irgend konnte,
aufs gewissenhaf teste durch, so gewissenhaft, daB haufig bei der Wiedergabe
des Vorbereiteten sein Gedachtnis die Hauptarbeit iibernahm. Aber trotzdem
wuBte er seinem Vortrag den Charakter des eben Entstehenden zu geben.
Und besonders fesselte die Zuhorer, daB er sie dauernd mit seinen ausdrucks-
vollen Augen ansah, so daB jeder das Gefuhl haben konnte, an ihn ganz per-
sonlich sei die Rede gerichtet.
Mit der Muhe und Arbeit, die er auf das Reden verwandte, hangt zusammen,
daB er die Vorlesung mehr und mehr als Last empfand. Das Gefuhl, er muBte
seine Zeit nutzbringender verwenden, steigerte sich. Trotz mancher Wider-
spriiche gelang es ihm schlieBlich, erst die halbe, dann die ganze Experimental-
vorlesung an jiingere Krafte abzugeben.
Die gewonnene Zeit wurde fur die Forschung frei, der er sich mit einer
stattlichen Zahl von Assistenten und Mitarbeitern widmete. Nur zu einer
Gelegenheit sahen ihn die Promovierten seines Instituts regelmaBig bis in die
letzten Wochen seines Lebens im Horsaal, im Freitags-Kolloquium, das so
recht der Mittelpunkt fur das wissenschaftliche Leben seines Instituts wurde.
Meist neuerschienene Arbeiten, manchmal auch im Institut von Schulern oder
von selbstandig Arbeitenden gewonnene Ergebnisse wurden vorgetragen und
unterlagen dann dem raschen und in der Regel sehr klaren und treffenden
Urteil des aufmerksam zuhorenden Meisters.
Im Verkehr mit seinen Mitarbeitern war er von erstaunlicher Frische und
Lebendigkeit. Bis an die zwanzig Arbeiten waren es zeitweise, deren Leitung
er hatte und die irgendeinen kleineren oder groBeren Baustein zu seinen Ge-
bauden liefern sollten. Nur wenige Augenblicke der Uberlegung, und er war
bei seinen fast taglichen Besuchen beim Einzelnen im Bilde iiber den Stand
der Arbeit, iiber die Schwierigkeiten, die er manchmal durch eine kurze Be-
merkung oder durch einen Reagenzglasversuch aus dem Wege zu raumen
wuBte. Bei solchen Gelegenheiten muBte man immer wieder seine Geschick-
lichkeit, die Scharfe seiner Beobachtung bewundern, die haufig iiber das auch
fur andere Sichtbare hinaussprang und sich hinterher doch oft als richtig
erwies. Er verlangte viel FleiB und Hingabe von seinen Mitarbeitern ; er konnte
manchmal fast allzu herrisch seine Ansicht und ihre Durchfiihrung bei irgend-
einem Versuch fordern. Aber er war im groBen wie im kleinen unbedingt ein
Anhanger des Erfolges, auch wenn dieser entgegen seiner urspriinglichen An-
sicht erfochten war und ihm bewiesen wurde. Freilich, dieser Beweis war nicht
Fischer 383
leicht, denn F. war gern geneigt, zunachst irgendeinen Fehler, irgendeine Un-
geschicklichkeit oder Dummheit vorauszusetzen ; er hatte deren wohl genug
erlebt und behielt sie mindestens ebenso sicher im Gedachtnis wie die Erfolge.
Aber die groBe Mehrzahl seiner Schiiler hat ihm stets treue Anhangerschaft
gewahrt und rechnet die Zeit der Doktoranden- oder Assistentenarbeit unter
ihm zu den schonsten ihres Lebens.
Als endlich der Neubau des Instituts bewilligt war, ein Erfolg, an dem
auch die Unterstutzung der chemischen Industrie ihren wertvollen Anteil
hatte, widmete sich F. auch dieser Aufgabe mit vollstem Interesse. Seine
Erf ahrungen auf diesem Gebiet, sein praktischer Blick schufen in sorgf altiger
Arbeit gemeinsam mit verstandnisvollen Baumeistern das Gebaude in der
Hessischen StraBe, das fur viele ahnliche Bauten ein gluckliches Vorbild ge-
worden ist. Die ubersichtliche zeitsparende raumliche Gliederung, die Fiille
von Licht und Raum, die wechselnden Bediirfnissen der verschiedensten
Richtungen der Chemie auch heute, nach mehr als 25 Jahren, noch nach-
kommen kann, ist besonders von dem zu wurdigen, der aus diesem Institut
in ein vielleicht prachtigeres, aber lange nicht so iiberlegt gebautes verschlagen
wird. F. hatte gern seinem Institut eine physikalisch-chemische Abteilung
angegliedert und damit Unterricht und wissenschaftliches Leben in dem
Institut vervollstandigt und abgerundet, doch hat er auf Wunsch seiner
Kollegen van't Hoff und Landolt davon abgesehen.
Im ersten Jahrzehnt seiner Berliner Zeit wurde das Gebiet der Purine einer
grtindlichen Revision und Ausarbeitung unterzogen. So wichtige Substanzen
wie Theobromin und Kaffein wurden genau festgelegt und der Synthese, auch
der technischen, zuganglich gemacht. Weiter wurde die Untersuchung der
Zucker gefordert. Die Erfolge auf diesen beiden Gebieten waren so allseitig
anerkannt, so abgerundet und vollstandig, daB sie als Hochst- und Muster
leistung organisch-chemischer Forschung im Jahre 1902 Emil F. den Nobel-
preis fur Chemie, den zweiten seiner Art iiberhaupt, eintrugen. Dem damit
so gut durchforschten und fast abgeschlossenen Gebiet der Purine erbliihte
noch zu F.s Lebzeiten eine neue wichtige Zukunft dadurch, daB sie als Be-
standteile des Zellkerns der Nucleine erkannt wurden. F. hat in dieser Rich-
tung synthetisch noch mitgearbeitet.
Das Gebiet der Zucker hat ihn dauernd gefesselt. Denn so vollstandig das
Bild der einfachen Zucker aufgestellt schien, so wenig weit waren seine Vor-
stoBe in das Reich der zusammengesetzten Zucker vorgedrungen. Erst seit-
dem die iiberragende, freilich damit auch manchmal dnickende Fiihrung
Emil F.s auf diesem Gebiet geschwunden ist, fangt es auch in weiteren chemi-
schen Kreisen an klar zu werden, welch reiche Zukunft noch in der Richtung
liegt, wieviel sich auf dem breiten und sicheren Fundament der Zuckerarbeiten
Emil F.s aufbauen laBt.
Bald nach 1900 wandte sich Emil F. einem neuen Gebiet zu. Er wagte sich
an die systematische Erforschung der EiweiBsubstanzen stickstoffhaltiger
Produkte der lebenden Welt, die in so verschiedenen Formen vorkommen —
um nur einige zu nennen: HiihnereiweiB, Kasein, Leim, Horn, Haut, Seide,
Wolle — und die, wie sich bestatigend herausstellte, vieles Gemeinsame, be-
sonders die einfachsten Bausteine, die Aminosauren, aufweisen. Die Arbeiten
brachten neue fruchtbare Methoden des analytischen Abbaus. Daniber hinaus
384 J9I9
brachten sie eine neue Methode iiberhaupt, solche schwer charakterisierbaren,
als einheitliche Substanzen auch heute noch nicht sicher erkennbaren Stoffe
zu erforschen: es wurden aus den bekannten Bausteinen synthetisch, wenn
auch nicht gleiche, so doch ahnliche Substanzen gewonnen und mit den natur-
lichen zum Vergleich gebracht. Die Erfolge dieser Arbeiten, die wie eine Fackel
plotzlich helles Licht auf ein wirres und wiistes Durcheinander warfen und
die erste Klarheit hineinbrachten, erregten groBtes Aufsehen, ja sie wurden
zum Arger Emil F.s von der Tagespresse aufgegriffen und, wie es leicht in
solchen Fallen geschieht, erheblich iibertrieben. Heute weiB die Chemie besser
noch als damals, wieviel ihr noch an Beherrschung der EiweiBchemie fehlt.
Und doch, welche Fulle von sicherem Material steckt in den F.schen Arbeiten,
die fur jede EiweiBforschung, mag sie der Chemiker, der Mediziner, der Biologe
zu theoretischen oder praktischen Zwecken betreiben, die Grundlage sind und
immer bleiben werden.
In ahnlicher Weise hat F. noch ein weiteres Gebiet behandelt, das der Gerb-
stof f e, und die erhaltenen Resultate auf der Naturf orscherversammlung in Wien,
der letzten vor dem Kriege, einem begeisterten groBen Publikum vorgetragen.
Zucker, EiweiB und Gerbstoffe brachten F. in nachste Beruhrung mit
biologischem Geschehen und damit in Beruhrung mit den Fermenten. GroBes,
zeitweise groBtes Interesse fanden bei ihm diese unbekannten, nur an ihrer
Wirkung erkennbaren Stoffe, zu deren Erforschung er wichtigste Pionierarbeit
leistete.
Aus der groBen Zahl anderer Arbeiten seien nur noch einige gestreift, die
nicht nur wissenschaftliche, sondern auch erhebliche technische Erfolge be-
deuteten: Veronal, Sajodin und Elarson sind Mittel, bei deren Synthese und
Einfuhrung F. als Chemiker fiihrend beteiligt war.
Zu dieser gewaltigen Lebensarbeit des Chemikers kommt als Ergebnis der
letzten Jahre vor dem Krieg noch ein weiteres groBes Erbteil, das in anderer
Weise, aber vielleicht in noch hoherem MaBe, fruchtbar geworden ist. Er
selbst fiihlte in Berlin, wie viel wertvolle Zeit durch seine Lehrtatigkeit
dem Forscher entzogen wurde. Er sehnte sich wohl manches Mai nach For-
schung ohne die Miihe und Ablenkung der Lehre. Und freudig ergriff er die
Moglichkeit, wenn auch nicht fiir sich, so doch fiir andere in Deutschland
solche Statte zu schaffen : der zunachst gef aBte Plan einer Chemischen Reichs-
anstalt ging nach einigen Jahren in einem groBeren Plane auf. Zusammen
mit Harnack und anderen gelang es ihm, den Kaiser und damit weite gebe-
freudige Kreise Deutschlands fiir den Plan der Errichtung von Forschungs-
instituten zu gewinnen, deren erste, der Chemie, der physikalischen und Elek-
trochemie dienend, im Jahre 19 12 eingeweiht wurden, und denen sich,
immer weitere Kreise ziehend, andere Institute zu der imposanten Gemein-
schaft der Kaiser- Wilhelm-Institute in alien Teilen des Reiches und dariiber
hinaus angegliedert haben.
Emil F. hat nur das erste Aufbluhen dieser groBen Schopfung miterlebt.
Der Krieg unterbrach mit drohenden Forderungen des Augenblicks die wissen-
schaftliche Forschung auch an diesen Instituten. Sie, wie ganz Deutschland,
wurden dem verteidigenden Ringen dienstbar gemacht.
Emil F. hat in der ersten Zeit trotz des sofort erkannten Ernstes der Lage
zuversichtlich seine Kenntnisse und seine Personlichkeit helfend zur Ver-
Fischer 385
fiigung gestellt. Aber schwere Verluste, der Tod der beiden jiingeren Sohne,
eigene Krankheit und nicht zuletzt der f riihe Einblick in die unlosbaren Auf-
gaben, die dem Vaterlande erwuchsen, lieBen in ihm eine tief-pessimistische
Stimmung aufkommen. Trotzdem hat er in verschiedenen Korperschaften,
besonders bei der Rohstoffbeschaffung bis znm SchluB beratend und organi-
sierend mitgewirkt und dabei durch seine Personlichkeit und seine praktische
Klugheit, der sich auch die willig unterordneten, die sonst an Nachgeben wenig
gewohnt waren, AuBerordentliches geniitzt und geholfen. DaB er selbst in
schlimmster Zeit an den Wiederaufbau glaubte, beweist seine Fiirsorge bei
der Griindung des Justus Liebig-Vereins zur Forderung des chemischen Unter-
xichts, der heute sein segensreiches Wirken ausiibt und dem sich zwei weitere
Vereine, »Zur Forderung der chemischen Forschung*, den Namen F.s selbst
tragend, und »Zur Forderung der chemischen Literatur«, nach A. v. Baeyer
genannt, angeschlossen haben. In alien drei Vereinen lebt und wirkt der Geist
der Zusammengehorigkeit von Wissenschaft und Technik, fur den Emil F.
stets ein leuchtender Fiihrer war.
Nach dem Krieg, nach Uberwindung der schlimmsten Nachkriegszeit, unter
der Emil F. seelisch und korperlich litt, schien aber seine alte Frische und
Spannkraft wiederzukehren. Er f rente sich der Studenten und Mitarbeiter
und ihrer groBen und unerwarteten Arbeitsfreudigkeit. Er selbst fuhrte alte
Arbeiten weiter, ja er wandte sich einem neuen Gebiet, dem der Fette zu.
Aber Jammer, Sorgen und Krankheit des Krieges waren doch nicht spurlos
an ihm voriibergegangen. Ein tiickisches Leiden, gegen das er selbst einmal
mit chemischen Mitteln zu Felde gezogen war, Krebs, hatte ihn ergriffen und
meldete sich am 11. Juli 1919 mit nicht mehr zu verkennender Gewalt und
Unerbittlichkeit. Emil F. bestellte sein Haus, er fand noch Zeit und Kraft,
durch eine besondere Stiftung an die PreuBische Akademie der Wissenschaften
jungen aufstrebenden Chemikern zu helfen. Dann brach sein Wille zum Leben.
Er starb am 15. Juli 1919.
Der Tod eines GroBen im Reich der Wissenschaft, besonders eines Mannes,
der noch mitten im Leben und Schaffen stand, hatte in normaler Zeit viel
plotzlicher geschmerzt. Erst allmahlich, zunachst naturlich in Deutschland,
dann aber auch trotz aller Verwirrung dariiber hinaus, wurde und wird es
klar, welch Hohepunkt, welche Vollendung in Emil F. dahingegangen ist. So
blendend ist fur viele sein Licht, daB sie das Gefiihl haben, in Emil F.s eigenster
Richtung, in der organischen Chemie sei dieser Hohepunkt nicht mehr zu er-
reichen oder zu iibertreffen.
Literatur: Emil F., Aus meinein Leben (Selbst biographie) , 1922. — Kurt Hoesch,
Kmil F., sein Leben und sein Werk (im Auftrag der Deutschen Chemischen GeseUschaf t) ,
Berlin und Leipzig 1921. — Emil F.s Gesammelte Werke, z. T. noch von E- P., z. T.
herausgegeben von M. Bergmann. — Untersuchungen iiber Aminosauren, Polypeptide
und Proteine 1906. — Untersuchungen in der Puringruppe, 1907. — Untersuchungen
iiber Kohlehydrate und Fermente, 1909. — Untersuchungen iiber Depside und Gerbstoffe,
19 1 9- — Untersuchungen iiber Kohlehydrate und Fermente II, 1922. — Untersuchungen
iiber Triphenylmethanfarbstoffe, Hydrazine und Indole, 1924. — Untersuchungen aus
verschiedenen Gebieten, Vortrage und Abhandlungen allgemeinen Inhalts, 1924.
Greifswald. Burckhardt Helferich.
DBJ 25
386 1919
. Fritzen, Adolf, Bischof von Straflburg, * am 30. Juli 1838 in Cleve, f am
7. August 1919 zu StraBburg i. E. — Altester Sohn des Architekten Bernhard
F., besuchte er das Bischofliche Gymnasium in Gaesdonk und studierte 1858
bis 1862 Theologie zu Tubingen und Minister, wo er am 16. August 1862 zum
Priester geweiht wurde. Dann betrieb er historische und philologische Studien
in Berlin und Bonn und bestand eine glanzende Staats- und Doktorpriifung in
Miinster. Aus dieser Studienzeit datiert seine fiir das Leben geschlossene
Freundschaft mit dem Graf en v. Hertling (s. unten S. 416 ff.). Von 1865 bis
1874 wirkte F. als Lehrer in Gaesdonk. Mit welchem Erfolg er hier die Geschichte
lehrte, hat einer seiner Schiiler, der General der Artillerie Anton v. Kersting in
seinem Erinnerungsbuch » Gaesdonk « (Koln 1918) anziehend beschrieben. 1874
folgte er einem Rufe des Prinzen und nachmaligen Konigs, Georg von Sachsen,
der ihn zum Hofkaplan und Erzieher seiner drei Sonne ernannte. 13 Jahre
wirkte er hier und erwarb sich die Verehrung und Liebe seiner Zoglinge, von
denen der eine, Friedrich August, dem Vater auf dem Throne folgte, der zweite,
Max, nach dem Verlassen der militarischen Laufbahn Priester wurde. Ostern
1887 ubernahm F. die Stelle eines Studiendirektors an der bischoflichen Lehr-
anstalt Montigny bei Metz, wo er Lehrer und Schiiler durch sein vornehmes
und gutiges Wesen fiir sich gewann.
Als durch den Tod des Bischof s Stumpf (f 10. August 1890) der StraBburger
Bischof sstuhl erledigt wurde, war die Regierung entschlossen, keinen ein-
heimischen Kandidaten der Kurie vorzuschlagen. Gegen eine Ernennung
Korums (s. DBJ. 1921, S. 170), der im Kultusministerium Freunde hatte,
wandte sich Caprivi. Die Personlichkeit F.s, auf die man sich einigte, war in
Rom genehm, auch die Quertreibereien einiger elsassischer Bischofskandidaten,
die in der Pariser Zeitung »La Defense « ihre Minen springen lieBen und den
Untergang des elsassischen Katholizismus prophezeiten, falls ein Altdeutscher
Bischof wiirde, vermochten nicht zu hindern, daJ3 bereits am 18. Januar 1891
die StraBburger Behorde von der bevorstehenden Prakonisierung F.s ver-
standigt wurde. Dies geschah am 1. Juni 1891. Auf besonderen Wunsch F.s
wurde ihm ein elsassischer Weihbischof, der ehemalige Miinsterpfarrer Mar-
bach beigegeben; am 21. Juli fand die Bischof sweihe statt. Das anfanglich dem
neuen Bischof von dem Klerus entgegengebrachte MiBtrauen verstand er durch
sein offenes, gewinnendes Wesen und seinen ausschlieBlich auf kirchliche Dinge
gerichteten Sinn bald zu zerstreuen. Denn was die Gegner seiner Wahl vorher
befiirchtet und verkundet hatten: dafi der Bischof sein Amt in den Dienst
politischer Zwecke stellen wiirde, traf nicht ein. Auch jene, die dies erhofften
und erwarteten, wurden bald enttauscht und machten in der Presse auch kein
Hehl daraus. (Vgl. den 7. der beruhmten Spektatorbriefe von Fr. X. Kraus in
der »Allgemeinen Zeitung « 1896.) Wenn F. auch die politische Entwicklung
seiner Zeit aufmerksam verfolgte, wozu ihm der enge Verkehr mit seinen Brii-
dern Karl und besonders Aloys, die beide als Abgeordnete dem Reichstag und
PreuBischen Landtag angehorten, vielfache Anregung bot, so ist F. nur einmal
hervorgetreten, und zwar gegen die StraBburger Regierung in dem sog. Kom-
petenzstreit, als er anfangs 191 o gelegentlich des Konfliktes der Bischof e von
Metz und StraBburg mit den Lehrern in einem offenen Schreiben an den Staats-
sekretar Zorn von Bulach (s. DBJ. 1921, S. 281) diesem gegeniiber den Vor-
wurf der Kompetenziiberschreitung und des Eingrifls in das Gebiet staatlicher
Fritzen 387
Befugnisse abwies. Dagegen fanden die Wiinsche def Regierung fur die im
Herbst 1903 der StraBburger Universitat angegliederten theologischen Fakultat
seine voile Unterstiitzung, auch gegen die Opposition eines groBen Teils des
Klerus. Im Jahre 1919, als Rom wegen der geanderten politischen Xage die
mit der deutschen Regierung iiber die theologische Fakultat geschlossene Kon-
vention als aufgehoben betrachtete, erreichte es F. bei der Kurie, daB die
Fakultat erhalten blieb.
Mehr als einmal in seinem langen Bischofsleben war zwar seine Person von
den politischen Wogen umbrandet, ofters wurde kiinstlich versucht, Zwiespalt
zu saen zwischen ihrn und seiner Diozese, oft brachte seine exponierte Stel-
lung auf einem Bischofsstuhl der Reichslande inn in kritische Lagen. Stets
aber haben sein sicheres Urteil, seine nihige Klarheit, seine Selbstlosigkeit und
die hone Auffassung seines bischoflichen Amtes ihrn den richtigen Weg ge-
wiesen, der Schwierigkeiten Herr zu werden. Sein Urteil in politischen Dingen
war urn so weniger voreingenommen und um so ungetriibter, als seine Haupt-
tatigkeit auf innerkirchlichem Gebiete lag.
Von tiefer Religiositat und echter Frommigkeit beseelt, lag ihrn die Pflege des
religiosen und kirchlichen Lebens besonders am Herzen. Der spatere elsassische
Kirchenhistoriker wird F.s Pontifikat als ein ungemein segensvolles zu bezeich-
nen haben. Der Kirchengesang erfuhr unter ihrn eine durchgreifende Reform.
Die liturgischen Biicher wurden neu herausgegeben. 1907 erschien ein neuer
Diozesankatechismus. Viele religiose Genossenschaften erhielten durch F.s Be-
miihungen ZulaB. Z weeks innerer Reformen rief er die seit 1687 unterbrochene
Einrichtung der Diozesansynoden wieder ins Leben. Dem religiosen und
sozialen Vereinswesen widmete er besondere Sorgfalt. Im Interesse der reli-
giosen Toleranz arbeitete er mit Erfolg an der Abschaffung der Simultan-
kirchen. Von seiner versohnlichen Gesinnung zeugt auch die bei Kriegsanfang
getroffene Anordnung, daB in rein katholischen Orten die evangelischen
Truppenteile die Ortskirche benutzen konnten, was ihrn von Protestanten hoch
angerechnet wurde. Die im Reiche zerstreuten elsassischen Kriegsfluchtlinge
hatten an ihrn einen fursorglichen Vater.
Als er nach KriegsschluB sich von der franzosischen Regierung vdllig igno-
riert sah, schrieb Bischof F. im Dezember 19 18 dem Papst, daB er in Anbetracht
der veranderten Verhaltnisse sich dem hi. Stuhl zur Verf iigung stelle ; er
wiinsche bis zu seinem Tode Bischof von StraBburg zu bleiben, man moge ihrn
einen Koadjutor geben, in dessen Hande er die voile Verwaltung legen wiirde.
Als im Sommer 1919 die Presse die Ernennung eines Nachfolgers bekannt gab,
ohne daB vorher Bischof F. benachrichtigt worden war, schrieb ihrn der Kar-
dinalstaatssekretar, daB er sich imrner noch als Oberhirte zu betrachten habe.
Erst Ende Juli wurde ihrn mitgeteilt, daB der Papst nunmehr Gebrauch mache
von seiner Demission und ihn zum Titularerzbischof von Mocissos ernenne. Er
war also nicht mehr Bischof seiner Diozese, die er lieb gewonnen hatte. Als ge-
brochener Mann zog er sich in das Allerheiligenkloster in StraBburg zuriick,
aber schon am 7. September starb er, echt und tief betrauert von der ganzen
Diozese. Er war eine Personlichkeit, deren Vornehmheit und stille Grofle im-
ponierte, lauter, giitig, selbstlos. » Einen sehr braven Mann« hat ihn der Kaiser
im Jahre 1892 dem Fiirsten Chlodwig zu Hohenlohe gegeniiber genannt. Und
zwanzig Jahre spater sagte der Statthalter Graf v. Wedel zu dem Apostolischen
388 1919
Vikar von Schweden, Msgre Bitter: »Ich kenne keinen edleren Menschen als
Bischof F. «
Liter atur: Dacheux, La Question de I'Evique de Strasbourg. Lettres publiies par le
Journal La Ddfense. Kehl 1890. — Denkwiirdigkeiten des Fiirsten Chlodwig zu Hohen-
lohe-Schillingsfiirst, hrsg. von F. Curtius, 4. Aufl., Stuttgart und Leipzig 1907, II, 472 f.,
486. — Fur den »Kompetenzstreit«: Straflburger Post 1910, Nr. 48. — J. Wendling, Dr.
Adolf F., Bischof von StraBburg, StraBburg 19 16. — Zum 2 5jahrigen Bischofsjubilaum,
Kolnische Volkszeitung 1916, Nr. 584; Strafiburger Diozesanblatt 35 (1916), 139 — 189. —
Fur Tod und Beisetzung: »Der Elsasser* 191 9, Nr. 246 und 253. — M. Spahn im Elsafi-
Lothringischen Jahrbuch I (1922), 184 f. — Personlkhe Informationen.
StraBburg i. E. Luzian Pfleger.
Grober, Adolf, Politiker und Parlamentarier, Reichsstaatssekretar, * am 1 1 . Fe-
bruar 1854 zu Riedlingen in Wtirttemberg, f am 19. November 1919 zu Berlin. —
G. war das einzige Kind seiner Eltern und erhielt als solches eine gute Erziehung.
Sein Vater war ein kunstreicher Handwerker alten Schlages. Von Beruf ur-
spriinglich Spengler, war er als Graveur, Goldschmied, ZinngieBer und Ver-
fertiger von Spielsachen zu einem behabigen kleinbiirgerlichen Wohlstand ge-
langt, welcher es ihm erlaubte, seinen Sohn studieren zu lassen. Der junge G.
wurde nach einer anscheinend etwas ausgelassenen Gymnasialzeit schon als
Student ein ernster Mann, wenn er auch, eine kraf tstrotzende, auf f allend schone
Gestalt, spater mit langem Vollbarte, zeitlebens einem gesunden Frohsinn und
freudiger Lebensbejahung treu blieb. Er besuchte die Universitaten Tubingen,
Leipzig, StraBburg und wieder Tubingen, um Rechtswissenschaft zu studieren.
In Leipzig griindete er mit seinem Freunde Karl Trimborn (s. DB J . 192 1, S. 263) ,
dem spateren Kollegen im Reichstage und im Reichskabinett des Prinzen Max
von Baden, den katholischen Studentenverein »Teutonia«. Im Juni 1877 be-
stand er in Stuttgart die erste Staatsprufung als Justizreferendar, im Herbst
1878 die staatliche AbschluBpriifung als Justizreferendar erster Klasse. Er
wurde dann im wurttembergischen Staatsdienst Hilf srichter bei dem Oberamts-
gericht Neresheim, Justizassessoratsverweser bei dem Oberamtsgericht Saul-
gau, stellvertretender Amtsrichter bei demselben Gericht, schlieBlich Staats-
anwaltsgehilfe und Hilfsstaatsanwalt in Rottweil, wo er von April 1880 bis
Januar 1887 wirkte, zeitweise auch beim Landgericht in Hall. Dann wurde er
als Staatsanwalt nach Ravensburg versetzt. Als er sich bei den Septennats-
wahlen des Jahres 1887 zum Reichstage fiir die Zentrumspartei als Kandidat
aufstellen lieB, wurde das von seiner vorgesetzten Behorde sehr iibel vermerkt.
Der Urlaub, welchen er erbat, um sich seinen Wahlern vorzustellen, wurde ihm
verweigert, und zwar ihm allein von alien in Frage kommenden Staatsbeamten,
von welchen allerdings alle anderen fiir liberale Parteien kandidierten. Als er
trotzdem gewahlt wurde und die Wahl annahm, erfolgte prompt, obwohl seine
amtliche Qualifikation als hervorragend anerkannt war, seine Strafversetzung
als Landrichter nach Heilbronn, wobei zu bemerken ist, daB damals in Wiirt-
temberg die Versetzung eines Staatsanwaltes auf eine Landrichterstelle als
Degradation gait. 1895 wurde G. Landgerichtsrat, 1912 Landgerichtsdirektor
in Heilbronn. Damit schloB seine amtliche Laufbahn im wurttembergischen
Justizdienste ab.
Fritzen. Grober 389
Die Bedeutung G.s liegt anf politischem und parlamentarischem Gebiete,
auf welchem er auch seine gediegenen Kenntnisse und seinen anerkannten
Scharfsinn in juristischen Dingen zur Geltung bringen konnte. Im Gedachtnisse
der Nachwelt lebt er fort als einer der hervorragendsten Fiihrer der Zentrums-
partei nach dem Tode Windthorsts. Als solcher wurde er, nachdem der Ab-
geordnete Dr. Spahn im August 1917 Justizminister in PreuBen geworden war,
an dessen Stelle Vorsitzender der Fraktion des Zentrums im Reichstage, was
er bis zu seinem Tode blieb, dann auch Vorsitzender der Gesamtpartei des
Deutschen Zentrums, und im Oktober 1918 Staatssekretar im Reichskabinett
des Pnnzen Max von Baden. In seinem Heimatlande Wurttemberg wurde er
vor den Neuwahlen vom Januar 1895 Begriinder der dortigen Zentrumspartei,
nach den Wahlen Vorsitzender der neugegriindeten Zentrumsfraktion der
wiirttembergischen Zweiten Kammer, was er ebenfalls bis zu seinem Tode
blieb. Er war Prasident der Generalversammlung der Katholiken Deutschlands
in Dortmund 1896 und Essen 1906, auch Prasident des groflen zweiten wiirttem-
bergischen Katholikentages in Ulm 1901.
G. war, wie erwahnt, erstmalig bei der Septennatswahl im Februar 1887 zum
Reichstage gewahlt worden, und zwar vom 15. wurttembergischenWahlkreise
Ehingen-Laupheim-Blaubeuren-Munsingen. Die Urlaubsverweigerung seitens
der Regierung machte ihn sofort volkstiimlich, so daB er glanzend gewahlt
wurde. Er konnte dann diesen bis dahin scharf umstrittenen Wahlkreis fiir
das Zentrum sichern und ihn behaupten bis zu seinem Tode. Fiir die wurt-
tembergische Zweite Kammer wurde er erstmalig gewahlt 1889 fiir den Ober-
amtsbezirk Riedlingen. Auch dieser Wahlkreis blieb ihm treu. Lange Jahre hin-
durch war er ein hochst tatiges und einfluBreiches Mitglied des Vorstandes des
Volksvereins fiir das katholische Deutschland und Mitglied des Zentralkomitees
fiir die Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands. Er war als
Landesgeschaftsfuhrer des genannten Volksvereins der Begriinder dieses
Vereins fiir Wurttemberg und nachst Weber und Trimborn der eif rigste Agitator
und Organisator desselben, daneben einer der packendsten Redner der er-
wahnten Generalversammlungen.
Die politische Tatigkeit G.s liegt zunachst in Berlin im Deutschen Reichs-
tage, dann aber auch in der Zweiten Kammer des wiirttembergischen L,and-
tages. Wenn auch selbstredend die erstere stark iiberwiegt, so war doch sein
EinfluB in Stuttgart verhaltnismaBig noch groBer, da er dort alle anderen
Parteifiihrer an personlicher Bedeutung und namentlich auch an organisato-
rischer Begabung wie an praktischer Erfahrung iiberragte, so daB er schlieBlich,
wenn nicht ausgesprochen, so doch tatsachlich, mehrfach als der Fiihrer der
ganzen Zweiten Kammer auftreten konnte. Als Vertrauensmann aller Parteien
schuf er 1907 die neue Geschaftsordnung fiir die Zweite Kammer, welche nach
der Verfassungsreform von 1906 notwendig geworden war. In beiden Parla-
menten war er einer der glanzendsten und gewandtesten Debattenredner, in
groBen Volksversammlungen ein musterhafter Volksredner, welcher ebenso-
wohl durch die Kraft und Schonheit seiner Sprache wie durch den Ernst seiner
Auffassung und die Begeisterung seines Vortrages wie endlich durch einen ge-
sunden, echt volkstiimlichen Humor zu wirken verstand. Im Reichstage gait
er bald als der fleiBigste Arbeiter von alien ; durch seinen FleiB behauptete er in
gar vielen Sachen eine groBe Uberlegenheit. Die Vertretung der katholischen
390 X9X9
Weltanschauung war ihm ebenso Herzenssache wie eine gesunde Weiterbildung
der bestehenden staatsrechtlichen Zustande.
G. war, der Umwelt seiner Heimat entsprechend, von Haus aus demokratisch
gestimmt, aber noch mehr katholisch begeistert. Der Kulturkampf hatte ihn
zu einem iiberzeugten Anhanger der Zentrumssache gemacht. Als Katholik
tief glaubig, innig fromm und seiner Kirche treu ergeben, besuchte er selbst in
Berlin wahrend der anstrengendsten parlamentarischen Arbeiten taglich die
hi. Messe und empfing die hi. Kommunion. Schon als Staatsanwaltsgehilfe in
Rottweil war er dem dritten Orden des hi. Franziskus beigetreten mit dem
Ordensnamen Fidelis. In Heilbronn wurde er 1889 Mitglied des Kirchenstif-
tungsrates und blieb es ebenf alls bis zu seinem Tode. Inf olgedessen entwickelten
sich in seinem Wesen allmahlich mehr und mehr auch konservative und selbst
aristokratische Ziige, welche ihn alle demokratischen Ubertreibungen ablehnen
liei3en. Das war urn so bemerkenswerter, als er in seiner demokratischen Gesin-
nung nicht ohne Neigung zum Doktrinarismus war. Jedenf alls aber blieb er ein
ehrlicher Doktrinar. So verfolgte er zah und eif rig im Reichstage die Schaffung
eines Ministerverantwortlichkeitsgesetzes, obwohl die Mehrzahl seiner Frak-
tionsgenossen diesen Gedanken fur wenig fruchtbar und gegebenenfalls fur
wahrscheinlich undurchfuhrbar hielt. In Wurttemberg beteiligte er sich tat-
kraftig an der Schaffung der Verfassungsreform von 1906 in demokratischem
Sinne, obwohl durch dieselbe die bis dahin bestandene katholische Mehrheit der
Kammer der Standesherren verloren ging und einer protestantischen Mehrheit
Platz machen muBte. Mehr und mehr auch lieB er sich von dem Geiste einer
christlich-sozialen Gesinnung ergreifen, wie sie unter Fuhrung von Franz
Brandts im Volksverein fiir das katholische Deutschland lebendig war. Durch
und durch groBdeutsch gesinnt, dabei dem neuen Deutschen Reiche herzlich
anhangend, auch an den Arbeiten seiner wurttembergischen Heimat sich auf
das eifrigste beteiligend, war er das Muster eines stiddeutschen Reichstags-
abgeordneten, welcher alle partikularistischen Einseitigkeiten vennied und
of fen ablehnte.
Von einer besonderen Anhanglichkeit an sein »angestammtes« Konigshaus
war bei ihm jedoch wenig die Rede. Er erfiillte in Wurttemberg seine Unter-
tanenpflicht, aber von Gesinnung war er Deutscher. Seine fruher vorderoster-
reichische Heimat war erst 1805 durch den Frieden von PreBburg aus ihrer viel-
hundertjahrigen Verbindung mit dem Hause Habsburg losgerissn und durch
die Gnade Napoleons zu dem protestantischen Alt-Wurttemberg geschlagen
worden, nachdem die wurttembergischen Truppen unter Napoleon bei Auster-
litz geholfen hatten, Osterreich niederzuwerfen. Die Lage des Katholizismus in
dem neuen Wurttemberg war danach von Anfang an bis zum Erlasse der Wei-
marer Verfassung von 1919 so unbefriedigend, daB eine freudige Hingabe der
Katholiken an das neue wiirttembergische Konigreich nicht aufkommen konnte.
Namentlich gedriickt war die Lage der Katholiken in alien staatlichen L,auf-
bahnen, was G. personlich ja auch reichlich zu fiihlen bekam. Diese schroff un-
paritatische Behandlung seiner Glaubensgenossen hat ihn stets mit MiBmut
und dem Gef iihle ebenso ungerechter wie politisch kurzsichtiger Zuriicksetzung
erfullt.
Doch hinderte ihn diese Stimmung keineswegs, mit voller Entschiedenheit
auf der Seite der Autoritat und der rechtmaBig bestehenden Verfassung des
Grober
391
Deutschen Reiches, auch der in den Einzelstaaten rechtmaBig bestehenden
Monarchic zu bleiben, als gegen Ende des Weltkrieges im Jahre 1918 die Revo-
lution ihr Haupt erhob, war aber dann mit der Parlamentarisierung der Reichs-
regierung, als diese unabwendbar geworden war, durchaus einverstanden.
Im Reichstage kam G. rasch zur Geltung. Als sein ausgezeichneter Kom-
missionsbericht iiber die grofie Capri vische Militarvorlage von 1893 vom Abg.
Eugen Richter in der Plenarsitzung des Reichstags als musterhaft anerkannt
wurde, war sein Ansehen festbegriindet. Eifrig beteiligte er sich an den Ver-
handlungen iiber alle kirchenpolitischen, juristischen und Verfassungsfragen,
dann iiber Militar- und Steuerfragen. Die Zahl seiner Reden zu solchen An-
gelegenheiten in Berlin und Stuttgart ist sehr groB. Aus dem Reichstage sei
noch erwahnt sein groBer inhaltreicher Kommissionsbericht iiber die Steuer-
reform von 1897. In Wurttemberg, wo mannliche Ordensgenossenschaften
ganzlich ausgeschlossen, weibliche nur unter harten, entwiirdigenden Be-
schrankungen zugelassen waren, bewahrte er sich als der eifrigste Vertreter der
Freiheit auch fiir die katholischen Orden (Antrag betr. die Schul- und Ordens-
frage vom 5. April 1898). Im Reichstage war er der Vater des Toleranzantrages,
welchen das Zentrum 1900 und wieder 1902 einbrachte, um den zahlreichen
noch bestehenden Beschrankungen der Kultusfreiheit der Katholiken in den
fast rein protestantischen Staaten Nord- und Mitteldeutschlands ein Ende zu
machen. Zu erwahnen ist auch seine hervorragende Mitarbeit in der Reichstags-
kommission zur Vorberatung des Biirgerlichen Gesetzbuches sowie in der
Kommission fiir die Reform der MilitarstrafprozeBordnung.
Wahrend des Weltkrieges trat G. fiir energische Kriegfuhrung ein, so auch
im Herbst 1916 fiir den unbeschrankten U-Bootkrieg, und fand die schwach-
liche Haltung des Reichskanzlers v. Bethmann Hollweg sehr bedenklich. 1917
verf aBte er noch den schriftlichen Bericht iiber die Arbeiten des Ausschusses fiir
die Reform der Reichsverfassung. An der Abstimmung iiber die bekannte
Friedensresolution vom 19. Juli 1917 nahm er als »krank« gemeldet nicht teil.
Ohne Absicht wurde er die letzte Ursache fiir den Riicktritt des Reichskanzlers
Grafen v. Hertling (s. unten S. 421) im September 1918, indem er im
Hauptausschusse des Reichstags am 25. September die allgemeine Lage scharf
zeichnete, wodurch Graf Hertling sich in seinem Kampfe gegen die Parlamen-
tarisierung als vom Zentrum im Stiche gelassen betrachtete, so daB er ange-
sichts der Schwierigkeiten, welche die I^inke ihm bereitete, seine Entlassung
erbat.
Dann trat G. als Staatssekretar ohne Portefeuille in das kurzlebige Kabinett
des Prinzen Max von Baden ein. Gegen die Abdankung des Kaisers, welche von
den Sozialdemokraten verlangt wurde, straubte er sich solange es irgend mog-
lich war. Ebenso trat er entschieden fiir das Bestehen der Monarchien ein. Der
Ausbruch der Revolution beendete seine Tatigkeit. Dann war er mit aller Macht
bestrebt, mitzuwirken, daB die Revolution nicht in Burgerkrieg und Bolsche-
wismus ausartete. In die Nationalversammlung gewahlt, welche 1919 in Weimar
tagte, beteiligte er sich noch auf das eifrigste an der Ausarbeitung der neuen
Verfassung. Mit dem Abg. Schulz beantragte er als unabweisbare Notwendig-
keit die Annahme des Versailler Friedens vert rages, nachdem er denselben vor-
her aufs scharfste gekennzeichnet hatte. Er starb plotzlich an einem Gehirn-
schlage, welcher ihn, vollig erschopft und aufgerieben durch die furchtbare
392 l*l9
Arbeit wahrend des Krieges im Reichstagsgebaude bei einer Besprechung mit
dem Bureaudirektor des Reichstags, traf, und wurde begraben in Weingarten.
Er war das Muster eines pflichttreuen deutschen Berufsparlamentariers von
lauterster aufrechter Gesinnung, groBziigiger Auffassung, unermiidlicher
Schaffensfreude und unabwandelbarer L,iebe zu seinem deutschen Vaterlande.
Der Reichsprasident Ebert bezeichnete ihn nach seinem Tode mit Recht als
» einen der verdienstvollsten Parlamentarier, der durch viele Jahrzehnte in
selbstlosester Hingabe fiir das gemeinsame Interesse des Vaterlandes gewirkt
hat«.
Literatur : Hermann Cardauns, Adolf G., Miinchen-Gladbach, Volksvereinsverlag 192 1 .
— Der schriftliche NachlaB G.s, namentlich viele Mitteilungen iiber innere Vorgange in
der Zentrumsfraktion enthaltend, befindet sich im Gewahrsam des Volksvereins fiir das
katholische Deutschland in Miinchen-Gladbach.
Koln a. Rh. Karl Bachem.
Grove, Otto, Ritter v., GeheimerRat, Maschinenbauprofessor, Dr.-Ing. e. h.,
* am 6. Februar 1836 in Goslar, f am 19. Mai 1919 in Miinchen. — G. war
als funftes von sechs Kindern des in bescheidenen Verhaltnissen lebenden
Papiermuhlenbesitzers Friedrich G. geboren und verlor seinen Vater sehr friih.
In den Folgen auf seine Ausbildung wiirde dieser schwere Verlust — wie G.
selbst einmal schreibt — noch harter gewesen sein, wenn nicht die giitige Vor-
sehung ihm in dem Kaufmanne Wilhelm Meyer zu Goslar einen Stiefvater
gegeben hatte, der sich seiner wissenschaftlichen Ausbildung mit ruhmlicher
Aufopferung eigener Interessen annahm. Von 1844 bis 1850 machte er alle
Klassen des Goslarschen Progymnasiums (lateinlose Schule) durch und er-
hielt nebenher mehrere Jahre lang Privatunterricht in Mathematik, Feld-
messen und Planzeichnen von dem Obergeschworenen und spateren Bergrat
F. Nessig, der dann dem i4Jahrigen Knaben, »vor dem Rammelsberge, den
14. Juli 1850 «, ein glanzendes Zeugnis ausstellte. Von diesem Mathematik-
unterricht bei Nessig sprach G. noch oft im spateren Leben mit hoher Aner-
kennung. Trotzdem waren es in den anderen Fachern ziemlich liickenhafte
Kenntnisse, mit denen er im Herbst 1851 in die Oberklasse der Hoheren
Burgerschule der Residenzstadt Hannover eintrat. Da die hauslichen Ver-
haltnisse nicht glanzend waren, so mu!3te sich G. schon hier einen Teil seines
Lebensunterhaltes durch Privatstunden in Mathematik verdienen. Diese friih-
zeitige Ubung im Lehren scheint sein angeborenes Talent entwickelt und seine
spateren glanzenden Erfolge als Lehrer vorbereitet zu haben. Mit sechzehn
Jahren, im Herbst 1852, bezog G. die Polytechnische Schule in Hannover.
Auch kunstlerisch sehr gut veranlagt, wandte sich G. zuerst der Architektur
zu; in entziickender Feinheit ausgefiihrte Zeichnungen klassischer Bauwerke^
die er bei dem spateren Baurat und Konsistorialbaumeister Hase angefertigt
hat, legen Zeugnis ab von dem FleiB und der Begabung G.s. Aber bald er-
wies sich die Neigung zur Maschinentechnik doch starker und er wandte sich
dieser zu. In den beiden letzten Jahren arbeitete er neben dem eigentlichen
Studium auch praktisch in der mechanischen Werkstatte der Anstalt, die
er 1856 mit ausgezeichneten Noten verliefi. Im Jahre 1856 arbeitete G. noch
vier Monate lang praktisch in den Werkstatten der Maschinenfabrik zu Ilsen-
Grober. Grove
393
burg, woruber ihm die Graflich Stolberg-Wernigerodische Faktorei ein Zeug-
nis ausstellte. Im Laufe des Sommers 1857 leitete G. als Ingenieur den Ab-
bruch, die Reparatur und den Wiederaufbau einer groBen von der Bergbau-
Aktiengesellschaft Pluto in Essen angekauften Wasserhaltungsmaschine und
sonstige Arbeiten auf der Steinkohlenzeche Sankt Nikolaus, wo er auch eine
Mortelmuhle konstruierte und ausfiihrte. Von August 1857 bis Februar 1858
legte der »Maschinenbau-Beflissene« Otto G. die erste technische Priifung, ins-
besondere fur den Eisenbahnmaschinenbau vor der Kdniglichen Hannover-
schen Prufungskommission fur Bautechniker ab, die er »vorzuglich gut« be-
stand. In dieser Zeit arbeitete G. wohl auch auf dem Eisenbahnkonstruktions-
bureau von Maschinendirektor Kirch weger in Hannover. Am 1. Oktober 1858
wurde er dann Assistent fiir das Maschinenwesen an der Polytechnischen
Schule in Hannover mit einem Jahresgehalt von 300 Talern. Im Sommer 1859
unternahm er mit einer Reiseunterstiitzung von 150 Talern eine Studienreise
an die polytechnischen Institute zu Berlin, Karlsruhe und Zurich. Es war
damals eine groBe herrliche Zeit des Maschinenbaues : in Berlin lehrten Wiebe
und Grashof, in Zurich Clausius, Reuleaux und Zeuner, und in Karlsruhe
stand Ferdinand Redtenbacher auf der Hohe seines Lebens. Mit besonderer
Begeisterung horte der junge G. die Vortrage des letzteren, zu dem er auch
in freundschaftliche Beziehungen trat. Im Jahre 1859 wurde G. ordentlicher
Lehrer fiir Maschinenbau und das Jahr 1862 brachte ihm nach Ablehnung
eines vorteilhaften Engagementanerbietens von seiten der mechanischen
Weberei Linden — den Titel »Maschinenbauinspektor«. 1867 bewilligte ihm
das Koniglich PreuBische Generalgouvernement 200 Taler Reiseunterstiitzung
zum Besuche der Weltausstellung in Paris und 1868 wurde ihm das Pradikat
Professor beigelegt. Im nachsten Jahre stand G. in Unterhandlungen mit
Aachen, wo man ihn dringend gewiinscht hatte; den eifrigen Bemuhungen
von Karmarsch beim Ministerialdirektor Moser in Berlin gelang es jedoch,
ihn der Polytechnischen Schule in Hannover zu erhalten, wo G. nun eine zehn-
jahrige ebenso angestrengte als erfolgreiche Tatigkeit als Lehrer und Schrift-
steller entfaltete. Im Jahre 1879 ging ein von G. verfaBter und von sechzehn
Professoren der Technischen Hochschule Hannover unterzeichneter Bericht
an Kultusminister Dr. Falk, worin iiber die veraltete, aus dem Jahre 1863
stammende Verfassung geklagt wird, die fiir die heutige Stellung der Anstalt
nicht mehr passe, weil sie den Lehrern so gut wie gar keine Mitwirkung an
der Leitung und Verwaltung der Hochschule einraumt. Dieser freimiitige
Schritt brachte G. in einen gewissen Gegensatz zu Direktor Launhardt (siehe
oben S. 279 ff.), und darin lag wohl der Hauptgrund dafiir, daB G. 1879
den Ruf des Kultusministers v. Puttkamer an die Technische Hochschule in
Berlin annahm. Hier scheint G. jedoch nicht sehr glucklich gewesen zu sein:
sei es, daB das preuBische Berlin dem alten Hannoveraner nicht gefallen konnte,
sei es, daB auch damals die Verhaltnisse an der Technischen Hochschule in
Berlin nicht sehr erfreulich waren, sei es, daB G. einem spateren Zusammen-
arbeiten mit dem genialen Reuleaux ausweichen wollte, der 1879 bis 1881 als
Reichskommissar auf den Ausstellungen in Sydney und Melbourne weilte und
mit dessen Anschauungen und Gepflogenheiten G. bei aller Anerkennung
seiner hervorragenden Leistungen als Forscher und Lehrer nicht immer iiber-
einstimmen konnte — kurzum, einen im Jahre 1880 vom bayerischen Kultus-
394 l<*19
minister Dr. v. Lutz an ihn gerichteten ehrenvollen Ruf an die Technische
Hochschule Miinchen, der wohl hauptsachlich auf Betreiben Lindes erfolgt
war, nahm G. mit Freuden an. Miinchen wurde ihm zur zweiten lieben Heimat.
Fast 39 Jahre durfte er hier noch verleben, von denen mehr als 21 Jahre einer
aufopfernden Lehrtatigkeit gewidmet waren, wahrend die Sommerferien an
den schonen Gestaden des Starnberger Sees zugebracht wurden. Die zum ein-
fachen Landhaus umgewandelte, versteckt gelegene alte Bauhiitte des von
Konig Max II. begonnenen, nie vollendeten SchloBbaues im herrlichen
Park von Feldafing war sein Landsitz, wo er, dem Larmen des Alltagslebens
entriickt, Ruhe und Erholungfand. Im Jahre 1901 ernannte ihn die Technische
Hochschule Hannover »in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um
die Forderung der technischen Wissenschaf ten « zum Ehrendoktor, aber bald
darauf zwang ihn ein seit langem bestandenes, von Jahr zu Jahr schlimmer
gewordenes Gehorleiden, trotz voller geistiger Frische in den Rnhestand zu
treten. AnlaBlich seines 70. Geburtstages im Jahre 1906 verlieh ihm auch die
Technische Hochschule in Miinchen den Titel eines Doktors der Technischen
Wissenschaften ehrenhalber. Krank war G. eigentlich nie, aber im Jahr 191 1
muBte er sich in Siidtirol unerwartet und plotzlich einer schweren Operation
unterziehen, die er trotz seines hohen Alters glanzend iiberstand. Den bitter-
sten Schmerz seines Lebens brachte ihm das Jahr 1915 durch den Tod seiner
von ihm iiber alles geliebten Frau Jenny, einer geborenen Claui3 aus Leipzig,
an deren Seite er in zwar kinderloser, aber auBerst gliicklicher Ehe 44 Jahre
lang gelebt hatte. Der Rest seines Iyebens war eigentlich nur noch der liebe-
vollen Erinnerung an sie geweiht. Von nun an machten sich auch die normalen
Alterserscheinungen an Geist und Korper bemerkbar, bis schlieBlich ein sanfter
Tod seinem inhaltsreichen Leben ein Ende setzte.
Aus diesem auBeren Lebensgang ergibt sich von selbst, daB die Verdienste
G.s um die Wissenschaft des Maschinenbaues einer schon weiter zuriick-
liegenden Zeit angehoren miissen. Nur die altere Generation erinnert sich noch
des guten Klanges seines bekannten Namens, und wie sehr seine Schiiler iiberall
geschatzt und gesucht waren. Als G. anfing, wuBte die Welt noch nichts von
Verbrennungsmotoren und Dampfturbinen, auch nichts von Elektrotechnik
oder Ingenieurlaboratorien. Zur Gewinnung zuverlassiger Konstruktionsregeln
hatte der Forscher nur den Weg der logischen, oft sehr scharfsinnigen tlber-
legung, der mathematischen Rechnung und der Priifung des Resultates durch
Vergleich mit bewahrten — oder nicht bewahrten — Ausfuhrungen der Praxis.
Die Laboratorien kamen viel spater: 1867 Miinchen und 1870 Berlin, beide
nur fur Festigkeitsversuche, eigentliche Maschinenlaboratorien entstanden
in Miinchen 1875, Ziirich 1879, Stuttgart 1884. Allgemein eingerichtet wurden
Laboratorien erst nach dem bedeutungsvollen Aufsatz von Adolf Ernst 1894
und dem darauffolgenden Eintreten des Vereins deutscher Ingenieure. Eine
der ersten Veroffentlichungen G.s war das Kapitel »Wasserrader und Tur-
binen« in dem 1869 erschienenen 5. Supplementband zu Prechtls technischer
Enzyklopadie. Zahlreichere groBere und kleinere Aufsatze finden sich in den
Mitteilungen des Gewerbevereins fiir Hannover, so z. B. 1874: »t)ber Osen-
briicks Zirkulationsschmiervorrichtung fiir raschlauf ende Zapf en « — eine Er-
findung, die erst viel spater von der Praxis gewiirdigt wurde und heute viel-
fach bei Lenix-Rollen und Losscheiben angewandt wird. Uberhaupt wandte G.
Grove
395
den Zapfen seine besondere Aufrrierksamkeit zu, da sie in der Praxis so oft
zu Betriebsstdrungen ftihren. Im Jahre 1877 erschien in den gleichen Mit-
teilungen »Die Berechnung der Trag- und Stiitzzapfen auf gemeinsamer
Grundlage«. Fiir Tragzapfen hatte man bereits ziemlich sichere Berechnungs-
methoden, aber fiir Spurzapfen fehlte jede brauchbare Grundlage. In seiner
kritischen Art rechnete G. fiir das einfache Beispiel einer Belastung von
1600 Kilogramm und einer Drehzahl von 120 — gewiC ein ganz gewohnlicher
Fall — nach alien damals gebrauchlichen Lehrbiichern sechs Durchmesser
aus, die alle voneinander abwichen, in dem der kleinste 33 Millimeter und der
grdfite 288 Millimeter, also das Neunfache des ersten betrug. Die Erfahrungen,
die man mit den Spurlagern der sogenannten Konigswellen und Muhlspindeln
machte, waren dementsprechend, und der damals angestrebten Einfuhrung
der Turbinen an Stelle der alten Wasserrader stand kaum etwas so hinder-
lich im Wege als die Abneigung gegen Spurzapfen. G. brachte hier Klarheit
und Sicherheit.
Die bedeutendste literarische Leistung G.s liegt auf eisenbahn-technischem
Gebiet in seiner Mitarbeit an dem »Handbuch fiir spezielle Eisenbahntechnik «,
herausgegeben von dem Altmeister des deutschen Eisenbahnwesens, Heusinger
von Waldegg. Dieses in den Jahren 1870 bis 1875 erstmals erschienene, vier-
bandige, in der deutschen technischen Literatur hochbedeutsame Werk hatte
keinen Vorganger in deutscher Sprache ; es war von mehr als vierzig deutschen
Eisenbahningenieuren ersten Ranges verfaflt. G. wurde von Heusinger mit der
Bearbeitung eines der wichtigsten Kapitel des dritten Bandes, »Lokomotiv-
bau«, betraut. Er hatte eine »Zusammenfassende Behandlung der Lokomotive
im allgemeinen und der Entwicklung ihrer Grundverhaltnisse* zu geben. Bei
Bearbeitung dieses grundlegenden Kapitels iiber Dampflokomotiven konnte
sich G. auf die bei der Hannoverschen Staatsbahn gemachten Betriebserfah-
rungen stiitzen, deren Lokomotivpark groBtenteils unter Kirchwegers Leitung
beschafft und fiir seine Zeit mustergultig war: die Bauarten fiir Personen-
und Giiterzugsdienst waren sehr sorgfaltig gewahlt und der einheitlichen
Durchbildung der Einzelteile, der Einfachheit und Austauschbarkeit der-
selben, sowie der Riicksicht auf billige Unterhaltung im Betriebe die gebiih-
rende Beachtung geschenkt. Andererseits fand hier das Streben nach Stei-
gerung der Wirtschaftlichkeit der Lokomotive als Warmekraftmaschine in
der Einfuhrung der Speisewasservorwarmung, » Kirchweger-Kondensation «
genannt, erfolgreichen Ausdruck. Die Wichtigkeit der baulichen Einfachheit
bei alien Eisenbahnmaschinen und die Notwendigkeit, das Ineinandergreifen
der warmetechnischen Vorgange bei der Dampflokomotive klar zu erkennen,
waren G. vorwiegend durch seine Zusammenarbeit mit Kirchweger eingeimpft.
G. hatte infolgedessen auf der einen Seite eine ausgesprochene Abneigung
gegen alle Kompliziertheiten in der Maschinentechnik, von der er auch in
seinen Vorlesungen kein Hehl machte, war aber andererseits von einem leb-
haften Streben nach Vertiefung der wissenschaftlichen Erkenntnis maschinen-
technischer Vorgange beseelt. In dem genannten Kapitel ist »Die Einrichtung
der Lokomotive im allgemeinen* sehr klar und erschopfend behandelt. Die
in Frage kommenden Vorgange: die Verbrennung, die Verdampfung, die Ar-
beit des Dampfes in den Zylindern und die Erzeugung der Zugkraft am Trieb-
radumfang sind in einer wissenschaftlich neuen Form behandelt, es sei nur
396 1919
an die von G. begriindete Theorie fur die Bemessung des Blasrohres und
Schornsteines und an die Bestimmung der mittleren Zugkraft wahrend der
Anfahrperiode erinnert. Die Storungen der Lokomotivbewegungen durch
Schlinger- und Massenkrafte, der EinfluB der baulichen Anordnung der Loko-
motive auf die storenden Bewegungen wurden eingehend untersucht und die
GroBe der Gegengewichte bestimmt. Die auf Grund scharfsinnigster Uber-
legungen errechneten Ergebnisse wurden stets an Hand von bewahrten Aus-
fuhrungen kritisch gepriift, worin eine der typischen Eigentiimlichkeiten bei
der Behandlung maschinentechnischer Probleme zutage tritt. Die Griindlich-
keit, mit welcher G. das wenig einheitliche Eisenbahnwesen seiner Zeit und
dessen Entwicklungsgeschichte beherrscht, findet ihren Ausdruck in der klaren
Darstellung des Typischen und in den rechtzeitigen Hinweisen auf vereinzelt
gebliebene interessante Sonderbauten. G. schuf mit der Bearbeitung dieses
Kapitels im Eisenbahnhandbuch Heusingers seinen Ruf als hervorragender
Eisenbahnmaschineningenieur. Die wertvolle Arbeit erschien 1879 in italie-
nischer Ubersetzung von O. Moreno in Buchform.
Fiir die zweite Auflage des Bandes »Lokomotivbau« des Handbuches fiir
spezielle Eisenbahntechnik wurde G. 1882 von Heusinger die Bearbeitung
eines weiteren, grundsatzlich sehr wichtigen Kapitels iibertragen: »Die Steue-
rung der Lokomotivdampf maschine. « Sein Vorganger darin, Professor Kargl
am Zuricher Polytechnikum, war bei der Bearbeitung der ersten Auflage
dieses Kapitels im theoretischen Teil streng in den Bahnen seines Kollegen
Zeuner gewandelt, den konstruktiven Teil hatte Heusinger selbst bearbeitet.
G. beschritt im Gegensatz zu fcargl einen anderen Weg, der sich als sehr er-
folgreich erwiesen hat. Er vereinigte zur Gewinnung brauchbarer Abmessungen
einer Lokomotivsteuerung die rechnerische mit der zeichnerischen Methode,
indem er in sehr glucklicher Weise das Zeunersche mit dem Fliegnerschen
Verfahren kombinierte. Die sehr elegante Ableitung des allgemeinen Gesetzes
der Schieberbewegung einer Kulissensteuerung sei besonders hervorgehoben.
Der von G. vor 40 Jahren eingeschlagene Weg zur Ermittlung von Steuerungs-
abmessungen wird heute noch von der Mehrzahl der Lokomotivkonstrukteure
benutzt, in schwierigen Fallen freilich unter Heranziehung eines Steuerungs-
modelles, dessen Anfertigung vielfach iiblich geworden ist.
Die wissenschaftlichen Leistungen G.s auf eisenbahntechnischem Gebiet
wurden allseitig als erstklassig anerkannt. Kein Geringerer als Heusinger von
Waldegg selbst schreibt: » Grove hat im Handbuch der speziellen Eisenbahn-
technik in den beiden von ihm bearbeiteten Kapiteln ebenso gnindliche wie
klassische Beitrage geliefert.« Heusingers Urteil uber die Klassizitat dieser
Arbeiten G.s hat heute noch voile Gultigkeit. Jeder Eisenbahningenieur, der
das verwickelte Ineinandergreifen der Vorgange in der Dampflokomotive klar
erkennen will, muB sich die G.schen Gedankengange zu eigen machen.
Zum Gebrauch beim Unterricht hat G. die bekannten und seinerzeit sehr
verbreiteten »Formeln, Tabellen und Skizzen fiir das Entwerfen einfacher
Maschinenteile « herausgegeben, die in seiner Bearbeitung 13 Auflagen erlebt
haben, die friiher bei Schmorl und von Seefeld in Hannover und spater bei
S. Hirzel in Leipzig erschienen sind. Die » Konstruktionslehre der einf achen
Maschinenteile « schrieb er im Ruhestand. Sie erschien 1902 bis 1906 bei
S. Hirzel in Leipzig.
Grove. Haeckel 307
Als Lehrer erfreute sich G., namentlich in der Vollkraft seiner Jahre, der
besonderen Liebe und Anerkennung seiner Schuler, die von einem unbe-
grenzten Vertrauen zu ihm beseelt waren. Zum Lehrberuf brachte er eine
ganz besondere Begabung und eine groBe Arbeitskraft mit und nahm seine
Pflichten sehr ernst. Viel Nebenbeschaftigung eines Maschinenbauprofessors
verurteilte er, well »niemand an zwei Strangen ziehen kann«. Sein Vortrag
war anregend und lebendig; er hatte ein f eines Gefiihl fiir schone Formen,
denen seine getibte Hand an der Wandtafel sichtbaren Ausdruck gab. Viele
seiner Forschungsergebnisse hat er nicht im Druck veroffentlicht, sondern in
seinen Vorlesungen gebracht. Sein hochstes Streben ging dahin, seinen Schiilern
alles das fertig zu geben, was sie bei Bearbeitung von Konstruktionsaufgaben
nach seiner Ansicht brauchten.
G. war ein Mann von ausgepragter Eigenart, ausgestattet mit reichen Gaben
des Geistes und einem warmen Herzen voll Giite und Menschenfreundlichkeit.
Nicht selten lieB er unbemittelte Studierende vertraulich zu sich kommen,
um ihnen das einbezahlte Kollegiengeld zuriickzuerstatten. Etwa eingeris-
senen MiBstanden stand er sehr kritisch gegeniiber, und wenn derartige MiB-
stande durch Selbstsucht, Eitelkeit, Bequemlichkeit oder Vielgeschaftigkeit
anderer entstanden waren, oder gar die Studierenden schadigten, dann konnte
G. in hellem Zorn entflammen. Nicht unerwahnt bleiben darf seine iiberaus
groBe Bescheidenheit. Jeglichem Kultus mit seiner Person entzog er sich
soweit nur immer mdglich. Seine irdischen Reste wurden in aller Stille bei-
gesetzt, weil er letztwillig bestimmt hatte, daB die Todesanzeige erst nach
vollzogener Feuerbestattung veroffentlicht werden diirfe.
Literatur: Der literarische *achwissenschaftliche NachlaB G.s kam zum Teil in das
Deutsche Museum in Miinchen.
Miinchen. Paul v. Lossow und Georg Lotter.
Haeckel, Ernst, Professor der Zoologie an der Universitat Jena, * am
16. Februar 1834 *n Potsdam, f am 9. August 1919 in Jena. — Die Aufforde-
rung, den Nachruf fiir meinen Lehrer Ernst H. zu verfassen, ruft in mir alte
und liebe Erinnerungen wach an die ersten Beziehungen, die sich zwischen
Ernst H., meinem verstorbenen Bruder Oskar Hertwig (f 1922) und mir ent-
wickelt haben. Sie wurden durch den Direktor des Muhlhauser Gymnasiums,
auf dem wir unsere Vorbildung genossen haben, Professor Wilhelm Osterwald,
vermittelt. Als dieser noch Lehrer am Gymnasium in Merseburg war, hatte H.
nach der Ubersiedlung seiner Eltern nach Berlin bei ihm zwei Jahre lang ge-
wohnt. Osterwald, ein Auslaufer der romantischen Periode, ein Freund des
Komponisten Franz, der viele seiner Gedichte komponiert hat, bestimmte
uns in Jena bei H. unsere Studien zu beginnen, mit der Begnindung, er habe
drei Schuler, die ihm besonders lieb seien, H. und wir beide, und es sei ihm
ein Herzensbediirfnis, daB wir drei im Leben einander nahertraten. Jena stand
damals im Ruf einer iiblen Bieruniversitat, und es kostete unserem verehrten
Lehrer viel Muhe, bei der Wahl der Universitat unseren Widerstand zu iiber-
winden. SchlieBlich lieBen wir uns uberreden, und so zogen wir Ostern 1868
in Jena ein, in der Absicht, nach dem Wunsche unseres Vaters Chemie zu
studieren.
398 J9i9
Mir ist es unvergeBlich, mit welcher Herzlichkeit wir vollig weltfremden, im
engsten Familienkreis aufgewachsenen Studentlein von dem damals anf der
Hohe seiner wissenschaftlichen Leistungsfahigkeit stehenden Manne aufge-
nommen wurden, wie er sich Miihe gab, uns durch seine Begeistening und durch
sorgfaltiges tlberwachen unserer Studien ftir die Zoologie zu gewinnen und
uns dem ilim so nahe befreundeten, infolge schwerer Schicksalsschlage ver-
bitterten und verschlossenen Gegenbaur naherzubringen, das alles zu einer
Zeit, in der unser guter Wille nur einen unsicheren Wechsel auf die Zukunft
bildete. UnvergeBlich sind mir noch die Stunden, in denen er uns auf gemein-
samen Spaziergangen, in die intimen Schonheiten der Jenaer Umgebung ein-
fuhrte. Auf diesen Spaziergangen entfaltete sich die iibersprudelnde geniale
Jugendlichkeit seines Wesens, die mit alien ihren guten und gefahrlichen
Seiten ihm bis in sein hohes Alter treu geblieben ist. Ich sehe ihn noch vor
mir, wie er jugendlich schon, blond und kraftig einem Siegfried ahnelnd,
groBe Felsplatten auf den steilen Kernbergen herunterrollen lieB und wie ein
Kind sich freute, wenn sie auf ihrem Weg talwarts die tollsten Spriinge aus-
fuhrten.
Mit dieser aus eigenster Erf ahrung stammenden Schilderung habe ich schon
den Grundton festgelegt fiir die Darstellung, welche ich im folgenden von
H.s Werdegang, seinem Wirken und seiner geschichtlichen Stellung zu geben
versuchen werde. Ich mochte ihn in dem Satz ausdriicken: H. ist eine Per-
sonlichkeit, die als Ganzes beurteilt werden muB, nicht aus dem einzelnen,
was er Gutes geleistet und was er gefehlt hat.
H. gehorte zu den gliicklichen Menschen, deren I^ebenswege von fruher
Jugend an durch ausgesprochene Begabung und Sympathien in feste Bahnen
gelenkt wurde. Seine Interessen wandten sich fruhzeitig der lebenden Natur
zu. Erziehung und Umgebung trugen das Ihre dazu bei, diese Interessen weiter
zu fordern. Er hatte noch nicht sein erstes I^ebensjahr vollendet, als sein Vater
von Potsdam als Oberregierungsrat nach Merseburg versetzt wurde. Hier
verlebte der Sohn H. die Zeit bis zu seinem Abiturientenexamen, die letzten
Jahre im Hause des Professors Osterwald, nachdem 1850 sein Vater seinen
Abschied genommen hatte und nach Berlin iibergesiedelt war. In dem auch
in der Merseburger Gegend einen Teil seiner Reize bewahrenden Saaletal, in
einer kleinen, noch in Fiihlung mit der Natur stehenden Stadt, konnte er
seiner Leidenschaft fiir Botanik nachgehen, ohne Benachteiligung der Pflichten
den Aufgaben der Schule gegeniiber, wie sein in auBergewohnlich warmem
Lob gehaltenes Abgangszeugnis erkennen laBt. Seine Begeistening fiir die
Natur fand reichlich Nahrung durch das I^esen der Werke Alexander v. Hum-
boldts, der spater so beriihmt gewordenen Reisebeschreibung Darwins, vor
allem aber durch das eifrige Studium von Schleidens bekanntem Werk »Die
Pflanze und ihr Leben«. Schleiden war damals Professor der Botanik in dem
nicht weit entfernten Jena. So ist es denn begreiflich, daB es H.s brennender
Wunsch war, unter ihm seine Studien zu beginnen. Seine Leidenschaftlichkeit
beim Pflanzensammeln hat diesen Wunsch vereitelt. Um die seltene Scilla
trifolia zu finden, stieg er tief in sumpfiges Gelande hinein und holte sich einen
Gelenkrheumatismus, was die um die stark erschiitterte Gesundheit des Sohnes
besorgten Eltern veranlaBte, ihn unter ihre Pflege zu nehmen. So begann H.
seine Studienzeit Ostern 1852 in Berlin, wo er in dem mit seinen Eltern be-
Haeckel
399
freundeten geistvollen Botaniker Alexander Braun einen wohlwollenden Be-
rater im Pflanzenstudium fand.
Eine Wendung in H.s Schicksal trat ein, als sein Vater darauf bestand,
daB sein Sohn sich fur ein praktisches, eine gesicherte Lebensstellung in Aus-
sicht stellendes Studium entschied. Die Wahl fiel auf die mit der Biologie
so eng verbundene Medizin, die Wahl der Universitat auf Wiirzburg, welches
damals fur Studierende der Medizin eine besondere Anziehungskraft ausiibte.
H. war in zwei verschiedenen Zeiten Wiirzburger Student, das erstemal vom
Herbst 1852 bis Ostern 1854, das zweitemal Ostern 1855 bis Herbst 1856;
in der Zwischenzeit gehorte er der Berliner Universitat an. Nach dem in Berlin
im Marz 1857 bestandenen Doktorexamen beendete er seine medizinische
Ausbildung mit dem Besuch der Wiener Kliniken und dem im Winter 1857/58
in Berlin bestandenen Staatsexamen.
In diese Zeit des medizinischen Studiums fallt H.s Umstellung von der
Botanik zur Zoologie. Nicht als ob die arte Liebe zur Botanik in ihm erloschen
ware. Im Gegenteil! In den Briefen, die er von Wiirzburg an seine Eltern
schrieb, erzahlt er viel von seinen botanischen Ausfliigen. Auch in seiner
Jenaer Zeit kehrte er von seinen Spaziergangen stets mit einem machtigen
StrauB Blumen zuriick, mit deren genauer systematischer Kenntnis er man-
chen Fachbotaniker hatte beschamen konnen. Wer ferner seine indischen
Reisebriefe und die Briefe aus Insulinde liest, wird iiberrascht sein, daB in
ihnen mehr von Pflanzen als von Tieren die Rede ist. Auch kann man nicht
sagen, dafl H. abgesehen von den Tiergruppen, die er selbst bearbeitet hat,
speziellere Kenntnisse in der zoologischen Systematik besessen hatte. Was ihn
zur Zoologie fiihrte, waren die morphologischen Probleme, die Fragen der
vergleichenden Anatomie und Entwicklungsgeschichte.
Die Manner, die diese Umstellung der wissenschaftlichen Interessen bewirk-
ten, waren in Wiirzburg Kolliker, Leydig und Virchow, dessen Assistent er
wahrend seines zweiten Wiirzburger Aufenthalts war, in Berlin Johannes
Muller.
H. hat nie Interesse fur Kranke und Krankheiten gehabt. Als er dem
Wunsche seines Vaters folgend sich vonibergehend in Berlin als Arzt nieder-
lieB, verlegte er seine Sprechstunde auf die Zeit von 5 — 6 Uhr friih, um sicher
vor Patienten zu sein. Trotzdem erkannte er an, wie auBerordentlich viel er
dem medizinischen Studium verdankt habe. Auch riet er meinem Bruder und
mir, Medizin zu studieren, weil er darin die beste Vorbildung fur biologische
Studien erblickte. MaBgebend war hierbei der Gedanke, daB die Kenntnis der
krankhaften Vorgange und Veranderungen des Korpers den Anschauungskreis
des Biologen vertiefe und erweitere.
Bei dieser Abneigung gegen medizinisch-klinische Studien ist es verstand-
lich, daB vergleichende Anatomie und Entwicklungsgeschichte einen unver-
haltnismaBig groBen Teil seiner Studienzeit ausfiillten. Dazu kam, daB ihm
zweimal Gelegenheit wurde, unter Leitung seiner Lehrer am Meere seine
Studien zu erweitern und dabei die Wunder der pelagischen Tierwelt
kennenzulernen. Den Herbst 1854 verlebte er auf Helgoland. Der Aufenthalt
war fiir ihn dadurch besonders bedeutungsvoll, daB auch Johannes Muller
nach Helgoland kam und ihn an seinen Ausfahrten teilnehmen lieB. 1856 be-
gleitete er Kolliker nach Villafranca, wo er abermals mit Johannes Muller
400 1919
zusammentraf. Dieser war es, der vor allem durch seine machtvolle Person-
lichkeit, die kaum je wieder erreichte Beherrschung der gesamten Biologie
und seinen durchdringenden Verstand einen unausloschlichen Eindruck auf
den heranwachsenden Zoologen machte, obwohl dieser nur kurze Zeit wah-
rend des Studienjahrs 1856/57 sein Schuler war.
Aber der groBte Gewinn, den H. aus seiner Studienzeit zog, war seine innige
Freundschaft mit Karl Gegenbaur (1826 — 1903; vgl. Fiirbringer in »Heidel-
berger Professoren aus dem 19. Jahrhundert« (1903) und Bettelheims Biogra-
phisches Jahrbuch VIII, S. 324, 329 f.), mit dem er bei einem Spaziergang
durch den Gutenberger Forst bei Wurzburg im Jahre 1853 bekannt wurde.
Man kann sich kaum einen groBeren Unterschied im Temperament vorsteUen
wie den zwischen den beiden Freunden. Gegenbaur, um acht Jahre alter,
steif und in sich verschlossen, in allem was er tat und was er schrieb langsam
und uberlegend, ein harter, unbeugsamer, aber vielleicht gerade aus diesem
Grunde laute Konflikte vermeidender Charakter; H. lebhaft, von bezaubernder
Liebenswiirdigkeit, rasch in der Entscheidung bis zur Unbesonnenheit, eine
f rohmutige Kampfnatur. Sehr bezeichnend fiir den Unterschied beider Manner
war ihr Verhalten auf Reisen. Gegenbaur fuhr auf der Eisenbahn I. Klasse,
zog den eigenen Wagen der Post und dem Stellwagen vor und kehrte nur in
Hotels ersten Ranges ein. H. ging am liebsten zu FuB oder fuhr III. Klasse
und kehrte in einfachen Wirtshausern ein; es kam ihm auch nicht darauf an,
mit Handwerksburschen, die sich ihm im Gebirge angeschlossen hatten, im
Heustadel zu ubernachten. — Was diese beiden so grundverschiedenen, jeder
in seiner Art hochbedeutenden Manner zusammenfuhrte, war die Uberein-
stimmung in ihren wissenschaftlichen Auffassungen und im weiteren Verlauf
ihres Lebens gemeinsames Leid, indem beide jung verheiratet fast zu gleicher
Zeit ihre treuen Lebensgefahrtinnen verloren. Fiir H.s gesamte Zukunft war
seine Freundschaft mit Gegenbaur von ausschlaggebender Bedeutung. Gegen-
baur war Ursache, da£ sich H. in Jena als Privatdozent niederlieB, wo er
selbst damals a.o. Professor der Zoologie war, daB er spater sein Nachfolger
wurde, als er nach dem Tode Huschkes die Professur der menschlichen und
vergleichenden Anatomie ubernahm.
Nachdem H. seine Doktorpriifung und das Staatsexamen bestanden hatte,
gelang es ihm, von seinem Vater die Erlaubnis zu einem langeren Aufenthalt
in Italien zu erhalten. Die Reise begann im Januar 1859 und fiihrte ihn iiber
Genua, Florenz und Rom nach Neapel, wo er dauernde innigste Freundschaft
mit dem Maler und Dichter der Marschen, Hermann Allmers, schloB. Gemein-
sam mit ihm genoB er die berauschende Schonheit des Golfs von Neapel und
seiner Inseln Capri und Ischia. Eine funfwochentliche Wanderung fiihrte die
Freunde durch Sizilien und endete mit einer Besteigung des Atna. Dann be-
gann H. im Oktober seine zoologischen Studien in Messina, dessen Hafen wegen
der regelmaBigen Meeresstrdmungen ein einzig dastehender Sammelplatz der
pelagischen Tierwelt ist. Hier sammelte er im Winter 1859/60 Beobachtungen
und Material fiir seine groBartige Monographic der Radiolarien, die im
Jahre 1862 erschien und ihm die goldene Cotheniusmedaille der Leopoldina
eintrug. Sie fand ungeteilte Bewunderung in zoologischen Kreisen und ebnete
ihm die Wege zu seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Der Habilitation in
Jena 1861 folgte schon im folgenden Jahre seine Ernennung zum a.o. Pro-
Haeckel
401
fessor der Zoologie und 1865, nachdem er einen Ruf nach Wiirzburg abgelehnt
hatte, zum Ordinarius des gleichen Fachs.
Noch dreimal bot sich H. Gelegenheit, seinen Wirkungskreis in Jena gegen
eine glanzendere Stellung zu vertauschen. 1871 wurde er nach Wien, 1872 an
die neugegriindete Universitat StraBburg als Professor der Zoologie berufen.
1874 wurde ihm nach dem Tode Max Schultzes die Professur fur vergleichende
Anatomie in Bonn angeboten. Diese ehrenvollen Berufungen hat er abgelehnt,
in der Uberzeugung, daB die bescheidenen Bedingungen an der Universitat
Jena fiir die gedeihliche Fortbildung seiner Schaffenskraft den geeignetsten
Boden bildeten. Zu dieser der Universitat Jena bewiesenen Treue haben auch
die nahen Beziehungen beigetragen, in denen er zu den fiir die Universitat
mafigebenden Personlichkeiten stand. Unter ihnen verdienen besonders ge-
nannt zu werden die Kuratoren der Universitat Seebeck und Eggeling, der
weimarische Minister Stichling und von den »Erhaltern der Universitat « der
GroBherzog Alexander von Weimar und der Herzog Georg von Meiningen.
Bedeutet der Aufenthalt in Messina den entscheidenden Wendepunkt in
H.s Leben, insofern mit ihm seine zoologische Laufbahn begann, so fallt in
die Zeit kurz nach der Riickkehr von Messina das zweite grofle Ereignis,
welches seine wissenschaftliche Zukunft bestimmte. In der Heimat angelangt,
wurde er mit Darwins Werk tiber den Ursprung der Arten bekannt, das auf
seinen durch die Messineser Studien vorbereiteten Geist einen gewaltigen Ein-
druck machte. Schon in seiner Monographic der Radiolarien hatte er seiner
Zustimmung zur Darwinschen Theorie begeisterten Ausdruck verliehen. In
ausfiihrlicher Form geschah es in seiner beriihmten Rede auf der Stettiner
Versammlung deutscher Naturforscher und Arzte 1863, in der er wissenschaft-
liche Kreise mit den Grundziigen der bis dahin wenig beachteten Theorie
bekanntmachte. Mit ihr ubernahm er die Fiihrerrolle im Kampf um die Ab-
stammungslehre. In Fortftihrung des Kampf es erschien in rascher Aufeinander-
folge 1866 die »Generelle Morphologies 1868 die »Naturliche Schopfungs-
geschichte«, 1874 die » Anthropogenie «. Erstere wendet sich an streng wissen-
schaftliche Kreise ; sie tritt nicht nur fiir die Abstammungslehre ein, sondern
bildet auch einen groBartigen Versuch, sich mit den Grundprinzipien wissen-
schaftlicher Forschung im allgemeinen und denen der Biologie im besonderen
auseinanderzusetzen.
Schopfungsgeschichte und Anthropogenie stellen sich die Aufgabe, weitere
Kreise fiir die neuen durch den Darwinismus entstandenen Anschauungen zu
gewinnen; sie sind es vornehmlich, welche H.s Namen in weiteste Kreise
trugen und ihn zum Zielpunkt heftigster Angriffe einerseits, begeisterter Hul-
digungen andererseits machten. So erklart sich ihre weite Verbreitung, daB
die Natiirliche Schopfungsgeschichte in elf Auflagen (die letzte 1909), die
Anthropogenie in sechs Auflagen (die letzte 1910) erschien und daB beide
Werke in die wichtigsten Kultursprachen iibersetzt wurden. Die in den ge-
nannten drei Werken vertretene monistische Weltanschauung wurde in den
folgenden Jahrzehnten in zahlreichen Vortragen, von denen zwei abermals
auf Naturforscherversammlungen (Miinchen 1877, Eisenach 1882) gehalten
wurden, und in kleineren und groBeren Streitschriften weiter ausgebaut, vor
allem aber in zwei Werken, die eine ganz ungeheure, nach vielen Hundert-
tausenden von Exemplaren zahlende Verbreitung erfahren haben, von denen
DBJ 2ft
402 1919
das eine »Die Weltratsel« im Jahre 1899, das andere »Die Lebenswunder « im
Jahre 1904 zum erstenmal erschien.
Neben diesen im AnschluB an die Abstammungslehre verfaBten Schriften
naturphilosophischen Inhalts gehen umfangreiche, streng zoologische For-
schungen einher, von denen ich hier nur die wichtigsten nennen kann. Nach
AbschluB seiner Generellen Morphologie besuchte H. die Kanarischen Inseln.
Hier sammelte er die Beobachtungen fur seine Entwicklungsgeschichte der
Siphonophoren, eine von der Utrechter Gesellschaf t fiir Kunst und Wissen-
schaft gekronte Preisschrift, die auBerdem durch Verleibung der goldenen
Medaille der gleichen Gesellschaft ausgezeichnet wurde. Aus zahlreichen Anf-
enthalten am Meer (Korsika, Dalmatien, Norwegen) erwuchs die Monographic
der Kalkschwamme, die zugleich Ausgangspunkt wurde fiir seine epoche-
machende Gastraatheorie, H.s bedeutsamste Leistung auf dem Gebiet
der vergleichenden Entwicklungsgeschichte. Durch eine Reihe von Einzel-
untersuchungen wurde die mehrbandige Monographic der Medusen vorbereitet,
an die sich spater die Bearbeitung der Tiefseemedusen der Challenger-Expe-
dition anschloB. Aus der reichen Ausbeute der genannten Expedition iiber-
nahm er auBerdem die Radiolarien und Siphonophoren, damit an die
Untersuchungen ankniipfend, denen er seine ersten wissenschaftlichen Erfolge
zu verdanken hatte. Die Werke iiber Medusen, Radiolarien und Sipho-
nophoren sind vielbandige Monographien, deren Tafeln auch zu Veroffent-
lichungen mit deutschem Text beniitzt wurden. Den AbschluB seiner An-
schauungen iiber die Verwandtschaftsverhaltnisse der Klassen und Ordnungen
der Tiere und Pflanzen bildet endlich sein dreibandiges Werk: » System atische
Phylogenie. Entwurf eines natiirlichen Systems der Organismen auf Grund
ihrer Stammesgeschichte.«
Die gewaltige Arbeit, welche in den genannten Werken niedergelegt ist,
wurde mit den bescheidensten staatlichen Mitteln geleistet. Als ich nach Jena
kam, bestand das zoologische Institut aus wenigen Raumen des alten Schlosses,
dessen Stelle jetzt das neue Universitatsgebaude einnimmt. Eine wesentliche
Verbesserung wurde erzielt, als das Institut in den botanischen Garten, in
die schone friihere Dienstwohnung des Professors der Botanik verlegt wurde.
Den groBten Fortschritt bedeutete aber ein Neubau, in dem sich die reichen
Sammlungen, welche zum groBten Teil H. selbst von seinen Reisen mitgebracht
hatte, ausbreiten konnten und der den neuen Anspriichen des Unterrichts
geniigende Einrichtungen erlaubte. H.s groBter Stolz aber war es, daB neben
dem Institut der Neubau des phyletischen Museums entstand. Die Mittel
dazu, zu denen er selbst das Buchhandlerhonorar seiner Weltratsel in der
Hohe von 50000 Mark stiftete, wurden durch eine Sammlung von Schulern,
Freunden und Verehrern zusammengebracht. Gelegentlich des 350jahrigen
Stiftungsfestes der Universitat konnte er den stolzen Bau den Universitats-
behorden iiberantworten. Der Museumsbau sollte die Aufgabe erfiillen, den
Besuchern die Dokumente der Phylogenie durch geeignete Aufstellung der
wichtigsten Naturobjekte vor Augen zu fiihren. Diese Aufgabe wurde von
H.s Kachfolger im Amt, Plate, in vortrefflicher Weise gelost.
Man wurde von H.s Wirken nur einen unvollstandigen Begriff erhalten,
wenn man sich auf die Darstellung seiner wissenschaftlichen Leistungen be-
schranken und nicht auch seine kiinstlerischcn Interessen beriicksichtigen
Haeckel 403
wollte. Sie auBerten sich in seiner verstandnisvollen Begeisterung fur die
Schonheiten der Natur. Was er als Kind sich ersehnt hatte, ein Reisender zu
werden, hat er als Mann zur Ausfuhrung gebracht. Alle Teile Europas bis
zum Kaukasus hat er bereist; am haufigsten zog es ihn nach den Kiisten des
Mittelmeeres. Als er sich im vorgeriickteren Lebensalter mehr MuJ3e gonnte,
dehnte er seine Reisen nach Ceylon und Indien und einige Jahre spater nach
den Malaiischen Inseln aus. Ein riistiger Bergsteiger, litt es ihn nicht in den
Talern zu verweilen. Wie er in Sizilien den Atna bestieg, so auf Teneriffa den
Pic. Seine vielen Reiseschilderungen, vor allem seine Indischen Reisebriefe
und seine Briefe aus Insulinde lassen erkennen, mit welchem Hochgefuhl er
all das Schone und GroBartige, das er erschaute, in sich aufnahra. In vielen
Hunderten von Aquarellen, die zum Teil auch in Reproduktionen verviel-
faltigt worden sind, hat er die Erinnerung an das Erlebte wach und frisch
erhalten. Bei diesen kunstlerischen Neigungen ist es begreiflich, daB es ihm
ein Bediirfnis war, den Formenschatz der Natur auch Kunstlern zugangig
zu machen. Und so entstand das viele Hefte umf assende Werk : » Kunstf ormen
der Natur «.
Die Vielseitigkeit seiner Interessen erklart den ganz auBergewohnlichen
EinfluB, den H. auf seine Zeit ausgeiibt hat. Er druckt sich auBerlich in den
Feiern aus, zu denen die verschiedenen Gedenktage seines I,ebens, der 60.,
70. und 80. Geburtstag den auBeren AnlaB gegeben haben. Am. 60. Geburtstag
wurde im neugebauten zoologischen Institut seine Marmorbiiste aufgestellt
unter feierlichen Ansprachen, die von Schulern und Kollegen gehalten wurden.
Am 70. Geburtstag, dessen Feier er sich durch einen Aufenthalt in Rapallo
entzogen hatte, wurde ihm eine mehrbandige Festschrift mit wissenschaft-
lichen Beitragen seiner Schuler iiberreicht. Der 80. Geburtstag war Veran-
lassung zu einer ganz eigenartigen Ehrung. In zwei mit einer biographischen
Einleitung versehenen Banden berichteten in kurzen Aufsatzen einige hundert
seiner Schuler, darunter viele, die im wissenschaftlichen Leben sich einen ge-
achteten Namen errungen hatten, iiber die Forderungen, die sie H.s EinfluB
verdankten.
Ein groBes Ereignis seines Lebens wurde der Jenaer Besuch des groBen
Kanzlers des Deutschen Reiches, des Fiirsten Bismarck, als er von der
Hochzeit seines Sohnes Herbert aus Osterreich nach Deutschland zuriick-
kehrte. H., der von friiher Jugend an fur ein einiges freiheitliches Deutschland
schwarmte, stand an der Spitze der Deputation, welche den in Kissingen
weilenden verehrungswurdigen Begriinder des Deutschen Reiches zum Besuch
von Jena einlud. Auch bei der Huldigung, welche Stadt und Universitat im
Juli 1892 auf dem Marktplatz in Jena darbrachten, spielte er eine fiihrende
Rolle.
Aber auch schwere Schicksalsschlage brachten diese Jahre. Zwei Jahre nach
dem 1862 erfolgten Tode seiner ersten Frau, seiner Kusine Anna Sethe,
einem Verlust, der ihn so tief erschutterte, daB er zweifelte, von ihm sich je
wieder zu erholen, hatte ihm die Heirat mit der Tochter des Anatomen Huschke
neues Familiengliick gebracht. Von den drei Kindern dieser Ehe hatte der
Sohn Walther vom Vater die malerische Begabung, die Tochter seine wissen-
schaftlichen Interessen geerbt. Letztere wurde die Gattin des Geographen
Hans Meyer. Leider war das Familiengliick nur von kurzer Dauer. Im Lauf der
404 J9I9
Jahre stellten sich immer mehr Unterschiede in den Charakteren, Neigungen
und seelischen Bediirfnissen der beiden Ehegatten heraus, was H. urn so mehr
empfand, als er durch seine erste Frau an eine auBergewohnlich innige Ge-
meinsamkeit der geistigen Interessen gewohnt war. Das dadurch hervorge-
rufene Gefuhl der Vereinsamung bildete den Boden, auf dem sich eine zur
Liebe sich steigernde Seelenfreundschaft entwickelte zu einer ihm wahlver-
wandten, geistig hochstehenden, mehr als dreiBig Jahre jiingeren Aristokratin,
die aus einem alten, hochkonservativ und kirchlich gesinnten Geschlecht
stammte und auf dem Gute ihrer Eltern fern von Jena lebte. Diese Beziehungen
sind erst in der allerneuesten Zeit bekannt geworden durch den unter dem
Decknamen »Franziska von Altenhausen« veroffentlichten Briefwechsel, der
mit dem Jahre 1898 beginnt und mit dem Tod der Freundin im Herbst 1903
endet, zu einer Zeit, in der H. sich mit seiner kranklichen Frau zum Winter-
aufenthalt nach Rapallo an der Riviera begeben hatte. Der Briefwechsel er-
offnet einen erschiitternden Einblick in die elementare Leidenschaftlichkeit
dieser Liebe und die tiefe Tragik, die durch den Konflikt von Leidenschaft
und Pflicht bedingt war, bei dem die Pflicht die Siegerin blieb. H.s Frau starb
fast zwolf Jahre spater im Fruhjahr 191 5.
Ein weiterer schwerer Schlag fur H. war ein Ungliicksfall. Schon auf seiner
Reise auf den Malaiischen Inseln hatte er sich eine Knieverletzung zugezogen,
welche den wanderfrohen Mann zwang, auf groBere Marsche zu verzichten und
sich der in den Tropen so viel benutzten Sanften zu bedienen. 191 1 fiel er von
der Stelleiter eines Bucherbrettes in seinem Studierzimmer und erlitt einen
Schenkelhalsbruch, von dem er sich, wie es nicht anders zu erwarten war,
nie wieder vollkommen erholte. Immerhin gelang es seiner Energie, kleinere
Spaziergange an Kriicken zu ermoglichen. Allmahlich gestaltete sich sein
Zustand ungiinstiger. Es traten Ohnmachtsanfalle ein und bei einem derselben
fiel er am 5. August 1919 so ungliicklich an einen Bucherschrank, daB er den
linken Oberarm ausrenkte und brach. Diesen Unfall hat er nur noch wenige
Tage iiberlebt. Nachdem sein Sohn Walther ihn in der Nacht vom 8. auf
9. August bei vollem klaren BewuBtsein verlassen hatte, fand er ihn des
Morgens fruh ohne Todeskampf entschlafen.
Nachdem am 12. August unter ungeheurer Teilnahme weitester Kreise die
Einascherung stattgefunden hatte, veranstalteten Rektor und Sen at der
Universitat Jena am 22. November eine groBartige Leichenfeier im groBen
Saal des Volkshauses. Im folgenden Jahr wurde H.s Wohnhaus, das mit
Mitteln der Karl ZeiB-Stiftung zti einem dauernden Ernst Haeckel-Archiv um-
gewandelt worden war, am 21. Oktober vom Rektor eingeweiht und in Schirm
und Schutz der Universitat ubernommen. Gleichzeitig wurde im Garten des
Hauses die Asche des Verstorbenen beigesetzt und an der Ruhestatte die von
Professor Engelmann stammende Bronzebiiste enthiillt. Auch auBerhalb Jenas
fanden zahlreiche Gedenkfeiern statt, ein auBerer MaBstab f ur den ungeheuren
EinfluB, den H. auf seine Zeitgenossen ausgeiibt hat.
Im Voranstehenden habe ich den auBeren Verlauf von H.s Leben geschil-
dert; es wird nun meine Aufgabe sein, darzustellen, wie sich aus diesem
Lebenslauf seine Personlichkeit und seine geschichtliche Stellung entwickelt
hat. Es ist das keine einfache Aufgabe. Man hat auf ihn die Schillerschen Verse
angewandt: »Von der Parteien Gunst und HaB verwirrt, schwankt sein Cha-
Hacckel 405
rakterbild in der Geschichte. « Und mit Recht ! H. war eine elementare Natur,
in der L,icht- und Schattenseiten dicht nebeneinander standen, voller Gegen-
satze, und doch wieder von seiner friihesten Jugend bis in sein hohes Alter
ein und derselbe, im personlichen Verkehr auch Andersdenkenden gegeniiber
freundlich und von bezaubernder Liebenswiirdigkeit, in seinen Schriften
leidenschaftlich und von verletzender Scharfe, wenn es gait, gegnerische An-
sichten zu bekampfen, in seiner Lebenshaltung von seltener Anspruchslosig-
keit, gewalttatig und unnachgiebig in Verteidigung der Anschauungen, die er
fur die richtigen hielt.
Bis in das letzte Jahrzehnt seines Lebens war H. eine durch und durch ge-
sunde, kraftige und elastische Natur, ein vorziiglicher Schwimmer und Turner,
wie er denn gern davon erzahlte, daB er auf dem I^eipziger Turnfest sich im
Weitsprung einen Lorbeerkranz errungen habe. Fur seine auBergewohnliche
korperliche Leistungsfahigkeit und Ausdauer war es bezeichnend, daB er die
Besteigung des 3720 Meter hohen Pic von Teneriffa vom Meer aus, ohne zu
ubernachten, in einer Tour ausfuhrte.
Der Leistungsfahigkeit des Korpers entsprach die wunderbare Unermud-
lichkeit und Elastizitat des Geistes. Als H. in dem kurzen Zeitraum eines
Jahres die zwei Bande seiner »Generellen Morphologie« schrieb, kiirzte er die
Zeit seines Schlafs auf wenige Stunden. Bei unseren gemeinsamen Aufenthalten
am Meer in Lesina 1871 und Ajaccio 1875 hatte ich Gelegenheit, die Intensitat
und Ausdauer, mit welcher er arbeitete, zu bewundern. Der Mahnung seiner
Eltern: »Spiele oder arbeite«, ist er bis in sein hohes Alter treugeblieben, nur
daB das Spiel durch frohen NaturgenuB ersetzt wurde. In Jena bildeten nach
angestrengter Arbeit weite Spaziergange seine Erholung ; auf den Forschungs-
und Sammelreisen folgten den Arbeitswochen Ausfliige in benachbarte Gegen-
den. Auch auf diesen Ausfliigen war sein Geist unermtidlich tatig, zu schauen,
neue Eindriicke zu sammeln und in Wort und Bild festzuhalten. Seine vielen
Reiseschilderungen legen beredtes Zeugnis ab, wie vielseitig seine Interessen
waren und wie groB seine Aufnahmefahigkeit.
Die in diesen Schriften sich ausdriickende unverwustliche Freude an der
Natur ist in hohem MaBe auch charakteristisch flir H.s wissenschaftliche Ar-
beitsweise. Im Gegensatz zu unserer neuzeitlichen, von Problemen ausgehenden
und der freien Natur sich leider mehr und mehr entfremdenden Forschungs-
weise lebte in ihm noch vieles von dem Geist der hervorragenden Zoologen
fruherer Zeiten, eines Swammerdam, Rosel v. Rosenhof, Rusconi, ferner aus
dem 19. Jahrhundert eines Theodor v. Siebold, Leydig, denen schon die
Beobachtung der Mannigfaltigkeit der Formen Befriedigung gewahrte. Zu
dieser Beobachtungsfreudigkeit gesellte sich bei H. noch das kiinstlerische
Interesse, die Freude an der schonen Form. Sehr bezeichnend fur dieselbe ist
die Auswahl seiner Untersuchungsobjekte, der durch besondere Formenschon-
heit ausgezeichneten Radiolarien, Siphonophoren und Medusen. Wer H.s
Arbeitsweise richtig verstehen will, muB in Anschlag bringen, daB in ihm ein
guter Teil Kiinstlernatur steckte. War doch die kiinstlerische Seite in ihm so
machtig entwickelt, daB er voriibergehend Reue empfand, sich nicht ganz
der Malerei gewidmet zu haben. Diese Empfindungen wurden, wie aus Briefen
an seine Braut hervorgeht, in ihm besonders wachgerufen, als er seine zoolo-
gischen Studien in Neapel mit einem MiBerfolg abschloB und nun mit seinem
406 1919
Freund Allmers Suditalien und Sizilien durchwanderte und in der Formen-
schonheit und Farbenpracht der Mittelmeerlandschaft schwelgen konnte.
Der reiche Erfolg des Messineser Aufenthalts fuhrte ihn wieder in die Arme
der Zoologie zuriick.
Aus der innigen Vereinigung und Durchdringung kunstlerischer und wissen-
schaftlicher Begabung erklart sich seine enthusiastische Verehrung fur Goethe;
sie kommt in alien seinen Schriften allgemeineren Inhalts zum Ausdruck, vor
allem in den zahlreichen Goethes Schriften entnommenen Mottos, mit denen
er die einzelnen Kapitel seiner Werke einzuleiten liebte. Beiden Mannern ge-
meinsam war das hohe MaJ3 von Intuition, die Fahigkeit, ohne groBen wissen-
schaftlichen Apparat durch Anschauen das Gesetzmaflige in den Erscheinungen
zu erkennen. Darum war auch der Vers Goethes: »Geheimnisvoll am lichten
Tag, laBt sich Natur des Schleiers nicht berauben. Und was sie dir nicht offen-
baren mag, das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben«,
ganz nach dem Sinne H.s. Er bediente sich bei seinen vielseitigen Studien
der einfachsten Untersuchungsmethoden. Die komplizierten Verfahren, die
Techniken des Farbens, Mikrotomierens, wurden von ihm nicht ausgeiibt.
Auch die exakten Untersuchungen iiber Variabilitat und Erblichkeit lagen der
gesamten Art seiner Naturbetrachtung fern, so sehr sie auch die Fundamente
der Abstammungslehre benihrten und daher fiir ihn besonderes Interesse
hatten besitzen miissen.
Aus dieser kiinstlerischen Einstellung zur Natur erklart sich noch eine
weitere Eigentumlichkeit in seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Ihm war es
ein Bedurfnis, die Objekte, die ihm aus den verschiedensten Museen und von
den verschiedensten wissenschaftlichen Expeditionen zugesandt wurden und
die infolge der ungeniigenden Konservierungsmethoden mehr oder minder ge-
litten hatten, so darzustellen, wie sie wohl im lebenden Zustand ausgesehen
haben mochten. Das fuhrte zu einer schematisierenden Darstellung, wie sie
den meisten seiner Abbildungen von Medusen, Siphonophoren und Radiolarien
eigentiimlich ist.
Der Hang zum Schetnatisieren fand noch von einer anderen Seite aus Nah-
rung. Bei aller Begeisterung fiir seine Untersuchungsobjekte besafi H. nicht
das liebevolle Sichversenken in die Beobachtung der Einzelheiten, wie es den
oben genannten Zoologen der alteren Schule in so hohem MaBe eigentiimlich
war. Dem wirkte der starke naturphilosophische Einschlag seiner Natur-
betrachtung entgegen. Seine Forschung strebte iiber das einzelne Objekt
hinaus nach dem Allgemeinen, das dem Einzelobjekt zugrunde lag und hinter
dem fiir ihn die individuellen Besonderheiten desselben zuriicktraten. Am
auffallendsten ist dies bei H.s entwicklungsgeschichtlichen Darstellungen.
Eine seiner hervorragendsten Leistungen auf dem Gebiet der vergleichenden
Entwicklungsgeschichte ist seine »Gastraatheorie«. In ihr werden zahlreiche
Entwicklungsformen aus den verschiedensten Klassen und Ordnungen des
Tierreichs abgebildet, vor allem die Stadien, in denen der Keim anfangt, seine
zwei Keimblatter zu entwickeln. Die Zellen, welche diese Keime zusammen-
setzen, haben in seinen Zeichnungen das fiir die jedesmalige Tierform Charak-
teristische fast ganz verloren und sind zu Schemata von Embryonalzellen ge-
worden. Es ist ja richtig, daB ein klares Schema, welches von allem indivi-
duellen, das Wesentliche verhullenden Beiwerk losgelost ist, didaktisch ge-
Haeckel 407
eigneter ist als eine genaue Einzeldarstellung. Mit ihm ist aber die Gefahr ge-
geben, daB die in der schematisierten Zeichnung zum Ausdruck gebrachte Auf-
fassung der Natur nicht vollig gerecht wird, vielleicht sogar von ihr ein un-
richtiges Bild gibt. Bei den in Rede stehenden Zeichnungen trifft das Gesagte
vielfach zu. Die Art, wie H. sich den GastrulationsprozeB bei den Knochen-
fischen vorstellte, hat sich exakteren Untersuchungen gegeniiber nicht auf-
rechterhalten lassen. Ja sogar bei den Schwammen, von denen H. bei der
Aufstellung seiner Gastraatheorie ausgegangen ist, verlauft der Gastrula-
tionsprozeB wesentlich anders, als seine Zeichnungen ihn erlautern.
Die Neigung, anstatt einer individuellen Abbildung eine schematisierte
Zeichnung zu geben, lag von Anfang an in H.s Naturell; sie nahm in gleichem
Mafie zu, je mehr bei ihm die naturphilosophische Richtung in den Vorder-
grund trat und damit das Bediirfnis, das was ihm am Objekt besonders wichtig
war, recht sinnfallig zum Ausdruck zu bringen. Dieses Bediirfnis machte sich
noch mehr geltend in popularwissenschaftlichen Schriften, bei denen jeder
Schriftsteller damit rechnen muJ3, daB dem Leser die verwickelten Erschei-
nungen der Natur in ihren Grundformen vor Augen gestellt werden miissen.
So entstanden in seinen bekanntesten popularen Schriften, wie der Schopfungs-
geschichte, der Anthropogenie, der die Ahnenreihe des Menschengeschlechts
behandelnden »Progonotaxis«, manche Zeichnungen, die sich zwar aus H.s
Naturell erklaren, sachlich aber nicht rechtfertigen lassen, auch wenn man
die dem Schematisieren gezogenen Grenzen sehr weit zieht. Sie haben H. von
seiten seiner Gegner — und deren Zahl war entsprechend seiner Kampfnatur
eine sehr groBe — schwere Angriffe zugezogen, die sogar vor dem Vorwurf
der Falschung nicht zuriickschreckten. Ich kann an diesen Streitigkeiten nicht
voriibergehen, ohne sie zu erwahnen, wenn ich auch nicht eine genaue Dar-
stellung des Sachverhalts geben kann. Nur das muB ich hervorheben, was
seinerzeit 46 Professoren der Zoologie und Anatomie in einer offentlichen Er-
klarung zugunsten H.s betont haben, als der Angriff seiner Gegner die hef-
tigsten Formen annahm: was die Zeichnungen beweisen sollten, war richtig
und hatte zum Teil durch geeigneteres Material noch besser bewiesen werden
konnen. Von einer beabsichtigten Irrefiihrung seiner Leser konnte keine
Rede sein.
Noch heftiger waren die Kampfe, in die H. verwickelt wurde, als er seine
naturphilosophischen Anschauungen zu einem System auszubauen und gegen
die herrschenden religiosen und philosophischen Richtungen geltend zu machen
begann. Er war in einem streng protestantischen Hause aufgewachsen und
stand noch wahrend seiner Studienzeit auf religios-christlicher Grundlage. In
seinen Briefen an seine Eltern, die den Zeitraum von 1852 bis 1856 umfassen,
polemisiert er an den verschiedensten Stellen heftig gegen die materialistischen
und irreligiosen Anschauungen, die in den Kreisen der Mediziner sowohl der
Professoren, unter denen er besonders Virchow nennt, als auch der Studie-
renden herrsche. Unter diesen Briefen befindet sich auch ein Schriftstiick,
welches eine Selbstermahnung an seinem 20. Geburtstag darstellt. In ihm
macht er sich Vorwurf e, daB er »sich der unendlichen Wohltaten Gottes so
wenig wiirdig erwiesen habe «. — » Gott habe ihm nicht die f reie Rede und die
unbeschrankte Freiheit als personlicher Mensch gegeben, damit er sich schwach
und erbarmlich dem Trotz und der Willkiir anderer unterwerfe.« Zwei Jahre
408 1919
spater halt er noch daran fest, »daB der Glaube, der im Christentum seinen
vollendetsten und wahrsten Ausdruck gefunden habe, der einzige Rettungs-
anker fur die nach anderem Trost sich umsehende Seele sei. Auch er konne
nur in diesem Christenglauben Trost und Frieden finden, indem er dieses
Glaubensleben als eine Sphare zulasse, die von dem auf das Zeugnis unserer
fiinf Sinne gegriindeten Wissens- und Verstandesleben ganz verschieden, aber
neben ihm nicht nur moglich, sondern auch notwendig, ebenso berechtigt und
noch unendlich wichtiger sei«. Immerhin machen sich gegen diese religiose
t)berzeugung am Ende seines Wiirzburger Aufenthalts die ersten Zweifel
geltend. So hebt er hervor, daB sein Freund Beckmann trotz seiner materia-
listischen Philosophic »ein hundertmal, nein tausendmal besserer und voll-
kommenerer Mensch sei, als er mit seiner christlichen Uberzeugung*. Ferner
wendet er sich gegen den dogmatisch-orthodoxen Standpunkt, den man in
Wiirzburg durchweg einnehme und mit dem man » unserer auf Tatsachen gegriin-
deten naturwissenschaftlichen Uberzeugung ins Gesicht schlage«. Dieser schon
in Wiirzburg sich vorbereitende Bruch mit den religiosen Anschauungen seiner
Jugend vollzog sich vollends in den letzten Jahren seines Medizinstudiums.
Er schreibt dariiber selbst, er habe noch im 21. Lebensjahre die christlichen
Glaubenssatze gegen seine freidenkerischen Kommilitonen verteidigt, obgleich
das Studium der menschlichen Anatomie und Physiologie, ihre Vergleichung
mit derjenigen der anderen Wirbeltiere seinen Glauben schon tief erschiittert
hatte. Zur volligen Aufgabe desselben — unter den bittersten Seelenkampfen —
sei er erst durch das vollendete Studium der Medizin gelangt und durch die
Tatigkeit als praktischer Arzt. Da fand er die »Allgiite des liebenden Vaters«
ebensowenig in der harten Schule des Lebens, als er die »weise Vorsehung«
im Kampf urns Dasein zu entdecken vermochte. Einen tiefen Eindruck machte
es in dieser Hinsicht auf ihn, als kurz hintereinander zwei seiner Studien-
genossen, die er sowohl in geistiger wie ethischer Hinsicht besonders hoch-
schatzte, der pathologische Anatom Beckmann und der Zoologe Lachmann,
in jungen Jahren starben.
Der Bruch mit den religiosen Anschauungen der Jugend war schon vor
seiner Italienreise ein vollstandiger und wurde weiter verscharft, als H. in der
Abstammungslehre und den groBen Errungenschaften der Physik und Chemie,
dem Gesetz der Erhaltung von Kraft und Stoff und in den Argumenten gegen
den Vitalismus die Grundlagen zu einer neuen Weltauffassung fand. Fortan
war fiir ihn der Entwicklungsgedanke maBgebend, daB sich aus anorganischem
Material nach ewigen Gesetzen die Welt der Organismen entwickelt habe,
daB dieselbe kausale Betrachtungsweise, wie sie durch Newton fiir die anorga-
nische Welt durchgefiihrt worden war, auch fiir die Organismen die einzig
berechtigte sei. Daraus leitet er die Notwendigkeit ab, die ersten Anfange
seelischen Lebens nicht nur in den niedersten Lebewesen, den Protozoen,
sondern in den Kraften der anorganischen Natur aufzusuchen. So gelangt er
zur monistischen Weltauffassung: Einheit von Kraft und Stoff, Geist und
Korper.
Die Grundzuge dieser monistischen Weltauffassung finden sich schon in
seiner Stettiner Rede, werden ausfiihrlicher in seiner » Generellen Morphologie «,
der »Schopfungsgeschichte« und » Anthropogenic « vertreten und in zahlreichen
Vortragen, vor allem in den zwei monistischen Hauptwerken, den »Welt-
Haeckel 409
ratseln* und »Lebenswundern« zu einem System ausgebaut. Es entspricht
dem leidenschaftlichen Temperament und dem riicksichtslosen Eintreten fiir
seine Uberzeugung, daB H. aus der neugewonnenen Weltauffassung alle Kon-
sequenzen zog. Diese sind weitestgehender Natur und fiihren zu der Forderung,
daB unsere religiosen, staatlichen und rechtlichen Anschauungen auf Grund
der Erkenntnisse, zu denen die naturwissenschaftlichen Forschungen, nament-
lich die Abstammungslehre, gefiihrt haben, eine Umgestaltung erfahren miissen.
Um dieser Forderung mehr Nachdruck zu verleihen, richtet er die heftigsten
Angriffe nicht nur gegen die bestehenden religiosen und politischen Zustande,
sondern auch gegen die herrschenden philosophischen Systeme.
Es ist begreiflich, daB die von H. vertretenen extremen Auffassungen von
seiten der Theologen und der iiberwiegenden Mehrzahl der Philosophen auf
die scharfste Gegnerschaft gestoBen sind. Aber auch aus dem Lager der Ver-
treter der Naturwissenschaften erwuchsen ihm zahlreiche Gegner, sei es, daB
dieselben die gesamte naturphilosophische Denkweise ablehnten, weil sie die
Grenzen der naturwissenschaftlichen Erfahrung iiberschreite, sei es, daB sie
in der Art, in welcher H. das Verhaltnis von Seele und Leib, Energie und
Substanz auffaBte, keine Losung des Problems erblickten. Als nun H. 1877
auf der Miinchener Versammlung deutscher Naturforscher und Arzte die
Forderung vertrat, daB die Abstammungslehre auf den Schulen vorgetragen
werde und der Entwicklungsgedanke auch der Unterrichtsweise als Richt-
schnur dienen miisse, fand er in einer Gegenrede Virchows scharfe Kritik.
Virchow vertrat den Standpunkt, daB nur sicher bewiesene Tatsachen in den
Lehrplan der Schulen gehorten, daB aber die Abstammungslehre nicht zu
dem sicher Bewiesenen gehore. Wie wenig diese Stellungnahme Virchows von
seiten der Biologen geteilt wurde, hat der weitere Verlauf der Streitfrage ge-
lehrt. Als die Biologen 1901 auf der Hamburger Naturforscherversammlung
und den darauf folgenden Versammlungen anfingen, sich mit dem Problem des
biologischen Unterrichts auf den Gymnasien zu beschaftigen, herrschte die
allgemeine Auffassung, daB eine Theorie, die in so einschneidender Weise wie
die Deszendenztheorie in alle menschlichen Verhaltnisse eingreife, wenigstens
in ihren Grundztigen, in den Lehrplan der oberen Gymnasialklassen Aufnahme
verdiene; sie wurde von Mannern wie Waldeyer, Chun, Kraepelin vertreten,
auch von Reinke, der im iibrigen ein Gegner H.s war.
Es ist schwer, in Fragen, wie sie in den erwahnten Schriften H.s aufgeworfen
sind und die sich auf die schwierigsten Probleme des menschlichen Denkens
und Fuhlens beziehen, ein objektives Urteil abzugeben. Das eine kann man
aber wohl sagen, daB die Heftigkeit, mit der H. gegen die Uberzeugungen
andersdenkender Menschen seine Angriffe gerichtet hat, nicht zu billigen ist;
sie ist weder sachlich noch psychologisch berechtigt, sachlich nicht, weil sie
auf eine Uberschatzung der Sicherheit der Grundlagen unserer naturwissen-
schaftlichen Erkenntnisse hinauslauft; psychologisch nicht, weil sie die seeli-
schen Bediirfnisse der bei weitem iiberwiegenden Mehrzahl der Menschen nicht
richtig einschatzt. Monistische Auffassungen, wie sie H. vertritt, konnen nicht
weiten Volksschichten aufoktroyiert werden; sie konnen nur herauswachsen
aus einer allmahlichen Umstimmung.
Auf der anderen Seite muB H. beigestimmt werden, wenn er voile Freiheit
fiir eine Weltauffassung fordert, die sich auf den Grundlagen der im vorigen
410 I9'9
Jahrhundert gemachten gewaltigen Fortschritte der Naturwissenschaften
aufbaut. Ob die Formulierung, welche H. dieser Auffassung gegeben hat, die
richtige ist, ist eine weitere Frage. Es ist in H.s impulsiver Natur gegeben,
daB er die Schwierigkeiten, die der Losung solcher Probleme entgegenstehen,
unterschatzt, daJ3 er, urn einen Vergleich zu gebrauchen, den gordischen
Knoten, auf den der menschliche Geist bei dem Versuch, Klarheit zu gewinnen,
stoBt, nicht auflost, sondern durchhaut. Trotz aller dieser Einwande muB man
H. nach meiner Uberzeugung rechtgeben, daB der induktive Weg, auf dem er
versucht, zu einer einheitlichen Weltauffassung zu gelangen, der richtige ist,
und daB die auf ihm gewonnenen Grundanschauungen am meisten der Denk-
weise der modernen Naturforscher entsprechen, sofern sie nicht den agnosti-
schen Standpunkt vertreten und auf eine einheitliche Naturauffassung iiber-
haupt verzichten.
Und nun noch einige Worte uber den EinfluB, den H. speziell auf die Zoolo-
gie ausgeiibt hat. Ich halte diese Darstellung fiir um so notwendiger, als die
Zahl derer, die die Bliitezeit seines Wirkens miterlebt haben, immer sparlicher
wird und die jiingere Generation angesichts des raschen Wechsels der Probleme
wenig Veranlassung hat, auf seine Schriften zuriickzugreifen.
H. wird allgemein anerkannt als der kiihne Vorkampfer des Darwinismus,
dem ein groBer Teil des Verdienstes zukommt, daB der neuen Lehre beson-
ders in Deutschland ein rascher Siegeslauf beschieden war. Dabei wird vielfach
nicht geniigend beachtet, was er dariiber hinaus fiir den Ausbau der Theorie
und ihre nahere Begriindung geleistet hat. Niemand hat das dankbarer an-
erkannt als Darwin selbst. Was H. dem Darwinismus erganzend hinzugefiigt
hat, bezieht sich vornehmlich auf seine morphologische Seite, fiir die Darwin
entsprechend seiner Vorbildung die Vorkenntnisse fehlten ; es wurde von ihm
in dem so viel umstrittenen biogenetischen Grundgesetz zusammengefaBt,
demzufolge die Ontogenie, die individuelle Entwicklungsgeschichte, eine kurze
Rekapitulation der Phylogenie, der Stammesgeschichte, ist, so daB man aus
dem Verlauf der ersteren Ruckschliisse auf die letztere machen kann. Es ist
richtig, daB die Grundgedanken dieser Verallgemeinerung in der Geschichte der
Biologie bis auf die Anfange des 19. Jahrhunderts zuriickgehen, daB ferner
schon vor H. sie von Fritz Muller wieder in Erinnerung gebracht worden
waren. H.s dauerndes Verdienst besteht darin, daB er die groBe Bedeutung
der in dem Gesetz zusammengefaBten Erscheinungen in das rechte Iyicht ge-
setzt und die Begriffe Caenogenese und Palingenese geschaffen hat. Mit die-
sen beiden Begriffen wurde zum Ausdruck gebracht und ursachlich begrun-
det, daB nur ein Teil der ontogenetischen Erscheinungsformen, die palin-
genetischen, auf stammesgeschichtliche Zustande der Art bezogen werden
konnen, weil auch der Embryo und die Larve vielfachen Anpassungen unter-
liegen und neue, »caenogenetische« Charaktere annehmen.
Das Werk, welchem wir in erster Linie den weiteren Ausbau der Abstam-
mungslehre verdanken, ist die »Generelle Morphologies Die Bedeutung des-
selben ist aber damit nicht erschopft, da ihr Inhalt iiber den Rahmen der
Lehre weit hinausgreift und den Gedankeninhalt der gesamten Biologie um-
faBt. Fiir den modernen Zoologen, der das Werk studiert, wird es vielfach
unverstandlich sein, wie dasselbe bei seinem Erscheinen einen so gewaltigen
EinfluB auf die heranwachsende Generation von Biologen hat ausiiben konnen.
Haeckel
411
Vieles in ihm ist iiberholt, vieles so sehr in den allgemeinen Besitzstand der
Zoologie iibergegangen, daB es uns jetzt als selbstverstandlich erscheint. Man
muB das Werk im Hinblick auf die damalige Zeit wiirdigen, eine Zeit, in der
die geistlose Systematik der nachlinneischen Periode noch auf den deutschen
Universitaten bliihte. Als Gegengewicht gegen dieselbe hatten zwar v. Siebold
und Kolliker die Zeitschrift fiir »wissenschaftliche« Zoologie begriindet. Aber
auch die in derselben vertretene anatomische Richtung verlor sich vielfach
in zootomischen und histologischen Einzeldarstellungen im Gegensatz zu den
in Verruf gekommenen naturphilosophischen Spekulationen der ersten Halite
des 19. Jahrhunderts. Demgegeniiber stellte sich die »Generelle Morphologie «
die Aufgabe, die Grundprinzipien einer gesunden Naturphilosophie zu ent-
wickeln, daB die Einzeltatsachen, gleichgiiltig, ob sie zootomischer oder syste-
matischer Natur sind, das Wesen einer Naturwissenschaft nicht ausmachen,
daB sie Bedeutung nur gewinnen, wenn sie durch vergleichende Beurteilung
dem Gesamtbestand unseres Wissens eingegliedert und zur Erkenntnis von
GesetzmaBigkeiten ausgenutzt werden.
Ein weiterer Ruhmestitel fiir H.s Leistungen auf zoologischem Gebiet ist
in seinen Arbeiten iiber die Einzelligkeit der Protozoen gegeben. Noch in der
Mitte des vorigen Jahrhunderts kampften Dujardins Sarkodetheorie und
v. Siebolds Lehre von der Einzelligkeit der Protozoen vergebens gegen die
Ansichten Ehrenbergs an, der in den Protozoen Tiere von kompliziertem Bau
erblickte. Selbst Protozoenforscher von dem Range Lachmanns und Claparedes
konnten sich von dem Banne dieser vorgefaBten Meinung nicht freimachen.
Bahnbrechend waren fiir die Rhizopoden die klassischen Untersuchungen
Max Schultzes iiber Polythalamien und H.s iiber Radiolarien, denen sich
dann spater H.s Arbeit iiber die Einzelligkeit der Infusorien anschloB.
Aus der groBen Zahl H.scher geschichtlich bedeutsamer Untersuchungen
seien schlieBlich noch seine Studien zur Gastraatheorie hervorgehoben. Man
muB die Zeit von 1870 bis 1880 mit durchlebt haben, um zu wiirdigen, welche
Verwirrung auf dem Gebiet der Keimblattlehre damals herrschte. Sind die
Keimblatter auf die Wirbeltiere beschrankt oder kommen sie auch bei den
Wirbellosen vor ? Wie viel Keimblatter miissen unterschieden werden ? Was
bedeutet die Anordnung der embryonalen Zellen zu Keimblattern ? Auf diese
Fragen gab die Gastraatheorie zum erstenmal eine befriedigende Antwort:
daB bei alien Metazoen zwei Keimblatter vorkommen, daB diese zumeist durch
Einstiilpung gebildet werden und genetisch mit der Entwicklung des Darms
zusammenhangen, da durch sie die Anwesenheit zweier Zellenschichten notig
gemacht wird, einer Schicht, die den Darm auskleidet: »Entoderm«, und einer
Schicht, welche die Haut liefert: »Ektoderm«. Damit wurde fiir die verglei-
chende Entwicklungsgeschichte ein sicheres Fundament gelegt.
Die besprochenen Verdienste H.s um die Zoologie beziehen sich samtlich
auf die Morphologie, die Forschungsrichtung, welche die zweite Halfte des
verflossenen Jahrhunderts beherrschte, zu deren Bliiteperiode von alien Zeit-
genossen am meisten beigetragen zu haben ihm und seinem Freund Gegenbaur
zum hochsten Verdienst angerechnet werden muB. Inzwischen wurde die
Morphologie in den Hintergrund gedrangt. Schon in den letzten Jahrzehnten
des 19. Jahrhunderts gewann die physiologische Betrachtungsweise der Tiere
an Boden. Es wurden die Funktionen der Organe, besonders des Nerven-
412 1919
systems und der Sinnesorgane, mit den Methoden der menschlichen Physio-
logie vergleichend untersucht. Experimente wurden angestellt, um iiber das
Wesen von Befruchtung, Vererbung und Geschlechtsbestimmung Klarheit zu
gewinnen und die kausalen Zusammenhange der aufeinanderfolgenden Stadien
der Entwicklung festzustellen. Die Methoden fur eine exakte Variabilitats-
und Erblichkeitsforschung wurden immer feiner ausgebaut und erschlossen
der Biologie ganz neue Arbeitsgebiete. Die damit eingeleitete Umgestaltung
der Zoologie hat im 20. Jahrhundert gewaltige Fortschritte gemacht. Es ist
begreiflich, da£ H. bei seinem vorgeriickten Lebensalter und der Eigenart
seiner wissenschaftlichen Personlichkeit an dieser neueren Entwicklung der
Zoologie keinen Anteil genommen hat. Die bei ihr notwendig gewordenen
Untersuchungsmethoden paflten nicht, wie ich schon hervorgehoben habe,
zu dem Charakter seiner Naturbetrachtung. Zuf allige Beobachtungen machten
ihn mit zwei fundamentalen Tatsachen der experimentellen Zoologie bekannt,
namlich, dafl die weiBen Blutkorperchen die Fahigkeit haben, Farbstoff-
partikeln zu fressen, ferner, daB die ersten Furchungskugeln der Siphono-
phoren sich weiterentwickeln und ganze Larven liefern, wenn man sie von-
einander trennt. Wenn H. diese Ausgangspunkte neuzeitlicher Forschung nicht
weiter ausgenutzt hat, so hangt das mit der Art seiner Naturbetrachtung zu-
sammen. Personlichkeiten von so ausgepragter Eigenart wie H. und, wie ich
hinzufugen mochte, Gegenbaur haben ein Anrecht, ihre eigenen Wege zu
gehen. Wir wollen iiber den Fortschritten der Erkenntnis, die auf neuen Wegen
gewonnen wurden, nicht die Verdienste der groBen Manner vergessen, die einer
fruheren Periode angehoren.
Literatur: Ernst H., Entwicklungsgeschichte einer Jugend. Briefe an seine Eltern,
1852 — 1856. Hrsg. von Heinrich Schmidt. Leipzig 1921. — Ernst H., Italienfahrt, Briefe
an seine Braut. Hrsg. von Heinrich Schmidt. Leipzig 192 1. — Ernst H., Himmelhoch-
jauchzend, Briefe an seine Braut. Hrsg. von Heinrich Schmidt. Dresden 1927. — Fran-
ziska von Altenhausen. Ein Roman aus dem Leben eines beruhmten Mannes in Briefen
aus den Jahren 1898 — 1903. Aus einem echten Brief wechsel gestaltet von Johannes
Werner. Leipzig 1927. — Bericht iiber die Feier des 60. Geburtstags von Ernst H.,
17. Februar 1894. — Was wir Ernst H. verdanken. Ein Buch der Dankbarkeit und Ver-
ehrung. 2 Bde. Leipzig 1914. — W. Boelsche, Ernst Haeckel. Ein Lebensbild. — DemAn-
denken an Ernst H., »Die Naturwissenschaften*. Jahrg. 7, Heft 50 (Beitrage von Karl
Heider, Johannes Walther, Richard Hertwig, Theodor Ziehen). Nebst einer Zusammen-
stellung der Schriften H.s und eines Teils der gegen ihn gerichteten Streitschriften von
Thilo Krumbach. — Heinrich Schmidt, Ernst H., Leben und Werke, Berlin 1926.
Schlederlohe (Post Wolfratshausen). Richard Hertwig.
Haeseler, Gottlieb Graf v., Generalfeldmarschall, * am 19. Januar 1836 zu
Potsdam, f am 25. Oktober 1919 zu Harnekop bei Wriezen in der Mark Bran-
denburg. — Als Sohn des Majors und Landrats a. D. Alexis Grafen H. auf
Harnekop und seiner Gattin Albertine, geb. v. Schonermarck, wurde er im
Kadettenkorps erzogen und trat siebzehnjahrig als Leutnant beim Husaren-
regiment 3 in Rathenow ein, wurde nach drei Jahren Regimentsadjutant, nach
weiteren vier Jahren Adjutant beim Generalkommando des III. Armeekops
und trat bei Beginn des Feldzuges 1864 als dritter Adjutant zum Stabe des
Prinzen Friedrich Karl. In drei ruhmvollen Kriegen hat er dann an entscheiden-
der Stelle mit am Aufstieg PreuBens und damit an der Griindung des Reiches
Haeckel. Haeseler
413
gearbeitet. Prinz Friedrich Karl erkannte bald in ihm die bedeutende
militarische Begabung und veranlaBte seine Versetzung in den General-
stab seines Korps und im Kriege 1866 seiner Armee, in welcher Stellung er
sich durch seine groBe Arbeitskraft und mehrere wichtige Erkundungsritte
hervortat.
Am 30. Oktober 1866 als Rittmeister und Eskadronchef zum Husaren-
regiment 15, am 17. Oktober 1867 zum Generalstab des VIII., am 22. Marz 1868
des III. Armeekorps versetzt, trat er mit Ausbruch des Krieges 1870 zum
Generalstab des Oberkommandos der Zweiten Armee und damit wieder an die
Seite des Prinzen. Hier wurde er bald neben dem Chef, General v. Stiehle, die
Seele des Stabes und entfaltete in nie ermudender geistiger und korperlicher,
zaher Arbeitskraft — sei es im Schlachtenlarm oder auf wichtigen Erkundungen
— eine ganz bedeutende Tatigkeit. Seine nie getriibte Klarheit in Wort und
Schrift, seine Ruhe, sein Gleichmut, seine nie erlahmende Ausdauer, seine
groBe Einfachheit und Bediirfnislosigkeit machten ihn, dem der Schein nichts*
das Wesen alles gait, zum Vorbild eines Generalstabsoffiziers. General der In
fanterie Frhr. von der Goltz schreibt dariiber im »Militar-Wochenblatt« (1900
Nr. 2 und 3) : »Der Chef des Generalstabes brachte fast seine gesamte Zeit in der
Nahe des Oberbefehlshabers zu, der ihm nach eingehender Besprechung seine
Weisungen erteilte. Sie setzten die Operationen der Armee nur in ganz groBen
Ziigen fest. Von diesen erhielt zunachst Graf H. Kenntnis, der die Befehle be-
arbeitete und dann zur Genehmigung noch einmal vorlegte. Sehr selten ist
etwas an ihnen geandert worden, sie kamen fast stets so, wie Graf H. sie auf-
gesetzt hatte, an die Armee. «
Nach dem Kriege blieb Graf H. zunachst noch bei der Okkupationsarmee in
Frankreich, und zwar als Oberquartiermeister beim Stabe des Oberkommandos,
und trat am 19. September 1873, im Alter von 36l/2 Jahren, als Kommandeur
an die Spitze des in Perleberg garnisonierenden Ulanenregiments Nr. n, das er
bis zum 11. Februar 1879 kommandierte. Diese Stellung gab ihm die Moglich-
keit, die reichen Erfahrungen, die er im Kriege gesammelt hatte, unmittelbar
fur die Truppe nutzbar zu machen.
Den Grund dafiir, daB die Kavallerie in den letzten Kriegen nicht das ge-
leistet hatte, was sie bei zweckmaBiger Verwendung hatte leisten konnen,
suchte er vor allem in der bisher ublichen Unterschatzung der I+eistungsfahig-
keit des Pferdes. Durch stete Ubungen und Futterversuche bewies er, daB man
bei dauerndem Training, verbunden mit sorgsamer Stallpflege, den Pferden un-
beschadet ihrer Gesundheit Anstrengungen zumuten kann, die man bisher fur
unmoglich gehalten hatte. Hand in Hand damit gingen die Anforderungen an
die korperliche und geistige Leistungsf ahigkeit der Of fiziere, Unterof f iziere und
Mannschaften. Sie wurden bis zu einer bis dahin unerreichten Hohe gesteigert.
Die hochsten Anforderungen aber stellte er stets an sich selbst.
An der Herausgabe der neuen Bestimmungen iiber Ubungen im Gefecht zu
FuB, Tiraillieren und SchieBen, im Zerstoren von Eisenbahnen und Telegraphen
und an der Einfiihrung des Karabiners fiir die gesamte Kavallerie — alles
Neuerungen, die der Krieg als unerlafllich dargetan hatte — nahm Graf H. in
maBgebender Weise teil, wie die Kavallerie ihm als Mitglied der Kavallerie-
Ausschiisse 1876 und 1886 auch die neuen Exerzierreglements, und die ganze
Armee die neue Felddienstordnung mit verdankt — Vorschriften, die einen
414 1919
groBen Schritt vorwarts bedeuten von der schematischen Form zu kriegs-
gemaBen Anforderungen.
»Frei von jedem Schema*, das war einer der Grundsatze, nach dem Graf H.
handelte, und den er der Truppe einzuimpfen wuBte. Die Frage : Was ist unter
den gegebenen Verhaltnissen das ZweckmaBigste, Naturlichste, Erfolgverspre-
chendste ? gewahrleistet stets eine treffendere Antwort, als die Frage nach der
usuellen Form. Die Lehren iiber Vorpostendienst und Aufklarung kniipfen an
die Erfahrungen des Krieges an ; in langen Friedensjahren sind sie dann aber —
das sind seine eigenen Worte — »in starrer t)berlieferung vielfach zur Form ge-
worden, und die Macht gedankenloser Tradition behauptet sich heute noch«.
Wahrend er diese Gedanken in Schrift und praktischer Tatigkeit als Regi-
mentskommandeur seinen Untergebenen einimpfte, befiel ihn im Sommer 1878
eine schwere Lungenentziindung, die ihn wochenlang ans Bett fesselte und ihm,
dessen Lebenselement unermudliche Tatigkeit fiir das Wohl und die Ausbildung
der ihm anvertrauten Truppe war, eine unf reiwillige, unwillkommene MuBe auf-
erlegte. Im Spatsommer reiste er noch schwer leidend, nach Kreuth in Ober-
bayern, Meran und Nizza, um dort vollige Heilung zu suchen. Noch war sein
mehrmonatiger Urlaub nicht abgelaufen, als er am 11. Februar 1879 unter Er-
nennung zum Abteilungschef wieder in den GroBen Generalstab versetzt wurde.
Nach fast zweijahriger Tatigkeit trat er am 7. Dezember an die Spitze der
12. Kavalleriebrigade in NeiBe, am 17. Oktober 1883 der 31. Kavalleriebrigade
in StraBburg i. E., fuhrte 1886 eine bei Hagenau im ElsaB zusammengestellte
Kavalleriedivision, wurde am 4. Dezember 1886 Kommandeur der 20. Division
in Hannover, am 15. Januar 1887 der 6. Division in Brandenburg. Als solcher
erlieB er eine bedeutungsvolle Verfiigung, in der er darauf hinwies, wie fehler-
haft es sei, die Erhaltung der Pferde in leistungsfahigem Zustande an eine be-
stimmte Jahreszeit zu binden. Da die fiir Benutzung der Reitbahnen im Winter
zur Verfiigung stehende Zeit nicht ausreiche, um diesen Zweck zu erreichen, so
sollten die Reitabteilungen grundsatzlich, auch bei scharfstem Frost, vorher
im Freien gehen, wobei die Mannschaften Lanzenubungen mit Stichen nach
kriegsmaBigen Zielen iiben sollten. Rekrutenabteilungen sollten grundsatzlich
im Freien gehen. Ebenso sollten die der kriegerischen Ausbildung am nachsten
stehenden Ubungen wahrend des ganzen Jahres nicht ausgesetzt werden, wes-
halb auch im Winter wenigstens einmal in der Woche Felddienst geiibt werden
miisse. Nach dieser Verfiigung, die in damaliger Zeit einen Bruch mit jahrzehnte-
langen Gepflogenheiten bedeutete, wurde seitdem in der ganzen deutschen
Kavallerie verfahren.
Voll in die Tat konnte Graf H. seine Anschauungen umsetzen, als er, nach-
dem er ein Jahr noch als Oberquartiermeister im GroBen Generalstab tatig
gewesen war, am 1. April 1890 an die Spitze des XVI. Armeekorps berufen
wurde. Dies Korps, das die Grenze gegen Frankreich bewachte, dem er 13 Jahre
hindurch seinen Geist einhauchen durfte, machte er zur hohen praktischcn
Schule des deutschen Heeres. Dadurch aber, daB er in Ausbildung und Er-
ziehung seiner Soldaten das Hochstmogliche erreichte, trug er viel dazu bei,
daB unsere Feinde die deutsche Armee im Frieden achten und furchten lernten
und uns 44 Jahre hindurch der Friede erhalten blieb.
Nachdem er 1899 zum Chef des Ulanenregiments 11, das spater seinen Namen
erhielt, ernannt worden war und im April 1903 den Rang als Feldmarschall er-
Haeseler 415
halten hatte, wurde er im Mai desselben Jahres von seiner Stellung als Kom-
mandierender General enthoben. Gleichzeitig wurde er vom Kaiser zum
lebenslanglichen Mitglied des Herrenhauses berufen, wo er mit Nachdruck fur
die Weiterbildung der schulentlassenen Jugend und den Ausbau der Fort-
bildungsschule eintrat. Die geistige und kdrperliche Ertiichtigung der Jugend
war das Ziel, das sein weitblickender Geist als Notwendigkeit fiir den Bestand
des Vaterlandes klar erkannte. Kurz vor der Verwirklichung scheiterten seine
Plane, aber seine hohen Gedanken leben fort, bis sie einmal zum Heile des
Vaterlandes Gestalt gewinnen werden.
Im Oktober 1906 weihte der Feldmarschall auf Befehl des Kaisers das Denk-
mal auf dem Schlachtfelde von Jena ein, wobei er die denkwiirdigen Worte
sprach :
»Die Vergangenheit ist ein Mahnruf zur Pflicht,
die Gegenwart laBt uns unsere Pflicht erkennen,
der Zukunft gehort das Gelubde treuer Pflichterfiillung. a
Alljahrlich weilte der Feldmarschall einige Wochen auf seinem Besitz bei Metz.
An samtlichen Kaisermanovern nahm er teil, in OstpreuBen an der grofien
Belagerungsiibung unter dem General v. Kluck.
Als der Weltkrieg ausbrach, wartete er sehnsiichtig auf seine Verwendung —
leider vergeblich! und das war nicht nur in seinem, sondern mehr noch im
Interesse des Vaterlandes aufs tiefste zu bedauern. »Es liegt eine tiefe Tragik
darin, daB der Mann, der wie kein anderer das deutsche Schwert geschliffen
hatte, ein Greis war, als es gait, dies Schwert in schwerer Stunde zu Deutsch-
lands Wehr zu fiihren«, so sagt Arnold Rechberg. Aber ein Greis war er nur der
Zahl seiner Lebensjahre nach, an geistiger Spannkraft iiberragte er die Be-
deutendsten, und Strapazen vermochten seinem zahen Korper auch im hohen
Alter iiberhaupt nichts anzuhaben. Wenn es ihm daher versagt blieb, an die
Spitze des deutschen Heeres oder wenigstens einer Armee zu treten, so erwirkte
er doch die Erlaubnis, den Krieg in der Nahe seines geliebten, von seinem Geist
erfiillten XVI. Armeekorps mitzumachen.
Rittmeister Arnold Rechberg, der ihm zugeteilte Ordonnanzoffizier, schreibt
liber ihn: »Er bewies eine personliche Furchtlosigkeit, die staunenswert war.
Es war, als wolle er den Beweis fuhren, daB das Geschlecht seiner Epoche an
Unerschrockenheit und Todesverachtung wohl erreicht, aber nicht iibertroffen
werden konne.
Als es zum ersten ZusammenstoB mit den Franzosen kam, litt es ihn nicht an
seiner Kommandostelle, er begab sich alsbald zu Pferde an die Front. Wir
kamen noch rechtzeitig, um dem Vorgehen der Schutzenlinien gegen Audun
le Roman folgen zu konnen. Wahrend die Schiitzen von einer Gelandedeckung
zur anderen sprangen und dabei gleichwohl erhebliche Verluste erlitten, blieb
der Feldmarschall zu Pferde unbeweglich wie aus Erz gegossen und ritt schlieB-
lich mit mir in die vorderste Linie. So waren wir die ersten, die in Audun le
Roman eindrangen. Auch an den folgenden Kampftagen war der Feldmarschall
regelmaBig bei den vordersten Schiitzen. «
Im Winter 1915/16 erkrankte er schwer in Corney. Zu seinem Geburtstage
hatte sich auch der Kronprinz angesagt, aber krank lag der Feldmarschall dar-
nieder. Nach kurzem Aufenthalt in Harnekop kehrte er, kaum wiederhergestellt ,
416 1919
ins Feld nach Busancy zuriick, bis er im Januar 1917 seiner schwer zerriitteten
Gesundheit wegen heimkehren muBte. Er versuchte dann im Fruhjahr 19 17
nochmals nach Frankreich zu gehen, zog sich aber auf der Reise dorthin durch
einen Fall schwere Verletzungen zu, lag bis Ende Juli schwer krank im Stad-
tischen Krankenhause zu Frankfurt a. M. und wurde von dort endgiiltig in die
Heimat entlassen.
Und nun kam mit der immer groBer werdenden Vereinsamung das allmah-
liche Absterben seiner korperlichen und bald auch seiner geistigen Krafte. Auch
die Liebe zu seinen Blumen, seinen Erdbeeren und zu seiner Schafherde lieB
nach; doch konnte er noch bis kurz vor seinem Tode sein Pferd besteigen.
So war es ihm nicht vergonnt, sein ruhmvolles Leben ruhmvoll auf dem Felde
der Ehre zu beschlieflen. Ohne ernstliche Erkrankung entschlief er in seinem
Gutshause Harnekop am 25. Oktober 1919.
Von echt altpreuBischer Art war die Beisetzung. In ihren alten Friedens-
uniformen erschienen die Trompeterkorps der Ziethen-Husaren und der
Haeseler-Ulanen. Den Kaiser vertrat Generaloberst v. Plessen. Beileids-
bezeugungen kamen von alien Fiirstenhausern, von der alten Armee und deren
Fuhrern. Mannschaften des Ulanen- Regiments Graf Haeseler trugen den Sarg,
die Kapelle der I^eib-Garde-Husaren eroffnete die Trauerparade und den end-
losen Zug der Leidtragenden. In der Dorfkirche, in der Gruft vor dem Altar war
dem Helden die letzte Statte bereitet zwischen den Ruhestatten seiner Eltern.
Das Muster des altpreuBischen Of f iziers aus Deutschlands groBer Zeit, schlicht
und bediirfnislos, ohne Falsch und Fehl, wohlwollend und gerecht, kurz ange-
bunden und doch so weichen Gemiits, ein Vorbild in alien menschlichen und
soldatischen Tugenden, ein Mensch, ein Charakter — das war Graf H. ! Es war
ihm nicht erspart geblieben, den Zusammenbruch des Heeres, dem er seine
Ivebenskraft geweiht, die Demiitigung Deutschlands, an dessen Erbliihen er
an verantwortlicher Stelle mitgearbeitet, den Verlust der Reichslande, zu deren
Wiedergewinnung er beigetragen hatte, zu uberleben. Kein Hoffnungsstern
leuchtete ihm in der Todesnacht; nur das BewuBtsein mag ihm die Sterbe-
stunde erhellt haben, dem ersten Heere der Welt ein Vorbild treuester Pflicht-
erfiillung, ernster, schlichter Lebensfiihrung, vaterlandischer Treue gewesen
zu sein. Und »wer den Besten seiner Zeit genug getan, der hat gelebt fur alle
Zeiten «.
Anklam (Pommern). Heinrich MaB.
Hertling, Georg Freiherr (spater Graf) v., katholischer Philosoph, Parlamen-
tarier und Politiker, bayerischer Ministerprasident und deutscher Reichskanzler,
* am 31. August 1843 zu Darmstadt, f am 4. Januar 1919 zu Ruhpolding in
Oberbayern. — Georg v. H. entstammte einer alten kurpfalzischen Beamten-
familie, welche in kurpfalzischem, bayerischem und hessischem Staatsdienste
gestanden war und sich vielfach bewahrt hatte. Sein Vater Jakob Freiherr
v. H., Rat am Hofgericht in Darmstadt (der damaligen zweiten Instanz fur das
Land) und GroBherzoglich Hessischer Kammerherr, war mit Antonie von
Guaita aus der bekannten Frankfurter Familie verheiratet. Deren Vater war
seit der Zeit der Reformation der erste Katholik, welcher in Frankfurt Biirger-
meister wurde. Ihre Mutter war Meline Brentano, die Schwester von Christian,
Haeseler. Hertling AlJ
Clemens und Bettina Brentano, welche mit Gorres' Freund Achim v. Arnim
vermahlt war, auch der Sophie Brentano, welche Karl Friedrich v. Savigny
geheiratet hatte, und anderer Geschwister, welche in Frankfurt ansassigblieben.
Der Vater starb, als der Sohn erst sieben Jahre alt war. Doch konnte die Mutter,
welche eine tuchtige Frau war, den vier hinterlassenen Kindern eine sorgf altige
Erziehung geben.
Georg v. H. besuchte das Gymnasium in Darmstadt, dann die Universitaten
in Minister, Miinchen und Berlin, und zwar zum Studium der Philosophic auf
welche sein alterer Vetter, Franz Brentano (s. oben S. 54 if.), der Sohn
Christian Brentanos, welcher in Wiirzburg dozierte und 1872 Professor der
Philosophic in Wiirzburg wurde, ihn hingewiesen hatte. In Miinchen war er
Mitglied der altesten deutschen katholischen Studentenkorporation » Aenania «
geworden, welche Farben trug; in Berlin wurde er Mitglied des » Katholischen
Lesevereins«, der zweitaltesten derartigen Korporation, welche keine Farben
trug, und trat als Ordner an deren Spitze. In diesem Verein kam er in Verbin-
dung mit dem Assessor Nieberding, dem spateren Staatssekretar des Reichs-
justizamtes. Nachdem in Breslau auch die »Winfridia«, ebenfalls farbentragend,
entstanden war, traten diese drei Korporationen in ein Korrespondenzverhalt-
nis. Als deren Vertreter hielt Georg v. H. bei der 15. General versammlung der
katholischen Vereine Deutschlands im September 1863 zu Frankfurt a. M. eine
treffliche Rede, in welcher er das katholische Deutschland mit den noch be-
scheidenen Anfangen des katholischen Korporationslebens an den deutschen
Hochschulen bekannt machte und deren Prinzipien darlegte. In dieser Rede
sagte er : »Zuversichtlich hoffen wir, daB die Zeit nicht mehr fern sein wird, wo
auf alien deutschen Universitaten um das Banner, das wir uns erwahlt haben,
eine Schar wackerer Streiter sich reihen wird, wo an alien deutschen Univer-
sitaten katholische Studenten vereine entstehen werden, die als das jiingste,
aber an Opferwilligkeit und Begeisterung nicht armste Glied eintreten in den
groBen Organismus der katholischen Vereine. « Diese Hoffnung erfiillte sich.
Von dieser Rede, welche allgemeine Beachtung fand, datierte das immer
raschere Anwachsen der katholischen Studentenkorporationen, nachdem diese
1865 De* der 17. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands zu Trier
im September 1865 in die zwei verschiedenen Kartell verbande der farben-
tragenden »Verbindungen« und nicht-farbentragenden » Vereine « sich getrennt
hatten. Am 26. Juli 1864 promovierte H. in Berlin bei Trendelenburg zum
Dr. phiL
Nach AbschluB seiner Studentenjahre nahm H. einen langeren Aufenthalt
in Italien und habilitierte sich dann 1867 m Bonn als Privatdozent der Philo-
sophic mit der Schrift »Schopenhauers Grundgedanke und die aristotelische
Lehre vom Streben in der Natur«. Als sein Vetter Friedrich Karl v. Savigny,
der Sohn Karl Friedrichs v. Savigny, der erste Vorsitzende der 1870/71 in
Berlin im preuflischen Abgeordnetenhause und im Reichstage gegriindeten
neuen Zentrumsfraktionen, am 11. Februar 1875 starb, gewann ihn auf Anraten
August Reichenspergers der Rechtsanwalt Eduard Miiller in Koblenz zu dessen
Nachfolger als Reichstagsabgeordneter fur den Wahlkreis Koblenz-St. Goar.
Im Reichstage trat H. in enge Beziehungen zu Windthorst und wurde einer
von dessen treuesten Anhangern, gewann auch sofort ein starkes Ansehen bei
anderen Parteien durch sein grundsatzlich klardurchdachtes Auftreten zu-
DBJ 27
418 1919
gunsten einer zu schaffenden Arbeiterschutzgesetzgebung. Windthorst hatte
sofort, nachdem er ihn kennengelernt hatte — Hitze trat erst 1884 in den
Reichstag ein — die Absicht geauBert, ihn »zum Referenten des Zentrums in
der sozialen Frage* zu machen.
Der in der Zeit des Kulturkampfes bis zum auBersten getriebene AusschluB
katholischer Anwarter vom akademischen Lehramte und die damalige geringe
Anteilnahme der Katholiken am wissenschaftlichen Leben des deutschen Volkes
bewog ihn 1876, noch ehe er in den Reichstag eingetreten war, zu Koblenz mit
sieben gleichgesinnten, durchweg — bis auf den Oberburgermeister Leopold
Kaufmann von Bonn — noch ebenso jugendlichen Freunden, unter diesen auch
Eduard Miiller, die»G6rres-Gesellschaft«zu griinden. (Siehe a. Bachem, oben
S. 209.) Wenn auch die erste Anregung nicht von H. ausgegangen war, sondern
von dem Mainzer Domdekan Dr. Heinrich, so gebuhrt H. doch das Verdienst,
den Gedanken in die Tat umgesetzt zu haben und dadurch der Griinder ge-
worden zu sein. Als Einleitung zu den Statuten der Gesellschaft wurde be-
schlossen: »Geleitet von dem katholischen Grundsatze, daB zwischen der von
der Kirche getragenen Offenbarung und den Ergebnissen echter Wissenschaft
niemals ein Widerspruch bestehen kann, vielmehr Glaube und Wissenschaft
einander wechselseitig erganzen und fordern, ist am 25. Januar 1876, dem
ioojahrigen Geburtstage Joseph v. G6rres\ eine Anzahl deutscher Katholiken
zusammengetreten zur Griindung eines Vereins unter dem Namen Gorres-
Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland. « H.
wurde der erste President der Gesellschaft und blieb diesem Amte treu bis zu
seinem Tode. Auch nachdem er bayerischer Ministerprasident geworden war,
besuchte und leitete er noch die Generalversammlungen der Gesellschaft.
Auf seine Anregung hin erschien seit 1880 das »Historische Jahrbuch der
G6rres-Gesellschaft«, seit 1888 das » Philosophische Jahrbuch der Gorres-Gesell-
schaft*. Ebenso verdankt das »Staatslexikon der Gorres-Gesellschaft* seiner
Initiative das Entstehen. Es kam, nachdem es seit 1878 vorbereitet worden
war, erstmalig in den Jahren 1887 — 1897 in fiinf Banden heraus und enthielt
zahlreiche wertvolle Artikel aus H.s Feder. Als President der Gorres-Gesell-
schaft erschien H. Ostern 1891 auf dem ersten International KongreB
katholischer Gelehrter zu Paris und wurde President des zweiten derartigen
Kongresses zu Freiburg i. d. Schweiz im Herbst 1897.
Trotz seiner hervorragenden wissenschaftlichen Befahigung und seiner Be-
wahrung als akademischer Lehrer in Bonn kam H. in seiner akademischen
Laufbahn nicht weiter, woran der damals herrschende Kulturkampfgeist schuld
war. Im Fruhjahr 1871 erschien seine Schrift »Materie und Form und die Defi-
nition der Seele bei Aristoteles«, 1875 sein Buch »Uber die Grenzen der mecha-
nischen Naturerklarung zur Widerlegung der materialistischen Weltansicht*
1880 seine Biographie des groBten Naturphilosophen und Naturforschers des
Mittelalters » Albertus Magnus* mit einer Charakteristik der scholastisch-mittel-
alterlichen Naturerklarung und Weltbetrachtung (urspriinglich in der Allg.
Deutschen Biographie, wo auch von ihm die Biographien von Abalard, Alanus
usw., dann erweitert als Festschrift zur Sakularfeier des Albertus Magnus in
demselben Jahre). Trotz der wissenschaftlichen Bedeutung seiner Publika-
tionen und des hohen Ansehens seiner Lehrtatigkeit erhielt er nicht eimnal den
Titel eines auBerordentlichen Professors und konnte das Jubilaum seiner
Hertling 419
25semestrigen Lehrtatigkeit in Bonn als Privatdozent begehen. Der Grund war,
daB der Geheime Oberregierungsrat Goppert, der Referent des Kultusministe-
riums, gegen eine derartige Beforderung protestierte, weil er »ultramontan« sei.
Erst 1880, als Herr v. Puttkamer Kultusminister geworden war und der
Kulturkampf abflaute, wurde er auBerordentlicher Professor ohne Gehalt. Er
konnte sich damit trosten, daB auch sein Fachkollege Immanuel Kant in
Konigsberg dreizehn Jahre lang Privatdozent geblieben war. Dann ging's
rascher. 1881 wollte inn der neue preuBische Kultusminister v. GoBler, welcher
ihn im Reichstage kennengelernt hatte, zum ordentlichen Professor in Breslau
ernennen. Doch lehnte H. ab, weil die Breslauer Fakultat diese Absicht des
Ministers mit einem einstimmigen Proteste beantwortete. Im Marz 1882 wurde
er dann von dem bayerischen Ministerprasidenten v. I^utz befragt wegen seiner
Berufung nach Munchen und nahm an. Im Mai 1882 begann er dort seine Lehr-
tatigkeit.
In Munchen erwarb H. rasch eine feste und hochangesehene Stellung, obwohl
ihn auch dort bei seiner Einf uhrung in die Fakultat der Dekan mit einem Pro-
teste begruBte. Er wurde Kam merer, 1891 lebenslangliches Mitglied der baye-
rischen Kammer der Reichsrate, 1899 Mitglied der Akademie der Wissen-
schaften, 1905 Geheimer Rat, 1906 Exzellenz. In Munchen wurde er auch Mit-
begriinder der »Deutschen Gesellschaft fiir christliche Kunst«, als deren Pre-
sident er 1892 — 1909 f ungierte. 1889 prasidierte er der 36. Generalversammlung
der Katholiken Deutschlands zu Bochum. Bei der Wahl zum Reichstag 1890
nahm er ein Mandat nicht mehr an, urn sich ganz seinem akademischen Lehr-
amte zu widmen, 1896 lieB er sich jedoch von dem bayerischen Wahlkreise
IUertissen bei einer Nachwahl wieder wahlen. Bei den allgemeinen Wahlen von
1898 vertauschte er diesen Wahlkreis mit dem westfalischen Wahlkreise
Miinster-Coesfeld .
Im Reichstage zu Berlin kam H., nachdem er wieder eingetreten war, auch
rasch wieder zur Geltung. Als der Plan auftauchte, der StraBburger Universitat
eine katholisch-theologische Fakultat anzufiigen, lieB er sich zum Unterhandler
bei der romischen Kurie gewinnen, deren Zustimmung notwendig war. Der Plan
stammte von dem klugen Ministerialdirektor Althoff im preuBischen Kultus-
ministerium. Die StraBburger Universitat, 1872 neubegriindet, hatte ganz iiber-
wiegend protestantischen Charakter, obwohl das Reichsland ElsaB-Lothringen
eine Bevolkerung von fiinf Sechsteln Katholiken hatte. Von 75 Professoren
waren nur 8 katholisch. Die Zahl der jungen katholischen Elsasser, welche die
Universitat bezogen, war infolgedessen hochst gering. Die jungen katholischen
Kleriker wurden im bischoflichen GroBen Seminar erzogen, wo sie sich der
traditionellen Hinneigung zu franzosischem Wesen nicht erwehren konnten.
In beiden Beziehungen sollte Wandel geschaffen werden. H. fiihrte trotz groBer
Schwierigkeiten die Verhandlungen 1898 — 1902 geschickt durch, bis auf Grund
der Konvention vom s.Dezember 1902 die neue Fakultat errichtet werden konnte.
Nach diesem Erfolge seiner romischen Mission hatte H. den Wunsch, preu-
Bischer oder bayerischer Gesandter beim Vatikan zu werden, als die Herren
v. Rotenhan und v. Cetto zuriicktraten. Er war der Meinung, daB er auf Grund
des von ihm in den romischen Kreisen gewonnenen Vertrauens die preuBischen
oder bayerischen Belange verstandnisvoller und wirksamer vertreten konnte
als ein anderer. Doch ging sein Wunsch nicht in Erfullung.
420 1919
In PreuBen konnte Fiirst Bulow sich nicht entschlieBen, mit der alten tjbung
zu brechen, daB PreuBen beim Vatikan nur durch einen Protestanten vertreten
werden durfte, und in Bayern wurde ihm ein Diplomat vorgezogen, welcher im
iiblichen Geschaftsgang emporgekommen war und jetzt nicht iibergangen wer-
den wollte. Die spezifische Bedeutung der Person H.s fur einen solchen Posten
fand keine Wurdigung.
Im Reichstage vertrat H. seine Fraktion wieder namentlich bei sozial-
politischen Fragen, dann bei Angelegenheiten der auswartigen Politik. So
namentlich bei der groBen Kaiserdebatte am 10. November 1908, wo er ent-
schieden den konstitutionellen Standpunkt wahrte, daB der Reichskanzler die
Verantwortung zu tragen habe. Als Graf Hompesch starb, wurde er an dessen
Stelle am 19. Februar 1909 zum Vorsitzenden der Fraktion des Zentrums ge-
wahlt. Die Schwierigkeiten, welche durch das selbstherrliche und oft unbe-
sonnene Auftreten des Abg. Erzberger entstanden, wuBte er geschickt zu iiber-
winden.
Als in Bayern das Ministerium des Grafen Podewils, welches sich dem sozial-
demokratischen Vordrangen gegeniiber schwach und entschluBlos gezeigt hatte,
zuriicktreten muBte, berief der Prinzregent Luitpold auf den Rat seines Sohnes,
des Prinzen Ludwig, welchem sich der alte nationalliberale Reichsrat v. Auer
anschloB, den Freiherrn v. H. zum Ministerprasidenten, zugleich zum Minister
des kgl. Hauses und der auswartigen Angelegenheiten. Nunmehr trat H. aus
dem Reichstag aus. Er fuhrte sein neues Amt in christlich-konservativem
Geiste, ohne jedoch an eine Parteischablone sich zu binden. Es gelang ihm, das
innere Leben des Konigreichs Bayern wieder in die Bahn ruhiger Entwicklung
zu lenken, obwohl er als erster »urtramontaner« Ministerprasident Bayerns von
liberaler Seite scharf befehdet wurde. Als Prinzregent Luitpold am 12. Dezem-
ber 1912 starb und Prinz Ludwig ihm als Prinzregent folgte, gelang es ihm, die
»K6nigsfrage« zu erledigen: die Prinzregentschaft wurde, da Konig Otto nach
wie vor unheilbar irrsinnig war, am 5. November 1913 mit Zustimmung der
Kammern fiir beendet erklart; Prinzregent Ludwig nahm den Konigstitel an.
Kurz nachher wurde H. von dem neuen Konige Ludwig III. in den erblichen
Grafenstand erhoben.
Als der Weltkrieg ausbrach, trat Graf H. fiir energische Kriegfiihrung ein
und geriet dadurch in Gegensatz zum Reichskanzler v. Bethmann Hollweg
(s. DBJ. 1921, S. 21/24). Spater, am 24. September 1918, erklarte er im Haupt-
ausschusse des Reichstages: »Als wir in Belgien einriickten, haben wir wohl das
geschriebene Recht verletzt, aber wir haben kein Unrecht begangen. Denn wie
fiir den einzelnen, so gibt es audi fiir die Staaten ein Recht der Selbstverteidi-
gung und der Notwehr. « Als Reichskanzler v. Betmann Hollweg zuriicktrat,
bot Kaiser Wilhelm II. dem Grafen H. die Nachfolge an. Doch lehnte H. am
13. Juli 1917 ab, wofiir Konig Ludwig ihm warm dankte. Als aber dann Ende
Oktober auch der neue Reichskanzler Michaelis nach kurzer Zeit zuriicktreten
muBte, forderte der Kaiser nochmals H. zur Ubernahme der Kanzlerschaft auf.
Nunmehr unterstiitzte Konig Ludwig die Bitte des Kaisers, und H. nahm an.
Er war bereit gewesen, Reichskanzler zu werden, hatte aber groBe Bedenken
gehabt, als Bayer auch preuBischer Ministerprasident zu werden, namentlich
mit Riicksicht auf die schwebende Wahlrechtsreform in PreuBen. Doch wurden
diese Bedenken iiberwunden, da auch Fiirst Hohenlohe als Bayer nicht nur das
Hertling 42 1
Reichskanzleramt, sondern auch die preuBische Ministerprasidentschaft ge-
fiihrt hatte.
Ehe H. sein Amt antrat, vereinbarte er mit den Fuhrern des Reichstags ein
festes Regierungsprogramm, so daB seine Amtsfuhrung im wesentlichen und
sachlich schon auf parlamentarischer Grundlage beruhte, wenn er sich selbst
auch nie als parlamentarischen Kanzler, sondern als Reichskanzler im Sinne der
noch bestehenden Reichsverfassung betrachtete. Als Reichskanzler machte er
die Friedensnote des Papstes Benedikt XV. vom 1. August 1917 zum Ausgangs-
punkte seiner Politik. Schon das Friedensangebot der Mittelmachte vom 12. De-
zember 1916 war nicht ohne seine tatkraftige Mithilfe oder gar Initiative zu-
stande gekommen. In PreuBen suchte H. die notwendige Reform des Drei-
klassenwahlrechts entschieden zu fordern, auch weil er diese Reform fur unauf-
schiebbar hielt, um der demokratischen und sozialdemokratischen Agitation
die Spitze abzubrechen. Doch kam er nicht voran, indem er bei den dortigen
Konservativen wenig Verstandnis fand, obwohl er diesen vorhielt, daB es sich
um Krone und Monarchic handelte. Seine Politik eines guten Verstandigungs-
friedens ohne Annexionen selbstandig durchzufiihren, gelang ihm nicht, da die
politischen Forderungen der einfluBreichen Obersten Heeresleitung seinen An-
schauungen nicht entsprachen, mit der Kriegslage auch nicht vereinbar waren.
» Wenn man mir nicht die Wahrheit sagte, « auBerte er, » wenn man mich im Un-
klaren lieB, so war das nicht meine Schuld. Vom Hauptquartier erhielt ich
meine Mitteilungen tiber die militarische Gesamtlage. Danach muBte ich han-
deln. « Er hatte nicht die harte Hand, um den Generalen gegentiber seine Politik
durchzusetzen, war ja iibrigens auch schon 75 Jahre alt, als er sein Amt antrat,
gerade so alt wie Fiirst Hohenlohe, als dieser im Frieden Reichskanzler wurde.
Im Innern stellte er sich dem immer sturmischer werdenden Verlangen der
Linken auf Parlamentarisierung der Regierung entschieden entgegen, und
suchte den dem Abgrund zutreibenden Staatswagen in geordneten Bahnen zu
halten. Darin wurde er auch vom Zentrum nachhaltig unterstiitzt, obwohl er
bald mit dem Abg. Erzberger in Differenzen geriet. Als aber der Abg. Grober
(siehe oben S. 391) am 25. September 1918 im Hauptausschusse des Reichs-
tages die militarische und internationale Lage scharf beleuchtete, fuhlte er sich
vom Zentrum bei seinem Kampf gegen die Parlamentarisierung im Stiche
gelassen, was Grober jedoch keineswegs beabsichtigt hatte. Da er ohne das
Zentrum der Schwierigkeiten, welche ihm von der Linken bereitet wurden,
nicht Herr werden zu konnen glaubte, trat er am 29. September als Reichs-
kanzler und preuBischer Ministerprasident zunick und erhielt am 3. Oktober
den erbetenen Abschied.
Er war der letzte kaiserliche Reichskanzler, zugleich der erste kirchlich
glaubige Katholik, welcher zu diesem hohen Amte berufen wurde. Er fiel als
treuer Verteidiger der Monarchic, der Reichsverfassung und des bundesstaat-
lichen Charakters des Reiches. Doch war die Zeit vorbei, wo die alten Zustande
aufrechterhalten werden konnten. Die Revolution nahte mit Riesenschritten.
Nach seinem Riicktritte zog er sich still nach seinem Landhause zu Ruhpolding
inOberbayern zuriick, wo er seine bereitsfriiherbegonnenenLebenserinnerungen
zu vollenden gedachte. Ehe er sie abschlieBen konnte, berief ihn der Tod ab.
Die philosophische Grundrichtung H.s ist am besten zu erkennen aus den
groBen Programmreden, mit welchen er die Generalversammlungen seiner
422 1919
Gorres-Gesellschaft zu eroffnen pflegte. Im AnschluB an Aristoteles und Au-
gustinus bekannte er sich als Anhanger der philosophia perennis, welche, un-
beschadet der jedem einzelnen Denker znstehenden Selbstandigkeit und Origi-
nalitat in der Forschungsmethode, das von den Vorfahren erarbeitete und auf
uns vererbte sichere Wissensgut festhalt und nur weiterbildet, und in der Phi-
losophie eine von der Gesamtheit aller am Glauben orientierter Denker und
Denkerschulen zu losende Aufgabe erblickt. »Wir halten fest«, sagte er bei Er-
offnung der 16. Generalversammlung der Gorres-Gesellschaft zu Bamberg am
4. September 1893, »an dem langsamen Anwachsen einer alle Zeiten umspan-
nenden philosophischen Erkenntnis, zu welcher jedes Jahrhundert eine neue
Schicht hinzufiigt. « In diesem Sinne verwarf er die kunstlichen, willkiirlichen
Systeme, von welchen die Geschichte der modernen, deutschen Philosophic er-
fullt ist. Zu einer Zeit, wo die Krisis der Kantschen Philosophic noch nicht so
offenbar war, wie sie es in der unmittelbaren Gegenwart ist, sprach er in einer
kurzen, aber programmatischen Schlui3rede auf der Generalversammlung der
Gorres-Gesellschaft zu Koblenz 1916 die mutigen Satze aus: » Nicht ohne Kant,
sondern gegen Kant ! Immer wieder gegen Kant Stellung zu nehmen, ist einer
der Hauptaufgaben der katholischen Philosophic: gegen den Kantschen Sub-
jektivismus, der nur eine Denknotwendigkeit, aber keine Seinsnotwendigkeit
kennt, gegen den Kantschen Idealismus, der eine Welt der bloBen Erscheinung
vor die unerkennbare Welt der wirklichen Dinge stellt, und endlich gegen den
Kantschen Agnostizismus, der es der Vernunft verbietet, ihrem innersten
Drange folgend, die Welt der sinnlichen Erfahrung zu uberschreiten, um zur
Erkenntnis der hochsten Wahrheiten zu gelangen. «
H. hielt fest an dem Satze, daB zwischen dem religiosen, auf gottlicher Offen-
barung beruhenden Glauben der katholischen Kirche und der auf dem Grunde
der menschlichen Vernunft erwachsenen weltlichen Wissenschaft ein wirklicher
Zwiespalt nicht bestehen konne, weil derselbe Gott, welcher Urheber der Offen-
barung ist, zugleich auch dem menschlichen Geiste das Licht der Vernunft ver-
liehen hat und in den verschiedenen AuBerungen seines Wesens nicht mit sich
selbst in Widerspruch treten kann. Er hielt auch im Sinne der mittelalterlichen
Scholastik daran fest, daJ3 die Philosophic die Konigin der weltlichen Wissen-
schaften ist, mit selbstandigem eigenem Arbeitsgebiet und eigener Arbeits-
methode. Er hielt fest an der Vereinbarkeit tiefster katholischer Glaubenstreue
mit strengster wissenschaftlicher Fachgelehrsamkeit auf alien weltlichen Ge-
bieten, namentlich auch im Bereiche der Naturwissenschaften, weil auch in
ihnen »kein Gegensatz bestehen kann zwischen ubernaturlicher und natiirlicher
Wahrheit, zwischen den Lehren der Offenbarung und dem, was ernste, auf-
richtige, den Gesetzen der Logik und den Regeln der Methodologie folgenden
Wissenschaft zutage fordert. « DaB fiir die geschichtliche Forschung aus der
katholischen Uberzeugung eine Schwierigkeit oder eine sachliche Schranke sich
nicht ergeben konne, war ihm eine Selbstverstandlichkeit. Er bekannte sich zu
der Uberzeugung, daB Christus den Mittelpunkt der Weltgeschichte darstellt
und daB die katholische Kirche die gottgewollte Fiihrerin des Menschen-
geschlechtes auf dem Wege zu seinem ewigen Heil ist.
Als Mommsen in seinem bekannten Artikel in den »Miinchener Neuesten
Nachrichten« (Nr. 530 von 1901) aus AnlaB der Besetzung einer StraBburger
Geschichtsprofessur mit einem Katholiken, welche zusammenhing mit der Ab-
Hertling 423
sicht, dort eine katholisch-theologische Fakultat zu erriehten, fiir alle wissen-
schaftliche Tatigkeit das Erfordemis der » Voraussetzungslosigkeit* aufstellte,
tun katholischen Gelehrten den Zugang zum akademischen Lehramte grund-
satzlich zu verbauen, wies er mit ebenso groBer Feinheit wie Entschiedenheit
nach, daB die Forderung einer vollkommenen Voraussetzungslosigkeit eine un-
haltbare Uberspannung ist, welcher kein Forscher geniigen kann, der iiberhaupt
eine geschlossene Weltanschauung hat, es mag dies eine sein, welche sie wolle.
Was die inneren Hemmungen anlangt, welche aus dem Bekenntnisse zur
katholischen Religion sich ergeben sollten, so wies er darauf hin, daB diese
Hemmungen auch Sicherungen sein konnen und daJ3 bei einer wissenschaft-
lichen Weltauffassung dann genau dieselben Hemmungen anerkannt werden
mtiBten wie bei einer religiosen, ohne daB hier wie da die Schranke der Voraus-
setzungslosigkeit absolut innegehalten werden konne. Man vergleiche hierzu
die Rede zur Eroffnung der StraBburger Generalversammlung der Gorres-
Gesellschaft am 7. Oktober 1903 fiber AVissenschaftliche Voraussetzungslosig-
keit und Katholizismus*.
Daneben verfocht er aber auch die Berechtigung einer » katholischen Wissen-
schaft*, welche er im Jahre 1897 definierte als »die Wissenschaft katholischer
Gelehrter, welche in rein wissenschaftlichen Fragen keine andern Regeln
kennen als diejenigen des allgemeinen wissenschaftlichen Verfahrens, welche
uberall da, wo unbeschadet dieser Regeln der personliche Standpunkt des For-
schers seinen Ausdruck finden darf und finden muB, ungescheut die Fahne ihrer
aus iibernaturlichem Grunde stammenden Glaubensiiberzeugung aufpflanzen,
fest durchdrungen von dem Satze, daB zwischen Glauben und Wissen kein
Widerspruch moglich ist, solange der Glaube wirklicher, auf gottlicher Offen-
barung ruhender Glaube und das Wissen wirkliches, vor keiner kritischen Prii-
fung zuriickschreckendes, aber auch keiner grundlosen Behauptung Raum ver-
stattendes Wissen ist«. Fiir diese »katholische Wissenschaft «, welche nichts
anderes ist als die Wissenschaft der deutschen Katholiken, welche fiir ihre
Weltanschauung auch einen Platz an der Sonne verlangen, forderte er mit
Nachdruck die Gleichberechtigung auf den deutschen Universitaten mit der
protestantischen, liberalen und materialistischen Wissenschaft. »Man braucht
ja nur auszudenken, « fuhrte H. 1910 aus, »wie gerade in den letzten Fragen
desWissens die Zustimmung zu einer wissenschaftlichen Lehrmeinung auf
wissenschaf tlichem Wege nicht erzwungen werden kann ; so wird man er-
messen, wie groB trotz aller geforderten Voraussetzungslosigkeit der EinfluB
ist, welchen der Standpunkt des Forschers auf Richtung und Ertrag seiner
wissenschaftlichen Arbeit austibt. Wer dieses leugnet, hat sich nie mit der
grundlegenden Frage nach den Voraussetzungen alles Wissens beschaftigt. « Es
konnte auch darauf hinge wiesen werden, daB die Vertreter einer wissenschaft-
lichen Weltanschauung regelmaBig wissenschaftlichen Fragen nicht so unbe-
f angen gegeniiberstehen wie die Vertreter eines religiosen Bekenntnisses, so daB
eine vollstandig und in alien Punkten voraussetzungslose Wissenschaft bei
ihnen noch weniger sich findet als bei glaubigen Katholiken.
Nach der anderen Seite hin wurde H. nicht miide, darauf hinzuweisen, daB
die Katholiken in Deutschland, wenn selbstverstandlich auch die Behauptung
einer habituellen geistigen Inferioritat derselben absurd ist, doch tatsachlich,
wenn auch zum groBen Teile ohne ihre Schuld, hinter demjenigen Anteile an
424 ]9i9
der wissenschaftlichen Arbeit und dem allgemeinen Geistesleben der Nation
zuriickgeblieben waren, welchen sie nach ihrer Zahl, ihrer geschichtlichen Be-
deutung und dem Wert ihrer Weltanschauung f iir die allgemeine nationale Ent-
wicklung hatten nehmen miissen. Immer wieder wies er auf die Pflicht des ka-
tholischen Deutschland hin, diesem Mangel abzuhelfen und mehr An waiter fur
die gelehrten Laufbahnen zu stellen, auch damit den staatlichen Behorden,
wenn die Imparitat in Besetzung akademischer Stellen geriigt wurde, die Ent-
gegnung aus der Hand genommen wiirde, die Katholiken stellten keine ge-
niigende Anzahl qualifizierter Bewerber. Diesem Mangel abzuhelfen war ja
auch eine der Hauptaufgaben seiner Gorres-Gesellschaft, welche unter seiner
Leitung im Laufe der Jahre zahlreichen jungen Privatdozenten durch Stipen-
dien und Beteiligung an groJ3en wissenschaftlichen Arbeiten den Zugang zum
akademischen Lehramte ermoglichte und zahlreiche groBe wissenschaftliche
Werke ins Leben rief , wobei stets auf strengste Wissenschaftlichkeit gehalten
wurde. Mit demselben Eifer aber verfocht er die Beseitigung der Intoleranz imd
Imparitat gegeniiber katholischen Bewerbern, welche als solche vielfach von
vornherein perhorresziert wurden. Hierzu vergleiche man seine Schrift »Das
Prinzip des Katholizismus und die Wissenschaft « (Freiburg, 4. Aufl. 1889) und
seine Rede iiber » Katholische WTissenschaf t « bei der SchluBsitzung der General-
versammlmig der Katholiken Deutschlands zu Koln am 27. August 1903.
In seiner Staatsauffassung ging H. urspriinglich aus von der alten liber alen
Theorie des Rechtsstaates und bekampfte von diesem theoretischen Stand-
punkte aus, gleichzeitig mit Windthorst und Lieber, innerhalb der Zentrums-
fraktion gegen Hitze die » staatssozialistische « Richtung des » Kathedersozialis-
mus« Adolf Wagners (s. oben S. 173 ff.), Gustav Schmollers (s. oben S. 124 ff.)
und Lujo Brentanos, naherte sich aber spater, nachdem er lange Jahre an
den praktischen Arbeiten des Reichstages teilgenommen hatte und als die
staatliche Fiirsorge fur die Arbeiterklasse sich durchsetzte und zu guten Er-
gebnissen fuhrte, der weiteren Auffassung des Wohlfahrtsstaates, fiir welchen
er die christliche Weltanschauung als Grundlage forderte. Fiir diese Wandlung
bezeichnend sind einerseits seine Reden iiber das Innungswesen (in den »Auf-
satzen und Reden sozialpolitischen Inhalts«, Freiburg 1884), sowie seine Schrift
»Naturrecht und Sozialpolitik « (Koln 1893), andererseits seine Schrift »Recht,
Staat und Gesellschaf t « (in der Sammlung Kosel, 1907). In der letzteren Schrift
(S. 169) bekannte er sich schlieBlich zu folgender Auffassung: »Dagegen hat der
Staat, wie friiher festgestellt wurde, nicht nur die Aufgabe, die Rechtsordnung
aufrecht zu erhalten, sondern auch die andere, die allgemeine Wohlfahrt zu
pflegen. Darin ist abermals der Schutz der Schwachen als eine der wichtigsten
Pflichten eingeschlossen. Die Ablehnung der beiden Extreme weist auf die
richtige Losung hin: Der Staat soil sich nicht an die Stelle der Gesellschaft
setzen, wie der Sozialismus will; denn das wiirde den Tod alles freiheitlichen
Lebens bedeuten. Er soil sich aber auch nicht gleichgiiltig von der Gesellschaft
zuriickziehen und den in ihr wirkenden Kraften allein das Feld iiberlassen ; denn
das ftihrt unvermeidlich zu einseitiger Entwicklung und laBt wichtige und be-
rechtigte Elemente zuriicktreten und verkiimmern. Wohl aber kommt ihm
die Aufgabe zu, als Vertreter der Allgemeinheit und des Gemeinwohles leitend
und ausgleichend in dem Gewirre nebeneinander und gegeneinander laufender
Stromungen einzutreten. Die innere Politik des modernen Staates muB soziale
Hertling 425
Politik sein in der allgemeinsten Bedeutung dieses Wortes, wonach darunter
die Leitung, Forderung und Ausgleichung der verschiedenen I<ebenskreise
durch den Staat und im Interesse der staatlichen Gemeinschaft zu verstehen
ist . . . Regeln, welche restlos auf jeden Einzelfall Anwendung finden konnen,
lassen sich nicht geben. Die Politik ist keine Wissenschaft, sondern weit eher
eine Knnst. « DaB diese besonnene Staatsauffassung Gemeingut der Zentrums-
partei wurde, war zum groBen Teile H.s Verdienst. Der Mechanismus der Par-
lamentsmaschine war ihm wenig sympathisch — er spricht von der »Unbrauch-
barkeit des Parlamentarismus fiir zweckmaBige Gesetzgebung* (»Erlebnisse«
I S. 297), wenn er auch nicht anzugeben vermochte, was an dessen Stelle ge-
setzt werden konnte.
H., als Hesse geboren, in PreuBen trotz langjahriger Tatigkeit zu Bonn nicht
eingewurzelt, schloB sich in Miinchen, wohin sein UrgroBvater Johann Friedrich
Freiherr v. H. den Kurfursten Karl Theodor begleitet und wo dieser dann als
Nachfolger Kreitmayers das Amt eines Geheimen Rats-Kanzlers und Konfe-
renzministers bekleidet hatte, mit ganzem Herzen seinem neuen Heimatstaate
Bayern an und wurde ein eifriger Vertreter der bayerischen staatlichen Eigen-
art sowie ihrer verbrieften Rechte. Doch war er weit da von entfernt, jenen
engen bayerischen Partikularismus in sich aufzunehmen, welcher in Bayern
von manchen Seiten, auch in katholischen Kreisen, gepflegt wurde. Er war und
blieb, in groBdeutscher Gesinnung aufgewachsen, grundsatzlich in erster Linie
Deutscher. Die Mainlinie hat ihm niemals als Trennungslinie gegolten. Auf
dieser besonnenen Mittelstellung neben seiner vollkommenen inneren Aus-
geglichenheit beruhte sein EinfluB sowohl in Bayern wie in Berlin. Seine
Grundauffassung fiir die staatliche Entwicklung war durchaus konservativ,
was ihn aber nicht abhielt, gegeniiber der Raschheit der industriellen Ent-
wicklung ein scharfes Tempo in Durchfuhrung der notwendigen sozialpoli-
tischen MaBnahmen fiir rich tig zu halten.
Seine Geistesart wie seine Lebensfiihrung hatte einen entschiedenen aristo-
kratischen Zug. In den Bauernversammlungen seines bayerischen Reichstags-
Wahlkreises Illertissen fand er sich vielleicht weniger zurecht, so daB ihm die
Ubernahme durch den preuBischen Wahlkreis Miinster-Coesfeld nicht unan-
genehm war, wo seine Redeweise besser verstanden wurde und adelige Freunde,
vor allem Freiherr v. Heereman, sein Ansehen dauernd stiitzten. In der baye-
rischen Kammer der Abgeordneten, wo das »hemdsarmelige« Auftreten ge-
wisser Volksvertreter ihm wenig zusagte, ware er schwer denkbar gewesen.
Dagegen gewann er in der Kammer der Reichsrate rasch dasselbe Ansehen,
dessen er im Reichstage bereits genoB. Auch in dem unruhigen Parteigetriebe
des Reichstags blieb er der vornehme, etwas zuruckhaltende Gelehrte, welcher
in seiner kleinen, zierlichen Gestalt mit dem f einen Kopfe und dem sparlichen
Bartwuchse zum Ausdruck kam. Er sprach im Reichstag nur seiten, dann aber
stets wohlvorbereitet, wenn auch nicht mit besonders starker Stimme, so doch
mit klarer, angenehmer Diktion, so daB er stets das Ohr des Hauses hatte.
Im politischen Leben H.s ist bemerkenswert die ruhige Sicherheit, mit
welcher er seinen Weg verfolgte. Weder die Angriffe von liberaler Seite noch
spatere Angriffe von » integral «-katholischer Seite konnten seinen Gleichmut
storen. Mit derselben Gelassenheit gestand er Fehler ein, wenn sie sich als solche
ergaben. So als er in der Bekampfung der »staatssozialistischen« Richtung in
426 19*9
Gegensatz genet mit der rein praktischen Richtung Hitzes, welche schlieBlich
innerhalb der Zentrumspartei in der Herrschaft sich behauptete. Als er in
Bayern Ministerprasident wurde, stellte die Munchener Presse fest, dai3 er
»immun gegen Druckerschwarze « sei, was auch richtig war. Trotzdem lag ihm
nichts weniger als Eigensinn und Rechthaberei, so daB seine sachliche Objek-
tivitat in Verbindung mit seinen verbindlichen und versohnlichen Formen ihn
fiir die Zentrumspartei zu einem sehr schatzenswerten Fiihrer machte, welcher
auch bei alien anderen Parteien ebensoviel Ansehen wie Vertrauen genoB.
Trotz seiner streng kirchlichen Gesinnung entging auch H. nicht der Ver-
dachtigung von seiten ubereifriger Wichtigtuer, den kirchlich verurteilten
» Modernismus* zu befordern; so als er nach dem Erscheinen der papstlichen
Enzyklika » Pascendi dominici gregts « von 1907 gegen den Modernismus auBerte,
er kenne in Deutschland nur zwei Gelehrte, welche im Sinne der genannten
Enzyklika als Modernisten zu gelten hatten, so daB der Modernismus fiir
Deutschland nicht von groBer Bedeutung sei (womit er Recht behielt ; gemeint
waren der Professor fiir Dogmengeschichte Joseph Schnitzer an der theolo-
gischen Fakultat in Miinchen und der Professor fiir Kirchengeschichte Hugo
Koch an der Akademie zu Braunsberg, welche beide spater mit der katholischen
Kirche brachen); dann als er durch die »Corrispondenza Romana« des Msgr.
Benigni falschlicherweise mit der 1907 von Miinster ausgehenden »Anti-Index-
bewegung« in Verbindung gebracht wurde, wogegen er sich nachdriicklich
wehrte ; endlich als er, Ministerprasident in Bayern geworden, den erwahnten
Professor Schnitzer, welcher von Papst Pius X. suspendiert worden war, nicht
einfach seines Lehramtes enthob, sondern nur als Professor fiir allgemeine
Religionsgeschichte in die philosophische Fakultat der Universitat Miinchen
versetzte, welche mildere MaBregel sich rasch als einer ruhigen Erledigung der
Sache dienlich erwies. Richtig war allerdings, daB H. bei Ausbruch des Anti-
modernistenfiebers nachdriicklich gegen dieses Stellung nahm und das oft fast
unterirdische Treiben exaltierter Wirrkopfe oder unzufriedener Quertreiber
gegen alien moglichen vermeintlichen Modernismus durchaus glaubenstreuer
Katholiken entschieden ablehnte. Graf H. starb wie er gelebt hatte, als tief
frommer Katholik nach dem glaubigen Empfang der Sterbesakramente der
katholischen Kirche.
Literatur: Von den »Erinnerungen aus meinem Leben* von Georg v. H. sind nur
die beiden ersten Bande erschienen (Kempten und Miinchen, Koselsche Buchhandlung,
1919). Der dritte, in der Vorrede zum ersten Bande angekiindigte Band steht noch aus.
Sein Sohn, Rittmeister a. D. und Regierungsrat Graf Karl v. H., veroff entlichte : »Ein
Jahr in der Reichskanzlei. Erinnerungen an die Kanzlersehaft meines Vaters<t, Frei-
burg 1 91 9. Der umfangreiche literarische NachlaC befindet sich im Besitze seines Sohnes
in Augsburg. — Von den Werken H.s seien au!3er den vorstehend erwahnten noch ge-
nannt: »Aufsatzeund Reden« (1884), »John Locke und die Schule von Cambridge* (1892),
» Descartes' Beziehungen zur Scholastik«, zwei Teile (1897/ 1900), »Kleine Schriften zur
Zeitgeschichte und Politik* (1897), » An gust inns* (1902), »Augustinus-Zitate bei Thomas
von Aquin* (1905), "Obersetzung der Bekenntnisse Augustins (1905).
Koln. Karl Bachem.
Koerber, Ernst v., Dr. jur., osterreichischer Ministerprasident, * am 6. No-
vember 1850 in Trient, f am 5. Marz 1919 in Wien. — Der osterreichische
Staatsmann entstammte einer guten, maCig begiiterten Familie des kleinen
Hertling. Koerber 427
osterreichischen Briefadels, der dem alten Osterreich so viele tiichtige Beamte
und Offiziere gegeben hat. Zunachst nahm er die typische Laufbahn des
SproBlings einer solchen Beamtenf amilie : Gymnasialstudium an der There-
sianischen Ritter-Akademie in Wien, Rechtsstudium an der Wiener Univer-
sitat, juristischer Vorbereitungsdienst beim Oberlandesgericht in Wien. Den
Ubergang in die Verwaltungslaufbahn leitet seine im November 1873 erfolgte
Ernennung zum Postkonzipisten ein; wenige Monate spater, am 14. Ja-
nuar 1874, wird er als Ministerialkonzipist ins Handelsministerium iibernommen,
woselbst nun sein rascher Aufstieg beginnt. Zuerst mit der Bearbeitung von
Eisenbahnangelegenheiten befaBt, macht er alsbald im Ministerium durch
ungewohnlichen FleiB und Tuchtigkeit von sich reden. Im Dezember 1885
schlagt ihn der damalige Handelsminister, Freiherr v. Pino, zum Ministerial-
sekretar vor und nimmt seine Berufung ins Prasidialbureau (Sekretariat des
Ministers) in Aussicht. In dem an den Kaiser gerichteten Beforderungsantrag
sagt Pino von ihm, er besitze »weit iiber das gewohnliche MaB hinausgehende
Fahigkeiten und Kenntnisse, welche er mit unermudlichem FleiBe und regstei
Dienstbeflissenheit verwerte, so daB er auch die umfangreichsten und schwie
rigsten Aufgaben in verhaltnismaBig sehr kurzer Zeit bewaltige*. Pinos Nach-
folger als Handelsminister, der Marquis Bacquehem, stellt den jungen K. 1887
bereits an die Spitze des Prasidialbureaus und ruhmt in dem Ernennungs-
vortrag an den Kaiser bei diesem Anlasse K. nach, daB er sich »den sehr be-
deutenden Anstrengungen und Muhen seines Dienstes mit ganzlicher Hintan-
setzung der Person stets auf das bereitwilligste unterziehe und in allem eine
unbedingte VerlaBlichkeit und unerschutterliche Vertrauenswiirdigkeit be-
wahre«. Von nun an ist K. die Seele des Handelsministeriums. Im Prasidial-
bureau konzentrieren sich, wie sein Chef Bacquehem in einem Beforderungs-
vorschlag an den Kaiser ausfuhrt, samtliche Agenden; der Minister spricht
aus, daB dank K.s Umsicht, »der nichts entgeht«, dank seiner durchdringenden
Griindlichkeit und seines ruhigen, taktvollen Auftretens keine wichtigere
Aktion sich ohne seine Mitwirkung vollziehe. K. wird in verhaltnismaBig
schneller Zeit Ministerialrat und Sektionschef, gliedert dem Prasidialbureau
die Abteilungen fur Gewerbe, Industrie, Handelspolitik, Konsularwesen und
Schiffahrt an und bezieht schlieBlich noch die Angelegenheiten der Seeverwal-
tung und des Hafen- und Sanitatsdienstes in sein Ressort ein. Die Nachfolgei
Bacquehems, Graf Wurmbrand und Freiherr v. Glanz, sind des L,obes voL
iiber diesen Mitarbeiter, bis K. schlieBlich als Nachfolger Bilinskis 1895 mit
der Leitung der osterreichischen Staatsbahnen betraut wird. Aber schon
wenige Monate spater, am 17. Januar 1896, wird er aus dieser Stellung heraus-
gerissen und in das ihm bisher fremde Ministerium des Innern berufen, um
dem neuen Ministerprasidenten, Graf en Badeni, zur Seite zu stehen. Er wird
Wirklicher Geheimer Rat mit dem Titel Exzellenz und bemachtigt sich mit
der ihm eigenen Raschheit der Auffassung und Arbeitsenergie sofort der ihm
bisher fremden Aufgaben der politischen Verwaltung. Bald darauf, am 1. De-
zember 1897, wird er zum ersten Male Minister, und zwar ubernimmt er in
dem kurzlebigen ersten Kabinett des Freiherrn v. Gautsch das Handelsmini-
sterium, in dem er seinerzeit die Verwaltungslaufbahn begonnen hatte.
Das Kabinett Gautsch stiirzt bereits am 8. Marz 1898, aber die Pause dauert
fur K. nicht lange. Schon am 2. Oktober 1899 ist er Minister des Innern in
428 1919
dem Ministerium des Grafen Clary; auch dieses stiirzt wenige Monate spater,
und nach einem kurzen Provisorium von vier Wochen, wahrenddessen der
Eisenbahnminister von Wittek die Geschafte leitet, eraennt der Kaiser am
1 8. Januar 1900 K. zum Ministerprasidenten.
Um die nunmehr folgende funfjahrige Ministerprasidentschaft K.s zu ver-
stehen und seine Handlungen zu wiirdigen, ist es notwendig, die politische
Lage Osterreichs im Zeitpunkte der Ubernahme der Geschafte durch K. kurz
zu iiberblicken.
Graf Badeni hatte versucht, die Sprachenfrage fur Bohmen und Mahren
im Wege von Verordnungen zu regeln. Diese Verordnungen veranderten die
spfachliche Praxis bei den Behdrden im Interesse der Tschechen zuungunsten
der Deutschen. Die Deutschen Osterreichs organisierten dagegen den aktiven
Widerstand auf der ganzen Linie und legten das Parlament durch Obstruction
lahm. Die Krone wollte der Schwierigkeiten zunachst durch Gewalt Herr
werden, versuchte dann im Kabinett des Grafen Thun ein Zusammen-
arbeiten der Tschechen mit den gemaBigten Deutschen herbeizufiihren und
sah sich, als auch dies nicht gelang, schlieBlich gezwungen, durch das
Ministerium Clary, in dem K., wie wir gesehen haben, Minister des Innern
war, die Badenischen Sprachenverordnungen widerrufen zu lassen und den
friiheren Zustand in sprachlicher Beziehung wiederherzustellen, zur groBen
Genugtuung der Deutschen Osterreichs, aber mit dem Erfolge, daB nunmehr
die Tschechen in die Obstruktion gingen und die Verwirrung vollstandig
vvurde.
In dieser Lage ubernimmt K. die Regierungsgeschafte und leitet aus dem
Geschehenen sofort die Lehre ab, daB mit den Versuchen, das Sprachenrecht
durch Verordnungen neu zu regeln, gebrochen und eine gesetzliche Regelung
versucht werden miisse. Eine solche war, da sowohl die Deutschen wie die
Tschechen jederzeit in der Lage und entschlossen waren, das Zustandekommen
ihnen nicht genehmer Entwiirfe durch Obstruktion zu verhindern, nur im
Wege eines Einvernehmens zwischen beiden Volksstammen moglich. Um
dieses herzustellen, berief K. gleich nach seinem Regierungsantritt am
5. Februar 1900 die sogenannte »Verstandigungskonferenz« ein, bei der die
Vertreter der deutschen und tschechischen Parteien versuchen sollten, unter-
einander zu einer Einigung zu kommen. Es gelang nicht, und K., der sich
nicht leicht entmutigen lieB und dessen Regierungsprinzip, wie er es selbst
einmal in einer Rede formulierte, die »leidenschaftslose Beharrlichkeit « war,
kam nun selbst mit dem Entwurfe eines Sprachengesetzes fur Bohmen und
Mahren heraus. Bohmen sollte in Kreise zerf alien, und zwar in solche mit
rein deutscher, rein tschechischer und gemischtsprachiger Bevolkerung. Fur
die einsprachigen Kreise war die Sprache der Mehrheit als Amtssprache, bei
entsprechendem Minoritatenschutze, fur die gemischtsprachigen eine gleich-
maBige Beriicksichtigung beider Landessprachen vorgesehen. In Mahren soll-
ten bei der iiberwiegenden Doppelsprachigkeit des Landes beide Landes-
sprachen in der Staatsverwaltung gleichmaBig gebraucht werden. Die
Tschechen hatten auch fur Bohmen die gleichmaBige Zulassung des Deutschen
und Tschechischen im ganzen Lande, also die obligatorische Doppelsprachig-
keit der gesamten Verwaltung, verlangt. Die K.schen Gesetzentwiirfe ge-
niigten ihnen also nicht und sie begannen wieder mit der Obstruktion. Ein
Koerber 42 ()
personliches Hervortreten der Krone — der Kaiser (s. DBJ. 1914 — 1916,
S. 208/219) hatte einem tschechischen Abgeordneten gegeniiber die Obstruk-
tion scharf verurteilt — machte auf die Tschechen keinen Eindruck. Es kam
zu Larmszenen im Parlament, und K. holte sich mitten in der Nacht vom
Kaiser die Ermachtigung, das Abgeordnetenhaus aufzulosen. Die Neuwahlen
brachten keine Besserung, anf deutscher wie auf tschechischer Seite kehrten
die radikalen Gruppen verstarkt wieder. Die sogenannten Staatsnotwendig-
keiten, wie z. B. das Budget, muBten weiter mittels des Paragraph 14 der
Verfassung, welcher der Regierung das Recht gab, in NotstandsfaUen Ver-
ordnungen mit Gesetzeskraft zu erlassen, geregelt werden.
Darauf ging K. die Losung der Schwierigkeiten von einer anderen Seite an,
von der wirtschaftlichen. Er versuchte, den nationalen Radikalismus durch
Gesetzentwiirfe zur Ruhe zu bringen, die in solchem MaBe das wirtschaftliche
Interesse der Wahlermassen beriihren wurden, daB diese selbst ihre Vertreter
zwingen wurden, die Obstruktion einzustellen und sich mit diesen Gesetz-
entwiirfen zu befassen. Der Gedanke erwies sich zunachst als richtig und er-
folgreich. Gleich nach dem Zusammentreten des neuen Hauses schlug K. ein
Investitionsprogramm vor, in das er so ziemlich alle ihm aus seiner Tatig-
keit im Handelsministerium bekannten Wiinsche der osterreichischen Wirt-
schaft hineinarbeitete : gewaltige Eisenbahnbauten, wie die Herstellung einer
zweiten Eisenbahnverbindung zwischen Wien und Triest (die sogenannte
Tauernbahn) und die Herstellung einer direkten Eisenbahnverbindung zwi-
schen Osterreich und Bosnien, groBziigige Kanalbauten (Moldau-Elbe, Donau-
Oder), FluBregulierungen und dergleichen. Tatsachlich war der Druck der
Wahlerschaft so groB, daB die Obstruktion der Tschechen und Sudslawen
fallengelassen wurde und bereits am 1. Juni 1901 die Vorlagen angenommen
waren. Damit war der Bann gebrochen, die Obstruktion, einmal aufgegeben,
kam auch nach Erledigung der Investitionsvorlagen nicht mehr in FluB,
schon im Juni 1901 konnte nach dreijahriger Pause wieder ein Budgetprovi-
sorium regelmaBig verabschiedet werden und ein Jahr spater, am 22. Mai 1902,
wurde nach vier budgetlosen Jahren wieder das normale Budget parlamen-
tarisch verabschiedet. Damals stand K. auf dem Hohepunkte seiner Erfolge,
und es ist kein Zweifel, daB die taktische Beseitigung der tschechisch-siid-
slawischen Obstruktion durch die Investitionsvorlagen eine politische Leistung
ersten Ranges war. Sie war aber mehr: es lag ihr ein groBer staatsmannischer
Gedanke zugrunde, namlich die bis dahin in wirtschaftlicher Beziehung arg
vernachlassigten Peripherien des Reiches starker ans Zentrum zu kniipfen —
ein um so richtigerer Gedanke, als Osterreich der Staat mit der schwachsten
politischen Peripherie war. Der traurige Zerfall des Reiches im Jahre 1918,
die Bereitwilligkeit, mit der sich z. B. die jugoslawischen Teile von Osterreich
ablosten, mit dem sie doch durch Geschichte, Kultur und groBenteils auch
durch Religion eng verkniipft waren, hat gezeigt, wie richtig K. viele Jahre
friiher erkannt hatte, was nottat. Es ist aber leider auch wahr, daB es zu
einem sehr groBen Teile auf den kurzsichtigen Widerstand Ungarns gegen
alle osterreichischen Entwiirfe zur besseren Verbindung Dalmatiens und
Bosniens mit Osterreich zuriickzufuhren war, wenn K.s Bestrebungen nach
dieser Richtung damals und in den spateren Jahren bis zum Weltkriege nicht
starker und wirksamer zum Durchb ruche kamen.
430 1919
Nachdem im Parlamente die Arbeitsfahigkeit wiederhergestellt war (die
eigentliche Aufgabe, zu deren Losung K. an die Spitze des Kabinetts berufen
worden war), konnte er sich anderen Aufgaben zuwenden: er begann mitVlem
ungarischen Ministerprasidenten v. Szell die Verhandlungen iiber einen neuen
Ausgleich ; der alte war schon 1898 abgelaufen und seither immer wieder urn
ein Jahr verlangert worden. Die Verhandlungen waren schwierig und muh-
sam, fuhrten aber endlich in der Neujahrsnacht 1902/03 zu einem Abschlusse.
Der Szell-K.sche Ausgleich ist nie in Kraft getreten, da gleich darauf Koloman
v. Szell iiber die Armeefrage stiirzte und Ungarn in jahrelange Wirren geriet,
die eine Erledigung der Ausgleichsvorlage ausschlossen. Das mindert keines-
wegs K.s Verdienst, in verhaltnismaBig so kurzer Zeit einen fiir Osterreich
in Ansehung der damaligen Machtverhaltnisse immerhin giinstigen Ausgleich
mit Ungarn zustande gebracht zu haben.
In den Wirbel der Kampf e urn die Kommando sprache in der gemeinsamen
Armee wurde auch K. hineingezogen. Er vertrat im Abgeordnetenhause den
Standpunkt, daB die Armeefrage eine gemeinsame Angelegenheit Osterreichs
und Ungarns sei und daher in Angelegenheit der Kommandosprache des
Heeres ohne Zustimmung der osterreichischen Regierung nichts geandert
werden konne. Das brachte ihn in Gegensatz zum Grafen Stephan Tisza, der
damals an der Spitze der ungarischen Regierung stand und K.s Rede als die
dilettantische AuBerung eines »Fremden von Distinktion« bezeichnete, wo-
gegen sich K. mit Wurde und Bestimmtheit zur Wehr setzte.
Die Streitigkeiten mit Ungarn und zahllose nationale Reibungen im Innern
Osterreichs fullten die Jahre 1903 und 1904 aus. Die durch die Investitions-
vorlagen geschaffene giinstige Atmosphare hielt nicht lange an, obwohl K.
alles tat, das nunmehr geschaffene ertragliche Einvernehmen zwischen Tsche-
chen und Deutschen zu pflegen. Er hatte den Kaiser noch vor Beginn der
Ausgleichsverhandlungen im Juni 1901 nach langerer Pause wieder nach
Prag gefuhrt, was eine Hoflichkeit gegeniiber den staatsrechtlichen Ideen der
Tschechen war, und von dort nach Deutschbohmen, was das nach den Kamp-
fen um die Sprachenverordnungen und durch die Torheiten der deutschradi-
kalen »Los-von-Rom«-Bewegung einigermaBen getriibte Verhaltnis zwischen
den Deutschnationalen Bohmens und dem Kaiser wieder in voile Harmonie
auflosen sollte. Dies gelang auch einigermaBen.
Aber zu einer ruhigen Verwaltungs- und Regierungstatigkeit konnte K.
nicht kommen. Die Tschechen empfanden es unangenehm, daB er sie aus der
Obstruktion herausmanovriert hatte und ohne, wenn auch nicht gegen sie
regierte. Die Wiederherstellung des sprachenrechtlichen Zustandes, wie er vor
Badeni gewesen war, erfiillte sie mit Bitterkeit. Im Oktober 1902 hatten sie
neuerlich mit der Obstruktion im Abgeordnetenhause begonnen. Wieder kam
K. auf Verstandigungsversuche zwischen Deutschen und Tschechen zuriick.
Er legte im Oktober 1902 den Parteien »Grundsatze« vor, nach denen bis
zur Erlassung eines Gesetzes der Sprachengebrauch bei den Behorden in
Bohmen und Mahren eingerichtet werden sollte. Beide Nationen waren damit
unzufrieden und arbeiteten Gegenentwiirfe aus, die erst recht dem anderen
Teile nicht entsprachen. Mit unendlicher Muhe setzte K. durch, daB Deutsche
und Tschechen trotzdem eine neue Verstandigungskonferenz beschickten, die
am 3. Januar 1903 zusammentrat, aber schon am 20. Januar wieder aus-
Koerber
431
einanderlief. Auch die Versuche K.s, anderen Nationen des Reiches Geniige
zu tun, miBlangen. Ob es sich nun darum handelte, den Italienern durch
Schaffung einer italienischen Rechtsfakultat oder durch Errichtung einer be-
scheidenen Verwaltungsautonomie Siidtirols entgegenzukommen, oder um die
Errichtung polnischer Parallelklassen an einer deutschen Lehrerbildungs-
anstalt in Schlesien, iiberall schlug K. die heiSe Luft des Chauvinismus ent-
gegen, und man kann den Deutschen Osterreichs den Vorwurf nicht ersparen,
dafl sie K., der an der Aufhebung der Badenischen Sprachenverordnungen
mitgewirkt und die Obstruktion der Tschechen im Reichstage taktisch ge-
brochen hatte, weder das Verstandnis noch das Entgegenkommen zeigten,
dessen seine Politik wiirdig gewesen ware. So ist er auch in Wirklichkeit liber
die Deutschen gef alien, die ihn, nachdem er 1904 noch den Kaiser nach Gali-
zien gefuhrt und durch diese Reise das gute Verhaltnis zwischen der Krone
Osterreichs und den osterreichischen Polen gestarkt und nach auBenhin wir-
kungsvoll bekundet hatte, im Budgetausschusse bei einer verhaltnismaBig
kleinen Finanzvorlage — Starkung der Kassenbestande des Finanzministe-
riums durch einen Kredit — in die Minoritat versetzten. K. verlangte vom
Kaiser seinen Abschied. Der Kaiser zogerte; da ihm aber von tschechischer
Seite mitgeteilt worden war, die tschechische Obstruktion wiirde fallengelassen
werden, wenn K. ginge, so nahm die Krone schliefllich K.s erneutes Demissions-
anerbieten an. Freiherr v. Gautsch wurde sein Nachfolger, der dann den Ver-
such machte, die nationalen Schwierigkeiten Osterreichs auf dem einzigen
Wege zu losen, den K. nicht in Betracht gezogen hatte: auf dem der Ein-
fuhrung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes. Wie die Folge
gezeigt hat, vermochte auch dieses die Scharfe der nationalen Kampfe in
Osterreich nicht zu mildern.
Kurz vor seinem Abgange (17. November 1904) hat K. noch Gesetzentwiirfe
iiber die Reform der offentlichen Verwaltung und die Grundsatze einer Alters-
und Invaliditatsversicherung angekiindigt und durch Denkschriften vor-
bereitet, die ein Zeugnis seiner eindringenden Sachkenntnis und seines leb-
haften Verstandnisses fiir die Erfordernisse der Zeit sind. Alle Ministerien,
die ihm folgten, sind immer wieder auf die Plane der Verwaltungsreform und
der Sozialversicherung zunickgekommen, ohne dafi sie allerdings die Kraft
und die Zeit gefunden hatten, die I/5sung herbeizufuhren.
Nach seinem Riicktritte ist K. in einer bewuflten und gewollten Fern-
haltung von alien offentlichen Angelegenheiten geblieben. Er trieb die Ab-
stinenz nach dieser Richtung so weit, dafl er selbst vermied, im Herrenhaus,
in das er bei seinem Riicktritt berufen worden war, zu erscheinen, um die
Angelobung zu leisten. Er hielt sich demonstrativ von alien offentlichen An-
gelegenheiten fern. Erst wahrend des Weltkrieges, als der K. freundschaftlich
verbundene Graf Stiirgkh osterreichischer Ministerprasident war, wurde K.
wieder in ein hohes Regierungsamt berufen, allerdings in eines, das ihm
ziemlich feme lag: er iibernahm am 7. Februar 1915 das gemeinsame Finanz-
ministerium, dem die Verwaltung Bosniens und der Herzegowina unterstand.
Diese Ernennung hatte im wesentlichen nur die Bedeutung einer Vorstufe
zu kiinftigen hoheren Bestimmungen, denn an eine ersprieBliche Tatigkeit im
Amte selbst war nicht zu denken, da Bosnien und die Herzegowina Kriegs-
gebiet und die Zivilbehorden dort so gut wie ausgeschaltet waren. Die Er-
432 1919
mordung des Grafen Stiirgkh brachte dann gleichsam automatisch K. an die
Spitze der osterreichischen Regierung. Es gehort mit zur Tragik im Leben
K.s, daB wenige Wochen nach tJbernahme des neuen Amtes (28. Oktober 1916)
Kaiser Franz Joseph in seine letzte Krankheit verfiel und am 21. Novem-
ber 1916 starb. K. trat nunmehr dem Kaiser Karl 1. April 1922 gegen-
iiber, den er wenig kannte und der von Ratgebern beeinfluBt war, die ihn
von vornherein gegen alles, was zur Umgebung und zum politischen Per-
sonal des verewigten alten Kaisers gehort hatte, einzunehmen bemiiht waren.
Kaiser Karl standen mehrere Personlichkeiten nahe, die Minister im Kabinett
Stiirgkh gewesen, aber von K. bei der Bildung seines Kabinetts iibergangen
worden waren. Ihr EinfluB wandte sich sofort gegen K. Dazu kamen noch
sachliche Differenzen jeder Art. Man suchte den neuen Kaiser dahin zu iiber-
reden, daB er — im Sinne seines Onkels, des ermordeten Thronfolgers Erz-
herzog Franz Ferdinand (s. DBJ. 1914 — 1916, S. 16 ff.), die Monarchic von
Grund auf reformieren musse und sich daher um Gottes willen nicht dadurch
an die bestehende Verfassung binden diirfe, daB er den vorgeschriebenen Eid
darauf leiste. K. stand auf dem Boden des geltenden Verfassungsrechtes und
betrieb die Eidesleistung. Auch war gerade die Erneuerung des osterreichisch-
ungarischen Ausgleiches im Zug und es gelang, K.s wohlbegriindeten Wider-
stand gegen einzelne Forderungen der ungarischen Regierung dem Kaiser
verdachtig zu machen. K. gab sich keinerlei Illusionen iiber die Aussichts-
losigkeit seiner Stellung hin und beniitzte den ersten sich bietenden AnlaB,
dem Kaiser selbst seine Entlassung vorzuschlagen, die am 14. Dezember 1916
gewahrt wurde. Sein Riicktritt war in jedem Betracht ein Ungliick fiir Oster-
reich. Wenn K. auch damals 66 Jahre alt war und nicht mehr die Leistungs-
fahigkeit besaB, die er 1901 bis 1904 entwickelt hatte, so verkorperte er doch
ein groBes Mafl von Klugheit, Erfahrung und mannigfacher Sachkenntnis ; er
besaB eine politische Uberlieferung, die nun beiseitegeschoben und durch den
Dilettantismus seiner Nachfolger abgelost wurde, die das innere Gefuge des
Staates immer mehr zerriitteten. Der osterreichische Staat war durch die ungliick-
selige, schwankende Experimentalpolitik der Nachfolger K.s bereits in Auflosung
begriffen, als ihn der Ausgang des Weltkrieges wirklich in Trummer schlug.
Ernst v. K. war ein geistig ungemein lebendiger, energischer, geschickter
und im guten Sinne ehrgeiziger Mann. Personlich nicht von Eitelkeit frei,
hat er in seiner Amtsfuhrung doch immer die Sache in den Vordergrund ge-
stellt ; es kam ihm wirklich darauf an, fiir den Staat etwas zu leisten, und in
diesem Bestreben hat er weder sich noch andere geschont. Das Arbeitstempo,
das er in die Ministerien brachte, war vor ihm nicht bekannt und ist auch
spater nicht mehr erreicht worden. Er wuBte die Arbeit der ihm unterstellten
Beam ten hervorzurufen, zu fordern und klug zu verwenden. Was Treitschke
dem Freiherrn v. Stein nachriihmt, daB er »in hohem MaBe die dem Staats-
manne unentbehrliche Kunst, die Gedanken anderer zu beniitzen« besessen
habe, darf auch von K. gesagt werden. Die Energie, ja Ungeduld, mit der er
von den ihm unterstellten Behorden Aufklarungen, Meldungen, Vorschlage
und Berichte einforderte, hat ihm nicht wenig Feinde gemacht. Dem Dienste
kam sie sehr zustatten. Starke Personlichkeiten als Ressortminister neben ihm
hatten sich kaum behauptet. Wenn man von seinem Finanzminister, dem
hervorragenden Nationalokonomen v. Bohm-Bawerk (s. DBJ. 1914 — 1916,
Koerber 43 3
S. 3 ff.) absieht, hatte er auch keine neben sich. Dazu nahm K. die Fiihrung
aller wichtigen Agenden zu ausschlieBlich fiir sich in Anspruch. Es ist fiir
ihn kennzeichnend, daB er nicht nur durch fiinf Jahre neben der Minister-
prasidentschaft das Ministerium des Innern innehatte, sondern sich damit
nicht begniigt und seit Oktober 1902 auch noch das Justizministerium ge-
leitet hat. Der Krone stand K. weit unabhangiger und freier gegeniiber, als
seine dem Hochadel entnommenen Vorganger. Der bekannte Wiener Publizist
und Begriinder der zionistischen Bewegung, Theodor Herzl, erzahlt in seinen
Tagebuchern sehr anschaulich eine Unterredung mit K., in der ihm dieser
auseinandersetzte, der Kaiser rede mit ihm nicht so wie mit Badeni oder Thun,
weil er befiirchten musse, er (K.) wiirde sonst sein Amt niederlegen. Die
fruheren Ministerprasidenten seien immer sofort unruhig geworden, wenn sie
vier Tage lang nicht zur Audienz gerufen worden seien, und hatten gleich
vermutet, in Ungnade gef alien zu sein. Er (K.) drange sich gar nicht dazu.
Er mache seine Sache, und der Kaiser wisse, daB er sie mache. Wenn der
Kaiser ihn sprechen wolle, schicke er den Kabinettsdirektor SchieBl zu ihm,
um ihn zu fragen, ob er Zeit habe. Diese Selbstschilderung trifft zu, und es
unterliegt keinem Zweifel, daB das bei aller Ehrerbietung fiir den greisen
Trager der Krone selbstsichere und bestimmte Wesen K.s dem alten Kaiser
bis zu einem gewissen Grade imponiert hat.
Die groBe Kunst K.s und sein dauernder EinfluB auf die Politik der oster-
reichischen Regierungen, die ihm gefolgt sind, beruht darauf, daB er es ver-
stand und anstrebte, im allergroBten Umfang mit der Offentlichkeit und in
der Offentlichkeit zu arbeiten. Je mehr das Parlament ihm widerstrebte, desto
energischer versuchte er die offentliche Meinung gegen das Parlament einzu-
setzen. Wie Friedjung richtig sagt, hat K. mit der Presse gegen das Parla-
ment regiert, aber nicht nur mit der Presse allein, sondern mit der Offentlich-
keit uberhaupt. Die wirtschaftlichen Korporationen, die Handelskammern,
die Landwirte- und Industriellenverbande, wuBte er sehr klug fiir seine Politik
zu gewinnen. Er verstand vollkommen klar, daB eine Regierung mit dem
Notparagraphen ohne das Parlament auf die Dauer nur durch die Unter-
stiitzung der offentlichen Meinung moglich sein wiirde. Deshalb hat er den
Notparagraphen immer nur im allerletzten Augenblick angewendet, um dar-
zutun, daB ihn die Arbeitsunfahigkeit des Parlamentes absolut dazu zwinge.
Und ebenso war er bemuht, den Notparagraphen durch den aufgeklarten Ge-
brauch, den er von ihm machte, sozusagen der Offentlichkeit gegeniiber zu
purifizieren. Er riB die Pforten seines Ministeriums weit auf, stand jedermann
Rede und Antwort, und zwar nicht nur den Zeitungsleuten, die seine Tiir
allerdings immer of fen fanden, sondern auch jedem anderen Menschen, der
ein irgendwie nennenswertes privates oder offentliches Interesse zu vertreten
hatte. Auch mit der Arbeiterschaft, die erst seit kurzem, durch Badenis fiinf te
Kurie, EinfluB auf die Gesetzgebung gewonnen hatte, verstand er sich gut,
und ihre Fiihrer wurden von ihm als Vertreter an sich berechtigter Bestre-
bungen und nicht mehr als Aufwiegler und Hochverrater behandelt. Man darf
wohl sagen, daB wenn K. wahrend seiner fiinfjahrigen Regierungszeit selten
das Parlament fiir sich gehabt hat, er doch auf die offentliche Meinung zahlen
konnte, die ihn immer unterstiitzt und ihm stets Kredit gegeben hat,
mochten die radikalen nationalen Parteien des Abgeordnetenhauses noch so
DBJ 28
434 *w
sehr gegen ihn wiiten. Er hat sich auch inimer wieder iiber den Kopf der
Parteien hinweg an die Bevolkerung zu wenden verstanden. Allerdings haben
diese Methoden in dem MaCe, als sie wiederholt angewendet wurden, an Wirk-
samkeit allmahlich verloren, und gegen den Ausgang seines Regimes hatte
man wohl den Eindruck, dafl das Publikum der Appelle der Regiening an die
Offentlichkeit, ihrer Reden, Manifeste, Kommuniquds und Artikel iiberdriissig
geworden sei. Auch K.s Gesundheit hatte sich in fiinfjahriger Regiening ver-
braucht, seine Nervenkraft war erschopft und er selbst reizbar und aufbrau-
send geworden. Eine gewisse Neigung, die Dinge schwarz zu sehen und diese
dustere Auffassung anderen mitzuteilen, war K. iiberhaupt eigen, und so sehr
er in den elf Jahren der Untatigkeit von 1904 bis 1915 jeder offentlichen
Kundgebung auswich, so sehr waren seine privaten AuBerungen von Pessimis-
mus durchtrankt.
Seinem Wesen nach war K., so jahzornig und schneidend er sich auch zu
geben liebte, eine wohlwollende und giitige Natur, stets bereit, fahigen Leuten
vorwartszuhelfen, leicht unwillig werdend, aber niemals nachtragend. In
seinen AuBerungen war er von einer manchmal verbliiffenden Aufgeknopft-
heit, und es ist fur ihn bezeichnend, wie er Leuten, die er zum zweiten oder
dritten Male sah und gar nicht naher kannte, oft iiber die geheimsten Einzel-
heiten der Regierungspolitik — wie z. B. Theodor Herzl iiber sein Verhaltnis
zum Kaiser — vertrauliche Mitteilungen machte.
Mit Schulweisheit war K. wenig belastet, und bis zu der unfreiwilligen Ruhe-
pause von 1904 bis 1915 hatte er wenig gelesen. Der Katalog seiner Bucherei,
die nach seinem Tode zur Versteigerung kam, gab von der Geringfugigkeit seiner
wissenschaftlichen und literarischen Bediirfnisse Zeugnis. Seine umfassende
Kenntnis des osterreichischen Staats- und Verwaltungsrechtes, der Wirtschaft
und des Verkehrswesens hat er sich, wie Friedjung mit Recht hervorhebt,
nicht aus Biichern, sondern aus dem Studium der Akten und dem Umgange
mit Menschen erworben, den er immer gesucht hat.
Sein Leben ist im ganzen trotz aller groflen Erfolge nicht gliicklich ge-
wesen. Eine Familie hat er nicht gegriindet, und nach dem ununterbrochenen
glanzenden Aufstiege, der ihn bis zu seiner fiinfjahrigen Ministerprasident-
schaft gefuhrt hat, lastete die erzwungene Untatigkeit schwer auf ihm und
hat ihn, obwohl er sich nichts anmerken lieB, gequalt und verbittert. Als er
zum zweiten Male zur Regiening kam, war es schon zu spat. Er muBte dann
noch sehen, wie der Staat zerfiel und das alte Osterreich, in dem er groB ge-
worden war und das er so gut kannte, verschwand. In der triibsten und ver-
wirrtesten Zeit, kurz nach dem Waffenstillstand und dem Umsturz, ist er einsam
in einem Sanatorium bei Wien gestorben. Nicht einmal iiber seine bescheidene
Habe vermochte er mehr zu verfiigen. Dem letzten Willen, den er schon auf-
gesetzt hatte, fehlte die Unterschrift, und er ist nicht vollzogen worden.
Literatur: Akten des eheinaligen k. k. Handelsministeriums (in der Registratur des
derzeitigen Bundesministeriums fiir Handel und Verkehr) : P. Z. 1677 ex 1885, P. Z. 1698
ex 1887, P. Z. 171 ex 1 89 1, P. Z. 2870 — 93 ex 1893, **■ Z- 3306 ex 1894, sowie die in der
gleichen Registratur erliegenden »Uiensttabellen« Ernst von K.s. — H. Friedjung, Ernst
von K. in der Neuen Osterreichischen Biographie, I. Bd.r 1. Abt., Wien 1923, S. 23 — 41.
— G. Kolmer, Parlament und Verfassung in Osterreich, 8. Bd., Wjen 19 14. — Th. Herzl,
Tagebiicher, Bd. II (besonders S. 412 und 413) und III, Berlin 1923.
Wien. Rudolf Sieghart.
Koerber. Lehmbruck 435
Lehmbruck, Wilhelm, Bildhauer, * am 4. Januar 188 1 in Duisburg-Mei-
derich, f am 25. Marz 1919 in Berlin. — L. ist als Sohn eines Bergarbeiters
zur Welt gekommen. Seine Vorfahren waren Bauern in Gahlen, einem Dorf
an der Lippe. Schon auf der Volksschule regte sich die ktinstlerische Begabung
des Knaben. Als Zwolf- oder Dreizehnjahriger schnitzte er kleine Kopfe in
Gips. Der Vierzehnjahrige kopierte den Schliiterschen »GroBen Kurfiirst* in
diesem Material nach einer Abbildung in seinem Schullesebuch. Obwohl er
plastische Originalwerke nie gesehen hatte, war doch das Wesen des Drei-
dimensionalen klar erfaBt. Ein Lehrer, Herr van Diepenbrock wurde auf ihn
aufmerksam und erteilte ihm aus freien Stiicken Zeichenunterricht. Seinem
EinfluB ist es auch zuzuschreiben, daB die Eltern sich damit einverstanden
erklarten, den Jungen auf eine Fachschule zu geben. Die Stadtverordneten-
versammlung zu Meiderich bewilligte ein Stipendium fiir ein Jahr, das an
der Diisseldorfer Kunstgewerbeschule verbracht wurde. Allerlei Arbeiten fiir
den Broterwerb, Entwiirfe fiir Silberwarenfabriken, kleine Biisten, verkauf-
liche Genregruppen halfen dem mageren Unterstiitzungsgeld. Bis 1899 blieb
der junge Mann an der Schule, dann war er als Gehilfe in einem Bildhauer-
atelier tatig. Im Mai 1901 trat er bei der Diisseldorfer Kunstakademie ein.
Dort hat er sich in fleiBiger Arbeit die Grundlagen fiir sein technisches Konnen
geholt.
Wir kennen aus jenen Jahren landlaufige Akademieskulpturen von ihm, so
einen Siegfried, der sein Schwert priift, einige realistische Gruppen mit sozialer
Note, eine solche, genannt »Schlagende Wetter*, wohl als Grabdenkmal fiir
das Ruhrrevier gedacht. Mit einer virtuos modellierten weiblichen Figur,
»Badende« 1905, errang er sich den Beifall seiner Lehrer in dem MaBe, daB
der Ankauf fiir das Institut beschlossen wurde. Das erloste Geld gab Gelegen-
heit fiir eine Studienreise nach Italien. Eine zweite fand spater im Jahre 191 2
statt.
Bis 1907 verblieb L. an der Akademie. Im gleichen Jahr sandte er eine
Arbeit » Mutter und Kind« nach Paris ins Grand Palais. Er wurde Mitglied
der Societe nationale des beaux arts. 1910 siedelte er nach Paris iiber.
Aus der Diisseldorfer Zeit kennen wir eine drei Meter hohe Kolossalstatue
»Mensch« (1909), die den EinfluB Michelangelos und Rodins spiiren laBt. Das
folgende Jahr bringt als erste Pariser Arbeit eine weibliche Figur, heute im
Duisburger Museum. In ihr zuerst erweist L. seine personliche Meisterschaft.
Sie ruht vollig in sich, ist rund und tastbar und laBt Maillolschen EinfluB
erkennen. Ihn zeigt auch die Biiste der Frau L. aus demselben Jahr (Essen,
Kunstmuseum) und der weibliche Torso (Hagen, Folkwang-Museum) 1910/n.
In der »Knienden« 1911 (Mannheim, Kunsthalle, jetzt Duisburg) beginnt eine
vollstandig neue Einstellung zur Plastik iiberhaupt. Mit dieser Figur verlaBt
L. die Maillolsche Gefiihlswelt und wendet sich einer ganz anderen, entgegen-
gesetzten zu. Zur Erklarung miissen einige prinzipielle Bemerkungen hier
eingeschoben werden.
Die Plastik ist an bestimmte ihr oder besser ihren Materialien innewohnende
Gesetze gebunden. Der Stein ist schwer, lastend. Also konnen in ihm nicht wohl
rasch sich ablosende Situationen dargestellt werden. Vielmehr vermittelt er
den Eindruck des Dauernden, fiir die Ewigkeit Geschaffenen, Absoluten.
Anders die Bronze. Sie wird gegossen, flieBt in eine Form und laBt daher ihrem
436 1919
Bildner die groBten Moglichkeiten. Man kann in ihr die in sich ruhenden, in
ihrem eigenen Schwerpunkt liegenden Gebilde der Marmorplastik wieder-
geben, aber auch die Illusionen einer schnell wechselnden Attitude. Sowohl
der massige Block ist moglich, als auch die Darstellung etwa eines sich bau-
menden Rosses, das nur mit den beiden Hinterbeinen den Boden beriihrt,
einer Tanzerin, die mit der Spitze des FuBes auf der Erde aufsteht, in einem
einzigen Augenblick festgehalten ; denn im nachsten wird sie schon eine ganz
andere Stellung einnehmen. Man unterscheidet in der Vergangenheit ausge-
sprochen plastische und unplastische Epochen, solche, die die Grundgesetze
der Materialien strenge eingehalten, und andere wieder, die sich vollstandig
davon frei gemacht. Es ist klar, daB in Zeiten, in denen die Malerei die Fiih-
rung der Kiinste innegehabt, sich das BewuBtsein einer plastischen Gesetz-
maBigkeit verwischte. Hier ist auf das Rokoko und den Impressionismus be-
sonders hinzuweisen. Das 19. Jahrhundert sieht in seinem Anfang in den
Tagen des Klassizismus die Vorherrschaft der Plastik. Selbst die Malerei ist
damals dreidimensional empfunden worden. In steigendem MaBe lockert sich
dann die Strenge, bis in der Zeit des Impressionismus eine Personlichkeit wie
Rodin moglich wird, der durchaus unplastisch empfand, fur den das Attribut
des Schweren, Lastenden dem Stein nicht mehr anhaftete. Seine Entwicklung
geht auf die steigende Verneinung des tastbaren Materials, zu einer Auflosung
der dreidimensionalen Werke in reine Sehbilder. Eine Gegenbewegung setzt
in Deutschland mit Hildebrandt (s. DBJ. 1921, S. 142) und in Frankreich mit
Maillol ein, die beide die Plastik zur GesetzmaBigkeit zuruckzufuhren sich
bemuhen.
L., aus der Akademie kommend, beginnt durchaus im Sinne Maillolscher
GesetzmaBigkeit. Seltsamerweise geht nun sein Weg zur vollstandigen Auf-
losung der plastischen Gebilde. Es ist also gerade der umgekehrte, der eigent-
lich erwartet werden muBte. In der »Knienden« von 191 1 ist der neue Stil
schon gefunden. Eine sehr langgestreckte weibliche Person in einer Gebarde
der Anbetung, der inneren Kontemplation. Das Empfinden der Plastik als
eines Dreidimensionalen, eines Tastbaren, Runden, Sinnlichen ist gewichen.
Von innen heraus scheint die Gestalt emporgereckt. Die Glut ihrer Inbrunst
hat sie ausgebrannt, das bluhende Fleisch weggeschmolzen in dem Feuer der
Ekstasen. Die naturlichen MaBe sind aufgehoben, weit iiber das Normale
hinaus sind die Glieder in die Lange gezogen. Nicht mehr die geballte Masse
der in sich ruhenden Steinplastik ist es, sondern ihre vollstandige Auflosung
aus einem Prinzip heraus, das die Verbindlichkeit der Materie schlechthin
leugnet.
Es ist einzusehen, daB hier von einem ganz anderen inneren Standpunkt
aus an das plastische Schaffen herangegangen wird. Die Materie — das Ir-
dische — wird nicht als ausschlaggebend angesehen. Die Uberwindung der
Schwere ist die Aufgabe. Die Parallele zu Greco fallt auf. Wie dort aus der
Ekstatik des Religiosen heraus die Gestalten gestreckt sind, emporgezogen,
dem tjbersinnlichen entgegen, wie bei ihnen jedes Lot Fleisch geschwunden
scheint in der Inbrunst ihrer Vermahlung mit Gott, wie jedes Gesetz der
Korperlichkeit, des MaBes aufgehoben ist in dem Augenblicke, in dem der
Ruf vom Jenseits her erklingt, so wird auch hier bei L. das verbindliche
Gesetz des irdischen Menschen zu nichts vor jenem der gottlichen Bestimmung.
I,ehmbruck. Lindau 437
Man kann in den folgenden Jahren bei der L.schen Entwicklung die schweren
Kampfe beobachten, die sich fiir den Kiinstler ergaben. Plastiken und Zeich-
nungen zeigen ihn hin und her geworfen zwischen erdiger Bindung, zwischen
Bejahung des sinnlichen Dreidimensionalen und Himmelssehnsucht, Hin-
streben auf ein rein Geistiges, auf die Auflosung des Tastbaren. Ganz in dem
gleichen transzendentalen Sinne ist die »GroBe Sinnende« von 1913/14 auf-
gefaBt, eine weibliche Figur, die sich emporreckt mit einem ganz kleinen, in
der Form fast aufgelosten Kopf. Dasselbe gilt von einem geneigten Frauen-
torso und einer mannlichen Figur fiir die Werkbundausstellung Koln 19 14.
Sehr ausgepragt findet sich das ausgefuhrte Prinzip bei dem emporsteigenden
Jiingling, Paris 1913. Die Figur ist mit Recht der »Denker« genannt worden.
Hier hat das Denken jede andere Funktion absorbiert, das rein Geistige hat
den Kopf des Mannes ausgeweitet, seinen Schadel emporgetrieben. Die Figur
ist in der Stellung des Emporsteigens gegeben. Der Mann scheint sich empor-
zudenken von Stufe zu Stufe.
Von 1915/16 ist hinwiederum eine » Riickblickende «, eine weibliche Gestalt
von rundlicher Gliederbildung, von einer sehr wohl gefuhlten Plastizitat im
Sinne Maillols. Dasselbe ist zu sagen von der sogenannten »Kleinen Sinnenden«,
deren Thorax walzenformig, deren Briiste kugelformig sind. DaB dabei iiber
dem Gesicht gleichsam ein zarter Schleier liegt, mag wohl bemerkt werden.
Auch die ^Statuette der Frau F.«, Berlin 1915/16 zeigt eine starkere Bejahung
der runden Form, wahrend der »Sterbende Krieger« von 1915/16 nur das
Geriist zulafit. Hier ist ein neues Prinzip in die Plastik L.s hineingekommen,
namlich die Auflosung des Kubus und die Mitmodellierung des Negativen:
aus dem tastbaren Block wird Masse herausgeschnitten, die entstandenen
leeren Raume jedoch werden in die Gesamtkomposition ganz bewufit ein-
bezogen, etwa wie Tiir- und Fensterhohlungen bei der Komposition eines
Hauses. Sehr deutlich ist dieses Prinzip bei dem »Sitzenden Jiingling «, Berlin
und Zurich 1916/18, zu beobachten, der nur die konsequente Weiterfuhrung
des im »Sterbenden Krieger« Begonnenen zeigt. Immer mehr wird bei I,, die
Figur zum Geriist, ihre Erscheinung reines Sehbild. Die tastende Hand wird weg-
gescheucht. Das Fragment der »Betenden«, Zurich 1917/18, macht dies deut-
lich. L. gelangt an einen Punkt volliger Negierung der sinnlichen Welt des Drei-
dimensionalen. An dem riesenhaften Problem, das sich ihm hieraus fiir seine Kunst
ergab, zerbrach er. Am 25. Marz 1919 endigte er in Berlin durch Selbstmord.
L,iteratur: Es sei vor allein auf die Biographie verwiesen, die Paul Westheim iiber
den Kiinstler geschrieben hat, Gustav Kiepenheuer, Verlag, Potsdam- Berlin 191 9. —
t)ber die Stellung I,.s in der Kunst der Gegenwart siehe Alfred Kuhn, Die neuere Plastik
von 1800 bis zur Gegenwart, Delphin- Verlag, i.Auflage 192 1, 2. Auflage 1922.
Berlin-Friedenau. Alfred Kuhn.
Lindau, Paul, Schriftsteller, * am 3. Juni 1839 in Magdeburg, f am 31. Januar
19 19 in Berlin-Grunewald. — In drei Richtungen ging im wesentlichen alle
Arbeit P. L.s: zum praktischen Theater, zur dramatischen oder erzahlenden
Gestaltung und zum Journalismus. Auf alien diesen und den damit rjenphe-
risch verkniipften Gebieten ist sein Wirken zeitgebunden gewesen; als Zeit-
erscheinung aber hat er ein bestimmtes scharfes Profil und reprasentiert in
gewissem Sinne sogar seine Epoche.
438 ICM9
Sein Lebensweg war ein steter Aufstieg. Nachdem er, als Sohn eines prote-
stantischen Geistlichen geboren, in Halle und Berlin studiert hatte, ging er
zu Anfang der 6oer Jahre nach Paris. Hier hat er nicht nur »die schonsten
und empfangsfreudigsten Jahre « seines Lebens zugebracht, nicht nur »die
scharmantesten Menschen der Welt« kennengelernt, sondern: in Paris als
seiner »zweiten Heimat« hat er auch die entscheidenden Anregungen fiir
seine literarische Tatigkeit erhalten, hier wurde er als Schriftsteller fliigge.
Er wohnte in einer Mietkaserne hinter dem Pantheon in aller Einfachheit (L.s
Brtider Rudolf und Richard waren damals ebenfalls in Paris). Den »Tann-
hauser«-Skandal im Marz 1861 hat L. miterlebt, und ein Aufsatz liber diese
Erlebnisse ist als eine seiner ersten journalistischen Arbeiten im »Deutschen
Museum « von Robert Prutz erschienen. Beitrage in der »Pariser Zeitung«,
einem »ziemlich oden und recht entbehrlichen Blatte«, in der Augsburger » All-
gemeinen Zeitung«, in der Zeitschrift »t)ber Land und Meer« waren vorange-
gangen. Er kam in Paris mit maBgebenden franzosischen Schriftstellern zu-
sammen wie Victor Sardou, F. Sarcey, E. Augier, Alexandre Dumas, deren
Werke er spater wie die mancher anderen Autoren iibersetzt hat. Als L. nach dem
Kriege, 1873, wieder nach Paris kam, hatte sich die Stimmung unter den Lite-
raten, die er vorher nicht genug hatte ruhmen konnen, sehr wesentlich ge-
andert. Nachdem der von L. zeitlebens sehr verehrte Joseph Lehmann, der
Herausgeber des »Magazin fur die Literatur des Auslands« ihn aufgefordert
hatte, »aus dem literarischen Frankreich« (so nannte spater, 1882, L. sein
Buch) etwas zu berichten, schrieb er dort iiber seine Pariser Erfahrungen und
Begegnungen, » iiber Moli£re und Regnard, iiber Diderot und die Enzyklopa-
disten, iiber Victor Hugo und George Sand, iiber Augier und den jiingeren
Dumas « und war also geriistet, einen immerhin groBeren journalistischen Posten
zu ubernehmen : er kam 1863 als Redakteur an die »Diisseldorfer Zeitung«, »ein
altes und altmodisches Blatt, das mit bescheidensten Mitteln arbeitete«. Er
schrieb Leitartikel ebenso wie Theaterkritiken und wurde auch mehrfach in
PreBprozesse verwickelt. Das »eindrucksvollste Ereignis« dieser Zeit aber war
sein Zusammentreffen mit Lassalle, dem er bei der Verurteilung fiir eine im
Arbeiterverein gehaltene Rede beigesprungen war. Im Jahre 1865 ging h.
nach Berlin und wurde, als Nachfolger A. E. Brachvogels und Lothar Buchers,
Redakteur in dem von Bernh. Wolff gegriindeten, nach ihm benannten Tele-
graphenbureau, wo er unter anderem auch die parlamentarische Berichterstat-
tung mit machte. In Berlin hat er Jul. Rodenberg kennengelernt, dem er neben
J. Lehmann, Max Friedlander von der »Neuen Freien Presse« und Heinr. Laube
»eigenthch alles« in seiner schriftstellerischen Laufbahn verdankte, und war
von ihm zur Mitarbeit an dem 1867 gegriindeten » Salon « aufgefordert worden.
Damals war L,. bereits aus Berlin fort und Redakteur an der freisinnigen
»Elberf elder Zeitung«. Aus den Anregungen Rodenbergs entstand das erste
Stiick, » Marion «, das auf eine Pariser Begebenheit undBegegnung zuriickgeht.
Fiir den » Salon « schrieb er dann die ersten satirischen Plaudereien, die er
hernach zu den »Harmlosen Brief en eines deutschen Kleinstadters « zusammen-
faBte und die wegen ihres Witzes, ihres beiBenden Tones, der an Heine ge-
schult war, groBes Aufsehen machten.
Schon im Herbst 1869 gab L. seine Elberf elder Stellung auf und ubernahm
die Leitung einer neuen literarischen Wochenschrift, des »Neuen Blattes«. In
Lindau 439
Leipzig war fur L. das wichtigste Ereignis und Ergebnis sein Verkehr mit
Heinrich Laube; nicht nur deswegen, weil Laube selbst sein erstes Theater-
stuck » Marion « inszenierte, sondern viel wichtiger noch war fur ihn die An-
regung und der Einblick ins praktische Theatergetriebe. Und so hat L. immer
eine warme Dankbarkeit gegen Laube gehegt und gezeigt und hat sich auch
als gelehriger Schuler des Meisters erwiesen. Was L. iiber Laube geschrieben
hat, ist fur die Charakteristik des groBen Wort-Regisseurs noch heute wichtig.
Bis 187 1 leitete L. in Leipzig, das fur ihn »Mittelstation« war, das »Neue
Blatt«; dann ist er als Journalist, als politischer und literarischer Schriftsteller,
als Redakteur, als Buhnenautor in alien Satteln gerecht und reif fiir Berlin.
»Nur wenige Nummern« redigierte er zunachst in Berlin fur die literarische
Beilage des »Bazar«, dann griindete er 1872 »Die Gegenwart«, die er bis 1881
leitete, und machte diese Zeitschrift sehr schnell durch Gewicht und Gesicht
seiner Personlichkeit zu dem angesehensten und maBgebendsten Blatte. Von
hier aus begriindete L. seinen Ruf als Diktator der Kritik, der »Segen und
Fluch ausgeteilt hat, selbstgefallig wie der unfehlbare Papst«, so sagten seine
Gegner. Nach einigen Jahren, 1877, hat der geschickte Redakteur auch eine
Monatsschrift, »Nord und Siid«, eroffnet, urn Platz zu haben fiir groBere Ar-
beiten, die seine Wochenschrift nicht bringen konnte. L. nennt selbst diese
20Jahrige Berliner Periode »wohl die ergiebigste* seines Lebens; sie dauerte
bis 1891. Dann siedelte er nach Strehlen bei Dresden iiber; dazu mogen aller-
hand personliche Umstande mitbestimmend gewesen sein. Viel Staub hat daraals
die Affare Schabelsky aufgewirbelt, die in der L.-Literatur breit erortert wurde.
(Vgl. auch Elis. v. Schabelsky, Der beruhmte Mann, Lustspiel, 1891.) Ferner
hat man ihm zum Vorwurf gemacht, daB er seine Stellung als Dramaturg am
»Deutschen Theater « mit seiner Tatigkeit als Theaterkritiker fiir ein groBes
auswartiges Blatt verquickte und, ahnlich, trotz seiner Theaterkritikerarbeit,
die er im Jahre 1887 fiir das »Berliner Tageblatt« iibernahm, weiterhin Gut-
achten fiir das » Deutsche Theater « erledigte, sich sogar verpflichtet hatte, seine
Buhnenarbeiten dem »Deutschen Theater « in Vorhand zu iiberlassen.
In Dresden aber konnte sich L. gar nicht recht einleben. Er griff also gern
zu, als Herzog Georg II. von Meiningen (s. DBJ. 1914 — 16, S. 23 ff.) ihm die
Stellung eines Hoftheaterintendanten anbot ; obschon der Schiiler Laubes die
ersten Berliner Gastspiele der Meininger keineswegs begeistert kritisiert hatte.
Oktober 1895 trat L. seine Stellung an und war nun, mit geringen Unter-
brechungen, dem praktischen Theater dauernd verbunden. Er hat bis 1899
in Meiningen »mit inniger Freude« gewirkt und die auBerst giinstigen Ar-
beitsbedingungen dankbar anerkannt. Der Spielplan, den L- in Meiningen
geboten hat, setzte sich aus klassischen Werken und Stiicken lebender Autoren
zusammen. Unter denen sind neben Gerhart Hauptmann und Ibsen zahl-
reiche heute schon als unbedeutend erkannte Verfasser vertreten.
Meiningen war Vorstufe fiir Berlin. Im Jahre 1900 wurde L. (an Stelle
von Aloys Prasch) Direktor des Berliner Theaters und sollte (und wollte) hier
das Niveau des Spielplans heben. Er hat, mit dem scharfen Instinkt fiir das
theatralisch Wirksame, den er auch als Autor selbst besaB, zugkraftige Stiicke
gefunden, wie » Alt-Heidelberg « oder den »Hiittenbesitzer«. Aber er hat auch
Moliere, Kleist, Grillparzer, Bjornson gespielt und iiberhaupt manche Auf-
fuhrung fiir rein literarische Anspriiche gebracht. Bis 1903 bekleidete er diese
44° J9*9
Stellung und ging dann an das Deutsche Theater liber. Hier hat er auch seine
Gabe, schauspielerische Talente zu entdecken, betatigen konnen; aber die
Schwierigkeiten, deren L. hier hatte Herr werden mtissen, waren so erheblich,
daB er schon 1905 die Sache aufgeben muBte. Spater zog Hulsen ihn als »ersten
Dramaturg« an das Konigliche Schauspielhaus, und hier war L. der geistige
Berater der Buhne und hat, soweit das damals moglich war, auch modernen
Dichtern den Weg an dieses Theater geoffnet; so sind damals G. Hauptmann
(»Versunkene Glocke«, 1909), H. Sudermann (»Strandkinder«, 1909, das erste
Stiick Sudermanns im Schauspielhaus), Ibsen (»Nora« 1909), Hejermanns (»Die
neue Sonne«, 1910) u. a. zu Wort gekommen, und L. hat von Kleist »Penthe-
silea« und » Robert Guiskard« (191 1) herausgebracht
Mit der praktischen Tatigkeit fiir die Buhne hangt Ls Arbeit als Verfasser
von Theaterstiicken eng zusammen. Nicht ganz zufallig ist es, daB er sich
gerade mit einer spater (1872) als Buch erschienenen Arbeit iiber Moliere den
Doktortitel erwarb. (Ein Buch iiber A. de Musset folgte 1877.) Aus der groBen
Zahl der Theaterstiicke L.s sind vor allem folgende zu nennen: » Marion «,
» Maria und Magdalena«, »In diplomatischer Sendung«, » Diana «, »Ein Erfolg«,
»Johannestrieb«, » Graf in Lea«, »Die beiden Leonoren«, »Der Komodiant«,
»Der Andere«, »Nacht und Morgen«, ». . . so ich dir!« L. hat von den Fran-
zosen die Technik, den Theaterapparat gelernt, und da er einen starken, durch
den Umgang mit Laube noch gesteigerten Instinkt dafiir hatte, was auf dem
Theater wirksam ist, so haben die meisten seiner Arbeiten auch groBen Publi-
kumserfolg gehabt. Das lag nicht in irgendeiner dichterischen Qualitat be-
griindet, sondern lediglich darin, daB L. das Theater und seine dramaturgischen
Requisiten und Bediirfnisse gut kannte und geschickt beherrschte, daB er
gewisse in der Luft liegende Fragen (wie z. B. das Judenproblem in der » Graf in
Lea«) theatersicher anpackte, daB er eine Art der Darstellung besaB, die dem
Publikum glatt einging, das sich Sittenschilderungen in so gemilderter und
parfiimierter Weise gern gef alien lieB, das sich die Nerven ein biBchen zwicken
lieB, ohne daB L. je eine wirklich dichterisch-tragische Gestaltung erreicht
hatte. Ungluckliche Frauen, falsch erzogene oder gesunkene Madchen, eitle
Narren, Literaten, Theateragenten, doppellebige Menschen — solche Gestalten
versteht L- immer auf der Buhne interessant zu machen mit den Methoden
einer Theaterpsychologie, die den Menschen der ausgehenden wilhelminischen
Epoche noch erheblich erschien und sehr schnell sich als unwirksam, ja un-
ertraglich offenbarte. Die dankbaren Rollen, die Machtstellung des Kritikers,
der Bedarf an guter Theaterware: dadurch ist der breite Erfolg der Stiicke
L.s zu erklaren; besonders starke Wirkungen erzielte L. iibrigens als Uber-
setzer von J. Echegarays »Galeotto«.
Positiver kann man sich zu den dramaturgisch-theoretischen Arbeiten L.s
stellen. Er hat in dem groBen Aufsatz » Regie und Inszenierung« zur Populari-
sierung besserer Kenntnisse iiber Theaterkunst beigetragen (deren Grundlagen
freilich bald genug ganz andere geworden sind), er hat in der Gegenuberstel-
lung »Dichter und Buhne in Deutschland und Frankreich« Abgrenzungen vor-
genommen, aus denen viel praktische Erfahrungen sprechen, und er hat in der
Erorterung »t)ber die Kunst des Schauspielers « die Frage nach der Moglichkeit
fiir den Schauspieler, in der Rolle aufzugehen oder nicht, zwar nicht beant-
wortet, wohl aber sie in seiner Teils-teils-Methode mit manchen wichtigen Be-
Ltindau
441
weismomenten gefordert. (Diese Aufsatze sind zusammengestellt in: »Vor-
spiele auf dem Theater «, 19 15.) Wenn er »Laube und Dingelstedt als Regisseure«
schildert (Nord nnd Siid, 1901, Juliheft, S. 60 — 82), so hat das bleibenden, fur
die Erkenntnis der beiden Theaterleiter immer nutzbaren Wert, wahrend seine
»Dramaturgischen Blatter « (1875 und 1879) nichts mehr zu sagen haben.
Auch in seinen Romanen und Novellen hat L. keine dichterische Gabe offen-
bart, wohl aber sich als gewandten, anregenden, witzigen Plauderer gezeigt
(der er auch im Leben war). Hinzu kam eine helle, gute Beobachtungsgabe und
die geiibte Geschicklichkeit des erfahrenen Journalisten und Feuilletonisten,
der elegant und wirkungssicher zu schreiben verstand. Begreiflich, daB sich
dieser Beobachter fiir seine Romane kein geringeres (freilich nicht glatt ge-
lungenes) Ziel setzte, als in einem Zyklus » Berlin « das Wesen der neuen Welt-
stadt zu erfassen. In dem ersten Roman »Der Zug nach dem Westen« (1886)
schildert er die Welt und Umwelt einer burgerlichen Emporkommlingsfamilie,
mit deren Schicksal das eines jungen Kiinstlers verkniipft wird. In dem zweiten
Roman » Arme Madchen« (1887) spannt Iy. einen leichtsinnigen, aber guten und
anstandigen Grafen mit dem Blumenmadchen aus den unteren Volksschichten
zu traurigem Ende zusatnmen, und in dem dritten Teil »Spitzen« (1888) stellt
er die Aristokratie und die proletarische Verbrecherwelt gegeneinander. Aus den
novellistischen Arbeiten darf man herausheben: »Herr und Frau Bewer«, »Im
Fieber«, »Die Gehilfin«, die alle drei in Abwandlungen das Eheproblem be-
handeln.
L.s Feuilleton war fiir den Tag geschrieben, aber seine Erf olge auf diesem Ge-
biete durften ihn veranlassen, auch seine Tagesschriftstellerei zu sammeln. Be-
zeichnend fiir ihn und auch heute noch lesbar sind die Bande : »Harmlose Brief e
eines deutschen Kleinstadters « (1871), »Literarisc\he Riicksichtslosigkeiten «
(1871), »Niichterae Briefe aus Bayreuth« (1876), » Uberf liissige Briefe an eine
Freundin« (1877).
Bemerkenswert sind schlieBlich noch unter den zahlreichen Arbeiten dieses
sehr gebildeten und kenntnisreichen Schriftstellers seine (mit durchaus nicht
alltaglichem kriminellem Verstandnis angelegten) Erorterungen interessanter
ProzeBfalle, fiir die ihm seine psychologische Einfuhlungsfahigkeit zugute
kam; etwa »Die Ermordung des Advokaten Bernays«, »Idealismus und Na-
turalismus in Berlin. ProzeB Graef«, »Verbrechen oder Wahnsinn? Das Schul-
madchen Marie Schneider «, »Die Morder des Kaufmanns Max KreiB. Das
Muster eines Indizienbeweises«. (Zusammengestellt in: »Interessante Falle«,
1888.) Oder »K. Hau und die Ermordung der Frau Josef ine Molitor« (1907).
In allem dokumentiert sich L. als eine zeitgebundene, seine Zeit erfullende
Personlichkeit. Neuen, vorauseilenden geistigen Erscheinungen hat er oft genug
ablehnend gegeniibergestanden, was sich etwa bei den Meiningern oder bei
R. Wagner zeigte. Und so hat ihn die neue Zeit sehr bald iiberrannt, namentlich
die Stromung des Naturalismus, die gegen die innere Unwahrheit der L.schen
Epoche Sturm lief, hat die ersten Angreifer gegen ihn vorgeschickt. In den
»Kritischen Waffengangen« der Gebriider Heinrich und Julius Hart stehen
(Heft 2, 1882, S. 11) folgende gegen »Paul h. als Kritiker« gerichteten Satze:
»Charakterlosigkeit bildet den Charakter der L.schen Sprache; nirgends eine
Stelle, ein Satz, ein Wort, aus dem eine eigengeartete Individualitat heraus-
sprange, sondern iiberall glatter Salonfirnis, ein oberflachliches Geplauder,
442 1919
welches den Wasserspiegel leicht krauselt, aber nirgends aufwiihlt . . . Finger-
fertig, von groBer Schreibseligkeit und unbestreitbarem FleLBe, trug L. kein
Bedenken, auch die dramatische Knnst in das Joch seines Leichtsinnes einzu-
spannen. Seine Produkte auf diesem Gebiete sind die Negation alles Drama-
tischen . . . Die Kritik hat sich stets sehr sprode benommen dem Dichter L.
gegeniiber — unbestrittene Erf olge erzielte er nur auf dem Gebiete der Feuille-
tonistik, Satire und Kritik. « Andere Gegner sind in den Schriften von Fiedler,
Fisahn, Koberle, Mehring (unten S. 446 ff., bes. S. 448) Hartwich aufgetreten.
Literatur: P. L., Nur Erinnerungen, I, 1916, II, 1917. — E. O. Konrad, P. L., eine
Charakteristik, 2 1876. — C. Fiedler, Das Deutsche Theater, was es wollte, was es ist, was
es werdenmuB, a 1877, ^es- S. 252 ff. - — E. Hadlich, P. L,. alsdramatischer Dichter, 1876. —
J. Fisahn, P. L. als Kritiker und das Theater, 1876. — W. Goldschmidt, Notizen zu
Schriften von P. L., 1878. — Junius, P. L. und das literarische Judentum, 1879. —
J. Pflerr, Herr Dr. P. L., der umgekehrte Lessing, 1880. — G. Koberle, Der Verfall der
deutschen Schaubiihne und die Bewaltigurjg der Theateikalemitat, 1880. — F. Mehring,
Der Fall L-, 1890. — G. Hartwich, P. L.s Gliick und Ende, 1890. — V. Klemperer, P. L-,
1909. — Den NachlaB P. L.s verwaltet sein Sohn Dr. Hans L,indau, Berlin.
Berlin-Steglitz. Hans Knudsen.
Lurmann, Fritz W„ Dr.-Ing. e. h., Hiitteningenieur, * am 31. Mai 1834 in
Iserlohn, f am 24. Juni 1919 in Osnabriick. — Auf dem Akenbrock, der
jetzigen Alexanderhohe in Iserlohn wurde L. geboren und verlebte dort eine
gliickliche Jugend. Sein Vater, ein GroBkaufmann, vertrieb die Erzeugnisse
von Iserlohn, Altena, Liidenscheid, Remscheid und Solingen. Er zog seinen
Sohn schon fruhzeitig zu kleinen Bureauarbeiten heran und nahm ihn auch
wiederholt mit auf die Leipziger Messe. Der junge L. besuchte zunachst die
Elementarschule und spater die Rektoratsschule seiner Heimatstadt und nahm
daneben noch am Zeichenunterricht in der Sonntagsschule teil. Auf seinen
Streifereien in die Umgebung Iserlohns besuchte er des ofteren einen kleinen
Holzkohlenhochofen in Rodinghausen bei Menden, der mit seinen von einem
Wasserrad getriebenen ledernen Blasbalgen L. immer mehr in seinen Bann
zog. Als im Herbste 1849 verschiedene seiner Mitschiiler sich in die Gymnasien
und Realschulen der umliegenden Stadte aufnehmen lieBen, erklarte L. seinem
Vater, er wolle auch eine andere Schule besuchen und Eisen machen lernen.
L.s Vater, ein Mann von kurzen Entschliissen, schickte seinen Sohn auf die
konigliche Gewerbeschule nach Halberstadt, an der sein Freund Romberg
Chemie lehrte.
L. siedelte Ostern 1850 nach Halberstadt iiber; im Herbst desselben Jahres
begann der zweijahrige Kursus an der Gewerbeschule, den L. im Jahre 1852
mit einem gut bestandenen Examen abschlofi. Im Anschlui3 besuchte er das
konigliche Gewerbeinstitut in Berlin. Dort wirkten seine Lehrer, wie Drucken-
miiller, Dove, Rammelsberg und Manger mit Erfolg auf ihn ein und bildeten
ihn zu einem tiichtigen Chemiker und Hiittenmann aus. Auf Empfehlung
von Druckenmiiller und Rammelsberg erhielt L. nach zweieinhalbjahrigem Be-
such des Gewerbeinstituts eine Stelle als Chemiker bei der Firma Born, Lehr-
kind & Co. in Hafllinghausen bei Schwelm. Diese Gesellschaft betrieb in HaB-
linghausen zwei Hochofen zur Verhiittung des im Steinkohlengebirge West-
falens vorkommenden Kohleneisensteins (Blackband). L. errichtete in Liinen
Lindau. Liirmann 443
an der Lippe auf der zur gleichen Gesellschaft gehorigen Eisenhiitte Westfalia
ein kleines Laboratorium, um Analysen fiir die von den Hochofen verwen-
deten Rohstoffe durchzufuhren. Da diese Arbeiten nur einen Teil seiner Zeit
in Anspruch nahmen, konnte sich Iy. viel bei dem kleinen Holzkohlenhochofen
auf der Eisenhiitte Westfalia aufhalten und dort bereits als Einundzwanzig-
jahriger durch Verbesserung des Mollers die Schwierigkeiten beheben, die
sich seit langer Zeit durch die schwer schmelzbare Schlacke des Hochofens
ergeben hatten. Des weiteren konnte er im nachsten Jahre (1856) in kiirzester
Zeit die Neuzustellung des Hochofens der Westfalia durchfuhren und konnte
im AnschluB daran die erste Inbetriebsetzung eines Hochofens leiten. Zur
damaligen Zeit war es noch ublich, da£ man die aus dem Hochofen entwei-
chenden Gase nicht ausnutzte, sondern einfach an der Gicht verbrennen lieB.
Da sich aber in Westdeutschland, Belgien und Nordfrankreich bereits Ver-
fahren herausgebildet hatten zur Verwendung dieser Hochofengase bei der
Beheizung von Dampfkesseln und Winderhitzern, so wurde L. im Jahre 1856
von seiner Gesellschaft zu einer Reise durch die genannten Bezirke veran-
laBt, um die Frage der Verwertung der Gichtgase zu studieren.
Die damals schon hervorragenden Leistungen des jungen Mannes schafften
ihm bald Ansehen im Kreise der Eisenhiittenleute, und so wurde er, als im
September 1856 die Hutte in HaBlinghausen von Vertretern des Georgs-
Marien-Bergwerks- und Hiittenvereins in Osnabriick besichtigt wurde, auf
Veranlassung dieser Herren, zum Bau und Betrieb der Hochofenanlage in
Osnabriick verpflichtet. Er nahm seinen Dienst Anfang Januar 1857 auf und
konnte am 14. Juli 1858 den ersten Hochofen des Werkes in Betrieb setzen.
Das Werk lag frachtlich sehr ungiinstig. Alle Rohstoffe muBten auf Pferde-
karren herangeschafft werden. Um 1000 Pfund Roheisen zu erzeugen, waren
7600 Pfund Rohstoffe erforderlich und zur Heranschaffung des Rohstoff-
bedarfs an jedem Wochentage 125 Pferdefuhren.
In die Osnabriicker Zeit fallen zwei wichtige Erfindungen L.s: die Her-
stellung von Mauersteinen aus granulierter Hochofenschlacke und die Er-
findung der Schlackenform.
Emil Langen in Troisdorf hatte als erster die hydraulischen Eigenschaften
der granulierten Hochofenschlacke erkannt. Infolgedessen versuchte auch L.
diese an Stelle mechanisch zerkleinerter Schlacke fiir die Herstellung von
Mauersteinen zu verwenden. Es gelang ihm endlich nach Uberwindung vieler
Schwierigkeiten, die in der Hauptsache in dem Bau einer geeigneten Stein-
presse lagen, ein marktfahiges Erzeugnis herzustellen, das sehr bald fiir offent-
liche, Wohn- und Nutzbauten Verwendung fand. L. griindete, da die Georgs-
Marien-Hiitte die fabrikmaBige Herstellung der Schlackensteine ablehnte, mit
einigen Freunden ein besonderes Unternehmen, das bereits im Jahre 1875 tiber
sechs Millionen solcher Steine herstellte. Auch heute noch ist der Schlacken-
stein ein wertvolles Mittel, um auf vielen Hochofenwerken in niitzlicher
WTeise einen Teil der Schlacken zu verwenden.
Bedeutungsvoller war die Erfindung der Schlackenform. Bei den bisher in
Betrieb stehenden Kokshochofen war der Vorherd von jeher ein Schmerzens-
kind gewesen. L. versuchte nun auch bei den Kokshochofen die geschlossene
Brust anzuwenden, wie sie bei den Holzkohlenhochofen gebrauchlich war. Er
war sich aber klar dariiber, daB man ohne wei teres die Verhaltnisse des Holz-
444 ]glg
kohlenofens nicht auf den Kokshochofen iibertragen konnte, weil die ent-
fallende Menge Schlacken bei dem letzteren viel groBer war. L- ging schritt-
weise vor. Trotz aller Fehlschlage und trotz aller Mahnungen von ihm nahe-
stehender Personen, die Versuche einzustellen, und trotz einer Verbnihung,
die er sich bei diesen Versuchen zuzog, und die ihn neun Wochen ans Bett
fesselte, versuchte L. auf dem einmal beschrittenen Wege weiterzukommen,
indem er als Antwort auf etwaige Fragen nach den miBlungenen Versuchen
nur die Worte hatte: »So ging es zwar nicht, aber es geht doch.« Aus seinen
bisherigen Versuchen hatte L. erkannt, daC die Offnung fiir den Schlacken-
abfluB stark gekuhlt sein miisse, damit sie sich nicht vergroBere, und mit
ihrer hinteren Flache miisse sie dem Innern des Ofens so nahe als moglich ge-
bracht werden, damit der AbfluB der fliissigen Schlacke auch jederzeit ge-
sichert sei.
Diesen Bedingungen entsprach L.s Schlackenform. Er benutzte dazu ein
zu drei Spiralwindungen gebogenes Gasrohr, das mit GuBeisen so umgossen
wurde, daB innerhalb dieser Windungen die SchlackenabfluBoffnung ausge-
sparrt war. Er baute diese erste Anordnung der Schlackenform in den Vorherd
eines Hochofens der Georgs-Marien-Hiitte ein. Wenngleich dieser letztere Urn-
stand sehr viel Unbequemlichkeit in der Folge hatte, so arbeitete die Schlacken-
form doch einwandfrei wahrend zweier Versuchsmonate. Bei einem am 21. Ok-
tober 1867 in Betrieb gesetzten, neu zugestellten Hochofen der Georgs-Marien-
Hiitte setzte L. die vollkommene Beseitigung des Vorherdes und den Einbau
seiner Schlackenform durch. Die Anordnung bewahrte sich ausgezeichnet ;
dieser erste Kokshochofen mit geschlossener Brust machte eine Hiittenreise
von zwolf Jahren.
1,. hatte seine Erfindung beim Ministerium fiir Handel, Gewerbe und offent-
liche Arbeiten in Berlin zum Patent angemeldet. Das Ministerium lehnte aber
eine Patenterteilung ab, »weil das bekannte Princip der Wasserkiihlung«
nichts Paten tfahiges darstellte. Selbst auf eine personliche Riicksprache hin
in Berlin war es L. nicht moglich, seinen Patentanspruch durchzubringen.
Es ist dieses einer der vielen Fehler, die die Vorlaufer des Reichspatent-
amtes groBen Erfindungen gegeniiber gemacht haben.
In Ermangelung eines deutschen Reichspatentes wandte sich L. mit einem
Rundschreiben an die deutschen Hochofenwerke, in dem die Vorteile der
Schlackenform hervorgehoben wurde. Gegen eine Vergiitung von 200 Talern
erklarte sich L,. bereit, Beschreibung und Zeichnung der Erfindung zu iiber-
lassen, wobei der Kaufer die Verpflichtung ubernehmen muBte, keinem
anderen Werke Mitteilung iiber diese Neuerung zu machen. In den Jahren 1868
und 1869 wurden insgesamt 31 deutsche Hochofen mit der L.schen Schlacken-
form ausgerustet. Auch im Auslande fand die Erfindung sehr bald Anwendung.
Am 3. September 1873 gab L- seine Stellung beim Georgs-Marien-Bergwerks-
und Hiittenverein auf, um sich in Osnabriick als beratender Ingenieur nieder-
zulassen. Die Tatigkeit L.s und seines hiittentechnischen Bureaus, das er 1903
nach Berlin verlegte und seit dem Jahre 1906 zusammen mit seinem Sohne
Fritz betrieb, im einzelnen zu schildern, wiirde iiber den Rahmen dieses Nach-
rufes hinausgehen. Etwa achtzehn vollstandige Hochofenanlagen mit rund
fiinfzig Ofen wurden von L. entworfen. Dazu kamen zahlreiche Zeichnungen
fiir einzelne Hochofen, Gutachten iiber bestehende und geplante Werks-
Lurmaon
445
anlagen, und seit Eintritt seines Sohnes in das Bureau auch noch viele Ent-
wiirfe von Stahl- und Walzwerken. Daneben war aber L,. auch noch darauf
bedacht, grundlegende Verbesserungen auf vielen Gebieten des Eisenhiitten-
wesens durchzufuhren. Diese Arbeiten erstreckten sich auf Gaserzeuger, Koks-
ofen zur Verkokung von Gaskohlen oder Mischungen von mageren mit sehr
fetten Kohlen, Kuppelofen u. a. m. Wichtig unter diesen Arbeiten ist noch Ls
Einrichtung zur besseren Verbrennung der aus den Hochofen und Koksofen
entweichenden Gase in Winderhitzern und unter Dampfkesseln, sowie vor
allem sein Hinvveis auf die Verwendung der Hochofengichtgase zum Betriebe
von Gasmaschinen. Durch die Vertretung einer Patentangelegenheit fiir James
Atkinson, dem Direktor einer Londoner Gasmotorenfabrik, wurde L. veran-
laBt, sich mit der Gasmaschine zu befassen. In einem Vortrage am 12. Mai 1886
in Witten a. d. Ruhr iiber Gasmaschinen betonte er als erster, daB man in
einer guten Gasmaschine auch Hochofengase verwenden konne. Die Folgezeit
hat Iy. recht gegeben.
Es ist einleuchtend, daB eine so vielseitige und erfolgreiche Tatigkeit auch
viele Ehrungen bringen muBte. In der Hauptversammlung des Vereins deut
scher Eisenhiittenleute vom 3. Dezember 1905 wurde I,, aus AnlaB seines
fiinfzigjahrigen Berufsjubilaums die Carl-Lueg-Denkmunze verUehen, nach-
dem er bereits im Jahre 1889 die goldene Staatsmedaille »Fiir gewerbliche
Leistungen« erhalten hatte und im Jahre 1903 von der Technischen Hoch-
schule zu Berlin zum Ehrendoktor ernannt worden war. Daneben war er
Inhaber des Roten-Adler-Ordens und Kronenordens 3. Klasse. Die groBte
Ehrung, die der Verein deutscher Eisenhiittenleute zu vergeben hat, die Ehren-
mitgliedschaft, wurde L. im Jahre 1909 zuteil. Bezeichnend ist die Antwort,
welche L. auf die Ansprache des damaligen Vorsitzenden, des Kommerzien-
rats Dr.-Ing. e. h. Friedrich Springorum, gab: »Meine Herren! Ich sage herz-
lichen Dank fiir die groBe Ehrung, die Sie mir haben zuteil werden lassen.
Ich nehme sie an fiir das kleine Ding, fiir die Schlackenform. Die Schlacken-
form ist so klein und so unbedeutend, daB sie kaum mit meinem Namen ver-
kniipft ist. Die Schmelzer an den Hochofen wissen gar nicht, wer sie zuerst
gemacht hat und woher sie eigentlich stammt. Als das kleine Ding im Jahre 1867
bei den Hochofen eingefiihrt wurde, da machten die groBten Hochofen im
hiesigen Revier 70000 Pfund Roheisen. Das waren 35 Tonnen oder dreieinhalb
Eisenbahnwagenladungen. Heute erzeugt ein Hochofen im Revier 625 Tonnen
an einem Tage, und zwar nicht nur an einem Tage, auch nicht in einem
Wochen- oder Monatsdurchschnitt, sondern in einem Jahresdurchschnitt, auf
eine Reihe von Monaten. Das sind 62^2 Wagenladungen, das ist ein tiichtiger
Eisenbahnzug. So viel macht heute ein Hochofen an einem Tage. Und die
kleine Schlackenform muB sich daher auch fiir die mir von Ihnen zuteil ge-
wordene Ehrung bedanken ! «
DaB auch das Ausland die Verdienste L.s um das Eisenhuttenwesen wohl
zu schatzen wuBte, erhellt daraus, daB das Iron and Steel-Institute in London,
die Fachvereinigung englischer Eisen- und Stahlhuttenleute, in seiner Vor-
standssitzung vom 10. November 1909 L. zum » Honorary Vice-President «
ernannte.
In seiner Familie hatte L. schwere Verluste. Mit Ausnahme einer Tochter
starben alle seine Kinder vor ihm. Als sein Sohn und Teilhaber Fritz L. am
446 19*9
30. August 19 14 starb, gab L. sein hiittentechnisches Bureau auf und ver-
machte die verbliebenen Zeichnungen und Entwiirfe der Technischen Hoch-
schule zu Berlin. Im Oktober 1918 zog er wieder nach Osnabriick. Einige
Wochen spater starb dort seine Frau, mit der er 58 Jahre in gliicklicher Ehe
gelebt hatte. Er selbst starb am 31. Mai 1919 und wurde auf dem Kirchhofe
zu Osnabriick beigesetzt.
Mit Fritz W. I,, ist nicht nur ein tuchtiger Ingenieur dahingegangen, son-
dern auch ein prachtiger aufrechter Mann. Fast auf keiner der Hauptversamm-
lungen des Vereins deutscher Eisenhiittenleute fehlte diese markante Gestalt
mit dem Schlapphut und verfolgte dort mit regster Anteilnahme die auf der
Tagesordnung stehenden Fragen. Haufig griff I,, mit der ihm eigenen Frische
und Schlagfertigkeit in die Diskussionen ein, und mancher wertvolle Rat
schlag und manche gute Anregung wurde bei dieser Gelegenheit gegeben.
Daneben hielt er selbst iiber den ihm so ans Herz gewachsenen Hochofen
klare und inhaltvolle Vortrage und veroffentlichte dariiber in der Vereins-
zeitschrift »Stahl und Eisen« eine Reihe wertvoller Aufsatze. Aber nach ge-
taner Arbeit konnte L,. auch im Freundeskreis ein guter Gesellschafter sein, der
eine muntere Unterhaltung pflegte. Er wui3te durch seine lebendige Art die
Zuhorer immer wieder in seinen Bann zu ziehen. Schmerzlich beriihrte ihn der
Zusammenbruch unseres Vaterlandes im Herbst 1918 und die triiben Aus-
sichten fur die Zukunft unserer Industrie. Von seinen Zeitgenossen hoch-
geachtet, wird sein Bild im Gedachtnis der Uberlebenden bleiben als das eines
fahigen Eisenhiittenmannes, eines erfolgreichen Erfinders und einer starken,
in sich selbst ruhenden Personlichkeit.
Literatur: Fritz W. L., Die Einfiihrung der Schlackenform in Deutschland. Stahl
und Bisen 11 (1891), S. 553/58. — A. Guttmann, Die Verwendung der Hochofenschlacke
im Baugewerbe. Diisseldorf 19 19. — Lebensbeschreibung des Hiitteningenieurs Dr.-Ing.
E. h. Fritz W. Iy. Osnabriick 1919. — Heinrich Macco, Fritz W. I*. Stahl und Eisen 39
(191 9), S. 897/900. — Herbert Dickmann, 60 Jahre Lr.sche Schlackenform. Stahl und
Eisen 47 (1927), S. 634/35.
Diisseldorf-Grafenberg. Herbert Dickmann.
Mehring, Franz, Publizist und Historiker, * am 27. Februar 1846 in Schlawe
(Pommern), f am 27-/28. Januar 1919 in Berlin, gehorte zu den sogenannten
sozialistischen Akademikern und hatte sich durch Studium in den Universi-
taten Berlin und Jena ein grundliches Wissen erworben. Er entstammte einer
burgerlichen Beamten- und Pfarrerfamilie und erbte von seinen Vorfahren
den norddeutschen schwerbltitigen Sinn, Griindlichkeit und Pflichttreue. Hinzu
kam ein leidenschaftliches Gefiihl der .Gerechtigkeit, das ihn zwang, iiberall,
wo er Unterdnickung, Mii3brauch eines Schwacheren, Verleumdung witterte,
sich mit der Wucht seiner ganzen Personlichkeit einzusetzen. Jede Halbheit
war ihm fremd, wo er sich einer Sache hingab, so war die Hingabe vollstandig,
wo er haBte, so bis auf den Grund. Diese Charakteranlagen trieben M. zum
Radikalismus, machten ihn zu einem Kampfer fur die Sache der Unterdriickten.
Jedoch vereinigten sich diese Eigenschaften bei ihm mit ganz anders gearteten
Ziigen, die sein Gesamtcharakterbild zu einem auBerst widerspruchsvollen und
komplizierten machten. Vor allem zeichnete er sich durch eine merkwurdige
I^urmann. Mehring 447
Erregbarkeit aus, die einen bestandigen Wechsel seiner Stimmungen hervor-
rief vind oft sein Augenmafl fur die Dinge triibte. Auch verstand er es nicht,
die Sache von der Person zu trennen, er fuhlte sich personlich mit seiner
Meinung verwachsen, Personliches und Sachliches verflochten sich fiir ihn zu
einem unteilbaren Ganzen. In dieser seiner Eigenart liegt der Schliissel zum
Verstandnis seiner wechselvollen Parteistellung und der Tatsache, daB M.,
der an und fiir sich ein treuer Kamerad sein konnte, sich so schnell und jah
aus einem Freund in einen Feind verwandelte, der es nicht verschmahte,
gegen seine friiheren Gefahrten maBlose Angriffe zu fiihren.
Seine journalist ische Tatigkeit begann M. in der von Guido WeiB redi-
gierten »Zukunft«, zu deren bestandigen Mitarbeitern er seit dem Januar 1870
zahlte. Spater war er auch in der Redaktion der »Wage« tatig, die Guido
WeiB an Stelle der im Jahre 1871 eingegangenen »Zukunft« seit 1873 heraus-
gab. Der temperament voile, geistreiche Guido WeiB mit seinem flussigen Stil
und seiner zugespitzten Polemik wurde der Lehrer M.s in der Journalistik.
Gleichzeitig trat M. auch dem Begninder der »Zukunft«, dem radikal-demo-
kratisch gesinnten Johann Jakoby naher, der mit Zahigkeit an den Idealen
von 1848 festhielt. In diesem Kreise lernte M., der von Haus aus nach seinem
eigenen Zeugnis »gut preuBisch« gesinnt war, und als Abiturient mit Be-
geisterung das Thema »PreuBens Verdienst um Deutschland« behandelt hatte,
den preuBischen Staat hassen, in dem er von der Zeit an die Verkorperung
aller reaktionaren Machte sah. In den Anfang der siebziger Jahre fallt auch
die erste Annaherung M.s an die Sozialdemokratie. Dies geschah um so leichter,
da die biirgerliche Demokratie, die sich um die »Zukunft« gruppierte, der
jungen Arbeiterbewegung ein reges, wohlwollendes Interesse entgegenbrachte
und freundschaftliche Beziehungen zu den Sozialistenfuhrern unterhielt. Als
im Herbst 1870 Johann Jakoby, der gegen die Annexion von ElsaB-Lothringen
protestiert hatte, in Haft gesetzt wurde, und die »Zukunft« eine Solidaritats-
erklarung mit ihm veroffentlichte, schlossen sich dieser einmiitig wie Mit-
glieder der burgerlich-demokratischen deutschen Volkspartei, so auch Ver-
treter der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Eisenacher Programms an.
Unter den hundert Unterschriften befand sich auch der Name M.s. Letzterer
hatte sich schon als Student eingehend mit den Fragen der Arbeiterbewegung
beschaftigt und vornehmlich die Schriften Lassalles studiert, die auf ihn einen
tiefen Eindruck machten und groBe Bewunderung fiir die Personlichkeit und
Tatigkeit Lassalles hervorriefen. Zum Ausdruck brachte M. seine Sympathien
fiir die Sozialdemokratie in vier in der »Wage« veroffentlichten Artikeln, die
eine Antwort auf die Angriffe Treitschkes gegen die Sozialisten enthielten.
Diese Artikel um zwei weitere vermehrt erschienen dann anonym als Broschure
unter dem Titel: »Herr v. Treitschke als Sozialistentoter«. Gleichzeitig war
M. als Mitarbeiter an dem sozialistischen Leipziger )>Volksstaat« tatig, fiir den
er gegen die Politik Bismarcks gerichtete Beitrage lieferte. Besonders rege
wurden die Beziehungen M.s zur Sozialdemokratie um die Mitte der siebziger
Jahre, als zwischen ihm und den biirgerlichen Radikalen eine merkliche Ab-
kiihlung eintrat, deren Griinde letzten Endes personlicher Art waren. M., der
eine Zeitlang Berliner ^Correspondent der » Frankfurter Zeitung« war, hatte
sich mit dem radikal-politisch eingestellten Redakteur Leopold Sonnemann
iiberworfen und veroffentlichte gegen ihn, von seiner ihm eigenen Leidenschaft
448 1919
hingerissen, scharfe Angriffe, was natiirlich nicht ohne Riickwirkung auf die
Beziehungen M.s zu den Berliner Parteifreunden Sonnemanns bleiben konnte.
Als Mitglied ist M. damals jedoch der Sozialdemokratischen Partei nicht bei-
getreten, und schon nach kurzer Zeit, in der zweiten Halfte der siebziger
Jahre, vollzog sick ein so jaher Bruch mit der Sozialdemokratie, daB M. in
den folgenden Jahren in der »Gartenlaube« eine Reihe von Artikeln veroffent-
lichte, die eine scharfe Polemik gegen die Sozialisten enthielten. Und, was
ihm von sozialdemokratischer Seite besonders ubel vermerkt wurde, er setzte
seine feindseligen Angriffe auch dann fort, als gegen die Sozialisten das Aus-
nahmegesetz verhangt wurde. In dem Vorwort zur zweiten Auflage seiner im
Jahre 1877 veroffentlichten, im Tone einer Anklage gehaltenen Schrift »Die
Deutsche Sozialdemokratie. Ihre Geschichte und ihre Lehre« hat M. seine
Abkehr von der Sozialdemokratie dadurch motiviert, daB er seinen Irrtum
beziiglich der Entwicklungsmoglichkeiten der deutschen Sozialisten einge-
sehen habe. Solange die Bewegung unter den Traditionen Lassalles stand,
habe er gehofft, so ftihrt er weiter aus, daB sich aus ihr eine national gesinnte
Arbeiterpartei entwickeln werde, doch nachdem seine Ansichten iiber Ge-
sellschaft und Staat reifer und tiefer geworden seien, habe er erkannt, daB
»der Gedanke des modernen Kommunismus und der Gedanke des modernen
Staates sich scheiden wie Feuer und Wasser«. Tatsachlich entwickelte M. in
den folgenden Jahren in seinen Artikeln die Gedankengange eines antirevolu-
tionaren Sozialreformers. Jedoch fehlte es auch bei diesem Bruch nicht an
personlichen Momenten, vor allem soil sich M. dadurch gereizt gefuhlt haben,
daB die Vertreter der Sozialisten offen ihre MiBbilligung aussprachen iiber die
Art und Weise, wie M. den Kampf gegen Sonnemann fortfuhrte und nicht
einmal davon Abstand nahm, seine Angriffe in gegnerischen Blattern zu ver-
offentlichen, wie z. B. in der nationalliberalen »Magdeburger Zeitung«.
Der Zerfall mit der Sozialdemokratie bedeutete fur M. keineswegs eine Aus-
sohnung mit dem preuBischen Staate, und nach wie vor blieb er Gegner des
Bismarckschen Regierungssystems. Seit der Mitte der achtziger Jahre fuhrte
M. als Leiter der biirgerlichen liberalen » Berliner Volkszeitung« einen riick-
sichtslosen Kampf gegen das Sozialistengesetz und seinen Urheber Bismarck,
den er bis iiber das Grab hinaus mit todlichem HaB verfolgte. Die glanzend
geschriebenen Artikel, in denen leidenschaftliche Anklagen mit beiBender
geistreicher Ironie abwechseln, machten Eindruck, und der Mut, mit dem M.
jetzt sich fur die Sache der Sozialisten einsetzte, lieB die Erinnerung an die
Gartenlaubenartikel verblassen. Ihrerseits iibte auch die Sozialdemokratie
auf M. eine immer groBer werdende Anziehungskraft aus, nachdem der Ver-
such Lenzmanns, an dem sich auch M. beteiligte, eine entschieden demo-
kratische biirgerliche Partei ins Leben zu rufen gescheitert war. Es bedurfte
nur noch eines letzten AnstoBes, um den endgiiltigen Bruch M.s mit den
biirgerlichen Kreisen herbeizufuhren. Den AnlaB dazu bot sein gezwungenes
Ausscheiden aus der Redaktion der » Berliner Volkszeitung« infolge seines
Eingreifens zugunsten einer Schauspielerin, die durch das Verhalten des
Kritikers Paul Lindau (siehe oben S. 437 ff.) brotlos geworden war. Damals
erschienen M.s vielgelesenen Flugschriften »Der Fall L,indau« (1890) und
»Kapital und Presse« (1891), die das Cliquenwesen in Theater und Presse
brandmarkten. Jetzt trat M. der Sozialdemokratischen Partei bei und wurde
Mehring 449
Mitarbeiter in der gerade damals zu einer Wochenschrift umgewandelten
»Neuen Zeit«.
In der Person M.s hatte die $ozialdemokratische Partei einen hervorragenden
Publizisten und Pamphletisten groBen Stils gewonnen, der ihr Jahrzehnte hin-
durch mit der Feder in der Hand diente. Die Bedeutung M.s liegt hauptsach-
lich auf dem Gebiete der Journalistik und wissenschaftlicken Arbeit, dem-
gegeniiber sein Anteil an der praktisch-politischen Tatigkeit zuriicktritt. All-
wochentlich brachte er in der »Neuen Zeit« eine oft satirische, immer glanzend
stilisierte Ubersicht der politischen Vorgange, wie sie sich vom sozialdemo-
kratischen Standpunkte darstellten. Daneben redigierte M. Jahre hindurch
die »Leipziger Volkszeitung*. M.s politische Artikel iibten, vornehmlich in
den neunziger Jahren, einen groBen EinfluB auf die gesamte sozialdemokra-
tische Presse aus und dienten vielen angehenden sozialistischen Journalisten
zum Vorbild.
Von ebensolcher, wenn nicht groBerer Bedeutung fur die Partei war die
wissenschaftliche Tatigkeit M.s, der sich dem Studium der Geschichte der
deutschen Arbeiterbewegung und ihrer hervorragenden Fuhrer — Marx,
Engels und Lassalle — widmete und mit unermudlichem Eifer das umfang-
reiche Material dazu sammelte und herausgab. Daneben beschaftigte er sich
mit Fragen der allgemeinen, vornehmlich deutschen Geschichte und Liter atur.
Diese letzten Arbeiten sind jedoch nicht so sehr Erzeugnisse selbstandiger
wissenschaftlicher Forschung, als kritische Kommentare vom Standpunkte der
marxistischen Geschichtsauffassung zur uberlieferten Geschichte. Dem-
entsprechend ist auch der Polemik ein weiter Spielraum gelassen. Mit der
groBten Scharfe geht M. gegen alle Andersmeinenden vor, und auch aus seinen
wissenschaftlichen Schriften spricht mehr der streitbare Publizist, denn der
abwagende Historiker, wenn es M. auch nicht an historischem Sinn bei der
Erfassung des Zusammenhanges der Tatsachen fehlte. Andererseits liegt gerade
in der temperamentvollen, farbenreichen Darstellung ein besonderer Reiz,
den man anerkennen muB, auch wenn man die Ansichten des Verfassers
keineswegs teilt.
Seine wissenschaftlichen Arbeiten hat M. teilweise in der »Neuen Zeit« ver-
offentlicht, teilweise in Bucherform herausgegeben. Als erstes groBeres Werk
erschien im Jahre 1893 »Die Lessing-Legende. Zur Geschichte und Kritik des
preuBischen Despotismus und der klassischen Literature In Lessing sieht M.
den Vorkampfer der biirgerlichen Klasse in ihrem heroischen Zeitalter, als sie
noch Vertreterin des Fortschrittes war. Alles, was Lessing geschrieben und
verfaBt hat, von seinen dramatischen Dichtungen bis zu den literarischen
Beitragen, Theaterkritiken und religiosen Streitschriften, ist vom revolutio-
naren Geiste des Kampfes gegen Feudalismus und Absolutismus erfullt. In
Lessing erreicht das KlassenbewuBtsein der deutschen Bourgeoisie seinen Hohe-
punkt und klarsten Ausdruck, demgegeniiber die Anschauungen der anderen
Klassiker — Goethes und Schillers in der zweiten Halfte seines Lebens —
schon einen Abstieg und Verdunkelung bedeuten. Jedoch haben die biirger-
lichen Literarhistoriker diese Bedeutung Lessings vollkommen verkannt und
sein Bild nach den jeweiligen Tendenzen der Bourgeoisie zugeschnitten. So
entstand das, was M. die Lessing-Legende nennt, und eng damit verbunden
der Lessing-Kultus, in dem nicht der wahre Lessing verherrlicht wird, son-
DBJ 20
450 !9»9
dern sein Zerrbild, welches, je mehr sich die biirgerliche Klasse von den revo-
lutionaren Ideen abwandte und ein Bundnis mit den bestehenden Staats-
machten einging, immer weniger an den groBen jCampfer erinnerte. Der wich-
tigste Bestandteil der Lessing-Legende ist die Behauptung, daB Friedrich der
GroBe ein Geistes- und Gesinnungsgenosse Lessings gewesen sei. Den Keim
zu dieser Anschauung bilden die Worte Goethes, daB durch Friedrich den
GroBen und die Taten des Siebenjahrigen Krieges der erste wahre inid hohere
eigentliche Lebensgehalt in die deutsche Poesie gekommen sei. Ihre voile Aus-
bildung verdankt diese Legende den Literarhistorikern Wilhelm Scherer und
Erich Schmidt, gegen die M. mit mehr Scharfe als Sachlichkeit zu Felde zieht.
Um zu beweisen, daB Friedrich der II. und Lessing nicht nur nichts Ge-
meinsames miteinander hatten, sondern vielmehr »die denkbar scharfsten
Gegensatze ihrer Zeit in denkbar scharfster Weise vertraten«, gibt M. eine
Darstellung des friderizianischen Staates. Nach M.s Auffassung sei es vollig
unzutreffend, in Friedrich einen Vertreter des aufgeklarten Absolutismus zu
sehen in dem Sinne, als ob er iiber eine unumschrankte Macht verfiigt und sie
fur die Wohlfahrt des Volkes ausgenutzt habe. Weder das eine noch das
andere treffe zu. Die scheinbare Souveranitat Friedrichs II. war nur durch
Begiinstigung des Adels erkauft worden, den Friedrich im Gegensatz zu seinem
Vater mit Vorrechten jeglicher Art uberhaufte, wahrend er die von ihm ver-
achteten biirgerlichen Elemente beiseite schob. Die wenigen und unzuxeichen-
den MaBregeln, die in der Zeit Friedrichs II. zugunsten des Bauernstandes
unternommen worden sind, waren einzig und allein im Interesse des Staates
erlassen. Alles in allem war Friedrich ein typischer dynastischer Despot des
18. Jahrhunderts, weder ein Genie, wie ihn die preuBenfreundliche Geschicht-
schreibung darstellt, noch ein Bosewicht, wie er seinen Feinden erschien.
Ausgesprochen dynastischen Charakter trugen auch die Kriege Friedrichs II.,
die durch die geographische Lage des preuBischen Staates hervorgerufen
worden waren. Von einer nationalen Idee kann dabei nicht die Rede sein.
Demnach konnten zwischen dem Haupt des preuBischen Staates mit seinen
dynastischen Zielen und seinem Adelsregimente und Lessing, dem Vorkampfer
fur die Emanzipation des Burgertums, keinerlei Wechselbeziehung bestehen,
um so mehr, da ja Friedrich, wie bekannt, der deutschen L,iteratur und den
deutschen Dichtern wenig Interesse entgegenbrachte. Es ware falsch, wenn
man die vielen Unzulanglichkeiten, die sich in der Darstellung des frideri-
zianischen Staates bemerkbar machen, der marxistischen Geschichtsauffassung
zur Last legen wiirde, sie sind vielmehr durch den leidenschaftlichen HaB M.s
gegen den preuBischen Staat hervorgerufen, einem HaB, durch den sich M.
so weit hinreiBen laBt, daB er Friedrich II. gegeniiber die sachsischen Konige
lobend hervorhebt.
Eine ausgesprochene Kampfschrift ist auch die im Jahre 1897 in erster
Auflage erschienene, breit angelegte »Geschichte der Deutschen Sozialdemo-
kratie«. Aus dem richtigen Verstandnis der engen Verkntipfung alles histori-
schen Geschehens heraus schildert M. die Deutsche Arbeiterbewegung auf dem
Hintergrunde der allgemeinwirtschaftlichen, politischen und geistigen Zu-
stande, die allerdings von einem eng parteipolitischen Gesichtspunkte aus ge-
sehen und gezeichnet sind. Ausfuhrlich behandelt ist auch die Entwicklung
des theoretischen Sozialismus. Nach einer kurzen Einleitung, die eine l)ber-
Mehring 451
sicht iiber die sozialistischen Theorien der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts
in Frankreich und England und der Arbeiterbewegung in diesen Landern gibt,
geht M. iiber zur Darstellung des vormarzlichen Deutschland, der Anfange
von Marx und Engels und der Revolution vom Jahre 1848. Das darauffolgende
Jahrzehnt ist eine Zeit stillen Sammelns, in der einerseits die Industrialisierung
Deutschlands fortschreitet, andererseits der wissenschaftliche Kommunismus,
dessen Grundlage das noch vor der Revolution von 1848 erschienene »Kom-
munistische Manifest « bildet, weiter ausgebaut wird. Mit den sechziger Jahren
setzt dann die Tatigkeit Lassalles ein, die M. ausfiihrlich und mit groBer
Sympathie behandelt. Riihmend hebt M. hervor, daB, obgleich Lassalle ein
Schiiler von Marx gewesen und in prinzipiellen Fragen mit ihm einverstanden
war, er doch nicht davor zuriickschrak, im entscheidenden Momente auf eigene
Verantwortung und im wohlbewuBten Widerspruch zu Marx zu handeln. In
der Griindung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins durch Lassalle im
Jahre 1863 sieht M. eine bahnbrechende historische Tat. Bei der Schilderung
der Kampfe, die nach dem im Jahre 1864 erfolgten Tode L,assalles innerhalb
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins ausbrachen, ist M. bemuht, beiden
Gruppen gerecht zu werden, ohne die Fehler, die beiderseits veriibt worden
sind, zu vertuschen. Den Hauptgrund zur Spaltung in Lassalleaner und
Eisenacher sieht M. nicht in prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten, sondern
in der groBdeutschen und partikularistischen Einstellung der Eisenacher im
Gegensatz zur kleindeutschen Einstellung der Lassalleaner. Als nach der
Griindung des Deutschen Reiches diese Frage aufhorte eine Rolle zu spielen,
konnte sich auch leicht auf dem Parteitage in Gotha im Jahre 1875 auf der
Grundlage eines neuen gemeinsamen Programms die Vereinigung beider
Gruppen zu einer Partei vollziehen. M. verschweigt nicht die Kritik, die Marx
an dem Gothaer Programm geiibt hat, doch ist er der Meinung, daB Marx
dabei von der falschen Voraussetzung ausgegangen sei, als ob die Eisenacher
friiher den marxistischen Kommunismus in alien Konsequenzen erfaBt hatten
und jetzt hinter dem Druck der L,assalleaner, die Marx fur eine zuriickgeblie-
bene Sekte hielt, ihre Position aufgegeben hatten, wahrend tatsachlich das
neue Programm die theoretischen Anschauungen beider Parteien widerspie-
gelte. Die Teile des Werkes, die von dem Verhalten der Partei in der Zeit
wahrend und unmittelbar nach der Reichsgriindung und in den Jahren des
Sozialistengesetzes handeln, geben viele wertvolle Aufschliisse iiber die Stellung
der Sozialdemokraten zu der inneren und auBeren Politik Bismarcks, vor
allem zur Zollfrage und Kolonialpolitik. Den SchluB des Buches bildet die
Analyse des Erfurter Programms, das im Jahre 1891 an Stelle des Gothaer
angenommen wurde. Wenn auch inzwischen die neueste Marx-Engels- und
Lassalle-Forschung ein eigenes Material zutage gefordert hat, das M. seiner-
zeit noch unbekannt war, so bleibt doch seine »Geschichte der deutschen
Sozialdemokratie« ein grundlegendes Werk von groBer Bedeutung. Als Re-
sultat eines eingehenden Studiums gab M. in den Jahren 1902/04 eine vier-
bandige Sammlung »Aus dem literarischen NachlaB von Karl Marx, Engels
und Lassalle« heraus, die er mit wertvollen Eilauterungen versah.
In den folgenden Jahren veroffentlichte M. eine Reihe von kleineren histo-
rischen und liter arhistorischen Schriften, die sich vornehmlich an I,eser aus
Arbeiterkreisen wandten: » Schiller, ein Lebensbild fiir deutsche Arbeiter*,
452 1919
1905; »Jena und Tilsit, ein Kapitel ostelbischer Junkergeschichte«, 1906;
» Deutsche Geschichte seit dem Ausgang des Mittelalters «, 1910; »Von Kalisch
nach Karlsbad «, i8i3/i9«, 1913.
Zwischendurch arbeitete M. mit groBer Hingabe an seinem Lieblingswerke,
das den kronenden AbschluB seiner Marx-Studien bilden sollte, einer umfang-
reichen Marx-Biographie, die er ein knappes Jahr vor seinem Tode veroffent-
lichte. Dies Buch soil, so hebt es M. ausdriicklich hervor, auf Grand des
Quellenmaterials eine lebendige Vorstellung vom Leben des Kampfers nnd
Denkers Marx geben, nicht aber eine systematische Darstellung des Marxis-
mus bieten. Dementsprechend tritt das Systematisch-Theoretische wie dem
Umfange, so auch der Bedeutung nach hinter dem rein Biographischen zurxick.
Ausfuhrlich wird Marx* geistiges Ringen und Reifen geschildert, seine poli-
tische Tatigkeit im Zusammenhang mit den allgemeinen Zeitumstanden und
seine Stellungnahme zu den politischen Ereignissen und wichtigsten Problemen.
Auch das Personliche kommt nicht zu kurz. Anschaulich zeichnet M. das
Familienleben von Marx, seine freundschaftlichen Beziehungen zu Engels, den
Kampf urns tagliche Brot und die bestandigen Geldsorgen, die schwer auf der
ganzen Familie lasteten. Hervorzuheben ist die Objektivitat, mit der M. die
Beziehungen zwischen Marx und Lassalle behandelt und auf die Ungerechtig-
keiten hinweist, zu denen sich Marx in bezug auf den ihm personlich unsym-
pathischen Lassalle hinreiBen HeB. Auch bei der Schilderung der Kampf e
zwischen Marx und Bakunin gibt M. Marx nicht ohne weiteres recht. Wenn
M. also keineswegs in den Ton eines kritiklosen Bewunderers verfallt, so fehlt
ihm doch immerhin jeglicher Abstand zu dem Gegenstand seiner Darstellung.
Marx ist fur ihn eine immer noch gegenwartige Gestalt, und M. macht gar
keinen Versuch, ihn als historische Erscheinung aus der ganzen Zeitbedingtheit
heraus zu erfassen.
Als die Marx-Biographie erschien, gehorte ihr Verfasser nicht mehr der
Sozialdemokratischen Partei an, mit der er seit dem Beginn des Weltkrieges
zerf alien war, da er ihrer Stellungnahme zum Kriege mit leidenschaftlicher
Ablehnung gegeniiberstand. Manchem seiner friiheren Parteigenossen erschien
es unverstandlich, daB M., der auf den seichten Internationalismus und Kos-
mopolitismus immer mit uberlegenem Spott herabgesehen hatte, sich jetzt
den Internationalisten zuwandte, doch bei den besonderen Charakteranlagen
M.s kann das nicht wundernehmen. Seiner ganzen Eigenart nach muBte M.
sich entweder auf den nationalen Standpunkt eines alles andere beiseite-
lassenden Vaterlandverteidigers stellen, oder den Krieg verabscheuen. Einen
KompromiB gab es fiir seine alles auf die Spitze treibende Natur nicht. Und
da der erste Weg ihm durch den HaB gegen das preuBische »Krautjunker-
tum« versperrt war, so war es nur folgerecht, daB er, einmal mit seiner
Partei zerf alien, bei den entschiedensten Gegnern der bestehenden Ordnung,
dem Spartakusbunde landete, mit deren Fiihrern, Karl Liebknecht und Rosa
Luxemburg, ihn in den letzten Jahren seines Lebens eine tiefe Freundschaft
verband. An den StraBenkampfen des Spartakusbundes im Januar 1919 hat
der fast 73 Jahre alte Mann nicht teilgenommen, doch wurde der Tod seiner
Freunde mittelbar auch ihm zur Todesursache. Die Nachricht von der Er-
mordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs traf ihn bis ins Innerste
und versetzte ihn in einen Zustand derartiger Erregung, daB er stundenlang,
Mehring. Meyer 453
tags und nachts, ruhelos bis zur Erschopfung im Zimmer auf und ab wandelte.
Eine Erkaltung, die er sich bei diesen nachtlichen Wanderungen zugezogen
hatte, fiihrte zu einer Lungenentziindung, an deren Folgen er nach wenigen
Tagen verstarb, von seinen letzten Parteigenossen als Martyrer verehrt, von
einigen der friiheren mit einer Scharfe beurteilt, die ihr Gegenstiick nur in
den heftigen Anklagen finden, mit denen M. zu Lebzeiten seine Gegner zu
uberschutten pflegte.
Literatur: Eine Biographie M.s ist bis jetzt noch nicht erschienen, doch soil eine
solche von Herrn Dr. Karl Korn (Berlin) in Angriff genommen sein. — Kurze Angaben
und Notizen iiber M. sind in folgenden Zeitschriften zu finden: Die Neue Zeit, Bd. 19.
37. Jahrgang; Die Glocke, 45. Heft, 4. Jahrgang 1918/19; Sozialistische Monatshefte,
52. Band, S. 119; Vorwarts Nr. 53. Jahrgang 1919.
Heidelberg. Olga Joelson.
Meyer, Kuno, ordentlicher Professor der keltischen Philologie an der Uni-
versitat Berlin, * am 20. Dezember 1858 zu Hamburg, f am 11. Oktober 1919
zu Leipzig. — Kuno M. war der zweite Sohn des Gymnasiallehrers Dr. Eduard
M. zu Hamburg. Die materiell beengten Verhaltnisse des Vaterhauses wurden
durch ein reiches geistiges Leben wett gemacht, das die Grundlagen zu seiner Nei-
gung zur Literatur im allgemeinen und zu seiner Verehrung fur Goethe im beson-
deren legte. Auch seine musikalische Begabung — er war ein tiichtiger Sanger
— ist ein Erbteil seiner Eltern, die die klassische Musik eifrig pflegten. Auf der
alten Gelehrtenschule des Johanneums in Hamburg nahm er bald im Kreise sei-
ner Mitschuler eine bevorzugte Stellung ein. Einer seiner Lehrer sagte von mm,
er sei ein Edelstein, der nur des Schleifens bediirfe. Da indes dies »Schleifen«
unerquickliche Formen annahm, ergriffen seine Eltern gern eine sich bietende
Gelegenheit, ihn dem Schulbetriebe fiir einige Zeit zu entziehen: von Ostern
1874 bis 1876 versah er die Stelle eines Amanuensis bei einem erblindeten
deutschen Gelehrten in Edinburgh. Dieser Aufenthalt in Schottland war in
zwiefacher Hinsicht fiir seine spatere Entwicklung von Bedeutung. Einmal
legte er in dieser Zeit den Grund zu der kaum von einem anderen Deutschen
iibertroffenen Beherrschung der englischen Sprache; anderseits kam er bei
einem Ferienaufenthalt auf der Insel Arran zum ersten Male mit dem Kelten-
tum in lebendige Beriihrung, wo von eine kleine handschriftliche Sammlung
gaelischer Worter und Wendungen Zeugnis ablegt. Gereifter kehrte er 1876 an
das Johanneum zuriick und bestand hier 1879 die AbschluBprufung. Die Schul-
zeit endete mit einer kleinen Tragikomodie : auf Bitten seiner Mitschuler liefi
er eine Sammlung von ihm verfafiter Gedichte, Musarum munusctda, drucken,
die somit seine erste Veroffentlichung iiberhaupt darstellen. Einige der hierin
nach Schiilerart recht deutlich persiflierten Lehrer fiihlten sich beleidigt, was
ihm eine kleine Geldstrafe durch das Leipziger Universitatsgericht einbrachte.
Nach der Reifeprufung bezog Kuno M. die Universitat Leipzig, an der sich
kurz zuvor sein fast vier Jahre alterer Bruder Eduard M. habilitiert hatte. Er
wandte sich zunachst der Germanistik unter Zarncke zu, der er unter Brug-
mann Indogermanistik und unter Windisch Sanskrit anreihte. Windisch, dem
er sich ganz besonders anschloB, war es auch, der ihn an das Keltische heran-
fiihrte, und der so seinen weiteren wissenschaftlichen Werdegang entscheidend
beeinfluflte. Die Leipziger Studien unterbrach er auf ein Jahr, um als Haus-
454 jw
lehrer in einer angesehenen englischen Familie in Lowestoft zu wirken. Auch
seiner Militarpflicht geniigte er in Leipzig. 1883 schloB er sein Studium durch
das Doktorat mit einer Arbeit iiber eine mittelirische Version der Alexander-
Sage ab. Schon vorher als Student hatte er zwei kleinere Beitrage zur keltischen
Philologie in Zeitschriften geliefert. Im folgenden Jahre, 1884, wurde er in die
Stellung eines Lektors fiir deutsche Sprache und Literatur an das University
College in Liverpool berufen. 27 Jahre lang, bis 191 1, hat er hier zunachst als
Lektor, seit 1895 als Professor gewirkt. Den Mangel an wirklich wissenschaft-
licher Lehrtatigkeit, den das englische Studiensystem auf seinem eigentlichen
Berufungsgebiete notwendig im Gefolge hatte, glich er durch ein um so inten-
siveres Studium des Keltischen aus, wozu die beinahe zentral zu nennende Lage
Liverpools reichste Gelegenheit bot. Haufige Reisen fuhrten ihn nach Irland,
Schottland und Wales, wo er sich die Kenntnis der lebenden keltischen Sprachen
aneignete; nur die Bretagne hat er nicht aufgesucht. Mit den einheimischen
Gelehrten stand er in regem personlichen oder brieflichen Verkehr ; mit Whitley
Stokes und John Strachan verband ihn enge Freundschaft ; die franzosischen
Gelehrten d'Arbois de Jubainville und Gaidoz standen ihm nahe. Aber auch die
Verbindung mit der Heimat rifl keinen Augenblick ab. Solange es seine Ge-
sundheit erlaubte — seit 1892 wurde er in stets steigendem MaBe von einem
rheumatischen Leiden heimgesucht — , kam er seinen Pflichten als Reserve-
off izier nach. An seinen Lehrer Ernst Windisch fesselte ihn ein inniges Band des
Vertrauens und der Verehrung, das seinen schonsten Ausdruck fand in dem
Nachruf , den er seinem verstorbenen Lehrer in der Zeitschrift fiir keltische
Philologie XIII widmete, dem gleichen Bande, in dem sein eigener Nekrolog
bald danach folgen sollte. Auch zu Zimmer gelang es ihm nach anfanglicher
Spannung, hervorgerufen durch dessen iibertrieben scharfe Kritik an Windisch,
in ein freundschaftliches Verhaltnis zu treten.
Seine Lebensarbeit gait zwar nicht ausschlieBlich aber doch in erster Linie
der Sprache und Literatur Irlands unter besonderer Betonung gerade des
Charakteristischen, dessen, was diese von alien Nachbarn abhebt. Seit der
Jahrhundertwende ist es dann ganz besonders die alte Lyrik, durch die er sich
angezogen f uhlt, und die er aus zahlreichen Handschriften der britischen Inseln
und des Festlandes an das Licht zieht. Den grofien, von den Schwesterdiszi-
plinen langst iiberwundenen Hindernissen zum Verstandnis irischer Texte
wandte er sein Augenmerk zu. 1896 griindete er mit L. Chr. Stern die Zeitschrift
fiir keltische Philologie; 1898 — 1907 legte er in Gemeinschaft mit Whitley
Stokes durch das Archiv fiir keltische Lexikographie und besonders durch die
von ihm allein stammenden Contributions to Irish Lexicography das Fundament
fiir das spaterhin von der Royal Irish Academy iibernommene irische Lexikon.
1903 rief er in Dublin zusammen mit Strachan die School of Irish Learning ins
Leben, aus der 1904 das erste Heft der Zeitschrift Eriu hervorging. Die Zeichen
auBerer Anerkennung fiir seine wissenschaftlichen Leistungen blieben nicht aus :
er wurde Ehrendoktor von Wales, Oxford und St. Andrews und die irischen
Stadte Cork und Dublin ernannten ihn zu ihrem Ehrenburger.
Es bedeutete in mehr als einer Hinsicht eine Wendung in seinem Leben, als
er 1911 auf den durch den Tod Zimmers verwaisten einzigen deutschen Lehr-
stuhl fiir keltische Philologie an die Universitat Berlin berufen wurde. Die
groBere Entfernung von seinen Studiengebieten notigte ihn, die Organisation
Meyer 455
des irischen Worterbuches in andere Hande zu legen. Vor allem aber bereiteten
dem durch 27Jahrige Tatigkeit in Liverpool auf englische Verhaltnisse Ein-
gestellten die ganz anders gearteten Berliner Verhaltnisse Hemmungen, so daB
er hier nie ganz heimisch geworden ist. Als Mitglied der Preufiischen Akademie
der Wissenschaften, der er seit seiner Berufung nach Berlin angehorte, fand er
in deren Abhandlungen und Sitzungsberichten ein Organ, in dem er noch eine
Reihe der wichtigsten Forschungsergebnisse niederlegen konnte. Dem indo-
germanischen Seminar an der Universitat wurde eine keltische Abteilung ange-
gliedert. Eine zwar kleine, aber wie es der der materiellen Seite des Lebens ab-
holde Charakter des Studiums der keltischen Philologie bedingt, ideal strebende
Schar von Schulern aus dem In- und Auslande versprach der Keltologie im
Rahmen abendlandischen Kulturstudiums den Platz zu verschaffen, der ihr
auf Grund ihrer Einzigartigkeit und Bedeutung zukommt.
Nach kaum dreijahriger Tatigkeit Kuno M.s in Berlin kam der Weltkrieg.
Wie bei dem hohen Idealismus, der sein ganzes Lebenswerk erfullt, nicht anders
zu erwarten war, stellte er sich dem Vaterlande trotz seines schweren korper-
lichen Leidens zur Verfiigung. Im November 1914 begab er sich auf einem
hollandischen Schiffe nach den Vereinigten Staaten, urn unter den dortigen
Iren gegen die zum Kriege gegen Deutschland drangenden Tendenzen zu wir-
ken. Zweieinhalb Jahre lang hat er in aufreibender Vortrags- und Pressetatig-
keit, neben der er immer noch Zeit zu kleineren wissenschaftlichen Arbeiten
zu finden wuBte, das Land nach alien Richtungen hin durchreist und iiberall
bei Iren und Deutschen warmen Widerhall gefunden. Einem Eisenbahnunfall
bei San Francisco entging er gliicklicherweise ohne Verletzungen von dauern-
den Folgen. Als die Union in den Krieg eintrat, kehrte er mit der osterreichisch-
ungarischen Botschaft nach Deutschland zuriick. Diese Tatigkeit Kuno M.s in
den Vereinigten Staaten fur die Sache seines Vaterlandes brachte ihm von eng-
lischer und franzosischer Seite eine Flut von Beschimpfungen und Verdachti*
gungen ein, die ihren Hohepunkt in einem anonymen Nekrolog auf den noch
Lebenden in der » Revue Celtique« 36 (1916) erreichte. Der deutsche Zusammen-
bruch im November 191 8 traf ihn tief, legte aber seinen Schaffensdrang nicht
lahm. Eifrig war er fur die Deutsch-Irische Gesellschaft tatig; auch eine Ver-
einigung der vergewaltigten Volker rief er ins Leben — alles dies ohne seiner
wissenschaftlichen Tatigkeit untreu zu werden. Da setzte ganz plotzlich der
Tod seinen zahlreichen weiteren Zukunftsplanen ein Ziel. Auf einer Erholungs-
reise erkrankte er in Leipzig und nach einer glucklich verlaufenen Operation
raffte ihn am 11. Oktober 1919 ein Herzschlag hinweg. Um ihn trauerten nicht
nur seine Angehorigen und Freunde, sondern das ganze irische Volk.
Literatur: Dem Forscher Kuno M. hat sein ehemaliger Schiiler und langjahriger
Freund R. I. Best, Dublin, in der Zeitschrift fur keltische Philologie 15 (1925) ein Denk-
mal gesetzt durch die erschopfende Bibliography of the Publications of Kuno M., die mit
ihren mehr als 300 Titeln einen tiefen Einblick in sein reiches, rastloses Schaffen ge-
wahrt. — Ferner die Naclirufe von Eduard Meyer, Pokorny, Fliigge in den Irischen
Blattern, Jahrg. 2 (19 19) Nr. 9 — 10; Pokorny in der Zeitschrift fur keltische Philologie 13
(1921), S. 283 ff.; J. Vendryes in Revue Celtique \j (1917 — 1919), S. 425 ff.; Wilhelm
Schulze in Sitz.-Ber. d. PreuO. Ak. d. Wiss. XXXIII, 1920.
Hamburg. LudwigMuhlhausen.
456 W9
Oechsli, Wilhelm, Professor, * am 6. Oktober 1851 in Riesbach bei Zurich, | am
26. April 1919 in Weggis. — Oe. stammte aus einer alteingesessenen Biirger-
familie. Sein Vater war ein tiichtiger Baumeister. Er selbst widmete sich, nach
dem Besuch der Volksschule und des Gymnasiums seiner Vaterstadt im Herbst
1869 dem Studium der Theologie an der Universitat Zurich und bestand zwei
Jahre danach das theologische Vorexamen. Indessen entfremdeten ihn die An-
regungen, die er den Vorlesungen des Historikers Biidinger, des Kunsthisto-
rikers Salomon Vogelin, des Philosophen und Nationalokonomen Friedrich
Albert I*ange verdankte, allmahlich der Wahl des theologischen Berufs. Das
Wintersemester 1871/72 in Berlin, wo er in Mommsens Seminar eintrat, ent-
schied iiber seine Hinwendung zur Geschichte. Im Sommer 1872 setzte er seine
Studien in Heidelberg fort. In die Heimat zuriickgekehrt, bestand er im Herbst
1873 das Diplomexamen fur Geschichte und Geographie und erwarb auf Grand
einer Dissertation »t)ber die Historia Miscella I. XII — XVIII und den Anony-
mus Valesianus II « bei der philosophischen Fakultat den Doktorgrad.
Auf die Lehrjahre folgten die Wanderjahre. Besonders reich an Anregungen
war fiir ihn ein langerer Aufenthalt in Paris. Auf der Bibliotheque nationale ver-
tiefte er sich in das Studium der Quellen zur Geschichte der franzosischen Re-
volution. Kurze Zeit bekleidete er, urn etwas zu verdienen, eine Hauslehrer-
stelle an einem Institut in Valenciennes. Auch unterzog er sich mit Erfolg der
Priifung als Deutschlehrer an franzosischen Lyceen. Er hatte wohl in Frank-
reich seine Existenz griinden konnen, ware die Sehnsucht nach der Heimat
nicht machtiger gewesen. Nach einem Aufenthalt in England, Holland und
Belgien kehrte er in die Schweiz zuriick. Hier wurde ihm 1876 am Gymnasium
in Winterthur eine Stelle zuteil. Sein Unterricht umfaBte Geschichte, Geogra-
phie, zeitweise auch Franzosisch und philosophische Propadeutik. Aus seinen
praktischen Erf ahrungen ging eine Anzahl vorziiglicher Lehrmittel hervor : ein
Lehrbuch der allgemeinen Geschichte (1883, 2. Aufl. 1892) und der vaterlan-
dischen Geschichte (1885, 5. Aufl. 1924), Bilder aus der Weltgeschichte (1877),
die rasch nacheinander neue Auflagen erlebten, ein » Quellenbuch zur Schweizer-
geschichte« (1886, 2. Aufl. 1901, 1893 durch eine neue Folge mit besonderer
Beriicksichtigung der Kulturgeschichte erganzt). In den wissenschaftlichen Bei-
lagen zum Jahresprogramm des Winterthurer Gymnasiums lieferte er 1883 eine
Arbeit iiber die Anfange des Glaubenskonfliktes zwischen Zurich und der Eid-
genossenschaft und 1885 eine andere iiber den Streit um das Toggenburger Erbe.
Auch veroffentlichte er 1886 zur 500. Gedenkfeier der Schlacht von Sempach
eine Schrift, die in alle Landessprachen der Schweiz iibersetzt wurde.
Seine wissenschaftliche und padagogische Befahigung war bereits so allge-
mein anerkannt, daB der Bundesrat nicht zogerte, ihn 1886 als Professor der
Schweizer Geschichte an das eidgenossische Polytechnikum zu berufen. Bald
danach wurde ihm auch eine Lehrstelle an der hoheren Tochterschule in Zurich
iibertragen, die er im Herbst 1893 als Nachfolger Georgs von WyB mit der
Professur fiir Schweizer Geschichte an der Universitat Zurich vertauschte. Was
er als akademischer Lehrer geleistet hat, lebt in den Herzen Hunderter von
dankbaren Zuhorern fort. Sein Vortrag, aufs sorgfaltigste vorbereitet, ver-
schmahte rhetorische Effekte, trug aber das Geprage gediegener Durcharbei-
tung des vielgestaltigen Stoffes und fesselte durch Klarheit der Darstellung.
Den Studierenden war er ein unermudlicher freundschaftlicher Berater.
Oechsli 457
Neben der Lehrtatigkeit entfaltete Oe. eine auBerordentliche Fruchtbarkeit
mit derFeder. Eine genaueAufzahlung seiner in Zeitschrif ten, Neujahrsblattern,
Sammelwerken, wie z. B. im Jahrbuch fur Schweizer Geschichte, Hiltys Poli-
tischem J.B., den Mitteilungen der Antiquar. Gesellschaft in Zurich, der Allg.
Deutschen Biographie zerstreuten wertvollen Beitrage ist hier unmoglich. Es
muB geniigen, auf die drei Phasen der Schweizer Geschichte hinzuweisen, die
ihren Erf orscher besonders anzogen : die Zeit der Urspriinge des eidgenossischen
Gemeinwesens, die Periode der Reformation, die des Ubergangs vom vor-
revolutionaren Staat des 18. Jahrhunderts zu dem politischen Neubau, den das
19. vollendete. Ein Aufsatz iiber »Die historischen Griinder der Eidgenossen-
schaft«, aufgenommen in die »Bausteine zur Schweizergeschichte« (1890),
bahnte ihm den Weg zur Abfassung des Jubilaumswerkes, mit der ihn der
Bundesrat zur Feier der 6oojahrigen Wiederkehr des ersten ewigen Bundes vom
1. August 1291 betraute. Zu diesem Werk »Die Anfange der Schweizerischen
Eidgenossenschaft« stellte er, unter kritischer Verwertung aller verfiigbaren
urkundlichen und chronikalischen Quellen, die wirtschaftlichen, rechtlichen und
kulturhistorischen Zustande der Urschweizim 13. Jahrhundert in denVorder-
grund und suchte dadurch auch einzelne dunkle Punkte der politischen Ent-
wicklung aufzuhellen. Im Mittelpunkt seiner reformationsgeschichtlichen Ar-
beiten stand die Gestalt Zwinglis, den er »als den kiihnsten Staatsmann« der
Schweiz betrachtete, dessen Ziel einer sittlichen Erneuerung seines Volkes
seinem eigenen Ideal entsprach. Als Perle dieser Arbeiten darf die iiber
»Zwingli als Staatsmann« betrachtet werden, die einen Teil der dem Andenken
des Reformators gewidmeten Jubilaumsschrift von 1919 bildet. Das Werk, mit
dem Oe.s Name dauernd verkniipft sein wird, gehort der dritten Gruppe vater-
landischer Geschichtsstoffe an, die ihn vorwiegend beschaftigten. Es sind die
zwei umfangreichen Bande » Geschichte der Schweiz im neunzehnten Jahr-
hundert« (Bd. 29 und 30 der » Staatengeschichte der neuesten Zeit«, Leipzig,
Hirzel 1903. 1913). Keinem Wiirdigeren hatte diese Aufgabe iiberwiesen werden
konnen als ihm. Freilich muBte er sein Werk als Torso zunicklassen. Der erste
Band, der den Nebentitel fuhrt »Die Schweiz unter franzosischem Protektorat
1798 — i8i3« bildet gleichsam das machtige UntergeschoB des groB angelegten
Baues. Der Untergang der alten Eidgenossenschaft im Jahre 1798 ist der ge-
gebene Anfangspunkt der ausfuhrlichen, bis zum Ende der Mediationszeit fort-
gefiihrten Erzahlung. Ihr ist eine meisterhafte Einleitung vorausgeschickt, die
in groBen Ziigen das ancien regime der Schweiz skizziert. Der zweite Band, der
nach dem urspriinglichen Plan bis 1847 reichen und auf den ein dritter bis zur
Gegenwart folgen sollte, umfaBt nur die Periode von 1813 bis 1830. Schon durch
den Reichtum des neuen Tatsachenmaterials, das vor allem der Ausbeute ein-
heimischer und fremder Archive, wie des Pariser, Wiener, Berliner zu
danken war, iibertrifft Oe. in auBerordentlichem MaB die Arbeiten aller seiner
Vorganger. Aber er laBt sich durch die Fulle der einzelnen Tatsachen, mogen
sie innere und auBere Politik, Verwaltung und Justiz, Kirche und Schule be-
treffen, nicht erdriicken. Er weiB sie kiinstlerisch zu einem eindrucksvollen Bild
zu formieren. Er erzahlt mit kraftvollem Auftrag der Farben, ohne zu ver-
tuschen und zu verschonern, ehrlich und unbestochen. Mitunter meint man,
etwas von der Schreibweise des alten Schlosser bei ihm zu verspiiren. Niemals
aber laBt er sich dazu hinreiBen, die Vergangenheit mit dem MaBstab der
458 1919
Gegenwart zu messen oder Licht und Schatten mit leidenschaftlicher Partei-
lichkeit zu verteilen.
Anderweitige Aufgaben, die er wegen seiner beruflichen Stellung nicht wohl
abweisen konnte, unterbrachen seine ausschlieBliche Beschaftigung mit dem
groBen vaterlandischen Geschichtswerk. Dahin gehorte die »Geschichte der
Griindung des Eidgenossischen Polytechnikums mit einer Ubersicht seiner Ent-
wicklung 1855 — 1905 «, die er zur Feier des fiinfzigjahrigen Bestehens der An-
stalt im Auftrag des schweizerischen Schulrats verfaBte. Diese Leistung ist urn
so hoher zu werten, da sie in sehr kurzer Zeit und unter den Nachwehen einer
schweren Krankheit zustande kam. Oe.s Gesundheit erlitt unter der Last seiner
anstrengenden Tatigkeit manchen StoB und der Tod seiner treuen Lebens-
gefahrtin traf ihn aufs harteste. Sein letztes Auftreten vor der Offentlichkeit
war der Festvortrag bei der akademischen Zwingli-Gedenkfeier in der Peters-
kirche: »Zwingli als Stifter unserer Hochschule« am 5. Januar 1919. Wenige
Monate spater erlag er nach einer Rigifahrt in Weggis einem Schlaganfall.
Literatur: Wissenschaftlicher Nachlafl in der Zentralbibliothek Zurich. Nachrufe:
Meyer von Knonau, Neue Ziircher Zeitung 29. April 1919, Nr. 625; Gagliardi, Wissen
und L,eben, Mai 191 9; Theodor Vetter, Ziircher Universitats-Jahresbericht 1920; Nabholz,
Neue Schweizer Zeitung 20. — 23. Mai 1919, Nr. 42, 43.
Zurich. Al f red Stern.
Romberg, Friedrich, Geh. Regierungsrat, Direktor der gewerblichen L,ehr-
anstalten der Stadt Koln, * am 5. Marz 1846 in Duisburg, f am 29. Juli 1919
in Bad Bertrich. — R. bezog nach der iiblichen allgemeinen theoretischen und
praktischen Vorbildung im Jahr 1865 die Gewerbeakademie in Berlin, durch-
lief dort das dreijahrige Studium der Maschineningenieure und trat nach SchluB
des Studiums in die Ingenieurpraxis ein. Diese Beschaftigung muBte er aber
bald wieder aufgeben, als ihn eine sehr ernste, langandauernde Krankheit
erfaBte. Auch nach seiner Wiederherstellung muBte er auf Anraten des Arztes
weiter schwerer praktischer Tatigkeit fernbleiben. So entschloB er sich am
1. November 1870 eine Stelle als Lehrer an der stadtischen Bauschule in Idstein
i. T. anzunehmen, an welcher eine neue Abteilung fiir Maschinenbauer ein-
gerichtet worden war. In dieser, zunachst mehr als Aushilfe angenommenen
Beschaftigung erkannte er aber immer mehr, daB der Lehrberuf seinen Neigun-
gen und Veranlagungen in jeder Beziehung entsprach und so blieb er dabei.
Nach fiinfjahriger Tatigkeit in Idstein, wo er auch seine Lebensgefahrtin
gefunden hatte, ergab sich fiir ihn eine Gelegenheit, eine Lehrstelle an der
damaligen staatlichen Gewerbeschule in Koln zu ubernehmen, wo ihm die Facher
Maschinenlehre, mechanische Technologie usw. iibertragen wurden. Dieser
Tatigkeitswechsel wurde fiir sein ganzes ferneres Leben entscheidend ; er
betrat damit den Arbeitsplatz, von welchem aus er seine ganze fernere Lebens-
tatigkeit entwickelt hat.
Er hatte in dieser Stelle die Aufgabe zu losen, die ,,Nottebohmsche Reorga-
nisation «, welche den Gewerbeschulen Fachklassen angliederte, fiir die mecha-
nisch-technische Abteilung durchzufuhren.
Es war die Zeit der Umgestaltung der Staatlichen Gewerbeschulen, an welcher
R. sofort, neben seiner eigentlichen Lehrertatigkeit, regsten Anteil nahm. Nach
Oechsli. Romberg 459
einem Besuch der im Mai 1878 in Berlin veranstalteten Ausstellung von Zeich-
nungen der Schiiler preuBischer Gewerbeschulen, Fach- und Handwerker-
fortbildungsschulen hielt er im Kolner Gewerbeverein und Verein selbstandiger
Handwerker einen Vortrag iiber die Organisation der mittleren und niederen
gewerblichen I,ehranstalten. Dieser Vortrag hatte zur Folge, daB aus dem
SchoBe der Versammlung ein AusschuB gewahlt wurde, welcher die Aufgabe
erhielt, die Verf assung zu einer stadtischen gewerblichen Lehranstalt auszuar-
beiten. Wahrend dessen Tatigkeit trat auf Veranlassung des Ministers fur Handel
und Gewerbe in Berlin ein anderer AusschuB zusammen, welcher die Grund-
satze fur eine beabsichtigte Umgestaltung der Koniglichen Gewerbeschulen
priifen und feststellen sollte. Diese Umgestaltung fand aber nicht den Beifall
der beteiligten Kreise. Als das Ergebnis der Berliner Beratung bekannt wurde
und es feststand, daB die Stadt Koln die Umwandlung der Gewerbeschule mit
Fachklassen in eine neunklassige Oberrealschule ohne solche durchfuhren
werde, erhielt die Arbeit des Kolner Ausschusses verstarkte Bedeutung. Von
alien Seiten wurde geltend gemacht, daB sich bei dem Wegfall der Fachklassen
Koln nicht mehr mit der Errichtung einer weiterentwickelten Handwerker-
schule begniigen diirfe, daB es vielmehr notwendig sei, auBer dieser eine Fach-
schule zu errichten, welche in erster Linie dem Ortsbedurfnis entspreche. So
entstand mit R.s Fiihrung die Verf assung einer technischen gewerblichen I^ehr-
anstalt fiir Koln, welche der Kolner Gewerbeverein sowohl dem Minister fur
Handel und Gewerbe als auch den Verwaltungen groBerer Stadte PreuBens
zugehen lieB. Diese Verfassung hatte sich sogleich ein weites Ziel gesetzt und
folgte ziemlich weit der Einrichtung der schon langer bestehenden Koniglich
Sachsischen Staatslehranstalten in Chemnitz. Die Anstalt sollte aus drei Ab-
teilungen bestehen, einer hoheren Gewerbeschule, einer Werkmeisterschule,
einer gewerblichen Fortbildungsschule und in diesen Abteilungen umfassen
das mechanisch-technische Fach, das bautechnische Fach und das kunst-
gewerbliche Fach. Der Plan der Stadt Koln fand in Regierungskreisen keinen
Beifall, und als bis zum Sommer 1879 auch das eingeschrankte Vorhaben, wo-
bei die Einrichtung der ersten Abtedung, der Hoheren Gewerbeschule, einst-
weilen zuriickgestellt wurde, keine Billigung fand, entschloB sich die Stadt
Koln, dieses Vorhaben als rein stadtische Anstalt, ohne Staatshilfe, zu errichten.
Unter R.s Leitung trat am 15. Dezember 1879 die gewerbliche Fachschule der
Stadt Koln, als erste und einzige gewerbliche Lehrstatte der Rheinprovinz, ins
Leben ; bestehend aus der mechanisch-technischen, der bautechnischen und der
kunstgewerblichen Abteilung. Im Sommer 1880 folgte darauf die gewerbliche
Fortbildungsschule. Im Jahre 1882 wurde R.das bis dahin im Auftrag gefiihrte
Direktoriat der Anstalt endgiiltig iibertragen; der erste und Hauptabschnitt
seines Lebenswerkes war erfolgreich erreicht.
Schon in den Jahren dieser Tatigkeit begniigte sich R.s Gedankenlauf nicht
mit der Pflege irgendeiner bestimmten Unterrichtsgattung, sondern ging dar-
iiber hinaus auf das Gebiet allgemeiner Gewerbeforderung. So war ihm auch
von Anfang an das Fortbildungsschulwesen ans Herz gewachsen. Aus kleinen
vorhandenen Ansatzen hat er es weiterentwickelt und in innigen Zusammen-
hang mit der gewerblichen Fachschule gebracht. Die Fachlehrer aller drei
Schulen waren verpflichtet in Sonntag- und Abendklassen Unterricht daran zu
erteilen ; die Schiiler erhielten ihren Fachunterricht im Hause dieser Schule.
460 1919
Bereits die erste Einrichtung im Jahre 1880 enthielt schon eine vollstandige
Trennung in Gesellen- und Lehrlingsschule. 1888 folgte dieser Einrichtung
eine zweite, welche den durch die Stadterweiterung geanderten Verhaltnissen
Rechnung trug. 1899 erhielt R. den Auftrag, Vorschlage fiir die Einfiihrung
der Fortbildungsschulpflicht auszuarbeiten. Die Vorschlage wurden ange-
nommen und die Pflichtfortbildungsschule im Jahre 1903 eingerichtet. Die
Gesamtleitung blieb in R.s Hand.
Bis zum Jahr 1895 blieben die gewerblichen I,ehranstalten der Stadt Koln
rein stadtisch; dann erhielten sie staatlichen ZuschuB und gingen damit in
halb staatlich, halb stadtisch verwaltete Scfculen iiber. In diesem tjbergangs-
zustand blieben sie bis 1903. Am 1. April dieses Jahres wurden die Maschinen-
bauschulen, welche sich seit 1890 bereits in eine technische Mittelschule und
eine Werkmeisterschule gliederten und die Bauschule verstaatlicht, wahrend
die Kunstgewerbeschule eine stadtische Anstalt blieb. Die Gesamtleitung der
nun getrennten Schulen blieb in R.s Hand.
In der Entwicklungszeit der allgemeinen Gewerbeforderung stand R. dau-
ernd der Kolner Gewerbeverein zur Seite. Als in dessen SchoB im Jahr 1902 der
Gedanke, Meisterkurse fiir Handwerker einzurichten, feste Gestalt annahm,
fand diese Aufgabe ihn wohl vorbereitet. Es wurden im September 1903 unter
seiner Leitung Meisterkurse fiir Schneider, Schuhmacher, Schreiner und
Schlosser eingerichtet und in Verbindung damit Genossenschaftskurse zur Aus-
bildung von Beamten fiir Kreditgenossenschaften, Rohstoff- und Werkgenossen-
schaften ins I,eben gerufen. Daran schlofi sich sogleich der weitere Wunsch,
fiir die Meisterkurse eine Gewerbehalle zu schaffen; eine Statte, an welcher
dem Handwerk dauernd vor Augen gefiihrt werden konnte, was die Industrie
an maschinellen Hilfsmitteln fiir das Handwerk fortschreitend schuf . Nachdem
im Januar 1904 die Stadtverordnetenversammlung beschlossen hatte, fiir die
Meisterkurse und die Gewerbehalle einen Neubau zu errichten, wurde R. der
Auftrag zuteil, in einer Denkschrift die Verfassung einer Gewerbeforderungs-
anstalt fiir die Rheinprovinz zu bearbeiten, welche neben den Meister- und Ge-
nossenschaftskursen eine standige Ausstellung fiir Handwerktechnik, eine Rat-
und Auskunftsstelle und eine Versuchsanstalt betreiben sollte. Der Vorschlag
fand in alien Teilen die Genehmigung des Ministers fiir Handel und Gewerbe
unter Gewahrung eines bedeutenden Zuschusses. R. bekam die Leitung auch
dieser Anstalt ubertragen; 1907 bezog sie ihr Heim. An die vorgenannten
Meisterkurse wurden 1907 zunachst, in Verbindung rait den Maschinenbau-
schulen, solche fiir Installateur- und Gasmeister angegliedert, aus welchen in
der Folgezeit eine besondere Schulabteilung geworden ist; weiter folgten 191 2
solche fiir Galvanotechnik und Metallfarbung und fiir Sattler und Buchbinder.
In dieser weitgespannten Tatigkeit standen seit 1901 R. fiir die Maschinenbau-
schulen, die Bauschule und die Kunstgewerbeschule besondere Fachvorstande
zur Seite.
Trotz dieser immer weiter greifenden Tatigkeit fand R. noch Zeit, sich auch
der einschlaglichen Vereinsarbeit eingehend zu widmen. Im Verband deutscher
Gewerbeschulmanner war er lange Zeit Vorstandsmitglied und von 1899 bis
1906 als Vorsitzender eifrig und fiihrend tatig, und dem Verband deutscher Ge-
werbe vereine, zu dessen Griindung 1891 er die erste Anregung gegeben hat, ge-
horte er als zweiter Vorsitzender und spater als Mitglied des Vorstandsrates an.
Romberg. Schapcr 46 1
Seit 1905 war er auBerordentliches Mitglied des damals bestehenden, mit
Kriegsende aufgehobenen Landesgewerbeamts, und dem deutschen AusschuB
fiir das technische Unterrichtswesen gehorte er von dessen Griindung an.
Biicher hat R. nicht geschrieben ; eine derartige Betatigung seines Lehramts-
charakters erschien ihm bei seinen weiter gespannten Gedanken zu nebensach-
lich ; wohl aber hat er in zahlreichen Denkschrif ten zu wichtigen Fragen des ge-
werblichen Unterrichts und der allgemeinen Gewerbeforderung stets Stellung
genommen und in Vortragen anregend und belehrend zu wirken gesucht.
Bis zum 1. April 1906 behielt R. die Leitung der drei Fachschulen, der Fort-
bildungsschulen und der Meisterkurse. Zu seiner Entlastung legte er an diesem
Tage die Leitung der Kunstgewerbeschule und der gewerblichen Fortbildungs-
schulen nieder. Zur weiteren Entlastung gab er dann nach Ubernahme der
Leitung der Ge werbef order ungsanstalt, um sich dieser besonders widmen zu
konnen, am 1. April 1908 auch die Leitung der Bauschule und der ihr 1903
angegliederten Bauhandwerkerschule auf. Die Leitung der Maschinenbau-
schulen behielt er noch bis 1913 in der Hand; von da an gait seine Tatigkeit
allein noch der Gewerbeforderungsanstalt. Mit Kriegsbeginn horte naturgemaB
deren Tatigkeit auf. Es ergab sich aber bald, da£ ihre Einrichtung ausgezeichnet
fiir die Kriegsverletztenfiirsorge zu benutzen sei. So wurde auf R.s Vorschlag
unter seiner Leitung eine Kriegsverletztenfiirsorgestelle fiir Handwerker und
Industriearbeiter gebildet, an welcher im Umfang der Rheinprovinz alien
Kriegsverletzten, deren Beschaftigung irgendwie mit den an dieser Stelle ver-
einigten Handwerken in Zusammenhang gebracht werden konnte, Rat, Unter-
weisung und Ausbildung zur Wiedererlangung der Erwerbsfahigkeit zuteil
wurde. Fiir diese auJ3erordentlich segensreich wirkende Tatigkeit wurde ihm
zunachst das Kriegsverdienstkreuz und spater das Eiserne Kreuz am weiBen
Bande verliehen.
Mitten in dieser umfangreichen und anstrengenden Tatigkeit trat er in voller
korperlicher und geistiger Riistigkeit im Juli 1919 seinen kurz bemessenen
Sommerurlaub an, um ihn mit seiner Gattin im Moselbad Bertrich zu ver-
leben. Auf der Reise dahin faBte ihn vollig unerwartet der Todeskeim einer
Lungenentziindung, welcher er, kaum dort angekommen am 29. Juli 1919
erlag.
Mit groBer Begeisterung setzte R. sein Leben lang sein ganzes Wissen und
Konnen ein zur Losung der vielen offenen Fragen der Erziehung und des Unter-
richts unserer gewerblichen Jugend. Von geselliger Art, voll von Liebens-
wiirdigkeit im Freundeskreise, ging er einem frohlichen Becherlupf am burgen-
umsaumten sagenreichen Rhein nie aus dem Wege. Davon wissen alle die zu
erzahlen, welche sich bei Versammlungen in der heiligen Stadt Koln seiner
Fiihrung anvertrauten.
Koln-Deutz. Konstantin Wille.
Schaper, Fritz, Bildhauer, Professor, * am 31. Juli 1841 in Alsleben a.d. S.,
Bezirk Merseburg, f am 29. November 19 19 in Berlin. — Aus einem kinder-
reichen Pfarrhause hervorgegangen, verlor er fruhzeitig beide Eltern und
kam auf das Land zu einem Graf en Kielmansegg, der indes schon ein Jahr
spater der Erziehung seiner eigenen Kinder wegen seinen Wohnsitz nach
462 1919
Halle verlegte, wo der Knabe die Realschule bis zu seiner Konfirmation
besuchte. Mit 15 Jahren — 1856 — trat er bei dem dortigen Steinmetz Merckel
in die Lehre, wo er mit dem Meifiel umzugehen lernte; der wackere Meister
selbst war es, der den jungen Lehrling ermutigte, seinem Drange zur Kunst
zu folgen. So ging Sch. 1859 zu seiner weiteren Ausbildung nach Berlin, wo
er in das Atelier von Albert Wolff eintrat und gleichzeitig zwei Jahre die Aka-
demie besuchte, urn seine anatomischen Kenntnisse zu vertiefen und sich
im Zeichnen nach der Antike und nach der Natur zu iiben. Nach mehrjahriger
Tatigkeit als Gehilfe in Wolffs Atelier machte er sich 1864 m& den Mitteln
seines ihm damals zu freier Verfiigung iiberlassenen kleinen elterlichen Erb-
teils an seine erste selbstandige Arbeit, fur die er das Bacchus- und Ariadne-
Thema in einer in Lebensgrofle ausgefiihrten Gruppe wahlte. Aber erst 1867 —
in dem fur Sch. bedeutungsvollen Jahr der Pariser Weltausstellung, die er
selbst zu besuchen Gelegenheit hatte — konnte er es wagen, sich selbstandig
zu machen. Seine Beteiligung an dem damals ausgeschriebenen Wettbewerb um
das Uhland-Denkmal fiir Tubingen hatte den Erfolg, daB ihm einstimmig der
erste Preis zugesprochen wurde; nur seine Jugend und Unerfahrenheit auf prak-
tischem Gebiet wanden ihm zugunsten des Gustav Kietzschen Modells die
Friichte des Sieges aus den Handen: nicht Sch.s sondern Kietz' Entwurf wurde
zur Ausfuhrung bestimmt. Immerhin hatte dieser Wettbewerbserfolg eine
Reihe von Auftragen zur Folge, darunter als ersten ein Grabdenkmal fiir den
Kommerzienrat Bolze und seine Gattin auf dem Friedhof in Salzmiinde bei
Halle, das Sch. als architektonischen Saulenaufbau mit figurlichem Schmuck
(zwei Frauengestalten als Gebalktragerinnen) und dem Medaillonbildnis der
Verstorbenen gestaltete. Gleichzeitig f iihrte Sch. eine Sandsteingruppe : Athene
zwischen zwei Kriegern, fiir die Fassade des Generalstabsgebaudes in Berlin
aus, kurz darauf das Kriegerdenkmal fiir die im Feldzug von 1866 gefallenen
Sonne der Stadt Halle ; als Bekronung der von Hitzig entworf enen Architektur
schuf Sch. eine Borussia, fiir den Schmuck des Sockels zwei 1,6 wen. Ein
Modell fiir eine Kolossalstatue der Germania, die auf einem Felsvorsprung
iiber der Saale zwischen Halle und Giebichenstein zur Aufstellung kommen
sollte, blieb unausgefuhrt. Weiter sind unter seinen Jugendarbeiten hervor-
zuheben die Statue des sich im Drachenblut badenden Siegfried, die an-
mutige Marmorstatue eines jungen Madchens, das im Begriff ist, ins Bad zu
steigen (»Die Wasserprobe*), und das Basrelief : Die drei Grazien als Walte-
rinnen im Hause.
Aus einer siegreichen Konkurrenz ging dasjenige Werk hervor, das Sch.s
Namen am meisten bekannt gemacht hat: das Goethe-Denkmal im Ber-
liner Tiergarten (1872/80), in dem man eine Weiterbildung des Motivs
der Konigsberger Kant-Statue Rauchs erkennen kann, und dessen vor-
nehmer klassizistischer Charakter seinen Schopfer deutlich in den Bahnen
der Rauch-Schadow-Schule wandelnd zeigt. Diese stilistische Einstellung
Sch.s wird besonders bemerkenswert, wenn man sich erinnert, daB in die Zeit
dieser ersten Schaf fens jahre Sch.s der glanzvolle Aufstieg des Gestirns des
zehn Jahre alteren Begas fallt, dem damals allgemein gehuldigt wurde als
dem Erneuerer der deutschen Bildhauerkunst, der den Sieg nicht nur iiber die
verzopfte Antike, sondern auch iiber den preuBisch niichternen Realismus
erkampft hatte. Das heroische Pathos und die groBe Gebarde des Barock
Schaper 463
waren Trumpf , und es war fiir den jungen Sch. gewiB keine geringe Versuchung,
sich dieser Richtung anzuschlieBen, tun zu schnellem Erfolge zu gelangen.
Aber die ihm durch Wolff vererbte Rauchsche Tradition mit ihrem gesunden
Wirklichkeitssinn und ihren auf schlichte Sachlichkeit gerichteten Absichten
war zu lebendig in ihm, als daB ihm diese Versuchung hatte gefahrlich werden
konnen. Auch schiitzte inn das kraftig in ihm pulsierende norddeutsche Blut
gegen den lockenden Zauber dieser italienisierenden und im letzten Grunde
doch eben undeutschen Sprache der Begasschen Muse. Wenn Sch. denn
spater doch einmal die weitausholende oratorische Geste wiederzugeben ver-
sucht hat, wie in seinem die Rechte zum Segen erhebenden Christus iiber dem
Portal des Berliner Domes, so wirkt er nicht iiberzeugend, und man spurt deut-
lich, daB er sich in diesen Bezirken der gehobenen Sprache und der monumen-
talen Geste nicht recht heimisch fiihlt. Wie wahr und lebensvoll wirkt er da-
gegen in der echt biirgerlichen Atmosphare, wie sie etwa seine prachtige
Portratstatue Emil Rittershaus umweht. Am vollkommensten ist ihm die
Verbindung von Ideal und Wirklichkeit in seinem Berliner Goethe-Denkmal ge-
lungen, das darum als seine Hauptleistung angesprochen werden darf. Viel
wirksamer als Begas in seinem Schiller-Denkmal hat Sch. der Gefahr zu be-
gegnen gewuBt, daB die Sockelf iguren — es handelt sich um die drei sitzenden
allegorischen Gruppen der lyrischen Dichtung, der dramatischen Dichtung
und der wissenschaftlichen Forschung — die imponierende Wirkung der
Hauptfigur nicht abschwachen, deren edel geformtes Haupt den alten Fontane
in seinem reizenden Gedicht auf die Frage, ob ihm denn in der Welt iiberhaupt
noch etwas gefalle, die lustige Pointe eingab, den Sch.schen Goethe-Kopf
und ein Backfischkopfchen mit einem Mozart-Kopf zusammenzustellen. Noch
wahrend der Ausfuhrung dieses alle Vorziige der Sch.schen Kunst in sich
vereinigenden Werkes entstanden die Landsknechtsfigur des Siegesbrunnens
in Halle fiir die von Hubert Stier geschaffene Architektur (1878) und die Denk-
maler Bismarcks in Koln (1879) und des Mathematikers GauB in Braunschweig
(1880). Seinem Konkurrenzentwurf fiir ein Luther-Denkmal inEisleben (1876)
wurde das Projekt Siemerings zur Ausfuhrung vorgezogen. In den achtziger
Jahren schuf Sch. das Moltke-Denkmal in Koln (1881), die Sitzstatue Lessings
fiir Hamburg (1881), das Denkmal des Generals August v. Goeben fiir Ko-
blenz (1884), das Luther-Denkmal fiir Erfurt und das Denkmal Alfred Krupps
in Essen, letztere beide 1889 enthullt, das Denkmal Justus v. Liebigs fiir
GieBen, ferner die Kolossalfigur der Viktoria fiir die Ruhmeshalle des Berliner
Zeughauses nebst den beiden Begleitf iguren : Treue und kriegerische Begeiste-
rung (1885), un(i niehrere Bildnisbiisten, darunter die Biiste des Freiherrn
vom Stein im Berliner Zeughaus, und Bildnismedaillons. In der 1889 aus-
geschriebenen Konkurrenz um ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Berlin er-
hielt Sch. einen zweiten Preis. In den neunziger Jahren entstanden die
Bliicher-Statue fiir Caub a. Rh. (1894), das Denkmal der in einem Sessel
sitzend dargestellten Kaiserin Augusta auf dem Opernplatz in Berlin (1895),
die Statue des GroBen Kurfiirsten fiir den WeiBen Saal des Berliner Schlosses,
eine Christusstatue fiir die Apsis der Kaiser-Wilhelm-Gedachtniskirche in
Berlin, die Kolossalbiiste Hoffmanns v. Fallersleben auf Helgoland, die Biiste
des Komponisten Karl Lowe in Kiel, das Standbild des GroBen Kurfiirsten
fiir die Berliner Siegesallee (Wiederholung in Bronze im Burggarten auf dem
464 1919
Sparrenberg bei Bielefeld), das Reiterstandbild des Grofiherzogs Ludwig IV.
von Hessen fur Darmstadt (1898), das Bismarck-Denkmal fur Miinchen-
Gladbach (1899) und die fast funfeinhalb Meter hohe, in Kupfertreibarbeit
ausgefuhrte Christusstatue iiber dem Hauptportal des Berliner Domes (1899).
Von nicht ausgefuhrten Wettbewerbsentwurfen dieser Jahre sind hervor-
zuheben das mit einem zweiten Preis ausgezeichnete Modell fur ein Kaiser-
Wilhelm-Denkmal in Breslau (1890), der gemeinsam mit dem Architekten
Otto Rieth geschaffene Entwurf fiir ein Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I.
am Deutschen Eck in Koblenz (1892) und der mit einem ersten Preise aus-
gezeichnete Entwurf fiir ein Bismarck-Denkmal in Berlin (1895). Dafl dieser
letzte machtvolle Vertreter der Rauchschen Tradition sich auch aufierhalb
des Portratgebietes einem frischen naturalistischen Zuge nicht verschlossen
hat, beweist seine lebensgroBe kniende Aktfigur »Das Erwachen«, deren
schoner, innerlich beseelter Kopf die Pracht des uppig entwickelten Korpers
kaum zu bandigen vermag. Die weiche Modellierung des jugendlich straff en
Frauenkorpers mit seinem komplizierten, aber dabei doch ganz ungekiinstelten
Bewegungsmotiv ist mit feinstem Gefuhl durchgefiihrt. Aber der Naturalis-
mus ist fiir Sch. niemals Selbstzweck gewesen; oberstes Gesetz, das er niemals
verletzt hat, blieb ihm vielmehr immer der Adel der Form. Die bedeutendsten
Werke aus der Spatzeit des aufierordentlich fruchtbaren Kiinstlers sind das
Denkmal des Dichters Emil Rittershaus, mit dessen Tochter Sch. vermahlt
war, in Barmen (1900), das Reiterdenkmal Kaiser Wilhelms I. in Aachen
(1901), das Denkmal des Liederkomponisten Robert Franz an der alten Pro-
menade in Halle, das Gustav-Freytag-Denkmal in Wiesbaden (1905), die
Schleiermacher-Biiste vor der Berliner Dreifaltigkeitskirche, das Giebelrelief
des Berliner Reichstagsgebaudes und die Marmorbuste Richard Wagners im
Volksgarten in Venedig (1908). Fiir seine reizende Gruppe der Konigin Luise
mit dem neugeborenen Prinzen, dem spateren Kaiser Wilhelm I., die bei der
Hundertjahrfeier des alten Kaisers 1897 das Akademiegebaude schmiickte,
erhielt Sch. die groBe goldene Medaille, nachdem ihm schon 1884 der Orden
Pour le m£rite verliehen worden war, zu dessen Vizekanzler er 1905 ernannt
wurde. Von 1875 — dem Jahr der Reorganisierung des Institutes durch Anton
v. Werner (s. DBJ. 1914 — 16, S. 177 ff.) — bis 1890 leitete Sch. den Aktsaal
fiir Bildhauer an der Berliner Akademie der Kiinste, der er seit 1881 als Senats-
mitglied angehorte. Ferner war er Ehrenmitglied der Akademien Miinchen
und Dresden und des Vereins Berliner Kiinstler und auBerordentliches Mitglied
der Berliner Akademie des Bauwesens. Die Bildnissammlung der Berliner
Nationalgalerie bewahrt von Sch. die Marmorbiisten Friedrich Althoffs und
des Generals A. v. Goeben, die Deutsche Biicherei in Leipzig eine Marmor-
biiste des Verlagsbuchhandlers H. H. Reclam. — Unter den zahlreichen
Schiilern Sch.s seien hervorgehoben Gerhard Janensch, Max Kruse und Hein-
rich Weltring. — Ein Bruder Sch.s war der bekannte, 1915 verstorbene Berliner
Hofgoldschmied Hugo Sch.
Literatur: O. Baisch, F. Sch., ein Kiinstlerleben, Berlin 1883. — Ders., F. Sch., ein
Kiinstlerleben der Gegenwart, in: Westermanns illustr. deutsche Monatshefte, 28. Jahrg.,
55. Bd., 342/66, mit 6 Abbild. — Das geistige Deutschland am Ende des 19. Jahrhun-
derts, Bd. I, I^eipzig-Berlin 1898. — Ad. Rosenberg, F. Sch.s Goethe-Denkmal in Berlin
(Zeitschrift f iir bildende Kunst, XV [1880] 290/92). — Deutsche Warte (Berlin), Nr. 177
vom 30. Juli 191 1. (Zu Sch.s 70. Geburtstage, mit Bildnis.) — Alex. Heilmeyer, Modernc
Schaper. Seidl 465
Plastik (Saminlung illustr. Monographien, herausgeg. von Harms v. Zobeltitz, Bd. 10),
Bielefeld und Leipzig 1903 (mit 3 Abbildungen).
Leipzig. Hans Vollmer.
Seidl, Emanuel v., Architekt, * am 22. August 1856 in Miinchen, | am 24. De-
zember 1919 in Miinchen. — Emanuel v. S. gehort zu den fiihrenden Personlich-
keiten der deutschen Baumeistergeneration des letzten Viertels des 19. Jahr-
hunderts. Er ist neben seinem acht Jahre alteren Bruder Gabriel v. S.
einer der markantesten Vertreter der Miinchener Schule, die von der Wieder-
aufnahme der Deutschrenaissance in den siebziger Jahren ausgegangen und am
Ende des Jahrhunderts zur Ausbildung eines reichen malerischen Barockstils
gelangt sind. Daneben ist diese Richtung aber bestimmt worden von dem Be-
streben, die heimischen Bauformen der Vergangenheit besonders auf dem Ge-
biete des Landhauses der Gegenwart nutzbar zu machen, und auch auf diesem
Gebiete ist Emanuel v. S. namentlich in seiner Spatzeit, im ersten Jahrzehnt
des 20. Jahrhunderts, einer der fruchtbarsten Meister gewesen, wie eine groBe
Zahl von Landhausern bezeugen.
Emanuel v. S., geboren in Miinchen als Sohn eines Backermeisters aus einem
alten Bauerngeschlecht von GroB-Dingharting bei Wolfratshausen, trat nach
Absolvierung des Realgymnasiums und des Polytechnikums in Miinchen zuerst
bei dem Baubureau der Generaldirektion der Bayerischen Verkehrsanstalten
ein. Alsbald wandte er sich aber der in Miinchen seit der Renaissanceausstellung
von 1876 besonders stark bliihenden Bewegung der Ausstattung von Innen-
raumen und der kunstgewerblichen Arbeit zu. Fur die Kunstgewerbeausstel-
lung des Jahres 1888 entwarf Emanuel v. S. den Plan der Anlage auf dem
Gelande an der Isar, wobei sein Entwurf iiber den des Friedrich v. Thiersch
siegte. Durch diese erste groBe Unternehmung auf dem Gebiete des Ausstel-
lungswesens wurde die Begabung Emanuel v. S.s zur wirkungsvollen Anord-
nung von Ausstellungsanlagen und zur Leitung festlicher Veranstaltungen ge-
weckt. Die in der Tradition der Miinchener Kunst wurzelnde ausgesprochene
Fahigkeit dekorativer und farbenfroher Gestaltungsweise hat in Emanuel v. S.
in den nachsten Jahrzehnten die glanzendste Verkorperung gefunden. Eine
ganze Reihe in dieser Bahn liegender Aufgaben wurden ihm zuteil, unter denen
hervorzuheben sind die Ausstellungsraume des Deutschen Reiches auf der
7. Intern ationalen Kunstausstellung in Miinchen 1901, die Anordnung der
deutschen Kunstausstellung auf der Pariser Weltausstellung 1908, die Mit-
wirkung an der deutschen Abteilung der Weltausstellung in Briissel 1910 und
am Ausstellungspark der Theresienhohe in Miinchen, wo er das Hauptrestau-
rant schuf . Von den groBen Festen, die Emanuel v. S. im Sinne der reichen
Miinchener Tradition auf diesem Felde geleitet hat, sind das groBe Kiinstlerfest
in SchleiBheim, der Festzug des deutschen BundesschieBens 1906 und die Jahr-
hundertfeier in Kehlheim von 1913 sowie die Mitwirkung an der Feier der
Staatsumwalzung in Miinchen zu nennen. Der starke Zug Emanuel v. S.s zum
Dekorativen hat auch seine bauliche Tatigkeit in erster Linie auf die Innen-
architektur gelenkt. Er hat zusammen mit seinem Bruder Gabriel und mit
Rudolf Seitz eine Zeitlang ein Architekturatelier unterhalten, bei dem er haupt-
sachlich die Innenausstattung iibernahm. Er ist auf diesem Gebiete von der
malerischen Auffassungsweise im Stile der Renaissance- und Barockrichtung
DBJ 30
466 19*9
der achtziger Jahre allmahlich zu einer einfachen und klaren Durchbildung ge-
kommen, wie er denn selbst an seinem eigenen Landhaus dargetan hat, daB er
in jiingeren Jahren im alteren Charakter begann und spater, als gereifter Mann,
unter den Gesichtspunkten der fortgeschrittenen Zeit umgebaut und erweitert
hat. Aber immer hat er in der Einrichtung eine dekorative, behaglich burger-
liche Note beibehalten.
Anf dem Gebiete der monumentalen AuBenarchitektur steht Emanuel v. S.
hinter seinem Bruder Gabriel und in hoherem MaJ3e noch hinter dem Miin-
chener Zeitgenossen Friedrich v. Thiersch (s. DBJ. 1921, S. 252 ff.) erheblich
zuriick, wenn man den MaBstab strenger Monumentalitat anlegt. Die wich-
tigsten Schopfungen dieser Gattung sind das AuBere des Theresiengymnasiums
(1895 — 1897), das Augustinerbrau an der NeuhauserstraBe in Miinchen (1896
bis 1897) — die Aufgabe der Gestaltung der Miinchener Brauhauser im volks-
tiimlichen heimischen Barockcharakter war fur die Bruder S. in besonderer
Weise geeignet zur Entf altung ihres aus der Miinchener bodenstandigen Kultur
hervorgegangenen Konnens. Weitere Bauten sind die Galerie Heinemann von
1903, mit der S. bereits neue Bahnen von dem Neubarock zu einem schlichten
Klassizismus einschlug, dann das Gebaude der Munchen-Aachener Feuer-
versicherung am Lenbachplatz (1904 — 1905), das Haus Pschorr in der Mohl-
straBe in Miinchen (1907 — 1908), der Ausbau des Schlosses in Sigmaringen,
Anlage und Bauten des Tiergartens Hellabrunn im Isartal, die Marien-Ludwig-
Ferdinand-Anstalt in Miinchen-Neuhausen, sowie das Kurhaus in Bad Kreuz-
nach. Emanuel vollendete das von seinem Bruder Gabriel begonnene Kurhaus
Tolz und ebenso nach dessen Tode den Bau des deutschen Museums in Miinchen.
Die Personlichkeit des Kiinstlers kommt bezuglich der AuBengestaltung starker
zur Geltung in der Schaffung von Landhausern. Neben seinem eigenen Land-
haus in Murnau am Staffelsee verdienen aus der groBen Zahl derartiger Schop-
fungen Hervorhebung das Haus Knorr in Garmisch, Haus Stumm in Ramholz
bei Gmunden, das Jagdhaus Skoda bei Wien und das Haus Oppenheim in Reh-
nitz in der Mark. Namentlich die in seinem bayerischen Heimatlande errich-
teten Land- und Gutshauser Emanuel v. S.s zeichnen sich durch feinfuhlige
Zusammenstimmung mit der Landschaft aus. In den Umrissen, in der Dach-
gestaltung und in der Behandlung des weiBen Putzes macht sich das liebevolle
Studium der heimatlichen Bauuberlieferungen geltend. Es kommt das beson-
ders den einfachen Aufgaben, wie Stallgebauden, Gartnerhausern, Remisen und
Jagdhausern zugute, die sich in ihren kraftigen und landlichen Formen den
besten Schopfungen der altbayerischen Landbaukunst an die Seite stellen.
Auch um die Wiederbelebung der in dieser Gegend fruher geiibten bunten
Fassadenmalerei hat sich Emanuel v. S. erfolgreich bemuht. Im Zusammenhang
mit dem fein entwickelten Sinn des Kiinstlers fur die richtige Lage des Land-
hauses im Terrain und zur Sonne steht auch sein Geschick fur die Gestaltung
von Garten und Park im Verhaltnis mit der Architektur und der Landschaft.
Das wird am besten belegt durch den Park seines eigenen Landhauses am
Staffelsee, der in zahlreichen Ansichten in der Publikation des Kiinstlers iiber
sein Stadt- und Landhaus abgebildet ist. Wesentliche Verdienste E. v. S.s
liegen endlich auf dem Gebiete der Befruchtung des Miinchener Kunsthand-
werks sowie der dekorativen Stuckbildnerei.
Wie sein Bruder so hat Emanuel den bayerischen Adel erhalten, war Ritter
Seidl. Siemens 467
einer Reihe holier Orden und nahm im Munchener kiinstlerischen und offent-
lichen Leben eine hochangesehene Stellung ein.
Einer abschlieBenden Beurteilung der Leistungen Emanuel v. S.s stent die
Tatsache entgegen, daB unsere Generation, namentlich seit dem Weltkrieg, auf
dem Gebiete der Architektur eine Bahn eingeschlagen hat, die in vieler Hin-
sicht zu anderen Zielen strebt, als sie Emanuel v. S. und seine Zeitgenossen
verfolgten. Die von Renaissance- und Barockmotiven durchsetzte malerische
Bauweise, zu deren Vertretern Emanuel v. S. in seinen besten Jahren gehorte,
steht dem Bestreben unserer Architektengeneration nach konstruktiver Klar-
heit, tektonischer Strenge, Sachlichkeit und Schmucklosigkeit in derGrund-
richtung diametral gegeniiber.
Literatur: Deutsche Bauzeitung 1920, S. 3 und 46. — Zentralblatt der Bauverwal-
tung 1920, S. 42. — Der Baumeister 1905 und 1920. — Emanuel v. S., Mein Land-
haus, Darmstadt 1910.
Berlin. Hermann Schmitz.
Siemens, Wilhelm v., Vorsitzender des Aufsichtsrates der Siemens & Halske
A.-G. und der Siemens-Schuckertwerke G.m.b.H., * am 30. Juli 1855 in Berlin,
t am 14. Oktober 1919 in Arosa. — Als zweiter Sohn von Werner Siemens
konnte Wilhelm seine Kinder jahre unter den giinstigsten Verhaltnissen ver-
leben. Das elterliche Haus war durch die groBen Erfolge des Vaters schon
festgefiigt, dieser selbst hatte sich in wenigen Jahren ein ungewohnliches An-
sehen in der Fachwelt des In- und Auslandes als wissenschaftlicher Techniker
errungen. Die von ihm 1847 begnindete Firma Siemens & Halske, von vorn-
herein auf die Pflege auswartiger Arbeitsgebiete bedacht, fiihrte schon in der
ersten Halfte der fiinfziger Jahre groBe Telegraphenanlagen in Rutland aus,
dann gelang es auch, in England festen FuJ3 zu fassen. Die verhaltnismaBig
kleine Zahl von Mechanikern im Berliner Stammhause gab keinen MaBstab fiir
die tatsachliche Bedeutung der Firma. Werner S. betrachtete die fast aus-
schlieBlich von ihm selbst entworfenen und erprobten, in den Berliner Werk-
statten unter Halske mit vollendetem Geschick ausgefuhrten Gerate nur als die
sichere Grundlage fiir ausgedehnte Unternehmungen. Die auBerordentlich
kritische Auffassungsfahigkeit von Werner S., sein sprudelndes Erfindungs-
vermogen und sein erstaunlicher FleiB vereinten sich, dem schnellwachsen-
den Betriebe die zweckdienlichen Ziele zu weisen und die Faden der viel-
seitigen Geschafte zu halten. Die erhaltenen 7000 Brief e zwischen ihm und
seinen Bnidern geben dariiber Auskunft. Seine Zeit war dabei naturgemafi
auf das auBerste ausgenutzt, trotzdem fiihrte er aber mit seiner Gattin Ma-
thilde, einer Tochter des Universitatsprofessors Drumann in Konigsberg, und
den heranwachsenden Kindern ein inniges Familienleben. Deshalb beachtete
er auch, wie aus seinen Briefen hervorgeht, aufmerksam das Ergehen und
Treiben der Kinder, ohne sie aber durch erzieherischen Eifer zu bedriicken.
Er ist immer weise zuriickhaltend mit Lehren und Zurechtweisungen ge-
wesen und hat am meisten durch sein Beispiel gewirkt. Der gluckliche
Zustand in der Familie wurde leider bald gestort. Die Mutter, der seelische
und geistige Mittelpunkt des Hauses, krankelte in zunehmendem MaBe und
starb schon in Wilhelms zehntem I^ebensjahre. GewiB hat sich dieser haus-
468 1919
liche Kummer auch stark auf Wilhelms Gemtit gelegt. Die Kinderbilder von
ihm zeigen iibereinstimmend einen ganz anffallend ernsten Ausdruck.
Im Alter von zwolf Jahren kani Wilhelm auf das humanistische Gymnasium.
Auch in der Schulzeit hatten die Knaben groBe Freiheit, ihrer Eigenart zu
folgen. Das ist aus Wilhelms Aufzeichnungen in den spateren Schul jahren
leicht erkenntlich. In die Familie zog durch die Vermahlung des Vaters mit
Antonie S. im Jahre 1869 wieder eine lichtere Stimmung ein. Aber Wilhelm
selbst wurde von haufigen kleinen gesundheitlichen Storungen infolge seiner
zarten Lunge heimgesucht, die einen langeren Wechsel des Aufenthaltsortes
anrieten; er trat im Herbst 1872 in die Obersekunda des Lyzeums in StraB-
burg i. E. ein. Dort wohnte er in der Familie des Pastors Kopp und begann
sein Tagebuch zu fuhren, das die wertvollsten Aufschliisse iiber seine Gedanken-
welt gibt und mit manchen Lucken fast bis zu seinem Lebensende reicht. Die
Form des Tagebuches hat mit den Jahren gewechselt. Es sollte offenbar von
vornherein kein trockener Bericht iiber auBerliche Dinge sein, der Verfasser
wollte aber seine Gedanken und Urteile iiber die wesentlichsten Vorkommnisse
aufzeichnen, sich mit diesen auseinandersetzen, den Blattern anvertrauen,
was er sich in seinem Zartsinn scheute, mit anderen zu bereden. In der Jugend-
zeit ist natiirlich das eigene Ich des Schreibers der wesentliche Inhalt der Auf-
zeichnungen, spater treten mehr und mehr die groBen sachlichen Gesichts-
punkte hervor.
Gerade die Blatter aus den ersten Jahren des Tagebuches sind fur einen
noch so jungen Menschen ganz ungewohnlich. Mit seinem Pensionsvater fuhrt
der Jiingling religiose Gesprache, andererseits findet er — damals noch —
Biichners » Kraft und Stoff« wertvoll und anziehend. Dichtwerke fesseln ihn,
Musik ist ihm ein Bedurfnis. Neben der Schule drangt es ihn, schon Vorlesungen
an der Universitat zu horen. Und dabei sieht man kein eitles Spiel mit den
Dingen, sondern das ernsthafte Bemiihen, sie zu begreifen. Dieses Schwei-
fen in die Weite ist fur Wilhelm kennzeichnend geblieben, es bildet ein Bei-
spiel dafur, daB Vielerlei bei sonst verstandigem Tun keineswegs zu Ober-
flachlichkeit fuhren muB, wie die landlaufige Meinung ist. Es bringt vielmehr
fruchtbare Anregung, wenn es an festeren Gefiigen der Gedankenwelt Halt
und Stiitze findet, und ist sogar bis zu hohem Grade f iir den geistig Schaffen-
den unentbehrlich.
Der Aufenthalt in StraBburg fand schon nach einigen Monaten ein friih-
zeitiges Ende, da dem Vater ein Aufenthalt Wilhelms in einem noch milderen
Klima angezeigt erschien. Er sandte ihn im Februar 1873 nach Italien, als
alterer Freund begleitete ihn der junge Philologe Erich Schmidt, der spatere
Literarhistoriker in Berlin. Der Vater gab seinem siebzehnjahrigen Sohne un-
beschrankten Kredit bei italienischen Banken und verlangte nur gute Rech-
nungsfuhrung. Die Reisenden betrachteten alles Schone aus Natur, Kunst
und Volksleben mit offenem Sinne ohne Uberschwang. Das Tagebuch Wil-
helms gibt dariiber Auskunft.
Nach der Riickkehr im Sommer begann sich Wilhelm in Berlin durch Einzel-
unterricht auf die Reifepriifung vorzubereiten, wie schon beim Abgange von
StraBburg ins Auge gefaBt worden war. Wieder berichtet das Tagebuch von
einem Vielerlei in den Studien, das hier aber kaum forderlich war. Das viele
Nebenbei — Wilhelm horte auch wieder vorgreifend physikalische Vorlesungen
Siemens 469
auf der Universitat und befafite sich noch mit Dichtkunst, Politik, Musik usw.
— muBte bei dem notwendigen Zwange fur den praktischen Zweck ungiinstig
wirken. Zwar zeigt sein verschwiegenes Tagebuch am Ende dieser Examen-
zeit schon ein kraftiges Aufraffen, aber das Ziel wurde doch verfehlt, und der
Vater net ihm, zu griindlicher Ausspannung jetzt im Fruhjahr 1875 fiir das
Sommersemester nach Heidelberg zu gehen. Noch vor seiner Ubersiedlung nach
dort fand zwischen ihm, dem Vater und Onkel Fritz, einem der jiingeren Briider
Werners und Erfinder des Regenerativofens, eine Besprechung statt liber die
Berufswahl. Hatte der Vater auch immer seine Sonne als Nachfolger in seinem
Lebenswerke gesehen, so legte doch Wilhelms Art voriibergehend auch die
reine Gelehrtenlaufbahn nahe. Hier scheint der Rat von Onkel Fritz die Losung
gebracht zu haben; Wilhelm beschlofi, die wissenschaftliche Seele der Firma
zu werden.
In Heidelberg »saB er zu FiiBen beruhmter Lehrer«, Bunsen, Quincke,
Fuchs und anderen, aber die iibernommene Weisheit wog nicht schwer und
sollte es ja auch nicht, denn unter heiteren Kameraden wurde der zunachst
wichtigere Erfolg der Erholung erreicht. Ebenso wirkte das soldatische Dienst-
jahr in Stuttgart, das Wilhelm dem Heidelberger Semester gleich anschloB,
trotz mancher Verdriefilichkeiten, die dem beherzten jungen Reiter wohl der
ungewohnte Zwang verursachten. Nach Beendigung des Dienstjahres riet ihm
nunmehr der Vater zum Studium an der Universitat Leipzig, deren damaliger
erster Physiker Wiedemann ihm als der beste Lehrer fiir die einzuschlagende
Richtung erschien, doch brachte das Leipziger Semester auBerlich wenig Ge-
winn fiir Wilhelm. Als ausgesprochener Eigenganger nahm er an vielem reg-
sten Anteil, aber er fragte wenig um Rat und verfiel dariiber in starke Un-
befriedigung. Andererseits nahm er aus der Zeit doch viele fruchtbare An-
regungen mit. Bemerkenswert ist namentlich die lebhafte Teilnahme an wirt-
schaftlichen und sozialen Fragen.
Der folgende Sommer war hauptsachlich mit militarischen Dienstleistungen
ausgefullt. Dann ging Wilhelm an die Universitat Berlin iiber, und wahrend
der hier verbrachten fiinf Semester hat sich ganz ersichtlich eine Sammlung
und Klarung in Wilhelms Wesen vollzogen. Neben mathematischen, physi-
kalischen und chemischen Studien beanspruchten zwar auch Geschichte und
Politik, Rechtskunde und Wirtschaftsleben, Philosophic und Kunst die Zeit
und Kraft des WiBbegierigen. Aber mehr und mehr schalt sich von dem
Kerne los, der sich im Hinblicke auf das Ziel allmahlich bildet, bestehend in
Mathematik und Physik neben einigen Nebenfachern. Der Hunger nach
Wissen ist Wilhelm sein I,ebtag iiber geblieben und hat ihn in bestandigem
Lernen erhalten, und er hat dabei immer wieder verstanden, einzelne Auf-
gaben griindlichst zu verfolgen.
Wie sein Vater hatte Wilhelm neben dem Drange nach Erkenntnis einen
ausgepragten Sinn fiir die Nutzanwendung, diese im feineren Sinne verstan-
den, und das Verlangen nach eigenem Schaffen veranlafite ihn wohl haupt-
sachlich, schon mit dem Wintersemester 1879/80 seine Studienzeit abzu-
schliefien und in die Firma des Vaters iiberzutreten, auch ganz in dessem
Sinne.
Der Eintritt Wilhelms in die Firma Siemens & Halske konnte kaum zu einer
geeigneteren Zeit erfolgen. Seit ihrer Begriindung 1847 pflegte die Firma in
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erster Linie den Telegraphenbau, ihre groBte Leistung im technisch-wissenschaf t-
lichen Sinne wie hinsichtlich der praktischen Durchfuhrung war in der zweiten
Halfte der sechziger Jahre der Bau der Indo-Europaischen Linie, die London
unmittelbar iiber ioooo Kilometer mit Kalkutta verband. An dieser groBen
Arbeit beteiligten sich neben dem Mutterhause Berlin gleichmaBig die Zweig-
firmen in Petersburg und London. Nach dem Austritt von Halske 1867 bil-
deten die drei Hauser einGanzes im Besitze der Briider Werner, Wilhelm und
Karl. Das englische Haus befaBte sich vornehmlich mit der Erzeugung und
Verlegung von Unterseekabeln. Jetzt, zur Zeit von Wilhelms Eintritt, wurde
zunachst in Berlin ein Umschwung fuhlbar, die Herrschaft des Starkstromes
begann. Die 1866 von Werner Siemens erfundene Dynamomaschine fand ihre
erste Verwendung als Lichtmaschine. Ihre gebrauchsfertige Durchbildung mit
Trommelanker bei noch bescheidener Leistung erfolgte in den siebziger Jahren,
die Differentiallampe von 1878 gab die Moglichkeit unbeschrankter, sicherer
Anwendung des Bogenlichtes. Das sich so eroffnende Anwendungsgebiet er-
f uhr noch eine bedeutsame Erweiterung durch die von Edison zuerst in brauch-
bare Form gebrachte Gluhlampe. Dazu hatte im Sommer 1879 Werner Siemens
Beispiele zur Kraftubertragung gezeigt, unter anderen eine elektrische Per-
sonenbahn. Sonderbar genug brachte aber jetzt gerade das Telephon auch
eine in ihrem Werte noch gar nicht abzuschatzende Bereicherung des Fern-
meldewesens. In diesem Knotenpunkte vielverzweigter Entwicklung stand
die Firma Siemens & Halske vor einer Reihe von neuen Aufgaben.
Bei seinem Eintritt in die Firma hatte Wilhelm manche erklarliche Schwie-
rigkeiten in seinem Verhaltnisse zu den leitenden Beamten des Hauses zu iiber-
winden, wie immer in solchen Fallen. Noch ein anderer Umstand wirkte er-
schwerend. Der Werkstattbetrieb der Firma muflte sich nun auch auf den
Maschinenbau einstellen. Wilhelm hatte sich in seiner Vorbildung fast ganz
der Physik gewidmet, er brachte also auch noch keine zutreffenden Vorstel-
lungen iiber die vom Starkstrome geforderten Notwendigkeiten mit. Anderer-
seits war der altere Bruder Arnold, der in der Ausbildung gleich mehr die
technische Richtung eingeschlagen hatte, als Leiter einer neuen Zweignieder-
lassung in Wien. So fielen Wilhelm in dem eben angebrochenen Jahrzehnt die
Aufgaben zu, sich selbst in den Lauf der Dinge einzufiihlen und allmahlich
auf Grund der Erfahrung dem Betriebe die Richtung zu geben. Er hat dabei
vollkommenen Erfolg gehabt, weil er nicht darauf ausging, allgemein ein
»Organisator« zu sein, sondern infolge der Pflege, die er einzelnen Zweigen
unter Beachtung der Moglichkeiten und unter Riicksicht aut das Ganze zuteil
werden lieB. Er gab sich ganz seiner klar erkannten Pflicht hin und legte sich
vielfach Entsagung auf, wenn er zugunsten der geschaftlichen Leitung seine
nie schlummernde Neigung zum rein personlichen Schaffen zuriickstellte.
Diesem Verfahren ist er immer treu geblieben und konnte beiden Zielen urn
so mehr geniigen, wie er im Laufe der Jahre sich geschickte und zuverlassige
Mitarbeiter heranzuziehen verstand.
Seinen Blick fur das zunachst Notwendige bekundete Wilhelm durch die
Arbeit an der Gluhlampe, die er bald nach seinem Eintritt begann. Zur Freude
seines Vaters konnte er schon 1883 in einem offentlichen Vortrage den Fach-
leuten Kunde von den Ergebnissen seiner Arbeit geben, dem er in den nach-
sten Jahren zwei weitere folgen Heft. Auf Grund dieser Bemtihungen entstand
Siemens
471
bei der Firma um Mitte der achtziger Jahre die erste Gliihlampenfabrik
Deutschlands. Bemerkenswert war in dem ersten Vortrage auch der Vorschlag,
zur Erzielung zweckmaBiger Spannungen fiir Leitung und Lampe bei Wechsel-
strom » Induktionsapparate « zu verwenden, die einige Jahre spater von anderer
Seite unter der Bezeichnung »Transformatoren« in offentlichen Gebrauch
kamen. — Ein weiterer junger Zweig, dessen Pflege Wilhelm aus eigenem
Antriebe ubernahm, war das Patentwesen. Der Vater konnte bald in einem
Briefe an seinen Bnider Karl berichten, daB Wilhelm in der Firma der beste
Kenner des Patentwesens geworden sei. Als recht bezeichnend fiir das erfinde-
rische Konnen des jungen Technikers ist aus dieser Zeit auch das spater viel-
gebrauchte Dreileitersystem bei Zentralen zu nennen, das er selbstandig er-
fand, das aber leider infolge Saumseligkeit der zustandigen Geschaftsstelle zu
spat zum Patent angemeldet wurde, so daB der Englander Hopkinson die
Vorhand bekam. An manchen anderen wichtigen Zweigen konnte Wilhelm
in dieser Zeit nur beobachtend teilnehmen, so an dem Bau der Stromerzeuger
und Elektromotoren. Dagegen erkannte er fruhzeitig den Wert des Trans-
formators fiir das Bahnwesen und entwarf entsprechende Einrichtungen.
GleichmaBig wie den eigentlich technischen Arbeiten gait schon damals
Wilhelms Aufmerksamkeit auch den wirtschaftlichen Vorgangen. Seine Ein-
sicht auf diesem Gebiete wurde bald in Anspruch genommen in der Durch-
fuhsung des Abkommens von Siemens & Halske mit der Deutschen Edison-
Gesellschaft, der spateren Allgemeinen Elektrizitats-Gesellschaft. Werner
Siemens beabsichtigte beim Bau der in immer nahere Aussicht riickenden
groBen Zentralen seine Firma nur mit Entwurf und verantwortlicher Aus-
fiihrung zu beteiligen, wahrend die Beschaffung der Mittel und der ganzen
Bewirtschaftung der Anlagen Sache von Unternehmern sein sollte. Diese Rolle
wollte die Deutsche Edison-Gesellschaft unter Emil Rathenau (s. DBJ. 1914
bis 19 16, S. 158 ff.) iibernehmen. Unter der Wirkung dieses Vert rages wurden
die ersten Zentralen in Berlin und Madrid gebaut. Der Vertrag selbst abcr
fiihrte zu vielen Unstimmigkeiten, seine Lasten hatte hauptsachlich Wilhelm
zu tragen, der auch die Umanderung von 1887 und spater die vollstandige
Auflosung bearbeitete.
Fiir Siemens & Halske tragen die achtziger Jahre das Kennzeichen der Vor-
bereitung fiir die kommende schnelle Entwicklung des Starkstromes. Fiir alle
voraussichtlich notwendigen Maschinen und Gerate wurden zuverlassige For-
men entwickelt, die Werkstatten in Berlin durch Einrichtung des Charlotten-
burger Werkes auf ein Mehrfaches vergroBert. Die Kopfzahl der Werksangeho-
rigen in Berlin stieg von rund 600 im Jahre 1880 auf 3000. Ein groBer Teil
der Fortschritte war der personlichen Mitarbeit von Wilhelm zu verdanken,
die geschaftliche Leitung kam in steigendem MaBe in seine Hand, schon seit
1884 war er Mitinhaber der Firma, der Vater sah seinen Wunsch in Erfiillung
gehen, durch seine Sonne ersetzt zu werden. Er schied 1890 aus der Leitung
der Firma, die von seinem Bruder Karl und seinen Sohnen Arnold und Wil-
helm ubernommen wurde. Leider starb Werner S. schon zwei Jahre spater
{1892), seine Nachfolger muBten seitdem ohne seinen Rat bestehen. Dieses
Fehlen des friiheren Hauptes war um so empfindlicher, als die auslandischen
Zweigfirmen, einschlieBlich einer Neugriindung in Nordamerika, besondere
Aufmerksamkeit erforderten. Wilhelm trug jetzt nach der neuen Gestaltung
472 1919
der Dinge die Hauptlast der Leitung. Der in Deutschland bis 1890 trotz aller
Bemiihungen von Siemens & Halske zuriickgebliebene Bau von elektrischen
StraBenbahnen setzte nun ebenso kraftig ein, wie die Entwicklung der Zentra-
len. Wilhelm gab weiterschauend durch Versuche mit dem eben entstandenen
Drehstrom zum Antriebe von Bahnwagen neue Anregungen, die um die Jahr-
hundertwende zu den beriihrnten Schnellbahnfahrten bei Zossen fuhrten. Er
setzte dabei mit vollem Erfolge durch, dem Triebwagen unmittelbar Hoch-
spannung zuzufuhren. Auch die von Werner S. schon 1880 verfolgten Plane
zu einer Hochbahn in Berlin bekamen in erweiterter Form seit 1897 endlich
Gestalt. Bei diesen und anderen technischen Entwicklungen, die von hervor-
ragenden Fachleuten durchgefuhrt wurden, best and Wilhelms Teilnahme im
wesentlichen in der allgemeinen Fiihrung, wenn er auch gelegentlich eigene
Ideen zur Geltung brachte. Daneben liefen aber langwierige Arbeiten, in denen
geschlossene Aufgaben nach Wilhelms Angaben und unter seiner steten Mit-
arbeit im einzelnen durchgefuhrt wurden. Dahin gehorte die neue Ausgestal-
tung der Gleichstrommaschine, die zu der heute allgemein iiblichen Form
leitete. Auf seinem ersten Betatigungsgebiete, der Gliihlampe, war seinen
Muhen ein noch greifbarerer Erfolg beschieden. Nach mehrjahrigen, trotz aller
Fehlschlage durchgehaltenen Versuchen konnten Siemens & Halske die bahn-
brechende Neuerung, die Gliihlampe mit gezogenem Metalldraht, die Tantal-
lampe, an die Offentlichkeit bringen. Unmittelbar in die Spuren des Vaters
war Wilhelm mit seinem Schnelltelegraphen getreten, der in der ersten fer-
tigen Form 1903 gezeigt wurde. Er hat nach weiterer Vervollkommnung
wahrend des Krieges unschatzbare Dienste geleistet. — Diesen technischen
Arbeiten im engeren Sinne liefen parallel die vielgestaltigen Verwaltungsfragen,
die mit der Ausdehnung der Firma immer umfangreicher wurden. Es waren
neue groBere Arbeitsstatten zu schaffen, es begann das allmahliche Verlegen
der Berliner Werke nach Siemensstadt. Die englische Zweigniederlassung er-
hielt nach langerer Zeit der Entfremdung, die sich nach dem Tode von Wil-
liam Siemens 1883 ausbildete, wieder naheren AnschluB an das Stammhaus;
an ihrer Spitze wirkte langere Zeit der jiingste von Werners Sohnen, Karl
Friedrich. Auch das Stammwerk, das Wernerwerk, bekam mit hervorragend
tiichtigen Leistungen feste Ziele fur erfolgreiche Betatigung gesetzt, wie sie
namentlich das aufstrebende Telephonwesen verlangte, die zu glanzendem
Aufstiege des Werkes fuhrten. Die ganze Zeit drangte auf schnelle, oft fieber-
hafte Entwicklung unter teilweise neuen wirtschaftlichen Formen, denen das
auf die f ruheren Gebrauche zugeschnittene Finanzwesen von Siemens & Halske
nicht leicht zu folgen vermochte. GroBere finanzielle Beweglichkeit und auch
leichtere Behandlung der Besitztitel angesichts der durch Erbteilung sich
mehrenden Kommanditisten waren so dringend, daB man die Firma 1897 in
eine Aktiengesellschaft umzuwandeln beschloB, deren wesentliche Formen
Wilhelm festlegte. Da die Familie den weitaus groBten Teil der Aktien behielt
und eines ihrer Mitglieder immer den Vorsitz im Aufsichtsrate hatte, blieb
fur den inneren Dienst die Umwandlung gar nicht fiihlbar. — Eine viel groBere
Umstellung nach Wilhelms eigensten Planen war die 1903 erfolgte Bildung
der Siemens-Schuckert- Werke. Es war nach dem hastigen Auftriebe des Stark-
stromes gegen Ende der neunziger Jahre ein auch wieder nervos iibertriebenes
Abflauen erfolgt, schwachere geschaftliche Gebilde waren erlegen, und unter
Siemens 473
den gesunden herrschte vielfach das Bediirfnis nach Verstandigung. In dieser
Stimmung vereinigten die beiden in ihren Grundlagen verwandten Firmen
Siemens & Halske und E. A. vormals Schuckert & Co. in Nurnberg ihre Stark-
strombetriebe zu der Form einer G. m. b. H. Der groBe Erfolg dieser MaB-
nahme bildet das sichtbarste Kennzeichen von Wilhelms wirtschaftlicher Ein-
sicht und seiner Kunst, scheinbar auseinanderstrebende Glieder zu gemein-
samem Handeln anzuspannen.
Nach einem besonders arbeitsreichen Jahre, wie die Durchfuhrung der
Vereinigung erforderte, durfte nun Wilhelm v. S. eine erhebliche Entlastung
von friiheren starken Sorgen empfinden. Mit Genugtuung sah er auf die ge-
festigte wirtschaftliche Lage der Siemens-Firmen. Sie hatten auch den voriiber-
gehenden Abfall gut iiberstanden und waren wieder im lebhaften Aufschwunge
begriffen. Die Kopfzahl der deutschen und osterreichischen Werke erreichte
jetzt fast 20000, sie ist in den folgenden zehn Jahren bis zum Kriege auf das
Dreifache gestiegen. Wilhelms Fiihrung hatte sich in jeder Hinsicht bewahrt.
Im Alter von funfzig Jahren sah er sich an der Spitze des von ihm machtvoll
geforderten und gesicherten Unternehmens seines Vaters. Im gliicklichen
Familienkreise — er war seit 1882 mit Eleonore Siemens aus Piontken ver-
heiratet — , durch eigenes Verdienst einer der angesehensten Wirtschafts-
fiihrer und Techniker geworden, hatte er nach der iiblichen Vorstellung den
Wunsch nach behaglicher Ruhe empfinden miissen. Ahnlich wie auch sonst
bei selbstandigen Geistesarbeitern trat aber auch bei Wilhelm das Gegenteil
von Ruhebediirfnis ein. Mit den Erfolgen schien nur seine Schaffenslust zu
wachsen. Er durfte nach den Erfahrungen von zwei Jahrzehnten seiner Ge-
schicklichkeit vertrauen und auf den eingeschlagenen Wegen verbleiben. Die
Grundlage fur die wirtschaftliche Entfaltung war ihm sicher immer der tech-
nische Fortschritt, der wieder sich auf die wissenschaftlichen Errungenschaften
stiitzte. Deshalb sorgte Wilhelm ausgiebig fur die Forschertatigkeit im Kon-
zern. Auf der anderen Seite verfolgte er aufmerksam den Aufbau der Erzeu-
gung und die kaufmannische Gliederung. Fest iiberzeugt war er von der
Notwendigkeit des Zusammengehens der GroBbetriebe und der Landesvertei-
digung. So ging er 1907 nach schnellem Entschlusse auf den Wunsch des
Generalstabchefs ein, mit einem durch die Siemens- Werke zu erbauenden
Luftschiffe einen schnelleren Fortgang der Luftschiffahrt in Deutschland zu
erreichen. Im Zusammenhange damit stand die Errichtung einer drehbaren
Luftschiffhalle auf dem S.schen Gute Biesdorf, die wahrend des Krieges von
groBem Nutzen wurde. Auch fur den Bau von Flugzeugen wurden in der Zeit
die ersten Versuche vorgenommen. Von Wilhelms eigenen damaligen Arbeiten
ist besonders das Lenkboot bemerkenswert, ein unbemannter, mit Sprengstoff
geladener Schiffskorper, der vom Lande aus elektrisch gesteuert wurde. Damit
nahm er fruhere Versuche seines Vaters wieder auf, die in der Zwischenzeit
auch von anderen betrieben waren. Wenn somit die Grundlage nicht neu
war, so wurde doch nach langen Miihen mit dunnem Kabel eine Reichweite
erzielt, die nur durch die Tatsachen glaubhaft wurde. Die groBe geistige Be-
weglichkeit des Urhebers beim Planen zeigte sich hier wieder verbunden mit
der ungewohnlichen Zahigkeit im Durchfuhren.
Bei diesen Arbeiten, auch wo sie ganz nach seinen Ideen durchgefiihrt wur-
den, sah sich Wilhelm naturgemaB auf Mitarbeiter angewiesen. Das muBte er
474 wo
haufig als Beengung empfinden, und es macht fast den Eindruck, daB er sich
seiner schriftstellerischen Tatigkeit in immer steigendem Mafle gerade deshalb
zugewendet habe, weil er hier ganz personlich und ohne Mittun schaff en konnte.
Sicher sind daneben sein in das offentliche Leben eindringender Blick und der
Wunsch Triebfedern gewesen, sich iiber wichtige Punkte mit weiten Kreisen
zu verstandigen. Die erste Schrift dieser Reihe aus dem Jahre 1907 erorterte
in klarer und leidenschaftsloser Weise das damals vielbehandelte Recht der
Angestellten an ihren Erfindungen. Bald hinterher folgte eine Schrift iiber das
Steuerwesen, was ihn von da an bis zu seinem Ende beschaftigt hat. Nach
mehreren kurzeren Aufsatzen iiber Forschungsinstitute und ihre Grundlagen
schloB ein Uberblick iiber die Ergebnisse der elektrischen Energieversorgung
diese Arbeiten vorlaufig ab. Der Krieg gab dagegen dem unermiidlichen
Manne wieder vermehrten Anlai3, zu den Landsleuten iiber kriegstechnische
und kriegsrechtliche Dinge zu sprechen. Nicht weniger als sieben langere Ar-
beiten entstanden in den Kriegsjahren. Damit war aber die fleiBige Feder
noch nicht befriedigt. In diesem Zusammenhange muB auf die zahlreichen
hinterlassenen langeren und kurzeren Blatter hinge wiesen werden, auf denen
Wilhelm noch ungeordnet seine Gedanken iiber soziale und namentlich steuer-
technische Fragen niederschrieb. Als seinen allgemeinen Leitgedanken darf
man dabei den Wunsch bezeichnen, an Stelle zufalliger und auBerlicher Ent-
scheidung bei der Wahl der Steuerquellen den Einblick in die organischen
Zusammenhange wirksam zu machen. — Als besonders kennzeichnend fur
Wilhelms Eigenart sei hier endlich noch sein » Kriegstagebuch « erwahnt,
in dem er vom ersten Tage an bis zuletzt die Kriegsereignisse schildert,
teil weise unter kritischen Betrachtungen. Von dem Entstehen der elf
dicken Bande hat niemand von seinen Angehorigen und Angestellten etwas
gewuBt.
Die Kriegsjahre in ihrer ganzen Schwere waren fur Wilhelm v. S. der Hohe-
punkt seiner Lebensleistung. Immer das Ganze im Auge behaltend und im
einzelnen anregend und selbst schaffend, leitete er die Firma durch die Schwie-
rigkeiten des zweimaligen Wechsels zwischen Kriegs- und Friedensarbeit. Per-
sonlich forderte er besonders das Flugwesen, sein jetzt erst fertig werdendes
und gleich danach bewahrtes Lenkboot und andere Kriegswerkzeuge seiner
Erfindung. Den Stand der Unterseeboote schnell zu heben und die Waffe zu
machtiger Wirkung zu entfalten, hatte er weitsichtig bald nach Kriegsausbruch
versucht, konnte aber bei der damaligen Dienststelle der Marine keinen Erfolg
erreichen.
Die zum tjbermaB gesteigerten geistigen Anstrengungen der Kriegszeit und
die Erschiitterung durch den Zusammenbruch des Vaterlandes muBten urn
so verhangnisvoller fiir Wilhelm v. S. sein, als er mit seiner Gattin »nach der
Karte« lebte, um nichts vor dem einfachsten Manne voraus zu haben. Der im
Abstande von wenigen Monaten erfolgte Tod beider muB darauf zuruckgefiihrt
werden.
Die Auszeichnungen, die Wilhelm v. S. im Leben erfuhr, waren seiner Be-
deutung entsprechend zahlreich. Am meisten darunter hat ihn wohl der Titel
»Geheimer Regierungsrat « erfreut, weil seinVater ihn als erster aus dem ge-
werblichen Leben erhalten hatte. Die Treue, mit der Wilhelm dem Andenken
des Vaters nachlebte, war das beste Bild seines eigenen Wesens.
Siemens. Wedel
475
Literatur: Werner v. Siemens, I^ebenserinnerungen, Berlin 1892. ■ — Brief wechsel
zwischen den Briidern Siemens, im Siemens.-Archiv. — Richard Ehrenberg, Die Unter-
nehmungen der Briider Siemens, Bd. I, Jena 1906. — ■ August Rotth, Wilhelm von S.,
Berlin 1922. — Carl Dietrich Harries, Nachruf fur Wilhelm von S. Wissenschaftliche
Veroffentlichungen aus dem Siemens-Konzern, I. Band, i.Heft. Berlin 1920. — Hans
Gerdien, Nachruf fiir Wilhelm v. S., Zeitschrift fiir technische Physik, Leipzig 1920. —
Der schriftliche NachlaB von Wilhelm v. S. befindet sich im Siernens-Archiv in Berlin-
Siemensstadt.
Berlin-Siemensstadt. August Rotth.
Wedel, Karl Leo Julius Fiirst v., Gesandter in Stockholm, Botschafter in
Rom und Wien, Statthalter in ElsaB-Lothringen, * am 5. Februar 1842 in
Oldenburg, f am 30. Dezember 1919 in Stockholm. — Einem weitverzweigten
Geschlecht aus Stormarnschem Uradel entstammend, das 12 12 zuerst urkund-
lich auftritt, wurde Graf Karl W., der vierte Sohn des spateren groBherzoglich
oldenburgischen Generalleutnants und Generaladjutanten Graf en Friedrich
Wilhelm und seiner Gemahlin Berta, geb. Freiin v. Glaubitz, im hanno-
verschen Kadettenhaus erzogen und stand 1859 bis 1866 bei den sogenannten
Kronprinz-Dragonern im hannoverschen Heeresdienst. Die beginnende groBe
Zeit Deutschlands sah ihn zunachst — 1863/64 — bei der vom Bundestag ent-
sandten Exekutionsarmee in Holstein, dann im Feldzug 1866 gegen PreuBen.
Darauf trat er als Premierleutnant des 8. Husarenregiments in die siegreiche
preuBische Armee iiber. Schon hier zeigt sich ein Charakterzug des Fursten:
viele seiner Kameraden nahmen Dienste in Sachsen; er aber tat den ent-
schlosseneren Schritt.
Am Krieg von 1870/71 nahm er als Adjutant der 16., dann der 25. Ka-
valleriebrigade (General v. Rantzau) teil. Zum Rittmeister befordert, wurde
er 1875 Adjutant beim Generalkommando des VII. Armeekorps und 1876
als Major in den GroBen Generalstab versetzt. Dem Russisch-Tiirkischen Krieg
1877/78 wohnte er im russischen Hauptquartier bis zur Kapitulation Osman-
Paschas in Plewna bei.
Seit 1878 Militarattache* bei der deutschen Botschaft in Wien, half er den
AbschluB des deutsch-osterreichischen Biindnisses vorbereiten und trat so
-dem von ihm bis an sein Lebensende bewunderten groBen Kanzler nahe.
Vom Fruhjahr bis zum Herbst 1879 vertrat er Deutschland in der europaischen
Kommission zur Absteckung der bulgarisch-rumelischen Grenze. Noch im
gleichen Jahr wurde er, jedoch unter Belassung auf seinem Wiener Posten,
Fliigeladjutant Kaiser Wilhelms I., womit ein neues Vertrauensverhaltnis,
das zu dem ehrwurdigen alten Monarchen, anhob. Nachdem ihn dann das
Jahr 1885 nochmals zu kurzer Tatigkeit auf den Balkan entfuhrt hatte — er
war Mitglied der Militarkommission in Pirot zum AbschluB des Waffenstill-
standes, der den Serbisch-Bulgarischen Krieg beendete — , erfolgte 1886 seine
Beforderung zum Oberst. 1887 wurde er mit Entbindung von seinem Kommando
in Wien, wo er im Vorjahr einige Monate sogar die Geschafte der Botschaft
interimistisch gefuhrt hatte, Kommandeur des 2. Garde- Ulanenregiments.
1888 ubernahm er hintereinander die 2., dann die 1. Garde-Kavalleriebrigade.
1889 begannen fiir ihn ein paar Jahre Hofdienst bei Wilhelm II., der ihn
nun seinerseits zum Fliigeladjutanten machte und noch im selben Jahr zum
Generalmajor und diensttuenden General d la suite eraannte. Mehrmals
476 i9*9
wurde er in dieser Zeit mit Spezialauftragen an frerade Hofe entsandt. Als
die Intrigen gegen Bismarck einsetzten, war er bestrebt, diesen iiber die Ab-
sichten seiner Gegner, der Waldersee und Genossen, wenn wir des letzteren
Memoiren glauben diirfen, moglichst anf dem laufenden zu erhalten.
Mit seiner die militarischen Kreise iiberraschenden Kommandierung zum
Auswartigen Amt im Juni 1891, womit ihn der jnnge Kaiser als einen Anhanger
des gestiirzten Kanzlers wohl auch aus seiner personlichen Umgebung ent-
fernen wollte, miindet das Leben des schon mehrfach auf halb militarischem,
halb politischem Gebiet Bewahrten in die diplomatische Laufbahn ein. Er
lernte jenes Amt unter der Agide v. Holsteins kennen und hat die dortigen
verhangnisvollen Zustande gewiB schon damals mit kritischem Blick durch-
schaut: ein Wort, das er spater zu dem ihn besuchenden Graf en Waldersee
auBerte, laBt an Deutlichkeit nichts zu wiinschen iibrig.
Der Kaiser und Caprivi hatten aber bereits das hochste Zutrauen zu den
politischen Fahigkeiten W.s. Seine Kandidatur fur den Botschafterposten
in Petersburg, die eine Zeitlang erortert wurde, soil an der Opposition der mit
den Cumberlands verschwagerten Zarin Maria Feodorowna gescheitert sein.
Als aber im Mai 1891 die Lage in Frankreich sich bedenklich zuzuspitzen
schien und der alte Fiirst Miinster dem Kaiser nicht mehr geniigte, hatte
er W. als dessen Nachfolger fiir Paris bestimmt. Es waren also die bedeutend-
sten Stellen im auswartigen Dienst fiir ihn in Aussicht genommen. Es mu£
der Widerstand der ziinftigen Diplomaten gewesen sein, an dem sich der kaiser-
liche Wille brach. Stand doch schon ein ehemaliger Soldat als Reichskanzler
an der Spitze, wahrend ein zweiter, v. Schweinitz, auf seinem Petersburger
Posten zunachst verblieb. So muBte sich W. mit einem weit unansehnlicheren
begniigen. Das Jahr 1892 brachte ihm zum Geburtstag des Kaisers die Be-
forderung zum Generalleutnant und im Sommer mit der zum Generalad-
jutanten die Ernennung zum Gesandten in Stockholm.
Im Oktober 1894 vermahlte er sich dort mit der verwitweten Graf in Ste-
phanie Augusta v. Platen, geborenen Graf in Hamilton.
Wie schon als Militarattache* in Wien, genoB er nun als Gesandter in Stock-
holm das voile Vertrauen seiner Regierung und hohes gesellschaftliches An-
sehen in den auswartigen Kreisen. Indessen gait damals noch die strenge
Regel im deutschen diplomatischen Dienst, welche die Heirat mit einer An-
gehorigen des Staates, bei dem der Gesandte akkreditiert war, mit der Bei-
behaltung des Postens als unvereinbar ansah. Wie Waldersee mitteilt, besafi
W. von Caprivi die schriftliche Zusicherung der Nachfolgerschaft des Prinzen
ReuB in Wien; doch wurde diese Botschaft wie noch mehrere andere wieder
vergeben, ohne ihn zu benicksichtigen. So trat er noch 1894 in den zeitweiligen
Ruhestand und zog sich verstimmt auf die reichen Giiter in Schweden zuriick,
die ihm seine Gemahlin in die Ehe gebracht hatte.
Doch der Kaiser verlor ihn nicht aus den Augen. Auf seinen Nordland-
reisen war er wiederholt der Gast des graflichen Paares. 1897 wurde W. zum
General der Kavallerie befordert und im April zum Gouverneur von Berlin
ernannt. Und 1899 eroffnete sich ihm endlich wieder das Feld des Diplomaten:
er wurde Botschafter in Rom.
Es war ein Amt, das damals auch schon ein nicht gewohnliches MaJ3 poli-
tischer Gewandtheit erforderte. Denn seit 1898 begann sich Italien mit dem
Wedcl
477
Abbruch des zehnjahrigen Zollkrieges gegen Frankreich dieser Macht neuer-
dings zu nahern. Nach der Ermordung des deutschfreundlichen Konigs Hum-
bert kam es Ende 1908 zu einer franzosisch-italienischen Verstandigung iiber
Nordafrika, wobei Tripolis gegen den Verzicht auf Marokko Italien zuerkannt
wurde: Deutschland erfuhr erst ein Jahr spater davon. Der Besuch der ita-
lien ischen Flotte in Toulon verkiindete damals der ganzen Welt die neu-
gefestigte Freundschaft der beiden romanischen Nationen. Immerhin wurde
im Juni 1902 der Dreibund noch einmal unter Dach und Fach gebracht, ohne
dafl die vom italienischen AuBenminister Prinetti gewiinschten Klauseln im
Vertragstext Auf nahme fanden, die Frankreich als gemeinsamen Gegner mehr
oder weniger effaciert und RuBland allein in den Vordergrund geriickt hatten.
W. hatte zu dieser Zeit den Posten in Rom bereits mit dem in Wien als
Nachfolger des Fursten Philipp Eulenburg (s. DBJ. 1921, S. 95 ff.) vertauscht.
Aber die ganze Last der die Bundniserneuerung vorbereitenden Verhandlungen
mit Prinetti und dem Premierminister Zanardelli, der Kampf mit dem fran-
zosischen Botschafter Camille Barr£re, der schon langst die italienische
Politik ins franzosische Schlepptau zu nehmen hoffte, waren noch auf ihm
gelegen. Freilich hatte er die Uberzeugung gewonnen, daB fast alle ernsten
Staatsmanner Italiens vorderhand nicht an eine Anderung dachten. Aber
im SchoB der italienischen Politik, hatte er Ende 1901 an Biilow berichtet,
schlummere ein gewisser Erwerbstrieb, der sich im Lauf der Zeit Siidtirol,
Triest und Albanien zuwenden konne. Und er sah den zukiinftigen Konflikt
mit Osterreich fiir ura so wahrscheinlicher an, je weniger Wien seiner »Neigung
zum Hochmut Ziigel anlegen« wiirde.
Dagegen trat nun zunachst eine nochmalige Entspannung des osterreichisch-
russischen Balkan- Antagonismus durch das Murzsteger Abkommen vom Herbst
1903 ein, da sich RuBland zu seinem groBen Abenteuer im Fernen Osten an-
schickte. Aber das osterreichisch-italienische Problem blieb ungelost, und im
Innern der Donaumonarchie machten sich die ersten starkeren Anzeichen
der Auflosungstendenzen bemerkbar. Gleich nach dem Austrag des Russisch-
Japanischen Krieges gedieh die Entente Englands und Frankreichs iiber
Marokko- Agypten zum AbschluB. Drei Jahre spater trat ihr das englisch-
russische Abkommen iiber Mittelasien zur Seite, und das in der Mandschurei
blutig zuriickgeworfene, aber iiber die innere Revolution noch einmal siegreich
gebliebene RuBland begann seine neugesammelten Krafte wieder dem Balkan
zuzuwenden. Schon im Friihjahr 1906 hatte sich auf der Algeciras-Konferenz
die gegen die Mittelmachte feindliche Gruppierung offen gezeigt. Und im Som-
mer des nachsten Jahres trat unsere Isolierung auf der zweiten Haager Frie-
denskonferenz neuerdings hervor, als Deutschland nicht nur die Abriistungs-
frage unter den Tisch fallen lieB, sondern auch — hier wiederum fast nur von
Osterreich unterstiitzt — das beantragte obligatorische Schiedsgericht torich-
terweise ablehnte.
An all diesen Dingen war W., sei es nur als kritischer Beobachter, sei es
ber den Vorverhandlungen mit der Wiener Regierung, lebhaft beteiligt.
Schon 1903 war er sich iiber die Tschechen und Polen sowie die osterreichischen
Klerikalen als die mehr oder minder offenen Gegner im klaren und warnte,
die Augen davor zu verschlieBen. Zugleich beunruhigte ihn der damals sich
wieder zuspitzende Gegensatz der beiden Reichshalften, wahrend er nach
478 1919
auBen die Zunahme der feindseligen Stimmung des italienischen Publikums
gegen Osterreich konstatieren muBte und in der von Aehrenthal, dem oster-
reichischen Botschafter in Petersburg, betriebenen osterreichisch-russischen
Annaherung keine Gewahr gegen einen schlieBlichen groBen Konflikt auf dem
Balkan, wohl aber eine Gefahrdung der engen deutsch-dsterreichischen Gemein-
schaft erblickte. Erst als seit 1906 der Pole Goluchowski als AuBenminister
durch Aehrenthal abgelost war, begann er sich dessen freilich vergeblichen
Hoffnungen auf die dauernde russische Freundschaft und ein neues Drei-
kaiserverhaltnis anzunahern, wenn er auch so lange als immer moglich Italien
als Dreibundmacht festzuhalten riet, da wir sonst nur dem Weltkrieg, und
obendrein mit sehr unsicheren Chancen, entgegentreiben wiirden. Von Anfang
an ein Gegner der Tirpitzschen Flottenpolitik, war er hinsichtlich der Haager
Abriistungsfrage der vollig richtigen Ansicht, daB wir bei unserem Widerstand
dagegen jeden Schein vermeiden muBten, als ob wir damit den weiteren
maritimen Ausbau wiinschten. Auch war es ihm mit zu verdanken, daB wir
diesen Punkt wenigstens nicht von Haus aus abwiesen und so einigermaBen
auch in der Gemeinschaft mit RuBland blieben. Es war abermals Aehrenthals
Gesichtspunkt, den er sich dabei zu eigen machte. Auch dessen Streben,
die Sandschakbahn zu bauen und damit den AnschluB Bosniens an die Wardar-
linie zu erreichen, hat er stark unterstiitzt. Und damit man wenigstens der
Donaumonarchie ganz sicher ware, sprach er sich zuletzt ohne Scheu gegen
die zutage tretende Neigung der WilhelmstraBe aus, Aehrenthal in kleinlicher
Weise zu bevormunden.
An der personlichen Gegenliebe und Hochschatzung der anderen Seite
konnte es so nicht fehlen. Wiederholt auBerte sich der neue osterreichisch-
ungarische AuBenminister zu Biilow iiber die Achtung und das Vertrauen,
welches der deutsche Botschafter nicht nur an hochster Stelle, sondern auch
in alien ernsthaf ten politischen Kreisen genieBe; erselbstwerdeessichangelegen
sein lassen, mit ihm die besten und engsten Beziehungen zu unterhalten.
In Rom wie in Wien hatte W., unterstiitzt von den hervorragenden gesell-
schaftlichen Eigenschaften seiner Gemahlin und einem groBen Vermogen,
seine hohe Stellung glanzend ausgefiillt. Hier wie dort hatte er sich schnell
und griindlich in die Geschafte eingelebt, sich uberall hervorragend unterrichtet
und weitblickend erwiesen. Aber jene oben erwahnte offenherzige Mahnung
an die eigene Regierung war auf lange sein letztes Wort als Diplomat gewesen.
Denn im Oktober 1907, nach dem Riicktritt des 75jahrigen Fiirsten Hohen-
lohe-Langenburg vom StraBburger Statthalteramt, erging an ihn der Ruf
seines Monarchen zur Nachfolge auf diesen Posten. Nur ungern verlieB W.
nach sechsjahrigem Wirken Wien, wo er sich wohl gefuhlt hatte. Die innere
Verwaltung war ihm ein unbekanntes Gebiet. Im Reichsland kam er iiberhaupt
in ihm ganzlich fremde und iiberdies in ebenfalls schon recht unerfreulich
zugespitzte Verhaltnisse. Aber er war viel zu sehr Soldat, um sich der kaiser-
lichen Willensmeinung zu widersetzen.
Fiir ElsaB-Lothringen selbst kam diese Ernennung nicht minder uner-
wartet. Noch wenige Tage vorher hatte man dort am meisten auf den Bot-
schafter in Paris, Fiirsten v. Radolin, als neuen Herrn geraten. Wie zu Man-
teuffels Zeit hatte das Reichsland nun wieder einen ehemaligen General an
der Spitze. Aber eine lange diplomatische Tatigkeit hatte aus ihm, wie die
Wedel 479
»StraBburger Post«, das Organ des liberalen deutschen Biirgertums, damals
in einem BegriiBungsartikel schrieb, einen klugen und weitherzigen Beob-
achter der Menschen und Dinge gemacht. Schon im Sommer des nachsten
Jahres konnte die Zeitnng bestatigen, daB jene hoffnungsfreudigen Worte
zu Recht bestanden. Im Interesse der gedeihlichen Entwicklung ElsaB-
Lothringens, hieB es nun, sei man froh, einen Statthalter an der Spitze zu
wissen, der den besten Willen und auch die Fahigkeiten besitze, dem Land
im wohlverstandenen deutschen Sinn zu niitzen. ElsaB-Lothringen
solle kein siiddeutsches Stiick PreuBen werden; dazu muBte sich seine Be-
volkerung ihres bodenstandigen Wesens entauBern. Aber es dtirfe auch nicht
in einen neuen kiinstlichen Gegensatz zu den Altdeutschen hineingetrieben
werden. Daher handle es sich bald um Zuriickweisung absprechender, aber un-
begriindeter altdeutscher Pressemeinungen, bald um Bekampfung unge-
rechtfertigter einheimischer Vorurteile.
Als ehemaliger Angehoriger eines selbst von PreuBen annektierten Landes
war W. am besten imstande, sich im Denken und Fuhlen des Reichslandes
zurechtzufinden. Aber die Hauptsache war doch, wie immer und iiberall,
die Personlichkeit. In Berlin war er vor dem Antritt seines neuen Amtes
von der Militarpartei grundfalsch orientiert worden. DaB er diese vorgefaBten
Anschauungen rasch abstreifte, hat sie ihm gewiB niemals verziehen. Dazu
kamen wohl noch ehrgeizige Intrigen personlicher Natur, auf die hier nicht
naher eingegangen werden soil.
W. lieB sich das alles in seiner wahrhaft edelmannischen Gesinnung und
korrekten Art zunachst nicht weiter anfechten. Unter Aufrechthaltung der
staatlichen Autoritat suchte er verstandnisvoll, wohlwollend und gerecht die
Richtung seines Vorgangers fortzusetzen, jedoch von vornherein unter tun-
lichster Abkehr von der Notabelnpolitik des Staatssekretars v. Koller, der derm
auch 1908 durch Zorn v. Bulach (s. DBJ. 1921, S.28iff.), den ersten Elsasser
auf diesem hohen Posten, abgelost wurde. Vorbildlicher FleiB in den Ge-
schaften, vornehme Liebenswiirdigkeit und schrankenlose Gastfreundschaft
zeichneten den neuen Statthalter aus, der auch auBerlich mit seiner hohen
und kraftvollen Figur, seinem zugleich Charakterfestigkeit und Giite ver-
ratenden Blick eine ideale Regentenerscheinung darbot. Ihre furstlichen
Mittel stellten er und seine Gattin in den Dienst wohltatiger Veranstaltungen
und kunstlerischer wie wissenschaftlicher Bestrebungen.
Aber der franzosische Chauvinismus, wie er sich bei zahlreichen Gedenk-
feiern fiir die Gefallenen des 70 er Krieges, mit der Griindung franzosischer
Zeitschriften, Vereine und dergleichen immer unverhiillter hervorwagte, war
schon zu einer derartigen Gefahr geworden, daB sich Bethmann Hollweg
(s. DBJ. 1921, S. 21 ff.) im Dezember 1909 gezwungen sah, ihn im Reichstag
zu brandmarken und als ein schweres Hindernis fiir die Erfullung der Auto-
nomiewiinsche des Reichslandes zu bezeichnen. Ahnlich auBerte sich W.
1910 in offentlicher Rede. Im LandesausschuB fand eine Reihe scharfer Kampfe
statt, als die Klerikalen die neuerstarkten franzosischen Bestrebungen nicht
energisch genug zuriickwiesen. Trotzdem kam unter W.s starker Mitwirkung,
wenn auch wohl nicht auf seine Initiative hin, im Mai 1911 noch die Ver-
fassungsanderung zustande, die ElsaB-Lothringen einen aus zwei Kammern
bestehenden Landtag gewahrte. Es war der letzte, leider erst nach allzu langer
480 1919
Pause geschehene Schritt, der dem Reichsland in der Entwicklung zum vollen
deutschen Bundesstaat hin beschieden war.
Dem Statthalter schwebte dabei als Hauptaufgabe vor, den bisher unter
der Notabelnherrschaft passiv und gleichgiiltig beiseitestehenden Mittelstand
»zu politisieren und zu mobilisieren*. Er brachte den Lehrern seine besonderen
Sympathien entgegen, die sich freilich spater nach manchen ungunstigen
Erfahrungen nur auf die alteren, gemaBigteren Elemente erstreckten: gleich
im ersten Jahre der neuen Verfassung berief er einen elsassischen Volks-
schullehrer in die Erste Kammer. Auch mit der Entsendung junger einheimi-
scher Beamter nach Berlin wurde alsbald begonnen. Im iibrigen war er iiber-
zeugt, daB, nachdem im Jahre 1871 der »Weg der Teilung und Einverleibung*
nicht hatte beschritten werden konnen, jetzt ein »gesunder und berechtigter
Partikularismus* gepflegt werden miisse, wie ihn Bismarck schon bei der
Bildung des Reichslandes im Auge hatte.
Bis zum Weltkrieg hat das junge Parlament noch eine Fiille ersprieBlicher
Arbeit geleistet. Aber auch die sensationellen Falle hauften sich nun erst
recht und veranlaflten die Parteien von der Rechten bis zur Linken, jedesmal
unter Aufgabe aller trennenden Momente, zum geschlossenen Ansturm gegen
die Regierung. Und diese konnte sich nur um so muhsamer des inneren Gegners
erwehren, als sie auch den wachsenden nationalistischen Druck eines Teils
der deutschen Presse und eines militarischen t)bergewichts im Innern zu spiiren
bekam und so zwischen zwei Feuern stand. Von beiden Seiten wurde sie der
Schwache und Nachgiebigkeit bezichtigt. Denn die deutschfeindlichen Blatter,
die, von der zunehmenden MiBachtung des deutschen Ansehens in der weiten
Welt unterstiitzt, sich immer maBlosere Angriffe leisteten, warfen, wenn die
Regierung pflichtgemaB und nach zielbewuBt von ihr selbst gezogenen Richt-
linien gegen den Franzosenkult und seine Demonstrationen eingriff, dieser
vor, daB sie unter dem Terror deutscher Scharfmacher handle. Dabei hatte W.
jeden Angriff von dieser Seite, den er vielleicht manchmal allzu personlich
nahm, durch den Chef seiner Presseabteilung zuriickweisen lassen, so daB
der » Dementis « kein Ende wurde.
Es war ein vergebliches Bemuhen. Die Verhaltnisse waren machtiger ge-
worden als der beste Wille des Statthalters und seiner Regierung. Der Welt-
krieg, von den Fehlern unserer Reichspolitik seit Bismarcks Sturz in seinem
Ausbruch reichlich gefordert, aber von den Feinden uns aufgezwungen, warf
seine immer dunkleren Schatten voraus. Die Stimmung im ElsaB war eines
der Barometer. Es zeigte auf Sturm.
Im November 1913 wurde die Situation durch den Zaberner Fall blitzartig
beleuchtet. Weil die Verfehlungen eines Leutnants nicht im Keim erstickt,
sondern gedeckt wurden, kam es zu weiteren MiBgriffen, »die endlich zu
schweren Ubergriffen in das Gebiet der zivilen Staatsgewalt und zu einer
ernsten Beeintrachtigung der biirgerlichen Freiheit fuhrten«. »Das aber* —
so urteilte W. selbst, obwohl er sich als alter Soldat das militarische Gefuhl
bewahrt hatte, — »sind Zustande, die sich mit den Begriffen des modernen
Rechtsstaates nicht vereinbaren lassen. « Insofern freilich kam dieser zu seinem
Recht, als eine alte, aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts stam-
mende preuBische Verordnung nun aufgehoben wurde, die ein militarisches
selbstandiges Eingreifen bei plotzlicher Aufruhrdrohung vorgesehen hatte.
Wedel 481
Aber durch das gerichtliche Urteil war der Triumph der militarischen Ver-
waltung iiber die politische dennoch offenkundig und endgiiltig geworden.
W. identifizierte sich mit dem Stabe seiner hohen Beamten und trat im Fruh-
jahr 1914 von seinem Posten zuriick. Er wurde durch Herrn v. Dallwitz,
den letzten Statthalter im altkaiserlichen Deutschland, ersetzt.
Der Kaiser ehrte den Scheidenden mit dem Fiirstentitel. Das Vertrauen
der Bevolkerung sprach sich in herzlichsten Abschiedsovationen aus ; ruhrende
Beweise der Liebe und Anhanglichkeit wurden dem furstlichen Paar aus
alien Schichten zuteil. W.s vornehmer, kristallklarer Charakter, sein warmes
Wohlwollen fiir die ihm anvertrauten Lande, seine unermudliche Hilfsbereit-
schaft und nicht zuletzt seine gelauterte staatsmannische Weisheit hatten
sie in hohem MaBe verdient. Anderseits gereicht es ihm zu kaum geringerer
Ehre, daB ihn die Klerikal-Nationalen unter Fiihrung der Wetterle, Haegy
und Blumenthal bis zuletzt mit ihrer Feindschaft bedachten. Selbst jene
Huldigungen versuchten sie als Auswiichse des Byzantinismus hinzustellen. W.
wuBte es besser. Er und seine Frau hatten, wie er in seiner Abschiedsrede sagte,
das ihnen zur zweiten Heimat gewordene Land und seine »kernige, arbeitsame
Bevolkerung « wahrhaft liebgewonnen. Er glaubte sich aber auch ohne tlber-
hebung sagen zu diirfen, daB sein Wirken unter ihr nicht fruchtlos geblieben sei.
Er sprach diese Uberzeugung in einem seiner vertraulichen, nun im »Tiir-
mer« publizierten Brief e an den ihm befreundeten elsassischen Dichter Friedrich
Lienhard aus. Sie sind uns aber iiberhaupt eine kostbare und fast einzigartige
Quelle fiir die Erkenntnis des Politikers W. am Vor abend des Weltkriegs.
Er war sich voll bewuBt, daB zur inneren Gewinnung des Reichslandes
viel Zeit und Geduld notig sei und daB zum Regieren nicht allein der »Korporal-
stock«, sondern auch Wohlwollen und Gerechtigkeit gehore. Er befand sich
daher zu jenen Kreisen der eigenen Landsleute, die, selbst den Verhaltnissen
fremd, die Richtigkeit solcher Grundsatze nicht einsehen wollten, in steigen-
dem Gegensatz. Schon im zweiten seiner Brief e an Lienhard nennt er diese
Altdeutschen beim richtigen Namen: es sind die Alldeutschen. Er hatte
lange genug im Ausland gelebt, um die absolute Schadlichkeit ihres »arro-
ganten, renommistischen Benehmens« innezuwerden, das »dort den deutschen
Namen verhaBt« machte. Leider habe die deutsche chauvinistische Presse,
schreibt er im Dezember 191 1, voran die alldeutsche, ein Talent, durch ewiges
Schwingen der Peitsche und durch gehassige Ausschlachtung selbst unbedeu-
tender, mit der Politik in keinerlei Zusammenhang stehender Falle auch die
gutgesinnten Einheimischen immer wieder vor den Kopf zu stoBen und damit
einer Annaherung stets neue Hindernisse in den Weg zu rollen. » Diese Presse,*
heiBt es im Juni 1912, »ist im Laufe der Zeit mehr und mehr auf ein Niveau
gelangt, das mit unserer Kultur, mit unserer Wiirde und mit unseren natio-
nalen Erfolgen im Widerspruch steht . . . Provozierendes Gepolter, anmaBende
Drohungen und politische Klopffechterei sind dem wahren deutschen Charakter
nicht homogen. . . . Der deutsche Volkscharakter wird durch solche Vor-
bilder zu einem Zerrbilde gestaltet . . . Wenn jemand immerzu mit der Faust
auf den Tisch schlagt, so macht das bald keinen Eindruck mehr, und die Gegner
verlernen, ihn ernst zu nehmen«. Ja, er fand »die Brutalitaten dieser Presse
weit schadlicher als alle Aufhetzung der Wetterle und Genossen«.
Wie ein roter Faden zieht sich die Anklage gegen die Alldeutschen durch
DBJ 31
482 1 9 19
die gesamte Korrespondenz des Fiirsten mit Lienhard. Bei alledem aber wuBte
er audi sehr wohl, daJ3 die geschichtlichen Schicksale auf das Wesen im Reichs-
land nicht ohne EinfluB geblieben waren und daB — im Gegensatz zum
Lothringer mit seiner mehr monarchischen Gesinnimg und seinem ausge-
sprochenen Autoritatsgefiihl — der Elsasser besondere Schwierigkeiten biete,
da er sich in seiner iiberwiegenden Mehrheit entwohnt hatte, » of fen Farbe
zu bekennen und mit Uberzeugungstreue sich einen klaren Weg vorzuzeichnen*.
Dann kam der Krieg. Der nun 72jahrige Fiirst, der nach der Beendigung
seiner Statthalterzeit zu Berlin im Fiirst- Blucher-Palais am Pariser Platz 2 a
seinen festen Wohnsitz genommen hatte, verbrachte auch jetzt, wie er das
immer gewohnt war, die Sommermonate auf Stora Sundby, einer herrlichen
Besitzung an den Ufern des Hjelmar im siidlichen Schweden. Doch blieb er
wahrend der ganzen Kriegszeit durch tagliche L,ektiire der »StraBburger
Post* auch iiber die Vorgange in der westlichen Grenzmark auf dem laufenden.
Trotz nicht unbetrachtlicher Desertionsfalle und mancher anderen schlimmen
Erscheinung hielt er noch immer an seinem Vertrauen zum elsaB-lothringischen
Volk fest. Da aber die hohere Bourgeoisie durch ihre weitverzweigten freund-
schaftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen mit Frankreich eng ver-
kniipft war und das jetzt wieder geschlossene Notabelntum nicht anders
gesprengt werden konnte, sprach er sich in seinen intimen AuBerungen nun-
mehr fiir eine kiinftige Aufteilung unter PreuBen und dem deutschen Siiden
aus, so schwierig ihm auch die Losung des Problems im einzelnen erschien.
Denn das Reichsinteresse stand ihm selbstverstandlich in erster Linie.
Ubrigens stellte er seine Krafte noch mehrmals direkt in dessen Dienste.
Diplomatische Sondermissionen im Auftrag des Kaisers fuhrten ihn unmittel-
bar nach dem Tod des Konigs Karol (s. DBJ. 1914 — 16, S. 9 ff.) im Oktober
1914 an den rumanischen und im Januar 1915 an den osterreichischen Hof.
Es handelte sich darum, Rumanien wie Italien wenigstens vom AnschluB an den
Gegner abzuhalten. Wien sollte daher zur freiwilligen Abtretung eines Teiles
von Siidtirol an Italien iiberredet werden. Beide Bestrebungen waren bekannt-
lichzumScheiternverurteilt, wennW. auch in Bukarest gewisse Versprechungen
erhalten haben soil und Rumanien erst 1916 auf die Seite der Feinde trat.
Auch bei der Griindung des Nationalausschusses wollte sich der Fiirst der
Bitte, den Vorsitz zu ubernehmen, nach Oberwindung einiger Bedenken nicht
versagen. Die Tendenz war, den Frieden auf einer erreichbaren Mittellinie
zu erringen, wozu fiir W. damals noch Garantien in Belgien, vor allem dessen
wirtschaftlicher AnschluB und eine Militarkonvention, gehorten. Im Innern
sollte der Kampf sowohl gegen die »Flaumacher« als auch gegen die »Scharf-
macher« gefuhrt werden. Die letzteren aber hielt der Fiirst nach wie vor fiir
die Gefahrlicheren. Wieder war es der Wahnsinn der alldeutschen Forderungen:
Annexion der belgischen Kiiste und gar Calais', gegen den er sich wandte.
Denn ein Eingehen Englands auf solche Bedingungen kame ja — so schrieb
er — dem Verzicht auf seine Weltstellung gleich. Ebenso hatte er sich schon
19 15 gegen den torichten Gedanken eines neuen deutschen Staates von Belfort
bis Antwerpen unter einem Hohenzollern ausgesprochen. Denn je mehr fremde
Elemente Deutschland sich angliedere, desto mehr gerate es ins imperialistische
Fahrwasser und in den Verdacht des wirklichen Strebens nach der Welt-
herrschaft. Er war felsenfest davon iiberzeugt, daB Bismarck solche Plane
Wedel 483
niemals erwogen oder gar zur Ausfuhrung gebracht hatte. Und als dann die
Frage des verscharften U-Bootkrieges seit 1916 zur Debatte stand, trat er
als der entschiedene Gegner auch dieser Idee auf, da ihre Verwirklichung
England ja doch nicht niederzwingen, sondern nur den Krieg mit Amerika
und anderen bisher noch neutralen Machten herbeifuhren werde.
Furchtbar schwer traf ihn, den deutschen Staatsmann und preuBischen
General, den vom edelsten Wollen beseelten, vom klarsten Erkennen bis zu-
letzt geleiteten Patrioten, die Niederlage: der »wegen seiner Plotzlichkeit
fast verbrecherische militarische Zusammenbruch, der politische Umsturz,
der alle Autoritat beseitigt, jede Disziplin lockert, unser staatliches Ansehen
untergrabt und uns wehrlos unseren rachsiichtigen und beutegierigen Feinden
uberliefert. Aus unserem stolzen und machtigen Vaterlande ist eine Quantite
negligeable geworden«. Man miisse in Berlin leben, heiBt es weiter in diesem an
einen seiner ehemaligen StraBburger Beamten an Weihnachten 1918 gerichteten
Brief, um Zeuge » der sich taglich abspielenden agitatorischen Hetzereien und
Gesetzlosigkeiten, der Zerf ahrenheit, Schwache und Nachgiebigkeit der Macht-
haber zu sein, um an der Zukunft Deutschlands zu verzweifeln«.
Und mit besonderer Bitterkeit empfand er zugleich die Enttauschung,
die ihm die ElsaB-Lothringer durch ihr Verhalten beim Zusammenbruch be-
reitet hatten. Wie anders lauten jetzt seine Worte, als bei seinem Abschied
19 14! Dieses Volk zu verlieren, erachtete er jetzt geradezu als einen mora-
lischen Gewinn fur den deutschen Volkskorper. Aber noch einmal gab er,
auf die jiingste Vergangenheit zuriickblickend, gerechteren Gedanken Raum.
Er zweifelte nicht, daB eine Volksabstimmung vor fiinf bis sechs Jahren fiir uns
giinstig ausgef alien ware. Zabern war ihm das »Praludium zur militarischen
Gewaltherrschaft, die dann wahrend des Krieges so iippige Bliiten getrieben hat,
daB das Volk schlieBlich vollig irre wurde und den Einmarsch der Franzosen als
eine Erlosung aus der Knechtschaft bejubelte. Das alldeutsch-militaristische
Rezept, daB das Reichsland nur mit riicksichtsloser Gewalt ,eingedeutscht' wer-
den konne, hat sich als triigerisch erwiesen und das System bankrott gemacht. «
Aber die Zeit werde kommen, wo die von den Franzosen verhatschelten » wieder-
gewonnenen B ruder « sich nach der deutschen Herrschaft zuriicksehnten und
als die Het-es carries « auch den jetzigen Siegern zu schaffen machten.
Sein letztes Schreiben an Lienhard ist vom 26. Februar 1919 datiert. Noch-
mals hatte er sich an die Spitze einer Unternehmung gestellt, obwohl er seit
Monaten an einem alten schmerzhaften Unterleibs-Nervenleiden erkrankt
war, das ihm das Sitzen und Schreiben zur Qual machte. Es war der Hilfs-
verein fiir die aus ElsaB-Lothringen Vertriebenen. »Man verhullt sein Haupt
und f ragt sich, ob man iiberhaupt noch ein Vaterland hat ? ! « ruft er auch dem
alten Korrespondenten zu, dem er von jener neuen Tatigkeit Mitteilung
macht. Die Nachschrift aber lautet: »Erinnern Sie sich meines Brief es wegen
des U-Bootkrieges? Was hat er uns gebracht? Den Verlust des Krieges!*
Es ist das letzte Wort, das uns von ihm bekannt ist. Sein leidender Zustand
veranlaBte den Fiirsten und seine Gemahlin in diesem Jahr zu langerem
Aufenthalt in Stora Sundby, als es sonst der Fall war. Im Dezember siedelte er
nach Stockholm liber, um sich einer Operation zu unterziehen. Wenige Tage nach
ihrer Ausfiihrung ist er gestorben. Einer der in Krieg und Frieden hochverdienten
Paladine des kaiserlichen Deutschlands ist mit ihm dahingegangen.
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Literatur: Quellen: Handschrif tliche : Personalakten im Ausw. Amt und im Reichs-
archiv. — Zwei eigenhandige Schriftstiicke des Fiirsten (Abschiedsrede in StraBburg und
ein Brief, 25. Dezember 1918) aus Privatbesitz. — (Offizielles handschr. Material und private
Auf zeichnungen des Fiirsten bisher unzuganglick.) — Gedruckte : Die Grofle Politik der
europ. Kabinette 1871 — 1914 (Sammlung der diplom. Akten des Ausw. Amtes), Bde. 7,
1 8 — 23,1 . Denkwiirdigkeiten des Gen eralfeldmarsch alls Alfred Grafen v. Waldersee, Bd.2. —
»Der Tiirmer« (hrsg. von Fr. Lienhard), Februar- bis Maiheft 1924. — ElsaB-lothringische
Mitteilungen, Jahrg. 2 (1920). — »StraBburger Post*, 1907 f. — Erich Brandenburg, Von
Bismarck zum Weltkriege. — Karl Stahlin, Geschichte ElsaC-Lothringens. Auflerdem
standen mir hochst wertvolle miindliche Berichte aus der nachsten Umgebung des Statt-
halters zur Verfiigung.
Berlin. Karl Stahlin.
Werner, Alfred, Professor der Chemie in Zurich, * am 12. Dezember 1866
in Miilhausen i. Els., f am 15. November 1919 in Zurich. — Alfred W. wurde
als Sohn eines Fabrikmeisters geboren. Seine chemische Begabung machte sich
schon wahrend der Schulzeit stark bemerkbar, konnte er doch im Alter von
etwa 18 Jahren dem damaligen Direktor der Mulhausener Chemieschule,
Emilio Noelting, die erste selbstverfaBte chemische Arbeit zur Begutachtung
iiberreichen. 1885 diente er als Einjahrig-Freiwilliger in Karlsruhe und horte
gleichzeitig bei Engler chemische Vorlesungen. Im nachsten Jahr siedelte er
von Karlsruhe nach Zurich iiber und kam so in die Stadt, der er sein ganzes
Leben hindurch treu bleiben sollte.
Am eidgenossischen Polytechnikum, der jetzigen eidgenossischen Tech-
nischen Hochschule, lehrten damals die drei hervorragenden Chemiker Lunge,
Hantzsch und Treadwell, bei denen er eine ausgezeichnete chemische Schule
durchmachte. Nachdem W. 1889 das Diplomexamen als technischer Chemiker
bestanden hatte, wurde er Assistent bei Lunge, begann aber gleichzeitig als
Mitarbeiter von Hantzsch rein wissenschaf tliche Fragen zu bearbeiten. 1890
promovierte er an der Zuricher Universitat mit der Arbeit: »Uber die raum-
liche Anordnung der Atome in stickstoffhaltigen Verbindungen. «
Nach der Promotion ging W. auf ein Semester nach Paris, um sich unter
Berthelots Leitung am College de France weiter auszubilden. Nach Zurich
zuriickgekehrt, habilitierte er sich 1892 am eidgenossischen Polytechnikum
mit der Schrift: »Beitrage zur Theorie der Affinitat und Valenz«, die mit
manchen iiberlieferten Vorstellungen aufraumte und die Grundlagen zu einer
neuen Valenztheorie legte. Im Herbst 1892 entwarf dann der erst sechsund-
zwanzigjahrige Forscher die spater so beruhmt gewordene Arbeit: »Beitrag
zur Konstitution anorganischer Verbindungen «, mit der er der Begriinder der
modernen anorganischen Konstitutionslehre wurde und sich einem August
Kekule ebenbiirtig an die Seite stellte.
Schon im nachsten Jahre, im Herbst 1893, wurde er als Nachfolger von
Viktor Merz zum a.o. Professor fur Chemie und Direktor des chemischen
Laboratoriums A der Universitat Zurich ernannt. Zwei Jahre spater befor-
derte ihn die Zuricher Regierung zum Ordinarius. W. gehorte bald zu den be-
kanntesten und angesehensten Forschern und Lehrern der Zuricher Univer-
sitat; ehrenvolle Berufungen nach Wien (1899), nach Basel (1902), an die
eidgenossische Technische Hochschule (1905) und nach Wiirzburg (1910)
lehnte er ab. Die Universitat Genf und die eidgenossische Technische Hoch-
schule in Zurich ernannten ihn zum Ehrendoktor. Er wurde Ehrenmitglied,
Wed el. Werner
485
bzw. korrespondierendes Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften,
so der Koniglichen Gesellschaft der Wissenschaften in Gottingen, der Physi-
kalisch-Medizinischen Sozietat in Erlangen, des Physikalischen Vereins in
Frankfurt, der Societe de physique et d'histoire naturelle in Genf, der Societe
imperiale des amis d'histoire naturelle, d'anthropologie el d } ethnographic in
Moskau usw. Die Schweizerische Chemische Gesellschaft ehrte ihn durch
Stiftung eines Werner-Fonds, auch gab sie eine Werner-Plakette heraus.
Die hochste wissenschaftliche Ehrung, den Nobelpreis, erhielt er 1913; die
Ziiricher Studenten brachten ihrem Meister begeisterte Huldigungen dar. Schon
damals hatte aber ein schweres Leiden (Arteriensklerose), dem er bald zum
Opfer fallen sollte, seine zerstorende Wirkung begonnen. Ende 1915 sah sich
W. auBerstande, die Hauptvorlesung weiter zu halten ; zwar nahm er spater die
Vorlesungen mehrfach wieder auf, muBte sie aber immer wieder unterbrechen,
bis ihn die fortschreitende Erkrankung 191 9 notigte, seine Professur nieder-
zulegen. Am 15. November 1919 erloste der Tod den noch nicht dreiundfiinfzig-
jahrigen Forscher von seinem schweren und qualvollen Leiden; er starb in
geistiger Umnachtung.
W. war ein offener Charakter, eine einfache, unkomplizierte Natur, begabt
mit einer starken Intelligenz und einem festen Willen. Mit einer Arbeitskraft,
die fast unerschopflich schien, arbeitete er an seinen experimentellen und
theoretischen Problemen, alle Hindernisse menschlicher und sachlicher Art
uberwindend, bis er sein Ziel erreicht hatte.
DaB W. fiir seine Assistenten und Dozenten nicht immer ein einfacher Chef
war, ist danach wohl selbstverstandlich ; er stellte haufig Anforderungen an
sie, die bis an die Grenze des Moglichen gingen. Diese harte Schule hat aber
sicher vielen seiner Schuler furs ganze Leben zum Vorteil gereicht.
Namentlich in jiingeren Jahren hatte er das ausgesprochene Bediirfnis, sich
mit seinen Assistenten stundenlang iiber neuere Arbeiten der chemischen Litera-
tur oder iiber seine eigenen Arbeiten zu unterhalten, wobei er verlangte, daB man
scharfe Kritik iibte. Nicht immer war es fiir seine Assistenten leicht, ihm auf
seinen Gedankengangen zu folgen, besaB er doch ein fabelhaftes Gedachtnis
fiir den Gesamtbereich der reinen Chemie, der anorganischen wie der orga-
nischen, und eine ausgesprochene Leichtigkeit, von einem Thema zu einem
anderen iiberzugehen. Unterhielt man sich etwa gerade iiber Isomerieerschei-
nungen bei anorganischen Komplexverbindungen, so war man in den nachsten
Minuten schon mitten in einer Diskussion iiber Fragen der Terpen-, Alkaloid-
oder Farbstoff chemie. Dabei verlangte er von seinen Zuhorern, daB sie die
Konstitutions- und Konfigurationsformeln der einzelnen Verbindungen klar
im Kopf hatten und mit ihnen frei operieren konnten. Ihm selbst fiel das bei
seinem stark ausgepragten raumlichen Vorstellungsvermogen nicht schwer.
Unter giinstigeren Bedingungen, als sie in Zurich herrschten, hatte dieser
hervorragende Lehrer sicher eine groBe Schule gemacht. Immerhin sind aus
seinem Ziiricher Institut auBer zahlreichen Schiilern, die heute maBgebende
Stellen in der Industrie einnehmen, eine ganze Reihe akademischer Lehrer
hervorgegangen, von denen ich hier Berl, Dilthey, Dubsky, Jantsch, Karrer,
Pfeiffer, Schaarschmidt und Stiasny nennen mochte.
Seine Vorlesungen (er las bis 1902 nur iiber organische, dann auch iiber
anorganische Chemie) waren gut durchgearbeitet, in der Stoffanordnung
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originell und durch Klarheit in der Darlegung der verwickeltsten Probleme
ausgezeichnet. Er sprach eindringlich und mit groBer Begeisterung fur seine
Wissenschaft, so daB die Zuhorer mitgerissen wurden.
Fiir seine didaktische Veranlagung sprechen auch seine beiden Hauptwerke,
von denen das Buch »Neuere Anschauungen auf dem Gebiete der anorganischen
Chemie« wohl das wichtigste ist. Hier hat er ein bis dahin weitzerstreutes,
groBes experimentelles Material gesichtet und mit Hilfe seiner Koordinations-
lehre systematisch geordnet. Aber auch seine » Stereochemie « ist von grund-
legender Bedeutung, war sie doch die erste umfassende, kritische Darstellung
dieses so wichtigen Gebietes ; auch heute noch wird bei stereochemischen For-
schungen imnier wieder auf W.s Buch zuriickgegriffen.
Fiir seine Experimentalarbeiten iiber anorganische Komplexverbindungen
hatte sich W. eine eigene Technik zurechtgemacht. Auf seinem Experimentier-
tisch standen mehrere Mikrobrenner und Mikrofiltriergestelle und hunderte
kleine Glasschalchen, deren Inhalt in alien Farben leuchtete. Ohne daB er die
einzelnen Schalchen irgendwie kennzeichnete, kannte er sich sehr genau aus,
Verwechslungen kamen wohl kaum vor.
Das Laboratorium, in welchem W. seine ersten Arbeiten ausfuhrte, bestand
aus ganz unzulanglichen Raumen, zum Teil aus Kellergelassen, die mit Recht
den Namen Katakomben fuhrten. 1909 hatte W. die Freude, einen nach seinen
Planen erstellten, geraumigen, praktisch und schon eingerichteten Neubau
beziehen zu konnen, der ganz seinen Wunschen entsprach. Hier entstanden
vor allem seine wichtigen Untersuchungen iiber die optisch aktiven anorga-
nischen Verbindungen.
Verheiratet war W. mit Emma Giesker, einer Ziiricherin, die aus einer ein-
gewanderten deutschen Familie stammte; der Ehe entsprossen zwei Kinder,
ein Junge und ein Madchen, an denen er mit groBer Liebe hing. W. war eine
durchaus gesellige Natur; seine Erholung von geistiger Arbeit fand er im
Freundeskreise beim Billard- und Schachspiel oder beim schweizerischen
Kartenspiel, dem sogenannten JaB. In den Herbstferien ging er fiir wenige
Wochen zur Erholung in die Berge; groBere Vergniigungsreisen zu machen
liebte er nicht ; doch war er ein eif riger Besucher wissenschaf tlicher Kongresse,
auch hat er manche Vortrage auBerhalb der Schweiz gehalten.
Als Elsasser hatte W. kulturelle Sympathien fiir Deutschland wie fiir Frank-
reich, betonte aber stets, daB er seine wissenschaftliche Ausbildung ganz der
deutschen Wissenschaft verdanke; als seinen eigentlichen I^ehrer verehrte er
vor allem Arthur Hantzsch. Seine Untersuchungen hat er fast ausnahmslos
in deutschen Zeitschriften veroffentlicht ; auch sind seine Biicher in deutscher
Sprache abgefaBt. Im Weltkrieg aber stand er mit seinen Sympathien fast
ganz auf franzosischer Seite.
Von den wissenschaftlichen Arbeiten W.s ist gleich die erste, die er mit
24 Jahren (1890) als Dissertation einreichte, eine hervorragende Leistung, be-
griindete sie doch einen neuen Zweig der Stereochemie, die Stereochemie des
Stickstoffs. Die Veroffentlichung in den »Berichten« ist zwar gemeinschaft-
lich von Hantzsch und W. abgefaBt, doch ist die Grundidee der Arbeit, nach
der in zahlreichen Verbindungen des dreiwertigen Stickstoffs (z. B. in den
Oximen) die drei Valenzkrafte des Stickstoffatoms nach drei Ecken eines
Tetraeders gerichtet sind, in dessen vierter Ecke das Stickstoffatom selbst
Werner 487
steht, von W. allein. W. bekampft in seiner Arbeit mit Erfolg die Anschauungen
von V. Meyer und K. Auwers, welche die Isomerieerscheinungen der Oxime
des Benzils durch Aufgabe des van't Hoffschen Prinzips der freien Rotation
einfach gebundener Kohlenstoffatome um die C-C-Achse erklaren wollten.
Seine sinngemaBe Erweiterung der van't Hoffschen Lehre der Stereochemie
des Kohlenstoffs hat sich durchaus bewahrt. Am experimentellen Ausbau
seiner neuen I^ehre, die wir vor allem A. Hantzsch verdanken, hat sich W. nur
kurze Zeit beteiligt, ihn lockten bald Probleme ganz anderer Art.
Schonein Jahrnach derVeroffentlichung der » Stereochemie desStickstoffs«,
im Jahre 1891, erschien seine Habilitationsschrif t : »Beitrage zur Theorie der
Affinitat und Valenz«, die er leider in der schwerzuganglichen Vierteljahrs-
schrift der Zuricher Naturforschenden Gesellschaft veroffentlicht hat, so daB
die hier niedergelegten Ideen erst recht spat zur Geltung gekommen sind. Fur
W. selbst aber war diese Arbeit die Vorbereitung zu seiner genialen Schopfung
der Koordinationslehre. W. geht in seiner Arbeit aus dem Jahre 1891 ganz
neue Wege ; er verwirf t die ubliche Auff assung der Valenzkraft als gerichtete
Einzelkraft, er nimmt an, daB die Affinitat eine vom Zentrum des Atoms
gleichmaBig nach alien Teilen seiner (der Einfachheit halber kugelformig
gedachten) Oberflache wirkende anziehende Kraft ist. Die Valenzzahl ist
so fur ihn nur ein empirischer Zahlenbegriff. Es gelingt W., die van't
Hoffschen Konfigurationsformeln organischer Verbindungen auch ohne die
Annahme gerichteter Einzelkrafte abzuleiten, eine recht annehmbare Deu-
tung fur die stereochemischen Umlagerungen zu geben und das Benzol-
problem von einer neuen Seite aus anzupacken. Eine Ausgestaltung dieser
Ideen finden wir in einer spateren Mitteilung aus dem Jahre 1906: »Uber
den wechselnden Affinitatswert einfacher Bindungen«, die, zusammen mit
der Thieleschen Theorie der Partialvalenzen, die organische Chemie ungemein
befruchtet hat.
W.s genialste Leistung ist zweifellos die Aufstellung der Koordinationslehre,
mit der der junge 26jahrige Forscher eine neue Entwicklungsphase der an-
organischen Chemie anbahnte. Wir wissen aus W.s eigenem Munde, daB die
Erleuchtung ihm blitzartig kam. Morgens um 2 Uhr schreckte er aus dem
Schlafe auf , die von seinem Gehirn schon lange gesuchte Losung hatte sich ein-
gestellt. Er erhob sich sofort vom Lager und abends um 5 Uhr war die Koordi-
nationslehre in ihren wesentlichen Ziigen abgeschlossen. (Nach R. Huber,
Schweizerische Chemikerzeitung, Jahrgang 1920, S. 73.)
Zum besseren Verstandnis der Bedeutung der W.schen Koordinationslehre
sei kurz darauf hingewiesen, daB man die chemischen Verbindungen zweck-
maBig in Verbindungen erster Ordnung und Verbindungen hoherer Ordnung
(Molekiilverbindungen) einteilt. Zu den Verbindungen erster Ordnung rechnen
wir alle Verbindungen, deren Molekule sich aus zwei verschiedenen Atomarten
aufbauen (Chloride, Oxyde, Sulfide, Nitride, Hydride usw.), auBerdem aber
noch solche Substanzen, die sich von diesen einfachsten Verbindungen erster
Ordnung durch Ersatz einzelner Atome durch Atome anderer Art oder
Atomgruppen (Radikale) ableiten, wie es bei der groBen Mehrzahl der fast
uniibersehbar groBen Schar der organischen Verbindungen der Fall ist. Fiir
die Systematik all dieser Substanzen hat sich die Kekutesche Valenzlehre als
ganz unentbehrlich erwiesen ; sie hat hier wahre Triumphe gefeiert.
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Diese Valenzlehre versagt aber ganzlich, wenn wir sie auf die Molekul-
verbindungen anzuwenden versuchen, d. h. auf diejenigen geradezu zahllosen
Verbindungen, die sich aus den Verbindungen erster Ordnung durch Zu-
sammenlagerung ihrer Molekule zu mehr oder weniger festen Molekular-
komplexen aufbauen; hierher gehoren u. a. die Hydrate, Metallammoniaksalze,
Doppelsalze, Heteropolysauren, Chinhydrone, Verbindungen der Nitrokorper
mit Kohlenwasserstoffen usw. Dadurch, daJ3 man immer wieder versucht hat,
die Kekul£sche Valenzlehre auch auf die Molekulverbindungen zu tibertragen,
ist man zu ganz phantastischen Konstitutionsformeln gelangt, die der Ent-
wicklung mehr geschadet als gentitzt haben.
W. verwirft die Anwendung der Kekuleschen Valenzlehre auf die Molekul-
verbindungen; er stellt diese gewissermaBen auf eigene Fiifle und entwickelt
fiir sie eine ganz neuartige theoretische Grundlage, welche es gestattet, auch
sie ubersichtlich zu ordnen und zahlreiche Isomerieerscheinungen dieses Gebie-
tes auf einfache Weise zu deuten.
Nach W. wirken bei den anorganischen Molekulverbindungen einzelne Atome
als Zentralatome, um die eine bestimmte Zahl anderer Atome, die Radikalen
oder aber selbstandig existenzfahigen Molekulen angehoren konnen, nach ein-
fachen raumgeometrischen Gesetzen gelagert sind. Die Zahl nun, die uns an-
gibt, wie viele Atome in einer Molekulverbindung um ein Zentralatom gruppiert
sind, nennt W. die Koordinationszahl dieses Atoms. Der Begriff der Ko-
ordinationszahl, dem sich noch die Begriffe: »Nebenvalenz« und »indirekte
Bindung« anschlieBen, bildet den Mittelpunkt des ganzen W.schen Systems.
Als Koordinationszahlen kommen nur einige wenige in Betracht, von denen die
wichtigsten dieZahlen drei, vier, sechs und achtsind. Besonders haufig tritt die
Zahl sechs auf. Dem Sechsertypus entsprechen Tausende Molekulverbindungen
des Kobalts, Chroms, Platins usw. Bei ihnen alien ist, wie W. schon in seiner
ersten Arbeit zeigte, die raumliche Anordnung eine oktaedrische, indem die sechs
Liganden um das zentrale Metallatom in Oktaederecken gelagert sind.
Die Vorstellungswelt W.s war so neuartig und wich so sehr von allem t)ber-
lieferten ab, daB nur ganz wenige Fachgenossen die Bedeutung seiner Ideen er-
kannten. Hierzu kam als erschwerender Umstand die »organische« Orientie-
rung der meisten damaligen Chemiker; feierte doch gerade in jener Zeit die
organische Chemie groBe Triumphe. Bei W. setzte nun eine mehr als zwanzig-
jahrige experimentelle Arbeitsperiode ein, die an Intensitat des Schaffens kaum
ihresgleichen hat. Immer neue Reihen von Molekulverbindungen wurden in
Gemeinschaft mit zahlreichen Mitarbeitern dargestellt und auf ihre Konsti-
tution und Konfiguration hin untersucht (es sind unter seiner Leitung gegen
200 Dissertationen entstanden; die Zahl seiner Publikationen betragt mehr
als 150). Immer harmonischer gestaltete sich so das Gebaude der anorganischen
Komplexchemie, bis ihm schlieBhch (nach 18 Jahren) die so wichtige Ent-
deckung optisch aktiver anorganischer Verbindungen gelang, deren Existenz
er auf Grund seiner Oktaedertheorie vorausgesehen hatte. Damit war eine der
wichtigsten Folgerungen seiner Theorie experimentell bewiesen, so daB die
groBe Bedeutung der Koordinationslehre fiir die chemische Systematik nun-
mehr allgemein anerkannt wurde.
Es begann jetzt der Siegeszug der Koordinationslehre, an dem sich W. selbst
kaum noch beteiligen konnte. Diese Lehre, deren Ausgangspunkt die Chemie
Werner 489
der Metallammoniaksalze und Doppelsalze war, zweier Korperklassen, die man
damals nicht fur besonders wichtig und interessant hielt, hatte noch unter W.s
Fiihrung fast die ganze systematische anorganische Chemie erobert und schon
ihre Fuhler nach der organischen Chemie ausgestreckt. Heute ist ihre Be-
deutung auch fiir die organische Chemie aUgemein anerkannt. Auch in der
Kristallographie spielen koordinationstheoretische Begriffe eine immer grbBere
Rolle, scheint es doch so, daB die Kristalle ganz aUgemein nach den Gesetzen
der Koordinationslehre aufgebaut sind. Nehmen wir noch hinzu, daB in die
Lehre der Adsorptionserscheinungen und in die Theorie der Losungen ko-
ordinationstheoretische Betrachtungen ebenfalls einzudringen beginnen —
hier ist noch alles im FluB — , so erkennt man ohne weiteres die umf assende
Bedeutung von W.s Lebenswerk.
Von besonderem Interesse erscheint noch die Beantwortung der Frage, ob
eigentlich der W.sche Ideenkreis das Endergebnis einer kontinuierlichen Ent-
wicklung ist, ob sich also bestimmte Personlichkeiten namhaft machen lassen,
die schon vor ihm wesentliche Teile seiner Theorie mehr oder weniger klar ent-
wickelt haben. So viel ich sehen kann, ist das nicht der Fall. Zwar benutzt W. in
seiner Koordinationslehre gewisse Gedankengange der Valenzlehre Kekules, der
Stereochemie van't Hoffs und der elektrolytischen Dissoziationstheorie von
Arrhenius. Das von ihm errichtete Lehrgebaude macht aber durchaus den Ein-
druck eines ganz selbstandigen schopferischen Akts. Das wird besonders deut-
lich, wenn man W. mit Jorgensen vergleicht, dem wir (vor und gleichzeitig mit
W.) grundlegende experimentelle Arbeiten auf dem Gebiete der Metallammo-
niaksalze verdanken. Jorgensen vermochte sich nicht frei von der ublichen
starren Valenzlehre zu machen; seine Formelbilder konnten daher nicht be-
friedigen; sie gaben keinen AnstoB zu einer Weiterentwicklung der Chemie.
Jorgensen erkannte auch nicht geniigend den inneren, theoretischen und experi-
mentellen Zusammenhang aller Teilgebiete der Molekiilverbindungen.
tjber diesen inneren Zusammenhang war sich Mendelejeff , der Begriinder des
periodischen Systems der Elemente (gleichzeitig mit Lothar Meyer), vollig im
klaren. In seinem 1901 in deutscher Sprache erschienenen Lehrbuch : »Grund-
lagen der Chemie «, welches W. bekannt war, betont er ganz scharf die konsti-
tutionelle Zusammengehorigkeit von Metallammoniaksalzen, Hydraten
und Doppelsalzen, ja er zieht schon Legierungen und Losungen in seine Be-
trachtungen ein. Doch fuhrten seine Bemuhungen, hier Ordnung zu schaffen,
nicht zum Ziel, trotzdem er bewies, daB die damaligen rein valenzmaBigen
Formulierungen nicht aufrechterhalten werden konnten, und trotzdem er die
systematische Stellung einzelner Verbindungsreihen, z. B. der polymeren
Metallhalogenide, wie Al2 X6 usw. (sie gehoren nach ihm zu den Doppelhalo-
geniden) richtig einschatzte. Erst Alfred W. war es vergonnt, durch seine ge-
niale Schopfung der Koordinationslehre das von Mendelejeff ersehnte Ziel
zu erreichen.
Literatur: Helvetica Chi mica Acta, Band 3, S. 196 (1920). — Manner der Technik,
HerausgeberC.Matschofi, 1925, S. 290. — Schweizerische Chemikerzeitung, Jahrgangi92o,
S. 73. — Zeitschrift fiir angewandte Chemie, Band ^^, S. 37 (1920). — Zeitschrift fiir
Elektrochemie, Band 26, S. 514 (1920). — Eine fast liickenlose Zusaramenstellung der
W. sehen Veroffentlichungen findet sich in Helvetica, Chimica Acta, Band 3, S. 225.
Bonn. Paul Pfeiffer.
1920
Beck-Rzikowsky, Friedrich Graf, Generaloberst und Kapitan der ersten
Arcierenleibgarde, ehemaliger Chef des osterreichisch-ungarischen General-
stabes, * am 3i.Marz 1830 zu Freiburg im Breisgau, f am 9.Februar 1920 zu
Wien. — Graf B., einer der markantesten und prominentesten Gestalten der
versunkenen osterreichisch-ungarischen Armee innerhalb der Francisko-
Josephinischen Epoche, war der Sohn eines deutschen Universitatsprofessors
(Gynakologe). Er kam 1846 nach Osterreich in die Pionierkorpsschule zu
Tulln an der Donau, einst eine beriihmte Militarschule, der viele hervor-
ragende Militars entstammten, darunter merkwiirdigerweise auch Arthur
Gorgey, der Revolutionsgeneral en chef der ungarischen Armeen in den
Insurrektionskriegen 1848/49.
In dem ersten dieser beiden Jahre wurde B. vorzeitig als Leutnant zum
Infanterieregiment Nr. 59 ausgemustert. Als solcher machte er den Winter-
feldzug 1848 in Ungarn, im folgenden Fruhjahr in Italien die Kampfe um
Brescia mit, wobei er sich auszeichnete und dekoriert wurde. Bald darauf
dem Generalstabe zugeteilt, absolvierte er 1852 die eben neuerrichtete Kriegs-
schule (Kriegsakademie) in Wien. Zum Hauptmann im Generalquartiermeister-
stabe ernannt, wurde er Adjutant des damaligen Generalstabchefs Feldzeug-
meister Baron HeB, in dessen Suite er wichtige Dienstreisen im lombardo-
venezianischen Konigreiche absolvierte. Nach kurzer Dienstleistung bei der
Militarmappierung in Ungarn wurde er bei Ausbruch des Feldzuges 1859
Generalstabschef der Division des Feldmarschalleutnants Baron Reischach,
zeichnete sich bei mehrfachen Gelegenheiten, namentlich in der Schlacht bei
Magenta aus, woselbst er durch einen SchuB im Knie verwundet wurde. Im
Jahre darauf als Protokollfuhrer bei der Bundesmilitarkommission in Frank-
furt a. M. eingeteilt, heiratete er die Tochter des Prasidenten, des Generals
Baron Rzikowsky, dessen Namen dem seinigen beigefiigt wurde. Seine Gattin
stand ihm dann durch 40 Jahre als Lebensgefahrtin treu zur Seite.
1863 erfolgte seine Zuteilung zur Generaladjutantur des Kaisers. Damit be-
ginnt nun B.s eigentliche Lebenstatigkeit, die ihn noch in ganz jungen Jahren
zu einer, im stillen wirkenden, doch hochst maBgebenden Personlichkeit
machte. Er gewann nicht nur das unbeschrankte Vertrauen seines Chefs, des
Generaladjutanten Graf Crenneville, sondern auch jenes des Kaisers Franz
Joseph. Dies pragte sich in eminenter Weise vor und nach den verjiangnis-
vollen Tagen von Koniggratz aus. Drei Tage vor der Schlacht, als bereits eine
Reihe ungliicklich verlaufener Kampfe stattgefunden hatte, wurde er direkt
zum Armeekommandanten Benedek gesandt, teils zu personlicher Bericht-
B eck-Rziko wsky 49 I
erstattung, teils um dem schon schwer bedriickten Feldherrn die Anschauungen
der obersten Reichsstelle zu vermitteln. Er nahm an einem Kriegsrat teil, in
dem beschlossen wurde, die Armee hinter die Elbe zu fiihren. Kaum zuriick-
gekehrt, vernahm er, dafi sich der Feldherr doch zur Annahme einer Schlacht
in einer Stellung nordlich der Elbe entschlossen habe, ja daB die Schlacht
bereits im Gange sei. Es ist noch immer nicht vollstandig geklart, was Benedek
zu diesem plotzlichen und wenig gliicklichen EntschluB bewogen hat. Ein un-
richtig ausgelegtes Telegramm des Generaladjutanten Graf Crenneville mag
moglicherweise die auslosende Ursache gewesen sein.
Noch ein zweites Mai wurde B. ins Hauptquartier Benedeks gesendet, als
dessen Armee nach dem Riickzuge bei Olmiitz konzentriert war. Es wurde
der weitere Riickmarsch mit dem Gros durch das Waagtal beschlossen. Wohl
praludierte dessen Einleitung ungliicklich in den Gefechten bei Dub und
Tobitschau, doch gelang es dann immerhin, die ganze Armee vom Gegner
fast unbelastigt hinter die Donau zwischen PreBburg und Tulln zu bringen,
woselbst sie sich — unter dem allgemeinen Oberbefehl des Feldmarschalls
Erzherzog Albrecht — mit der indessen herangezogenen Sudarmee vereinte.
Der Waffenstillstand vom 21. Juli 1866 beendete bekanntlich das bei
(nordlich) PreBburg im Gang befindliche Treffen, doch auch den Krieg, der
erst in seinen mittelbaren Folgen so weittragende Konsequenzen zeitigen sollte.
Im Jahre darauf wurde B. zum Vorstand einer neuerrichteten Militarkanzlei
des Kaisers ernannt, die im weiteren Verlaufe des Bestandes einen so mach-
tigen EinfluB auf alle Angelegenheiten der Armee, namentlich hinsichtlich
der Personalien gewinnen sollte; objektiv genommen, nicht immer zu sach-
lichem Vorteil.
Zunachst erhielt B., der indessen zum Obersten avanciert und vielfach aus-
gezeichnet worden war, die Aufgabe, an der Regelung jener Details mitzu-
wirken, die sich bei Reorganisation der Armee im Sinne des dualistischen
Reichsaufbaues ergeben hatten. Es war dies eine ebenso komplizierte als
schwierige Aufgabe, was aus dem Umstand resultierte, daB man militarischer-
seits — begreiflicherweise — bestrebt war, den einheitlichen Charakter der
Wehrmacht moglichst zu wahren, wahrenddem auf seiten der ungarischen
Politiker aus nationalen und wohl auch aus Eitelkeitsgriinden das Bestreben
vorwaltete, den ungarischen Heeresteil moglichst selbstandig zu machen, ge-
wissermaBen als eine Art magyarischer Hausmacht zu organisieren. Der
Niederschlag dieser Bestrebungen machte sich in all den folgenden Dezennien
geltend; oft in geradezu heftiger Weise, was weder dem Organismus der
Wehrmacht noch dem Ansehen des Donaustaates forderlich war. B. nahm
hierbei eine vermittelnde Rolle ein, die nicht ohne kleinere sachliche Er-
folge blieb.
Im Gefolge des Kaisers nahm er 1867 an dessen Reise nach Paris anlaBlich
der dortigen ersten Weltausstellung, und zwei Jahre spater an der Orient-
reise teil, die das kulturell wie politisch gleich wichtige Ereignis der Eroff-
nung des Suezkanales zur Veranlassung hatte. Die Wahrnehmungen, die er
bei diesen hochinteressanten Begebenheiten sammelte, bildeten in den spateren
Jahren ein beliebtes Konversationsthema, wie denn B. iiberhaupt — insoweit
es sein Pflichtenkreis zulieB — geselliger Natur war und dies bis in die spaten
Jahre blieb.
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Von maBgebendem und tiefgreifendem EinfluB aber war in den Jahren
darauf seine Stellungnahme anlaBlich des Ausbruches des Deutsch-Franzo-
sischen Krieges. Da machten sich in der nachsten Umgebung des Monarchen
zwei divergente Stromungen geltend. Die eine, die zu einer Teilnahme Oster-
reich-Ungarns am Kriege an der Seite Frankreichs riet, ja drangte, war
reprasentiert durch den Minister des AuBern Graf Beust, durch Feldmarschall
Erzherzog Albrecht und den Kriegsminister Baron Kuhn; sie stiitzte sich
iiberdies auf viele Stimmen aus Heer und Gesellschaft. Dagegen stand nun
der ungarische Ministerprasident Graf Andrassy und der Chef der Militar-
kanzlei v. B., die sich fur voile Neutralitat einsetzten. Nach kurzen, doch
heftigen Schwankungen wurde unter dem Eindruck der siegreichen Einmarsch-
kampfe der Deutschen sowie der Haltung RuBlands der Kriegsgedanke auf-
gegeben, was zum Riicktritt Beusts und dessen Ersatz durch Andrassy fiihrte.
Doch auch B.s EinfluB wurde immer machtiger, was — nach Menschenart —
ihm viel Neider und Feinde schuf, die er aber durch sein bescheidenes, stets
taktvolles Auftreten zum Teil versohnte.
Der beruhmten Drei-Kaiser-Zusammenkunft in Berlin im Herbst 1872 —
Kaiser Wilhelm, Franz Joseph, Alexander II. von RuBland — wohnte er im
Gefolge des Kaisers bei und 1874 der Kaiserreise nach Moskau und Peters-
burg, nachdem er vorher zum Generalmajor und Generaladjutanten ernannt
worden war. All diese diplomatischen Reisen, zu denen sich im Jahre 1875
noch jene nach Venedig, anlaBlich der Entrevue Kaiser Franz Josephs mit
Konig Viktor Emanuel, gesellte, gewahrten ihm natiirlich den genauesten
Einblick in das diplomatische Spiel und Gegenspiel am ganzen Kontinent
und brachte ihm eine vollendete Kenntnis der handelnden Personlichkeiten.
Hierdurch wuchs B. iiber seine systemgemaBe Stellung hinaus und wurde in
vielen auch nicht rein militarischen Fragen zu einem Mitarbeiter an den Er-
wagungen und Entschliissen des Monarchen. Dies machte sich auch im
Jahre 1876, bei der vielgenannten Entrevue des Zaren mit Kaiser Franz
Joseph auf SchloB Reichstadt in Bohmen, geltend. Von da an wurde die
perniziose »orientalischeFrage« erneuert in Gang gesetzt, urn, auBer in kurzen
Intervallen, nie mehr zur Ruhe zu gelangen und schlieBlich das Antlitz Europas,
ja der ganzen planetarischen Welt, griindlich zu andern.
Das Jahr 1878, in dem B. zum Feldmarschalleutnant ernannt wmrde, brachte
ihm wieder eine besondere Mission, deren Ziel die Klarung der Regierungs-
und Kommandoverhaltnisse nach der bewirkten Okkupation Bosniens und
der Herzegowina bildete. Drei Jahre spater aber — 11. Juni 1881 — wurde
er zum Chef des Generalstabes ernannt, welchen Posten er dann durch ein
Vierteljahrhundert innehatte.
Nun waren es natiirlich vor allem die groBen operativen Erwagungen, die
zu dem Pflichtenkreis B.s gehorten, wofur ihn aber die genaue Kenntnis all
der politischen und diplomatischen Beziehungen eine vortreffliche Basis ab-
gab. Das Charakteristische an B.s geistiger Individuality war sein nuchternes,
jeglicher Phantastik abgewendetes Urteil, das die Dinge in ihrer konkreten
Wirklichkeit erkennen lieB und daher Trugschliisse ausschloB. Er war wedei
ein Feuergeist noch ein Genie, doch ein klarer Denker und kuhler Rechner,
der den Dingen auf den Grund ging und auch in ihren moglichen weiteren
Folgen leidenschaftslos, doch konsequent durchdachte. Auch war ihm Men-
Beck-Rzikowsky 403
schenkenntnis in bemerkenswertem MaBe eigen, desgleichen die im alten
Osterreich besonders schwierige Kunst, die obersten Staatsautoritaten richtig
zu behandeln.
Er wandte sich nun auch mit gewohnter Intensitat seinem neuen Wirkungs-
kreis zu, was um so notwendiger war, als im Sommer 1882 die ersten Ver-
handlungen mit dem Generalquartiermeister des deutschen Heeres, Grafen
Waldersee, stattfanden, die ein gemeinsames operatives Vorgehen in einem
Koalitionskriege zum Ziele nahmen. Im gleichen Jahre fand auch unter der
Leitung B.s eine jener groBen theoretischen Ubungen statt, die unter dem
Namen »Generalstabsreisen« in alien Armeen zur besonderen Bedeutung ge-
langten. Merkwiirdigerweise ergab sich nun bei jener in Ostgalizien statt-
gefundenen Reise eine Situation, die eine geradezu auffallende Ahnlichkeit
mit derjenigen besaB, die im Jahre 1914 im Beginn des Weltkrieges sich nahezu
auf dem gleichen Raum tatsachlich entwickelt hat. Schon damals wurden
auch die Schwierigkeiten erkannt und besprochen, die sich fur die Ostgruppe
der Armeen durch einen Einbruch aus Podolien her ergeben konnten. Be-
dauerlicherweise fanden die theoretischen Lehren, die hierbei festgelegt wur-
den, 32 Jahre spater keine geniigende Beachtung, so daB die bei Krasnik
und Komarow erfochtenen Siege (1914) keine operative Auswirkung finden
konnten.
Bekanntlich erbrachten die Winter 1886/87 unc^ 1887/88 fur die beiden
Kaiserreiche und hierdurch auch fur deren militarischen Fuhrer schwierige,
besorgniserweckende Situationen, da ein Doppelkrieg gegen Frankreich und
RuBland vor der Tiir stand. Der Krieg wurde vermieden, aber es bleibt fur
immer eine ungeloste Frage, ob es richtig war, den Waffengang zu unterlassen
in einem Momente, der fur die Mittelmachte die denkbar giinstigsten Chancen
erbracht hatte. Damals entstand die Theorie von der »Verwerflichkeit von
Praventivkriegen«, doch vermag diese Theorie einer bis auf den Grund gehen-
den Analyse nicht gut standzuhalten. Es hat daher die Annahme viel fur sich,
daB damals bei beiden Mittelmachten zum guten Teil Motive personlicher
Natur die Veranlassung gaben, einem Kriege auszuweichen, der ja bei der
grundhaltigen Verschiedenheit der staatlichen Interessen und Ziele doch f ruher
oder spater kommen muBte und 27 Jahre spater auch gekommen ist, leider
in einer Periode, in der sich die politischen und sonstigen Machtverhaltnisse
vollstandig zuungunsten der Mittelmachte verschoben hatten. Jene vorsich-
tige, eine kraftige Initiative vermeidende Handlungsweise in den beiden ge-
nannten Wintern lag iibrigens auch ganz im Sinne der Anschauungen B.s,
dem damals die Moglichkeit zu einem groBen, weittragenden EntschluB ge-
geben war. Aber freilich, solche retrospektive Betrachtungen sind relativ leicht
zu formulieren; auch soil nicht vergessen werden, daB damals die ungeheure
Autoritat des Fiirsten Bismarck sich auf die Seite jener stellte, die einen
Zweifrontenkrieg vermieden wissen wollten.
In den folgenden Jahren gab es wieder mehrfache Reisen, nach Berlin,
teils zu Besprechungen mit Waldersee und Verdy, 1891 mit Schlieffen, dem
neuernannten Generalstabchef, doch auch als Ehrengast zur Leichenfeier
des groBen Moltke; weiter nach Cettinje und 1896 im Geleit des Kaisers nach
Bukarest, wo mit Minister Stourdza bindende militarische Abmachungen ge-
troffen wurden (Protokoll von Pelesch bei Sinaia).
494 ig2°
Auf speziellen Wunsch des Zaren wohnte B. im Jahre 1897 auch der Kaiser-
reise nach Petersburg bei, die wohl weitschauende, doch nicht nachhaltige
Folgen zeitigte.
Indessen war der Wirkungskreis B.s, dem eine ganze Fulle Auszeichnungen
zuteil geworden war, noch erweitert worden, namentlich nach dem Tode des
Feldmarschalls Erzherzog Albrecht. Dieser hatte seine Position als prasumtiver
oberster Kommandant in einem Kriege bis zum SchluB mit Konsequenz, ja
mit einer gewissen Eifersucht festgehalten. Nunmehr war aber der Chef des
Generalstabes der eigentliche Leiter und Fiihrer und stand eigentlich nur
nominell unter dem allerhochsten Oberbefehl. B. war daher zweifelsohne einer
der machtigsten Personlichkeiten im ganzen Staatswesen geworden, zumal
man wuJ3te, daB ihm der Kaiser auch personlich seine unbedingte und blei-
bende Freundschaft widmete. Diese dominante Stellung machte sich beson-
ders gelegentlich der alljahrlichen Generalstabsreisen geltend, die stets zu einer
Versammlung aller prominenten Personlichkeiten des betreffenden Staats-
territoriums wurden. Noch deutlicher kam dies bei den alljahrlichen Korps-,
vom Jahre 1893 an bei den Armeemanovern zur Geltung. Diese wurden hier-
durch gleichsam auch zu politischen Ereignissen. Sehr zum Vorteil der Sache,
da sie sich immerhin als eine Art von Bindeglied zwischen den verschiedenen
Reichsteilen erwiesen, deren oft zentrifugalen Bestrebungen sich in zuneh-
mender Deutlichkeit geltend machten zum hochsten Bedauern, ja zur Sorge
all jener, die in dem Fortbestehen der Reichseinheit das wichtigste Element
fur den unversehrten Bestand des dualistischen Reiches erblickten. B. tat
sein moglichstes, um Differenzen auszugleichen und den gemeinsamen Inter-
essen Geltung zu verschaffen. Freilich konnte er dies nur auf Grund seiner
personlichen Autoritat, im Wege der Uberredung bewirken, da ihm bei den
staatsrechtlichen Verhaltnissen der Doppelmonarchie irgendwelcher dienst-
licher oder politischer EinfluB entzogen war. Dies kam besonders scharf in
den Jahren 1903 bis 1905 zum Ausdruck, da von Ungarn aus eine fanatische
Agitation einsetzte, die sich gegen den Fortbestand der Gemeinsamkeit der
Armee richtete. B. erfullte dies mit um so groBerer Sorge, als er erkennen
muBte, wie sich die allgemeine Situation in Europa allmahlich verdusterte.
Wohl brachte der Verlauf des Russisch-Japanischen Krieges eine zeitweilige
Entlastung der aus Osten drohenden Gefahren. Es lag auch ganz in B.s Men-
talitat, daB man RuBland in der damaligen prekaren Lage in keiner Weise
storte oder gar Nutzen aus seiner durch die nachgefolgte Revolution verur-
sachten Wehrlosigkeit zog. Doch konnte er sich kaum einer Tauschung hin-
gegeben haben, daB auch der Biindniswille Italiens, dem er stets so viel Sym-
pathie entgegengebracht hatte, zusehends im Schwinden begriffen war. Daran
anderte auch die personliche Freundschaft nichts, die ihn mit den beiden
Generalstabchefs Saletta und Polio verband.
Ganz besonders hervorzuheben sind aber die vorbereitenden Friedens-
arbeiten des Generalstabs, die eigentlich erst unter B. einsetzten, dann aber
all die weiteren Jahre hindurch mit ruhmenswerter Konsequenz und Griind-
lichkeit bearbeitet und — den Verhaltnissen entsprechend — oft auch um-
gearbeitet wurden. Die militargeographisch so ungiinstige Lage der Monarchie
brachte es mit sich, daB fortlaufend eine ganze Reihe von Kriegsmoglichkeiten
ins Auge gefaBt werden muBte. So kam es, daB nicht weniger als vier ver-
Beck-Rzikowsky. Binding 495
schiedene Kriegsausgangssituationen supponiert und die hierfiir notwendigen
Aufmarschbewegungen, gleichwie die anderen erforderlichen Vorbereitungen
militarischer und technischer Natur alljahrlich ausgearbeitet und in alien
Details vorbereitet gehalten wurden. In keiner der anderen GroBstaatarmeen
wurden die theoretischen Kriegsvorsorgen auf einer derart breiten Basis zur
Ausfiihrung gebracht, wie in der versunkenen osterreichisch-ungarischen Armee.
DaB aber, als der Kriegsfall dann tatsachlich eintrat, die diplomatische Lei-
tung doch keine zutreffende Beurteilung der tatsachlichen Situation aufzu-
bringen wuBte, wodurch Storungen und Verspatungen in der Aufmarsch-
bewegung eintraten, kann nicht dem Generalstab zur Last gelegt werden,
dessen Arbeiten stets ein anerkanntes HochstmaB an Griindlichkeit und tech-
nischer Geschicklichkeit aufwiesen.
B., zweifelsohne der Inspirator und unermiidliche Lenker dieser Arbeiten,
waltete seines Amtes durch mehr als 25 Jahre. Es ist begreiflich und liegt nur
in der Natur der Dinge, daB schlieBlich daran gedacht werden muBte, ihm in
seinem 77. Lebensjahre die ungeheure Burde abzunehmen. So iibergab er
denn am 27. Oktober 1906 sein schweres und verantwortungsvolles Amt an
General Conrad v. Hotzendorf (f 1924), der hierzu sowohl durch das Ver-
trauen des Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand, als auch durch jenes
der Armee pradestiniert erschien.
Mit Gunst und Gnadenbeweisen, auch seitens auslandischer Herrscher iiber-
schiittet, mit alien Ordensauszeichnungen bedacht und in den Grafenstand
erhoben, ubernahm B. am 27. Oktober 1906 das Ehrenamt eines Kapitans
der ersten Arcierenleibgarde. Seine seltene Vitalitat lieB ihn noch weitere
14 Jahre in hoher Riistigkeit erleben; doch auch den furchtbaren Zusammen-
bruch von Staat und Armee, denen sein getreuestes und bestes Wirken durch
70 Jahre gegolten hat. Seine letzten zwei Lebensjahre standen unter der
ebenso furchtbaren als unverschuldeten Tragik des untergegangenen Reiches.
Graf B. hinterlieB einen Sohn, der sich wahrend des Krieges als General-
stabsoffizier besonders hervortat, dessen Karriere aber durch den Zusammen-
bruch als Generalmajor einen jahen AbschluB fand.
Wien. Moritz Frhr. v. Auffenberg-Komarow.
Binding, Karl Ludwig Lorenz, Rechtsgelehrter und Historiker, * am 4. Juni
1841 in Frankfurt a. M., f am 7. April 1920 in Freiburg i. Br. — Aufgewachsen
in Frankfurt a. M., wo sein Vater juristischer, auch schriftstellerisch tatiger
Praktiker (zuletzt Appellationsrat) und angesehener Politiker (fiir erbliche
Kaiserwiirde und deren Verbindung mit der Krone PreuBen) war, studierte
Karl B. von i860 ab in Gottingen und Heidelberg Geschichte und Rechtswissen-
schaft, promovierte 1863 in Gottingen zum Dr. jur. und habilitierte sich schon
im folgenden Jahre in Heidelberg als Privatdozent fiir Strafrecht und Straf-
prozeBrecht. 1866 wurde er, fiinfundzwanzigjahrig, ordentlicher Professor in
Basel. 1870 ging er in gleicher Eigenschaft nach Freiburg i. Br. , 1872 nach StraB-
burg, 1873 nach Leipzig, wo er nunmehr vier Jahrzehnte (von 1879 ^s I9°°
neben der Professur auch als Hilfsrichter am Landgericht), zuletzt mit dem Titel
»Wirklicher Geheimer Rat« und dem Pradikat »Exzellenz« beliehen, wirkte.
Im Jahre des soojahrigen Leipziger Universitatsjubilaums 1908/09 stand
496 J92o
er als Jubilaumsrektor an der Spitze der Universitat. Einen personlichen
Jubeltag fiir ihn bedeutete sein 70. Geburtstag, 4. Juni 191 1, zu dem ihm
von Schulern und Freunden eine zweibandige Festschrift gewidmet, und an
dem er auch sonst in besonderem MaBe gefeiert wurde. 1913 schied er vom
Lehramt und siedelte nach Freiburg i. Br. liber. Aber seine Iyebensarbeit
war damit nicht abgeschlossen. Elastisch und frisch an Korper und Geist,
blieb er unausgesetzt denkend und schaffend tatig. Im Fruhjahr 1918 konnte
er sich, 77Jahrig, noch eine Reise nach Mazedonien zumuten, um dort bei
den deutschen Streitkraften Vortrage zu halten. Auch die dann folgenden
vaterlandischen Schmerzen brachen, so sehr sie ihm die Lebensfreudigkeit
nahmen, seinen Arbeitswillen nicht. Er blieb geistig regsam bis zu seinem
Tode, der ohne vorausgegangene Krankheit an ihn herantrat. Seine Gattin
Marie Luise, geborene Wirsing, mit der ihn eine harmonische Ehe verbunden
hatte, war ihm 191 3 im Tode vorausgegangen. Er hinterlieB drei Sonne und
zwei Tochter.
B. war eine der groflen Juristengestalten seiner Zeit.
Wenn man die Einteilung der Juristen in die beiden Gruppen der historisch
und der philosophisch gerichteten gelten lassen will, so gehorte B. der ersteren
Richtung an. Er hatte in jungen Jahren ein Stiick deutscher Staatsgeschichte
selbst erlebt und auf sich wirken lassen, oblag auf der Universitat dem Studium
der Geschichte pari passu mit dem der Rechtswissenschaft und widmete im
Laufe seines Lebens einen nennenswerten Teil seiner Forschungen und Ver-
offentlichungen der Geschichte (und zwar nicht bloB der Rechtsgeschichte). Der
Rechtsphilosophie und damit der AnschluBnahme der Jurisprudenz an die
Philosophic stand er mit Zuriickhaltung gegeniiber. Das hangt sicher damit
zusammen, daB in seinen Werdejahren die Rechtsphilosophie mit dem Natur-
recht identifiziert wurde, und dieses zugleich der damaligen Juristengeneration
als durch die deutsche rechtshistorische Schule aus dem Sattel gehoben, als
ein ausgetraumter Traum erschien. Oft hat er auch weiterhin seiner Widersacher-
schaft gegen das Naturrecht unverhohlen Ausdruck gegeben und jede nicht
positive Rechtsbetrachtung fiir unmoglich erklart. Die Rechtsphilosophie oder,
wie er bezeichnenderweise sagt, die »sogenannte« Rechtsphilosophie will er nur
gelten lassen als »sublimierte Jurisprudenz«; die einzige Art, sie zu betreiben,
sei, das positivrechtliche Material zur Ausgestaltung der Theorie zu ver-
werten. Er beruhrt sich hier mit jener etwa im dritten Viertel des 19. Jahr-
hunderts herangewachsenen, durch Namen wie Bergbohm, Ad. Merkel, Dahn,
Jhering reprasentierten Auffassung, die der Rechtsphilosophie die Aufgabe
zuwies, auf empirisch-induktiver Grundlage Allgemeines herauszuarbeiten.
Heute wissen wir, daB dieses Programm einer »Allgemeinen Rechtslehre«
iiberhaupt kein echtes rechtsphilosophisches war, andererseits aber bei seiner
Ausfuhrung tatsachhch programmwidrig vielfach der Boden apriorisch-
deduktiver Rechtsbetrachtung und damit einer von der naturrechtlichen
zur modernen hinuberfuhrenden Rechtsphilosophie betreten wurde, vor-
nehmlich in Systematik und Methodik. Gerade B. aber war fiir das Syste-
matisch-Methodische so stark interessiert, daB er dem Apriorismus nicht
entrinnen konnte. In diesem Sinne darf er auch als — rechtserkenntnis-
theoretischer — Rechtsphilosoph angesprochen werden. Aber auch soweit
als Gegenstand der Rechtsphilosophie das »sein sollende« Recht erscheint,
Binding 497
ist B. nichts weniger als stumm geblieben, wennschon er dabei nicht sowohl
den (eigentlich rechtsphilosophischen) Prinzipienfragen, als vielmehr den
rechtspolitischen Einzelheiten nachgeht.
Den Mittelpunkt von B.s Forschungen bildete die — rechtshistorisch ge-
sattigte — Dogmatik des geltenden Strafrechts. Aber sein Zug zum Grund-
legenden fuhrte ihn dabei derart iiber den unmittelbar strafrechtlichen Stoff
mit hinaus, daB gerade seine iiberstrafrechtlichen Untersuchungen die all-
gemeine Aufmerksamkeit auf sich zogen und der Wissenschaft machtigen
AnstoB gaben. Das gilt namentlich von der sich an seinen Namen heftenden
»Normentheorie«, die er in seinem vierbandigen, eine Arbeit von I^ebens-
jahrzehnten darstellenden Fundamentalwerk »Die Normen und ihre Uber-
tretung« entwickelt. Dem Strafgesetz, so fuhrt B. aus, ist logisch notwendig
vorgelagert ein Rechtssatz, der — unbekiimmert um die etwaigen Rechts-
folgen einer Zuwiderhandlung — das menschliche Verhalten unmittelbar
selbstandig regelt: eine norma agendi, eine Richtschnur fur das Handeln,
die »Norm«. Erst an sie schlieBt sich das Strafgesetz an, indem es ein Neues
hinzufugt, namlich die Rechtsfolge der Strafe fur den Fall der Nichtbefolgung
der Norm. Was der Verbrecher ubertritt, ist nicht das Strafgesetz, dessen
ersten Bestandteil (namlich die im Strafgesetz als die Strafbarkeit bedingende
genannte Verhaltensweise) er vielmehr erfiillt ; ubertreten wird vielmehr die
»Norm«. So erhebt sich vor allem Strafrecht ein Komplex von Rechtssatzen,
die einen offentlichrechtlichen Rechtsteil darstellen, meist dem »ungesetzten«
Recht angehoren und den Schliissel ftir Probleme bilden, die das Strafrecht
von sich aus nicht losen kann. In den Normen tritt der Staat befehlend, ge-
horsamheischend, auf; keineswegs aber sind alle Rechtssatze durch die Bank
» Normen «; die »Imperativentheorie «, die dasganze Recht nur aus Imperativen
bestehen lassen will, vermag zahlreiche Rechtsbegriffe, insonderheit den des
subjektiven Rechts, nicht zu erklaren. Umgekehrt wirft die Normentheorie
neues Iyicht auf den »Rechtszwang«, auf das Verhaltnis von Strafe und Scha-
densersatz usw.
Hatte B. hier rechtsgrundbegriffliche Tiefen aufgesucht, so ist er in einem
zweiten Hauptwerk, seinem »Handbuch des Strafrechts «, neben einer weiteren
Durchfiihrung der Normenlehre der Lehre von der juristischen Auslegung
nachgegangen. Gegner des Buchstabenkultus, des Motiven- und Materialien-
kultus, vertritt er die Theorie der »objektiven Deutung«, die nicht nach dem
»Willen des Gesetzgebers« fragt, sondern das Gesetz aus seinem objektiven
Sinngehalt heraus erklart. »Mit dem Momente der Gesetzespublikation ver-
schwindet mit einem Schlage der ganze Unterbau von Absichten und Wiinschen
des geistigen Urhebers des Gesetzes, ja des Gesetzgebers selbst und das Gesetz
ruht von nun an auf sich, gehalten durch die eigene Kraft und Schwere, er-
fiillt von eigenem Sinn; oft kliiger, oft weniger klug als sein Schopfer, oft
reicher, oft armer als dessen Gedanken.«
In das eigentlich strafrechtliche Gebiet schlagen zunachst wieder die » Nor-
men « und das »Handbuch« ein; dazu sein StrafrechtsgrundriB, sein umfang-
reiches und reichhaltiges Lehrbuch des besonderen Teils des Strafrechts, und
eine groBe Zahl von Einzelabhandlungen. Derjenige strafrechtliche Begriff,
der fruhzeitig seine Aufmerksamkeit besonders gefesselt hatte, war der der
Fahrlassigkeit. Ihr nachsinnend gelangte er aber zum Schuldbegriff uberhaupt
DBJ 32
498 1920
und von diesem wieder zu seiner Normenlehre, so daJ3 sich der Plan seiner
jungen Jahre, der Fahrlassigkeit alsbald eine Monographic zu widmen, wesent-
lich verschob: die Fahrlassigkeit wurde der Gegenstand des letzten Bandes
seiner »Normen«, mit dem er am Lebensende 1919 den SchluBstein dieses im-
ponierenden Werkes legte. So wurde die Schuld und mit ihr der Dolus und die
Fahrlassigkeit dasjenige Kapitel des Strafrechts, das B. am wuchtigsten be-
arbeitet hat. Sein Kampf gait vor allem der in Schrifttum und Rechtsprechung
zutage getretenen Verflachung und VerauBerlichung des Dolusbegriffs (und
mit ihm des Schuldbegriffs iiberhaupt): der »Vorsatz« der Strafgesetze ist, so
zeigter, »Deliktsvorsatz« und somit nur in Verbindung mit der »Nonnwidrig-
keit« zu erfassen: das BewuBtsein der Normwidrigkeit ist sein unaustrennbares
Charakteristikum. Gerade dieser VorstoB B.s hat machtig gewirkt. Die Gegner
haben gegen ihn das Spiel mehr und mehr verloren, und aller Voraussicht
nach wird B.s Doluslehre auch die kiinftige Strafgesetzgebung beeinflussen.
Im engsten Verbande mit der Herausarbeitung des Wesens der Schuld
steht B.s Bekenntnis zu der sogenannten klassischen Strafrechtsschule. Gegen
diese, die die Strafe nach »Ob« und »Wie hoch« durch dasjenige, was der
Tater fur seine Tat verdient habe, reguliert sein lassen wollte, wurden in B.s
Mannesjahren Forderungen immer vordringlicher, die das Strafrecht statt
auf Schuld auf »Gefahrlichkeit« fundiert sein lassen wollten und nach einer
» Strafe « riefen, fiir die nach Ob« und »Wie hoch« der Verbrechensverhutungs-
gedanke maBgebend sein sollte. Diese j>moderne Richtung*, deren Fiihrer
vornehmlich v. Liszt war, hat B. mit Entschiedenheit abgelehnt und — beson-
ders in seinem markigen und beriihmten Vorwort zur 7. Auflage seines Straf-
rechtsgrundrisses — bekampft. Die Namen B. und v. Liszt bedeuteten zeit-
weilig die Programme der verschiedenen Richtungen. Heute darf der Fort-
bestand des Schuldstrafrechts als gesichert gelten. Und wenn man dem
Gedanken der »sichernden MaBnahmen* gegen gefahrliche Menschen naher-
getreten ist, so wandelt man, mag auch B. selbst hierin zuriickhaltender und
zum Teil ablehnend gewesen sein, doch auch hierbei insofern in seinen Spuren,
als man sich uberwiegend dessen bewuflt ist, dafi die Verbrechensprophylaxe
jedenfalls nicht dem Kerngedankenkreise des Strafrechts entstammt.
Vor einer Uberbetonung des Schuldmoments fiir das Strafrecht, wie sie
sich auf dem Gebiete der Versuchs- und der Teilnahmelehre namentlich in der
Rechtsprechung des Reichsgerichts geltend gemacht hat, wurde B. durch
seine Normentheorie bewahrt. Strafbar ist zwar nur die schuldhafte Norm-
iibertretung, aber doch eben nicht die schuldhafte Seelenregung als solche.
Deshalb ist ein »absolut untauglicher Versuch« keine strafbare Handlung; des-
halb liegt weiter der Unterschied zwischen Haupttatern und Gehilfen nicht
auf dem rein seelischen Gebiet.
Eine eigene Theorie hat B. fiir die strafrechtliche Kausalitat aufgestellt.
Innerhalb der Teilnahmelehre hat er den eigenartigen Begriff des »Urhebers«
herausgearbeitet .
Hinter seinem strafrechtlichen Schaffen tritt sein strafprozei3rechtliches
zuruck. Doch hat er die Wissenschaft durch einen GrundriB des StrafprozeB-
rechts und eine Reihe von straf prozeBrechtlichen Abhandlungen bereichert. Be-
sonders nachhaltig wirkte seine Lehre, daB es Urteile gebe, die mit absoluter
unheilbarer Nichtigkeit behaftet seien. Sie entfesselte ein umfangreiches
Binding 499
Schrifttum und errang sich mehr und mehr grundsatzliche Anerkennung
auch in der Praxis, die ihr von Hause aus heftig widerstrebt hatte. Tiefgreifende
Untersuchungen hat B. auch der Lehre von der Rechtskraft zugewandt.
SchlieBlich verdankten ihm auch die Geschichtswissenschaft, insonderheit,
aber nicht bloB die der Rechtsgeschichte, das Staatsrecht und die Politik
zahlreiche Veroffentlichungen. Genannt seien seine Geschichte des burgundisch-
romanischen Konigreichs und seine Abhandlungensammlung »Vom Werden
und Leben der Staaten«.
B. war ein spriihender, nimmer rastender Geist. Mit kunstlerischer Phan-
tasie begabt, sah er Probleme und Losungen, an denen andere vorlibergegangen
waren, so daJ3 er vielfaltig zum Bahnbrecher wurde. In seinem leidenschaft-
lichen Ringen um das Richtige und Gerechte war er ein abgesagter Feind
aller geistigen Erstarrung — weshalb er auch kraftvolle Worte gegen die
kritiklose Hinnahme und Befolgung der Reichsgerichtsauffassungen durch
die Gerichte (den »Prajudizienkultus«) fand — und jeder Ungriindlichkeit
und Oberflachlichkeit. Wenn er sich nicht immer in den Standpunkt und die
Gedankengange seiner Gegner richtig einzufiihlen vermochte; wenn ihn hie
und da subjektive Intuition gepackt hielt, und ihm nuchterne Nachpriifung
nicht folgen konnte; wenn er endlich im Tone seiner Kritik bisweilen bitter
und scharf wurde und iiber das Ziel hinausschoB, so verschwindet alles dies
doch, wenn man den Gesamtertrag seiner Lebensarbeit wiirdigt. Dieser aber
kennzeichnet ihn als einen schopferischen und fuhrenden Geist, der auf der
Hohe der Wissenschaft wandelte.
Bewunderung notigt auch die sprachliche Form ab, in der sich seine Schrif-
ten darbieten. Uberall, auch bei dem sprodesten Stoff, schwingt die lebendige
personliche Note, iiberall weiB er durch die stilistische Feinheit und Gewahlt-
heit seiner Redeweise zu fesseln. Mit der gleichen Meisterschaft handhabte
er das Wort in seinen Vorlesungen, Vortragen und Reden. Temperamentvoll
und elastisch, ganz Leben und Bewegung, den sachlichen Gehalt seiner Dar-
legungen in ein anschmiegendes, oft fast dichterisches Gewand einkleidend,
gab er seinen Horern Eindriicke mit, die sich nicht so leicht verloren und die
oft noch nach langen Jahren das Bild der ganzen Personlichkeit plastisch vor
die Seele stellten, zumal beim I^esen eines seiner ja ebenfalls so individuell
sprechenden Werke.
Der groBe Gelehrte war zugleich ein ganzer Mensch; im Humanismus ver-
ankert, feinsinnig das GroBe in Kunst und Leben mit der empfanglichen
Seele suchend, die Freuden und Leiden des Vaterlandes als die eigenen fuhlend.
Sein sieghafter Optimismus, seine jugendlich ungestiime Frische blieben ihm
bis ins hohe Alter hinein treu; und auch in seinen letzten beiden I^ebens-
jahren waren sie, wennschon gedampft, doch nicht erloschen. Er war, als er
starb, nur den Jahren nach, nicht aber im Wesen, ein Greis.
Literatur: Nagler im » GerichtssaaW, Bd. 91, S. 1 ff. — A. Baumgarten, Schweizer.
Ztschr. f . Strafrecht, Bd. 33, S. 187 ff. — I^iffler, Osterr. Ztschr. f . Strafrecht, Bd. 8,
S. 423 f. — Dahl in der Tidsskrift for Retsvidenskap, Bd. 33, S. 399 ff. — Deutsche Juristen-
Zeitung, Bd. 25, S. 443. — Einblicke in B.s Personlichkeit eroffnen auch die von ihm
verfaflten Nachrufe fur Wachter in: Windscheid, Carl Georg v. Wachter (1880), S. 42 ff.,
und fur Brunnenmeister im »GerichtssaaU, Bd. 53, S. 459 ff. — Ungedruckte wissenschaft-
liche Manuskripte hat B. nicht hinterlassen.
Miinchen. Ernst Beling.
500 1920
Bottinger, Heinrich Theodor v., * am 10. Juli 1848 zu Burton on Trente in Eng-
land, | am 9. Juni 1920 in Arensdorf in derNeumark. — Heinrich v. B.s Vater,
ein Deutscher, war zur Zeit seiner Geburt in der Brauerei von Allsopp in Bur-
ton on Trente als Chemiker tatig. Nachdem der junge B. auf englischen und
deutschen Schulen eine griindliche englische und deutsche Ausbildung ge-
nossen hatte, begann er seine kaufmannische Laufbahn in einem Londoner
Exportgeschaft und in der Bayerischen Wechselbank zu Munchen. Der fruh-
zeitige Tod seines Vaters, 1874, stellte den jungen Kaufmann vor schwierige
Aufgaben. Es gait, das eben begriindete Wiirzburger Hofbrauhaus, in dem
das Vermogen der Familie festlag, aus schwieriger Lage zu befreien und zu
einer gedeihlichen Entwicklung zu bringen. Hier zeigte er das ihm eigene
besondere Geschick, sich schnell in neue, schwierige Arbeitsgebiete hinein-
zufinden, und mit Menschen jeden Standes umzugehen. Wenn ihm diese
Tatigkeit auch schon Ansehen und Anerkennung brachte, so fand er doch
erst den richtigen Boden fur die voile Entfaltung seiner hervorragenden kauf-
mannischen Fahigkeiten, als er nach dem Tode seines Schwiegervaters Fried-
rich Bayer, des Griinders der Firma Friedr. Bayer & Co. in Elberfeld, der
heutigen I. G. Farbenindustrie-Aktiengesellschaft, Werk Leverkusen, im
Jahre 1882 in den Vorstand der damals noch jungen Aktiengesellschaft ein-
trat. Das Werk befand sich zu jener Zeit in einer recht schwierigen Lage, und
es ist zum erheblichen Teil der Tatkraft und der kaufmannischen Geschick-
lichkeit B.s zuzuschreiben, daB das Unternehmen in kurzer Zeit die Schwierig-
keiten iiberwand und sich in dauernd aufsteigender Linie zu dem Weltunter-
nehmen entwickelte, das die im Auslande viel besprochene und beneidete
Vormachtstellung der deutschen chemischen Industrie begriinden half. Wenn
heute die zur I. G. Farbenindustrie-Aktiengesellschaft in Frankfurt a. M. zu-
sammengeschlossene deutsche Teerfarbenindustrie als das machtige Gebilde
betrachtet wird, auf das Deutschland bei seinen Wiederaufbaubestrebungen
die groBten Hoffnungen setzt, so darf man nicht vergessen, daB auch v. B.
zu den Pionieren gehort, die die Grundlagen fur den Bau geschaffen haben.
Fast 40 Jahre, bis zu seinem Tode, hat B. den Farbenfabriken angehort;
bis 1907 als Direktor und dann bis zu seinem Lebensende als Vorsitzender
des Aufsichtsrats. Besondere Verdienste hat er sich hierbei um die Ankniipfung
der internationalen Beziehungen der Farbenfabriken erworben. Eine ganze
Reihe von Niederlassungen hat B. bei seinen vielfachen Reisen, die ihn schon
im Jahre 1888/89 um den ganzen Erdball fuhrten, personlich gegriindet und
eingerichtet, wobei er nach dem Grundsatz verfuhr, jungen tiichtigen Mit-
arbeitern voile Entwicklungsmoglichkeit zu geben. Seine groBe Menschen-
kenntnis ermdglichte es ihm, die richtigen Mitarbeiter auszuwahlen.
Trotz dieser anstrengenden Tatigkeit fand B. noch die Zeit, sich auch in
den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Er erkannte fruhzeitig, daB es eine
Pflicht des GroBindustriellen ist, seine Fahigkeiten und Erfahrungen auch
der Offentlichkeit zur Verfiigung zu stellen. Von 189 1 bis 1908 gehorte er
als nationalliberaler Abgeordneter dem PreuBischen Landtage und von da
ab dem Herrenhause an. Zum Dank fur seine offentliche Wirksamkeit haben
ihn bei seinem Ubertritt ins Herrenhaus die drei groBten Stadte seines Wahl-
kreises zum Ehrenbiirger ernannt. Den Streitfragen der eigentlichen Politik
blieb er fern; sein Arbeitsgebiet waren Fragen der Industrie, der Kolonial-
Bottinger. Bousset 501
wirtschaft, des Verkehrswesens und der Hochschulen, Fragen, die er auch
in zahlreichen wirtschaftlichen Vereinen und Ausschiissen als Sachverstan-
diger, Geschaftsfuhrer oder Vorsitzender behandelt hat.
Besonders hervorzuheben ist sein unausgesetztes Bestreben, die Pflege der
Naturwissenschaften zu fordern; vor allem die deutsche Bunsen-Gesellschaft
fur angewandte physikalische Chemie und die Gottinger Vereinigung zur
Forderung der angewandten Physik und Mathematik sind ihm fiir seine
Unterstiitzung mit Rat und Tat zu Dank verpflichtet. Durch die Stiftung
des Gottinger Studienhauses (friiher Gottingen, jetzt Berlin) hat er sich ein
bleibendes Denkmal gesetzt. Sein Freund, Exzellenz Althoff vom preuBischen
Kultusministerium, pochte nie vergeblich bei ihm an, wenn es gait, durch
reiche Stiftungen die Pflege der Naturwissenschaften zu fordern.
In Anerkennung seiner Verdienste verlieh ihm die Universitat Gottingen
schon im Jahre 1896 den Ehrendoktor der Philosophic, und 1918 ernannte
ihn die Technische Hochschule in Braunschweig zum Doktor-Ingenieur ehren-
halber. 1906 wurde ihm der Charakter als Geheimer Regierungsrat und 1907
der erbliche Adel verliehen.
Leverkusen b. Koln. Carl Duisberg.
Bousset, Wilhelm, o. Professor der Theologie in GieBen, * am 3. September
1865 zu Liibeck, | am 8. Marz 1920 in GieBen. — B. stammte aus einer
Danziger hugenottischen Familie, daher von leidenschaftlich-feuriger Gemuts-
art, wenn auch in starker Selbstbeherrschung, aus einem evangelischen Pfarr-
hause, dessen Frommigkeit er sein ganzes Leben hindurch bewahrte, und
ist in Liibeck geboren und erzogen : den Uberlieferungen seiner schonen Heimat
hat er selbst eine ihn bestimmende Bedeutung zugeschrieben. Wahrend seines
Studiums hat er zunachst aus Harnacks und Ritschls Buchern, dann in Got-
tingen aus den Vorlesungen von Ritschl und Hermann Schultz, spater von
Wellhausen (s. oben S. 341 fl.) entscheidende Eindriicke empfangen. In Gottin-
gen seit 1889 Privatdozent, trat er in einen Kreis befreundeter junger Theo-
logen ein, deren Haupt damals Wrede war; von Jiingeren sei besonders Ernst
Troeltsch (s. DBJ. 1923) genannt, eine Generation spater Heitmuller (f 1926) ;
befreundet waren in Halle der geniale Eichhorn und neben ihm Gunkel. In die-
sem Kreise jugendlich-flammender Geister, die samtlich von den groBen Vor-
bildern Ritschl, Harnack, Wellhausen ausgegangen, wenn auch zum Teil durch
den Gegensatz zu ihnen bestimmt, daneben auch von Lagarde und Duhm be-
einfluBt waren, hat B. seine tiefsten Anregungen empfangen und bald weiter-
gebildet: wahrend die neutestamentliche Wissenschaft jener Zeit die logischen
Zusammenhange einseitig betonte, versuchte man jetzt, die lebendige Religion
in ihrer Tiefe und Mannigf altigkeit zu erf assen ; wahrend dort die Schrifterkla-
rung vielfach durch die Rucksicht auf die Gegenwart bestimmt wurde, wollte
man jetzt die Wirklichkeit der biblischen Religion, auch in ihrem Unterschied,
ja in ihrem Gegensatz zu allem Modernen feststellen; wahrend man bisher
das Neue Testament bei der Erklarung isolierte und hochstens eine » Ankniip-
fung« an das Alte Testament zugab, versuchte man nunmehr, alle Schranken
des Kanons zu durchbrechen und auch die Apokryphen, Apokalypsen usw.
mit hinzuzunehmen und ging in kurzem dazu iiber, auch den alten Orient,
502 1920
sobald er bekannt wurde, mit hinzuzuziehen. Alles in allem eine begeisterte
und wagemutige Gruppe, spater die » religionsgeschichtliche « Schnle genannt,
die nur das eine Ziel hatte, die Urgeschichte der christlichen Religion ohne
jede Verschleierung und Abschwachung zu erfassen. Dabei im Innern eine
echt-theologische Haltung: die Grunduberzeugung war, daB die Grundlage
aller gegenwartigen, wahrhaft christlichen Frommigkeit damals gelegt worden
ist. Das waren die Gedanken, deren Ausfuhrung auch B.s Lebensarbeit
werden sollte.
Seine ersten Schriften zeigen ihn in der Auseinandersetzung mit seinen
Freunden. Besonnen und maBvoll warnt er vor tlbertreibungen (»Jesu Pre-
digt in ihrem Gegensatz zum Judentum«, 1892): sicherlich ist Jesus — was
die » religionsgeschichtliche Gruppe* behauptete — nicht ohne die Kenntnis
des Judentums zu verstehen, aber ebenso sicher iiberragt er es durchaus.
In der Schrift »Der Antichrist in der Uberlieferung des Judentums, des
Neuen Testaments und der alten Kirche«, 1895, beschaftigt sich B. mit
Gunkels soeben erschienenem Werke »Schopfung und Chaos «. Eine Schrift
des Sturmes und Dranges, aber auch mit dem Ansatz zur Nuchternheit. Ein
eschatologisches Thema : den Reiz dieser krausen und phantastischen Literatur
hat er tief empfunden. Die soeben erkannte Aufgabe, aus den schriftlich vor-
liegenden Zeugnissen die mundliche Uberlieferung zu erkennen, hat ihn immer
wieder gefesselt.
Bereits ein Jahr spater folgt eine umfassende Veroffentlichung, jetzt in
volliger Reife, die »Offenbarung Johannis« (1896, 2. Auflage 1906). Alle bisher
aufgeworfenen Fragen nimmt er in seiner Art auf , auch die Literarkritik und
die »zeitgeschichtliche« Forschung, die in den bunten Bildern des Buches
Andeutungen auf die Ereignisse und Erwartungen jener Zeit suchte, zwei
Betrachtungsarten, die die bisherige Forschung an dem apokalyptischen
Schrifttum beherrscht hatten, deren viele geile Triebe B. aber zuriickzu-
schneiden bestrebt ist. An vielen Stellen tritt bei ihm eine Untersuchung der
miindlichen Uberlieferung ein, wobei er nach Gunkels Vorbild nicht selten auf
heidnische Stoffe zuriickgeht. Diesen aber iiberbietet er, indem er sich nicht
mehr vorwiegend an das Babylonische, sondern, besonders in der zweiten Auf-
lage, an das Eranische, Agyptische, Griechische wendet. Zugleich aber dringt
er tief in den Geist der urchristlichen Schrift selber ein, in der alles Uberkom-
mene einen neuen Klang erhalten hat, und weiB das eindrucksvoll auszuspre-
chen. Mit diesem Buche, das in jener Zeit unzweifelhaft der beste neutestament-
liche Kommentar war, hatte sich B. in die erste Reihe der Bibelforscher ge-
stellt. Bei den damaligen kirchenpolitischen Verhaltnissen konnte er damit
freilich nicht ein Ordinariat erringen, sondern muBte sich nach sieben Jahren
der qualvollen Unsicherheit des Privatdozenten mit einem Extraordinariat
(in Gottingen 1896) begniigen.
Die Bedeutung, die die » religionsgeschichtliche Gruppe « dem gleichzeitigen
Judentum fur das Verstandnis des Neuen Testaments beimaB, fuhrte B. in
Nachfolge von Schiirers »Zeitgeschichte« zu seiner » Religion des Judentums
im neutestamentlichen Zeitalter<( (1903; 2. Auflage 1906; 3. Auflage 1926,
von H. GreBmann herausgegeben) , ein schwer gelehrtes Buch, in dem er nicht
nur die Leistungen seines Vorgangers durch seine wunderbare Gabe, in die
Seelen zu schauen, weit iibertraf, sondern zugleich den Stoff dadurch bedeu-
Bousset 503
tend erweiterte, daB er die ganze Welt des damaligen Morgenlandes und
ein Stuck Hellenismus mit einbezog, wahrend die rabbinischen Quellen bei
ihm zuriicktraten.
Die Lebhaftigkeit und Reichhaltigkeit seines Geistes brachten ihn auf
einen anderen, damals viel behandelten Gegenstand, »Die Hauptprobleme
der Gnosis «, 1907. Diese wunderliche Erscheinung zog ihn an, weil sie in den
groBen Zusammenhang der mancherlei miteinander verwandten Religionen
gehort, zu denen auch das Urchristentum zu rechnen ist. Er versucht, in den
ungeheuren Wirrwarr Licht und Luft zu bringen, indem er Haraacks These,
wonach die Gnosis eine »akute Hellenisierung des Christentums* sei, die tiefere
Erkenntnis entgegenstellt, daB darin ein Stoff orientalischer Herkunft hin-
durchschimmere, und findet darin uralt-babylonische Mythen, persischen
Dualismus, und sodann griechischen Geist, der alles zu vergeistigen sucht,
und schlieBlich das Urchristentum, das das Ganze aufs neue in Garung ver-
setzt hat.
Neben diesen Veroffentlichungen geht B.s Tatigkeit als Herausgeber einher:
die »Theologische Rundschau«, mit Heitmuller zusammen, 1897 — 1917, be-
sprach alle wichtigeren Erscheinungen der Theologie in Artikeln und Sammel-
aufsatzen; mit Gunkel zusammen seit 1903 die »Forschungen zur Religion
und Literatur des Alten und Neuen Testaments «, eine Sammlung von wissen-
schaftlichen Einzelarbeiten. Zugleich hat er sich an der damals den Theologen
aufs Herz gefallenen Aufgabe, die wissenschaftlichen Ergebnisse einem groBeren
Kreise darzustellen, in hervorragendster Weise beteiligt: dazu dienten Publica
an der Universitat, auch Predigten, sofern sich ihm die Kirchen offneten,
vor allem eine ausgedehnte Vortragstatigkeit in Nahe und Feme. Dabei hat
er sich durchaus als positiv gef uhlt : nicht um zu zerstoren, ist er aufgetreten,
sondern um die alte Religion den Kindern der neuen Zeit zu verkiindigen.
Als Redner voll von Schwung und Kraft, Tiefe und Warme, sind ihm
die Herzen zugeflogen. Niederschlage dieser Tatigkeit, die sich einer all-
gemeinverstandlichen Form bedient, sind seine Beitrage zu den »Schriften
des Neuen Testaments, neu ubersetzt und fiir die Gegenwart erklart«,
Galaterbrief, I. und II. Korintherbrief, 1908, 3. Auflage 1917; bei der drit-
ten Auflage ist er mit Heitmuller zusammen der Herausgeber gewesen.
Ferner sein wundervolles religionsgeschichtliches Volksbuch » Jesus* (1904,
3. Auflage 1906; 4. Auflage von K.L.Schmidt 1922), in dem er eine un-
erbittliche Aufrichtigkeit mit Andacht und Jubel iiber die GrdBe der Ge-
stalt verband. Dazu aus dem NachlaB von Marie B. herausgegebene charak-
tervolle Andachten : »Wir heiBen euch hoffen; Betrachtungen iiber den Sinn
des Lebens«, 1923.
Und immer mehr ist sein Geist in die Weite gedrungen. In einer aufs knappste
zusammengefaBten Ubersicht iiber die allgemeine Religionsgeschichte »Das
Wesen der Religion «, 1903, zeigt er sich von dem Grundgedanken der »religions-
geschichtlichen Gruppe« erfullt, daB alles religiose Leben auf Erden eine groB-
artige Einheit ist, und gewinnt die Ordnung in dem verwirrenden Vielerlei
der Erscheinungen durch den Gedanken der Entwicklung, wobei dann der
Glaube an die Zukunft des Christentums das letzte Wort erhalt. Diese From-
migkeit der Zukunft hat er dann in einer weiteren machtvollen Schrift »Unser
Gottesglaube« (1908) dargestellt.
504 x92o
Bereit, sich von anderen immer aufs neue anregen zu lassen, ist er auch
auf die Philosophic gefuhrt worden und hat der Neufriesschen Schule, die
er in Gottingen hatte kennen lernen, besonders nahegestanden.
Ergebnisse seiner neutestamentlichen Forschungen hat er in dem groBeren
Werke » Kyrios Christos« zusammengefaBt (1913) , dessen zweite Auflage er noch
vorbereitet hat (herausgegeben von G. Kriiger, 1921). Hier beschreibt er das
Werden des Christusglaubens, des eigentlichen Mittelpunkts der christlichen
Religion. In echt »religionsgeschichtlicher« Weise reiBt er hier die Schranke
nieder, die eine f riihere Denkweise zwischen Neuem Testament und dem darauf-
folgenden Zeitalter errichtet hatte, und zugleich diejenige, die das Urchristen-
tum von seiner hellenistischen Umwelt trennen sollte. Dabei hat er sich
des Beirats des Gottinger klassischen Philologen R. Reitzenstein erfreuen
konnen. Seine Grunderkenntnis aber, daB ein Paulus und Johannes zu einem
gewissen Teil vom Hellenismus herkommen, soweit sie sich auch anderer-
seits dariiber erheben mogen, war eine groBe Tat. Dieser grundlegende Ge-
danke, so einfach und fast selbstverstandlich er zu sein scheint, wird sich
auch in Zukunft als Ausgangspunkt fur alles Weitere bewahren. Dies Buch,
mit seiner gewaltigen Kraft, Massen zusammenzuballen, und mit seinem Tief-
blick, der in die Geheimnisse der Seelen schaut, ist ein Meisterwerk der Ge-
schichtschreibung.
Die peinliche Sorgfalt, mit der B. die Quellen gelesen hat, und die Fiille
des Geistes, den er auch iiber die Einzelheiten ausgoB, bezeugen seine beiden
letzten Schriften » Jiidisch-christlicher Schulbetrieb in Alexandrien und Rom«,
1915, worin er nachzuweisen sucht, daB sich in den Werken von Philo, Clemens
von Alexandria, Justin und Irenaus umfangreiche Einlagen befinden, die das
Eigentum der Schulen sind, aus denen jene Manner hervorgegangen sind.
Ferner, aus dem NachlaB herausgegeben, »Apophthegmata, Studien zur Ge-
schichte des altesten M6nchtums«, 1923; hier ist es ihm gelungen, ein hochst
verwickeltes Schrifttum zu entwirren; bei diesen Forschungen, fur die er
noch zwei orientalische Sprachen erlernte, zog ihn auch dies an, daB er in der
altesten Monchsiiberlieferung ein lehrreiches Gegenstiick zur Entstehung
unserer Evangelien entdeckte.
Unbegreiflich scheint es, daB ein Forscher wie dieser fast drei Jahrzehnte
lang nicht zum Ordinariat befordert worden ist, obwohl mehrere Fakultaten,
auch seine eigene, sich um ihn bemuhten. Die damalige Kirchenpolitik der
deutschen Regierungen, voran PreuBens, erklarte einen Mann von so kiihnen
Neuerungen und so machtvoller Rede fiir »unmoglich«; die angstliche Be-
so rgn is, durch ihn mochten die Geister gegen die bestehenden Ordnungen
aufgereizt werden, iibersah vollig, wie sehr sein ganzes Wesen von Vater-
landsliebe erfullt war. Der vornehme Mann hat das ihm angetane schwere
Unrecht mit Wiirde getragen. Als die neue Regierung, nach der Staats-
umwalzung, entschlossen war, ihm sein Recht zu geben, war es zu spat. —
Politische Betatigung ist B. von jeher Gewissenssache gewesen und ge-
blieben. Sein ausgepragter Sinn fiir soziale Gerechtigkeit hat ihn zum
Anhanger Friedrich Naumanns (1919) gemacht, die ungeheure Not des
Vaterlandes noch kurz vor seinem Tode, fast gegen seinen Willen, zum
Parteifuhrer. — In bescheidener Lebensform fand er seine stillen Freuden
an einem freundlichen Familienleben in glucklicher Ehe und in fruchtbarem
Bousset. Bruch
505
Verkehr mit seinen Freunden, besonders mit W. Heitmiiller, der von ilim
empfing und ihm zuriickgab. — Wenige Jahre vor seinem Abscheiden ist
B. endlich in GieBen Ordinarius geworden (191 6), so daB die beiden Seme-
ster nach dem Kriege, wo er endlich eine zahlreiche verstandnisvolle Zu-
horerschaft zu seinen FiiBen sah, die schonsten seines akademischen Lebens
gewesen sind. Dann ist er durch einen pldtzlichen Tod dahingerafft worden:
die allzu vielen Arbeiten und Miihen, die sich der Unermudliche auferlegte,
die schweren Kampfe, die er sein ganzes Leben hindurch hat ausfechten
miissen, die Entbehrungen und Stiirme der Kriegszeit hatten seine Lebens-
kraft verzehrt. Er ging dahin aus der Fiille neuer Gesichte: soeben hatte er
ein groBes und von seinen Schiilern begeistert aufgenommenes Kolleg iiber
den Hellenismus gehalten, aus dem er sicherlich ein Buch gestaltet hatte.
GewiB wiirde er auch seine eigentlich neutestamentlichen Forschungen zu
einem groBen Werk iiber die Urgeschichte der christlichen Religion zusammen-
gefaBt haben. Unerwartete Funde lieBen gerade damals die Weltreligion Manis
aus dem Schutt erstehen; B. wiirde untersucht haben, was sich daraus fur
Aufschlusse iiber die Gnosis und weiterhin iiber das Urchristentum ergeben
wiirden. Seine letzte Frage aber war, ob und wieweit sich Einflusse der Welt-
mission des Buddhismus auf das entstehende Christentum feststellen lassen
wiirden. So hat er der zukiinftigen Forschung ein reiches Erbe hinterlassen.
Literatur: H. Gunkel, Gedachtnisrede auf Wilhelm B., » Evangelische Freiheit« 1920
Nr. 12, S. 141 ff. ; als Sonderdruck mit einem Bildnis und einem Verzeicknis seiner Schrif-
ten, Tubingen 1920. — R. Reitzenstein, Wilhelm B., Aus den Nachrichten von der K. Ge-
sellschaft der Wissenschaften zu Gottingen. Geschaftliche Mitteilungen . 1920. — Der
NachlaB befindet sich in den Handen seiner Witvve, Frau Professor Marie Bousset,
Gottingen, Wilhelm-Weber-StraCe 39 II.
Halle a. S. Hermann Gunkel.
Bruch, Max, Komponist, * am 6. Januar 1838 in Koln, f am 20- Oktober
1920 in Berlin. — M. B. war einer der vollbliitigsten Musiker des ausgehenden
19. Jahrhunderts, ein Kiinstler, dessen unerschopfliches Temperament Werk
auf Werk muhelos hervorsprudelte und der mit einigen seiner Kompositionen
volkstumlich wie kein anderer in seiner Zeit geworden ist.
B. war der Sohn eines angesehenen Kolner Juristen und entstammte einer
alten protestantischen Theologenf amilie (die in neuerer Zeit verbreitete Version
angeblicher jiidischer Abstammung ist unzutref f end) . Die musikalische Ver-
anlagung war wohl das Erbe seiner Mutter, einer geborenen Almenrader, die
dem Knaben auch bis zu seinem 10. Lebensjahre selbst den Musikunter-
richt erteilte. Da B. auch zeichnerisch sehr begabt war, schwankte die
Entscheidung fur seinen I^ebensberuf eine Zeitlang zwischen Malerei und Musik.
Doch entwickelten sich die Neigungen des Knaben unter der Einwirkung
seiner hervorragenden Lehrer Ferd. Hiller, Carl Reinecke und H. C. Breiden-
stein bald endgiiltig zur Musik, und schon 1852, mit 14 Jahren, wurde B.
Stipendiat der Frankfurter Mozartstiftung. Dem Friihreifen und muhelos
Schaffenden blieb jedes Ringen um Anerkennung und jedes Hindernis auf
dem Wege zum Ruhm erspart. Schon mit 18 Jahren erregte B. Aufmerk-
samkeit mit seinem op. 1, der komischen Oper »Scherz, Iyist und Rache«
(nach Goethe), die in Koln aufgefuhrt wurde und warme Anerkennung fand.
506 1920
Schon ihr eignen die Merkxnale, die B. in der besten Zeit seines Schaffens
weiter entwickelt hat: Erfindungsreichtum in der Melodik, temperament-
voller Wechsel der Stimmungen und Einfalle, eine gewisse suBe Sinnlich-
keit in Klang und Hannonik, rhythmische Beweglichkeit. Diese Eigen-
schaften, getragen von noch jugendlicher Phantasie und unterstrichen
durch eine starke rheinisch-volkstiimliche Note, machen B.s Musik so leicht
einganglich und gefallig; dabei aber wird stets eine gewisse vornehme Hal-
tung bewahrt und die Grenze zum Allzupopularen niemals iiberschritten —
wenigstens fur B.s beste Zeit trifft das zu.
Die folgenden Jahre brachten eine Reihe kleinerer Werke, zum Teil fur
Klavier, aber auch Kammennusikwerke, die sich in ihrer etwas siiB-melodi-
schen und weichen, aber fonnvollendeten Haltung an Mendelssohn anlehnen,
ferner schon die ersten Chorwerke. Das wichtigste Ereignis fiir den jungen
Musiker wurde eine durch seinen Verwandten Alfred Krupp im Jahre 1861
ermoglichte groBere Reise, die ihn in nahe Beziehung zuEm. Geibel inMiinchen
brachte. Geibel iibertrug ihm die Komposition seiner von Mendelssohn nur
fragmentarisch vertonten Dichtung »Loreley«; die Arbeit reizte B. so, daB er
sie in kiirzester Zeit vollendete. Schon am 14. Juni 1863 g^g die Oper (op. 16)
unter Vincenz Lachner in Mannheim in Szene. Der Erfolg war auBerordentlich :
allein in Koln wurde das Werk im ersten Winter sechzehnmal aufgefuhrt,
auch an sonstigen deutschen und an hollandischen Buhnen stand es eine Zeit-
lang auf dem Spielplan.
Mit der »L,oreley « begann die beste Schaffenszeit B.s, und von hier an fiihrte
der Weg des Ruhmes schnell hinan. Die Studienjahre 1862 — 1864 (Mannheim
und Heidelberg) forderten erstmalig eine Reihe Werke auf demjenigen Ge-
biete, das sein eigenstes werden sollte, der Chormusik. Es entstehen der »R6-
mische Triumphgesang« (op. 19), die »Flucht der heiligen Familie« (op. 20),
der»Gesang der heiligen drei K6nige« (op. 21), Werke, in denen sich bereits
eine groBe Kraft der Formgebung und bemerkenswerte Sicherheit in der Be-
handlung der Chormassen zeigt, in denen aber auch schon jene Kiihle merkbar
wird, die letzten Endes bei aller Verve und allem Schwung doch immer ein
wesentliches Char akteristik urn Bruchscher Musik bildet, und die — zumal
in spateren Werken — den Eindruck des Berechneten macht.
Das Jahr 1864 darf in der deutschen Chorgesangsgeschichte des 19. Jahr-
hunderts einen der hervorragendsten Platze beanspruchen : es brachte B.s
»Frithjof« (nachTegner, op. 23), eine Art groBe Chorkantate fur Mannerchor,
Soli und Orchester, die in Aachen von einem fiir damalige Verhaltnisse riesigen
Chor von 400 Stimmen zur Auffuhrung gebracht wurde. Das Werk eroberte
sich im Sturm die Mannerchore, und noch heute fungiert es gelegentlich in
kleineren Musikstadten als beliebte Glanznummer. Auch hier herrschen die
Eigenschaften, von denen schon oben die Rede war, noch verstarkt und ein-
drucksvoller geworden durch die groBe formale und dramatische Sicherheit,
die B. sich erworben hatte; mit dem »Frithjof« wurde B. der eigentliche
»Dramatiker des Konzertsaals « (Kretzschmar). Zweifellos mit glanzender Wir-
kung und starken Effekten ausgestattet, leidet dieses Chorwerk jedoch mehr
als die fruheren unter der Sichtbarkeit der »Mache« — Ursprunglichkeit und
Echtheit der Erfindung haben sich mit einem Raffinement der Technik ver-
bunden. das letzten Endes enttauscht und kuhl laBt.
Bruch
507
1865 kieft s*ch B. in Hannover anf und schloB Freundschaft mit Joachim;
es folgten Reisen durch Frankreich und Deutschland und noch im gleichen
Jahre eine Anstellung als stadtischer Musikdirektor in Koblenz, wo B. bis 1867
blieb. In diese Zeit fallt neben Chorwerken wie »Schon Ellen« (op. 24), »Sa-
lamis« (op. 25), »Flucht nach Agypten« (op. 31) usw. wieder ein Hauptwerk:
das Violinkonzert in G-Moll (op. 26), das Joachim 1868 auf dem Rheinischen
Musikfest in Koln aus der Taufe hob. Wie unter den Chorwerken der »Frithjof «,
so darf unter den Instrumentalwerken dieses Konzert als die eigenste, beste
nnd bleibendste, weil fiir ihn am meisten charakteristische Leistung B.s an-
gesehen werden. Das G-Moll- Konzert ist auch das einzige heute noch lebendige
Werk ; es erf reut sich bei den Geigern und beim Konzertpublikum noch immer
groBer Beliebtheit, nicht mit Unrecht, denn es ist klangvoll und dankbar, von
einer gewissen Echtheit und Warme, dabei konzis in der Form, und es krankt
nur an der allzu rheinischen Weichheit und dem »Sich nicht genug tun K6nnen«
am Schonklang.
Die Jugendepoche B.s (er war gerade 30 Jahre alt) findet mit diesem Werk
ihren AbschluB, und damit seine beste und innerlich fruchtbarste Zeit, der
Abschnitt seines Schaffens, der mit einiger Wahrscheinlichkeit als etwas fiir
die Musikgeschichte Bleibendes (wenn auch nur im Sinne des als Zeiterschei-
nung relativ Bedeutenden) gelten kann. Es folgten die Jahre, die B. als Hof-
kapellmeister in Sondershausen verbrachte (1867 — 1870) und die eine Krisis
in seinem Schaffen bedeuteten: in diesen Jahren begann die Flamme des Ju-
gendfeuers sich zu verbrauchen, und mehr und mehr spurt man die Routine
an die Stelle der Begeisterung riicken. In den Sondershausener Jahren erwarb
B. sich das meisterhafte Konnen und die iiberlegene Technik, die ihn spater
auf der Bahn des auBeren Glanzes bis zur hochsten Hohe fuhrten, und die zur
Folge hatten, daB jedes neue Werk immer wieder ein Erfolg wurde, die aber
heute nicht mehr iiber die innere Hohlheit und die Billigkeit mancher Effekte
hinwegtauschen konnen. Damals entstehen Chore wie »Normannenzug« (op. 32),
»R6mische L,eichenfeier« (op. 34), die sehr klug abgemessene Komposition von
Schillers »Dithyrambe« (op. 39), daneben die Oper »Hermione« (op. 40 nach
Shakespeares »Wintermarchen«), die 1872 im Berliner Opernhaus aufgefuhrt
wurde, sich jedoch nur kurz hielt. Es entstehen ferner die beiden ersten Sin-
fonien in Es-Dur (op. 28) und F-Moll (op. 36), beide stark an Schumann
orientiert, doch nicht von eigentlich zundender Kraft. Weiter aber fallen auch
die »3Messensatze« (Kyrie, Sanctus, Agnus, op. 35) in diese Jahre, in denen
die B. eigene sinnliche Schonheit sich mit ernster Konzentration und exakter
kontrapunktischer Arbeit zu einem wirklich bedeutenden Gesamteindruck
verbindet, und die als eines der starksten Werke des Meisters gelten konnen.
Nach dem Beginn des 70er Krieges siedelte B. zunachst nach Berlin
iiber, 1873 — 1878 lebte er wieder in Bonn; die ganzen Jahre widmete er, ohne
ein Amt zu bekleiden, nur der Komposition. Immer starker wuchs auch sein
Chorschaffen ; hatte er sich bisher vorzugsweise auf dem Gebiet der germani-
schen Sagenwelt bewegt, so zog ihn nun der antike Gotter- und Heldenmythos
an. Als erstes Werk dieser Reihe entsteht 1872 der »Odysseus« (op. 41), es
folgen, freilich erst in etwas spateren Jahren, der »Achilleus« (op. 50; 1885),
»Thermopyla« (op. 53), »Leonidas« (op. 66) usw. Dazwischen fallen wiederum
Werke des nordischen Stof f kreises : »Arminius« (op. 43; 1875), »Das Feuer-
508 1920
kreuz« (op. 52; 1888) u. a. Durchweg lebt schon in diesen Werken nicht mehr
jene Schwungkraft, die die friiheren auszeichnete. Das Hiniiberwechseln in
einen anderen Stoffkreis ist nicht symptomatisch fur eine innere Umstellung;
es ist Zug der Zeit, nicht mehr. So wenig B. etwa die germanische Welt (wie
R. Wagner) zu einem besonderen Stil, zu einer dem Wesen dieser Gestalten ge-
maBen Musik getrieben hatte, so wenig verandert sein Chorstil das Geprage
bei dem Wechsel des Gegenstandes ; nicht einmal das auBere Kolorit andert
sich. Im Grunde zeigt sich hierin die Kuhle, mit der B. jedem Stoff gegeniiber-
tritt : seine Vertonungen sind ebenso etwa wie die Fresken Prellers das Produkt
eines hochkultivierten Geschmacklertums, aber es fehlt ihnen die innere Glut,
die echte Leidenschaft, mit der ein Feuerbach die Antike behandelte, und
der am nachsten vergleichbare Maler ware etwa Piloty (vgl. Wetzel in den
Musikpad. Blattern, s. u.). Doch fallt in diese Reihe auch noch einmal ein
groBer Wurf, die Komposition von Schillers »Glocke« (op. 45; 1878). Mit ihr
ist B. nachst dem »Frithjof« am volkstumlichsten geworden, obwohl auch
dieses Werk die Schwachen seines Schopfers deutlich verrat.
Die Jahre 1877 — 1878 brachten zwei Reisen nach England; bei der ersten
spielte Sarasate erstmalig in London das 2. Violinkonzert (D-Moll, op. 44), das
in Bonn entstanden war, und B. dirigierte selbst in Liverpool den » Odysseus «.
Vonibergehend leitete er 1878 — 1879 den Sternschen Gesangverein in Berlin,
1880 trugen die englischen Reisen ihm den Posten eines Direktors der Phil-
harmonischen Gesellschaft in Liverpool ein. Am 3. Januar 1881 verheiratete
der Meister sich mit Klara Tuczek, einer Nichte der Kammersangerin Leopol-
dineHerrenberg-Tuczek. Es folgten weiter unruhige Jahre, Reisen, die ihni883
nach Amerika, im gleichen Jahre nach RuBland fuhrten, wobei Sarasate das
3. Violinkonzert (D-Moll, op. 58) in Petersburg zur Urauffuhrung brachte. 1890
folgte eine zweite Reise nach RuBland mit erfolgreichen Auff uhrungen von Chor-
werken. Dazwischen wirkte B. 1883 — 1890 als Direktor des Orchestervereins
in Breslau; dann erfolgte die endgultige tJbersiedlung nach Berlin. Das Alter
des Meisters war reich an Ehrungen: 1891 wurde ihm die Meisterschule fiir
Komposition an der Akademie der Kiinste iibertragen, 1893 wurde er Dr. h. c.
der Universitat Cambridge, 1899 Mitglied des Direktoriums der Kgl. Hoch-
schule fiir Musik, 1907 erster Vorsitzender des Senats der Akademie der Kiinste
(Sektion Musik), am 4. Oktober desselben Jahres Vizeprasident der Akademie
als Nachfolger Joachims und Ritter desOrdens »Pour le merited. Zahlreiche aus-
wartige Korporationen verliehen ihm die Ehrenmitgliedschaft, so die Aka-
demien von Paris und Stockholm, die Niederlandische Gesellschaft zur Be-
forderung der Tonkunst, die Schweizer Musikgesellschaft, die Philharmonic
Society in Iyondon usw.
Die Kompositionen nach 1880 reichen an Bedeutung bei weitem nicht an
die friiheren heran, so von Instrumental werken das beriihmte »Kol nidreii
(op. 47), die Sinfonie E-Dur (op. 51), das Violinkonzertstiick op. 84, von Chor-
werken das Oratorium » Moses « (op. 67; 1894 zur Jubelfeier der Akademie
der Kiinste), das weltliche Oratorium »Gustav Adolf « (op. 73) usw. Ein be-
merkenswertes Spatwerk ist die Szene der Marfa aus Schillers » Demetrius*
(op. 80), eine Konzertszene mit Orchester, die noch einmal etwas von der
friiheren Dramatik B.s aufleben laBt. Noch bis zum Alter von etwa 80 Jahren
war B. als Schaf fender tatig, ein — vielleicht letzter — Nachfahre spatester
Bruch. Cantor
509
Romantik, weit hineinragend in eine Zeit, die, innerlich bereits vollkommen
anders gerichtet, seinem meisterlichen Konnen nur noch eine kuhle Hochach-
tung entgegenzubringen vermag. Seine Theatralik und sein Pathos wirken
heute nicht mehr wahr ; wir erblicken in seinem Farben- und Eff ektreichtum
nur noch auBeren Glanz, den wir nicht als berechtigt zu fuhlen vermogen,
weil keine elementare Kraft treibend dahinter sich verbirgt, als deren Er-
scheinung wir ihn verstehen konnten. Nur die Fruhwerke haben sich etwas
von jener Frische und jenem Temperament bewahrt, ohne die nun einmal
romantische Musik nicht lebendig sein kann.
Literatur: 195 Brief e an Philipp Spitta, Autograph im Besitz der PreuB. Staats-
bibliothek (vgl. Zeitschrift fur Musikwissenschaft IV, S.563) . — BriefwechselmitJ .Brahms.-
H.-J. Moser, Geschichte der deutschen Musik II, 2, S. 298, 305 f, 351 f. — Derselbe in
»Dex; Tiirmer« XXIII, S. 1 50. — H.Kretzschmar, Fiihrer durch den Konzertsaal I, S. 467,
716 ff.; II, 1, S. 247; II, 2. S. 407 ff., 564 ff., 648 ff., 657 ff., 666, 670 f. — F. Gysi im
no. Neujahrsblatt der Musikgesellschaft Zurich, 1922. — Th. Kroyer, Die zirkumpolare
Oper, in Jahrb. der Musikbibl. Peters, 19 19. — A. Kleffel in »Die Musik* VII, S. 277. —
H. Wetzel in »Der Tiirmer* XX, S. 481 und in den Musikpadagog. Blattern XLI, S. 1. —
Schurzmann in der »Neuen Musikzeitung« XXXIX, Heft 7 und in »Die Stimme« XII,
Heft 5. — Gottmann in der »DeutschenTonkiinstlerzeitung« XVI, S. 6. — Barmas das.
XXIII, S. 61. — Hennings in »Die Harmonie« X, Heft 1 — 2. — Weidt im »Bad. Sanger-
boten« XLVI, Heft 8. — Kohut im »Merker« XI, S. 22.
Berlin. Friedrich Blume.
Cantor, Moritz, Historiker der Mathematik, o. Honorarprofessor der Uni-
versitat Heidelberg, * am 23. August 1829 in Mannheim, | am 9. April 1920
in Heidelberg. — C. war Schuler von GauB und Lejeune-Dirichlet, Steiner
und Stern, bezog die Universitat Heidelberg 1848, horte im Wintersemester
1850/51 GauB* Kolleg iiber die Methode der kleinsten Quadrate, promo-
vierte im Herbst 185 1 mit der Dissertation: »Uber ein weniger gebrauch-
liches Koordinatensystem «, studierte in BerHn weiter und habilitierte sich
1853 in Heidelberg, wo er fur seine Vorlesungen »Grundzuge einer Ele-
mentararithmetik« verfaBte. Angeregt durch Stern, M. Chasles und Bertrand
auf einer Reise nach Paris, und den Philosophen Eduard Roth (»Mit einem
gewissen Stolze fuhre ich an, daB es seine Aufmunterung ganz besonders
war, welche mich in die historisch-mathematischen Forschungskreise hinuber-
wies«), las C. schon im Sommersemester i860 an der Ruperto-Carola iiber
Geschichte der Mathematik. Seine Vortrage auf der 33. und 34. Naturforscher-
versammlung in Bonn und Karlsruhe, sein Eintritt in die Redaktion der
Zeitschrift fur Mathematik und Physik 1859 erweiterten das Feld seiner
Tatigkeit, seine tiefer dringenden Studien in der Geschichte schufen das
Werk: Mathematische Beitrage zum Kulturleben der Volker, welches ihm
1863 den Professortitel brachte und der Ausgangspunkt wurde fur den bis
1903 dauernden Briefwechsel mit seinem Fachgenossen und Freunde Maxi-
milian Curtze in Thorn, dem Entdecker von Nicole Oresme. In glucklichem
Wetteifer bauten beide in Deutschland am stolzen Turm der mathematischen
Historie, welche nach Montuclas Werk nun kritisch fundiert wurde. In Italien
begriindete nach Terquems schuchterneren Anfangen Fiirst Boncompagni
sein Bulletino 1867, trat Antonio Favaro auf den Plan, der nachmalige groBe
Herausgeber der Galilei- Ausgabe. Die Italiener korrespondierten eifrig mit
510 1920
C, welcher den historisch-kritischen Teil der Zeitschrift fiir Mathematik und
Physik bestritt. Er entwickelte eine gewaltige Rezensionstatigkeit und die
Zahl seiner mathematisch-historischen Arbeiten wuchs in glucklicher Be-
ruhrung mit seiner eifrigen Lehrtatigkeit. Die Tafel seiner Vortrage, die wir
als Skizzen und Vorarbeiten zu seinem Monumentalwerke charakterisieren
konnen, lassen das organische Wachsen ahnen und zeigen das stille und
zielbewuBte Wirken eines groBen, schaffenden, in seine Aufgabe sich ein-
fiihlenden Geistes, der, nach kurzem Familiengliick, allein in rastloser Arbeit
Ersatz fand. Das Jahr 1875 fiillte mit dem Buche liber die romischen Agri-
mensoren eine Liicke aus in dem groBen Plane seines Monumentalwerkes ;
der leitende Faden durch die Geschichte der spatromischen und mittelalter-
lichen Mathematik war nach dem sicheren Urteil eines seiner altesten Schiiler,
Siegmund Giinther (f 1923), darin gefunden. Die Mitarbeit an von I^ilien-
crons »Allgemeiner deutscher Biographie« begann fiir C. mit dem Jahre 1875
ebenfalls; Hunderte von ausgezeichneten Mathematikerbiographien hat er
mit seinem zielsicheren Kolorit dafur geschaffen. Die von ihm zur Selbstandig-
keit gebrachten Abhandlungen iiber Geschichte der Mathematik bewiesen das
Erstarken der Forschungsarbeit auf seinem eigensten Gebiete und zeigen,
daB der seit 1875 von ihm begonnene dreisemestrige Lehrvortrag an der
Universitat die reichen Schalen des Zaubertranks einer klassischen Ver-
gangenheit mit Begierde schliirfen lieB. Im Jahre 1880 erschien der I. Band
der Vorlesungen zur Geschichte der Mathematik. Mit der Selbstlosigkeit des
bewundernden Freundes ruhmte Max Curtze die Fulle des Gebotenen, die
kunstlerische Darstellung und Abrundung dieses Bandes, welcher die antiken
Kulturvolker, Klostergelehrsamkeit und Mittelalter, die Mathematik der
Inder, Chinesen und Araber behandelte. Nur ein Meister wie C. konnte mit
seiner von Paul Stackel so geriihmten souveranen Beherrschung des Quellen-
materials, seinem rastlosen FleiB, seiner Sammlergeduld, seiner plastischen
Darstellungskraft die weiteren Bande ebenso glanzvoll gestalten. Von seiner
Kunst der Berichterstattung zeugen die klassischen Kapitel der Kunstler-
mathematiker der Renaissance, die Schilderung der Erfindung der I<og-
arithmen, der Anfange der Indivisibilienmethoden, der Schopfung der Ana-
lysis durch Leibniz und Newton, die Zeiten der Bernoullis und die Epoche
Eulers. 1892 kam der II., 1898 der III. Band heraus. Rasch folgten neue
Auflagen des Standard werks, das C. bis zum Jahre 1758 personlich fort-
fiihrte. Er stand in reger Korrespondenz mit Paul Tannery in Paris, dem
Herausgeber von Diophants, Fermats und Descartes Werken, und dieser
Briefwechsel wird demnachst in den monumentalen Memoires scientifiques
von Madame Tannery pietatvoll publiziert werden (vgl. torn VI Sciences
modernes, S. 501). Die friedliche erfolgreiche Zusammenarbeit der Nationen
an der Geschichte der Mathematik zeigten die groBen Kongresse der nach-
sten Jahre in Paris, Rom und Heidelberg. Nachdem schon zu der ersten Fest-
schrift zu C.s 70. Geburtstag zweiunddreiBig Forscher der bedeutendsten
Namen aller Kulturnationen sich vereinigt hatten, gelang es C. fiir den
IV. Band seines Werkes eine neungliedrige Kommission der Herren S. Giin-
ther, V. Bobynin, A. v. Braunmuhl, Fl. Cajori, E. Netto, G. Loria, V. Kom-
merell, G. Vivanti und C. R. Wallner zu gewinnen, so daB er die Genugtuung
der Weiterfuhrung desselben bis 1799, dem Erscheinungsjahre von GauB'
Cantor 511
Doktorarbeit, im Jahre 1907 erlebte. Mit dem von ihm redigierten SchluB-
abschnitt wollte er seinem Ideal einer Geschichte der Ideen nahekommen in
Richtung auf die Einheit der sich selbst stets bewuBten Weltvernunft. Da-
mit war sein Lebenswerk gekront, das in der ganzen Welt gekannt ist. Wohl
hatte es eine scharfe Detailkritik durch Gustav Enestrom in dessen Biblio-
theca Mathematica zu bestehen; aber es fand uberzeugte und beredte Apo-
logeten; ich brauche nur H. Bosnians in Belgien zu nennen oder Gino Loria,
dessen gewaltiger Arbeitskraft die Wissenschaft Fagnanos und Torricellis ge-
sammelte Werke dankt. Zu C.s Weggenossen gehorten H. G. Zeuthen, Pierre
Duhem, A. Favaro. Er war Mitglied der Akademien von Petersburg, Turin,
Wien, Heidelberg. Er durfte zu seinem 80. Geburtstag noch die Ehrung einer
zweiten Festschrift, die Gliickwunsche seiner iiber den Erdkreis verteilten
Freunde, seiner Hochschule und seiner Vaterstadt empfangen. Er erreichte
beinahe sechzig Jahre akademischer Lehrtatigkeit, Generationen von Schiilern
saBen begeistert zu seinen FtiBen, des fiir alles Grofle und Schone der Welt
in heiliger Liebe erleuchteten Lehrers. Eine schone Feuerbach-Biographie
war sein letztes Werk, nachdem er noch seinen Freunden Boncompagni, Max
Curtze, Schloemilch, dem groBen Leibniz-Forscher C. I. Gerhardt schone
Wiirdigungen nachgesandt hatte. Viermal hat er zu Ehren seines groBen
Lehrers GauB die Feder gef uhrt und mit Dedekind pflegte er brieflich diese Er-
innerungen, wie er auch zur Einweihung des GauB-Weber-Denkmals am 16. Juni
1899 nach Gottingen eilte. Im Lichte eines milden Idealismus sah er das
Leben, aber aller unfruchtbaren Spekulation abhold, verband er mit seiner oft
poetischen Weltauffassung einen tiefen Wirklichkeitssinn, der ihn auch seine
anderen Lehrverpflichtungen der Mathematik des biirgerlichen Lebens lite-
rarisch und padagogisch kraftvoll ausfiillen HeB. Schon in den achtziger Jahren
widmete er sich, wie wiederum aus der Tafel seiner Vortrage ersichtlich,
der Volksbildung in hingebender Weise; der philosophisch-historische Verein
(vgl. dessen Protokollbiicher Sign. 369 mit Cs. hdschrl. Summarien der Vor-
trage) welcher von ihm mit gleichgesinnten Mannern wie Hausrath, Laband,
W. Oncken, Wattenbach, Wilhelm Wundt, Zeller, G. Weber, Bluntschli gegriin-
det wurde, bot ihm die verstandnis voile Gemeinde. Kuno Fischer sagte einst von
seinem Kollegen : »Der C. ist ein groBer Kenner der Geschichte der Mathematik*
und immer mehr wurde er als der Altmeister der mathematischen Historie
verehrt. Ein universales Werk wie das C.s wirkt schulebildend, und so konnte
schon Paul Tannery in seinem Artikel der Grande Encyclopedic von ihm sagen :
i>Il rien est pas moins le veritable chef d'ecole, dont limitation se perpetuera
a Vavenir, et si quelques-unes de ses opinions peuvent preter matihre a contes-
tation, son nom ne leur en donne pas moins une singulilre autoritea, nachdem
er ihn als » Esprit ingenieux et hardi, qui sest pondere avec Vdge, d'une exacti-
tude et d'une conscience parfaites, doue de tous les talents de Vecrivainn, ge-
riihmt hat, Charakterziige, welche die Familie C.s von Portugal nach Dane-
mark und von da nach Amsterdam mitgebracht hatte.
Eine Bibliographic von Moritz C.s Schriften hat Curtze in der ersten Fest-
schrift zum 70. Geburtstag gegeben, und ich habe dieselbe im V. Bande von
Poggendorffs Handworterbuch iiber diese Zeit hinaus erganzt. Als ich kurz
vor C.s Heimgang auf seinen Wunsch wie in Ala-ed-Dins Schatzhohle tretend
seine reiche Bibliothek ordnete, welche unter anderem auch die ihm von
512 1920
Holland geschenkte Huygens-Ausgabe enthielt, fand ich die meisten Ori-
ginate seiner Schriften vor, welche mir die Einordnung seiner Vortrage in die
zerstreuten Arbeiten bei Curtze ermoglichte.
Liter atur: Moritz C.s Vortrage mit Angabe der Veroffentlichung : ttber die Mathe-
matik des Pythagoras, Heidelb. Jahrbiicher 1858, S. 921. — tJber die Zahlzeichen der
Araber, ibid. 1863, S. 245. — tfber die Zahlentheorie der Griechen, ibid. 1863, S. 801. —
Uber die Lebenszeit des Zenodor, ibid. 1861, S. 161. — Uberden Prioritatsstreit zwischen
Newton und I^eibnitz, Sybels Historische Zeitschrift, betitelt: War Leibniz ein Plagiator?
Bd. X, S. 67 — 159. — tfber Petrus Ramus, Monatsblatter 1867. — Uber Galileo Galilei,
Grenzboten XXIV, I. Sem. 1865, S. 422/36. — t)ber Benjamin Franklin, unveroffentlicht.
— tfber die neuesten Entdeckungen des Galileischen Prozesses, Korresp. mit den Re-
zensionen von Wohlwill und Gebler, Zeitschr. f iir Math, und Phys., Bd. XVI und XXI. —
t)ber Blaise Pascal, PreuBische Jahrbiicher XXXII, 1873, S. 212 — 237. — t)ber Regio-
montanus (1874), vgl. die Rezension von Zieglers Regiomontan, Zeitschr. fur Math, und
Phys. XIX, 1873, S. 41 — 53. — t)ber Heron von Alexandria (1874), vgl. das I. Kapitel
von C.s Roemischen Agrimensoren. — t)ber romische Feldmesser, s. Selbstreferat im
Repertorium von L. Koenigsberger und H. Zeuner, Bd. I, S. 117 — 128. — Zur Geschichte der
Erdbeben, Referat iiber die Schrift A. Favaros von 1875. — Uber die Nationalist des
Kopernikus, Munch. Allg. Ztg. 1876, Nr. 214, S. 280/83. Dbersetzung durch Sparagna,
Bullet Boncomp. IX, S. 701 — 16. — t)ber einen wissenschaftlichen Streit des 16. Jahr-
hunderts, vgl. die Rezension von Garbieri, I sei cartelli di matematica disfida tra Tar-
tale a e Ferrari, Zeitschr. fur Math, und Phys. XXII, S. 133 — 150, Obersetzung von
A. Favaro, Bullet. Boncomp. XI, S. 177/96. — t)ber I^eonardo da Vinci (1876), Wester-
manns Monatshefte XII, 1878, 12 S. — Riickblicke auf das GauB-Jubilaum, Munch. Allg.
Ztg., Beilage 156 (1877), S. 2357. — t)ber neue Untersuchungen des Galileischen Pro-
zesses, Munch. Allg. Ztg, 1876, Nr. 93, S. 14 13/14 und 94, S. 1422/23, >Der ProzeB des
Galilei*. — t)ber die letzten Forschungen Wohlwills zum Galilei- ProzeB, Gegenwart XII,
1877, betitelt: Die Aktenfalschung im ProzeB gegen Galilei. — tJber die Mathematik der
Babylonier, vgl. den 1880 erschienenen I. Band der Vorlesungen C.s. - "Qber Abraham
Gotthelf Kaestner, Allgemeine Deutsche Biographie, 1882, Bd. XV: Abraham Gotthelf
Kaestner, S. 439/41. — Feuer- und Lebensversicherung im Volksbildungs-Verein Heidel-
berg, Karlsruher Ztg. 1881, 18. bis 23. Januar. — Aus dem Briefwechsel Galileis, vgl.
das Referat von Campori Carteggio Galileano i a edit. Modena 1881, Zeitschr. fur Math,
und Phys., XXVIII, 1882, S. 24 — 30. — Dividentenverteilung bei den Iyebensversiche-
rungsgesellschaf ten, Bremer Handelsblatt, 1883, Nr. 1635, Vortrag im Volksbildungs-Verein
Heidelberg. — Aus Universitatkreisen, tNord und Siid«, XXVIII. Bd., Heft 81, 1883,
S. 343/5°. korresp. mit dem Referat fur Favaro, Galileo e lo studio di Padova, Zeitschr.
fiir Math, und Phys., XXIX, S. 50/51. — Uber Prowes Biographie des Koppernikus,
Nationalzeitung, $y. Jahrg., Berlin 1884, Nr. 153 vom 9.Marz. - t)ber Volkszahlungen und
Sterblichkeitstabellen, 1885, unveroffentl. — Ein dreihundertjahriges Jubilaum 1886,
betr. Stevins Schrift 1586, La Disme, Die Einfiihrung der Dezimalbriiche als Grundlage
der Einteilung von MaBen, Gewichten und Miinzen. — t)ber vier beriihmte Astrologen
(Koppernikus, Brahe, Galilei, Kepler), Nord und Siid, XLV, 1888, April, S. 81— 91. —
Albrecht Dtirer als Schriftsteller, 1888, Neue Heidelb. Jahrbiicher I, 1891, S. 17 — 31. —
t)ber Nikolaus von Cusa, 1889, Nord und Siid, L,XIX, Mai 1894, betitelt: Kardinal Niko-
laus von Cusa, ein Geistesbild aus dem 15. Jahrhundert. — t)ber Michael Stifel, vgl. All-
gemeine Deutsche Biographie, XXXVI. Bd., 1893, S. 208/16. — Zeit und Zeitrechnung,
Neue Heidelb. Jahrbiicher II, 1892, S. 190 — 211. — Die Geschichte des Rechenbrettes ;
vgl. Wie rechneten die alten Volker? Deutsche Revue 23, S. 84. — Zur Geschichte der
Wahrscheinlichkeitsrechnung ; vgl. den alteren Vortrag von 1877: Das Gesetz im Zufall,
Sammlung gemeinverstandl.-wissenschaftl. Vortrage, herausgeg. von Rud. Virchow und
Franz v. Holtzendorff; XII. Serie, Heft 275. — Zahlensymbolik, Neue Heidelb. Jahr-
biicher V, 1895, S. 25 — 45. — Nikolaus Kopernikus, ein Vortrag, Neue Heidelb. Jahr-
biicher IX, 1899, S. 90 — 106. — Carl Friedrich GauB, Neue Heidelb. Jahrbiicher IX,
1899, S. 234 — 256. — Hieronymus Cardanus, ein wissenschaftliches Lebensbild aus dem
16. Jahrhundert, Mitteilung von Moritz C. an den HistorikerkongreB in Rom, Neue Heidelb.
Jahrbiicher XIII, 1903, S. 131 — 144; vgl. dazu auch A Hi del Congresso di scienxe in Roma.
Demselben Jahre entstammt die interessante Polemik gegen Dr. Hugo Eckener iiber
Phantasie und Mathematik, veroffentlicht in der Deutschen Revue, Juni 1903. — Fiir
Cantor. Dehmel 513
weitere biographische und bibliographische Nachrichten vgl. besondersM. Curtze, Verzeich-
nis der mathematischen Werke, Abhandlungen und Rezensionen des Hofrats Professor
Dr. Moritz C. in der I. Festschrift von 1899, Zeitschr. fiir Math, und Phys. 44, ibid. C.s
Portrat ; f erner fiir die friihere SchafFenszeit : S. Gunther, Ziele und Resultate der neueren
mathematisch-historischen Forschung, Erlangen 1876; fiir sein ganzes Lebenswerk die
Nachrufe von H. Ahrens, K. Bopp, Sitzungsber. der Heidelb. Akad. der Wiss. (14. Abh.,
20), 16 S., Cajori, Fl., Amer. Math. Soc. Bullet., 8 S. (27. Okt. 20), H. Bosnians, Rev. des
Quest. Scient. 21, G. Loria, Bologna Scientia 1822. Der NachlaC des Meisters, seine Hand-
schriften, Vorlesungsmanuskripte, Handexemplare mit handschriftlichen Randnoten, sein
Briefwechsel befinden sich, ihm von den Erben anvertraut, in den Handen seines Schii-
lers und Nachfolgers des Dozenten fiir Geschichte der Mathematik in Heidelberg.
Heidelberg. Karl Bopp.
Dehmel, Richard, Dichter, * am 18. November 1863 in Wendisch-Herms-
dorf in der Mark, f am 8. Februar 1920 in Blankenese bei Hamburg. — D. war
der Sohn eines aus dem Schlesischen stammenden Forsters, seine Mutter,
Louise, geborene FlieBschmidt, war in Bingen geboren, stammte aber aus
der preuBischen Niederlausitz. D.s Kinderjahre spielten sich zuerst in Herms-
dorf, dann in der von dem Vater ubernommenen Stadtforsterei zu Kremmen
in der Mark, drei Meilen nordwestlich des damaligen Berlin, ab. Nach ein
paar Jahren auf der Kremmener Stadtschule kam der Neunjahrige auf das
Berliner Sophiengymnasium, das er mit wechselndem auBerem Erfolge be-
suchte. Sein deutscher Lehrer war der namhafte Literarhistoriker Daniel
Jacoby, der vielleicht auf die bis zu indischer und arabischer Dichtung aus-
greifende Leselust des Schiilers EinfluB gewann. Ein ZusammenstoB des Pri-
maners mit dem Direktor wegen der Leitung eines unerlaubten, darwinistisch
gerichteten Klassenvereins notigte D. zum Abgang, er siedelte auf das Konig-
stadtische Gymnasium iiber, verweigerte aber den Schulbesuch, nachdem eine
harte Entscheidung des Schulrats Klix ihn wegen jener disziplinaren Ver-
fehlung urn ein halbes Jahr von der Reifeprufung zuriickgestellt hatte. Die
warmherzige Verwendung seines neuen Direktors Ludwig Bellermann er-
moglichte D. alsdann die Aufnahme in das Stadtische Gymnasium zu Danzig,
wo er unter Otto Carnuth im September 1882 das Abiturientenexamen be-
stand. Der vor der Prufung eingereichte Lebenslauf wird schwerlich aus ver-
wandtem AnlaB entstandene Seitenstiicke haben ; er zeigt in der Steigerung des
Vortrags wie in dem bewuBten Wechsel von Enthullung und Selbstverhullung
den werdenden Dichter und den zur Selbstandigkeit strebenden Menschen.
D. studierte in Berlin zunachst, jedoch ohne festen Plan und wirkliche An-
spannung, Naturwissenschaften, spater vornehmlich Nationalokonomie ; sein
Hauptlehrer war August Meitzen. Er wurde Burschenschafter, trieb gelost
im Strome mit, ward ein renommierter Schlager, ein gefiirchteter Erster
Chargierter; als die knappen Zuschusse des kinderreichen Elternhauses nicht
mehr hinreichten, redigierte er einige Zeit das »Neunkirchener Kreisblatt«
tmd wandte sich dem Studium erst wieder mit Nachdruck zu, nachdem er sich
mit Paula Oppenheimer, der Schwester seines Leibburschen, des spateren
Volkswirtschaftslehrers Franz Oppenheimer, verlobt hatte. Im April 1887
promovierte er in Leipzig mit einer Abhandlung »Eine Prufung der Griinde
fiir den ausschlieBlich offentlichen Betrieb der Feuerversicherung« zum doctor
philosophiae, wurde Sekretar einer Berliner Feuerversicherungsgesellschaft
DBJ 33
514 l<*2°
und nach Jahresfrist des Verbandes Deutscher privater Feuerversicherungs-
gesellschaften und heiratete im Jahre 1889. Inzwischen war D. der jungen
literarischen Bewegung personlich nahegetreten, und wie sein Studien- und
Lebensfreund, der Mediziner, Musiker und Schriftsteller Carl Ludwig Schleich
(s. DBJ. 1922), so kehrten die Briider Hart und andere Manner der neuen
Generation in seinem Hause ein. Wenig spater vereinigte sich urn D, und
Schleich eine geistig bewegte Tafelrunde im »Schwarzen FerkeU in der Scha-
dowstrafie, einer Kneipe, die die einstige kiinstlerische Tradition von Lutter
& Wegner gewissermaBen aufnahm. Neben Franz Evers, Otto Erich Hart-
leben, dem polnischen Schriftsteller Stanislaus Przybyszewski, dem danischen
Maler Edvard Munch war es vor allem August Strindberg, der hier einzog
und D. aufs tiefste fesselte; er hat dem »Gaste Deutschlands« ein den Namen
des Schweden »riesenhaft« ins Dunkel spruhendes Gedicht gewidmet. Der
Berliner Freien Volksbuhne gab an ihrem Eroffnungstage ein Prolog D.s
das Kampf und HaB wehrende Stichwort. Im Herbst 1891 erschien, durch
Georg Ebers Vermittlung dem Verlage empfohlen, D.s erstes Gedichtbuch
»Erlosungen«, 1893 folgte, mit einer Deckelzeichnung Hans Thomas und
Randbildern von Fidus, das »Ehemanns- und Menschenbuch* »Aber die Liebe«,
1895 die »Lebensblatter«, 1896 »Weib und Welt«.
Die vier Bucher sind Zeugnisse einer riicksichtslos gegen sich selbst wie
gegen die Umwelt ankampfenden, immer aus Tiefe und Krampf nach Hohe
und Erlosung strebenden, auftrotzenden seelischen Energie, die in ihrer Zeit
nicht ihresgleichen hat. Und diese Glut, die anfanglich ihr »heiBhungrig
Element* nicht zahmen will, findet allmahlich in volliger Selbstandigkeit
ihren rhythmischen Ausdruck. Es ist tief bezeichnend, daB D. einen Begriff
wie den des Bluhens aktiviert: »Du sollst dich lauter bluhn!«, heifit es einmal.
Und die Welt soil »nicht zum Guten, nicht vom B6sen« erlost werden,
Nut zum Willen, der da schafft;
Dichterkraft ist Gotteskraft.
Das Ziel ist, wie in der durch chorische Zwiesprach belebten »Lebensmesse«,
der Mensch, der »dem Schicksal gewachsen ist«. Das Leben gestaltet dich,
wirst auch du das Leben gestalten? — so lautet die Frage, und der Weg ist
nicht der der Selbst- und Weltflucht:
Noch hat keiner Gott erflogen,
Der vor Gottes Teufeln fliichtet.
Die rhythmische Sprachkraft wird an immer stilgewisseren Dbertragungen
franzosischer, spanischer, chinesischer Lyrik geschult. Die herkommliche
Strophik wird gebrocben, nach neuem Ausdruck zuerst fuhlbar getastet, dann
mit unbedingter Sicherheit gegriffen. So zerreLGt im »Lied an meinen Sohn«
das am Anfang der dritten Zeile stehende, betonte »laut« scheinbar den rhyth-
mischen Ablauf. In Wahrheit kommt erst durch diesen Betonungswandel
die Melodie des kronenbrechenden Windes voll heraus:
Der Sturm behorcht mein Vaterhaus,
Mein Herz klopft in die Nacht hinaus,
Laut; so erwacht' ich vom Gebraus
Des Forstes schon als Kind.
Dehmel 515
Und nachdem das die dritte Strophe nachhallend endende
Sei du! sei du!
dem Keuchen des Orkans mit gliicklichster musikalischer Symbolisiening den
letzten Sinn des Anrufs aus dem behorchten Vaterhause untergelegt hat,
darf der Dichter leitmotivisch auf den Beginn zuriickweisen ; er laBt das rhap-
sodisch gesteigerte Gedicht mit einer vollen Fermate von gleichem Klangwert
aushauchen :
Horch, er bestiirmt mein Vaterhaus,
Mein Herz tont in die Nacht hinaus,
Laut . . .
Das Wort rhapsodisch gibt iiberhaupt einen Grundcharakter von D.s L,yrik
wieder. Denn neben ganz aus der einsamsten Stille oder erfullter Liebe ge-
wonnenen Dichtungen von wundervollem Innenton, wie »Aufblick«, »Manche
NachU, »Liegt eine Stadt im Tale«, »Heilandswort«, stehen jene Gedichte,
darin D., orgelhaft bewegt, iiber das eigene Ich hinauf ins Allgemeine ge-
steigert, seiner Zeit und seinem Volke das Wort von den verschwiegenen oder
stammelnden Iyippen nimmt. Er war ein Angehoriger des Geschlechtes, das
tun Bismarcks Entamtung, die D. in einem wie Glockenschlag tonenden
Hymnus darstellte, reif ward, und er empf and schicksalhaft das unterirdische
Grollen der ins Licht langenden Massen. Dies Lebensgefuhl verband D. den
mit ihm zugleich hinaustretenden Naturalisten ; was ihn nach seiner dichte-
rischen Anlage und seinem kiinstlerischen Formwillen von ihnen trennte,
hat er 1892 in einem Aufsatz )>Die neue deutsche Alltagstragodie* ausge-
sprochen; ihm schien in der jungen Kunst das Wesentliche durch das Zu-
standliche erdriickt zu werden. Sein soziales Bekenntnis offenbarte sich mit
dem ganzen Ungestiim seiner heischenden Kraft in zusammengepreBten Ge-
dichten, die in knappem Takt, starker als irgendein Kiinstler der Epoche,
aussagen, urn was es geht. Die »Predigt ans GroCstadtvolk« kontrastiert den
nie aus dem UnterbewuBtsein des in die groBe Stadt Verschlagenen gewichenen
Kiefern- und Eichenforst mit den »prahlenden Mauern* und fordert:
Ihr freilich, ihr habt FuBe und Fauste,
Euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen,
Ihr steht und schafft euch Zuchthausmauern —
So geht doch, schafft euch I^and! Land! ruhrt euch!
Vorwarts! riickt aus!
Und im »Arbeitsmann« fand in drei sich wie von selber singenden Strophen
die Sehnsucht der » Gewitterwind witternden« Armen nach Zeit, dem Urbe-
ding von Freiheit, Schonheit, Kiihnheit, herzbewegenden Ausdruck, um schlieB-
lich im »Erntelied« zum groBartigen, groBartige Aussicht eroffnenden Symbol
der mahlenden Muhle erhoht zu werden.
D.s lyrische Form gait in ihrer Neuheit weithin als »unverstandlich«; wie
sehr es auch das in ihr waltende Gefuhl noch war, beweist eine wegen der
mit riicksichtsloser Selbstergriindung den Umkreis zwischen Brunst und In-
brunst ausmessenden »Verwandlungen der Venus « angestrengte gerichtliche
Anklage. Solches wog freilich leicht neben der Tatsache, daB schon D.s friihe
516 1920
Kunst ihm die Lebensfreundschaft des hellhorigen Detlev v. Liliencron ge-
wann; der so geschlossene Bund gehort zu den seltenen, durch letzte Treue
und letztes Verstandnis vorbildhaften Biindnissen unserer Geistesgeschichte ;
die Widmungen des »Poggfred« an D. und von »Aber die Liebe« an Liliencron
sind seine vornehmsten Zeugnisse. Die voile Bedeutung des immer, trotz
Schmerz und Enttauschung, lebensgewissen Alteren fur den Jiingeren, der un-
ablassig »aus dumpfer Sucht zu lichter Glut« strebte, bewahrte sich in den
schweren Krisen, denen D.s Leben nun auf lange Zeit anheimfiel.
Das immer zum AuBersten drangende Temperament des Dichters litt je
mehr und mehr unter der Zerspaltung seines Daseins zwischen dem muster-
haft erfullten, voile Anspannung fordernden Beruf und der zum Werke
zwingenden Beruf ung. Ein Urlaub sollte Ausgleich bringen. Nach einem Auf-
atmen bei Liliencron in Altona fuhr D. im Herbst 1893 fiir ein paar Wochen
nach ItaHen und f and sich durch zwei innerste Erlebnisse belohnt und fiir eine
Weile der Zerrissenheit enthoben: Michelangelo, »den groBten Kiinstler,
der je durch Holle und Himmel schritt« (die Reihenfolge Holle und Himmel
entspricht genau der von » dumpfer Sucht und lichter Glut«), und Hans von
Maries Werk und Wesen im Angesichte der romischen Campagna. Aber da-
heim kehrte der Druck wieder, und zu Ende 1894 gab D. die Stellung auf.
Noch viel entscheidender aber griff im nachsten Jahre die durch gleichgiiltigen
AnlaB angekniipfte Beziehung zu einer Frau, Ida Coblenz, in sein Leben.
Nach langen, alle Beteiligten zu tiefst aufwuhlenden Kampfen gab Frau
Paula den Gatten, der immer aufs neue an die Moglichkeit eines Kompromisses
geglaubt hatte, frei. D., dem aus der ersten Ehe drei Kinder erbluht waren,
schloB eine zweite und lieB sich nach einer Reise nach Griechenland mit Frau
Ida in Heidelberg, dann im Jahre 190 1 in Blankenese, am norddeutschen
Strom und in Liliencrons Nahe, nieder.
Das im Jahre 1903 erschienene Epos »Zwei Menschen« setzt den groflen
ProzeB der steigenden und den Menschen steigernden Selbstlauterung mit
steiler Folgerichtigkeit fort. In drei Umkreisen, »Die Erkenntnis*, »Die Selig-
keit«, »Die Klarheit<(, wird die Hohe gewonnen, auf der, indem sich zwei
Vereinte Lebewohl sagen, dennoch Einzelgliick ins Weltgliick endet. Mit
der raunenden Gewalt orphischer Urworte wird das durch den gleich in dem
tief musikalischen Leitwort angeschlagenen Akkord »Wir Welt« gedeutet und
sjmbolisiert. Freilich wird die in einzelnen der Romanzen erreichte letzte
Hohenlinie nicht immer gehalten. Die auch D.s zyklischen Gedichten bis da-
hin fremde Einordnung des ganzen »Romans« in mit peinlicher Strenge ge-
gliederte Teile, jeder zu 36 Romanzen und jede Romanze zu 36 Versen, bindet
spiirbar an manchem Ort die Flugkraft, und die der seelischen Entfaltung
und Umbildung unterlegte auBere Handlung hat einen zu kurzen Atem, wirkt
bisweilen barock. Die auBerordentliche seelische Energie setzt sich allzu oft
in eine Oberspannung des formalen Rahmens um und kann deshalb nicht
immer frei ausstromen. Die groBe Lebensrechenschaft eines durch Lauterfeuer
gegangenen Kiinstlers bleibt trotz solchen Einwanden urfuberhorbar und greift
an Hohepunkten unverstellt ans Herz, wirkte zumal in den unvergeBlichen
Stunden, da D. das eben fertige Werk mit seiner vorsichtig anschlagenden,
rasch die Hohe gewinnenden, Pathos im Vollsinn des Wortes offenbarenden
Stimme vortrug.
Dehmel
517
In der niederelbischen Landschaft, im Umkreise Hamburgs, wuchs D. rasch
fest. Die nachsten Jalire erfullte eine »Sturzackerarbeit« an der Gesamtaus-
gabe seiner Werke, bei der nicht nur eine bis zur Unerkennbarkeit der ersten
Vorlage gestreckte Umstellung der Gedichte, auch eine mannigfache Umfor-
mung im einzelnen vorgenommen ward. Seine in dem Kinderbuch »Fitzebutze«
(1900) und dem Sammelbuch »Der Buntscheck« (1904) hervortretende Wen-
dung ins Kindertiimliche gedieh nicht zu unbefangenem Ton, hier war ihm Frau
Paula, seine Mitarbeiterin, in Vers und Prosa iiberlegen. Friih hatte sich D.
dem Drama zugewandt, sein »Mitmensch« (1895) wurde von Carl Heine in
Leipzig aufgefuhrt, sein »Michel Michael* 1911 von Carl Hagemann in Ham-
burg. Aber auch hier, und hier viel starker als im Epos, wurde die Verengung
innerhalb der grofleren Form zum Zwange. Die weite Aussicht, die D.s lyrische
Meisterwerke immer wieder eroffneten, tat sich nicht auf, selbst vor seinem
starksten und erfolgreichsten Drama »Die Menschenfreunde* (1917) blieb
dem Zuschauer das Gefuhl eines experimentalen Behorchens. Merkwiirdiger-
weise naherte D. sich hier spat gerade dem alten Naturalismus der Genossen
seiner Fruhzeit, und Julius Bab erinnert mit Recht an Johannes Schlafs
»Meister Oelze«, wie er D.s »Tanz- und Glanzspiel Luzifer* (1899) mit
gleichem Recht eine abstrakte Allegorie nennt. Auch die nachgelassene po-
litische Komodie »Die Gotterfamilie* ist eine frostige Allegorie.
Die eigentliche dichterische Frucht der Hamburger Jahre bildet der 1913
herausgegebene, fiinf Jahre spater erweiterte Gedichtband »Schone wilde
Welt«. Hier werden nicht nur die seelenhaften Tone seelenhafter Erdbezwingung
wieder angeschlagen, so in der »Entfaltung«, in der »Heimsuchung«, der »Ent-
riickung«, der »Begnadung«; D., der reisige Alpengipfelbezwinger, findet auch
in dem sinfonischen fiinf satzigen Gedicht »Die Musik des Mont Blanc « ein an
»stahlblau dammerndem Gletschertor« empfangenes, erschutterndes Sinnbild
fur die ewig neu geschwungene Briicke zwischen Tagesfron und Himmelsfrei-
heit. Und in der »Hafenfeier« ersteht als Gegensttick die Statte nie saumen-
der, technisch beschwingter menschlicher Arbeit, auch sie ein Bild und Sinn-
bild der iiber dem »Grundton ewiger Grausamkeit* nach »Vergottlichung« —
»Wir Welt« — lechzenden Menschheit. Der SchluB der neunsatzigen, rhapso-
dischen Dichtung weist mit dem Bilde des unterm Hauch der ewigen Seligkeit
vom Kreuze steigenden Menschensohnes auf fruhere Gedichte, wie » Jesus der
Kunstler« oder die vor Klingers Olymp-Bild empfangene Psyche- Phantasie,
zur iick.
Bei Ausbruch des Krieges meldete der funfzigjahrige R. D., der niemals
Soldat gewesen war, sich sofort zu den Fahnen. Er handelte damit ohne Zau-
dern im Sinne seines dichterischen Lebenswerkes.
Alles Leid ist Einsamkeit,
Alles Gliick Gemeinsamkeit —
Das war ein Leitwort seiner Dichtung nach , ihrem ethischen Innenklang ge-
wesen— und jetzt war zum erstenmal deutsche Gemeinsamkeit iiber alle
Schranken hinweg. In den »Erlosungen« hatte ein Gedicht mit der Frage ge-
schlossen: »Mein Volk, wann wirst du sein?« Jetzt war unser Volk, und der
grauhaarige Freiwillige ging im Oktober im Infanterieregiment 31 an die West-
front, nicht ohne vorher und nachher mit Gedichten wie dem »Fahnenlied«
518 1920
und dem »Lied an Alle« auch mit der alten Kraft sein nun iiberall vernommenes
Wort in den Kampf gegeben zu haben. Am 12. November bewahrte sich D.
als Zugfuhrer bei der Abwehr eines plotzlichen franzosischen Angriffs im Ab-
schnitt von Autreches, zu Weihnachten erhielt er dafiir das Eiserne Kreuz imd
wurde zu Neujahr Offizier. Ein auf die Dauer unwillkommenes Kommando
fiihrte ihn im Fruhjahr zu Vortragen und Rezitationen in die Etappe. Eine
im Schutzengraben entstandene Venenentziindung notigte ihn zuerst auf
Wochen ins L,azarett, dann zu einer alljahrlich wiederholten Kur nach Langen-
schwalbach. Bis zum Herbst 1916 lag D. in der Vogesenfront, von dort wurde
er zum Buchprufungsamt des Oberbefehlshabers Ost nach Kowno komman-
diert. Die neue Tatigkeit iibte er mit der gleichen peinlichen Gewissenhaftig-
keit wie einst seine Pflicht im Versicherungsfach. Er empf and aber den sach-
lichen Unwert der ganzen Einrichtung so stark, da£ er im November urn seine
Riickversetzung bat. Sie wurde bewilligt, und da er nur noch garnison-
dienstfahig war, ward D. der kriegsgeschichtlichen Abteilung des Altonaer
Generalkommandos iiberwiesen, urn an der Durchforschung von Frontberichten
fur die kiinftige Kriegsgeschichte mitzuarbeiten.
Sein 1919 veroffentlichtes Kriegstagebuch »Zwischen Volk und Menschheit«
ist ein Zeugnis tief er Enttauschung, hervorgerufen vor allem durch die Haltung
des »gebildeten Mittelstandes* innerhalb des Heeres und die wachsende Ent-
seelung des Kriegsgefuhls. Dennoch riS ihn das von Deutschland gegebene
»bleibende Vorbild ungeheurer Willenskraft« immer wieder hoch, und noch
1916 bekannte er als das einzig ersehnte Ziel: »den europaischen Volkerbund
unter der Obhut des deutschen Geistes<t. Als der Zusammenbruch drohte,
meldete er sich wieder zur Front und versuchte in einem leidenschaftlichen,
♦Einzige Rettung* uberschriebenen Aufruf zu einer letzten freiwilligen Ge-
stellung zu mahnen. Den Ausgang der Revolution empfand er, der »Emporung«
von »empor« ableitete, als den Sieg »des braven Philisters«. In einem »Warn-
ruf« vom Dezember 1918 an die Entente kennzeichnete er das iiber das ver-
heifiene Selbstbestimmungsrecht der Volker brutal hinwegschreitende Ver-
halten Frankreichs im ElsaB, Italiens und der Westslawen in den deutschen
Grenzlanden; er mahnte die Feinde an das Heiligtum der Blutsverwandtschaft,
er warnte sie vor dem Fluch, »der auf Raubtiergeliisten liegt«. Von sechzig
deutschen Dichtern, die er um Mitunterzeichnung bat, unterschrieb nur die
Halfte — und L,iliencron, dessen er im Graben oft in Traum und Wachen ge-
dachte, hatte er schon 1909 hingeben miissen; die Rede, die D. am Grabe des
Freundes hielt, umreifit den Dichter und Menschen mit uniiberbietbarer
Plastik und erweist die Blutsnahe des Sprechers zu dem noch einmal Ange-
redeten.
Iviliencron, den die in zwei Feldziigen empfangenen Wunden zeitlebens
plagten, brachte von einem Besuch der Schlachtfelder Lothringens den Keim
der letzten Krankheit mit; D. empfing ihn mit jener Aderentziindung im
Kampflager der gleichen Front. Am 11. November 1919 regte sich der Reizherd
wieder, im Dezember ward die Trombose festgestellt, Mitte Januar gab es
eine Besserung, dann ging es unaufhaltsam bergab, am Sonntag, dem 8. Fe-
bruar hatte er vollendet.
Liliencron nannte D. gern und mit Betonung den Dichter unserer Zeitseele
und traf damit in den Kern seines Wesens. Wie in jenen Gedichten der ersten
Dehmel
519
Reife, so tritt das mit der ganzen, hellwachen geistigen Energie D.s in dem
Aufsatz »Der Wille zur Tat« hervor, darin er gegeniiber dem asthetisierenden
Personlichkeitskult Gabriele d'Annunzios — nicht ahnend, daB sie sich einst
auch in anderem Frontenkampf gegeniiberstehen wiirden — einen gemeinsamen
Willen, einen gemeinsamen Boden, das Gefuhl gemeinsamer Not in Volk tmd
Volkern fordert und dem Dichter keinen anderen Platz in der Menge zuweist
als den eines Fuhrers zur gemeinsamen Freiheit. Das wie mit einer Wiinschel-
rute aus unterirdischem Erdgrollen aufgefangene Nachdrangen neuer Machte
und Massen in den Tag kiindet sich in D.s Lied ebenso wie die tiefe geistige,
man ist versucht, zu sagen : geistliche Sehnsucht nach seelischer Verbundenheit
abseits sozialer Bedingungen. Weil dies menschliche Ringen in zeitlicher Wen-
dung in ihm so stark war, hat D. nicht nur durch seine Dichtung, auch durch
seine unterm grauen Haar immer weiser, immer geschlossener werdende, jeden
bannende Personlichkeit so stark gewirkt. Den jungen, bei Soissons gefallenen
Walther Heymann, der, von D. ausgegangen, dessen sinfonischen Stil selbstandig
weiterbildete, hat er selbst als seinen hoffnungsvollsten Folger bezeichnet. Und
in den Werkleuten auf Haus Nyland, einem aus dem Umkreis der Technik
hervorgegangenen Dichterkreise, sah er Nachwuchs an Lebens- und Form-
gefiihl. Sie, Wilhelm Vershofen, Jakob Kneip, Heinrich Lersch, Josef Winckler,
der f ruh im Kriege vollendete Gerrit Engelke, Karl Broger, Max Barthel, gehen
in neuer Zeit auf seiner, des »Vaters Merlin* Spur. Aber auch in D.s nahem
und vertrautem Freunde Alfred Mombert, dessen Kunst friih zum Expressio-
nismus hinuberleitete, wie in dem zum Hymnus strebenden Siegfried von der
Trenck leben D.sche Einflusse. So vielfaltig wirkt dies aus dunkler Tiefe in
unuberhorbarem Tonfall zum Lichte strebende Lebenswerk.
Unter alien Dichtern des 19. Jahrhunderts hat D. mit Hebbel, den er ein-
mal »Ahnherr« nannte, die nachste Verwandtschaft. Ihr starkes, bewuBt ge-
steigertes Verwachsensein mit ihrer Volkheit, die Unbedingtheit ihrer kiinst-
lerischen Forderung an sich und andere, die kompromiBlose Herbheit ihres
Anspruchs und Ausspruchs gegeniiber jeder Tagestendenz bei nachstem Ge-
fiihl fur das im Tage uber den Tag hinaus Trachtige eint die beiden, denen
durchaus D.s fur Schiller gepragtes Wort »der ewig Trachtende« gilt. D.s nur
zwei knappe Zeitraume umspannende Tagebiicher rufen ohne weiteres das
Gedenken der Hebbelschen auf, auch in ihnen wie in D.s asthetischen Aufsatzen
webt der beiden groBen Dichtern eigene scharfe, das Gefuhl alsbald souveran
kontrollierende, nicht abschwachende Verstand und Kunstverstand. Selbst
ihre lebensentscheidende Beziehung zu zwei Frauen ergibt eine parallele Lebens-
konstellation. Manches in D.s Werk wird der Zeit zum Opfer fallen — aber
der dem wahrenden Besitze deutscher Dichtung zugehorige Umkreis seiner aus
dem Innersten bewegten Gedichte in ihrer emporgelauterten Form wird immer
aufs neue eine deutsche Personlichkeit bezeugen, die an der Wende zweier
Epochen eigenwillig, aber nicht eigensiichtig, herrlich selbstandig und sich
doch immer ins Ganze denkend, ihre Umwelt und die Zeit bezwang. In einem
heiter fingierten Gesprach mit Goethe nennt D. die geistige Reflexion die form-
bestimmende Triebkraft und schreibt ihr eine urn so harmonischere Wirkung
auf die Kulturwelt zu, »je energischer der gestaltende Sinn das Tiefste der
Personlichkeit auf ein zentrales Gleichgewicht ordne. « Noch unter der damoni-
schen Erschiitterung mancher seiner, lebenswierigen Zwiespalt zu kronender
520 1920
Harmonie emporadelnden Strophen empfinden wir, wie sehr dem Prager dieses
Wortes solche Ordnving der Personlichkeit gelungen ist.
Immer wieder, wenn wir sinnen,
Stiirzt die Welt in wilde Stiicke;
Immer wieder, rein von innen,
Fiigen wir die schone Briicke.
Literatur: Ges. Werke, 10 Bde., 1906 — 09. — Ges. Werke, 3 Bde., 1913. — Blinde
L,iebe, E. Gesch. — Kriegsbrevier 191 7. — Die Menschenfreundc, 191 7. — Zwischen Volk
und Menschheit, 1919. — Schone wilde Welt, endg. Ausg., 1920. — Die Gotterfaniilie,
1921. — Mein Leben. Priv.-Dr. d. D.-Ges., 1922. — Ausg. Briefe, 2 Bde., 1922 und
1923. — Bekenntnisse, 1926. — Hauptwerk iiber D.: J.Bab, R. D., 1926. — Ferner:
W. Schaefer, 20 D.sche Ged. m. Einl., 1897. — G. Kiihl, D-, 1906. — R.Frank, R. D.,
1907. — R. Richter, Zwei Menschen als Epos des mod. Pantheismus (Essays, 191 3). —
H. Bahr, D. (Bilderbuch, 1921). — H. Spiero, Westostl. Sendung (Dt. Kopfe, 1927). Vgl.
auch die D.-Nr. der Zeitschr. Die schone Literatur. Jahrg. 25, 10. D.s literarischer Nach-
lafl bewahrt das dem hamburgischen Staate gehorige, von seiner Witwe verwaltete
Dehmel-Archiv in Blankenese.
Berlin. Heinrich Spiero.
Dierauer, Johannes, Historiker, o. Professor, * am 20.Marz 1842 bei Bernegg
im St. Gallischen Rheintal, f am 14. Marz 1920 in St. Gallen. — Sein Vater,
der Sproflling eines alteingesessenen Bauerngeschlechts, war Landwirt und
vererbte die Liebe zur heimatlichen Scholle auf den Sohn. D. besuchte 1848
bis 1856 die Primarschule seines Heimatdorfes, sodann bis zum Friihjahr 1858
die Realschule des benachbarten Stadtchens Rbeinegg, hierauf die technische
Abteilung der Kantonsschule St. Gallen. Schon im Friihjahr 1861 konnte er
ohne weitere Fachstudien das Reallehrerexamen bestehen und wurde mit
19 Jahren als Reallehrer nach Flawil berufen. Hier legte er die ersten Proben
der padagogischen Befahigung ab, die ihn in so hohem MaBe auszeichnete.
Indessen konnte er sich dem ubermachtigen Drang akademischer, insonder-
heit geschichtswissenschaftlicher Studien nicht entziehen. Er bereitete sich
mit eisernem FleiB durch nachtragliches Erlernen der klassischen Sprachen
auf den Besuch der Universitat Zurich vor, wo von 1864 bis 1867 vor allem
die Vorlesungen und die personlichen Anregungen von Max Biidinger und
Georg v. WyB seinen wissenschaftlichen Bildungsgang bestimmten. Zur Auf-
besserung seiner pekuniaren Mittel nahm er die Stelle eines Hauslehrers in
der Familie des Pfarrers Konrad Pfenninger an. Das Sommersemester 1867
verbrachte er in Bonn, wo ihn namentlich Heinrich v. Sybel fesselte, und das
Wintersemester 1867/68 in Paris, wo ihm die starkste Forderung durch die
im College de France gehaltenen Vorlesungen I^eon Reniers iiber Epigraphik
und romische Kaisergeschichte nach den Monumenten zuteil wurde, damit
schlossen seine akademischen Studien ab. Mit einer Arbeit, »Beitrage zu einer
kritischen Geschichte Trajans« (Leipzig, Teubner 1868), einer von der philo-
sophischen Fakultat der Universitat Zurich gekronten Preisschrift, die sein
Lehrer Biidinger in den ersten Band der »Untersuchungen zur Rbmischen
Kaisergeschichte « aufnahm, erwarb er sich den Doktorgrad.
Im ungewissen dariiber, wohin er sich wenden solle, um sein Brot zu ver-
dienen, hatte er noch in Paris die Anfrage des St. Gallischen Erziehungs-
Dehmel. Dierauer «2I
direktors erhalten, ob er die eben freigewordene Stelle eines Geschichtslehrers
an der Kantonsschule seines Heimatkantons ubernehmen wolle. Er ging mit
Freuden auf den Antrag ein. Beinahe 40 Jahre lang hat er dies Amt bekleidet
und mehr als einer Generation liebevoll und streng zugleich die Kenntnis
der vaterlandischen Vergangenheit und der Universalgeschichte vermittelt.
»Einen Fiirsten unter den Lehrern«, nannte ihn einer seiner Schiiler, denen
seine ernste mannliche Personlichkeit nicht weniger imponierte wie seine
packende Darstellung, die er durch Vorzeigen ausgewahlter Bilder und alter
Druckwerke zu beleben wufite. Iyockende Anfragen, die ihm eine akademische
Lehrtatigkeit, so in Basel wie in Zurich, in Aussicht stellten, hat er auf der
Hohe des L,ebens abgewiesen, um der bescheideneren Stellung in St. Gallen
und seinen dortigen Freunden treu zu bleiben. Von diesen standen ihm be-
sonders nahe sein Kollege, der ausgezeichnete Germanist und Historiker Ernst
Gotzinger, dessen Biographie er im St. Gallischen Neujahrsblatt von 1897
entworfen hat, und Hermann Wartmann, der hochverdiente Prasident des
Historischen Vereins von St. Gallen. Nur kurze Zeit, von 1876 bis 1879 wurde
D. als liberaler Vertreter seiner Heimatgemeinde Bernegg im Grofien Rat
des Kantons St. Gallen auch auf die Buhne des offentlichen I+ebens gefuhrt.
Frei von politischem Ehrgeiz und in der Erkenntnis schwer vermeidlicher
Konflikte zwischen seinem Abgeordnetenmandat und seinem Beruf als Lehrer
an einer paritatischen Schule, kehrte er bald aus dem Ratssaal zuriick, um
sich neben seiner lehrtatigkeit ausschliefllich wissenschaftlicher Beschafti-
gung zu widmen. In dieser nahm keine unbedeutende Stelle die Leitung der
Stadtbibliothek, der »Vadiana« ein, die er nach und nach im Sinn ihres
Griinders Vadian zu einer wahren Musteranstalt ausbaute. In erster Linie
ist aber seines tiefeingreifenden Wirkens in dem genannten Historischen
Verein von St. Gallen zu gedenken. Nicht weniger als 195 Vortrage hat er
mit seiner wohlklingenden, markigen Stimme im Kreise dieser Gesellschaft
gehalten. Ein grofier Teil dieser Arbeiten bezog sich auf die Geschichte des
Heimatkantons. Dahin gehoren das mit feinstem psychologischen Verstand-
nis ausgemalte Lebensbild des Begriinders dieses Kantons, Karl Muller-Fried-
berg (St. Gallen 1884) und die »Politische Geschichte des Kantons St. Gallen,,
1803 bis 1903 « in der Denkschrift zur Feier seines hundertjahrigen Bestandes,
herausgegeben von der Kantons regierung (St. Gallen 1903). Viele Einzelstudien
finden sich in den »St. Gallischen Analekten«, mit denen D. von 1889 bis 191 1
Jahr fur Jahr die Leser beschenkte. Auch war er der gegebene Historiograph
der Kantonsschule, an der er wirkte, bei ihrer Jubilaumsfeier 1907. Indessen
bewiesen zahlreiche, in den Neujahrsblattern des Historischen Vereins von
St. Gallen, im Archiv fur Schweizer Geschichte, in den Schriften des Vereins
fur Geschichte des Bodensees und an anderen Stellen erschienene Beitrage,
daB der Historiker gewohnt war, weit iiber die Grenzen seines Heimatkantons
hinauszublicken.
Die Kronung aller seiner Arbeiten bildete die » Geschichte der Schweize-
rischen Eidgenossenschaft« in der Sammlung der »Heeren-Ukertschen Staaten-
geschichte« (Gotha, Perthes, 1887 — 1917, 5 Bande). G. v. Wyfl hatte D. dem
damaligen Leiter des Unternehmens, W. v. Giesebrecht, empfohlen. D. ver-
pflichtete sich zur Abfassung von zwei Banden, die bis 15 19 reichen sollten
und die 1887 und 1892 erschienen. Aber er fiihrte in drei weiteren Banden
522 I92Q
(1907, I9I2» I9I7) das monumentale Werk bis zum Jahre 1848. Wenn ihn
wahrend der muhevollen Arbeit Zweifel an der Mdglichkeit, sie zu bewaltigen,
mitunter beschleichen mochten, so wurde er durch den Erfolg, den sie errang,
belohnt und ermutigt. Er erlebte noch das Erscheinen einer dritten Auflage
der beiden ersten Bande und einer franzosischen Ubersetzung (Lausanne,
Payot & Co., 191 1 ff.). Eine seltene Auszeichnung ward ihm dadurch zuteil,
da£ der Bundesrat in seinem Gluckwunschschreiben zu seinem 70. Geburts-
tag ihm bezeugte, er habe sich durch Dsein Meisterwerk um das Vaterland ver-
dient gemacht«. Dieselbe hochste I,andesbeh6rde wies ihm nach Vollendung
des Werkes einen Ehrenpreis von 5000 Franken zu.
In der Tat durfte D. als »der groflte Geschichtschreiber der Schweizerischen
Eidgenossenschaft* seit Johannes Muller bezeichnet werden. Aber gerade,
was ihn von Miiller unterschied, machte seine GroBe aus: strenge Trennung
wirklicher Geschichte und spaterer Sage, vorsichtige Mafligung in der Fallung
von Werturteilen, schlichte und klare, auf jeden rednerischen Schmuck ver-
zichtende Sprache. Dem aus dem Bauernstand des Rheintals hervorgegangenen
Verfasser war, wie mit Recht gesagt worden ist, »militarischer Machtdiinkel
ebenso wesensfremd wie nation alistischer Chauvinismus*. Ebenso stand er
als Historiker, wie katholische Kritik seiner Darstellung der Reformations-
zeit zubilligte, den Erscheinungen konfessioneller Unterschiede mit dem
Willen ruhig gerechter Abwagung gegeniiber. Im Friihjahr 1907 gab D., um
sich zugunsten seiner groCen Arbeit wenigstens von einer Hauptbiirde zu
entlasten, nicht ohne Selbstiiberwindung seine Iyehrerstelle an der Kantons-
schule auf. Ein Jahr zuvor hatte er mitten in einer Stunde einen Ohnmachts-
anfall. Indessen dies Zeichen einer Stoning der Herztatigkeit hinterlieB zu-
nachst keine ernstlichen Folgen. Er konnte, nach dem Tode seiner Frau von
seiner Tochter Mary betreut, mit Ehren uberhauft, ohne Abnahme der Krafte
noch jahrelang der geliebten Arbeit sich hingeben. Erst nach Wiederholung
von Herzaffektionen von 191 7 an mui3te er sich grofiere Schonung auferlegen.
Nach vierzehntagigem Krankenlager endete der Achtundsiebzigjahrige sanft
und schmerzlos.
Literatur: D.s wissenschaftlicher NachlaB befindet sich im Besitz seiner Tochter
Fraulein Mary D.t St. Gallen. — Oskar FaBler: Johannes D., ein Lebensbild, heraus-
gegeben vom Historischen Verein des Kantons St. Gallen, St.'GaUen 192 1; daselbst am
SchluC ein Verzeichnis der gedruckten Arbeiten D.s und der zahlreichen ihm geltenden
Nekrologe.
Zurich. Alfred Stern.
Fischer, Hermann, Dr. phil., o. Professor der deutschen Philologie in
Tubingen, * am 12. Oktober 1851 zu Stuttgart, f am 30. Oktober 1920
zu Tubingen in Wurttemberg. — Hermann F. war der Sohn des Dichters
J. G. Fischer, der friiher Elementarlehrer, dann Professor an der Oberreal-
schule in Stuttgart war. Wenn so der Knabe ganz in stadtischer Kultur auf-
wuchs, waren ihm die landlichen Verhaltnisse doch von fruhester Jugend an
vertraut durch die verwandtschaftlichen Beziehungen, die er zur Heimat
seines Vaters in GroB-SuJ3en, einem protest antischen Marktflecken im Filstal,
unterhielt, und nicht minder zur Heimat seiner Mutter, einer Pfarrtochter
aus Bernstadt im Ulmischen; er hat sie schon als i6jahriger J tingling verloren,
Dierauer. Fischer
523
aber immer hielt er der Mutter Bild hoch, das ihm alles einschloB, »was es
an zarter und doch das Leben tatig erfassender Weiblichkeit gibt«. Den
Vater behielt er bis zum Jahr 1896. In dem schonen pietatvollen Denkraal,
das er ihm in seinen »Beitragen zur Literaturgeschichte Schwabens« (2, 1 bis
70) gesetzt hat, weist er nach, daB dieser ihm, dem Stadtkind, auf vielen
Gangen die Sinne zur Beobachtung der Natur, die der Dichter selbst so liebte
und kannte, gescharft hat; und wer spater das Gliick hatte, Hermann F.
bei seiner Arbeit helfen zu diirfen, hat oft gestaunt iiber die eingehenden
Kenntnisse, die er nicht nur von Land und Leuten Schwabens besaB, sondern
ebenso von seiner Natur, seinen Steinen, Pflanzen, Tieren, speziell von den
Vogeln, iiber deren Lebensweise der Vater (1863) eine eigene Studie geschrieben
hatte. Der Knabe genoB den Unterricht im Stuttgarter Gymnasium bis 1867,
obgleich er schon 1865 das »Landexamen« bestanden hatte und also nach
alter Tradition vom 14. bis 16. Jahre das »niedere Seminar* im Kloster Maul-
bronn hatte besuchen sollen; er riickte mit seiner »Seminarpromotion« erst
in Blaubeuren ein und zwei Jahre spater, nach Erstehung des »Konkurs-
examens«, ins Tiibinger evangelisch-theologische »Stift«, urn hier klassische
Philologie zu studieren. Als »Stiftler<( muBte er hierzu nach einigen Semestern
vom Studium der Theologie »dispensiert« werden (1871). Sein Studium griff
weit aus: neben dem Fachstudium trieb er schon von den ersten Semestern
ab Sprachvergleichung, Deutsch (bei Adalbert v. Keller), Englisch, spater
auch noch Sanskrit und romanische Sprachen. Aber zeitlebens war er stolz
darauf, ein J linger der klassischen Philologie zu sein. Das humanistische
Bildungsideal gait ihm als das hochste; im Kampf um die Grundfragen des
Bildungswesens, besonders um das humanistische Gymnasium und die wissen -
schaftlichen Methoden und Aufgaben der Philologie hat er sich immer als
Humanisten bekannt; als Professor der deutschen Philologie erklarte er sich
aus AnlaB seiner Rektoratsrede iiber den »Neuhumanismus in der deutschen
Literature (1902) fiir verpflichtet, »Zeugnis fiir eine angefochtene gute Sache
abzulegen«. — Als 1871 die philosophische Fakultat Tubingen iiber »die
neuesten Theorien iiber Entstehung und Verfasser des Nibelungenlieds « eine
Preisaufgabe stellte, war F.s Weg gewiesen. Aus seiner preisgekronten Arbeit
dariiber entstand seine Doktorarbeit 1873 und seine Erstlingsschrif t : »Die
Forschungen iiber das Nibelungenlied seit K. Lachmann* (1874). 1873/74
treffen wir ihn kurze Zeit im Lehramt, als Amtsverweser und Vikar am Real-
gymnasium in Stuttgart, dann an den Gymnasien in Stuttgart und Heilbronn.
Nach einem weiteren germanistischen Studiensemester in Leipzig erstand
er dann 1875 die wiirttembergische Professoratsprufung. Damit war seine
Laufbahn als Gymnasiallehrer abgeschlossen ; nur ganz kurze Zeit, zu Beginn
des Kriegs, hat er im Winter 1914/15 nochmals aushilfsweise am Tiibinger
Gymnasium Schule gehalten.
1877 griindete er einen eigenen Hausstand; aus der Ehe mit Julie, geborene
Schmitz, der Tochter des deutschen Generalkonsuls in Genua, sind ihm im
Lauf der Zeit vier Tochter und zwei Sonne erbluht.
Von 1875 ab war F. ein Dutzend Jahre zuerst provisorischer, dann standiger
vierter Bibliothekar an der Koniglich offentlichen Bibliothek in Stuttgart,
ab 1876 mit dem Titel Professor. Die Geschichte der wurttembergischen
Landesbibliothek (von K. Loffler, Leipzig 1923, S. 196) weiB zu berichten,
524 l9*o
daB er »in den Katalogen der Bibliothek fur alle Zeiten ein Zeugnis seines
unermudlichen FleiBes hinterlassen « hat; er war noch bei den »Vorarbeiten
fur den Generalkatalog, der Revision der Fachkataloge beteiligt und hat von
neuen Sachkatalogen die wurttembergische Geschichte und die Literatur-
geschichte bearbeitet, zwei umfangreiche und vielbenutzte Facher, an deren
sauber und gefallig geschriebenen Banden der Benutzer heute noch seine
Freude hat« (ebenda, S. 252). An diese Zeit und Tatigkeit hat er stets besonders
gern zuriickgedacht. Den Vorstand der Bibliothek, Wilhelm Heyd (1823
bis 1906) hat er als einen vaterlichen Freund hoch verehrt. — In die Stutt-
garter Zeit fallen verschiedene literarhistorische Arbeiten, die er spater in
seinen »Beitragen zur Literaturgeschichte Schwabens« gesammelt hat. Darin
zeigt er sich als einen ausgezeichneten Kenner des alten Stuttgart und seiner
literarischen Vergangenheit. Auch mit der Dialektdichtung hat er sich aus-
einandergesetzt, aber f reilich sehr skeptisch ; er ist nie ein sonderlicher Freund
davon gewesen, mancher lebende Dialektdichter hat das erf ahren ; auch an
anderer Stelle (im Korr.-Blatt fur die hoheren Schulen Wiirttembergs, 1906,
84 ff.) hat er spater sehr schroff gegen ihre Verwertung in Schullesebuchern
Stellung genommen. — Aber nun rief ihn sein alter Lehrer A. v. Keller auf
ein anderes Gebiet hiniiber, indem er ihm seine Vorarbeiten zu einem schwa-
bischen Worterbuch vor seinem Tode anvertraute. Zuvor war F. auf die Er-
forschung der Mundart kaum eingegangen ; erst ein Vortrag auf der Karlsruher
Philologenversammlung 1882 notigte ihn dazu, und dieser AnlaB fuhrte ihn
in die Nahe von Kellers mundartlicher Forschung. Nach dessen Tod (1883)
ubernahm er die Einarbeitung in diesen Stoff . Er hatte dazu noch die MuBe ;
denn fur den germanistischen Lehrstuhl in Tubingen kam er zunachst noch
nicht in Betracht ; Eduard Sievers wurde A. v. Kellers Nachfolger. Auch nach
dessen Abgang (1887) dachte der Tiibinger Senat noch nicht an F., und selbst
als das wurttembergische Ministerium Stellungnahme zu einer etwaigen
Berufung F.s verlangte, fiel das Gutachten des Senats eher ungiinstig fiir ihn
aus. Da jedoch der Kanzler der Universitat, v. Rumelin, fiir F. sprach, schlug
der Minister dem Konig nicht Hermann Paul (s. DBJ. 1921, S. 206), sondern
den Schwaben F. vor, worauf dieser (Jan. 1888) die Professur erhielt.
Im Sommersemester 1888 trat er sein Amt in Tubingen an ; anf angs August
hielt er seine Antrittsrede iiber »Wege und Ziele der Dialektf orschung « und
legte damit ganz programmatisch den Hauptnachdruck seiner kiinftigen
Forschungen auf das Gebiet, das soeben noch in dem Gutachten des Senats
als das ihm ferner liegende bezeichnet worden war. Seine Vorlesungen er-
streckten sich in den J ahren 1888 — 1920 iiber das ganze Gebiet der Germani-
stik. In regelmafligem viersemestrigem Turnus trug er vor iiber deutsche
Altertiimer, deutsche Grammatik, altere deutsche Literatur und deutsche
Literatur seit dem 16. Jahrhundert. In kiirzeren Vorlesungen behandelte F.
deutsche Metrik, Mythologie, Gdtter- und Heldensage, Edda, Tacitus' Ger-
mania, ferner Einzelerscheinungen aus der deutschen Literaturgeschichte
von Otfrid und Heliand bis zu Gottfried Keller; dazu Gotisch und Altnordisch
und, wenigstens in den ersten Jahren, so lang noch kein Anglist das iiber-
nehmen konnte, Beowulf. Diejenigen, die in friiheren Jahren zu seinen FiiBen
gesessen haben, erinnern sich heute noch, mit welcher Andacht sie seinen
flieBenden Vortragen gefolgt sind, die alle der Unterstutzung durch das
Fischer 525
Manuskript nicht zu bediirfen schienen. Nicht alle Stoffe, iiber die er als Dozent
lesen muBte, waren ihm Herzenssache ; er hat in privatem Gesprach kein Hehl
daraus gemacht, daB ihin Mythologie und ahnliches nicht zusagten, und wer
seine zusammenfassende Darstellung dieses Stoffs (in Schieles Religion in Ge-
schichte und Gegenwart II 1328 — 1336) liest, wird das wohl verstehen; seine
niichterne kritische Einstellung ihm gegeniiber lieB keine Begeisterung dafur
aufkommen. In den spateren Jahren las er noch iiber die Liter aturgeschichte
Schwabens im 18. und 19. Jahrhundert. Diese Vorlesung entstand aus einer
Vortragsreihe, die er, anfangs fast widerwillig, aber dann mit Hingabe und
Freude vor einer zumeist weiblichen Zuhorerschaf t gehalten hatte ; schlieBlich
hat es ihm die systematische Verarbeitung des Stoffes so angetan, daB das
feine Biichlein »Die schwabische Literatur im 18. und 19. Jahrhundert* (1911)
daraus entstand. Im Zusammenhang mit dem StofI seiner Vorlesungen ist,
auBer kleineren Aufsatzen in Zeitschriften, nur ein zusammenfassendes Werk
entstanden, die »Grundziige der deutschen Altertumskunde« (in der Sammlung
Wissenschaft und Bildung, 1908). Die Ubungen im Deutschen Seminar waren
ihm besonders wichtig, sie zeigten deutlich, daB Sprachgeschichte sein eigent-
liches Gebiet war ; mochten die angekiindigten Stoffe noch so literarhistorisch
klingen : stets fuhrte er in das Sprach- und Kulturleben fruherer Zeiten ein, und
wer etwa Anleitung zu asthetisierender Betrachtungsweise der Dichter und
Dichtungen im Seminar suchte, der kam nicht auf seine Rechnung. Den per-
sonlichen Verkehr mit dem Studenten, das »Schule machen« hat er uberhaupt
wenig gepflegt.
Weitere Arbeit brachte ihm nach W. L. Hollands Tod 1891 die t)ber-
nahme der Prasidentschaft des Stuttgarter Literarischen Vereins, der durch
seine Editionen schon so viele, besonders deutsche Werke alterer und neuerer
Zeit der wissenschaftlichen Forschung erschlossen hat. Was F. hier geleistet
hat, haben nur die AusschuBmitglieder merken konnen, aber sie haben sich
seiner Leitung willig anvertraut. F. fuhrte, so schreibt K. Voretzsch, »die
Vorverhandlungen mit den Herausgebern, und wenn er dem AusschuB eine
Neuausgabe zur Abstimmung vorlegte, pflegte er seine sachlich wohl begriin-
dete Anschauung beizufiigen, der man selten AnlaB hatte zu widersprechen ;
die Herausgeber von Texten f anden bei ihm stets ein f reundliches und williges
Entgegenkommen«. Unter seiner Leitung sind die Bande Nr. 191 — 266 er-
schienen; F. selbst gab G. R. Weckherlins Gedichte in drei Banden heraus,
ferner (mit Johannes Bolte zusammen) J. Wetzels Reise der Sonne Giaffers
(aus dem Italienischen, 1583), den Briefwechsel zwischen A. v. Haller und
E. v. Gemmingen, und H. Neidharts Ubersetzung des Terenzschen Eunuchus
von i486. Die bittere Not der Nachkriegszeit hat ihn dann kurz vor seinem
Ende noch veranlaBt, den Verein aufzulosen. — Mit dem bisher Erwahnten
ist aber F.s Tatigkeit auf literarhistorischem Gebiet nicht vollig beschrieben.
In seinen spateren Jahren folgten noch Untersuchungen iiber die Entstehung
des Nibelungenlieds und iiber Gottfried von StraBburg (in den Sitzungs-
berichten der bayr. Akad. d. Wiss. 1914 und 1916), iiber Goethes Tasso (Germ.-
rom. Monatsschrift 1914) und Schiller (Neue Jahrbucher 1918), sowie iiber
einzelne Probleme der Schwabischen Literaturgeschichte, die nicht alle auf-
gezahlt werden sollen. Einem groBeren Publikum ist sein Name bekannt
geworden durch seine Ausgaben der Werke von Ludwig Uhland, von Hermann
526 1920
Kurz, von Wilhelm Hauff , von Schillers ausgewahlten Gedichten, von Palleskes
Schiller, sowie (mit W. Schmid zusammen) von Seegers Aristophanes-Uber-
setzung. Und den Lesern der Zeitschrift »Der schwabische Bund« bot er schlieB-
lich im Jahrgang 1920 seine »asthetischen Ketzereien« dar, in denen nicht nur
der Fachwissenschaftler noch einmal das Wort ergreift, sondern auch ein
Mann, der auf weiten Reisen die verschiedensten Lander und Kulturen ge-
sehen hat und jetzt das Recht hat, zu alien moglichen Fragen, besonders auch
der Kunst, seine Stellung in einer Art von Vermachtnis zu prazisieren.
Aber F.s »Werk«, seine wissenschaftliche Tat ist all dies nicht gewesen. Sein
Name wird fur alle Zeiten verbunden sein mit dem Schwabischen Worter-
buch, wie etwa Schmellers Name mit dem Bayerischen oder der der Gebriider
Grimm mit dem Deutschen Worterbuch. Uber die Entstehung und Ent-
wicklung seines Werkes hat er an verschiedenen Orten Rechenschaft abge-
legt, in den Vorreden der ersten funf Bande und in kleineren Aufsatzen (in
Zeitschriften), die zumeist aus Vortragen hervorgegangen waren. Die Kenntnis
von F.s Methode und Arbeit ist in Fachkreisen langst Allgemeingut geworden ;
sein Worterbuch ist innerhalb der schwarz-roten Grenzpfahle heute wohl
jedem Dorfschullehrer bekannt. Auf A. v. Kellers Vorarbeiten fuBend, hat F.
nach eigenstem Plan ein ganz neues groBes Gebaude errichtet. Zuerst ent-
stand ein gewaltiger Unterbau: die »Geographie der schwabischen Mundart,
mit einem Atlas von 28 Karten« (1895). DaB F. in seiner Materie bewandert
war wie kein anderer, hatte zuvor schon seine ausfuhrliche Besprechung von
Kauffmanns Geschichte der schwabischen Mundart (Germania 36, 406 — 437)
gezeigt. Mit der »Geographie« war aber plotzlich eine grammatisch-geogra-
phische Arbeit vorhanden, wie sie f ruber trotz Wenkers Sprachatlas fur kein
groBeres deutsches Gebiet geschaffen worden war; sie muBte von nun an
fur jede Dialektforschung auf unserem Gebiet die Grundlage bilden. Heute
ist das Werk vergriffen, aber nicht veraltet. Dann folgten einige Jahre inten-
sivster Arbeit, die der Ausbeutung der alteren schwabischen Sprachdenkmaler,
sowie der Ordnung des ganzen gewonnenen Materials gait; ohne Ruhepause
wurde die Ausarbeitung selbst vorgenommen, und am 21. Februar 190 1 er-
schien die erste Lieferung. Die letzte Lieferung, die F. selbst noch herausgab,
war die 62., im Druck vollendet den 1. September 1920; er hatte den heutigen
und fruheren Sprachschatz des Schwabischen (einschlieBlich des Frankischen
innerhalb Wurttembergs) vom A bis zum Anfang des U meisterhaft dargestellt ,
als der Tod ihm die Feder aus der Hand nahm. Fiir einen Einzelnen eine un-
geheure Leistung! Sein ausgebreitetes gediegenes Wissen, seine einzigartige
unersetzte Kenntnis der wurttembergischen Geschichte (besonders auch
Rechts- und Wirtschaftsgeschichte) und wurttembergischer Verhaltnisse
und Personlichkeiten ist dem Worterbuch fast auf jeder Seite zugut gekommen,
aber ebenso auch seine groBe Sachlichkeit und Kunst gedrangter Darstellung.
Wer das Vorrecht gehabt hat, ihm lange Jahre helfen zu durfen, hat gesehen,
daB das stetige, verhaltnismaBig rasche Fortschreiten des Worterbuchs
nur dadurch moglich war, daB all seine vielen andern Arbeiten und Ver-
pflichtungen, von deren Fiille ein Bild zu geben oben versucht wurde, ihn nie
abhalten konnten, Tag fiir Tag bestimmte Stunden restlos mit unermudlichem
FleiB und unwandelbarer Pflichttreue seinem Hauptwerk zu widmen. »Es wird
immer darauf ankommen, ob einer mit Einsetzung seiner Person, mit heiligem
Fischer. Fournier 52 7
Eifer gekampft hat«, schreibt er selbst einmal (Deutsche Rundschau 1915,
S. 469). Er hat das wahrlich getan.
Die Entbehrungen und Erfahrungen des Kriegs, der auch ihm einen Sohn
wegraffte, haben seine Gesundheit untergraben; Leukamie machte seine
Krafte sichtlich schwinden. Mit Aufbietung aller Energie arbeitete er weiter,
immer noch der Hoffnung lebend, sein Worterbuch doch noch zu Ende
fuhren zu konnen. J a, noch im August 1920 sprach er von neuen Planen
literarischer Art; eine »Ehrenrettung« Wielands wollte er noch leisten, und
iiber die Geistesgeschichte Schwabens zur Zeit von Schwegler, Fr. Th. Vischer,
StrauB hat er eingehende Studien getrieben. Aber solche Plane wollte er
erst reifen lassen, wenn sein Lebenswerk fertig war : das Schwabische Wor-
terbuch.
An auBeren Ehrungen hat es F. nicht gefehlt. So wurde er z. B. 1885 Mit-
glied der Maatschappij der nederlandischen Letterkunde in Leyden; 1892
stellvertretendes Mitglied, 1903 Mitglied und stellvertretender Vorstand der
literarischen Sachverstandigen-Kammer; 1905 ordentliches Mitglied der
wiirttembergischen Kommission fiir Landesgeschichte ; 1905 Ehrenmitglied
des Vereins fiir Siebenbiirgische Geschichtskunde ; 1913 korrespondierendes
Mitglied der Miinchener Akademie der Wissenschaften. Von Orden hatte ihm
das Ehrenkreuz des wurttembergischen Kronenordens 1902 den personlichen
Adel verschafft, auf den er aber keinerlei Wert legte.
L<iteratur: F.s literarischer Nachiafl ging nach seinem Tod in die Hande seiner Witwe
iiber; darunter war eine Synopsis des Kellerschen Griinen Heinrichs, die 1921 die Zentral-
bibliothek in Zurich erhielt. Ein Aufsatz iiber den anonymen Roman »Eritis sicut Deus«
(1854) ist 1926 in den Wiirttembergischen Vierteljahrsheften fiir I^andesgeschichte er-
schienen. Alles aufs Schwabische Worterbuch Beziigliche ist seinem Wunsch gemaB von
der Familie mir iibertragen worden. — Nekrolog fiir den » Wiirttembergischen Nekrolog*
(Jahrgang 1927), von E.Mann (von mir im Manuskript benutzt). — K. Voretzsch,
H. Fischer und der Stuttgarter Iviterarische Verein (im »Schwabischen Merkurt, Sonntags-
beilage vom 4. Dezember 1920).
Stuttgart. Wilhelm Pfleiderer.
Fournier, August, o. Professor der Geschichte an der Universitat Wien,
* am 19. Juni 1850 in Wien, f am 18. Mai 1920 in Wien. — F. entstammte
einer franzosischen — wahrscheinlich Lyoner — Emigrantenfamilie. Er wies
in den Jahren vor dem Ausbruche des Weltkrieges gern auf seinen franzosi-
schen Ursprung hin, fiir den nicht nur seine Gesichtsbildung, sondern auch
die Beweglichkeit seines Geistes und sein chevalereskes Wesen sprachen.
Sein Vater, dessen wechselreiches Leben F. in seinen 1923 erschienenen Er-
innerungen, die bis zu seiner Berufung an die Prager Universitat im Jahre 1883
reichen, eingehend geschildert hat, war ein begabter, aber den Sturmen des
Lebens nicht gewachsener Mann, der, nachdem seine hochfliegenden Plane
gescheitert waren, sein Leben seit 1853 in Fiinfkirchen als untergeordneter
Beamter der Donau-Dampfschiffahrtgesellschaft fristen muBte. Hier hat
August F. den ersten Unterricht erhalten und sich die Kenntnis der un-
garischen Sprache erworben, die ihm spater als Geschichtsforscher sehr zu-
statten kam. 1862 iibersiedelte die Familie nach Wien. F. besuchte die Real-
schule, legte 1867 die Reifepriifung ab und wurde dann, dem Wunsche seines
Vaters entsprechend, aber ohne innere Neigung, fiir den kaufmannischen
528 1920
Beruf bestimmt, Horer der Handelsakademie. Doch der Drang sich ganz der
Wissenschaft zu widmen, wurde immer starker. Er entschloB sich, alien auBeren
Widerstanden zu trotzen und sich den Weg zur Universitat zu bahnen: sein
Bemtihen war von Erfolg gekront. Er wahlte das Fach der Geschichte. Zwei
Manner, Professoren an der Wiener Universitat, haben stark auf ihn ge-
wirkt: Theodor v. Sickel und Ottokar Lorenz. In der Schule des ersteren
als Mitglied des Institutes fur osterreichische Geschichte, das eigentlich ein
Institut fiir die historischen Hilfswissenschaften war, ist er 1871 — 1873 zur
Ubung strengster Wort- und Sachkritik erzogen worden. Als Frucht dieser
Studien erschien 1875, auf Anregung von O. Lorenz, Fs. erste groBere streng
wissenschaftliche Arbeit »Abt Johann von Victring und sein Liber certarum
Mstoriarumn. In scharfsinniger Weise pruft F. die Uberlieferung und die
Quellen dieses wichtigen Denkmals der mittelalterlichen Historiographie
und verbreitet so helles Licht iiber eine bis dahin dunkel gebliebene Materie.
Zur Zeit, da F. dieses Buch veroffentlichte, das ihm den Weg zur Dozentur
an der Wiener Universitat ebnete, hatte er sich aber bereits innerlich von der
Geschichte des Mittelalters losgesagt und sich, unter dem EinfluB von Ottokar
Lorenz, als sein kiinftiges Arbeitsgebiet die neuere Geschichte gewahlt, in
deren Erforschung und Darstellung er im Laufe einer 45jahrigen Tatigkeit
Hervorragendes geleistet hat. Im Sinn der Auffassung von Lorenz hielt F.
1875 seine Antrittsrede als akademischer Lehrer » Uber Auffassung und Methode
der Staatshistorie«, in der er die Notwendigkeit, den Staat in den Mittelpunkt
historischer Betrachtung zu stellen, stark betonte.
Schon vor seiner Habilitation war F., um sich ein Existenzminimum zu
sichern, als Offizial in das Archiv des Ministeriums des Innern eingetreten und
blieb hier, seit 1878 mit der Leitung des Archives betraut, bis zu seiner 1883
erfolgten Berufung als ordentlicher Professor an die Deutsche Universitat
in Prag. Unter des war er — 1880 — zum auBerordentlichen Professor an der
Wiener Universitat ernannt worden.
Fiir seine nachste wissenschaftliche Betatigung wurde sein Eintritt in den
Archivsdienst von groBer Bedeutung. Als einer der Ersten konnte er in die
ungehobenen Schatze, die dieses Archiv barg, Einblick gewinnen. Hier fand F.
den Stoff fiir eine groBere Anzahl von Schriften, die seinen Namen in weiteren
Kreisen bekannt machten, zumal er es verstand, die Ergebnisse seiner For-
schungen in anmutender Form mitzuteilen. Zu den wichtigsten dieser Schriften
gehort der in Sybels Historischer Zeitschrift 1877 erschienene, umfanglich
beschrankte, aber inhaltsreiche Aufsatz »Zur Entstehungsgeschichte der
pragmatischen Sanktion 1703 — 1713*, in dem F. auf Grund der von ihm ge-
fundenen Akten, die Zusammenhange zwischen dem Pactum mutuae successionis
von 1703 und dem Testamente Leopolds I. von 1705 zum ersten Male klar-
legte und dadurch AnlaB zu weiteren Studien iiber diese fiir die Dynastie
und die Monarchic so wichtige Frage anregte. Eine zweite, im selben Jahre
in den Schriften der Wiener Akademie der Wissenschaften veroffentlichte
Arbeit betraf »Gerrard van Swieten als Zensor«. Das Hauptverdienst dieser
Arbeit lag in der lichtvollen Behandlung der Tatigkeit des hervorragenden
Arztes und Politikers der Maria Theresianischen Zeit bei der Organisation
der Zensur und in der eingehenden Schilderung des Kampfes van Swietens
gegen die am Hofe Maria Theresias sehr einfluBreichen Jesuiten, der aus-
Fournier 529
brach, als Swieten die Fordemng stellte, daB nur unvoreingenommene, wissen-
schaftlich entsprechend vorgebildete Manner zu Mitgliedern der Zensur-
behorde ernannt werden sollten. In diesen beiden, wie in einer Reihe anderer
kleiner Schriften, die hier nicht aufgezahlt werden konnen, zeigte F. seine
Fahigkeit, die kritische Methode, die anzuwenden er bei Themen aus der
mittelalterlichen Geschichte gelernt hatte, auf solche aus dem Gebiete der
neueren Geschichte zu ubertragen.
Als die reifste Frucht seiner aus archivalischen Studien hervorgegangenen
Arbeiten jener Zeit muB sein Buch »Gentz und Cobenzl, Geschichte der
osterreichischen Diplomatic 1801 — i8o5« (erschienen 1880) bezeichnet werden.
Heute ist F.s Werk uberholt; aber fur die Zeit seines Erscheinens war es ein
grundlegendes Buch zur Kenntnis der verwickelten osterreichischen Politik
jener ereignisreichen Jahre und des Einflusses, den der groBe Publizist Fried-
rich v. Gentz auf den Gang der Ereignisse genommen hat. Neben diesem
Hauptwerke hat F. im Laufe der 80 er Jahre eine stattliche Reihe groBerer
und kleinerer Aufsatze, zumeist auf der Grundlage der Akten des Ministeriums
des Innern, verfaBt, die zuerst in Zeitschriften erschienen und 1885 unter
dem Titel »Historische Studien und Skizzen« in Buchform veroffentlicht
wurden. Neben den bereits erwahnten Schriften mogen hier die inhaltsreichen
Studien »IUuminaten und Patrioten«, »Aus Siiddeutschlands Franzosenzeit«,
»Zur Geschichte des Tugendbundes« hervorgehoben werden. 1887 und 1888
erschienen im »Archiv fiir osterreichische Geschichte « zwei groBere wertvolle
Arbeiten iiber die osterreichische Handelspolitik im Zeitalter Maria Theresias.
Die Beschaftigung mit der osterreichischen Politik im ersten Dezennium
des 19. Jahrhunderts lenkte F.s Aufmerksamkeit immer intensiver auf den
groBen Widersacher der Monarchic, auf Napoleon I., ein Interesse, das von
Jahr zu Jahr zunahm und bis an F.s I^ebensende wuchs. Schon in den letzten
Jahren seines Wiener Aufenthaltes begann er mit den Studien, deren Resultat
eine Lebensgeschichte des groBen Korsen sein sollte. Zur Durchfuhrung kam
der Plan erst in Prag. F. war sich der Schwierigkeit seiner Aufgabe wohl
bewuBt. Es gait nicht nur einen ungeheuren Stoff zu beherrschen; es gait
vor allem Stellung zu nehmen in dem damals wogenden Streit iiber die Wer-
tungen der Leistungen und der Charaktereigenschaften Napoleons I., da die
Ansichten maBgebender Geschichtschreiber sich schroff gegeniiberstanden.
Mit dem Mute des jiingeren Mannes schritt F. an seine groBe Aufgabe. Er
selbst hat betont, daB er dabei in erster Linie weniger die Bediirfnisse der
gelehrten Forscher, als jene der weiten Kreise des gebildeten Publikums im
Auge habe. Diesen eine lichtvolle Darstellung des Lebens und Wirkens des
franzosischen Imperators zu bieten, schien ihm eine lohnende Aufgabe. In
diesem Sinne auBerte er sich im Vorworte zum ersten 1896 erschienenen
Bande seiner Napoleon-Biographie »Erz und nur Erz zu graben, kann des Hi-
storikers Lebensmiihe letztes Ziel nicht sein ; die Welt braucht Schmuck und
Waffen und ihre Schmiede diirfen nicht feiern . . . Einem groBeren Kreise
gebildeter Leser das Werden, Wagen und Wirken eines Mannes von unver-
gleichlicher historischer Bedeutung kurz und mit schlichten Worten zu er-
zahlen, ist der Zweck der folgenden Blatter «.
Nun allzu kurz ist das Werk nicht geraten ; aus den geplanten zwei Banden
wurden drei. In verhaltnismaBig kurzer Zeit war das Werk vollendet; 1889
DBJ 34
53° lg2°
erschien der letzte Band. In klarer und, dort, wo der Gegenstand es gestattet,
schwungvoller Sprache schildert F. Leben und Wirken seines Helden, dessen
unvergleichliche Geistesgaben und Willenskraft er preist, ohne die Schatten-
seiten des Charakters zu verschweigen. In seiner Darstellung erscheint Na-
poleon I. — und darin liegt wohl die Bedeutung der Napoleon-Biographie
F.s fur Laien und Gelehrte — als Geschopf und zugleich als Vollender und
Uberwinder der Revolution, aus deren Entwicklung der Imperator und seine
Bedeutung erst recht verstandlich werden. F.s » Napoleon « hat im Laufe der
vier Dezennien, die seit seinem Erscheinen verflossen sind, einen immer wei-
teren Kreis von Lesern gefunden und gilt heute, auch bei den Gelehrten der
Welt, als eine der besten Biographien des Kaisers. Das Werk hat in deutscher
Sprache vier Auflagen erlebt, ist ins Franzosische, Englische und Ungarische
tibersetzt worden. Es blieb das Hauptwerk F.s, an dem er immer weiter arbei-
tete, das er durch unermudlich betriebene Studien zu vervollkommnen bestrebt
war, ohne aber, wie er in der dritten deutschen Ausgabe mit berechtigter
Genugtuung behaupten konnte, durch die von ihm sorgfaltig verwertete
umfassende neuere Literatur zu einer wesentlichen Korrektur seiner ursprung-
lichen Auffassung vom Geist, Wirken und Charakter seines Helden genotigt
zu sein. DaB es an Angriffen gegen seine Darstellung nicht gefehlt hat, war
vorauszusehen und iiberraschte F. nicht. Er trat seinen Gegnern scharf
und energisch entgegen, verteidigte seine Auffassung mit groBem Geschick. Er
fuhrte eine scharfe Klinge und seine Hiebe safien fest.
In Prag, wo er sich bald nach seiner Ubersiedlung mit der Tochter des
Schauspielerpaares Gabillon vermahlte, hat sich F., an das reizyolle gesell-
schaftliche Wiener L,eben gewohnt — das er in seinen Erinnerungen eingehend
geschildert hat — nie recht wohl gefuhlt. Er reiste, so oft er konnte, nach Wien,
um hier zu arbeiten und zu genieBen. In die Prager Zeit fallt auch der Be-
ginn seiner politischen Betatigung. Er wurde 1891 vom bohmischen Stadte-
bezirk Tetschen-Bodenbach in den osterreichischen Reichsrat gewahlt,
schloB sich dort der deutsch-fortschrittlichen Partei der »Vereinigten Deut-
schen Linken« an, und entfaltete, von E. v. Plener, der F.s politische Talente
hoch schatzte, gefordert und unterstiitzt, eine ausgedehnte Tatigkeit im
Hause und in den Ausschiissen. Er hat die Griinde, die es ihm nicht ennog-
lichten, eine seinen Fahigkeiten und Aspirationen entsprechende Rolle in der
Partei und im offentlichen Leben zu spielen, mit anerkennenswertem Freimut
in seinen Erinnerungen erortert. Im bohmischen I^andtag, dem er seit 1892
angehorte, ist er ein mannhafter Vertreter der deutschen Interessen gewesen
ohne sich jedoch bedingungslos den Ansichten der extremen Richtung mancher
Deutschbohmen anzuschlieBen.
Die zeitraubende politische Betatigung F.s verhinderte ihn im letzten
Dezennium des 19. Jahrhunderts seine groBen wissenschaftlichen Plane aus-
zufiihren. Er muBte sich darauf beschranken, die Resultate seiner Forschungen
in Abhandlungen und Aufsatzen niederzulegen, die er zum guten Teil spater
in der zweiten und dritten Reihe seiner »Aufsatze und Studien « veroffentlicht
hat. Die Schwierigkeiten, mit denen F. in Prag zu kampfen hatte, vor allem
das Fehlen des groBen Staatsarchives und personliche Wiinsche, veranlaBten
ihn mit der ihm eigenen Energie seine Riickberufung an die Wiener Univer-
sitat durchzusetzen, die ihm, wie er behauptete, vom Ministerium zur Zeit
Fournier ^ I
seiner Berufung an die deutsche Universitat in Prag versprochen worden
war. Doch scheiterten anfanglich alle Versuche, obgleich er in seinen Be-
muhungen von einfluBreichen Personlichkeiten unterstiitzt wurde, an der
Opposition seiner Wiener Kollegen. Erst im Jahre 1900 wurde er an Adolf
Beers Stelle zum Professor der Geschichte an die Wiener Technische Hoch-
schule bernfen, von wo er 1903 als Nachfolger Max Budingers zum ordent-
lichen Professor der allgemeinen Geschichte an der Universitat ernannt wurde.
An dieser Stelle hat er, auch mit der Leitung des historischen Seminars
betraut, bis an seinen Tod im Jahre 1920 gewirkt. Seit 1909 war er korre-
spondierendes Mitglied der Wiener Akademie der Wissenschaften.
Die wissenschaftliche Betatigung F.s in den beiden letzten Dezennien seines
Lebens war eine iiberaus reiche und ihre Resultate lassen erkennen, daJ3 er
einen immer strengeren MaBstab an seine Arbeiten legte. Sein 1900 ver-
offentlichtes Werk »Der KongreB von Chatillon i8i4«, auf bis dahin zum Teil
unbekanntem handschriftlichen Material des Wiener Staatsarchivs aufgebaut,
zeichnet sich durch kritische Beherrschung des Stoffes aus und hat das richtige
Verstandnis fur die unablassig wechselnde Haltung Napoleon I. in jenen
ereignisreichen Wochen wesentlich gefordert. In einer vortrefflichen Schrift,
1903 unter dem Titel »Zur Textkritik der Korrespondenz Napoleon I.« er-
schienen, bewies F. an der Hand der Korrespondenz des Kaisers mit Talleyrand,
wie unvollkommen, verderbt und zum Teil gefalscht die Texte der groBen
» Correspondence de Napoleon /.« sind und wie dringend eine Neuausgabe ware.
1907 veroffentlichte F. die im Wiener Staatsarchive aufbewahrten Brief e
Gentz' an den osterreichischen Staatsmann Freiherrn von Wessenberg. Im
selben Jahre erschien die Studie »Osterreich und PreuBen im 19. Jahrhundert*,
eine groBziigige, lichtvolle Darstellung der Wandlungen in den Beziehungen
der zwei um die Vorherrschaft in Deutschland kampfenden GroBmachte. Im
folgenden Jahre erschien der zweite Band der »Studien und Skizzen«, die
sich in ihrer Mehrzahl auf Napoleon I. und dessen Zeitgenossen beziehen.
Besonders anziehend ist der Aufsatz der die Begegnung Napoleons I. und
Goethes in Erfurt und den Eindruck schildert, den der Kaiser auf den Dichter-
fursten gemacht hat. Die Annexion Bosniens und der Herzegowina im Jahre
1908 veranlaBte F., den Gang der Verhandlungen, die zur Okkupation im
Jahre 1878/79 fuhrten, im Zusammenhange mit den groBen Fragen der inter-
nationalen Politik zu verfolgen und die Resultate seiner Forschung, die seit-
dem allerdings iiberholt sind, in dem 1909 erschienenen Bande »Wie wir zu
Bosnien kamen« niederzulegen. Drei Jahre spater — 1912, erschien der dritte
Band der »Studien und Skizzen«, eine Sammlung der zahlreichen Aufsatze
politischen und kulturgeschichtlichen Inhalts, deren Mehrzahl F. in den Jahren
1908 — 19 1 2 verfaBt und in verschiedenen wissenschaftlichen und belle-
tristischen Zeitschriften veroffentlicht hatte. Einige dieser Studien beruhren
Fragen, die Europas Staatsmanner vor und wahrend des Wiener Kongresses
beschaftigt haben. Sie waren als Vorstudien fur ein umfassendes Werk liber
den Wiener KongreB gedacht, dessen Geschichte F. die besten Krafte seiner
letzten Lebensjahre gewidmet hat und das eine klaffende L,iicke in unserer
historischen Literatur ausfiillen sollte. Es war F. nicht vergonnt, das von ihm
aus den Staatsarchiven Deutschlands, Osterreichs, Frankreichs und Englands
sowie aus zahlreichen Privatarchiven mit eisernem FleiBe zusammengetragene
532 1920
iiberreiche Quellenmaterial zu verarbeiten. Aber eine stattliche Reihe vor-
trefflicher Aufsatze iiber Personen und Ereignisse jener Tage sowie die wert-
volle umf assende Aktenpublikation » Die Geheimpolizei auf dem Wiener Kon-
greB i8i5«, welche ein bis dahin unbekanntes Material der Benutzungzufuhrte,
beweisen den Eifer, mit dem F. an seine groBe Aufgabe herangetreten ist.
In gleicher Zeit beschaftigte ihn ein anderer Plan. Er wollte ein Lebens-
bild von Friedrich Gentz entwerfen, iiber dessen Leben und Wirken er im Laufe
der Jahrzehnte mehrere kleinere und groBere Schriften veroffentlicht und
dessen Schicksal er seit seiner Jugend mit wachsendem Interesse verfolgt hatte ;
vielleicht auch weil er Ziige seines eigenen Wesens in Gentz zu entdecken
glaubte. Auch dieses Werk zu vollenden, war F. nicht beschieden. Doch
konnte er noch kurz vor seinem Tode die letzte Hand an die Ausgabe neuer
Tagebiicher Gentzens aus den Jahren 1829 — 1831 legen.
Die letzte groBere darstellende Arbeit, die F. vollendete, war sein 1917
erschienenes Buch »Osterreich-Ungarns Neubau unter Kaiser Franz Josef I.«.
Es berichtete von den Umwalzungen in der Donaumonarchie vom Regierungs-
antritt Franz Joseph I. bis zum Abschlusse des osterreichisch-ungarischen Aus-
gleiches von 1867 und legte ein neues Zeugnis von der Gabe F.s ab, einen
Stoff zu beherrschen und ihn kiinstlerisch zu gestalten.
Nicht minder erfolgreich als die literarische Betatigung F.s war die des
akademischen Lehrers. Sein Vortrag war klar und lebendig; er verstand das
Interesse seiner Horer dauernd zu fesseln. Als Leiter des historischen Seminars
hat er mehrere Generationen von Studenten in die historische Forschung
eingefuhrt und ihnen immer wieder ans Herz gelegt, in ihren Arbeiten Wissen-
schaft und Kunst harmonisch zusammenwirken zu lassen.
In der Wiener Gesellschaft hat sich F., begiinstigt durch seine vornehme
Erscheinung, durch die Heiterkeit seines Wesens, durch sein Interesse fur
Literatur und Musik, eine angesehene Stellung errungen. 1913 befiel ihn eine
schwere Krankheit, die er mit staunenswerter Energie iiberwand. Seine Lebens-
kraft und Lebenslust wurden erst durch die Ereignisse der Kriegs- und Nach-
kriegszeit gebrochen. Denn F. war ein aufrichtiger Deutschosterreicher, trotz
seiner franzosischen Abstammung, trotz seiner Schwarmerei fiir die fran-
zosische Zivilisation, als deren Zogling er sich fuhlte, trotz aller scharfen Kritik,
die er an den offentlichen Zustanden der Donaumonarchie iibte.
Literatur: Ein Verzeichnis der Schriften F.s befindet sich im Anhange zu einer kurzen
Biographie F.s im Berichte des Rechtsrates der Wiener Universitat fiir das Studien-
jahr 1920/21, S. 30 ff.f in chronologischer Reihenfolge mitgeteilt. Neu hinzugekornmeii
sind: August F., Erinnerungen. Drei Masken Verlag, Miinchen 1923, mit einem Bild-
nis F.s.
Wien. Alfred Francis Pribram.
Frey, Adolf, Professor der deutschen Sprache und Literatur an der Uni-
versitat Zurich, * am 18. Februar 1855 in der »Baumschule« bei Aarau, f am
12. Februar 1920 in Zurich. — Adolf F., der Sohn des schweizerischen Er-
zahlers Jakob F., durchlief die Schulen von Aarau, Basel und Bern, bestand
die Maturitat 1875 in Aarau und studierte Germanistik und Kunstgeschichte
in Bern, Zurich, Leipzig und Berlin, war zugleich Redakteur an Schorers
Deutschem Familienblatt und wirkte dann 1882 — 1898 als Professor an der
Fournier. Frey 533
Kantonschule in Aarau, 1882 — 1891 zugleich als Privatdozent in Zurich.
1898 wurde er als Nachfolger Jakob Baechtolds ordentlicher Professor fiir
deutsche Sprache vind Literatur an der Universitat Zurich.
Der Literarhistoriker und Dichter F. hat die bestimmende Auffassung
von dem Wesen der Dichtung und des kiinstlerischen Schaffens einerseits
durch sein Studium bei Zarncke in Leipzig und Scherer in Berlin, anderseits
durch sein nahes Verhaltnis zu Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer
erhalten. Es ist die des positivistischen und psychologischen Realismus.
Wie in Scherers methodologischen, literaturgeschichtlichen und kritischen
Arbeiten, entsprechend der ganzen geistigen Richtung seiner Zeit, nirgends
von Idee-Erlebnis, Bildung der dichterischen Weltanschauung und ihrer Aus-
wirkung in der inneren und auBeren Form des Kunstwerks die Rede ist, so
ist auch fiir F. die Welt als sichtbare Wirklichkeit wie als sittliches Geschehen
etwas Tatsachlich-Gegebenes, Unproblematisches, das der Kiinstler nur ab-
zubilden hat. Um die Frage der Erkenntnis, um die Bildung des religios-
sittlichen Urteils hat er sich nie ernsthaft gekummert. Bestimmend fiir diese
Haltung war dann namentlich das groBe Vorbild Kellers und Meyers. Da
man damals, als F. in ihrem Lebenskreis verkehrte, von 1877 bis zu dem
Tode der beiden Dichter, von ihren ringenden Anfangen und Lehrjahren
kaum etwas wuBte, so hielt sich auch F. naturgemaB an die vollendeten Werke
und die Aussagen der beiden fertigen Meister. Wie Keller als Schiiler Feuer-
bachs und Hettners sich in Heidelberg mit erkenntnistheoretischen und
theologisch-metaphysischen Fragen auseinandergesetzt, ehe er den Weg
zum epischen Prosastil gefunden, wie Meyer vor allem durch Pascal die Er-
losung in der Nervenkrise der fiinfziger Jahre und die Beruhigung in kal-
vinischem Bekenntnis gefunden — davon erfuhr er nichts. Er sah die beiden
Dichter, die, wie jeder Kiinstler im Vollbesitze seiner Kunst, nicht mehr oder
gar feindlich von theoretischen Auseinandersetzungen sprachen, mit sicherer
Hand in ihren Werken menschliche Gestalten zeichnen und »psychologische«
Konflikte entwickeln. Er nahm also diese Art des Schaffens, der er von auBen
als Zuschauer gegeniiberstand, als die eigentlich kiinstlerische und schlecht-
hin wert voile.
Die Probleme, die sich dem Literarhistoriker und Kunstkritiker aus dieser
allgemeinen Stellung ergeben, sind wesentlich folgende: 1. Erforschung und
Darstellung der Personlichkeit des Kiinstlers nach ihrer physiologisch-psy-
chologischen Veranlagung mit starker Betonung der »Originalitat«, sowie
Beschreibung der Umwelt (des Milieus), in der er sich entwickelte und lebte.
2. Beleuchtung des Wesens des von dem Kiinstler gefundenen »Stoffes«,
vor allem nach der in ihm liegenden »Fruchtbarkeit«. 3. Untersuchung der
Technik (»Mache«) eines Kiinstlers.
Nach diesen Gesichtspunkten hat F. seine Dichterbiographien, die von
Joh. G. v. Salis-Seewis (1889), die seines Vaters Jakob Frey (1897), die Er-
innerungen an Gottfried Keller (1892), sein Lebensbild Conrad Ferdinand
Meyers (1899) und seine Monographiensammlung Schweizer Dichter (19 14)
aufgebaut, wie er nach ihnen auch seine Schilderungen von Malern wie Bock-
lin (1903), Koller (1906), Welti (1919) und Hodler (1922) entworfen hat. Es
zeigt sich in ihnen alien eine unermiidliche, auch auBerliche Belanglosigkeiten
nicht verschmahende Aufmerksamkeit fiir das geschichtliche Tatsachen-
534 ^2°
material der Biographie, das F. mit groBer Findigkeit zusammenzubringen
weiB, dazu ein eindringliches Urteil in der Erforschung und Analyse seelischer
Zustande. Bei der Darstellung des Schaffens wird auf den Nachweis der Stoff-
quellen und — dies tritt hauptsachlich in den Monographien der Maler her-
vor — anf die Beleuchtung der Technik besonderes Gewicht gelegt. Aus dem
starken Interesse fur die auBere Form erklart sich auch die Problemstellung
in dem Buchlein iiber die Kunstform des Lessingschen Laokoon (1905). Nach
diesen Seiten hin betrachtet, gehoren F.s wissenschaftliche Biicher zu den
hervorragendsten Leistungen seiner Zeit; eine ausgepragte Personlichkeit
von kiinstlerisch feingebildetem Urteil und einer auBergewohnlichen Plastik
der Sprache gibt sich in ihnen kund. Dagegen versagt seine Kraft, wenn es
sich um die Erkenntnis weltanschaulicher Erlebnisse in ihrer geistigen und
formschaffenden Bedeutung handelt: in seiner Meyer-Biographie z. B. liest
man nichts von Meyers religiosen Kampfen und philosophischen Studien,
und der eigentliche Kern von Meyers Wesen und Kunst bleibt verhullt. Wo
es sich um die Darstellung groBerer Zusammenhange, um eigentliche Ge-
schichte handelt, zerfallt ihm das literarische Leben in einzelne Personlich-
keiten, die nicht durch die Stetigkeit einer geistigen Bewegung der Zeiten
innerlich miteinander verbunden sind: statt Werdendes zu entwickeln,
begniigt er sich mit der Beschreibung des Tatsachlich-Wahrgenommenen.
Damit hangt es zusammen, daB er die von ihm lange geplante Literatur-
geschichte der deutschen Schweiz nicht zu schreiben vermochte : es ist daraus
die kleine Portratgalerie der Schweizer Dichter (19 14) geworden.
Aus dem positivistischem Interesse fur das menschliche und kunstlerische
Dokument sind F.s Ausgaben von Dichter- und Kiinstlerbriefen sowie von
dichterischen Bruchstiicken und ersten Fassungen literarischer Werke ent-
standen: so hat er Briefe Scheffels an Schweizer Freunde (1898), eine Faksi-
mileausgabe von friihen Gedichten Kellers (G. Kellers Friihlyrik, 1909),
Briefe und Aufsatze Meyers (1916) und seine unvollendeten Prosadichtungen
(1916), endlich Briefe Albert Weltis (1916, 1920) herausgegeben.
In seinem dichterischen Schaffen suchte sich F. zwischen dem naturbe-
jahenden Realismus Kellers und der calvinistischen Stilkunst Meyers seinen
eigenen Weg, der ebenfalls durch die Abwesenheit alles urspriingHchen Idee-
erlebens und jeder gedanklichen Problematik bezeichnet ist. Seine welt-
anschauhche Stellung ist die durch die ublichen Sittenbegriffe des freisinnigen
Biirgertums seiner Zeit gegebene. Es werden weder im geistigen Leben neue
Fragen aufgeworfen noch im seelischen VorstoBe in unbekannte Gebiete
unternommen, noch neue Stoffe erobert. Breiten Raum nimmt, nach alter ein-
heimischer Uberlieferung, die Verherrlichung schweizerischen Heldentums
ein: in dem Trauerspiel Erni Winkelried (1893), den Festspielen zur Bundes-
feier (1891), den Ziiricher Festspielen (1900) und in balladenartigen Gedichten,
wie iiberhaupt F. die vaterlandische Note viel starker als Meyer und kraftiger
sogar als Keller betont, bei dem das Volksgefiihl mehr als etwas Innerlich-Sitt-
liches wirkt, weniger als etwas AuBerlich-Stoffliches beschrieben wird. Auch
die Stoffe seiner beiden Romane entstammen der schweizerischen Geschichte :
Die JungfervonWattenwil (1912) stellt die Schicksale einer Berner Patrizierin
des 17. Jahrhunderts dar, Bernhard Hirzel (19 18) versucht die Gestalt eines
theologischen Wirrkopfes des 19. Jahrhunderts zu beleuchten. In diesen groBe-
Frey. Priedjung 535
ren Werken, wo es sich um die Aufrollung der Schicksalsfrage im Gewebe
des irdischen Geschehens und um die Deutung der Geheimnisse des mensch-
lichen Herzens handelte, zeigt sich die Schwache von F.s Dichtung am deut-
lichsten: die Personen werden auch durch die reichste kulturgeschichtliche
Einzelmalerei und die virtuoseste Sprachkunst in der Charakteristik der
aufleren Welt innerlich nicht lebendig. Am echtesten erweist sich sein Konnen
in dem kleinen lyrischen Lied, insbesondere den mundartlichen Gedichten
in »DuB und underm Rafe« (1891): hier ist ihm, namentlich in der schlichten
Sprache seiner friiheren Zeit, manch stimmungsvolles Stuck gelungen.
Iviteratur: F. Enderlin, A. Frey 1913. Adolf Frey-Buch. Herausgegeben von C. F.
Wiegand 1920. — L. Frey, A. Frey. Sein I^eben und Schaffen. 2 Bde., 1923/25 (mit aus-
fiihrlicher Bibliographic 2. Bd., S. 363 ff.). — Der Nachlafi ist im Besitze von Frau
Professor A. Frey, Zurich.
Zurich. Emil Ermatinger.
Friedjung, Heinrich, Historiker und Publizist, * am 18. Januar 1851 zu
Rostschin in Mahren, f am 14. Juli 1920 in Wien. — In Heinrich F.s Leben
waren Geschichtswissenschaft und Politik unlosbar verbunden. Die Lebens-
probleme der Gegenwart des deutschen Volkes und seiner osterreichischen
Heimat gaben seinem historiographischen Werke starke Impulse und lieBen
ihn in der Geschichte der Franzisko-Josephinischen Periode Osterreichs sein
Lebenswerk finden, seine wissenschaftliche Forschung hinwieder wirkte mit-
bestimmend auf die Richtlinien seiner praktisch-politischen Betatigung. Aus
diesem Nebeneinander beider Grundtendenzen erwuchs starker Gewinn fiir
sein Schaffen, Lebensatem durchweht seine Werke; es entstanden aber auch
Spannungen, die sich in einem mehrfachen Wechsel seines bevorzugten Ar-
beitsfeldes, in manchen tragischen Erscheinungen der auBeren Gestaltung
seines Schicksals und in dem Entwicklungsgang seines historisch-politi-
schen Denkens widerspiegeln. Zugleich ist dieser Entwicklungsgang und
das ihm entsprechende literarische Schaffen die individuelle Auspragung
einer bestimmten politischen Stromung innerhalb des Staates, dem F.
sein L,eben gewidmet hat und der sein Gemiit und seinen Geist gefangen-
nahm bis zum Ende, befruchtend und hemmend: des staatsbejahenden,
von starkstem DeutschbewuBtsein erfiillten, zentralistischen Liber alismus in
Osterreich. In alien Phasen des F.schen Lebens, von dem liberalen Deutsch-
nationalismus des jungen radikalen Stunners bis zum GroBosterreichertum
und bis zu dem Tage, da er dem erschlagenen Osterreich die erschiitternde
Totenklage schrieb, ist diese Linie einheitlich geblieben. Er war und blieb
der Politiker und der Historiker eines Osterreich, das er deutsch-bestimmt,
militarisch kraftvoll und liberal-zentralistisch regiert wissen wollte; eines
Osterreich, das kiinftig in eigener Staatlichkeit neben Ungarn in der Mon-
archic stehen und mit dem Deutschen Reiche innig verbunden sein sollte. Er
wuchs trotz der gegenteiligen Entwicklungsziige seines Staates immer enger
an diesen heran, bis Osterreich zerbrach, bis der Tod dieses Staates sein
eigenes Leben knickte und bis neue, seiner Welt- und Staatsanschauung
wesensfremde Krafte die Herrschaft iiber den Tag gewannen.
F.s Mutter scheint der geistig reichere Teil der Eltern gewesen zu sein.
Historisches Interesse erwuchs schwerlich aus der kaufmannischen Um-
536 1920
gebung, in der er als Knabe in dem mahrischen Kleinstadtchen und seit dem
sechsten Lebensjahre in Wien heranwuchs; eher diirfte in seinen Abstain -
mungs- und Milieuverhaltnissen die liberale Uberzeugung seines spateren
Lebens wurzeln. Als Schuler des akademischen Gymnasiums in Wien trat er
unter die Einwirkung des Historikers Heinrich Ficker, der die Liebe und den
Entschlufi zum Studium der Geschichte in ihn weckte; am Schottengymna-
sitim f and er in geistig regsamen Jtinglingen wie den spateren Nationalokonomen
Friedrich v. Wieser und Eugen v. Bohm-Bawerk und den spateren bedeuten-
den Medizinern Friedrich Schauta und Ernst Fuchs gleichgestimmte Kame-
raden. Zwei Semester des Universitatsstudiums in Prag fuhrten ihn in die
Vorlesungen Konstantin v. Hoflers und Anton Gindelys, und voll Eifer ver-
tiefte er sich in Spinoza, Kant und Fichte. Hier ist der Gedanke, Karl IV.
als geistige Individuality in seine Zeit zu stellen, in F. erwacht, hier hat
ihn aber auch die Politik, die zweite Begleiterin seines Daseins, zum ersten-
mal ergriffen und mit brennendem Interesse an der Geschichte und den
Gegenwartskampfen des deutschen Volksstammes in Bohmen erfiillt. Den
exakten kritischen Sinn belebten dann Theodor v. Sickels Vorlesungen iiber
Palaographie und Chronologie am Institut fur osterreichische Geschichts-
forschung in Wien, die philosophische Bildung forderten Theodor Gomperz
und Robert Zimmermann, deutsche Altertumskunde horte F. bei Wilhelm
Scherer, und Ottokar Lorenz mag im personlichen Verkehr, mehr als durch
seine Vorlesungen, auf den jungen Historiker gewirkt haben. In Berlin war
es ihm hierauf vergonnt, bei Leopold v. Ranke, Theodor Mommsen und Karl
Mullenhoff , sowie in Karl Wilhelm Nitzsch' Seminar zu horen und zu arbeiten.
Wix wissen nicht, wie weit von einem EinfluB Rankes die Rede sein kann.
Fuhlte sich F. von der Leidenschaftslosigkeit des greisen Meisters wenig an-
gezogen? Er schlug die Moglichkeit, in Hilfsdienste bei ihm zu treten, aus
und wandte sich nach dem Erwerb des Doktorgrades und der Ablegung der
Lehrbefahigungsprufung dem Mittelschullehramte fur Geschichte und deutsche
Sprache in Wien zu. Von 1873 bis 1879 hot mm diese Tatigkeit an der Han-
delsakademie den Lebensunterhalt.
In diesen Tagen tritt die Doppelgeleisigkeit seines Lebens bereits ganz
scharf in Erscheinung. 1876 iibergab F. sein Werk » Kaiser Karl IV. und sein
Anteil am geistigen Leben seiner Zeit« der Offentlichkeit. Es war der erste
groBe Versuch, die Personlichkeit des Luxemburgers in die geistigen Stro-
mungen mitten hineinzustellen, seine eigene schriftstellerische Tatigkeit, seine
Stellung zum kirchlichen Leben, zur Mystik, zur Kunst, zum italienischen
Humanismus und sein Schaffen als Gesetzgeber geistesgeschichtlich zu er-
schliefien und seine Regierung als »einen letzten Hohepunkt der versinkenden
alten Zeit« zu erweisen, zugleich aber auch zu zeigen, dafi »der immer reg-
same Herrscher nicht unempfanglich war fiir das Herannahen einer neuen
Epoche«. Das halbe Jahrhundert, das seitdem verflossen ist, hat F.s » Karl IV. «
noch keineswegs entbehrlich gemacht, sein Hauptproblem, die Zugehorigkeit
des Kaisers zum scholastischen Gelehrtentum mittelalterlicher Art oder seine
Spitzenstellung im neuen Humanismus, ist in j lingerer Zeit durch Konrad
Burdach recht lebendig geworden und ist doch wohl, abgesehen vom formalen
EinfluB des Petrarca und Cola di Rienzo, in F.s Sinne zu beantworten; ein
Beweis fiir den Reichtum dieses formschonen und kritischen Jugendwerks.
Friedjung 537
Ungeachtet dieser wissenschaftlichen Leistung erfuhr das Leben des Histo-
rikers eine jane Wendung, deren Ursache in jenem starken zeitpolitischen
Trieb des Autors lag. Fur Deutschtum und Freiheit begeistert, angewidert
von der Mattheit, dem Doktrinarismus und den materiellen Interessen in der
liberalen Verfassungspartei fand sich F.s radikaler Jugenddrang auf einer
Ebene mit Georg v. Schonerer, der damals den Antisemitismus noch nicht
als ein Hauptprinzip vertrat und 1879 nur die Beseitigung der »bisherigen
semitischen Herrschaft des Geldes und der Phrase « forderte. Hiermit konnte
sich auch F. einverstanden erklaren, der auch spater noch aus tiefster Uber-
zeugung fur »die Verschmelzung des jiidischen Bevolkerungsbruchteiles mit
der ihn gastlich beherbergenden Nation « eintrat, sich als Deutscher fiihlte
und stets ein bitterer Feind jeglicher Korruption und Verfechter der streng-
sten Reinlichkeit und Auf richtigkeit war. Als Kampfer gegen den Altliberalis-
mus hatte er 1877 in einer Schrift »Der Ausgleich mit Ungarn« seinen An-
schauungen scharfen Ausdruck verliehen, am Dualismus von 1867 barte Kritik
getibt und die Ausgestaltung der staatsrechtlichen Selbstandigkeit der im
Reichsrate vertretenen Konigreiche und Lander, ihre Angleichung und poli-
tische wie wirtschaftliche Verbindung mit Deutschland verlangt. Die Denun-
ziation eines Amtskollegen kam hinzu, — der Unterrichtsminister Stremayr
erzwang seine Entlassung von der Handelsakademie durch die Drohung, der
Schule andernfalls das Offentlichkeitsrecht zu entziehen. F. wurde ein Opfer
der Ara Taaffe, die im inneren Widerspruch mit dem gleichzeitig geschaffenen
deutsch-osterreichischen Biindnis stand; ein Opfer des Ministeriums, das ein
»echt osterreichisches « sein und »in keiner Weise einen nationalen Stempel
tragen« wollte und das »an den gesetzlich gegebenen Grundlagen (Verfassung
und Dualismus) festhalten« wollte, bald aber aus einem »Ministerium xiber
den Parteien« zu einem Rechtsministerium wurde und zur Zersetzung Oster-
reichs UnermeBliches beitrug. Und der Minister, der den deutschnationalen
Liberalen des Amtes beraubte, gehorte der alten deutschliberalen Richtung
an und dachte kaum noch an die eigene Sturm- und Drangzeit der Frankfurter
Paulskirche zuriick.
Jahre journalistischer und publizistisch-politischer Tatigkeit folgten, wah-
rend deren F. der wissenschaftlichen Arbeit nur zu sehr entzogen war. Sie
sind gleichwohl fiir das kiinftige Schaffen des Historikers von Bedeutung ge-
wesen. Im Jahre 1880 entwarf er mit anderen ein Programm zur Griindung
einer deutschen Volkspartei. Leitender Gesichtspunkt der Partei sollte die
Wahrung der nationalen Interessen der Deutschosterreicher sein. Die Haupt-
forderungen im einzelnen sind auf Schaffung der deutschen Staatssprache,
auf Einheit der im Reichsrat vertretenen Konigreiche und Lander (Osterreichs),
Sonderstellung Galiziens, selbstandige staatsrechtliche Stellung Osterreichs
innerhalb der Gesamtmonarchie und Abschaffung der Delegationen, auf Er-
weiterung des Wahlrechts und voile Durchfiihrung der Staatsgrundgesetze,
besonders ihrer freiheitlichen Bestimmungen, gerichtet. Mit Berufung auf das
Jahrtausend politischer Gemeinschaft, die erst 1866 abgeschnitten worden,
wird die Erhaltung und Befestigung des Biindnisses mit dem Deutschen Reich
postuliert, zugleich aber die untrennbare Verbundenheit der Deutschen Oster-
reichs mit ihrer Schopfung, der Osterreichisch-ungarischen Monarchic, betont.
Durch Grundgesetze beider Reiche soil die Allianz unlosbar gekniipft werden,
538 1920
»die Kaiserreiche deutscher Nation sollen zum festen Bollwerk des europaischen
Friedens vereint werden*, ein einheitlicher Zollbund beider, gleiche Grund-
satze der Wanning und Miinze, der Monopole und indirekten Steuern sollen
erzielt, der Anschlufl der Balkanstaaten an die grofle mitteleuropaische Allianz
soil nach Moglichkeit befordert werden. In idealer Einheit treten in diesem
Programm die Hauptlinien des politischen und geschichtlichen Denkens F.s
ans Licht: Deutschtum, Freiheit, die Erkenntnis historischer Schicksals-
verbundenheit Osterreichs mit dem gesamtdeutschen Volk und der unlos-
baren Gemeinschaft der Deutschosterreicher und ihres Staates, an den sie
ein natiirliches und geschichtliches Anrecht haben und der ohne sie nicht
leben kann ; die mitteleuropaische Idee und die starke Erinnerung an die Zeit,
da es zwei »deutsche GroBmachte« im Deutschen Bunde gab, die beide zu-
gleich europaische Machte waren und da die Mitte des Kontinents noch eine
politische Einheit war. Von dieser gedanklichen Basis aus ist der wesentliche
Anteil zu verstehen, den F. neben Schonerer, Viktor Adler und Engelbert
Pernerstorfer an der Schopfung des »Linzer Programms« (1882) nahm, das
die Sonderstellung Galiziens und Dalmatiens und den engsten Anschlufl Oster-
reichs an Deutschland herbeifuhren wollte. In dieser Denkrichtung wurde F.
auch einer der Griinder des deutschnationalen Vereins.
F. trat in die Redaktion der » Deutschen Zeitung« ein, er gab 1883 bis 1886
die » Deutsche Wochenschrift* heraus und fuhrte neun Monate lang, 1886 bis
1887, die Chefredaktion der »Deutschen Zeitung«, als dieses Blatt Eigentum
und Organ der Deutschnationalen Partei wurde. Auch in dieser Phase ist seine
Einstellung zu den Tagesfragen als deutschnationaler Liberalismus mit star-
kem osterreichischem Staatsgefuhl zu bezeichnen, und Opposition gegen den
Altliberalismus und gegen das System Taaffe und Abkehr von Schonerers
wachsendem Antisemitismus und seiner wachsenden Verleugnung Osterreichs
bestimmen seine publizistische Haltung. Er sah das Tagesschriftstellertum
stets als ein Amt am Volke und Staate an und diente ihm mit unbestechlicher
Reinheit und Festigkeit und erstaunlicher Anspannung aller Krafte. Er lebte
in dem Glauben, dafl »der praktische Politiker es in erster Linie nicht mit
Lehrmeinungen, nicht mit Gefuhlen und sozialen Uberlieferungen zu tun hat«,
dafl ihm »vielmehr das Schaffen und Wirken Hauptsache ist«. In diesem
Glauben meinte er, die deutschnationale Sache mit seiner jiidischen Abstam-
mung in vollen Einklang bringen zu konnen. Die bitterste Ehttauschung
wurde sein Los. Nur ein Bruchteil der Partei hielt zu dem Chefredakteur, der
ihr seine grofle Kraft widmete, ein anderer Teil des » Deutschen Klubs* be-
kampfte von Anbeginn die Bestellung eines Juden zum Leiter des Partei-
blattes, eine dritte Richtung — F. nennt sie die des »geleugneten Antisemitis-
mus* — stritt verdeckter gegen seine Person; immer tiefer gingen die Risse
im » Deutschen Klub«, nach »qual vollen drei Vierteln des Jahres, in welchem
keine Woche, kaum ein Tag verging, an welchem nicht irgendeine unerwartete
Schwierigkeit, ein Hemmnis aus der Mitte der Partei bereitet wurde «, legte
F. sein Amt nieder. Er hat von diesen Vorgangen in der Broschiire »Ein Stiick
Zeitungsgeschichte« (Wien 1887) Rechenschaft gegeben. Seitdem ist er nur
als Mitarbeiter und Korrespondent reichsdeutscher und osterreichischer Blatter
tatig gewesen. Zum zweiten Male war sein Leben aus der Bahn gedrangt: wie
einst der aus Deutschland hinausgewiesene Staat den deutschnationalen An-
Fried jung 53 g
wait Mitteleuropas um sein Brot gebracht hatte, so hatte nun die schroffe
Abkehr des osterreichischen Deutschnationalismus vom Liberalismus den
Liberalen F. von sich gestoBen. Den Gewinn trug die Wissenschaft da von,
der Schiffbruch des Parteipublizisten ist der Historie zugute gekommen, und
der Erfolg, der dem Politiker versagt war, ist in reichstem MaBe dem Ge-
schichtschreiber zuteil geworden.
Die Gabe zum aktiv wirkenden Politiker hatte F. wohl iiberhaupt nicht
in groBem MaBe. Er war zu sehr von dem Verlangen, den Werdegang der
Gegenwart zu erkennen, beseelt, als daB er den entschiedenen Tatwillen fiir
politische Ziele hatte aufbringen konnen. Wohl lieB ihn die Politik nicht
leicht aus ihren Banden: von 1891 bis 1895 war er Mitglied des Wiener Ge-
meinderats und trat als wirkungsvoller Redner auf. EinfluB auf die Masse
konnte der innerlich den Massentrieben stets f remde, kulturerfullte Mann nicht
gewinnen, dessen geistigem Wesen nur ein kleinerer bildungsgesattigter Kreis
homogen war. Die zunehmende Demokratisierung der deutschnationalen Be-
wegung, die sich eines Teils der Volksinstinkte bemachtigte, war ihm nicht
nur als Juden innerlich fremd geblieben. Wir begreifen es, daB er sich dem Alt-
liberalismus, gegen den er durch Jahre gestritten hatte, naherte: dieser
Liberalismus mit seiner Einschrankung des politischen Rechtes auf die Ge-
bildeten und Besitzenden entsprach schlieBlich F.s innerer Ablehnung aller
Nivellierung, und politische Personlichkeiten wie Ernst v. Plener und der
Burgermeister Prix standen nun der Linie des vollgereif ten Mannes nahe, so sehr
er seiner stolzen deutschen Uberzeugung treu blieb und so sehr die friihzeitig
in ihm erwachte Erkenntnis der Notwendigkeit sozialpolitischer Refonnen
sein festes Bekenntnis blieb. Er hat sich einer politischen Richtung, der kein
Sieg mehr winken konnte, angeschlossen.
Die Entwicklung seiner geistigen Personlichkeit war vollendet, der Histo-
riker der Ara Franz Josephs war gereift. Er hatte eine Geschichte des Donau-
handels begonnen und nahm diese Arbeit nicht wieder auf. Den fiinfzehn-
jahrigen Knaben hatte einst die Katastrophe von Koniggratz erschiitternd
ergriffen, das ganze Leben des politisch ringenden Mannes hatte dann die
Geschicke des habsburgischen Volkerstaates unter dem Zeichen des Dualis-
mus von 1867 bis in die Problematik des osterreichischen Parlamentarismus
und der Nationalitatenkampfe der neunziger Jahre beobachtend, kritisierend
und mit publizistischem Schaffen begleitet, und immer waren in ihm die
Traditionen des endenden Deutschen Bundes, seiner Werte und seiner Un-
werte, lebendig geblieben. Das deutsche Entscheidungsjahr 1866 stand im
Zentrum seines historisch-politischen Denkens. Sein Plan war zunachst, die
Geschichte Osterreichs nach 1866 mit all seiner groBen Erfahrung, seinem
deutsch und osterreichisch bestimmten Urteil zu erforschen und zu vergegen-
wartigen, im besonderen den osterreichischen Parlamentarismus zu seinem
Objekt zu machen. Dann fesselte ihn, der im tiefsten stets Individualist war,
Benedeks tragische Gestalt und wies ihn noch mehr auf das Jahr des Deut-
schen Krieges hin. Das Kriegsarchiv in Wien wurde ihm geoffnet, er konnte
dem Kriegsablauf selbst an den Quellen nachgehen, viele Mitkampfer und
Staatsmanner gaben ihm Aufschlusse, die ihm iiber ihre Erlebnisse, iiber die
» Motive des Handelns, das Werden der Entschlusse, die Charaktere der han-
delnden Personen« neues Licht breiteten, die Briefe des unglucklichen Feld-
540 1920
herrn selbst an seine Gattin wurden ihm zuganglich. Aus dem Plan der Nach-
kriegsgeschichte erwuchs der Gedanke, die deutsche Frage von 1859 bis *866
zu durchforschen und ihre Darstellung mit der des Krieges zu vereinen.
F.s »Kampf urn die Vorherrschaft in Deutschland « hat seit dem ersten
Erseheinen im Jahre 1897 zehn Auflagen erlebt. Noch nie hatte das Werk
eines Osterreichers einen so riesenhaften Erfolg geerntet. Liegt die Ursache
in der oft hinreiBenden, Geist und Herz ganz gefangennehmenden, glanzvollen
Diktion, in der Kraft des ungeheuren Gemaldes voll Farbenpracht, in der
Feinheit der Portrats, der Plastik der Schlachtenschilderungen, dem anschau-
lichen und klaren Auflosen der diplomatisch-politischen Gewebe? Liegt sie
in dem der Gegenwart so lebensnahen, an das Dasein der Leser selbst ruh-
renden Stoffe, in der groBen Sachkunde, die der Verfasser gegeniiber den
politischen und militarischen Vorgangen erweist, und an der Fiille des Neuen,
das zum erstenmal aus den Erinnerungen eines Moltke, Blumenthal und spater
Bismarcks selbst, um nur einige zu nennen, vor unser Auge trat und das ein
ganz anderes Leben erstehen lieB als Sybels nuchterne Aktenverarbeitung
oder die Generalstabsdarstellungen des Deutschen Krieges? All dies wirkte
zusammen; nicht minder eindrucksvoll aber war die Erkenntnis, daB hier
nicht nur ein Kiinstler und Forscher von Rang, sondern auch eine menschlich
offenbar hochstehende Personlichkeit und ein Mann von heiBem gesamtdeut-
schem Gefuhl, ein treuer Sohn des besiegten Staates und ein Bewunderer des
Genius der siegreichen Partei, Bismarcks, zum ganzen deutschen Volke sprach ;
daB dieses Werk nicht alte Wunden aufreiBen, nicht trennen, sondern ver-
sohnen und vereinen wollte im Geiste alter Schicksalsgemeinschaft und im
Geist des Biindnisses der einstmaligen Feinde, voll Gerechtigkeitsstreben gegen-
iiber der Heimat und ihrem tapferen Heere und voll freier Wiirdigung des
GroBen im Werden eines deutschen Reiches. F.s Werk ist nicht nur ein Gegen-
stiick zu Sybels Begriindung des deutschen Reiches, es ist ihm iiberlegen.
Mit einem Male war der Ruhm des Verfassers begriindet, den Besten seines
Faches wurde er zugezahlt, und sein Name gewann dariiber hinaus in den
weitesten Kreisen den hellsten Klang. Allenthalben erregte es Bewundening,
welche kriegsgeschichtliche Fahigkeit ein Mann, der niemals die Uniform ge-
tragen hatte, entfaltete, und immer wieder wurde anerkannt, welche Meister-
schaft gerade dazu gehorte, den Abstieg und das Ende einer uralten deutschen
Machtstellung, nicht den Aufstieg zu jungem, hellem Glanze den Herzen der
Leser nahezubringen. In der Tat: wenn Treitschke der Prophet und Weg-
bereiter des neuen Deutschland genannt wurde, so darf man sagen, in F.
sei dem unterlegenen Osterreich der groBe Geschichtschreiber erstanden.
Sein Werk gehort zu den bleibenden Schopfungen der Historiographie. Es
wird seinen Platz behaupten, auch wenn einmal die Vorgeschichte von Konig-
gratz, die deutsche Politik Osterreichs von Villafranca bis Nikolsburg und
Prag, auf Grund des osterreichischen amtlichen Materials geschrieben werden
sollte, das F. noch nicht benutzen konnte. Kleinliche Kritik darf dem aus
einem GuB gestalteten Monument des deutschen Entscheidungskampfes nicht
zu nahe treten. Literargeschichtliche Pflicht gebietet doch festzustellen, daB
sich naturgemaB die weltanschauliche Gebundenheit F.s in diesen beiden
glanzvollen Banden auBert. Seine Geschichtschreibung ist wesentlich den
diplomatischen und kriegerischen Aktionen gewidmet und konzentriert sich
Friedjung 541
auf die Personen, die Griinde ihres Tuns, ihre Schwachen und Begrenztheiten,
ihre GroBe, ihr menschliches Schicksal; auf die Verknotungen der Kabinetts-
politik, das Widerspiel der Herrscher und der Manner der Staatskanzleien
und des Feldes ; auf Schwerf alligkeiten und Henrmungen Osterreichs und die
innere tjberlegenheit des preuBischen Gegners. Wirtschaftliche und gesell-
schaftliche Momente treten in den Hintergrund und die historisch-politischen
Ideen werden von Rankes Schiiler kaum herausgehoben. Die Darstellung ist
Gegenstandlichkeit groBen Stils und beherrscht den Stof f in geistig und mensch-
lich hoher Art, gedampfte Leidenschaftlichkeit gibt ihm Blut und Farbe,
aber der MaBstab ist sehr dem politischen Liberalismus des Autors entnommen,
und der Blick auf den Kampfausgang bestimmt sehr die Anschauung der
osterreichischen Vorkriegspolitik. Den absolutierenden Werturteilen iiber die
Innenstruktur Osterreichs kann eine bestimmte Einseitigkeit nicht abge-
sprochen werden, und die Ansicht, daB das alte Osterreich in dem groBen
Kampf e gegen das jugendkraftige PreuBen erliegen muBte, nimmt eine
Zwangslaufigkeit der Geschichte an, die ebenso zu bezweifeln ist, wie die
Ansicht, Osterreich hatte gegeniiber Bismarcks Forderungen rechtzeitig ein-
lenken miissen, um den Kampf zu vermeiden, die Starke politischer Tradition
unterschatzt und wie das Urteil iiber die in Osterreich zur Entscheidung trei-
benden Krafte die Endzielrichtung der Bismarckschen Politik und die Un-
moglichkeit kaum richtig bewertet, daB die deutsche Prasidialmacht, die
Erbin des alten Kaisertums, freiwillig die deutsche Vormachtstellung aufgebe ;
und die berechtigte Bewunderung der gigantischen GroBe Bismarcks ist doch
nicht so ganz wissenschaftlich, daB das Furchtbare seiner Kampf esweise ganz
zur Geltung kame. Trotz allem: der ist kein echter Historiker, der vor der
GroBe des F.schen Werkes nicht das Haupt beugt.
Der » Kampf um die Vorherrschaf t « ist der Hohepunkt von F.s Schaffen;
immer neue Quellen sind ihm zugestromt, immer wieder hat er an der Vervoll-
kommnung gearbeitet. Nebenher gab er 1901 Benedeks nachgelassene Papiere
heraus und riickte das ergreifende Schicksal des schlichten und gottergebenen,
tapferen und der eigenen Begrenztheit bewuBten Soldaten ebenso wie die
Harte der Staatsrason und ihrer Vertreter menschlich und wissenschaftlich
in schones Licht. Nie hat die osterreichische Armee vergessen, was F. ihr an
literarischen Denkmalern geschenkt hat. Gewann schon in dem » Kampf um
die Vorherrschaft « F.s zeitpolitische Einstellung gelegentlich zu sehr die
Macht in seinem historisch-politischen Werten, so ist dies begreiflicherweise
noch weit mehr der Fall in seinem zweiten groBen Werke, in dem er nun, zuriick-
greifend vor die Entscheidungsjahre der deutschen Frage, die Erneuerung
Osterreichs nach den schweren Einstiirzen des Jahres 1848, seine auBere
Politik und seine innere Umformung bis zum Beginn des Verfassungslebens
zu schildern unternahm. F.s »Osterreich von 1848 bis i86o« ist leider ein
Torso geblieben, iiber die erste Halfte des zweiten Bandes (1912) ist das Werk
nicht hinausgediehen. Es verdankt seinen Ursprung nicht nur der Tatsache,
daB der Verfasser Alexander Bachs NachlaB verwerten konnte, es steht auch
in einem inneren Zusammenhange mit dem letzten groBen Wurfe. Der inneren
Geschichte sollte es vornehmlich dienen, das Werden der absolutistischen
Periode aus dem Freiheitstaumel der Revolution schildern und den AnschluB
an die Verfassungsauswirkung des Jahres 1859, die das vorangegangene Werk
542 1920
dargestellt hatte, gewinnen; zugleich diente es der aufieren Geschichte, da in
ihm die Wechselwirkung der Innenlage der Monarchic und des Einigungs-
werkes Deutschlands und Italiens erstehen sollte. Das Objekt des Werkes hat
nicht die grofie dramatische Kraft des vorangegangenen. Glanzvolle Partien
zieren auch diese Bande. Der Meister der militarischen und diplomatischen
Geschichtschreibung verleugnet sich nie und die » Deutsche Politik des Fiirsten
Schwarzenberg« wie die »Zeit des Krimkrieges* sind vorbildliche Leistungen
kraftvoller Forschung und Zusammenfassung. F. hat denn auch 1907 die un-
gliickliche Politik des Graf en Buol-Schauenstein in einem eigenen Buch »Der
Krimkrieg und die osterreichische Politik « behandelt und die weittragenden
Folgen dieser Phase klargestellt. Nicht ganz auf der gleichen Hohe stehen in
»Osterreich 1848 — i86o« jene Teile, die den Verfassungs- und Verwaltungs-
verhaltnissen Osterreichs bis 1855, den sozialen und wirtschaftlichen Fragen,
dem geistigen, kirchlichen und kiinstlerischen Leben zugewandt sind. Nicht
nur, dafi der kritische I<eser oft den Eindruck des Auseinanderfallens dieser
Partien gewinnt, das Auge des Verfassers ist fur die spezifische Bedeutung
konservativen politischen Denkens nicht frei und die latenten Massenstro-
mungen liegen seinem Liberalismus etwa so feme wie katholisches Fuhlen
und Wollen ; die Frage, ob rechtzeitige nationale Verwaltungsdezentralisation
fiir Osterreich nicht eine Lebensnotwendigkeit gewesen ware, tritt an den
deutschen Zentralismus F.s kaum ernstlich heran. Es fehlt endlich nicht an
Irrtumern im Tatsachlichen, namentlich der Verwaltungsgeschichte, und von
einer dem Verfasser befreundeten Seite ist mit Recht bemerkt worden, dafi
seine eigene Wesensart ihn geeigneter machte, »Helden, Biedermanner, Kern-
menschen glaubhaft hinzustellen « als zwiespaltige Naturen. So befriedigt denn
auch das Portrat Felix Schwarzenbergs nicht vollig ; weniger noch das Alexan-
der Bachs. Als sehr wesentliche Bereicherung unserer Erkenntnis einer bis
dahin recht dunklen Periode, als eine bedeutende Fortf uhrung des bedeutenden
Werkes Anton Springers, ohne dessen Mafilosigkeiten, ist doch auch diese
Leistung zu bewerten.
Wie wir geglaubt haben, von einer inneren Annaherung F.s an den Alt-
liberalismus sprechen zu durfen, so konnen wir auch von wachsender Starke
des osterreichischen Staatsgefuhles in dem Deutschnationalen sprechen. Nie-
mals aber wird man den Bruch der Entwicklungslinie, den manche zu sehen
meinten, finden konnen. Sein Glaube an das Lebensrecht und an die deutsche
und europaische Notwendigkeit Osterreichs blieb der gleiche, ob er als junger
Mann gegen Taaffe kampfte oder ob er als alternder Mann an der Seite Ahren-
thals stritt. Die bestandige Unterwuhlung des geliebten Vaterlandes emporte
seine ehrliche Seele und raubte ihm, der stets einen Rest der alten Leiden -
schaftlichkeit bewahrte, den ruhigen, kritischen Sinn, als ihm serbische, das
Treiben gegen die Monarchic beleuchtende Dokumente — nach seiner eigenen
Aussage vom Ministerium des Aufieren — iibergeben wurden. Er legte sie der
Offentlichkeit vor, der j>Friedjung-Prozefi« des Jahres 1909 aber erwies, dafi
sie zum guten Teil gefalscht waren. An seinem guten Glauben darf kein Zweifel
gehegt werden, aber es mag ein schwerer Schlag fiir den Historiker gewesen
sein, als er erkannte, dafi er sich hatte tauschen lassen. Er erwies wenig spater,
welche Scharfe der Kritik ihm auf seinem vertrautesten Gebiete zu eigen war,
als der Schriftsteller Wilhelm Alter, von krankhaftem Ehrgeiz getrieben, mit
Friedjung 543
erfundenen und gefalschten Bausteinen aufsehenerregende Schriften iiber
Deutschlands Einigung und die osterreichisehe Politik, iiber Benedek im Feld-
zug von 1866 und iiber die auswartige Politik der ungarischen Revolution
anfertigte. Nach F.s Sinn war die Wiedererweckung der Monarchic zu auBen-
politischer Aktivitat durch Ahrenthal, er war ein Verfechter auch der Abwehr,
zu der sich sein Vaterland endlich nach langer Passivitat gegeniiber dem
zerstorenden Treiben beuteliisterner Nachbarn erhob. Der Weltkrieg fand den
Historiker des sterbenden Deutschen Bundes und des werdenden Deutschen
Reiches, den Historiker des Osterreich Franz Josephs fest iiberzeugt von Oster-
reichs Recht und Pflicht zum Kampfe und fest iiberzeugt von der Tragkraft
des Biindnisses beider Kaiserreiche gegeniiber einer feindlichen Welt.
Er hatte schon zuvor, einer Anregung des Verlags von Schlossers Welt-
geschichte, aber auch dem inneren Antrieb erhohten weltpolitischen Interesses
folgend, die Niederschrift der Geschichte der jiingsten Weltperiode begonnen,
die er als imperialistische ansah. F. hat die Vollendung seines »Zeitalter des
Imperialismus 1884 — 1914* nicht mehr erlebt; der Hand A. F. Pribrams ist
die Fertigstellung und Ausgabe des zweiten und dritten Bandes zu danken.
Der groBe Erfolg hat sich nicht eingestellt, den die GroBe der Anlage des
Werkes verdient hatte. Es ist der erste weitausgreifende und tiefreichende,
streng wissenschaftliche Versuch eines Forschers, der stets fiir die Bedeutung
der Macht im Leben der Volker das groBte Verstandnis hatte, »die zwischen-
staatHchen Beziehungen auf dem ganzen Erdenrundd in dem jiingsten Zeit-
alter wiederzugeben, und dieser Versuch ist nicht nur als kiihne, sondern
auch als gelungene Tat hoch einzuschatzen. Aber — so wahr es ist, daB der
Imperialismus eine wesentlichste Signatur dieses Zeitalters darstellt, es durfte
doch nicht von einer Ablosung des Schwergewichtes dreier Tendenzen des
19. Jahrhunderts, der liberalen, nationalen und imperialistischen, gesprochen
werden, sondern das Nacheinander wird auch zum Nebeneinander und zum
Verflechten der drei Strdmungen, der einheitliche von F. gewahlte Nenner
der Zeit trifft schwerlich zu. Und auf Englands Weltherrschaftsstreben liegt
allzusehr das Schwergewicht. Konnte es ferner dem seit langem anwachsenden
Drange, die innere Entwicklung der Nationen und das politische Aufstreben
der Massen in das geschichtliche Bild aufzunehmen, noch entsprechen, wenn
F. sich wieder »der Hauptsache nach auf das wundervolle Geflecht der auBeren
Politik, auf das Zusammen- und Gegenspiel der internationalen Entwiirfe und
Handlungen der fiihrenden Manner beschrankte « ? In seiner Bescheidenheit
spricht er selbst vom BewuBtsein der Schranken seines Konnens, das ihn zu
diesem Verzicht bewogen habe. Hier lag in der Tat die Starke, aber auch die
Grenze seiner gewaltigen Befahigung: er blieb auch als Historiker der, der
er war. Das gewichtigste Moment aber, das diesem Werk den Ruhmestitel
vorenthalten hat, den es zehn Jahre friiher gewiB errungen hatte, war wohl
das, daB seine Grundlage in einer Zeit der unerhortesten Zahl neuer Quellen-
erschlieBungen, Forschungen und Einzeldarstellungen zur Geschichte der
jiingsten Vergangenheit in kiirzester Frist unzulanglich geworden ist. Der
hohe historiographische Rang des ausgezeichnet gegliederten Werkes bleibt
unerschiittert, in vielen seiner besonderen Darlegungen ist es friih veraltet.
Das alte Sehnen des Politikers F. ist wahrend des groBen Volkerringens
wieder lebendig geworden, der furchtbare Zusammenbruch hat ihn als ganzen
544 l*2°
Mann, treu seinen Lebensuberzeugungen, in seinen Grundsatzen nicht wanken
lassen. Mit anderen gleichgestimmten Mannern gab er 19 15, als Manuskript
gedruckt, eine »Denkschrift aus Deutsch-Osterreich« heraus; sie wollte die
politischen Folgerungen aus den ungeheuren Garungen der Zeit ziehen fur
Mitteleuropa, ftir Osterreich, fiir Deutschland. Der alte Dreiklang! Ein wahres
Mitteleuropa soil endlich durch eine enge politische, staatsrechtlich durch die
Parlamente gesicherte Bundesgenossenschaft der beiden Kaiserreiche und
durch einen militarischen und zoll- und handelspolitischen Grundvertrag
Deutschlands und Osterreich-Ungarns entstehen. Die im Reichsrat vertretenen
Konigreiche und Lander bilden eine staatsrechtliche Einheit Osterreich,
aus der die polnisch-ukrainischen Teile ausgeschieden werden und die mit
TJngarn in ein festes Verhaltnis tritt, mit mechanischem Schliissel zur
Aufteilung der Beitrage beider Staaten fiir die gemeinsamen Angelegenheiten.
Die Aufrechthaltung der Staatlichkeit Ungarns hat die GroBmachtstellung
und militarische Schlagfertigkeit der Gesamtmonarchie zu wahren, den nicht-
magyarischen Volksstammen Ungarns wird freie Kulturentwicklung gesichert,
die Sonderstellung Kroatiens und Slawoniens gewahrleistet. In Osterreich ist
die deutsche Sprache als Staatssprache gesetzlich festzulegen, vor Zusammen-
tritt der gesetzgebenden Korperschaften erlaBt die kaiserliche Regierung
Sprachengesetze, durch die den Nationalitaten ihre kulturelle Entwicklung
nicht verkummert, die leitende Rolle des deutschen Elementes unter der
Fiihrung einer starken Regierung aber verbiirgt wird. Die polnischen Landes-
teile werden als autonomes Gemeinwesen im Rahmen des osterreichischen
Staates konstituiert, sie werden in Hinkunft nur noch in der osterreichischen
Delegation, nicht mehr im Reichsrat vertreten sein, analog ist spater mit den
ukrainischen Landern zu verfahren, in Hinkunft mag ein dritter Staat Polen
neben Osterreich und Ungarn gebildet werden. Bosnien und Herzegowina
bleiben vorlaufig in militarischer Verwaltung, Serbien wird in dem Umfange,
den es vor 1912 hatte, mindestens milit arisen und handelspolitisch an die
Monarchic angegliedert, in spaterer Zeit kann vielleicht der ZusammenschluB
der Siidslawen zu einer engeren Verbindung innerhalb des Habsburgerreiches
erfolgen, in alien serbokroatischen Gebieten der Monarchic ist den Katholiken
und Mohammedanern gegenuber der orthodoxen Mehrheit Schutz und Sicher-
heit zu gewahren.
Das war F.s letztes grofles politisches Programm. Der Gleichklang mit der
Denkschrift von 1880 erweist die groBe Einheitlichkeit dieses politischen
Lebens. Als das Ende aller der stolzen Traume gekommen war, vereinigte er
seine kleineren Abhandlungen in dem Bande »Historische Aufsatze«. Noch
einmal iiberblicken wir hier sein literarisches Schaffen: die osterreichische
Bauernbefreiung, der kuhne Denker der mitteleuropaischen Zollunion, Bruck,
dann Felix Schwarzenberg und Alexander Bach ; der Ausgleich von 1867 und
die Donaumonarchie als einheitliches Zollgebiet ; die drei AuBenminister Rech-
berg, Andrdssy und Kalnoky ; die deutsch-liberalen und zentralistischen beiden
Plener, Adolf Fischhof und Alexander v. Peez, Grabmayr und Chlumecky,
das osterreichische Sprachenrecht und die Bedeutung der Deutschbohmen
fiir die deutsche Nation; endlich Osterreich-Ungarn und RuBland 1908 und
die Buchlauer Zusammenkunft Iswolskys und Ahrenthals — so zieht das
innere und auflere Geschick des Staates Osterreich von 1848 bis an die Schwelle
Friedjung. Ganghofer 545
des Weltkrieges noch einmal vor unserem geistigen Auge vorbei. Das altoster-
reichische Heer wird in den Schildernngen der Schlacht von Aspern und in
den Bildern eines Horst und Angeli lebendig, und wie ein Symbol stent vorne
in der Reihe »Die osterreichische Kaiserkrone« und am Schlufi das fein ab-
getonte Portrat des letzten Kaisers im wahren Sinn, Franz Josephs. Ein
Denkmal jenes Osterreich, das er geliebt und fur das er gearbeitet und gelitten
bat ! Der Reihe der Geschichtschreiber Anton Springer, Alfred v. Arneth und
Josef Alexander v. Helfert, deren Biographien er in diesem Bande seinen Geist
und seine Kunst widmete, schlieBt sich F. selbst als der bedeutendste an.
Wie ein Vermachtnis am Schlusse des eigenen Erdendaseins wirkt es, daB
F. diesem seinem letzten Buch die tiefernsten Worte voraussandte : » Dieses
Buch beschaftigt sich mit einer versunkenen Welt. Es enthalt Studien iiber
Osterreich, die im Laufe der letzten dreiBig Jahre entstanden, von dem Ge-
danken der Daseinsnotwendigkeit des Donaureiches getragen sind. Die Mon-
archic ist in ihre Teile zerschlagen und durch eine Totenklage nicht zum
Leben zu erwecken. Wir alten Osterreicher sind besiegt, aber nicht erschiittert
in unserer Uberzeugung, daB dieses Reich seinen unendlich schweren Beruf
zwar unvollkommen, aber — bis zur klaglichen Selbstpreisgabe im Oktober 191 8
— in Ehren erfullt hat. Dies zu bekennen, ist mir ein Bedtirfnis : gleichgultig,
ob neuer Hohn und HaB sich zu dem gesellen, was die Aufrechten und sich
selbst Getreuen in den Tagen des Ungliicks iiber sich muBten ergehen lassen.
Die zu einer verlorenen Sache gestanden haben, sind nur dann gedemiitigt,
wenn sie die Reihen verlassen, nicht wenn die Fahne den ermatteten Ver-
teidigern im Kampfe entsunken ist. « Und dann: »Jetzt, da Osterreich zer-
fallen ist, drangt sich unsere ganze Empfindung in der Liebe zum Kernvolke
der alten Monarchic und damit zur groBen deutschen Nation zusammen. Wohl
tiirmen sich gegenwartig Widerstande entgegen, zuletzt aber werden wir doch
zum Mutterlande zunickkehren, von dem einer der besten Stamme zur Er-
fiillung gewaltiger Aufgaben nach Siidosten ausgezogen war.<( — »Auch dem
Garen und Drangen unserer Zeit entringt sich ohne Zweifel ein Neues und
GroBes. Veranderte Aufgaben weisen auf hohere Ziele und reichere Ideale
hin, aber beim Ausblick in die Zukunft soil die Pflicht nicht vergessen sein,
dem Vergangenen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. « Im nachsten Jahre
muBte Heinrich F. die Feder fiir immer niederlegen. Der Historiker und Poli-
tiker hat sich mit jenen Zeilen, ohne es zu wollen, die edelste Grabschrift
geschrieben.
I/iteratur: F.soben angefiihrte Schriften. — Herwig (Eduard Pichl), Georg Schonerer,
4 Bde., Wien 191 2 — 1923 (vgl. Deutsches Biogr. Jahrbuch 1921, S. 228/232). — P. Molisch,
Oeschichte der deutschnationalen Bewegung in Osterreich, Jena 1926. — A. Bettelheim,
Biographenwege, Reden und Aufsatze, Berlin 1923. — Nekrologe in verschiedenen Tages-
zeitungen (ohne sonderliche Bedeutnng) und von Oswald Redlich im Alnianach der Aka-
•demie der Wissenschaften in Wien fiir das Jahr 1921, 71. Jahrgang.
Wien. Heinrich Ritter v. Srbik.
Ganghofer, Ludwig, * am 7. Juli 1855 in Kaufbeuren in Schwaben, f 24. Juli
1920 in Tegernsee. — G. war der Sohn des Forstamtsaktuars August G. in
Kaufbeuren und seiner Gattin Charlotte, geb. Louis. Er besuchte die Schule
in Neuburg a. d. Donau, Augsburg und Regensburg, studierte in Wiirzburg,
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Miinchen und Berlin und bestand 1879 in Leipzig seine Doktorpriifung. 188 1
bis 1893 war er als Dramaturg, Schriftsteller und Redakteur in Wien, 1893 ging
er wieder nach Miinchen und lebte dort im Winter. Die Sommer verbrachte er
auf seinem Jagdhaus Hubertus auf der TillfuBalm bei Mitten wald. 1919 siedelte
G. nach Tegernsee iiber. An seinem 70. Geburtstag, 1925, wurde zu seinem
Andenken in Ber.chtesgaden ein schones und einfaches Denkmal, eine Gang-
hoferbank enthullt, eine Gabe der Verehrer und Freunde.
Verheiratet war G. seit 1880 mit Katinka, geb. Engel, der Ehe entstammten
ein Sohn und zwei Tdchter.
Den ersten groBen Erfolg brachte G. 1880 sein Volksstiick »Der Herrgotts-
schnitzer von Ammergau«. Keines seiner spateren Dramen war so volkstiim-
lich, obwohl unter ihnen manche sind, die an Originalitat der Einfalle, an der
gliicklichen Zeichnung der Charaktere und an der festen Fiihrung der Hand-
lung das Jugendstiick weit iibertreffen. G. wird auf Bauerntheatern, besonders
in Oberbayern, immer noch gern und gut gespielt, und das mit Recht. Seinen
eigentlichen Ruhm aber dankt G. seinen Hochlandgeschichten. Der erste in
der Reihe seiner Berchtesgadener Romane, »Der Klosterjager* 1891 war der
Bahnbrecher. Seitdem sind seine Geschichten in Millionen von Exemplaren
iiber die deutsche Welt verbreitet. Sie werden heute, sieben Jahre nach seinem
Tode, ebenso begehrt und gelesen wie zu den Lebzeiten des Dichters.
G. wird von der ziinftigen Literatur oft und entschieden abgelehnt; auch
viele unserer Jugendbildner verwerfen sein ganzes Werk kurzerhand als Schund.
»Die mannliche Marlitt«, damit glauben sie ihn abgetan.
Nun, das ist richtig, G. schrieb viel und rasch, in seiner Darstellung ist er
oft breit, weich, etwas trivial, er neigt zu Riihrseligkeiten und Sentimentali-
taten und zu falschen Idealisierungen, auch laBt er sich von seinen Empfin-
dungen zu weit fortreiBen und hat gegeniiber seinen Einf alien nicht immer die
notige Kritik. Was aber weniger bekannt ist, er hat seine Werke, wenn sie ihm
nicht geniigten, in spateren Auflagen stark iiberarbeitet und war fur eine
sachliche Kritik immer dankbar und empfanglich. Seine Fehler entspringen
auch nicht einem Mangel, sondern eher einem UberfluB, einem Zuviel an Gaben
und einer zu starken Unbandigkeit. Mit gutem Recht gilt G. trotz allem als
einer unserer besten Volksdichter. Eine Gabe des Fabulierens und eine erf inde-
rische Kraft der Phantasie, wie er sie besafi, werden Dichtern nicht oft ver-
liehen. Dazu kam eine natiirliche Herzlichkeit und Giite, eine siiddeutsche
Anmut der Rede, eine iiberstromende Liebe zu allem Schonen, starke Freude
am Originellen und Naturgewachsenen und ein sieghafter Lebensmut. Im
Wald und in der Natur, unter einfachen Menschen war er aufgewachsen, be-
schiitzt von einem giitigen Vater und von einer heiteren und anmutigen Mutter,
die Pracht und Majestat der Berge war der erste groBe Eindruck seines Lebens,
die Leidenschaft zur Jagd lag ihm, ein vaterliches Erbteil, im Blut. Das alles
spiegelt sich in seinen Schriften und gibt ihnen etwas von ihrem Reiz. Dazu
war G. stark begabt fur alles Technische, er verfolgte lebhaft interessiert die
Naturwissenschaften und war aufgeschlossen und hellhorig fiir alle Fortschritte
der Zeit und fiir alles Grofie. Sein liebster Umgang blieben die Kiinstler und
sein groBtes Gliick Frau und Kinder und Enkel. Ein starker, vielseitiger Leser,
ein giitiger und fordernder Beurteiler aufstrebender Talente, ohne jedenNeid,
eine ungewohnliche Arbeitskraft, die an sich die hochsten Anforderungen
Ganghofer. Johann Albrecht 547
stellte, und, wenn es sein muBte und wenn ihn die Lust packte, ein Regisseur
und Jotirnalist ohnegleichen ; — alles, was er trieb, das trieb er mit ganzem
Einsatz: so lebt er in der Erinnening seiner Freunde. — Man darf sagen,
er war eine der liebenswiirdigsten und reichsten Begabungen axis der Zeit
Wilhelms II., ein Dichter, der als Bayer PreuBens und Deutschlands GroBe
erkannte und pries und durch seine Schriften fiir die deutsche Einheit manches
Gute bewirkt hat, und ein Dichter, der an der Reihe seiner Berchtesgadener
Geschichten sich an eine neue Aufgabe wagte, an die Darstellung der Ent-
wicklung eines deutschen Dorfes durch die Kampfe und Schicksale von zwei
Jahrtausenden.
Iyiteratur: Bin Verzeichnis der Dramen und Romane Ganghofers findet sich im Jahr-
gang 1920 von Kurschners deutschem Ljteraturkalender. Die Gesamtausgabe erschien in
vier Serien bei Bonz in Stuttgart seit 1905. Wir verweisen ferner auf die ausgezeichneten
Schilderungen, die Jager, auf seine Selbstbiographie, Lebenslauf eines Op ti mis ten, und
auf den Band aus dem Nachlafl: Das wilde Jahr (Berlin, Grothe 1921); vergleiche ferner
Vincenz Chiavacci: t,udwig Ganghofer, Stuttgart 1905.
Koln. Friedrich von der Leyen.
Johann Albrecht, Herzog zu Mecklenburg, Prasident der Deutschen Ko-
lonialgesellschaft, * am 8. Dezember 1857 in Schwerin, f am x6. Februar
1920 in Willigrad. — Der Herzog wurde als dritter Sohn des GroBherzogs
Friedrich Franz II. zu Mecklenburg-Schwerin geboren. Der fiir die jungeren
Sonne fiirstlicher Hauser geltenden Ubung entsprechend trat der Herzog,
nachdem er in Dresden das Vitzthumsche Gymnasium absolviert und in
Bonn studiert hatte, in die Armee ein, und zwar in das Leibgarde-Husaren-
regiment in Potsdam. Aber es war dem Herzog nicht beschieden, in der mili-
tarischen Laufbahn einen befriedigenden Iyebensinhalt zu finden. Schon friih
beschaftigten ihn Studien iiber fremde Lander und Volker, die er auf Reisen
zu vervollstandigen suchte. Ende 1882 nahm er einen zweijahrigen Urlaub
und trat eine Reise um die Welt an. Seine Studien fuhrten ihn in die Kolonial-
politik, ein Gebiet, das anfangs der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts
mit der Erwerbung der deutschen Schutzgebiete in Afrika und der Siidsee
in den Mittelpunkt des offentlichen Interesses getreten war. Bekannt als
eifriger Vertreter der kolonialen Bestrebungen wurde er, als der erste Pre-
sident der Deutschen Kolonialgesellschaft, Fiirst Hermann zu Hohenlohe-
Langenburg infolge seiner Ernennung zum Statthalter von ElsaB-Lothringen
sein Amt niederlegte, am 15. Januar 1895 zum Prasidenten der Deutschen
Kolonialgesellschaft gewahlt. Der Herzog trat damals gerade von Neapel
aus seine zweite groBe Reise an, die ihn, begleitet von seiner Gemahlin, nach
Ceylon fuhrte. Auf der Riickreise besuchte er das Schutzgebiet von Ost-
afrika, das damals im Anfang seiner vielversprechenden Entwicklung stand.
Zwei Jahre darauf , im Jahre 1897, wurde er nach dem Tode seines Bruders,
des GroBherzogs Friedrich Franz III. zur Regentschaft des GroBherzogtums
Mecklenburg-Schwerin fiir seinen Neffen, den minder jahrigen GroBherzog
Friedrich Franz IV. berufen. Er fuhrte die Regentschaft bis zur Volljahrig-
keit seines Neffen im Jahre 1901.
Noch einmal trat der Herzog spater in die Reihe der deutschen Bundes-
fiirsten ein. Nach dem Tode des Prinzen Albrecht von PreuBen wurde
548 1920
er durch den Braunschweiger Landtag einstimmig zum Regenten des Herzog-
tums Braunschweig gewahlt. Die Regentschaft endete, als nach dem Erbfolge-
verzicht des Herzogs von Cumberland dessen Sohn Ernst August mit Zu-
stimmung des Bundesrats die Regierung in Braunschweig ubernahm, am
i. November 1913.
Es ist fur die ganze I^ebensauffassung des Herzogs bezeichnend, daB er
das Amt des Prasidenten der Deutschen Kolonialgesellschaft auch wahrend
seiner beiden Regentschaften nicht nur formell beibehielt, sondern tatsach-
lich in der intensivsten Weise verwaltet hat. Nur seine hohe Auffassung
von den Pflichten gegentiber Reich und Volk konnte den Herzog bewegen,
neben seiner Stellung als Regent und Souveran eines Bundesstaats das Amt
des Prasidenten der Deutschen Kolonialgesellschaft beizubehalten. Bequemer
ware es fur den Herzog sicher gewesen, sich zum Protektor der Deutschen
Kolonialgesellschaft ernennen zu lassen und sich so der unmittelbaren Be-
ruhrung mit dem politischen Getriebe zu entziehen. Nur einem iiberlegenen
Geiste, einem Manne von auBerordentlichem Takt und Geschick konnte es
gelingen, die vielfachen Klippen einer derartigen Doppelstellung glucklich
zu umschiffen. Seine Pflicht als Regent erfullte der Herzog in der gewissen-
haftesten Weise. Aber gerade aus seiner Gewissenhaftigkeit heraus, in dem
BewuBtsein, daB er die Regierung nur fiir einen anderen fuhrte, mag sich
der Herzog bei Ausubung seiner Regententatigkeit gar manche Beschran-
kung auferlegt haben. Demgegeniiber bot seine Stellung als Prasident der
Deutschen Kolonialgesellschaft seinem Betatigungsdrang ein viel freieres
Feld. Er wollte die Wirksamkeit der Deutschen Kolonialgesellschaft nicht
beschrankt wissen auf die deutschen Kolonien, sein Programm umspannte.
wie er in seiner Eroffnungsrede zum Ersten Deutschen KolonialkongreB aus-
fuhrte, die gesamten Interessen des Vaterlandes jenseits der Meere. Dabei
gab es manchen Kampf auszufechten. Nicht nur innerhalb der Kolonial-
gesellschaft stieBen die verschiedenen Richtungen oft stark aufeinander, auch
mit der Kolonialverwaltung gab es manche Meinungsverschiedenheit aus-
zutragen. Der Herzog war durch aus nicht der Mann, seine tlberzeugung
opportunistischen Erwagungen zu opfern. Er hat seine Ansichten innerhalb
der Gesellschaft, wie nach auBen hin stets mit Energie vertreten. Ganz zweifel-
los haben die vielen neuen Fragen, die dauernd auf dem Gebiete der Kolonial-
politik auftraten, auf den nie rastenden Geist des Herzogs eine besondere
Anziehungskraft ausgeiibt. Jedenfalls hat er seines Amtes als Prasident der
Deutschen Kolonialgesellschaft von Anfang bis zu Ende, auch wahrend seiner
beiden Regentenschaften, in vorbildlicher Weise gewaltet. Er hat vom Jahre
1895 bis zu seinem Tode samtliche Tagungen der Deutschen Kolonialgesell-
schaft geleitet und auf den groBen deutschen Kolonialkongressen in den
Jahren 1902, 1905 und 1910 das Prasidium gefuhrt. Dabei kam ihm eine
ausgesprochene Begabung zur Leitung groBer Versammlungen besonders zu-
statten. Mit Geist und Takt verstand es der Herzog, auch erregte Debatten
immer wieder in sachliche Bahnen zu lenken. Zweimal hat der Herzog den
Tagungen des Institut Colonial International, dessen Mitglied er war, prasi-
diert.
Die Beruhrungspunkte, die sich aus der Kolonialpolitik ergaben, suchte
der Herzog auszunutzen, urn unsere Beziehungen zu Frankreich zu bessern.
J oh arm Albrecht caq
Gerade die Kolonialpolitik ermoglichte auf den verschiedensten Gebieten eine
Erorterung kultureller und wirtschaftlicher Fragen, bei denen die alther-
gebrachten Gegensatze zwischen beiden Nationen von vornherein ausge-
schaltet waren und die gerade deshalb geeignet waren, ein besseres gegen-
seitiges Verstandnis anzubahnen. Auf die Initiative des Herzogs ist es
zuriickzufiihren, daB am 15. Marz 1907 der franzosische Kolonialpolitiker
Lucien Hubert in Berlin und am 21. Dezember 1907 der friihere Gouver-
neur von Deutsch-Ostafrika, Graf Gotzen, in Paris kolonialpolitische Vor-
trage hielten.
Auf alien Gebieten der Kolonialpolitik, dem rein politischen, dem wirt-
schaftlichen und wissenschaftlichen war der Herzog zu Hause. Alle groBen
Veranstaltungen auf kolonialpolitischem Gebiet waren seiner Forderung
sicher, ja sie gingen haufig aus seiner Anregung hervor. Von ihm ist der Ge-
danke der groBen deutschen Kolonialkongresse ausgegangen. Seiner An-
regung verdanken wir eine Reihe groBer wirtschaftlicher Expeditionen, er
war mit das treibende Moment bei Veranstaltung der Wohlfahrtslotterie fur
die Kolonien. Dem Kolonialrat gehorte der Herzog wahrend der ganzen Zeit
seines Bestehens an, er beteiligte sich an alien Beratungen und war einer der
ersten, der im Kolonialrat immer wieder auf die bedenklichen Seiten der
groBen Land- und Minenkonzessionen hinwies.
Bezeichnend fur den weiten Blick des Herzogs ist es auch, daB er einer
der ersten in Deutschland war, der die Bedeutung des Auslanddeutschtums
fur unser Volksleben erkannte, und einsah, wie notwendig es war, der Plan-
losigkeit im deutschen Auswanderungswesen ein Ende zu machen. Auf seine
Anregung hin wurde die im Jahre 1902 gegriindete Zentralauskunftsstelle
fur Auswanderer der Deutschen Kolonialgesellschaft angegliedert, und der
Herzog fiihrte selbst den Vorsitz im Auskunftsbeirat.
Auch das Protektorat uber den Hauptverband der Deutschen Flotten-
vereine im Auslande ubernahm der Herzog.
Noch einmal, Ende des Jahres 1909, unternahm der Herzog, begleitet von
seiner zweiten Gemahlin, eine groBe Reise nach dem fernen Osten, auf der
er auch das Schutzgebiet Kiautschou besuchte.
Der Herzog war in erster Ehe vermahlt mit der Prinzessin Elisabeth von
Sachsen- Weimar. Nach dem am 10. Juli 1908 erfolgten Tode vermahlte er
sich zum zweiten Male am 15. Dezember 1909 mit der Prinzessin Elisabeth
von Stolberg-RoBla. Er hatte das Gliick, in seinen beiden Gemahlinnen Lebens-
gefahrtinnen zu finden, die nicht nur seinen Bestrebungen voiles Verstand-
nis entgegenbrachten, sondern als Ehrenvorsitzende und Vorsitzende des
Deutschen Frauenvereins fur die Kolonien praktisch an seiner Arbeit teil-
nahmen.
Bis zu seinem Tode war der Herzog President der Deutschen Kolonial-
gesellschaft und der unbestrittene Fiihrer der kolonialen Bewegung in Deutsch-
land. Sein an Arbeit und Erfolgen reiches Leben fand seinen tragischen Ab-
schluB durch den Weltkrieg. Noch wahrend des Krieges hat sich der Herzog
mehrfach in politischen Missionen betatigt, besonders bei dem AnschluB
Bulgariens an die Mittelmachte. Den Zusammenbruch Deutschlands konnte
der stolze, von leidenschaftlicher Vaterlandsliebe beseelte Mann nicht iiber-
leben. Er starb am verlorenen Krieg.
550 iQ2o
I/iteratur: Johann Albrecht, Herzog zu Mecklenburg im Deutschen Koloniallexikon,
Bd. II, S. 130/131. — Jahrbuch iiber die Deutschen Kolonien, herausgegeben von Dr. Karl
Schneider, Essen, Verlag G. D. Baedeker, 1908, 1. Jahrgang, S. 1 — 5. — Verhandlungen
der Deutschen Kolonialkongresse von 1902, 1905 und 191 o, Verlag von Dietr. Reimer,
Berlin. — Kolonialzeitung vom Jahre 1895, 1908, 1909, 1920.
Berlin. Theodor Seitz.
v, Kapp von Gultstein, Otto, Geheimer Oberbaurat, Ingenieur, * am 1. Au-
gust 1853 in Rottenburg a. N., f am 19. Oktober 1920 in Stuttgart. — Otto K.
studierte an der Technischen Hochschule in Stuttgart. Nach Ableistung seiner
Dienstpflicht als Einjahrig-Freiwilliger im Infanterieregiment 125 bestand er
das erste Staatsexamen, worauf er 1875 als Regierungsbaufuhrer bei den
wiirttembergischen Eisenbahnamtern Herrenberg und Bornstetten beschaftigt
wurde. Nach Beforderung zum Reserveoffizier war K. 1875/77 als Baufuhrer
bei den Hafenbauten in Wilhelmshaven tatig. Nach bestandener zweiter
Staatspriifung 1877 zum Regierungsbaumeister ernannt, blieb er bis 1881
weiter in Wilhelmshaven beschaftigt. Alsdann trat er Studienreisen nach
Holland, Belgien und Frankreich an. Noch im selben Jahre trat er in Paris
in den Dienst der Regie generate de Chemins de fer et Travaux publics. In ihrem
Auftrage leitete er den Bau der serbischen Eisenbahnstrecken Belgrad-
Welikaplana-Semendria, Nisch-Piret-Zaribrod und Wranja-Sibeftsche, mit
einer Gesamtlange von 244 Kilometern. Der Bau dieser Strecken war im
Jahre 1887 beendet. Im Jahre 1888 leitete er als Chefingenieur den Bau des
Kanals von Korinth. In den Jahren 1889 bis 1899 war KaPP fa der Tiirkei
tatig. Unter seiner Leitung erfolgte der Bau der kleinasiatischen Eisenbahnen
von Ismid nach Angora und von Alaschehir nach Afionkarahissar, sowie in
der europaischen Tiirkei der der Linien von Salonik nach Monastir und von
Salonik nach Dedeagatsch, zusammen 1469 Kilometer.
Wahrend seines Aufenthaltes in der Tiirkei forderte K. in hervorragender
Weise die Interessen der deutschen Kolonie. Aus eigenen Mitteln ermoglichte
er dem deutschen Verein »Teutonia«, der ein gesellschaftlicher Sammelpunkt
der in Konstantinopel ansassigen Deutschen war, den Bau seines Vereins-
hauses. Auch erstand unter seiner Leitung das Haus der deutschen Schule in
Konstantinopel.
K. gehorte als technisches Mitglied der Studienkommission an, die in den
Jahren 1899 bis 1900 von der Deutschen Bank zur Ermittlung der besten
Trace fur die Bagdadbahn ausgesandt wurde, deren Bau anlafllich des Be-
suches des Deutschen Kaisers beim Sultan Ende 1898 beschlossen und der
deutschen Finanz zugesichert war.
In den folgenden Jahren betatigte sich K. wieder fur die franzosische Regie
generate ; als ihr Administrateur-deUdgue* und Generalinspektor leitete er den
Ausbau der syrischen Bahnen von Rajak iiber Horns nach Aleppo, sowie
von Horns nach Tripolis. Fur die ebenfalls franzosische Smyrna-Cassaba-
Eisenbahngesellschaft baute er die Linie von Soma nach Panderma. In China
war er oberster Leiter beim Bau der Bahn von Laekai iiber Mengtse nach
Jiinnansen. Auch in Chile betatigte er sich, und zwar stand unter seiner Lei-
tung der Bau der Bahn von Cabilde nach Copiace. Die von ihm von 1901
bis 1913 gebauten Bahnen hatten eine Lange von insgesamt 1667 Kilometern.
Johann Albrecht. Kapp von Giiltstein. Keller 551
Daneben leitete K. in den Jahren 191 1 bis 1913 die Vorarbeiten fur die in
Albanien und Mazedonien geplanten Bahnlinien : Monastir — Ochrida — Geritza
— Jannina — Gomenitza — Ochrida — Dibra — Prisren — Radeste — Pristina — Mer-
dare und Radeste — Skutari, deren Lange auf 1560 Kilometer angenommen
wurde. Gleichzeitig erfolgten unter seiner Mitwirkung Vorarbeiten fur den
beabsichtigten Ausbau des turkischen Bahnnetzes, der in Kleinasien die Er-
stellung der Strecken Samsun — Siwas — Tschatta — Charput Tschatta — Er-
sindschan — Pekiridsch — Erzerum und Pekiridsch — Trapezunt, und in Syrien
bzw. Palastina die Strecke von Rajak nach Ramleh, zusammen 1740 Kilo-
meter, ins Auge faBte.
Auch an der Hedschasbahn, deren Bau von 1901 bis 1906 auf Befehl des
Sultans Abdul Hamid aus Sammlungen in der turkischen Bevolkerung durch
tiirkisches Militar ausgef uhrt wurde, f war K. nicht unbeteiligt. Er wirkte
sowohl bei der Organisation des Baues wie auch bei der SchluBabnahme mit.
Insgesamt sind unter der Leitung von K. Vorarbeiten fur 5800 Kilometer
Bahnlange bewaltigt worden, von denen 4100 Kilometer mit einem Kosten-
betrage von insgesamt 840 Millionen Franken gebaut wurden.
Die hervorragenden Leistungen, die K. wahrend seines Lebens vollbrachte,
fanden nicht nur die Anerkennung seiner Fachgenossen, wurden vielmehr
auch von anderer Seite hoch bewertet. Der Deutsche Kaiser zeichnete ihn 1901
durch die Verleihung des Titels Kaiserlicher Geheimer Baurat und 1905 durch
die des Titels Kaiserlicher Geheimer Oberbaurat aus. 1897 erhielt er den
personlichen und 1905 den erblichen Adel (v. Kapp von Giiltstein). 1914 ver-
lieh ihm die Universitat Tubingen den Dr. ing. h. c.
Literatur: Akten der Deutschen Bank (Orientbureau), Berlin (zum groflten Teil auf
Grand eigener Angaben K.s) .
Berlin. Hans Igen.
Keller, Albert v., Maler, * am 27. Mai 1844 (nicht 1845, wie gewohnlich
angegeben wird) in Gais (Kan ton Zurich), f am 14. Juli 1920 in Miinchen. —
Albert v. K. stammte aus dem alten Schweizer Geschlecht der Keller von
Steinbock, das seit dem 13. Jahrhundert in Zurich ansassig war. Da sein
Vater bald nach seiner Geburt starb, ubernahm die Mutter die Erziehung
des einzigen Sohnes, der, vielseitig begabt und fruhreif, von ihr verwohnt
wurde und schon friih die Annehmlichkeiten des Reichtums, der groBen
Welt und des Reisens kennenlernte. Mitte der funfziger Jahre tibersiedelten
sie nach Miinchen. Die Talente und Interessen des Knaben waren sehr mannig-
faltig; abgesehen vom Klavierspiel, das er seit seinem sechsten Jahre trieb
und bald vollendet beherrschte, und von der Malerei, die er schon mit zehn
Jahren pflegte, trieb er auf dem Gymnasium spezialisierte Sprachstudien
und gelangte auch in der Mechanik so weit, daB ihm auf der Baireuther
Industrieausstellung 1863 eine selbstkonstruierte Ubersetzungsdrehbank
pramiiert wurde.
Dieser Zersplitterung der Krafte machte sein Abiturium 1863 ein Ende.
Zwar studierte er nominell in Miinchen Rechtswissenschaft, doch ging sein
Leben jetzt wesentlich in glanzender Geselligkeit auf. Er wurde bald Senior
seines Korps Isaria, machte groBe Reisen und genoB das I<eben in der Ge-
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sellschaft, bis er 1865 die Universitat verlieB und sich endgiiltig fur die Ma-
lerei entschied. Er experimentierte weiter auf eigene Faust und mietete 1867
ein Atelier, wo er von seinen Freunden Lenbach und vor allem Ludwig v. Hagn
mit Ratschlagen unterstiitzt, besonders Kopf- und Aktmalerei trieb. Len-
bach vermittelte ihm auch die maBgebliche Bekanntschaft mit Arthur v. Ram-
berg, dessen Forderung von starkstem EinfluB auf K. war; namentlich, weil
er ihn nicht als Schuler behandelte, sondern ihn zu gemeinschaftlicher Ar-
beit in sein Atelier in der Akademie lud. (Am 22. Mai 1868 zog K. dort ein.)
Hier trat er mit den GroBen der vergangenen Generation in personliche Be-
ziehung, mit Wilhelm Kaulbach, Piloty, Schwind. Vor allem aber lernte er
Leibl und seinen Kreis kennen und erhielt die bedeutendsten Anregungen
fiir seine Malerei. 1869 kam Courbet, gelegentlich der Ersten Internationalen
Kunstausstellung, nach Miinchen und verkehrte auch im Rambergschen
Atelier (doch konnte K., entgegen seinen Erwartungen, wenig von ihm pro-
fitieren, weil jener lieber mit Leibl in den Bierhausern saB). Von groBerem
EinfluB war die mit Ramberg im Herbst 1869 unternommene Reise nach
Venedig, wo er sich an Veronese und Tizian bildete. Seine Lehrjahre waren
damit abgeschlossen. Er verlieB im Herbst 1869 Rambergs Atelier und malte
fortan in seinem eigenen weiter; seine Domane, das Gesellschaftsstiick und
das Bildnis der modernen Dame, hatte sich in diesen Jahren innerlich fest
gebildet unter dem Eindruck von Ramberg, Stevens und den Hollandern
vom Schlage Terborchs.
Doch zeigt das erste Bild des selbstandig Gewordenen, das 1869 *n jener
Internationalen ausgestellte » Satyr und Nymphe«, noch starke Einflusse
von Tizian und Bocklin. Zu seinen mondanen Gesellschaftsstiicken kam K.
auf dem Umwege iiber das Rokoko, zu dem ihn ohne Zweifel I,, v. Hagn an-
geregt hat: 1869 noch entstand der »Saal im SchleiBheimer SchloB«, 1870
das »Festmahl aus dem 17. Jahrhundert«, 1871 eine » Parkszene «, 1872 das
Hauptbild »Die Audienz«. Wie sensibel er war und von welchem AusmaiJ
sein urspriingliches Talent, beweist die Tatsache, daB er im gleichen Jahr
1872 das vollig manierfreie, der Natur souveran nachgeschriebene »Seebad
in Wyk auf F6hr« malte, dessen Pleinair wohl auf Anregungen des (1869
gleichfalls in Miinchen ausgestellten) Manet zuriickgehen muB, und 1871
die »Dame mit dem Rohrfacher«, die mit ihrem schwarzen Gesamtton
als ein sehr legitimer Abkommling der Leiblschen »Pariserin<( von 1869
erscheint .
Nach solchen Schwankungen entschied er sich fiir das Gebiet, das ihm
seine ganze Natur, seine heitere Lebensauffassung, sein menschliches Aristo-
kratentum nahelegten: 1873 debiitierte er mit seinem beriihmtesten Gesell-
schaftsstiick, » Chopin « genannt, in dem er ein dem Leibl-Kreise verwandtes
Konnen und Feinheit des Farbenempfindens zur Darstellung vornehmer
Damentypen in gepflegtem Interieur verwandte. Dieses Genre feintoniger
Bildchen in Kabinettform, das dem des Belgiers Stevens und Terborch am
nachsten steht, fand groBen Beifall neben wenigen AuBerungen eines grund-
losen MiBf aliens, und er kultivierte es wahrend des nachsten Jahrzehnts als
seine eigentliche, ihm vollkommen angemessene Domane. Hervorzuheben
sind davon: Herodias 1873; Dame in blauem Fauteuil; Fraulein M. Cramer
1874; Die Erinnerung 1875; Die letzten Stiche 1876; Der Portratmaler 1878;
Keller
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Die Horcherin 1880; Dame am Schreibtisch, Der japanische Schauspieler
(zwei Damen in Betrachtung einer Kostiimfigur) 1882; Eine Tasse Tee 1883;
Dame in Rot vor einem Wascheschrank 1886.
Inzwischen begann er auch mit Darstellung von weiblichen Akten in leicht
romantischer Auffassung, die zwischen Boudry und Bocklin die Mitte halten :
Am Strande liegender Akt, Andromeda, Akt mit Maske 1875; Musikunter-
richt (zwei Akte am Wasser) 1880. In den achtziger Jahren wandelte er das
Thema ins Antikisierende um, Alma Tadema folgend, aber in weniger zu-
gespitzter, etwas naiverer Form als dieser: vor allem Besuch der Kaiserin
Faustina im Junotempel zu Prameste; Romische Villa (mit Badenden),
Romerin am Wasser, samtlich 1882; Romisches Idyll 1884.
K.s Umwandlung aus dem Maler kleinformatiger Gesellschaftsbilder in den
Darsteller anspruchsvoller Sensationsstiicke und groBfiguriger Portrats ge-
schah allmahlich im L,auf der achtziger Jahre. DaB er sein feines Talent in
dieser Weise iiberanstrengte und illusorisch machte, ist im wesentlichen auf
das Konto der Miinchener Atmosphare, des unkiinstlerischen Betriebes jener
Zeit zu setzen. 1873 war seine Mutter gestorben, 1878 (am 28. September)
heiratete er nach einer romantischen Entfuhrung die glanzende Erscheinung
Irene v. Eichthals. Erst seit dieser Zeit begann er sich starker der vornehmen
Gesellschaft von Munchen zu widmen und ein glanzendes Haus zu fiihren.
Seine ersten Portrats von Damen in ganzer Figur und groBer Toilette be-
ginnen kurz danach: seine Frau und Mimi v. Ramberg 1879 und 1880. Erst
seit der Mitte der achtziger Jahre aber wurde er mehr und mehr zum Mode-
maler der »distinguierten Dame« in mondaner Aufmachung, der Miinchener
Modeschonheiten, meist in ganzer Figur und in raffinierten Stellungen ge-
nommen: vor allem und haufig seine eigene Frau, dann Frau v. Le Suire
(1887), Else Fleischer, Frau v. Kuhlmann (1889), Amalie B., die Kaiserin
von RuBland (1898) und andere; Iyieblingsmodelle aus der Gesellschaft por-
tratierte er bisweilen Dutzende von Malen (wie die Baronin W.).
Den Umschwung bezeichnet am sichtbarsten, mit symbolischem Nachdruck,
die groBe Komposition »Auferweckung einer Toten« (Jairi Tochterlein) in
der Miinchener Neuen Pinakothek, die seinen Namen wohl am bekanntesten
gemacht hat, 1885 vollendet, im ersten Entwurf, noch ganz im Geiste Vero-
neses, bis 1877 zuriickreichend. Uber 100 Entwiirfe und Einzelstudien hat
er zu dieser groBen figurenreichen Darstellung des »Wunderrabbi« Jesus
gemalt; einen Sommer in Rom verwendete er zum Studium antiker Archi-
tektur, zahlreiche Fassungen entstanden und wurden verworfen; den aus-
schlaggebenden EinfluB empfing er aber von Munkacsy, der ihn von der
Notwendigkeit archaologischer Treue bis ins letzte Detail iiberzeugte. So
entstand ein Bild, das fur die Kenntnis antik-orientalischer Sitten sehr auf-
schluBreich ist (fiir Menzel freilich, der es lobte, noch nicht ausgefuhrt genug
war), als religiose Darstellung aber ebensowenig zwingend erscheint wie die
Christusbilder von Uhde, weil es ohne religioses Bediirfnis aus kalten Uber-
legungen heraus entstanden ist. Noch weniger konnen die spateren Gemalde
der Art iiberzeugen: Kreuzigung, Martyrerin, S. Julia von 1894. »Die gliick-
liche Schwester« 1893, eine von Nonnen im Kerzenlicht betrauerte (und
wegen ihres Todes beneidete) Schwester gehort mehr in die Kategorie seiner
pathologischen Erfindungen.
554 J92°
Spiritistische und okkulte Phanomene beschaftigten um die Mitte der
achtziger Jahre lebhaft das geistige Miinchen, unter Fuhrung von Schrenck-
Notzing und Gabriel Max. K. beteiligte sich daran im wesentlichen nur als
Maler; ihm kam es auf den entriickten und geheimnisvollen Ausdruck der
weiblichen Medien und ihrer Situationen an, aber sein malerisches Interesse
geniigte nicht, diese Bilder aus dem Stadium experimenteller Sensationen
herauszuheben. Der Kenner der modernen Frauenpsyche war kein Gestalter
dramatischer Charaktere und Situationen, in die er sich jetzt verstrickte.
1886 beginnen diese Darstellungen mit einer »Somnambule« und der ersten
Fassung des »Hexenschlafs«, dem er 1888 die fur ihn endgiiltige Form gab
(hypnotische Unempfindlichkeit des mittelalterlichen Mediums gegen Schmerz).
Immer wieder tauchen okkultistische Probleme in seinem Werk auf: 1893
»Die gliickliche Schwester«, 1894 »Martyrerin «, 1896 »Somnambule«, 1900 die
Bildnisse des Mediums E. Palladino, 1904 die zahllosen Varianten der Traum-
tanzerin Marie Madeleine (die er 32mal gemalt hat), die peinlich wirken, weil
hier dem penetranten Theaterausdruck keinerlei glaubhaftes Motiv entspricht.
Auch sein Aktmotiv nahm K. in wirkungsvollerer Aufmachung wieder
auf. Jetzt handelte es sich um die doppeldeutigen Reize pikanter Situationen :
im »Landschaftsmaler« um iiberraschte Badende, in der »Mondnacht« (beide
1890), um die nachtliche Verfuhrung von Monchen durch Waldnixen (1893
und 1897 wiederholt); im Paris-Urteil (1891 und 1904) um das entkleidete
moderne Weib mit Schniirtaille als Objekt der Mythologie. Die Deformation
des Frauenkorpers durch das Wespenkorsett entziickte K. uberhaupt in
ausschweifendem MaBe; die Zahl der Akte, die als Eva, Schlangenbeschwo-
rerin, Erschrecken, Waldnymphe, Herbst und dergleichen Allegorien ent-
standen, ist grofl und bezeichnend fur das Niveau der Miinchener Sezession
um 1900. Selbst seine Portrats nahmen in seinen letzten Jahrzehnten einen
Anflug sensationeller Kokettierwut an, der sie aus ernster Diskussion aus-
scheidet (beginnend mit der genrehaften Ganzfigur seiner Frau 1892); hier
steigt er bisweilen bis zum Kaulbachschen Niveau herab. Die Buhnenbild-
nisse der Camilla Eibenschiitz als Lysistrate (1909) gehoren hierher, ebenso
das (erstaunlicherweise als modernes Gegenstiick zu Veroneses Gastmahlern
gedachte) » Diner* von 1890, in dem das Oberflachenwesen der sogenannten
besten Gesellschaft ein wenigstens dokumentarisches Denkmal erhielt.
Zu den malerisch gelungenen Werken gehort die 1889 entstandene t)ber-
fuhrung der Leiche von Latour d'Auvergne mit ihrem menzelhaften Reiz
von Uniformen und feierlichen Mannern in hellstem Sonnenlicht; wenigstens
die Studien dazu. Das fertige Bild geht kaum iiber eine gemalte Tagessensa-
tion hinaus.
Das lebensfrohe Dasein K.s mit seinen jahrlichen Reisen (am oftesten
nach Paris) und groBartig gepflegter Geselligkeit nahm mit dem Tode seines
einzigen Sohnes (1906) und dem seiner sehr geliebten Gattin (1907) ein Ende.
Der vornehme Mann, der eher wie ein Diplomat als ein Kiinstler wirkte, der
vollendete Weltmann, dessen Beitritt zur Miinchener Sezession (1892) ihr
einen unschatzbaren Vermittler mit der groflen Welt bedeutete, zog sich fast
ganz aus dem offentlichen Leben zuriick und fand Freude nur noch in seiner
Kunst, im Klavierspiel und im Umgang mit wenigen Freunden, von denen
ihm Hugo v. Habermann, nach dem Tode der anderen, am meisten bedeutete.
Keller. Klinger 555
Anerkennung seiner Zeitgenossen wurde ihmy neben geringer Ablehnung,
von Anf ang an zuteil. Eine Atelierausstellung von 1886 machte ihn beruhmt ;
1905 und 1908 fanden groBe Oeuvre-Ausstellungen in Miinchen statt. 1898
wurde er geadelt.
K. gehort zu den unbezweifelbaren Talenten, die in der zweiten Halfte des
19. Jahrhunderts das Gesicht der deutschen Kunst bestimmten. Sein Schick-
sal ist typisch fiir das der deutschen Malerei in jener Zeit: urspriinglich male-
risch hochbegabt, von feinster Sensibilitat fiir die Tonwerte im Bilde, fiir
die Stofflichkeit des Boudoirs und die Reize mufiiggangerischer gepflegter
Weiblichkeit, stent sein Debiit auf der Hohe malerischer Kultur. Er hatte,
wie Scheffler sagt, »das Zeug zu einem Kleinmeister der Gesellschaftsmalerei;
in seinen friiheren Bildern ist das Anekdotische iiberwunden zugunsten einer
reinen Malerei des Zustandlichen «. Aber der Ehrgeiz des Gesellschaftsmalers,
das Kapua-Klima Miincliens und »die Erbannlichkeit des deutschen Kunst-
publikums« trieben ihn weiter, iiber die ihm gesteckten Grenzen hinaus. Dem
forcierten Format der Lebensgrofle entsprach der inhaltliche Drang nach
Sensationen und unbedingter Modernitat : Historien, Okkultes, Antikengenre,
Aktallegorie nehmen die gleichen Formen einer unzulanglichen Pretention
an wie das lebensgroBe Portrat der Mondane in Ganzfigur. DaB sein feines
Talent hier vergewaltigt wurde und Zureichendes nicht hergab, bemerkte
weder die begeisterte Mitwelt noch leider er selbst; und so erfullte sich sein
Schicksal wie das von l^enbach, Def regger, Habermann und so vielen Miinchener
Beruhmtheiten. Sein Werk steht als ein Torso da, von ihm werden nur die
kleinen Gesellschaftsstiicke des ersten Jahrzehnts als kiinstlerischer Wert
lebendig bleiben.
Gemalde von ihm finden sich in den Museen von Basel (Das Bilderbuch,
Urteil des Paris 1891), Berlin, National-Galerie (Damenportrat, Garten
Villa Albani, Der Portratmaler), Bremen (Studie zu Chopin), Hamburg
(Musikunterricht, Das rote Zimmer), I^eipzig (Bildnis von Frau I,e Suire),
Miinchen, Neue Pinakothek und Staatsgalerie (zwanzig Werke, darunter:
Chopin, Auferweckung einer Toten, Latour d'Auvergne, Bildnis seiner Gattin),
Wien, Belvedere (Dame im Lehnstuhl). |
Literatur: Quellenwerk ist die weitschweifige Kiinstlermonographie von H. Rosen -
hagen (Velhagen & Klasing 1912). — Muther, Gesch. d. Malerei im 19. Jahrh., Bd. Ill,
und Gesch. der Malerei (1909), Bd. Ill, S. 5 18 f. — Pecht, Gesch. d. Miinchener Kunst.
— Rosenberg, Gesch. d. modernen Kunst III, S. 88, und Miinchener Malerschule seit 187 1,
S. 43 ff. — R. Hamann, Die deutsche Malerei, 1925, S. 384 ff. — K. Scheffler, Gesch. d.
europ. Malerei, Bd. I (1926), S. 400, und in Kunst und Kiinstler XIX (192 1), S. 34 f. —
W. Hausenstein, Die bildende Kunst d. Gegenwart (1914), S. 139 ff., 161, 226. — J. Elias
in Kunst und Kiinstler X (1912), S. 315 ff. — Zils, Das geistige und kiinstlerische Miin-
chen (191 3), S. 191 (Selbst biographie) . — G. J. Wolff, Kunst und Kiinstler in Miinchen
(1908), S. 96 ff. — Thieme, Kiinstlerlexikon, Bd. 20 (1927).
Berlin. Paul F.Schmidt.
Klinger, Max, Maler, Bildhauerund Radierer, * am 18. Februan857 in Leipzig,
t am 5. Juli 1920 in GroBjena bei Naumburg. — Es ist das Schicksal des Genies,
meist erst nach dem Tode als solches erkannt zu werden. Auch K. hat dieses
Schicksal erfahren. Man hat ihn bei Lebzeiten zwar bestaunt, wohl auch be-
wundert, aber niemals recht begriffen, dafl er einer von den ganz GroBen war,
556 iq2o
einer, der alles aus sich selbst schopfte und die Welt mit Kostbarkeiten iiber-
schiittete, deren Wert sie nicht zu schatzen wuBte. Hatte er nicht selbst dafiir
gesorgt, daB seine bedeutendsten Schopfungen in das Museum seiner Vater-
stadt gelangten — sie waren zum Teil auch wohl heut noch nicht in f esten
Handen. Was ihn seiner Generation so unverstandlich machte, war, daJ3 er
nicht nach den ihr bekannten Regeln schuf , daJ3 er weder sich noch andere
wiederholte, daB er mit jedem neuen Werke ein anderes, immer schwierigeres
Problem angriff. Weil er so ganz ein Mensch aus Eigenem war, weil er sich
nicht darum zu kiimmern schien, was die anderen machten, wuBte man nicht
viel mit ihm anzufangen, lieB inn gewahren, aber lachelte auch iiber inn, als
iiber einen, der Unmogliches wollte. Erklaren laBt das alles sich damit, daB
K. als Kunstler recht eigentlich auBerhalb seiner Zeit stand. Was hatte dieser
Mann mit einer Kiinstlergeneration zu tun, die in der Beobachtung der Wirk-
lichkeit ihr letztes Ziel sah, die lediglich Augenerlebnissen nachging imd be-
miiht war, jegliche Art von Gefiihl auszuschalten, um in der Erkenntnis des
Wirklichen nicht beirrt zu werden ? Phantasie zu haben, gait dieser Generation
fast als Verbrechen, und Gestaltungskraft konnte man entbehren, weil sie bei
der Wiedergabe naturlicher Erscheinungen durchaus uberfliissig schien. Man
identifizierte Gestaltmigskraft nur zu gern mit Historienmalerei, vor der man
schaudernd gerade zuriickgewichen war. Auf diese Weise kam es dazu, daB
man in der Form die Kunst iiberhaupt sah und deshalb nur um jene sich be-
miihte. Erreicht wurde auf diesem Wege zwar eine Verbreiterung und Er-
hohung des allgemeinen Niveaus, zugleich aber auch ein Niedergang der Kunst
herbeigefuhrt. Die Zahl der Talente wuchs ins Ungemessene, aber es gab keine
Genies mehr, keine iiberragenden Erscheinungen unter den Kiinstlern ; denn
von dem Begriffe des Genies untrennbar ist der Inhalt. Wiirde man Diirer und
Rembrandt, Raffael und Michelangelo, Mozart und Beethoven, Dante und
Goethe als Genies feiera, wenn nicht das Inhaltliche ihrer Kunst so iiber-
waltigend ware? Ganz gewiB nicht. Und die Form ihrer Schopfungen wurde
vom Inhalt geboren. Die Form an sich aber ist unfruchtbar. Sie wird gefunden
und iiberliefert und kann gelehrt werden. Indem man die Kunst allein auf die
Form stellte, machte man sie zu einer alltaglichen Angelegenheit, was ihrem
Wesen aufs nachdriicklichste widerspricht und nicht ohne EinfluB auf ihre
Stellung im BewuBtsein des Volkes bleiben konnte.
Max K. war als Kunstler eine viel zu komplizierte Personlichkeit, als daB es
moglich ware, ihn in die allgemeine Kunstbewegung seiner Zeit einzuordnen.
Realist und Idealist in einer Person, Traumer und Wahrheitssucher, Dichter
und Musiker, laBt er sich auch als Mensch nicht leicht auf eine Formel bringen.
Vielen Einfliissen unterworfen, ist er doch in jeder Phase seiner Entwicklung
er selbst, eine schopferische Natur von ausgesprochen deutscher Eigenart.
Gleich zu Beginn seiner Kiinstlerlaufbahn breitet K., noch unbeschwert von
dem Gedanken an technische Schwierigkeiten, den Reichtum seiner Phan-
tasie aus, unbekummert der Formensprache der Flaxman, Diirer, Schwind und
Rethel sich bedienend. Dann erwacht der Wirklichkeitssinn in ihm, gesteuert
von seinem Lehrer Gussow und vor alien Dingen von Menzel. Des Daseins
ganzer Jammer faBt ihn an. Er philosophiert mit der Radiernadel iiber soziale
Note, iiber die Ratsel des Lebens und des Todes, iiber das Weib und dessen zer-
storende Macht, wobei ihm Goya eine Art Fuhrer wird. Eine andere Wendung
Klinger 557
bringt ihn dazu, mit dem Thema Christus sich auseinanderzusetzen, und er
endet, von dem Zauber der Antike immer wieder erfaBt, mit einem » Christus
im 01ymp«f einem Werke, das unter der Last des gedanklichen Inhalts fast
erliegt. Endlich hat er sein Bestreben, die erstarrten Formen der Kunst durch
seelischen Inhalt neu zu beleben, noch auf die Plastik ausgedehnt und auch auf
diesem Gebiete Schopfungen von unerhorter Originalitat hervorgebracht, die
zuweilen allerdings unter einer Uberlast von Tiefsinnigkeit leiden und da-
durch dem allgemeinen Verstandnis schwer zuganglich sind. Wie alle Genies
hat K. das Bediirfnis gefuhlt, moglichst viel von seinem Innenleben, seiner
Weltanschauung und seinem Denken in seine Schopfungen hineinzulegen, und
diese dadurch vielfach der schlagenden Wirkung beraubt. Das wurde ihm von
der Mitwelt als Fehler angerechnet. Man nahm als Reflexion, was doch nur
innerer Reichtum und Fiille der Gesichte war. Weshalb soil ein Ktinstler nicht
fabulieren diirfen? Freilich hat ein mit klassischer Bildung ausgestatteter
Mensch einen hoheren und weiteren Gesichtskreis als etwa ein einfacher Ar-
beiter, und diesem wird deshalb nicht klar, was jener sagt. Aber darf man dem
Ktinstler das zum Vorwurf machen ? Sind der groBen Menge nicht auch Diirers
»Melancholie«, Michelangelos »Sixtinische Decked, Raffaels »Farnesina« und
Loggiengrotesken unverstandlich ? Von anderen mythologischen und allego-
rischen Meisterwerken ganz zu schweigen. Nicht jedem Schaffenden ist es ge-
geben, volkstumlich zu sein und zu werden. Das darf der Bewunderung fur
ihn jedoch keinen Abbruch tun, und man hat ein groBes Unrecht gegen K. da-
durch begangen, daB man ihn in einen Topf warf mit Cornelius und Wilhelm
von Kaulbach, die auch in ihren Malwerken wirklich nichts anderes waren
als Erzahler und denen niemals eine so tief empfundene und zugleich so be-
zwingende Schopfung gelungen ware wie K.s unvergleichliches Blatt »An die
Schonheit«, die niemals sein »Parisurteil« oder seine Wheure bleuen hatten her-
vorbringen konnen. Einer spateren Zeit wird es beschieden sein, festzustellen,
wie hoch K. trotz aller poetischen und philosophischen in sein Werk ver-
schlungenen Ideen allein schon durch sein Naturgef iihl und sein kunstlerisches
Vermogen iiber jenen steht. Und wenn gesagt wird, daB K. in seinen machtigsten
Werken, also im » Christus im 01ymp« oder im » Beethoven « nicht einfach ge-
nug sei, so darf auf diesen Vorwurf erwidert werden, daB in beiden Fallen
andere Forderungen erf ullt werden muBten, daB ein groBer Gedankenkomplex
nicht mit einem Schlagwort abgetan werden kann, und daB es auch einige
geistige Anstrengung erfordert, das Inhaltliche von Raffaels »Disputa« und
»Schule von Athen« oder Michelangelos Decke in der Sixtina zu ergriinden. Es
gibt genug Schopfungen des Kiinstlers von grandioser Einfachheit, durch die
bewiesen wird, daB er nicht mit Absicht das Verstandnis fiir manche seiner
Werke schwierig gemacht, sondern daB diese Schwierigkeit im Inhalt, in der
Idee selbst liegt.
Anstatt mit einem Schaffenden von so auBerordentlicher Potenz wie K. zu
hadern, sollte man sich lieber des Goetheschen Wortes erinnern, daB ein Kunst-
werk, das mit kuhnem und freiem Geiste gemacht worden, auch womoglich mit
solchem Geiste angeschaut und genossen werden mochte. Was kann man denn
den machtigen Schopfungen des Leipziger Meisters aus der Produktion der
letzten fiinfzig Jahre entgegenstellen ! Vielleicht ein paar Bilder von Bocklin;
doch an GroBartigkeit des Inhalts reichen sie langst nicht an die Werke K.s
558 i92o
heran. Dieser hatte eben die hohere geistige Bildung voraus. Sicher hat kein
anderer Kiinstler sich schwierigere Aufgaben gestellt, und wenn in ein paar
Fallen ihm die Losung nicht vollig gelang, so bleibt an dem Erreichten doch so
viel zu bewundern, daB ein Tadel nur ganz behutsam geauBert werden sollte.
Nicht zufallig hat Max K. als Graphiker begonnen. Er fuhlte von Jugend
an das Bedurfnis, mit Ansichten und Fragen, die inn beschaftigten, sich aus-
einanderzusetzen. Zu diesem Zwecke standen ihm zuerst keine anderen Mittel
zur Verfiigung als Stift und Feder. Es ist seltsam, daB in seinen Jugendzeich-
nungen bereits alle die Themen angeschlagen werden, die den Werken seiner
reifen Zeit zugrunde liegen. Der kiinstlerische Ausdruck ist freilich zu Anfang
noch recht unbestimmt, von den verschiedensten Vorbildern beeinfluBt ; aber
schon in den acht Federzeichnungen »Ratschlage zu einer Konkurrenz iiber
das Thema Christus«, mit denen K. 1877/78 einem Kollegen zu Hilfe kommen
wollte, offenbart der Genius des Kiinstlers sich in ganzer Starke und Origi-
nalitat. Christus als wandernder Prediger, Lehrer des Volkes, Wundertater,
Opfer der Bosheit und Erloser wird in diesen Blattern zwar in moderner Auf-
fassung, aber doch mit so viel starker und groBartiger Empfindung dargestellt,
daB man den tiefsten Eindruck von dem Innenleben und dem Konnen des
jungen Kiinstlers empfangt. Das Blatt »Nach der Bergpredigt* bietet eine Fulle
von psychologischen Beobachtungen, die niemand einem Zwanzigjahrigen
zutrauen mochte. Der Geist Menzels stand hinter K., als er diese Arbeit schuf .
Um einer groBeren Offentlichkeit seine Ideen zuganglich zu machen, erlernt
der junge Kiinstler jetzt die Technik der Radierung und bringt die ersten Ver-
suche, die er nach Jugendentwiirfen zusammenhanglos herstellt, unter dem
Titel »Radierte Skizzen« als Opus I heraus. Fast gleichzeitig mit diesen poesie-
vollen Schopfungen entsteht sein erstes Bild, das durch seine Realistik Auf-
sehen erregte. »Spazierganger« benannt, zeigt es einen jungen Mann, der, von
Strolchen iiberfallen, vor einer langen Backsteinwand steht und die unschliissig
gewordenen Angreifer mit einem Revolver in Schach halt. 1879 uberrascht K.
seine Verehrer mit einer Radierungsfolge »Rettungen Ovidischer Opfer «, in
der er zur Darstellung bringt, wie es den Opfern der Metamorphosen moglich
gewesen ware, vor den Verwandlungen sich zu schutzen. Eine hochst geistvolle
und lustige, von attischer Grazie erfullte Angelegenheit, die den Kiinstler be-
reits auf der Hohe der Radiertechnik zeigt und in Landschaftsschilderungen
ganz AuBerordentliches bietet. Mit den 46 Originalradierungen zum Marchen
des Apulejus »Amor und Psyche « erreicht Klinger den Gipfel dieser Art Be-
schaftigung mit der Antike. Ohne Spur einer Anlehnung an Raffaels Meister-
werk offenbart der Kiinstler in dieser Arbeit ein so f eines Gef uhl f iir die Freude
der Antike an schonen Formen und anmutiger Sinnlichkeit, daB er mit dieser
Gabe alle Welt entziickte, nachdem man iiber die realistische Phantastik seiner
» Paraphrase iiber den Fund eines Handschuhs«, mit der er sich ein Erlebnis
von der Seele gelost, sich entsetzt hatte. Dieser Handschuh, im Skating-Ring
von einer Dame verloren, fur die der Kiinstler in Liebe entbrennt, ist vielleicht
der starkste Beweis fiir den Dichter in K. und ohne Frage eine seiner originell-
sten Leistungen. Immer tiefer schurft nun der Kiinstler im Seelischen. Als
nachstes Ergebnis legt er das frei nach Goya entstandene Capriccio »Eva und
die Zukunft« vor. Weniger ein Zyklus als ein geistreiches Spiel von These und
Antithese, indem K. den einzelnen biblischen Vorgangen je ein Gegenstiick
Klingcr 559
als Zukunft zur Seite stellt, dabei die Eitelkeit und Sinnlichkeit des Weibes be-
tonend. Wieder faBt er dann, wie in den radierten Skizzen, eine Anzahl friiherer
Entwiirfe als » Intermezzi « zusammen, unter denen die Blatter »Bar und Elfe«,
die unter Bocklins EinfluB entstandenen Zentaurenszenen und die beiden an
alte deutsche Meister gemahnenden kdstlichen Simpliziusblatter wohl die ge-
lungensten sind. Einige Gebrauchsgraphiken schlieBen sich an, wie die Radie-
rungen fiir die Festschrift zur Erdffnung des Berliner Kunstgewerbemuseums
und ein Katalog-Titelblatt fiir Fritz Gurlitt »Phantasie und Kiinstlerkind « so-
wie ein Ehrendiplom, dem hochstens ein paar Arbeiten Menzels in dieser Rich-
tung an die Seite gestellt werden konnen. Zwischenein entstehen auch einige
Bilder, wie die groteske »Gesandtschaft« mit dem die begehrlichen Wiinsche
zweier wiirdiger Marabuherren einer im Wiistensande liegenden Schonen vor-
tragenden Flamingo und der » Abend «, eine Spielszene im Renaissancege-
schmack, zum SchluB die Wandmalereien fiir die Villa Albers in Steglitz (jetzt
Nationalgalerie und Hamburger Kunsthalle), Iyandschaften und Meeresstim-
mungen im Charakter der Bocklinschen Kunst: der erste Auftrag, der K.
zuteil wurde.
Mit dem Pariser Aufenthalt (1883 — 1886) vollzieht sich in K.s Schaffen eine
oder eigentlich die entscheidende Entwicklung. Was er bisher gemacht hatte,
schien ihm Kleinkram, und er faBte den EntschluB, der Welt zu zeigen, daB
man von Malerschopfungen der Renaissance noch etwas anderes lernen konne
als die Pariser und Berliner Kunstler davon profitiert. AuBerdem fuhlte er das
Bediirfnis, sich auch einmal mit der Plastik auseinanderzusetzen und zu versu-
chen, ihr neues Blut zuzufuhren. Die kostbare Frucht des Pariser Auf enthalts war
zunachst das zuerst in Berlin ausgestellte Kolossalgemalde »Das Parisurteih, mit
dem K. f reilich eine der hartesten Enttauschungen erlebte. So heftig wurde es von
der Kritik und dem Publikum abgelehnt, daB der Kunstler das Werk von der Aus-
stellung zuriickziehen wollte. Was war geschehen ? Der Maler hatte gewagt, in aus-
gezeichnet geschildertem Freilicht auf einer Gartenterrasse, hinter der eine herr-
liche Landschaft sich dehnt, drei prachtvolle, stehend dargestellte Weiblich-
keiten zu zeigen, die einem sitzenden nacktenjungenManne sich prasentieren.
Die eine vollig unbekleidet, die anderen im Begriff , die Kleider zu losen. Hinter
dem jungen Mann ein abgewendet stehender ebenfalls nackter J tingling . Aber
nicht allein, daB K. es den Betrachtern seines Bildes uberlassen hatte, zu ent-
scheiden, welche der drei Gestalten, Hera, Pallas oder Aphrodite sei — er hatte
dem Bild auch eine teils plastische, teils gemalte Umrahmung gegeben, die
von der Asthetik fiir unannehmbar erklart wurde, zumal dazu noch zwei Fliigel-
bilder gehorten, mit denen sie nichts anzufangen wuBte. DaB das Werk diesen
architektonischen AbschluB notig hatte, um die von K. gewiinschte Wir-
kung zu tun, begriff sie einfach nicht, wie sie ja auch nicht verstanden hatte,
daB der Kunstler die Antike und die Fruhrenaissance in einem sehr viel feineren
Sinne aufgefaBt als Carstens und die Nazarener. Anstatt von der Freiheit und
Kuhnheit des Bildes begeistert zu sein, wurde es von den Wachtern des guten
Geschmackes in Grund und Boden verdammt.
K. hatte in Paris auch als Zeichner gewonnen, war breiter, malerischer und
sicherer geworden. Das zeigt sich in seinen Radierungen, die technisch immer
reicher werden, wofiir besonders die Menzeladresse von 1884 sehr bezeichnend
ist. Und seine Radierungen von f iinf Bildern nach Bocklin konnen wahre Wun-
560 1920
der der tjbersetzung von Malwerken in die Sprache der Radiernadel genannt
werden. Auf das Landschaftliche in Bocklins Bildern hatte K. durch vier frei-
komponierte Landschaftsradierungen sich vorbereitet, von denen besonders
»die Chaussee« sehr eindrucksvoll ist. Noch in Berlin hatte den Kiinstler eine
seltsam pessimistische Stimmung erfaBt, die ihn dazu trieb, mit den Schatten-
seiten des GroBstadtlebens sich zu befassen. Vielleicht auch wollte er zeigen, dafi
er der Wirklichkeit nicht gar so fern stehe, wie man nach seinen Phantasie-
schopfungen bisher angenommen. Zola spukte damals in alien Kopfen, nnd K.
zahlte dem franzosischen Autor seinen Tribut mit den Radiemngsfolgen »Ein
Iveben« und »Dramen«. In jenem zeichnet er das Leben eines verfuhrten Weibes,
das von Stufe zu Stufe sinkt, in diesen den Untergang einer verarmten Familie
und die Marztage des Jahres 1848 mit erschiitternder Kraft, nicht als Moral-
richter wie Hogarth, sondern als Verstehender und Mitfuhlender. Ein drittes
Werk, aus dieser Stimmung entstanden, ist das Arnold Bocklin gewidmete
»Eine Liebe« mit dem herrlichen Titelblatt, das die Bocklinsche Fabelwelt aus
dem Urgrund der Erscheinungen aufrauschen laBt, um sie in Gestalt einer in
Gemeinschaft mit Eros Pfeile versendenden Aphrodite zusammenzufassen. In
diesem Opus X, mit dem der Kiinstler fast ein Jahrzehnt sich beschaftigt hat,
kommen die Errungenschaften der Pariser Studienjahre im Reintechnischen
ebenso vollkommen zum Ausdruck wie das Reifwerden K.s zu der Erkenntnis,
dafi er zur Erreichung der Meisterschaft sich beschranken miisse. Das Inhalt-
liche — die heimliche Liebe zweier Menschen aus einer hoheren Gesellschaf ts-
klasse mit ihren Folgen — ist viel konzentrierter, ohne Abschwenkungen ins
Allegorische und Phantastische gegeben und daher viel verstandlicher und
wirkungsvoller als in den beiden vorhergehenden Folgen.
In Rom, das K. im Jahre 1888 aufsucht, und in dem er mit kurzen Unter-
brechungen durch Reisen bis 1893 weilt, reift der Kiinstler zur vollkommenen
Meisterschaft heran. Sein Genosse ist Stauffer-Bern, mit dem ihn Freundschaft
und gleiches Streben verbinden. Wie Diirer, Holbein, Burgkmair und Rethel
fuhlt er das Verlangen, auch seinerseits mit dem Thema Tod sich auseinander-
zusetzen. An Fiille der Gesichte iibertrifft K. in diesem Zyklus (Opus XI) » Vom
Tode I <( ebensosehr alle Vorganger wie an Tiefe des gedanklichen Inhalts. Und
er weiB diesen Eindruck zum unerhort Gewaltigen zu steigern in der Folge
»Vom Tode II « (Opus XIII), die zum Bedeutendsten gehort, was iiberhauptje
ein Kiinstler geschaffen. Er beschaftigt sich in den einzelnen Blattern weniger
mit dem Tode selbst als mit den irdischen Machten, die ihn herbeifiihren, wie
Ruhmsucht Elend, Krieg, Fronarbeit und Krankheit. Er laBt das Ganze aus-
klingen mit dem mutigen Bekenntnis des Menschen, daB es sich immerhin lohne
zu leben und zu kampfen, in dem Blatte »Und doch« und in der unsaglich
ergreifenden Huldigung »An die Schonheit« der unsterblichen Natur, dem
Jenseits von Gut und Bose, vonSchicksal undVerganglichkeit. Auch die Form
und Technik der Radierung ist in diesen Blattern zu einer Vollkommenheit
gediehen, die nicht leicht zu iiberbieten ist und seit vierzig Jahren auch
noch nicht iibertroffen wurde. K. hat fur das, was er zu sagen hatte, die
Technik sich selbst erst geschaffen, auch hier in ein Neuland genial vorgehend.
Rom, die Nahe des Meeres und Stauffer-Berns Zureden brachten K. trotz des
Berliner MiBerfolges mit dem »Parisurteil« wieder zum Malen. Ein liegender
weiblicher Akt »Am Strande« und die von einem Triton brunstig umarmte
Klinger 56 1
»Sirene« entstehen, sowie jene im Spiel von kalten und warmen Tonen so
eigenartige »Blaue Stunde* mit den drei Frauen am Strande, die in der Dam-
merung ein Feuer am Meer entziinden. In seiner Art auch ein Meisterstiick,
wie es in Deutschland bisher noch nicht vorhanden war. Ebenfalls in Rom ent-
stand das Freilichtbildnis seiner Schwester, auf dem Dache eines italienischen
Hauses sitzend, mit dem er sich Rechenschaft gab iiber die in Paris getriebenen
Freilichtstudien. K.s wichtigste Schopfungen der romischen Zeit sind indessen
seine »Pieta« und die »Kreuzigung«. Vielleicht mit dem Blick auf irgendwelchen
alten deutschen Meister entstanden, hat die »Pieta« doch letzten Endes nichts
Altertumliches, sondern ist, bis auf die zeitlose Tracht von Maria und Jo-
hannes, ein ganz modernes Freilichtbild, aber eines mit vollem seelischen Gehalt
und ernster religioser Empfindung und darin ganz deutsch. Auch in der »Kreuzi-
gung« muB man den Charakter des Andachtbildes feststellen, obwohl der
Nachdruck hier mehr auf die Gruppe der Leidtragenden als auf den Gekreuzig-
ten gelegt wurde. Wieder ruht wie bei dem Parisurteil die monumentale Wir-
kung auf der Betonung der Horizontale und Vertikale. Gibt er in dem ganz
nach rechts geriickten, am Kreuze hangenden Christus, iibrigens eine Ideal-
gestalt hochsten Ranges, in dem Johannes mit dem Beethovenkopf , in der vor
Schmerz zusammenbrechenden Magdalena und der sie stiitzenden Salome, der
in ihrem Weh erstarrten Gottesmutter als Individualitaten dargestellten Men-
schen, so beschrankt er bei dem zuschauenden Volke sich darauf, Typen zu
geben: streitende und beobachtende Juden und gleichgultig zuschauende
Heiden. Von wunderbarer Wirkung der Blick, den der wie iiber Schmerz und
Tod triumphierende Heiland mit seiner ihn verstehenden Mutter wechselt.
Auch in diesem erhabenen Werke offenbart K. sich als ein Meister der Seelen-
schilderung, des geistigen Ausdrucks. Mit der » Quelle*, einem herrlichen, in
ganzer Figur hochaufgerichtet stehenden Madchenakt mit dem Hintergrund
der sonnenuberglanzten, bluhenden Campagna findet der romische Aufenthalt
den anmutigsten AbschluB. K. kehrt in seine Heimatstadt zuriick, wo er sich
auf dem vaterlichen Grundsttick in der Karl-Heine-StraBe ein Haus und dazu
ein Atelier erbaut, in dem er nicht nur Bilder malen kann, sondern auch die
Moglichkeit hat, sich als Bildner zu betatigen; denn aus der Ewigen Stadt
hatte er die Uberzeugung mitgenommen, daB er auch in der plastischen
Form etwas Eigenes und Neues zu sagen habe. Zudem bildeten die Versuche
Stauffer-Berns auf dem Gebiete der Bildhauerei einen Anreiz fur ihn.
Schon in Paris hatte er begonnen zu modellieren. Eine Beethovenfigur war
dort 1886 angefangen worden und die kleine Statuette einer Tanzerin sogar
in Bronze gegossen. Nun reizte es ihn, die von wissenschaftlicher Seite auf-
geworfene Frage: »Sollen wir unsere Statuen bemalen?« praktisch zu beant-
worten. Er vollendete 1893 die schon in Rom begonnene Halbfigur einer » Sa-
lome*, indem er den weiBen Marmor bemalte und ihm Augen aus Bernstein
einsetzte. Obgleich diese Halbfigur den Eindruck eines Portrats macht, lag
bei K. doch die Absicht vor, den Typus des durch seine Schonheit und Launen-
haftigkeit alle Welt betorenden Weibes zu geben, das, liistern und grausam zu-
gleich, zu allem f ahig ist und alles erreicht. Urn diesen sphinxhaften Zug hervor-
zuheben, bringt er iiber dem Sockel der Figur noch zwei zu ihr hinaufschauenden
Mannerkopfe an, in denen die vernichtende Wirkung dieses Frauentyps gekenn-
zeichnet wird. Nur ein Seelendeuter, nur ein Kiinstler wie K., dem die Form
DBJ 36
562 *92o
nichts ist als GefaB fiir einen Inhalt, konnte diese Salome schaffen, in der jede
Miene, jede Bewegung lebt und Bedeutung hat. In der 1895 folgenden »Kassan-
dra« gibt der Kiinstler das Gegenstiick zu diesem Typ der Mannerverfuhrerin,
das sorgende, ahnungsvolle, edle Weib. Die Darstellungsmittel, getonter weiBer
und f arbiger Marmor, Alabaster und Bronze, steigera die Wirkung insUngeheure,
und der geistige Ausdruck ist bis ins letzte herausgeholt ; doch bleibt das Werk
bei allem scheinbaren Naturalismus doch vollkommen in der Sphare des Erhabe-
nen. Noch einmal versucht er Ahnliches mit der Biiste der Elsa Asenjeff, schwar-
zes Marmorgelock liber einem leichtgetonten weiBen Marmorgesicht. Dann die
aus einer in Griechenland gefundenen und durch die Schonheit ihres Marmors
den Kiinstler verlockenden Treppenstufe gebildete armlose »Amphitrite«, die
er ebenfalls bemalte, und das »badende Madchen«, das er mit Absicht ohne
Farbe lieB, um zu beweisen, daB er ein reines Bewegungsproblem genau so
gut zu losen verstehe wie alle anderen Bildhauer auch und nicht der Farbe
bediirfe, um sich als Plastiker zur Geltung zu bringen.
Im Jahre 1896 beschaftigen den Kiinstler wieder Malergedanken. Er schafft
Entwiirfe fiir das Treppenhaus des Leipziger Museums, die leider nicht zur
Ausfuhrung kamen, und dazu die Marmorfigur einer schreitenden Muse. Ein
Jahr spater bringt er ein drittes Kolossalgemalde mit teilweise gemalter, teil-
weise plastischer Umrahmung, den vielumstrittenen »Christus im Olymp*,
wohl das eigenartigste Werk des ganzen 19. Jahrhunderts. Heidnische und
christliche Religion oder Kultur in Einklang zu bringen — dieser Versuch war
schon Goethe in seinem Faust miBgliickt, und auch K. ist es nur in bedingtem
MaBe gelungen, die beiden Gegensatze von der Hohe des freien Menschentums
her zu vereinigen. Nicht, daB der Gedanke dem Malwerk als solchem Schaden
getan hatte ; aber die Fulle der Ideen K.s ist zu gewaltig, um das Bild zu voller
Wirkung kommen zu lassen, ja sie lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachtenden
von dem rein kiinstlerischen Gehalt der Schopfung mehr ab, als der Kiinstler
vielleicht selbst geglaubt hat. Und doch drangt gerade vor diesem Werke die
Empfindung von der Bedeutung und Genialitat der K.schen Personlichkeit
besonders stark sich auf. Wie Goethe im Faust, Beethoven in seiner »Neunten«,
sprengt K. mit dieser Schopfung kuhn die hergebrachte Form, und weil fiir
dieses Vorgehen auf dem Gebiete der Kunst nur wenige und fiir K.s besonderen
Fall gar keine Beispiele und Vergleichsmoglichkeiten vorliegen, ist jede kritische
Betrachtung unangebracht. Der umfassende Geist mag genieBen, der unselb-
standige aber sich belehren lassen und gegenwartig halten, daB spatere Zeiten
zu Werken dieser Art als zu den hochsten Offenbarungen des Menschengeistes
aufzuschauen pflegen.
Fast ebensoviel Widerspruch wie der »Christus im 01ymp« fand der » Beet-
hoven « K.s, an dem dieser von 1899 — 1902 gearbeitet hat. Auch in dieser
Plastik, die aus den verschiedensten Materialien zusammengesetzt ist — Marmor,
Bronze, Porphyr, Onyx, Elfenbein — , kommen alle Wesensseiten des Kiinst-
lers voll zum Ausdruck, vor allem seine groBe Empfindung und sein Reichtum
an Phantasie. Er hat den Himmel, Erde und Holle durchmessenden Tondichter
als Heros auf dem Thron des Gottervaters, mit dem vor ihm sitzenden, seiner
Befehle harrenden Adler dargestellt. Die zu Fausten geballten Hande ruhen
auf dem rechten Knie und versinnbildlichen mit den gespannten Ziigen des
Gesichts den Augenblick starkster gedanklicher Konzentration. Im Hirn des
Klinger 563
Meisters kreist eine neue Schopfung und will geboren werden. Engel, deren
elfenbeinerne Kopfe aus der Riicklehne des bronzenen, zum Teil vergoldeten
Thronsessels hervorschauen, beobachten den Schopferakt. Der Thron ist an
seinen drei AuBenseiten mit Reliefs geschmiickt, die den Widerstreit der christ-
lichen und antiken Weltanschauung und die menschlichen Triebe zum Gegen-
stande haben. Wundervoll die farbige Wirkung des Ganzen, trotzdem der
obere Teil des bis zur Hufte nackten Beethoven weiB geblieben ist ! Nur der
aus schwarzem Marmor gestaltete, auf einer ins Violette spielenden Marraor-
wolke sitzende Adler will sich nicht recht in den Gesamtaufbau des Werkes
fiigen. Vielleicht ein Kompositionsfehler, vielleicht auch Absicht; aber das
sollte niemand hindern, das vom Kiinstler Erreichte, die unvergleichliche Wir-
kung und den hohen seelischen Gehalt seiner Schopfung anzuerkennen. Wem
ist auch nur annahernd Ahnliches gelungen? Rodin hatte recht, als er dem
Verfasser gegeniiber einmal auBerte: »Ich bewundere K., er arbeitet anders wie
ich, aber auf seine eigene Art, und das will schon etwas sagen. Der starke Aus-
druck, den er in seine Arbeiten zu legen weiB, ist erstaunlich und bezeugt, daJJ
er Genie hat.«
Das innige Verhaltnis, das K. zur Musik besaB, kommt vielleicht noch be-
redter als in seinem Beethoven in seinem Radierwerk »Die Brahmsphantasie*
(Opus XII) zum Ausdruck. Eine iiber alle Begriffe herrliche und einzige Schop-
fung, entstanden aus Empfindungen und Gesichten, die der Kiinstler beim
Horen Brahmsscher Musik und Lieder hatte. Wie Idyllisches und Heroisches,
Alltag und Festesfreude, Ergriffenheit und Trotz, Menschliches und Gottliches
in diesen musikalischen Phantasien sich mischen und Gestalt gewinnen, ist
iiber alle MaBen schon und ein Zeugnis fur den Menschen K., wie es glanzender
nicht gedacht werden kann. Wer angesichts dieses Werkes, vor der dEvo-
kation«, dem »Schicksalslied« und dem »Fest« keine Ruhrung, sein Herz nicht
hoher schlagen fuhlt, steht der Kunst sicherlich fern. Die »Brahrnsphantasie«
ist neben einzelnen Blattern »Vom Tode« die hochste L,eistung K.s auf dem
Gebiete der Radierung und auch von ihm selbst nicht wieder iibertroffen
worden. Jedenfalls halt sein letzter Radierungszyklus »Das Zelt« (Opus XIV),
1916 entstanden, keinen Vergleich damit aus, weder in technischer Beziehung
noch in der Gestaltung des frei erfundenen orientalischen Marchens. K. hat
auBer einer Reihe prachtiger Exlibris auch eine Anzahl ausgezeichneter
Bildnisradierungen geschaffen, von denen die von Louis Meder, Karl Lam-
precht, Elsa Asenjeff, Bankier Konig auf dem Totenbett und verschiedene
Selbstportrats genannt seien.
Nach dem »Christus im 01ymp« schrankte K. seine Tatigkeit als Maler mehr
und mehr ein. Noch einmal beschwort er in dem fur die Aula der Leipziger
Universitat geschaffenen Wandbild »Die Bliite Griechenlands« die groBen
Geister der Antike, laBt Homer, hingerissen durch die Erscheinung Aphro-
ditens, dem griechischen Volke seine Gesange vortragen, zeigt den Hain der
Akademie mit den Gestalten von Aristoteles, Plato, Sokrates und Alexander
dem GroBen und breitet hinter diesen Szenen das griechische Meer mit seinen
Inseln in so seliger Schonheit aus, wie nur er es vermochte. Dem 1909 entstan-
denen Werke folgt 19 18 ein weit schwacheres fur den Saal der Stadtverordneten
im Chemnitzer Rathaus. Als Thema hatte K. »Arbeit, Wohlstand und Schon-
heit« gewahlt. Er zeigt auf dem Bilde eine italienische Hafenstadt, auf deren
564 1920
Reede ein groBer Ozeandampfer liegt, mit dem dazu gehorigen bewegten,
farbenbunten Leben, inmitten dessen ein von Madchen ausgefuhrter Reigen
ohne Frage etwas seltsam anmutet.
Immer bewuBter wendet sich K. nach der Fertigstellung seines » Beethoven*
der Plastik zu. Fur die Sammlung der Ny-Carlsberg-Glyptothek (Kopenhagen)
entsteht eine von Aktaon belauschte » Diana*. Inhaltlich recht unverstandlich,
als Wiedergabe einer heftigen, afle Muskeln in Betrieb setzenden Bewegung
jedoch ausgezeichnet ist seine riesige Gruppe » Drama* mit dem Athleten, der
mit einem Baumstamm Steine aus einem Felsen bricht, zu dessen Seite ein
sterbendes Weib liegt. Auch an Bildhauerkonkurrenzen beteiligte der Kunstler
sich. In seinem Brahms-Denkmal fur Hamburg klingen Motive von Rodins
Victor-Hugo-Denkmal und dessen Balzac an; trotzdem ist es als Ganzes ein
durchaus originelles und bedeutendes Werk geworden. Ein fur Leipzig ge-
plantes Richard- Wagner-Denkmal blieb leider unvollendet. Wie berufen K.
fiir derartige Schopfungen war, bezeugen wohl am deutlichsten seine Portrat-
biisten, die immer die engste personliche Beziehung des Kiinstlers zu seinem
Modell erkennen lassen. Er hat niemals jemand portratiert, zu dem er kein
innerliches Verhaltnis besaB, der inn personlich nicht irgendwie interessierte.
Mit dem Blicke eines Dichters sah er in die von ihm wiederzugebenden Men-
schen hinein und holte alles, was von Individualitat in ihnen steckte, kuhn, ja
riicksichtslos heraus. Ganz eigentiimlich, wie er, der in der intimen Wiedergabe
von Einzelheiten sich nicht genug tun konnte, dabei doch zu starken monu-
mentalen Wirkungen kommt ! Man sehe seinen Liszt, Nietzsche, Reger, Bran-
des, Richard Wagner, seinen Wilhelm Wundt, Karl Lamprecht, Wilhelm Stein-
bach und Lingner, wie da iiberall das Wesentliche des Menschen, sein Charakter
im groBen intuitiv getroffen ist. Nichts von sklavischer Nachahmung der
Natur, sondern Freiheit der Auf f assung und starkes Betonen der individuellen
Ziige; kein Versuch zu stilisieren; dafur aber der Stil, der aus dem seelischen
Zustand und Vermogen des Dargestellten sich ergab, also der wahre, aus der
Aufgabe selbst sich entwickelnde Stil. So sehr unterschieden die einzelnen
Biisten K.s voneinander sind — ■ immer wird man sie als Werke seiner Hand
erkennen, und das ist ein Beweis daf iir, daB er auch in technischer Beziehung
individuell arbeitete, ein originell Schaffender war. Wenige von den deutschen
Bildhauern konnten sich entschlieBen, das anzuerkennen. Die meisten sahen
in K. nicht viel mehr als einen begabten Dilettanten, nicht den groBen Men-
schen, das Genie, das hinter dem geringsten seiner Werke stand und ihn Schon-
heiten finden HeB, an denen sie selbst achtlos voriiberzugehen sich gewohnt
hatten.
Max K. kam in Leipzig am 18. Februar 1857 zur Welt. Sein Vater, Heinrich
Louis K., war der wohlhabende Besitzer einer groBen Seifenfabrik, der selbst
kiinstlerische Neigungen hatte und mit Freude sah, daB solche auch bei seinem
SproBling von fruh an sich zeigten. Als Kind bereits beschaftigte Max K. sich
mit Zeichnen und komponierte im zehnten Jahr ein Bildchen, das den An-
gehorigen die t)berzeugung beibrachte, daB der Sohn unter alien Umstanden
Maler werden miisse. Auf der Schule eignete K. sich jenen Schatz klassischer
Bildung an, der aus seinen spateren Werken so laut spricht, daB man meinen
Klinger 565
mochte, er habe ein nicht geringes Privatstudium daran gewendet und sei der
Liebling des Lehrers gewesen, der den altsprachlichen Unterricht auf dem
Gymnasium geleitet. Mit sechzehn Jahren verlieB er die Schule, urn sogleich
die Karlsruher Akademie zu beziehen und in die Klasse Karl Gussows, dem
damals alle Schuler zuliefen, einzutreten. Als Gussow von Anton v. Werner
1875 an die Berliner Akademie berufen wurde, folgte ihm K. ohne weiteres
dahin. Gussow verkorperte fiir die malende Jugend jener Zeit die unbedingte
Ehrlichkeit gegeniiber der Natur, und in der Tat wuBte er den jungen Leuten
Gefiihl dafiir beizubringen, daB man sich erst ordentlich die Wirklichkeit an-
sehen und sie als Zeichner und Maler studieren miisse, ehe man ans Bildermalen
gehen diirfe. Zu seinem Ruhme soil gesagt werden, daB er als erster das Genie-
hafte an dem jungen K. vollkommen erkannt hat und den Schuler dement-
sprechend behandelte. Wahrend die anderen genau das tun muBten, was er
anordnete, erfreute K. sich jeglicher Freiheit. Nicht nur, daB er kommen und
gehen konnte, wann und wie er wollte, er durfte auch machen, was ihm beliebte.
Gussow nahm keinen Anstand daran, daB die Studien, die der junge
Leipziger bei ihm zeichnete, mit dem Modell wenig Ahnlichkeit hatten ; er sah
in ihm nur den auBerordentlich begabten Menschen, der seiner Meinung nach
sich selbst schon zurechtfinden wurde. Nur wo dieser ihn um Rat anging, er-
wies er sich ihm behilflich. Um die Studiengenossen kummerte K. sich so gut
wie gar nicht. Er hatte seinen eigenen Kreis, in dem philosophiert und Literatur
getrieben wurde. Im Jahre 1876/77 geniigte er seiner Mihtarpflicht als Ein-
jahriger beim 8. Sachsischen Infanterieregiment Nr. 7, arbeitete jedoch nach-
her noch bis 1879 in Gussows Atelier. Dann hielt er sich einige Zeit in Briissel
und Miinchen auf, kehrte indessen wieder nach Berlin zuriick, wo er 1878 seinen
»Spazierganger« ausstellte. In dieser Zeit begeisterte er sich besonders fiir
Menzel, dessen EinfluB schon in den Zeichnungen zum »Thema Christus« un-
verkennbar ist. Von 1883 bis 1886 halt ihn Paris fest. Aufs eifrigste ist er dort
bemuht, die neuen Eindriicke, die er von der franzosischen Kunst erhalt, fiir
seine Zwecke zu verarbeiten. Neue Plane reifen ihm heran, und als eine nun
in sich gefestigte Personlichkeit kehrt er wieder nach Berlin zuriick. Er lebt
jetzt in einem Kreise junger Kunstler, die in ihm ihr geistiges Oberhaupt sehen
und von denen Stauffer-Bern und Ernst Moritz Geyer ihm personlich am
nachsten standen. Als die Freunde nach Italien gehen, halt es auch K. nicht
mehr in der Reichshauptstadt. Er trifft mit ihnen 1889 in Rom wieder zu-
sammen, wo sie, gegenseitig sich anfeuernd, fleiBig arbeiten und mit Inbrunst
in sich aufnehmen, was die Ewige Stadt an Kunst und Natur bietet. In dieser
romischen Zeit findet K. das Bediirfnis, seine Kunst durch eine Schrift »Malerei
und Zeichnung« dem Verstandnis der Mitwelt naherzubringen und zu erklaren.
Kern und Mittelpunkt aller Kunst ist fiir ihn der Mensch und der menschliche
Korper. Nur ihm gegeniiber vermoge eine selbstandige Naturauffassung sich
zu entwickeln. Er tritt fiir die Darstellung des nackten Korpers ein, weil die
Gelenke es seien, die das Verstandnis des menschlichen Korpers vermitteln,
seinen Aufbau und seine Bewegungen erklaren. Es sei daher ein Unding, gerade
jene Gelenke, in denen der ganze Oberkorper sich tragt, mit Stoffstreifen zu
verhangen. Der wahre Kiinstler wird dem Keim, der Seele, der Idee im Bilde
groBen Raum gewahren und daher am besten sich Stoffe suchen, mit denen er
und die Menge von friih auf vertraut sind. Er fordert Deutlichkeit des Aus-
566 1920
drucks und Einfachheit des rein kiinstlerisch zu erfassenden Gedankens und
spottet iiber die Geschichtenerzahler, die die natiirliche ruhige Form des Bildes
zwecks Unterhaltung des Publikums vemichtet hatten. Wer Geschichten er-
zahlen wolle, diirfe sich nur der Zeichnung bedienen.
K. kehrt 1893 nach Deutschland zuriick tind laflt sich nunjnehr in Leipzig
nieder. Elsa Asenjeff wird seine Muse aber auch, nachdem die Liebe zu ihr kalt
geworden, in gewissem Sinne sein Verhangnis. Unzufrieden mit ihr und sich
selbst, sucht er Betaubung, die seinem durch ununterbrochene Arbeit ohnehin
geschwachten Korper nicht gut tut. Als kranker Mann zieht er sich schlieBlich
auf einen in Thuringen erworbenen Landsitz zuriick, wo er, nachdem er kurz
vor seinem Ende noch mit der treuen, in seiner Pflege sich aufopfernden Leiterin
seines Hauses die Ehe geschlossen, am 5. Juli 1920 die Augen zu dem Schlafe
auf ewig schlieBt.
Es ist nicht anzunehmen, dafl K. es je zu der Volkstiimlichkeit Schwinds,
Ludwig Richters, Bocklins oder Hans Thomas bringen wird. Dazu sind seine
Schopfungen nicht klar, nicht einfach genug, zuweilen von zu viel Schulgelehr-
samkeit beschwert. Er umfangt die von ihm dargestellte Welt nicht immer mit
jenem urspriinglichen Gefuhl, das die anderen Menschen mitreitft, ihnen eine
Glucksempfindung gibt. Ohne Zweifel ist er eine Schopfernatur; doch steht
er eine Spur iiber seinen Geschopfen, sie nicht selten kritisch oder ironisch be-
trachtend, wodurch seine Kunst zuweilen den Charakter des VerstandesgemaBen
erhalt. In seinen vorziiglichsten Werken indessen steckt so viel echtes Leben,
so viel Gefuhlswarme und innere GroBe, daB eine uberwaltigende Wirkung von
ihnen ausgeht, der auch der sich nicht entziehen kann, dem ihr Inhaltliches
nicht bis ins letzte klar wird. Der hohe Schwung seiner Phantasie, seine tief-
sinnigen Deutungen der Weltratsel, sein Ringen urn das Ideal und sein Stre-
ben nach Schonheit kennzeichnen K. nicht nur als echten Deutschen, sondern
auch als einen Kiinstler, der seiner Gesinnung und seinen Leistungen nach zu
den groBen Meistern, zu den Unsterblichen gehort.
Literatur: Eigene Schrift: Malerei und Zeichnung, Privatdruck, Leipzig 1891, spatere
Auflage Leipzig 1895. — Wilhelm Bode, Berlins Malerradierer, Graph. Kunste XIII (1890),
Wien. — Fr. H. Meiflner, Westermanns Monatshefte LXXI (1891/92.) — Cornelius Gurlitt,
Kunst fur Alle X (1894). — Emile Michel, Gazette des Beaux- Arts (1894). — H. W. Singer,
Studio V (1895). — Derselbe, Grenzboten IV (1897). — Julius Vogel, M. K., Leipzig 1895.
— F. H. MeiBner, Das Kiinstlerbuch II, 1899. — B. Haendcke, M. K. als Kiinstler (Kunst
der Neuzeit), StraBburg 1899. — Max Schmid, M. K., Kunstlennonogr., Velhagen & Kla-
sing, Bielefeld und Leipzig 1899. — Georg Treu, M. K. als Bildhauer, Leipzig 1900. — L.
Brieger-Wasservogel, M.K. (Manner der Zeit 12), Leipzig-Berlin 1902. — Karl Scheffler,
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schmidt, M. K. als Bildhauer, Westermanns Monatshefte L (1905). — Paul Kiihn, M. K.,
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M. K., Ein Riickblick und ein Ausblick (Kunst fur Alle XXIV.), 1909. — Max Lehrs,
Al. Hummel und M. K. (Zeitschr. f. bild. Kunst) 1915. — Willy Pastor, M. K., Berlin
19 18. — Zum6o. Geburtstag: Einil Orlik, Fritz v. Ostini, Karl Scheffler, Franz Servaes,
Fritz Stahl. — Zum Tode: C. Meder, C. Bauer, J. Coulin, Julius Vogel, L- Grimm,
Ferdinand Avenarius, E- Delpy, Curt Glaser, Julius Meyer-Grafe, Hans Rosenhagen.
— Adolf Rosenberg, M. K.s Federzeichnungen (Chronik fur vervielf. Kunst), Wien
1888. — Max I,ehrs, M. K.s Brahmsphantasie (Zeitschr. fur bild. Kunst N. F. VI), 1893.
— Paul Kiihn, Das Dresd. Kupferstichkabinett und die Slg. Klingerscher Handzeich-
nungen (Deutsche Kunst und Dek.), 1898 II. — W. Gensel, Wandgemalde in der ehem.
Villa Albers (Zeitschr. f. bild. Kunst N. F. XIII), 1902. — F. Becker, dasselbe ebenda
Klinger. Korner 567
N. F. XVI., 1905. — Paul Schumann, Christus im Olymp, Dresden 1899. — Derselbe,
M. K.s Vom Tode (Kunst-Chron. N. F. XVI), 1909. — H. W. Singer, M. K., Radie-
rungen, Stiche und Steindr., Wissensch. Katalog, 1909, Amsler & Ruthardt, Berlin. —
Derselbe, M. K.s Epithalamia (Kunstchronik N. F. XIX), 1909. — Josef Strzygowski,
K.sBrahmsphantasie in offentl. Vorfuhrung (D. Kunst XXXI, 1916). — E. Delpy, M. K.s
neuer Radierzykl. Das Zelt (Velh. & Klas. Monatsh. 191 7). — J. Elias, Dasselbe (Kunst
und Kiinstler XV), 191 7. — Julius Vogel, K.s Kreuzigung im Mus. der bild. Kiinste zu
Leipzig, 19 1 8. — Elsa Asenjeff, M. K.s Beethoven. Eine kunsthist.-techn. Studie. Leipzig
1908. — Julius Vogel, K.s Leipziger Skulpturen, Leipzig 1902. — Weitere Literaturnach-
weise in Thieme-Beckers Kiinstlerlexikon, Leipzig 1927.
Berlin. Hans Rosenhagen.
Korner, Bernhard Emil, Divisionsgeneral a. D. der chilenischen Armee,
* am 10. Oktober 1846 in Wegwitz (Kreis Merseburg), f am 20. Marz 1920 in
Berlin.
Im September 1924 berichteten zahlreiche deutsche Zeitungen von im-
posanten Feierlichkeiten in Santiago, der Hauptstadt Chiles, gelegentlich
der Beisetzung der sterblichen Reste eines gebiirtigen Deutschen, des Generals
Emilio Korner. In Deutschland selbst wuftten 1924 nur noch wenige von dem
Wirken dieses Mannes, und doch verdient sein Name fur alle Zeiten, vor allem
auch in Deutschland, der Vergessenheit entrissen zu werden.
K. war der Sohn eines L,andwirtes in der Provinz Sachsen. Die Grundlagen
zu seinem spateren umfassenden Wissen und Wirken erhielt er zu Halle a. S.
auf der Realschule erster Ordnung, an der er 1866 die Abiturientenpriifung
bestand, um am 14. Juli 1866 als Offizieraspirant in das Magdeburgische
Festungsartillerieregiment Nr. 4 einzutreten. Er besuchte die Kriegsschule
Hannover und wurde am 25. Februar 1868 zum Sekondeleutnant ernannt.
Nachdem er vom 1. Oktober 1869 bis 30. Juni 1870 zur vereinigten Artillerie-
und Ingenieurschule kommandiert gewesen war, nahm er am Deutsch-Fran-
zosischen Kriege 1870/71 mit Auszeichnung teil. Gelegentlich der Belagerung
von Paris wurde er dem Kommandeur der Artillerie des Ostangriffs und von
diesem der mit der BeschieBung der Werke und Lager auf dem Mont Avron
beauftragten 4. Kompagnie des Pommerschen Festungsartillerieregiments Nr. 2
zugeteilt. Als Fiihrer der von dieser Kompagnie besetzten Belagerungsbatterie6
gab er am 27. Dezember 1870 um 7 Uhr 45 vormittags den ersten deutschen
ArtillerieschuB auf Paris ab und brachte zusammen mit den Batterien 5 und 7
die sich kraftig wehrende franzosische Artillerie des Mont Avron vollig zum
Schweigen, wofiir ihm das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen wurde.
Vom 1. September 1871 bis 30. Juni 1872 war er zur Selekta der vereinigten
Artillerie- und Ingenieurschule kommandiert und bereits mit der Fuhrung der
2. provisorischen Batterie betraut. Am 26. Oktober 1872 in das Magdebur-
gische Feldartillerieregiment Nr. 4 versetzt, besuchte er vom 1. Oktober 1873
bis 24. Juli 1876 die Kriegsakademie. Wahrend dieser Zeit war er zu je einem
dreimonatigen Zwischenkursus zum Infanterieregiment Nr. 71 und zum
Dragonerregiment Nr. 6 kommandiert. Am 15. Mai 1875 wurde er zum Premier-
leutnant befordert und in das Thuringische Feldartillerieregiment Nr. 19 ver-
setzt. Auf der Kriegsakademie befand er sich im gleichen Jahrgang mit den
nachmaligen Generalfeldmarschallen v. Hindenburg und Freiherr v. d. Goltz
und dem spateren General Meckel, dem Organisator des japanischen Heeres.
568 1920
Mit alien drei verband ihn auch spater eine enge, den gleichen Interessen ent-
springende Freundschaft.
Vom i. Februar 1879 aD war K. zur ArtillerieschieBschule kommandiert,
an die er dann am 23. August 1881 als Lehrer der Taktik und Kriegsgeschichte
versetzt wurde, nachdem er bereits am 22. Marz 1881 zum Hauptmann und
Batteriechef befordert worden war.
So wissenschaftlich und militarisch aufs beste vorbereitet und auBerdem
durch Reisen nach Italien, Spanien und Afrika umfassend weitergebildet,
wurde er vom preuBischen Kriegsministerium der chilenischen Regierung auf
deren Bitten als Instruktionsoffizier namhaft gemacht und nahm am 18. Au-
gust 1885 seinen Abschied aus dem preuBischen Heeresdienste.
Am 17. September 1885 wurde K. als Major in das chilenische Heer iiber-
nommen und I^ehrer der militarischen Dienstzweige an der Militarschule in
Santiago de Chile. Damit begann fur ihn eine ebenso rasche und glanzende,
wie wohlverdiente Laufbahn. Schon am 9. Marz 1886 wurde er zum Oberst-
leutnant befordert sowie gleichzeitig 1. Subdirektor der Militarschule, und am
12. Juli 1887 L,ehrer der militarischen Dienstzweige an der Kriegsakademie.
In dieser Stellung unterrichtete er fast alle, die es spater im chilenischen Heere
zu Rang und Ansehen gebracht haben. Leicht ist es fur K. nicht gewesen, sich
in so kurzer Zeit in Chile eine derart einfluBreiche Stellung zu erringen ; denn
das chilenische Heer blickte damals bereits stolz auf eine ruhmreiche, in
mehreren siegreichen Kriegen aus eigener Kraft geschaffene Tradition zuruck.
Das Jahr 1891 wurde fur K.s weitere Laufbahn von entscheidender Bedeu-
tung. Der damalige Prasident Chiles, Balmaceda, versuchte mit alien Mitteln
und ungewohnlicher Energie, sich unter Ausschaltung der konstitutionellen
Regierung zum Diktator zu machen. In Treue und Dankbarkeit stellte sich
K. auf die Seite derjenigen, die ihn ins Land berufen und angestellt hatten,
der rechtmaBigen chilenischen Regierung und Volksvertretung. Am 12. Mai 1891
zum Chef des Generalstabes des konstitutionellen Heeres, das von seinen
Gegnern und der Geschichte falschlich als »Opositores« bezeichnet wurde,
ernannt, leitete er mit dem Oberstkommandierenden, Coronel Estanislao del
Canto, den Krieg gegen die Anhanger der Diktatur des Prasidenten Balma-
ceda, der in der Schlacht bei Concon am 21., im Gefecht bei Vina del Mar
am 23. sowie in der Schlacht von Placilla am 28. August 1891 entscheidend
geschlagen wurde und sich schlieBlich, verfolgt und umstellt, das Leben nahm.
An der Seite des siegreichen del Canto zog der am 18. Juli 1891 ebenfalls
zum Coronel beforderte Stabschef K. in Santiago ein, mit einem Schlage
einer der popularsten Manner Chiles. In rascher Folge drangten sich fiir ihn
jetzt Ehrungen und Beforderungen. Bereits am 21. November 1891 wurde er
Brigadegeneral und am 13. Februar 1892 L,ehrer fiir angewandte Taktik und
Militargeographie an der Kriegsakademie. Seit dem 1. September 1892 war
er Vorsitzender einer Kommission des chilenischen Kriegsministeriums zur
Reorganisation der Nationalgarde.
Am 9. April 1895 wurde er zum Divisionsgeneral befordert und am 1. Ok-
tober des gleichen Jahres zum Chef des GroBen Generalstabes der chilenischen
Armee ernannt. Am 6. April 1897 wurde er kommandierender General der
Truppen von Santiago und am 28. Juni 1902 Mitglied einer Kommission zur
Reorganisation des chilenischen Heeres. In dieser Kommission gelang es ihm,
Korner 569
nicht nur die Einfiihrung der allgemeinen Wehrpflicht in Chile, sondern auch
die Organisation, Ausbildung, Bekleidung und Bewaffnung des chilenischen
Heeres ganz nach deutschem Vorbild durchzusetzen.
Am 3. Mai 1904 wurde General K. Generalinspekteur und Oberstkomman-
dierender des ganzen chilenischen Heeres, er vereinte damit und mit dem
ihm bereits friiher verliehenen Titel eines 1. Divisionsgenerals zum ersten und
einzigsten Male die drei hochsten Stellen der chilenischen Armee in seiner
Person. In diesen Stellungen verblieb er bis zu seiner Verabschiedung wegen
Erreichung der gesetzmaBigen Altersgrenze am 19. April 1910, worauf er
seinen Wohnsitz wieder in Berlin nahm.
Neben den vorgenannten Organisationskommissionen hat K. seit 1892
auch noch zahlreichen anderen Kommissionen des chilenischen Staates
und Heeres angehort, unter anderen denen fur die Ausarbeitung der
Reglements fiir die verschiedenen Waffengattungen, fiir die Befestigung
und Bestiickung der chilenischen Hafen Valparaiso und Talcahuano, fiir
die Umbewaffnung der chilenischen Infanterie mit kleinkalibrigen Mehr-
ladegewehren und der Artillerie mit Schnellfeuergeschiitzen. Seine ganz be-
sondere Aufgabe, die ihn seit 1892 jedes zweite Jahr, zuweilen noch ofter^
nach Europa fuhrte, war die Auswahl, Erprobung und Beschaffung modernen
Kriegsmaterials. Als er zu diesem Zwecke auch die franzosische Artillerie-
schule in St. Cyr besuchen sollte, lehnte die damalige franzosische Regierung
seine Kommandierung dorthin unter Berufung auf die BeschieBung des Mont
Avron durch ihn im Jahre 1870 ab. Die chilenische Regierung setzte dann
dieses Kommando doch durch, wobei allerdings auch der Wunsch Frank-
reichs, sich an den Waffenlieferungen fiir Chile zu beteiligen, mitwirkte.
Der chilenischen Waffenabnahmekommission in Deutschland gehorte Gene-
ral K. auch nach seiner Verabschiedung standig noch bis zum Weltkriege an.
Wahrend dessen Dauer sammelte er in Berlin einen Kreis chilenischer Offi-
ziere um sich, mit denen er in regelmaBigem regen Gedankenaustausch die
Kriegsereignisse und die daraus zu ziehenden Folgerungen kritisch erorterte.
Den Niederschlag dieser Besprechungen hat er in einem umfangreichen Ma-
nuskript niedergelegt, an dessen Veroffentlichung ihn leider die ungiinstigen
Nachkriegsverhaltnisse in Deutschland und sein Tod hinderten.
Verheiratet war K. seit dem 10. Juli 1887 mit Mathilde Junge, der Tochter
des damaligen deutschen Generalkonsuls in Santiago.
Dem letzten Wunsche des Generals entsprechend wurde seine Leiche im
Jahre 1924 nach Chile iibergefuhrt, um in der Erde des Landes die letzte
Ruhestatte zu finden, dessen Wohl er seine ganze Kraft gewidmet hatte,
und das ihm dadurch zur zweiten Heimat geworden war.
Die chilenische Regierung ordnete Ehrungen an, die sonst nur den im Kriege
gefallenen hoheren Offizieren und im Dienste todlich verungliickten Militar-
fliegern zustehen. Nachdem am 25. Juli 1924 der Sarg in Valparaiso von Ab-
ordnungen der hochsten Regierungs-, Militar- und Marinebehorden, sowie der
ganzen Garnison dieser Hafenstadt in Empfang genommen worden war, wurde
er am 26. im Extrazuge nach Santiago iibergefiihrt. In der Militarschule
hielten die Zoglinge dieses Instituts an den sterblichen Resten des einstigen
Organisators und Direktors die letzte Totenwache, bis dann am 27. die end-
gtiltige Beisetzung auf dem Zentralfriedhof von Santiago in der »Gruft der
570 1920
Armee<( stattfand. Diese Beisetzung ist wohl die gewaltigste Kundgebung ge-
wesen, die je einem Deutschen fiir seine Verdienste im Auslande zuteil ge-
worden ist ; sie bewies so recht erst, was General K. fiir die chilenische Repu-
blik gewesen war. Auf einer Lafette wurde der Sarg von Vertretern der obersten
Behorden, den Zoglingen der Militarschule und ehemaligen Schiilern des
Generals personlich den mehr als eine Stunde langen Weg zum Kirchhof ge-
zogen. Die ganze Garnison Santiagos bildete die Trauerparade in ihren glan-
zenden, der deutschen Friedensuniform gleichenden Paradeuniformen. Noch
einmal erinnerten Vertreter aller maflgebenden Stellen Chiles an die unver-
ganglichen Verdienste des Verblichenen fiir Chile und im Sinne deutsch-
chilenischer Freundschaft, die selbst alle Verleumdungen unserer Feinde
wahrend des Weltkrieges iiberdauert hat.
Von deutscher Seite waren diese Verdienste des Generals K. bereits vor
dem Weltkriege anerkannt und dadurch gewiirdigt worden, daB ihm 1893
der Rote-Adler-Orden 2. Klasse mit Schwertern und 190 1 der Kronenorden
1. Klasse verliehen wurden. Das deutsche Volk hat heute mehr denn je alien
Grund, auf ein derartiges Wirken eines groCen Deutschen im Auslande fiir
das Deutschtum stolz zu sein und seiner dankbar zu gedenken.
Literatur: Personalbogen b. Reichsarchiv, Abtlg. Berlin. — Mil. Wochenblatt 19 10,
Nr. 161. — Deutsche Zeitung fiir Chile vom 25., 26., 27. und 28. Juli 1924. — Berliner
Borsen-Zeitung vom 21. September 1924. — »Memoria del Ejercito de Chile« vom April
1920. — Nachlafl und Familienpapiere im Besitz der Witwe, Frau General K., BerlinW 62,
Keithstr. 20. — Personlich e Mitteilungen des Sohnes, Ingenieur Tito Korner, Santiago de
Chile.
Potsdam. Martin Reymann.
Legien, Karl, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes,
* am 1. Dezember 1861 in Marienburg i. Westpr., | am 26. Dezember 1920
in Berlin. — Nach dem friihen Tode beider El tern war L. im Stadtischen
Waisenhaus in Thorn erzogen worden und erlernte in funfjahriger Lehrzeit
von 1875 bis 1880 in Thorn das Drechslerhandwerk. Als Geselle ging er 188 1
auf die Wanderschaft und arbeitete in verschiedenen Stadten Deutschlands,
von Oktober 1886 ab in Hamburg. Hier kam er bald in fiihrende Stellung
in der Arbeiterbewegung. Vorwiegend betatigte er sich in der Gewerkschafts-
bewegung. Der Sozialdemokratischen Partei war er schon 1885 in Frank-
furt a. M. beigetreten. Auf Anregung des Hamburger Drechslerfachvereins
wurde 1887 die Vereinigung der Drechsler Deutschlands ins Leben gerufen
und L. zu ihrem Zentralvorsitzenden gewahlt. In dieser Eigenschaft bereiste
er zu Propagandazwecken alle grofieren Stadte des Reiches und wurde so
schon fruhzeitig als Redner und Organisator weit bekannt. Von 1889 an wurde
er mit 700 Mark Jahresgehalt besoldet.
Ende der achtziger Jahre bestanden rund 60 Gewerkschaftsverbande fiir
die verschiedenen Berufe, die jedoch untereinander keine organisatorische
Verbindung hatten. Das Sozialistengesetz von 1878 und die darauf begriin-
deten behordlichen Verfolgungen hatten auch die Gewerkschaften in Deutsch-
land im Anfang zunachst fast vollig vernichtet und nach ihrem spateren
Wiederaufleben in ihrer Entwicklung und organisatorischen Ausgestaltung
stark gehemmt. Als im Oktober 1890 das Sozialistengesetz fiel, tagte schon
Korner. Legien 571
wenige Wochen darauf die Gewerkschaftskonferenz in Berlin, die die General-
kommission der Gewerkschaften Deutschlands einsetzte. L. wurde zum Vor-
sitzenden der Generalkommission gewahlt. Er hatte der Konferenz einen aus-
gearbeiteten Satzungsentwurf vorgelegt, der den Zweck verfolgte, die be-
stehenden Zentralverbande verwandter Bernfe untereinander zu verbinden,
um sie »in ihrem Wirkungskreis leistungsfahiger zu machen und besonders
durch die Regelung der Unterstutzung bei Streiks und Aussperrungen die
Widerstandsfahigkeit zu heben«. Die Konferenz hatte sich jedoch darauf be-
schrankt, die Kommission zu wahlen mit dem Auftrag, einen allgemeinen
GewerkschaftskongreB einzuberufen und diesem einen Entwurf fiir eine Ver-
bindung der Gewerkschaften vorzulegen.
Damals bestand noch der Streit iiber die Frage, ob fiir die Gewerkschaften
die Lokalorganisation oder die Zentralisation die bessere Form der Organi-
sation sei. Die Lokalisten wollten die Gewerkschaften gleichzeitig als Instru-
mente des politischen Kampfes gebrauchen, politischen Vereinen aber war
durch die Vereinsgesetze verboten, miteinander in Verbindung zu treten. Die
Zentralisten hielten nicht nur die Zusammenfassung der Berufsorganisationen
iiber das ganze Reich fiir eine unerlaBliche Voraussetzung dauernder gewerk-
schaftlicher Erfolge, sondern betonten auch die Notwendigkeit politischer
Neutralitat, um alle Arbeiter ohne Riicksicht auf ihre politische Richtung in
den Gewerkschaften vereinigen zu konnen. In der Generalkommission war
von Anfang an nur die zentralistische Richtung vertreten, die von L. mit
Energie gefiihrt wurde. Sein Organisationsplan, den er schon der Berliner
Konferenz unterbreitet hatte, wurde in den Grundzugen in die KongreB-
vorlage der Generalkommission aufgenommen und fand auch die Zustimmung
einer zweiten Vorkonferenz, die im September 1891 in Halberstadt tagte.
Dieser Organisationsplan machte den Zentralverein der einzelnen Berufe
zur Grundlage der gesamten Gewerkschaftsorganisation. Die Zentralverbande
verwandter Berufe sollten sich unter gemeinsamer Leitung zu Gruppen, so-
genannten Unionen, verbinden. Die Unionen sollten die gemeinsamen Auf-
gaben der beteiligten Berufsverbande einheitlich erledigen und besonders
auch eine gegenseitige Unterstutzung bei Iyohnkampfen herbeifuhren. Die
Generalkommission bildete die Spitzenorganisation, die alle Unionen mit-
einander verband und in bestimmten Fallen gleichfalls mit der Unterstutzung
von Streiks aus einem zu schaffenden Generalfonds betraut werden sollte.
Auf dem dann folgenden GewerkschaftskongreB in Halberstadt 1892 erhielt
dieser Plan nicht die Mehrheit. Dem einen Teil, der den sofortigen Zusammen-
schluB der verwandten Berufsorganisationen zu groBen Industrieverbanden
wollte, ging er nicht weit genug, der andere Teil hielt selbst fiir die Bildung
von Unionen die Zeit noch nicht fiir gekommen und empfahl zunachst eine
Annaherung der berufsverwandten Zentralvereine durch Kartell vertrage. Der
KongreB beschloB in letzterem Sinne, erklarte sich aber auch mit groBer Mehr-
heit fiir die zentralistische Organisationsform, was zur Folge hatte, daB zwolf
Vertreter der Lokalisten unter Protest den KongreB verlieBen. Die Frage, ob
Unionen oder Industrieverband, sollte der zukiinftigen Entwicklung iiber-
lassen bleiben. Immerhin wurden aber fiir die zu bildenden Kartelle ungefahr
die gleichen Aufgaben in Aussicht genommen, wie sie L. und die General-
kommission den Unionen zugedacht hatten. Die Generalkommission wurde
572 1920
von dem KongreB als Zentralstelle fiir die Gesamtverbindung bestatigt, die
Bildnng eines Generalstreikfonds jedoch abgelehnt.
Auch die Empfehlung des Halberstadter Kongresses, sich durch Kartell-
vertrage zu verbinden, ist von den Berufsverbanden im allgemeinen nicht
befolgt worden. Selbst nicht von den Holzarbeitern, die durch ihren Antrag
jenen BeschluB des Kongresses herbeigefiihrt hatten. Sie vereinigten sich
vielmehr schon im folgenden Jahre zum Holzarbeiterverband und folgten
damit dem Beispiel der Metallarbeiter, die als erste mit der Griindung ihres
Industrieverbandes voraufgegangen waren. Auch in der Folgezeit hat die
unmittelbare Verschmelzung der verwandten Berufsorganisationen immer
weitere Fortschritte gemacht, bis auf dem GewerkschaftskongreB in Breslau
1925 der durch die Jahrzehnte gefuhrte Streit um die Organisationsform
grundsatzlich zugunsten des Industrieverbandes entschieden worden ist. Eine
Folge dieser Entwicklung ist, daB die Zahl der Einzelverbande von ehemals 60
sich jetzt auf 40 verringert hat. Die Starke der Gewerkschaften ist neben
dem gewaltigen Aufstieg der Mitgliederzahlen auch durch diese Konzentration
der Krafte wesentlich gehoben worden.
Vom Tage ihrer Griindung an hatte die Generalkommission mit zahlreichen
Schwierigkeiten im eigenen Lager zu kampfen. Jahrelang wiederholten sich
die Antrage aus den Kreisen der Gewerkschaften, dieses »totgeborene Kind*
wieder zu beseitigen. Verschiedene Verbande verweigerten die Beitragszahlung
oder sonderten sich aus anderen Griinden ab, bis erst auf dem Berliner Ge-
werkschaftskongreB 1896 eine dauernde Einigung erzielt wurde. Es ist im
hohen MaBe gerade L.s Zahigkeit und Ausdauer und seiner Weitsicht zu
danken, daB die Generalkommission sich behauptet und alle Widerstande
iiberwunden hat. Zahlreiche Fiihrer der Sozialdemokratischen Partei legten
lange Zeit eine offene Abneigung gegen die Gewerkschaften und besonders
gegen die Generalkommission an den Tag. Man wollte vielfach die Gewerk-
schaften nur als Rekrutenschule fiir die politische Bewegung gelten lassen
und erklarte sie deswegen als »notwendiges t)bel«. Auf der Gewerkschaftseite
stand L. sowohl in Versammlungen wie in der Presse dauernd im Vorder-
treffen des Kampfes gegen diese falsche Auffassung. Er stellte die Bedeutung
der Gewerkschaften sehr hoch und vertraute von Anfang an auf ihre Ent-
wicklung, wenn er auch weit entfernt war, die politische Aufklarung und
Betatigung der Arbeiterklasse etwa gering zu schatzen. War er doch sogar,
wie schon erwahnt, in die Sozialdemokratische Partei friiher eingetreten als
in die Gewerkschaft. Und schon bei der Reichstagswahl 1893 wurde er in
Kiel als sozialdemokratischer Abgeordneter gewahlt. Als solcher hat er mit
einer kurzen Unterbrechung dem Reichstag bis zu seinem Tode angehort.
Aber stets hat er den Standpunkt vertreten, daB fiir die Arbeiterklasse die
politische Freiheit erst dann Wert gewinne, wenn sie auch die wirtschaftliche
Gleichstellung sich errungen habe. Letztere Auf gabe hatten die Gewerkschaften
zu erfiillen.
In der groBen Auseinandersetzung zwischen L. und den Parteifuhrern auf
dem sozialdemokratischen Parteitag in Koln 1893 traten die Gegensatze be-
sonders scharf in die Erscheinung. L. muBte nicht nur fiir die Generalkommis-
sion um die Anerkennung ihrer Autoritat, sondern auch gegen den Pessimis-
mus kampfen, den die Parteifiihrer gegen die Zukunftsmoglichkeiten der Ge-
Legien 573
werkschaften iiberhaupt auBerten. Ihr Wirkungskreis werde sich immer und
immer verkleinern, wurde damals behauptet. Die Geschichte hat langst er-
wiesen, daB demgegeniiber L.s Zuversicht begriindet war. Schon lange vor
dem Weltkriege hatten die Gewerkschaften unter der Fuhrung der General-
kommission sich ihre dominierende Stellung in der deutschen Arbeiterbewegung
errungen. Von der einstmaligen Rivalitat zwischen Partei und Gewerkschaften
ist langst keine Rede mehr. Wahrend des Krieges vermehrten die Gewerk-
schaften durch ihre praktische Tatigkeit im sozialen und wirtschaftlichen
Leben ihr Ansehen und ihren EinfluB, so daB jetzt auch die bis dahin feind-
lichen Behorden und Regierungen ihnen die Anerkennung nicht mehr ver-
sagen konnten. Nach dem Kriege, als mit der Staatsumwalzung die letzten
polizeilichen Hemmnisse gef alien waren, konnte sodann die lose Form der
Verbindung in der Generalkommission umgewandelt werden in den fest-
gegliederten Gewerkschaftsbund, dessen Satzungen auf dem KongreB in
Nurnberg 1919 beschlossen wurden und dessen Leitung L. noch eineinhalb
Jahre bis zu seinem Tode in Handen hatte.
Es ware unrichtig, L. etwa als den Griinder der deutschen Gewerkschaften
zu bezeichnen, denn ihre Entstehungsgeschichte liegt viel weiter, bis in die
Mitte des 19. Jahrhunderts, zuriick. Auch fur die Grundgedanken des von L.
aufgestellten Organisationsplanes lag bereits ein Beispiel aus der Vergangen-
heit vor. War doch schon auf dem GewerkschaftskongreB in Erfurt 1872 die
Griindung einer alle damaligen Gewerkschaften umfassenden Union unter der
Leitung von Theodor York beschlossen worden. Das groBe Verdienst von L.
ist, daB er, als nach Ablauf des Sozialistengesetzes die Arbeiterbewegung in
Deutschland sich wieder freier entfalten konnte, der Neuentwicklung der
Gewerkschaften in geistiger und organisatorischer Hinsicht Richtung und Ziel
gewiesen hat. Daneben hat er sehr fruhzeitig auch den Wert und die Not-
wendigkeit der internationalen Verbindung der Gewerkschaften erkannt und
fiir ihre Durchfuhrung gewirkt. Die Griindung des Internationalen Gewerk-
schaftsbundes, dessen Leitung er bis zur Sitzverlegung nach Amsterdam 19 19
in Handen hatte, ist auf seine Initiative zuruckzufuhren. Seine Tatigkeit fiir
die Internationale hat ihn in fast alle europaischen Staaten gefuhrt, und auch
die Vereinigten Staaten von Amerika hat er einmal zu einer langeren Vor-
tragsreise besucht.
In seinen Reden und Schriften legte L. die groBte Bedeutung darauf, daB
•die Gewerkschaften eine Schule der Geistesbildung und der Aufklarung fiir
die Arbeiter sein sollten. In seiner Eroffnungsrede auf dem Halberstadter
KongreB 1892 erklarte er, daB die Gewerkschaften » nicht die Losung der
sozialen Frage herbeifuhren werden, daB sie zur Zeit aber wesentlich die
Emanzipationsbestrebungen der Arbeiterklasse unterstiitzen konnen. Gleich
den Pionieren haben die Gewerkschaften den Boden zu ebnen fiir eine hohere
geistige Auffassung und durch Erringung besserer Lohn- und Arbeitsbedin-
gungen die Arbeiterklasse vor Verelendung und Versumpfung zu bewahren,
um so die Massen der Arbeiter zu befahigen, die geschichtliche Aufgabe, welche
dem Arbeiterstand zufallt, losen zu konnen «.
Noch scharfer hat er nach dem KongreB in einem Aufsatz den erzieherischen
Charakter der Gewerkschaften betont : » Die gewerkschaf tlichen Organisationen
sind gleichsam als eine Schule der Arbeiter zu betrachten, und jede Starkung
574 l<*2°
der Organisation muB diese erzieherische Wirksamkeit erhohen. Der Lohn-
kampf aber erzeugt und starkt die Eigenschaften, welche dem Arbeiter eigen
sein mussen, um ihn zu befahigen, eine Umgestaltung des heutigen Produk-
tionsprozesses herbeifuhren zu konnen. So werden die Gewerkschaftsorgani-
sationen, die anscheinend nnr zu dem Zwecke gebildet worden sind, um dem
Arbeiter bessere Existenzbedingungen zu verschaffen, gleichzeitig zu einer
Schule und Bildungsstatte des Proletariats.*
Hier spricht L. also bereits von einem dreif achen Zwecke der Gewerkschaften :
Kampf um bessere Existenzbedingungen, Hebung des Bildungsniveaus der
Arbeiter und Umgestaltung der kapitalistischen Produktionswirtschaft. Den
Hauptwert legt er aber auch weiterhin auf die geistige Bildung als der ersten
Voraussetzung fiir den Aufstieg der Arbeiterklasse. Die Stellung der Arbeiter
in der Gesellschaft soil gehoben werden, sie sollen sich durch die Gewerkschaften
die gleichberechtigte Stellung in der Gesellsclaaft erkampfen. Aber die Gewerk-
schaften denken hierbei nicht nur an das Interesse der Arbeiter allein, sondern
an das allgemeine Volksinteresse, an die Zukunft des deutschen Volkes. In
der Broschiire iiber das Koalitionsrecht, die L. 1899 gegen die damaligen
Angriffe auf die Gewerkschaften veroffentliehte, schreibt er unter anderem:
»Ohne die Arbeiterkoalition wurde die Arbeiterklasse bei der modernen Waren-
erzeugung auf das denkbar tiefste Niveau der Lebenshaltung und geistigen
Entwicklung herabgedriickt und ein Zustand geschaffen werden, welcher eine
Gef ahr fiir die Kultur darstellt. « Die Gewerkschaften sollen dem Arbeiter den
Weg ebnen, zur hochsten Stufe der Kultur zu gelangen. Den Solidaritats-
gedanken in den Gewerkschaften bezeichnet L. als das Mittel, »die krassen
Auswiichse im Kampf e urns Dasein, das Streben nach eigenem Vorteil ohne
jedwede Rucksichtnahme auf den Nebenmenschen* zu beseitigen. Also nicht
nur die geistige, sondern auch die sittliche Bildung wollen die Gewerkschaften
in der Arbeiterschaft pflegen und auf eine hohere Stufe heben.
Aber selbstverstandlich ist das nicht der alleinige und auch nicht der Haupt-
zweck der Gewerkschaften. Ihre groBe Bedeutung erlangen sie dadurch, daB
sie »der Arbeiterschaft hohere Lohne und damit eine bessere Ernahrung zur
Erhohung der physischen Krafte verschaffen, sowie ihnen durch Verktirzung
der Arbeitszeit eine Schonung der physischen Krafte ermoglichen «. Darin
driickt sich der Wert der Gewerkschaften fiir Staat und Wirtschaft aus.
Auf dem GewerkschaftskongreB in Hamburg 1908 betonte L. : »Wenn Deutsch-
land heute das hervorragende Industrieland ist, wenn es ihm gelungen ist,
selbst das alteste Industrieland England zum Teil auf dem Weltmarkt zu
verdrangen, wenn heute deutsche Produkte auf den Markten aller Weltteile
gern gekauft werden, so verdanken wir das . . . zum groBten Teile der Intelli-
genz der deutschen Arbeiter. « DaB die Arbeiter zu dieser Intelligenz gekommen
seien, verdankten sie hauptsachlich ihrer eigenen Erziehung in den Gewerk-
schaften. In dem modernen ProduktionsprozeB kann nur ein geistig hoch-
stehender Arbeiter seinen Platz vollstandig ausfullen, weshalb auch die geistige
Aufwartsentwicklung der Arbeiterschaft weiter fortschreiten muB. Das wird
in der Folge auch zur Erhohung der I^ebenshaltung der Arbeiterklasse bei-
tragen.
Aber die Gewerkschaften kampf en nicht nur im Arbeiterinteresse allein,
sondern ihre Tatigkeit ist ein Dienst fiir das Wohl des ganzen Volkes. In
Legien 575
dem 1915 erschienenen Buche von Thimme-Legien : »Die Arbeiterschaft im
neuen Deutschland« schreibt deswegen L. iiber die Tatigkeit der Gewerk-
schaften wahrend des Krieges: »Die Gewerkschaften haben keinen Augenblick
gezogert, sich in dieser schweren Zeit genau so in den Dienst der Allgemein-
heit zu stellen, wie sie bisher den Interessen der Masse der Arbeiter zu dienen
bestrebt waren. Da das, was von ihnen geleistet werden sollte, dem bisherigen
Wesen und Wirken der Gewerkschaften entsprach, so trat mit Ubernahme
dieser neuen Aufgaben weder in ihrer Tendenz noch in ihrer Organisation
eine Anderung ein. Es gait, soziale Arbeit zu leisten, ein Gebiet, auf dem die
Gewerkschaften stets tatig waren, das ihren eigentlichen Arbeitskreis bildet.«
Und in einem anderen Aufsatze fuhrte er aus, daB die Arbeiterschaft die ihr
wahrend des Krieges auferlegten L,asten nicht ertragen haben wiirde, » hatte
nicht durch die Schulung in den Arbeiterorganisationen der Gedanke in den
Arbeitermassen Wurzel gefaJSt, daB das Interesse der Gesamtheit jedem
Sonderinteresse voranzustellen ist«. Die Erfahrungen wahrend des Krieges
hatten deswegen deutlich gezeigt, daB die Gewerkschaften keine »Fremd-
korper im Wirtschaf tsleben «, wie ihre alten Feinde immer behaupteten, seien,
sie hatten sich vielmehr bei der Aufrechterhaltung der Volkswirtschaft als
ein sehr bedeutender Faktor zur Forderung derselben erwiesen.
Natiirlich sind die sogenannten freien Gewerkschaften, um die es sich hier
handelt, grundsatzliche Gegner der privatkapitalistischen Produktionswirt-
schaft. In den Richtlinien fur die kunftige Wirksamkeit der Gewerkschaften,
die der Niirnberger KongreB 1919 aufgestellt hat, heiBt es : »Die Gewerkschaften
erblicken im Sozialismus gegenuber der kapitalistischen Wirtschaft die hohere
Form der volkswirtschaftlichen Organisation. Die von ihnen erstrebte Be-
triebsdemokratie und Umwandlung der Einzelarbeitsvertrage in Kollektiv-
vertrage sind wichtige Vorarbeiten fiir die Sozialisierung. « Schon 1892 hatte
L. in einem Aufsatz erklart, daB die Gewerkschaftsbewegung ein Mittel sei,
um die Sozialisierung der Produktion vorzubereiten. In spateren Aufsatzen
spricht er von der Demokratisierung der Produktion, als deren Vorstufe er
die Tarifgemeinschaften bezeichnet. »So wenig«, schreibt er 1900, »wie im
Staatsleben der Sprung vom volligen Absolutismus zur Demokratie moglich
ist, sondern ein Ubergangsstadium, der konstitutionelle Staat, erscheint, so
wenig oder noch weniger wird in der Produktion eine radikale Anderung er-
folgen, ohne daB die erforderlichen Vorbedingungen gegeben sind. Diese zu
schaffen, sind die Gewerkschaften bestrebt. « Schon 1900 also erkannte L,.
in den damaligen Erfolgen der Gewerkschaften die Anfange der Wirtschafts-
demokratie: mit Recht, denn mit der Einfiihrung des kollektiven Arbeits-
vertrages erhielt der Absolutismus im Fabrikbetriebe den ersten StoB. L,. hat
die weiteren Erfolge der Arbeiterschaft auf diesem Gebiete, zum Beispiel das
Betriebsrategesetz, den Reichswirtschaftsrat, noch mit erlebt.
Die Nachkriegszeit hob die Gewerkschaften zu einem Machtfaktor im neuen
Staate empor. Die Verbindung der Gewerkschaften mit den groBen Unter-
nehmerverbanden zu der Zentralarbeitsgemeinschaft nach Kriegsende 1918
hatte wesentlich dazu beigetragen, daB die Demobilmachung sich glatt voll-
ziehen konnte und das Wirtschaftsleben vor dem Chaos bewahrt blieb. Die
rasche Niederwerfung des Kapp-Putsches 1920 durch den von den Gewerk-
schaften gefuhrten Generalstreik zeigte L. noch einmal, trotz seiner schweren
576 1920
Erkrankung, als den umsichtigen und entschlossenen groBen Fiihrer. Die
hinter ihm stehenden Massen der organisierten Arbeiter, die bei seinem Amts-
antritt 1890 rund 265000 zahlten, waren in den dreiBig Jahren, bis der Tod
L. 1920 aus seinem arbeitsreichen Leben abberief , auf annahernd acht Millionen
angewachsen.
Berlin. Theodor Leipart.
Macco, Heinrich, Dr.-Ing. e. h., Zivilingenieur, Geschaftsfuhrer der Handels-
kammer in Siegen i. W. und Vorsitzender und Geschaftsfiinrer des Berg- und
Huttenmannischen Vereins, * am 25. Juni 1843 in Siegen, f am 13. August
1920 in Glucksburg a. d. Ostsee. — Die Bewohner des zwischen Westerwald
und dem Rothaargebirge, von dem oberen Lauf der Sieg durchflossenen so
bezeichneten Siegerlands bilden einen Volksstamm von ausgesprochener Eigen-
art. Bei rauhem Klima und schwierigem Bergbau und ungunstiger Lage zum
tibrigen Industriebezirk haben sie stets in harter Arbeit dem heimischen Boden
seine Schatze abgewinnen miissen, und gerade durch die technischen Fort-
schritte, durch die das niederrheinisch-westfalische Gebiet hochgekommen ist,
ist das Siegerland in Bedrangnis geraten. In diesen schwierigen Zeiten, die
mit der Erf indung des Entphosphorungsverfahrens in der Eisenindustrie ihren
Anfang nahmen, ist ihm Heinrich M. als Heifer in der Not erstanden. Als
Kind der Bergstadt Siegen verschrieb er sich mit Leib und Seele seinem engeren
Heimatland, verstand dabei aber in kluger Weise den allgemeinen Interessen
zu dienen, so daB er in weiten industriellen Kreisen, nicht zum mindesten
denjenigen seiner engeren Freunde und Fachgenossen aus dem Eisenhiitten-
fach, hohes Ansehen genoB.
Heinrich M. war als Sohn des Justizrats M. in Siegen geboren. Er besuchte
die Siegener Realschule, auf der er im Fruhjahr 1861 die Abgangsprufung be-
stand, arbeitete praktisch in der Maschinenfabrik von A. und H. Oechelhauser
und studierte auf dem Polytechnikum in Karlsruhe. Bei Borsig & Schwartz-
kopf in Berlin erhielt er seine ersten Anstellungen als Maschinenkonstrukteur,
1869 lieB er sich in Siegen als Zivilingenieur nieder und vertrat Jahrzehnte hin-
durch fiir Westdeutschland die Firma Adolf Bleichert in Leipzig-Gohlis, mit
deren Begriinder ihn langjahrige Freundschaft verband. Mit dem Englander
Whitwell f uhrte er wohl als einer der ersten die Erhitzung des Hochof enwindes
auf deutschen Eisenhutten ein. Auf zahlreichen Auslandsreisen, insbesondere
nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, hat er seinen Blick geweitet
und Anregungen gesucht, um die deutsche Wirtschaft zu fordern.
Wenn M. auch nicht einer jener »Industriekapitane« gewesen ist, die fuhrend
in der Griindung und Ausdehnung groBer industrieller Unternehmungen vor-
angegangen sind, so war er doch so bestimmend fiir die Entwicklung der Berg-
werks- und Hiittenindustrie seiner Heimat, daB die ausgleichende und voran-
schreitende Zeit die Erfolge seiner Lebenstatigkeit so bald nicht verwischen
wird. Im besonderen waren die Tarifangelegenheiten fiir Brennstoffe und Erze,
die alten Sorgenfragen der Siegerlander Industrie, sowie die Herstellung bes-
serer Eisenbahnverbindungen des Siegerlandes mit dem rheinisch-westf alischen
Industriegebiet und dem Siiden des Reiches Sondergebiete, auf denen er jahr-
zehntelang unermiidlich tatig war und auf denen er Erfolge hatte — der Bau der
Legien. Macco 577
Eisenbahn Siegen-Haiger beweist es — , die ihn tiberleben und seinen
Namen in bleibender Erinnerung halten werden. Dariiber hinaus gait Hein-
rich M. als FachgroBe in Eisenbahnangelegenheiten, und seit 1898 war er
regelmaBig Redner der Nationalliberalen Partei im PreuBischen Abgeordneten-
hause bei Beratung des Eisenbahnhaushalts und anderer Angelegenheiten
des Eisenbahnwesens.
In der Industrie des Siegerlandes spielte M. mit vollem Recht eine fuhrende
Rolle. Das war ihm vornehmlich moglich durch seine Tatigkeit als Geschafts-
fuhrer der Siegener Handelskammer (seit 1879) und des Berg- und Hutten-
mannischen Vereins (seit 1876), die ihn als ihren Vertreter in die Bezirkseisen-
bahnrate entsandten, sowie durch seine Beteiligung an vielen und mancherlei
industriellen Unternehmungen der engeren und weiteren Heimat. Und diese
letzterwahnte Tatigkeit erstreckte sich nicht etwa nur auf Eisenindustrie und
Erzbergbau, sondern griff weiter auf Braunkohlen- und Kalibergbau, Ton-
industrie und Miihlenwesen iiber. M. war Vorsitzender oder Mitglied des Auf-
sichtsrates zahlreicher derartiger Unternehmungen nicht nur dem Namen nach,
sondern sie unermiidlich fordernd und ihnen anregend dienend bis in seine
letzten Lebensstunden. Besonders der Aktiengesellschaft >>Charlottenhtitte«
in Niederschelden war in seiner letzten I^ebenszeit seine schier unerschopfliche
Arbeitskraft gewidmet, seitdem er deren Aufsichtsrat als Vorsitzender ange-
horte. Den schon unter dem fruheren Vorsitzenden Adolf Schleifenbaum ein-
geleiteten Aufschwung dieses Werkes wuBte M. mit der ihm eigenen Tatkraft
und mit groBem Erfolge zu erhohen, und die gewaltige Ausdehnung der Char-
lottenhiitte in den letzten Jahren ist nicht zum wenigsten mit sein Werk. Es
war fur seine Freunde und Mitarbeiter immer wieder aufs neue erstaunlich,
mit welcher Lebendigkeit und Zahigkeit noch der Siebzigjahrige seinen
Planen nachging und mit welcher Geschicklichkeit er sie durchzufuhren ver-
stand. M. war dabei keineswegs ein bequemer Mitarbeiter; er setzte bei
anderen voraus, was ihm selbstverstandlich war, und daB er dabei auf
manchen harten Widerstand stieB, ist begreiflich. Aber nie hat ihn ein MiB-
erfolg entmutigt; er griff immer wieder aufs neue zu, und da er die seltene
menschliche Eigenschaft hatte, nichts nachzutragen und ehrlich einen Irrtum
einzugestehen, so schatzte man ihn trotz aller Eigenheiten eines starken
Charakters hoch und sicherte sich seine Mitarbeit in weitestem AusmaBe.
Dem Verein deutscher Eisenhiittenleute, zu dessen Neubegriindern er ge-
horte, widmete er als Mitglied des Vorstandes seine Erfahrung und Sach-
kenntnis, namentlich in Eisenbahnfragen, iiber die er auf den Hauptversamm-
lungen des Vereins wiederholt berichtete.
Heinrich M. hat es natiirlich an Anerkennung nicht gefehlt, um so weniger,
als er auch auf anderen offentlichen Arbeitsgebieten ehrenamtlich tatig war.
So gehorte er der Stadtverordnetenversammlung zu Siegen voile 45 Jahre an.
Seine hohen Verdienste um die deutsche Wirtschaft, insbesondere die Forde-
rung des Eisenbahnwesens, erkannte die Technische Hochschule Breslau da-
durch an, daB sie M. zum Dr.-Ing. ehrenhalber ernannte. Der Berg- und Hiitten-
mannische Verein zu Siegen ernannte M. 19 18 am SchluB seiner mehrere Jahr-
zehnte umf assenden Geschaftsf iihrertatigkeit zu seinem Ehrenmitgliede. Immer
aber blieb er der schlichte, einfache, gerade Siegerlander, der mit groBer Liebe
und vorbildlicher Treue an seiner Heimat hing und deren Wohl forderte, wo
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er nur konnte. Er hat in seinem Leben dem alten westfalischen Schoffen-
spnich nachgelebt:
Ich will des Landes Bestes raten
Und des nicht lassen tun Weib noch inn Kind . . .
Noch um keinerlei Gift oder Gabe, noch urn Neid, noch um Habe,
Noch um Not, noch um Furcht vor dem Tod.
Diese Biographie ist auf Grund eines Nachruf s in Stahl und Eisen, 1 920, Nr. 40 S. 1 3 59/60)
rnit freundlicher Beratung durch Herrn Dipl.-Ing. Schroedter, dem vor aUem das nach-
folgende Literatur-Verzeichnis verdankt wird, und Herrn Bergassessor Macco bearbeitet.
Literatur: Tiefbauanlagen des Siegener Eisensteinbezirks. — Reiseskizzen aus
den Vereinigten Staaten von Nordamerika mit besonderer Beriicksichtigung der Eisen-
industrie, zwei Vortrage, gehalten am 22. Okt. 1876. — Uber die Reise, die M. 1890 in
die Vereinigten Staaten machte, veroffentlichte er mehrere Aufsatze in der »Rheinisch-
Westfalischen Zeitung« 1890 vom 25. Sept. (Nr. 266), 21. Okt. (Nr. 292), 4. (Nr. 306),
5. (Nr. 307), 11. (Nr. 313), 18. Nov. (Nr. 320), 18. (Nr. 350) und 20. Dez. (Nr. 352). — Die
Einfiihrung von Giiterwagen groBerer Tragi alii gkeit und der heutige Oberbau der konigl.
preuB. Staatsbahnen, Stahl und Eisen Nr. 2, 1890. — Uber amerikanisches Eisenbahn-
wesen. ebd. Nr. 2, 1891. — Die amerikanischen und preuBischen Eisenbahnen und die
rheinisch-westfalische Industrie, ebd. Nr. 16, 1899. — Die Entwicklung des preuBischen
Eisenbahnwesens, Zeitschr. d. Ver. deutscher Ingenieure, 1901. — Rohmaterialien und
Frachtverhaltnisse in den Vereinigten Staaten, Stahl und Eisen Nr. 10, 1903. — Bericht
iiber eine Studienreise nach den Ver. Staaten von Nordamerika, ebd. Nr. 2 und 3, 1904.
— Kohle und Koks in den Vereinigten Staaten, ebd. Nr. 10, 1904. — Die Entwicklung
des Eisenbahnnetzes, des Betriebes, der finanziellen Ertrage und die Organisation der
Verwaltung der preuBischen Staatsbahnen, in Tabellen zusammengestellt, Berlin 1908.
— Volkswirtschaftliche Fragen der Gegenwart, Stahl und Eisen Nr. 50, 1909. — Berg-
akademie und Geologische Landesanstalt in Berlin, ebd. Nr. 12, 1910. — Die preuBische
Eisenbahn und die Staatsfinanzen, Teclmik und Wirtschaft, III. Jahrg., 19 10, Heft XI
und XII. — Der Wagenmangel, ebd. V. Jahrg., 191 2, Heft III. — Die preuBische Staats-
eisenbahn, Stahl und Eisen Nr. 18, 1915. — Die Eisenbahnen nach dem Kriege, »Kol-
nische Zeitung*, Sonderabdruck, 28. Dezember 1915, Nr. 131 1. — Die preuBische Staats-
eisenbahn im Jahre 1916, Stahl und Eisen Nr. 22, 1916. — Nachruf auf Fritz W. Iyiirmann,
ebd. Nr. 40, 1920. — Bericht der Handelskammer iiber die gewerbliche Entwicklung des
Siegerlands von 1849 bis 1899 sowie Jahresbericht fiir 1899. — Katalog der Siegerlander
Kollektivausstellung, Diisseldorf 1902. — »K61n. Zeitung* 1899 Nr. 168, 169 und 172,
1901 Nr. 67. — » Munch. -Augsb. Abendzeitung*, 17. Jan. 1917.
Pfeffer, Wilhelm Friedrich Philipp, o. Professor der Botanik, * am 9. Marz 1845
in Grebenstein bei Kassel, f am 31. Januar 1920 in Leipzig. — Der Vater war,
wie der Groflvater und Urgroft vater vaterlicherseits, Apotheker in Greben-
stein; die Mutter Luise, geborene Theobald, stammte aus einem kurhessischen
Pfarrhause; ihre Vorfahren sollen aus Siidfrankreich ausgewanderte Huge-
notten gewesen sein.
Durch den geistig sehr regsamen, kenntnisreichen und wissenschaftlich leb-
haft interessierten Vater angeregt, der wert voile Naturaliensammlungen be-
safi, begann der friihreife Knabe schon im Alter von sechs Jahren Pflanzen
zu pressen, Kafer-, Schmetterlings- und Muschelsammlungen anzulegen. Mit
der Reife fiir Untersekunda kam er als Lehrling in die vaterliche Apotheke,
wo er von der Pike auf dienen, die Geratschaften reinigen, Krauter und
Drogen schneiden und pulvern muBte. Daneben leitete ihn der Vater mit
Hilfe von Schachts »Mikroskop« und Hugo von Mohls »Morphologie und
Physiologie der Pflanzenzelle« zu mikroskopischen Untersuchungen von
Macco. Pfeffer 57g
Mehlen, Fasern und Starkesorten an; auch einfache pflanzenphysiologische
Versuche machte er zusammen mit ihm. In botanischer Richtung erhielt er
auBer vom Vater auch mannigfaltige wertvolle Anregungen von einem Ver-
wandten miitterlicherseits, Onkel Gottfried Theobald, Professor an der Kanton-
schule in Chur, der sich urn die Kenntnis der Moosflora in den rhatischen
Alpen bedeutende Verdienste erworben hat. Schon im Alter von zwolf Jahren
durfte er diesen auf seinen botanischen und geologischen Wanderungen in
den Alpen begleiten. So eignete er sich bereits in jungen Jahren, auch in hohem
MaBe selbstandig, eine griindliche Kenntnis der hoheren Pflanzen und der
Moose Deutschlands und der Schweiz an. Ferner beschaftigte er sich in der
Apotheke schon eingehend mit Chemie und chemischen Analysen, so daJ3 er
griindliche wissenschaftliche Kenntnisse mitbrachte, als er im Alter von
1 8 Jahren nach Ablegung der Gehilfenprufung die Universitat Gottingen
bezog, um sich wissenschaftlich auf den Apothekerberuf weiter vorzubereiten,
besonders um Chemie zu studieren. Dem Studium daselbst verdankt er denn
auch seine griindlichen Kenntnisse in Chemie und Physik. Er horte bei Wohler
und Fittig, sowie dem Physiker Wilhelm Weber Vorlesungen, beschaftigte
sich daneben aber auch weiter eifrig mit Botanik, vornehmlich Kryptogamen-
kunde. Schon wenige Wochen nach Beginn seines Studiums machte er sich
unter Fittigs Leitung an eine selbstandige wissenschaftliche Arbeit: »t)ber
einige Derivate des Glyzerins und dessen Uberfuhrung in Allylen«, worin er
mit gut durchgefuhrten, sauberen und kritischen Versuchen zeigte, wie man
Glyzerin in den Kohlenwasserstoff Allylen umwandeln kann. Mit dieser Disser-
tation meldete er sich nach knapp viersemestrigem Studium, nachdem er die
Lucken in seinen Schulkenntnissen mit eisernem FleiB ausgefullt hatte, zum
Doktorexamen, das er am 3. Februar 1865 in Gottingen mit Auszeichnung
bestand.
Im Sommer 1865 setzte er sein pharmazeutisches Studium in Marburg bei
dem Botaniker Wigand und dem Chemiker Kolbe fort. Obwohl ihm dort der
Gedanke nahegelegt wurde, sich der akademischen Laufbahn zuzuwenden,
blieb er doch zunachst der Pharmazie treu. Deshalb trat er auch nach Ende
des Sommersemesters seine pharmazeutische Gehilfenzeit an, zunachst in einer
Apotheke in Augsburg, sodann vom Juli 1866 in Chur, wo ihm mehr Zeit
fur botanische, namentlich auch literarische Studien blieb. Ferner konnte er
sich hier, wohl auf Anregung seines obengenannten Onkels, an eine eingehende
Erforschung der Laubmoose Graubiindens machen, deren Ergebnisse er in
mehreren kleinen Arbeiten (1867, 1868), vor allem aber in einer groBeren
Abhandlung »Bryogeographische Studien aus den rhatischen Alpen* (1869)
niederlegte. Mit Beginn des Wintersemesters 1868/69 kehrte P. wieder nach
Marburg zuriick, um hier das pharmazeutische Staatsexamen abzulegen.
Nunmehr erst ging er ganz zur Botanik iibex. Zunachst arbeitete er dort
weiter unter Wigand und schloB die von diesem angeregte Arbeit iiber die
Blutenentwicklung der Primulaceen und Ampelideen (1872) ab. Ende Au-
gust 1869 ue^ er s^cn einen der damals von jungen Botanikern sehr begehrten
Arbeitsplatze im Privatlaboratorium Pringsheims in Berlin geben. Bei ihm
entstand die bekannte, treffliche Untersuchung iiber die Keimentwicklung
von Selaginella (1871). Im Sommer 1870 siedelte er zu dem Pflanzenphysio-
logen Julius Sachs nach Wurzburg iiber, dessen EinfluB neben eigenen Nei-
58o 1920
gungen und eigener Begabung fiir seine weitere wissenschaftliche Entwick-
lnng entscheidend wurde. Bei ihm begann er physiologisch zu arbeiten; hier
in Wiirzburg, wo er bis in den Winter 1871 blieb, machte er Untersuchungen
tiber die Wirkung des farbigen Lichtes auf die Kohlensaureassimilation (1871,
1872) und die hiibschen Studien tiber Symmetric und spezifische Wachstums-
ursachen (1871), eine der altesten, rein entwicklungsphysiologischen Arbeiten.
Die erstere Arbeit legte er im Januar 1871 der Marburger Fakultat zur Habi-
tation vor.
Als botanischer Privatdozent fiihrte er in Marburg umfassende Unter-
suchungen aus tiber Proteinkorner und die Bedeutung des Asparagins in den
Pflanzen (1872), ferner iiber Reizerscheinungen bei Pflanzen, so vor allem
iiber die Bewegungsmechanik bei den Staubfadenhaaren der Cynareen und
der Mimose (1873), iiber die Reizfortpflanzung bei der letzteren (1873) und
iiber das Offnen und SchlieBen der Bliiten (1873). Am bedeutsamsten von
diesen Forschungen waren zweifellos die Arbeiten iiber die Reizbarkeit der
Pflanzen und die Mechanik der Reizbewegungen : P. erkannte hier als erster
ganz klar das Plasma als den Sitz der Reizbarkeit auch bei den Pflanzen;
ferner fand er, dafl die Bewegungen der Staubfadenhaare bei den Cynareen
durch iiberraschend hohe, physikalisch damals noch vollig unverstandliche
Druckkrafte zustande kommen. Daraus erwuchs ihm die Anregung, sich mit
osmotischen Problemen zu beschaftigen. So begann er noch in Marburg im
Alter von 27 Jahren seine osmotischen Untersuchungen.
Inzwischen hatte ihn im Herbste 1873 die preuBische Staatsregierung auf
das in Bonn neubegriindete Extraordinariat fiir Pharmazie und Botanik be-
rufen. Hier schloB er sich besonders eng an den Privatdozenten der Botanik
Hermann Vochting an, mit dem ihn fernerhin zeitlebens enge Freundschaft
verband. In Bonn wurden eine groBe Arbeit iiber die periodischen Bewegungen
der Blattorgane (1875) und vor allem die erwahnten » Osmotischen Unter-
suchungen* vollendet (1877), die immer zu den klassischen Werken der natur-
wissenschaftlichen Weltliteratur gerechnet werden miissen. Nach dem Vor-
bild der Pflanzenzelle schuf sich P. aus einer Tonzelle, der er in hochst sinn-
reicher Weise eine der zuvor von Traube entdeckten Niederschlagsmembranen
aus Ferrozyankupfer widerstandsfahig anlagerte, seine »Pfeffersche Zelle«,
womit es ihm, dem Pflanzenphysiologen, zum ersten Male gliickte, exakt
genaue osmotische Druckwerte zu bestimmen. Auch dem Physiker iiber-
raschend war der Nachweis, daB bereits sehr schwach konzentrierte Elektrolyt-
losungen erstaunlich hohe solche Drucke entwickeln, so z. B. eine einprozen-
tige Kalisalpeterlosung nicht weniger als drei Atmospharen. Die von P. fiir
den Zucker ermittelten Drucke haben bekanntlich bald danach van't Hoff die
Grundlage zu seiner beruhmten Theorie der Losungen gegeben.
Im Friihjahr 1877 folgte P. einem Ruf als o. Professor nach Basel und im
Herbst 1878 einem weiteren nach Tubingen ; an beiden Orten wurde er Nach-
folger von Schwendener. Dort begann er eine umfangreiche Lehrtatigkeit.
Schon dorthin kamen namlich zu ihm junge Gelehrte aus vielen Landern,
um von ihm Anregungen zu empfangen; die beiden Bande Untersuchungen
aus dem Botanischen Institut Tubingen (1881 — 1888) enthalten seine eigenen
und seiner Schuler Arbeiten aus damaliger Zeit. Im Jahre 1881 gab er ein
Handbuch der Pflanzenphysiologie in zwei Banden heraus, das, wohl zum
Pfeffer 581
ersten Male, versuchte, den damaligen Tatbestand dieses Wissenschafts-
gebietes zu einem Ganzen synthetisch zu verschmelzen. Es folgten die be-
riihmt gewordenen Untersuchungen iiber lokomotorische Richtungsbewe-
gungen durch chemische Reize (1884 und 1888), worin er iiber seine Ent-
deckung der Chemotaxis der Spermien und Bakterien eingehend berichtete,
umfangreiche Arbeiten iiber intramolekulare Atmung (1885), iiber Aufnahme
von Anilinfarbstoffen in die lebende Zelle (1886) und iiber Reizbarkeit der
Ranken (1885).
Im Herbste 1887 folgte er einem Rufe nach Leipzig. Noch weit umfang-
reicher als bisher entfaltete sich hier seine Unterrichtstatigkeit. Um ihn, dem
nunmehr unbestritten ersten Pflanzenphysiologen der Welt, scharte sich fast
die gesamte jiingere Generation von Pflanzenphysiologen aus alien Landern
der Erde. So sind fast samtliche lebenden Pflanzenphysiologen seine Schuler
geworden. Die Festschrift zu seinem 70. Geburtstag (Jahrb. f. wiss. Bot.,
Bd. 56, 1915) gibt ein vollstandiges Verzeichnis seiner Schuler (260 an Zahl)
und deren Arbeiten bis zum Marz 19 15.
Auch die Jahrzehnte in Leipzig brachten der Wissenschaft wieder reichen
Gewinn. Untersuchungen iiber die Oxydationsvorgange in den lebenden
Zellen (1889), zur Kenntnis der Plasmahaut (1890), die theoretisch hoch-
bedeutsamen Studien zur Energetik der pflanze (1892), Forschungen iiber
Druck und Arbeitsleistungen der Pflanzen (1893), iiber Elektion organischer
Nahrstoffe (1895), iiber Schlafbewegungen der Pflanzen (1907, 191 1, 1915),
sowie vor allem eine zweite, weit umfangreicher gewordene Auflage seiner
Pflanzenphysiologie (Bd. I 1897, Bd. II 1901/1904) folgten einander und
brachten eine Fiille wertvoller neuer Entdeckungen, sowie wichtige theore-
tische Einsichten und Anregungen. Im Jahre 1895 iibernahm er ferner die
Redaktion der Jahrbucher fiir wissenschaftliche Botanik zusammen mit
Strasburger in Bonn, nachdem ihr Begriinder Pringsheim gestorben war.
P. war neben seinem Lehrer Sachs zweifellos der bedeutendste deutsche
Pflanzenphysiologe, iiberragend in gleicher Weise an Tiefgriindigkeit und
Vielseitigkeit der Kenntnisse in den Gebieten der Physiologie, Physik und
Chemie, wie an Umfang und Erfolg seiner Forschungen. Mit Recht wurden
ihm alle nur irgend erdenklichen wissenschaftlichen Ehrungen zuteil; er wurde
Mitglied fast aller groBen Akademien der Erde, z. B. der Berliner Akademie
schon von seinem 44. Lebensjahre an, Ehrendoktor von fiinf Universitaten
des In- und Auslandes, Ritter des preuflischen Ordens pour le merite, des
bayrischen Maximilian-Ordens fiir Kunst und Wissenschaft und des schwe-
dischen Nordsternordens I. Klasse, Ehrenmitglied der Deutschen chemischen
Gesellschaft, um nur einiges zu nennen, was ihn besonders erfreute und be-
gliickte. Sein EinfluB auf die Entwicklung der Pflanzenphysiologie war un-
gemein groB ; er gab ihr die so f ruchtbar gewordene exakte Methode der For-
schung, die bei der vielfachen Bedingtheit der Lebenserscheinungen, wie
zuerst er richtig erkannte, nur die der vorsichtig abwagenden kritischen
Analyse sein kann, und zugleich schenkte er ihr viele neue technische Hilfs-
mittel fiir Forschung und Lehre. Auch strebte er, als hervorragender Theo-
retiker, der er war, zum ersten Male eine Synthese der Lebenserscheinungen
an. Die Vorstellungen, denen er zum Siege zu verhelfen suchte, waren die
Ideen der Arbeitsverkniipfung im Organismus, der Selbststeuerung, des Strebens
582 i9*o
nach Gleichgewicht, der Gleichgewichtsstorungen durch innere und auBere
Einfliisse, der danach wieder zu neuem Gleichgewicht fuhrenden Gegen-
reaktionen und des Auslosungscharakters vieler und gerade der bezeichnend-
sten Lebenserscheinungen, sowie endlich neue fruchtbare Gedanken iiber die
Herkunft der fur die Iyebensvorgange der Pflanzen notwendigen Energie-
formen.
Menschlich war P. sympathisch, schlicht und bescheiden, liebevoll und
gtitig, rastlos arbeitsam, peinlich gewissenhaft und pflichteifrig, vorsichtig
abwagend und besonnen in seinem Urteil, ein grofier Naturfreund und in
seiner Jugend ein waghalsiger Hochalpinist, der als fiinfter das Matterhom
bezwungen hat, aber mit einem ausgesprochenen Hang zum Pessimismus,
ein hervorragender, geistvoller und stets hilfsbereiter Lehrer im Laboratorium.
Literatur: Vgl. vor allem die eingehende Biographie des Unterzeichneten in den Ber.
d. Deutsch. botan. Gesellschaft, Bd. 38, 1920; dort auch ein vollstandiges Verzeichnis seiner
Schriften; ferner die Festnummer der Naturwissenschaften zum 70. Geburtstag, Jahrg. 3.
Heft 10, 191 5, ebenfalls mit Bild, sowie die Festschrift zum 70. Geburtstag, J ahrb. fiir
wiss. Botanik, Bd. 56, 191 5. — Ferner Ruhland, W., Nachruf auf P. in den Ber. math,
phys. Kl. sachs. Akad. d. Wiss., Leipzig, Bd. 75, 1923.
Bonn. Hans Fitting.
Raps, August, Dr. phil., Dr.-Ing. e. h., Professor, Direktor der Siemens
& Halske A.-G., * am 23. Januar 1865 in Koln, f am 20. April 1920 in Berlin. —
August R. war der Sohn eines Kunstmalers. Wohl aus Griinden sicherer
Lebenshaltung fiir die Familie widmete sich der Vater spater der noch jugend-
lichen Photographie, starb aber fruh. Es ist, als ob der kurze Lebenslauf des
Vaters auch des Sohnes Entwicklung widerspiegelt : die breite kunstlerische
Grundlage, auf der sich alles spatere praktische Schaffen aufbaute.
August R. besuchte das humanistische Gymnasium in Koln. Auch bei ihm
hat sich gezeigt, dafi der auf die alten Sprachen eingestellte Unterricht keines-
falls der Entfaltung anderer Neigungen abtraglich ist. R. zeigte dazu eine
ausgesprochene Vorliebe fiir Handfertigkeit, die aber nicht ihrer selbst wegen
betrieben wurde, sondern als. Mittel zur Erreichung bestimmter Zwecke,
hier der Herstellung physikalischer Gerate oder kleiner Nachbildungen von
Maschinen. Die Mutter mufi einen tiefen EinbUck in die Empfindungen ihres
Sohnes gehabt haben, wenn sie ihm fur seine scheinbar so ganz von den
Schulpflichten abliegenden Arbeiten eine Drehbank erstand, die von dem
Beschenkten fortwahrend benutzt und bis an sein Lebensende in Ehren
gehalten wurde. Sie ermoglichte ihm, seinem Gestaltungsdrange in der ihm
gunstigsten Richtung zu folgen und hat ihm gewifi manche Anregungen
fiir seine Laufbahn verschafft. Zu diesem, zunachst natiirlich noch halb
spielerischen Triebe, gesellte sich bei August R. mehr und mehr das Verlangen
nach Einblick in die Naturvorgange. Aus diesem Zusammenlaufen der Nei-
gungen verschiedenen Ursprunges erklart sich auch wohl die Wahl der Physik
als Studium, das den J tingling nach Erledigung des Gymnasiums zuerst
auf die Universitat Bonn ftihrte. Die gleichen Anregungen sind auch aus der
besonderen Richtung der Studien erkennbar. Sie wandten sich mit Vorliebe
technisch-physikalischen Gegenstanden zu, bei deren Ausgestaltung ein dem
kiinstlerischen verwandter Formensinn zugleich mit dem scharfsinnigen Er-
Pfeffer. Raps 583
forschen und Verfolgen der Erscheinungen wirksam wurde. Von Bonn wandte
sich der Student zu hdherer Ausbildung nach Berlin und wurde der Schuler
von Helmholtz und Kundt. Seine besondere Begabung trug ihm schon damals
Helniholtz, Anerkennung fiir ein selbstgefertigtes Spektroskop ein. Den
nachsten AnschluB fand er aber bei dem ahnlich veranlagten Professor Kundt.
Nach Erwerbung der Doktorwiirde war er fiir langere Zeit dessen Assistent
und lieB sich 1893 als Privatdozent an der Berliner Universitat nieder.
Hier trat nun eine Schicksalswende ein, die ebenso personlich fiir August R.
wie fiir den ihm eroffneten Wirkungskreis von Bedeutung wurde. Wilhelm
v. Siemens (siehe oben, S. 467 ff .) suchte damals nach einer Personlichkeit, die
dem Berliner Werke von Siemens & Halske einen neuen AnstoB zu kraf tigerer
Entwicklung geben sollte. Diesem Stammwerke der Firma war nach I,os-
losen des aufgebluhten Starkstromes die Pflege des Telegraphen- und Telephon-
wesens verblieben, dazu die Ausbildung der jetzt gerade von der Starkstrom-
technik dringend benotigten MeBgerate. Diese Hauptzweige waren nach dem
Tode oder dem Abgange der friiher fuhrenden Manner, Werner Siemens,
Carl Frischen, v. Hefner-Alteneck, nicht mit dem notigen Nachdrucke den
neuen Zielen gefolgt. Namentlich war das Telephongerat nicht aus dem
Gesichtspunkte der wirtschaftlichen Massenerzeugung zeitgemaB weiter ent-
wickelt, die Formgebung erfolgte noch in den gewohnten Bahnen der Fein-
mechanik, die Ausbildung der Fernsprechzentralen stand noch ganz zuriick.
Ebenso deutete das MeBgerat mehr hin auf den Gebrauch im Laboratorium,
als in den nun schon umfangreichen Starkstrombetrieben. Wilhelm v. Sie-
mens, selbst von Hause aus Physiker, aber durch langjahrige Anschauung
und verantwortliche Leitung mit dem Wesen der technischen Erzeugung
vertraut, lieB sich bei seinem Suchen nach einem neuen Fuhrer des Berliner
Werkes nicht von irgendwelchen uberkornmenen Vorstellungen leiten, sondern
folgte seinem freien Empfinden. Ihm lag am nachsten, sich an Kundt wegen
Empfehlung einer voraussichtlich geeigneten Personlichkeit zu wenden. Auf
diesem Wege wurde er mit R. bekannt. Er traf ihn, wie man erzahlt, gerade
bei einer Arbeit, die besondere Handfertigkeit erforderte. R. hatte inzwischen
seine Fahigkeit in der physikalisch-technischen Richtung an einem groBerem
Gegenstande erprobt, einer eigenartigen Quecksilberluftpumpe, die fiir die
Gluhlampenherstellung lange in Anwendung geblieben ist. — Die Verhand-
lungen zwischen den beiden Mannern waren nicht lang, sie muBten dem per-
sonlichen Eindruck vertrauen, den sie aufeinander machten. So nahm R.
1893 das Anerbieten von Wilhelm v. Siemens an, in das Berliner Werk mit
Aussicht auf spatere Ubernahme der Fiihrung einzutreten. Seinem guten
Stern folgend, entsagte er auch einige Zeit spater dem an ihn ergangenen Ruf
an die Technische Hochschule in Dresden, der fiir ihn eine weniger ausgedehnte,
aber ebenso ehrenvolle wie sichere Stellung auf bekanntem Gebiete bedeutete.
Beim Eintritt in den neuen, vielversprechenden, aber noch wenig iiber-
sichtlichen Wirkungskreis wahlte sich R. ganz natiirlich einzelne besondere
Aufgaben zur Bearbeitung. Zur maBigen Freude der damaligen Leiter des
Berliner Werkes zeigte er, wie selbst an jahrelang bewahrtem Gerat immer
noch wichtige Verbesserungen vorgenommen werden konnen. Ein solcher
und besonders kennzeichnender Fall trat gleich anfangs ein fiir den seit
dreiBig Jahren gebauten Drucktelegraphen nach Hughes, der vermeintlich
584 !92o
gar nicht mehr verbessert werden konnte. Der tiichtige Beamtenkdrper im
Werke war wohl immer noch fahig, einem schopferischen Fiihrer zu folgen,
fand aber selbst nicht mehr sicher die Bahnen, die unter den stark veranderten
gewerblichen Verhaltnissen einzuschlagen waren. Solange der Telegraph den
Inhalt der Schwachstromtechnik bildete, arbeitete man im wesentlichen fiir
Behorden und konnte nur in sehr beschranktem MaBe zur Massenfertigung
iibergehen, so sehr das noch Werner Siemens selbst angestrebt hatte. Zu
einer umf assenden Einfuhrung dieser Arbeitsweise war der Bedarf nicht groB
genug, auch muBte den vielfachen Sonderwunschen einzelner Dienststellen
geniigt werden. Mit dem Aufkommen des Telephones bekam der Markt aber
bald ein anderes Gesicht. Weitere Kreise wurden Abnehmer der neuen, noch
in der Ausbildung befindlichen Gerate. Wie ein Ausblick in die Zukunft hatte
schon das kleine, iiberraschend einfache Bell-Telephon gewirkt, das gleich
nach dem ersten Bekanntwerden von Siemens & Halske hergestellt wurde
und reiBenden Absatz fand. Nu» muBten alle Einzelheiten des Telephones
selbst und des Schaltgerates durchgebildet und erprobt werden. NaturgemaB
folgte man dabei zunachst in der Formgebung und Herstellung den Rich-
tungen und Verfahren, die von der Telegraphentechnik her gewohnt waren.
Erst spater erkannte man, daB die neuen Einrichtungen auch neue Ferti-
gungsverfahren erlaubten. Schon mit verhaltnismaBig einfachen Mitteln
konnte der in seiner Wirkung so unendlich feine Fernsprecher einigermaBen
brauchbar hergestellt werden, und deshalb entstand schnell mehr oder weniger
bedeutender Mitbewerb auf dem neuen Gebiete. Er wuchs im Inlande und
Auslande in einem Grade, den die Telegraphentechnik nicht gekannt hatte.
Dagegen bildete die planmaBige Ausbildung der zentralen Vermittlungs-
stellen fiir die Teilnehmer eine Aufgabe, die ihres Umfanges wegen wieder
dem GroBgewerbe zufiel.
Diesen vielfachen neuen Anforderungen, die sich allein aus dem Telephon-
bau ergaben, sollte nun das Berliner Werk mit weiterem Blicke und geschick-
terer Anpassung entsprechen. Es war das groBe und entscheidende Verdienst
von R., fiir das Werk wie fiir ihn selbst, nach kurzem Einarbeiten die Forde-
rungen der Zeit in ihrem Zusammenhange erkannt und die Leitung des Werkes
im ganzen Umfange als eine geschlossene technische Aufgabe erfaBt zu haben.
Von ihm, dem Physiker, konnte man zunachst wohl das liebevolle Versenken
in rein technische Einzelheiten erwarten und gute Leistungen davon erhoffen,
die organische Verbindung mit den wirtschaftlichen Riicksichten, die erst
den Begriff der Technik vollenden, lag ihm aber bei seinem Eintritte noch
ferner. Er hat sie vollkommen bemeistert, wie sie aus der Entwicklung des
Berliner Werkes, des spateren Werner- Werkes, hervorgeht. Fiir die Durch-
bildung zweckdienlicher Arbeitsverfahren gab ihm die von Jugend auf freudig
gepflegte Handfertigkeit ein lebendiges Verstandnis. Hier waren manche
Vorurteile zu besiegen, die in der alten, auf ihr Konnen mit Recht stolzen
»Prazisionsmechanik« wurzelten. Es handelte sich hauptsachlich um die aus-
gedehnte Umwandlung solcher Herstellungsverfahren, bei denen die End-
form nicht durch Wegnahme von Werkstoff erzielt wird, wie beim Drehen
und Frasen, sondern durch Stanzen, Pragen und Driicken von flachem Blech
unter bedeutender Ersparnis von Werkstoff und Zeit. Mit dieser, damals
noch wenig gewiirdigten Kunst auch lebenswichtige Teile der Gerate zuver-
Raps 585
lassig herzustellen, erforderte natiirlich ein inniges Zusammenarbeiten von
Zeichenstube und Werkstatt nach einheitlichen Gesichtspunkten.
Wie bald R. verstanden hat, den angedeuteten Aufgaben als Leiter des
Werkes gerecht zu werden, zeigt seine schon nach drei Jahren erfolgende
Erhebung zum Direktor, und im folgenden Jahre zum Vorstandsmitgliede
der damals zur Aktiengesellschaft umgewandelten Firma. So gleichmaBig
er aber bei seinem Wirken auch das Ganze im Auge behielt, so entsagte er
doch keineswegs dem eigenen Schaffen und Ausbilden wichtiger Geratschaften,
deren Notwendigkeit er durch lebendige Fuhlung mit der Kundschaft erkannt
hatte. Diese Vielseitigkeit konnte R. aber nur fur das Ganze ersprieBlich
machen durch die Auswahl und Forderung seiner Mitarbeiter. Zu seiner Kunst
des zweckdienlichen Leitens geeigneter Krafte gesellte sich bei ihm in seltenem
Grade die neidlose Anerkennung der Leistungen anderer. Kennzeichnend ist
fur ihn in dieser Hinsicht sein Verhaltnis zu seinem Mitdirektor Dr. A. Franke
geworden, den er noch auf der Universitat schatzen gelernt hatte, dann zu
sich an das Werner-Werk zog und in der Folge als Gleichberechtigten neben
sich treten lieB. Das vorbildliche Zusammenwirken der beiden Manner und
wieder ihr nie gestortes Vertrauensverhaltnis zu Wilhelm v. Siemens ist ein
greifbares Beispiel fur die sachliche Auswirkung seelischer Werte in den fur
den AuBenstehenden so niichternen gewerblichen Betrieben. Dasselbe erwies
die Fuhrerschaft von R. gegeniiber seinen Untergebenen. In seiner heiteren
rheinischen Gemtitsart war er immer bei seinem Planen und Tun von mit-
reiBender Zuversicht, lieB seinen Mitarbeitern weiten Spielraum und griff
nur ein, um vor Irrwegen zu bewahren, wie er auch seine eigenen schopferischen
Ideen rechtzeitig zu ziigeln verstand. Schaffensdrang und kritisches MaB-
halten mit Riicksicht auf den wirtschaftlichen Endzweck hielten sich bei
ihm die Wage.
In dieser Weise und immer mit gleichem Feuer hat August R. iiber ein
Vierteljahrhundert in seinem geliebten Werke geschaffen. Ein fliichtiges
Streifen einiger unter seiner Fuhrung, zum Teil durch ihn personlich ent-
wickelten Hauptgebiete kann den Umfang seiner erfolgreichen Arbeit an-
schaulicher machen. Noch in die erste Zeit seiner Zugehorigkeit zu Siemens
& Halske fallen seine Bemuhungen zur Ausbildung des Telephones als Iyaut-
sprecher fiir die FuBartillerie. Als Reserveoffiziei dieser Truppe hatte er den
Wert eines solchen Gerates fiir die Feuerleitung erkannt, und er loste die
vielumworbene Aufgabe im Verein mit dem spateren General Sieger in einer
dem beabsichtigten Zwecke vollkommen entsprechenden Weise. Sie fuhrte
ihn auch am wirksamsten in das Telephonwesen uberhaupt ein, dessen Be-
diirfnisse und Entwicklungsmoglichkeiten er eindringlich erforschte. Die
hohe Ausbildung des Amterbaues und der automatischen Telephonie bei
Siemens & Halske waren die Folge dieser Fiirsorge, die sich in dem Ansetzen
fahiger und fruchtbarer Kopfe zeigte. In ahnlicher Weise fuhrte sich R. in
das Gebiet der MeBgerate ein durch eine personliche Arbeit, einen Elektrizi-
tatszahler zum Messen des Stromverbrauches an den Abnahmestellen. Zur
vollkommenen Ausbildung dieser besonderen Art ist es nicht gekommen, da
bei der Bildung der Siemens-Schuckert-Werke die Zahlererzeugung aus be-
sonderen Griinden nach den Werkstatten in Niirnberg verlegt wurde. Um so
fruchtbarer erwies sich die mit dieser Arbeit eingeleitete Forderung der immer
586 1920
zahlreicher werdenden elektrischen MeBgerate fur den Betrieb. Nach dem
Hinscheiden von R. war audi diese Abteilung, in der Friihzeit der Firma ohne-
hin eines ilirer wichtigsten Felder, nach einem langeren Stillstande zu einem
Umfange entwickelt, der nach Art und Menge alien Anforderungen der Be-
triebe geniigte und seinerseits fortlaufend neue Anregungen geben konnte. —
Einen betrachtlichen Teil seiner Kraft hat R. immer den Geraten fiir unmittel-
bar militarischen Gebrauch gewidmet. Ahnlich wie zu dem oben erwahnten
Lautsprecher fiihlte er sich durch eifrige Beobachtung angeregt, den Minen-
ziinder zu verbessern, die erste Anwendung, die Werner Siemens 1867 von
seiner eben erfundenen Dynamomaschine gemacht hatte. Der Zunder in der
damaligen Form geniigte nicht mehr den gesteigerten Anforderungen. Er wurde
jetzt unter bedeutender Erleichterung fiir Gluhziindung in Hintereinander-
schaltung der Ziindstellen mit einer durch Federkraft angetriebenen kleinen
Dynamomaschine eingerichtet. Diese Ziindmaschine, die sich dem Feld-
gebrauche gut anpaBte, war fiir das Werk zunachst nicht von groBer Be-
deutung, sie kennzeichnete aber die Fiirsorge des Urhebers, denn im Kriege
gingen sie in vielen Hunderten an die Front. Von entscheidender Bedeutung
im vollen Sinne des Wortes sollten dagegen die Kommandogerate fiir den
Schiffsdienst werden, denen R. sein ganzes reiches Konnen friihzeitig zu-
wandte. Schon Werner Siemens hatte in den achtziger Jahren mit diesen
Einrichtungen einen ersten Anfang gemacht, nach ihrer planmaBigen Auf-
nahme in steter Zusammenarbeit mit den Marinebehorden erhielten sie nun
eine vorher kaum erwartete Ausbildung imd Bedeutung. Sie dienten durch
tfbermittlung von Zeichen der seemannischen Schiffsfiihrung und der Feuer-
leitung. Namentlich diese zweite Gattung hat R. hingebend in langen Jahren
mit ebensoviel artilleristischem Verstandnisse wie physikalisch-technischem
Erfindungsgeiste gepflegt. Die Messungen in der Kommandozentrale konnten
schlieBlich damit so schnell und genau an die Geschiitze iibertragen werden,
daB trotz aller Schwankungen des Schiffes die Granaten iiber friiher uner-
horte Entfernungen ihr Ziel erreichten. Keine Marine war so vollkommen
ausgeriistet, die Englander selbst haben die Uberlegenheit der deutschen
Gerate eingestanden. Die Schlacht am Skagerrak lieferte den Beweis. Der
Kaiser lieB dafiir der Firma seinen besonderen Dank aussprechen.
Um das Bild des Wirkungsfeldes von August R. zu vervollstandigen,
diirfen jahrelange Arbeiten nicht unerwahnt bleiben, mit denen das Werner-
Werk alte Versuche von Werner Siemens bis zur umfangreichen Einfiihrung
in den offentlichen Gebrauch fortfiihrte. Es waren dies die Sterilisierung von
Trinkwasser durch Ozon und die noch viel wichtiger gewordene Bindung
des Stickstoffes der Luft in dem Kalkstickstoff. R. hat diesen Arbeiten mehr
verwaltungsmaBig nahe gestanden, aber sie haben doch die Jahre iiber seine
fachliche Uberwachung und wirtschaftliche zweckmaBige Fiihrung erfordert.
Die Bedeutung eines gewerblichen Betriebes pflegt man nach der Kopf-
zahl derer einzuschatzen, die in ihm ihr Brot finden. Mit Vorsicht angewendet
kann dieses Verfahren wenigstens ein auBerlichee Bild vom Gange der Ent-
wicklung bieten, in diesem Falle von dem Aufstiege, den das Werner-Werk
imter der Fiihrung von R. genommen hat. Bei seinem Eintritte betrug die
Kopfzahl rund 1300, sie nahm dann schnell und stetig zu und erreichte schon
zur Zeit der Verlegung des Werkes von Berlin nach Siemensstadt im Jahre
Raps. Riehn 587
1905 iiber 4600. Von da an bis zum Kriegsausbruche stieg sie auf 11 000,
wahrend des Krieges auf 16 000. Die in den Vorjahren ausgebildete Betati-
gungsart des Werkes hat sich seitdem durch weiteres Anwachsen ausgewirkt.
Der schopferische Mann mit dem heiteren und giitigen Herzen muBte
notwendig auch eine ausgepragte Neigung zur Mitteilung seiner Erfahrungen
und Plane an andere haben. Er konnte oft eine Stunde und mehr seiner viel
beanspruchten Zeit der Belehrung eines jungeren oder alteren Angestellten
widmen, ohne dazu durch die Sachlage gezwungen zu sein. Der Verzicht auf
die Wirkung als akademischer Lehrer wird ihm deshalb nicht leicht geworden
sein. Einen schwachen Ersatz daftir suchte er in der beibehaltenen Stellung
als Privatdozent, die ihm auch den Titel Professor eintrug. EindringHcher
und wirkungsvoller waren seine Veroffentlichungen, meist urspriinglich Vor-
trage, die er in unregelmaBiger Folge bekanntgab. Sie zeugen in ihrer statt-
lichen Anzahl von etwa 25 ebenso von der Lehrfreude des Verfassers, wie von
seiner Lehrbegabung. Sie geben auch ein zusammenhangendes Bild da von,
mit welchen Aufgaben hauptsachlich das Werner-Werk sich in der Amts-
zeit von R. befafite.
Der erfolgreiche Neugestalter des altesten und wichtigsten Betriebes von
Siemens & Halske ist fruhzeitig seinem Wirkungskreise und seiner Familie
durch den Tod entriickt. Schwer erschiittert durch den Ausgang des Krieges
und den bald darauffolgenden Tod seines Freundes Wilhelm v. Siemens erlag
er einem alten, nun durch die unglucklichen Umstande verhangnisvoll gewor-
denen Herzleiden.
Literatur: Adolf Franke, August R., Wissenschaftliche Veroffentlichungen aus dem
Siemens- Konzern, I. Band, 2. Heft, Berlin 192 1. — Carl Dietrich Harries, Nachruf fiir
Wilhelm v. Siemens, Wissenschaftliche Veroffentlichungen aus dem Siemens-Konzern,
I. Band, 1. Heft, Berlin 1920. — August Rotth, Wilhelm v. Siemens, Berlin 1922. — Der
gedruckte Nachlafl von August R. befindet sich im Siemens- Archiv in Berlin-Siemens-
stadt.
Berlin-Siemensstadt. August Rotth.
Riehn, C. Andreas Wilhelm, Professor des Maschinenbaues, Geheimer Re-
gierungsrat, Dr.-Ing. E. h., * am 17. Juni 1841 zuEstebriigge im Alten Lande,
Provinz Hannover, f am 24. Dezember 1920 in Hannover. — Als Sohn des
spater in Neuenfelde bei Harburg wohnenden praktischen Arztes Dr. R., be-
suchte Wilhelm R. die Realklassen des Gymnasiums in Stade. Vom Herbst i860
bis 1863 studierte er an der Polytechnischen Schule zu Hannover mit aus-
gezeichnetem Erfolge. Seine Absicht war, sich ganz dem Schiffbau zu widmen.
Um hierfur nach dem Studium die notwendige Weiterbildung zu finden, trat
er in das Werk Buckau der Vereinigten Hamburg-Magdeburger Dampfschiff-
fahrts-Kompagnie ein und fand hier Gelegenheit, sich bei der Ausfuhrung von
Maschinenentwtirfen fiir die verschiedensten Zweige der Industrie und be-
sonders beim Bau von FluB- und Seeschiffen, Schiffsmaschinen und -kesseln
zu betatigen. Von 1868 bis 1872 finden wir ihn als Ingenieur bei der koniglich
preuBischen Maschinen- und Bauverwaltung des Oberbergamtes in Clausthal.
Hierauf war er als Zivilingenieur tatig und griindete im Jahre 1874 in Gorlitz
die selbstandige Zivilingenieurfirma » Riehn, Meinicke & Wolf«, zur Bearbei-
tung industrieller Aufgaben, insbesondere des Berg-, Hiitten- und Salinen-
588 1920
wesens. In alien Stellungen hat R. eine Reihe sehr bedeutender Anlagen, so-
wohl fur in- wie auslandische Werke entworfen und ausgefiihrt.
Im Jahre 1879 wurde an der damaligen Polytechnischen Schule zu Han-
nover der EntschluB gefaBt, in der Abteilung fiir Maschinenbau eine weitere
Professur einzurichten, die, auBer zur Entlastung der iibrigen Professoren,
zur Wahrnehmung der Vorlesung iiber Schiffbau bestimmt war. Die Wahl
fiel auf den bereits in weiten Kreisen bekannten R.; er nahm die Berufting
an. Nachdem R. auf einer mehrmonatigen Reise den deutschen und eng-
lischen Schiffsbau studiert hatte, trat er im Herbst seine Lehrtatigkeit an
und sah sich sogleich vor die Aufgabe gestellt, auBer seinem eigenen Iyehr-
gebiet den groBten Teil der konstruktiven Lehrfacher des Maschinenbaues in
Vertretung fiir den nach Berlin berufenen Professor Grove (s. oben S. 392 fF.)
zu ubernehmen. Aber auch diese schwierige Aufgabe wurde gelost. 1880
wurde er mit der Nachfolge von Grove endgultig beauftragt und erhielt
auf Wunsch die Lehrfacher »Bau und Theorie der Kraftmaschinen*, »Auf-
zugmaschinen und Pumpen« und »Schiffbau einschlieBlich Schiffsmaschinen-
bau« iibertragen. Dieses umfangreiche Lehrgebiet wurde, mit Ausnahme der
Vortrage iiber »Aufzugmaschinen und Pumpen«, in vollem Umfange bis zu
seinem wohlverdienten tJbertritt in den Ruhestand am 1. Oktober 1910 von
ihm wahrgenommen. Die groBe Schaffenskraft R.s zeigt sich am besten
darin, daB sein Lehrstuhl in zwei Professuren geteilt wurde, trotzdem sein
Hauptlehrgebiet » Schiffbau* unbesetzt blieb.
R. war ein Hochschullehrer von groBer Bedeutung. Nicht nur sein theore-
tisches Wissen, seine umfangreiche Erfahrung und seine auBerordentliche
praktische Begabung begriinden diese Bedeutung, sondern auch die Fahig-
keit, Wesentliches hervorzuheben und Schwierigkeiten klar und deutlich zu
klaren. Von seinen ehemaligen Schiilern wird ruhmlichst hervorgehoben, daB
er jede Frage mit groBer Griindlichkeit und Sachkenntnis beantwortete. Ge-
wissenhaftigkeit verlangte er nicht nur von sich selbst, sondern auch von
seinen Horern. Seine scharfe Kritik wirkte nie verletzend und war oft von
kostlichem Humor durchsetzt.
Aber auch den Ruhestand gonnte er sich nicht. Als der Weltkrieg das
Kollegium auseinanderriB, stellte er seine Arbeitskraft wiederum selbstlos
zur Verfiigung, so daB der Lehrbetrieb an der Technischen Hochschule Han-
nover aufrechterhalten werden konnte.
Neben der bedeutsamen Lehrtatigkeit hat sich R. auch durch Gutachten
in der Praxis einen anerkannten Namen geschaffen. Sein Rat wurde gern und
oft in Anspruch genommen.
Die schriftstellerische Tatigkeit R.s war infolge weitgehender dienstlicher
und privater Inanspruchnahme nicht sehr ausgedehnt und liegt in der Haupt-
sache auf dem Gebiete des Schiffbaues. Neben Aufsatzen in der Zeitschrift
des Vereins deutscher Ingenieure: »l)ber die Wirkungsweise der Schaufel-
rader und der Schrauben bei Dampfschiffen«, 1884; »Bemerkungen iiber das
sogenannte Gesetz der korrespondierenden Geschwindigkeiten und die An-
wendung desselben zur Bestimmung des Schiffswiderstandes durch Modeller,
1887; »Die beweglichen Wasserdruckkrane des Hafens zu Antwerpen*, 1887;
j>Die Wirkungsweise der Schiffsschraube*, 1888; »Uber die mutmaBlichen
Grenzen der Geschwindigkeit im Dampferverkehr zwischen Europa und Nord-
Riehn. Seuffert 589
amerika*, 1891; »Die Berechnung des Schiffswiderstandes«, 1883; »t)ber die
Beziehungen zwischen der Reaktionsstrahltheorie und den Fliigelblatt-
theorien«, 1919, erschienen aus seiner Feder Berichte im »Zivil-Ingenieur«
und der Zeitschrift fiir das »Berg-, Hiitten- und Salinenwesen« und 1882 ein
Buch »Die Berechnung des Schiffswiderstandes«. Die in diesem Buche von
R. aufgestellte Formel zur Berechnung fiir Maschinenstarke und Feststellung
des Schiffswiderstandes ergab Werte, die sich mit den bei Probefahrten er-
reichten Leistungen deckten und war lange Zeit eine der genauesten Formeln.
Sie beruht einesteils auf eingehenden theoretischen Untersuchungen, andern-
teils auf Angaben und Erfahrungen, welche der Praxis entnommen waren.
Obgleich sie, trotz der aufgestellten Hilfstabellen, recht umfangreiche Rech-
nungen erforderte, so hat sie doch in der Zeit um 1900, besonders bei der
Berechnung der FluBdampfer, groBen Anklang gefunden.
An aufierer Anerkennung fehlte es R. nicht. Im Jahre 1906 ernannte ihn
der Hannoversche Bezirksverein des Vereins deutscher Ingenieure zu seinem
Ehrenmitgliede. Zu seinen anderen Orden wurde ihm bei seinem Ubertritt
in den Ruhestand der Kronenorden II. Klasse verliehen. Gelegentlich seines
72. Geburtstages eraannte ihn die Technische Hochschule Hannover in Wiir-
digung seiner hervorragenden Verdienste um die Hochschule zum Doktor-
Ingenieur ehrenhalber.
Literatur: Launhardt, Die Kgl. Technische Hochschule zu Hannover von 1831 bis
1 88 1. — Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure 1921, S. 297 (Professor Frese). —
Riihlmann, Allgemeine Maschinenlehre. — Busley, Die Schiffsmaschine.
Hannover. Ludwig Klein.
Seuffert, Lothar v., Koniglich Bayerischer Geheimer Rat, o. Professor des
Zivilprozesses des romischen Rechts und des deutschen burgerlichen Rechts
an der Universitat Miinchen, * am 15. Juni 1843 in Wurzburg, f am 25. Marz
1920 in Miinchen. — L. S. hat an fiinf deutschen Universitaten segensreich
gewirkt. Aber sein Leben ist auBerlich so schlicht und einfach verlaufen, wie
es seiner ganzen Personlichkeit entsprach. Er war der Sohn des juristischen
Direktors am Wurzburger Julius-Hospital Johann Baptist S. In Wurzburg hat
er seine gesamte Schulbildung genossen und nach am 8. August 1861 mit Note 1
vollendeter Gymnasialbildung bis 1865 die Universitat besucht, wo Albrecht,
Dahn, Edel, Held, Risch, Wirsing seine hauptsachlichsten Lehrer waren. Nach
der gleichfalls mit erster Note bestandenen theoretischen SchluBpriifung hat
er auch in Wurzburg den Vorbereitungsdienst als Rechtspraktikant abgeleistet.
Bei der dortigen juristischen Fakultat erlangte er am 23. Juni 1866 den Doktor-
grad, und zwar auf Grund der der iiblichen Umarbeitung unterzogenen ge-
kronten Preisschrift : »Die Lehre von der Genehmigung (ratihabitio) nach ge-
meinem Zivilrecht und mit Berucksichtigung der neueren Gesetzgebung«. Das
Urteil der Fakultat iiber die Preisaufgabe hatte zwar die Erganzung von Liicken
und die Beseitigung von Mangeln besonders in formaler Hinsicht verlangt,
aber die Zuerkennung des Preises damit begriindet, daB die Arbeit unter ge-
wissenhafter Benutzung der Quellen und der Literatur den Gegenstand nahe-
bei erschopft und durch folgerecht durchgefuhrte Scheidung der einzelnen,
bisher meist irrig vermengten Arten der Genehmigung einen Beitrag zur Forde-
590 1920
rung der Wissenschaft geboten habe. Im Staatskonkurs (1868) war er der erste
aller Pniflinge mit Note 1 26/1 168. Das SchluBzeugnis des Vorbereitungs-
dienstes sagt, daB er sofort bei seinem Eintritt in die Praxis erkennen lieB,
daB er einen reichen Schatz von Kenntnissen sich erworben habe und daB er
bei entschiedener Urteilskraft diese Kenntnisse auch mit Sicherheit praktisch
zu verwerten verstanden hatte. Bei seinem unermudlichen FleiB und seiner
ausgezeichneten Begabung habe er in kurzester Frist voile Gewandtheit in
den verschiedenen Geschaftssparten sich erworben und viele bedeutsame
Referate mit Umsicht, Gesetzeskenntnis und scharfem Urteil erledigt, so daB
er an der Forderung des richterlichen Dienstes nicht unwesentlich mitgewirkt
habe. Auch in Verteidigungen und Sekretariatsgeschaften habe er die gleiche
Befahigung an den Tag gelegt. Er verspreche Vorziigliches zu leisten. S. hat
sich dann bis Ende 1872 als Anwaltskonzipient in Wurzburg betatigt, so daB
er fast 30 Jahre lang in seiner Geburtsstadt verblieben ist. Er dachte aber schon
1868 an die akademische Laufbahn und richtete ein Habilitationsgesuch an
die juristische Fakultat in Bonn, welches er aber, hauptsachlich wohl mit Riick-
sicht auf die inzwischen erfolgte Bekanntgabe seiner vorziiglichen Note im
Bayerischen Staatskonkurs, zuriickgezogen hat.
Mit dem 1. Januar 1873 erlangte er seine erste Anstellung im Staatsdienst
als funktionierender Staatsanwaltssubstitut bei dem Bezirksgericht Augsburg.
Nunmehr konnte er am 24. September 1873 seine Braut, die heute noch lebende
Frau Auguste, Tochter des praktischen Arztes Dr. Franz Schierlinger in Wurz-
burg, als Gattin heimfiihren. Aus dieser gliicklichen Ehe sind mehrere Kinder
her vorgegangen .
Den Hauptwendepunkt im Leben S.s bildete seine am 9. April 1875 auf Vor-
schlag der bayerischen Regierung erfolgte Berufung nach Berlin als einer der
Protokollfuhrer, welche den mit der Beratung der sogenannten Reichsjustiz-
gesetze (Gerichtsverfassungsgesetz, StrafprozeBordnung, ZivilprozeBordnung,
Konkursordnung) beauftragten und uber die Tagungen des Gesamtreichstags
hinaus tatigen Reichstagskommissionen beigegeben wurden. Diese Tatigkeit
bot ihm Gelegenheit, in den Geist der Neuordnung des Gerichtsverfahrens
schon bei ihrem Werdegange einzudringen und selbst, wenn auch in einer un-
scheinbaren Stellung, einfluBreich auf die Gestaltung des groBen Werkes ein-
zuwirken. Wahrend dieser Arbeit wurde er unter dem 16. August 1875 von
Augsburg als Assessor extra statum an das Stadtgericht Miinchen versetzt,
doch ist er dort niemals tatig geworden, weil er in Berlin zu verbleiben hatte.
Bevor aber noch seine Berliner Wirksamkeit abgeschlossen war, erhielt er
zwei Angebote, welche ihn an den Scheideweg zwischen Theorie und Praxis
stellten. Man bot ihm einerseits die Stellung als Syndikus bei dem Berliner
Reichsbankdirektorium an und rief ihn andererseits in die durch den Abgang
von Wendt erledigte Pandektenprofessur in GieBen. Zu Ostern 1876 folgte er
dem Rufe nach GieBen. Damit war sein Ausscheiden aus dem praktischen
Justizdienst in Bayern und zugleich auch die vorzeitige Beendigung seiner
Tatigkeit bei der Justizgesetzgebungskommissionen verbunden, deren Arbeiten
iibrigens in der Hauptsache geleistet waren und auch noch im Jahre 1876 voll-
standig beendigt wurden. In GieBen trat die Versuchung, in die Praxis zuriick-
zukehren, noch einmal in der Form eines Antrags auf Ubernahme einer be-
deutenden Stellung im Reichskanzleramt an ihn heran. Er lehnte aber ab.
Seuffert 591
Kurz vorher hatte er auch einen Ruf an die Universitat Wiirzburg abgelehnt,
wohl weil er nicht so bald schon in die Vaterstadt zuruckkehren wollte. Da-
gegen folgte er nacheinander den Benifungen nach Greifswald (Herbst 1881),
Erlangen (Hersbt 1884), Wiirzburg (Ostern 1888) und Miinchen (Herbst 1895).
AmEnde des Sommersemesters 1916 wurde er in Miinchen von der Verpflichtung,
Vorlesungen abzuhalten, befreit, konnte aber noch 1918 sein goldenes Doktor-
jubilaum feiern. In die Erlanger Zeit fielen zwei Fakultatsvorschlage, einer
an erster Stelle nach Bonn, ein anderer fur die ZivilprozeBprofessur in Berlin.
Beide Vorschlage f anden aber bei Althof f , der ihm den Weggang von Greifswald
veriibelt hatte, kein Gehor.
Akademische Amter, namentlich das des Dekans, hat er wiederholt versehen,
Rektor war er 1879 in GieBen und 1890 in Wiirzburg. Seine Wtirzburger Rekto-
ratsrede: » Konstantins Gesetze und das Christentum* ist 1891 im Druck er-
schienen. Staatliche Auszeichnungen hat er in reichem MaBe erhalten. Mit der
am 29. Dezember 1899 erfolgten Verleihung des Verdienstordens der baye-
rischen Krone war die Erlangung des personlichen Adels verbunden.
S. hat zahlreiche Buchbesprechungen und sonstige Beitrage in verschiedenen
Zeitschriften veroffentlicht, auf die hier nicht naher eingegangen werden kann.
Auf dem Gebiete des gemeinen Zivilrechts liegen von seinen Schriften auBer
seiner Doktordissertation die 1888 unter dem Titel: »Zur Geschichte der obli-
gatorischen Vertrage« veroffentlichten dogmatischen Untersuchungen vor, ein
kleines Werk, aber von bleibendem Werte. Zum ersten Male ist die fur das
Verstandnis des reinen romischen Rechts wie des gemeinen deutschen Rechts
hochst bedeutsame geschichtliche Entwicklung der Formfreiheit der Schuld-
vertrage im deutschen gemeinen Recht in ihren Einzelheiten dargelegt. Das
romische Recht hatte das Formerfordernis grundsatzlich festgehalten, wenn
es auch durch die Zulassung der benannten und unbenannten Realvertrage
und durch die gesetzhche Formbefreiung der sogenannten Konsensualvertrage,
vor allem fiir Kauf und Miete, stark durchbrochen war. Weitere zivilrechtliche
Arbeiten sind eine bereits 1873 erschienene Studie iiber das Autorrecht an lite-
rarischen Erzeugnissen und die Darstellung des Obligationenrechts in dem
ersten Entwurf des Biirgerlichen Gesetzbuchs (1889). Auch seine 1907 er-
schienene kleine Schrift iiber den Loskauf der Sklaven mit eigenem Geld f uhrte
ihn noch einmal ins romische Zivilrecht zuriick.
Dem deutschen Konkursrecht ist sein 1899 im Bindingschen Handbuche der
deutschen Rechtswissenschaft erschienenes deutsches KonkursprozeBrecht
mit seiner Vorlauf erin, der 1888 erschienenen kleinen Schrift : » Zur Geschichte
und Dogmatik des deutschen Konkursrechts, I. Abt. Die Rechtsverhaltnisse
der Aktivmasse« gewidmet. An der methodisch anfechtbaren Loslosung der
Darstellung des Konkursverfahrens von dem materiellen Konkursrecht ist
nicht S. schuld, sondern der Plan der Sammlung, in welcher das Werk er-
schienen ist. S. hat auch gar nicht umhin gekonnt, die materiellen Wirkungen
des Konkurses in weitem Umfange mit zu beriicksichtigen. Der konstruktive
Grundgedanke des Handbuchs ist die Annahme eines den Konkursglaubigern
als Gemeinschaft zur gesamten Hand zustehenden Pf andrechts an der Konkurs-
masse. Fiir die Anerkennung dieses auch heute noch dem Streit der Meinungen
nicht entriickten Ausgangspunktes suchte S. namentlich die geschichtliche
Entwicklung zu verwerten.
592 1920
Auf dem Gebiete des engeren Zivilprozesses ist S. auch durch eine 1913
zum zweitenmal erschienene kurze Darstellung des ZivilprozeBrechts in Hinne-
bergs »Kultur der Gegenwart« und eine seit 1876 herausgekommene Textaus-
gabe mit kurzen Noten tatig gewesen. Aber das Hauptwerk, welches ihn an die
Spitze der zeitgenossischen Zivilprozessualisten gestellt hat und seinem Namen
fur alle Zeiten einen ehrenvollen Platz unter den Zivilprozessualisten sichern
wird, ist sein zuerst im Januar 1879 un^ X9I][ in 11. Auflage erschienener Kom-
mentar zur deutschen ZivilprozeBordnung. Er ist der erste wirklich wissen-
schaftliche und dabei an praktischer Brauchbarkeit in keiner Weise zuriick-
stehende Kommentar eines ZivilprozeBwerks, der die einst nicht besonders ge-
schatzte wissenschaftliche Betatigung in kommentatorischer Form zu hoher
Ehre gebracht und auch von den spater erschienenen wertvollen Werken gleicher
Gattung in keiner Weise iibertroffen wurde. Seine hervorragende theoretische
und praktische Durchbildung in Verbindung mit seiner Arbeit an der Her-
stellung des Gesetzes selbst hatten ihn zu diesem Werke gewissermaBen vorher-
bestimmt. Es zeigt alle Vorziige der S.schen Jurisprudenz : vollige Beherrschung
derTheorieeinschlieBlichder auch fur die Gesetzeskommentierung unerlaBlichen
Einsicht in die geschichthche Entwicklung, voiles Verstandnis fiir die Be-
durfnisse der Rechtspflege, scharfes und sicheres Urteil, wohlgeordnete, ein-
f ache, knappe und klare Darlegung, ergebnisreiche und maBvolle Verwendung
von Literatur und Rechtsprechung. Vor allem zeigt der Kommentar auch,
daB eine f ruchtbare Pflege des ZivilprozeBrechts nur bei voller Beherrschung
auch des biirgerlichen Rechts moglich ist. Es gibt wohl kaum eine Frage der
Theorie und Kasuistik des ZivilprozeBrechts, die nicht durch den S. schen Kom-
mentar gefordert worden ware. Durch die Novellengesetzgebung seit 19 10
ist die Veranstaltung einer 12. Auflage durch einen geistesverwandten Jiinge-
ren ein dringendes Bediirfnis geworden, um dem Werke die unmittelbare
praktische Brauchbarkeit zu erhalten. Seinen wissenschaftlichen Wert wurde
es allerdings auch nicht in der gegenwartigen Gestalt verlieren.
Der Verfasser dieser Lebensbeschreibung hat seit 1881 S. nahergestanden,
da er als kurz vorher in Greifswald habilitierter Privatdozent mit dem als
Fachordinarius dorthin berufenen S. zusammentraf, und er ist mit S. in
dauernder Verbindung geblieben, als er im Herbst 1884 Nachfolger S.s auf
dem I^hrstuhl fiir romisches Recht und ZivilprozeBrecht wurde. Er kann des-
halb uber die Lehrtatigkeit und Personlichkeit S.s aus eigener Anschauung
berichten. S. war nicht Rechtshistoriker, sondern Rechtsdogmatiker, aber ein
Dogmatiker, der nicht nur seine reiche praktische Erf ahrung ausnutzen konnte,
sondern vor allem auch die Bedeutung der Rechtsgeschichte fiir die Erkenntnis
des geltenden, auch des in Gesetzesparagraphen gekleideten Rechts erkannt
hatte. Allerdings haftete ihm aus der Schule, durch welche er gegangen war,
noch etwas von der Gebundenheit an die pandektistischen Schranken an. So
auBerte er mir einmal, daB kein Gesetz rechtswirksam bestimmen konne, daB
der Besitz mit dem Tode des Erblassers ohne weiteres auf die Erben iibergehe.
Doch hat diese Gebundenheit seine Ergebnisse kaum nennenswert beeinfluBt.
Seine Lehrtatigkeit hat sich auf alle Zweige des romischen Rechts, das ge-
meine Zivilrecht, das moderne deutsche biirgerliche Recht, aber vor allem
auf den ZivilprozeB einschlieBlich des Konkurses erstreckt. Besonders ge-
schatzt waren seine exegetischen Ubungen im romischen Recht und seine
Seuffert. Weber
593
praktischen Ubungen im Privatrecht und ProzeBrecht. Aber auch seine Vor-
lesungen wurden von den besseren Studenten gem und regelmaBig besucht.
Sein Vortrag war schlicht, aber gediegen und forderlich, wenn auch nicht auf
rednerischen Glanz abgestellt. So war seine Lehrtatigkeit das Spiegelbild seiner
Personlichkeit. Er war ein gesinnungstreuer, charakterfester, schlichter,
ernster, aufrichtiger, aber etwas zuriickhaltender und ruhig abwagender,
sparsamer, aber keineswegs gewinnsiichtiger Mann, der dabei aber vollen Sinn
fur Frohlichkeit besaB und seine Menschenliebe namentlich auf Familie, Stu-
dierende, jiingere und altere Amtsgenossen weniger in schonen Worten als in
tatkraftiger Forderung erstreckte.
Nicht unerwahnt bleibe schlieBlich, daB S. auch als Rechtsgutachter und
als stellvertretender Vorsitzender der Bayerischen Sachverstandigenkammer
fur Werke der Literatur fiir die Rechtswissenschaft tatig gewesen ist.
Literatur: v. d. Pfordten in Jahrb. fiir Rechtspflege in Bayern XVI, Nr. 8 und 9
(1920). — W. Kisch in der Miinchener Universitatschronik fiir 1920.
Breslau. Otto Fischer.
Weber, Max, Nationalokonom und Soziologe, * am 21. April 1864 in Erfurt,
t am 14. Juli 1920 in Miinchen. — Liegt es auch im Wesen wissenschaftlicher
Arbeit begriindet, daB sie nicht nur Zustimmung findet, sondern auch Kritik
und Ablehnung, so ist beidesMax W. doch in ganz ungewohnlichem MaBe zuteil
geworden. Er ist einerseits das »wichtigste Kulturzentrum« im Geistesleben
Deutschlands von etwa 1897 bis 1914 von Robert Michels und »der groBte
Vertreter der Wissenschaft unserer Tage« von Hermann Kantorowicz genannt
worden; und von anderer Seite wird er als ein Verderber der Wissenschaft
angesehen, dessen eines Hauptwerk »eine ungeheure Sammlung miBverstan-
denen Tatsachenstoffes« und dessen Lehre im ganzen »tote Wissenschaft « von
Othmar Spann bezeichnet worden ist. Dieser schroffe Widerspruch wird nicht
aus den Schriften W.s allein verstandlich ; Lebenswerk und Lebensschicksal
verwachsen bei ihm, wie bei so manchem Kunstler, zu einer untrennbaren Ein-
heit. Erst sie gibt voile Erklarung.
I.
Max W. ist am 21. April 1864 a^s Sohn wohlhabender Eltern in Erfurt ge-
boren. Seine Familie stammte vaterlicherseits aus Bielefeld, wo sein GroB-
vater, ein angesehener Leinenhandler, klugen Kaufmannssinn mit strenger
Glaubigkeit verband, und mutterlicherseits aus Frankfurt a. M., wo seine einer
Hugenottenfamilie entstammende GroBmutter geboren ist, die sich mit G. S.
Fallenstein verheiratete, der einen lebhaften Abenteurergeist mit »hahne-
biichener Knorrigkeit« des Charakters vereinigte. Der starke personliche Reiz
seiner Mutter bestand in der Verschmelzung einer ererbten tiefen Religiositat
mit einer nie versagenden Kraft menschlicher Teilnahme und einer freudigen
Aufnahmefahigkeit fiir alles Schone. Im Vergleich zu ihrem verinnerlichten
und zartfiihlenden Wesen, iiber dem ein leiser Schleier von Schwermut zu
liegen schien, war der Vater eine kraftvolle und lebensfrohe Natur. Er wurde
besoldeter Stadtrat in Berlin und nationalliberaler Landtagsabgeordneter und
als solcher langjahriger Berichterstatter der Budgetkommission. Er teilte mit
DBJ 38
594 w0
dem gesamten deutschen Liberalismus das Schicksal, daB seine Sehnsucht, zu
wirken, im wesentlichen unerfiillt blieb, und erhielt dadurch im Laufe der Zeit
einen gewissen Rentnerzug, der mit seinem eigentlichen Wesen nicht ganz im
Einklang stand. Wie die Mutter einen Kreis feingebildeter Menschen urn sich
zu fesseln wuBte, so liebte es der Vater, befreundete Politiker bei sich zu sehen.
Insbesondere Mommsen und Rickert gehorten zu seinem Bekanntenkreis.
Max W. wuchs so, als altester von sechs Geschwistern, in einem Heim auf , das
von der Hetze des Berufslebens wenig beriihrt wurde und an geistigem Reich-
turn und politischer Interessiertheit nicht mit vielen Hausern in Berlin ver-
glichen werden konnte.
1882 zog W. auf die Universitat, und zwar zunachst nach Heidelberg, wo
er in eine farbentragende Verbindung eintrat, und dann nach StraBburg, wo
er seiner militarischen Dienstpflicht geniigte. Trotz ungewohnlicher Vielseitig-
keit seiner Interessen entschied er sich fur das Rechtsstudium, das damals noch
einseitiger als heute der Zugang zu offentlichem Wirken war und zugleich weit
unmittelbarer, als es seit dem deutschen Burgerlichen Gesetzbuch der Fall ist,
mit der Welt des Altertums, die durch Mommsen fur W. lebendig geworden
war, zusammenhing. Gerade die hier wurzelnden starken Interessen er-
schwerten ihm den AbschluB seines juristischen Studiums. Schon damals
waren die Antriebe zur Arbeit, die ihm aus dem eigenen Innern erwuchsen,
kraftiger als auBere Pflichten, die er stets als Beengung empfunden hat.
Unter den Juristen der Berliner Universitat gait damals lye win Goldschmidt,
der Vertreter des Handelsrechts, als der scharfsinnigste. Seine Kunst begriff-
licher Zerghederung machte auf W., ahnlich wie die Konstruktionen der romi-
schen Juristen, starken Eindruck, was auch noch in manchen seiner spateren
nicht juristischen Schriften deutlich zu spiiren ist. Mehr aber fesselte ihn Gold-
schmidt als der Verfasser der » Universalgeschichte des Handelsrechts*. Dieser
kuhne Versuch, den Entwicklungsgedanken auf das ganze internationale Han-
delsrecht auszudehnen, lockte W. zur Mitarbeit. Er ubernahm es, auf Grund
der in Berlin vorhandenen gedruckten italienischen und auch spanischen
Quellen, zu untersuchen, wie weit die neueren Handelsgesellschaften, die sich,
im Gegensatz zur alten Societas des romischen Rechts, im friihen Mittelalter
herausbildeten, zwar aus neuen Bediirfnissen des Wirtschaftslebens erwuchsen,
aber doch an alte Rechtsinstitute ankniipften, und bemuhte sich vor allem,
den Gegensatz zwischen der offenen Handelsgesellschaft und der Kommandit-
gesellschaft historisch scharf herauszuarbeiten. Wie das Werk des Lehrers
etwas Fragmentarisches hatte, so konnte auch diese Arbeit, der W. den Titel
gab: »Zur Geschichte der Handelsgesellschaften im Mittelalter «, nicht etwas
Abgeschlossenes werden. W. hat immer das Gefuhl gehabt, daB die groBe Muhe
ihrer Anfertigung sich kaum gelohnt habe. Sie verhalf aber dem jungen Re-
ferendar 1889 zur juristischen Doktorwurde an der Berliner Universitat; und
die Auf merksamkeit weiterer Kreise wurde zum erstenmal auf W. gelenkt, als
Mommsen bei der offentlichen Diskussion, die damals noch mit der Promotion
verbunden war, auf W.s Wunsch als einer seiner Opponenten auftrat und seine
Ausfuhrungen mit der Erklarung schloB, er wiirde niemand lieber seinerzeit
als seinen Nachfolger sehen als Max W.
Auf die geistige Entwicklung von W. hat wohl niemand einen so nachhaltigen
EinfluB ausgeiibt wie Mommsen, der auch seinerzeit als Jurist seine wissen-
Weber
595
schaftliche Laufbahn begann. Fur W. war Mommsen nicht in erster Linie der
packende Schriftsteller, der einst in jungen Jahren die romische Geschichte in
sturmischer Schaffenskraft geschrieben hatte. Dem Geschichtschreiber
Mommsen stand W. vielmehr mit vielerlei Zweifeln gegeniiber. Seine starke
j>Subjektivierung des Geschichtsbildes«machte ihn sogar gegeniiber aller Ge-
schichtschreibung skeptisch. Er sab gerade bei Mommsen, dafi sie nicht nur
ein kiinstliches Abbild der Zeit, die sie darstellte, war, sondern auch ein natiir-
liches Spiegelbild der Zeitanschauungen, die bei der Niederschrift herrschten
tmd den Verfasser bewegten. Fiir W. war Mommsen in erster Linie der ge-
reifte Gelehrte, der sich von der Geschichtschreibung losgerissen hatte und
als Begriinder des Corpus inscriptionum eine kritische Sammelarbeit ohne-
gleichen durchfiihrte, von der er immer neue Friichte in zahllosen Abhand-
lungen und soeben in den drei Banden des Romischen Staatsrechts der ge-
lehrten Welt vorlegte. In diesem Sieg muhsamer Kleinarbeit iiber geniale
Intuition und auBergewohnliche Gestaltungskraft erblickte W. einen ent-
sagungsvollen LauterungsprozeB, der ihm sein Leben lang als heroisches Vor-
bild ernster Wissenschaftlichkeit vorschwebte. Nicht minder machte es ihrn
Eindruck, daB sich mit dem strengen Gelehrten bis ins hohe Greisenalter ein
leidenschaftlicher Politiker verband, der fiir seine Ideale, so wenig aussichts-
reich sie auch waren, unerschrocken eintrat ; auch darin sah er etwas Helden-
haftes, dem er seine Bewunderung nicht versagte.
Wie bei Goldschmidt lockte W. auch bei Mommsen sachlich vor allem der
sich immer starker herausbildende universalgeschichtliche Zug, der keine
Schranken der Fachwissenschaften kannte und schlieBlich die ganze Welt des
Altertums umspannte. In der Riesenarbeit Mommsens glaubte er aber hinsicht-
lich der wirtschaftlichen Gesichtspunkte eine gewisse Liicke zu entdecken. Ins-
besondere in der romischen Agrargeschichte vermiBte er eine Ermittlung der
praktischen Bedeutung der einzelnen Rechtsbestimmungen fiir die unmittel-
bar Interessierten, wie ihm andererseits die apriorischen Hypothesen von Rod-
bertus nicht sorgfaltig genug begriindet zu sein schienen. Er wollte die neuesten
Ergebnisse der Agrarwissenschaft mit den romischen Quellenstudien in un-
mittelbare Verbindung setzen. Darum trat er nach seiner Promotion in das
Seminar von August Meitzen, der gerade damals mit den Vorstudien zu seinem
universalgeschichtlichen Werk »Siedlung und Agrarwesen der Westgermanen
und Ostgermanen, der Kelten, Romer, Finnen und Slawen« beschaftigt war.
Hier schlugen W.s wirtschafthche Interessen zuerst tief Wurzeln. Die agrar-
geschichtlichen Studien, die ihn 1892 zum Berliner Privatdozenten fiir romi-
sches, deutsches und Handelsrecht machten, haben W. sein Leben hindurch
begleitet. Nirgends ist er so sehr Fachmann.
Auf dem agrarischen Gebiet stehen sich Altertum und Gegenwart naher als
anderswo, und beide sollten sich bei W. die Hand reichen. Denn seine Habili-
tationsschrift »Die romische Agrargeschichte in ihrer Bedeutung fiir das Staats-
und Privatrecht« (Stuttgart 1891) war eben fertig, als ihm der Verein fiir Sozial-
politik im Rahm en einer groBen Enquete iiber die landlichen Arbeiterverhalt-
nisse Deutschlands die wichtigste Teilaufgabe, namlich die Bearbeitung des
ostlichen Deutschlands, iibertrug. Mit den Verhaltnissen der preuBischen Ost-
provinzen hatte sich W. schon vorher, aus AnlaB einer militarischen tjbung
in Posen, etwas vertraut gemacht. Seine geschichtliche Bildung, sein wirt-
596 1920
schaftliches Spezialstudium, sein politisches Interesse und seine lebendige
Anschauung machten ihn zur tlbernahme der wichtigen neuen Arbeit be-
sonders geeignet. Er hat sich ihr mit auflerster Hingabe gewidmet und in
einem Zuge ein Werk von mehr als 800 Dnickseiten geschaffen, dessen Reife,
Geschlossenheit und Abgeklartheit er nicht wieder erreichen sollte. Es erregte
in wissenschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kreisen gleich starkes
Aufsehen. Der beste Kenner der deutschen Agrargeschichte, G. Fr. Knapp,
erklarte auf der Tagung des Vereins fur Sozialpolitik, W.s Werk habe ihm die
Empfindung erweckt, »dafl es mit unserer Kennerschaft vorbei ist, daB wir
von vorn zu lernen anfangen miissen«.
Betrachtet man nur die Altertum, Mittelalter und Gegenwart behandelnden
drei Biicher, die W. 1889 bis 1893 erscheinen lieB, so kann man glauben, der
Verfasser hatte sich auf raschem Wege zur Spezialisierung befunden. Das war
aber keineswegs der Fall. Gerade in dieserZeit entwickelteW. eine erstaunliche
Universalitat. Er verfolgte fast alle groBen Probleme der Kulturwissenschaften
mit aktivstem Interesse und nahm zu fast alien groCeren Fragen der Zeit wuch-
tig Stellung. Das zeigte sich in der sogenannten jungeren Staatswissenschaft-
lichen Vereinigung, die sich damals einer besonderen Bliite erfreute. Es war
fiir jedes Mitglied ein unvergeBliches Erlebnis, wie W. hier durch die Weite
seiner Gesichtspunkte, die Scharfe seiner Analyse und die Klarheit seiner
schlagfertigen Rede schnell zu einer beherrschenden Stellung emporstieg.
Konnte man auch seinen scharfen Folgerungen und oft unerbittlichen Forde-
rungen nicht immer zustimmen, so ist damals doch wohl kein Mitglied ohne
nachhaltige Forderung durch W. geblieben; und die meisten werden damals
fur seine Kraftnatur, die man sich auf die Dauer in den Fesseln strenger
Wissenschaftlichkeit kaum denken konnte, eine politische Laufbahn in irgend-
einer Form erwartet haben. Auch er selbst schien dies zu erstreben, zumal seit-
dem Miquel, die bedeutendste Ministerpersonlichkeit seit Bismarck, auf ihn
aufmerksam geworden war.
GewiB war vieles auch durch die Zeit gegeben. Im vorletzten Jahrzehnt des
vorigen Jahrhunderts trat Deutschland, nach der vorbereitenden Zeit des
Ausbaus des Reiches, in die Periode der Reifekrisen. Die soziale Frage bewegte
tief die akademische Jugend ; die Frauenf rage hatte sich in die Off entlichkeit
hinausgewagt ; der Sozialismus wuchs zu einer Macht heran; die Kirche rang
unter den veranderten Verhaltnissen um EinfluB; und die zunehmende Ver-
flechtung Deutschlands in die Weltwirtschaft stellte bisher unbekannte
Probleme. Weithin herrschte das Gefuhl, aus der geistigen Enge des Klein-
biirgertums sich zu freierer Umschau emporheben zu mussen. Dieses allgemeine
Zeitstreben gewann in Max W. seine starkste Verkorperung. Er hatte in Berlin
unter bevorzugten Bedingungen jene Wandlung miterlebt ; er hatte das Gliick,
das dritte aufnahmefahigste Jarhzehnt seines Lebens noch ganz der inneren
Ausreifung widmen zu konnen; und er wucherte mit seinem reichen Pfunde.
Eine Intensitat des geistigen Lebens erfullte ihn, wie sie nicht mehr gesteigert
werden konnte. Dabei nichts von freudloser Stubengelehrsamkeit, nichts Ge-
qualtes und Erkiinsteltes ; muhelos schien ein unerschopflicher Quell zu
sprudeln.
Und doch verband sich mit der freudigen Schopferkraft ein tiefes Gefuhl
des Unbefriedigtseins, das seinem Wesen einen befremdlichen Zug des Unruh-
Weber
597
vollen aufpragte. Schon das Referendariat mit seinem Mangel an Initiative
und seinem geschaftigen MuBiggang hatte auf dem tatenf rohen Mann gelastet ;
tind bis zum 30. Jahre verdienstlos im Elternhaus zu leben, empfand er als
unnatiirlich und unwiirdig. »Eigenes Brot ist fur den Mann das Fundament
des Gliicks. « Auch die Wandlung vom abwartenden unbesoldeten Referendar
und Assessor zum ebenso abwartenden und unbesoldeten Privatdozenten war
noch keine Losung. Es fehlte die Geduld zu weiterem Warten. Darum erwog
W. ernstlich den Ubergang in eine praktische Tatigkeit. Er bewarb sich ver-
geblich urn die freigewordene Stelle des Syndikus an der Handelskammer in
Bremen. Er vertrat zeitweise einen der hervorragendsten Berliner Rechts-
anwalte, Geheimrat v. Simson, wovon er stets mit dankbarer Befriedigung
sprach. Da brachte das Jahr 1893 eine erste Wendung. Professor Goldschmidt
erkrankte, und W. wurde zum auBerordentlichen Professor ernannt und mit
seiner Stellvertretung beauftragt. Damit gewann er plotzlich die langentbehrte
Selbstandigkeit, und es bot sich ihm alsbald eine neue groBe Aufgabe im An-
schluB an die im Jahr vorher vom Reichskanzler eingesetzte Borsenenquete-
kommission. Es war fur ihn selbstverstandlich, diesen schwierigen Problemen
von weittragender politischer Bedeutung seine ganze Aufmerksamkeit zuzu-
wenden. Sobald die Protokolle der Sachverstandigenvernehmungen vorlagen,
sturzte er sich auf ihr Studium. So entstand die Auf satzreihe : »Die Ergebnisse
der deutschen B6rsenenquete«, die er in Goldschmidts Zeitschrift fiir das ge-
samte Handelsrecht, noch ehe sie vollendet waren, zu veroffentlichen begann.
Auch hier steckte er sich die Ziele wieder sehr hoch. Er suchte das Borsenwesen
von seinen Anfangen bis zur Gegenwart und in alien L,andern zu umfassen.
Sind diese Ziele auch aus sogleich zu erwahnenden Griinden nicht ganz erreicht
worden, unzweifelhaft sind W.s Arbeiten das Wertvollste, das im AnschluB
an die Enquete veroffentlicht worden ist.
Ehe sich W. in seine neue Tatigkeit voll eingelebt hatte, trat eine zweite
Wendung ein. Es wurde ihm der Freiburger Lehrstuhl fiir Nationalokonomie,
der durch die Berufungdes bisherigen Inhabers v. Philippovich (s. oben S. 1195.)
nach Wien frei geworden war, angeboten. Damit stand er am Scheideweg
zwischen Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre. Die Entscheidung war
eine Entscheidung fiir das I^eben. Sie scheint ihm trotzdem nicht sehr schwer
geworden zu sein.
Wahrend das Handelsrecht an grofien praktischen Aufgaben, wie die Re-
form des Borsenwesens es war, damals verhaltnismaBig arm zu sein schien
und fiir W. seit seiner Promotionsschrift an rechtsgeschichtlichem Interesse
viel eingebuBt hatte, trat die Volkswirtschaftslehre damals in die engste Ver-
bindung mit den wichtigsten Fragen der inneren und auBeren Politik und be-
gann sich international zu weiten. War daher der Ubergang zur Wirtschafts-
wissenschaft an sich leicht, so erfuhr er doch durch den Fortgang von Berlin
eine auBere Erschwerung. Aber W., der sich damals mit der GroBnichte seines
Vaters, Marianne W., verheiratete, spiirte anscheinend ein gewisses inneres
Ruhebedurfnis. Er empfand es augenscheinlich als heilsam, zeitweise die
politische Streitluft der Reichshauptstadt zu meiden. So zog er froh und stolz
nach Freiburg i. Br.
Dort wartete seiner eine schwierige Aufgabe. Er muBte ein Fach, dem er
zwar ein starkes Interesse, aber nie eine systematische Pflege gewidmet hatte,
598 1920
vertreten und stellte dabei in gewohnter Weise sehr hohe Anforderungen an
sich selbst. Er wollte neue Wege wandeln und alle Fragen universalgeschicht-
lich f iir alle Zeiten und Volker erf assen. So begann ein gewaltiges Ringen mit
den Problemen der neuen Wissenschaft. Darin wurzelte die starke Anziehungs-
kraft seiner Vorlesungen. Sie zeigten trotz groBer Gelehrsamkeit nie totes
Wissen. Aber wahrend in der wissenschaftlichen oder politischen Diskussion
W.s Wissen und Wesen sich frei offenbarten, legte der fachwissenschaftliche
Zwang einer bestimmten Themabehandlung seinem beweglichen Geiste auf
dem Katheder schwer empfundene Fesseln an. Er wurde mit den selbst ge-
stellten Aufgaben nicht fertig. Mit dem Eindruck einer ungewohnlichen Per-
sonlichkeit verband sich fiir die Studenten der Eindruck des Unfertigen und
Undurchsichtigen. Es fehlte an festem systematischem Ausbau und abgeklarter
Form. Statt eines fertigen Baus ein Haufen zahlloser, reizvoll behauener Bau-
steine.
Natiirlich geriet auch die wissenschaftliche Produktion ins Stocken. Nur
muhsam wurden die Borsenstudien zum AbschluB gebracht. Die Hauptarbeit
in der Zeitschrift fiir das gesamte Handelsrecht dehnte sich iiber drei Jahr-
gange (1894 — 1896) aus und nahm einen ausgesprochen fragmentarischen
Charakter an. Nur in der hubschen kleinen Zusammenfassung, in der Gottinger
Arbeiterbibliothek, die sich auch iiber drei Jahre ausdehnte, gelingt es noch,
zu etwas Geschlossenem zu gelangen. Es waren andere Fragen, die W. zu be-
schaftigen begannen.
II.
Der Ubergang aus der juristischen in die philosophische Fakultat zwang
W., in dem methodologischen Streit, der die deutsche Volkswirtschaftslehre
damals zerspaltete, plotzlich Stellung zu nehmen. Einseitig fiir Schmoller oder
fiir seine Gegner einzutreten, hatte mit seiner eigenen Vergangenheit und
auch mit der Tradition seines neuen Lehrstuhls in Widerspruch gestanden.
Denn so sehr auch W. sich geschichtlichen Studien gewidmet hatte, er hatte
doch dem Wirken des Berliner Vorkampfers der neuen historischen Schule
der Volkswirtschaftslehre irnmer mit Kritik gegeniibergestanden, wie er seiner
auch in seinen Schriften nur ganz selten Erwahnung tat ; und sein Freiburger
Vorganger war starker als ein anderer bestrebt gewesen, zwischen den beiden
verfeindeten Schulen in Berlin und Wien zu vermitteln. So drangte sich W.
formlich die Frage auf, ob denn der Gegensatz zwischen der historischen und
theoretischen Schule in der Volkswirtschaftslehre wirklich so grofl sei, wie er
in dem heftigen Kampf zwischen Schmoller und Menger erscheint.
Unter dem Druck der neuen Berufspflichten ist W. in Freiburg auch mit
diesem groBen Problem, dem sein fruherer Schulkamerad und jetziger Kollege
Heinrich Rickert gerade damals sein Hauptinteresse zuzuwenden begann, noch
nicht fertig geworden. Erst in Heidelberg vertiefte er sich in dasselbe.
Hier ubernahm W. 1897 den Lehrstuhl von Knies, des letzten und bedeutend-
sten Vertreters der alteren historischen Schule, die Geschichte und Theorie
noch keineswegs als einen Gegensatz empfunden hatte. Er betrachtete es als
Ehrenpflicht, sich iiber die wissenschaftliche Stellung seines verstorbenen Vor-
gangers aufs grundlichste klar zu werden, und gelangte so von selbst zu den
methodologischenSchriften dieser Schule, die langst nicht dieBeachtung fanden,
Weber 599
die ihnen gebiihrte. Zugleich scheint W. erst durch seinen neuen Heidelberger
Kollegen Windelband (s. DBJ. 1914 — 16, S. 182 ff.) dazu gekommen zu sein,
dem 1896 erschienenenWerk Rickerts»Die Grenzen der naturwissenschaftlichen
Begriffsbildung, eine logische Einleitung in die historische Wissenschaft « eine
tiefere Aufmerksamkeit zu widmen.
Entscheidend aber wurde eine schwere Erkrankung.
Die anstrengende Einarbeitung in die neue Professur, der stete Druck noch
immer ungewohnter Pflichten, die sturmische Pflege der vielen alten Interessen
in Verbindung mit schweren Gemutserschiitterungen, die mit dem unerwarteten
Tod des Vaters in Verbindung standen, hatten 1897 einen Zusammenbruch zur
Folge, der in volliger Erschopfung sich auBerte. Mit grausamer Schroffheit er-
zwang er eine Anderung in der gesamten Iyebensfuhrung. War bisher an W.
das Auffalligste seine fast unbegreifliche geistige Konsumkraft gewesen, die
nicht nur ein ungeheures Wissen aufspeicherte, sondern aus tiefer Erfassung
alles kritisch zu neuen Problemstellungen verarbeitete, so wurde jetzt jedes
eigentliche Biicherstudium fiir Jahre unmoglich. Auf alles, was in ihm zur Tat
drangte, mui3te verzichtet werden. Insbesondere alle Gedanken an eine poli-
tische Laufbahn wurden aufgegeben und auch alle anderen Hoffnungen auf
unmittelbares personliches Wirken ins Weite begraben. Selbst auf die Lehrtatig-
keit glaubte W. verzichten zu miissen. Er legte seine Professur nieder.
Bisher hatte eine unbegrenzt scheinende Lebenskraft sich gegen die Ent-
sagung, die jede Berufsspezialisierung erfordert, gestraubt und ein reiches all-
seitiges Menschentum ermoglicht. Jetzt zwingt das Schicksal auch W. zur
Askese. Er kann sich nicht mehr an den immer neuen praktischen Aufgaben
der Zeit freudig betatigen. Er muB sich zum Forscher wandeln. Was ihm bisher
in erster Linie Mittel zum Zweck gewesen war, muB fiir ihn jetzt zum Selbstzweck
werden. Und auch als Forscher muB er Entsagung iiben. Er sieht sich zunachst
zu stiller Selbstbesinnung genotigt und wird in langem Schweigen sich selbst
zum Objekt. Er fragt sich, warum er das oder jenes fiir wahr halte, warum ihn
das oder jenes erfreue. Aus dem Mann des sicheren Instinkts, der genialen In-
tuition, der das Ziel so oft klar sah, ohne den Weg zu kennen, wird ein selbst-
qualerischer Skeptiker, der sich iiber jeden noch so kleinen Schritt derErkennt-
nis aufs genaueste Rechenschaft zu geben sucht und seine Kraft in solcher
Ergriindung erschopft, ohne fiir Gestaltung und Verbreitung seiner Erkenntnis
besonderes Interesse zu haben.
Dieser tragische Umschwung macht W. zunachst zum Methodologen. Aber
wenn er auch die beste Kraft, die in ihm war, nach Regeln, die seiner Natur
urspriinglich widersprachen, zu ziigeln sucht, schlieBlich triumphiert doch die
alte Schaffenskraft iiber das Schicksal. Aus sich heraus schafft sich W. ein
neues Wirkungsfeld, das der erzwungenen Anderung angepafit ist, und die Los-
losung von alien Berufspflichten erhalt ihm in neuen Formen jenes reiche
Menschentum, fiir das alle Schranken der Arbeitsteilung ohne zwingende Be-
deutung sind. Ohne Krankheit ware W. vielleicht der Wissenschaft entiremdet
worden, oder er hatte sich wenigstens nie fiir ihren Dienst und insbesondere fiir
die Bearbeitung von Problemen, die auBerhalb des akademischen Lehrbetriebes
lagen, f reimachen konnen ; durch die Krankheit ist seinem auf die Wissenschaft
zuriickgedrangten Schaffen erst das Geprage des Einzigartigen in vollem MaBe
gegeben worden.
6oo 1920
Und doch geht ein RiB durch seine Entwicklung. Bisher waren seine Per-
sonlichkeit und sein Werk eine Einheit gewesen. Jetzt spaltet sie sich. Im per-
sonlichen Verkehr wirkt noch immer die Fiille seiner intuitiven Natur. Sobald
er aber zurFeder greift, ergehtes ihm jetzt wie friiher manchmal auf demKa-
theder. Er richtet den ganzen Scharfsinn seines Geistes gegen sich selbst. Zwar
gelingt ihm das nicht immer. Immer wieder spottet die urspriingliche Natur
aller ergriibelten Fesseln. Aber die Frische und Freudigkeit schwinden aus
seiner Tatigkeit. Es iiberwiegt mehr und mehr der Eindruck des Negativen, des
in sich Zerrissenen. Der personlichen Resignation iiber sein Geschick tritt in
zunehmendem MaBe eine allgemeine Resignation zur Seite, die in der Wissen-
schaft nicht mehr eine Offenbarung der Wahrheit sieht, sondern nur ein Mittel
zu auBerwissenschaftlichen Zielsetzungen und einen Ausdruck unserer »gott-
fernen« Zeit. Die Begeisterung, mit der sich W. einst der Wissenschaft in die
Arme geworfen hatte, machte einer aus einem inneren Pflichtgef tihl erwachsen-
den Betatigung der »intellektuellen Rechtschaffenheit« Platz, die ein viel leid-
volleres inneres Heldentum erforderte, als er es einst am reifen Mommsen be-
wundert hatte.
III.
Erst langsam, nach etwa funf Jahren, von denen er fast zwei in Rom ver-
brachte, erstarkte W.s Schaffenskraft von neuem. 1903 begann er eine groBere
Studie » Roscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Natio-
nalokonomie« in Schmollers Jahrbuch zu veroffentlichen. Die Miihsal der
Herstellung dieses »Seufzeraufsatzes« kommt schon auBerlich darin zum Aus-
druck, daB sich die Veroffentlichung, obwohl W. frei von aller Berufslast war,
iiber vier Jahrgange (1903 — 1906) hinzog, und teilt sich auch dem Leser in
qualvoller Weise mit. Was sich in den Borsenaufsatzen angekiindigt hatte,
erscheint hier in krankh after Steigerung. Unzweifelhaft hat dabei mitgewirkt,
daB diese Arbeit, deren Veroffentlichung noch vor ihrer Beendigung begonnen
wurde, als termingebundene Pflichtarbeit auf ihn driickte.
Es war deshalb fur W. eine Wohltat, als Edgar Jaffe (s. DBJ. 1921, S. 160 ff.)
1904 das bisher von Heinrich Braun herausgegebene »Archiv fiir Sozialwissen-
schaft und Sozialpolitik« erwarb und W. als einem der drei neuen Herausgeber
als freien Tummelplatz fiir seine wissenschaftliche Arbeit zur Verfugung stellte.
Damit gewann die erzwungene Verselbstandigung der Forscherarbeit wieder
wurdige Ziele. Blieb unmittelbares Wirken auch weiter versagt, so bot sich in
der eigenen Zeitschrift doch ein dankbares Feld fiir mittelbares Wirken. Erst
damit schien das Iyeben neuen Halt und Reiz zu gewinnen.
Das zeigt sich alsbald in W.s Produktion. Sie beginnt mit zunehmender Ge-
sundung wieder aufzuleben, schlagt jetzt aber ganz andere Richtungen ein
als vor der Erkrankung.
Die volkswirtschaftlichen und rechtsgeschichtlichen Studien treten hinfort
zuriick. Nur die alten agrarhistorischen Arbeiten, insbesondere in einem in-
haltreichen Artikel im Handworterbuch der Staatswissenschaften, klingen
noch vereinzelt an. Und zu ihnen gesellen sich spater, in Verbindung mit einer
Erhebung des Vereins fiir Sozialpolitik iiber »Auslese und Anpassung* in der
industriellen Arbeiterschaft, vorbereitende Arbeiten »Zur Psychophysik der
industriellen Arbeit «, in denen in den Fabriken seiner Bielefelder Verwandten
Weber 6oi
gesammelte personliche Erfahrungen mit Anregungen verschmelzen, die er
seinem Heidelberger Kollegen Kraepelin und den Schriften seiner Schule zu
verdanken hatte. Auch bei diesen Arbeiten tritt das eigentliche volkswirt-
schaftliche Interesse viel mehr als fruher zuriick. Sie sind gleichsam nur ver-
spatete Auslaufer einer uberwundenen Arbeitsperiode. Ganz andere Interessen
stehen jetzt im Vordergrund. Das zeigen sogleich aufs deutlichste die beiden
bedeutenden Friichte aus der stillen I/eidenszeit, die 1904 zur Reife gebracht
werden. Man merkt ihnen an, wie ein ungewohnliches MaB nachdenklichen
Sinnens auf sie verwandt worden ist. Hier fehlt auch die Hast in der Gedanken-
fuhrung und Formulierung. Der sorgsam gehegte Gedanke kleidet sich in sorg-
same Form.
Es sind die beiden Aufsatze, die mehr als alle anderen Arbeiten den Namen
von Max W. in der wissenschaftlichen Welt beruhmt gemacht haben. Das ist
erstens der Eroffnungaufsatz des umgestalteten Archivs »tjber die Objektivitat
sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnisse« und zweitens die
Arbeit »Uber die protestantische Ethik und den ,Geist' des Kapitalismus*.
Beide Aufsatze bilden gleichsam eindrucksvolle Ouvertiiren zu zwei groBen
Serien wissenschaftlicher Studien, die jetzt zum wissenschaftlichen Hauptinhalt
von W.s Leben werden.
Was zunachst die methodologischen Arbeiten anlangt, so teilen sie sich in
zwei Gruppen. Die erste bezieht sich auf die individualisierende Geschichts-
wissenschaft. In ihr vermiBte W., wie schon bei Mommsen, so jetzt bei Eduard
Meyer und nicht minder auf sozialwissenschaftlichem Gebiet, z. B. bei Schmol-
ler, die ihm notig erscheinende Strenge der Begriffsbildung. Darum bemuht er
sich, angeregt durch Windelband und Rickert, dem voll entwickelten »reinen
Typus der naturwissenschaftlichen Erkenntnis« einen ebenso hoch entwickelten
»reinen Typus der kulturwissenschaftlichen Erkenntnis« gegeniiberzustellen.
In diesem Bestreben unterscheidet er sich nicht unwesentlich von Rickert.
Denn wenn er auch, wie dieser, zwischen naturwissenschaftlicher und kultur-
wissenschaftlicher Erkenntnis einen tiefen Unterschied erblickt, so vertritt
er doch den Standpunkt, daB alien Objekten gegeniiber eine generalisierende
Begriffsbildung moglich ist. Denn der wissenschaftliche Prozefi ist immer der
gleiche. Immer handelt es sich darum, »die Welt des Empirisch-Tatsachlichen
in eine Welt gedanklicher Zusammenhange umzuformen«. Immer mufi eine
kunstliche»Vereinfachung« erstrebt werden. Erst mit Hilfe vereinfachender
und klar abgegrenzter Allgemeinheiten kann die Bedeutung des Individuellen voll
erfaflt werden. Auf diese Weise gelangt W. zu der Lehre von den »Idealtypen«.
Schon bisher hatte es an Versuchen, die geschichtlichen Tatsachen zu syste-
matisieren, nicht gefehlt. Sie waren insbesondere von Biicher tief in den Bereich
der allgemeinen Geschichte hineingetragen worden und hatten in Eduard
Meyer und Georg v. Below (f 1927) scharfe Gegner gefunden. Ganz besonders
Eduard Meyer hatte Buchers Typisierung schroff abgelehnt. Das fuhrte W.
auf die Plattform. Er hielt es schon lange fur unzulassig, in der Geschichte des
Altertums mit wirtschaftlichen Kategorien zu arbeiten, die der Neuzeit oder
dem Mittelalter entnommen waren. Er fragte sich, ob man sich wirklich das
Altertum »gar nicht modern genug« vorstellen konne, ob man bei den alten
Griechen z. B. von »Kapitalismus« reden diirfe und worin denn schliefllich der
Unterschied zwischen Altertum und Neuzeit wirtschaftlich bestehe. Und er
602 1920
kam zum Ergebnis: sollen solche Fragen eine befriedigende Antwort erhalten,
so muB die Geschichte mit klaren Begriffsbildungen, welche »die Eigenart von
Kulturerscheinungen zum BewuBtsein bringen*, arbeiten. Sie muB, ahnlich
wie die Volkswirtschaftslelire z. B. in der Preislehre, von »Gedankenbildern«c
ausgehen, welche »bestimmte Beziehungen und Vorgange des historischen Le-
bens zu einem in sich widerspruchslosen Kosmos gedachter Zusammenhange
vereinigen*. Wie in der Volkswirtschaftslehre haben sie sich zwar an Tatsachen,
die aus der Erfahrung gewonnen sind, anzulehnen — je wirksamer das ge-
schieht, um so brauchbarer werden sie — aber es hat dann eine »einseitige
Steigerung einzelner Gesichtspunkte« stattzufinden. Konnen sie sich auch auf
den verschiedensten irrationalen Wertvoraussetzungen aufbauen, sie mussen
in sich »zweckrational« oder »wertrational« ausgebaut sein. Weil fiir sie solche
»Widerspruchslosigkeit« oder »Reinheit« kennzeichnend ist, nennt sie W., wie
es Jellinek schon in seiner allgemeinen Staatslehre getan hatte, » Idealtypen «.
Nur mit ihrer Hilfe laBt sich das Besondere einer konkreten geschichtlichen
Erscheinimg klar herausarbeiten. Dieses Besondere besteht also in irrationalen
Abweichungen vom rationalen »Idealtypus«. Die » Idealtypen* sollen also
Mittel wirksamer Individualisierung sein. Sie sollen nicht die empirische Wirk-
lichkeit abbilden, sondern sie nur »in gultiger Weise denkend ordnen« helfen.
Sie sind »Grenzbegriffe«, an denen die Wirklichkeit »gemessen«, mit denen
sie »verglichen« wird. Sie sollen eine »Sprache der Wissenschaft« schaffen,
deren Mangel bisher den wissenschaftlichen Wert der geschichtlichen Arbeit
beeintrachtigt hat.
Diese typisierende Methode, die schon unbewuBt von der klassischen Schule
der Volkswirtschaftslehre angewendet worden und die Adolf Wagner be-
reits klar zum BewuBtsein gekommen war, ist fiir die wissenschaftlichen Ar-
beiten W.s nach seiner Erkrankung in starkem MaBe kennzeichnend geworden.
Unzweifelhaft hat er auch mit der scharfen theoretischen und praktischen Her-
ausarbeitung dieser Denkart auf die Wissenschaft seiner Zeit EinfluB gewonnen.
Auch v. Below hat die Einfuhrung dieser Idealtypen im Sinne von W. als einen
Fortschritt fiir die Geschichtswissenschaft begruBt.
W. hat aber diese Methode nicht etwa nur auf die Wirtschaftsgeschichte an-
gewendet. Es scheint ihn sogar besonders gereizt zu haben, sie in ausgesproche-
nen Grenzfallen zu erproben. Er schrickt nicht davor zuriick, in seinen reli-
gionswissenschaftlichen Studien solche rationale Idealtypen von Kirche, Sekte
und Orden, vom Magier und Priester zu bilden. Da setzt heute begreiflicher
Widerspruch ein; doch wird man stets anerkennen mussen, daB sich nur mit
idealtypischen Gestaltungen die groBartigen universalhistorischen Vergleiche,
die W. angestellt hat, durchfuhren lieBen.
Im Laufe der Zeit nahmen W.s methodologische Arbeiten noch eine zweite
Richtung. Den Ubergang zu ihnen bildete eine weitere Polemik. Stammler
hatte 1906 die zweite Auflage seines Buches iiber »Wirtschaft und Recht*
erscheinen lassen, also iiber ein Thema, das gleichsam zum Lebensinhalt von
W. geworden war. Es beruhrte ihn schon darum in der Tiefe seines Wesens,
und das wurde noch gesteigert, weil Stammler mit seinem Buch in den Kampf
um den Sozialismus entscheidend einzugreifen suchte. Daraus erklart sich die
auch fiir W. ungewohnliche und auch spater von ihm bedauerte Scharfe, mit
der er 1907 Stammler in einem Archivaufsatz »Stammlers ,t)berwindung' der
Weber 603
materialistischen Geschichtsauffassung« entgegentrat. Er sah in diesem Buch
eine unzulassige Vermengung von empirischer Erkenntnis und normativer
Wissenschaft und stellte den »rechtsdogmatischen Verfalschungen des empi-
rischen Denkens« tiefgriindige kritische Erorterungen gegentiber; insbesondere
erblickte er in der materialistischen Geschichtsauffassung ein heuristisches
Mittel, das zwar niemals allein angewandt werden diirfe, aber neben anderen
gute Dienste leisten konne.
W. selbst empfand es aber als notig, dieser Kritik, die in juristischen Kreisen
mehr Unwillen als Beachtung hervorrief, etwas Positives zur Seite zu stellen.
So entstand der 1913 im » Logos* erschienene Aufsatz *t)ber einige Kategorien
der verstehenden Soziologie «, der zum Teil bestimmt war, zu zeigen, was
Stammler » hatte meinen sollen «. Dieser Aufsatz kann als der eigentliche tlber-
gang W.s von der individualisierenden Geschichtswissenschaft zur generali-
sierenden Geschichtssoziologie bezeichnet werden. Den Unterschied zwischen
beiden erblickt Max W. nicht, wie spater sein Bruder Alfred, in sachlichen Mo-
menten, in einer selbstandigen Gesamtentwicklung einerseits und in person-
lichem Handeln andererseits, die beide in mannigfaltigen Wechselwirkungen
zueinander stehen. Er sieht sie ausschlieBlich in der Betrachtungsweise. Wah-
rend sich die eigentliche Geschichtswissenschaft auf die Erklarung einmaliger
Vorgange beschranke, suche die Soziologie im geschichtlichen Geschehen nach
vgenerellen Regeln«. Will man dabei nicht in vagen Allgemeinheiten stecken
bleiben, muB man in der Soziologie noch mehr auf die Elemente zuriickgehen
als in der eigentlichen Geschichtswissenschaft. Eine Zerlegung der »Idealtypen«
in ihre Bestandteile wird hier zum Bediirfnis.
Was insbesondere die Wirtschaftswissenschaft anlangt, so hat sie nicht nur
♦ die Gesamtheit der gesellschaftlichen Erscheinungen auf die Art ihrer Mit-
bedingtheit durch okonomische Ursachen zu untersuchen «, sondern auch »die
Bedingtheit der Wirtschafts vorgange und Wirtschaftsformen durch die ge-
sellschaftlichen Erscheinungen zu ermitteln«, wie Religion, Recht, Staat,
Kunst, Wissenschaft usw. Das erste liegt innerhalb der Grenzen der eigent-
lichen Volkswirtschaftslehre, das zweite gehort zur Soziologie, die es danach
nicht nur, im Simmelschen Sinne, mit den »Formen der Vergesellschaftung«,
sondern auch mit ihren Kulturgehalten selbst zu tun hat. Nur durch Einzel-
analysen der Kulturgebilde glaubt W. wissenschaftHch vorankommen zu konnen.
Als erstem wendet er sich der Religion zu.
W. hatte von jeher religiosen Fragen ein Interesse entgegengebracht. Auch
das war ihm vom Elternhause uberkommen. Denn in der Familie seines Vaters
war der Bielefelder Pietismus lebendig, und ein warmes werktatiges Christen-
tum hat stets das Herz der Mutter erfiillt. Ihre Schwester, die Frau des Histo-
rikers Baumgarten, hatte W. wahrend seiner Dienstzeit in StraBburg mit reli-
gioser Lektiire versorgt; und ihr Sohn, der bekannte Theologe Otto Baum-
garten, war ihm damals so nahe getreten, dafi er ihn spater zu einem seiner
Opponenten im Doktorexamen wahlte. Vielleicht sind auch durch ihn die
Freundschaften mit Friedrich Naumann und Paul Gohre entstanden. Ins-
besondere Naumann, der mit seiner 1894 gegriindeten »Hilfe<(einen groBen Teil
der deutschen Jugend erwarmte, interessierte W. schon darum lebhaft, weil
W. hoffte, mit Hilfe des Christentums werde der Sozialismus regierungsfahig
und zum Bundesgenossen des aus eigener Kraft unmachtigen Liberalismus
604 J920
werden. Nach seiner Krankheit wurde auch hier das politische Streben durch
wissenschaftliche Fragestellungen abgelost.
W. war schon bei Verwandtenbesuchen in Bielefeld die »spezifische Eignung
pietistischer Arbeitskrafte« aufgef alien. Als er dann nach Freiburg kam, fes-
selten ihn die charakteristischen Unterschiede der christlichen Religionssysteme,
und er lieB auf Grund der besonders eingehenden badischen Religionsstatistik
eine Schulerarbeit iiber Konfession und soziale Schichtung anfertigen. Ent-
scheidend wurde aber, daB wahrend seiner Krankheit Sombart 1902 seinen
»Modernen Kapitalismus « erscheinen lieB, in dem er die Frage nach der
» Genesis des Kapitalismus* aufwarf. Durch seine noch im Sinne von Karl
Marx gegebene Antwort erweckte er auf den verschiedensten Seiten starken
Widerspruch. Auch fiir diesen Streit erwarmte sich W., aber es anderte sich
ihm die Problemstellung. Denn seitdem mit der Besetzung Tsingtaus die
Probleme Ostasiens politisch und wissenschaftlich in seine Kreise hineinge-
tragen worden waren, hatte sich ihm die Frage: Wie entsteht der Kapitalis-
mus? in die Frage gewandelt: Warum entsteht der Kapitalismus in Europa
und Amerika, dagegen nicht in Asien und Afrika? Und wahrend Sombart
noch im Banne von Marx den »Geist« des Kapitalismus als ein Erzeugnis wirt-
schaftlicher Verhaltnisse auffaBte, griibelte W. umgekehrt dariiber, wie Ideo-
logien auf das Wirtschaftsleben wirken.
Schon Sir William Petty hatte die hollandische Wirtschaftsmacht des
17. Jahrhunderts darauf zuruckgefuhrt, daB in Holland besonders viele
»Dissenters« seien, welche » Arbeit und GewerbfleiB als ihre Pflicht gegen Gott
ansahen«, ganz ahnlich, wie es auch jetzt die Unternehmer und Arbeiter in
Bielefeld vielfach taten. W. fragt: Wie erklart sich das? Und er findet den be-
sonderen Anreiz fiir die ersten Trager des »modernen Kapitalismus « nicht in
der diesseitigen Welt. »Jenseitige Pramien« sind es, die eine Arbeitswilligkeit
entstehen lassen, wie sie bisher unbekannt war, und zwar ist es der Protestan-
tismus, der zuerst die Auffassung der Arbeit als Beruf entstehen laBt. Er lehrt :
Man dient Gott, indem man seine Beruf spflichten erfullt. Er laBt damit einen
Geist christlicher Askese entstehen, welcher der modernen Berufsarbeit das
Geprage gibt. Insbesondere fiir den Kalvinismus wird das Gewinnstreben zu
etwas Gottgewolltem. So kommt W. in seinem angefuhrten Aufsatz iiber den
Protestantismus und den » Geist « des Kapitalismus zum Ergebnis: Die kalvi-
nistische Iyebensauffassung hat den Kapitalismus geschaffen. War dieser ein-
mal ausgebildet, so konnte er sich auch selbstandig weiter entwickeln.
Keine Arbeit W.s hat etwas so Packendes. Nur wer Ahnliches durchlebt
hatte, konnte die »innerweltliche Askese* des protestantischen Beruf sgedankens
in ihrem Entstehen und in ihren Folgen so lebensvoll darstellen. Der materia-
listischen Geschichtsauffassung in AusschheBlichkeit, die noch Sombart im
wesentlichen verherrlicht hatte, wurde hier ein Gegenstuck entgegengestellt,
wie es so wirksam noch nicht existierte. Allerdings war der Gedankengang auch
hier einseitig zugespitzt worden. Denn so sicher der kalvinistisch-puritanische
Geist fiir die Entwicklung des Kapitalismus von groBem EinfluB gewesen ist,
so wenig wahrscheinlich ist es, daB ohne Kalvinismus der Kapitalismus nie
entstanden ware. W. wollte aber auch nur bisher vernachlassigte Zusammen-
hange mit Hilfe der isolierenden Methode hervorheben, und jede straffe Iso-
lierung wirkt wie Lvbertreibung.
Weber 605
Schon darum erntete W. neben Zustimmung und Bewnnderung auch man-
chen Widerspruch. Der materialistische Sozialismus und die ihm nahestehende
Wissenschaft hielt sich zwar in auffalliger Scheu zuriick; aber aus der neu-
rankianischen Schule der Historiker erschallte nnter Fuhrung Rachfahls hef-
tiger Widerspruch. Er ist es in erster Linie gewesen, der W. auf der Bahn seiner
religionswissenschaftlichen Studien immer weiter trieb, so daB sie sich schlieB-
lich iiber alle Lander und Zeiten erstreckten. Dabei war es natiirlich nicht seine
Absicht, die groBen Religionssysteme der Welt nach alien Seiten zur Darstel-
lung zu bringen. Er interessierte sich nur fiir ihr Verhaltnis zum gesellschaft-
lichen Leben und wollte nur ihre Wirtschaftsethik behandeln. Zu diesem Zweck
studierte er mit wieder erstarkender geistiger Konsumkraft eine Literatur von
fast unfaBbarem Umfang. Kaum wird es bisher jemanden gegeben haben, der
dieses die ganze Welt umspannende bunte Material in sich aufgenommen hat.
Schon darum ist es so schwer, zu diesen Studien W.s Stellung zu nehmen. Es
kommt hinzu, daB auch sie Fragmente sind. Eigene Klarung war ihr Hauptziel.
Eine zusammenfassende Veroffentlichung in Buchform war anfangs nicht be-
absichtigt, zumal da nur wenig aus ersten Quellen hatte geschopft werden
konnen. Gerade darum hat W. seiner Darstellung manchmal die Ziigel schieBen
lassen. Er raubt seinen Gedanken zwar oft nicht die ursprungliche Frische,
indem er sie in methodische Zwangsjacken zwangt; aber sie drangen sich in
solcher Hast, daB sie nur stellenweise zu abgeklarter Gestaltung gelangen.
Nach der guten wie bosen Seite macht sich die Torsohaftigkeit seines Arbeitens
auch hier geltend.
Die die Welt umspannende geschichtssoziologische Betrachtungsweise, die
im Leser der religionswissenschaftlichen Arbeiten gleichzeitig Gefuhle der Be-
wunderung und der Hilflosigkeit hervorruft, hat W. dann auf andere Gebiete
ubertragen. Der Gegensatz zwischen Orient und Okzident, der ihn zuerst in der
Religion packte, tritt ihm jetzt auf alien Gebieten des Kulturlebens entgegen.
Uberall sieht er im Abendlande einen gleichartigen RationalisierungsprozeB,
den das Morgenland nicht kennt. Er findet ihn wie in der Wissenschaft in der
Religion und Musik, im Rechte, in der staatlichen Verwaltung und Verf assung,
in der Wirtschaft. Ihn in seiner Gesamtheit darzulegen, empfand er immer mehr
als eine ihm gestellte Aufgabe. Darum zwingt er sich gleichsam selbst zu ihrer
Losung.
W. hatte sich namlich iiberreden lassen, die Herausgabe des »Grundrisses
der Sozialokonomik«, der an die Stelle des iiberholten Schonbergschen Hand-
buches der politischen Okonomie treten sollte, zu iibernehmen. Hier konnte
er den eigenen Beitrag im ganzen weiten Bereich der Sozialokonomie sich frei
wahlen, und es ist charakteristisch fiir seine Entwicklung, daB er sich den
Band iiber » Wirtschaft und Gesellschaf t «, d. h. die gesamte Betrachtung iiber
die Zusammenhange der Wirtschaft mit alien Gebieten der Gesellschaft vor-
behielt. Das war ein Thema, das der universalen Art seiner Veranlagung und
seiner bisherigen Studien am meisten entsprach. Bei seiner Behandlung lockte
es ihn zugleich, die von so wenigen erkannte Einheit in seinen Arbeiten darzu-
legen und zu zeigen, wie auch soziologische Studien auf einer festen Grundlage
aufgebaut werden konnen.
W. tut das in bewuBter weitgehender Beschrankung.
Er lehnt erstens, wie Windelband und Rickert, alien »Naturalismus« oder
6o6 1920
Positivismus, der mit naturwissenschaftlichen Mitteln arbeitet, ab. Er be-
streitet ihm den wissenschaftlichen Charakter.
Zweitens lehnt W. die Beschaftigung mit alien der Wirklichkeit spekulativ
iiberbauten Gedankengebilden ab. Er will es ausschlieBlich mit der empirisch
erfaBbaren Wirklichkeit zu tmi haben. Naturlich bestreitet er damit nicht die
Berechtigung, sich mit dogmatischen Vorstellungen wissenschaftlich zu be-
f assen. Aber das iiberlaBt er den dogmatischen Wissenschaften, wie der Rechts-
wissenschaft, Ethik, Asthetik. Die empirische Wissenschaft muB sich, wenn
sie ihre eigenen Ergebnisse nicht verfalschen will, von alien dogmatischen Vor-
stellungen sorgsam fernhalten.
Drittens lehnt er alle Kollektivbegriffe ab. Unter den vielen »soziologischen
Grundbegriffen*, die er aufstellt, fehlt der Begriff »Gesellschaft«. Aller dings
bestreitet er nicht die grundsatzliche Moglichkeit, daJ3 man, wie vom einzelnen
Bestandteil, auch vom Ganzen ausgehen kann. Er spricht Versuchen solcher
Art nicht die wissenschaftliche Daseinsberechtigung ab, doch fuhlt man deut-
lich heraus, daB er den bisherigen Versuchen auf dieser Bahn, wie auch den
ferneren, skeptisch gegeniibersteht. Er halt diesen Weg anscheinend fur grund-
satzlich moglich, aber praktisch nicht wandelbar.
W. lehnt viertens alles Handeln, das nicht rational ist, ab. Er bestreitet auch
hier nicht, daB solches Handeln vorkommt, aber er scheidet es aus seinen Ar-
beiten aus. Er sucht ohne Psychologie im wissenschaftlichen Sinne dieses
Wortes auszukommen. Auch hier hat er grundsatzlich anscheinend nichts gegen
eine Sozialpsychologie, die das unbewuBte und irrationale Handeln zu erklaren
sucht, einzuwenden, aber er betrachtet das nicht als seine Aufgabe, und man
hat auch hier das Gefuhl, daB er den Losungsversuchen in Vergangenheit und
Zukunft nicht ohne gewichtige Zweifel gegeniibersteht.
W. wahlt vielmehr seinen Ausgangspunkt nach dem Vorbild der klassischen
Schule der Volkswirtschaftslehre. Wie sie geht er von dem oft hervorgehobenen
Hauptvorzug aller Kulturwissenschaften aus, daB sie in das Innere der kleinsten
Teile, mit denen sie es zu tun hat, der Individuen, unmittelbar hineinzublicken
und damit die Vorgange, die sie behandelt, selbst nachzuerleben vermag. Er
will von den »sinnhaften« Handlungen der einzelnen Menschen aus das gesell-
schaftliche Leben erklaren, was naturlich eine Beschrankung auf rationales
Handeln, das sich verstehen laBt, zur Folge hat. Auch in dieser Beschrankung
folgt er dem Vorbild der klassischen Schule der Volkswirtschaftslehre, die
ebenso vom rational handelnden homo oeconomicus ausgeht. Er schlieflt, wie
sie, eigentliche psychologische Erklarungen aus und sucht »kalkulierbare«
Wahrscheinlichkeiten, »daB ein sinnentsprechendes Handeln stattf indet «, die
er »Chancen« nennt, festzustellen.
Diese sich bewuBt auf rationales Handeln der Individuen beschrankende
Ivehre nennt W. »verstehende Soziologie«. Die Soziologie wird damit zu einer
Darstellung von »Rationalisierungen«. Der RationalisierungsprozeB hat aber
verschiedenen Zwecken gegeniiber sehr verschiedene Bedeutung. Stehen ratio-
nale Werte im Vordergrund, so erwachst aus der Beschrankung auf das Ver-
stehbare der Darstellung eine zwingende Kraft. Im selben MaBe aber, wie ir-
rationale Werte sich beherrschend vordrangen, bedeutet die grundsatzliche
Beschrankung auf rationales Handeln eine Ignorierung des Wesentlichen. Die
dominierenden Irrationalitaten werden zu bloBen »Abweichungen« vom Ratio-
Weber 607
nalen herabgedriickt. Dann kann man zwar nicht sagen, dafi die Darstellung
an sich falsch sei, sie gewinnt aber etwas Befremdendes, ftihrt leicht zu Um-
deutungen von Motiven und ist unvermeidlich MiBverstandnissen ausgesetzt.
Auch der isolierenden Methode, so ertragreich sie sich auch im ganzen er-
wiesen hat, sind Grenzen gesetzt. Sie wirkt verzerrend, wenn sie nicht auf
Wesentliches beschrankt bleibt. Darauf beruht es, daB die bedeutenden reli-
gionsgeschichtlichen Studien W.s auf so manches Kopfschutteln stoBen, dem
sich die Berechtigung nicht ganz versagen laBt. Das wiirde sogar noch starker der
Fall sein, wenn W. sich streng an seine eigene Marschroute gehalten hatte. In
Wirklichkeit sprengt der natiirliche Reichtum seiner Natur auch hier vielf ach
die Fesseln. So wohltuend das vom Leser oft empfunden wird, so muB man
doch sagen : Was dieses letzte Werk zum Bedeutendsten und Charakteristisch-
sten. das W. geschaffen hat, macht, ist, daB er sich in der Hauptsache doch
auf das Verstehbare beschrankt hat. Hier hat er, wie noch keiner, in der Sozial-
wissenschaft den Weg aus dem unfruchtbaren Streit um Programme zur
schopferischen Tat gefunden. Er hat neue Wege nicht nur gewiesen, sondern
mit einem Neuerungsmut sondergleichen beschritten. Allerdings kann man
bezweifeln, ob der extreme Individualismus in der Soziologie eine ahnliche
Rolle je spielen wird, wie er es in der Volkswirtschaftslehre getan hat und
heute noch tut. Jedenfalls hat die heutige Soziologie ihre Aufmerksamkeit den
groBen Gesamtgebilden so einseitig zugewendet, daB sie Teilanalysen nur ein
geringes Interesse entgegenbringt. Die von W. besonders nahestehenden Ge-
lehrten herausgegebene »Erinnerungsgabe«, in der sich nach Spranger nicht
»zwei Autoren finden, die unter Soziologie annahernd dasselbe verstiinden «,
zeigt, daB W. keine Schiller hinterlassen hat, die in seinen Bahnen weiter zu
wandern entschlossen sind. Es sieht fast so aus, als fande sich nicht einmal
jemand, dem gewaltigen Torso seines Werkes die notigen Erganzungen zuteil
werden zu lassen. Eher scheint es dadurch zu wirken, daB es zum Widerspruch
reizt. Ist doch von beachtenswerter Seite gesagt worden, die bewuBte Be-
schrankung auf das handelnde Individuum bedeute eine Absage an die Sozio-
logie. Ein Vorwarts auf dem von ihm eingeschlagenen Wege gebe es nicht; er
habe die »Wissenschaft vielmehr auf den Gipfel und eben dadurch an die
Schwelle des Abstiegs gefiihrt« (H. Kantorowicz) . Ja, die »Erinnerungsgabei
ist sogar von einem ihrer Mitarbeiter selbst »ein tief ernstes Dokument einer
Zeit, die dahinsinken muB«, bezeichnet worden (Honigsheim). Es ist nicht
unwahrscheinlich, daB das richtig ist. Trotzdem wird W.s Werk eine auBer-
ordentliche Wirkung ausiiben. Sie wird sich aber mehr als in der eigentlichen
Soziologie in den vielen Einzelwissenschaften, die er beruhrt hat, zeigen. Er hat in
sie so mannigfaltige neue Fragestellungen hineingebracht, daB man vielf ach
die bisher iibliche Behandlungsweise nicht ohne weiteres in allem wird aufrecht-
erhalten konnen. Wie hat W. z. B. in den Fragen der Entwicklung und Politik
der Stadte, denen die historische Schule der Volkswirtschaftslehre eine bevor-
zugte Aufmerksamkeit gewidmet hatte, das Blickfeld erweitert. Niemand wird
hinfort mit Anspruch auf Wissenschaftlichkeit iiber die Stadte schreiben oder
reden konnen, ohne zu W.s die ganze Welt zum erstenmal umfassenden Dar-
legung Stellung zu nehmen. Gerade weil seine Wirkung sich in einem MaBe,
wie es kaum erlebt worden ist, zersplittern wird, ist es so bedauerlich, daB
auch dieses letzte Werk, zumal in seinem zweiten Teil, nicht nur in der Form,
6o8 1920
sondern auch im Inhalt die Ziige des Unfertigen so stark an sich tragt, daB
W. es ohne Uberarbeitung kaum der Offentlichkeit iibergeben hatte. Auch
hatte W. unzweifelhaft noch Erweiterungen geplant. So interessierte er sich
in der letzten Zeit vor dem Kriege besonders fur die Soziologie der Presse.
Ein inhaltreicher Plan fiir ihre Bearbeitung war von ihm bereits in der Sozio-
logischen Gesellschaft entworfen worden.
Wie weit sich seine Interessen erstreckten, zeigt vielleicht am besten ein
der zweiten Auflage des soziologischen Hauptwerkes beigefiigter Aufsatz liber
»die rationalen und soziologischen Grundlagen der Musik«. Er behandelt zwar
auch einen RationalisierungsprozeB und sucht auch einen auffalligen Unter-
schied zwischen Abendland und Morgenland zu klaren ; er steht aber doch mit
dem Hauptwerk nur in losem Zusammenhang. Er dtirfte vielmehr als eine
unmittelbare Frucht seiner Leidenszeit zu betrachten sein. In ihr wurde er
regelmaBig durch das Klavierspiel einer Freundin erfreut, und das Streben,
sich Klarheit uber diesen GenuB zu verschaffen, hat diesen merkwiirdigen,
in Musikerkreisen viel beachteten Aufsatz entstehen lassen.
IV.
Mit dem Kriege beginnt in der Entwicklung W.s eine dritte Periode. Er-
forderte die Beschrankung auf die reine Gelehrtentatigkeit schon immer viel
Entsagung, so wird sie ihm jetzt unertraglich. Irgendwie muBte auch er sich
unmittelbar dem bedrohten Vaterlande nutzlich machen. Er ist daher froh,
zunachst als Organisator und Disziplinoffizier der Reservelazarette im Amts-
bezirk Heidelberg tatig sein zu konnen und sich wenigstens zeitweise einmal
wieder des starkenden Gliickes eines festen Pflichtenkreises erfreuen zu diirfen.
Mit dem fortschreitenden Krieg und der wachsenden Not drangt ihn dann
sein politisches Interesse immer starker zu offentlicher Betatigung. Nach
20jahrigem Schweigen greift er von 19 15 an fast bei jeder politischen Frage
ratend, mahnend und warnend zum Worte. Dazu treibt ihn ein tiefes Pflicht-
gefuhl; er denkt zunachst gar nicht an eine politische Tatigkeit, schon weil er
sich korperlich ihr nicht gewachsen fuhlt.
Allerdings hebt sich gegen Ende des Krieges seine Leistungsfahigkeit. Das
zeigt sich auch darin, daB seine politischen Schriften frei von den auBeren
Mangeln seiner wissenschaftlichen Arbeiten sind und sogar zum Teil stilistische
Meisterwerke darstellen. Durch ihre Wucht und Klarheit zogen sie bald die
Aufmerksamkeit weiter Kreise so stark auf sich, daB W. zu allerhand Be-
ratungen zugezogen wurde. Vor allem wurde er zu den Friedensverhandlungen
in Versailles zugezogen, urn mit Hans Delbriick, Graf Montgelas und Mendels-
sohn-Bartholdy die Antwort der Reichsregierung in der Schuldfrage abzu-
fassen. Spater nahm er auch auf Einladung von PreuB an den vertraulichen
Beratungen tiber die neue deutsche Staatsform teil. Er wirkte dann mit seinem
Bruder bei der Begriindung der neuen Deutschdembkratischen Partei mit,
hielt fiir sie eine groBe Reihe politischer Reden und sollte auch als Kandidat
fiir die National versammlung aufgestellt werden, was am »Ehrgeiz der Durch-
schnittlichen« im letzten Augenblick scheiterte.
Im ganzen trat in dieser Zeit der Gelehrte hinter den Politiker zuriick. Aber
beide verschmolzen doch in ihm viel starker, als man nach seinen methodo-
logischen Arbeiten annehmen kann.
Weber 609
AuBerlich hat W. als Politiker zwar starke Wandlungen durchgemacht. An-
fangs hatte er sich von dem politischen Iyiberalismus, den sein Vater vertrat,
wegen seines wirtschaftlichen Doktrinarismus und seiner politischen Schwache
immer mehr abgewandt, so daB er seine ersten politischen Artikel — auch
wohl, una seine Unabhangigkeit zu dokumentieren — in der »Kreuzzeitung« er-
scheinen lieB. Als er dann aber durch seine umfassenden Agrarstudien zum
scharfen Gegner des ostpreuBischen GroBgrundbesitzes wurde, in der neuen
Politik der Junker eine einseitige Politik wirtschaftlicher Interessenten erblickte
und sich immer mehr von der Regierungsweise Wilhelms II. abwandte, da
entwickelte er sich — fern vom Elternhaus — in Freiburg, wo im Burgertum
sich eigentlich nur Katholizismus und Liberalismus gegeniiberstanden, schnell
immer weiter nach links, so daB bald nur noch die »Frankfurter Zeitung« fur
seine Artikel in Betracht kam.
Es wiirde aber grundfalsch sein, in dieser auBeren Wandlung einen inneren
Bruch zu sehen und W.s politische Stellungnahme mit irgendwelchen Partei-
programmen zu identifizieren. Die starke Wirkung, die er ausgeiibt hat, be-
ruht gerade darauf, daB er auch hier auf der Grundlage eines anschaulichen
interaationalen Wissens von seltener Fulle und Tiefe selbstandige und eigen-
artige Bahnen mit ungewohnlicher geistiger Energie einschlug. Obwohl er auch
hier seine Gedanken vielfach bis zu Folgerungen zuspitzte, denen mancher
seine Zustimmung nicht geben kann, wird doch wohl eine spatere Zeit in W.s
politischen Streitschriften das Bedeutendste erblicken, das das wilhelminische
Zeitalter auf diesem Gebiet hervorgebracht hat.
Er wird beherrscht von zwei Gesichtspunkten.
Erstens geht W. davon aus, daB ein » Chaos von Werten« unsere Zeit kenn-
zeichnet. Welcher von alien im heiBen Kampf miteinander liegenden Werten
muBte f iir den Lehrer der Volkswirtschaftspolitik maBgebend sein ? Auf diese
Grundfrage hatte W. schon in seiner Freiburger Antrittsrede »Der National-
staat und die Volkswirtschaftspolitik « die Antwort gegeben: »Der WertmaB-
stab des deutschen volkswirtschaftlichen Theoretikers kann nur deutsch sein. «
Nur als »6konomischer Nationalist* kann ein deutscher Professor den her-
kommlichen zweiten Teil der Volkswirtschaftslehre behandeln. Wenn man
sich aber durch den Gesichtspunkt des deutschen Nationalstaates leiten laBt,
dann tritt der machtpolitische Gesichtspunkt beherrschend in den Vorder-
grund. W. geht in dieser Richtung so weit, daB er » politische Reife« mit dem
»Verstandnis« und der »Befahigung<< identifiziert, »die dauernden okonomi-
schen und politischen Machtinteressen der Nation iiber alle anderen Er-
wagungen zu stellen«. Er tritt daher mit aller Wucht fiir eine »Weltpolitik«
ein. Die Griindung des Deutschen Reiches diirfe nicht ein AbschluB sein,
sondern »der Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik*. Die Nach-
fahren wiirden uns einst verantwortlich machen »fiir das MaB des Ellbogen-
raumes, den wir ihnen in der Welt erringen und hinterlassen*. Nur als »Vor-
laufer einer groBeren Zeit« konnten wir dem »harten Schicksal des politischen
Epigonentums « entgehen.
W. war jedoch voll Zweifel, ob das deutsche Volk dieser Aufgabe gewachsen
sei. Er beklagte tief die sachliche)>Bescheidenheit«der deutschen Weltpolitik
und ihre trotzdem so eitle und gerauschvolle Art. Und er sprach von deutschen
» Kolonief ragmenten «, wenn er sich vergegenwartigte, was andere Staaten, wie
dbj so
6io 1920
z. B. das kleine Belgien, sich gleichzeitig erningen hatten. Immer wieder
fragte er sich sorgenvoll, ob die politische Bildung des deutschen Volkes aus-
reiche. Die Junker, die einst, als es sich noch um einfache Aufgaben handelte,
politische Bildung besaBen, lagen jetzt »im okonomischen Todeskampf «. Die
in den Stadten aufsteigende wirtschaftliche Macht war noch ohne politische
Bildung. Insbesondere die Arbeiterschaft war — im Unterschied von Eng-
land und Frankreich — »ein politisch unerzogenes Spie£burgertum«. So ist
in Deutschland eine Dungeheure politische Erziehungsarbeit« zu leisten, und
ihr seine Kraft zu widmen, empfand W. ursprunglich als seine Lebensaufgabe.
Dabei beunruhigte ihn aber die »ernste Frage«, ob es nicht schon zu spat sei.
Schon 1894 beim Einzug Bismarcks in Berlin glaubte er »den kalten Hauch
geschichtlicher Verganglichkeit zu spiiren«, und denKrieg empfand er schlieB-
lich als eine erschiitternde Bestatigung seiner triiben Ahnungen. Er gab ihm
keine Veranlassung, seine nationale und machtpolitische Einstellung zu den
Fragen der Politik zu andern, so sehr sich auch die Moglichkeiten der politi-
schen Betatigung eingeengt hatten. Vor wie nach dem Zusammenbruch war er
— im Gegensatz zu den »lendenlahmen Friedensfreunden« und den »L,iteraten-
kopfen* — bestrebt, an staatlicher Macht zu retten und zu erhalten, was
irgend moglich war.
Die Hauptgefahr fiir Deutschlands Machtstellung schien ihm immer von
RuBland zu drohen. Darum hat er schon der russischen Revolution von 1904
und ihren Tragern ein so starkes sachliches und personliches Interesse ent-
gegengebracht, dafi er die russische Sprache lernte und 1906 in zwei Beiheften
seines »Archivs« ein tieferes Verstandnis fiir die Freiheitsbewegung in RuBland
zu wecken suchte. Auch im Kriege, den RuBland, seiner Befurchtung ent-
sprechend, heraufbeschworen hat, hat er an diesem Gesichtspunkt festge-
halten. Auch ist er, was das Ausland anlangt, unzweifelhaft iiber RuBland
stets am besten unterrichtet gewesen.
Wie aber W. in seiner Einstellung zum »Nationalstaat« und zur »Welt-
politik« nur verkorperte, was alle selbstandigen politischen Kopfe seiner Gene-
ration — mit verschwindenden Ausnahmen — bewegte, so entbehren auch
seine auBenpolitischen Artikel im ganzen des nachhaltigen star ken Reizes,
wie auch von seinen mancherlei Auslandsreisen auffallend wenige Spuren in
seinen Schriften sich finden lassen.
Etwas Besonderes war dagegen der zweite Gesichtspunkt, der W. als Poli-
tiker immer starker beherrschte. Er wurzelte wieder darin, dafl W. An-
schauungen aus der Wirtschaftswissenschaft auf ein anderes Gebiet ubertrug.
Auch im Staate erblickte er namlich einen »Betrieb«, und zwar einen GroB-
betrieb, in dem eine Tendenz lebt, immer weiter um sich zu greifen. In der
rationalen Ausgestaltung dieses Betriebes hat Deutschland bis zum Kriege
vorangestanden. Es besitzt »die an Integritat, Bildung, Gewissenhaftigkeit
und Intelligenz hochststehende militarische und zivile Bureaukratie*. »Wir
waren darin die ersten der Welt.« Darin bestand unsere »t)berlegenheit iiber
die anderen«. Trotzdem steht W. diesem ProzeB zunehmender Bureaukrati-
sierung mit innerem Grausen gegeniiber. Er sieht in der Bureaukratie »die
einzige ganz sicher unentfliehbare Macht «. Sie bedroht jede Selbstandigkeit
des Individuums. Ja, sie ist »an der Arbeit, das Gehause jener Horigkeit
der Zukunft herzustellen, in welche vielleicht dereinst die Menschen sich,.
Weber 6ll
wie die Fellachen im altagyptischen Staat, ohnmachtig zu fiigen ge-
zwungen sein werden«. Eine solche Macht muB in ihrer Eigenart aufs
sorgsamste erfaBt und durch kontrollierende Gegenmachte in Schach ge-
halten werden.
Ihre Eigenart besteht, wie bei jedem GroBbetrieb, in der »Trennung« des
Arbeiters von den sachlichen Betriebsmitteln. Sie hat zwei Folgen. Erstens
kann der einzelne Beamte, wie der einzelne Fabrikarbeiter oder Angestellte,
nicht mehr einen Uberblick iiber das Ganze gewinnen, und zweitens verlangt
das Ganze, daB sich jeder als dienendes Glied gehorsam ihm einfiige. So ent-
wickeln sich im GroBbetrieb nicht die Eigenschaften und Kenntnisse, die fiir
einen leitenden Geist notig sind. Die Art der Verantwortung ist beim Beamten
ganz anders als beim Unternehmer oder Politiker. Was beim Beamten lobens-
wert ist, ist beim Politiker verachtlich.
Daraus folgert W. : Eine Beamtenherrschaft ist fiir den Staat gefahrlich.
Darum ist von groBter Bedeutung, welche Faktoren neben dem Beamtentum
bei der staatlichen Willensbildung in Betracht kommen. Es sind die Monarchic
und das Parlament.
W. war zwar vom »Nutzen monarchischer Institutionen in GroBstaaten«
iiberzeugt, pries die Monarchic in England als die » Starke des britischen Parla-
mentarismus«, hielt vor allem fiir die besondere internationale Lage Deutsch-
lands »an sich« die konstitutionelle Monarchic fiir »die gegebene Staatsform«
und bezeichnete das Schlagwort von der Befreiung der Deutschen von der
Autarchie, mit dem das Ausland arbeitete, als »heuchlerische Phrase*; aber
in der Regierungsweise Wilhelms II. sah er einen gefahrlichen »Dilettantis-
mus«, von dem er schon seit 1906 befurchtete, daB er »unsere ganze Weltstel-
lung« bedrohe. Deshalb versagte die Monarchic in concreto als die notige sach-
verstandige Erganzung und Kontrolle. Auch sie war vielmehr der Erganzung
und Beschrankung bediirftig. Darum hat W. aber nicht die Monarchic be-
seitigen wollen. Nur als unvermeidliches Ergebnis des Zusammenbruchs hat
er die Republik hingenommen, hielt er doch uherhaupt die »technische Frage«
der Staatsform fiir unwichtig im Vergleich mit der Frage der Organisation der
Regierung.
Fiir diese legte er auf das Parlament das Hauptgewicht. Es war in Deutsch-
land unter dem erdriickenden EinfluB von »Bismarcks riesenhafter Gr6Be«
nicht nur nicht zur Entwicklung gelangt, sondern zu einem »widerwilhg ge-
duldeten Bewilligungsapparat « herabgesunken. Aus seiner Mitte wurden nicht
die leitenden Staatsmanner genommen ; der Reichskanzler konnte sogar nicht
einmal Mitglied des Reichstags sein. Damit entbehrte das Parlament der An-
ziehungskraft fiir Fiihrertalente. Sie wurden in die Wirtschaft abgedrangt.
So gelangte W. zum Ergebnis, daB in Deutschland eine gesunde staatliche
Willensbildung nicht moglich sei, zumal da es auch keine aristokratischen
Traditionen hatte, wie sie in den englischen »Honoratiorenklubs« somachtig
sind.
Wie kann in dieser schwierigen Lage geholfen werden? Darauf antwortet
W. : Das Parlament bedarf systematischer Hebung, schon um »ein gewisses
Minimum von innerer Zustimmung mindestens der sozialgewichtigen Schichten
der Beherrschten « zu sichern, ohne das keine Herrschaft heute auf die Dauer
bestehen kann, vor allem aber, um mit seiner Hilfe die fehlenden politischen
6l2 1920
Fiihrer zu ziichten. Um dieses wichtigste Ziel zu erreichen, ist grundsatzliche
Entnahme der politischen Fiihrer aus dem Parlament, d. h. Parlamentarismus
notig. Nur so konnen die fiir die Politik ungeeigneten Beamten politisch kalt-
gestellt und durch Manner verdrangt werden, die sich berufsmaBig fiir den
Kampf um die Macht im Staate schulen. Erfolgreich kann das freilich nur ge-
schehen, wenn das Parlament, damit es nicht »zur dilettantischen Dummheit
verurteilt bleibe«, das Recht zur wirksamen Verwaltungskontrolle erhalt und
dadurch aus einem nutzlosen Redeparlament zu einem »machtigen Arbeits-
parlament« gemacht wird.
Heute miissen wir sagen: das Problem »Fuhrertum und Beamtentum« ist
in Wirklichkeit nicht so einfach, wie es von W. dargestellt worden ist. Ist der
gewiesene Weg der Entwicklung des Berufspolitikertums wirklich so sicher
und gefahrlos ? Was spricht dafiir, daB aus dem selbstischen Kampf um eigene
personliche Macht eine»Eigenverantwortung fiir eineSache«, wie W. annimmt,
erwachst? Wird wirklich im modernen Parteibetrieb, der vom Parlament
unzertrennlich ist, die Scharfung der Verantwortlichkeit erreicht, die W. selbst
fiir das wichtigste halt? Besteht nicht vielmehr die Gefahr, daB in einem
Lande, dem die erwahnten aristokratischen Traditionen Englands fehlen, das
Berufspolitikertum im standigen selbstsiichtigen Kampf auf das Niveau der
verachteten amerikanischen »Maschine« herabsinkt?
Und dieser bedenklichen Uberschatzung des Berufspolitikers, die sich ge-
schichtlich kaum rechtfertigen laBt, entspricht erne Beurteilung des Beamten-
tums, die auch zum mindesten einseitig ist. Warum beschreitet W. nicht auch
hier den so oft von ihm sonst eingeschlagenen Weg der Analogie aus dem Wirt-
schaf tsleben ? In der Wirtschaft hat man — nicht ohne Erfolg — versucht,
die Bildung der Angestellten zu heben und damit die Auslese fiir Unternehmer-
stellungen zu verbessern. Sollte sich Ahnliches nicht mit der Ausbildung des
Beamtentums erreichen lassen ? W. bestreitet nicht, daB im Beamtentum »sich
nicht auch Leute mit Fiihrerqualitaten fanden«. Ware es dann nicht richtiger
und einfacher, den Versuch zu machen, sie herauszufinden und zu entwickeln?
Dann ware es auch moglich, die von W. anerkannten Vorziige des deutschen
Beamtentums, die bei seiner Deklassierung durch ein traditionsloses Berufs-
politikertum verschwinden wiirden, zu erhalten. Es racht sich stets, wenn man
die geschichtliche Eigenart einer Regierungsorganisation ignoriert. Wirklich
Zukunftsreiches ist immer nur aus geschichtlichem Boden erwachsen. Im
politischen Leben, in dem Irrationalitaten eine so groBe Rolle spielen, ist Um-
bau meist einfacher als Neubau. Gesunde Traditionen lassen sich nicht leicht
kiinstlich schaffen.
Diese Einwande gegen die von W. befiirwortete Rationalisierung der Re-
gierungsorganisation liegen so sehr auf der Hand, daB man sich wundert, daB
W. sie nicht beachtet hat. Man sucht daher unwillkiirlich nach einer Erklarung.
Vielleicht hat W. geglaubt, in kritischer Zeit auf alle Vorschlage, die, wie jede
Erziehungsaufgabe, viel Zeit erfordern, verzichten und auf schnell durchfiihr-
bare auBere Organisationsanderung sich beschranken zu miissen. Vielleicht
wollte er nur ein Ziel aufrichten und der spateren Entwicklung die Anpassung
an geschichtliche Gegebenheiten uberlassen.
Aber mag dem sein, wie es wolle, immer werden die politischen Schriften
W.s, unter denen die Aufsatzfolge » Parlament und Regierung im neugeordneten
Weber 613
Deutschland « (1918) an gewichtigem Inhalt wohl voranstehen, als eine be-
deutende Leistung, die nichts zu tun hat mit den iiblichen parteipolitischen
Ideologien, anerkannt werden, obwohl sie jedem unbefangenen Blick die Bruch-
stelle, wo der sorgfaltig analysierende Gelehrte vom einseitig fordernden Poli-
tiker abgelost wird, deutlich offenbaren. Durch ihre Begriindungen, nicht durch
ihre SchluBfolgerungen werden sie zu einer vertieften politischen Bildung des
deutschen Volkes dauernd beitragen konnen.
V.
So sehr es bei W. einem inneren Drang entsprang, in die politische Erorte-
rung einzugreifen, so iibte doch die nahere Beriihrung mit der Politik eine ab-
stoBende Wirkung auf ihn aus. Schon vor dem Zusammenbruch fliichtete er
sich wieder in die wissenschaftliche Arbeit und betrat sogar im Soramer 1918,
nach igjahriger Pause, wieder die Lehrkanzel, und zwar an der Wiener Uni-
versitat. Hier gab er unter dem Titel » Positive Kritik der materialistischen
Geschichtsauffassung« einen Uberblick tiber seine religions- und staatssozio-
logischen Studien. Aber so groB auch der Erfolg war, wieder griff ihn die zwei-
stiindige Vorlesung so stark an, daB er auf eine Fortsetzung verzichten zu miissen
glaubte.
Ebenso brachten nach dem Zusammenbruch die politischen Erfahrungen in
Berlin und Versailles ihn zur Uberzeugung, daB die Politik — wie er selbst
sagte — jetzt nicht f ruchtbar zu betreiben sei. Gleichzeitig schien ihm infolge der
Wirrnis der Zeit die Erziehung der Jugend an Bedeutung auBerordentlich ge-
wonnen zu haben. Sie war zu einer der wichtigsten Aufgaben des Wiederaufbaus
geworden. Jetzt lohnte es sich, ihr die Kraft zu widmen, und W. glaubte auch —
im Gegensatz zu Wien — ihr jetzt korperlich gewachsen zu sein. Er war daher
sehr erfreut, im Sommer 1919 dem Ruf auf Btentanos Lehrstuhl in Munchen
folgen zu konnen, zumal da er dort nicht volkswirtschaftliche Themata, sondern
nur, seinen neuen Studien entsprechend, soziologische zu behandeln brauchte.
Aber die fruheren Erfahrungen wiederholten sich auch in Munchen. Seine
Personlichkeit machte auf die Zuhorerschaft noch starkeren Eindruck, und
er gewann als personlicher Berater in der Studentenschaft bald EinfluB.
Seine Ausfuhrungen iiber die »allgemeinsten Kategorien der Gesellschafts-
wissenschaf ten «, die er erst im Juni begann, wurden jedoch so wenig verstan-
den, daB er im Wintersemester auf Andringen der Studenten eine zweistiindige
Vorlesung »AbriB einer universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte « hielt.
Auch empf and er wieder wie einst die Vorlesungen als eine so schwer driickende
Last, daB er sogar einen Antrag einreichte, sein neues Ordinariat mit einer
auBerordentlichen Professur zu vertauschen. J a, man wird den Eindruck nicht
los, daB sein fruher Tod am 14. Juli 1920 mit dieser groBen »Strapazierung«
durch die Vorlesungen zusammenhangt.
Der Tod riB W. mitten aus seiner literarischen Erntezeit.
Seit seiner akademischen Antrittsrede im Jahre 1895 hatte er keine wissen-
schaftliche Arbeit in selbstandiger Form erscheinen lassen. Die Verstreutheit
seiner Studien machte es fur Fachgenossen nicht leicht, fiir Fernerstehende
unmoglich, ein vollstandiges Bild von W.s Schaffen zu gewinnen. Erst nach
dem Kriege plante er wieder umfassende Buchveroffentlichungen. Den Druck
des starken Bandes im GrundriB der Sozialokonomik »Wirtschaft und Ge-
614 x92o
sellschaft« begann er 1919 in der Hoffnung, ihn im engen AnschluB an seine
Vorlesungen zu Ende zu fiihren. Gleichzeitig wollte er jetzt auch auf vielf aches
Drangen seine religionsgeschichtlichen Arbeiten, und zwar als »soziologische«
Studien in drei Banden erscheinen lassen ; ihren ersten Band hat er 1920 noch
korrigiert. Beide Werke sind aber erst nach seinem Tode herausgekommen ; der
groBen Veroffentlichung im GrundriB standen sogar sehr erhebliche Schwierig-
keiten entgegen, die auch, trotz alien Muhens, nur teilweise iiberwunden wer-
den konnten. Dann folgten sich in wenigen Jahren die Veroffentlichungen in
fast erdriickender Folge. In vier starken Banden wurden W.s Aufsatze zu-
sammengefaBt, und die Gattin entschloB sich schlieBlich auch noch, die
Miinchener Vorlesung uber Wirtschaftsgeschichte, trotz der Mangelhaftigkeit
ihrer schriftlichen Grundlagen, herauszugeben. Allen, die W.s Wirken bisher
nur geringe Beachtung geschenkt hatten, offenbarte sich erst damit seine ge-
waltige Lebensarbeit. Darum gewann er nach dem Tode im groBen einen Ein-
fluB, wie er ihn im Leben immer nur in kleineren Kreisen genossen hatte.
Zugleich offenbarte sich noch zum Schlusse das Hauptgeheimnis und die
Tragik dieses Lebens. Es hat sich namlich merkwiirdig gefiigt, daB das letzte,
das W. selbst veroffentlichte, seine Vortrage »Wissenschaft als Beruf« und
»Politik als Beruf« waren, zugleich seine ersten selbstandigen nichtpolitischen
Veroffentlichungen im 20. Jahrhundert. Er faBte in diesen Vortragen gewisser-
maBen das menschliche Ergebnis seiner griibelnden wissenschaftlichen Lebens-
arbeit zusammen.
Da die Wissenschaft, die sich auf Beweisbares beschranken muB, es nur
mit der intellektuellen Aufhellung rationaler Vorgange zu tun hat, demnach
alle Unklarheiten und alle Illusionen beseitigen muB und somit eine »Ent-
zauberung« der Welt und eine Entfesselung des Kampfes ihrer Werte zur
Folge hat, kann sie nicht lehren, \vie man handeln soil. Sie scharft durch die von
ihr vermittelte Klarheit nur das Verantwortungsgefiihl und erschwert damit
sogar noch die Wahl im » Chaos der Werte «. Trotzdem muB der Mensch wahlen.
Denn nur im selbstlosen Eintreten fur »Ideale, Aufgaben, Pflichten« liegt Sinn
und Wiirde des menschlichen Daseins. Jeder Mensch muB sie sich selbst schaffen.
Er muB »den Damon finden und ihm gehorchen, der seines Lebens Faden
halt«. Aber wie soil er ihn finden ? Wie soil er seinem Leben Sinn geben, wenn
nicht einmal die Wissenschaft einen Sinn im Geschehen ermitteln kann ? Wie
soil er das tun, zumal da man nicht wissen kann, ob die getroffene Wahl wirklich
Sinn hat ? Wie soil man den Glauben erringen, der zu solcher Wahl not tut ?
Die GroBe von W.s Personlichkeit und Leben liegt darin, wie er diese Wahl
getroffen hat und mit einer Illusionslosigkeit, wie es sie in dieser Art vor ihm
noch kaum gegeben hat, ein leidenschaftliches Streben verband. Mit solcher
Leidenschaft muB man »AugenmaB«, d. h. die »Fahigkeit, die Realitaten mit
innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen «, verbinden, um Poli-
tiker zu werden. Es geniigt aber nicht nur »die geschulte Riicksichtslosigkeit
des Blickes fur die Realitaten des Lebens «, sondern es muB auch noch die
»Fahigkeit, sie zu ertragen und ihnen innerlich gewachsen zu sein«, hinzu-
kommen. Nur wer sicher ist, daB er daran nicht zerbricht, wenn die
Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist fiii
das, was er ihr leisten soil, daB er all demgegeniiber »dennoch!« zu sagen ver-
mag, nur der hat den »Beruf zur Politik«. Dieses Gefiihl der Sicherheit hat
Weber 615
sich W. seit seinem Zusam m enbruch im Jalire 1897 nicht mehr erringen
konnen, so sehr auch leidenschaftlich empfundenes Pflichtgefuhl ihn zeitweise
immer wieder drangte, in politische Erorterungen einzugreifen. Aber im Innern
hat er es verstanden, die entgegengesetzten hohen Anforderungen, die er an
den Wis^enschaftler und Politiker stellte, zu vereinigen. Freilich fiel fiir ihn
auch eine praktische Hauptschwierigkeit fort. Seit dem Jahre 1897 hat er bis
auf wenige Monate nicht als Lehrer auf dem Katheder, wo die Unmoglichkeit
des Widerspruchs den Bekennermut ausschliefien sollte, gestanden; er war
vielmehr ganz auf den personlichen Verkehr von Mensch zu Mensch, in dem
nicht nur Kenntnisse und Denkmethoden, sondern auch Uberzeugung und
Gesinnung vermittelt werden durften, angewiesen. Darum konnte sich seine
Personlichkeit auBerhalb seiner Schriften freier entfalten, als bei einem aka-
demischen Lehrer auf dem Katheder statthaft und moglich war. Solange W.
lebte, stand dieses positive Vorbild, in dem die entgegengesetzten Anforde-
rungen an den Wissenschaftler und Politiker Erfullung fanden, und damit die
anspornende Kraft seiner Personlichkeit im Vordergrund. Mit seinem Tode
treten das Negative und Gegensatzliche seiner Schriften und damit die schwie-
rige Erfiillbarkeit seiner Forderungen einseitig und gefahrlich in den Vorder-
grund. Was er noch zu leisten vermochte, wie soil das ein anderer leisten ?
Diese Zweif el greif en auch auf die Lehre iiber. Sie verdichten sich zur Frage :
Haben die irrationalen Werte wirklich nur individuelle Bedeutung? 1st nicht
eine objektive Ordnung der Werte moglich? Es sieht heute so aus, als ob diese
Frage die weiteren Erorterungen in der Zukunft beherrschen wurde.
Literatur: Schon heute hat die kiihne Eigenart wie die Torsohaftigkeit der Haupt-
schriften W.s eine Literatur iiber W. entstehen lassen. Es seien insbesondere die folgenden
Veroffentlichungen hervorgehoben : v. Schelting, Die logische Theorie der historischen
Kulturvvissenschaften von M. W. und im besonderen sein Begriff des Idealtypus, Archiv
fiir Sozialwissenschaft, 1922. — Rothacker, M. W.s Arbeiten zur Soziologie, Vierteljahrs-
schrift fiir Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 1922. — Othmar Spann, Bemerkungen zu
M. W.s Soziologie, Zeitschrift fiir Volkswirtschaft und Sozialpolitik, 1923. — Hans Oppen-
heimer, die L,ogik der soziologischen Begriff sbildung, 1925. — Andreas Walter, M. W.
als Soziologe, 2. Jahrbuch fiir Soziologie, 1926. — Koelreutter, Staatspolitische An-
schauungen M. W.s und Oswald Spenglers, Zeitschrift fiir Politik, 1925. — Grab, Der
Begriff des Rationalen in der Soziologie M. W.s, 1927. — v. Kahler, Der Beruf der Wissen-
schaft, 1920.
Weil aber das Werk mit der Personlichkeit bei W. so eng verbunden ist, gibt es auch
iiber das Leben und den Menschen schon eine Reihe von Veroffentlichungen. Voran steht
das grofie Werk von mehr als 700 Druckseiten, das Marianne Weber 1926 ihrem verstor-
benen Gatten gewidmet hat. Es ist nicht nur ein schones Denkmal der Iyiebe und Verehrung,
sondern auch durch die umfassende Verwertung von Briefen und Erinnerungen eine wert-
volle Quelle und ein feinsinniges Charakterbild. J a, es erweitert sich dadurch, daB sich in
vielem, was dieVerfasserin rein personlich auffaBt, die ganze Zeit spiegelt, zu einem Kultur-
bild des letzten halben Jahrhunderts. Natiirlich stellt sich dem, der W. ferner stand,
manches etwas anders dar, und schon heute zeigt sich, daB die Nachwelt Iyicht und Schatten
etwas anders verteilen wird.
Von Schriften, die der Gesamtpersonlichkeit W.s gewidmet sind, verdienen sonst noch
hervorgehoben zu werden: die schone Gedenkrede von Karl Jaspers, die 1926 in zweiter
Auflage erschienen ist, die feinsinnige Zeichnung, die Robert Michels in seinem Buch»Be-
deutende Manner* 1927 gegeben hat, die Einfiihrung von Schulze-Gaevernitz zu der von
Palyi 1923 herausgegebenen »Erinnerungsgabe« und der Aufsatz von Honigsheim »M. W.
als Soziologe. Ein Wort zum Gedachtnis* in den Kolner Vierteljahrsheften fiir Sozial-
wissenschaf ten, 1 92 1 .
Berlin-Steglitz. Hermann Schumacher.
6i6 1920
Willmann, Otto, Padagoge, * am 24. April 1839 in Lissa, fami. Juli 1920
in Leitmeritz. — W. wurde als Sohn des Kreisgerichtsdirektors in Lissa
geboren. Michaelis 1857 bestand er am Comeniusgymnasium seiner Vater-
stadt die Reifepriifung und wandte sich zunachst in Breslau, dann in Berlin
klassisch-philologischen und mathematischen Studien zu, die er 1862 mit der
Promotion und 1863 mit dem Staatsexamen abschloB. Neben seinen Fach-
studien beschaftigte er sich mit Philosophic und Padagogik. Sein I^ehrer
Trendelenburg hat sich ein besonderes Verdienst dadurch erworben, daB er
als einer der Ersten zum Studium der Werke des Aristoteles anregte. Doch
hat er auf W. zunachst in dieser Richtung noch nicht eingewirkt ; die Friichte
seiner eindringenden Aristoteles-Studien legte dieser uns erst in der .letzten
Periode seines Schaffens vor, in dem Buche, das uns » Aristoteles als Padagog
und Didaktiker« (1909) nahe brachte und dem Andenken an seinen Berliner
Lehrer gewidmet ist.
Bevor er sich in seinen philosophischen Anschauungen enger an Herbart
anschloB, der auf Jahre hinaus fur ihn richtunggebend wurde, hatte er sich
Kant, Fichte, Schelling und Hegel genahert. Doch keiner dieser fuhrenden
Philosophen »schien eine endgiiltige Einfriedigung des spekulativen Denkens
darzubieten; wohl aber stellte Herbart eine solche in Aussicht« und so war
der Weg zu Herbart, dem Philosophen, bald gefunden, den ihn iibrigens
auch sein Lehrer Steinthal gewiesen hatte, der seiner Sprachphilosophie die
Psychologie Herbarts zugrunde legte. Zu Herbart, dem Padagogen, aber
wurde W. durch einen Zufall gefuhrt. Bopp, der Vertreter der vergleichenden
Sprachwissenschaft an der Universitat Berlin, zu dessen Schulern W. gehorte,
bot W. nach glucklich bestandener Doktorprufung eine Hauslehrerstelle an,
auf die sich W. nicht besser vorbereiten zu konnen glaubte, als durch griind-
liches Studium der »Allgemeinen Padagogik « Herbarts.
Leider zerschlug sich die Sache ; aber das Interesse fiir Padagogik in Theorie
wie Praxis war in W. geweckt, und so trat er schon im Herbst 1863 in die
Anstalten Zillers in Leipzig ein, und zwar die tjbungsschule des padagogischen
Universitatsseminars und das von Barth geleitete Institut, in dem ihm u. a.
die unmittelbar an Herbarts Tatigkeit im Hause des Herrn v. Steiger in
Bern erinnernde Aufgabe gestellt wurde, den klassischen Unterricht mit der
Lektiire der Odyssee zu beginnen. Seine erste groBere padagogische Schrift:
»Die Odyssee im erziehenden Unterricht « (1868) versah Ziller, dessen »Grund-
legung zur Lehre vom erziehenden Unterricht « W. nach ihrem Erscheinen
1865 ausfuhrlich besprochen und damit in die padagogische Literatur ein-
gefiihrt hatte, mit einem empfehlenden Vorworte; Lesebucher aus Homer
und Herodot, die mehrere Auflagen erlebten, bewegten sich ganz in der Rich-
tung Zillerscher Gedanken, die auch in einzelnen Abschnitten der »Didaktik«
W.s, so namentlich dem vierten iiber die »Bildungsarbeit«, noch deutlich
festzustellen sind, freilich mehr in der 1. Auflage, wahrend spater Zillers
EinfluB auf W. immer mehr zuriickging, wie ja iiberhaupt in der padagogischen
Welt die urspningliche Begeisterung fiir Ziller ziemlich fruh stark abflaute.
Im allgemeinen kann man wohl sagen, daB die Jahre, die W. in standigem,
personlichem Verkehr mit Ziller verlebte, und die seiner Tatigkeit am Wiener
Padagogium, einer Statte der Lehrerbildung und vor allem der Fortbildung,
die die Stadt Wien geschaffen hatte und an die neben W. der Gothaer Schul-
Willmann 6l7
mann Dittes berufen worden war, seine eigentlichen Lehrjahre wurden (1863
bis 1872). So eng die Beziehungen zwischen Ziller und W. waren, so ging W.
doch nie in einem einseitigen »iurare in verba magistri« auf, sondern wahrte
sich in steigendem MaBe die Selbstandigkeit seiner Meinung. Uberdies hatte
Ziller den maBgebenden EinfluB Herbarts nie ganz verdrangt; im Gegenteil
hatte mancherlei dazu beigetragen, ihn noch fester an Herbart zu binden,
so z. B. die Bearbeitung der padagogischen Schriften Herbarts, die in der heute
vorliegenden 3. Anflage — I. 1913; II. 1914; III. 1919 — urn die sich neben
W. auch Theodor Fritzsch bemtiht hat, zur eigentlichen Standard- und
Zitierausgabe geworden ist. Anderseits mehren sich auch in dieser Zeit schon
die Anzeichen dafiir, daB W. selbstandig iiber Herbart hinausstrebte, dem er
sich in vieler Hinsicht kritisch gegeniiberstellte, und zwar gilt dies sowohl
von seinen padagogischen wie auch seinen philosophischen Anschauungen.
DaB er sich vielfach von Herbart abwandte, ist nicht zuletzt dem eindringenden
Studium der Schriften auch anderer Padagogen zuzuschreiben, von denen
ich hier nur Mager, Waitz, dessen »Allgemeine Padagogik« W. zuerst 1875
und dann noch dreimal herausgab, die unter dem Einflusse Schleiermachers
stehendenprotestantischen Theologen Palmer und IJaur nenne, vor allem aber
Schleiermacher selbst. Die Beziehungen zwischen W. und Schleiermacher, die
ziemlich weit sich zuriickverfolgen lassen, bediirfen noch naherer Untersuchung.
Schon jetzt aber kann man sagen, daB die fur W. so auBerordentlich charakteri-
stische Verschmelzung des individualen und des sozialen Faktors, die ihn eine
einseitige Individualpadagogik ebenso schroff ablehnen lieB wie eine ein
seitige Sozialpadagogik, eine Syn these, die heute nahezu padagogisches
Gemeingut geworden ist, in ihren Anfangen auf Schleiermacher zuriickgeht.
Noch muB ich hier, ehe ich mich dem Wandel seiner philosophischen An-
schauungen zuwende, seine Sammlung » Padagogische Vortrage iiber die
Hebung der geistigen Tatigkeit durch den Unterricht« (zuerst 1869, 5. Auflage
1916) erwahnen, mit der sich W. schnell einen geachteten Namen machte.
Diese Vortrage waren auf »Elternabenden« gehalten worden, die Ziller ein-
gerichtet hatte, um moglichst enge Beziehungen zwischen den Eltern seiner
Schiller und den I,ehrern seiner Anstalten zu kniipfen. Die Themen sind mit
Geschick ausgewahlt; ihre Behandlung zeigt, welch reiche Anregungen, be-
sonders didaktischer Art, W. bei Ziller empfangen hatte ; eine autobiographische
Skizze: »Was ich bei Ziller fand«, die W. 1919 zum hundertjahrigen Geburts-
tag Zillers veroffentlichte, gibt in pietatvollem Gedenken hieriiber naheren
AufschluB. Im ubrigen sei noch bemerkt, daB manche der in der Sammlung
von 1869 vereinigten Vortrage ihrer Zeit weit vorauseilen; so entwickelt er
iiber die Anforderungen, die man an eine gute Jugendschrift stellen muB,
Ansichten, die erst unseren Tagen — ich nenne hier nur den Namen Wolgast —
anzugehoren scheinen.
Neben der Padagogik gait in der Leipziger und Wiener Zeit auch der Philo-
sophic sein voiles Interesse. Aber die Zeiten waren voriiber, in denen Herbart
die einzige Richtschnur seines Denkens war. Zum Teil waren es noch dieselben
Probleme, an denen seine Spekulation sich abmuhte. Aber er blieb nicht
mehr bei den Losungen stehen, die Herbart gefunden hatte, sondern griff,
indem er zugleich den historischen Anregungen Trendelenburgs folgte, auch
auf friihere Versuche zuriick, wie sie namentlich Aristoteles und vor allem
6i8 1920
Leibniz geboten hatten; durch Leibniz wurde er auch zur Philosophic der
Kirchenvater und der Scholastik hingefuhrt : die Forderung einer philosophia
perennis wurde immer raehr das Ziel seiner Spekulation, das in den Mittel-
punkt all seines Denkens trat. Bevor er aber in seiner groB angelegten »Ge-
schichte des Idealismus« (I. 1894 — 1897; 2. Auflage 1907) den neu gewonnenen
philosophischen Standpunkt, den man in Kiirze als den aristotelisch-thomi-
stischen bezeichnen kann, wissenschaftHch begriindete, liefi er zunachst seine
padagogischen Gedanken in dem Werke ausreifen, das in seinem umfang-
reichen Schrifttum wohl immer an der Spitze stehen wird: »Didaktik als
Bildungslehre nach ihren Beziehungen zur Sozialforschung und zur Geschichte
der Bildung« (1. Auflage, I. 1882, II. 1889; 4. Auflage in einem Bande 1909;
5. Auflage 1923). DasVerhaltnisW.s zuDittes, der sich offen als entschiedenen
Gegner Herbarts in Wort und Schrift bekannte, war immer unerfreulicher
geworden, so daB W. gern den Ruf annahm, der ihn 1872 als auBerordentlichen
Professor der Philosophic und Padagogik an die deutsche Karl-Ferdinands-
Universitat in Prag fuhrte; er nahm seine Vorlesungen mit dem Sommer-
semester 1872 auf und errichtete 1876 nach dem Vorbilde Zillers ein mit der
Universitat verbundenes padagogisches Seminar, das nach Paragraph 1 des
Statuts seine Mitglieder »zu selbstandigem Eindringen in die wissenschaftliche
Padagogik anleiten und dadurch ihre Befahigung fiir das Lehramt erhohen
sollte«. Mit SchluB des Sommersemesters 1903 trat er in den Ruhestand,
entfaltete aber auch weiterhin eine auBerordentlich rege Tatigkeit; es sei
hier nur auf die zahlreichen Artikel hinge wiesen, die er zu den drei pad-
agogischen Nachschlagewerken der Gegenwart, von Rein, von Loos und von
Roloff, beisteuerte. Er lebte nach seinem tjbertritt in den Ruhestand zunachst
in Salzburg, siedelte dann aber nach Leitmeritz iiber, wo er 1920 starb.
Seine »Didaktik« ist in der Hauptsache aus den Vorlesungen iiber allge-
meine Padagogik erwachsen, die er in Prag hielt. Unter welchen Gesichts-
punkten er in diesen die Probleme der Erziehung behandelte, zeigt die drei-
fache Fassung, die er diesen Vorlesungen im Index lectionutn gab: 1872 war
das Thema Die Erziehung als tJberlieferung der Kulturgiiter, 1873 als Assi-
milation des Nachwuchses, 1875, und damit riickte er noch naher an die
Grundgedanken seiner »Didaktik« heran, als Erneuerung der Gesellschaft.
Hieraus erhellt, nach welchen Richtungen W. inzwischen iiber Herbarts
padagogische Theorie hinausgekommen war, vor allem durch planmaBigen
Ausbau des geschichtlichen und des sozialen Moments. Nun muB aber beson-
ders beachtet werden, daB W. in seiner Didaktik keine »Erziehungslehre«
oder gar »allgemeine Padagogik « bieten wollte, sondern ausdriicklich eine
» Bildungslehre «. Mancherlei Bemerkungen lassen darauf schlieBen, daB W.
als AbschluB seines Lebenswerkes noch eine allgemeine Padagogik plante:
er ist sie uns schuldig geblieben, und darum ist, wer seine Stellung zu ge-
wissen Grundfragen der Erziehung kennenlernen will, auf eine Reihe von
Aufsatzen aus der letzten Periode seines Lebens angewiesen, vor allem in den
»Jahrbuchern« des unter seiner tatigen Mitwirkung gegriindeten »Vereins
fiir christliche Erziehungswissenschaft«, z. B. I. 1908, 1 — 48: » Fundamental-
begriffe der Erziehungswissenschaft«. Die eigenartige Stellung, die W. der
Didaktik selbstandig neben, mitunter sogar iiber der Padagogik anwies, war
anfangs vielen Angriffen ausgesetzt; sie sind mehr und mehr verstummt,
Willmann 619
seitdem von den Vertretern der Kulturpadagogik unserer Tage »Bildung«
als der zentrale padagogische Akt aufgefaBt wird; es mag geniigen, auf Spran-
gers mehrfach geformten Begriff der Bildung hinzuweisen. Wenn dieser
einmal sagt (Kiihne, Handbuch fur das Berufs- und Fachschulwesen, 1923,
24) : » Bildung ist die durch Kultureinflusse erworbene, einheitliche und ge-
gliederte, entwicklungsfahige Wesensformung des Individuums, die es zu
objektiv wertvollen Kulturleistungen befahigt und fiir objektive Kulturwerte
erlebnisfahig (einsichtig) macht«, so fallt es nicht schwer, Anfange dieser Auf-
fassung schon bei W. nachzuweisen, der neben Schleiermacher unter den
»Ahnherren der Kulturpadagogik « genannt zu werden verdient. Jedenfalls
war W. einer der ersten, die scharf Stellung nahmen gegen jene auBerliche
Auf f assung, fiir die Bildung nicht mehr ist als eine Summe von Kenntnissen ;
seine ganze Didaktik ist auf dem Gedanken aufgebaut, dafl Bildung »Ge-
staltung des ganzen Menschen* bedeutet; Spranger sagt: » Wesensformung
des Individuums «. — Und nun noch ein Wort zu dem ersten Abschnitt der
» Didaktik «, der iiberschrieben ist: »Die geschichtlichen Typen des Bildungs-
wesens«. Zum ersten Male ist hier ein Versuch gemacht worden, der gerade
in unseren Tagen ofters wiederholt worden ist, in denen uns auf den verschie-
densten Wissensgebieten das Streben nach Typenbildung entgegentritt. Ich
erinnere nur an den letzten derartigen Versuch, wie er in dem jtingst er-
schienenen Buche von Krieck vorliegt: »Bildungssysteme der Kulturvolker*
(1927). Aus mancherlei Griinden nahm, abgesehen von einigen um so gtinsti-
geren Beurteilungen, wie denen von Sallwiirk und Frick, die Kritik anfangs
der » Didaktik « gegeniiber eine etwas zuriickhaltende Stellung ein. Heute
wird man das Werk im Gesamtbereiche der padagogischen Literatur der
Gegenwart, auf die von ihm nach den verschiedensten Richtungen tiefgehende
Wirkungen ausgegangen sind, nicht mehr missen wollen.
Noch starker als in der » Didaktik « trat der katholische Standpunkt des
Verfassers, bei allem Streben nach Objektivitat, in seiner »Geschichte des
Idealismus« zutage, die in der Form freilich nicht ganz glucklich war und
schon deswegen heftige Angriffe auf W. ausloste, unter denen der von Paulsen :
»Das jiingste Ketzergericht iiber die moderne Philosophic « in dessen *Philo-
sophia militans — Gegen Klerikalismus und Naturalismus « (1901) wohl am
bekanntesten ge worden ist. W. hat sich aber nicht veranlaBt gesehen, den
grundsatzlichen Standpunkt der aristotelisch-scholastischen Weltanschauung
zu verlassen, zu dem er sich in ehrlichem, auch von seinen Gegnern aner-
kannten Streben nach Wahrheit durchgerungen hatte. So kam es denn, daB
W. bald die fuhrende Stellung in der katholischen Padagogik unserer Tage
einnahm. Auch da, wo diese mehr erstrebte als nur eine Wiederholung W.scher
Gedanken, ja, wo sie auch schon an W. Kritik tibte, wie bei Ettlinger, ist doch
sein mafigebender EinfluB iiberall zu verspuren. Dies ist aber neuestens viel-
fach auch da der Fall, wo man auf dem Boden anderer Weltanschauung stent,
als W. sie vert rat.
Es ware ein leichtes, an Beispielen zu zeigen, wie viele der Ansichten,
in denen W. von seinem Lehrer Herbart abriickte oder iiber ihn hinausging,
inzwischen padagogisches Gemeingut geworden sind. Ich erinnere hier noch-
mals daran, daB nach Schleiermacher W. der erste war, der Individual- und
Sozialpadagogik als zwei Betrachtungsweisen von verschiedenem Standpunkte
620 1920
aus — dem des Individuums und dem der Gemeinschaf t — auffassen lehrte und
daB W. dies namentlich bereits vor Rein getan hat, der hierin viel mehr unter
dem maBgebenden Einflusse von W. als von Schleiermacher zu stehen scheint.
Es ist nicht moglich, hier naher auf die zahlreichen Veroffentlichungen
W.s einzugehen. Einzelne der Aufsatze, Vortrage usw. sind von W. selbst in
besondere Sammlungen aufgenommen worden, so: »Aus Horsaal tuid Schul-
stube* (1904, 2. Auflage, 1912), »Aus der Werkstatt der philosophia perennis*
(1912), j>Der Lehrstand im Dienste des christlichen Volks« (1910).
Man tut W. Unrecht, wenn man ihm die Meinung unterstellt, sein Versuch ,
die Fragen der Padagogik vom katholischen Standpunkte aus zu losen, sei
der einzig mdgliche. Zunachst muB hier noch einmal daran erinnert werden,
daB sein Gesamtwerk ein Torso geblieben ist: seiner »Didaktik« ist keine
» Padagogik « erganzend zur Seite getreten. Wir diirfen es aber mit Freuden
begriiBen, daB W. einerseits nicht miide wurde, durch zahlreiche Einzel-
veroffentlichungen zu fast alien padagogischen und didaktischen Fragen
Stellung zu nehmen, so daB iiber seine Ansichten kaum ein Zweifel bestehen
kann, auch wenn es ihm versagt blieb, ihnen den systematischen AbschluB
zu geben; daB er anderseits jedem Versuche seiner Schuler fordernd zur
Seite trat, das weiterzufuhren und zu erganzen, was ihm zu vollenden nicht
mehr gegonnt war. Gern machte er selbst auf solche Versuche aufmerksam,
und so empfahl er z. B. am Schlusse des Vorwortes zur 4. Auflage seiner »Di-
daktik* das Buch seines Schulers Wendelin Toischer: »Theoretische Padagogik
und allgemeine Didaktik« (1896, 2. Auflage 1912) (erschienen in dem von
A. Baumeister herausgegebenen »Handbuch der Erziehungs- und Unterrichts-
lehre fiir hohere Schulen«), »das auf den Prinzipien der ,Didaktik* weiterbaut,
worin er zugleich die Lehre von der Zucht in konformer Weise bearbeitet,
womit mehrfachen Wiinschen dankenswert entsprochen wird«. Um wenjge
Padagogen unserer Tage aber hat sich ein solch groBer Kreis dankbarer
Schuler geschart wie um W., von dem in besonderem MaBe das Wort des
Dichters gait:
»Warum sucht' ich den Weg so sehnsuchtsvoll,
Wenn ich ihn nicht den Briidern zeigen soll.U
I,iteratur: Mit Recht sagt Ettlinger, Die philosophischen Zusammenhange in der
Padagogik der jiingsten Vergangenheit und Gegenwart, 1925 (S, 36 ff .) : »Eine allseitig
erschopfende Wiirdigung des Geisteswerkes von Otto Willmann ist trotz der verdienst-
lichen Beitrage von Seidenberger, GeiBl, Pohl u. a. bisher noch nicht gegeben worden. «
Dies gilt auch heute noch. Unentbehrlich fiir jede wissenschaftliche Beschaftigung mit
W. ist die Bibliographic von Wenzel Pohl (Jahrbuch der osterreichischen Leo-Gesellschaft
1924, S. 135 ff.). Von neuester, bei Pohl noch nicht beriicksichtigter Literatur iiber W.
verdienen hier Erwahnung, neben dem ausfiihrlichen Aufsatz von Pohl selbst: Otto W.s
Grundlegung der Erziehungswissenschaft (ebd. S. 91/134); Willibald Kammel: Otto W.s
Stellung zur experimentellen Psychologie und Padagogik (Pharus, Kath. Monatsschrift
fiir Orientierung in der gesamten Padagogik 1926, XVII. Jahrgang, Heft 7, S. 1 — 17;
Kammel : Einfiihrung in die padagogischeWertlehre (Pharus 1927, XVIII., Heft, S.8, 97/1 1 o) ;
Hermann Pixberg: Soziologie und Padagogik bei W., Barth, Litt und Krieck, 1927
(2. Aufl. im Druck); ebenfalls im Druck ist eine Tiibinger Dissertation von Franz Kur-
fefi: Otto W. als Sozialpadagoge; Ettlinger, a. a. O.; Emil Saupe: Deutsche Padagogen
der Neuzeit, 3. und 4. Aufl., 1925, S. 269; Kurt Kesseler: Padagogische Charakterkdpfe,
3. Aufl., 1 92 1, S. 24/32; Willibald Kammel: Einfiihrung in die padagogische Wertlehre
(Hausbucherei der Erziehungswissenschaft, hrg. von Fr. Schneider, Bd. 17) 1927, beson-
ders S. 85 fg., 95, 139, 195; Willy Moog: Grundfragen der Padagogik der Gegenwart,
Willmann. Woyrsch 62 1
1923; Max Frischeisen-Kohler : Bildung und Weltanschauung. Eine Einfiihrung in die
padagogischen Theorien, 1921; Oskar Vogelhuber: Geschichte der neueren Padagogik,
1 926 ; Georg Grunwald : Die Padagogik des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein kritischer Riick-
blick und programmatischer Ausblick, 1927.
Koln a. Rh. Wilhelm Kahl.
Woyrsch, Remus v., koniglich preuBischer Generalfeldmarschall, * am
4. Februar 1847 in Pilsnitz (Kreis Breslau), f am 6. August 1920 in Pilsnitz.
— Die altesten Nachrichten liber die Familie v. W. weisen nach Bohmen
hinuber. Vollstandige Unterlagen iiber die SeBhaftwerdung in Schlesien sind
jedoch trotz eifriger Nachforschungen des Generalfeldmarschalls und seines
Vaters nicht vorhanden. B. Clemenz, dem das gesammelte Material aus der
Geschlechtergeschichte zur Verf iigung gestanden hat, bezeichnet Melchior v. W.
(genannt 1688 bis 1708) als Stammvater der schlesischen Linie. Als Herr
von Pilsnitz wird in dieser I^inie zum ersten Male genannt Johann Christian
Georg v. W., f 12. August 1814. Dieser ist der UrgroBvater des Feldmarschalls,
er hatte den Siebenjahrigen Krieg als Ordonnanzoffizier Friedrichs des GroBen
mitgemacht. »Das Geschlecht mit dem bohmischen Namen ist mit Schlesien
kerndeutsch geworden. Zwei Eigenschaften leuchten aus den wenigen Mit-
teilungen grundstrichartig hervor: Konigstreue und Heimatliebe. «
Remus v. W. war das zweite Kind von sechs Geschwistern. Sein Vater,
ebenfalls Remus mit Vornamen, war damals koniglicher Regierungsassessor
und wohnte auf seinem Gute Pilsnitz. Dieser, spater, wie schon sein Vater,
Kreis justizrat des Breslauer Kreises, sodann Regierungsrat in Breslau, nahm
bereits 1850 seinen Abschied aus dem Staatsdienst, um sich ganz der Bewirt-
schaftung seiner Guter zu widmen. Er ist im 86. Lebensjahre (31. Dezem-
ber 1899) als Wirklicher Geheimer Rat hochangesehen gestorben. v. W.s
Mutter Cacilie, geborene Websky (f 1903), stammte aus dem Kreise Walden-
burg, wo ihr Vater als GroBindustrieller lebte; in einem 191 1 entstandenen
LebensabriB schildert sie der Sohn als »eine charakter- und temperament-
voile Frau mit scharfem Verstande«.
v. W. erhielt seinen ersten Unterricht durch Hauslehrer im elterlichen
Hause. Im Herbst 1858 kam er mit seinem jiingeren Bruder Edmund (f 1911
als Oberst a. D.) nach Breslau in Pension und besuchte dort das Friedrichs-
Gymnasium. Nach bestandenem Abiturientenexamen trat er als Dreijahrig-
Freiwilliger mit Aussicht auf Beforderung am 5. April 1866 in die 9. Kompagnie
des 1. Garderegiments zu FuB ein.
Als Unteroffizier kampfte er in den Reihen seines Regiments in den Ge-
fechten bei Burkersdorf und Koniginhof. In der Schlacht von Koniggratz
geriet v. W. bei dem Versuch, seinen verwundeten Zugfiihrer, den Sekonde-
leutnant Prinz Anton von Hohenzollern, im Dorfe Rosberitz zu bergen, in
osterreichische Gefangenschaft. Seinem Vater, der als Johanniterritter tatig
war, gelang es, sein Los zu mildern. Anfang September wurde der Portepee-
fahnrich ausgewechselt ; mit dem Militarehrenzeichen ausgezeichnet, konnte
v. W. noch am Truppeneinzug in Berlin und Potsdam teilnehmen.
Schon am 19. Oktober 1866 wurde v. W. zum Sekondeleutnant befordert.
»Der Dienst wurde mir anfanglich sehr schwer; mirfehltedie praktische Frie-
densausbildung in der Front und die theoretische auf der Kriegsschule. Mit
622 !92o
eisernem FleiB gelang es mir, die Liicken auszuf ullen. « Im Herbste 1869
wurde v. W. zur neuformierten Unteroffizierschule in WeiBenfels komman-
diert, wurde auch hier bald Adjutant. Bei der Mobilmachung 1870 trat er
zu seinem Regiment zuriick, kampfte bei St. Privat, wo er leicht verwundet
wurde, kehrte jedoch schon im Oktober zur Truppe zuriick, so daB er noch
die Belagerung von Paris mitmachen konnte. Ende Dezember erfolgte seine
Ernennung zum Adjutanten des 1. Bataillons. Seit dem 31. Januar 1871
schmiickte ihn das Eiserne Kreuz II. Klasse.
Die nach dem Kriege folgende erste Friedenszeit genoB v. W. nach seinem
eigenen Bericht in vollen Zugen, aber trotz alien L,ebensgenusses iiberschritt
er dabei nie die Grenzen, blieb stets ein diensteifriger und pflichttreuer Soldat,
jedoch kein Spiel ver der ber, immer ein guter und beliebter Kamerad. Am
3. Marz 1873 kam v. W. in die bevorzugte Stellung eines Regimentsadjutanten,
eine Stellung, die er voll und ganz mit groBem Takt ausfullte. Bereits im
Herbst 1872 hatte sich v. W. mit seiner Cousine Thekla v. Massow, Tochter
des damaligen Oberforstmeisters v. Massow in Potsdam, verlobt. 1873 schlossen
sie den Bund furs Leben. Ein harmonisches und vorbildliches Eheleben haben
die beiden Gatten gefuhrt. Nur ausnahmsweise lieB v. W. in den Zeiten, in
denen er dienstlich oder aus anderen Griinden abwesend war, einen Tag ver-
streichen, ohne der Gefahrtin nicht wenigstens einen schriftlichen GruB zu
schicken. Ihr vortreffliches Heim hatte stets ein gemiitliches Geprage. Zu
beider groBtem Schmerz blieben ihnen Kinder versagt.
Am 15. Dezember 1873 wurde v. W. Premierleutnant, 1876 Adjutant der
2. Gardeinfanteriebrigade. Ohne auf der Kriegsakademie gewesen zu sein,
erfolgte am 1. Mai 1878 seine Kommandierung zur Dienstleistung beim
GroBen Generalstabe. Nach Ablauf des Kommandos erhielt Hauptmann v. W.
(29. April 1879) am 18. Oktober die Fuhrung der 9. Kompagnie des 1. Garde-
regiments zu FuB. »Mit ungeteilter Freude denke ich noch an meine Kom-
pagniechefzeit zuriick. Noch jetzt erhalte ich Briefe, Zeichnungen und Ge-
dichte von meinen fruheren Fusilieren, die mich abgottisch liebten,« schreibt
er 191 1. Mit seiner ganzen Energie, aber wie immer auch mit warmem Herzen
widmete sich v. W. der Erziehung und Ausbildung seiner Untergebenen .
Diese Zeit brachte ihn ferner in enge Beruhrung mit dem Hohenzollernhause,
Kaiser Wilhelm I. muBte er von dem Tode des Prinzen Anton von Hohen-
zollern berichten, der damalige Prinz Wilhelm, der als Hauptmann im gleichen
Regiment Dienst tat, verabredete mit ihm gemeinsame Gelandeiibungen.
» Damals ahnte ich noch nicht, daB aus dieser Bekanntschaf t sich Beziehungen
entwickeln wiirden, die mein Kaiser und Konig bis auf den heutigen Tag
aufrechterhalten hat.«
Nach dreijahriger Kompagniechefzeit wird v. W. in den Generalstab ver-
setzt, wo er vom 6. Juli 1882 an in dem Generalstab der 2. Gardeinfanterie-
division Verwendung findet; nach der am 21. Mai 1886 ausgesprochenen Be-
forderung zum Major wird er am 2. November 1886 in den GroBen General-
stab zuriickversetzt. In diesen interessanten, anregenden und arbeitsreichen
Jahren trat v. W. in nahere Beziehung zu Personlichkeiten, welche bestimmt
waren, spater in der deutschen Armee eine fuhrende Rolle zu spielen, so Graf
Waldersee, v. Bronsart, Graf Schlieffen, v. Schlichting, Graf Haeseler. Auch
mit bedeutenden Mannern der Wissenschaft wurde er im Hause seines Onkels,
Woyrsch 623
Professor Websky, bekannt, er nennt hier Lepsius, Mommsen, Helmholtz,
Richthofen.
Zu seiner besonderen Freude wird v. W. am 2. September 1889 als Bataillons-
kommandeur in sein altes Regiment zuriickversetzt ; mit vollem Eifer und
Erfolg tut er nach siebenjahriger Unterbrechung wieder Frontdienst. Nach-
dem er am 16. Juli 1891 zum Oberstleutnant befordert ist, erhielt er im
Marz 1892 seine Ernennung zum Chef des Generalstabes des VII. Armee-
korps. In Miinster i. Westf. war General der KavaUerie v. Albedyll, der be-
kannte friihere Chef des Militarkabinetts unter Wilhelm I., Kommandierender
General. Kaisers Geburtstag 1894 wird v. W. in gleicher Eigenschaft in den
Generalstab des Gardekorps versetzt. Am 14. Mai 1894 zum Oberst befordert,
ubernimmt er 1896 das Kommando des Gardeftisilierregiments, 1897 das der
4. Gardeinf anteriebrigade ; am 18. November 1897 ist v. W. zum General-
major befordert.
Den Urlaub hatte v. W. wiederholt zu grofieren Reisen mit seiner Frau
benutzt, »in der Schweiz und Tirol war es die Natur, in Italien die Kunst,
die uns lockten«. Ausgang Winter 1901 unternahm das Ehepaar eine Orient-
reise, fur die der Kaiser v. W. ein Billett auf der »Viktoria Luise« zur Ver-
fiigung gestellt hatte. Von dieser Fahrt hat v. W. einen interessanten Bericht
hinterlassen.
Bei seiner Ruckkehr wurde v. W. mit der Fuhrung der 12. Division in
NeiJ3e beauftragt, einen Monat spater, am 18. Mai 1901, unter Beforderung
als Generalleutnant zum Kommandeur dieser Division ernannt. »Von nun an
ist sein Schicksal mit dem Schlesiens unlosbar verkniipft!« Schon das erste
Kommando nach 34Jahriger Dienstzeit in seine Heimatprovinz hatte v. W.
dankbar begrufit. Bald konnte er auch in Breslau, das er als Abiturient 1866
verlassen hatte, seinen Wohnsitz nehmen, denn am 29. Mai 1903 wurde er als
Nachfolger des Erbprinzen Bernhard von Sachsen-Meiningen mit der Fuhrung
des VI. Armeekorps beauftragt, am 1. Mai 1904 zum Kommandierenden
General ernannt, am 24. Dezember 1905 zum General der Infanterie befordert.
Im August 1908 zieht v. W. dann als Vertreter des alten und befestigten
Grundbesitzes der Furstentumer Breslau und Brieg in das Herrenhaus ein,
dem auch sein Vater fast 25 Jahre angehort hatte. Am Weihnachtsabend des-
selben Jahres erhielt er die Kabinettsorder, durch die er d la suite des 1. Garde-
regiments zu FuJ3 gestellt wurde.
Dem VI. Korps wuBte v. W. in den acht Jahren seiner Tatigkeit als Kom-
mandierender General ganz den Stempel seiner kraftvollen Personlichkeit
aufzudriicken und die Ausbildung der Truppen auf eine hohe Stufe zu bringen.
Er verband die Fahigkeiten eines Fuhrers, die besonders in dem Kaisermanover
1906 zum Ausdruck kamen, eine »verbluffende Personen- und Menschen-
kenntnis mit einer geradezu riihrenden Kameradschaft und Liebe fiir den
einfachen Soldaten. Zielbewufit und energisch, konnte er deutlich werden,
ohne zu verletzen. Lehrreich waren seine Kritiken. Stets wuBte er zu iiber-
zeugen und zu belehren, gerade weil er nie etwas Belehrendes hatte. Eigene
Ansichten seiner Untergebenen lieB er stets gelten«. Aus eigenstem EntschluB
erbat v. W. seinen Abschied, er erhielt ihn am 9. Februar 191 1, noch besonders
ausgezeichnet durch die Verleihung des Schwarzen-Adler-Ordens. v. W. zog sich
dann, korperlich riistig und geistig vollig frisch, auf sein Gut Pilsnitz zuriick.
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Es ist aber nicht allein seine Personlichkeit, seine hervorragenden Charakter-
eigenschaften, die glanzvolle Friedenslaufbahn, welche besondere Beachtung
verdienen, im Weltkriege wurde v. W. einer der volkstiimlichsten Fuhrer.
Als solcher wird der »alte Woyrsch« — einen Namen, den ihm seine Soldaten
gaben, nicht etwa seines Alters wegen, sondern wie wohl ein guter Sohn von
seinem alten Herrn spricht — in der Nachwelt fortleben, ganz besonders fur
die Schlesier, denn sie »erblicken in dem Generalfeldmarschall ihren Beschiitzer
nnd Befreier aus Kriegsnot«.
Als 1914 der Krieg ausbrach, stellte ihn der Oberste Kriegsherr an die
Spitze des mobilen schlesischen Landwehrkorps. Mit Stolz erfullte v. W. der
Auftrag, Schlesien gegen einen feindlichen Einfall zu schiitzen nnd in beschleu-
nigtem Vorwartsschreiten gegen die mittlere Weichsel die Deckung der von
Krakau vorgehenden Osterreicher zu iibernelimen. Am 15. August trat v. W.
den Vormarsck von Czenstochau und Kalisch an, sein Korps war fur einen
solch' weiten Zug in Feindesland und vollends fur einen Kampf gegen wohl-
geriistete aktive Truppen wenig geeignet. Aber unbekummert urn die russischen
Krafte in der ungedeckten Nordflanke und ohne Rucksicht auf die zahlreiche
feindliche Kavallerie, welche die beiden Divisionen wiederholt belastigte,
fiihrte v. W. seine Schlesier ostwarts. Die Russen lieBen sich durch die auBer-
ordentlich geschickte Fuhrung uber die wirkliche Starke des Korps W. griind-
lich tauschen. Anfang September wurde die Weichsel uberschritten. »Fast
400 Kilometer Marsch hatten die braven Wehrmanner von der deutschen
Grenze her in 24 Tagen zuriickgelegt«, als sie zur Unterstiitzung der schwer
bedrangten osterreichischen Armee Dankl eingesetzt wurden. Die dreitagige
Schlacht bei Tarnawka kostete dem Korps groBe blutige Verluste, es stand
aber »wie ein Fels«, an dem alle Angriffe der besten russischen Regimenter
vom Garde- und Grenadierkorps zerschellten. Das Landwehrkorps hatte
unter den allerschwierigsten Verhaltnissen seine Aufgabe erfiillt und hier den
Riickzug der Osterreicher ermoglicht.
Diesem ersten VorstoB zur Sicherung der schlesischen Grenze folgte Ende
September ein zweiter Vormarsch des Korps W., dieses Mai im Verbande
der Armee Hindenburg, tief nach Polen hinein. In den Kampf en bei Opatow,
vor Iwangorod, an der Pilica bewahrte es sich aufs neue. Beim Riickzug
der 9. Armee vor dem weit iiberlegenen Russen fiel dann v. W. mit
seiner neugebildeten Armeeabteilung die schwierige Aufgabe zu, den An-
sturm der russischen Dampfwalze bei Czenstochau aufzuhalten und weiterhin
den Schutz der oberschlesischen Grenze zu ubernehmen, wahrend die Armee
Mackensen von Thorn aus zu einer neuen Operation gegen die feindliche
Flanke angesetzt wurde. »Fiir v. W. waren diese Herbsttage kritisch ernst.
Als Schlesier empfand er es als besondere Schicksalsprufung, daB jeder Schritt
riickwarts der unter seiner Fuhrung stehenden Truppen, die den anriickenden
Russen weit unterlegen waren, den Krieg in die bluhende schlesische Heimat
tragen muBte . . . DaB die schon zur Zerstorung vorbereiteten Gruben nicht
vorzeitig vernichtet wurden, ist ein Verdienst des ihre groBe Wichtigkeit er-
kennenden Generals v. W. v. W. wurde der schwerste EntschluB, seine
Heimat preiszugeben, erspart. Seine Truppen hielten prachtig stand. Der
Oberste Kriegsherr brachte ihnen personlich seinen Dank und uberraschte
v. W. mit der Beforderung zum Generaloberst. « (3. Dezember 1914.) Am
Woyrsch 625
25. Oktober war v. W. bereits durch die Verleihung des Ordens Pour le merite
ausgezeichnet.
Anfang Mai 19 15 wurde die russische Front zwischen Gorlice — Tarnow
durchstoBen, der immer sich weiter ausdehnende Erfolg brachte auch die
anschlieBenden feindlichen Armeen ins Wanken. v. W. konnte nach hart-
nackigen Kampfen das Kielcer Bergland gewinnen. In den folgenden Wochen
des Stellungskrieges nahm v. W. fur Mitte Juli einen Angriff gegen die russische
Front vor seinem Abschnitt in Aussicht, sein Vorschlag fand Genehmigung.
Am 17. Juli gelang den Sturmtruppen der Armeeabteilung der Durchbruch
bei Sienno, in den nachsten Tagen wurden weitere feindliche Stellungen bei
Kasanow und nordostlich Zwolen gerfbmmen. Am 23. Juli erhielt v. W. das
Eichenlaub zum Pour le merite. Ein neues Ruhmesblatt bedeutete der schwie-
rige Weichselubergang nordwestlich der russischen Festung Iwangorod am
29. Juli, ihm schlossen sich schwere Kampfe an. Den ganzen August und in
den ersten Septembertagen verfolgte v. W. den Feind in fast taglichen Ge-
fechten iiber den Bug durch Siimpfe und Urwald bis zum oberen Njemen
und der Schtschara. Im Herbst fand der Bewegungskrieg hier sein Ende,
die Truppen gruben sich zur Verteidigung ein.
Als die Brussilow- Offensive im Juni 1916 begann, verscharfte sich die Lage
bei der Armeeabteilung W. mehr und mehr. Im Juli folgte eine Kette schwerer
VorstoBe gegen ihre Front. Das Angriffsziel der Russen war der wichtige
Bahnknotenpunkt Baranowitschi, nordlich Pinsk. v. W. behauptete sich
aber siegreich und ohne EinbuBe von Stellungen gegen die groBe feindliche
t)berlegenheit.
Nachdem Prinz Leopold von Bayern Oberbefehlshaber Ost geworden war,
wurde am 29. August 1916 die Heeresgruppe W. durch Umbenennung aus
der Heeresgruppe Prinz Leopold von Bayern gebildet. v. W. befehligte jetzt
die Truppen, die von siidlich Pinsk bis sudlich Smorgon in Verteidigungs-
stellungen standen. Das Kommando iiber das Landwehrkorps gab v. W. im
nachsten Monat ab, behielt jedoch noch die Fuhrung der nach ihm benannten
Armeeabteilung bei. Nach dem Waffenstillstand mit RuBland im Dezem-
ber 19 1 7 wurde die Heeresgruppe W. aufgelost, gleichzeitig die Mobilmachungs-
bestimmung des v. W. aufgehoben. Die Beforderung zum Generalfeldmarschall
am 31. Dezember 1917 bildete die Anerkennung fur seine hervorragenden
Verdienste.
AuBer vielen hohen Ordensauszeichnungen sind v. W. zahlreiche sonstige
Ehrungen zuteil geworden, am 21. November 1916 wurde er zum Chef des
4. Niederschlesischen Infanterieregiments Nr. 51 ernannt, am 6. Juni 1918
Inhaber des k. und k. Infanterieregiments 138. Weiterhin boten hierfiir AnlaB
das funfzigjahrige Militarjubilaum (5. April 1916) und sein 70. Geburtstag
(4. Februar 1917), aber auch bei anderen Gelegenheiten hat die Dankbarkeit
der Schlesier gegeniiber dem Beschiitzer ihrer Heimat lebendigen Ausdruck
gefunden. Die philosophische Fakultat der schlesischen Friedrich-Wilhelm-
Universitat ernannte v. W. zum Ehrendoktor, die Stadt NeiBe, bei der Riick-
kehr aus dem Felde auch Breslau, verliehen ihm das Ehrenbiirgerrecht.
Die letzten Jahre seines Lebens, das »er selber immer als ein besonders
gliickliches bezeichnet hat«, wurden durch die politischen Ereignisse sehr
getriibt. Ein Herzleiden machte sich auBerdem mehr und mehr bemerkbar.
DBJ 40
626 1920
Am 6. August 1920 wurde v. W. zur groBen Armee abberufen. Den Spruch:
»Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben«, hatte
der Feldmarschall als Text fur seine Grabrede bestimmt. »Wohl selten hat
die VerheiBung des Bibelwortes offensichtlicher sich an einem Menschen be-
wahrheitet als bei ihm.« Treu seinem Gott, treu seinem Konig und seinem
Vaterlande, treu sich selbst ist dieser groBe Schlesier gestorben.
Literatur: Bredow-Wedel, Historische Rang- und Stainmliste des deutschen Heeres,
Berlin o. J. — Die Schlachten und Gefechte des GroBen Krieges 1914 — 1918, zusammen-
gestellt vom GroBen Generalstabe, Berlin 1919. — Reichsarchiv, Der Weltkrieg 19 14 bis
1918, Bd. 2, Berlin 1925. — Der GroBe Krieg 1914 — 1918, herausgegeben von M. Schwarte
(Der deutsche Landkrieg, Bd. I — III), Berlin 1921 ff. — Volkmann, E. O., Der GroBe
Krieg 1 914 — 1 9 18 auf Grund der amtlichen*Quellen, Berlin 1922. — Foerster, W., Graf
Schlieffen und der Weltkrieg, Berlin 1925, 2. Aufl. — Generalfeldmarschall v. Hindenburg.
Aus meinem Leben. Leipzig 1920. — Ludendorff, E., Meine Kriegserinnerungen 1914 bis
1918, Berlin 1919. — Falkenhayn, E. v.. Die Oberste Heeresleitung 1914 — 1916, Ber-
lin 1920. — Freytag-Loringhoven, Freiherr v., Menschen und Dinge, wie ich sie in meinem
Leben sah, Berlin 1923. — Wagner, E., Das 4. Niederschlesische Infanterieregiment Nr. 51
im Weltkriege, T. 1 , Breslau- Berlin 1920. — Vogel, W., Die Kampfe um Baranowitschi 1916
(Schlachten des Weltkrieges, Bd. 2), Oldenburg 1921. — Militar-Wochenblatt 1920, Nr. 7.
— Heeres- Verordnungsblatt 1920, Nr. 52. — Woyrsch-Gemeinschaft, Nachrichtenblatt
Nr. 2, 1920. — Schlesische Zeitung 1918, Nr. 622, 1920, Nr. 402. — Gesammelte Zeitungs-
ausschnitte und Nachrichtenblatter des 5ier Bundes, von der Offiziervereinigung Inf.-
Regts. 5 1 zur Verfiigung gestellt. — Generaloberst v. W. Ein kurzes Lebensbild, gewidmet
den Truppen der Armeeabteilung Woyrsch, Breslau 1915- — Generalfeldmarschall v. W.
Sonderdr. aus »Deutsch. Offizierblatt* Nr. 28 vom 21. August 1920 (General Heye). —
Clemenz, B., Generalfeldmarschall v. W. und seine Schlesier. Eigenhandige Auszuge aus
seinem Kriegstagebuch. Lebensgeschichte des Feldherrn. Berlin-Glogau o. J. — Mittei-
lungen von Frau Generalfeldmarschall v. W.; des Gen. d. Inf. a. D. Brunsich Edler v. Brun ;
des Maj. a. D. Frhrn. v. Schuckmann.
Potsdam. Georg Strutz.
Wundt, Wilhelm, o. Professor der Philosophic in Leipzig, * am 16. Au-
gust 1832 in Neckarau bei Mannheim, f am 31. August 1920 in GroBbothen
bei Leipzig. — Die Familie W. stammt aus Steiermark, von wo sie wahrend
der Gegenreformation vertrieben wurde. Ein Vorfahr stand in schwedischen
Kriegsdiensten, dessen Nachkommen lebten in Kreuznach. Der Urgrofivater
W.s, Johann Jacob W. war Professor der reformierten Theologie an der Uni-
versitat und Pfarrer an der Peterskirche in Heidelberg. Auch seine drei Sohne
waren Professoren an der Universitat Heidelberg: Daniel Ludwig, Lehrer der
ref . Theologie ; Friedrich Peter, der GroBvater W.s, Professor der Landes-
geschichte und zugleich Pfarrer in Wieblingen; Karl Kasimir W., wohl der
bedeutendste von ihnen, Professor der Beredsamkeit und Kirchengeschichte.
Neben anderen Schriften veroffentlichte dieser im Jahre 1774 eine Schrift:
»De arctissimo Philosophiae artisque medicae, Physiologiae imprimis atque
Psychologiae connubio«, ein Titel, in dem man wohl das Programm der Philo-
sophic seines GroBneffen sehen kann. Leider scheint die Schrift verloren.
Ein Sohn Friedrich Peter W.s, Maximilian, war der Vater von W., er war
Pfarrer in Neckarau und spater in Heidelsheim, einem Stadtchen bei Bruchsal.
W. wurde in Neckerau geboren, kam aber schon in friiher Jugend nach Hei-
delsheim, wo er seine Kindheit verlebte. Den ersten Unterricht empfing er
von dem Hilfsgeistlichen seines Vaters, Friedrich Miiller, an dem er mit groBer
Woyrsch. Wundt 627
Liebe hing. Spater kam er auf das Gymnasium nach Bruchsal. Hier atif dem
katholischen Gymnasium hatte der evangelische Pfarrersohn, der obendrein
noch an keinen regelmaBigen Schulunterricht gewohnt war, einen schweren
Stand und mit dem Lernen mancherlei Schwierigkeiten. Erst als ihn seine
Eltern nach einem Jahre auf das Gymnasium nach Heidelberg gaben, wurde
es besser damit. In den hoheren Gymnasialklassen hatte er ein lebhaftes
Interesse fur die klassischen Sprachen und ware nicht ungern Philologe ge-
worden. Ziemlich auBerliche Umstande bestimmten ihn zum Studium der
Medizin. Sein Vater war unterdessen gestorben, die Mutter konnte ihm nur
geringe Mittel zum Studium zur Verfugung stellen, er war aber von dem
Wunsche beseelt, einmal von Heidelberg fortzukommen. So lag es nahe, daB
er die Universitat Tubingen bezog, da dort der Bruder seiner Mutter, Fried-
rich Arnold, Anatom und Physiologe war, und daB er bei diesem studierte.
Er horte ziemlich ungeregelt die verschiedensten naturwissenschaftlichen
Vorlesungen, daneben das einzige philosophische Kolleg, das er uberhaupt in
seinem Leben besucht hat, die Asthetik bei Friedrich Theodor Vischer. Der
einzige streng wissenschaftliche Gewinn dieses Tubinger Jahres war schlieB-
lich ein griindliches Studium der Gehirnanatomie. Es existieren noch eine
groBe Anzahl gehirnanatomischer Zeichnungen, die er in dieser Zeit aus-
gefuhrt hat.
Auf der Riickreise nach Heidelberg wurde es W. klar, daB er sich nun einem
streng geregelten Studium widmen miisse, um in der vorgesetzten Zeit zum
Ziele zu kommen. Er holte zunachst in Privatstunden den auf dem Gymna-
sium versaumten Mathematikunterricht nach. Im iibrigen wandte er sich
dem ziemlich genau vorgeschriebenen Studium der Medizin zu und machte
nach der iiblichen Zeit das Staatsexamen in den drei Fachern der inneren
Medizin, der Chirurgie und der Geburtshilfe. Neben den medizinischen Fachern
horte er besonders mit groBem Interesse Chemie bei Bunsen und arbeitete auch
selbst im chemischen Laboratorium. Seine erste veroffentlichte Arbeit »Uber
den Kochsalzgehalt des Harns«, erschien 1853 im Journal fur praktische
Chemie.
Zu seiner ersten selbstandigen experimentalphysiologischen Arbeit wurde
er durch ein Preisausschreiben der Fakultat »t)ber den EinfluB der Durch-
schneidung des Lungenmagennerven auf die Respirationsorgane « angeregt.
Er loste sie in seiner Studierstube, ohne die Hilfsmittel eines Instituts —
nur seine Mutter diente ihm als Assistent — und reichte sie, zur groBten Uber-
raschung der Fakultat, in deutscher und lateinischer Sprache ein. Sie wurde
mit der Halfte des Preises gekront und erschien 1855 in Johannes Mullers
Archiv fiir Anatomie und Physiologie.
Nach bestandenem Staatsexamen lehnte er eine Stellung als Badearzt ab
in der Erkenntnis, daB es ihm zur Ausubung der arztlichen Praxis noch an
jeder Erfahrung fehle. Um diese zu erwerben, trat er als klinischer Assistent
bei seinem Lehrer Hasse ein. Neben vielem, was er hier auf medizinischem
und besonders auch auf pathologisch-anatomischem Gebiet lernte, inter-
essierten ihn vor allem Beobachtungen, die er an Patienten machte, die an
Lahmungen der Muskeln und der Haut und dadurch verursachten eigentiim-
lichen Storungen des Tastsinnes litten. Er wurde durch diese Beobachtungen
auf die Versuche Ernst Heinrich Webers liber den Tastsinn gefuhrt, suchte
628 1920
aber im Gegensatz zu diesem schon damals eine psychologische Auffassung
der Erscheinungen zu gewinnen. Diese Versuche hat W. in der ersten Ab-
handlung der »Beitrage zur Theorie der Sinneswahrnehmung« beschrieben,
die 1858 bis 1862 in der Zeitschrift fiir rationelle Medizin und dann gesammelt
als selbstandiges Buch erschienen.
Im Jahre 1856 promovierte W. »mit hochstem Lobe«; seine Doktorarbeit
behandelte »Das Verhalten der Nerven in entziindeten und degenerierten
Organen«. Sie wurde spater audi als Habilitationsschrift anerkannt. Zunachst
bezog er aber noch fiir ein Semester die Universitat Berlin, wo er bei Jo-
hannes Miiller und Emil Du Bois Reymond arbeitete. Diesem ist sein erstes
groBeres Buch »Die L,ehre von der Muskelbewegung« gewidmet, das 1858
erschien.
Nach Heidelberg zuriickgekehrt, habilitierte sich W. und kiindigte gleich
fiir sein erstes Semester, im Sommer 1857, eine sechsstiindige Vorlesung iiber
Experimentalphysiologie an. Doch hatte er sich damit zu viel zugemutet; ein
Blutsturz unterbrach jah seine Arbeiten und er muBte eine lange Krankheits-
und Rekonvaleszenzzeit durchmachen. Erst im folgenden Wintersemester
konnte er seine Vorlesungen wieder aufnehmen. Als im nachsten Jahre, 1858,
Helmholtz nach Heidelberg berufen wurde, bewarb sich W. um die Assistenten-
stelle des neugegriindeten physiologischen Instituts, die er auch erhielt. Hier
beschaftigte er sich vor allem mit optischen Untersuchungen, aus denen die
spateren Abhandlungen der »Beitrage zur Theorie der Sinneswahrnehmung«
hervorwuchsen. Daneben leitete er die Praktika der Physiologie fiir angehende
Arzte. Aus dieser Tatigkeit entstanden sein »Lehrbuch der Physiologie des
Menschen« (1865), das vier Auflagen erlebte, und das »Handbuch der medi-
zinischen Physik« (1867).
Die Assistententatigkeit bei Helmholtz gab W. nach einigen Jahren wieder
aui, da sie zu viel Zeit in Anspruch nahm. Neben Vorlesungen aus den ver-
schiedensten Gebieten (auBer den anatomischen und physiologischen Fachern
las er iiber Anthropologie, Ethnologie, 1862 zuerst iiber Psychologie vom
naturwissenschaftlichen Standpunkte, 1867 iiber philosophische Ergebnisse
der Naturforschung) hatte er vielfache literarische Interessen. Vor allem
Shakespeare hatte er fruh gelesen und eine ganze Reihe Betrachtungen iiber
verschiedene Stiicke dieses Dichters niedergeschrieben. Daneben verfaBte er
fiir die Volkszeitung fiir Siiddeutschland mehrere Theaterkritiken und war
in verschiedenen wissenschaftlichen Vereinen tatig. Besonders im natur-
historisch-medizinischen Verein hielt er zahlreiche Vortrage. Er selbst begriin-
dete mit seinen Freunden, den Theologen Hausrath und Holtzmann, den
historisch-philosophischen Verein ; auBerdem war er langere Zeit Vorsitzender
des Heidelberger Arbeiterbildungsvereins. Auch seine politischen Interessen
waren natiirlich besonders in der bewegten Zeit um die Mitte der sechziger
Jahre rege. Er trat lebhaft fiir den AnschluB Badens an PreuBen ein, als Vor-
bereitung fiir die politische Einigung Deutschlands. Im Jahre 1867 wurde
er selbst in den badischen Landtag gewahlt, dem er bis 1868 angehorte.
Nach diesem mannigfach bewegten Leben wandte sich W. mehr und mehr
streng wissenschaftlicher Arbeit zu. 1864 hatte er den Professortitel erhalten,
1872 hatte ihm eine Gehaltserhohung ermoglicht, einen eigenen Hausstand
zu griinden. Er heiratete Sophie Mau, die Tochter des 1850 gestorbenen Pro-
Wundt 629
fessors der Theologie Heinrich Mau in Kiel. Im Jahre 1874 erhielt er einen
Ruf als Professor »fiir induktive Philosophic « an die Universitat Zurich. Er
wurde hier Nachfolger Friedrich Albert Langes. Aber nur ein Jahr lehrte er
an der Schweizer Hochschule, schon im Herbst 1875 folgte er einem Ruf nach
Leipzig, wo er nun sein ganzes ubriges Leben, noch 45 Jahre, zubringen
sollte.
Die Universitat Leipzig war seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, dank
der Fiirsorge der sachsischen Regierung, in raschem Aufbliihen begriffen. So
trat W. im Laufe der Jahre in nahe Beziehung mit einer ganzen Anzahl her-
vorragender Personlichkeiten. Fiir eine besondere Gunst des Schicksals hielt
er es selbst, daB er noch Ernst Heinrich Weber und Theodor Fechner kennen-
lernen durfte. Dazu traten der Philosoph Drobisch, der Nationalokonom
Wilhelm Roscher, der mit ihm gleichzeitig berufene Max Heinze, in spateren
Jahren vor allem Binding (s. oben S. 495 ff.), Lamprecht (s. DBJ. 1914 bis
1916, S. 139 ff.), Ratzel, Brugmann, Ostwald. Er selbst fing seine Lehrtatigkeit
allerdings bescheiden an; im ersten Semester fand sich nur ein kleiner Kreis
von Zuhorern, der sich dann aber von Jahr zu Jahr rasch vermehrte. W. hatte
von Zurich einige psychophysische Instrumente mitgebracht, fiir deren Unter-
bringung ihm ein kleines Auditorium angewiesen wurde; aus ihm sollte sich
das spatere psychologische Institut entwickeln. Er hielt hier zunachst »Psycho-
logische Ubungen«, und als die Zahl der Teilnehmer wuchs, wurden ihm noch
einige weitere Raume bewilligt. Zu seinem ersten Assistenten ernannte sich
selbst der Amerikaner J. Mac Keen Cattell. Da die Universitat schon langst
raumlich ganzlich unzulanglich war, wurde in den neunziger Jahren zu einem
umfassenden Neubau geschritten. In der Zwischenzeit war das Institut in
einem Interimsgebaude untergebracht, um dann im Jahre 1897 eine statt-
liche Reihe von Raumen in der neuen Universitat zu beziehen. Vom Jahre 1913
an wurde diesen noch ein oberes Stockwerk hinzugefiigt, in dem vor allem
die Abteilung fiir Volkerpsychologie untergebracht werden sollte. Eine groBe
Anzahl von Gelehrten des In- und Auslandes ist aus dem Institut hervor-
gewachsen, u. a. Emil Kraepelin, Stanley Hall, Alfred Lehmann in Kopen-
hagen, Oswald Kulpe, Ernst Meumann, Hugo Eckener, Felix Krueger und
viele andere. Die im Institut entstandenen Arbeiten wurden in den 20 Banden
der » Philosophischen Studien« und spater in den » Psychologischen Studien«
(10 Bande) veroffentlicht.
Auch W. hat in diesen Zeitschriften zahlreiche Aufsatze veroffentlicht, die
meist spater noch in seinen groBeren Schriften verarbeitet wurden. Noch in
Heidelberg hatte er die »Grundziige der physiologischen Psychologie« ver-
faBt (1. Auflage 1874). Dazu kamen im ersten Jahrzehnt seiner Leipziger
Tatigkeit die »Logik« (1880), die »Ethik« (1886). Im Jahre 1889 folgte das
» System der Philosophies 1896 der »GrundriB der Psychologie «, 1901 die
»Einleitung in die Philosophic «. Vom Jahre 1900 an erschien dann die » Volker-
psychologie «.
Auch an dem auBeren und inneren Leben der Universitat nahm W. jeder-
zeit regen Anteil. Die ersten Entwiirfe fiir den Neubau, fiir den er sich tat-
kraftig interessierte, fielen in sein Rektoratsjahr (1889/90). Als im Jahre 1909
die Universitat ihr 500. Stiftungsfest feierte, wurde er erwahlt, die Festrede
zu halten, und griff in ihr zuriick auf Studien, die er als Rektor in den ihm
630 1920
damals zuganglichen Akten und Urkundenbuchern der Universitat gemacht
hatte. Auch an den offentlichen Feiern, Antrittsvorlesungen und den Sitzungen
der Gesellschaft der Wissenschaft nahm er regelmaBig teil. Allerdings wurde
er dabei durch ein zunehmendes Augenleiden mehr und mehr behindert.
Als im Jahre 1914 der Krieg ausbrach, erwachte noch einnial sein lebhaftes
politisches Interesse. Er nahm an alien Ereignissen den warmsten Anteil und
verfolgte sie bis zuletzt mit unerschutterlichem Glauben an die deutsche Sache.
Auch noch nach dem Zusammenbruch und der Revolution verlieB ihn die Hoff-
nung auf eine Wiederaufrichtung Deutschlands nicht.
Im Jahre 1917 hatte W. sein Lehramt niedergelegt. Die letzten Jahre ver-
brachte er in stiller Zuriickgezogenheit. Im Jahre 1902 hatte er ein Haus in
seiner Heimatstadt Heidelberg erworben, wo er regelmaBig die Ferien ver-
lebte. In seinem letzten Sommer wohnte er in GroBbothen bei Leipzig.
Das Lebenswerk W.s sollte die Begriindung der Psychologie als selbstandiger
Wissenschaft werden. Diese hatte bisher teils zu den Naturwissenschaften,
vor allem der Physiologie, gezahlt, teils zur Philosophic, in der auf der einen
Seite logische Reflexionen iiber die geistigen Vorgange angestellt wurden,
auf der anderen Seite man sich in metaphysischen Betrachtungen iiber die-
selben erging. W. lehnte beides schon in seiner fruhesten psychologischen
Schrift, den Beitragen zur Theorie der Sinneswahrnehmung, ab. Es war ihm
von Anfang an klar, daB die Psychologie, um zu einer exakten Wissenschaft
zu werden, das Experiment auf naturwissenschaftlicher Gfundlage zu Hilfe
nehmen miisse. Sie sollte von den einfachen Problemen der Sinneswahrneh-
mung ausgehen; mit dieser hatten sich auch die Physiologen beschaftigt,
und es hatten sich dabei schon Ubergange von der physiologischen zur psycho-
logischen Betrachtungsweise angebahnt, besonders gekennzeichnet durch die
Arbeiten von Johannes Muller, Ernst Heinrich Weber und Hermann v. Helm-
holtz. Nachdem Johannes Muller in seiner Nervenphysik sein System noch
auf rein anatomische Betrachtungen gegriindet hatte, bildete Weber vor
allem die physiologische Theorie weiter. Er untersuchte besonders den Tast-
sinn und den diesem zugeordneten sogenannten Raumsinn und fuhrte zuin
erstenmal in der »Ubung« einen psychologischen Begriff ein. Im Jahre i860
erschienen Fechners »Elemente der Psychophysik « ; dieser suchte hier ein fur
die Wechselwirkungen von Leib und Seele gleicherweise gultiges mathema-
tisches Gesetz aufzustellen und fand als solches sein beriihmtes psychophysi-
sches Grundgesetz. Wahrend es aber fur Fechner selbst noch eine liberwiegend
metaphysische Theorie war, gab W. ihm eine rein psychologische Deutung.
Neben diesen physiologisch-psychologischen Arbeiten nahm um die Mitte
des 19. Jahrhunderts auch die Tierpsychologie einen neuen Aufschwung, vor
allem angeregt durch die Forschungen Darwins und deren Nachfolger. So
war fur W. der Gedanke naheliegend, seine erste groBere psychologische
Schrift auch auf die Entwicklung des Seelenlebens bei den Tieren zu erwei-
tern. Alle diese Anregungen und Arbeiten wurden zunachst in den »Vor-
lesungen iiber die Menschen- und Tierseele« (1863) niedergelegt. Zum ersten-
mal vereinten sich hier exakte experimen tell- psychologische Betrachtungen
mit weittragenden Entwicklungsgedanken. Weiter verarbeitet wurden sie in
den »Grundztigen der physiologischen Psychologie « (1874). Diese konnten in
ihrer ersten Auflage noch nicht viel mehr geben als eine Obersicht iiber die
Wundt 63 1
bisher gewonnenen Kenntnisse und Beobachtungen der Sinnesphysiologie
und Assoziationspsychologie. Indem das Werk aber von dem einen Bande
der ersten Auflage allmahlich, unterstiitzt durch die Arbeiten des Leipziger
Institute und mehr und mehr auch durch die auBerhalb stehender Forscher,
zu den drei umfangreichen Banden der 6. Auflage anwuchs, zeigte es hierin
zugleich die fortschreitende Erweiterung und Vertiefung der Psychologic
W. hat in ihm einen groBen Teil seiner Lebensarbeit niedergelegt ; er suchte
hier die gesamte Psychologie bis zu den hoheren Funktionen und verwickel-
teren Erscheinungen des menschlichen BewuBtseins in eine innere Verbin-
dung zu bringen. Die »Grundziige« stellten gleichzeitig die physiologischen
Bedingungen des Seelenlebens und im Zusammenhange die psychologische
Methodik dar.
Fiir die Zwecke des Unterrichts verfaBte er noch seinen »GrundriB der
Psychologie« (1. Auflage 1896) und die mehr populare »Einfuhrung in die
Psychologie « (191 1).
W. hat in seiner Psychologie dem bisher iiblichen substantiellen Seelen-
begriff, der die Seele als ein vom Korper unabhangiges Wesen ansah, den
Aktualitatsbegriff des Seelischen gegeniibergestellt. Die Seele ist das Ganze
der I,ebensvorgange, der Gesamtinhalt unseres inneren Erlebens selbst, des
Vorstellens, Fuhlens und Wollens, ohne da!3 eine besondere Substanz als
Substrat dieser Vorgange angenommen zu werden braucht. Das BewuBtseins-
leben gelangt, von den Vorstellungen und Gefuhlen ausgehend, im Willens-
vorgang zu seiner hochsten Entwicklung. Im letzten Grunde fallt der Wille
mit unserem » Ich « zusammen, mit ihm kommt in das Seelenleben das schop-
ferische Element. Alles Geistige ist Aktualitat. Es gibt keine BewuBtseins-
vorgange, die nicht an physische Vorgange gebunden sind; hieraus entwickelt
W. das Prinzip des psychophysischen Parallelismus, nach welchem gewisse
psychische Vorgange gewissen physischen regelmaBig entsprechen, bildhch
gesprochen gehen beide einander parallel, sind aber weder identisch noch
konnen sie ineinander ubergefuhrt werden. Aus diesem Prinzip folgt die Lehre
von der psychischen Kausalitat : seelische Vorgange konnen nicht aus korper-
lichen abgeleitet werden, sondern die Zusammenhange des BewuBtseins stehen
unter eigener Kausalitat. In der Untersuchung iiber die psychische Kausalitat
werden vier Prinzipien unterschieden : das Prinzip der schopferischen Synthese
oder der psychischen Resultanten, welches besagt, daB das Produkt mehr
ist als die bloBe Summe seiner Teile, »es ist ein neues, nach seinen wesent-
lichen Eigenschaften mit den Faktoren, die zu seiner Bildung zusammen-
wirkten, schlechthin unvergleichbares Erzeugnis«. Dieses Gesetz der Resul-
tanten erfahrt eine bedeutende Abanderung, wenn in einem psychischen Ver-
lauf Nebenwirkungen hervortreten, die zu selbstandigen Bedingungen neuer
Wirkungen werden, wobei gelegentlich die Nebenwirkungen den uberwie-
genden Wert gewinnen und die urspriinglichen Resultanten zu Nebenwir-
kungen herabsinken oder ganz verschwinden. Diese Modifikation des Resul-
tantenprinzips bezeichnete W. als das Prinzip der Heterogonie der Zwecke;
es ist besonders unentbehrlich, wo es gilt, das Zusammenleben der Menschen
und ihre geistigen Erzeugnisse psychologisch zu begreifen. Eine Erganzung
des Resultantenprinzips ist das Prinzip der beziehenden Analyse oder der
psychischen Relationen: wahrend im Organismus die Teile in einer auBeren
632 1920
Relation stehen, beruhen irn Seelischen alle Eigenschaften der Synthese wie
der Analyse auf inneren Beziehungen. Mit diesen inneren Beziehungen, in
welchen die psychischen Elemente eines Produktes zueinander stehen und
aus denen das Produkt mit Notwendigkeit hervorgeht, hangt zugleich der
alien psychischen Resultanten eigene Charakter der Neuschopfung zusammen.
Daraus folgt, daB hier die Analyse nicht, wie in der Naturwissenschaft, die
bloBe Umkehrung der Synthese ist: sie lost das synthetische Erzeugnis nicht
restlos auf, sondern hat dessen zunehmende Bereicherung mit Inhalt, Sinn
und Wert anzuerkennen. Dies Prinzip wird seinerseits erganzt durch das der
steigernden Kontraste, welches auf der Tatsache beruht, daB die Gefiihle
und Vorstellungen sich durch Gegensatze steigern.
W. war immer mehr bestrebt, die Psychologie von der Physiologie und der
Naturwissenschaft scharf zu scheiden. Er betonte, daB das psychologische
Experiment einen durchaus anderen Zweck und oft auch andere Methoden
habe als das physiologische. Die Psychologie wurde ihm mehr und mehr zu
einer Geisteswissenschaft.
Fast zur selben Zeit, als W. in der Theorie der Sinneswahrnehmung seine
ersten psychologischen Beobachtungen niederlegte, faBte er auch schon den
Plan, dieser Individualpsychologie eine Art Oberbau in der Volkerpsychologie
zu geben. 1859 erschien der erste Band von Th. Waitz' Anthropologic der
Naturvolker, i860 zuerst Lazarus' und Steinthals Zeitschrift fur Sprachwissen-
schaft und Volkerpsychologie. Es regte sich also gerade in jener Zeit ein
groBes Interesse fiir solche Fragen, und so fiigte auch W. seinen »Vorlesungen
iiber die Menschen- und Tierseele« einen zweiten Band hinzu, der vorwiegend
volkerpsychologische Fragen behandelte. Allerdings erkannte er bald, daB die
Zeit fiir eine umfassende Darstellung dieser Wissenschaft noch nicht reif sei,
und als das Buch im Jahre 1892 eine zweite Auflage erlebte, lieB er diesen
Teil ganz fort. Doch behielt er die Volkerpsychologie immer im Auge und
machte sie haufig zum Gegenstand von Vorlesungen, bis er gegen Ende des
vorigen Jahrhunderts an die Ausarbeitung seiner zehnbandigen »V61ker-
psychologie« ging, die in den nachsten 20 Jahren (1900 — 1920) erschien. Ur-
spriinglich hatte W. in drei Banden Sprache, Mythus und Sitte behandeln
wollen, doch wuchs das Werk bedeutend iiber diesen ersten Plan hinaus. Im
Untertitel wurde aber die Bezeichnung einer Untersuchung der Entwicklungs-
gesetze von Sprache, Mythus und Sitte beibehalten und es wurden dabei
Beziehungen hergestellt zwischen diesen Hauptteilen und gewissen Er-
scheinungen des EinzelbewuBtseins. In der Sprache spiegelt sich vornehmlich
das Leben der Vorstellungen, in der am Mythus wirkenden Phantasietatigkeit
das der Gefiihle, wahrend die Sitte schlieBlich die gemeinsamen Willens-
richtungen umfaBt. Die beiden ersten Bande behandeln die Sprache, in
welcher W. das beste Material fiir eine Psychologie des Denkens erblickte:
die Formen der Sprache reprasentieren ebenso viele eigenartige Formen des
Denkens. Im 3. Bande wird die Entwicklung der Kunst dargestellt, in
Band 4 — 6 Mythus und Religion. Ausgehend von dem primitivsten Seelen-
und Geisterglauben wird die Entwicklung iiber die Stufe der Marchen
und Sagen bis zu den hochsten Religionsformen durchgefuhrt. In den fol-
genden Banden wird in ahnlicher Weise die Gesellschaft und das Recht be-
handelt. In der Entwicklung der Gesellschaft werden drei Stufen unter-
Wundt 633
schieden: die primitive Gesellschaft, die Stammes- und die politische Gesell-
schaft. Im Recht gibt W. eine Geschichte der Rechtsnormen und behandelt
dabei in erster Linie das deutsche Recht. Im 10. Band, Kultur und Geschichte,
werden schlieBlich die Geschichte und die einzelnen Gebiete der Kultur psycho-
logisch beleuchtet; und ein Ausblick in die »Zukunft der Kultur « bildet den
AbschluB.
Wahrend also die Individualpsychologie die psychischen Vorgange im
Individuum, unter Abstraktion von der sozialen Umwelt, darstellt, ist es die
Aufgabe der Volkerpsychologie, diejenigen psychischen Vorgange zu unter-
suchen, die aus der geistigen Wechselwirkung einer Vielheit von Einzel-
menschen entspringen. Ihr Gegenstand ist die GesetzmaBigkeit des mensch-
lichen Gemeinschaftslebens in seiner Entwicklung vom primitiven Urzustand
bis zu den hochsten Kulturen der Gegenwart. Dabei werden die genannten
psychologischen Prinzipien, besonders das der Heterogonie der Zwecke und
das Kontrastprinzip, iiber das individuelle Leben hinaus auf die Gegenstande
der Volkerpsychologie angewandt.
Als Erganzung zu dem groBen Werk der Volkerpsychologie, das nach den
einzelnen Gebieten der menschlichen Kultur gegliedert ist, werden in den
»Elementen der Volkerpsychologie « (1912) die Probleme in ihrem Neben-
einander, ihre gemeinsamen Bedingungen und wechselseitigen Beziehungen
untersucht und dabei eine allgemeine Entwicklungsgeschichte der Menschheit
gegeben. W. unterscheidet hier iiber der Unterstufe des primitiven Menschen
das totemistische Zeitalter, das Zeitalter der Helden und Gotter und das Zeit-
alter der Humanitat. t)ber die Volkerpsychologie hinaus in das Gebiet be-
sonderer Charakterologie bestimmter Volker fuhrt die Schrift »Die Nationen
und ihre Philosophic « (1915), in welcher die Grundtypen europaischer Welt-
anschauung als Ausdruck der Geistesart der fuhrenden europaischen Volker
dargestellt werden.
W. sah in der Psychologie die grundlegende Disziplin fiir alle Geisteswissen-
schaften. Mit der Erkenntnislehre hangt die Individualpsychologie schon
durch ihren Gegenstand eng zusammen und in der Volkerpsychologie mundet
sie mit ihren letzten Problemen in die Religionslehre, die Ethik und die Meta-
physik ein. So war der Ubergang von der Psychologie zur Philosophic natiir-
lich und erfolgte schon in fruher Zeit. Nachdem W. seine Assistentenstelle
bei Helmholtz aufgegeben hatte, wandte er sich zuerst philosophischen Pro-
blemen zu, und zwar besonders logischen und naturphilosophischen. Schon
in seiner Privatdozentenzeit hatte er mit einem Freunde Kants »Kritik der
reinen Vernunft « gelesen und hat selbst wiederholt bezeugt, daB er niemandem
mehr als Kant fiir die Ausbildung seiner eigenen philosophischen Ansichten
verdanke. 1866 erschien seine erste philosophische Schrift »Die physikalischen
Axiome und ihre Beziehung zum Kausalgesetz«. W. stellte hier sechs mecha-
nische Grundsatze auf und suchte die ihnen von ihren Entdeckern zugeschrie-
bene Notwendigkeit (Aprioritat) auf ihre wahren logischen Motive zuriick-
zufuhren und den geschichtlichen Wandel ihrer Auffassung nachzuweisen.
Als die Schrift 19 10 in zweiter Auflage stark verandert erschien unter dem Titel
» Prinzipien der mechanischen Naturlehre*, wurde der Ausdruck Axiom durch
den der Hypothese ersetzt. So gewann W. in einer Zeit der groBten Entfrem-
dung zwischen Wissenschaft und Philosophic gerade vom Boden der exakten
634 ig2°
Wissenschaften aus wieder einen neuen Zugang zur Philosophic Dabei brachte
ihn seine philosophische Entwicklung mit Stetigkeit den Grundgedanken
Leibniz' nahe, und sie gipfelte in dem Versuche, die neugewonnene Meta-
physik mit der — zu jener Zeit noch verkannten — des klassischen deutschen
Idealismus haltbar zu verbinden.
In seinem zweiten Semester in Zurich, 1875, hielt W. eine vierstiindige
Vorlesung iiber Logik, auch in Leipzig wiederholte er sie ofter, meist verbun-
den mit wissenschaftlicher Methodenlehre. Im Jahre 1880 erschien das da-
mals zweibandige, spater dreibandige Werk iiber die » Logik «. Obwohl W.
von der Psychologie herkam, war sein besonderes Augenmerk darauf ge-
richtet, die Eigenart des Logischen im Unterschied zu den bloB psychologischen
Vorgangen des Denkens herauszuarbeiten. Auf der anderen Seite suchte er
im Gegensatz zu einer bloB formalen Behandlung der logischen Probleme
planmaBig den AnschluB an das in den Wissenschaften wirklich geubte Ver-
fahren. Vielfach kniipft er bei seinen logischen Untersuchungen an die Psycho-
logie der Sprache an, weil diese ein lebendiges Zeugnis des Denkens gibt. Der
eigentliche Zweck der Logik muB es sein, von den Normen des Denkens
Rechenschaft zu geben, die jeder wissenschaftlichen Erfahrung zugrunde
liegen. So gipfelt der erste Band nach einer Untersuchung der Entwicklung
und der Formen des Denkens in einer Darlegung der Grundbegriffe und der
Prinzipien der Erkenntnis. Die beiden folgenden Bande sind der Methoden-
lehre gewidmet, wobei es besonders bedeutsam wurde, daB sich W. nicht
mit einer bloBen allgemeinen Darlegung der wissenschaftlichen Methoden
iiberhaupt begniigte, sondern davon eine Anwendung auf das ganze System
der Wissenschaften machte. Er untersucht und kritisiert das Verfahren und
die Grundbegriffe der einzelnen Wissenschaften, und zwar sowohl der exakten
wie der Geisteswissenschaften.
In der »Ethik«, die zuerst 1886 und dann mannigfach umgearbeitet noch
in vier weiteren Auflagen erschien, sucht W., wie in der Logik die Normen
des Denkens, so hier die Normen des sittlichen Lebens zu entwickeln, indem
er im Unterschied zu der in der Philosophie sonst oft iiblichen bloB formalen
Behandlung abermals seinen Ausgang von der ganzen Breite des wirklichen
sittlichen Lebens nimmt. So gewinnt der erste Band eine Grundlage fur diese
Untersuchung in einer eingehenden Darstellung der Tatsachen des sittlichen
Lebens. Indem dabei Sprache, Religion, Sitte und Kultur auf ihren sittlichen
Gehalt hin untersucht werden, erscheint die Volkerpsychologie als die »Vor-
halle der Ethik«. Der zweite Band bietet dann in einer Entwicklung der sitt-
lichen Weltanschauungen eine Geschichte der Ethik, bei der nicht nur die
philosophischen Systeme, sondern die allgemeine Geistesentwicklung beriick-
sichtigt ist. Der dritte Band endlich entwickelt die Prinzipien der Sittlichkeit,
indem er die psychologischen Grundlagen und hierauf die Zwecke und Motive
des Sittlichen untersucht, um von da zu den sittlichen Normen aufzusteigen.
W. unterscheidet individuelle, soziale und humane Normen. Den BeschluB
bildet eine Darstellung der sittlichen Lebensgebiete in Personlichkeit, Gesell-
schaft, Staat und Menschheit. Wie das Geistige iiberhaupt, so ist auch das
Sittliche seinem Wesen nach Willensentwicklung ; Hand in Hand mit der
Bereicherung an sittlichen Motiven und Zwecken geht die Entfaltung des
Willens. In der Entwicklung der sittlichen Welt treten iiberindividuelle
Wundt 635
Willenseinheiten dem individuellen Willen entgegen, und in dem Gefiihl der
Hingabe und der Verpflichtung an einen iibergeordneten Willen wurzelt das
Prinzip aller Sittlichkeit, das in dem BewuBtsein der Zugehorigkeit des ein-
zelnen zur Gemeinschaft seinen Ansdruck findet. In dem Gefiihl der Zu-
gehorigkeit des Menschen zu einer iibersinnlichen Welt, in der er sich seine
Ideale verwirklicht denkt, liegt zugleich die Quelle der Religion.
An die Ethik und Logik reiht sich als das abschlieBende systematische
Werk das ^System der Philosophies (1. Auflage 1889) an. Hier hat W. seine
Metaphysik gegeben, die er als Prinzipienlehre bezeichnet und der er die Auf-
gabe zuweist, die allgemeinen Ergebnisse der Einzelwissenschaften in ihreni
systematischen Zusammenhang darzulegen und zu einem widerspruchslosen
System zu verkniipfen. Die Grundlagen hierftir werden gewonnen, indem
zunachst die Formen des Denkens und die in ihnen zur AuBerung kommenden
Denkgesetze behandelt werden, hierauf die Erkenntnis nicht nach ihren
logischen Formen, sondern in ihrer realen Bedeutung untersucht wird, und
dann in den Verstandesbegriffen die Grundprinzipien der Wissenschaften ent-
wickelt werden, um zuletzt zu den transzendenten Ideen aufzusteigen, in
denen die Erkenntnisse der Einzelwissenschaften sich zusammenfassen und
in denen sich insofern die Metaphysik vollendet. Hier entwickelt W. seine
eigentumliche metaphysische Grundanschauung, die Lehre von den indivi-
duellen Willensmonaden. In dem zweiten Hauptteil wird dann eine Anwen-
dung von den so gewonnenen Prinzipien auf die Hauptpunkte der Natur-
philosophie und die Philosophic des Geistes gemacht. Als die Aufgabe der
Philosophic bezeichnete es W., eine allgemeine Welt- und Lebensanschauung
zu gewinnen, welche zugleich die Forderungen der Vernunft wie die Bediirf-
nisse des Gemiits befriedigen sollte. In diesem Sinne hat er die in dem System
der Philosophic entwickelten Gedanken noch einmal in einer mehr popularen
Gestalt dargestellt in der Schrift »Sinnliche und ubersinnliche Welt« (1912).
Er sucht hier den Aufstieg des Denkens von dem naiven Weltbilde und von dem
der Naturwissenschaften aus bis in die Hohen der Metaphysik zu schildern.
In der Idee des Unendlichen vereinigen sich ihm die sittlichen und die reli-
giosen Motive, wie sich AuBen- und Innenwelt, Natur und Geist in ihr ver-
einigen. In der Wechselwirkung, in die diese Ideen miteinander treten, wird
die Gottheit aus einer auBeren Macht zu einem inneren Erlebnis.
W. selbst bekennt, daB ihm das liebste aller Vorlesungsthemen die »Ge-
schichte der Philosophic « gewesen sei. Er sah in ihr die beste Vorbereitung
fur das Studium der allgemeinen Philosophic und da sich in dieser der ge-
samte wissenschaftliche Zustand eines Zeitalters spiegelt, ist sie zugleich
Stellvertreterin einer allgemeinen Geschichte des wissenschaftlichen Denkens
iiberhaupt. So war ihm die Darstellung der einzelnen philosophischen Systeme,
besonders der von Leibniz, Fichte und Hegel, eine immer erneute Freude.
Sein Buch »Einleitung in die Philosophic « ist deshalb auch vorwiegend
historisch.
Die fiir W.s Philosophic und Psychologie besonders bezeichnenden Grund-
gedanken sind diese beiden: der Voluntarismus, d. h. der Gedanke, daB,
wie im Psychischen die Urform aller BewuBtseinsvorgange der Wille ist, so
in alien Erscheinungen Willenseinheiten auf hoherer oder niederer Stufe der
BewuBtheit den wahren Gehalt der Wirklichkeit ausmachen, und der Gedanke
636 1920
der Aktualitat, nach welchem die Seele nicht eine beharrende Substanz
ist, sondern ihre Wirklichkeit allein in den lebendigen Vorgangen des Be-
wuBtseins liegt, und wonach auch die metaphysische Erklarung der Wirk-
lichkeit nicht auf eine beharrende Substanz, sondern auf eine lebendige Ent-
faltung von Willenskraften als ihren letzten Grund gefuhrt wird. Beide ver-
einigen sich zu einer Weltanschauung der Tat. Diese Tat soil aber nicht dem
Nutzen, am wenigsten dem egoistischen, dienen. W. wendet sich immer
wieder aufs scharfste gegen den Utilitarismus, den vor allem englische Ethiker
vertreten. Er erkannte in ihm eine Quelle jenes Individualismus, der letzten
Endes auch praktisch allem Gemeinschaftsempfinden entgegengerichtet ist.
Der einzelne steht aber nach W. in unaufhebbarer Verbindung mit der Ge-
meinschaft, in der er lebt, und ihr gelten seine hochsten Pflichten. Dem-
gemaJ3 sah er in dem sittlichen Idealismus, wie ihn schon Leibniz, Kant,
Fichte und Hegel gelehrt hatten, die der deutschen Philosophic eigentiimliche
Weltauffassung, und in dieser Weltauffassung zugleich die Gewahr sowie die
unentbehrliche Sicherung fiir die Zukunft des deutschen Volkes.
Literatur: t)ber die Familie: Magazin fiir die Kirchen- und Gelehrtengeschichte des
Kurfurstentums Pfalz, herausgegeben von Dan. Ludw. Wundt, I, 1789, S. 185 — 216. —
Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 55, S.126 — 230. — W. Wundt, Erlebtes und Erkanntes,
1 91 2. — W. W.s Werk, ein Verzeichnis seiner samtlichen Schriften, herausgegeben von
Eleonore Wundt, 1927. — P. Petersen, W. W. und seine Zeit (Frommanns Klassiker der
Philosophic), 1925. — W. Nef, Die Philosophic W. W.s, 1923. — W. W\, eine Wiirdigung,
»Beitrage zur Philosophic des deutschen Idealismus*, Bd.II, 2. Aufl., 1924. (Darin: Felix
Krueger, W. W. als deutscher Denker; Sander, W.s Prinzip der schopferischen Synthese;
Kirschmann, W. und die Relativitat; Volkelt, Die Volkerpsychologie in W.s Entwick-
lungsgang; Klemm, Zur Geschichte des Leipziger psychologischen Instituts; Petersen,
Die Stellungder Philosophic W.s im 19. Jahrhundert; Nef, W.s Aktualitatstheorie; Lipsius,
Die mechanische Naturerklarung und das Naturgesetz; Kiesow, tTber die psychischen
Elemente und ihre Bedeutung in der Lehre W.s; Schmied-Kowarzik, Stellung und Auf-
gabe von W.s Volkerpsychologie und der Begriff des Volkes.) — Weitere Literatur iiber W.
siehe t)berweg, GruudriB der Geschichte der Philosophic IV, 12. Aufl. von Osterreich,
S. 708 — 709. — Der Nach la 13 befindet sich im Wundt- Archiv in GroCbothen bei Leipzig.
GroBbothen bei Leipzig. Eleonore Wundt.
Zuntz, Nathan, Geheimer Regierungsrat, Professor der Physiologie und Vor-
steher des tierphysiologischen Instituts an der Landwirtschaftlichen Hoch-
schule in Berlin, * in Bonn am 7. Oktober 1847, t m Berlin am 23. Marz 1920. —
Einer alten Kaufmannsfamilie entstammend, wurde Nathan Z. als altester
einer zahlreichen Geschwisterschar in Bonn geboren. Dort verlebte er Jugend
und Studienzeit, besuchte zunachst vier Jahre die Volksschule, dann das Gym-
nasium, das er schon als Siebzehnjahriger mit dem Zeugnis der Reife verlieB.
Bonn erfreute sich damals einer hervorragenden medizinischen und natur-
wissenschaftlichen Fakultat, und Z. hatte das Gluck, in den vorbereitenden
Fachern ausgezeichnete Lehrer zu horen, in deren Iyaboratorien er zugleich
arbeitete. In die Chemie fuhrte ihn Kekule\ in die Physik Clausius ein. Ana-
tomen waren La Valette und Max Schultze, und auch in des letzteren Institut
war Z. wahrend seiner Studienzeit tatig. Physiologe war Pfliiger. Dieser zog
ihn am meisten an und war fiir seinen weiteren wissenschaftlichen Lebensgang
richtunggebend. In seinem Laboratorium, in dem er als Student langere Zeit
tatig gewesen war, fertigte Z. seine Doktorarbeit : »Beitrage zur Physiologie
Wundt. Zuntz 637
des Blutes«, mit der er — einundzwanzigjahrig — im Jahre 1868 promovierte.
Die in ihr niedergelegten Untersuchungen behandeln die Bindungsverhaltnisse
der Kohlensaure im Blute und zeigen deren Wanderung zwischen Blutzellen
und Blutplasma unter wechselnden Bedingnngen. Die Ergebnisse dieser Dis-
sertation waren grundlegend, wurden aber in ihrer Bedeutnng erst in viel
spaterer Zeit richtig gewertet, gelegentlich der zahlreichen Untersuchungen
iiber die Durchlassigkeit der Zellwandungen fiir Ionen.
Zuerst kurze Zeit als Landarzt (in OberpleiB am Rhein) tatig, begab sich Z.
1869 nach Berlin, wo er Frerichs, Virchow, Traube horte, von denen ihn be-
sonders der letztere stark fesselte. Im folgenden Jahre wurde Z. Assistent bei
Pfliiger, wirkte dabei aber wahrend des Krieges als freiwilliger Arzt in Bonner
Iyazaretten. Im gleichen Jahre als Privatdozent fiir Physiologie zugelassen,
erhielt er 1873 eine Stellung als Hilfslehrer der Physiologie an der Landwirt-
schaftlichen Akademie in Poppelsdorf. Im folgenden Jahre zum Extraordi-
narius befordert, ubernahm Z. zugleich die Prosektur an der Bonner Anatomie.
Noch sechs Jahre verblieb Z. in Bonn, wissenschaftlich und arztlich tatig.
Er iibte konsultative Praxis und wurde ein gesuchter Konsiliarius, seine Haupt-
arbeit aber gait dem physiologischen Forschen. Er arbeitete mit Pfliiger iiber
die Wirkung von Sauren auf die Bindung des Blutsauerstoffes, mit Rohrig iiber
Warmeregulation, stellte die Reversibilitat des Kohlenoxydhamoglobins fest
und zeigte mit v. Mering die verschiedene Wirkung, die die Zufuhr von Nahr-
material auf den Stoffumsatz ausiibt, je nachdem es in den Verdauungskanal
oder in die Blutbahn gebracht wird. Diese Untersuchungen waren die Grund-
lage fiir die spater sehr vielseitig bearbeitete Lehre von der Verdauungsarbeit
und fiir diejenige Erscheinung, die weiterhin als spezifisch-dynamische Wirkung
der Nahrstoffe bezeichnet wurde.
Nach Errichtung der L,andwirtschaftlichen Hochschule in Berlin siedelte Z.
im Jahre 1880 als erster Lehrer der Tierphysiologie an diese iiber, und er be-
hielt diese Stellung bis an sein Lebensende.
Die Bedeutung seiner Stellung wandelte sich allerdings von Jahrzehnt zu
Jahrzehnt, sie stieg mehr und mehr, entsprechend den Erfolgen, die das Z.sche In-
stitut aufzuweisen hatte, nicht nur fiir die physiologische Wissenschaft im allge-
meinen, sondern fiir die Landwirtschaft im besonderen. Dementsprechend wuchs
das zuerst sehr enge und unansehnliche Iyaboratorium auch raumlich immer
mehr, bis im Jahre 1909 ein groBer Neubau nach Z.' Planen errichtet wurde, in
dem Arbeitsmoglichkeiten fiir das Gesamtgebiet der Physiologie nicht nur des
Menschen und der kleinen Laboratoriumstiere vorhanden waren, sondern auch
fiir die Untersuchung der Lebensvorgange an den groBen landwirtschaftlichen
Nutztieren. Das Institut gliederte sich in Raume fiir speziell physiologische
Zwecke, fiir chemische, physikalische, bakteriologische. Dabei zerfiel es nicht
in voneinander unabhangige Abteilungen, vielmehr wiinschte und verstand Z.
alle zusammenzufassen zur Losung groBerer, auf verschiedene Wissensgebiete
tibergreifender Aufgaben, und er wuBte alle Abteilungen geistig zu befruchten.
Das konnte nur einem umfassenden Geiste gelingen, der wie Z. nicht speziali-
siert war fiir ein Teilgebiet der Physiologie, wenn er auch mit Vorliebe auf
einem best imm ten Gebiete — dem des Stoflwechsels im allgemeinsten Sinne —
arbeitete, vielmehr die Physiologie in ihrer Gesamtheit beherrschte. Aber Z.s
Interessenkreis erstreckte sich noch iiber sie hinaus ; auch pathologische sowie
638 1920
klinisch-medizinische Fragen beschaftigten ihn und fanden durch ihn oder
Schiiler ihre Bearbeitung.
Diese Weite des Blickes, die Beherrschung verschiedener Wissengebiete so-
wie das Interesse auch an fernerliegenden Fragen befahigten Z. auBerordentlich
zur Forderung junger Forscher, die von uberallher sein Laboratorium auf-
suchten, urn sich von ihm beraten zu lassen und methodisch von ihm zu lernen .
Denn gerade im Auffinden geeigneter Methoden zur Losung bestimmter Auf-
gaben, im Bau zweckentsprechender Apparate war Z. Meister. Beweis dafur
sind besonders die Einrichtungen, die er in seinem Institut zwecks Unter-
suchung des Stoffwechsels des Menschen, kleiner Saugetiere und groBer land-
wirtschaftlicher Nutztiere sowie auch von Kaltblutern (Fischen) schuf , neben
den zahlreichen Einzelfragen dienenden Spezialapparaten.
Nur wenige Jahre konnte Z. in seinem neuen Institute seiner wissenschaft-
lichen Arbeit obliegen. Es kam der Krieg, und damit traten neue, mehr prak-
tischen Zwecken dienende Auf gaben an ihn heran. Er wurde damit betraut,
Fragen der unter dem Druck des Krieges erschwerten menschlichen und tieri-
schen Ernahrung zu bearbeiten, die Grenzen der Moglichkeit fiir Mensch und
Tier, mit Ersatzmitteln auszukommen, festzusteUen. Dazu machte ihn seine
Vertrautheit mit landwirtschafthchen Dingen besonders geeignet.
Nach SchluB des Krieges konnte Z. seine gewohnte Laboratoriumsarbeit
nicht mehr in vollem MaBe aufnehmen. Sein Gesundheitszustand war durch
ein Herzleiden, dessen erste AuBerungen auf einer seiner vielfachen, zu wissen-
schaftlichen Zwecken ausgefiihrten Hochgebirgsexpeditionen zutage traten, er-
schuttert, und ihm ist er schlieBlich erlegen.
Z.' wissenschaftliche Bedeutung als einer der Pfadfinder der moderaen
Physiologie wurde schon fruh erkannt und anerkannt und seine wissenschaft-
liche Tatigkeit vielfach ausgezeichnet. Er wurde Ehrenmitglied mannigfacher
Gesellschaften und Ehrendoktor der Tierarztlichen Hochschule in Hannover
sowie der Hochschule fiir Bodenkultur in Wien.
Z.' wissenschaftliche Arbeiten erstrecken sich auf zahlreiche Gebiete der
Physiologie, wenn sie sich auch vorwiegend auf dem der Stoffwechsel- und
Ernahrungslehre bewegen, wobei auch der pathologische Stoffwechsel des
Menschen und der Tiere in mehreren Arbeiten Klarung erfuhr.
Der Umfang seiner wissenschaftlichen Tatigkeit driickt sich darin aus, daB
bis zu seinem 71. Geburtstage aus seinem Laboratorium 430 Arbeiten hervor-
gegangen waren, die fast ausnahmslos von ihm angeregt oder beeinfluBt waren.
Er selbst veroffentlichte allein oder mit Mitarbeitern 180 Arbeiten. Die Zahl
allein kennzeichnet aber nicht die Stellung, die Z. sich und seiner Schule in
der Wissenschaf t geschaff en hat ; das Wesentliche ist der innere Wert der Ar-
beiten, und durch sie wurde mannigfach Grundlegendes geschaffen.
Erwahnt wurde schon die Feststellung der Riickbildung des Kohlenoxyd-
hamoglobins, welche die Grundlage fiir die Wiederbelebung an Kohlenoxyd-
vergiftung (Leuchtgas, Minengase usw.) Erkrankter bildet, erwahnt auch die
Arbeit mit v. Mering, der mehrere auf dem gleichen Gebiete folgten, durch
welche die Lehre von den Veranderungen des Stoffwechsels durch Nahrungs-
zufuhr begriindet wurde. Umwalzend fiir die Kenntnis des Gesamtstoffwechsels
war der mit Geppert vorgenommene Bau eines neuen Apparates, der durch
gleichzeitige Bestimmung der gebildeten Kohlensaure und des verbrauchten
Zuntz 639
Sauerstoffes weit mehr zur Bestimmung des Stoffwechsels leistete, als die bis
dahin gebrauchten Kastenapparate mit alleiniger Kohlensaurebestimmung.
Er war der erste, der exakt gestattete, den Gaswechsel in ganz kurzen Zeit-
raumen zu bestimmen und damit den EinfluB kurzdauerader Einwirkungen zu
ennitteln. Mit ihm wurde die Wirkung der Muskeltatigkeit am Menschen, am
Hunde und am Pferde, die von Giften und Arzneimitteln und die von klimati-
schen Faktoren zuerst genau ermittelt.
Das fiihrte zur Bearbeitung weiterer Gebiete. Zunachst zu einer wissenschaft-
lichen Untersuchung der sportlichen Leistungen, sodann zur Ennittlung des
Einflusses verschiedener Klimate auf den Menschen. In letzterer Hinsicht
galten die Untersuchungen von Z. und seiner Schule vor allem dem Hohen-
klima, dann abe,r auch dem Seeklima. Der Zuntz-Geppertsche Atmungsapparat
war auch der erste, der in die medizinische Klinik eingefuhrt wurde, und die
grundlegenden Kenntnisse iiber den Stoflwechsel in Krankheiten sind mit ihm
gewonnen worden. Dabei sind besonders die Einfliisse, welche die inkretorischen
Driisen, Schilddriise und Keimdriisen, ausiiben, theoretisch und praktisch
wichtig geworden.
Im Neubau seines Instituts stellte Z. einen groBen, kastenartigen Respira-
tionsapparat auf, mittels dessen sowohl nach den fruher von Regnault-Reiset
wie von Pettenkofer angegebenen Grundsatzen der Gaswechsel des Menschen
wie auch der der groBen landwirtschaftlichen Nutztiere — Pferde, Rinder,
Schweine — untersucht werden konnte. Die mit ihm durchgefuhrten Unter-
suchungen kamen vor allem der Landwirtschaft zugute, insbesondere der
Ernahrungs- bzw. Fiitterungslehre. Unstimmigkeiten, die bis dahin zwischen
der praktischen Erfahrung iiber den Futterwert mancher Nahrungsgemische
bei Wiederkauern und den experimentellen Ergebnissen bestanden, wurden
durch Z. beseitigt, und zwar durch Bestimmung der Garungsvorgange im
Vormagen, die die praktisch sehr wichtige Tatsache eines je nach den Versuchs-
bzw. Fiitterungsbedingungen wechselnden Energieverlustes der zugefuhrten
Nahrung durch den wechselnden Umfang der Garungen im Pansen ergaben.
Hingewiesen sei schlieBlich auf die im Laboratorium wie in besonderen Ver-
suchsteichen vorgenommenen Untersuchungen iiber den Stoflwechsel und da-
mit iiber den Nahrungsbedarf und die Aufzucht der Fische.
Weite Gebiete der Physiologie, besonders der des Stoffwechsels, sind durch
Z. und seine Schule grundlegend gefordert worden, und diese Forderung ist
nicht nur der reinen Wissenschaft zugute gekommen, die durch die Ergebnisse
der Z.schen Arbeiten mannigfache Wandlungen fruherer Anschauungen erfuhr,
sondern auch dem praktischen Leben, insofern als Frucht der L,aboratoriums-
versuche sich eine vertieftere Kenntnis iiber die Bediirfnisse rationeller Er-
nahrung des einzelnen wie der Massen, des Menschen wie der ihm dienenden
Nutztiere ableitete.
Literatur: AnlaBlich des 70. Geburtstages ist eine ZusammensteUung aUer aus der
Feder von Z. stammenden und der von ihm angeregten und aus seinem Laboratorium
erschienenen Arbeiten von von der Heide verfaBt und in den Landwirtschaftlichen Jahr-
biichern, Band 51, Heft 3 (Berlin 19 17), veroffentlicht worden. Auf diese sei hiermit ver-
wiesen. — A. Loewy, Dem Andenken an Nathan Z. Gedachtnisrede. Ptiiig. Arch., Bd. 194,
S. 1, 1922; Derselbe, Bcrl. Klin. Wochenschr. 1920, Nr. 18, S. 433. — Der wissenschaft-
liche NachlaB von Z. ging in die Hande seines Sohnes: Dr. L. Z., Berlin, iiber.
Davos (Schweiz). Adolf Loewy.
TOTENLISTEN
1917 / 1918 / 1919 / 1920
VerzeiAnis der Abkiirzungen
Ein Stem (*) vor dem Namen bedeutet, dafl das ^Deutsche Biographische Jahrbuch"
dem Toten eine eigene Biographie im vorliegenden Bande gewidmet hat, auf die am
Schlusse des Artikels in der Totenliste mit DBJ und Angabe der Seitenzahl und des Ver-
fassers hingewiesen wird. Die angefiihrte Literatur weist die Quellen des Bearbeiters nach
und verzeichnet unter Angabe der Herktmft auch aus zweiter Hand geschopfte Hinweise
(BZ 42 [.-..] o. a.). Sind an der angefuhrten Stelle die Werke des Toten verzeichnet, so
ist das durch (W) kenntlich gemacht, weitere Literaturangaben durch (L). Portrats
der Toten sind durch (P) nachgewiesen. Die mit einem §j kenntlich gemachten Toten
sind im Weltkrieg 19 14/ 18 gef alien.
RegelmaBig gebrauchte Abkiirzungen sind ferner:
A — Abert, IUustriertes
Musiklexikon (1927).
A A = Amtliche Auskunft.
AD = Das akademische
Deutschland.
AdW = Akademie der Wis-
senschaften.
AMZ = Allgem. Musikzei-
tung.
AT = Adeliges Taschen-
buch.
B = Brockhaus, Handbuch
des Wissens 6. Auflage
1923.
BB = Buchhandler, Borsen-
blatt.
BBl = BB.
BBZ = Berliner Borsen-
zeitung.
BKW = Berliner Klinische
Wochenschrift.
BR = B rummer, L,exikon
der deutschen Dichter
6. Aufl. (191 3).
BT = Berliner Tageblatt.
BZ = Bibliographie der
deutschen Zeitschriften-
literatur.
BZZ = Bibliographie der
deutschen Zeitungslite-
ratur (Anhang zu BZ).
ChZ = Chemiker-Zeitung.
DAR = Deutsche akade-
mische Rundschau.
DBJ 41*
DAZ = Deutsche Allgem.
Zeitung.
DBJ = Deutsches Bio-
graphisches Jahrbuch.
DBZ = Deutsche Bauzei-
tung.
DGK = Deutscher Ge-
schichtskalender .
DJZ = Deutsche Juristen-
zeitung.
DKZ = Deutsche Kolonial-
zeitung.
DMW = Deutsche Medizi-
nische Wochenschrift.
DRG = Deutsche Rund-
schau fur Geographie u.
Stat ist ik.
DSBZtg = Deutsche San-
gerbundes-Zeitung.
DZL = Deutsches Zeitge-
nossen-Lexikon .
E = Echo (E. v. T.-Beilage,
Echo vom Tage).
EG = Eisenberg, GroBes
Biograph. Lexikon der
deutschen Biihnen.
ELK = Allg. evang.-luth.
Kirchenzeitung .
ERL = Ehrenrangliste des
ehemal. deutschen Hee-
res (1926).
FAT = Frank- Altmann,
Tonkiinstlerlexikon
(1926).
FT = Freiherrhches Ta-
schenbuch.
FZ = Frankfurter Zeitung.
GA = Geographischer An-
zeiger.
GdW = Gesellschaft der
Wissenschaf ten .
GH = Gothaischer (Hof-)
Kalender.
GJN = Wissinger, GroBe
Jiidische Nationalbio-
graphie.
GK = DGK.
GT = Grafliches Taschen-
buch.
H = Hochland.
HA = Handbuch des preu-
Bischen Abgeordneten-
hauses.
HBL = Hirsch, Biograph.
Lexikon der hervorra-
genden Arzte.
HFBl = Hamburger Frem-
denblatt.
HK = Hannoverscher Ku-
rier.
HN = Hamburger Nach-
richten.
HNV = Handbuch der
Nationalversammlung.
HPSt = Handbuch fiir den
preuflischen Staat 191 8.
HV = Historische Viertel-
jahrsschrift.
644
Verzeichnis der Abkiirzungen
J A W=] ahresberichte iiber
die Fortschritte der klas-
sischenAltertumswissen-
schaft.
Jb = Jahrbuch.
JB = Jahrbuch der deut-
schen Bibliotheken.
JP = Jahrbuch der Musik-
bibHothek Peters.
JSTG = Jahrbuch der
schiffsbautechn. Gesell-
schaft.
1Z = niustrirte Zeitung.
K = Kukula, Bibliograph.
Jahrbuch der deutschen
Hochschulen.
Kchr = Kunstchronik.
KJ = Kirchliches J ahrbuch .
KL i j = Kurschner, Deut-
scher Literaturkalender
1917.
#/?=Keiters Katholischer
Literaturkalender .
KV = Kolnische Volkszei-
tung.
KW = Kunstwart (Deut-
scher Wille).
KZ = Kolnische Zeitung.
L = Leopoldina.
LA = Li mans Militar-Al-
manach.
LE = Literarisches Echo.
LJ = Lobells J ahresberichte.
LNN = Leipziger Neueste
Nachrichten.
LpZ = Leipziger Zeitung.
LZ = Literarisches Zentral-
blatt.
MAR = (Miinchener) All-
gemeine Rundschau.
MAZ = Miinchener All-
gemeine Zeitung.
MdT = Manner der Tech-
nik, hrsg.v. C. Matschofi,
VDI-Verlag 1925.
MK = Medizinische Klinik.
MMK = Miinchener Medi-
zinische Klinik.
MNN = Miinchner Neueste
Nachrichten.
MMW = Miinchener Medi-
zinische Wochenschrift.
MS = Muller-Singer, AUg.
Kiinstlerlexikon .
MW = Militarwochenblatt.
M1 = Meyers Lexikon,
7. Aufl.
AT = Die Naturwissenschaf-
ten.
NAZ = Norddeutsche AU-
gemeine Zeitung.
NFP = Neue Freie Presse.
NML = Neues Musik-Lexi-
kon.
NMZ= Neue Musikzeitung.
NPZ = Neue Preuflische
(Kreuz-) Zeitung.
NZ = Neue Zeitschrift fiir
Musik.
NZZ = Neue Zurcher Zei-
tung.
()i?=Osterreichische Rund-
schau.
PBL = Pagel, Biogr. Lexi-
kon hervorr. Arzte.
PF = Poggendorff, Biogr.-
literar. Handworterbuch
zur Gesch. der exakten
Naturwissenschaf ten .
PM = Petermanns Mittei-
lungen.
PY = Pataky, Lexikon
deutscher Frauen der
Feder.
R = Riemann, Musiklexi-
kon8 (1922).
RH= Reichstagshandbuch.
RMTZ = Rhein-Mainische
Musik- u .Theaterzeitung.
RWZ = Rheinisch-West-
falische Zeitung.
SB = Sitzungsberichte.
Sch = Schulthess Europa-
ischer Geschichtskalen-
der (Totenliste) .
SchK— Schwabisch . Kronik .
SchM = Schwabischer Mer-
kur.
SchwM — SchM.
SMH = Suddeutsche Mo-
natshefte.
SozMH = Sozialistische
Monatshefte.
StE = Stahl und Eisen.
TB = Thieme-Becker, Allg.
Lexikon der bildenden
Kiinstler.
ri?=Tagliche Rundschau.
U = Universum.
UA T = Uradliges Taschen-
buch.
UK = Aschersons Univer-
sitatskalender.
VDI = Zeitschrift des Ver-
eins Deutscher Inge-
nieure.
VZ = Vossische Zeitung.
WI = Degeners Wer ist's ?
WJ = Wiirtternbergisches
Jalirbuch.
WKW = Wiener KUnische
Wochenschrift.
WMW = Wiener Medizi-
nische Wochenschrift.
WN = Wiirttemberg. Ne-
krolog.
WZ = Weser-Zeitung.
ZB (41 ff.) = BZ.
ZBbl = Zentralblatt fiir
B ibliothekswesen .
ZBV = Zentralblatt der
Bauverwaltung .
ZIB = Zeitschrift fur In-
strumentenbau .
* = geboren.
f = gestorben.
a = begraben.
Totenliste 1917
Abtl, Heinrich v., 1864 — 97 Oberbiirger-
meister von Ludwigsburg, 188 1 — 1900
Mitgl. d. Wiirtt. Landtags (Gast der
Deutschen Partei), seit 1891 Mitgl. des
Disziplinarhofes f . Korperschaftsbeamte,
Ehrenbiirger von Ludwigsburg; * Lud-
wigsburg 8. VI. 1825, -f ebenda 23. I. -
WN 1— 10 (Belschner) u. S. 165.
Aehelis, Friedrich, Prasident des Aufsichts-
rats des Norddeutschen Lloyd, Konsul;
* Bremen 3. III. 1840, f Bremen 20. V. —
FZ 21.V. (2. M.-Bl. S. 3) ; IZ 3857 (Ehlers)
(P); JSTG 19 (1918), 96—98; ZB 41
[Universuin, Weltrundschau 220 (Stetten-
heim)].
Adam, Alexander, Professor, Komponist
u. Musikdirektor in Freiburg i. B.;
* Bruchsal 24. XI. 1853, f Freiburg i. B.
10. VI. — W.: »Jos Fritz* (Oratorium),
Te Deum, Sinfonie; LpZ 15. VI.; J P 85;
DSBZtg 316; Signale 510; RMTZ 246;
Deutsche Tonkiinstlerztg. 148; NMZ 38,
327; FAT 6 (W).
Albrecht, Michael, Dr. phiL, Geh. Hofrat,
o. Prof. d. Tierheilkunde und Geburts-
hilfe a. d. Tierarztl. Hochschule Miinchen,
Mitgl.d.Obermedizinalausschusses; *Ret-
tenburg 7. V. 1843, t Miinchen 5. VII. —
FZ 12.IX. (A.-Bl.);L54(Juli i9i8),S.54;
MMW 1224; LZ 910; WI 8 1767; ZB 41
[Schweiz. Archiv fiir Tierheilkunde 59,
641]; AA.
# AJImenrdder, Leutnant und Kampfflieger
(39 Luftsiege) , Ritter d. »Pour le M£rite«;
* Wald (Kr. Solingen) 3. V. 1896; f bei
Zillebeke so. v. Ypern 27. VI. [0 in
Wald]. — IZ 3866 (P); E 1087 (P) ; AA.
AndUw-Homburg, Kamill Graf v., badi-
scher Kammerherr und Obersthofmeister
der Groflherzogin Luise von Baden;
* Freiburg i. B. 31. XII. 1849; f Schlofi
Mainau 27. VIII. — FZ 28. VIII. (2. M.-
Bl.); GT 1920.
Arminius, Wilhelm, [urspriinglich : Hermann
Sehultie 11910 Namenwechsel !] , Dr . phil. ,
Prof., Gymnasialoberlehrer, Mitgl. d. Ge-
meinniitz. Ges. der Wiss. in Erfurt, Ver-
f asser vaterlandischer Romane ; * Stendal
20. VIII. 1861; t Weimar 3. V. — W.:
Yorks Offiziere (Roman) ; Altweimar
(Buhnendichtung) ; Luther auf der Coburg
( Buhnendichtung) ; J iigerblut (6 1 9 1 7) ;
Kunstlernovellen (2i9i4); Und setzt ihr
nicht das Leben ein (Roman 8i9i4). —
LE 19, u6i;BBl532(Nr. 105) ; LpZ 7. V.;
LZ 493; WI8 1767; KL 17 (W); BR VI,
342 f. (W).
* Astor, Robert, Dr. jur. Mitinh. der Musi-
kalienhandlung Rieter-Biedermann in
Leipzig, Vorsteher des Vereins der Deut-
schen Musikalienhandler; * Leipzig
31. VIII. 1876; f La Neuville (Cham-
pagne) 14. IV. Verleger von Brahms. Der
Verlag ging 19 17 in C. F. Peters-Leipzig
auf. — BB1 399 (Nr. 93), 401 (94) 699
(141). 77li. (151). 1086 (215); JP 85
[AMZ 288; NZ 148; ZIB 17, 228; Dt.
Tonk.-Ztg. 94; NMZ 38, 263; Klavier-
lehrer 89; RMTZ 192]; FAT 32^; A 387;
AA.
* Baare, Fritz, Dr.-Ing. e. h., Geh. Kommer-
zienrat, Generaldirektor des Bochumer
Vereins fiir Bergbau und Gufistahlf abd-
ication ; * Bochum 9 . V. 1 8 5 5 ; f Oey nhausen
10. IV. —FZ 12. IV. (2. M.-Bl.) ;MdT 10;
HPvSt. i9i8;WI8 1767; SozMH 649; JSTG
19 (1918). 98 f. ; StE 37. 392 u. 417 *• (P) ;
* VDI6i,4i7 (P); DBJ 3/8 (E. v. Mutius).
* Back, Karl August Albert 0 1 1 o , Dr. med.
h. c, D. th. h. c. Wirkl. Geh. Rat, Exzell.,
Altbiirgermeister von Straflburg, Kura-
tor der Universitat Straflburg; * Kirch-
berg i. Hunsriick 30. X. 1834; f Strafl-
burgi. E. 5. I. — FZ6. 1. (A.-Bl), 7. I.
(M.-Bl.) ; WI 8 1 768 ; DB J 8/1 3 (v.d.Goltz) .
Bacquehem, Oliver Marquis v., k. u. k.
Kammerherr, Geh. Rat, Minister a. D.,
1. Prasident des osterreichischen Ver-
waltungsgerichtshofes, Mitglied des oster-
reich. Herrenhauses ; * Troppau 25. VIII.
1847; t Wien 22. IV. — DGK; GT 1917;
BZZ 9 [NFP 24, 28. IV.].
646
Totenliste 19 17: Baeyer — Beck
* Baeyer, Ritter Adolf v., Dr. phil., med. h. c. ,
rer. not. h. c, Dr.-Ing. e. h., Geh. Rat,
Exzellenz, o. Prof. d. Chemie a. d. Univ.
Miinchen, Nobelpreistrager (1905) ; * Ber-
lin 31. X. 1835; f Miinchen 20. VIII. —
W.: Ges. Werke, 2 Bde. (1905). — FZ
18. IX (1. M.-BL); BB1. ion (Nr. 197);
WI8 1768; JZ 3870 (P); SozMH 899; (P) ;
E 1304 (P); HPSt 1918; GK; L 54
(Juli 1918), 54; MdT 1 if [Zeitschr. f.
angew. Chemie 30 (1917). 229, 231, 443];
MMW 1 160 u. 133 if. (Penzoldt); Alma-
nach AdW Wien 19 18, 248 — 255 (Weg-
scheider); Jb. AdW Miinchen 1918, 33
bis 59 (Willstatter) ; ZB 41 [Osterr. Che-
mikerztg. 216 u. 235 — 238 (Schleuk) u.
2 1 8 (Suida) ; Prometheus 29,1—5 (Bugge) ] ;
KL 05 (W); AT 1917; BZZ 9 [VZ 23.
VIII. ; TR 24. VIII. ; Diisseldorfer Zeitung
25. VIII.]; PFV50 [N III 191 5: Zu B.s
80.Geb.-Tag (Willstatter) (P)]; DBJ 215/
218 (Schlenck).
* Baldamus, Hartmuth, Leutnant und
Kampfflieger, Student des Maschinen-
baus, Ritter des Pour le mkrite ; * Dresden
10. VIII. 1 891 ; t bei St . Marie a Py 14. IV.
— GK; BZ 42 [Ecce du Crucianer 1917,
27]; AA.
Barber, Emil, Leiter des Botanischen Gar-
tens in Gorlitz; •Thiemendorf O.L. 14. I.
1857; f Gorlitz 26. IV. — W.: Flora der
Oberlausitz (3 Tie.; 1897 — 19l7)- —
Jahresber. der Schles. Ges. 95 (19 17), 1
bis 2 (Pax).
Barkhausen, Carl Georg, Dr. jur., Senats-
prasident, Biirgermeister von Bremen;
* Bremen 14. II. 1848; f Bremen 5. XI. —
FZ 7. XI. (2. A.-Bl.); DGK; WI 8 1767;
DZL 50.
* Bassermann, Ernst, Rechtsanwalt und
Stadtrat in Mannheim, M. d. R., Vor-
sitzender der Nationalliberalen Partei.
Major der Landwehrkavallerie ; * Wolf-
ach i. B. 26. VII. 1854; f Baden-Baden
24. VII. — FZ 24. VII. (A.-Bl.), 25. VII.
(1 M.-BL), 26. VII. (2 M.-BL), 29. VII.
(2.M.-B1.); Hamb. Fremdenbl., Wochen-
ausg. 19 17, 150, S. 6; IZ 3866 (Strese-
mann) (P) ; WI 8 1768; MWB1. 102, Nr. 12;
ZB 41 [Mannheimer Geschichtsbl. 18, 7y,
Deutsche Corpsstudentenztg. 236 — 241
(Buch) ; Universum, Weltrundschau 321
(Stettenheim)];ZB42 [Stresemann.Macht
und Freiheit,S. 82 — 99] ; ZB 43 [Univer-
sum, Weltrundschau 191 8, 34, 2 (FrieC)]. —
Elisabeth v. Roon, geb. Bassermann:
E. B., eine politische Skizze (Berlin 1925)
(P) ; G. Stresemann : Red en und Schriften
I, 140 — 163; Bassermannsche Familien-
nachrichten VII, 118 — 124 (Kriegs-
erinnerungen B.s); BZZ 19 [VZ 25. VII.
(May.) ; BT 24. VII. (Dombrowsky) ; HK
27. VII. (Sierke); Magdeb. Zeitung
25. VII.; Diisseldorfer Zeitung 25. VII.;
RWZ 25. VII.; SchM 28. VII.; LNN
25. VII.]; RH 1912, 203; R. Eickhoff:
Politische Profile (1927), S. 121 — 126;
Deutsche Stimmen, Jg. 39 (1927), 14,
S. 417 — 419; Mittelmann, Ernst B.s
Reden und Aufsatze I.Berlin 1914; DBJ
13/18 (Goldschmidt).
Bauer, Max Hermann, Dr. phil., Geh. Reg.-
Rat, o. Prof, der Mineralogie u. Petro-
graphie a. d. Univ. Marburg; * Gnaden-
thal b. Schwab.-Hall 13. IX. 1844;
f Marburg 4. XI.— FZ. 7. XI. (A.-Bl.) ;
DGK; LZ 1 1 19; Zentralbl. f. Mineral.,
Geol. u. Palaontol. 19 18, 73 — 79; WN
146 — 149 (Brauhauser) ; L 53 (Nov.
1917), 74; PM 64, 30; ZB 42; KL 17;
K 28 (W).
Bauermeister, Max, Lustspieldichter ; • Ber-
lin 25. II. 1841; f Berlin 23. I. — LpZ
25. I.; Dtsch. Biihnenjb. 29 (1918), 161;
BR I, 141 f (W).
Baumeister, Reinhard, Dr. med. h. c, Dr.-
Ing. e. h., Geh. Rat, Prof. d. Ingenieur-
wissenschaften und des Stadtebaues a.
d. Techn. Hochschule Karlsruhe; * Ham-
burg 11. XII. 1833; f Karlsruhe 11. XII.
— FZ 12. XII. (A.-Bl.); DGK; LZ 1233
BB1 1260 (Nr. 291); ZB 42 [DBZ 52, 6
S. 14 (Eiselen); VDI IX, 10 (Lang)
Zeitschr. d. Verb, dtsch. Archit. u. Ing.-
Vereine VII, 5] ; M7 I, 1598.
Baumeister, Bernhard, s. Baumuller.
BaumQller [Pseud. Baumeister], Bernhard.
Regisseur und (seit 1852) Hofschauspieler
am Wiener Burgtheater, Nestor der deut-
schen Schauspieler ; * Posen 28. IX. 1828;
f Baden b. Wien 26. X. — FZ 27. X.
(A.-Bl); DGK; WI 8 1768; SozMH 1198;
IZ 3880 (P) ; Neue osterr. Biographie Bd
I. 195 — 203 (Wittmann) ; ZB 41 [Schau-
biihne 444 — 447 (David)]; ZB 42 (Jahrb.
der dtsch. Shakespeare-Ges. 54, 74 — 89) ;
EG6if.
Bautz, Josef, Dr. theol., a.o. Prof. d. kathol.
Dogmatik u. Apologetik a. d. Univ.
Munster; • Keeken b. Cleve 20. XI. 1843;
f Munster 19. III. — W.: Grundziige der
kathol. Dogmatik (3 Tie., 1880 — 90). —
FZ 21. III. (A.-BL); HPSt; DGK; LZ
361; SozMH 550; K 32 (W); AA.
• Beck, Theodor, Dr.-Ing. e. h., Prof. a. D.
der Techn. Hochschule Darmstadt, Histo-
riker der Technik; • Darmstadt 3. VI.
1839; f Darmstadt 30. VII. — W.: Ber-
trage zur Geschichte des Mascliinenbaues
1899, 2. Aufl. 1900. — FZ 14. VIII.
Totenliste 19 17: Becker — Bettinger
647
(A.-Bl.) ; WI* 1 768 ; MdT 1 5 f . (C.Walther) ;
ZB 41 [Geschichtsbl. fiir Technik, Ind.
u. Gewerbe IV, 161 (Feldhaus); VDI 61,
772]; DBJ 18/21 (Meisel).
Becker, Hans, Violinist, Professor, Lehrer
am Konservatorium der Musik in Leipzig ;
•StraCburg i.E . 12. V. i860; f Leipzig
1. V. — AMZ 44, 317; NMZ 38, 263;
Deutsche Tonkiinstlerzeitung 94; Neue
Zeitschr. f. Musik 164; Der Klavierlehrer
89; LpZ 2. V.
# Behrens, Wilhelm, Dr. phil., Privatdozent
der Mathematik a. d. Univ. Gottingen,
Leutnant d. Res. ; * Hannover 9. X. 1885 ;
t 23. VI. — LpZ 5. VII.; SozMH 847;
HPSt 1918; PF V 85 (W); AA.
* Bchring, Emil v., Dr. med., Wirkl. Geb.
Rat, Exzellenz, o. Prof. d. Hygiene a. d.
Univ. Marburg, Begriinder der Serum-
therapie; • Hansdorf b. Dt.-Eylau
(Westpr.) 15. III. 1854; t Marburg 31.
III. — LpZ 2. IV.; FZ 31. III. (A.-Bl.),
2. IV. (M.-Bl. u. A.-BL), 4. IV. (I.M.-B1.)
und 28. IV. (A.-Bl.); Hamb. FBI.,
Wochenausg. 134 (9. IV.); BB1. 324
(Nr. 78); Aus der deutschen Tages-
presse i9i7,Nr. 15; LZ 392; SozMH 446!.
(Kraft); IZ 3851 (Marcuse) (P) ; HPSt
1918; WI8 1768; MMW 480 u. 585f.
(Matthes), 1235—39 (v. Gruber); L 54
(Juni 1918), S. 51; BZ 41 [Internat. Zbl.
furTuberkuloseforschung XI, 282 (Much) ;
Die Irrenpflege 2 1 , j^ — 76 (Schottelius) ;
WKW 483 — 486 (Joannovics) ; Zeitschr.
fiir Tuberkulose 28, 196 (Much); Uni-
versuni (Weltrundschau) 137 (Romer)];
In memoriam Paul Ehrlich und E. v.
Behring, Frankfurt a. M. 1924 (W) ;
AT 1917; PBL 125 f. (P), (W); BZZ 9
[BT 1. IV. (Friedemann) ; SchM 2. IV.;
VZ 1. IV. (Morgenroth) ; KZ 1. IV.; TR
2. IV. (Weber); Konigsb. Hartungsche
Ztg. 6. IV. (Gerber); Pester Lloyd
29. V.] DBJ 21/26 (Dold).
Benary, Friedrich, Kommerzienrat, In-
haber der Samenhandlung E. Benary u.
President der Handelskammer in Erfurt :
♦ Erfurt 4. I. 1850; j Erfurt 12. VI. —
FZ 13.VI. (1. M.-Bl.); DGK; AA.
Benecke, Ernst Wilhelm, Dr. phil., em. o.
Prof, der Geologie u. Mineralogie a. d.
Universitat Straflburg, ehem. Leiter der
geolog. Landesuntersuchungsanstalt fiir
ElsaU-Lothringen, korresp. Mitglied der
AdW Berlin und der GdW Gottingen;
* Berlin 16. III. 1838; | StraBburg i. E.
7. III. — LpZ 9. III.; SozMH 899; FZ
10. III. (A.-Bl.); HPSt 1918; GA 103;
BB1 244 (Nr. 59) ; DZL 82 ; L 54, ^ 1 f . ; K
(W).
Berger, Josef, Edler v. Weyerwald, Hofrat,
Sektionschef im osterreich. Unterrichts-
ministerium; * Weyer 11. III. 1836;
f Wien 30. VI. — Oberosterreichische
Mannergestalten (Linz 1926), S. 74
(Schenk) (P) [Festschrift der Linzer
Bundes-Lehrer- und Lehrerinnen-Anstalt
(1926), S. 38f. u. 5of.].
Bergmann, Fritz, Dr. med. h. c, Verlags-
buchhandler in Fa. I. F. Bergmann und
C. W. Kreidels Nachf. in Wiesbaden.
* Wiesbaden 23. XL 1849; f Konigstein
22. VIII. — FZ 26. VIII. (2. M.-Bl.);
BB1 1028 (Nr. 200); MMW 1160; AA.
Berlage, Carl Franz, Dr. theol, Dompropst
der Metropolitankirche zu Koln, papstl.
Protonotar u. Hauspralat; * Salzbergen
(Kr. Lingen) 20. VIII. 1835 ; f Koln a.Rh.
27.I.— AA.;LpZ29.I.;HPStiqi8; WI*
1768; ZB 41 [Mitteil. d. Ver. f. Gesch. 11.
Landeskunde v. Osnabriick 40, 399];
ZB 42 [Alt-K61ner Kalender 1918, 87].
# Bemrelter, Rudolf, osterreich. Dichter u.
Schriftsteller, Leutnant; * Marburg a.
Drau 25. III. 1895; t am Isonzo 18. V.
— W.: Kiiegsgedichte ; Kriegserzah-
lungen ; O du mein Volk ( Versspiel * 1 9 1 4) .
— LZ 589; SozMH 806; Osterr. Rs. 63,
237f. (Kukula); KL 17 (W).
Bernstein, Julius, Dr. med., Geh Medizinal-
rat, em. o. Prof. d. Physiologie u. Direk-
tor des Physiologischen Instituts der
Universitat Halle; * Berlin 8. XII. 1839;
f Halle 6. II. — W.: Lehrbuch der Phy-
siologie (1894). — FZ 9. II. (A.-Bl.);
BB1 131 (Nr. 33/34); M 201 u. 225;
SozMH45i;MMW24o;LS3(Febr. 1917),
S. 17; HPSt 1918; WI8 1768; DZL 96;
HBL I 424; PBL 153 (P) (W); K (W).
t& Berrer. Albert, Kgl. Wiirtt. Generalleut-
nant, Fiihrer des Generalkommandos 51,
GroBkreuz des Friedrichsordens m. Schw. ,
Ritter des Pour le mkriie ; * Unterkochen
b. Aalen 8. IX. 1857: f San Gotthardo vor
Udine 28. X. — Schlacht in Lothringen
1 9 14, Somme Herbst 19 14, Masuren-
schlacht 191 5, Litauen 191 5, Narodzsee
191 5, Durchbruchsschlacht in Ostgalizien
19 1 7, t)bergang iiber die Diina bei Riga
1917, Schlacht am Isonzo 1917. — FZ
4. XI. (1. M.-Bl.); ERL; DGK; WN 143
bis 146 (v. Muff); Schw. Merkur 559
(v. Muff).
* Bettinger, Franz Karl v.. Dr. theol., Kar-
dinal, Erzbischof von Munchen-Freising,
kathol. Feldpropst der bayerischen
Armee; * Landstuhl (Pfalz) 17. IX. i8«;o;
t Miinchen 12. IV. — FZ 13. IV. (1. M.-
Bl.) ; DGK; IZ 3852 (P) ; ZB 44 [Zeitschr.
f. kathol. Theol. 43, 371]; BZZ 9 [Ger-
648
Totenliste 191 7: Bezzel — Blumenthal
mania 13. IV.; MNN 1. IV.; KV 13. u.
16. IV.]; M7 II 276; Preysing, Kard. B.,
Regensburg 1 9 1 8 ; DB J 2 7/3 1 (Knecht) (L) .
* Bezzel, Hermann, RHter von. Dr. theol.,
President des Evangel. Oberkonsistoriums
in M iinc hen, Exzellenz; * Wald bei Gun-
zenhausen 18. V. 1861 ; f Miinchen 8. VI.;
begraben Wald b. Gunzenhausen. —
W.: Ges. Aufsatze (1918). — BB1 668
(Nr. 133); ELK 50, 24. Sp. 5651. u. 5731-.
25, 598f.; ELK 51, Nr. 30, 34, 35, 36, 37,
38, 39, 40, 41, 42 u. 44 (E. Bezzel, Gdtz
u. a.); ZB 41 [Kirch 1. Jahrb. 44, 428
(Kropatschek) u. 610 (Schneider); Ev.-
luth. Missionsbl. 72, 172; Vierteljahrschr.
f. innere Mission 37, 261 (Ulbrich) ; Pro-
testantenblatt 479 ; Neue Kirchl. Zeitschr .
28, 481 — 494 (Engelhardt)] ; ZB 42 [Allg.
Rundschau 14, 401 ; Studierstube 16, 44
bis 48]; ZB. 43 [Protest. Monatsh. 1918,
345 (Schwerdtmann)] ; Lebenslaufe aus
Franken II, 29 ff. (Sperl); M7 II, 313;
DBJ 31/35 (Rupprecht), dort S. 35 auch
ein Verzeichnis der iiber B. erschienenen
Biicher (L).
Blreh-Hfrsohfeld, Adolf, Dr. phil.t Geh. Hof-
rat, o. Prof, der neueren Sprachen a. d.
Univ. Leipzig, o. Mitgl. d. Kgl. Sachs.
Ges. d. Wiss. ; * Kiel 1 . X. 1849; t Leipzig
1 1 . 1. — W. : Geschichte der franzdsischen
Literatur (mit H. Suchier) (a 191 3). —
LpZ 12. I.; LZ8o;WI8 1769; LE 19. 648;
DGK ; Ber. Verh. GdW Leipzig, Phil.-hist .
Klasse 1917, VIII, 1 — 14 (Forster);
ZB 41 [Zeitschr. fur franz. u. engl. Unter-
richt 16, 195 — 199 (Frankel)]; KL 17
(W) ; GroBe jiidische Nationalbiogr. I 378.
#Bisehott(-Culm), Ernst, Maler, Mitglied
der Berliner Sezession; * Culm a. W.
13. III. 1870; I (Juli/Aug.) 191 7 in
Frankreich. — W.: Auf dem Wege zur
Kirche (Museum, Magdeburg); Die
Fluchtlinge von Memel; Portrat Hey-
manns im Berliner Rathaus; Zeitschrif-
tenillustrationen. — BB1 968 (Nr. 188);
Kchr. NF 28, 41, Sp. 484; SozMH 958;
TB IV, 57, MS VI, 27.
* Blssing, Freiherr Moritz v., Generaloberst,
Generalgouverneur von Belgien, a la suite
des Regiments der Gardesdukorps ; * Bell-
mannsdorf (Schles.) 30. I. 1844; f Trois-
Fontaines bei Briissel 18. IV. — FZ
19. IV. (2. M.-Bl.) (A.-Bl.), 21. IV. (2.M.-
Bl.); HPSt 1918; MWB1. 101, Nr. 172;
WI8 1769; DGK; ERL; SozMH 429
u. 491; E 653 (P); ZB 41 [Deutsch-
lands Erneuerung 381 (B.s Politisches
Testament); Allgem. Literaturbl. 353 bis
358 (Neuwirth); Deutsche Revue (Okt.)
72—76]; ZB 42 [Allgem. Rundschau 14,
326]; ZB 43 [Nord u. Slid 5. 663—667
(Lindequist)] ; FT 1918; Das Echo, Jahrg.
36, 604; BZZ 9 [NA 20. IV.; BT 19. IV.
(Michaelis); Dresdner Anz. 20. IV.;
Zuricher Post 20. IV.; VZ 21. IV. (Rau-
scher); Schw M 19. IV, 25. IV; Ger-
mania 23. IV.; NPZ 25. IV.]; LA (W);
DBJ 35/54 (OBwald).
Blankenburg, E., s. Gnauck-Kiihne.
Blankenhorn, Ernst, Dr. phil., Kommerzien-
rat, Weingutsbesitzer, M. d. R. und des
bad. Landtags (Nationallib.) ; * Mull-
heim (Baden) 14. VI. 1853; t Miill-
heim 19. V. — FZ 20. V. (2. M.-Bl.),
22. V. (2. M.-Bl.), 23. V. (A.-Bl.); RH
1912, 213.
Bleichrfder, Hans v., Kommerzienrat, Kon-
sul, Bankier, Seniorchef des Bankhauses
S. Bleichrdder; • Berlin 13. II. 1853;
f Berlin 1 1 . I. — FZ 1 1 . I. (A.-Bl.) ; WI8
1769; DGK; Grofle Jiidische National-
biographie, I 387 f.; AT 191 7.
Blennerhasset, Charlotte, geb. Grafin v. Ley-
den, Dr. phil. h. c, Schriftstellerin und
Geschichtschreiberin ; •Miinchen 19. II.
1843; f Miinchen 11. II. — W.: Frau
v. Stael (3 Bde., 1887/89; franz. 1890.
engl. 1891); Talleyrand (1894, engl.
1894); Maria Stuart (1907); Streiflichter
(Essays, 191 1, engl. 1912). — FZ 13. II.
(2. M.-Bl.); BB1 144 (Nr. 37); LZ 225;
SozMH 264f.; IZ 3844 (P) ; WI8 1769; HV
18, 344; H 14, 6. Sp. 753f.;LE 19, 603 bis
605 (Heilborn) ; 719 — 721 u. 777 f. (v. Bun-
sen); KL 17 (W); BZZ9[NZZ 31. XII.
1916; HN 27. II.; BT 26. II.]; PY I 77.
Blumenthal, Oskar, Dr. phil., Schriftsteller.
Lustspieldichter, Kritiker des Berliner
Tageblatts, Griinderu. (1888 — 97) Leiter
des Lessingtheaters; • Berlin 13. III.
1852; f Berlin 24. IV. — W.: Im weifien
RoBl (Lustspiel, mit Kadelburg) (1898).
— FZ 25. IV. (2. M.-Bl.), 25. IV. (A.-Bl.),
27. IV. (2. M.-Bl.), 2. V. (A.-Bl.) (Claar),
11. V. (A.-Bl.); HFBL, Wochenausg. 137
(29. IV.); BB1 424 (Nr. 97); LZ 468;
SozMH 555f. (Zepler); IZ 3854 (Claar)
(P); WI8 1769; ZB 41 [Universum, Welt-
rundschau 175 (Kappstein)] ; LE 19.
io68f. u. 1096 [N. Wiener Journal 8436;
Zuricher Post 193; KZ 401; Konigsb.
Hartungsche Ztg. 191 ; Berl. Tagebl. 208;
Berl. Borsen -Courier 191]; Deutsches
Biihnenjahrbuch 29 (1918), 1 67 f . ; KL 17
(W) ; BR 1 266 f. (W) ; ZB 44 [Die deutsche
Buhne, Jahrg. IX 244] ; BZZ 9 [Konigsb.
Hartungsche Ztg. 25. IV.; FZ 2. V.
(Claar); VZ 25. IV. (Claar); BT 25. IV.;
NFP 25. u. 26. IV. u. 1. V. (Lindau); BT
28. IV. (Engel)].
Totenliste 1917: Boch-Galhau — Brandt
649
#1 Boeh-Galhau, Roger, Dr. rer. pol., Gene-
raldirektor der Firma Villeroy & Boch
in Mettlach, Herr auf Linslerhof, Ritt-
meister d. Res. des 2. Gardedragoner-
xegiments; * Mettlach 10. XII. 1873; t
22. VII. — FZ 29. VII. (2.M.-BI.) HPSt
1918; AT jqio.
Bftekenhoff, Karl, Dr. theol., Dr. jur. can.,
o. Prof. d. kathol. Moraltheologie a. d.
Univ. Strafiburg; • Schermbeck 10. VII.
1870; t StraBburg i. E. 9. V. — W.:
Kathol. Kirche u. moderner Staat (191 1) ;
Reformehe u. christl. Ehe (191 2); Das
ubernaturliche Leben (1916). — FZ 16. V.
(A.-Bl.) ; LpZ 1 1 . V. ; LZ 541 ; KL 17 (W) ;
Herders Konvers.-Lex. II. Erg.-Bd.
Bode, Adolf, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat, Pro-
vinzialschulrat in Konigsberg, Padagoge ;
* St. Andreasberg (Hannover) 13. VI.
1833; | Konigsberg i. Pr. 21. IV. — LZ
201; HPSt 1918; ZB 42 [Unterr. f. Ma-
them. u. Naturwiss, 23, 2 und 30
(Schwab)]; AA.
Boos, Heinrich, Dr. phil., o. Prof, der mitt-
leren u. neueren Gesch. a. d. Univ. Basel.
Erforscher rheinischer Stadtegeschichte ;
•Cannstadt 14. VI. 185 1. f Basel VII. —
W.: Gesch. der Stadt Basel im Mittel-
alter (1877); Urkundenbuch der Land-
schaft Basel (3 Bde., 1881/83); Gesch.
der Rheinischen Stadtekultur (4 Bde.,
* 1 897/ 1 901); Gesch. der Freimaurerei
(* 1906). — LpZ 20. VII.; FZ 19. VII.
(A.-Bl.); LZ 773; SozMH 1007; ZB 43
[Anzeiger fur Schweiz. Gesch. 49, 92];
KL 17 (W).
Borehardt, Hans Genremaler; * Berlin
11. IV. 1865; f Munchen 8. I. — W.:
Der Brief (Neue Pinakothek, Munchen).
— FZ 10. I. (A.-Bl.); DGK; Kchr, NF
28, 17, Sp. 164; WI7 164. 8 1769; BB1 32
(Nr.8);MSV, 33 u. VI, 32.
Borekenhagen, Ludwig, Admiral z. D., zu-
letzt Inspekteur des Bildungswesens der
Kaiserl. Marine, Reichskommissar beim
Oberprisengericht ; * Minden i. W. 1 5 . VII.
1850; f Berlin 17. VI. — MW 101,
Nr. 200; BB1 728 (Nr. 143); AA.
Bormann, Eugen, Dr. phil., Hofrat, em. o
Prof, der alten Geschichte u. Epigraphik
a. d. Univ. Wien, o. Mitgl. d. AdW Wien,
korr. Mitgl. d. AdW Berlin; * Hilchen-
bach (Westfalen) 6. X. 1842; f Kloster-
neuburg 5. III. — FZ 7. III. (A.-Bl.);
LpZ 6. III.; BB1 232 (Nr. 56); DGK;
LZ 304; SozMH 265; LE 19. 843; HPSt
19 18; HV 18, 344; Almanach AdW Wien
19 17, 454 — 466 (Kubitschek) (P); ZB 41
[Mitteil. d. k. k.Geogr. Ges. in Wien 60,
409 (Frankfurter)] ; ZB 42 [Das humanist.
Gymnasium 1918, 24 — 27 (Griinwald)];
K 73 (W); Pfortner-Ecce 1917. 16 — 19;
M7 II 676.
Bdrngen, Viktor, Dr. jur., President desThu-
ringischen Oberlandesgerichts in Jena;
* Altenburg (Thiir.) 19. X. 1855; t Jena
9. III.— AA; DGK; HPSt 1918; ZB 42
[Bl. fur Rechtspflege in Thuringen u. An-
halt 64, 81 — 109].
Bosch, Ernst Karl, Portrat- und Genre-
maler, Archivar des Kunstlervereins
»Malkasten«; * Krefeld 23. III. 1834;
f Diisseldorf 22. III. — W.: Bauernlrin-
der u. Savoyardenknabe (1869, Bremen,
Kunsthalle); Savoyardenknabe (1868,
JIannover, Provinzialmuseum) ; Illustr.
zu »Werthers Leiden*. — LpZ 24. III.;
DGK; Kchr, NF 28, 27 Sp. 280; WI7
170.8 1769; TB IV 386; MSI 157, VI 33.
Boese, Johannes, Professor, Bildhauer
* Ratibor 27. XII. 1856; f Berlin 20. IV
— W.: Kriegerdenkmal (Hasenheide)
Denkmal Albrechts des Baren (Berlin)
Kaiser Wilhelm-Denkmal (Liegnitz), Kai
ser Friedrich- Denkmal (Posen) . — Kchr
NF 28, 30 Sp. 308; DGK; ZB 42 [Ober
schlesien 16, 82]; WI8 1769; TB IV, 206
(W);MSV3o, VI3o(W).
Bdttger, Hermann Julius, Dr. phil., Chel-
redakteur der » Pharmazeutischen Zei-
tung«; • Strelno (Posen) 28. H. 1843;
f Berlin 2. XI. — W.: Die preufi. Apo-
thek.-Gesetze (5 191 3); Die reichsges.
Bestimmungen iiber den Verkehr mit
Arzneimitteln (4 1902). — MMW 15 12;
DGK; WI8 1769; ZB 41 [Berichte der
dtsch. pharmaz. Ges. 27, 421 (Arends) ;
Pharmaz. Post 785; Pharmaz. Zeitung
607 (Urban)]; KL 17 (W) ; M7 II 721.
Braaseh, August Heinrich, D. theol., Ober-
pfarrer u. Superintendent in Weimar,
theol. u. philos. Schrif tsteller ; * Liens-
feld b. Eckernforde 4. I. 1846; f Wei-
mar 9. XI. — W.: Die religiosen Stro-
mungen der Gegenwart (2 1909). — LZ
1164; BB1 1223 (Nr. 272); KL 17 (W) ;
AA.
Brandls, Otto, Dr. jur., Prasident des han-
seatischen Oberlandesgerichts; * Liibeck
7. IX. 1856; f Hamburg 20. VII. — W.:
Dasdeutsche Seerecht (2 Bde., 1908) ; Her-
ausgeber der »Hanseat. Gerichtszeitung*.
— BB1 872 (Nr. 170); DGK; DZL 165.
Brandt, August, Dr. theol., o. Prof, der
kathol. Pastoraltheologie a. d. Univ.
Bonn; • Vaels 22. VIII. 1866; f Bonn
21. I. — FZ 23. I. (A.-Bl.); HPSt. 1918;
LZ 143; LpZ 24. I.; ZB 42 [Die literar.
Gesellschaft IV, 217 — 227 (Himmel-
heber)]; A A.
650
Totenliste 191 7: Brauer — Biilbring
Brauer, August, Dr. phiL, Geh. Reg.-Rat,
o. Prof. d. Zoologie a. d. Univ. Berlin,
Direktor des Zoologischen Museums;
* Oldenburg 3. IV. 1863; | Berlin 10. IX.
— FZ 14. IX. (2. M.-Bl.); BB1 1080 (Nr.
215); HPSt 1918; L 54 (Juli 1918), 54f;
LZ 933; ZB 41 [SB der Ges. naturforsch.
Freunde Berlin 497 (Heinroth)]; ZB 42
[Zeitschr. fur Ethnol. 49, 206]; ZB 43
[Abh. der AdW Berlin, Phys. Kl. 1918.
Beilage 3 — 6 (Waldeyer-Hartz) ; Mitteil.
des Zoolog. Museums Berlin X, 1 — 12
(Vanhoffen)] ; KL 17.
* Brentano, Franz v., Dr. phiL, vormals
Prof, der Philosophic a. d. Univ. Wien,
korresp. Mitgl. d. AdW Wien und Berljn,
Philosoph u. Psycholog, Verkiinder der
Idiogenetischen Urteilslehre ; * Marien-
berg b. Boppard 16. I. 1838; f Zurich
17. III. — W.: Uber die Zukunft der
Philosophic (1893); Untersuchungen zur
Sinnespsychologie (1907); Aristo teles
(1914)- — FZ 24. III. (A.-Bl.); LpZ 19.
III.; BB1 280 (Nr. 68) ; LE 19, 9<>7 u. 942 ;
LZ 361 ; SozMH 438 u. 65of . (Nachman-
sohn); HPSt 1918; ZB 41 [Kantstudien
22, 217—242 (Utitz); H (Sept.) 760 (Ett-
linger) ; Zeitsclir. fiir Hochschulpadagogik
VIII 2/3]; ZB 42 [A. Marty, Ges. Schrif-
ten (19 1 8) I 1, 95 — 104]. — Almanach
AdWr Wien. 506—518 (Hofler); Neue
osterr. Biogr. Ill, S. 102 — 1 18 (0. Kraus)
(P; W); [NFP 20./21. IV (Cloeter) u.
19./23.V. 1923 (v. Winter); SMH (Marz-
hef t) ( Hofler) ; Lebenslauf e aus Fran-
ken II, 67fl (1922) (Stumpf) ; Zeitschr. fiir
osterr. Mittelschulen II 3 (Schlogl, mit
Quellenangaben !) ; Monatshefte fiir pad-
agog. Reform (19 18; Sonderheft, dem
Andenken von F. B. gewidmet); Dora
Stockert-Meynert, Aus meinem Vater-
hause, Erinnerungen an F. B.; 0. Kraus,
F. B. (Miinchen 19 19; S. 1 Verz. der er-
schienenen Nekrologe! m. P) ; M. Puglisi,
F.B. (Rom 1921, italienisch)]; KL17 (W) ;
ZB 44 [V. KrauB, F. B. Miinchen 19 19
(0. Kraus u. a.)]; BZZ 9 [Leipziger
Volkszeitung 5. IV.; NZZ 28. III. u.
ff.; K V 5. V.; Frank. Kurier 28. IV.
u. ff .] ; Neue Osterr. Biogr. Ill (0. Kraus)
1926; DBJ 54/61 (Stumpf) (L).
Brode,Max, Professor, Geigen virtuose, Leiter
der Konigsberger Singakademie, Schopfer
der Konigsberger Sinf oniekonzerte ; ♦Ber-
lin 25. II. 1850. f Konigsberg 30. XII. —
FZ 1. I. (2. M.-Bl.); SozMH 1912, 220
(Schwarz); JP 86 [AMZ 1918, 11; NZ f .
Musik 1918, 12; Signale 1918, 50; DMZ
1918, 10; NMZ 39, 128; Dt. Tonk.-Ztg.
1918, 11]; R i65f; FAT q6; A 72.
Bruenneck, Wilhelm v., Dr. jur., Dr. phU.
h. c, Geh. Justizrat, o. Hon.-Prof. des
deutschen biirgerl. Rechts u. der Rechts-
geschichte a. d. Univ. Halle; • Berlin
7. III. 1839; t Halle a. S. 13. IV. — W.:
Siziliens mittelalterl. Stadtrecht (1881);
Zur Gesch. des Grundeigen turns in Ost-
u. WestpreuBen (3 Bde., 1891/96); Das
Pfandbrief system der preuBischen Land-
schaften (1910). — FZ 14. IV (A.-Bl.);
BBL 376 (Nr. 88) ; HV 18, 344^ : LZ 445 ;
ZB 43 [Zeitschr. d. Savigny-Stiftung.
German. Abt. 39. V— XXIV (Rehme)];
KL 17 (W); K 89 (W).
Buchka, Karl v., Dr. phiL, Wirkl. Geh.
Oberregierungsrat, Prof. d. Chemie a. d.
Techn. HochschuleBerlinu. a.o. Prof. a. d.
Univ. Berlin, Vortrag. Rat im Reichs-
schatzamt, Vorsteher der Kaiserl. techn.
Priifungsstelle, Vors. der Gesellschaft fiir
Geschichte der Medizin und Naturwissen-
schaft; * Rostock 7. V. 1856; f Basel
16. II. — Mitherausg. des Archiv fiir die
Gesch. der Naturwiss. u. der Technik und
der Zeitschr. fiir Untersuchung der Nah-
rungs- u. GenuBmittel. — W.: Lehrbuch
der analyt. Chemie (a 1902); Die Nah-
rungsmittelgesetzgebung im Dtsch. Reich
(* 1 9 1 2) ; Die Lebensmittelgewerbe (4 Bde . ,
1916 — 17). — LpZ 19. II.; LZ247; HPSt
1918; BB1 172 (Nr. 43); MMW 344; WI7
212; 8i77o; KL 17 (W); AT 1919; PF
V 182 (W).
§j Buchner, Eduard, Dr. phiL, Geh. Reg.-
Rat, o. Prof, der Chemie a. d. Univ.
Wiirzburg, Nobelpreistrager, Major d.
Reserve; * Miinchen 20. V. i860; f 13.
VIII. in einem Feldlazarett in Fokschani
(Rumanien). — FZ 26. VIII. (2. M.-Bl.) ;
LZ 861; SozMH 1092; L 53 (Okt. 1917).
71; BB1 1032 (Nr. 201); MMW 1160;
Jahrb. d. Schles. Ges. 95 (191 7), 2 — 4
(Biltz) ; ZB 41 [Chem.-Ztg. 753 (Harries) ;
Osterreich. Chem.-Ztg. 228 (Jalowetz);
Gesch.-Bl. fiir Technik, Ind. u. Gew. IV,
160] ;KL 17; PFV182 (W).
Buhard, Alfons, Dr. phiL, Direktor des
stadtischen chemischen Untersuchungs-
amts in Stuttgart, Vors. des Wiirtt. Be-
zirksvereinsDeutscherChemiker; • Pforz-
heim 18. H. 1861; f Stuttgart 29. V. —
W.: Hilfsbuch fiir Nahrungsmittelche-
miker — WN 172 (HaeuBermann) ; ZB 4 1
[Zeitschr. f. angew. Chemie 500; Zeitschr.
f. Untersuchung der Nahrungs- u. Ge-
nuBmittel 34, 464].
Bfllbring, Karl, Dr. phiL, D. theoL, Geh.
Reg. -Rat, o. Prof. d. englischen Philo-
logie a. d. Univ. Bonn; * Voerde 24. VTI.
1863; f Bonn 22. III. — BB1 308 (Nr. 74) ;
Totenliste 191 7: Bulle — Drager
651
HPSt 1918; le 19, 970; tz 392; wr
217, 8 1770; KL 17.
Bulle, Oskar, Dr. phil., Professor, General-
sekretar der Deutschen Schiller-Stiftung,
Schriftsteller u. Dramatiker, friiher
Schriftleiter von »Die Gegenwart«;
* Lehesten 14. VIII. 1857; f Weimar
24. XII. — W.: Handbuch der Archao-
logie (I9i3f.). — FZ25.XII. (2.M.-B1.),
2. I. 1918 (A.-Bl.); BB1 1284 (Nr. 303);
LZ 1918, 20; SozMH 1918, 108; WI7 222,
8 1770; LE 20, 559; ZB 41 [IZ 26 (A. Teu-
tenberg)]; KL 17 (W); BR I 376 f. (W).
Buttner, Richard, Dr. phil., Hofrat, Pro-
fessor, Shakespeare -Forscher ; * Gera 8. II.
1853; | Gera, III. — W.: Erlaut. zu
Shakespeares Jul. Casar (1899) ; Erl. zu
Koriolan (1900),; Erl. zu Macbeth (1901).
— LZ 336; BBI248 (Nr.60); KL 17 (W).
Call, Friedrich Freiherr v., Dr. jur., Gen.
Rat, Oberlandesgerichtsprasident, Mitgl.
des osterreichischen Herrenhauses, Exzel-
lenz; * St. Pauls (Tirol) 16. X. 1854;
f Wien 27. V. — DGK; WI7 238, 8 1770;
FT 1919.
Casparl, Otto, Dr. phil., a.o. Prof, der Philo-
sophic a. d. Univ. Heidelberg a. D., philo-
sophischer Schriftsteller; * Berlin 24. V.
1841; t Heidelberg 28. VIII. — W.:
Freudvoll und leidvoll (Ged., 1866); Ur-
gesch. der Menschheit (8 1877); G. Lotze
(* 1&9S) i Die Bedeutung des Freimaurer-
tums (8i9i6). — FZ 3. IX. (A.-Bl.);
BB1 1056 (Nr. 207) ; LE 20, 124; WI7 244,
8 1770; LZ910; KL 17 (W); K 108 (W);
AA.
Constam, Emil Josef, Dr. phil., Prof, der
Chemie a. d. Eidgenoss. Techn. Hoch-
schule in Zurich, Direktor der Eidgenoss.
Priif ungsanstalt f iir Brennstoffe ; * New-
York 19. II. 1858; f Zurich 11. II. —
FZ 26. II. (A.-BL); LpZ 26. II.; ZB 41
[Vschr. der Naturforsch. Ges. Zurich 62,
697 (Schlager)]; BZZ 9 [NZZ 20. II.];
K 119 (W); AA.
Cordes, Johann Wilhelm, Schopfer u. Di-
rektor des Ohlsdorfer Friedhofes; • Wil-
helmsburg 3. X. 1840; f Hamburg 1. IX.
— FZ 2. IX. (1. M.-Bl.); Kchr, NF 28,
42 Sp. 499; HF 1, IX.
Daxer, Georg, D. theol., Dr. phil., Prof. a. d.
theologischen Akademie in PreBburg;
• Pancsowa (Ungarn) 20. V. 187 1 ; f PreB-
burg 11. XII. — W.r Die Bergpredigt 11.
der Krieg (1916); Das Kreuz Christi
1916). — ELK 51, 9 Sp. 197*-; KL
17 (W).
Deahna, August, Dr. med., Geh. Hofrat,
Vorsitzender des Wurttemb. arztlichen
Landesvereins, Schriftleiter des Wurt-
temb. Medizin. Korrespondenzblattes,
Herausgeberdes Wurttemb. Arztebuches ;
* Meiningen 9. VIII. 1849; f Stuttgart
21. V. — FZ 24. V. (2. M.-Bl.); BB1 604
(Nr. 121); MMW 736; LZ 566; WN 170;
Schw. Merkur Nr. 237 (GoBler) ; L 54
(Juli 1918), S. 55; AA.
Deibel, Franz, Dr. phil., Schriftsteller, Mit-
herausgeber der Jahresberichte fur neuert*
deutsche Literaturgeschichte, Feuilleton-
redakteur der Konigsberger Zeitung;
* Mannheim 24. VIII. 1879; f Konigs-
bergi. Pr. 10. 1. — LpZ 12. I.; LE 19,617
und 648; SozMH 168; WI8 1771; KL
17 (W).
Denhardt, Gustav, Af rikaf orscher ; * Zeitz
13. VI. 1856; f Leipzig 19. VII. D. unter-
suchte 1878/79 mit seinem B ruder Kle-
mens den Tana und erwarb vom Sultan
von Witu ein Gebiet, in dem er Plantagen-
bau betrieb. — LpZ 23. VII.; LZ 753;
SozMH 1 1 54; M7 III 426.
# Deninger, Karl, Dr. phil., a.o. Prof, der
Geologie u. Palaontologie a. d. Univ.
Freiburg i. Br., Rittmeister der Res.;
* Mainz 18. III. 1878; f in Sudtirol
15. XII. — FZ 28. XII. (A.-Bl.); LZ
1918, 44; SozMH 191S. 260; PM 64, 82;
ZB 42 [Centralbl. f. Miner alogie 19 18,
167]; AA.
Detmold, Georg, Dr. jur., Geh. Justizrat.
0. Prof, des ProzeBrechts a. d. Univ.
Gottingen; * Hannover 17. XI. 1850;
f Gottingen 29. XII. — Herausg. von
Jherings Jurisprudenz des tagl. Lebens
(12./13. Aufl. 1903/08). — FZ 3. I. 1918
(A.-Bl.); LZ 1918, 44; HPSt 1918; KL
17 (W).
§j Dossenbach, Albert, Leutnant u. Kampf-
flieger (15 Luftsiege), Ritter des Pour le
mkriU', * St. Blasien i. B. 5. VI. 1891 ;
f bei Frezenberg 3. VII. [ 0 in Frei-
burg i. Br.].— -.IZ 3866 (P); AA.
Drfiger, Heinrich, Industrieller, begriindete
1902 mit seinem Sohn Bernhard D. (f 12.
1. 1928) das »Driigerwerk (Heinr. & Bernh.
Drager) « in Liibeck, Erfinder auf -dem
Gebiet der Sauerstoff industrie (Bierdruck-
apparat ; Sauerstoff - Wiederbelebungs-
maschine »Pulmotor«), in sozialem Sinne
tatig (Drager-Lohnsystem, Alkoholfrage,
Bodenreform) ; * auf der Howe, Kirch-
spiel Kirchwarder ( Vierlanden) , 29. VII.
1847; t Liibeck 29. V. — W.: Lebens-
erinnerungen (191 3; als Band der Ham-
burgischen Hausbibliothek erschienen
19 1 5); Alte Geschichten aus Vierlanden,
19 16; Drager Lohnsystem 191 3 (Verlag
Dragerwerk Liibeck). — BT 1. VI.; VZ
30. V.; TR 1. VI.; FZ 16. VI. (A.-Bl);
652
Totenliste 1917: Diirrwachter — Eulenburg
Liibeckische Anzeigen 29. V. u. 3. VI;
Vaterstadt. Blatter 3. VI. (P) ; Liibecker
Gen.-Anz. 29. V. u. 3. VI.; Von Liibecks
Tiirmen 10. VI. (P) ; Lubecker BU. 3. VI. ;
Feuerwehmmdschau 8. VIII. ; Hamburger
Corresp. 30. V.; Weserzeitung 30. V.;
Kriegszeitung der 4. Armee 12. VII.;
KW 30, IV, S. 8 1 f . (Avenarius) ; Umschau
7. VII.; Vortrupp 403 — 408 (Asmussen) ;
Bodenreform 20. VI.; Meyer7 III 962;
LE 19, 1225; LZ 662; BZ 41 [Das Land
25, 360 (Peschke)]; »Dragerhefte« Nr.
57/58 (1917) u. 60 a (Dem Gedachtnis
H.D.s) (P).
DttrTWftOhter, Anton, Dr. phil., Prof, am
Lyzeum in Bamberg, Historiker; * Og-
gersheim 23. X. 1862 ; f auf dem Ammer-
see 27. VIII. — LZ 910; H 15, 8 S. 2191.
(Brunner); ZB 41 [Das Bayerland 29, 69
(Schottenloher) ; Frankenland IV 217];
ZB 42 u. 43 [Berichtu. Jahrb.desHistor.
Vereins Bamberg 75, 1 — 67 (Hefl)]; KL
17 (W).
♦ Dyckerhott, Rudolf, Dr.-Ing. e. h., Pro-
fessor, Mitbegrunderu. wissenschaftlicher
Leiter der Portlandzementf abrik Dycker-
hoff & Sonne in Biebrich; * Mannheim
25. III. 1842; j Biebrich a. Rh. 23. II; AA.
— FZ 24. II. (A.-BL); VDI61, 14, S. 305 f.
(P); WI7 349, 8 1772; Nassauische Hei-
matbl. 23, 3/4, S. 67; ZB 43 [Armierter
Beton X 73]; DBJ 61/63 (E. Probst).
Elbo, Bruno, Baurat, Schriftsteller und
Shakespeare-Forscher ; * Bremerhaven
10. X. 1853; f Weimar 17. XI. — W.:
Bacons entdeckte Urkunden, 3 Bde.
(19 14 — 16); Sonnige Tage (Gedichte
'1904); Ausgew. Dichtungen (191 1). —
BB1 1223 (Nr. 272); Kchr, NF 29, 11
Sp. 115; LE 20, 431 ; BZ 42 [Neudeutsche
Bauztg. 13, 193 (Haupt); Buhne u. Welt
20, 79 — 83 (Berger); Niedersachsen 23,
126 (Hohnk); Das freie Wort 17, 507
bis 510 (Volz)]; KL 17 (W) ; BR II "107
(W); BZZ 9 [NPZ 28. X.].
Effmann, Wilhelm, Dr., Dr. phil. h. c,
Prof, der Kunstgeschichte a. d. Univ.
Freiburg i. Schw. a. D., Kunsthistoriker ;
* Werden a. Rh. 14. IX. 1847; t Bonn
a. Rh. 23. V. — W.: Die vorchristlichen
Altertiimer im Gaue Siiderberge (mit
Jostes) (1888). — FZ 1. VI. (A.-BL);
LpZ 30. V.; LZ 589; LE 19, 1226; Kchr,
NF 28, 35 Sp. 384 u. 36, Sp. 3951-
(Klapheck); HV 18, 345; BB1 668 (Nr.
133); KL 17 (W); AA.
Ehlers, Otto, Dr., Handelskammersyndikus
in Berlin, M. d. preuB. L. ; * Lemwerder
i. Oldenburg 4. II. 18^5; f Berlin 27. VI.
— AA; FZ 28. VI. (A.-BL); HPSt 1918.
Eichfeld, Hermann, Landschaftsmaler, Pro-
fessor, Direktor der Groflherzogl. Badi-
schen Gemaldegalerie ; * Karlsruhe 27. II.
1845 ; t Mannheim 26. VIII. — W.: Gru-
ner Tag (Karlsruhe); Marzsonne (Mun-
chen, Sez.-GaL). — LZ 885; Kchr. NF
28,43Sp. 5i9;DZL3<>9f- (W);TBX4Q5
(Beringer); MS VI 83.
Einhorn, Alfred, Dr. phil., Prof. d. Chemie,
Entdecker der Synthese des Kokains
und von dessen Ersatzstoffen Novokain,
Orthoform, Nirvanin usw. ; * 27. II. 1857 ;
f MUnchen 21. III. — MMW 440; LZ
392; SozMH 804; L 53 (April 19 17) S. $7
u. 47; BZ 41 [Zeitschr. f. angew. Chemie
B 301 (Uhlef elder)]; K 166 u. Nachtrag6i
(W); PF V 328 (W).
El ben, Leopold, Hauptschriftleiter des
»Schwabischen Merkur ;« * Stuttgart 27.V.
1862; f Stuttgart 16. X. — FZ 17. X.
(1. M.-Bl.) ; LZ 1050; ZB 41 [WN 203 bis
208 (Denkel)]; SchM. 16. X. (A.-BL).
Eleonore, Konigin von Bulgarien, geb.
Prinzessin Reufl j. L.; * Trebschen
22. VIII. i860; | Euxinograd 12. IX. —
Hamb. FBI, Wochenausg. 157 u. 158;
IZ 3873 (P); GH 1917, 1920; BZZ 9
[BT 13. IX.; DT 14. IX.; HF 13. IX.].
Ernst, Albert, Obexlyzealdirektor a. D.,
Direktor der Kaiserin Augusta- Viktoria-
Schule in Schneidemuhl, 1898 — 191 7 M.
d. preuB. Abg.-Hauses (Fortschrittliche
Volkspartei), 1898 — 1903 M. d. R.;
* Gorshagen b. Stolp 17. XI. 1847;
f Charlottenburg 15. I. — BT 16. I.
(Tews); DGK; ZB 43 [Volksbildung 47,
19]; HA.; AA.
Eskuche,Gustav, Dr. phil., Direktor desGym-
nasiums in Stettin, Altphilologe, Jugend-
schriftsteller, t)bersetzer klassischer Biih-
nenwerke; * Kassel 18. IV. 1865; f Bad
Nauheim 26. V. — W. : Hessische Kinder-
liedchen (1891); Siegerlander Kinderlied-
chen (1896) ; Griechische Einakter (191 3).
— BB16i2(Nr. I23);FZ27.V. (i.M.-BL);
LE 19, 1226; LZ 589; ZB 41 [Hessenland
31, 182; Unser Pommerland 4, 134]; KL
17 (W).
Ettoir, Armand, s. R i o 1 1 e , Hermann .
Eulenburg, Albert, Dr. med., Geh. Med.-
Rat, o. Prof, der Nervenheilkunde a. d.
Univ. Berlin, Herausgeber der Real-
enzyklopadie der ges. Heilkunde (* 1908
bis 19 1 3), Schriftleiter der Deutschen
Med. Wochenschrif t ; * Berlin 10. VIII.
1840; f Berlin 3. VII. — W.: Lehrbuch
der Nervenkrankheiten (a 1878); Lehr-
buch der allgem. Therapie und therapeut.
Methodik (3 Bde, 1898); Lehrbuch der
klin. Untersuchungsmethoden (2 Bde.,
Totenliste 191 7: Falkenstein — Forster
653
1904/05). — FZ 6. VII. (A.-Bl.) ; BB1 796
(Nr. 155); LZ 709; LpZ 4. VII.; MMW
932; SozMH 1244; WI7 395, 8 1772; IZ
3864 (P) ; ZB 41 [Med. Klinik 774 (Bloch) ;
Zeitschr. f. Sexualwiss. IV 121 (Bloch)
11. 240—243 (Bloch)]; HPSt 191 8; KL
17 (W); HBL II 313 (W); PBL 477f-
(P) (W) ; BZZ 9 [BT 4- VII.) Hirschfeld) ;
Nationalztg. 7. VII (Kienzl)].
Falkenstein, Julius, Dr. med., Geh. San-
Rat, Afrikaforscher, Mitglied der deut-
schen Loango-Expedition ; * Berlin 1 . VII.
1842 ; f Berlin 1 . VII. — W. : Die Loango-
Expedition 1879; Arztl. Ratgeber fur
Seeleute, Kolonistenu. Reisende (w 1893) ;
Afrikas Westkiiste (1884). — WI7 404,
8 1772; ZB 42 [Zeitschr. f. Ethnol. 49,
206]; KL 17 (W); PBL 485 (W) ; M7 IV
433-
Flnsch, Otto, Dr. phil. h. c, Professor, Di-
rektor des Ethnographischen Museums
in Berlin, Sudseeforscher, Entdecker des
Finsch-Hafens auf Neuguinea; * Warm-
brunn 8. VIII. 1839; f Braunschweig
31. I. — Verz. seiner Reisen u. Werke
(185 9 — 99) erschien 1 899, f erner : Siidsee-
arbeiten (1914). — FZ 2. II. (A.-Bl.);
LpZ 1. II.; Hamb. FBI, Wochenausg. 125
(4. II.) ; IZ 3842 (P) ; GA 41 (Oppermann)
(W) ; PM 63, S. 26 (Kramer) (P) ; BB1 1 12
(Nr. 27); L 53 (Mai 1917). vS. 47f.; LZ
176; SozMH 338; DtKolZtg 34, 2S. 28;
WI8 1773; ZB 41 [Braunschw. Magazin
1917, 21 (Cunze); Mitteil. zur Gesch. der
Medizin u. Naturwiss. 263 — 265 (Wol-
kenhauer)]; ZB 42 [Aquila, Zeitschr. fur
Ornithologie 23, 593 — 597 (Charnel)];
ZB 43 [Berichte aus dem Knopfmuseum
(Prag) II 26; Mitteil. der Anthropol. Ges.
Wien 47, 109 (Heger)]; Kl 17 (W); BZZ 9
[KV 9. II.; KZ 9. II.; Dresdener Anz.
18. II.].
# Fischer, Bernhard, Dr. med., Geh. Med.-
Rat, o. Prof, der Hygiene a. d. Univ.
Kiel. * Koburg 19. II. 1852; f bei
Ypern2. VIII. — HPSt 1918; PBL 509^
(P) (W); K 199 (W).
Fischer, Eugen, Dr. phil., Dr.-Ing. e. h.,
Direktorder Anilinfabrik von KaUe&Co.,
Biebrich a. Rh., Senator der Kaiser- Wil-
helm-Gesellschaft der Wissenschaften,
Mitglied des Verwaltungsrates des Kaiser-
Wilhelm-Inst. fur Chemie, Erfinder ver-
schiedener Arbeitsverfahren, bes. zur
Erzeugung von kiinstlichem Indigoblau
auf der Baumwollfaser; * Wiblingen
13. VII. 1854; f (in den Alpen, Unfall)
2. VUI.-WN 174 (HaeuBermann) ; ZB
41 [Chem.Ztg. 737 (Bodewig) ; Zeitschr. f .
angew. Chemie, C 476]; VDI 63, 715.
Fischer- Dflokelmann, Anna, Dr. med., prakt.
Arztin, Verf. des popularwissenschaft-
lichen Handbuchs »Die Frau als Haus
arztin*; f Ascona. — W.: Die Frau als
Hausarztin (Millionenausgabe 191 3; in
12 Sprachen); Das Geschlechtsleben des
Weibes (16 1912). — MMW 1918, 32;
ZB 42 [Vegetar. Warte 51, 1]; KL 17
(W); PY I 216.
Fltger, Emil, langjahriger Hauptschrift-
leiter der Weserzeitung, Wirtschaftspoli-
tiker; * Delmenhorst 15. XII. 1848;
f Bremen 9. IV. — LZ 420; LE 19, 1034;
IZ 3852 (P) ; WI7 429.8 1773; KL 17 (W) ;
BZZ 9 [Weserzeitung 10. IV, 24. IV.
(v. Bippen), 27. IV. (Schroder)].
* tgj Flex, Walther, Dr. phil., Schriftsteller
und Dichter; * Eisenach 6. VI. 1887;
t Insel Osel 16. X. — W. : Der Wanderer
zwischen beiden Welten (19 17); Klaus
v. Bismarck, eine Kanzlertragodie (19 1 3) ;
Der Kanzler Klaus v. Bismarck (Erz.,
19 14); Gesammelte Werke, 2 Bde., Mun-
chen 1926; Briefe, hrsg. von W. Eggers-
Windegg (mit Konrad Flex), Munchen
1927. — LZ 1097; SozMH 1247; BB1
1 176 (Nr. 253); LE 20, 286f. [Kreuzztg.
552; Dt. Kur. 299]; Zeitwende 3, 4 (April
1927), S. 375 — 380 (Schramm); Bur-
schenschaftl. Bl. 40, 7 (Marz 1926: Son-
derheft!); ZB 41 [Die schone Literatur
18, 345; Der Turmer 378]; ZB 42
[Zeitschr. f. d. dt. Unterricht 1918, 116
(Nicolai); Literar. Handw. 54, 118 — 121
(Zerkaulen)] ; ZB 43 [Der Volkserzieher
22, 185—188; Die Wartburg 1918, 197
(Haun); Niedersachsen 24, 21 (Lingens)].
— R. Kaulitz-Niedeck : Das Dichtergrab
auf Osel. Ein Buch fur Freunde und Ver-
ehrer von W. F. Mit einem Feldpostbrief
von W. F. (Heilbronn 1926) ; KL 17 (W) ;
BR II 231 (W); ZB 44 [Jahrb. des Thur
Ver. f. Heimatpflege, 191 5/18. S. 68 — 7^
(Leute)] ; Die Unvergessenen ( 1 928) , S . 7 5
bis 84 (Lafl) (P). — Zum 10. Todestag:
TR 1927, 244 (16. X.) (H. Lohrisch-Wer-
nigerode); Daheim, Jahrg. 64, 3 (15. X.
1927), S. 1 if. (Ostwald) ; Lehrproben und
Lehrgange 1927, 2, S.i — 24 (Thamhayn).
— W. Thamhayn : W. F. Eine Einf uhrang
in Leben, Werke u. Wesen des Dichters
(8i927); DBJ 63/68 (Millack).
Flintzer, Hugo, Professor, Direktor der
GroBherzogl. Zeichenschule in Weimar;
* Eisenach 4. V. 1862; f Weimar 23. VI.
— LpZ 27. VI.; Kchr, NF 28, 29, Sp.
448; AA.
Forster, Joseph, Komponist; * Trofaiach
(Steiermark) 10. VIII. 1845; t WJen
23. IV. Opern: Die Wailfahrt der K6-
654
Totenliste 191 7: Freeh — Frobofl
nigin (Wien 1878); Die Rose von Ponte-
vedra (Gotha 1893); C-moll-Sinfonie. —
JP 87 [NZ f. M. 148 u. 164; AMZ 246;
Dt.Tonk.-Ztg. 94; NMZ 38, 246; RMTZ
133]; LpZ 30. in.; R 375; FAT 108; A
146.
• Freeh, Fritz, Dr. phil., Geh. Bergrat, o.
Prof, der Geologie a. d. Univ. Breslau,
Direktor des Geologisch-palaontol. In-
stituts und Museums, Kriegsgeologe bei
einem Armeeoberkommando ; * Berlin
16. III. 1861; f Aleppo 28. XI. — FZ
3. X. (A.-Bl.); BB1 1 128 (Nr. 232) ; LZ
1001; SozMH 1144; WI7 452, 8 1773;
HPSt 1918; PM64, 29 (Obst); I, 53 (Nov.
1917). S. 75; Jahrb. d. Schles. Ges. 95
(1917), S.6— 15 (Volz);DZI^385;ZB4i;
ZB 42; ZB 44 [Neues Jahrb. f. Mineral.,
Geol. u. Palaontol. 1919, I— XXXVIII];
PFV 39of. (W); DBJ 69/74 (Bubnoff).
Freand, Wilhelm, Dr. med., Geh. Med.-Rat,
em. o. Prof, der Frauenheilkunde und
Direktor der Frauenklinik a. d. Univ.
StraBburgi. E. (1878— 1901); * Krappitz
(O.-S.) 26. VIII. 1833; f Berlin 24. XII.
— F. fuhrte 1878 die Methode der abdomi-
nalen Ausschalung der krebsigen Gebar-
mutter ein. — W.: Die gynakologische
Klinik (1885). — FZ 27. XII. (A.-BL),
11. I. 1918 (A.-BL); MMW 65, 32 u. 190
(v. Hausmann); LZ 19 18, 42; SozMII
1918, 169; WI 7 458, 8 1773; ^ 54 (Juli
1918), S. 55f.; ZB 42 [DMW 44, 102
(Mullerheim) ; Cbl. f. Gynakol. 42, 73 — 81
(Bayer)]; KL 17; PBL 545 MW) (P).
Frey, Karl, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat, a.o.
Prof, der Kunstgeschichte a. d. Univ.
Berlin; * Berlin 26. XI. 1857; f Berlin
n. III. — BBI256 (Nr. 62); HPSt 1918;
Kchr, NF 28, 27, Sp. 279 u. 30, Sp. 305
bis 308 (Gronau); KL 17; K (W); AA.
$ Freytag [Pseud.: Frey tag- Besser], Otto
Rudolf, Prof, am Kgl. Konservatorium
fur Musik in Stuttgart, Oratorien- und
Konzertsanger, Vorstand des Wurttemb.
Bachvereins, Leutnant der Res. u. Komp.-
Fiihrer; * Gotha 5. V. 1871 ; gef. vor Ver-
dun 20. VIII. — WN 175; WI7 460,
« 1773; AMZ 44. 548; JP 87 [NMZ 38,
390; Dt. Tonk.-Ztg. 149; Klavierlehrer
155; NZ 328].
Frledlander-Fuld, Friedrich v., niederland.
Generalkonsul, Geh. Kommerzienrat,
Mitglied des preufl. Herrenhauses, Mit-
glied des Zentralausschusses der Reichs-
bank, oberschlesischer Kohlenmagnat;
* Gleiwitz 30. VIII. 1858; f Lanke b.
Bernau 16. VII. — FZ 16. VII. (A.-BL);
B1119; HPSt 1918; WI7464, 8i773;
ZB 42 [Oberschlesien 16, 222] ; BZ 43 [Auf
Vorposten 5, 406 — 411]; AT 191 7; StE
37. 748.
Friedmann, Sigismund, Dr. phil., o. Prof,
der deutschen Sprache u. Literatur a. d.
Univ. Mailand; • Jassy 7. VIII. 1852;
f Mailand 29. I. — W.: Das deutsche
Drama des 19. Jahrhunderts (2 Bde.,
1900/03). — FZ 1. H. (A.-BL); LZ 176;
LpZ 1. II.; BB1 108 (Nr. 26); LE 19, 714;
KL 17 (W).
* Friedrich, Johann, D. theol., Dr. phil. h. c,
o. Prof der Kirchengeschichte a. d. Univ.
Munchen, o. Mitglied der Kgl. bayer.
AdW Munchen, Mitbegrunder des Alt-
katholizismus; * Poxdorf 5. V. 1836;
t Munchen 19. VIII. — W.: Geschichte
desVatikan. Konzils (3 Bde., 1877 — 87);
Ignaz v. Dollinger (3 Bde., 1899 bis
1901).— FZ 24. VIII. (A.-BL); BB1 1004
(Nr. 196); LZ 861; LE 20, 59; Jahrb.
der AdW Munchen, 1918, 60--78 (Prutz) ;
WI 7 466; KL 17 (W) ; K (W) ; M 7 IV 1214;
Hist. Zeitschr. 138, Heft 2 (W. Goetz.
Die bairische Geschichtsforschung im
19. Jahrhundert, bes.S.306). DBJ 74/81
(Schnitzerm. L).
# Friedrich Karl, Prinz von PreuCen, Ritt-
meister im Leibhusarenregiment Nr. 1
und Fuhrer einer Fliegerab teilung ;
* Klein-GUenicke 6. IV. 1893; t (m
engl. Gefangenschaft in Rouen) 6. IV.
(beigesetzt 1927 in Potsdam). — FZ
25. III. (1. M.-BL). 10. IV. (A.-BL);
Hamb. FremdenbL, Wochenausg. 139
(13. V.); IZ 3849 (P); HPSt 1918; GHK.
Frisch, Ritter Anton v., Dr. med., Hofrat,
a.o. Prof, der Chirurgie u. Vorsteher der
Poliklinik der Univ. Wien; * Wien 16. H.
1849; f Wien 24. V. — FZ 29. V. (A.-BL) ;
LZ 589; BB1 612 (Nr. 123); L 54 (Juli
1918) ; S. 56; ZB 41 [Dermatol. Wochen-
schrift 703]; PBL 5551. (W); K (W).
Frltsch, Marta, geb. Fontane, Professors-
witwe, Tochter des Dichters Theodor
Fontane; * Berlin 21. III. i860; f Waren
in Mecklenburg 10. 1. — AA; LpZ 13. I.
Frobenlus, Georg, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
o. Prof, der Mathematik a. d. Univ. Ber-
lin, o. Mitgl. der AdW Berlin; • Berlin
26. X. 1849; f Charlottenburg 3. VIII. —
FZ 7. VIII. (A.-BL); BB1 944 (182);
LpZ 6. VIII.; SozMH 1238; HPSt 1918;
L 53 (Sept. 1917), S. 66; ZB 42 [Viertelj.-
Schr.d. Naturforsch. Ges. Zurich 62, 719] ;
KLi7;K(W);PFV399(W).
FrobdB, Georg, Kirchenrat, Direktor des
Oberkirchenkollegiums in Breslau ; * Bres-
lau 22. IV. 1854; f Breslau 26. III. — W.:
E. G. Kallnen ("1905); Die deutschen
Freikirchen (* 1914). — ELK 50, 14,
Totenliste 191 7: Froriep— Gnauck-Kiihne
655
Sp. 333f.; Jahrb.d.Schles.Ges. 95 (191 7),
18—20; KL 17 (W).
• Froriep, August v., Dr. med., em. o. Prof,
der Anatomie a. d. Univ. Tubingen (1895
bis 191 7), langjahriger Vorstand der Ana-
tomischen Gesellschaft, Inh. des Ehren-
kreuzes der Wurttemb. Krone (person! .
Adel); korresp. Mitgl. der AdW Berlin;
•Weimar 10. IX. 1849; fT^"1^11 ".X.
— W.: Anatomie fiir Kiinstler (4i9i3);
Der Schadel Schillers und des Dichters
Begrabnisstatte (191 3). — FZ 16. X.
(A.-Bl.); BB1 1 1 52 (Nr. 243); LE 20,
242; LZ 1024; MMW 1384; SozMH 1918.
169; HPSt 1918; I, 53 (Nov. 1917), 75;
WN 134—140 (Miffler) [Hellauf Nr. 1 1/12
(Pfleiderer)]; Jahrb. d. bayer. AdW 19 19;
47 — 57 (Rtickert); Arthur B. Schmidt.
Konigsgeburtstagsrede 1 9 1 8 [im Anhang] ;
ZB 41 [Anatom. Anz. 50, 410 — 419 (Hei-
denhain) und 419—424 (W); Corresp.-Bl.
des wurttemb, arztl. Landesvereins 483
(Miiller)]; ZB 42 [Internat. Monatsschr.
zur Erforsch. d. Alkoholismus 27, 256
bis 260 (Holitscher)]; KL 17 (W) PBL
563 f. (W); K(W); DBJ 81/83 (Heiden-
hain).
FQrst, Hermann v.. Dr. oec. publ., Ober-
forstrat, 1878 — 1909 Direktor der forst-
lichen Hochschule in Aschaff enburg ;
* Ansbach 29. III. 1837; f Aschaffen-
burg 11. II. — W.: Die Pflanzenzucht
im Walde (4i907); Lehre vom Wald-
schutz (7 1 91 2); Illustr. Forst- u. Jagd-
lexikon (a 1903); Herausgeber des Forst-
wissenschaftl. Zentralblatts (seit 1897). —
LZ 22 5 ; ZB 41 (X 5 3, 7 1 ; Mitteil. d. deutsch.
Forstver. 1 ; Centralbl. f. d. ges. Forstw.
43» 3°3 (Sedlaczek)] ; Lebenslaufe aus
Franken I, ioiff. (Wappes) ; KL 17 (W);
M7 IV 1300; L 53, 71 ; BB1 148 (Nr. 38).
FneB, Rudolf, Feinmechaniker, Hersteller
wissenschaftlicher Instrumente, Mitglied
des Kuratoriums der physikal.-techn.
Reichsanstalt ; * Moringen 28. IX. 1838;
f Berlin 21. XI ; Mitbegriinder der Zeit-
9Chrift fiir Inst rumen ten kunde. — LZ
1 183; SozMH 191 8, i62;ZB42 [Meteorol.
Zeitschr. 35, 93 (Siiring)]; M7 IV 1262.
Gdbhardt, Karl, Professor, Historienmaler ;
* Miinchen 23. III. i860; f Miinchen
8. V. — W.: Tod der Virginia (1883);
Eva vor der Leiche Abels (1883). — LpZ
10. V.; BB1 552 (Nr. 109); DGK; Kchr,
NF 28, 33. Sp. 355; WI8 1774; TB XIII
314; MS II, 20.
Gebler, Friedrich Otto, Professor, Tiermaler ;
* Dresden 18. IX. 1838; | Miinchen 30 I.
— W.: Kunstkritiker im Stalle (1873,
Berlin, Nationalgalerie) ; Zwei Wilderer
1879) und Siebenschlafer (1884) (Dres-
den, Galerie); Reineckes Ende (1883)
(Miinchen, Neue Pinakothek). — LpZ
2. II.; DGK; BB1 120 (Nr. 29); Kchr.,
NF 28. 20. Sp. 196; MS II 2of.; MS VI
107; TB XIII 316 (Sigismund).
Gerhauser, Emil, Hofrat, Oberspielleiter
der Stuttgarter Hofoper, friiher Helden-
tenor; • Krumbach (Bayern) 29. IV.
1868; t Stuttgart 5.I. — Schw. M. 6. u.
8. I.; LpZ 8. I.; DGK; WN 164; EG 3 18.
Gesterdlng, Konrad, Dr. jur.t Dr. med. h. c,
Geh. Reg.-Rat, Polizeiprasident a. D.,Uni-
versitatsrichter, Mitgl. despreuB. Herren-
hauses; * Greifswald 16.VI.1848; f Stettin
11. X. — AA; FZ 15. X.; WI 8 1774;
LZ80; DZL 443.
Giesecke, Wilhelm, Bildhauer, Lehrer a. d.
Barmer Kunstgewerbeschule ; * Altona
2. IV. 1854; t Barmen 21. X. — W.:
Heinrich III. (Hamburg, Rathaus) ; Fries
(Barmen, Ruhmeshalle) . — DGK; Kchr,
NF29, 5, Sp. 52; MS VI, iii;TBXIV6.
Gllle, Karl, Hofkapellmeister am Kgl.
Theater in Hannover; * Eldagsen (Han-
nover) 30. IX. 1861; t Hannover 14. VI.
— LpZ 15. VI.; DGK; AMZ 44, 25,
5. 454; WI8 1774; R 433; FAT 123.
* Glllhausen, Gisbert, Dr.-Ing., Geh. Baurat,
Mitglied des Direktoriums der Firma
Krupp; * Sterkrade 28. VII. 1856;
t Essen 16. III. — VDI 61, 20, S. 425 f.
(P); MdT Sgf.; JSTG 1918, 103—106;
vStE 37. 320—323, 392; MdT 89; DBJ
83/85 (Berdrow).
Gluth, Viktor, Opernkomponist, Prof. a. d.
Kgl. Akademie fiir Tonkunst; * Pilsen
6. V. 1852; f Miinchen 17. I. — W.; Der
Trentajager (Miinchen 1885); Horand
und Hilde (Miinchen). — FZ 24. I.
(A.-Bl.); LpZ 19. I.; DGK; JP 87 [AMZ
60; DTZ 36; Klavierlehrer 26; NZ fiir
Musik 32; NMZ 38, 145; R 443 (W);
FAT 125; A 169].
Gnauck-Kllhne [Gnauck, geb. Kuhne], Eli-
sabeth, Schriftstellerin, Fuhrerin der
katholischen Frauenbewegung [Pseudo-
nym: E. Blankenburg] ; * Vechelde 2. I.
1850; t Blankenburg 12. IV. — W.: Leit-
faden der Volkswirtschaftslehre u. Biir-
gerkunde (14i9i2); Das Universitats-
studium der Frau (8 1 890) , Ursachen und
Ziele der Frauenbewegung (1892); Gol-
dene Friichte aus Marchenland (15. Tsd.,
191 1); Die deutsche Frau um die Jahr-
hundertwende (8I9I4); Die Arbeite-
rinnenfrage (f 1907) ; Das soziale Gemein-
schaftsleben im Dtsch. Reiche (a0 19 14).
— FZ 13. IV., (1. M.-Bl.); 19. IV. 2. M.-
Bl.) (Lauer); LE 19, 1007 u. 1034; KW
656
Totenliste 19 17: Goeldi — Gutjahr
30 III, S. i83f.; SozMH jg6l. (Lande) ;
\VI7 530, 8 1774; ZB 41 [Madchenbildung
auf christ l.Grundl. 241 — 244 (E.Muller)];
ZB 42 [Neue Balincn 52, 60] ; KL 17 (W) ;
BR II 386 f. (W); DZL 454*-: fiZZ 0
[KV 13. IV. 11. 9. V.; KZ 29. IV.; Magdeb.
Ztg. 24. IV.; FZ 19. IV.]; PY I 263;
Staatslexikon 5 II, 770 — jjt, (Sacher).
Goeldi, Emil August, Dr. phil., a.o. Prof,
der Tiergeographie u. Tierbiologie a. d.
Univ. Bern; * Ennetbiihl (Obertoggen-
burg) 28. VIII. 1859; f Bern 5. VII. —
W.: AsavesdoBrasil(2Bde., 1884/1900);
Album de aves amaz6nicas (1 gooff.). —
NZZ 14. VII.; LpZ 9- VII.; FZ 7. VII.
(A.-Bl.); 19. VII. (1. M.-BL. Bluntschli);
DGK; WI8 1774; M7 V 370.
Goltz, Konrad Freiherr v. d., Legationsrat
a.D., 1902 — 03 deutscher Geschaftsfiihrer
in Peking; * Koprieve (WestpreuBen)
7. III. 1855; f Dresden 22. IV. — DGK;
ZB 41 [China-Archiv II, I 109]; DZL,
461 f.; WI7269.
# Gontermann, Heinrich, Leutnant und
Fiihrereiner Jagdstaffel, Ritter des Pour
le mkrite; * Siegen 25. II. 1896; f Marie
3.XI.(0inSiegen). — FZ5.XI. (M.-Bl.);
AA.
Gottschalk, Fritz, Gutsbesitzer, M. d. R.
(konservativ) ; * Berkelen 15. X. 1853;
f Sauerwalde 16. XI. — DGK; A A.
Grftbner, Julius, Baurat, Architekt i. Fa.
Schilling & Grabner, Dresden ; * Durlach
1 1. I. 1858; f Konstantinopel 25. VII. —
W.: Erbauer der Ortskrankenkasse Dres-
den, der Landesvers.-Anstalt Gottleuba,
der Kreuzkirche in Dresden, des Sana-
toriums Lahmann in WeiBer Hirsch. —
FZ 1 . VIII. (A.-Bl.) ; LpZ. 30. VII. ; ZB 42
[Christl. Kunstblatt 60. 12—23 (Koch);
DBZ 51, 327 — 329 (Hofmann); Die
Kirche 15, 27]; TB XIV 474; MS VI
116 f (W).
Graef, Botho, Dr. phil., a.o. Prof. d. Archao-
logie u. Kunstgeschichte a. d. Univ. Jena ;
* Berlin 12. X. 1857; f Konigstein i. T.
9. IV. — W.: Die antiken Vasen von der
Akropolis zu A then (3 Bde., 1909 — 14). —
FZ16. IV. (A.-Bl.) (Waetzoldt); LZ 420;
Kchr, NF28, 29, S. 299; BB1 367 (Nr.86) :
WI8 1774; ZB 41 [Archaol. Anz. I 43]:
ZB 43 [Das Kunstblatt 1918, 344 (Fehr)] ;
KL 17 (W); K (W); AA.
Graesel, Arnim, Dr. phil., Professor, 2. Di-
rektor der Universitatsbibiiothek Got-
tingen a. D.; * Saalburg a. S. 13. VII
1849; f Gottingen 27. V. — W.: Grund-
ziige des Bibliothekswesens ( 1 890 ; 2 Hand
buch der Bibliothekslehre, 1902); Fiihrer
fiir Bibliotheksbenutzer (fi9i3); Hrsg.
(1890 — 1903) der Bl. fiir Volksbibl. und
Lesehallen. — LZ 589; BB1 648 (Nr. 129) ;
WI8 1774; KL 17 (W); JB 1920, 179.
GnB, Leo v., Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz.
Rittergutsbesitzer auf Klamin u. Starzin.
Mitgl. des preufl. Herrenhauses ; * Danzig
20. in. 1832; f Klamin 2. X. — HPSt
1918; AT 1919.
& Gregory, Caspar Rene, D. theol., Dr. phil.,
o. Hon.-Prof. der neutestamentl. Theo-
logie a. d. Univ. Leipzig, Leutnant d.
Res. in einem Inf. -Reg.; * Philadelphia
6. XI. 1846; f (als Freiwilliger [71 Jahre])
in Frankreich 9. IV. — \V.: Prolegomena
in Novum Testamentum; Tischendorf-
fianum (3 Bde., 1884/94); Textkritik
des N. Test. (3 Bde., 1900 — 1909). —
FZ 16. V. (1. M.-Bl.) (Barge); ELK 50,
i5» Sp. 377— 379U. 17, Sp. 406; BB1 360
(Nr. 85), 403 (Nr. 94); SozMH 550; LZ
420; E 622 (P); KL 17 (W); ZB 41
[Neue Bahnen 289 (Fortunatus) ; Kirchl.
Jahrb. 44, 612 (Schneider)]; ZB 43
[Evangelisch-Sozial 19 17/18, S. 36
(Harnack) u. 33 (Liebster) ; Die deutsche
Schule 1918, 377 (Pabst); Vegetarische
Warte 51, 211 (Friedrich)] ; WI8 1774;
H17, 121 — 123. — K.I. Friedrich: Volks-
freund Gregory (Gotha 19 19); BZZ 9
[Pester Lloyd 19- IV.; LNN 17. IV.
(Scheuermann); NZZ 7. VII.]. — Die Un-
vergessenen (Berlin 1928), S. 117 — 131
(J linger) (P); Eckart. Jg.4.3 S. 103—108
(J linger) . — Denkmal in Leipzig.
Grlmus von Grlmburg, Ritter Rudolf v.,
bis 1875 Professor fiir Maschinenbau a. d.
Technischen Hochschule Wien, 1800 bis
1908 Generaldirektor der osterr.-ungar.
Staatseisenbahngesellschaf t ; * Cremona
12. III. 1839; f Wien 14. II. — MdT 06
[Zeitschr. des osterr.-ungar. Ingenieur- u.
Arch.-Ver. 69, 392].
GroBhelm, Karl, Dr. med., Obergeneralarzt.
stellvertr. Subdirektor der Kaiser-Wil-
helms-Akademie ; * Schonlanke 11. VIII.
1843; t Berlin 27. VIII. — MWB1 102.
31; SozMH 1244; DZL487f.
Gruner, Hans, Dr. phil., Geh. Reg. -Rat.
a.o. Prof, der Geologie a. d. Landw.
Hochschule in Berlin; * Dresden 29. IX.
184 1 ; f Potsdam 9. I. — LpZ 24. I.;
DGK; L 53 (Marz 1917), S. 35; PM 63.
Tafel 17 (>); ZB 41 [Intern. Mitt. f. Bo-
denkunde VII 104]; AA.
Gutjahr, Emil, Dr. phil., em. Rektor des
Realgymnasiums in Leipzig- Linden au,
Altphilologe u. Germanist; * Cdlleda
22. VII. 1856; f Leipzig 28. I. — W.:
Zur Lehre vom Verbum, (2 Bde. 1883) ;
Zur Lehre von den Partikeln (3 Bde.,
Totenliste 1917: Guttenberg — Hegar
657
1883); Der Kanzleistil Karls IV. (1906).—
LpZ 28. I. u. 1. II.; LZ 143; BB1 100
(Nr. 24); KL 17 (W).
Guttenberg, Adolf, Ritter v., Dr. phiL, Hof-
rat, em. Prof. a. d. Hochschule f. Boden-
kultur, Redakteur der Osterr. Viertel-
jahrsschrif t f . Forstwesen ; * Tamsweg in
Salzburg 18. X. 1839; f Wien 23. III. —
W. : Die Forstbetriebseinrichtung (•igi 1).
— LZ 392; ZB 41 [Centralbl. f. d. ges.
Forstwesen 43, 129 — 132 (Micklitz);
Forstw. Centralbl. 39, 385 — 393 (Petra-
schek)]; KL 17 (W) ; AA.
G tithe, Georg, Dr. jur., Geh. Justizrat, Vor-
tragender Rat im preuBischen Justiz-
ministerium, Verfasser juristischer Kom-
mentare; * Schubin (Prov. Posen) 15. VI.
1868; f Berlin 6. III. — W.: Kommentar
zur Grundbuchordnung, 2 Bde. — LZ
304; HPSt 1918; wi 8 1775 ; Bfil 240
(Nr. 58); AA.
G Winner, Wilhelm v., Dr. phiL, Geh. Reg.-
Rat, President des ev.-luth. Konsisto-
riums in Frankfurt a. M. a. D., Schopen-
hauer-Forscher ; * Frankfurt a. M. 17. X.
1825; t Frankfurt a. M. 27. I. — W.:
Schopenhauer aus personlichem Urngang
dargestellt (1861) [* Schop.s Leben 1910].
— FZ 30. I. (1. u. 2. Bl.); LB 19, 714;
BB1 104 (Nr. 25); LpZ 30. I.; LZ 176;
SozMH 257; AT 1919; ZB 44 Qahrb. d.
Schopenhauer-Ges. VII 3].
Hahn, Friedrich, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
o. Prof. d. Geographie a. d. Univ.Konigs-
berg; * Glauzig (Anh.) 3. III. 1852;
f Konigsberg 5. II. — W. : Topographi-
scher Fiihrer durch Nordwestdeutschland
(1895). — FZ 7. II. (A.-Bl.); BB1 140
(Nr. 36); PM 63. 58 (Wagner) (P); L 54
(Juli 1918), 56; HV 18, 343; HPSt 1918;
" LZ 201; ZB 41 [Mitteil. zur Gesch. der
Med. u. Naturw. 265 (Wollenhauer) ;
Geogr. Zeitschr. t>^7 — 341 (Braun)]; GA
141 (Oppermann) (P;W); KL 17; DZL
514-
$1 Hake, Bruno, Dr. phil., Herausgeber der
Deutschen Rundschau; * Leer (Ostfries-
land) 18. III. 1883; f m Frankreich
25. X. — LZ 1 1 19; BB1 1 186 (Nr. 260);
Deutsche Rundschau, Jan. 19 18, 1 — 5
(Pechel); KL 17.
Hanau, Heinrich Fiirst, v., letzter Sohn des
Kurfiirsten Friedrich Wilhelm v. Hessen
und der Furstin Gertrude von Hanau;
* Kassel 8. XII. 1842; f Prag 15. VII. —
FZ 18.VII (i.M.-Bl.);DGK;GHKi9i7.
Hanfstaengl, Marie, s. Schroder-Hanf-
s t aengl.
Hardt, Ernst, Landschaf tsmaler ; * Koln
7. XII. 1869; t Godesberg 18. IX. — W.:
DBJ 42
Landschaftsbilder in den Museen Diissel-
dorf , Koln, Elberfeld, Mannheim. —
KZ 29. IX. u. 26. X.; DGK; Kchr, NF
29, 1 Sp. 11; TB XVI 31; MSV 126.
Harck, Fritz v., Dr. phil., Kunstsammler ;
* 29. IV. 1857; f Leipzig 26. III. —
LNN 29. III.; Kchr., NF 28, 28, S. 282,
29, S. 289—292 (Lehrs), 34, 361—364
(v. Bode); AA.
Harland, Heinrich, Generaldirektor, Vor-
steher der Korporation der Kaufmann-
schaft in Stettin; * 2. VIII. 1873; t
Stettin 9. I. — HPSt 1918; AA.
Hartmann, Angelika, Vertreterin der Fro-
belschen Padagogik; * Kothen 12. VII.
1829; t Leipzig 22. III. — LZ 361 ; ZB 41
[Leipziger Lehrer-Zeitung 24, 373 u. 389
(Hanig)] . — Der von ihr gegriindete Leip-
ziger Frobelverein stiftete 1904 das
Angelika - Hartmann - Haus in Leipzig
(M7V, 1 1 49).
Hartmann, August, Dr. phil., Oberbibiio-
thekar der Hofbibliothek Miinchen a. D.,
bayr. Volkskunden- u. Volksdichtungs-
forscher; * Miinchen 25. I. 1846; f Miin-
chen 23. III. — W.: Historische Volks-
liederu. Zeitgedichte (3 Bde. 1907 — 13).
— LZ 392; SozMH 751; LE 19, 969^;
KL 17 (W); JB 1920, 179.
Hartwich, Karl, Dr. phil.t Dr. med. h. c,
Prof. d. pharmakologischen Chemie a. d.
Eidgen. Techn. Hochschule Zurich;
* Tangermunde 185 1 ; f Zurich 25. II. —
W.: Kommentar zum Arzneibuch f. d.
Deutsche Reich (4 1901). Hersg. vom
Handbuch der pharmazeut. Praxis
C1913). — LpZ 3. III.; LZ 280; ZB 42
[Vschr. der naturforsch. Ges. Zurich 62,
702 — 708 (Schroter)]; Hist.-biogr. Lex.
der Schweiz, Heft 30, S. 83 [Neue ZZ
Nr. 347 u. 374].
Haus, Anton, k. u. k. Grofiadmiral,
Dr.-Ing. e. h. (Techn. Hochsch. Wien),
Ehrenburger von Fiume, Grofikreuz des
Maria-Theresien-Ordens usw. ; * Tolmein
13. V. 1 851; | Auf dem Flaggschiff
»Viribi4s unitis* im Hafen von Triest8. II.
— NFrPr Nr. 1884/85 (8-/9. II); LpZ
8. II. u. 9. II.; FZ 9- II. (1. M.-Bl.); IZ
3842 (P); Neue osterr. Biogr. I, 126 — 131
(Braun); ZB 41 [Parlamentar. Chronik
191 7, 29; Polit. u. volksw. Chronik der
osterr.-ung. Monarchic 1917, 131]; BZZ
9 [Pester Lloyd 8. II.; NZZ 10. II].
Haymerle, Franz Freiherr v., Dr. jur., k. u.
k. a.o. Gesandter u. bevollm. Minister,
fruher osterr.-ungar. Botschaftsrat in
Berlin; * im Haag 15. IX. 1874; f Wien
1. III. — DGK; FT 1919.
Hegar, Julius, Konzertmeister im Orchester
658
Totenliste 1917: Heinrich — Hirzel
der Ziiricher Tonhalle, Bruder Friedrich
Hegars; * Basel 27. XII. 1848; f Zurich
25. IV. — JP 88 [NMZ 38, 263; NZ fiir
Musik 164]; R 520.
Heinrich, Reinhold, Dr. phil., Geh. Okono-
mierat, a.o. Prof, der Agrikulturchemie
u. -physiologie a. d. Universitat Rostock;
* Tharandt 1 3. IV. 1845 ', t Rostock 14.V II.
— FZ 20. VII. (A.-BL): LZ 753; LpZ
16. VII.; I, 54 (Juli 1918), S. 57; ZB 41
[Die landw. Versuchsstationen 90, 443
(Honcamp)].
Helfft, Edmund, Geh. Kommerzienrat,
Vizeprasident des Altestenkollegiums der
Kaufmannschaft von Berlin; * Berlin
14. II. 1836; f Berlin 9. I. — VZ9.I.;
FZ 10. I. (A.-Bl.); Apt, 25 Jahre im
Dienste der Berliner Kaufmannschaft
(Berlin 1927), S. 8, 48, 199, 206; HPSt
1918; AA.
Heller, Kainill, Dr. phil., em. o. Prof, der
Zoologie a. d. Univ. Innsbruck, korresp.
Mitgl. der AdW Wien; * Sobochleben b.
Teplitz 26. IX. 1823; f Innsbruck 25. II.
— Almanach AdW Wien 1917, 368 — 370
(Grobben); K (W); AA.
Helmert, Friedrich Robert, Dr. phil., Dr.-
Ing. e. h., Geh. Oberreg.-Rat, o. Prof, der
hoheren Geodasie a. d. Univ. Berlin,
Direktor des Geodatischen Instituts in
Potsdam u. des Zentralbureaus der inter-
nal Erdmessung, Mitgl. der AdW Berlin;
* Freiberg i. Sa. 31. VII. 1843; t Potsdam
15. VI. — W.: Mathem. u. physikal.
Theorie der hoheren Geodasie (2 Bde.,
1880/84); Die Ausgleichung nach der
Methode der kleinsten Quadrate (2 1907).
— LpZ 18. VI.; BB1 696 (Nr. 140); FZ
18. VI. (A.-BL); PM 63, 312 (Schweydar);
LZ 662; SozMH 899; HPSt 1918; N 5,
646—648 (Schweydar); WI 8 1775; ZB41
[Der Landmesser V 175 (Wolff); Astro-
nom. Nachr. 204, 397 (Kriiher)]; ZB 42
[Zeitschr. f. math. u. naturw. Unterricht
49, 105 (Wolff)]; ZB 43 [Beitr. z. Geo-
physik XIV, H. 4 (Hecker) ; Vschr.
Astron. Ges. 53, 2 (Wanach)]; Jahrb. d.
AdW Miinchen 19 17, 53 — 58 (Schmidt);
KL 17 (W); PF V 516 (W).
Herfurth, Rudolph, Professor, General-
musikdirektor a. D. der fiirstlichen Hof-
kapelle in Rudolstadt; * Eisenberg 9. II.
1844; t Rudolstadt 21. XI. — AMZ 44,
47 S. 743; JP 88 [DMZ 348 u. 350; NZ f.
Musik 351; DtTonkZtg 183]; AA.
Hernsheim, Eduard, Begriinder der Im- u.
Bxportfirma Hernsheim & Co., Mitbe-
griinder der deutschen Kolonialbestre-
bungen in der Sudsee; * Mainz 22. V.
1847; f Hamburg 13. IV. — HamFBl,
Wochenausg. 135 (15. IV.); DtKZ 34,
5 S. 78; ZB 42 [Siidseebote 2, 55 u. 69 — 74
(Weyhmann)] ; M7 V 1448; Franz Herns-
heim: Sudsee-Erinnerungen 1875 — !88o
(1883).
Herter, Ernst, Professor, Bildhauer, Leiter
des Bildhauersaales a. d. Hochschule fiir
bildende Kunste in Berlin, Mitglied der
Akademie der Kunste, Berlin ; * Berlin
14. V. 1846; f Berlin 21. XII. — W.: Der
ruhende Alexander (1878, Berlin, Natio-
nalgalerie) ; Der sterbende Achill (ebenda
u. Korfu, Achilleion). — FZ 22. XII.
(A.-BL); BB1 1284 (Nr. 303); Kchr, NF
29, 13, Sp 139; WI8 1776; ZB 41 [IZ 41
(Malkowsky)]; HPSt 1918; DZL 581 f.;
TB XVI 554 f. (W); MS II 169, V 136,
VI 136.
Herzog, Bernhard, Geh. Reg. -Rat, Direktor
im Kaiserl. Statist. Amt (1903 — 1904);
* Mannheim 25. VII. 1842; f Ratzeburg
9. IX. — WN 129— 131 (W.Koch).
Hesse, Oswald, Dr. phil., Hofrat, Direktor
der Vereinigten Chininfabriken Zimmer
6 Co. in Feuerbach, Chininforscher, Inh.
der wiirttemb. goldenen Med. f. Kunst u.
Wissenschaft, Ehrenbiirger von Feuer-
bach; * Obereula (Sa.) 17. V. 1835;
f Feuerbach b. Stuttgart 10. II. — W.:
Geschichte von Feuerbach. — LZ 247;
L S3 (Pebr. 1917). S. 17; ChZ 1918, 29
(Weller); WN 19 — 23 (Haeufiermann)
PF V532 (W) [DCGB, 50 (1917) (Weller)]
Heufiner, Friedrich, Dr. phil., Geh. Reg
Rat, Gymnasialdirektor a. D., Lehrer
Kaiser Wilhelms II.; * Fulda 1. I. 1842
f Kassel 2. IX. — FZ 3. IX. (M.-Bl.)
DGK ; ZB 42 [Monatsschr. f . hoh. Schulen
1 9 18, 129 — 134 (Loeber)]; AA.
Heyden-Rynsch, Hermann Freiherr v. d.,
Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz, Oberberg-
hauptmann a. D.; * Dortmund 23. II.
1829; f Berlin 29. III. — HPSt 1918;
FT 1918.
Hirn, Josef, Dr. phil., Hofrat, o. Prof, der
osterreich. Geschichte a. d. Univ. Wien,
korresp. Mitglied der AdW Wien; * Ster-
zing 10. VII. 1848 ; f Bregenz 7. II. — W. :
Erzherzog Ferdinand II. von Tirol
(2 Bde. 1885/88); Tiroler Erhebung i. J.
1809 (1909). Rudolf v. Habsburg (1873).
— BB1 131 (Nr. 33/34); LZ 201; SozMH
265; HV18, 344; WI8 i776;ZB4i;ZB43
[Carinthia 108(1918), 64 (v. Jaksch);
Forschungen u. Mitteil. zur Gesch. Tirols
14, 195 — 202 (Straganz)]; Almanach
AdW Wien 470—476 (Voltelini) ; KL 17
(W);K (W).
Hirzel, Rudolf, Dr. phil., Geh. Hofrat, o.
Prof, der klassischen Philologie a. d.
Totenliste 191 7: Hocheder — Jager
659
Univ. Jena, Mitglied der GdW Leipzig;
* Leipzig 20. III. 1846; t Jena 30. XII. —
W.: Untersuchungen zu Ciceros philos.
Schriften (3 Bde. 1871— 1883). — FZ
3 I. 1918; LB 20, 622; LpZ 3. I. 1918;
Hist.-biogr. Lex. der Schweiz, H. 31, S.
234; IAW 181 IV [39], 56— 8o(v.Hagen);
Berichte Verh. GdW Leipzig, phil.-histor.
Kl. 1918, 3*— 16« (Korte) (W); Jahrb.
AdW Miinchen 1918, 29 — 31 (Rehm);
KL 17 (W); K (W).
*' Hocheder, Karl, Prof. a. d. Technischen
Hochschule Miinchen, Architekt, Ehren-
mitglied der Akademie der bild. Kiinste,
Miinchen; ♦ Weiherhammer i. B. 7. III.
1854; f Miinchen 21. I. — MNN 24. I.;
LpZ 23. I.; LZ 143; DGK; WI8 1776;
ZB 42 [DtBZ 51, 41 (Hofmann); neu-
deutsche BZ 13, 87 (Jager)]; DZL 619
(W); DBJ 86/90 (Th. Fischer).
Hoeftmann, Dr. tned., Geh. San.-Rat, Prof,
d. Orthopadie a. d. Univ. Konigsberg,
Griinder der Deutschen Gesellschaft
fiir orthopadische Chirurgie; * (1850);
t Konigsberg i. Pr. 17. IX. — MMW
1288; BB1, 1 104 (Nr. 222); LZ 954;
SozMH 1918, 168; L 54 (August 1918),
S. 63; ZB 41 [WKW 1433]; ZB 42 [Zeit-
schr. f. orthop. Chirurgie 37, III — XIV
(Schanz)]; ZB 44 [Aus dem Ostlande 13,
Beil. 40].
Hofmann, Rudolf, D. theol., Dr. phil., Geh.
Rat, Domherr, o. Prof, der Homiletik u.
Liturgie a. d. Univ. Leipzig; * Kreischa
3. I. 1825; f Leipzig 19. II. — W.: Leben
Jesu nach den Apokryphen (185 1) ; Sym-
bolik (1856); Lehre von dem Gewissen
(1866); Predigten (1869).— LpZ 21. II.;
LZ 247; FZ 23. II. (A.-Bl.); BB1 188
(Nr. 47); ELK 50, 9Sp. 214; SozMH 330;
WI8 1776; ZB 41 [Ecce MeiBen 44, 613
(Schneider)]; KL 17 (W) ; K (W).
Holzapfel, Ludwig, Dr. phil., Professor,
1879 — 1890 Privatdozent der alten Ge-
schichte a. d. Univ. Leipzig, Privat-
gelehrter; * Gieflen 20. VI. 1852; f
Gieflen 15 IV. — W.: Romische Chrono-
logic (1885); Beitrage zur griech. fGe-
schichte (1888). — LZ 445 ; JAW 181 IV
[39], 17—36 (Soltau) (W); HV 18, 344;
KL 17 (W); K (W).
Hfirnes, Moritz, Dr. phil., Prof. d. prahisto-
rischen Archaologie a. d. Univ. Wien,
korresp. Mitgl. der AdW Wien; * Wien
29. I. 1852; f Wien 11. VII. — W.: Ur-
geschichte der bildenden Kunst in Eu-
ropa (2 191 5), Urgeschichte der Mensch-
heit (* 19 1 2), Natur- u. Urgeschichte der
Menschen (2 Bde., 1909), Kultur der Ur-
zeit (3 Bde., 1912). — FZ 19. VII (A.-Bl.);
BB1 848 (Nr. 166); LZ 729; SozMH 1003;
Almanach AdW Wien 191 8, 426 — 432
(Much); ZB 41 [Deutsche Gcschichtsbl.
18, 219 — 225 (Motefindt); Zeitschr. fiir
Ethnol. 49, 201; Zeitschr. fiir osterr.
Volkskunde 23, 45 — 48 (Haberlandt) ;
ZB 42 [Mitteil. der anthropol. Ges. Wien
47, 144 (Szombathy) ; Prahistor. Zeit-
schr. IX, 140 (Szombathy); Zeitschr. fur
Asthetik 12, 359 (Dessoir)]; ZB 43 [Ar-
chiv fiir Anthropologic, NF 16, H. 1, 4
(Menghin) ; Berichte des Knopfmuseums
(Prag), 2, 58; Wiener Prahistor. Zeitschr.
4, 1—23 (Menghin)]; KL 17 (W); ZB 44
[Carinthia 109, 52].
Ihne> Ernst v., Wirkl. Geh. Oberhofbaurat,
Exzellenz, kaiserlicher Hof architekt; *
Elberfeld 23. V. 1848; f Berlin 21. IV. —
W.: Konigliche Bibliothek, Kaiser Fried-
rich-Museum, WeiBer Saal im Kgl.
SchloB zu Berlin, Villa Falconieri in Rom,
SchloB Friedrichshof, SchloB Hummels-
hain. — FZ 25. IV. (A.-BL); Hamb.
FBI., Wochenausg. 137, 7; Kchr., NF 28,
31 Sp. 328; DBZ 51, 168 u. 174; HPSt
1 9 1 8 ; LZ 468 ; SozMH 66 1 ( Westheim) ; AT
1917; ZB 44 [ZBV Z7, 242]; TB XVIH
555 f. (W);MSV 150.
Immelmann, Johannes, Dr. phil., Professor,
Geh. Reg.-Rat, Lehrer am Joachimstal-
schen Gymnasium u. Dozent a. d. Kriegs-
akademie in Berlin; * Berlin 13. XII.
1842; t Berlin 3. II. — W.: Abrifl der
deutschen Grammatik (n 19 10). — BB1
124 (Nr. 30); SozMH 322; ZB 41 [Kant-
studien 22, 192 — 195 (Schneidewin)] ;
KL 17 (W); BZZ 9 [BT 8. II. (Geiger)].
* Jakobi, Hugo, Kommerzienrat, Dr.-Ing.
e. h., Oberingenieur, Vorstandsmitgl. und
nach seinem Ausscheiden Aufsichtsrats-
mitglied der Gute-Hoffnungshiitte, * St.
Antony hiitte b. Sterkrade 28. X. 1834,
t Dusseldorf 17. X. — MdT 129 (Froh-
lich); VDI 62, 231; StE 1918. Nr.n,
5. 231 ; DBJ 90/94 (Elbers).
Jacoby, Hermann, D., Geh. Kons.-Rat,
Prof. d. Theologie a. d. Univ. Konigs-
berg i. Pr.; * Berlin 30. XII. 1836; f
Konigsberg i. Pr. 18. V. — W.: Neu-
testamentliche Ethik (1899); Die Auto-
ritat 11. der Protestantismus (19 12). —
FZ 19. V. (A.-Bl.); LpZ 19. V.; LZ 541;
BB1 588 (Nr. 117); ELK 50, 21 Sp. 501;
SozMH 755; ZB 41 [Kirchl. Jahrb. 44,
613 (Schneider)]; KL 17 (W); K (W).
Jager, Gustav, Dr. tned., (bis 1884) Prof,
der Zoologie u. Physiologie a. d. Tech-
nischen Hochschule Stuttgart, der Tier-
arztlichen Hochschule Stuttgart u. a. d.
Landw. Hochschule Hohenheim, Hygie-
66o
Totenliste 191 7: Jahn — Kampmann
niker, Erfinder der Normalkleidung
(Jagerhemd); * Biirg a. Kocher 23. VI.
1832; f Stuttgart 13. V. — W.: Jugend-
erinnerungen eines 85jahrigen Natur-
forschers [Maschinenschrift; von J. Hart -
mann (WN) benutzt]; Entdeckung der
Seele (4 19 12) ; Ges. altere Aufsatze (1880;
'1885); Lehrb. der allgem. Zoologie
(2 Bde. 1871/78); Die Normalkleidung als
Gesundheitsschutz (1880) . — SchM 1 5 .V. ;
Hamb. FBI, Wochenausg. 140, 7; BB1 572
(U3);MMW704; WI8 1777; L 54 (Ju*i
i9i8),S. 52; LZ 541; WN 81— 101 (J.
Hartmann); SozMH 748; IZ 3857 (Wid-
mann) (P); LpZ 15. V.; Prof. Gustav
Jagers Monatsbl., 21. Jahrg. (1902). Nr. 6,
7, 9 (Abh. zu G. J.'s 70. Geburtstag
von Seuffer); KL 17 (W).
Jahn, Gustav, Dr. phil.t em. o. Prof, der
semit. Philologie a. d. Univ. Konigsberg;
* Drossen (Neumark) 1 1 . VI. 1837; t Ber-
lin, IX.— FZ 18. IX. (A.-Bl.); HPSti9i8;
LZ933;KI,i7;K(W); AA.
Janson, August v., Gen. d. Inf. z. D., Mili-
tarschriftsteller; • Dothen (Kr. Heiligen-
beil) 27. IV. 1844; f Berlin 1. XII. — W.:
Geschichte des Feldzugs 18 14 in Frank-
reich (2 Bde. 1903/05) ; Das Zusammen-
wirken von Heer und Flotte im Russ.-
Japan. Kriege (1905). — MWB1 102, 68;
LZ 1208; WI8 1777; ZB 41 [Der neue
Orient II 229] ; ZB 42 [Mitteil. aus der
histor. Lit., NF 6, H. 1 Anh. S. 4—6];
KL 17 (W); AT 1917; LA (W).
Jentsch, Karl, Dr. phil. h. c, Schriftsteller,
friiher kathol., dann altkathol. Geist-
licher, Mitarbeiter der Grenzboten, der
Zukunft u. a.; * Landshut 28. II. 1833;
t Ziegenhals (Schlesien) 28. VII. — W.:
Carl Jentsch. Von ihm selbst nach seinen
Werken. Hersg. v. A. Miihlen u. A. H.
Rose (19 18); Grundbegriffe u. Grund-
satze der Volkswirtschaft (s 1912) ; Wand-
lungen (2 Bde.; 1 896/1 905 rSelbstbiogr.]) ;
Friedrich List(Geisteshelden,Bd.4i , 1901 ) .
— KV 8. VIII.; FZ 30. VII. (M.-Bl.)
3. VIII. (i.M.-Bl.) ; LpZ 30. VII.; LZ797;
SozMH 1090; IZ 3867 (P); WI7 777,
8 1777; H 17, 5 S. 551—657 (Honig); LE
19, 1482; Aus der deutschen Tagespresse
1 91 7, 32 S. 2; ZB 41 [Das neue Deutschl.
605; Die Grenzboten 32 (Rose); Ober-
schlesien XVI, 233 (Grieger) ; Neue Rund-
schau 1435 (Rose); Die Wartburg 266
(Hochstetter)] ; ZB 42 [Die Grenzboten
1918 Nr. 6 (Rose)]; ZB 43 [Das neue
Deutschland 19 18. 518 (Rose)]; KL 17
(W).
Jtssen, Karl Ludwig, nordfriesischer Maler;
* Deezbull b. Tondern 22. II. 1833; f
Deezbiill 4. 1. — W.: Sonntagmorgen vor
der Kirche ( 1 878, Hamburger Kunsthalle) .
— LpZ 9. I.; DGK; ZB 42 [Schleswig-
Holstein. Jahrb. 19 18/19, 44 — 54 (Sauer-
mann)] ; TB XVIII 540 f . ( W) ; Friesische
Heimatkunst (24 Tafeln u. 12 Textabb.,
Text von Momme Nissen, 19 13); MS II
271.
# Jordis, Eduard, Dr. phil., a.o. Prof, der
anorgan. Chemie a. d. Universitat Er-
langen. Major d. Res. u. Bataillonskom-
mandeur; * Paris 11. VIII. 1868; f am
Chemin des Dames 31. X. — FZ 3. XI.
(A.-BL); SozMH 1918, 161; ZB 41.
[ChemZtg. 869 (Henrich)]; ZB 42 [Zeit-
schr. fiir angew. Chemie 31, i3];ZB43
[Kolloidzeitschr. 1918, 49 — 56 (Hoff-
mann)]; PF V 596 (W) [Ber. d. dtsch.
Chem. Ges. 50 (Wichelhaus)] ; AA.
Jurisch, Konrad, Dr. phil., em. Prof, der
Chemie u. Hiittenkunde a. d. Techn.
Hochschule Berlin; * J am mi 26. XI.
1846; f Berlin 15. X. — W.: Philosophic
der Kultur (1890). — FZ 25. X. (A.-Bl.) ;
L 54 (Juli 1918), S. 57; BB1 1 156 (Nr
245); LZ 1050; SozMH 1 311; ZB 41
[ChemZtg. 841 (Grofimann); Die chem.
Industrie 40, 313]; KL 17 (W); K (W).
Kaiser, Paul, D. theol., Pfarrer anSt.Matthai
in Leipzig, theologischer Erbauungs- u.
Unterhaltungsschriftsteller; * Zullichau
19. XII. 1852; f Leipzig 17. XII. — W.:
Gustav Adolf (Festspiel, • 1903); Griitt
Gott (Gedichte 4 1915); Die Bergpredigt
des Herrn, ausgelegt in Predigten (4 Bde.,
8 1 91 2); Herausg. von Paul Gerhard ts
samtl. Liedern (1906). — BB1 1268 (Nr.
295); ELK 50, 52 Sp. 1224; KL 17 (W);
BR III 398 (W).
Kaemmel, Otto, Dr. phil., Geh. Stud.-Rat.
Prof., em. Rektor der Nikolaischule in
Leipzig, Geschichtschreiber; • Zittau
25. IX. 1843; t Loschwitz 13. IX. — W.:
Spamers IUustr. Gesch. d. neueren Zeit
(3 Bde., 4i9i4); Deutsche Geschichte
(8i9ii); Grundziige der Sachs. Gesch.
(8i9i2); Kritische Stud, zu Bismarcks
Ged. u. Erinner. (1899) ; Rom u. die Cam-
pagna (8 1913)- — ^z 933: Bfil "00
(Nr. 219); KL 17 (W).
Kampmann, Gustav, Professor, Land-
schaftsmaler, Radierer und Lithograph;
• Boppard 30. IX. 1859; f Grotzingen b.
Karlsruhe 12. VIII. — W.: Dorf im
Schnee (Rad.); Schoner Wintertag
(Lithogr.) ; Abend im Winter (Gem. 1909,
Staatsgal. Wien). — BBI980 (Nr. 191):
KW 31. I. S. 27 (Avenarius); Kchr, NF
28, 41 Sp. 484; SozMH 958; DZL
702 f . ; TB XIX, 509 — 5 1 1 (W) [Cicerone
Totenliste 1917: Kayser — Kohnstamm
661
IX 323; Katalog der Origin al-Lithogr.
usw. des Kunstlerbund Karlsruhe (W);]
MS V 158, VI 154.
Kayser, Heinrich, Dr.-Ing. e. h., Geh. Bau-
rat, Professor, Begriinder der Firma
Kayser u. v. Groflheim, Architekt, Mit-
glied des Senats der Akademie der
Kiinste 11. der Akademie des Bauwesens;
* Duisburg 28. II. 1842; f Berlin 11. V.
— W.: 2. Preis bei der Konkurrenz fur
das Reichstagsgebaude, — LpZ 12. V.;
DGK; HPSt 1918; Kchr, NF 28, 33 Sp.
355; ZB 41 [Der Baumeister XV 43];
MS II 316; TB XX 43 (W).
Keeser, Karl, Pralat und Generalsuperinten-
dent in Heilbronn, fiihrender Mann der
protestantischen Kirche Wiirttembergs ;
• Billingsbach 14. IX. 1858; f Heil"
bronn 22. II. — SchwMerkur Nr. 88, 89,
93; Evangel. Gemeindebl. fiir Stuttgart
XIII, 9; \VN 31—39 (Lempp); ZB 41
[Kirchl. Jahrbuch 44, 613 (Schneider)].
Kern, Heinrich, Dr. phil., Dr. h. c. (Leipzig),
em. Prof, des Sanskrit der Univ. Leiden,
Bhrenmitglied der phil.-histor. Klasse d.
AdW Wien, Mitgl. der niederland. AdVV
Amsterdam, Ritter des Ordens Pour le
mkrite; * Purworadjo (Niederl.-Indien)
6. IV. 1833; f Utrecht 4. VII. — LpZ 14.
VII. ;LZ 729; Almanach AdW Wien 1918,
419 — 422 (v. Schroeder); ZB41 [Zeitschr.
f. Ethnologie 49, 201]; ZB 43 [Internat.
Archiv fiir Ethnogr. 24, 169 bis 173].
Klauwell, Otto, Dr. phil., Professor, stellv.
Direktor u. Lehrer am Konservatorium
der Musik in Koln, Komponist; * Langen-
salza 7. IV. 1851; t Koln n. V. — W.:
Musikalische Bekenntnisse (2 1892); Die
Formen der Instrumentalmusik (a 19 18);
Studien u. Erinnerungen (1904); Ge-
schichte der Programmusik (19 10). —
FZ 15. V. (A.-BL); BB1 1086 (Nr. 215);
LpZ 15. V.; Deutsches Biihnen jahrbuch
1918/19, S. 169; JP 88 [RMTZ 187; Dt.
TonkZtg. 114; Signale 404; AMZ 330;
Klavierlehrer 89; NMZ 38, 279; NZ fiir
Musik 204]; ZB 42 [Ecce Pforta, S. 30];
R641 f. (W); FAT 189 (W); A 237 (W).
Klein, Johannes, Kommerzienrat, Griinder
u. Vorsitzender des Aufsichtsrats der
Maschinen- u. Armaturenfabrik vorm.
Klein, Schanzlin & Becker A.-G. in
Frankenthal (Rheinpfalz) ; * Klingen-
miinster 8. XII. 1845; t Frankenthal
(Pfalz) 23. X. — E 1696 (P); IZ 3881(F);
VDI 62, 13— 15 (P) ; ZB 41 [Gesundheits-
ingenieur 40, 470; Fordertechnik 10, 165;
Die GieCerei IV 221; Zeitschr. f. d. ges.
Turbinenwesen 14, 340]; ZB 44 [Eis- u.
Kalteindustrie 19, 123].
Klett, Gertrud, Dichterin u. Schrif tstellerin ;
♦ Stuttgart 4. VII. 1871; t Miinchen 16.
VI. — W. : Aus jungen Jahren (Gedichte ;
1906) ; Kinderbucher ; "Qbersetzungen von
Ibsen, Geijerstam u. Madelung (bei
Langen u. S. Fischer). — SchwMerkur
28; WN 104—106 (Kostlin); BR IV 16
(W).
Knodt, Karl Ernst, Pfarrer u. Schriftsteller
(der Waldpfarrer) ; * Eppelsheim 6. VI.
1856; t Bernsheim 30. IX. — W.: Aus
meiner Waldecke (Gedichte 3 1904); Aus
alien Augenblicken meines Lebens (Ged.
8 1914). Bin Ton vom Tode u. ein Lied
vom Leben (Ged. 8 1914). — H 15, 3
S. 372 — 374 (Knies); LE 20, 217 u. 24 if.;
WI8 1778; Bernsheimer Geschichtsbl. II,
9 S. 129 — 134 (Glaser) (P) ; ELK 50, 44
Sp. 1038; ZB 41 [Deutschland 8, 766;
Hannoversche Schulzeitung 385 (Bate);
Der Tiirmer, Nov. 234]; ZB 42 [Vegeta-
rische Warte 51, 16]; ZB 43 [Die Wart-
burg 1918, 173 (Haun)]; KL 17 (W);
BR IV 32 (W).
Kocher, Emil Theodor, Dr. med., o. Prof,
der Chirurgie a. d. Univ. Bern, Schopfer
der neuen Kropf operation, Nobel- Preis-
trager (1909); * Bern 25. VIII. 1841;
f Bern 27. VII. — FZ 28. VII. (2. M.-Bl.),
31. VII. (A.-Bl.); LpZ 28. VII.; BB1 924
(Nr. 177); LZ 797; SozMH 1244; MMW
1032 u. 1918, 78 — 80 (Sauerbruch) ; WI7
869, 8 1778; IZ 3867 (P) ; ZB 41 [Korresp.-
Bl. fiir Schweiz. Arzte 12 17 — 26; MK 13,
955 (Haberlin); Ziiricher Wschr. 277;
BKW 859 (Hildebrandt) ; DMW 43,
1 1 1 1 (Garre) ; Deutsche Zeitschr. fur
Chirurgie 142, I — VIII (de Quervain)];
ZB 42 [Schweiz. Archiv fiir Tierheilkde.
60, 38 — 44 (P) ; Mitteil. aus den Grenzgeb.
der Med. u. Chirurgie 30, III Eiselsberg)] ;
ZB 43 [Ergebn. der Chir. u. O^hop. 10,
S. V]; PBL 878 f. (W) (P) ; BZZ 9 [Berner
Bund 28-/29. u. 31. VII.;NZZ3i. VII].
Kohl, Horst, Dr. phil., Professor, Konrektor
am Konigin-Karola-Gymnasium in Leip-
zig, Bismarck-Forscher u. Geschicht-
schreiber; * Waldheim 19. V. 1855;
t Leipzig 2. V. — W.: Annalen zur
deutschen Geschichte (1887 — 98); Bis-
marck-Regesten (2 Bde., 1891 — 92);
Politische Reden des Fiirsten Bismarck
(14 Bde.; 1892 — 1905). — FZ 4. V.
(A.-Bl.), 7. V. (A.-Bl.)"; IZ 3855 (F) ; LZ
493; SozMH 751; BB1 528 (Nr. 104);
HV 18, 345; LE 19. 1 161; KL 17 (W).
Kohnstamm, Oskar, Dr. med., Sanitatsrat,
Nervenarzt und Besitzer eines Sanato-
riums in Konigstein i. T., Mazen ; * Pfung-
stadt b. Darmstadt 13. IV. 1871; t K5-
662
Totenliste 19 17: Kohut — Krosigk
nigstein i. X. 6. XI. — FZ 8. XI. (A.-Bl.)
(Edinger); L 54 (Juli 1918); S. $7^1
Kchr, NF 29, 13, Sp. 139; LZ 1141;
MMW 1512; AA.
Kohut, Adolph. Dr. phil., Kgl. Rat, Schrift-
steller; * Mindszent (Ungarn) 10. XI.
1848; f Berlin 22. IX. — W.: Natur-
geschichte der Berlinerin (7 1887) ; Bis-
marck als Humorist (1899) ; Gustav Frey-
tag als Patriot und Politiker (1916). —
BBI1112 (Nr. 225); SozMH 1918, 108;
WI7 865, 8 1778; LZ 954; JP 89 [Klavier-
lehrer 155; RMTZ 328; Signale 679;
NMZ 39, 32]; KL 17 (W); BR IV s8f.
Kolberg, Josef, Dr., o. Prof, der Kirchen-
geschichte a. d. Akademie in Brauns-
berg; * Elbing 6. VIII. 1859; f Brauns-
berg 23. XII. — LZ 1918, 42; DGK;
HPSt 1918; KL 17 (W).
Koeppel, Emil, Dr. phil., em. o. Prof, der
engl. Philologie a. d. Univ. Strafiburg;
* Nurnberg 20. IX. 1852 ; f Straflburgi.E.
9. VI. — LpZ 11. VI.;BB1676(Nr. 135);
FZ 11. VI. (A.-Bl.); ZB 42 [Englische
Studien 51, 467—472 (Brie)]; KL 17 (W).
Kdrto, Gustav, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
o. Prof, der klassischen Archaologie a. d.
Univ. Gottingen; * Berlin 8. II. 1852;
f Gottingen 15. VIII. — W. : Etruskische
Spiegel (5 Bde., 1884— 97). — FZ 18. VIII.
(A.-BL), 21. VIII. (A.-Bl.), 10. IX.
(M.-BL); Kchr., NF 28, 41 Sp. 483 f.
(Maas); BB1 996 (Nr. 195); HPSt 1918;
Nachr. d. GdW Gottingen 19 18, 74 — 86
(Pohlenz) ; ZB 41 [Archaol. Anz. 191 7, 1] ;
JAW 177 IV, 99—130 (Alfr. Korte)];
KL 17 (W).
Kotze, Ludolf v., Rittergutsbesitzer, Mitgl.
despreufi. Abg.-Hauses; * Klein-Oschers-
leben 15. X. 1840; f Magdeburg 20. X. —
DGK; HPSt 1918; UAT 1917; HA.
Krause, Jduard, Konservator am Museum
fur Volkerkunde in Berlin; Altmeister
prahistorisch-technischer Forschung, ur-
spriinglich Maurer; * Berlin 13. VI. 1847;
f Berlin 30. X. — W. : Die Kulturlander
des Alten Amerika (3 Bde., mit A.
Bastian, 1888) ; tJber die Herstellung vor-
geschichtlicher Tongef afle ( 1 902 f .) . — B Bl
1223 (Nr. 272); L 54 (Juli 1918), S. 58;
HPSt 1918; KL 17 (W). — VZ 10. VI.
(Heilborn: Zum 70. Geburtstag) ; HA.
Kreibig, Josef Klemens, Dr. phil., Hofrat,
a.o. Prof, der Philosophic a. d. Universitat
Wien, Inspektor fiir das kommerzieUe
Bildungswesen im osterreich.Unterrichts-
ministerium (Pseudon:Dr.Laurentius).
* Wien 18. XII. 1863; f Wien 8. XI. —
W.: Geschichte undKritik derethischen
Skeptizismus (1887); Psychologische
Grundlegung eines Systems der Wert-
theorie(i9o8). — FZ 15. XI. (A.-Bl.);
BB1 121 1 (Nr. 266); LZ 1164; ZB 43
(Kantstudien 23,150-155 [Schmidkunz]) ;
KL i7(W);M7VH 115.
Kreuser, Heinrich, Obermedizinalrat und
Direktor der Heilanstalt Winnental;
* Stuttgart 5. I. 1855; f Winnental
19. XH. — W.: Krankheit und Cha-
rakter. — WN 160—163 (Buder) [Schw.
Merkur 607; Wurttemb. Med. Corresp.-
Bl. 1918, 19 (Buder); Allgem. Zeitschr.
fiir Psychiatrie 74 (Kreuser); Volks- u.
Anzeigebl. fiir Winnental 19 18, Nr. 10;
Worte des Gedachtnisses von Dr. H.
Kreuser u. Pfarrer Ziemssen] ; ZB 42 [Die
Irrenpflege 22, 11 — 14 (Buder); Psych.-
neurol. Wschr. 20, 11 — 14, Allgem.
Zeitschr. fiir Psych, u. psych. -gerichtl.
Med. 74, 260 (Kreuser)].
Kroemer, Paul, Dr. med., o. Prof, der
Frauenheilkunde u. Geburtshilfe a. d.
Univ. Greifswald, Direktor der Frauen-
klinik und des Hebammeninstituts ;
* J^eobschiitz 18. X. 1874; f Greifswald
3. XI. — LZ 1119; MMW 1512; HPSt
1918; ZB 41 [MSchr. fiir Geburtshilfe
u. Gynakol. 46, 482 (Schweder) und 485 f .
(Martin) (W)]; ZB 42 [Cbl. fiir Gynako-
logie 41, 1 145 — 51 (Stephan) ; DMW 44,
23 (Kiister)]; AA.
Kroenig, Bernhard, Dr. med., Geh. Hofrat,
o. Prof, der Frauenheilkunde u. Direktor
der Frauenklinika.d. Univ. Freiburg i. Br.;
* Bielefeld 27. I. 1863; | Freiburg \. Br.
29. X. — MMW 65, 162 (Gaufi); L 54
(Juli 1918). S. 58; LZ 1 1 19; ZB 41 [Cbl
fiir Gynakol. 41, ii2c« — 35 (Menge);
MSchr. fiir Geburtshilfe u. Gynakol. 46,
467 (Pankow), 471 (Siegel), 473 (Doder-
lein) u. 476 — 481 (W)]; ZB 42 [Archiv
fiir Gynakol. 108. V— XX (GauB); DMW
44, 77 (Sellheim) ; Fortschr. auf dem Geb.
der Rontgenstrahlen 25, 25, S. 367 — 369
(GauB); MK 14. 77 (Gaufi)]; KL 17;
ZB 44 [Strahlentherapie IX 1—9 (Gaufi)].
Kropatschek, Friedrich, D. theol., Dr. phil..
o. Prof, der evangel.-systematischen
Theologie u. Dogmatik, Herausgeber der
Biblischen Zeit- u. Streitfragen (seit
!9°5); * Wismar 25. I. 1875; t Breslau
22. I. — W. : Occam und Luther (1900);
Die Trinitat (19 10). — FZ 28. I. (2. M.-
BL); LZ 143; SozMH 330; ELK 50.
5Sp. ii7f-; BBI84 (Nr. 2o);HPSt 1918;
ZB 41 [Kirchl. Jahrb. 44, 614 (Schnei-
der)]; ZB 42 [Evangel. Kirchen-Ztg.
1918, 23 (Walter)]; KL 17 (W).
Krosigk, Erich v., Wirkl. Geh. Rat, Exzel-
lenz, langjahriger Prasident des anhalti-
Totenliste 1917: Kudlich — Leiningen-Westerburg
663
schen Landtags, SchloBhauptniann von
Ballenstedt, herzogl. an halt. Kammer-
herr; * Rathmannsdorf 26. IX. 1829;
f Rathmannsdorf 20. II. — DGK; UAT
1918.
Kudlich, Hans, Befreier der osterreichischen
Bauernschaft; * Lobenstein b. Jagern-
dorf (Schles.) 25. X. 1823; f Hoboken
10. XL — HambFBl, Wochenausg.,
168, S. 7; Otto Wenzelides, Hans Kud-
lich. Ein Leben fiir Freiheit u. Recht
(Warnsdorf 1925).
Kuhn, Bemhard, Geh. Baurat, em. Prof,
a. d. Techn. Hochschule Berlin, Archi-
tekt; • Falkenhein (Schles.) 26. IX.
1838; t Berlin 12. II. — W.: Kultus-
ministerium, Berlin. — FZ 16. II.
(2. M.-Bl.), 17. II. (A.-Bl.); LZ 225; LpZ
16. II.; Kchr, NF28, 23 S. 233; K (W) ;
AA.
Kill than, Erich, Landschaftsmaler, Litho-
graph u. Zeichner, Professor, friiher
Lehrer a. d. Berliner Kunstschule;
• Bielefeld 24. X. 1875 ; t Jena 30. XII.—
W. : Traume und Erinnerungen der Kind-
heit (1901). — FZ 3. I. 1918 (A.-BL);
DGK; LpZ 2. I. 1918; Kchr, NF 29, 155;
DZL 821 (W); MS V 175.
Kurzwelly, Albrecht, Dr. phil., Professor,
Direktor des Stadtgeschichtlichen Mu-
seums in Leipzig; * Leipzig 20. I. 1868;
t Leipzig 8. I. — LpZ 9. I. u. 13. I.; FZ
n. I. (A.-Bl.); LE 19. 649; IZ 3839 (P):
LZ8o;BBl28 (Nr. 7) ; HV 18,343; Kchr,
NF 28, 17, S. i6sf.; WI 8 1779; ZB 41
[Mitteil. des Erzherzog-Rainer-Museums
46]; AA.
Kuster, Friedrich Wilhelm, Dr. phil., (1899
bis 1905) Prof, der Chemie a. d. Berg-
akademie Clausthal a. D., chemischer
Schriftsteller; * Falkenberg n. IV. 1861;
f Frankfurt a. O. 22. VI. — W.: Loga-
rithmen-Rechentafel fiir Chemiker, Phar-
mazeuten, Mediziner u. Physiker (al 19 19) ;
Lehrbuch der allgem. physikalischen u.
theoret. Chemie (191 3). — WI7 931,
8 1779; ZB 41 [ChemZtg. 805 (Dahmer) ;
Zeitschr. f. angew. Chemie 30, 261
(Munch)]; ZB 43 [Ber. d. dtsch. Chem.
Ges., 1017 — 24 (Schaum)]; PF V 690
(W).
Laffert, Maximilian v., Generald. Kavallerie
u. Kommandierender General des XIX.
(2. kgl. sachs.) Armeekorps, a la suite
des 18. Husarenregiments; * Lindau
(Bayern) 10. V. 1855; f Frankfurt a. M.
20. VII. — ERL; MWB1. 102, 11; WI8
1779; AA.
Lange, Ernst, Dr. phil., Geh. Rat u. Vor-
trag. Rat im sachs. Kultusministerium,
verdient um das Realschuiwesen ; • Rjesa
20. XL 1859; f Dresden 16. I. — LZ 113;
LpZ 17, 18 u. 20. I.; ZB 41 [Zeitschr. fiir
lateinlose hohere Schulen 29, 179 (Eber-
hardt)].
* Lange, Friedrich, Dr. phil., Philologe u.
Publizist, Begriinder des Vereins fur
Schulreform, friiher Herausgeber der
Taglichen Rundschau, Griinder und
Hauptschriftleiter derDeutschen Zeitung ;
* Goslar 10. I. 1852; f Detmold 26. XII.
0 Berlin- Lichterfelde. — FZ 27. XII.
(A.-Bl.); LZ 1918, 44; ZB 43 [Der Volks-
wart III, 54—6i (Lange)]; KL 17 (W);
DBJ 94/99 (Craemer).
Lass on, Adolf, D. theol., Dr. phil.. Dr. jur.
h. c, Geh. Reg.-Rat, o. Hon.-Prof. der
Philosophic a. d. Univ. Berlin, Hegel-
Forscher; • Alt-Strelitz 12. III. 1832;
f Berlin 20. XII. — W.: System der
Rechtsphilosophie (1882). — FZ 21. XII.
(A.-Bl.) u. 30. XII. (1. M.-Bl.) (Schmidt);
LZ 1918, 20; BB1 1284 (Nr. 303); LE 20,
560; HPSt 1918; SozMH 1918, 358; ELK
51, 1 Sp. 23 f.; WI8 1779; ZB 42 [Mhefte
der Commeniusges., NF X 18 (Schmidt)] ;
ZB 43 [Archiv fiir Rechts- u. Wirtschafts-
philos. 11, 293 u. 12, 1 — xo (Lasson);
Kantstudien 23. 10 1 — 123 (Siebert)];
KL 17 (W); ZB 44 [Das humanist. Gym-
nasium 1919, 147 — 150 (Stalmann);
Mecklenburg. Heimat XI, 131 — 134
(Winkel)]; K (W).
Lauter, W. H., Dr.-Ing., Geh. Baurat, Mit-
glied der Akademie des Bauwesens,
Briickenerbauer; * 3. I. 1847; t Berlin
23. VII. — HPSt 1918; DGK; ZB 44
[ZBV n, 508 (Kemmann)]; AA.
Laurentius s. Kreibig.
Leber, Theodor, Dr. mtd., Geh. Rat, em.
o. Prof. d. Augenheilkunde u. Direktor
der Augenklinik der Univ. Heidelberg;
* Karlsruhe 29. II. 1840; f Heidelberg
7. IV. — FZ 11. IV. (A.-Bl.), 18. IV.
(1. M.-Bl.) (Schnaudigel) ; MMW 544;
L 53 (M*i 1917). S. 48; LZ 420; BB1 360
(Nr. 85); SozMH 804; ZB 41 [Cbl. fiir
prakt. Augenheilkunde 41, 129 — 139
(Hirschberg) ; Klin. Mbl. fiir Augenheil-
kunde 58, 545 — 565 (v. Hippel) (P);
Zeitschr. f. Augenheilkunde 256 (Seidel)] ;
KL 17 (W); PBL 9691- (W) (P); K (W).
Leiningen-Westerburg, Josephine Graf in zu,
geb. Spruner von Mertz, Schrif tstellerin ;
* Bamberg 8. IV. 1835; f Kassel 5. XI;
— W\: Lebenserinnerungen, Erlebtes u.
Fabuliertes (2 Bde., 1899). — KL 17
(W); GHK 1920; AT 1918 [Artikel:
Spruner von Mertz]: BR IV 220 (W) ;
PY I 489.
664
Totenliste 191 7: Levy — Matthias
Levy, Alphonse, [Pseudon.: Ernst Maurer],
Schriftsteller, Herausgeber der judischen
Zeitschrift Im Deutschen Reich ; * Dres-
den 19. XL 1838; t Berlin 25. I. — W.:
Erlebt (Erzln., a 1914); Gesch. der Juden
inrSachsen (1900). — LZ 176; BB1 96
(N .23);KL 17 (W).
Levy, Emil, Dr. phil., o. Hon.-Prof. der
romanischen Philologie a. d. Univ. Frei-
burg i. Br.; * Hamburg 23. X. 1855;
f Freiburg i. Br. 28. XI. — W.: Proven-
zalisches Supplement- Worterbuch (1892
bis 191 5, 7 Bde.; A — S; T — Z, hersg. von
Appel, 1 Bd.. 1924). — BB1 1256 (Nr.
289); LZ1209; DGK; KL 17; M7 VII
918.
Lewy, Israel, Dr. phil., Professor, Rabbiner,
Vorsitzender des Lehrerkollegiums am
jiidisch-theologischen Seminar in Bres-
lau, Talmudforscher; * Hohensalza 7. I.
1841; f Breslau 8. IX.— BB1 1076 (Nr.
212); LZ 933; SozMH 1 100; ZB 41 [All-
gem. Ztg. des Judentums 81, 460 (El-
bogen)] ; M7 VII 922 f .
Ller, Leonhard, Dr. phil., Professor, Haupt-
schriftleiter des Dresdner Anzeiger, Vor-
sitzender des Landesverbandes der Sach-
sischen Presse, Vorstandsmitglied des
Reichsverbandes der deutschen Presse;
* Herrnhut 22. III. 1864; f Dresden 4. I.
— Dresdner Anz 5. 1.; LpZ 4. I. u. 6. I.;
LZ 57; BB1 20 (Nr. 5;) LE 19. 649;
WI7 1002, 8 1780; KL 17.
Lincke, Felix, Geh. Baurat, Professor der
Maschinenbaukunde a. d. Techn. Hoch-
schule Darmstadt ;* Leipzig 14. XI. 1840;
t Darmstadt 23. VIII. — Herausgeber
des Handbuchs der Ingenieurwissen-
schaften. — VDI 61, 38 S. 778 f. (P); K
(W).
Lindner, Felix, Dr. phil., a.o. Professor der
englischen Philologie a. d. Univ. Rostock;
*01si.Schl.4.V. 1849; t Rostock 1. VIII.
— FZ 4. VIII. (A.-Bl.); LpZ 3. VIII.;
WI8 1780; ZB 42 [Engl. Studien 51, 476
(Glode)]; KL17; K (W).
Livonius, Otto, Vizeadmiral a. D., Marine-
schriftstelleru. Kolonialpolitiker; * Wol-
gast 1. IV. 1829; f Berlin 9. II. — LpZ
10. u. 13. II.; LZ 201; DKZ 34, 2 S. 28;
DGK ; ZB 4 1 [Archiv f iir Rettungswesen
3, 522 (Schroder)].; A A.
Lobmeyr, Ludwig, ,,Altmeister der oster-
reichischen Glasindustrie" (Inschrift an
seinem Monument im Osterreich. Museum
in Wien), Parlamentarier ; * 2. VIII.
1829; f Wien, 25. III. — Neue osterreich.
Biogr. I, 132 — 145 (Leisching) (P); WI8
1780; BZZ 9 (NFP 26727. III. [Bettel-
heim]; VZ 4. IV.).
London, Franz, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
o. Prof, der Mathematik a. d. Univ. Bonn ;
• Liegnitz 6. IV. 1863; f Bonn 27. II. —
LpZ 1. III.; FZ 2. III. (2. M.-Bl.); LZ
280; L 53 (Nov. I9I7);S. 75; SozMH 438;
WI7 1029, 8 1780; ZB 41 [Jahrb. d. dt.
Mathematikervereinigung 26, 153 — 157
(Study)]; K (W); PF V 760.
Loewenthal, Eduard, Dr. phil., philoso-
phischer Schriftsteller u. Sozialpolitiker,
Organisator der Friedensbewegung; *
Ernsbach 12. III. 1836; f Berlin 26. III.
— W.: System u. Geschichte des Natu-
ralismus (8 1897) i Geschichte der Philo-
sophic im Umrifl (* 191 1) ; Neues System
der Soziologie (1908); Mein Lebenswerk
(19 10); System des naturalist. Transzen-
dentalismus (6 1916). — LZ 329; SozMH
438; LE 19, 97o; BB1 316 (Nr. 761); KL
17 (W).
Lueg, Heinnch, Geh. Kommerzienrat.
Groflindustrieller, Mitglied des preu-
Bischen Herrenhauses, Griinder der
Maschinenfabrik Haniel & Lueg, Vor-
sitzender der Rheinischen Bahn-Gesell-
schaft; * Sterkrade 14. IX. 1840; |
Dusseldorf 7. IV. — FZ 30. XH. (2. M.-
Bl.) ; HPSt 1918; WI7 1041, 8 1780; Soz
MH 649; DGK; StE 37. 392.
Luerssen, Arthur, Dr. med., Sozialhygie-
niker, Mitschopfer der Dresdner Hygiene-
ausstellung 191 1, Begriinder u. Leiter der
Volksborngesellschaf t ; * Kleinzschocher
b. Leipzig 18. III. 1877; f Dresden 1. XI.
— MMW 1512; LZ 1141; ZB41 [Ber. der
bayr. botan. Ges. XVI 13 (Toepffer)];
ZB 42 [Intemat. Mschr. zur Erforschg.
des Alkoholismus 27, 283]; AA.
Mann, Oskar, Dr. phil., Professor, Ober-
bibliothekar an der Koniglichen Biblio-
thek in Berlin; * Berlin 18. IX. 1867;
t Berlin 5. XII. — W.: Kurdisch-per-
sische Forschungen (1906 — 10). — BB1
1256 (Nr. 289), LZ 1209, WI8 1780;
HPSt 1918 ; ZB 4 1 [Der christliche Orient
1917 II, 229]; KL 17 (W); JB 1920, 179;
AA.
Mathis, Karl, Geh. Oberjustizrat, Land-
gerichtsprasident in Frankfurt a. O., Mit-
glied des preufiischen Herrenhauses;
* Rittergut Denkwitz b. Glogau 19. XI.
1845; t Frankfurt a. O. 13. IV. — HPSt
1918; DGK; WI8 1781; AA.
* Matthias, Adolf, Dr. phil., Wirkl. Geh.
Oberreg.-Rat, friiher Vortrag. Rat im
preuBischen Kultusininisterium.Padagog,
Hrsg. der Monatsschrift fiir das hohere
Schulwesen u. des Handbuchs fiir den
deutschen Unterricht; • Hannover 1. VI.
1847; f Dusseldorf 8. VI. — W. : Wie er-
Totenliste 191 7: Maurer — Michael
665
ziehe ich meinen Sohn Benjamin ?
(10 1 9 1 5 ); Das deutsche Volkslied (4 1913) ;
Hilf sbuch fiir den deutschen Sprachunter-
richt (8 19 1 2); Erlebtes und Zukunfts-
fragen (1913); Bismarck 1915. — FZ 20.
VI. (Ziehen); LZ 613; LE 19, 1920; DGK;
WI8 1781; ZB 41 [Mschr. f. d. hohere
Schulw. 529 — 540 (Biese); Pharos 8,
105 — 112 (Lurz); Zeitschr. f. d. dtsch.
Unterricht 494; Zschr. fiir lateinlose hoh.
Schulen 29, 145; Zeitschr. f. d. Reform
der hoh. Schulen 29, 33 (Eickhoff) ;
Zeitschr. fiir Schulgesundheitspflege 30,
417 (Gohde)]; KL 17 (W); BZZ 9 [KZ
31. V. (Zum 70. Geburtstag); BT 30. V.
(dass.); BT 10. VI.; HK 10. VI.]; DBJ
98/103 (Norrenberg m. L.).
Maurer, Ernst*' s. Levy, Alphonse.
Mauthner, Julius, Dr. med., Obersanitats-
rat, o. Professor der med. Chemie a. d.
Univ. Wien; * Wien 26. IX. 1852;
t Wien 28. XII. — FZ 31. XII. (M.-Bl.) ;
MMW 65, 60; L 54 (Jan. 1918), S. 2; LZ
1918, 44; SozMH 1918, 161; ZB 42
[Osterr. Ch.-Ztg., NF 21, 43 (Zcynek) ;
WKW 31, 57]; ZB 43 [Ber. der dtsch.
Chem. Ges. 51, 1025 (Suida)]; KL 17;
PF V, 822 (W).
Mayr, Karl, Dr. phil., o. Hon.-Prof. der
Geschichte a. d. Univ. Miinchen; *Krum-
bach 28. III. 1864; t Miinchen 24. X. —
Herausgeber der Brief e u. Akten zur
Gesch. des Dreifligjahrigen Krieges,
Bd. 7 u. 8 (1905/08). — LZ 1097; SozMH
1918, 57; DGK; ZB 42 [Sudd. MH, Mai
1918, vS. 144—152 (v. Miiller)]; KL 17
(W).
# Meding, Hans v., Landwirt, Klosterguts-
pachter in Wulfrode (Kreis t)lzen), Wel-
fenfiihrer, M. d. R. (Deutsch-hannov.
Partei); * Sclinellenberg b. Liineburg
K. X. 1868; f bei Mitau 5. I. — FZ
14. I. (1. M.-Bl.); LpZ 13. I.; UAT 1917
u. 1918; RH 1912, 319; AA.
* Mehrtens, Georg Christoph, Geh. Hofrat,
(1895 — *9l$) °- Prof, der Briickenbau-
technik a. d. Technischen Hochschule
Dresden a. D.. * Bremerhaven 31. V.
1843 i t Dresden 9. 1. — W. : Der deutsche
Briickenbau im 19. Jahrhundert (1900);
Vorlesungen tiber Ingenieur -Wissen-
schaften (3 Bde. 2 1909 — 16). — FZ 12. 1.
(A.-Bl.); BBI40 (Nr. 10); LZ80; SozMH
278; LpZ 1 1. I.; DGK; VDI61, 6S. H3f.
(Foerster) (P) ; KL 17 (W) ; StE 37, i°<>
u. 124; DBJ 103/106 (Beyer).
Mellinger, Karl, Dr. med., o. Prof, der
Augenheilkunde u. Direktor der Augen-
klinik a. d. Universitat Basel; * Mainz
26. XI. 1858; fBasel2i.V. — LpZ6.VL;
LZ 566; MMW' 768; L 54 (Juli 1918),
S. 58; ZB 41 [Cbl. fiir prakt. Augenheil-
kunde 41, 978 — 981 (Hallauer)]; BZZ*9
[Basler Nachr. 24. V.]; K (W); AA.
Mendelssohn, Robert v., Generalkonsul,
Chef des Bankhauses; Mitglied des
preufiischen Herrenhauses; * Berlin
13. XII. 1857; t Berlin 21. VIII. — BT
21. VIII.; VZ 21. VIII.; FZ 22. VIII.
(1. M.-Bl.); SozMH 1080; LpZ 21. VIII.;
WI8 1 781 ; ZB 41 [Auf Vorposten V 358];
AT 1 9 19; ZB 44 [Heimatschutz in
Brandenburg IX 155]; AA.
t& Mennicke, Carl, Dr. phil., Kapellmeister
u. Musikhistoriker, zuletzt Dirigent in
Helsingfors, Leutnant d. Res. u. Kom-
pagnief iihrer ; * Reichenbach i. V. 12. V.
1880; f in RuBland, EndeVI. — W.:
Guvertiire zu einem Schauspiel (1918). —
LpZ 2. VII.; BBl776(Nr. 151); AMZ44,
27 S. 480; JP 89 [Signale 509; NZ fiir
Musik 228; Klavierlehrer 122; NMZ 38,
327; Stimme 11, 332; Dtsch. Tonk.-Ztg.
148]; SozMH 854; NML417 (W); A 295;
FAT 249.
Meyer, Bernhard, Kommerzienrat, Verlags-
buchhandlerin Leipzig, Groflindustrieller,
Pionier der deutschen Flugzeugindustrie;
* Fraureuth b. Werdau i. S. 5. X. i860;
f Leipzig 19. IV. — BB1 396 (Nr. 92);
IZ 3853 (P), 3865, S. 155—159 (Bischoff)
(P); WI 7 1 113, s 1781; AA.
Meyer, Bruno, Dr. phil., Kunstschriftsteller
u. Padagog, Prof. a. d . Technischen Hoch-
schule Karlsruhe a. D. ; * Kempen 28. VI.
1840; f Berlin 12. XI. — W.: Photogra-
phische Kunstblatter (1899 — 1906). —
LZ 1 141; DGK; LE 20, 431; BB1 1223
(Nr. 272); ZB 42 [Zeitschr. fiir Hoch-
schulpad. 9, 7 — 13]; KL 17 (W).
* Meyer (aus Speyer), Wilhelrn, Dr. phil.,
o. Prof, der mittellatein. Philologie; *
Speyer 1 . IV. 1845; t Gottingen 9. III. —
W.: Ges. Abhandlungen zur mittellatein.
Rhythmik (3 Bde. 1905). — FZ 23. III.
(A.-Bl.) ; LpZi 1 . III. ; LZ 361 ; HPSt 1918 ;
WI8 1781 ;ZB 43; J ahrb.AdW Miinchen
20—23 (Vollmer); Nachr. GdW Got-
tingen 76—84 (Schroder); KL 17 (W)'»
W. Behrens, Gesch. der deutschen Philo-
logie in Bildern (1927). S. 7* (P)i DBJ
1 06/1 10 (Edw. Schroder).
Michael, Emil, Dr. theol., Dr. phil., SJ, o.
Prof, der Kirchen- u. kirchl. Kunst-
geschichte a. d. Univ. Innsbruck; *
Reichenbach i. Schl. 20. IX. 1852; f
Miinchen 12. III. — W.: I. v. Dollinger
(8 1894); Geschichte der deutschen V61-
ker vom 13. Jahrh. bis zum Ausgang des
Mittelalters (6 Bde.; 1897 — 1915)- —
666
Totenliste 1917: Milan — Noerdlinger
LZ 336; SozMH 446; HV 18, 344; KL 17,
(W); AA.
Milan, Emil, Dr. phU., Professor, Rezitator,
Lektor der Vortragskunst a. d. Univ.
Berlin; * Frankfurt a. M. 12. IV. 1859;
f Berlin 13. III. — FZ 14. III. (2. M.-Bl.,
A.-Bl.) u. 16. III. (2. M.-BL); HPSt 1918;
SozMH 334; Dtsch. Biihnenjahrb. 29
(1918) S. 164; KW 30, III S. 81 f. (Schu-
mann) ; KL 1 7 ( W) ; BZZ 9 [NZZ 20. III. ;
VZ 13. III.; BT 26. HI.; TR 31. III.].
Mlquel, Hans v., deutscher Gesandterz.D.,
Generalkonsul in Kairo; * Berlin 2. XII.
1871; t Berlin 17. III. — LpZ 20. III.;
HPSt 1918; DGK; AT 1919.
Mlttermaler, Karl, Dr. mod., Geh. Medizinal-
rat, Ehrenburger von Heidelberg, Ehren-
vorsitzender der Fortschrittlichen Volks-
partei in Heidelberg; * Heidelberg 20.
VII. 1823; f Heidelberg 27. XII. — FZ
28. XII. (2. M.-Bl.) u. 4. I. 1918 (A.-Bl.;
Leser); DGK; MMW 1918, 116; AA.
Mu linen, Wolfgang Friedrich Graf v.,
Dr. phil., a.o. Prof, der Geschichte a. d.
Univ. Bern, Oberbibliothekar der Berner
Stadt- u. Hochschulbibliothek, Erfor-
scher der Berner Landesgeschichte; *
Bern 25. XII. 1863; f Bern 15. I. — LpZ
18. L; LZ 17; SozMH 265 ; BB1 56 (Nr. 14)
HV 18, 343; ZB 43 [Anz. fur schweiz.
Gesch. 49, 87]; KL 17; GT 1917; BZZ 9
[Berner Bund 16. I.; Basler Nachr. 24.
I.];K(W).
Muller, Georg, Grunder (1903) u. Inhaber
des Verlags Georg Miiller in Miinchen;
* Mainz 29. XII. 1877; f Miinchen 29.
XII. — LZ 1918, 42; SozMH 1918, 108
(Hochdorf); ZB 41 [IZ 19 18, 26 (Wolf)];
M7 VIII 829.
Mailer, I wan Ritter v., Dr. phil. et jur., Geh.
Rat, o. Prof, der klass. Philologie a. d.
Univ. Miinchen, o. Mitglied der AdW
Miinchen, Herausgeber des Handbuchs
der klassischen Altertumswissenschaf t ;
(9 Bde. 1885 — 191 1); * Wunsiedel 20. V.
1830; | Miinchen 20. VII. — FZ 25. VII.
(A.-Bl.) (Maas); LpZ 23. VII.; ELK 50,
31 Sp. 742; LZ 753; DGK; BB1 872
(Nr. i7o);WI8 1782; ZB 43; Jahrb. AdW
Miinchen 19 18, 16 — 25 (Rehm); KL 17
(W);K(W).
MUnzel, Robert, Dr. phil., Professor, Direk-
tor der Hamburger Stadtbibliothek; *
Wiesbaden 12. IX. 1859; f Hamburg
1 1 . VII. (im Heeresdienst als Haupt-
mann d. L.). — LpZ 14. VII.; FZ 12. VII.
(A.-Bl.); LE 19, 1417; DGK; LZ 729;
WI7 1166; W8 1782; KL 17 (W); Anz.
Phil. Wo. 41 (1921), U42f. (Ziehen);
ZB 43 [Zeitschr. f. Biicherfreunde, NF
10, II 254 (Warburg)]. — R. M. zum Ge-
dachtnis (Koster u. a.) (W) ; JB 1920, 180.
Neubaur, Leonhard, Dr. phil., Professor,
1877 — 191 1 Oberlehrer am Realgym-
nasium zu Elbing, 1882 — 191 3 Biblio-
thekar der Stadtbibliothek, 1893 — l9l7
Stadtarchivar in Elbing; * Danzkehmen
i. Kr. Stalluponen (Ostpr.) 6. XI. 1847;
t Elbing 27. VIII. — W.: Die Sage vom
Ewigen Juden (2 1893); Katalog der
Stadt bibl. zu Elbing, 2 Bde. 1893 — *894;
Aus d. Geschichte d. Elbinger Gym-
nasiums, Elbinger Programm 1897; Beitr.
z. alt. Gesch. d. Gymn. z. Elbing.
Elbinger Progr. 1899; Aufsatze in d. Alt-
preuBischen Monatsschrift. — Mitt. d.
WestpreuB. Geschichtsver. Nr. 3 vom
1. Jufi 1919 (Th. Lockemann m. Bibl. s.
Schriften).
* Neumann, Karl Johannes, Dr. phil..
Dr. h. c. (Briissel), o. Prof, der alten Ge-
schichte a. d. Univ. StraBburg; • Glo-
gowo 9. IX. 1857; f Miinchen 12. X. —
W.: AbriB der rom. Staatsaltertumer
(a 1 9 14); Der romische Staat u. die all-
gem. Kirche bis auf Diocletian (Bd. I.
1890;) Entw. u. Aufgaben der alten
Gesch. (1909).— FZ 15. X. (A.-Bl.); LZ
1050; BB1 1156 (Nr. 245); WI8I782;
KL 17 (W); K (W); DBJ 110/114
(Laqueur) .
* Niemann, Albert, kgl. preuB. Kammer-
sanger, Tenorist, 1866 — 87 a. d. Konigl.
Oper in Berlin; * Erxleben 15. I. 1831;
f Berlin 13. 1. — Brief wechsel R. Wagners
mit A. N., hrsg. v. W. Altmann (1924). —
LNN 14. I.; BT 13. I.; LpZ 15. u. 16. I.;
SozMH 114 (Zepler); NMZ 38, 139 f. (v.
Wolzogen); BB1 393 (Nr. 92); IZ 3839
(P); HPSt 1918; Dtsch. Biihnenjahrb. 29
(19 18), 57 — 60 (Reimerder) (P) ; JP 90
[AMZ ^y, Dtsch. Tonk. Ztg. 36; Stimme
11, 139; NZf. Musik 24; Musik. Rund-
schau (Dusseldorf) 58; Signale 62]; EG
725 f.; BZZ 9 [NFP 14. u. 16. I. (Korn-
gold) ; Der Tag 16. 1. (Krebs) ; NAZ 16. 1.
(Altmann); TR 15. I. (Zabel); Frank.
Kurier 17. I.; Vorwarts 17. I.; BT 17.
u. 18. 1. ; Weserzeitung 17. I.]; NML 451 ;
A 324 (P) ; FAT 275 ; R 894. — R. Stern-
feld, A.N. (1904); DBJ 114/116 (Gol-
ther).
Niemann, Johanna; Romanschriftstellerin;
* Danzig 18. IV. 1844; | Oliva b. Dan-
zig — W. : Die beiden Republiken (7 1901) ;
Rubezahl (1888); Die Seelen des Ari-
stoteles (* 1889). — BB1 348 (Nr. 83);
KL 17 (W); BR V 133 f.; PY II 89.
Noerdlinger, Hugo, Dr. phil., Chemiker,
Inhaber einer chemischen Fabrik in
Totenliste 1917: Oechsler — Philippovich von Philippsberg
667
Florsheiin, verdient uin Brfindung u.
Einfiihrung von Desinfektionsmitteln,
besonders von Saprol; * Stuttgart 13. II.
1862; f Florsheim 4. III. — WN 166 f.
(HaeuBermann) ; ZB 4 1 [Zeitschr. fur an-
gew. Chemie, B. 301]; AA.
Oechsler, Blias, Professor, Universitats-
Musikdirektor, Komponist (24 op.); *
Spielberg (Oberfranken) 19. III. 1850;
f Erlangen 15. IX. — FZ 20. IX. (A.-
Bl.) ; AMZ 44, 594; ELK 50, 40 Sp. 942;
JP 90 [Dtsch. Tonk.-Ztg. 162]; FAT280;
R 910.
Ohneialsch-Richter, Max, Dr. phil., Alter-
tumsforscher, Erforscher der kyprischen
Geschichte; * Sohland a. Rothstein 7. IV.
1850; f Berlin 6. II. — W.: Die antiken
Kultusstatten auf Kypros (189 1). —
BB1 148 (Nr. 38); LpZ 16. II.; LZ 225;
DGK; SozMH 265; HV 18, 343; KL 17
(W). '
* Olde, Hans (Johann Wilhelm), Professor,
Maler, Direktor der Kasseler Kunst-
akademie; * Siiderau (Holstein) 27. IV.
1855; f Kassel 25. X. — W.: Holstei-
nischer Stier (Dresden, Galerie); Klaus
Groth (Kunsthalle, Bremen) . — FZ 27. X.
(1. M.-Bl.); BB1 1 184 (255); Kchr, NF
29, 6 Sp. 59 f. u. 9, 81 — 84 (Gronau);
SozMH 1308U. 1918, 268; ZB41 [Hessen-
land 31, 347]; I>ZL 1043 (W) ; MS III
334, V225, VI 211 (W); DBJ 117/119
(Vollmer).
Oelwein, Artur, Hofrat, Professor, em.
Honorardozent der Bauingenieurwiss. a.
d. Hochschule fiir Bodenkultur, Vor-
kampfer des Donau-Oder-Kanals, Vize-
prasident des Zentralvereins fiir FluB- u.
Kanalschiffahrt in Osterreich; * Karls-
hiitte 2. IV. 1837; f Wien 19. III. — LZ
420; SozMH 562; ZB 42 [Cbl. f. d. ges.
Forstwesen 43, 317 (Marchet)] ; K (W) ;
WI7 1211 f.; AA.
Oeri(-Sarasln), Rudolf, Dr. med., Verfasser
kleiner historischer Schriften; * 1839;
f Basel I. — Basler Nachr -.15.1. (Barth) ;
LZ 143; ZB 42 [Basler Jalirb. 1918,
214 — 230; Corresp.-Bl. f. Schweiz. Arzte
47, 1203 (Barth)].
Oesten, Max, Musikdirektor, Komponist u.
Organist; * Berlin 20. XI. 1843; fKonigs-
berg i. Pr. 12. XII. — W.: Der Pilot (fur
Bariton, Mannerchor u. Orch.). — JP 90
[Sangerhalle 191 8, 12; Dtsch. Tonk.-Ztg.
1918, 11; DMZ 1918. 28]; R 911; FAT
280.
Osterhaus, Peter Josef, ehemals preuBischer
Offizier, amerikan. General im Kriege
1861/65, spater amerikan. Konsul in
Lyon; * Koblenz 1823; t Duisburg 2. I.
— AA; FZ 10. I. (A.-Bl.); Weserztg.
17. I. (Tepel).
Pauli, Moriz, Professor, em. Gyinnasial-
professor in Eberswalde, ehemal. Mitglied
des preuBischen Landtages, 1883 — 1911
M. d. R. (Reichspartei) ; * Ottendorf 24.
XII. 1838; | Eberswalde 7. IV. — WI 7
1246; DGK.
Petersen, Hermann, schwarzburgisch-son-
dershauser Staatsminister a .D ., Exzellenz,
Mitglied des Vorstandes der allgemeinen
ev.-luth. Konferenz; * Oldenburg (Hol-
stein) 5. X. 1844; t Hamburg 1. V. —
ELK 50, 19 Sp. 453 u. 20, Sp. 477; LZ
493; ZB 41 [Kirchl. Jahrb. 44, 616
(Schneider)]; AA.
Pfaff, Friedrich, Dr. phil., Professor, Hof-
rat, erster Bibliothekar a. d. Univ. Frei-
burg i. Br., Herausgeber der heimat-
kundl. Zeitschr. Alemannia; * Darm-
stadt 21. XI. 1855; t Freiburg i. B. 18.
IV. — GA (P) ; LZ 468; FZ 5. V. (A.-Bl.) ;
HV 18, 345; DGK; SozMH 751; ZB 41
[Zeitschr. fiir Gesch. des Oberrheins 468
(Wolf)]; KL 17 (W).
Pfleiderer, Rudolf Immanuel Gottlob, em.
Stadtpfarrer am Miinster zu Ulm (1883
bis 19 1 2), Herausgeber der Literarischen
Rundschau des Evangelischen Bundes;
• Nagold 25. VII. 1 841; t Stuttgart
11. XI. — W.: Bibel in Bildern (3 Bde.
1892 bis 1895); Das Miinster in Ulm
u. seine Kunstdenkmale (1905); Inneres
Leben. Predigten (19 12). — WN 149 — 151
(Koch); KL 17 (W).
Pfuhl, Eduard, Dr. med., Generaloberarzt
a. D., langjahriger Mitarbeiter Robert
Kochs, friiher Vorstand des hygienisch-
chemischen Laboratoriums der Kaiser -
Wilhelm- Akademie ; * Berflienen (Ostpr.)
28. VI. 1852; f Berlin 21. VII. — LpZ
26. VII. ; BB1 888 (Nr. 1 72) ; MMW 1032 ;
DZL 1098.
Philip p, Herzog von Wiirttemberg, Konigl.
Hoheit, Generaloberst, Oberstleutnant
des k. k. Infanterieregiments Nr. 77,
nachster Anwarter am wiirttembergischen
Thron; * Neuilly 30. VII. 1838; f Stutt-
gart 11. X. — FZ 12. X. (A.-Bl.); WI 8
1783; WN 140 — 142 (v. Muff).
* Philippovich von Philippsberg, Eugen.
Dr. phil., Hofrat, o. Prof, der National-
okonomie a. d. Univ. Wien, Mitglied des
osterreich. Herrenhauses, Herausgeber
der Wiener staatswissenschaftlichen Stu-
dien u. der Zeitschr. fiir Volksw., Sozial-
politik u. Verwaltung; * Wien 15. III.
1858; f Wien 4. VI. — W.: GrundriB
der politischen Okonomie (I10 191 3, IIj8
1912, IIj4i9i2); Die Entwicklung der
668
Totenliste 19 17: Pringsheim — Rehm
volkswirtschaftl. Ideen im 19. Jahrh.
(1910). — TR 5. VI.; Vorwarts 5. VI.;
KV 28. VI.; LpZ 6. VI.; BB1 652 (Nr.
130); LZ 613; SozMH 565 f. (Schmidt);
Almanach AdW Wien 191 8, 424 — 426
(Menger); ZB 41 [Zeitschr. des Verb,
dtsch. Dipl.-Ing. VIII 94 (Lang); Zeit-
schr. fur Volksw., Sozialp. 11. Verw. 26, 1
S. I; Osterr. Rs. 52, 59 (Hainisch)]; Neue
osterr. Biogr. Ill 3 S. 53 — 62 (Mises) (P)
[Handwtb. der Staatswiss. VI4 865;
Jahrb. fur Nationalok. u. Statistik III 54
S. 158 — 163 (Amon); Schriften des Ver.
fiir Sozialpol. 159, 25 — 29 (Hainisch)];
KL 17 (W); DBJ 1 19/120 (Somary).
Pringsheim, Ernst, Dr. phil., o. Prof, der
theoretischen Physik a. d. Univ. Bres-
lau, Strahlungsf orscher ; * Breslau 11.
VII. 1859; f Breslau 28. VI. — W.: Vor-
lesungen iiber die Physik der Sonne
(1910). — LpZ 29. VI.; BB1 776 (Nr. 151) ;
HPSt 1918; LZ 684; SozMH 899; WI7
1308, 8 1784; Jahrb. der Schles. Ges. 95
(191 7), S. 32—36 (Schaefer); KL 17 (W) ;
PF V 1006 (W).
Prlttwitz und Gaffron, Max v., Dr. h. c,
Generaloberst z. D., ehemal. General-
inspekteur der 1. Armeeinspektion, Au-
gust— September 19 14 Fuhrer der 8.
Armee, & la suite des Grenadierregimentes
6; * Bornstedt (Schles.) 27. XI. 1848;
t Berlin 29. III. — ERL; MWB1 101,
Nr. 163/164 u. 165; HPSt 191 8.
* Puttkamer, Jesco v., 1891 — 95 Landes-
hauptmann von Togo, 1895 — 19°6 Gou-
verneur von Deutsch-Kamerun ; * Berlin
2. VII. 1855; f Berlin 23. 1. — W.: Gou-
verneursjahre in Kamerun (19 12). —
LpZ 25. 1.; FZ 26. I. (1. M.-Bl.) ; SozMH
170; DKZ 34, 2, S. 27f.; UAT 1918 (S.
693); DBJ 120/124 (Seitz).
Rabl, Karl, Dr. med., Geh. Med.-Rat,
o. Prof, der Anatomie a. d. Univ. Leipzig,
o. Mitgl. der GdW Leipzig, korresp.
Mitgl. der AdW Wien; * Wels (O.-O.)
2. V. 1853; f Leipzig 24. XII. — W.: Uber
Zellteilung (1884). — FZ 27. XII. (A.-Bl.) ;
BB1 1284 (Nr. 303); MMW 65, 2i6f.
(Held); L 54 (Juli 1918), S. 58; LZ 1918,
20; WI8 1784; Berichte Verh. d. GdW
Leipzig, Math.-phys. Kl. 1918, 365 — 380
(Held) (W); Almanach AdW Wien 1918,
260 — 274 (Hochstetter) (W); ZB 42
[Anatom. Anz. 51, 54 — 79 (Fischel);
WK1W 31, 196 (Hochstetter)]; KL 17;
ZB 44 [Mitteil. der Anthropol. Ges. in
Wien, Bd. 48, Anh. S. 14]
Radolin-RadOlinskl, Hugo, Fiirst v., Deut-
scher Botschafter (1900 — 1910 in Paris)
a. D., erbl. Mitgl. des preuB. Herren-
hauses, Kgl. preuB. Kammerherr u. Ober-
truchseB, Durchlaucht, Wirkl. Geh. Reg.-
Rat, Exzellenz, Oberhofmarschall des f
Kaisers Friedrich, Ritter des Schw. A.-O. ;
* Posen 1 . IV. 1 84 1 ; f SchloB Jarotschin
b. Posen 20. VII. — FZ 25. VII.; DGK;
E 1 163 (P); GH 191 7/1920.
Raehlmann, Bduard, Dr. med., Wirkl. Geh.
Staatsrat, Exzellenz, o. Prof, der Augen-
heilkunde a. d. Univ. Dorpat a. D., Vor-
sitzender des Geschaftsfiihr. Ausschusses
der Goethe-Gesellschaf t ; * Ibbenbiihren
(Westf.) 19. HI- 1848; t Weimar 1. XI.
— W.: Vergleichende Physiol, des Ge-
sichtssinnes (1907). — BB1 1056 (Nr. 207) ;
LZ 885; MMW 1224; L 53 (Nov. 1917).
S. 75; Kchr, NF 28, 42 Sp. 499; ZB 41
[Correspondenzbl. des Allgem. arztl. Ver-
eins fiir Thiir. 46, 167]; KL 17 (W).
Ranke, Frieduhelm v., Generalmajor z. D.,
Sohn Leopold v. Rankes; * Berlin 17. XII.
1847; t Jena 22. VI. — DGK; F. H. Hel-
molt, Leopold Rankes Leben und Werke
(Leipzig 192 1), S. ioif., 115, 118, 207,
214 AT 1917.
Rantzau, Kuno, Graf v., Wirkl. Geh. Rat,
Exzellenz, Kaiserl. deutscher a.o. Ge-
sandter u. bevollm. Minister a. D.r
Schwiegersohn Bismarcks; • Wiesbaden
10. III. 1843; t Dobersdorf b. Schon-
kirchen 26. XI. — DGK; WI 81784;
GT 1920.
Rauschen, Gerhard, Dr. thiol, et phil.,
o. Honorarprof. der kathol. Kirchen-
geschichte a. d. Univ. Bonn, Gymnasial-
oberlehrer; * Heinsberg 13. X. 1854;
f Bonn a. Rh. 14. IV. — W.: GrundriB
der Patrologie mit bes. Beriicksichtigung
der Dogmengesch. (5 1913); Florilegium
patristicum (11 Bde, 1904 — 16, I — VII
1 19 14); Lehrbuch der kathol. Religion
(10I9I4). — FZ 13. IV. (1. M.-Bl.); DGK;
LZ445; HV 18. 344; KL 17 (W).
Reden, Erich v.. Geh. Oberjustizrat, Senats-
president a. D., 1874 — 81 M. d. R. (natio-
naUiberal) , FideikommiBherr auf Hameln ;
* Hameln 3. XII. 1840; f Hannover
2. II. — DGK; UAT 1917.
Retard t, Friedrich Karl, GroBkaufmann in
Hamburg, altestes Mitglied des Senats,
f ruber langjahr. Vorsitzender der Han-
delskammer in Hamburg u. des deutschen
Handelstages; * Hamburg 2. I. 1843;
t Hamburg 23. XI. — FZ 27. XI.
(2. M.-BL); DGK; DZL 1153.
Rehm, Hermann, Dr. jur., o. Prof, des
Staats-, Verwaltungs-, Kirchen- und
Handelsrechts a. d. Univ. StraBburg;
* Augsburg 19. IV. 1862 ; | StraBburg i.E.
15. VIII. — W.: Staatslehre (1899); Po-
Totenliste 191 7: Rellstab — Schaefer
669
litisches Wesen der deutschen Monarchic
(1916). — FZ 16. VIII. (A.-BL); LpZ
r7. VIII.; WI7 1341, 8I784; LZ 842;
ZB 42 [Zeitsclir. f. d. ges. Handelsrecht
81 287 (Lehmann)]; KL 17 (W); K (W).
Rellstab, Ludwig, Dr. phiL, Geh. Reg.-Rat,
Prof., Dozent der Physik u. Chemie a. d.
Marineakademie Kiel; * Kiel 14. VII.
1873 ; f K*e* 3- v- — w- : Das Fernsprech-
wesen (1902); Die elektr. Telegraphie
(1903). — DGK;LZ493;Iv53(Okt. 1917).
S.72; KL 17 (W).
Riedinger, Jakob Ferdinand, Dr. med., a.o.
Prof, der Orthopadie u. Mechanotherapie
a. d. Univ. Wurzburg, Begr. u. Herausg.
des Archivs fiir Orthopadie, Mechano-
therapie u. Unf allchirurgie ; * Schwan-
heim 19. IX. 1844; f Wurzburg 17. II. —
LpZ 19. II.; LZ 247; MMW 304; ZB 41
[Archiv fiir Orthopadie 15, 87 — 90
(Hoeftmann) (W) ; Zeitschr. fiirorthopad.
Chirurgie 37, XI (F. Lange) u. XIX (W)] ;
ZB 42 [Zbl. fiir chirurg. u. mechan.
Orthopadie XI 73 (Gutmann)]; PBL
i384f. (W); K (W).
Rlehl, Josef, Dr.-Ing. e. h., Oberbaurat, In-
genieur, Erbauer der tiroler u. vorarl-
berger Bergbahnen, Ehrenbiirger von
Innsbruck; * Bozen 31. VIII. 1842;
f Innsbruck 17. II. — LpZ 24. II.;
SozMH 562; Tiroler Ehrenkranz, S. 239
bis 241 (Innereber) (P) ; ZB 41 (Rdschau
fiir Technik u. Wirtsch. 10, 73].
Rjotte, Hermann, Schriftsteller [Pseud.:
Armand Ettoir]; * ^lberfeld4. VII. 1846;
f in Wahren b. Leipzig 14. V. — W.:
Logan (Drama, si9i4); Konigsmark
(Drama, aiS92); Vater Klaus (Idyll,
* 1894), Lebenswogen (2 Bde., 1912);
Im goldenen Dreieck (Roman, % 19 10). —
Dtsch. Buhnenjahrb. 19 18/ 19, S. 169;
KL (W); BR VI 478.
# Roch, Wolfgang, Dr. phiL, Kunsthisto-
riker, Direktor des Stadtmuseums in
Bautzen. — * Freibergsdorf b. Freiberg
30. VI. 1884; t in Mazedonien 18. III.
— LZ 392; SozMH 503; HV 18, 342;
Kchr, NF 28, 29, S. 299; ZB 41 [Neues
Laus. Mag. 93, 187 (Arras)]; AA.
Ro land- Lu eke, Ludwig, Gutsbesitzer, M. d.
R. (nationallib.) ; * Nieder-Sickte in
Braunschw. 21. II. 1853; t im D-Zug
Berlin—Heidelberg 13. II. — FZ 15. II.
(2. M.-Bl.) u. 17. II. (A.-BL); DGK;
AA.
Roman, Rudolf Freiherr v., Dr. jur., Re-
gierungsprasident von Oberfranken a.D.,
Exzellenz, Kgl. bayer. Kammerherr;
* Leider 1. XII. 1836; f Wurzburg 8. 1.—
FZ 9. I. (1. M.-Bl.); DGK; FT 1917-
gi Rosenfeld, Felix, Dr. phiL, Archivrat am
Staatsarchiv in Magdeburg; * Bromberg
22. IV. 1872; f Lazarett Koln-Ehrenfeld
5. VII. — LZ 773; SozMH 1007; HPSt
1918; ZB 41 [Hessenland 31, 219
(Knetsch)]; ZB 42 [Gesch.-Bl. fiir Stadt
u. Land Magdeburg 51/52, 283 (Mollen-
berg]); ZB 43 [Zeitschr. d. Ver. fiir hess.
Gesch. u. Lkde. 51, I-— VIII (Kuch)]; AA.
Rosenthal, Toby Edward, Genremaler;
• New Haven (Connect., USA.) 15. III.
1848 ; f Miinchen 23. XII. — W. : Morgen-
andacht in der Familie Bachs (Leipzig,
Stadtisches Museum). — Kchr , NF 29,
13. Sp. 139; DGK; MS IV 109, VI 239.
ROgheimer, Leopold, Dr. phiL, Geh. Reg.-
Rat, a.o. Prof, der Chemie a. d. Univ.
Kiel; * Walldorf b. Meiningen 4. V. 1850,
f Kiel 24. V. — FZ 1. VI. (A.-Bl.); LpZ
31. V. u. 15. VIII.; LZ 589; L 53 (Sept.
1917), S. 66; HPSt 1918; K (W) ; PF V
1076 (W); AA.
RQmelin, Christian Adolf, Dr. phil h. c.
(Univ. Tubingen), Geh. Reg.-Rat und
Oberschulrat, President a. D. der anhal-
tischen Schulbehorde, Organisator des
anhaltischen Volksschulwesens, Prasident
der anhaltischen Synode; • Ellwangen
5. III. 1839; f Dessau 8. VIII.— GA 307;
WN 120—123 (G. Riimelin). — Fest-
artikel der Cothener Zeitung u . des Anhalt .
Staatsanzeigers zu R.s 5ojahr. Dienst-
jubil. (10. XI. 191 1).
Sachs, Melchior Ernst, em. Prof, der Kgl.
Akademie der Tonkunst in Miinchen,
Komponist; * Mittelsinn (Unterfranken)
28. II. 1843; t Miinchen 18. V. — W.:
Das Tal des Espingo (Cliorballade) ;
Kains Schuld und Siihne (Oratorium);
Palestrina (Oper). — Die Klangerschei-
nung der Ober- und Untertonbildung
(1910). — LZ 566; JP 91 (Dtsch. Tonk.-
Ztg. 114; AMZ 406; Klavierl. 89; NMZ
38. 294]; R 1 109 (W); A 402 (W); FAT
336.
Sachsse, Eugen, D. theol., Geh. Konsistorial-
rat, o. Prof, der evang. Theologie a. d.
Univ. Bonn; * Koln 20. VIII. 1839;
t Bonn a. Rh. 20. XII. — W.: Ursprung
und Wesen des Pietismus (1884); D*e
ewige Erlosung. Predigten (1885, 1898). —
LZ 1918, 20; SozMH 1918, 645; HPSt
1918; ELK 51, Nr.6, Sp. 135; WF1428;
BBI1284 (Nr. 303); KL 17 (W); K (W).
* Schaefer, Emil, Leutnant und Jagd-
flieger, Ritter des Ordens Pour le mkrite;
* Crefeld-Bockum 17. XII. 1891; | bei
Zansvorde, siidostl. Ypern [0 in Cre-
feld]. — Hamb.FBl., Wochenausg. 14^
(10. VI.), S. 7; DGK; AA.
670
Totenliste 1917: Scbaiheitlin — Schmoller
Sohafheitlin, Adolf, Dichter; * Pernambuco
31. III. 1852; f Capri Okt. — W.: Ge-
dichte eines Lebendig-Begrabenen (3
Bde., 19 10); Ausgewahlte Lyrik (19 12);
So ward ich (Tagebuchbl., 3 Bde., 1903);
Lehrbuch des Lacbens (191 5). — BB1
1 196 (Nr. 260); LE 20, 371; ZB 43 (Bo-
denseebuch 1919, 113 — 118 (Franke)];
KLi7(W);BRVIi38f.;DZIri24if.(W).
Sehardinger, Franz, medizin. Chemiker,
osterr. MHitarafzt, Mitherausg. des Codex
alimentarius austriacus; * Reutte 8. I.
1853; t wien 27728. IX. — Tiroler
Ehrenkranz, S. 225 — 226 (Zehenter).
Scharwenka, Philipp, Professor der Musik,
Komponist von Kammermusikwerken,
Senator der Akademie der Kiinste, Ber-
lin; * Samter (Posen) 16. II. 1847; t Bad
Nauheim 16. VII. — W.: Arkadische
Suite; Dramatische Phantasie; Sym-
phonia brevis; Sakuntala (dramatische
Legende). — BB1 864 (Nr. 168); HPSt
191 8; AMZ 44, Nr. 29/30, S. 503 f. (Mers-
mann) (P); NMZ 38, i68f. (autobiogr.
Skizze (P); ZB 41; SozMH 854; JP 91
[Klavierlehrer 503; Dtsch. Tonk.-Ztg.;
148; N. Zeitschr. fiir Musik 252; Signale
540; MitteiT. von Breitkopf & Hartel
5006]; DZL 1245 f. (W); BZZ 9 [Der Tag
25.II. (Renner);Hamb.Nachr. 18. VII.];
R 1 130 (W); A 409; NML 561 f. (W) ;
FAT 343 *•
Scheldt, Julius, Prof, der Musik, Lehrer am
GroBh. Konservatorium in Karlsruhe;
• Kitzingen a. M. 12. XI. 1863; t Karls-
ruhe 26. VIII. — JP 91 [AMZ 550; NMZ
39, 18]; R 1133; FAT 345-
Seherrer, Hans, Dr. phil. et jur., a.o. Prof,
der NationalSkonomie a. d. Univ. Heidel-
berg; * Speyerdorf b. Neustadt a. Haardt
30. XII. 1828; f Heidelberg 19. II. — W.:
Soziologie u . Entwicklungsgeschichte der
Menschheit (2 Bde., 1905 — 08); Die Se-
miten (3 Bde., 1910); Ges. u. Grundsatze
der Soziologie (1914). — LpZ 23. II.;
FZ 22. II. (A.-Bl.); BB1 192 (Nr. 48);
LZ 247; DGK; KL 17 (W) ; K (W).
Sohlrmer, Otto, Dr. med., o. Professor der
Augenheilkunde a. d. Universitat StraB-
burg; * Greifswald 13. XII. 1864; f New
York 6. V. — » Mikroskopische Anatomie
u. Physiologie derTranenorgane«; iSym-
pathische Augenerkrankung*. — LpZ
6. VII.; FZ6. VII. (2.MBI.); L 54 (Juli
1918). S. 59; LZ 709; WI« 1306 (W);
DZL 1265 f. (W); PBL isoof. (W); AA.
Sehlicht, Joseph, Geistlicher Rat, nieder-
bayerischer Dichter u. Volksschrift-
steller; • Geroldshausen 18. III. 1832;
f Steinach b. Straubing 18. IV. — W.:
Niederbayern in Land, Gesch. u. Volk
(1898); Altbayernland u. Altbayernvolk
(» 1886) ; Zehnheitere Volksspiele (« 191 2).
— LE 19. 1096; BR VI 2oof.; Das Bayern-
land 38, 14 S. 438 — 443 (Schrotter); AA.
Schliehting, Maximilian, Freiherr v., Land-
tagsmarschall, Mitgl. des preuB. Herren-
hauses, Kammerherr, Majoratsherr auf
Gurschen; * Gurschen 16. VII. 1845;
f Gurschen in Posen 16. II. — DGK;
HPSt 1918; FT 1917.
Schmid (-Platzhof), Rudolf, Okonomierat,
Gutspach ter auf dem Platzhof b .Ohringen ,
Vorsitzender des Bundes der Landwirte,
Mitglied der I. Kammer des wurttemb.
Landtags; * Schonau bei Ohringen 23. III.
1852; t Stuttgart 11. IV. — DGK; WN
71 — 75 (v. Kraut).
Schmidt, Adolf, Dr. phil., o. Honorarpro-
fessor der Geologie a. d. Universitat Hei-
delberg; * 27. II. 1836; | Heidelberg
30. I. — LpZ 6. II.; LZ 201; SozMH
326; DGK;KL 17; K(W).
Schmidt, Bern hard, Dr. phil., Geh. Rat,
em. o. Prof, der klassischen Philologie
a. d. Univ. Freiburg i. B.; * Jena 30. I.
1837; f Freiburg i. B. 18. II. — W.:
Griechische Marchen, Sagen u. Volks-
lieder (1877). — LZ 247; Kl 17 (W); K
(W); WI7 1488; AA.
Schmidt, Paul Wilhelm, D. theol., Dr. phil.,
o. Prof, der neutestamentlichen Exe-
gese a. d. Univ. Basel; * Berlin 25. XH.
1845; t Basel 12. VI. — W.: Geschichte
Jesu (2 Bde., 4i904). — FZ 15. VI.
(A.-Bl.); ELK 50, 25, Sp. 600; LZ 622;
SozMH 1 1 00; ZB 42 [Protestant. Mon.-
Hefte 246; Kirchl. Jahrb. 44, 617
(Schneider)]; KL 17 (W); K (W).
* Schmoller, Gustav v., Dr. phil., jur. et oec.
publ., Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz, o. Prof,
der Staatswissenschaften a. d. Univ. Ber-
lin, o. Mitgl. AdW Berlin, korr. Mitgl. <L
AdW Wien ; Mitbegr. u . Leiter des Vereins
fiir Sozialpolitik, Mitgl. des PreuB. Staats-
rates u. des Herrenhauses, Historiograph
der Brandenburg. Geschichte, Heraus-
geber des Jahrbuchs fiir Gesetzgebung,
Verwaltung und Volkswirtschaft (seit
188 1); * Heilbronn 24. VI. 1838; f Harz-
burg 27. VI. — W.: Acta Borrussica,
Denkmaler der preuB. Staatsverw.- im
18. Jahrh. (25 Bde., 1892 — 1910); Grund-
riB der allgem. Volkswirtschaftslehre
(2 Bde., i2.Tsd. 191 9); Charakterbilder
(i9i3);DiesozialeFragei9i8). — G.Sch.,
Meine Heilbronner Jugendjahre (In: Von
Schwab. Scholle, 1918) ; Reden u. Anspr.,
geh. am 24. VI. 1908 bei der Feier von
G. Sch.s 70. Geburtstage (1908); R. Wil-
Totenliste 1917: Schneider — Schottlaender
671
brandt: G. Sch. — FZ28. VI. (2.M.-BL),
1. VII. (2. M.-B1.), 2. VII. (A.-Bl.),
6. VII. (1. M.-Bl.) (Knapp); Hamb.FBl,
Wochenausg. 146 (i.VII.), S. 2; NFrP
28. VI. (Griinberg); Der Tag 30. VI.
(Herkner); VZ 27. VI. (Oppenheimer) ;
Vorwarts 28. VI. (Stauipfer) ; Frankf.
Nachr. 29. VI. (A. Wirth); KZ 27. VI.;
SozMH 848 (C. Schmidt); IZ 3862;
LZ684; HPSt i9i8;WI8 1786; Almanach
AdW Wien 1918, 449 — 451 (Menger) ;
WN 106 — 116 (Fuchs) [Technik u. Wirt-
schaft, Jahrg. 10, 8, S. 197 (Schu-
macher); Der Tiirmer, August 191 7
(Bahr) ; Neues Tagbl., Stuttgart, 28. VI.
(Bahr); Plutus 4. VII. (G. Bemhard) ;
Die Neue Zeit 20. VII. (A. Braun); Der
Tag 1./3. VII. (Breysig); Soziale Praxis,
Nr. 44 (Francke) ; Schw. Merkur 30. VI.
(Skalweit); Von Schwab. Scholle 1918
(G. F. Knapp); FZ 6. VII. (Knapp)];
Abh. AdW Berlin 191 8 (Hintze); Schmol-
lersJahrb.42,S.i 1 ff . (Spiethoff) ;Schriften
d. Vereins fiir Sozialpolitik 1 59 (Herkner) ;
R. Michels, Bedeutende Manner (1927),
S. 90 — 108; Herre, Polit. Handwb. ,11,
550 (v. d. Borght); Jahrb. f. Nat. u. Stat.
118, 17 f. (Herkner); R. Bahr, Q.Schm.
(1908); F. Oppenheimer: Soziologische
Streifziige, II, 3 1 5 — 3 1 9 ; ZB 41 [Auf Vor-
posten IV, 220 — 230; Daheim 53, Nr. 41 ;
Export 120 (Stamper); Neue Rundschau
1407 — 141 2 (Wilbrandt) ; Universum
(Weltrundschau) 274 (Kappstein) ; Histor.
Zeitschr. 118, 477 — 483 (Hintze); Der
Vortrupp 503 — 507 (NauB)]; ZB 42, 43;
Jahrb. der AdW Munchen 1918, 86 — 88
(Marcks); KL 17 (W); ZB 44 [Forsch.
zur brandenburg. u. preui3. Geschichte
3i . 375—399 (Hintze)]; BZZ 9 [TR 26.
VI.; VZ 27. VI.; Tag 30. VI. u. 1. VII.;
SchwM 30. VI.; Dusseld. Ztg. 28. VI.;
Leipz. Tagebl. 28. VI.; NFrP 28. VI.;
Basler Nachr. 4. VII.]. DBJ 124/134
(Hintze m. L).
# Schneider, Rudolf, Kapitanleutnant u.
Kommandant des Unterseebootes U 87
(versenkte am 1. I. 191 5 mit d. U 24 das
engl. Linienschiff » Formidable « u. spater
im U-Bootkrieg 131 000 Tonnen feind-
lichen Schiffsraum) ; * Zittau (Sa.) 13. II.
1882; f in der Nordsee 13. X. [auf
»U 87* ertrunken]. — FZ 2. XI. (A.-Bl.) ;
AA.
Sfohnedermann, Georg Hermann, D. theol.,
a.o. Prof, der neutestamentlichen Theo-
logie a. d. Univ. Leipzig; * Chemnitz
3. VII. 1852; f Leipzig 14. I. — W.: Das
Judentum in den Evangelien (2i9oo);
Modernes Christentum (a 1890). — LpZ
15. u. 16. I.; LZ 113; LE 19, 649; ELK
50, 3, Sp. 72; SozMH 164; WI8 1786;
ZB 41 [Kirchl. Jahrb. 44, 617 (Schnei-
der)] ; ZB 42 [Ecce der Cruzianer 19 17, 7] ;
KL 17 (W); K (W).
Schdn, Wilhelm, Dr. med., a.o. Prof, der
Augenheilkunde a. d. Univ. Leipzig;
* Minden 29. III. 1848; f Leipzig 29. IV.
— W.: Die Funktionskrankheiten des
Auges (2 Bde., 1893 — 95)- — BB1 4°4
(Nr. 94); LZ445; L 53 (Okt. 1917), S. 72;
MMW 808; KL 17 (W); PBL 1520 (W) ;
K (W).
* Schdnleber, Gustav, Prof. a. d. Kunst-
akademie Karlsruhe, Landschaftsmaler,
Mitgl. der Akademie der Kiinste in Berlin ;
•Bietigheim 3. XII. 1851; f Karlsruhe
1. II. — Eigeiie Aufzeichnungen iiber sein
Leben im Auszug in: Rheinlande (Jan.
1906).— FZ 2, II. (A.-Bl.) u. 28.II. (A.-Bl).
(Widener) ; BB1 120 (Nr. 29) ; HPSt 1918;
Kchr, NF 28, 20, S. 195 f.; WI8 1787;
IZ 3842 (P); WN 10 — 19 (Hermann
Schonleber); ZB 41 [Kunst und Deko-
ration 39, 201 — 212 (Beringer) ; Deutsche
Volkskunst, Febr. 19 17, S. 31 (Ebner) ;
ZB 43 [Schwab. Heimatbuch VI 41];
Katalog der Gedachtnisausstellung 191 7
von M. Dietz u. des Kunsthauses Schaller
in Stuttgart 191 8 von Th. Heufi. —
Friihere Aufsatze iiber G. Sch. siehe in:
WN 19; BZZ 9 [MNN 3. II.; SchwM
3. II.]. DBJ 134/138 (Beringer).
Schott, Karl, Rechtsanwalt in Stuttgart,
seit 1888 Mitgl. des wurttemb. Staats-
gerichtshofes, fiihrender Nationallibe-
raler Wurttembergs ; * Ulm 26. XI. 1834;
t Stuttgart 15. VII. — WN 117— 120
(Holder) [SchK 1917, 327 u. 331, u.
19 1 8, 369 (Veroffentlichung von Nach-
lafipapieren) ; Schneider, Wurttemb. Ge-
schichte, S. 546f. ; Rapp, Die Wiirttem-
berger u. die nationale Frage, S. 39 u.
171]; AA.
Schott von Schottensteln, Max Freiherr;
General der Infanterie (1896), z.D. (1901),
1892 — 1 90 1 wurttemberg. Kriegsmini-
ster, d, la suite des Grenad.-Reg. Konigin
OlgaNr.i 19; * Ulm 22. XI.1836; f SchloB
Schottenstein (Franken) 10. VIII. —
WN 123—128 (v. Muff); ScliM 375;
DGK; FT 1916.
Schottlaender, Julius, Dr. med., a.o. Prof,
der Frauenheilkunde u. Geburtshilfe a. d.
Univ. Wien, k. k. Marineoberstabsarzt
a. D.; * St. Petersburg 12. IV. i860;
t Kiel 29. V. — FZ 4. VI. (A.-Bl.) ; MMW
768; L 54 (Juni 1918), Sp. 52; LZ 613;
ZB 41 [CB1 fiir Gynakol. 41, 713 (Holz-
apfel); Monatsschr. fiir Geburtshilfe u.
672
Totenliste 19 17: Schroder — Simroth
Gynakol. 46, 268 (Wertheim); Gynakol.
Rundsch. XI, 175 (Kennauner)] ; PBL
1527 (W).
* Schrider, Richard, Dr. jur., Dr. phil. h.c.
et rer. pol. h. c, Geh. Rat, o. Prof, des
deutschen u. Handelsrechts a. d. Univ.
Heidelberg, Herausgeber der Zeitschrift
der Savigny-Stiftung; * Treptow in
Pomm. 19. VI. 1838; f Heidelberg 3. I.
— W. : Lehrbuch der deutschen Rechts-
geschichte (• 1 922) [mit P] . — VZ 4. 1. ; FZ
3. I. (A.-Bl.), 4. I. (A.-Bl.); LpZ 4. I.;
BB1 20 (Nr. 5.); LZ 57; HPSt 1918; HV
18, 347—351 (Wretschko); WI7 1528,
8 l7&7\ Jahrb. AdW Munchen 19 17, 80
(Amira) ; ZB 41 [Mbl. der Ges. fur pomm.
Gesch., 1917,8. 24;Zeitschr. derSavigny-
Stiftung, Germ. Abt. 38, VII— LVIII
(Stutz)] ; KL 17 (W) ; Behrend, Geschichte
der deutschen Philologie in Bildern (1927),
S.72(P); DBJ 138/147 (K.Beyerlem.L).
Schrtder-Hanfstaengl, (Hanfstaengl geb.
Schroder), Marie, Kgl. wiirttemb. Kam-
mersangerin, langjahrige Opernsangerin
in Stuttgart (187 1 — 82) u. Frankfurt
(1882— 1897); * Breslau 30. IV. 1848;
| Munchen 5. IX. — W.: Meine Lehr-
weise der Gesangskunst (1902). — FZ
8. IX. (A.-Bl.) ; NMZ 38, 17 i. (Cannstatt)
(P); SozMH 1115; FG 925f.; R 502;
A 188; NML 258; FAT 359.
Schubert, Hermann, Professor, Hofbild-
hauer; • Dessau 12. VI. 183 1; f Dresden
23.I. — W.: Die Grablegung Christi [von
Bocklin bemalt] (Hamburg, Petrikirche
u. Rom, S. Alfonso dei Liguori); Jakob
ringt mit dem Engel (Dresden, Sophien-
kirche). — LpZ 25. I.; BB1 96 (Nr. 23);
Kchr, NF 28, 19, Sp. 189; MS V 257, VI
258 (W).
SchQddekopf, Carl, Dr. phil., Professor,
Direktorialassistent am Goethe-Schiller-
Archiv, Goethe-Forscher, Mitherausgeber
der Zeitschrift fiir Biicherfreunde, Sekre-
tar der Gesellschaft der Bibliophilen ;
* Halle a. d. Weser 25. XI. 1861 ; f Wei-
mar 30. III. — Mitherausgeber der Wei-
marer Goethe- Ausgabe, Herausgeber von
HeinesSamtl. Werken (12 Bde., I90iff.),
des Jahrbuchs der Ges. der Bibliophilen
(Bd. Hlff.), Brentanos Werke (18 Bde.,
1909 ff.)- — Hamb. Nachr. 11. IV.; LpZ
31. III.; BB1 324 (Nr. 78); LZ 392; LE
19, 969 u. ioo7f.; WI7 1536, 8 1787;
SozMH 611 (Doppner); KL 17 (W) ; JB
1920, 18 1 ; ZB 44 [Antiquitatenrundschau
17, 165].
SehultheB, Wilhelm, Dr. med., Professor,
* 1885; tZurich6.III. — DGK; ZB 41
(Correspondenzbl. fiir Schweizer Arzte
47, 873 [Hoessly]; Zschr. fiir orthop.
Chirurgie 37, XVIII— XIX [Lange] u.
XXI— XXIV [W]); ZB 42 (Jahrb. der
Schweiz. Ges. fiir Schulgesundheitspflege
18, 180 — 205 [Luning J; Vschr. der na-
turf. Ges. Zurich 62, 709 — 718 (Xuning]);
BZZ9 (Berner Bund 13. III.; NZZ 13.
III.); K (W).
Schultze, Hermann, s.Arminius, Wilhelm.
Schulz, Arthur, Dr. phil., Rechtsanwalt u.
Landwirt, Sozialist, verdient um die Or-
ganisation des Landarbeiterverbandes ;
* Joneiten (Ostr.) 24. XI. 1878; f Konigs-
berg 22. XI. — W.: Kornzoll, Kornpreis,
Arbeitslohn (1902). — SozMH 1268 — 73
(Kranold), 12 oof. (Severing) u. 19 18,
922f. (Adelmann); ZB 41 [Glocke 3. II.,
S. 396 — 399 (Saenger)]; WI7 1545.
Schuster, Oskar, Dr. med., Kaukasusfor-
scher; • Dresden 1. X. 1873; t [als Zivil-
gefangener] Astrachan 8. VI. — FZ
18. VIII. A.-Bl.; Hamb. FBI, Wochen-
ausg. 154, S. 7; ZB 41 [Mitteil. desdtsch.-
osterr. Alpenvereins 19 17, 90 (Dreyer)];
ZB 42 (Osterr. Alpenztg. 39, 137 — 152
(Pfreimbtner) ; Ecce der Crucianer 191 7,
10]; AA.
Schwaba, Willmar. Dr. phil., Geh. Hofrat,
Homoopath, Besitzer der homoopath.
Zentralapotheke in Leipzig; * Auerbach
i. V. 15. VI. 1839; t Leipzig 8. I. — W.:
Pharmacopaea homoeopathica polyglotta.
— Herausgeber der Allgem. Homoopath.
Zeitschr. u. der Popularen Zeitschx. fiir
Homoopathie. — FZ 1 1 . I. (A.-Bl.) ; LpZ
9., 10. u. i2.I.;BBl28(Nr. 7); WI8 1787;
DZL I335f.
Schwartzkoppen, Max v., General der In-
fanterie z. D., Exzellenz, Kommandeur
der 202. Inf .-Div., d la suite des Kaiser-
Franz-Garde-Gren.-Regts. (1898 deut-
scher Deputierter zur Haager Friedens-
konferenz); * Potsdam 24. II. 1850;
f Berlin 8. I. — MWB1 101, Nr. 124 u.
125; LpZ 11. u. 17. I.; WI8i787; AT
1920; ERL.
Siegen, Karl Franz, Dr. phil., Professor.
Schriftsteller; * Weimar 12. IX. 185 1;
| Leipzig 28. II. — Herausg. von: Kleists
samtl. Werken (8 Bde., * 1914), Gaudys
Werken (« 1000) u. a. — LpZ 1. III.; LZ
280; WI7 1591, 8i788; BBI212 (Nr. 52);
Dtsch. Buhnenjahrb. 29 (1918), S. 164;
KL 17 (W); BR VI 427 (W).
Simroth, Heinrich Rudolf Dr. phil., a.o.
Prof, der Zoologie a. d. Univ. Leipzig, Ur-
heber der Pendulationstheorie der Erde ;
* Riestedt 10. V. 1851 ; f Leipzig 31. VIII-
W. : Abrifi der Biologie der Tiere (s 191 3) ;
Die Pendulationstheorie (* 19 14). — FZ
Totenliste 191 7: Simson — StandfuC
673
2. IX. (2.M.-B1.); LZ885; SozMH 1 144;
GA 335; ZB 42 [Nachr.-Bl. der dtsch.
Malakozool. Ges. 50, 1 — 24 (Ehrmann);
Ecce Pforta 191 7, 19]; ZB 43 [SB der
naturforsch. Ges. Leipzig 43/44, 47 — 81
(Ehrmann) (W)]; L 53 (Sept. I9I7),S.66;
KL 17 (W); K (W); Pfortner Ecce 1917.
19 — 21.
* Simson, Paul, Dr. phil., Professor, Ober-
lehrer a. d. Petri- u. Paul-Oberrealschule
in Danzig, preuBischer Geschichtsfor-
scher; *Elbing5. II. 1869; f Danzig6.I.
— W.: Geschichte der Stadt Danzig
(Bd. I, II, IV, 1903— 16). — HV 18, 343;
Mitteil. des westpreuB. Geschichtsvereins
16 (1917). S. 18—28 (P) (Kaufmann) u.
29 — 36 (W); Hans. Geschichtsbl. 23
(1917), 3*— 12* (Freytag) (P); ZB 43
[Zeitschr. f . Liibeckische Gesch. XIX 267
(Freytag)]; GA 27; KL 17 (W). DBJ
147/150 (Kaufmann).
Sinzneimer, Siegfried, Hauptschriftleiter der
Jugend; * Worms 3. VIII. 1865; f Miin-
chen 22. XI. — FZ 30. XI. (2. M.-Bl.);
LE 20, 431.
Smith, Carl Frithjof , Prof. a. d. Kunstschule
in Weimar, Portrat- u. Genremaler;
♦Christiania5.IV. 1859; f Weimar 11. X.
— W.: In der Dorfkirche (1885 ; Museum
Leipzig) ; Bildnis von Ibsen (Weimarer
Galerie). — Kchr, NF 29, 4, Sp. 46;
DLZ i377f. (W); MS IV, 294, V 263.
* Sohm, Rudolf, D. theol., Dr. jur. et phit.,
Geh. Rat, o. Prof, des deutschen u. Kir-
chenrechts a. d. Univ. Leipzig, o. Mitgl.
der GdW Leipzig, korresp. Mitgl. der
AdW Munchen, Mitbegriinder der natio-
nalsozialen Partei; * Rostock 29. X,
1841 ; f Leipzig 16. V. — W.: Das Ver-
haltnis von Staat und Kirche (1873);
Institutionen des Roinischen Rechts
• (l4 191 1); Kirchengeschichte im Grund-
riB (** 1913) ; Wesen u. Ursprung des
Katholiztsmus (1909, Neudr. 191 2). —
LpZ 16. V.; FZ 17. V. (1. M.-Bl.), 22. V.
(1. M.-Bl.) (E. Foerster), 1. VII. (1. M.-
Bl.) (Binding); BB1 580 (Nr. 115); E 838
(P); ELK ;o, 21, Sp. 501; WI7 1606 f.,
8 1788; LZ 541; SozMH 706; IZ 3857
(Stettenheim) (P) ; Ber. Verh. GdW Leip-
zig, Phil.-hist. Kl. 1917, VIII, 15—34
(R. Schmidt); ZB 41. [Kirchl Jahrb. 44,
618 (Schneider); Saat u. Hoffnung 19 17,
67 ; Zeitschr. der Savigny-Stiftung, Germ.
Abt. 38, LIX— LXXVIII (Fehr); Rudolf
Sohm,Gedenkworte, Leipzig 1917 (19 S.)
(Rendtorf , Schmidt, Hauck, Ehrenberg) ;
Christl. Welt 587]; ZB 43 [Evangelisch-
Sozial 1917/18, 33 (Liebster); Jahrb. der
AdW Munchen 1918, 81—86 (Amira)];
DBJ 43
KL 17 (W); ZB. 45 [Universum 35, 45,
S. 233]; BZZ 9 [TR 19. V.; Bund 30. V.;
Basler Nachr. 26. VIII. (Henrici)]; DBJ
150 — 156 (Fehr, W u. L).
Sonne, Eduard, Dr.-Ing. e. h., Geh. Bau-
rat, em. o. Prof. a. d. Technischen Hoch-
schule Darmstadt, Mitherausgeber des
Handbuchs der Ingenieurwissenschaf ten ;
* Ilfeld 13. IX. 1828; | Darmstadt
25. II. — FZ 2. III. (A.-Bl.); BB1 212
(Nr. 52); LpZ 28. II.; LZ 361; SozMH
510; KL 17 (W); K (W); AA.
Spielmann, Christian, Dr. phil., Hofrat,
Stadtarchivdirektor in Wiesbaden, Ro-
manschriftsteller u. Literarhistoriker.
Herausgeber u. Redakteur der Nassovia;
♦ Neuwied 12. X. 1861; f Wiesbaden
25. II. — W.: Geschichte der Stadt und
Herrschaft Weilburg (1896); Die Meister
der Padagogik (12 Bde., 1904/05); Ge-
schichte von Nassau (Bd. I u. Ill
1909/11). — LpZ 1. III.; FZ 26. II.
(M.-Bl.); LZ 280; GA 82; HV 18, 343;
ZB 41 [Mitteil. des Ver. fur nassauische
Altertumskunde 21, 43 (Donges)]; BB1
204 (Nr. 51); KL 17 (W); BR VI 478L
(W).
* Stadler, Toni v., Professor, stellver-
tretender Leiter der Miinchener Staats-
galerie, Landschaf tsmaler ; * Gollers-
dorf (N.-O.) 9. VII. 1850; f Munchen
18. IX. — W.: Heidelandschaft (Prag,
Rudolf inum); Abend (Munchen, Neue
Pinakothek); Landschaft (Dresden, Ga-
lerie). — FZ19. IX. (2. M.-BL), 22. IX.
(A.-Bl.) (Bredt); BB1 1104 (Nr. 222);
KW 31 I, S. 65 f. (Avenarius); Kchr,
NF 28, 44, Sp. 525f.; SozMH 1103;
ZB 41/42 [Die Kunst fiir Alle 33, 68
(Bredt) u. 225 — 230 (Mayer)]; DZL 1398
(W); MS IV 325, V 265,VI 269. DBJ
156/160 (P. F. Schmidt).
Stadthagen, Arthur, Sozialist, M. d. R. (Un-
abh. sozialdem. Partei); * Berlin 23. V.
1857; f Berlin 5. XII. — FZ 6. XII.
(2. M.-Bl.), n. XII. (A.-Bl.); SozMH
1291 (Severing); WI 7 1627.
Staender, Josef. Dr. phil., Professor, Geh.
Reg. -Rat, em. Direktor der Universitats-
bibliothek in Bonn; * Bonn 6. X. 1842;
f Godesberg 10. XI. — FZ 14. XI.
(A.-Bl.); LE 20, 371; LZ 1141; KL 17;
JB 1920, 181.
SUndfuB, Max, Dr. phil., Prof, der Ento-
mologie a. d. Univ. Zurich, Direktor des
Entomologischen Instituts, Insekten- u.
Vererbungsf orscher ; • Schreiberhau (Rie-
sengeb.) 6. VI. 1854; f Zurich 22. I. —
NZZ 31. I.; FZ 28. I. (2. M.-Bl.); BB1 96
(Nr. 23) ; LZ 143; SozMH 326; LpZ 26. 1.;
674
Totenliste 1917: Stark von Rungsberg — Tottmann
ZB 41 [Dtsch. entomolog. Zeitschx. 191 7.
325]; L S3, Febr. 1917. S. 28; ZB 42 [Ecce
Pforta 1917, 21; Vschr. d. naturw. Ges.
Zurich 62, 690 (Ris)]; AA.
Stark von Rungsberg, Franz, Dr. phil., Hof-
rat, em. Prof, der techn. Mechanik a. d.
deutschen techn. Hochschule Prag; * Prag
9. XII. 1840; t Prag 1 1. VIII. — LpZ
20. VIII. ; FZ 16. VII. (A.-BL); LZ 842;
SozMH 1312; AA.
SUudt, Wilhelm v., General d. Inf. z. D.,
1888 — 93 Chef des Generalstabs d. bayer.
Armee; * Ungelstetten b. Ntirnberg
22. IX. 1825 ; f Munchen 5. II. — MWB1
101, 141; WI7 1788; DGK; Lebenslaufe
aus Franken I, 437ff. (Heller); AT 1918.
Stelger, Ernst, deutsch - amerikanischer
Buchhandler u. Zeitschriftenverleger in
Amerika; * Gastewitz b. Oschatz 1832;
f New York 5. VIII. — W.: »Steigers
Zeitschriften-Liste* (1872); ^53 Jahre
Buchhandler in Deutschland und Ameri-
ka. Erzahlungen und Plaudereien«
(1901). — G, Menz, Deutsche Buchhand-
ler (1925). S. 245— 256 (P); BB1 1919,
S. 688 u. 768.
* Steinhausen, Heinrich, Dr. phil., Dichter
und Romanschriftsteller, em. Pfarrer von
Podelzig b. Frankfurt a. O.; • Sorau
27. VII. 1836; f Schoneiche b. Friedrichs-
hagen 26. V. — W.: Irmela (R., 1880,
28 1916); GevatterTod (Nov., 1882); Der
Korrektor (• 191 1). — FZ 29. V. (A.-Bl.) ;
BB1 616 (Nr. 124); LpZ 29. V.; ELK 50,
23, Sp. 550; IZ 3859 (Mendheim) (P);
SozMH 806; KW 30 III, S. 267 (Avena-
rius); LE 19, 1225; ZB 43 [Volksbildung
47, 204 (Pretzel)]; KL 17 (W) (P); BR
VII 47f. (W). DBJ 160/162 (H. Spiero).
Strelch,Karlv., Reichsgerichtsrat a. D., 1871
M. d. R. fiir EUwangen, lebenslangl. Mit-
glied des wiirttemb. Staatsgerichtshofes;
* Ellwangen 19. VI. 1826; f Stuttgart 21.
IV. — Handschriftliche Aufzeichnungen
(Stammtafeln u. a.) im Besitz von Ar-
chivar Dr. K. Otto Miiller. — WN 75 — 79
(v. Kiene u. K. O. Miiller) ; LZ 468 ; DGK;
Zum 19. Juni 1906 (11 S.); Dtsch. Volks-
blatt 17. VI. I9i6und 23. IV. 1917; Jpf-
u. Jagstztg. 23. IV.
Strnadt, Julius, Oberlandesgerichtsrat, oster-
reichischer Landeshistoriker, korresp.
Mitgl. der AdW Wien; * Schwertberg
(O.-O.) 23. Xn. 1833; t Graz 5. XI. —
W.: Geschichte Oberdsterreichs (1888);
Der Bauernkrieg in Oberosterreich
(4i9i2); Histor. Atlas von Oberoster-
reich (VI Bde., 1905 — 15). — Almanach
AdW Wien 1918, 432 — 437 (Dopsch);
KL 17 (W).
Stryowski, Wilhelm August, Professor*
Maler, Lehrer an der Kunstschule und
Kustos des Stadtmuseums in Danzig;
* Danzig 23. XII. 1834; f Essen (Ruhr)
3. II. — W.: Sommerfaden (Koln, Mu-
seum) ; Judenhochzeit (Pest, Museum). —
LpZ 7. II.; Kchr, NF 28, 23. Sp. 234;
MS IV 359, VI 275; AA.
Sturm, Heinrich, Dr. jur., Oberbiirger-
meister von Chemnitz, Mitgl. d. I. Kam-
mer des sachsischen Landtags; * Kostritz
2. IV. i860; | Chemnitz 4. III. — Chem-
nitzer Tageblatt 5 . III. ; WI 7 1 682 , 8 1 789 ;
IZ 3846 (P).
StUtz, Ludwig, Maler u. Zeichner; • Hohen-
eck 8. XI. 1865; f Ulenau i. B. 6. in. —
W.: Markt in Freiburg; Karikaturen im
* Kladderadatsch*. — BB1 376 (Nr. 88);
Kchr, NF 28, 28, Sp. 282; MS V 269.
VI 275f.
Suse, Theodor, Dr. jur., Rechtsanwalt in
Hamburg, Dichter; * Hamburg 28. XII.
1857; t Konigssee 16. VIII. — W.: Verse
(1891); Neue Verse (1893); Garten der
Traume (1900); Lieder aus dem Rosen-
hag (1904). — LE20, S. 32f.; Hamb.FBl
29. VIII.; KL 17 (W); AA.
SQtterlin, Ludwig, Kunstgewerbler, Maler
u. Zeichner; * Lahr (Baden) 23. VII.
1865; j Berlin 20. XI. — SozMH 1918,
112; Archiv fiir Buchgew. 54, 239
(Wieynck); MS IV 365.
Tesch, Albert, Dr. phil., Oberrealschulober-
lehrer, Sprachforscher, Herausgeber der
Sprachecken des Allgem. deutschen
Sprachvereins; * Spandau n. XI. 1864;
t Koln a. Rh. 1. V. — W: Fremdwort u.
Verdeutschung (Wortb. 191 5). — DGK;
BB1 532 (Nr. 105); KL 17 (W).
Thlele, Georg, Dr. phil., a.o. Prof, der klassi-
schen Philologie a. d. Univ. Greifswald;
* Ueckermiinde 22. 1 . 1866; t Greifswald
6. IV. — FZ 12. IV. (A.-Bl.); LZ 420;
KL 17 (W).
Thiem, Karl, Dr. med., Professor, Geh. San.-
Rat, Herausgeber der Monatsschrift fiir
Unf allheilkunde ; * Nicolschmiede (Kr.
Sagan) 10. X. 1850; f Kottbus 7. IX. —
W.: Handbuch fiir Unfallerkrankungen
auf Grund arztl. Erfahrungen (1898). —
LZ933; BB1 1088 (Nr. 215); MMW 1256;
ZB 41 [Monatsschr. fiir Unf allheilkunde
28, 193 (Kiihne)]; L 54 (Juli 1918), S. 60;
PBL 1702 f. (W).
Tippel, Georg, Professor am Kunstgewerbe-
museum in Berlin, Illustrator; • Stettin
18. II. 1875; f Berlin 4. XI. — SozMH
1250; HPSt 1918; MS V 273.
Tottmann, Albert, Professor, Musikpad-
agoge, Komponist u. Musikschriftsteller ;
Totenliste 191 7: Triibner — Vogel
675
• Zittau 31. VII. 1837; t Leipzig 26. II.—
W.: Fiihrer durch die Violinliteratur
(4 1900) ; AbriB der Musikgeschichte
(1 883) . — BB1 248 (Nr. 60) ; J P 92 [Dtsch.
Tonk.-Ztg 75 ; AMZ 180; NZ f . Musik 92 ;
Signale 232; Stimme 11, 251; Klavier-
lehrer 57; NMZ 38, 212]; R 1314L (W) ;
A 478; FAT 416.
* Trttbner, Wilhelm, Professor, Maler, Be-
griinder des deutschen Impressionismus,
Direktor der Akademie der bildenden
Kiinste, Karlsruhe; * Heidelberg 3. II.
185 1 ; t Karlsruhe 2 1 . XII. — W. : Casaram
Rubikon (Karlsruhe, Kunsthalle); Junge
Dame auf dem Kanapee (Berlin, Natio-
nalgalerie); Schlofi auf Herrenchiemsee
(ebenda) ; Zimmermannsplatz (Hamburg,
Kunsthalle). — Das Kunstverstand-
nis von heute (1892); Die Verwirrung
der Kunstbegriffe (a 1900). — FZ
22. XII. (2.M.-B1.); 28. XII. (A.-Bl.);
29. XII. (1. M.-BL); BB1 1284 (Nr. 303);
Kchr, NF 29, 13, Sp. 129 — 137 (Schu-
mann); LZ 1918, 20; SozMH 1918, 265 f.
(Stern); WI8 1789; B 1918, 13 (P); H 15,
5, S. 606 — 608; ZB 41 [Cicerone X 22];
ZB 42 [Dtsch. Kunst fur Alle 33, 160;
Dtsch. Kunst u. Dekoration 41, 323
(Widmer); KW, Jan. 1918, 37; SMH,
Febr. 1918, 472 (Uhde-Benays) ; Neue
Rdschau 274—280 (Elias) ; Velh. & Kl.
Mhe., April 1918, 353 — 360 (Rosenhagen) ;
IZ 191 8, 17 (Dobsky); Protestantenbl.
268 (Kiihner); Kunstmarkt 15, 227
(Kurth)]; Rosenhagen, W.T., Kiinstler-
monogr., Bd. 98; Triibner. Des Meisters
Gemalde in 450 Abb., hrsg. von J. A.
Beringer (Klassiker der Kunst in Ge-
samtausgaben) ; DZL 1478 (W) ; MS IV
449 f.f VI 283. DBJ 162/169 (Rosenhagen
m. L).
Velt, Johann, Dr. med., Geh. Med. -Rat, o.
Prof, der Frauenheilkunde u. Geburts-
hilfe a. d. Univ. Halle, Herausgeber des
Handbuchs der Gynakologie (a 1907 — 10).
* Berlin 17. II. 1852; | Schierke a. Harz
3. III. — W. : Gynakologische Diagnostik
(5 1902) ; Mitherausg. des Handbuchs der
Gynakologie (a 1915/16). — FZ 5. VI.
(A.-Bl.); BB1 648 (Nr. 129); LpZ 4. VI.;
LZ613; HPSt 1918; MMW 1203— 1205
(Anton) ; ZB 41 [Hoppe-Seylers Zeitschr.
f.physiol. Chemie, Bd. 101, S. 1 ; Gynakol.
Rdschau XI, 199 — 205 (Aschner); Cbl.
f. Gynakol. 41, 649 — 657 (Stoeckel) ; Der
Frauenarzt 32, 242; Jahrb. f. Kinderheil-
kunde 86, 79 (Thiemich); Mschr. f. Ge-
burtshilfe 46, 87 (Schaeffer) ; 91 (Franz),
94 (Lindemann) 185 (Martin); BKW 715
Hofmeier), 856 (Franz)]; ZB 43 [Mitteil.
d. naturf. Ges. Halle 1918 (Haeker)];
KL 17 (W); PBL i75<5f. (W); K (W).
* Veith, Rudolph, Dr.-Ing. e. h., Wirkl. Geh.
Marineoberbaurat, Abteilungschef im
Reichsmarineaint ; * Bobischau 1. VI.
1846; t Berlin-Wilmersdorf 13. III. —
MWB1 101, 154; LpZ 15. III.; SozMH
510; IZ 3848 (P); JSTG 19 (1918), 116
bis 120 (P); MdT 281; VDI 61, 21, S.445
bis 447 (P); ZB 41 [Geschichtsbl. fur
Technik, Ind. u. Gew. IV (191 7), 171];
DBJ 169/173 (W. Laudahn).
Vierhaus, Felix, Dr. jur., Professor, Wirkl.
Geh. Rat, Bxzellenz, President des Ober-
landesgerichts in Breslau, Mitherausgeber
der Zeitschr. fur deutschen ZivilprozeB,
friiher o. Prof a. d. Univ. Berlin; * Koln
10.II. 1850; f Breslau 14. X. — BB1 1 152
(Nr. 243); LZ 1024; HPSt 1918; Jahrb.
der Schles. Ges. 95 (19 17), 43 — 45 (Leon-
hard) ; ZB 42 [Beitr. zur Erliiuterung des
dtsch. Rechts 62, 145 — 158 (Fischer);
Zeitschr. f. dtsch. ZivilprozeB 47, 199 bis
206 (Schultzen stein)].
Vlllinger, Hermine, Schriftstellerin [Pseudo-
nym: H. Willfried]; * Freiburg i. B.
6. II. 1849; t Karlsruhe 4. III. — W.:
Schwarzwaldgeschichten (1892) ; Ausdem
Kleinleben (6 191 1) ; Schulmadelgeschich-
ten (1892). — LpZ 5. III.; LZ304;LE 19,
842; SozMH 395 f.; IZ 3847 (Weick) (P) ;
BB1 220 (Nr. 54) ; WI8 1790; KL 17 (W) ;
BR VII 262f.; PY II 391 f.
Vitzthum v. Eckstadt, Otto Graf, D. theol.,
Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz, langj. I. Vor-
sitzender der ev.-luth. Konferenz; * Dres-
den 6. X. 1829; | Dresden 16. XII. —
ELK 50, 52, Sp. 1200 f. u. 1221 f., 51, 2,
Sp46f.; ZB 42 [Saat auf Hoffnung 1918,
1 u. 3.; Jahrb. d. Sachs. Mission skonf.
191 7, 106 (Kleinpaul)] ; GT 1920.
Vochting, Hermann v., Dr. phil., Dr. med.
h. c. (Leipzig). Dr. h. c. (Cambridge), o.
Prof, der Botanik a. d. Univ. Tubingen,
korresp. Mitgl. d. AdW Berlin und der
GdW Gottingen, Begriinder der experi-
mentellen Morphologie; * Blomberg i. L.
8. II. 1847; f Tubingen 24. XI. — W.:
Uber Organbildung im Pflanzenreich
(2 Bde., 1878 — -84); Untersuchungen zur
experimentellen Pathologie des Pflanzen-
korpers ( 1 908).— MMW 1596; HPSt 1918;
LZ 1 183; WN 151 — i6o(Lehmann); Soz-
MH 191*8, 50-52 (Koelsch) ; KL 17 ; K (W) .
Vogel, Hermann Wilhelm, Geh. Kommer-
zienrat, GroBindustrieller, Vorsitzender
des Verbandes der Textilindustriellen,
Ehrenbiirger von Chemnitz; * Chemnitz
8. II. 1841; t Chemnitz 23. XII. — FZ
30. XII. (2. M.-Bl); DGK; AA.
676
Totenliste 1917 : Vogel von palckenstein— Wallaschek
Vogel von Falckenstein, Maximilian, General
d. Inf. z. D., Chef des 2. Elsafl. Pionier-
Bataillons 19, zuletzt Chef des Ingenieur-
u. Pionierkorps, Mitgl. des preufl. Herren-
hauses; * Berlin 29. IV. 1839; f Dolzig
7. XII. — DGK; HPSt 1918; MWB1 102,
73. 75 u.76; AT 1918.
Volkens, Georg, Dr. phil., Professor, Kustos
am Botanischen Zentralinstitut fiir die
Kolonien; * Berlin 13. VII. 1855 ; f Berlin
11. I. — LpZ 12. I.; LZ 113; PM 63, •
Tafel 2 (P) ; L 53 (Marz 1917), S. 36; BB1
44 (Nr. 11); ZB 42 [Verh. d. botan. Ver-
einsd. Prov. Brandenburg 59. 1 — 23 (Vol-
kens u. Harms)]; KL 17 (W).
YOU, Karl, Dr. phil., o. Prof, der Kunstgesch.
a. d. Techn. Hochschule u. o. Honorar-
prof. a. d. Univ. Munchen; * Wurzburg
18. VII. 1867; f Munchen 25. XII. — W.:
Vergleichende Gemaldestudien (2 Bde.
* 1908 — 10); Memlings Gemalde in 197
Abbildungen (1909); Entwicklungsgesch.
der Malerei in Einzeldarstellungen (3 Bde. ,
1912 — 15). — FZ 15. I. 1918 (A.-BL);
LE 20, 560; Kchr, NF 29, 13, Sp. 137
bis 139; WI8 1790; ZB 41 [Cicerone
X, 18 (Uhde-Bernays)] ; ZB 42 [Allgem.
Ztg. 1918, 15 (Lill); SMH, Febr. 1918.
475 — 480 (Busching)]; ZB 43 [Franken-
land 5, 137]; KL 17 (W). P vonSlevogt.
Volquardsen, Christian August, Dr. phil.,
Geh. Reg.-Rat, em. o. Prof, der alten
Geschichte a. d. Univ. Kiel; * Haders-
leben 6. X. 1840; Kiel 6. VIII.; AA.
— FZ 4. VIII. (A.-BL); LpZ 6. VIII.;
LZ 817; K.
# Vofi, Werner, Leutnant u. Kampfflieger,
Sieger in 50 Luftkampfen, Bitter des Or-
dens Pour le mkrite\ * Krefeld 13. IV.
1897; t 23. IX. [iiber den englischen
Linien]. — Hamb.FBl., Wochenausg.
159. S. 7; E 1485; Daheim 54, 1; AA.
Waal, Anton de, D. theol., papstl. Haus-
pralat u. apostol. Protonotar, Rektor des
deutschen Priesterkollegiums am Campo
Santo Teutonico, Grunder des Museums
christl. Altertiimer, Mitherausgeber der
Romischen Quartalsschrift fiir christl.
Altertumskunde u. Geschichte, Archao-
log u. Kunsthistoriker; * Emerich 4. V.
1836; f Rom 23. II. — W.: Roma sacra.
Die Ewige Stadt in ihren christl. Denk-
malern u . Erinnerungen alter u . neuer Zeit
(* 191 1); Rompilger (9 191 1); Katakom-
benbilder (3 Bde., 1891—94). — KZ
28. II.; FZ 8. III.; BB1 204 (Nr. 51); LZ
280; SozMH 330; ZB 41 [Internat.
kirchl. Zeitschr. VII, 287 — 297 (Nippold) ;
Allgem. Rdschau XIV 152 (Baumgarten) ;
Die Wartburg 282 (Nippold)]; KL 17
(W); ZB 44 [Zeitschr. f. kathol. Theo-
logie 43, 371]; BZZ 9 [NZZ 1. III.; KV
10. III.; Germania 1. III.]; AA.
* Wagner, Adolf, D. theol. h. c, Dr. phil.,
jur., leg., pol., Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz,
o. Prof, der Staatswissenschaften a. d.
Univ. Berlin, o. Mitgl. der AdW Berlin ;
korresp. M. d. AdW Wien, Mitgl. des preufl .
Herrenhauses ; * Erlangen 25. III. 1835;
f Berlin 8. XI. — W. : Lehr- u. Handbuch
der politischen Okonomie (4i907) ; Agrar-
u. Industriestaat (a 1902) ; Theoret. Sozial-
okonomie (2 Bde., 1907 — 09). — FZ9.XI.
(2. M.-Bl.), 13. XI. (2. M.-Bl.). 14. XI.
(1. M.-Bl.) (Wilbrandt); BB1 1204 (Nr.
264) ;LZ 1 1 19; IZ3881 (P); SozMH 1918,
i62f. (Conr. Schmidt); ELK 50. 47, Sp.
noif.; WI7 1782, * 1790; HPSt 1918;
B 1737 (P) ; v. Arnim-v. Below, Deutscher
Aufstieg, S. 307 — 314 (Diehl); Almanach
der AdW Wien 1918, 4231*. (Menger) ;
ZB 41 [Daheim 54, 8; Die Hilfe 703
(Rohrbach); Konserv. Monatsschr. VII,
224 — 229 (Bornhak); Plutus 47/48. S.493
bis 496; Technik u. Wirtschaft X 590;
Bodenreform 567 — 573 (Damaschke) ;
Zentralbl. der christl. Gewerksch. 17,
200]; ZB 42 [Export 2 (Stamper) ; Jahrb.
f. Gesetzgeb., Verw. u. Volksw. 1, 31 — 46
(Schumacher); Die Reformation 45, 102
(Seeberg); Dtsch. Rdschau, Jan. 19 18.
107 — 116; Staats- u. Wirtschaftsztg 3,
84 — 88 (Oppenheimer) ; Studierstube 16,
90 (Grabowsky); Westermanns Mhe.,
Febr. 1918, 677—681 (Tillmann) ; Frankf.
Univ.-Ztg 4, 4 (Tillmann)]; ZB 43
[Evangelisch-Sozial 19 17/18, 39 (Schnee-
melcher)] ; KL 17 (W) ; Deutsche Akadem.
Rundschau, Jahrg. 8, 15 (1. V. 1927),
S. 1 — 5 (Westphal); F. Oppenheimer:
Soziologische Streifziige II, 302 — 314;
DBJ 173/193 (Schumacher).
Wagner von Frommenhausen, Ludwig,
Generalleutnant z. D., bis 1886 Komman-
deur der 2. Kavalleriebrigade in Ulm, 1870
bei Villiers u. Champigny verdienter
Artillerieoffizier, Inh. des Eis. Kreuzes
1. KL u. d. Ritterkr. der wiirtt. Krone
von 1870; * Ludwig 25. IX. 1828;
t Stuttgart 25. III. — WN 67—71
(Muff); Schw. Merkur 27. III.; Dorsch,
Noch ein Schwabenbuch.
Wallaschek, Richard, Dr. phil. et. jur., a.o.
Prof, der Asthetik u. Psychologie der
Tonkunst a. d. Univ. Wien; * Briinn
16. XI. i860; f Wien 24. IV. — W.:
Asthetik der Tonkunst (1886) ; Geschichte
der Wiener Hofoper (1907 — 09). — FZ
1. IV. (A.-BL); BB1 520 (Nr. 102); JP 92
[Signale 374; NZ fiir Musik 156; Klavier-
Totenliste 1917: Walter — Weyrauch
677
lehrer 106; NMZ 38, 263; Dtsch. Tonk.-
Ztg. 114]; L 53 (Mai 1917). S. 45; ZB 42
[Zeitschr. fifar Asthetik 12, 352 — 359
(Lach)]; ZB 43 [Mitteil. der anthropol.
Ges. Wien 47. 112 (Pdch)]; KL 17 (W);
K (W).
Walter, Raoul, Dr. />A*7., Kainmersanger
u. Oberregisseur an der Kgl. Oper in
Miinchen, Wagner- u. Mozartsanger;
* Wien 16. VIII. 1865; f Miinchen
21. VIII. — FZ 23. VIII. (1. M.-Bl.);
JP 92 [AMZ 550; RMTZ 299; NMZ 38,
374; Dtsch. Tonk.-Ztg. 149; Signale 567];
EG I093f.; WI7 1795. AA.
Wansleben, Arthur, Landschaftsmaler;
* Krefeld 19. Xn. 1861; f Dusseldorf
20. VI. — W.: Niederungslandschaft
(Krefeld, Galerie) ; Marzschnee (Aachen) .
— KChr, NF 28, 38, Sp. 424; MS V 56,
VI 293.
Waenting, Karl Heinrich Moritz, Dr. phil.
h. c. Dr. jur., Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz,
Ministerialdirektor im sachsischen Kultus-
ministerium a. D. ; * Leipzig 13. III. 1843 »
t Dresden 19. IV. — DGK; WI8 1790;
ZB 41 [Ecce MeiBen 22, 89]; AA.
Weinhold, Adolf Ferdinand, Dr. phil., Prof.,
Oberreg.-Rat, Lehrer der Physik und
Elektrotechnik a. d. technischen Lehr-
anstalten in Chemnitz; * Zwenkau 19. V.
185 1 ; | Chemnitz 2. VII. — W.: Vor-
schule der Experiinentalphysik (5 1907);
Physikalische Demonstrationen (• 192 1).
— BB1 812 (Nr. 159); LZ 729; ZB 41
[Zeitschr. fiir mathemat. u. naturwiss.
Unterricht 48, 329 (0. Miiller)]; KL 17
(W); PF V 1349 (W).
Weismann, Jakob, Dr. jur., Geh. Justizrat,
o. Prof, des Strafrechts u. der Prozesse
a, d. Univ. Greifswald; * Mainz 4. IV.
1854; f Greifswald 24. VIII. — W.: Lehr-
buch desdeutschen Zivilprozesses (2 Bde.,
1903 — 1905). — LZ 861; HPSt 1918;
KL 17 (W); K (W).
WelB, Edmund, Dr. phil., Hofrat, em. Di-
rektor der Sternwarte u. o. Prof, der
Astronomie a. d. Univ. Wien, President
der osterreich. Gradmessungskommission ;
* Freiwaldau 26. VIII. 1837; f Wien
21. VI. — W.: Annalen der Sternwarte
in Wien (1883 — 19°8) » Wunder des Him-
mels (i 888); Bilderatlas der Sternwelt
(a 1892); Mitherausgeber der Astronom.
Arbeiten des k. k. Gradmessungsbureaus
(14 Bde., 1887 — 1907 u. NF I, 1914). —
FZ 26. VI. (A.-Bl.); L 53 (Jul* W7).
S. 53; LZ 662; BB1 756 (Nr. 146); Al-
manach AdW Wien 19 18, 243 — 248 (P) ;
ZB 41 [Astronom. Nachr. 204, 431
(v. Hepperger)]; ZB 43 [Vschr. der
astronom. Ges. 53, 6 — 14 (Hepperger)];
KL 17 (W); K (W); PF V i35of. (W).
Wibser, Paul Albert v., 1898 — i9o6Senats-
prasident am Oberlandesgericht Stutt-
gart, Vorstand des Strafanstaltskol-
legiums, Mitgl. des Staatsgerichts- u. des
Disziplinarhofs; * Stuttgart 29. XII.
1832 ; f Stuttgart 6. III. — Schw. Merkur
7. III.; WN 39—41 (Weisser) ; WI 7 1826.
Welzsicker, Paul, Dr. phil., Rektor des
Realgymnasiums zu Calw a. D., Archao-
loge u. Kulturhistoriker ; * Kloster Adel-
berg4. VIII. 1850; f Ludwigsburg 1 1. III.
Herausgeber von H. Meyer, Klein e
Schriften zur Kunst (1886). — BB1 256
(Nr. 62); LZ 336; HV 18. 344; WN 63
bis 67 (Belschner) ; [Human. Gymnasium
I9I7» 3/4 (Fischer) ; Calwer Tagbl., Jahrg.
92, Nr. 60]; KL 17 (W); — Eigenhand.
Auf zeichnungen erwahnt Belschner (a.O) .
Welczek, Bernhard Graf v., Legationssekre-
tar a. D., Majoratsherr auf Laband, Mitgl.
des preuB. Herrenhauses; * Laband 29. I.
1844; t Laband 16. 1. — WI8 1791 ; HPSt
191 8; ZB 41 [Oberschlesische Heimat
13. 32]; GT 1920.
Wellstein, Georg, Geh. Oberjustizrat,
Senatsprasident am Oberlandesgericht in
Hamm, M. d. R. (Zentrum); • Oberbiel
12. V. 1849; t Hamm i.W. 16. X. —DGK;
HPSt 1918; WI7 1828.
Wendt, Adolf v., Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz,
Ministerialdirektor im preuB. Handels-
ministerium a. D. ; * Hannover 9. 1. 1825;
f Berlin 19. H. — DGK; HPSt 191 8; AT
1917-
# Wenninger, Karl Ritter v., Kgl. bayer.
Generalleutnant u. Fiihrer des XVIII.
Res.-Korps, zuvor bayer. Militarbevoll-
machtigter u. stellv. Mitgl. des Bundes-
rats, Ritter des Ordens Pour le mkriie u.
des bayer. Max-Joseph-Ordens; * Berg
(Niederbayern) 13. VIII. 1861; t bei
Seculut an der Susita (Rumanien) 8. IX.
— ERL; E 1412 (P); MWB1 102, 31, 33
u.34; FZ 11. IX. (A.-Bl.); HPSt 1918;
ZB 43 [Das Bayerland 30, 82] ; WI 7 1833;
AA.
Westmeyer, Friedrich, Sozialdemokrati-
scher Parteisekretar u. Redakteur, Griin-
der 11. Fiihrer der wiirttemb. sozialisti-
schen Vereinigung, 191 3 — 17 Mitgl. des
wiirttemberg. Landtags; * Osnabriick
14. I. 1873; t a*s Arbeitssoldat im Felde
15. XI. — FZ 16. XI. (2.M.-Bl.);SozMH
1293; DGK; WN 177.
Weyerwald, Edler von, s.Berger, Josef.
Weyrauch, Johann Jakob v., Dr. phil., em.
o. Prof, der Ingenieurmechanik, Elastizi-
tatslehre u. Warmetheorie a. d. Techn.
678
Totenliste 19 17: Wiedenmann — Zupitza
Hochschule Stuttgart; * Frankfurt a.M.
8. X. 1845; t Stuttgart 13. II. — W.:
Die Festigkeitseigenschaften u. Me-
thoden der Dimensionenberechnung der
Eisen- u. Stahlkonstruktion (* 1888, auch
engl., ital., franz.) ; Theorie elastischer
Bogentrager (■1911); Grundrifl der
Warmetheorie (1905 — 07). — BB1 160
(Nr. 41); LZ 247; ZB V 3. III.; SchwM
15. II.; L 53 (Sept- 1917). S. 68; KL 17
(W);K(W).
Wiedenmann, Peter Freiherr v.. Kgl. bayer.
General der Artillerie, friiher General-
adjutant des Prinzregenten Luitpold von
Bayern; * Munchen 11. V. 1847; t Miin-
chen 8. VII. — DGK; ERL; WI 7 1849.
Wilmanns, August, Dr. phil., Wirkl. Geh.
Oberregierungsrat, em. Generaldirektor
der Kgl. Bibliothek in Berlin; * Vegesack
25. III. 1833; f Berlin 27. X. — LZ 1097;
BBln88(Nr. 257) ;KL 17 (W); JB 1920,
181.
Willfried, H., s. Villinger.
Wlnternlti, Wilhelm, Dr. med., Hofrat, o.
Professor der inneren Medizin a. d. Univ.
Wien, Begriinder der Hydrotherapie,
Abteilungsvorstand an der Allgem. Poli-
klinik; * Josefstedt (Bohmen) 1. III.
1835; t Wien 22. II. — W.: Die Hydro-
therapie auf physiol. u. klinischer Grund-
lage (3 Bde., 2 1890) (auch russ., engl.,
franz., ital., span.) — FZ 24. II. (A.-Bl.).
aa. III. (2. M.-Bl.) (Ratner); MMW 344
u. 38s (Marcuse); LZ 247; IZ 3846 (P);
WI8i79i; SozMH 451; KL 17; PBL
18671. (W);K(W).
Wohlenberg, Gustav, D. theol., o. Prof, der
neutestamentl. Theologie a. d. Univ.
Erlangen; * Ahrensburg 1. X. 1862;
f Erlangen 20. III. — W.: Der 1. u.
2.Thessalonicherbrief (* 1908); Der i.u.
2. Tim.- u. Titusbrief (*i9ii). — LpZ
23. III.; FZ 22. III. (A.-Bl.) ; ELK 50, 13,
Sp. 309 f. u. 14, Sp. 334; LZ 392; WI7
1880, 8 1791; ZB 41 [Kirchl. Jahrb. 44,
619 (Schneider) ; Soziale Rdschau 17, 69;
Saat auf Hoffnung 17, 68]; LE 19, 970;
KL 17 (W).
W&lfler, Anton, Dr. med. et chir., Hofrat,
em. o. Prof, der Chirurgie an der deut-
schen Univ. Prag; * Kopetzen 12. 1. 1850;
f Wien 1 . II. — W. : Die chirurg. Behand-
lung desKropfes (1887). — NFP 4. II.;
FZ 6. II. (A.-Bl.); BB1 140 (Nr. 36);
LZ 201; MMW 240; ZB 42 [Deutsche
Arbeit in Osterreich 17, 215 (Schlosser) ;
Mitteil. aus den Grenzgeb. der Med. u.
Chirurgie 30 I (Eiselsberg)] ; KL 17 (W) ;
PBL i87of. (W) (P); K (W).
Zanleck, Paul, D. theol., em. Pastor, Her-
ausgeber der theol. Zeitschriften : Fur
unsere Kinder, Kindergottesdienst und
Niedersachs. Gustav-Adolf-Bote, Neu-
gestalterdesKindergottesdienstes; • Ber-
lin 12. III. 1849; f Bremen 3. VI. — LZ
638; ELK 50, 27, Sp. 646; Kirchl. Jahrb.
44, 619 (Schneider); KL 17 (W).
* Zeppelin, Ferdinand Graf v., Dr.-Ing. e. h..
General der Kavallerie z. D., General
a la suite des Konigs von Wiirttemberg,
Erfinder des starren Lenkluf tschiffes ;
* Konstanz 8. VII. 1838 ; f Berlin 8. III. —
FZ9. III., 10. HI., 11. III., 13. III.; BB1
364 (Nr. 86) ; IZ 3846 (P) u. 3847. 395 bis
408 (Feldhaus u. a.) ; SchwM Nr. 1 16
(10. III.) (Freiherr v. Gemmingen) ;
SozMH 260 u. 274f. (Lux); WI8 1792;
MdT 304f. [Glasers Annalen 80, 139];
VDI6i,485;MWBl 101, 151, 152 (Nach-
ruf Hindenburgs), 153; ELK 50, 17,
Sp. 396 — 400 (K. Hoffmann) ; KW 30 III.
S. 29 f. (Avenarius); ERL; Hamb.FBl.
Wochenausg. 130 u. 131 (P); WN 41 bis
63 (K. Hoffmann) ; ZB 43 [Volksbildung
47, 83; Schr. d. Ver. f. d. Gesch. des Bo-
densees46, 3 — 56] ; Grabrede von K. Hoff-
mann (Stuttgart 191 7); A. Vomel, Graf
F. v. Z. (4 1913); Das Werk Z.s (1913);
A. Wasner, Graf F. v. Z. (1917). — Der
Deutschen-Spiegel, Jahrg. 4 (1927), 11
S. 509 — 513 [u. a. Zeitschriften des Marz
1927 zur iojahr. Wiederkehr des Todes-
tages]; R. Eickhoff: Politische Profile
(1927), S. 141— 148; DBJ 193/202
(Gossow).
* Zlese, Karl, Dr.-Ing. e. h., Geh. Kom-
merzienrat, Inhaber der Schichauwerf ten
in Danzig u. Elbing ; * Moskau 2 .VII. 1 848 ;
t Elbing 15. XII. — FZ 30. XII. (2. M.-
BL); E 1918, S. 9 (P); IZ 3892 (P); WI7
1915, 8I792; MdT 305f.; VDI 62, 109
bis in (Krause) (P); Daheim Nr. 14;
JSTG 20 (1919), S. 178 — 183 (P); ZB 42
[Schiffbau 19, 113 — 115 (Krainer); tJber-
all 20, 347 — 352]; ZB 44 [Aus dem Ost-
lande XIII Beil. 1, H. 2.]; DBJ 202/206
(Krainer).
Zunker, Dr. med., Geh. Med.-Rat, Exzel-
lenz, Generalarzt a la suite des Sanitats-
korps, Leibarzt der Kaiserin ; f Potsdam
22. X.— ERL; HPSt 1918; MMW 1448;
DGK.
Zupitza, Emil, Dr. phil., a.o. Prof, der indo-
germanischen Sprachwissenschaft a. d.
Univ. Greifswald; • Oppeln 17. III. 1874;
t Greifswald 16. X. — FZ 17. X. (1. M.-
Bl.); LZ 1050; HPSt iqi8; BB1 iis2
(Nr. 241?); WI7 192;.
Totenlistc 1918
Adler, Viktor, Dr. med., osterreichischer
Staatssekretar des Auswartigen, Fuhrer
der osterreichischen sozialdem. Partei;
* Prag 24. VI. 1852; f Wien n. XI. —
W: Aufsatze, Reden u. Briefe, (5 Bde.,
1922—25). — FZ 12. XI. (1. M.-BL).
19. XI. (A.-BL), (Ganz); IZ 3935 (P) \
SozMH 1 1 1 2 (Schippel) ; Neue osterreich.
Biogr. 1,3, S. 152 bis 172 (Briigel), (P) ;
WI 8 1 767 ; ZB 42 [Parlamentar. Chronik,
Mai 1918, 297 (Grofi)]; ZB 43 [Polit. u.
volksw. Chronik d. osterr.-ung. Monarchic
1918, 579; Friede, Bd. II, 1918, 389
(Karpeles) ; Weltbiihne 529, 406 (Viertel) ;
Die neue Zeit t>7, i. S- 169]; M 7 1, 126.
Adolf Friedrich VI., Groflherzog von fcleck-
lenburg-Strelitz ; * Neustrelitz 17. VI.
1882; f Neustrelitz 24. II. (Selbstmord) .
— HambFBl, Wochenausg. 181 u. 182;
E 276 (P) ; IZ 3897 (P) ; ZB 43 [Heimat
(Mecklenburg), Jahrg. 11, 33 — 38]; GH
1918; M7 I, 131.
Alberti[-Sittenfeld], Konrad, [Deckname fiir
Konrad Sittenfeld], Schriftsteller, Haupt-
fiihrer der naturalistischen Bewegung;
* Breslau 9. VII. 1862; f Berlin 24. VI.
W,: Herr L'Arronge und das deutsche
Theater (1884); Was erwartet die Kunst
von Wilhelm II. (1888); Der inoderne
Realismus in der deutschen Literatur
(1889); Der Weg der Menschheit (4 Tie.,
1906— 1912). — FZ 26. VI. (A.-BL); LE
20, 1 301 u. 1329; SozMH 1228; M 7 I, 294
(W); KL 17; BR* VI, 444 (W) ; DZL
1373 (W).
Alexander, Conrad, Dr. med., Professor,
Geh. Sanitatsrat, Privatdozent f. innere
Medizin a. d. Universitat Breslau; * Lieg-
nitz 15. IV. 1856; | Breslau 20. VIII. —
LpZ 26. VIII.; MMW 65, 982; Jahrb. d.
Schles. Ges. fiir vaterl. Kultur 96, 1 — 2
(Rosenfeld); PBL 27; AA.
# Am Ende, Hans, Landschaftsmaler in
Worpswede, Hauptmann der Landwehr
a. D. ini Inf. - Reg. 162; * Trier 31. XII.
1864; f Stettin 9. VII. [an den Folgen
einer Kriegsverwundung]. — W.: Moor-
landschaft (Museum Braunschweig) ; Er-
ster Schnee (Museum Weimar) ; Radie-
rungen. — FZ 12. VII. (1. M.-BL), 15.VII.
(A.-Bl.); Kchr, NF 29, 39, Sp. 431;
SozMH 920; IZ 3917 (P); LpZ 12. VII.;
M7 I, 472; TB X, 511 (W), [Meister der
FarbeIV(i907), 248]; AA. — Vgl. Bethge.
Worpswede (1904).
Andresen, Hugo, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
em. o. Professor der roman. Philologie an
der Universitat Miinster; * Altona 4. X.
1844; | Miinster i. W. 17. VIII. — Her-
ausgeber von K. G. Andresen, Uber
deutsche Volksetymologie (6 1899). — FZ
21. VIII. (A.-Bl.); LE 21, 57; LZ 696;
LpZ 20. VIII.; KL, 17; AA.
Angerer, Ottmar Ritter v., Dr. med., Geh.
Rat, Exzellenz, o. Professor d. Chirurgie
a. d. Universitat Miinchen, Leibarzt des
Prinzregenten Luitpold von Bayern,
Generalarzt A la suite; • Geisfeld i. Bayern
17. IX. 1850; | Miinchen 12. I. — LpZ
14. I.; MMW 65, 87 11. 245 f. (Schmitt) u.
1 104; SozMH 1 165; IZ 3891 (P); LZ 65;
WI • 1767; ZB 42 [Zentralbl. fiir Chir. 45,
113 (Lexer); MK 14, 255 (Schmitt); Mit-
teilg. aus den Grenzgeb. der Med. u. Chir.
30, 4, S. I (Eischberg); BKW 55, 151
(Ach)]; ZB 43 [Frankenland 5, 138];
PBL 38 (W); L54. 54-
Anna, Landgrafin von Hessen, geb. Prin-
zessin von Preufien, Kgl. Hoheit, das
iilteste Mitglied des Hauses Hohenzollern
[seit 9. X. 1 90 1 katholisch]; * Berlin
17. V. 1836; f Frankfurt a. M. 12. VI. —
Bekannt durch ihren Konflikt mit Kaiser
Wilhelm II. wegen ihres Ubertritts zur
katholischen Kirche. — DGK; ZB 43
[Hessenland 32, 115]; GH 1918.
ABmann, Richard, Dr. med. et phil., Geh.
Oberreg.-Rat, o. Honorarprofessor der
Meteorologie an der Universitat GieBen,
friiher Direktordes Aeronautischen Obser-
vatoriums in Lindenberg (Brandenburg) ,
Begrunder der wissenschaftlichen Luft-
fahrt, Erfinder des Aspirationspsychro-
meters; * Magdeburg 13. IV. 1845;
68o
Totenliste 1918: Atzberger — Bardeleben
f Gieflen 28. V. — W.: Wissenschaft-
liche Luftfahrt (3 Bde., 1899 — 1900);
Hrsg. d. Zschr. »Das Wetter* (seit 1884),
der » Beitrage zur Physik der f reien Atmo-
sphare* (seit 1904) und der »Brgebnisse
der Arbeiten am Aeronaut. Observato-
rium«(iooo — 1913). — FZ5. VI. (A.-Bl.),
8. VI. (1. M.-Bl.), Peppier); IZ 3912 (P) ;
SozMH 628; WI8 1767; ZB 42 [Dtsch.
Luftfahrzeitschr. Nr. 11/12, S. 18 (Pepp-
ier); Zschr. fur Flugtechnik 9, 62 (Ber-
son)] ; ZB 43 [Annalen der Hydrographie
u. maritim. Meteorol. 46, 248; Meteorol.
Zschr. 35, 191 (Hergesell)] ; L 54 (Dez.
1915), S. 83; PM 64, 130; M7I, 1000;
Kir 17; PFV, 38.
Atlberger, Leonhard, D. theol., Geh. Hofrat,
Pralat, o. Professor der Dogmatik a. d.
Universitat Miinchen; * Velden 23. VI.
1854; t Miinchen 10. III. — W.: Gesch.
derchristl Eschatologie (1896); Handb.
der kathol. Dogmatik (4 Bde., 1898 bis
1903); Der Glaube. Apologetische Vor-
trage (1891)— LpZ 13. HI.; FZ 18. III.
(A.-Bl.) ; SozMH 645 ; LZ 265 ; KL 17 (W) .
Aliersperg, Leopold Graf v., Geh. Rat, ehe-
mal. osterreichischer Ackerbauminister ;
* Budapest 16. V. 1855 ; f Baden b. Wien
23. II. — DGK; GT 1920.
*Baehem, Julius, Dr. jur. h. c, Justizrat,
Rechtsanwalt, Mitbegriinder der K61-
nischen Volkszeitung, Zentrumsfiihrer,
1876 — 1 89 1 Mitglied des Preufl. Abg.-
Hauses; * Miilheim a. Rh. 2. VII. 1845;
t Koln 22. I. — W.: Preuflen und die
kathol. Kirche (6 1887); Die Paritat in
PreuBen (' 1899) ; Herausgeber der 2. Aufl.
von Gorres' Staatslexikon (1900 ff .) ; Lose
Blatter aus meinem Leben (1910); Er-
mnerungen eines alten Publizisten und
Politikers (191 3).— FZ 23. 1. (1. M.-Bl.) ;
LpZ 23. I.; LZ 108; Soz MH 619;
IZ 3893 (P). (Steiger); Deutsche Presse,
Jahrg. 16, 21, S. 48 — 50 (Hober); LE 20,
688; H 15, 7, S. 17—21 (Spahn) ;
WI«i767; ZB 42 [Soziale Kultur 117
(Hitze); Sudd. Monatsh., Febr. 1918.
S. 467 (FaBbender); Die neue Zeit 46 I,
447 (Meersfeld); Allgem. Rundschau 15,
55 (Cardauns); Zentralbl. der christl. Ge-
werksch. 18, 35]; ZB 43 [Alt-Koln, Ka-
lender 1918 (VII), 75]; M7 1, 1290; KL 17
(W). — Cardauns, J. B. und die Gorres-
Gesellschaf t (1919); DB J 207/2 1 o (Hober) .
Blginsky, Adolf, Dr. med., Geh. Med.-Rat,
a.O; Professor der Kinderheilkunde, em.
Direktor des Kaiser und Kaiserin Fried-
rich-Krankenhauses, Mitbegr. u. Heraus-
geber des Archivs fur Kinderheilkunde
(1880 ff.); * Ratibor22. V. 1843; t Berlin
1 5 . V. — W. : Lehrbuch der Kinderkrank-
heiten (8i9o8); Handbuch der Schul-
hygiene (8 1899). — LZ 453, IZ 3909 (P) ;
SozMH 1165 f.; MMW 65, 606 [vgl.
ebenda, 1913, Nr. 20 (P)]; ZB42; [Jahrb.
f. Kinderheilkunde 87, 532 (Czerny) ; MK
14, 579 (E. Muller)]; ZB 43 [Archiv fur
Kinderheilkunde tj, i — 6 (Schloflmann) ;
Zschr. fur Schulgesundheitspflege 31,
145 f. (Kemisies)]; M 7 I, 1333; KL 17
(W) ; PBL 77 f. (W). (P) ; GJN 220; Fest-
schrift, A. B. gewidmet (191 3).
Bailer, Julius v., Dr. ing. e. h., General-
major z. D., 1902 — 1907 Inspekteur der
8. Festungsinspektion, seitdem General-
bevollmachtigter der Eisenbetonfirma
Wayfl & Freytag, 19 14 — 19 15 General d.
Ing.- und Pionierkorps beim General-
gouvernement Belgien, 2. Vorsitzender d.
Jungdeutschlandbundes; * Stuttgart 8. II.
1853; f Berlin 12. V. — WN 35 f.
(v. Muff), [SchwM 222; Jungdeutsch-
land; Turnbl. aus Schwaben 1918, Bei-
lage 11].
*Ballin, Albert, Dr. ing. e. h., Generaldirek-
tor der Hamburg- Amerika-Linie ; * Ham-
burg 15. VIII. 1857; f Hamburg 9. XI.
— FZ 1 1 . XL (M.-BL), 13. XI. (2. M.-Bl.) ;
Hajnb.FBl, Wochenausg. 218, S. 2; IZ
3933 (P)» SozMH 1077 f. (Kalisky) und
1210; JSTG 20 (1919), S. 145 — 148;
G. Stresemann, Reden u. Schriften I, 206
bis 211; ZB 43 [Dtsch. AuBenhandel 18,
174; Wirtschaftsdienst 3, 1033 (Singer)];
M 7 1, 1400. — Huldennann, A. B.
P1922); P. Stubmann, Ballin. (1926);
Goetz, B., ein koniglicher Kaufmann
(* I9°7)l T>er Morgen, Jahrg. 3, 2, S. 179
bis 187 (Carlebach); DBJ 210/215 (Stub-
mann).
Bandell, Eugenie, Malerin und Radiererin;
* Frankfurt a. M. 21 . XII. 1863 ; f Frank-
furt a. M. 2. IV. — W. : Figurenbilder u.
Landschaften. — FZ 5. IV. (2. M.-Bl.);
Kchr, NF 29, 27, Sp. 292; SozMH 566;
MS VI, 12; TB II, 438 [Drefllers Kunst-
jahrbuch 1908; Hirsch, Kunstlerinnen
der Neuzeit, S. 30; Kunst fiir AUe XVIII ;
Weizsacker, Kunst u. Kstl. in Frankfurt,
S. 99].
Bardeleben, Karl v.. Dr. med., o. Hon. -Prof,
der Anatomie an der Universitat Jena,
Generalarzt h la suite des Sachs. Sanitats-
korps, standiger Schriftfuhrer der Anat.
Ges., Mitherausgeber der Weimarer
Goethe-Ausgabe ; * Gieflen 7. III. 1849;
t Jena 19. XII. — W.: Atlas der topo-
graphischen Anatomie 4 (1908) ; Herausg.
d. Verhandl. der Anat. Ges. u. des Handb .
d. Anat. d. Menschen (1896 ff.; unvoll-
Totenliste 1918: Baumeister — Blaschnik
68l
endet). — FZ 20. XII. (2. M.-Bl.) ; DGK ;
SozMH 51, WI7 59,; M7 I, i473f.;KLi7
(W); PBL 88—90 (P), (W).
Baumeister, Reinhard, Dr. med. h. c, Dr.
ing. e. A., Geh. Rat, Prof, der Ing.-Wissen-
schaften und des Stiidtebaues a. d. Techn.
Hochschule Karlsruhe i. R. ; * Hamburg
19. III. 1833; f Karlsruhe 11. XII. —
W.: Erbauer der Murgtalbahn (1868),
der Bahn Freiburg- Breisach (1870/71),
der Renchtalbahn (1876), der Kranken-
hauser der Diakonissenanstalt Karlsruhe
(1888— 1908). — SozMH 424; WI775;
ZB 42 [DBZ 52, 6, 14 (Biseler) ; Zschr. d.
Verb, dtsch. Dipl.-Ing. 9, 10 (Lang);
Zschr. d. Verb, dtsch. Archit. u. Ing. 7, 5
(Ammann)]; M 7 I, 1598.
* Beck, Ludwig, Dr. phil., Dr. ing. e.h., Pro-
fessor, Direktor der Rheinhiitte L. Beck
& Co. in Biebrich, Ehrenbiirger von
Biebrich; • Darmstadt 10. VII. 1841 ;
t Biebrich 23. VII. — W. : Geschichte des
Eisens (5 Bde., 1884 — 1903). — DGK;
LZ625; VDI62,62i (P);MdT is;ZB43
[Die GieCerei V, 117 — 120 (Borchardt) ;
WI78i; StE 38, 744 u. 789 — 792 (Schu-
bert), (P); M7 II, 2; DBJ 218/221 (Jo-
fa annsen).
Beck, Karl v., deutscher Kolonialpionier,
Leiter des Direktionsbureaus der Neu-
guinea-Gesellschaf t ; * Baden-Baden 7.X.
1851;! Baden-Baden 28. VI.— DKZ 35,
97; PM 64, 227; Briefadl. Tb. 1916.
Beckmann, Fritz, Geh. Kommerzienrat,
Seniorchef der Stahlwarenfirma J. A.
Henckels, Solingen, Prasident der Han-
delskammer in Solingen, Mitgl. des Pro-
vinziallandtags; * Solingen 10. VIII.
1850; f Solingen 25. VII. — FZ 27. VII.
(2. M.-BL); WI786; StE 38, 744; AA.
* Below, Fritz v., General d. Inf. z. D., h la
suite des 3. Gardegrenadierregiments,
1912 — 191 5 Komm. General des XXI. A.-
Korps, 1 9 1 5 — 1 9 1 6 Oberbef ehlshaber der
2. Armee, 1916 — 1918 der 1. und Juni bis
August 1 918 der 9. Armee, Ritter des
Ordens Pour le mirite; * Danzig 23. IX.
1853; f Weimar 23. XI. — FZ 28. XI.
(A.-Bl.); ERL; MWB1 103, 68; DGK;
WI794, 8i768; M 7 II, 92; DBJ 221/
225 (Zipfel).
Bernewitz, Friedrich Alexander Freiherr v.,
Prasident des sachsischen Oberverwal-
tungsgerichts i. R.; * Zwickau 17. VIII.
1840; f Dresden 3. IV. — DGK; ZB 43
[BcceGrimma 39, 80 — 85]; Grimmenser-
Stammbuch, Jahrg. 1855.
Bernheimer, Stefan, Dr. med., o. Professor
der Augenheilkunde a. d. Universitat
Wien; * Triest 17. I. 1861; | Wien
19. III. — LpZ 21. III.; LZ 289; MMW
65, 362; L 54 (August 1918), S. 62; ZB 42
[Zentralbl. f. prakt. Augenheilkunde 42,
89—91 ; WKW 31, 368 (Dimmer)] ; ZB 43
[Klin. Monatsbl. fiir Augenheilkunde 60,
814]; AA.
Bertling, Karl, Historien- u. Portratmaler;
* Dahlinghausen (Hannover) 7. IX. 1835 ;
f Wachau b. Radeberg 23. II. — W.:
Hagar und Ismael; Kain und Abel (im
Schwurgerichtsgebaude in Naumburg) .
— LpZ 14. III.; WI7 112 (W); TB III.
502 (W); MS I, 117 (W), VI, 23; AA.
Berwerth, Friedrich, Dr. phil., Hofrat,
0. Professor der Petrographie an der Uni-
versitat Wien, Direktor am naturhisto-
rischen Hof museum, korresp. Mitglied d.
AdW Wien; * Schaflburg 16. XI. 1850;
t Wien 22. IX. — LpZ 26. IX. ; LZ 801 ;
PM 64, 271; L 54, 83; Almanach AdW
Wien 1919, 135—138; M7 II, 236; PF V,
T04 (W).
Beth, Ignaz, Dr. jur. et phil., Kunsthisto-
riker, Herausgeber der Internationalen
Bibliographic der Kunstwissenschaf t ;
* Przibram i. B. 9. VIII. 1877; | Berlin
1. IV. — LE 20, 1008; LZ 308; ZB 42
[Cicerone X, 141; Jahrb. d. kgl. preufl.
Kunstsamml. 39, 184]; Kchr, NF 29, 26,
vSp. 277 f. (Vofi).
Bienerth, Richard Freiherr v., Dr. jur.,
Statthalter im Erzherzogtum Osterreich
u. d. Enns (191 1 — 191 5), k. u. k. Geh.
Rat, Exzellenz, osterr. Ministerprasident
a. D. (19 10), Mitgl. des osterr. Herren-
hauses; * Verona 2. III. 1863; | Wien
2. VI. — FZ 4. VI. (A.-Bl.); DGK;
WI7 122, 8 1769; ZB 43 [Polit. u. volksw.
Chronik d. osterr. -ungar. Monarchic 1918,
312]; M7 II, 352.
& Blenstock, Heinrich, Opernkomponist ;
* Miilhausen i. E. 13. VII. 1894; t (an
Kriegsleiden) Tubingen 17. XII. — W.:
Zuleima (Oper 191 2); Sandro der Narr
(Oper 1 916); Die Bezwinger des Lebens
(vieraktige Pantomime). — FZ 21. XII.
(A.-Bl.); JP 81 [RMTZ 1919, 22; NMZ
40,94; NZ 336]; SozMH 221; AMZ 572
u. 1 919, 6; Dtsch. Biihnenjahrb. 31
(1920), S. 147; R 10 124; FAT 42; A 56;
NML55.
Bittner, Maximilian, Dr. phil., o. Professor
der orient alischen Sprachen a. d. Univer-
sitat Wien, o. Mitglied der AdW Wien;
* Wien 1 2. IV. 1869; f Modling bei Wien
7. IV. — DGK; LZ 349; PM 64, 130; AA.
Blaschnik, Arthur, Landschaftsmaler, Ehr.-
Mitglied d. Schlesischen Gesellschaft fiir
vaterlandische Kultur ; * Strehlen 8. XII.
1823; f Berlin ro. X. — W.: Ansicht
682
Totenliste 19 18: Blecher — Braunbehrens
des Forums (1865). — Jahrb. d. Schles.
Ges. 96 (19 1 8), 6 — 13 (R. Foerster);
Schles. Ztg. 1919, Nr. 151, 158 u. 160;
TB IV, 102 (W).
Blecher, Hermann, Ingenieur u. Fabrikbes.
i. Fa. Rittershaus und Blecher, Ma-
schinenfabrik und EisengieBerei »Auer-
hiitte« zu Unterbarmen, verdient um
( den deutschen Dampfmasch.-Bau, 1889
bis 1890 Erster Vorsitz. d. VDI, Ehren-
mitglied des Bergischen Bez.-Vereins d.
VDI; * Barmen 8. II. 1841; j Barmen
20. XI. — VDI 63, 277 f . (P) ; Genealog.
Handb. biirgerl. Familien (Deutsches Ge-
schlechterbuch) 35. Bd. (= Bergisches
Geschlechterbuch II. Bd.) 1922, S. 22
m. P.
Bdcking, Rudolf, Geh. Kommerzienrat,
Griinder u. Chef der Huttenwerke Rudolf
Bocking & Co. in Brebaeh, AusschuC-
mitglied des Zentralverb. Deutscher In-
dustrieller; * Asbacherhiitte 18. IV. 1843;
f Brebaeh (Halbergerhiitte) 15. I. —
JSTG 1919. 152 f.; WI7 147; StE 38, 84.
Bodenhausen-Degener, Eberhard Freih. v.,
Dr. jur., Industrieller, ehem. Abteilungs-
direktor, dann Mitglied des Aufsichtsrats
der Firma Krupp, Kunsthistoriker und
Schriftsteller; * Wiesbaden 12. VI. 1868;
f Meineweh b. Weiflenfeld 7. V. — FZ
11. V. (2. M.-Bl.), 15. V. (1. M.-Bl.),
(Schwabacher) ; JSTG 20 (1919), 150 bis
152; Kchr, NF 29. 31. Sp. 336; StE 38.
505 — 507; FrhT 1918.
B6hmert, Viktor, Dr., Geh. Rat, em. Pro-
fessor a. d. Technischen Hochschule
Dresden (1895 — 19°3) u- O875 — 1885)
Direktor des Sachsischen Statistischen
Landesamtes, Sozialpolitiker ; • Quesitz
23. VIII. 1829; f Dresden 12. II. — W.:
Beitrage zur Geschichte des Zunf twesens
( 1 86 1 ) ; Handelshochschulen (* 1897);
Deutschland am Scheidewege seiner
Wirtschaftspolitik (2 Bde., 1901/02);
Ruckblicke und Ausblicke eines Sieb-
zigers (1899); Lebenserinnerungen eines
Achtzigers (1909). — Herausgeber des
»Arbeiterfreund« (1873 — J9X4) u- ^es
»Volkswohl« (1877 — 1914). — FZ 13. II.
(A.-Bl.); PM 64, 82; IZ 3896 (P), (Doen-
ges) ; SozMH 428 ; LZ 1 77 ; Aus der dtsch.
Tagespresse 1918, 7; ZB 42 [Bausteine 50,
64 (Schurer); Zeitschr. fiir Armenwesen
19, 1 (Schlosser); Concordia 25, 57
(P. Schmidt)]; ZB 43 [Ecce MeiBen 23,
32; Volksbildung 48, 42]; Hdwtb. der
Staatswiss. * (1923), (W) ; M7 II, 602 f.;
KLi7(W).
Boeke, Hendrik Enno, Dr. phil., o. Professor
der Mineralogie a. d. Universitat Frank-
furt; * Wormerveer (Holland) 12. IX.
1881; f Frankfurt a. M. 6. XII. — W.:
Grundlagen der physikal.-chemischen
Petrographie (1915)- — FZ 10. XII.
(A.-Bl.); DGK; SozMH 48; KL 17 (W).
Boelitz, Martin, Lyriker; * Wesel 10. V.
1874; f Niirnberg 5. XII. — W.: Aus
Traum und Leben (Ged., * 1902); Frohe
Ernte (Ged., 1905) ; Ausgew. Ged. (1908) ;
London. Soziale Gedichte (8 1902); 100
Ged. (1922); Hrsg. von lyrischen Antho-
logien. — DGK; LE 21, 507; M7 II, 619;
KL 17 (W); BR6 I, 289 (W).
Borne, Georg v. d., Dr. phil., Professor, Let-
ter der Erdbebenwarte Krietern, Privat-
dozent an der Universitat und Dozent
a. d. Technischen Hochschule Breslau;
* Werneuchen (Neumark) 28. V. 1867;
f Breslau 7. XI. — PM 65, 24; Jahrb. d.
Schles. Ges. f. vaterl. Kultur 96, 13 — 15
(Milch); PF V, 1320 (W).
Boettlcher, Georg [Pseudonym: v. Verse-
witz], sachsischer Dialektdichter ; • Jena
20. V. 1849; f Leipzig 15. 1. — W.: Allo-
tria (Ged., 1893); Lyr. Tageb. d. Leutn.
v. Versewitz (3 Bde., 1901 — 1905). —
LpZ 14. I.; LZ 88; FZ 18. I. (A.-Bl.);
LE20, 688; WI7i55 (W),8 1769; KL 17
(W);BR«I, 314 (W).
Braun, Ferdinand, Dr. phil., o. Professor d .
Physik u. Direktor des physikal. Instituts
an der Universitat StraBburg, Nobel-
preistrager, Forderer der drahtlosen Tele-
graphie, Erfinder d. »Braunschen Rohret;
• Fulda 6. VI. 1850; f Neuyork 20. IV.
[als Kriegsinternierter] . — W. : Drahtlose
Telegraphic (1901). — B. fuhrte den ge-
schlossenen Schwingungskreis ein. — FZ
6. V. (A.-Bl.), 12. V. (2. M.-Bl.), 14. V.
(1. M.-BL), (Deguisne); LZ 408 u. 429;
SozMH 628 u. 1919, 48; WI7 183 (W);
ZB 42 [Hessenland 32, 98]; ZB 43
[Elektrotech. Zschr. 39, 269 (Franke) ;
Jahrb. d. drahtlos. Telegr. 13, 98 — 108
(Graf Arco); Physik. Zschr. 19, 537];
M7II, 801; PF V, 159 (W).
# Braun, Otto, Sohn von Heinrich und Lily
Braun, Leutnant; • Berlin 27. I. 1897;
gef. Marcelcave 29. IV. — W.: Aus dem
Tagebuch eines Friihvollendeten, hrsg. v.
Julie Vogelstein (1920). — LZ 408; KW,
33 II, S. 107— in (Fischer); SuddMH
Okt. 1920, S. 32—39 (Hofmiller); M7 II.
802 ; Die Unvergessenen (1928), S. 29 — 36
(Jiinger) (P).
Braunbehrens, Otto v., Dr. jur. h. c. (Ber-
lin), Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz, Unter-
staatssekretar im preuBischen Ministe-
rium des Innern a. D., Vorsitzender der
Berliner Hypotliekenbank A.-G.; • Bern-
Totenliste 19 18: Brawe — Cohen
683
burg 27. I. 1833; f Berlin 10. II. —
W. : Die neuen preuBischen Verwaltungs-
gesetze (6 Bde., 1884— 1889). — DGK;
WI7 185, 8 1769; AT 1927.
Brawe, v., s. Dincklage-Campe.
#Breuer, Hans, Dr. tncd., praktischer Arzt,
Oberarzt u. Bataillonsarzt im Sachsischen
Ersatz-Inf .-Regt. 32, Fiihrer der Wander-
vogelbewegung, Herausgeber des »Zupf-
geigenhansU (Liederbuch der deutschen
Jugendbewegung; iiber eine Million Auf-
lage!), * Grobers b. Halle 30. IV. 1883,
f Merles vor Verdun 20. IV. — Die Un-
vergessenen (1928), S. t>7 — -42 (Techow)
(p>-
Broizem, Georg Hermann v., General der
Kavallerie a. D., stellv. Komm. Gen. des
XII. A.-Korpsin Dresden; * Leipzig 5.X.
1850; f Dresden 11. III. — LpZ n. III.;
IZ 3900 (P); WI7 200, 8 1770; M7II,
907.
Bronsart ?. Schellendorf, Fritz, Schriftstel-
ler; * Hannover 12. XI. 1868; f Berlin
24. XII. — W. : Novellen aus der afrika-
nischen Tierwelt (4 Bde .,191 2 — 1 9 1 6) . - —
PM 65, 24; UAT 1924; M7II, 915.
§1 Buddecke, Hans Joachim, Hauptmann u.
Kampfflieger, Ritter des Ordens Pour le
mirite; * Berlin 20. VIII. 1890; gef. bei
Lille 10. III. — LpZ 10. III.; MMW 102,
1 1 7 — 118; Grabinschrif t im In validen-
friedhof, Berlin.
Bunz, Karl, Dr., Generalvertreter der Ham-
burg-Arnerika-Linie in Neuyork, Forde-
rer deutscher Interessen in Amerika;
* Marne (Holstein) 25. VII. 1843; t Ge-
fangnisspital Atlanta (als Zivilgefange-
ner) 15. IX.— DGK; E ii43f.;FZ i.X.
(2.M.-B1.).
Bnrckhard, Hugo Ritter v., Dr. jur., Geh.
Rat, o. Professor des romischen u. deut-
schen biirgerlichen Rechts; * Weida
30. X. 1838; | Wurzburg 29. I. — W.:
Stellung der Schenkung im Rechtssystem
(1891).— LpZ 31. I., LZ 133; WI7 224,
(W)8i77o; vSozMH265;FZ3i.I.(A.-Bl.);
KLi7(W).
BOrstenbinder, Elise [Pseudonym : E. Wer-
ner], Schrif tstellerin ; * Berlin 25. XI.
1838 ; f Meran 9. VIII. — W. : Am Altar
(6 1891); Gliick auf! (& 1891); Gesprengte
Fesseln (4 1891); Vineta (4 1891). — LZ
842; WI7 220 (W),8 1770; KL 1922, S.7;
M7II, 1 134; KL 17 (W); BR« I. 392 f.
(W); PY I, 114; DZL 210 f.
Bussche-Streithorst, Hilmar Freiherr v. d.,
Oberhofmarschall des Konigs von Sach-
sen, Exzellenz, Major z. D.; * Hannover
<>. VIII. 1851; | Dresden 20. X. — DGK;
WI7 232, 8 1770; FT 1918.
Busse, Carl, Dr. phil., Lyriker u. Novellist,
Literarhistoriker ; * Lindens tadt-Birn-
baum (Posen) 12. XI. 1872; f Berlin
3. XII. — W.: Gedichte (1892, 7 1909);
Neue Gedichte (1895, 4 1909) '. Die Schuler
von Polajewo (Nov. 1901, 4 191 2) ; Gesch.
derdtsch. Dichtungim 19. Jahrh. (1900) ;
Gesch. der Weltlit., 2 Bde. (1909 — 1912) ;
Heilige Not (Ged., 1910, * 1911). — - FZ
13. XII. (A.-Bl.), (Benzmann); IZ 3938
(P); LZ 976; WI7 233 (W), 8 1770; LE
21, 443 u. 485. [Tagl. Rundschau 620];
ZB 42 [PreuB. Jahrb. Bd. 172, 122
(Drews)]; M7II, 114s (W) ; KL 17 (W) ;
BR • I, 396.
*Buz, Heinrich Ritter v., Geh. Kommer-
zienrat, Direktor der Maschinenfabrik
Augsburg-N urn berg; * Eichstatt 17. IX.
1833; f Augsburg 8. I. — VDI 62, 34,
S. 561 f. (P);DGK; WI8; MdT35 [Beitr.
zur Gesch. d. Technik 5, 244]; DBJ 225/
230 (Lossow).
Campe, s. Dincklage-Campe.
Cantor, Georg, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
o. Professor der Mathematik a. d. Uni-
versitat Halle, Begrunder der Mengen-
lehre; * St. Petersburg 3. III. 1845;
f Halle 6. I. — W. : Grundlagen einer all-
gemeinen Mannigfaltigkeitslehre (1883).
— LpZ 9. I-; FZ 8. I. (A.-Bl.); IZ 3891
(Gutzmer), (P) ; LZ 65; SozMH 359;
HPSt 1918; L 54. S. 10 — 13 (Wangerin),
(P)u.32(W);ZB42;M7II, 1244; KL17;
PF V, 200 ( W) ; Mitteldeutsche Lebens-
bilder III, S. 548—563 (Schoenflies) (P).
Cauer, Hugo, Professor, Bildhauer ; * Kreuz-
nach 5.x. 1864; f BadKreuznach3i. VII.
— W.: Hutten-Sickingen-Denkmal auf
der Ebernburg bei Kreuznach (mit seinen
Briidern Ludwig und Emil C.) ; Bismarck-
Denkmal (Kreuznach, Rummelsburg) . —
LpZ 2. VIII.; SozMH 921 ; DGK; IZ 3920
(Delphy); M 7 II, 13 19; MS VI, 491 TB
VI, 199 [DreOlers Kunstjahrbuch 19 10,
S. 43; Kat. des Museums in Erfurt 1909,
Nr. 190].
Chiari, Ottokar v., Dr. med., Hofrat, o. Pro-
fessor der Laryngologie u. Direktor der
Universitatsklinik fur Kehlkopf- und
Nasenkrankheiten a. d. Universitat Wien,
President der Laryngologischen Gesell-
schaft; * Prag 1. II. 1853; f Wien 12. V.
— W. : Die Krankheit des Kehlkopf s und
der Luftrohre (190s)- — FZ 16. V.
(A.-Bl.) ; LZ 429; SozMH 1 166; MMW 65.
606; ZB 42 [Archiv fur Laryngol. und
Rhinol. 31, 649; WKW 31, 577 (Hofer)];
ZB 43 [Internat. Zentralbl. fiir Laryngol.
34, 151 — 160 (Hanszel)]; PBL 322; AA.
* Cohen, Hermann, Dr. phil., Geh. Reg-Rat,
684
Totenliste 1918: Cohn — Dauthendey
ot Professor der Philosophic an der Uni-
versity t Marburg (bis 191 3), seitdem an
der Lehranstalt fur die Wissenschaft des
Judentums (Berlin), Begriinder der iMar-
bnrger Schulet, Neukantianer ; • Koswig
(Anhalt) 4. VII. 1842; f Berlin 4. IV. —
W.: Kants Theorie der Brfahrung (1871,
. 4i924); Kants Begr. der Ethik (1877);
System der Philosophic (3 Teile, 1 902 bis
1904, *— 4i923) ; Die Bedeutung desjuden-
tums fiir den religiosen Fortschritt der
Menschheit (1910). — LZ 308; WI 7 262.
8 1770; IZ 1903 (P) ; SozMH 359 u. 640 f .
(Kiihnert), LE 20, 1008; Grofle jiidische
Nationalbiographie I, 565 — 567[MKL2i ;
AUg. Zeit. d. Indent. 1918, 169 (Geiger) u.
222 (Steinthal); OuW 1912]; ZB 42 [KC-
Blatter 1085 (Kellermann) ; Ethische
Kultur 41 (Koester); Monatsh. f. Kunst-
wiss. 347 — 352 (Cassirer); Neue jiidische
Monatsh. II, 358 — 385 (Klatzkin u. a),
(W); Protestantenbl. 213 (Schlemmer)] ;
ZB 43 [Auf Vorposten 6, 36 — 44 ; Volker-
friede 80 (Koester); Monatsbl. d. Com-
menius- Ges. 27, 52 — 61 (Schlemmer);
Monatsschr. f. Gesch. u. Wiss. d. Juden-
tums 62, 1 — 4 (Lewkowitz)]; Jacob
Klatzkin, H. C. » (1921) ; Walther Kinkel,
H. C, eine Einfuhrung in sein Werk (m.
Bibl. d. W) (1924) ; Lindheimer, H. C. (in :
BernerStudien zur Philos. u. ihrer Gesch. ;
1900); Der Jude, 1918, H. 1 (Klatzkin);
Osterr.Morgenzeitung 20. VIII, 1924 (Bei-
lage), (Bernhard) ; M7 II, 1665 ; KL17 (W) ;
R. A. Fritzsche: H. Caus personl. Er-
innerung (1922); Judaica, Festschrift zu
H. Cs. 70. Geb -Tage (1922); P. Natorp:
H. C. als Mensch, Lehrer und Forscher
(1918); ders., H. Cs. philos. Leistung
(1918); L. Stein, Die Juden in der neuen
Philosophic unter bes. Ber. H. Cs. (1919);
DBJ 230/237 (Kinkel m.Wu.L).
Cohn, Georg, Dr. jur., Professor des deut-
schen Privat- u. Handelsrechts, der dtsch.
u. schweiz. Rechtsgeschichte a. d. Uni-
versitat Zurich, Mitbegr. u. (bis 1877)
Mitherausg. der Zschr. fiir vergleich.
Rechtswissenschaf t ; * Breslau 19. IX.
1845; t Zurich 17. II. — W.: Das neue
burgerliche Recht in Spriichen (4 Bde.,
1896 ff., I* 1899). — FZ 19. II. (A.-Bl.);
LZ 221 ; Grofle jiidische Nationalbiogr. I,
579; KX 17 (W); AA.
Cohn, Gustav, Dr. phil., o. Professor der
Staatswissenschaften u. Direktor des
staatswissensch. Seminars an der Univer-
sitat Gottingen; * Marienwerder 12. XII.
1840; f Gottingen 20. IX. — W.: System
der Nationalokonomie (1885 — 1898). —
DGK; WI726i; M 7 II, 1666.
Cranaeh, Wilhelm Lucas v., Professor, Maler
u. Kunstgewerbler; • Stargard i. P.
27. IX. 1861; f Berlin 31. III. — W.:
Portrats von Li Hung Chang, von Lie-
bert, von Tirpitz. — FZ 2. IV. (M.-Bl.) ;
SozMH 566; WI 7 273; Werke mod.Gold-
schmiedekunst von W. L. v. C. (eingel.
von W. v. Bode); MS VI, 58; TB VIII,
58 f. [Kunst u. Kunsthandw. VI (1903)
54; Kleines Journal (Berlin) 4. III. 1898].
•Crusius, Otto, Dr. phil.. Dr. h. c. (Dublin
u. Athen), Geh. Hofrat, o. Professor der
klassischen Philologie a. d. Universitat
Miinchen, o. Mitglied u. President der
AdW Miinchen, Mitglied des bayrischen
Obersten Schulrats, korr. Mitglied der
AdW Wien, Hrsg. des »Philologus«;
* Hannover 20. XII. 1857; f Miinchen
29. XII. — W.: Beitr. zur griech. Re-
ligionsgesch. (1886); ErwinRohde, Biogr.
(1902); Hrsg.: Die Mimen der Herondas
(4I904); Anthologia lyrica (1897 ff.). —
FZ 30. XII. (A.-Bl.); WI7276f. (W),
8 1771; JAW 40, 1 — 57 (Preisendanz) ;
Jahrbuch AdW Miinchen 191 9, 8 — 16
(Rehm) und 128 (W) ; Almanach AdW
Wien 1919, 205 ff. (W) u. 231 — 236 (Ra-
dermacher); Berichte AdW Wien, phil.-
hist. Kl. 19 19, 47 — 52 (Radermacher) ;
Korrespondenzbl. d. hoh. Schulen Wiirt-
temb. XXV (1918), 186 ff. (W. Schmid);
WN 65 — 70 (Nestle) ; — Progr. der Tho-
masschule Leipzig 1884/85 (Autobiogr.
Skizze); W. Zils, Geistiges u. kiinstl.
Miinchen in Selbstbiogr. (1913), S. 50 ff.;
Alfred Grafs Schiilerjahre (1912), S. 65 ff.
— [Pyramide (Karlsruher Tagebl.) 191 9,
Nr. 2 (Preisendanz)]; ZB 43 [Das Bayer-
land 30, 176]. KW 32 II, 53 f. (Schu-
mann); M7III, 108; KL 17 (W); DBJ
237/243 (Pfeiffer).
Dam US, Rudolf, Stadtschulrat in Danzig,
Vorsitzender des Westpreuflischen Ge-
schichtsvereins ; * Elbing 6. I. 1849;
f Danzig 25. III. — W.: Die Slawen-
chronik Arnolds von Liibeck ; Festschrift
zur ioojahrigen Gedenkfeier der Vereini-
gung Danzigs mit dem Konigreich Preu-
flen. — Mittln. des Westpreufl. Gesch. -
Vereins 17 (19 18), 34 — 41 (Giinther) ;
ZB 42.
Dauthendey, Maximilian, Dichter; * Wiirz-
burg 25. VII. 1867; f Malang Tosari
(auf Java) 4. IX. — W.: Ges. Werke
(6 Bde., 1925); Reliquien (Gedichte,
1899); Lieder der Ian gen Nachte (1908);
Asiat. Novellen (1909); Die Spielereien
einer Kaiserin (Drama, 1910); Gedan-
kengut aus meinen Wanderjahren (Erz.,
2 Bde., 1913); Des groflen Krieges Not
Totejiliste 19 18: Dehmel — Eichhorn
685
(Ged., 191 5); Geschichten aus den vier
Winden (1915)- — FZ 12., 14., 18. IX.
(Benzmann) ; HFB1, Wochenausg. (191 8),
210, 229; LpZ 12. IX.; IZ 3927 (P); LZ
1918, 761; SozMH 1918, 1032 — 1033
(Hochdorf); KW 32 I, 22—23 (Schu-
mann); H 17, 5, S. 615 (Herwig); Der
Schatzgraber 5, 8, S. 7 — 11 (Frobenius);
Roland 23, 26, S. 31 — 33 (Blei), (P); Der
kleine Bund VI, 39 (27. IX. 1925), Seite
308 f.; Alpenland. Monatsh. 1926, 5,
S. 293 f . (Papesch) ; Frankische Heimat 6
(1927), 3, S. 65—67 (Schoeller), (P); Die
literarische Welt 3 (1927), 29 (Seidel, (P) ;
ZB 42 [Geogr. Awz 1918, 317 — 322
(Ebner)] ; ZB 43 [Das Bayerland 30, 65 ;
Berichte des Akadem. Vereins Gabels-
berger 19 19, 258 (Riefl) ; PreuBische Jahr-
bucher, Nov. 1918, 263 — 270 (Drews);
Neue Rundschau 1918, 1488 (Loecke)];
Lebenslaufe aus Franken III, 53 — 68
(Gebhardt); KL 17 (W); LE 21, 100
[Heidelb. Ztg. 214; Berl. Bors.-Cour. 429;
Berl. Neuest. Nachr. 466; Neues Wiener
Journal 8931], 23, 579 — 585 (W. Fischer:
Der letzte GruB an die Heimat) ; M 7 III,
325 ; KL 1 7 (W) ; BR • I, 464; KZ, Woch.-
Ausg. 1927, Nr. 32 (Elster); Deutscher
Journalistenspiegel 3, 21, S. 648 f. (Rost).
Dehmel, Paula, geb. Oppenheimer, Mar-
chendichterin, Gattin Richard Dehmels;
• Berlin 3 1 . X. 1862 ; f Steglitz 9. VII. —
W.: Fitzebutze (Kinderbuch); Rumpel-
pumpel (Kinderbuch). — LpZ 10. VII.;
SozMH 1228 f.; LE 20, 1393; (vgl. DBJ
5 1 3 ff . Richard D.).
Dincklage-Campe, Friedrich Freiherr v.,
[Pseud.: Hans Nagel v. Brawe], General-
leutnant z. D., Militarschrif tsteller ;
* Campe 25. VII. 1839; f Berlin 21. II.
— W.: Falsch gespielt (Novelle, 7 1896);
Deutsche Reiter in Siidwest (1908). —
LpZ 28. II. ; IZ 3899 (P) ; ZB 42 [Nieder-
sachsen 23, 191 (Schonhoff)] ; LE 20, 816;
FT 1918; KL 17 (W); BR • II, 31 f. (W).
Dobernig, Josef Wolfgang, Journalist, Vor-
standsmitglied des deutschen National-
verbandes, Mitglied des osterreichischen
Reichsrates, President der osterreich. De-
legation, Fiihrer der deutschen alpenlan-
dischen Abgeordneten, Karntner Land-
tagsabgeordneter ; * 10. IX. 1862;
tKlagenfurt23. VII.— DGK; WI7322,
8 1 771; ZB 43 [Deutschland IX, 466];
KL 17-
Dore, Adele, vereh. Milan, Schauspielerin,
Heroine am Deutschen Schauspielhaus in
Hamburg; • Wien 9. IV. 1869; f Berlin
Febr. — HambFBl, Wochenausg. 179,7;
vSozMH 314 f.
Doutrelepont, Josef, Dr. med., Geh. Med.-
Rat, em. o. Hon. -Professor der Dermato-
logie an der Universitat Bonn; * Mal-
medy 3. VI. 1834; f Bonn a. Rh. 1. V. —
W.: Beitr. zur Lehre v. d. Hautkrank-
heiten. — FZ 3. V. (2. M.-Bl.) ; MMW 322 ;
LZ 386; DGK; SozMH 1166; ZB 42
[Dermatol. Wschr. 66, 404 (Fabry) ; Der-
matol. Zschr. 25, 397] ;KL 17; PBL415 i.
(W).(P).
Dralle, Robert, Ingenieur u. Dichter, Be-
griinder zahlreicher Glasf abriken ; * Al-
feld a. Leine 10. IV. 1851; | Hameln
15. IX. — W.: Aus der Wandermappe
eines Ingenieurs; Zwischen Weser und
Leine; Die Glasf abrikation (* 1926). —
MdT 59 f.; LE 21, 316.
Drueki-Lubecki, Xaver Fiirst, Dr. jur., Mit-
glied des preuBischen Herrenhauses;
* Czerlona 16. IV. i860; f Dlonic (Kreis
Rawitsch) 16. X. — DGK; GH 1914.
Ecclus, Max, Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz,
Oberlandesgerichtsprasident von Kassel
1887 — 19°5» Prasident der Justizprii-
f ungskommission ; * Frankfurt a. O. 21.
III. 1835; f Berlin 20. IV. — W.: Be-
arbeiter der neueren Auflagen von
Forsters PreuB. Privatrecht (4 Bde.,
7 1896), 1892 — 19 14 Mitherausg. der Bei-
trage zur Erlauterung des deutschen
Rechts. — FZ 22. IV. (M.-BL); LZ 368;
DGK; SozMH 811; HPSt 1918; M 7 HI.
n63f.
Edlnger, Ludwig, Dr. med., Geh. Med .-Rat,
o. Professor der Nervenheilkunde u. Di-
rektor des Neurologischen Instituts a. d .
Universitat Frankfurt a. M.; * Worms
13. IV. 1855; f Frankfurt a. M. 25. I. —
W. : Vorlesungen uber den Bau der ner-
vosen Zentralorgane des Menschen u. der
Tiere (1 8 191 1, II 1908) ; Einf . in den Bau
u. die Verrichtungen des Nervensystems
(» 1921). — FZ 26. I. (A.-Bl.), 27. I.
(2. M.-Bl.). 29.I. (1. M.-Bl.), (Goldstein);
MMW 65, 172 u. 272 — 275 (Dreyfus), (P);
SozMH 63 1 u.i 101 (Kraft), (W) ; WI7 358,
8 1772; L 54, 62; LZ 133; ZB 42 [Archiv
fur Ohren-, Nasen- u. Kehlkopfheilkunde
7, 102 (Hirsch); AZdJudentums 173
(Goldstein) ; DMW 44, 302 (Oppenheim)] ;
ZB 43 [Zschr. f. d. ges. Neurol, u. Psych.
44,114 — 158 (Goldstein)]. M7IIIt 1199;
KL 17 (W); PBL443f- (P), (W).
Edn&rd, Herzog von Anhalt, Generalmajor
& la suite der Armee; * Dessau 18. IV.
1 861; f Berchtesgaden 13. IX. — LpZ
13. IX.; FZ 13. IX. (A.-Bl.); ERL; GH
1920; M7 III, 1204.
* # Eichhorn, Hermann v., Generalfeldmar-
schall, Exzellenz, a la suite des Leib-
686
Totenliste 1918: Eisner — Fischer[-Gurig]
Gren.-Regts. Nr. 8, 19 12 — 191 4 General-
inspekteur der 8. Armeeinspektion, 191 5
bis 5. Marz 191 8 Oberbefehlshaber der
10. Armee, seit 10. Juli 1916 zugleich
Fiihrer einer Heeresgruppe ; * Breslau
13. II. 1848; t Kiew 30. VII. (ermordet).
— FZ 31. VII. (A.-BL), 5. u. 6. VIII.
(M.-Bl.); ERL; MWB1 103, 16—20; IZ
3919 (P), (v. Schreibershofen) ; WI7 366,
8 1772; Grabinschrift, Invalidenfriedhof
(Berlin); M7III, 1259; Die Unvergesse-
nen (1928), S. 54 — 61 (Limpach) [Zeitung
der 10. Armee, Nr. 492 (Bley); Hell, Das
2. Garde-Regiment z. F.. Nr. 2 (1925);
Jahrb. des Hist or. Ver. Alt-Wertheim
1 9 18 (Sittmann)]; DBJ 244/250 (Strutz).
Eisner, Heinrich, Kommerzienrat, Senior-
chef der Firma Albert Hahn, Rohrenwalz-
werk, Vors. d. Aufsichtsrats der Firma
Hahnsche Werke A.-G. — * Berlin 30. IX.
1850; j Berlin 12. VIII. — StE 38. 1052
(P).
Elsenhans, Theodor, Dr. phil., Geh. Hofrat,
o. Professor der Philosophic a. d. Tech-
nischen Hochschule in Dresden, 19 16/17
Rektor der Hochschule ; * Stuttgart 7. III.
1862 ; f Dresden 23. 1. — W. : Psychologie
u. Logik (6 1914); Fries u. Kant (2 Bde.,
1906) ; Lehrbuch der Psychologie (* 1920) ;
Charakterbildung (8 1920). — LpZ 24. I.;
LZ 108; WN 6 — 14 (Paul Elsenhans);
WI»375;KL 17 (W).
Ende, s. Am Ende.
Engelhardt, Hermann, Dr. phil., Hofrat,
Professor, em. Oberlehrer der Dreikonigs-
schule in Dresden, Phytopalaontolog;
• Oberlehndorf b. Zwickau 10. III. 1839;
t Dresden 24. I. — W.: Zahlreiche Ar-
beiten iiber die Tertiarflora. — L 5 5, S. 64
bis 68, 70 — 72 u. 77 — 80 (Deichmuller),
(W); WI738o (W), 8 1772.
#Engelke, Gerrit, Dichter; * Hannover
31. X. 1882; gef. bei Cambrai 13. X. —
W.: Brief e der Liebe (1926); Rhythmus
des neuen Europa (1921); Gesang der
Welt (Gedichte, Tagebuchblatter) (1927).
— cf. LZ 1926, 143; Deutsche Republik,
Jahrg. 2, 6, S. 181 — 183 (Orchilewski).
Essig, Hermann, dramatischer Dichter,
zweimaliger Trager des Kleist-Preises;
* Truchtelfingen 28. VIII. 1878; f Berlin
20. VI. — W. : Der Held vom Wald (Sen.,
191 2); Die Weiber von Weinsberg (Lust-
spiel, 1909) u. a. [13 Dramen u. 4 nachgel.
Werke]. — FZ 22. VI. (A.-Bl.); LE 20,
1300, 1328 u. 1431 [BT 312; BBZ 289];
LZ 529; WN 42—47 (Kraufl) (W); BRf
11, 165 ; Von schwab. Scholle 191 9, 80 bis
82 (Selbstbiogr.) ; Schaubiihne 6, 37
(Blei); Heilbronner Unterhaltungsblatt
1914, 1 (Maurer) ; Masken 12, 13 (Franck) ;
MAZ 1 91 8, 48 (Franck) ; Schwabenspiegel
1918, 42 (Franck); Lese 1917, 52 (Behne),
(P); SMH 1918, 1/2 (Behne) (P); SozMH
694 f . (Nadel) u. 744 f. (Anna Essig) ; ZB
42 [Das dtsch. Drama 1, 148 (Franck);
Die liter. Gesellsch. 4, 40 — 45 u. 90 — 93
(Graetzer)]; ZB 43 [Allgem. Ztg. 1918,
541 (Franck) ; Nord u. Slid, August 19 18,
175 — 185 (Graetzer); Die Tat X, 341 bis
349 (Behne)]; M 7 IV, 250 f.; KL 17 (W) ;
BR6 II, 165.
FaUot[-Landsman], Eugen, [Pseudonym:
Landsman], elsassischer Dialektdichter ;
♦ Mulhausen i. E. 27. VIII. 1837; f Mul-
hausen i. E. 8. X. — W.: Gesange der
Abendstunde (1898) ; Ungemalte Gemald-
chen (1906). — FZ 10. X. (2. M.-BL);
DGK; WI74os; BR • II, 185 (W)-
Fastlinger, Max, Dr. phil., Kanonikus am
Hofstift St. Cajetan, erzbischoflicher
Bibliothekar u. Archivar in Miinchen.
bayrischer Historiker und Folklorist;
* Miinchen 25. IX. 1866; f Miinchen
29. IV. — W. : Karolingische Pfalzen in
Altbayern (1904). — FZ 16. V. (A.-BL);
WI74o6, 8 1772; ZB 43 [Das Bayerland
29, 353 (Riezler)]; KL 17 (W); AA.
Feddersen, Wilhelm, Dr. phil., Geh. Hofrat,
Professor, Mitglied d. Sachs. Gesellschaft
d. Wissenschaften in Leipzig, Ehrenmitgl.
der med.-phys. Soc. in Erlangen, Privat-
gelehrter, Elektrizitatsforscher, stiftete
1 00 000 Mk. zur Hrsg. von Poggendorrls
Lexikon ; *Schlesw. 26. III. 1832 ; f Leipzig
2. VII. — W.: Hrsg. von Bd. Ill von
Poggendorffs Lexikon zur Gesch. der
exakt.Naturwiss. — FZ4. VII. (A.-BL);
LZ573; SozMH 1025; WI 7 408, 8 1772;
ZB 43 [Jahrb. der drahtlosen Telegr. 13,
345 (Eichhorn); Physikal. Zschr. 19, 393
(Des Coudres)] ; PF V, 358; Ber. Verh.
GdW Leipzig, Math.-phy. Kl. 19 18, 355
bis 361 (v. Oettingen); DZL 349; BZ44
[Weltall 19, 44 (Archenhold)].
Fischer, Franz v., kgl. bayr. Generalmusik-
direktor u. Hofkapellmeister (1879 bis
1 91 2) i. R., 1882 — 1899 wiederholt Diri-
gent des Parsifal in Bayreuth; • Miin-
chen 29. VII. 1849; J Miinchen 8. VI. —
FZ 9. VI. (2. M.-BL); AMZ 45, 303; ZB
43 [NMZ 39, 278 — 280 (Krienitz) (P)];
JP 82 [Signale 444; Klavierl. 105; NZfM
152; DMZ 183; DTonkZtg 70]; WI 7 424;
M7IV, 77^.
Fischer[-Gurig], Adolf, Maler; * Obergurig
b. Bautzen 2. VI. i860; f Dresden 23. V.
— W. : Kurbrandenburgische Schiffs-
werft in Emden (Galleria narionale in
Rom); Blick auf Emden (Dresden, Ge-
Totenliste 1918: Fischhof — Galen
687
maldegalerie) . — SozMH 920; DGK;
Kchr, NF 29, 33, S. 356; WI7428, MS
XII, 14 (W), [DreBlers Kunstjahrb. VII
(1913), 622; Kchr, NF I, 25; Die Kunst
XI, 30; XVII, 549].
Fischhof, Robert, Pianist u. Tonsetzer, Pro-
fessor am Konservatorium der Musik;
* Wien 31. XII. 1856; f Wien 2. IV. —
W. : Der Bergkonig (Oper, 1906) . — AMZ
45, 202; JP 82 [NZfM 91; Klavierl. 75];
ZB 43 [Friede I, 444 (Charmatz)] ; A 143 ;
FAT 105; R 364.
* Fitting, Hermann, Dr. jut. et phil., Geh.
Justizrat, o. Professor des romischen
Rechts und des Zivilprozesses an der Uni-
versitat Halle; * Mauchenheim (Rhein-
pfalz) 27. VIII. 1831;! Halle a. S. 3. XII.
— W.: Der ReichszivilprozeB (18i907);
Das Reichskonkursrecht (8 1904). — FZ
6. XII. (i.M.-Bl.); IZ 3938 (P); SozMH
1 226 ; LZ 976; WI 7 429 (W) ; M 7 IV, 793 ;
KL 17 (W); AA; DBJ 1922 (Nachtr.).
Flex, Rudolf, Dr. phil., Professor, Gymna-
sialoberlehrer u. Schriftsteller, Vater des
Dichters Walter Flex; • Jena 12. XI.
1855; f Eisenach 22. VII. — W.: Ele-
mente der lateinischen Fonnenlehre
('1903); Heimat und Vaterland (Ged.,
1910). — LZ 62:;; LE 20, 1452 f.; KL 17
(W); DBJ 63fiM64).
Flodatto, s. Ott, Adolf.
Foeke, Rudolf, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
Direktor der Kaiser-Wilhelm-Bibliothek
und Professor an der Kgl. Bibliothek in
Posen; * Itzehoe 5. IV. 1852; f Posen
27. I. — FZ 6. II. (A.-Bl.); LpZ 30. I.;
HPSt 1918; LE 20, 688; LZ 133; WI 7
437 (W). 8 1773; JB 1920, 178; KL 17
(W).
Frank [richtig: FrankI], Katharina [Kathi],
Tragodin (Burgtheater Wien, Frank-
furt a. M. ; Gastspiele) ; * Bosing b. PreB-
burg 1 1 . X. 1852 ; f Wien 1 . I. — Haupt-
rollen: Iphigenie, Sappho, Lady Macbeth.
— LpZ 3. I. 1918; SozMH 1918, 173;
EG 278; AA.
Franke, Johannes, Dr. med., Geh. Reg.-Rat,
Professor, Direktor der Universitats-
bibliothek Berlin; * Berlin 20. XII. 1848;
t Berlin 25. III. — LZ 308; LE 20, 1008;
WI7448 (W); JB 1920, 178; KL 17 (W).
Freymond, Emil, Dr. phil., o. Professor der
roman. Philologie an der deutschen Uni-
versitat in Prag; * Breslau 9. VII. 1855;
t Prag 7. V. — LE 20, 1136; LZ 429;
WI7 460 (W); ZB 43 [Archiv f. d. Stud.
d. neuer. Spr. u. Lit. 137, 218 (Jaberg)];
KL 17 (W).
Frledel, Ernst, Geh. Reg.-Rat, Stadtaltester
von Berlin a. D., markischer Geschichts-
und Heimatforscher, Griinder des Mar-
kischen Museums, der »Brandenburgia«
und des Vereins fiir die Geschichte Ber-
lins; * Berlin 23. VI. 1837; f Berlin
10. III. — W: Herausg. der Landeskunde
der Provinz Brandenburg (19 16). — PM
64,82^265; WI7 461 f;ZB 42 [Mark,
ill. Zschr. f. Touristik 14, 19; Alt-Berlin
35, 21; Mbl. der Ges. f. pomm. Gesch.
32; Zschr. d. Ver. f. Volkskunde 27, 196];
ZB 43 [Brandenburgia 26, 49 — 62; Nie-
derlausitzer Mittlg. 14, I]; KL 17 (W);
Festschrift zur Feier des 70, Geb.-Tages
von E. F. (1907).
Friedrich II., Herzog von Anhalt, Kunst-
freund u. Komponist; * Dessau 19. VIII.
1856; t Ballenstedt 21. IV. — FZ 22. IV.
(M.-Bl.); HPSt 1918; JP 82 [NMZ 39,
233; DMZ 134]; GH 1914; M7 IV, 1195.
Friese, Richard, Professor, Tier- und Jagd-
maler, Mitglied der Akademie der Kunste
in Berlin; * Gumbinnen 15. XII. 1854;
I Zwischenahn (Oldenburg) 13. VIII. —
W.: Lowenpaar, eine Karawane beschlei-
chend (1884, Dresden) ; Auf der Walstatt
(1890, Berlin); Im Bredszeller Moor
(1895, Konigsberg); Kampfende Elche
(Berlin, Nationalgal.). — DGK; SozMH
920; IZ 3916 (Dobsky) (P) ; WI 7 467
(W); M7IV, 1219 (W); MS I, 482 (W),
VI, 102; TB XII, 485 [Das geistige
Deutschland, 1898 (Selbstbiogr.) ; The
Art Journal 1886, 161 ff.].
Funck, Carl Ludwig, Dr. jur. h. c, Kaufm.,
1. Vorsitzender des Zentralausschusses
der Fortschrittlichen Volkspartei, M. d.
PreuB. Abg.-Hauses; * Frankfurt a. M.
11. VII. 1852; f Frankfurt a. M. 2 5. VIII.
— FZ 26. VIII. (M.-Bl.), 27. VIII. (2. M.-
Bl. u. A.-Bl.), 28. VIII. (2. M.-Bl.) ; DGK;
WI 7 48 1 .
Gaffky, Georg, Dr. med., Geh. Obermedizi-
nalrat, Professor, Direktor des Instituts
fiir Infektionskrankheiten (1904 — 191 3)
a. D., Generalarzt d. Res. a. D., o. Hono-
rarprof. a. d. Universitat Berlin, Fiihrer
der deutschen Reichspestkommission in
Indien 1897, Entdecker des Typhus-
bazillus; * Hannover 17. II. 1850; f Han-
nover 23 . IX. — LpZ 26. IX. ; FZ 27. IX.
(A.-Bl.); MMW 6s, 1118 u. 1191; L 54,
83; LZ 801; SozMH 361 (Wolff); ZB 43
[KorrespBl d. arztl. Ver. d. GroBh. Hes-
sen 68; BKW 55, 1062 (Neufeld) ; DMW
65, 1 191 (Kossel); Zschr. f. arztl. Fort-
bildung 15,614 (Kirchner)] ; M 7 IV, 1338;
PBL 577—579 (W), (P).
Galen, Friedrich Graf v., Erbkammerer im
Fiirstentuin Munster, Mitglied des Reichs-
tags (Zentr.) und des preuB. Herren-
688
Totenliste 19 18: Gamp — Hahn
hauses, Besitzer des Graflich v. Galen -
schen Familienf ideikommisses ; * Minister
i. W. 20. V. 1865; f Burg Dinklage (Ol-
denburg) 10. XI. — FZ 14. XI. (A.-BL);
WI74868 1773; GT 1920.
Gamp, Karl Freiherr v., Wirkl. Geh. Ober-
reg.-Rat, ehem. Vortrag. Rat ira preufi.
Handelsministerium, FideikoiumiB be-
sitzer, Schriftsteller, Mitgl. d. R. u. des
preufi. Abg. -Hauses., Fiihrer der Reichs-
partei; * Massaunen 24. XI. 1846; f Ber-
lin 13. XI. — W.: Die wirtschaftlich-
sozialen Aufgaben unserer Zeit (1880);
Der landwirtschaftliche Kredit und seine
Befriedigung (1883). — DGK; WI7488.
8 1773; IZ 3935 (P); v. Arnim- v. Below,
Deutscher Aufstieg, S. 329 — 332 (O.
Arendt); RH 1912, 249! (P); FT 1927;
M7IV, 1401; KL 17 (W).
Gast, Peter, s. Koeselitz, Heinrich.
Gaupp, Gustav, Professor, Genre- u. Bild-
nismaler; * Markgroningen 19. IX. 1844;
f Oberturkheim 24. III. — W.: Brand-
schatzung eines Klosters (Museum Strafi-
burg); Bildnis des Malers v. Riedmiiller
(1877). — WI 7 495 (W) ; WN 188 ; MS II,
17; TB XIII, 281 (W); [Kchr XI, 703].
Gautseh, Paul, Freiherr v. Frankenthurn,
Dr. jur., k. u. k. Geh. Rat, Exzellenz,
osterreich. Ministerprasident a. D. (1897
bis 1898 u. 1904 — 1906), Ehrenmitgl. der
AdW Wien; ♦ Dobling bei Wien 26. II.
185 1 ; f Wien 20. IV. — FZ 22. IV. (M.-
Bl.); DGK; WI74o6, 8 1774; Almanach
AdW Wien 1918, 241 — 243; FT 1919;
M7IV, 1497.
Gebhardt, Friedrich, Oberbaurat, o. Prof,
der Baukonstruktionslehre a. d. Techn.
Hochschule Stuttgart; * Ellwangen
21. XI. 1852; f Stuttgart 22. V. — LZ
472; WN },7 — 39 (Fiechter): Schw M
26. V.
Geistbeck, Michael, Dr. phil., Oberstudien-
rat, Seminardirektor i. R., Schulgeo-
graph; * Friedberg bei Augsburg 1. III.
1846; t Freising 30. III. — W.: Leit-
faden der mathem.-physikal. Geographic
(«° 1920) . — LZ 328 ; PM 64, 82 ; WI 7 503 ;
M7.IV, 1603; KL 17 (W); AA.
Georgi, Otto Robert, Dr. jur., Dr. med. h.c,
Geh. Rat, Oberbiirgermeister von Leip-
zig a. D., Ehrenbiirger von Leipzig,
Mylau und Johanngeorgenstadt; * Mylau
i. V. 22. XI. 183 1 ; f Leipzig 1. IV. —
FZ 2. IV. (A.-BL); DGK; WI75o7f.;
8 1774; ZB 42 [Siidseebote 2, 78].
Gerhard, Gustav Adolf, Dr. phil., a.o. Prof,
des Griechischen a. d. Univ. Czernowitz;
• Konstanz 14. IV. 1878; f Wien 24. X —
JAW 41, 45— 54 (F.Gerhard) (W).
Gerlach, Leo, Dr. med., o. Prof, der Ana-
tomie u. Direktor des Anatom. Institute
d. Univ. Erlangen; * Mainz 23. I. 1851;
f Erlangen 20. X. — LpZ 22. X.; FZ
24. X. (A.-Bl.); MMW 65, 1256; LZ 877;
SozMH 1 1 54; PBL 595.
Gletl, Heinrich Maria. Dr. theoL, Geistlicher
Rat, o. Prof, des Kirchenrechts a. d.
Univ. Miinchen; * Miinchen 1. IX. 185 1;
| Miinchen 6. I. — LpZ 8. u. 11. I.; FZ
9. I. (A.-BL); LZ 65; WI 7 520, 8 1774;
KL 17 (W).
Gfrardi, Alexander, Schauspieler (Gesangs-
und Sprechkomiker, bes. in Wiener
Stiicken); • Graz 5. XII. 1850; f Wien
20. IV. — FZ 22. IV. (M.-BL); KW
31. III., 86 f. (Gregori); Csterr. Rdschau
55, 130 — 132 (Antropp); Hamb. FBI,
Wochenausg. 189, S. 6f.; IZ 3906 (P);
WI7 522, 8 1774; SozMH 500 (Zepler) u.
1 105; Neue osterr. Biogr. I, 204 — 213
(Wittmann); ZB 42 [Gegenwart 118
(Kienzl) ; Schaubiihne337(Kuh) ; Zwinger,
Dresden 233 — 236 (Holzer); Donauland
I, 934]; ZB 43 [Friede I. 335 (Kuh) ;
WestermMH 125, 59 — 63 (Holzer); Vein.
u.KlasingsMH, Juli 19T8, 299 (Servaes)];
M7V, 226.
Goens, Georg, D. theoL, Geh. Konsistorial-
rat, evangel. Feldoberpfarrer des West-
heeres, Seelsorger im kaiserl. Haupt-
quartier; * Goldenstedt (Oldenburg)
15. IV. 1859; t Berlin 26. VII. — W: Gott
mJtuns!(Feldpredigten, 191 5). — E883f.;
ELK 51, 702; KJ 1919, 566.
Graefe, Friedrich, Dr. phil., em. o. Prof,
der Mathematik a. d. Techn. Hochschule
Darmstadt; * Wiesbaden 10. XII. 1855;
t Darmstadt 2. XII. — WI7 581. 8 1774;
KL 17 (W); PF V, 442; AA.
Grohmann, Wilhelm, Kupferstecher und
Bibliothekar der Akademie der Kiinste
und der Hochschule f iir bildende Kiinste ;
* Berlin 20. V. 1835; t Berlin 19. V. —
Kchr, NF 29, 33. Sp. 356; DGK; SozMH
920; WI 7 565.
Haas, Wilhelm, Dr. phil., Hofrat, Direktor
der Wiener Universitatsbibliothek i. R.;
* Neutitschein 25. V. 1842; f Wien 24. I.
— LpZ t. II.; LZ 133; ZB 42 [Mbl. des
Ver. fur Landeskunde in Niederosterr.
17, 45 (Schnerich)] ; A A.
* Hahn, Diederich, Dr. phil., Direktor des
Bundes der Landwirte, Mitgl. des preufi.
A.-H., 1893 — 1903 und 1907 — i9i2MdR.
(bis 1908 Nationallib., seith. konservativ,
Agrarier) ; * Ostedeich bei Osten (Han-
nover) 12. X. 1859; f Hamburg 24. II. —
FZ 25. II. (A.-BL), 26. II. (A.-BL); IZ
3899 (P)I HPSt 1918; WI76o4, 8 1775;
Totenliste 1918: Hand — Hering
689
M 7 V, 923; v. Arnim -v. Below, Deut-
sche! Aufstieg, S. 357 — 360 (v. Volk-
mann) (P). DBJ 250/253 (Boetticher) .
Hanel, Albert, Dr. jur., Dr. phil. h. c, Geh.
Justizrat, em. o. Prof, des deutschen
Staats- und des Volkerrechts a. d. Univ.
Kiel, Ehrenbiirger von Kiel, 1867 — 1893
und 1898 — i903M.d.R. (Freis. Vereinig.),
1867— 1882 Mitgl. des preufi. A.-H.,
Stifter des »Hanel-Hauses« (Jurist. Se-
minar) der Univ. Kiel, 1866 Mitbegriin-
der liberalen Partei in Schleswig-Hol-
stein; * Leipzig 10. VI. 1833; f Kiel 12. V.
— W: Studien zum deutschen Staatsrecht
(i873 — 1888).— FZ 13., 14., 16. u. 17. V.;
LE 20, 1136; LZ 429; WI7 598, 8 1775;
SozMH 1225; IZ 3909 (P); M7V, 1072
(W); KL 17. — A. H., 3 ak. Reden zum
Ged. (von O. Baumgarten, M. Liepmann,
W. Jellinek 1919)-
Hartmann, Martin, Dr. phil., Prof, des
Arabischen am Orientalischen Seminar
in Berlin ; * Breslau 9. XII. 1851;! Berlin
5. XII. — \V.: Arabischer Sprachfiihrer
(1880); Der Islam. Orient (3 Bde.. 1899
bis 1909); Reisebriefe aus Syrien (191 3).
— FZ 13. XII. (A.-Bl.) ; LZ 996; WI 7 625
(W); KL 17 (W); AA.
* Hauck, Albert, D. theol., Dr. phil et jur.,
Geh. Rat, o. Prof, der Theologie a. d.
Univ. Leipzig, Mitglied der GdW Leipzig,
korresp. Mitglied der AdW Berlin, Miin-
chen, GdW Gottingen. — Wassertrii-
dingen 9. XII. 1845 > t Leipzig 7. IV. — W.:
Kirchengeschichte Deutschlands (5 Bde.,
I., II., IV. 4 1912— 1914, I. • 1922, III. 6
1920) ; Herausg. der Realenzyklopadie fur
protestant. Theol. u . Kirche (24 Bde,8 1 896
bis 1913). — FZ 9. IV. (2. M.-Bl.) und
12. IV. (1. M.-Bl.) (Kriiger); HPSt 1918;
LZ 328; WI7632, 8 I775; ELK 51, 317
bis 319, 492 — 495 (Ihmels), 514 — 520
(Bonwetsch), 668—673 (Caspari); LE 20,
1008; Geschichtsbiichlein 1925, S. 65 — 74
(Kirn); IZ 3005 (Bohmer) (P) ; Berichte
Verh. d. GdW Leipzig, Phil.-hist. Kl.
1918, S. 17—30 (Seeliger) (W); Jahrb.
AdW Miinchen 1919, 90 — 98 (v. Grauert) ;
Beitr. zur sachs. Kirchengesch. ^^
(Boehmer) ; ZB 42 [Neues sachs. Kirchen-
blatt 201 (Bohmer u. a.) ; Sachs. Kirchen-
u.Schulblatt32 2];KL 17 (W) ; KJ 1918,
61 5 ; G.Seeliger: A. H. (1918) ; Geschichtl.
Studien, A . H . zum 7o.Geburtstage(i 9 1 6) ;
DBJ 253/258 (Mirbt).
HaeuBermann, Karl, Dr. phil. (1896 — 1906)
Prof, der Chemie a. d. Techn. Hochschule
Stuttgart, Sprengstofforscher, Entdecker
des Trinitrotoluols und des Hexanitro-
diphenylamins; * Stuttgart 24. VII. 1853;
DBJ 44
f Ludwigsburg 9. VII. — WN 47 — 51
(Belschner) [Ludwigsburger Ztg. 210
(Belschner) ; Zeitschr. f . angew. Chemie
31, 413—415 (v. Hell); ChemZtg 42, 397
(Schweitzer) (P) ; Zeitschr. f . d.ges.Schiefl-
u. Sprengstoffwesen 18 (P)]; ZB 43; PF
V, 481 f. (W).
Helntze-WeiBenrode, Heinrich Freiherr v.,
kaiserl. Oberjagermeister void Dienste
m. d. R. der Wirkl. Geh. Rate, Chef des
Hof jagdamtes, Mitglied des preuB. H.-H..
Ritter des Schw.-A.-O.; * Schleswig
27. IX. 1834; t Berlin 5. X. — IZ 3292
(P); DGK; \VI7655; FT 1919.
Henneberg, Gustav, Industrieller u. Chef
des Seidenhauses Henneberg in Zurich,
Schopf er der Galerie Henneberg in Zurich ;
* Gorlitz 19. XI. 1847; f Zurich 16. XII.
— Histor.-biogr. Lexikon d . Schweiz, Heft
31, S. 184 [NZZNr. i679;ZWChrp.403].
Hentsch, Richard, Kgl. sachs. Oberst und
Chef des Generalstabs der Militarverwal-
tung in Rumanien, in der Marneschlacht
1 91 4 Abteilungschef des GroCen General-
stabs, Ritter des Ordens Pour le me'rite;
* Koln 18. II. 1869; f Bukarest 13. II.—
H. leitete 19 14 als Bevollmachtigter
Moltkes die Marneschlacht. — LpZ
15. II.; IZ3899(P);ERL; MWB1 102, 98
(Nachruf Hindenburgs) , 99 (Nachruf des
sachs. Kriegsministers v. Wilsdorf), 100
(Nachruf Mackensens) ; M 7 V, 1402 f. —
W. Miiller-Loebnitz : Die Sendung des
Oberstleutnants H. (1922).
* Hering, Ewald. Dr. phil et med., Geh. Rat.
em. o. Professor der Physiologie a. d.
Univ. Leipzig, Ehrenmitglied der math.-
phys. Kl. der AdW Wien, M. der GdW
Leipzig, Ritter des Ordens Pour le mirite,
Ehrendoktor Gottingen u. Prag, korresp.
Mitgl. der GdW Gottingen; * Alt-Gers-
dorf 5. VIII. 1834; f Leipzig 26. 1. — W. :
Grundziige der Lehre vom Lichtsinn
(1920); Fiinf Reden E. Herings (1922). —
LpZ28. 1.; FZ 28. 1. (A.-BL); LZ 108; IZ
3893 (P); HPSt 1918; MMW 200 u. 539
bis 542 (Hofmann) (P), (W) ; WI7672,
8 1776; SozMH 559 f.; N 6, 305—308
(HeB); L 54. 57; Berichte Verh. GdW
Leipzig, math.-phys. Kl. 191 8, 381 — 402
(Garten); Jahrb. d. Schles. Ges. 96
(191 8), 21 f. (Hurthle); Almanach AdW
Wien 19 18, 255 — 259 (Exner); ZB 42
[Zbl f. prakt. Augenheilkunde 42, 61;
DMW 44, 215; Zeitschr. fur arztl. Fort-
bildungi5, 165 (Briicke)]; ZB 43 [Archiv
fur Augenheilkunde 83, 89 — 97 (Hefi) ;
Pfliigers Archiv fur die ges. Physiolog.
172, 501 — 522 (Garten); Klin. Mbl. fur
Augenheilkunde 60, 818 — 825 (Biel-
090
Totenliste 19 18: Hesekiel — Hodler
schowsky); Fortschr. d. Psychol. V, 143
172 (Henning)]; M7V, 1430; PBL 723 f.
(W), (P); PF V, 524 (W); F. Hillebrand:
E. H., ein Gedenkwort (1918); DBJ 258/
263 (Briicke m. W).
Hesekiel, Johannes, D. theol., Wirkl. Geh.
Oberkonsistorialrat, Generalsuperinten-
dent a. D. von Posen, Mitglied des preufi.
H.-H.; * Altenburg 31. V. 1835 I t Werni-
gerode 2 1 . VII. — FZ 23. VII. (2. M.-Bl.) ;
DGK; ELK 50, 702; ZB 43 [Bausteine
50, 112 (Hickmann); Evangel. Kirchen-
ztg. 299 (Klar); KJ 1919, 567.
HeB, Wilhelni, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
o. Prof, der Botanik u. der Zoologie a. d.
Techn. Hochschule Hannover; * Verden
3, XI. 1841; | Hannover 6. VI. — W.:
Schadliche und niitzliche Insekten (3 Bde.,
1872 — 1882); Tierwelt Deutschlands
(2 Bde., 1888— 1890). — FZ 12. VI.
(A.-Bl.); LZ 509; L 54. 61; \VI7683;
KL 17 (W).
Hesse- Wartegg, Ernst v., Geh. Hofrat,
Generalkonsul a. D., Weltreisender und
Reiseschriftsteller; * Wien 21. V. 1854;
t Tribschen bei Luzern 18. V. — W.:
Zwischen Anden und Amazonen (19 14);
Nordamerika (* 1896); 1001 Tage im
Okzident (*i896); China und Japan
(a 1900). — LZ 453; DGK; vSozMH 1097;
PM 64, 130; LE 20, 1198; WI758«J,
8 1776; M7 V, 1502; KL 17 (W).
Hessing, Friedrich v., Geh. Hofrat, Besitzer
der orthopadischen Heilanstalt bei Gog-
gingen, Erfinder des Schienenhulsen-
apparates, Orthopade; * Schonbronn bei
Rothenburg 19. VI. 1838; f Rothenburg
o. T. 16. III. — LpZ 18. III.; FZ 17. III.
(1. M.-BL), 26. III. (1. M.-Bl.) (HaBlauer),
28. III. (1. M.-BL); MMW 338 u. 461 f.
(Stein) ; LZ 265 u. 289; IZ 3900 (P) ; SozMH
1 166; L 54, 62 f.; ZB 42 [WKW 31, 428
(Lorenz)]; ZB 43 [Chir.-techn. Cbl. fur
Chir.-Mechaniker 39, 127; Zeitschr. fur
Kinderforschung 23, 311 — 315 (Kirmsa);
Zeitschr. fur Kruppelfiirsorge n, 184
bis 189 (Wurtz); Dtsch. Biihnenjahrbuch
1918 (29) (P)]; M7 V, 1502; AA.— [H.
ist das Urbild von Wilbrandts »Rothen-
burgerf).
Hildebrand, Richard, Dr. phil., Hofrat, em.
o. Prof, der Nationalokonomie u. Finanz-
wissenschaft a. d. Univ. Graz; • Breslau
17. V. 1840; f Graz 9. V. — LZ472; AA.
Hildebrandt, Adolf Matthias, Professor,
Heraldiker; * Mieste (Altmark) 16. VI.
1844; f Berlin 30. III. — W.: Wappen-
fibel (** 1923) ; Heraldische Biicherzeichen
(3 SammL, 1893 — 1898). — LZ 308;
SozMH 449 u. 1097; ZB 42 [Der Deutsche
Herold 49, 97; Roland 19, 153 (Roick)] ;
ZB 43 [Roland 19, 53—56 (Treier)]; M 7
V, 1549; KL 17 (W).
Hlller, Fritz v., char. General d. Inf. z. D..
1899 — 1902 Kommandeur der 27. Inf.-
Div. in Ulm; * Welzheim 10. XI. 1844:
f Stuttgart 23. II. — W.: Geschichte des
Feldzuges 18 14 gegen Frankreich mit
bes. Beriicksichtigung des Anteils der
kgl. wurttemb. Truppen. — WN 25 — 27
(v. Muff); SchwM Nr. 95.
Hirsch, Wilhelm, Syndikus der Handels-
kamnier Essen, M. d. R. und des preuB.
A.-H. (Nat.-lib.) ; • Goslar a. H. 22. VIII.
1861; f Essen 1. X. — FZ 2. X. (1. M.-
BL) ; DGK; WI 7 703 *• ; StE 38, 952 (P) ;
RH 1612 (Nachtrag, S. 16) (P) ; AA.
Hltzig, Hermann, Dr. phil., o. Professor der
klassischen Philologie an der Universitat
Zurich; * Zurich 9. V. 1843; t Zurich
27. VIII. — LpZ 2. IX. ; JAW 42, 1 1—2 s
(Waser) (W), [Ziircher Post, 30. VIII.
(Vetter) ; NZZ 28. u. 30. VIII., 2. u. 3. IX .
(Blumner); Bund 30. VIII. (Tobler) ;
Jahrb. der Univ. Zurich 1918/19, 55 — 58
(Schwyzer) (P); Die Schweiz, Jahrg. 22,
525 f.; Ziircher W.-Chronik 1918, 275];
Hist.-biogr. Lex. der Schweiz, Teil ^2,
S.25I(P).
Hoehenburger, Victor Ritter v., k. k. Justiz-
minister a. D.; * Graz 23. VI. 1857;
t Graz 9. VIII. — FZ n. VIII. (2. M.-
BL) ; ZB 43 [Allgem. osterr. Gerichtsztg.
1918, 247]; AA.
Hodler, Ferdinand, Dr. phil. h. c, Kunst-
maler; * Bern 14. III. 1853 ; t Genf 19. V.
— W.: Die Schlacht bei Nafels (1897,
Basel); Der Riickzug der Schweizer bei
Marignano (1900, Zurich); Auszug der
Studenten 181 3 (Jena, Universitat). —
FZ 21. V. (M.-BL), 26. V. (1. M.-BL),
(v. Bendemann); LZ 454; IZ 3909 (P);
SozMH 763 — 770 (Stern, Lewinsohn);
WI77io, 8 1776; Hist.-biogr. Lex. der
Schweiz, H. 32, S. 255 (W), (P), (Loosli);
Kchr, NF 29, 34, Sp. 361 — 363; H. 15,
521—525 (K. WeiB); KW 31 III, 129 bis
132 (Avenarius); ZB 42 [Chronik des
Wiener Goethe- Vereins X, 175 (Friede-
berger); Die Hilfe 279 (Baumer); Deut-
scher Wille 31, 129 — 132; Die Kunst fur
Alle ^^, H. 19/20 [Beilage]; Der Tiirmer,
265 — 269 (Storck); Schaubiihne 541
(Hausenstein)] ; ZB 43 [Friede I, 503
(Osterreicher) ; Dtsch. Kunst u. Deko-
ration42, 175 — 182 (Hausenstein) ; Kunst
u. Kunstler 16, 403 (Scheffler), 465 — 474
(Bulle); Christl. Kbl. f. Kirche, Schule
u. Haus 60, 174; O mein Heimatland,
Kal. f. d. Schweizervolk 19 19, 44 — 53
Totenliste 1918: Hoebel — Jiricek
69I
(Steinberg); Die Rheinlande 1918, 160
(Poeschel); Christl. Kunst 191 8, 264 bis
271 (Doering); Das Kunstbl. 1918, 206
(Muhlestein) ; M 7 V, 1641; MS V, 140,
VI, 139; TB XVII, 176—179 [mit aus-
fiihrl. Lit.-Verz.]; F. Widmann, Erinne-
rungen an F. H. (1918); H. Trog, F. H.,
Erinnerungen an die H.-Ausstellg. im
Ziircher Kunsthaus 1917; Godet, F. H.
(1921); W.B[arth]:F.H. (urn 1920); E.
Bender: Die Kunst F.Hs. (1923); ders.,
DasLebenF. Hs. (1921); ders., Cezanne
und H. (6i923); A. Frey, F. H. (1922);
H. Friedrich : H., dieSchweizu. Deutsch-
land (6 1913); C. A. Loosli: F. H., 4 Bde.,
(191 9 — 1923) ; A .Meyer: F.H.(Gedachtnis-
feier, 1918); Th. Roffler: F.H. (1926);
M .Waser : Wege zu H . ( 1 926) ; J . Widmer :
Von Hs. letztem Lebensjahr (19 19).
Hoebel, Ernst Karl, Dr. phil., Oberreal-
schulprofessor und Lehrer am Konser-
vatorium, Musikschrifts teller, Kritiker
u. Komponist; * Teinlah b. Hildesheim
28. XII. 185 1 ; t Kassel 28. IV. — W.:
Die Hertnannsschlacht (patriot. Chor-
werk) . — J P 83 [DTonkZtg 46 ; AMZ 226 ;
NMZ 39, 233; NZfM 114; Klavierlehrer
87]; FAT 163; AA.
Hfifer ?on Feldsturm, Franz, k. u. k. Feld-
marschalleutnant, Sektionschef im oster-
reich. Kriegsministerium, zuvor Stell-
vertreter des Chefs des Generalstabs ;
* Komotau 9. VII. 1861 ; t Wien 22. 1. —
FZ 24. I. (2. M.-Bl.); LpZ 24. I.; IZ 3892
(P); E 127 (P); ZB 42 [Polit. 11. volksw.
Chronik d. osterr.-ung. Mon. 18, 54];
M7 V, 1649.
Hofmann, Max, General der Infanterie, 191 5
bis 1918 Fiihrer des XXXVIII. Reserve-
korps (Beskidenkorps), Ritter des Ord.
Pour le mirite mit Eichenlaub; * Mei-
ningen 9. III. 1854; f Osnabriick 28. XI.
-DGK; ERL;MWB1 103, 61711.683; AA.
Hofmann, Richard, Professor, Komponist,
Lehrer fiir Instrumentation am Leipziger
Konservatorium der Musik; * Delitzsch
30. IV. 1844; t Leipzig 11. XL — W.:
Prakt. Instrumentationslehre (8 1 907) ;
Katechism. d.Musikinstrumente (6 1903) ;
GroBe Violin technik (op. 93 — 95). —
AMZ 45, 515; LZ 936; NZfM 303;
DTonkZtg 97; RMTZ 306; A 204; R 550;
FAT 165; AA.
Hohenlohe-Schilllngsfurst, Konrad Prinz zu.
Prinz von Ratibor u . Corvey, k. u . k. Geh .
Rat u. Kammerherr, Exzellenz, Statt-
halter in Triest u. im Kiistenland, k. u. k.
Ministerprasident a. D.; * Wien 16. XII.
1863; f Leoben 21. XII. — DGK; GH
1920.
Holland, Hyazinth, Dr. phil., Professor,
Literar- u. Kunsthistoriker, Mitarbeiter
an der »AUg. deutschen Biographies und
an Bettelheims » Biographischem Jahr-
buch und deutschem Nekrolog«; * Mun-
chen 16. VIII. 1827; f Miinchen 6. I. —
W.: Moritz v. Schwind (3 191 2); Gesch.
der deutschen Literatur (1853); Lebens-
erinnerungen eines neunzigjahrigen Alt-
miinchners, hrsg. v. A. Dreyer mit biogr.
Einleitung, 1921. — FZ 23. I. (A.-Bl.),
(Wenck); LE 20, 623; Kchr. NF 29, 15,
Sp. 166; LZ 44; SozMH 268; WI773o;
ZB 42 [Das Bayerland 29, 154 (Dreyer);
Histor.-pol. Bl. f. d. kathol. Dtschld. 161,
137; Allgem. Rdsch. 14,555 (Doering)];
ZB 43 [Frankenland 5, 137]; KL 17 (W);
Zils, Geistiges und kiinstler. Miinchen.
Honlgmann, Moritz, Gninder der ersten
deutschen Ammoniak-Soda-Fabrik bei
Aachen; * Duren 27. VI. 1844; t Aachen
2. V. — MdT 122; VDI 62, 656; M7 V,
1764; AA.
Jacoby, Daniel, Dr. phil., Gymnasialprof.,
Literarhistoriker; * Johannisburg (Ost-
preufien) 2. I. 1844; t Berlin 16. I. —
LZ 108; LE 20, 688; ZB 43 [Allg. Ztg. d.
Judent. 82, 65 (Geiger)]; KL 17 (W).
Jacoby, Louis, Professor an der Akademie
der Kiinste in Berlin, Kupferstecher,
Ehrenmitglied der Miinchner Akademie ;
* Havelberg 7. VI. 1828 ; f Berlin 1 1 . XI.
— W. : Raffaels Schule von Athen (1882) .
— Kchr, NF 30, 153 f . (Kurth) ; WI 7 765
(W); SozMH 1919. 60; MS II, 246 (W),
VI, 147; TB XVIII, 260 (W), [Dtsch.
Rdsch. 19, H. 4 (Grimm)].
tgi Jaschke, Emil, Dr. phil., Direktor d . stadt .
Biicher- u. Lesehallen in Diisseldorf;
* GroBwartenberg 29. X. 1874; f (m
Frankreich) 27. V. — W.: Volksbiblio-
theken, ihre Einr. u. Verw. (1907); Leit-
faden fiir die Einrichtung mittl. u. kleiner
Volksbibl. (1913). — LZ 573; LE 20,
1 ^29 ; Kchr, NF 29, 407 ; WI 7 768 ; KL 1 7
(W); AA.
Jiricek, Josef Konstantin, Dr. phil., Hofrat,
o. Professor der slawischen Philologie u.
Altertumskunde an der Universitat Wien,
Wirkl. Mitgl. der AdW Wien, 1 881— 1882
bulgarischer Unterrichtsminister ; * Wien
24. VII. 1854; f Wien 10. I. — W. : Ge-
schichte der Bulgaren (1876) ; Geschichte
der Serben (2 Bde. [bis 1557], 1911/18);
Die Romanen in den Stiidten Dalmatiens
wahrend des Mittelalters (3 Bde., 1901
bis 1904) ; Staat u. Gesellschaft im mittel-
alterl. Serbien (3 Bde., 191 3/14). — LpZ
19. I.; LZ 108; SozMH 448; PM 64, 83;
Jahrb. AdW Miinchen 1918, 31 (Ber-
692
Totenliste 19 18: Imhoff-Pascha — Kappesser
necker) ; Alinanach AdW Wien 19 18, 353
bis 41 9 (Jagic), (P) ; ZB 42 [Zschr. f. oster-
reich. Volkskunde 27, 53]; M7 VI, 346;
KL 17 (W).
Imhoff-Pascha,Carl,kgl.preuB.char.General-
leutnant z. D., kaiserl. osinan. General-
leu tn. a. D., Vorsitzender der Deutsch-
Asiatischen Gesellschaft, Ehrenmitglied
der Vorderasiengesellschaft, Militargeo-
graph, Forderer der deutsch-tiirkischen
Beziehungen ; * Kreuznach 20. II. 1854;
f Berlin 27. II. — MWB1 102, Nr. 104,
no u. 112; PM 64, 82; DGK; ZB 42
[Asien XV 91] ; ZB 43 [Welt des Islam 9,
19]; AA.
• JQngst, Carl, Geheimer Bergrat, Dr. ing.
e. h., Hiittendirektor des kgl. preuB.
Hiittenamtes in Gleiwitz; * Lingen a. d.
Ems 7. VI. 1831 ; f Gleiwitz (OS.) 25. IX.
— W.: Beitrag zur Untersuchung des
GuBeisens(*9i3). — StE 1918, S. 1001;
DBJ. 263/266 (Geilenkirchen).
Jung, Philipp, Dr. med., Geh. Med. -Rat,
o. Professor der Gynakologie an der Uni-
versitat Gottingen; * Frankfurt a. M.
22. IV. 1870; f Gottingen 28. VI. — FZ
30. VI. (2. M.-Bl.) ; MMW 65, 776; ZB 43
[Zentralbl. fur Gynakol. 42, 52 1 (Stockel) ;
Mschr. fur Geburtshilfe u. Gynakol. 48,
157 (Zoeppritz) u. 159 (Martin)]; LZ 573;
SozMH 1101 (Kraft); WI7790.
Jungnitz, Joseph, Dr. theol. et phil. h. c,
o. Honorarprofessor der kathol. -theol.
Fakultat der Universitat Breslau, Geist-
licher Rat, Ehrendomherr, Direktor des
Fiirstbischoflichen Diozesanarchivs und
Museums; • Nieder-Mois 17. V. 1844;
f Breslau 21. I. — W.: Kleine Kirchen-
geschichte (10 1916) ; Legende der Heiligen
(u 1 9 10); Visitationsberichte der Diozese
Breslau (4 Bde., 1902- — 1908); Verzeich-
nis der Breslauer Bischofe (1910). — LpZ
25. I.; FZ 25. I. (A.-Bl.); HPSt 1918;
Schles. Gesch.-Bl. 1918, 25; Jahrb. d.
Schles. Ges. 96, 28 — 31 (Bretschneider) ;
Zschr. d. Ver. f . d. Gesch. Schlesiens III
(1918), (W); LZ 108; ZB 42 [Dtsch. Ge-
schichtsbl. 19, 46 (Loewe) ; Oberschles.
Heimat 14, 32; HeiinatgriiBe der kathol. -
theol. Fakultat Breslau a. d. Studenten
im Felde 41 — 46]; ZB 43 [Oberschlesien
17, 246; Zschr. d. Ver.f. Gesch. Schles. 52,
171 (Bertram) u. 172—188 (Konig)]; JB
1920, 179; KL 17 (W).
Kaiser, Georg, Dr. phil., Musikkritiker u.
Musikschrif tsteller ; * Hartmannsdorf b.
Limbach 1. III. 1883; f Leipzig 17. VIII.
— Hrsg. d. krit. Ausg. von Webers samtl.
Schriften (1908) u. der Brief e Webers an
Graf Bruhl (191 \). — LpZ 18. VIII.; LZ
676; WI7798; JP 676 [Signale 558;
Klavierlehrer 138; Zschr. f. Musikwiss.
88; NMZ 39. 317; AMZ 375; NZfM 208;
DTonkZtg 70]; SozMH 986; ZB 42 [Allg.
Ztg. Miinchen 30 (Bromse) ; Das deutsche
Drama I, 4 — 12 (Plotke) ; Die literar. Ge-
sellsch. IV, 249 — 256 (Knudsen) ; Schau-
biihne 83 (D. Koralle)]; KL 17 (W); R
605; A 223; FAT 181; NML 315.
Kaltner, Balthasar, Dr., Fiirstbischof von
Gurk-Klagenf urt ; * Goldegg 12. IV. 1844;
f Gurk 6. VII. — DGK; LpZ 8. VII.;
WI78oi.
Kaempf, Johannes, Dr. jur. h. c, Wirkl.
Geh. Rat, Exzellenz, President des Deut-
schen Reichstags und der Altesten der
Kaufmannschaft von Berlin, stellv. Pre-
sident der Berliner Hypothekenbank,
stellv. Vors. der Siiddeutschen Immobi-
lien-Gesellschaft, M. d. R. (Freisinn.),
President des Deutschen Handelstages ;
* Neuruppin 18. II. 1842; f Berlin 25. V.
— W.: Reden und Aufsatze (1912). —
FZ 26. V. (2. M.-Bl), 28. V. (2. M.-Bl. u.
A.-Bl.), 29. V. (i.u. 2. M.-BL); WI 7 795,
8 1777; IZ 3910 (P); SozMH 702; E 633;
ZB 43 [Friede I, 476 (Burger)]; Apt,
25 Jahre im Dienste der Berliner Kauf-
mannschaft (1927), S. 6 u. 69 — 79; Fest-
gabe der Altesten der Kaufmannschaft
zu K.s 70. Geburtstag (Berlin 1912); RH
1912, 287 (P); M7VI, 916; Max Apt:
J. K., Gedenkrede (1918).
Kalfier, Bernhard, Professor, bis 1901 Se-
minarhauptlehrer in Gmiind, 1880 — 1904
Schrif tleiter des» Magazin f iir Padagogik «,
padagog. Schrif tsteller und Geschichts-
forscher, * Waschenbeuren 11. I. 1834,
f Schwabisch-Gmiind 17. IV. W. » Gesch.
Wiirttembergs in Charakterbildem*
(* 1 89 1 ) ; Die nationale Auf gabe der Volks-
schule (1874); Gesch. des Volksschul-
wesens in Wiirttemberg (2 Bde.. 1895/97).
WN 188 f (Bundschuh); Magazin fur
Padag. 1918, Nr. 16 u. 17. Heyd, Bibliogr
der Wurttemb. Gesch. (W); KL 17 (W) ;
WI7798 (W).
Kandt, Richard, Droned., Geh. Reg.-Rat,
kaiserl. Resident in Ruanda, Stabsarzt,
Entdecker der Quellen des Nils ; * Posen
17. XII. 1867; f Nurnberg 29. IV. —
W. : Caput Nili. Eine empfindsame Reise
zu den Quellen des Nils (1904, • 1925). —
FZ 10. V. (A.-Bl.); PM 64, 130; DKZ
35, ;, S. 74 f. (Stuhlmann) (P) ; L 54> 67;
MMW 636 (Stockmeier) ; LZ 408 ; SozMH
992; IZ 3912 (P); ZB 42 [Koloniale
Rundschau 1918, 45 (Roehl)]; M 7 VI.
94 1 ; A A .
Kappesser, Otto, Dr. med., Generalarzt
Totenliste 1918: Karabacek — Klebs
693
a. D., Erfinder der Schmierseifeneinrei-
bung gegen Skrofulose; * Jugenheim
4. VI. 1830; f Darmstadt 3. III. — W.:
Methodische Schmierseifeneinreibungen
gegen Skrofulose und Tuberkulose (1899).
— MMW 65, 310; PBL841.
Karabacek, Josef Ritter von, Dr. phil., Hof-
rat, Direktor der k. u. k. Hofbibliothek,
Wirkl. Mitglied und Sekretar der phil.-
hist. Kl. der AdW Wien, em. o. Professor
der Geschichte, Papyrusf orscher ; * Graz
20. IX. 1845; t Wien 9. X. — W.: Der
Papyrusf und von El-Fajum (1882). —
FZ 15. X. (A.-Bl.); LE 21, 316; LZ 857;
SozMH 1 9 19, 55; Almanach AdW Wien
19 1 9, 187 — 198 (Rhodokanakis) (P);
Jahrb. d. AdW Miinchen 1919, 25 f.
(Kuhn), [Mbl. d. Numismat. Ges. Wien
425, 74—77]; M'VI. 994; KL 17 (W).
♦Kawerau, Gustav, D. theol., Dr. phil., Geh.
Oberkonsistorialrat, o. Honorarprofessor
a. d. Universitat Berlin, Propst an St.
Petri, Mitglied des evangel. Oberkirchen-
rats, Mitherausgeber d. Weimarer Luther-
Ausgabe (Bd. 3, 4, 8 u. 12); * Bunzlau
25.II. 1847; t Berlin i.XII. — W.: Pre-
digten auf die Sonn- u. Festtage des Kir-
chenjahres (2 Bde., 1897 — J899); W.M61-
ler, Lehrbuch der Kirchengesch., Bd. Ill
(3 1 907) ; Reformation und Gegenref or-
mation (3 1907). — FZ 12. XII. (A.-Bl.);
ELK 51, 1102; LZ 976; SozMH 199 f.;
WI78i3; ZB 43 [Preufl. Kirchenztg.
1918,401 (Schian)]; Jahrb. d.Schles. Ges.
96, 31 — 34 (Decke); M 7 VI, 1173; KL 17
(W); KJ 1919, 568 (W); Siegfried Ka-
werau: Familie Kawerau durch 333 Jahre
(1916); DBJ 266/272 (Schian).
Kelm, Franz, Gymnasialprofessor i. R.,
Schriftsteller u. Dramatiker; * Alt-Lam-
bach (O.-O.) 28. XII. 1840; f Brunn
a. Geb. 27. VI. — W.: Ges. Werke in
5 Bd. (1912/13).— • LZ 573;LE2o, 1329;
ZB 43 fDeutsch-Ungarn VII, 3/4, 7
(Steiner)]; Oberosterreich. Mannergestal-
ten (1926); S. 147 — 151 (Anschober) (P),
[Linzer Tagespost 1920, 52]; WI78i6,
8 1777; M7 VI, 1193; KL 17 (W); BR6
III, 429 f •
Kempter, Lothar, Dr. phil. h. c, Kapell-
meister am Stadttheater Zurich u. Kom-
ponist, Lehrer fiir Theorie u. Kom position
an der Musikschule ; * Lauingen 5. II.
1844; t Vitznau 14. VII. — W.: Das Fest
der Jugend (Oper, 1895); Die Sans-
culottes (Oper, 1900); Mannerchore mit
Orchester. — LpZ 16. VII.; JP 84 [DMZ
246 ; AMZ 351; NZf M 1 84 ; NMZ 39,293;
DTonkZtg. 71]; WI7823; A 230; R 621
(W); FAT i8«; (W).
Kessel, Gustav v., Generaloberst, General-
adjutant, Oberbefehlshaber in den Mar-
ken, Gouverneur von Berlin, a la suite
des 1 . Garde-Regts. z. F., Chef des 20. In-
fant.-Regts., Domherr von Brandenburg,
Ritter des Schw. A.-O. ; * Potsdam 6. IV.
1846; t Berlin 27. V. — W.: Geschichte
des 1. Garderegiments z. F. 1857 — 1871
(1881). — FZ 29. V. (1. M.-BL); ERL;
E 625; WI7826, 8i777; MWB1 102,
Nr. 145 u. 151; ZB 43 [Friede I 476
(Burger)]; M 7 VI 1242.
Keudell, Marie v., Landschaf tsmalerin ;
• Launincken b. Darkehmen 16. VII.
1838; f Berlin 6. II. — W.: Markische
u. Phantasielandschaften. — LpZ 7. II.;
Kchr, NF 29, 19, Sp. 203; WI7828;
MS II, 330, VI, 156; TB XX, 224 (W),
[WestermannsMonatsh., Jahrg. 60 (19 16)
I, 172 ff. (mit Abb.)].
Keyserling, Eduard Graf v., kurlandischer
Dichter u. Schriftsteller; * Tels-Paddern
14. V. 1855; t Miinchen 28. IX. — W.:
Ges. Erzahlungen (4 Bde., hrsg. von
E. Heilborn, 1922). — LpZ 30. IX.; FZ
29. IX. (2. M.-BL), 30. IX. (A.-Bl.), 15. X.
(1. M.-BL), (Th. Mann); LE 21, 187 u.
163 f. [BT 500; Nationalztg. 228; Berl.
Volksztg. 499; Mannh. Gen.-Anz. 455;
Bayr. Staatsztg. 230; Dtsch. Kurier 272;
TR, Unt.-Beil. 229; Straflb. Post 544];
Dtsch. Buhnenjahrb. 31 (1920), 141;
SozMH 1033 (Kochdorf); IZ 3928 (P) ;
LZ 801 ; WI 7 830, s 1778; KW 32 I, 52 f .
(Schumann); ZB 43 [Baltische Bl. fiir
Theat. u.Kst. 1918, 35 — 45 (v.Schrenk)];
GT 1917; M7VI, 1258; KL 17 (W);
BR Mil, 453 (W).
Kisch, Enoch Heinrich, Dr. tned., Reg.-Rat,
em. a.o. Professor der Balneologie a. d.
deutschen Universitat Prag, Badearzt in
Marienbad; * Prag 6. V. 1841 ; f Marien-
bad 24. VIII. — W. : Handb. der allgem.
u. spez. Balneotherapie (a 1875); Balneo-
therap. Lexikon (1897, *)• — MMW 1010;
L 54, 84; SozMH 1 166; WI784o; PBL
859 f. (P), (W).
Klebs, Georg, Dr. phil., Geh. Hofrat, o. Pro-
fessor der Botanik a. d. Universitat Hei-
delberg, Direktor des Botan. Instituts u.
des Botan. Gartens; * Neidenburg 23. X.
1857; t Heidelberg 15. X. — W.: Will-
kiirliche Entwicklungsanderungen bei
Pflanzen (1903); t)ber die Rhythmik in
der Entwicklung der Pflanzen ( 1 9 1 1 ) ;
Erinnerungen an Jakob Burckhardt (1 91 9).
— FZ 17.X. (A.-Bl.) ; LpZ 20. X.;LZ 857;
SozMH 1 1 54; L 55, 35 f. (Kuster); N 6,
681—683 (Kuster) ; Jahrb. AdW Miinchen
19 19, 72 f.(Goebel); M 7 VI, 1389 f.
694
Totenliste 19 18: Kleinpaul — Koeselitz
Kleinpaul, Rudolf, Dr. phil., Reiseschrift-
steller u. Ethnograph; * Grottgrabe bei
Kamenz 9. III. 1845; t Leipzig 18. VII.
— W.: Rom in Wort u. Bild (2 Bde.,
1882/83); Neapel u. Umgebung (* 1884);
Ital. Sprachfuhrer (* 1901); Fremdwort
im Deutschen (8 1905) ; Deutsches Fremd-
worterbuch (* 1911); Die deutschen Per-
sonennamen (1909). — LpZ 25. VII.;
LE 20, 1453; LZ 608; PM 64, 227; Ecce
Meiflen 23, 84; M 7 VI, 1404 (W); KL 17
(W).
Klimt, Gustav, Kunstmaler, Vorsitzender
der Wiener Sezession; * Baumgarten be!
Wien 14. VII. 1862; f Wien 6. U. —
W.: Deckengemalde fiir die Aula der
Wiener Universitat (1903; wurde zu-
riickgewiesen). — FZ 11. II. (A.-Bl.) ;
MS II, 356, VI, 159; WI'850; LZ 153;
SozMH 266 u. 268; IZ 3895 (P); Kchr,
NF 29, 31, Sp. 217 — 220 (Tietze) ; Osterr.
Rdsch. 54, 187 — 189; ZB 42 [Cicerone X,
85 (Gluck); Die Kunst fur Alle 33, 230;
Dtsch. Kunst u. Dekoration 41, 390
(Lux); Dtsch. Wille, 112; Der Turmer
678 (Storck); Velh. & Klas. Monatsh.,
Mai 1918, 21 — 32 (Servaes); Wieland
1918, 2, H. 8 (Zoff); Donauland2 (1918),
90 (RoBler)]; Neue osterr. Biogr. I, 3,
S. 82 — 89 (Tietze), (P) [Max Eisler,
Gustav Klimt (1920); G. Gluck, G. K.
(192 1) ; Das Werk von G. K., 60 Kunstbl.
(1918); G. K., 25 Handzeichn., Vorw. v.
H. Bahr; Faistauer, Neue Malerei in
Osterreich; Die bildenden Kiinste II, 1/2 ;
Die graphischen Kiinste 191 2, 49]; ZB 42
[Friede I, 114]; Max Rofller, In memo-
riant G. K. (1926); M 7 VI, 1421 ; TB XX,
504 — 506 (Tietze), (W), [Ausfuhrl. Lite-
raturiibersicht !] ; Kchr 29, 217; Die bil-
denden Kiinste II, 1/2 .
Klupfel, Gustav v.. Dr., President d. Wiirt-
tembergischen Bergrats u. Munzamts
a. D., Oberbergrat; * Tubingen 13. VII.
1842; f Stuttgart 25. VII. — W.: Die
Gold- u. Silberproduktion u. ihr Einflufi
auf die Wahrung (1895). — FZ 26. VII.
(A.-Bl.); WN 192; DGK.
t&Knapp, Ludwig, Dichter; * Tubingen
20. V. 1889; gef. in Frankreich 29. III.
— W.: Nachgel. Gedichte, Geleitw. v.
H. Hesse (1918). — WN 27 — 30 (Marie
Knapp); SchwM, Wochenausg. 1928, 16
(Planck).
Robert, Rudolf, Dr. nted., Geh. Med.-Rat,
o. Prof, der Phannakologie, Direktor des
Instituts fiir Phannakologie und physik.
Chemie a. d. Univ. Rostock, a.o. Mitglied
des MedizinalkoUegiums im Groflherzogt.
Mecklenburg.-Schw. ; • Bitterfeld 3. I.
1854; f Rostock 27. XII. — W.: Kom-
pendium der Toxikologie (6 19 1 2) ; Arznei-
verordnungslehre (4 1913) ; Lehrbuch der
Pharmakotherapie (*i9o8); Lehrbuch
der Intoxikationen (II, 95/97* 02/13);
Uber die Verwendung von Blut zur Nah-
rung (* 1916). — DGK; SozMH 362;
WI786s; Univ.-Kal. 1919/20; M7VI,
1400; KL 17 (W); PF V, 647 (W); PBL
873 f- (P). (W).
Kolb, Wilhelm, Sozialist, Mitglied des bad.
Landtags; * Karlsruhe 21. VIII. 1870;
f Karlsruhe 18. IV. — FZ 19. IV. (A.-Bl.) ;
SozMH 434 u. 437; ZB 42 [Glocke 4, 123
bis 126 (Haenisch)].
K811e, Konrad v., wurttemb. Wirkl. Staats-
rat u. o. Mitglied des Geh. Rats, ExzeUenz,
Mitglied des Verwaltungsgerichtshofs u.
des Disziplinarhofs; * Ulm 25. I. 1825;
f Stuttgart 14. IX. — FZ 15. IX.;
SchwM., Nr. 433 u. 434; WN 193.
Kollmann, Julius, Dr. nted. et phil., em.
o. Prof, der Anatomie a. d. Univ. Basel;
* Holzheim (Pfalz) 24. II. 1834; f Basel
23. VI. — W. : Lehrb. der Entwicklungs-
geschichte des Menschen (1898); Pla-
stische Anatomie des menschl. Korpers
fiir Kunstler (» 1901). — LpZ 2. VII.;
FZ 25. VI.; LZ 573; IZ 3916 (P); MMW
748; ZB 43 [Corresp.-Bl. fur schweiz.
Arzte48, 1685 (Corning)]; M7VI, 1534
(W); KL 17 (W); PBL 896 f. (P), (W).
Kollsko, Alexander, Dr. phil., Hofrat, o.
Prof, der patholog. Anatomie a. d. Univ.
Wien; •Wien,6.XI. 1857; f Wien23.II.
— FZ 6. III. (A.-Bl.); LpZ 1. III.;
SozMH 631; MMW 65, 282; L $4, 63;
ZB 42 [WKW 31, 265]; AA.
Korenber, Paul, Geh. Oberreg.-Rat, Vor-
trag. Rat im Reichsschatzamt, Presi-
dent der Oberzolldirektion ; * Belzig
8. II. 1856; f Berlin 28. VIII. — DGK;
WI7890, 8 1778.
Koeselitz, Heinrich [Pseudonym: Peter
Gast], Komponist, Philosoph, Nietzsche-
Forscher; * Annaberg 10. 1. 1854; f Anna-
berg 16. VIII. — W.: Scherz, List und
Rache (Oper); Der Lowe von Venedig
(Oper); Helle Nachte (Sinfonie); Ein-
fiihrungen in Nietzsches Werke ; Herausg.
von Nietzsches Brief en an Peter Gast
(1908) ; Die Briefe P. G.s an Fr. Nietzsche,
herausg. von A. Wendt, 2 Bde. (1925 f.).
— LpZ. 19. VIII.; HambFBl, Wochen-
ausg. 203; LZ 676; SozMH 986; IZ 3922
(P); LE 21, 57; AMZ 45, 394—396
(Schiinemann) ; WI7494, 8 1774; JP 83
[NMZ 39, 317 und 40, 129; NZfM 208;
Klavierlehrer 138; DTonkZtg 68; RMTZ
220]; ZB 43 [Monogr. modern. Musiker
Totenliste 19 18: Kraft — Kunsemiiller
695
I (1906), 75 — 80 (Brieger-Wasservogel) ;
Der Turmer, Sept. 1918, 558 — 561
[Storch)]; M 7 IV 1477; KL 17 (W); Der
Turmer, H. 27, 12 (Sept. 1925), S. 547 bis
550 (Oehler); AA.
Kraft, Max, Dr., em. o. Prof, der chemischen
Technologie a. d. Techn. Hochschule
Graz; * Eisenerz 10. X. 1844; f Wien
im I. — W.: Grundrifi der mechan.
Technologie (4i903); Das System der
techn. Arbeit (1902). — LpZ 1. II.; LZ
133; SozMH 661; ZB 42 [Technik und
Wirtschaft 11, 90 (Sinner)]; KL 17 (W).
*Krauel, Richard, Dr./'wr.,kaiserl. Gesandter
(1894— 1898 in Rio) a. D., Wirkl. Geh.
Rat, Exzellenz, Honorarprofessor des
Staatsrechts a. d. Univ. Berlin; * Liibeck
12. I. 1848; | Freiburg i. B. 2. XII. —
W.: Prinz Heinrich von Preuften als
Politiker (1902) u. a. — DGK; WI6;
M7VII, 94; KL 17 (W); DBJ 273/277
(Michael).
Kraus, Karl, Dr. phil., Geh. Hofrat, o. Prof,
der Land wirtschaft an der Techn. Hoch-
schule Miinchen. * Stadtamhof (Ober-
pfalz) 5 . 1. 185 1 ; f Miinchen 1 5. X. — FZ
2 1 .X. (A.-Bl.) ; LZ 857 ; SozMH 1236. AA.
Krause, Martin, Professor, Pianist und
Musikgelehrter, Lehrer am Sternschen
Konservatorium in Berlin; * Lobstadt
17. VII. 1853; f Plattling (Niederbayern)
2. VIII. — LpZ 5. u. 6. VIII; DGK; JP
84 [Klavierlehrer 129; AMZ 363 u. 463;
Signale 548; Zeitschr. f. Instr.-Bau 38,
352; RMTZ 210; Dtsch. Tonk. -Zeitschr.
70]; LZ 657; SozMH 986; ZB 43 [Musik-
padag. Blatter 129 (Frey)]; R 678;
FAT 200.
Krause, Max, Geh. Baurat, Direktor der
A. Borsig Berg- und Hiittenverwaltung
Borsigwerke (Oberschlesien) ; * Breslau
21. V. 1853; | Berlin 1 1. VII. — VDI 62,
583 f (Fehlert) (P) ; JSTG 1919, 158—163
(Fehlert); ZB 43 [Schillings Journal fur
Gasbeleuchtung 61, 395; Verh. d. Ver. z.
Forderung des GewerbefleiCes 19 18, 109
bis 1 12]; DGK; StE 38, 742 f. (P).
Kretschmer, Otto, Geh. Marineoberbaurat,
Professor fiir praktischen Schiffbau a. d.
Techn. Hochschule in Charlottenburg;
* Frankfurt a. 0. 28. III. 1849; t Berlin
6. XII. — JSTG 20 (1919), 163 f.
*Kr6cher, Jordan v., Wirkl. Geh. Rat, Ex-
zellenz, Rittergutsbesitzer, Kur- u. neu-
mark. Hauptritterschaftsdirektor, 1898
bis 191 2 Prasident des preuBischen Ab-
geordnetenhauses, 1898 — 191 3 M. d. R.
(Konserv.) ; * Isenschnibbe (Altmark)
23. V. 1846; f Vinzelberg (Altmark)
10. I. — LpZ 13. I.; IZ 3891 (P); WI7
913. 8 1779; MWB1 102, Nr. S3; RH 1912.,
301 f. (P); UAT 1924; M7VII 225;
DBJ 277/279 (v. Gerlach).
Krfiger, Timm, Justizrat, Rechtsanwalt u.
Notar a. D.. holstein. Heimatdichter ;
• Haale (Holstein) 29. XI. 1844; Kiel
29. III. — W.: Gesamtausgabe seiner
Novellen (6 Bde., 1916) (Neuausgabe
1918). — FZ 31. III. (2.M.-B1.) u. 3. IV.
(A.-Bl.) ; LE 20, 944 u. 913 f. [Kieler Ztg.
151; LNN 93 ; Weserztg. 228 ; TR., Unt.-
Beil. 78; Altonaer Nachr. 156]; KW 31.
III., 54; LZ 308; WI 7 913, 8 1779; SozMH
653; IZ 3903 (Wolff) (P); ZB 42 [Das
Land 26, 165 (Dohse) ; Konserv. Mschr.
75. 59° (Benzmann) ; Westerm. Mhe. 335
his 339 (Boedewadt); Dtsch. Schrifttum
III, 134; Mitteil. aus dem Quickborn
1 1 , 83] ; ZB 43 [Die liter. Ges. 4, 281—284
(Gerhard); Volksbildung 48, 86 (H. v.
Zobeltitz); Die Heimat 1918, 161 — 165;
Westerm. Mhe. 19 18/19, Sept. bis Dez.,
S- 33—38, 189—196. 371—378]; M7 VII,
226 (W); KL 17 (W). G. Falke: Timm
K. (1908); Boedewadt: T. K., Ein deut-
scher Dichter eigner Art (19 16); ders. :
T. K.-Gedenkbuch (1920); Schriewer:
T. K. als Dichter fiir die Heimat (1924).
Kuckuok, Paul, Dr. phil., Professor, Kustos
fiir Botanik an der Biolog. Anstalt auf
Helgoland; • Petricken (Ostpr.) 24. V.
1866; f Berlin 14. V. — W. : Der Strand-
wanderer (8 1922); Der Nordseelotse
(1924); Beitr. zur Kenntnis der Meeres-
algen (1897 — J9i 2). — LZ 429; DGK;
SozMH 976; WI7925.
Ktthl, Ernst, Dr. phil., Geh. Konsistorial-
rat, o. Prof, der neutestamentl. Exegese
a. d. Univ. Gottingen; * Wisbuhr bei
Koslin 29. IV. 1861; f Arosa 9. VI. —
FZ 14. VI. (A.-BL); ELK 51, 5501".; LZ
509; WI7927; KJ 1918, 616 f.
Kummer, Karl Ferdinand Edler v., Dr.
phil., Hofrat, Landesschulinspektor in
Wien ; * Linz 3 1 . V. 1848 ; f Wien 2. VIII.
— W. : Dtsch. Leseb. fiir osterreich. Gym-
nas. (9 Bde., 8 1903); Dtsch. Schulgram-
matik (8 191 1); Einf. in die Gesch. der
dtsch. Lit. (u 1913). — WI7935, 8 l779,
KL 17 (W).
igi Kunsemuller, Ernst, Dr. phil., akadem.
Musikdirektor a. d. Univ. Kiel; * Rehme
(Westfalen) 24. VI. 1885; | (an Ver-
wundung gest.) Diisseldorf 25. IV. —
W. : Klavierstiicke und Lieder. — LZ
368; JP84 [RMTZ 109 u. 282; AMZ 214;
Signale 372; Stimme 12, 337; NMZ 39,
233; NZfM 114; Klavierlehrer 75;
DTonkZtg 55]; A 254; R 692 (W) ;
NML 357 f. (W); FAT 207; A A.
696
Totenliste 19 18: Laband — Listen
Laband, Paul, Dr. jut., Dr. jur. h. c, Wirkl.
Geh. Rat, Exzellenz, o. Prof, des Staats-
rechts a. d. Univ. Strafiburg, Mitglied der
AdW Bologna, Mitglied der I. Kammer
und des Staatsrats von Elsafl-Lothringen,
Begr. und Mitherausgeber der Deutschen
Juristenzeitung, Herausgeber d. Jahr-
buchs des of f entl. Rechts und des Archivs
fur offentl. Recht; * Breslau 24. V. 1838;
t StraBburg i. E. 23. III. — W.: Das
Staatsrecht des Dtsch. Reichs (4 Bde.,
5 191 1 — 1914).— LpZ 25. III.; SozMH
495 f. (Heinemann) u. 1225; LZ 289;
WI7 942, 8 1779; Dtsch. Juristenzeitung
265 (Anschutz); M7VII, 415; KL 17
(W).
Laemmer, Hugo, Dr. theol. et phil., Pralat,
Geh. Reg.-Rat, o. Prof, der Kirchenge-
schichte und des Kirchenrechts a. d.
Univ. Breslau, Senior der kathol. -theol.
Fakultat, apostol. Protonotar; * Allen-
stein 25. I. 1835; t Breslau 6. I. — W.:
Institutionen des kathol. Kirchenrechts
(*i892). — LpZ. 8. I.; LZ 65; HPSt
1918; FZ 9. 1. (A.-Bl.) ; Jahrb. der Schles.
Ges. 96 (1 9 1 8), S. 45— 49 (Rosier); WI 7
943; KL 17 (W).
Lampe, Emil, Dr. phil., Dr.-Ing. e.h., Geh.
Reg.-Rat, o. Prof, der Mathematik a. d.
Techn. Hochschule Berlin, Redakteur
der Jahrbucher iiber die Fortschritte der
Mathematik; * Gollwitz 23. XII. 1840;
1 4. IX. (ira Eisenbahnzuge Braunschweig
— Berlin) . — W. : Die reine Mathematik
1884— 1899 (1899). — LpZ 9. IX.;
SozMH 1919, 64; L 54, 66 — 68; ZB 43
[Universum 24, 96]; WI7946; KL 17
(W); PF V, 702 f. (W).
Lamport, Kurt, Dr. phil., Professor, Ober-
studienrat, Vorstand des Kgl. Naturalien-
kabinetts (seit 1892) ; * Ippesheim 30. III.
1859; t Stuttgart 21. 1. — W. : Das Leben
der Binnengewasser (1899, 8 1925);
Herausg. des Naturwissenschaftl. Weg-
weisers (seit 1908). — FZ. 22. I. (2. M.-
Bl.); SozMH 260; GA 199 (Pfeiffer); LZ
108; WN 1 — 6 (Eichler) ; Jahreshefte des
Ver. fiir vaterl. Naturk. in Wurttemberg
74, S. X— XXII (Eichler); ZB 43; M7
VII, 495 f-: KL 17 (W).
Landerer, August, Landgerichtsprasident
in Stuttgart, 1894 — 1906 Prasident der
wiirttemb. Synode, lebenslangl. Mitglied
der wiirttemb. I. Kammer; * Biberach
2. 1. 1829; j Stuttgart 26. XI. — WN 58
bis 64 (Klett).
Landsman, s. Fallot-Landsman .
Laske, Friedrich, Geh. Baurat, o. Prof, der
Architektur a. d. Techn. Hochschule
Berlin; * Konigsberg 25. III. 1854;
t Berlin 19. II. — FZ 26. II. (A.-Bl.)
LpZ 29. II. ; LZ 22 1 ; WI 7 960.
* Launhardt, Wilhelm, Dr.-Ing. e. h., Geh.
Reg.-Rat, Prof, des Ingenieur-Bauwesens
a. d. Techn. Hochschule Hannover, Mit-
glied der Akademie des Bauwesens, le-
benslangl. Mitglied des preuB. Herren-
hauses; • Hannover 7. IV. 1832; f Han-
nover 14. V. — W. : Am sausenden Web-
stuhl der Zeit (8 1917). — LZ 453;
SozMH 1240; MdT 151; VDI 62, 337;
ZBV, 38, 218; KL 17 (W); DBJ 279/282
(Hoyer) (W).
Lautenburg, Siegmund. Geh. Intendanzrat,
bis 1904 Theaterdirektor (Residenz-
theater in Berlin, Raimundtheater in
Wien); • Budapest 11. IX. 185 1; f Ma-
rienbad 22. VII. — FZ 23. VII. (1. M-
Bl.), 24. VII. (A.-BL); LpZ 23. VII.; IZ
3918 (P) ; SozMH 861 f . (Zepler) u. 1 105 ;
ZB 43 [Allgem. Zt. d. Judentums 1918,
366 (Landau)]; WI796s.
Lauterbach, Johann(es) Christoph, Hofrat,
Kgl. Konzertmeister und Lehrer am
Konservatorium (bis 1877) a. D., Violin-
spieler; * Kulmbach 24. VII. 1832;
t Dresden 28. III. — W.: Konzertpolo-
nase; R6verie; Tarantella. — JP 84
[NZfM 91; DTonkZtg 38; AMZ 166;
NMZ 39, 213; Stimme 12, 190; Klavier-
lehrer 75]; M 7 VII, 681; R 717 (W);
A 263; FAT 216.
Lehmann, Karl, Dr. jur., Geh. Justizrat,
o. Prof, des Handels- und deutschen
Rechts a. d. Univ. Gottingen, Heraus-
geber der Zeitschr. fiir das ges. Handels-
recht; * Tuchel (Westpr.) 11. X. 1858;
t Bonn a. Rh. 5. IV. — W. : Lehrbuch des
Handelsrechts ('1921); Abhandlungen
z. germanischen Rechtsgeschichte (1888).
— FZ 11. IV (A.-BL); LZ 328; SozMH
1225; HPSt 1918; WI7973; KL 17 (W).
— W. Golther: Gedenkworte an K. L.
(1918).
Lehmkuhl, Augustinus, kathol. Priester
S.J.,Schriftsteller; *Hagen23.IX. 1834
t Valkenburg (Niederl.) 23. VI. — W.
Theologia moralis (2 Bde, la 1905); Me-
dulla pietatis (10 1908); Der christliche
Arbeiter (4 1904). — WI7976, 8 1779;
ZB 43 [Stimmen der Zeit 95, 417]; M7
VII, 766; KL 17 (W); KR 14 (1914)
365 f. (W).
Leist, Alexander, Dr. jur., Geh. Justiz-
rat, o. Prof, des rom. u. deutsch. burgerl.
Rechts; * Jena 17. X. 1862; f Gottingen
3. XII. — FZ 9. XII. (A.-BL); LZ 976;
WI7979.
Leisten Jakob (us), Prosessor, Kunstmaler;
• Diisseldorf 25. III. 1845; t Dusseldorf
Totenliste 1918: Leonhard — Mandl
697
21. XI. — Kchr, NF 30, 140; WI 7 979
(W); MS II. 488 (W). V, 185, VI, 175-
gj Leonhard, Carl, Architekt in Frankfurt
a. M.; * Frankfurt a. M. 24. VIII. 1881;
gef. in Frankreich 16. V. — Kchr, NF29,
472 u. 117 f. (Hoebers Gedachtnisaus-
stellung im Kunstgewerbemuseum in
Frankfurt a. M.); AA.
Lesser, Edmund, Dr. med., Geh. Med.-Rat,
o. Prof, der Dermatologie und Direktor
der Poliklinik fiix Haut- und Geschlechts-
krankheiten a. d. Univ. Berlin, Begriinder
der modernen Dermatologie und Syphi-
lidologie; * Neifle 12. V. 1852; f Berlin
7. VI. — W.: Lehrbuch der Haut- und
Geschlechtskrankheiten [2 Teile, 14 1927].
— FZ 8. VI. (2. M.-Bl.) ; MMW 664 und
682 (Zumbusch); ZB 42 [Med. Kl. 14,
608]; SozMH 1 166; ZB 43 [Correspon-
denzbl. f. Schweizer Arzte 48, 1284
(Bloch) ; Dermatol. Wochenschr. 19 18,
520—523 (Buschko); BKW 55, 655
(Bruhns); DMW 44, 751 (Blaschko);
Zeitschr. f. arztl. Fortbildung 15, 358
(Pulvermacher) ; Dermatolog. Zeitschr.
26, 65—70]; \VI7989; M'VII. 878;
KL17; PBL993MP)-(W).
Lefimann, Otto, Musikschriftsteller, lang-
jahr. Herausgeber der Allgem. Musik-
Zeitung; * Riidersdorfer Kalkberge
30. I. 1844; f Jena 27. IV. — W. : Franz
Liszt (1881). — AMZ45, 207 (P),u. 219 f.
(Raabe) u. 225; LE 20, 1071; JP 84
[DTonkZtg 46; Sign ale ^77,; Klavierlehrer
75; NMZ 39, 233; Musikal. Rdschau
(Diisseldorf) 51]; ZB42; SozMH 657; KL
17; R 731; A 268; NML376f.; FAT 220.
Leszcynski, Paul v., General d. Inf. z. D.,
Exzellenz, Mitglied des preuflischen
Herrenhauses, Gutsherr auf Repten;
♦Stettin 29. XI. 1830; f Repten (N-L)
12. II. — MWB1 102, 112; HPSt 1918;
DGK; AA.
Lewandowsky, Max, Dr. med., Professor,
Privatdozent der Nervenheilkunde an der
Universitat Berlin, Herausgeber d. Hand-
buches der Neurologie u. der Zeitschrift
fiir Neurologie u. Psychiatrie; * Berlin
28. VI. 1876; t Berlin 4. IV. — FZ 11. IV.
(A.-Bl.) ; MMW 65, 444 ; L 54, 62 ; LZ 328 ;
SozMH 1 165 ; ZB 42 [Mschr. fiir Psych, u.
Neurol. 44, 270; DMW 44, 607 (Henne-
berg) ; Zschr. f. d. ges. Neurol, u. Psych.
15, Ref. 7, H. 1 (Gaupp)]; AA.
Liebenam, Wilhelm (Willy), Dr. phil., a.o.
Professor der alten Geschichte a. d. Uni-
versitat Jena, Gymnasialoberlehrer in
Gotha; • Eisleben 15. VII. 1859; f Gotha
19. IX. — FZ 25. IX. (A.-BL); LpZ
24. IX.; LZ 801; KL 17 (W).
Lieber, Max, Professor, Landschaftsmaler;
* Kolberg 29. 1. 185 1 ; | Karlsruhe 3 1 . 1.
— LpZ 4. II.; WI7999 (W);MS V, 188,
VI, 178; AA.
Under, Gottfried, Professor, 1867 — 19 12
Lehrer des Klavierspiels am Konser-
vatorium der Musik in Stuttgart, Ton-
dichter; * Ehingen 22. VII. 1842 ; f Stutt-
gart 29. I. — W.: Dornroschen (Oper
1872); Konradin von Schwaben (Oper
1879); Waldlegende (fiir Orchester). —
LpZ 2. II.; JP 85 [AMZ 63 ; NMZ 39, 16
NZfM 36; DTonkZtg 30; RMTZ 45; WN
186 ; SchwM 49] ; SozMH 657 ; R 744 ( W)
A 271; FAT 223; AA.
Loga, Vabrian v., Dr. phil., Professor, Ku
stos am Kgl. Kupferstichkabinett, Kunst
historiker; * Wichorsee ( West preu Ben)
28.I. 1861; f Berlin 24. VI. — Kchr,
NF 29, 41 1— 417 (Fischel) ; DGK; LZ 549;
ZB 43 [Cicerone X, 220; Jahrb. der Kgl.
Preufi. Kunstsammlungen, Beibl. 39,
237]; WI7 1028; AA.
Lottmann, Fritz Gerhard, Dr. phil., frie-
sischer Dichter; * Emden 7. X. 1830;
f Oldenburg 2. IX. — W : Das Hus siinner
Licht (1919)- — LZ 782; LE; ZB 43
[Weserland37].
&L6wenhardt, Erich, Oberleutnant und
Kampfflieger, Ritter des Ordens Pour le
mirite, Sieger in 53 Luftkampfen; * Bres-
lau 7. IV. 1897; tuberChaulnes 10. VIII.
— LpZ 13. VIII.; HambFBl, Wochen-
ausg. 205; FZ 12. VIII. (A.-Bl.).
Loewit, Moritz, Dr. med., Hofrat, o. Pro-
fessor der experimentellen Pathologie an
der Universitat Innsbruck; * Prag 27. X.
185 1 ; f Innsbruck 8. X. — W.: Pro-
blem e der patholog. Physiologie (1916);
Infektion u. Immunitat (192 1). — LpZ
20. X.; FZ 17. X. (A.-Bl.); LZ 857;
SozMH 1154; WI 7 1027 (W); ZB 43
[WKW 31. 1357 (Bayer)]; KL 17 (W) ;
PBLio39(W).
Mack ay, Benjamin Karl [Ben Lawrence]
Freiherr v., politischer Schrif tsteller ;
* Koln a. Rh. 2. IX. 1870; | am Kar-
wendel 18. VII. — W.: Die moderne
Diplomatic (1915). — LpZ 19. VII.; FZ
18. VII. (A.-Bl.); LE 20, 1452; DKZ 35,
i25;KLi7 (W).
Mandl, Richard, Komponist; * Proflnitz
(Mahren) 9. V. 1859; f Wien 1. IV. —
W. : Griseldis (symphon. Dichtung, 1909) ;
Gesang der Elf en (Frauenchor mit Orche-
ster, 19 10); Rencontre imprivue (Oper).
— SozMH 657; NMZ 38, 289 (Hoffmann)
(P); JP 85 [AMZ 172; NZfM 91; Signale
300; RMTZ no; DTonkZtg 47]; ZB 43;
698
TotenHste 19 18: Mannkopf — Mitscherlig
R 777 (W); A 283 (W); NML 402 (W);
FAT 237.
Mannkopf, Emil Wilhelm, Dr. tned., Geh.
Med. -Rat, o. Professor der speziellen
Pathologie an der Universitat Marburg;
* Pasewalk 5. VI. 1836; | Marburg 15. I.
— LpZ 18. I.; LZ 89; SozMH 1165;
DGK; MMW 6s, 144; HPSt 1918; L 54,2 ;
KL 17; PBL 1086 f. (W). (P).
Marenzeller, Emil Edler v., Dr. med., Pro-
fessor a. d. Technischen Hochschule,
Kustos der Zool. Abteilung am Natur-
histor. Hofmuseum i. R., korresp. Mit-
glied der AdW Wien; * Oberdobling b.
Wien 18. VIII. 1845 ; t Wien 6. XII. —
SozMH 1919, 51; WI7 1069; Almanach
AdW Wien 1 919, 138 f. (Grobben); AA.
Marie Therwe, Konigin von Bayern, geb.
Erzherzogin von Osterreich-Este; •Briinn
2. VII. 1849; t Wildenwarth 13. XI. —
DGK; GH 1920.
MaBlow, Oskar, Dr., Professor, Oberbiblio-
thekar a. d. Universitatsbibliothek Bonn,
Bearbeiter der Bibliographic der deut-
schen Geschichte; * Hannover 8. V. 1855 ;
t Bonn 20. V. — DGK; LZ 472; SozMH
1097; JB 1920, 179.
Materna, Amalie, verehel. Friedrich, Wag-
ner-Sangerin, 1869 — 1894 Primadonna
der Wiener Hofoper; * St. Georgen
(Steiermark) 10. VII. 1845; t w*en 18. 1.
— Briinhilde der ersten Bavreuther Fest-
spiele, 1882 Kundry. — LpZ 19. I.; IZ
3892 (Chop) (P); SozMH 220; JP 85
[NMZ 39, 161 u. 180; Signale 191; Kla-
vierlehrer 25 ; RMTZ 31 ; NZfM 24 u. 36;
Musikal. Rdsch. (Diisseldorf) V, 42;
DTonkZtg 2 1] ; R 794 ; A 289 ; NML 411;
FAT 243.
Matthiafi, Bernhard, Dr. jur., Geh. Justiz-
rat, em. o. Professor des rom. u. biirgerl.
Rechts a. d. Universitat Rostock; * Lop-
pow b. Landsberg a. W. 26. V. 1855;
f Dessau 21. IV. — W.: Lehrbuch des
biirgerl. Rechts (2 Bde., 7 1914); Rechts-
falleund Rechtsfragen (2 Bde., 1910/12).
— LZ 368; SozMH 1226; WI 7io8^;
KL17 (W); AA.
Matthleu, Theodor, Wirkl. Geh. Legations-
rat, Direktor der Konsularabteilung des
Auswartigen Amtes ; * Rotenburg an der
Fulda 3. VIII. 1861 ; f Berlin 15. VII.—
LpZ 15. VII.; FZ 18. VII.; WI*i78i;
DGK; AA.
Maurer, Heinrich, D. theol., Wirkl. Geh.
Oberkons.-Rat, Generalsuperintendentd.
nassauischen Landeskirche a. D.; * Bad
Schwalbach 1834; f Wiesbaden22. I. —
W. : Handb. zum evang. Katechismus
(1896. * 1901). — KJ 1918, 618.
Meinardus, Otto, Dr. phil., Geh. Archivrat,
Archivdirektor des Staatsarchivs in Bres-
lau; * J ever 4. V. 1854; f Bad Kissingen
24. V. — W.: Protokolle des Branden-
burg. Geh. Rats aus der Zeit des Gr. Kur-
fursten (6 Bde., 1889/97) ; *>er Katzeneln-
bogische Erbfolgestreit (2 Bde., 1889 bis
1 901). — LZ 472; Schles. Geschichtsbl.
1918, 49; Jahrb. d. Schles. Ges. 96 (1918),
53—55 (Loewe); WI7 1096; KL 17 (W).
Mentor, Sophie, geschiedene Popper, Pro-
fessorin, Klaviervirtuosin ; * Munchen
29. VII. 1846; Stockdorf b. Munchen
23. II. — W.: Zigeunerweisen (fiir Kla-
vier u. Orchester). — FZ 27. II. (A.-Bl.) ;
JP 85 [NMZ 39, 217; AMZ 103 (Alt-
mann); Signale 201; DTonkZtg 29;
NZfM 60; Klavierlehrer 42; RMTZ 69];
SozMH 657; ZB 42; R 814; A 296; NML
417; FAT 249.
Merensky, Alexander, D. theol.. Dr. med..
Missionssuperintendent und Missiona-
inspektor a. D., Ehrenmitglied der Deut-
schen Kolonialgesellschaft; * Pan ten bei
Liegnitz 8. VI. 1837; f Berlin 22. V. —
PM 64. 179; L 54. 68; DKZ 35, 109;
E628; WI7 1106,8 i78i;ZB43 [Allgem.
Missionsztg. 45, 177]; KJ 1918, 618.
Mez, Adam, Dr. phil., o. Professor d. orien-
talischen Sprachen a. d. Universitat
Basel ; f Basel im I . - W : Die Renaissance
des Islam (1922). — LpZ 4. 1.; FZ 3. 1.;
LZ 65; SozMH 448.
Mlelke, Hellmuth, Dr. phil., Chefredakteur
der Banner Zeitung; * Stettin 23. VIII.
1859; t Barmen 12. VII. — W.: Der
deutsche Roman (4 1912) ; Geschichte des
deutschen Romans (8i9i2). — DGK;
WI7ii26 (W); KL 17 (W).
Milan, s. Dore.
Mirbach-Harff, Wilhelm Graf v., kaiserl.
Gesandter des Deutschen Reiches, Mit-
glied des preuBischen Herrenhauses ;
• Ischl 3. VII. 1871; f Moskau 6. VII.
(ermordet). — FZ 7. VII. (2. M.-Bl.),
8. VII. (A.-Bl.), 9. VII. (2. M.-Bl.);
HambFBl, Wochenausg. 200 u. 201 ;
IZ 3916 (P); E 802 (P); SozMH 702 f.;
DGK; ZB 43 [Polit. u. Volksw. Chronik
d. osterr.-ung. Monarchie 191 8, 318];
GT 1920.
Mitscherlig, Alexander, Dr. phil., Professor.
Chemiker, Begriinder der Sulf it-Zellulose-
Industrie, Erfinder des Sulfit-Zellulose-
Verf ahrens, Mitbegriinder d. Dtsch. Chem.
Gesellschaft; * Berlin 28. V. i836;|Obers-
dorf 31. V. — DGK; IZ 3912 (P); SozMH
661; MdT [Chem.-Ztg. 40, 457; Zschr. f.
angew. Chemie 29, 229]; PF V, 863 f.
(W): Ber. d. Dtsch. Chem. Ges. 51 (1918).
Totenli9te 1918: Mohtv— Nippold
099
Mohr, Leo, Dr. med., o. Professor der inne-
ren Medizin an der Universitat Halle,
Direktordermed.Univ.-Klinik; •Lustadt
(Rhpf.)i2.VII. 1874;! Halle a. S.31. XII.
— DGK; LZ 58; MMW66, i33f. (Volhard)
(P) ; ZB 44 [Zentralbl. fiir innere Medizin
40. 57 (v- Noorden)]; AA.
* Mohr, Otto, Dr. Ing. e. h., Wirkl. Geh. Rat,
Exzellenz, em. o. Professor der Mechanik
a. d. Technischen Hochschule Dresden,
Eisenbahn- und Wasserbauingenieur ;
* Wesselburen 18. X. 1835; f Dresden
2. X. — W.: Abhandl. auf dem Gebiete
d. techn. Mechanik (3 1928) . — FZ 7. X. ;
VDI 62, 757 (Gehler) (P) ; MdT 178;
DBZ 52, 381; LZ 842; SozMH 1109;
PF V, 868 (W); E.Bahr: O.M. zum 80.
Geb.-Tag(i9i6); DBJ 282/285 (Gehler).
Moraht, Ernst, Major a. D., Militarschrift-
steller, milit. Mitarbeiter des Berliner
Tageblatts, der Neuen Freien Presse, des
Pester Lloyd und der Blatter der ameri-
kanischen Hearst-Presse ; t Berlin 22. III.
— W. : Tage des Krieges (2 Bde., 1916).
— FZ 25. III. (M.-Bl.); LE20, 944; IZ
3903 (P).
Morris, Max, Dr. med., Dr. phil. h. c, Lite-
rarhistorischer Schriftsteller und Arzt;
* Berlin 18. X. 1859; t Berlin 26. VIII.
— W.: Goethe-Studien (2 Bde., * 1902);
Goethes u. Herders Anteil an den Frank-
furter Gel.Anzeigen (8 191 <;). — FZ6.IX.
(1. M.-Bl.) (Witkowski) ; LpZ 27. VIII.;
DGK ; LE 2 1 , 5 7 ; LZ 720 ; ZB 43 [Allgein .
Ztg. d. Judentums 19 18, 536]; KL 17
(W) ; Behrend, Gesch. der deutsch. Philol.
in Bildern (1927), S. 66 (P).
Moser, Koloman, Professor, Maler, Lehrer
an der Kunstgewerbeschule in Wien,
Mitbegriinder der Sezession u. der Wiener
Werkstatten; * Wien 30. III. 1868;
t Wien 19. X. — W.H. Bahr: Das Prin-
zip; mit Dekorationsskizzen von K. M.
(* 191 2).— FZ 20. X. (2. M.-Bl.) ; Oster-
reich. Rdsch. 57, i44(Holzer) ;LpZ24.X. ;
SozMH mi u. 1 170; Kchr, NF 30, 62;
WI7 1148, 8 1781.
MOller, Felix v., Kaiserl. Deutscher Ge-
sandter a. D. (zuletzt itn Haag), Wirkl.
Geh. Rat, Exzellenz; * Paris 10. I. 1857;
f Miinchen 20. V. — FZ 23. V.; DGK;
WI7 1 1 55 ; AT 1917.
MQller, Johann, Dr. phil., Hofrat, ein. o.
Professor der klass. Philologie a. d. Uni-
versitat Innsbruck, korresp. Mitglied der
AdW Wien; * Irmtraut (Nassau) 12. I.
1832; t Innsbruck 20. XI. — Almanach
AdW Wien 1919, 228 — 231 (Hauter).
«gj MOller, Max, kgl. bayrischer Leutnant
u. Kampfflieger, Ritter des Ordens Pour
le mirite, Sieger in 38 Luftsiegen; * Rot*
tenburg a. L. 1. I. 1887; f De* Mooslede
9. I. — FZ 14. I. (A.-Bl.); AA.
Nagel, Paul Arthur, Dr. jur., sachsischer
Justizminister, Exzellenz; * Dresden
14. VIII. 1856; f Dresden 12. V. — FZ
13. V. (A.-Bl.) ; LZ 408; WI 7 1 i7q,8 1782 ;
DGK;AA.
Nagel v. Brawe, Hans, s. Dincklage-Campe.
Nelle, Wilhelm, D. theol., o. Professor der
protestantischen Theologie a. d. Univer-
sitat Minister, Superintendent a. D.;
* Schwobber (Hannover) 9. V. 1849;
f Miinster 15. X. — W.: Aus dem evang.
Melodienschatz (*I904); Geschichte des
deutschen evangel. Kirchenliedes (6.Tsd.,
1909). — LpZ 20. X.; ELK 51, 990 und
1052 f.; WI7n8i; ZB 43 [Mschr. fiir
Gottesd. u. kirchl. Kunst 255 — 258
(Spitta); Die Reformation 395 (Eick-
hoff)]; KL 17 (W); AA.
Neufeld, Karl, Forschungsreisender, der
»Gefangene des Mahdit; * Dombrowken
(Kr.Kulm) 4. VII. 1856; f BeeHtzb. Ber-
lin 2. VII. — W. : In Ketten des Kalifen.
— LpZ 9. VII.; DGK; DKZ 35,109;
ZB 43 [Derneue Orient III, 391]; AA.
Neumann, Ernst, Dr. med., Geh. Med. -Rat,
em. o. Professor der pathologischen
Anatomie an der Universitat Konigs-
berg, Begrunder der modernen Blut-
lehre, Entdecker der blutbild. Funktion
des Knochenmarks (1868) und des myolo-
genen Ursprungs der Leukamie (1869) ;
* Konigsberg i. Pr. 30. 1. 1834; f Konigs-
berg 6. III. — W.: Blut u. Pigmente
(191 7). — LpZ 10. III.; LZ 240; SozMH
631 u. n66;ZB42[BKW 55, 364 (Baum-
garten)]; HPSt 1918; WI 7 1186, 8 1782;
MMW 310; ZB 43 [Zentralbl. f. allgem.
Pathol, u. pathol. Anatomie 29, 409 bis
421]; L 54, 34 u. 58; PBL 1202.
NIppold, Friedrich, D. theol., Dr. phil.,
o. Professor der Kirchengeschichte der
Universitat Jena, Mitbegriinder des
Evangelischen Bundes, Vorstandsmitgl.
des Gusta v- Adolf- Vereins; * Emmerich
15. IX. 1838; t Oberursel (Taunus)
4. VIII. — W.: Handbuch der neuesten
Kirchengeschichte (85 Bde., 1880 — 1903).
— LpZ 6. VIII.; SozMH 11 58; DGK;
ELK 51, 727; FZ 7. VIII. (2. M.-Bl.) u.
8. VIII. (A.-Bl.); LE 20, 15 16; IZ 3921
(P) ; LZ 657 ; WI 7 1 196 (W), 8 1782 ; ZB43
[Mhe. f. rhein. Kirchen gesch. XII, 318;
Schweizer Reformbl. 1918, 274; Internat.
kirchl. Zschr. VIII, 297 — 302 (Kurz) ;
Die Wartburg 191 8, 164 (Frey) ; Schweiz.
theol. Zschr. 35, 112 — 118 (Miiller)];
KL 17 (W); KJ 1919. 57o f. (W).
700
Totenliste 1918: Oberbreyer — Philippi
Oberbreyer, Max, Dr. phil., Schrif tsteller ;
* Magdeburg 24. VI. 1851; f Dresden
1 1 . XI. — W. : Furstliche Charakterziige
(2i893). — LZ 915; LE 21, 444; WI7
1206 (W); KL 17 (W); BR • V, 163 f.
(W).
Oehlmann, Ernst, Dr. phil., Professor, Real-
gymnasialdirektor a. D., Vorsitzender der
Geographischen Gesellschaft in Han-
nover; * Stade 21. I. 1849; f Hannover
23. III. — Herausgeber der v. Seydlitz-
schen Geographie (26i9i4). — PM 64,
82; WI7 1211 (W), 81782; ZB 42 [GA
85 — 88 (Rohrmann) ; Hannov.Geschichts-
blatter 243]; KL 17 (W).
Oesterlen, Otto v., Dr. med., Medizinalrat,
1897 — 19°^ °. Hon.-Prof. der gerichtl.
Medizin a. d. Univ. Tubingen, Oberamts-
arzt i. R.; * Murrhardt 14. III. 1840;
f Tubingen 28. V. — FZ 4. VI.; MMW
636; LZ 493; WN 190; WI7 1213; PBL
1224 f. (W); AA.
# Ostermayer, Ernst Ludwig, Professor,
Kunstmaler und Schrif tsteller ; Weil-
heim a. d. Teck 3. XII. 1868; | (im Felde
als Kriegsmaler) 19. V. — WN 189;
SchwM.373; WI7 1227 (W); MSV, 226,
VI, 212.
Oetker, August, Dr., Kommerzienrat, Be-
griinder und Inhaber der Backpulver-
fabrik Dr. Oetker, Mitglied des Kaiser-
Wilhelm-Instituts ; * Obernkirchen (Gf.
Sehaumburg) 6. I. 1862; f Bielefeld 11. 1.
— FZ 12. I. (2. M.-Bl.); IZ 3893 (P);
AA.
Ott, Adolf [Pseudonym: Flodatto], Kgl.
bayer. Oberst z. D., Verfasser bayerischer
Hochgebirgsromane ; * Lindau 10. III.
1842; | Puchheim 13. I. — W.: Die
Hexe von Garmisch (2 1904). — LZ 89;
WI7i229f. (W); KL 17 (W); AA.
Papperitz, Georg, Professor, Maler; * Dres-
den 3. VIII. 1846; t Miinchen 26. II. —
W.: In der Danimerung (Gedichte). —
LpZ 28; DGK; LE 20, 816; Kchr, NF 29,
236 f.; WI7 1247; MS III, 370, V, 214.
Penz, Ludwig, Tiroler Bildsehnitzer; * Lui-
mes 13. VIII. 1876; tSchwaz 4. XI. —
Tyroler Ehrenkranz, S. 160 f. (Garber)
(P); Alex. Heilmeyer; L. P., ein Tiroler
Bildsehnitzer (1925).
Pernerstorfer, Engelbert, Sozialist, Vize-
prasident des osterreich. Abgeordneten-
hauses; * Wien 27. IV. 1850; f Wien 6. I.
— FZ 8. I. (2. M.-Bl.), 11. I. (2. M.-Bl.);
LE 20, 593 f. [VZ 14]; Osterr. Rdschau
54, 124 — 126 (Zweybriick); E 157 f.
(Frankel); SozMH 87 — 92 (Leuthner)
(P), 149 (Severing), 152 (Zepler) u. 155 f.
(Quessel), 139 — 141 [Nachgel. Aufsatz:
Von der Liebe zum Buch] ; ZB 42 [Glocke
3. II. 598 — 603 (Groflmann); Das freie
Wort 17, 523; Polit. u. volksw. Chronik
der osterr.-ung. Mon. 19 18, 61; Zeitschr.
fur Biicherfreunde, NF 9. II.. 568] ; ZB 43
jjahrbuch der Biblioph. VI 58 — 63;
Friede I, 5]; WI 7 1254; Neue osterreich.
Biographie II, 97 — 116 (Arthaber).
Perthes, Rudolf v.. General d. Inf. z. D.,
stellv. Militarinspekteur der freiwill.
Krankenpflege ; * Bonn a. Rh. 22. X.
1843; t Berlin 28. V. — MWB1 102, 147;
DGK; AT 1923.
♦Peters, Carl, Dr. phil., Schrif tsteller, Afrika-
forscher und Kolonialpolitiker, e hem als
Kaiserl. Reichskommissar in Ostafrika;
* Neuhaus a. E. 27. IX. 1856; f Woltorf
b. Peine 11. IX. — W.: Die deutsche
Emin-Pascha-Expedition (1891, u 1907;
in 9 Sprachen) ; Das deutsch-westafrikan .
Schutzgebiet (1895); Die Griindung von
Deutsch-Ostafrika (1906); Die deutsch-
ostafrikanische Kolonie in ihrer Ent-
stehungsgesch. u. wirtschaftl. Eigenart
(ai889); England und die Englander
(6i9i8); Lebenserinnerungen (1918). —
LpZ 12. IX.; HambFBl, Wochenausg.
209 u. 214; E 1055 (P); GA 249; PM 64,
227 f.; SozMH 987—992 (Kranold); IZ
3925 (P); FZ 12. IX. (2. M.-BL); ZB 43
[Akadem. Bl. 33, 78 (v. Petersdorff) ;
Deutschland IX, 846 (v. Schrenck) ; Gar-
tenlaube 521 (Leutwein) ; DtschKZ 35,
146 (Zache); Kol. Rdschau 1918, 297 bis
301; Velh. u. Klas. Mhe 1918, 270
(Arendt)]; WIM256 (W);KL 17 (W) ;
H.T. Schorn: C. P., ein Lebensbild (1920) ;
DBJ 285/298 (Schneem. W).
♦ Petri, Emil, Dr. jur., Wirkl. Geh. Rat, Ex-
zellenz, Unterstaatssekretar fiir Justiz
u. Kultus in ElsaB-Lothringen a. D.;
* Buchsweiler 3. IV. 1852; f Kehl 11.
XII. — FZ 13. XII. (2. M.-Bl.); DGK;
ElsaB-lothr. Jahrb. I (1922), 183 f.
(Spahn); DBJ 298/307 (Goetz) (L).
Pfordten, Otto Freiherr von der, Dr. phil..
Prof., Privatdozent der Philosophic a. d.
Univ. Strafiburg; * Frankfurt a. M.
23. V. 1861; f Brussel28.II. — W.:Kon-
formismus. Eine Philosophic der norma-
tiven Werte (1910); 18 12, Historisches
Drama (2 1900). — FZ 6. III. (A.-Bl.) ;
LpZ 7. III.; LZ 240; WIM269 (W),
8 1783; SozMH 3S9; FT 1919; KL 17 (W).
Philippi, Adolf, Dr. phil., Geh. Hofrat.
em. o. Prof, der klass. Altertumswissen-
schaft a. d. Univ. GieBen, Schrif tsteller,
Direktor der Gehestiftung in Dresden;
* Osterholz (Hannover) 11. I. 1843;
t Dresden 5. V. — \V.: Die Kunst der
Totenliste 1918: Pilgrim- Baltazzi — Rein
701
Renaissance in Italien (2 Bde., * 1905);
Florenz (4igi5). — Herausg. von
Springers Hand buch der Kunstgeschichte
Bd. 3 (*~9 1896— 1912). — FZ 11. V.
(A.-Bl.), 24. V. (2. M.-Bl.); LZ 408; WI
'1271, 81783; Kchr, NF 29, 335 — 33^
(Eisenmann); KL 17 (W).
Pilgrim-Baltazzi, Gisbert v., kaiserl. deut-
scher a.o. Gesandter u. bevollmachtigter
Minister in Cettinje a. D.; * Bochum
17. XI. 1864; f Passau 10. XII. — DGK;
WI7 1275, 8 1783; AT 1927.
Pommer, Josef, Dr. phil., Reg.-Rat, Gym-
nasialprofessor i. R., Volksliedforscher,
Schriftleiter der Monatsschrift Das dtsch.
Volkslied, Mitglied des osterreich. Reichs-
rats; * Miirzzuschlag 7. II. 1845; t Grob-
ming (Steiermark) 25. XI. — Heraus-
geber einer groBen Reihe von Volkslied-
sammlungen. — JP85 [Sangerhalle 19 19,
51; Zsch. f. Musikwiss. 375]; WI7 1294;
KL 17 (W); R 994 (W); A 361 (W) ;
FAT 300 (W) ; Das deutsche Volkslied
1919, Nr. 1 (J.-P.-Nummer).
Prager, Robert, Buchhandler in Berlin,
Herausgeber der Bibliothek der Volks-
wirtschaftslehre und Gesellschaftswissen-
schaft (20 Bde.) und der Berichte iiber
Neuerscheinungen und Antiquaria aus
dem Gesamtgebiet der Rechts- u. Staats-
wissenschaften (I— XXXI, 1886 — 1916);
* Berlin 10. VIII. 1844; | Berlin 31. XII.
— W.: Bibliographic u. Bibliophilie
(1909). — SozMH 1919, 658; KL 17
(W).
Preuschen-Telmann, Hermione Baronin v.,
Malerin u. Schrif tstellerin ; * Darmstadt
7. VIII. 1857; t Lichtenrade b. Berlin
12. XII. — W. : Wie meine symbolischen
B ilder entstanden ( 1 9 1 1 ) ; Perlenkron-
lein. Autoanthologie (1912) ; Konrad Tel-
manns Brief e an Hermione v. P. (191 1) . —
Mors Imperator (Gemalde) . — FZ 1 9. XII.
(A.-Bl.); LE 21, 507; SozMH 1229 und
1919, 60; WI7 1304, • I784; KL 17 (W);
MS III, 489, V 235; PY II, 153 (W).
Rabe v. Pappenheim, Karl, Ritterguts-
besitzer, stellvertr. Vorsitzender der kon-
servat. Fraktion des preufi. Abgeord-
netenhauses, Prasident des Provinzial-
u. Kommunallandtags von Hessen-
Nassau; * Hannover 19. VIII. 1847;
t Kassel 28. III. — DGK; WI 7 1320,
8 1784; UAT 1920.
Radloff, Wilhelm, Dr. phil., Professor, Di-
rektor des ethnograph.-anthropolog. Mu-
seums in St. Petersburg, Mitglied der
Akademie der Wissenschaf t in St. Peters-
burg, Ritter des Ordens Pour le mirite;
* Berlin 17. I. 1837; f St. Petersburg.
— LZ761; ZB43 [Der neue Orient III,
546].
Raupp, Karl, Professor, Landschaftsmaler,
Ehrenmitglied der Akademie der Kiinste
in Miinchen; * Darmstadt 2. III. 1837;
f Miinchen 14. VI. — W.: Friede (Natio-
nalgalerie Berlin) ; Abschied (Galerie
Darmstadt); Ernste Begegnung (Neue
Pinakothek, Miinchen) . — Die Kiinstler-
chronik von Frauenchiemsee (2 1924). —
LZ 529; DGK; WI7 1332; Kchr, NF 29,
407 f.; MS IV. 20, V 238.
Reohberg u. Rothenlowen, Otto Graf v.,
Erbl. Mitglied u. (1898 — 19 10) Prasident
der wiirttemberg. I. Kammer; * Donz-
dorf 23. VIII. 1833; f Donzdorf 30. III.—
FZ 3. IV (1. M.-Bl.); WN 30—34 (Ha-
ring); GH 1919; WI 7 1335 f.
ReckensehuB, Robert Ritter v., Dr. rer.
techn. Dipl.-Ing., 0.6. Prof, des Eisen-
bahnbaus a. d. Techn. Hochschule Wien;
* Wien 14. IX. 1863; | Wien 28. I. —
FZ 8. II. (A.-BL); LpZ 8. II.; LZ 177;
WI7i337. 8i784-
R6e, Paul Johannes, Dr. phil., Professor,
Kunsthistoriker, Bibliothekar u. Sekre-
tar der bayer. Landesgewerbeanstalt in
Niirnberg; * Hamburg 13. III. 1858;
t Niirnberg 23. XI. — W.: »Niirnberg«
(Samral.BeriihmteKunststatten) (8 1907).
— LZ 976 ; SozMH 424 ; LE 2 1 , 444 ; Kchr
NF 30, 202 f. (Hampe); KL 17 (W).
Rehm, Hermann, Dr. jur., o Prof, des Kir-
chen- u. Handelsrechts a. d. Univ. StraB-
burg; * Augsburg 19. IV. 1862; f Strafl-
burg 14. II. — W. : Geschichte der Staats-
wissenschaft (1896); Allgem. Staatslehre
(!899); Kommentar zum Borsengesetz
( 1 908) ; Deutschlands politische Parteien
(1912). — DGK; ZB 42 [Zeitschr. f. d.
ges. Handelsrecht 81, 287 (Lehmann)];
WI7i34i (W); KL 17 (W).
Rehbaum, Theobald, Professor, Opern- u.
Liederkomponist ; * Berlin 7. VIII. 1835;
t Berlin 2. II. — W.: Don Pablo (Oper,
1880); Das steinerne Herz (Oper, 1885);
Turandot (Oper, 1888) — LpZ 14. III.;
JP 86 [DTonkZtg. 38; NMZ 39, 213;
Signale 253; NZfM 71; Stimme 12, 215];
R 1044 (W); A 377.
Rein, Johann Justus, Dr. phil., Geh. Reg.-
Rat, em. o. Prof, der Geographie a. d.
Univ. Bonn; * Raunheim a. M. 27. I.
1835 ; | Bonn a. Rh. 24. I. — W. : Japan,
nach Reisen und Studien (1*1905,
II 1886). — FZ 25. I. (A.-Bl.); 26. I.
(2. M.-Bl.) ; LZ 108; SozMH 260; 49. Ber.
der Senckenberg. Na turf. Ges. 1919, 130
bis 142 (Ziegler); HPSt 1918; GA 31
(Oppermann) (W) ; PM 64, 80 (Philipp-
702
Tot enlist e 1918: Reventlow — Rothpletz
son); h 54, 59; ZB 42; ZB 43 [Geograph.
Zeitschr. 331 — 342 (Kerp)]; WI?i347;
KL 17 (W).
Reventlow, Franziska (richtig: Fanny)
Grafin v., verehel. Freiin v. Rechenberg,
Romanschrif tstellerin ; * Husum 18. V.
1871;! Ifocamo 25. VII. — W. : Kloster-
jnngen (Humoresken, 1897); Ges. Werke
in 1 Bd. (1925). — LpZ 31. VII.; FZ31.
VII. (A.-BL), 1. VIII. (A.-BL); LE 20,
837 (Graetzer) u. 1452 ; LZ641 ; GT 1924;
PY II, 187.
* # Richthofen, Manfred Freiherr v., Ritt-
meister nnd Fiihrer des J agdgesch waders
•Freiherr v. Richthofen*, Ritter des Or-
dens Pour le mirite\ • Breslau 2. V. 1892 ;
gef. bei Corbie 21. IV. — FZ 24. IV.
(A.-BL), 25. IV. (2. M.-Bl.); MWB1 102,
135; HambFBl, Wochenausg. 189; IZ
3905 (P); E 487 (P); ZB 42 (Daheim 54,
33 (Salzmann)]; ZB 43 [Schweiz. Mschr.
fiir Offiz. aller Waffen 1918, 287]; FT
1919; Die Unvergessenen (1928), S. 279
bis 286) (P) ( Junger) ; M. v. R., ein Helden-
leben (1920); M. Frh. v. R., der rote
Kampfflieger (19 17); A. Wasner, Rittm.
M.Frh. v.R. (1918); DBJ 307/309 (Dahl-
mann).
Rledinger, Ferdinand, Dr. med., Hofrat,
a.o. Prof, der Chirurgie a. d. Univ. Wiirz-
burg, Generalarzt a la suite des Sanitats-
korps; * Schwanheim 19. IX. 1844;
f Wiirzburg 30. III. — FZ 3 1 . III. (2. M.-
Bl.); MMW 416; LZ 308; L 54. 63 f.;
WIM371; PBL 1384 f.(W).
Roedig, Moritz, Bildn is- und Historienmaler,
Schiiler Schnorr v. Carolsfelds; * Dresden
6. V. 1844; t Dresden 14. 1. — LpZ 14. 1. ;
Kchr, NF 29, 203; MS IV, 91 (W).
Roediger, Max, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
a.o. Prof, der deutschen Literaturgesch.
a. d. Univ. Berlin, Vorsitzender des Ver-
eins fur Volkskunde; * Berlin 28. X. 1850;
f Berlin 26. II. — W.: Altsachsische
Paradigmata (a 1893). — ^pZ 2. III.;
HPSt 1 918; ZB 42 [Zeitschr. des Vereins
fur Volkskunde 27, 185 — 106 (Bolte)];
KL 17 (W); Behrend, Gesch. d. dsch.
Philol. in Bildern (1927), S. 41 (P).
Roese, Wilhelm, Professor, Geh. Reg.-Rat,
Vorstand der chalkographischen Abtei-
lung der Reichsdruckerei ; * Franken-
berg (Hessen-N.) n. X. 1835; f Berlin
2. IV. — WI7 1392, 8 1785.
* Rosegger, Peter, Dr. phil. h. c. (Heidelberg
u. Wien), Schrif tsteller ; * Alpelb. Krieg-
lach 31. VII. 1843; t Krieglach 26. VI. —
W.: Ges. Werke, 40 Bde. (1922 f.); Brief-
wechsel zwischen P. R. u. F. v. Hausegger
(1924). — FZ 27. VI. (A.-Bl.), 29. VI.
(1. M.-BL), (Kienzl), 30. VI. (1. M.-BL),
26. VII. (Lothar); LE 20, 1298 — 1300 u.
1328 [TR, U.-B. 148; Munchen-Augsb.
Abendztg. 320; BT 323 ; Bayer. Staatsztg.
147; Konigsb. Hart. Ztg. 296; LZ 147;
Grazer Tagespost 174; NFP 27. VI.;
DresdNN 173 ; Magdeb. Ztg. 470] ; Hamb.
FrBl, Wochenausg. 198 u. 199; WI 7 1404
(W), 8 1785; E 750 (P); Taschenbuch fiir
Biicherfreunde V, 13 — 29 (H. Mobius);
Neue osterr. Biographie I, 158 — 177
(Nadler) (P), (W); IZ 3914 (Platten-
steiner), (P); PreuBische Volksschul-
lehrerzeitung 29, H7f. (Strietzel); Der
Turmer 29, 491 — 493 (Ungedr. Brief e R.s
an E. Dopper] ; KW 3 1 IV, 38 — 40 (Ave-
narius); Osterreich. Rdschau (Bettel-
heim-Gabillon) ; Die Dorfkirche 18, S.673
bis 678 (Mahr) ; Hans Ludwig Rosegger :
P. R.s Vorfahren (Mhe. fiir dtsch. Sprache
u. Padagogik 1924, 8 — 13); P. R. u. sein
Heimatland, die griine Steiermark, hrsg.
von H. I4. Rosegger (1925). — ZB 43
[Daheim 13. VII. (Hoffner); Konservat.
Monatsschrift 1918, 774 — 779 (Bartels);
Der Tiirmer, Sept. 19 18, 501 — 506 (He-
dina) ; Velh. u. Klasings Mhe., Okt. 1918,
142 (Kienzl); Der Vortrupp, 7. Jahrg.
276 (Platzer) ; Donauland, 2. Jahrg., I,
703 (Pirker); Bonifazius-Korrespondenz,
Jahrg. 12, 155 (Albrecht); Jahrb. der
Bergstadt 1919, 17 — 24 (P. Keller);
Preufl. Kirchenztg. 19 18, 406 (Kunze);
Deutscher Wille [Kunstwart], Jahrg. 31,
Juli 19 18, S. 38 (Avenarius); Osterreich.
Rundschau, Bd. 56, 77 (Bettelheim-Ga-
billon)]; ZB 46 [Die Propylaen, Jahrg.
r6, 244 (R.s Testament)]; DBJ 309/317
(Enzinger) (L), (W).
Roth, Ernst, Dr. phil., Professor, Oberbiblio-
thekar der Universitatsbibliothek u. der
Leopoldinisch-Carolinischen Akademie in
Halle, Herausgeber der Bibliographic der
deutschen Zeitschrif tenliteratur ; * Berlin
13. VIII. 1857; | Halle 5. IX. — W.:
Bibliographic der ges. Krankenpflege
(1902); Bibliographic des ges. Sports
(191 1). — LpZ 10. IX.; LZ 741 u. 746;
PM 64, 271; L 54. 66 u. 68; WI 7 1411;
KL 17 (W).
* Rothpletz, August, Dr. phil., o. Prof, der
Geologie u. Palaontologie a. d. Univ. u.
birektor der geol.-palaontol. Sammlung
in Munchen; Neustadt a. H. 28. IV. 1853 ;
t Oberstdorf 27. 1. — W. : Geotektonische
Probleme (1894); Geologische Alpen-
forschungen (3 Bde., 1900 — 1908); Geo-
log. Fiihrer durch die Alpen (1902). —
FZ 31. I. (A.-BL); L 54. 52; PM 64. 83;
GA T59 (Reindl); ZB 42 [D. Bayerland
Totenliste 1918: Riidisuhli— Schober
703
29, 191 (Dreyer); Deutschland IX, 98;
Mitteilgn. d. dtsch. u. osterr. Alpenver.
19]; ZB 43 [H. d. bair. AdW $9— 65
(Broili)]; KL 17 (W); PFV, 1072 (W);
The anniversary address of the president
quart, u. J. Geol. Soc. 75 (1920), Nr. 297
(Lamplugh); DBJ 317/319 (Salomon) (L).
Rttdlsuhll, Jakob Lorenz, Schweizerischer
Landschaftsmaler * Sennwald (St. Gal-
len) 13. X. 1835; t Basel 22. XI. — W.:
Landschaften. — IZ 3937 (P); MS VI,
241.
Sandt, Maximilian v., Dr. jur., Wirkl. Geh.
Oberreg.-Rat, Exzellenz, Verwaltungs-
chef beim Generalgouvernement War-
schau, Regierungsprasident in Aachen ;
* Bonn 23. XII. 1861 ; f Berlin 29. I. —
FZ 30. I. (2. M.-Bl.); TR 30. I.; E 183
(P); DGK; AT 1917.
Saner, Oskar, Schauspieler, Teilhaber des
deutschen Kunstlertheaters in Berlin,
Ibsen-Darsteller; • Berlin 5. XII. 1856;
t Berlin 2. IV. — FZ 4. IV. (A.-Bl.); IZ
3903 (P), (Delphy) ; SozMH 500 f . (Zepler)
u. 1 105; ZB 42 [Gegenwart 104 (Kienzl);
Schaubuhne 416 (Kahn)]; ZB 43 [Friede
I, 290].
Sehalch, Ferdinand, Dr. phil., Geh. Bergrat,
em. Landesgeologe von Baden, an der
geolog. Aufnahme von Sachsen, Baden
und der Schweiz fuhrend beteiligt;
* SchafFhausen 1 1. I. 1848; Kiisnacht b.
Zurich 19. XI. — LZ 976; Verh. der
Schweiz. Naturforsch.-Ges., 100. Jahres-
versamml. (1919), 25 — 30 (Peyer) (W);
SozMH 51; AA.
Sehenek, Dedo v., General d. Inf. z. D. u.
Generaladjutant, 1912 — 1917 Kommand.
General des XVII. A.-Korps, Ritter des
Ordens Pour le mdrite, a la suite des Kai-
ser- Alexander-Gardegrenadierregts Nr. 1 ;
•Mansfeld 11. II. 1853; f Wiesbaden
28. IV. — FZ 29. IV. (M.-Bl.) u. 2. V.
(2.M.-B1.);MWB1 102, Nr. 135. 136, 142;
HPSt i9i8;WI7 1463, 8 I786;ERL;AA.
Sehennls, Friedrich v., Maler u. Radierer;
* Elberfeld 17. VI. 1854; t Charlotten-
burg 5. IV. — W.: Park von Versailles
(Nat. -Gal., Berlin). — FZ 9. IV. (A.-Bl.) ;
SozMH 566; Kchr, NF 29, 292; MS V,
250, VI, 248; AA.
Scherer, Rudolf Ritter v., D. theol., Dr. jur.,
Dr. h. c, Hofrat, em. o. Prof, der Theo-
logie u. des Kirchenrechts an der Uni-
versitat Wien, Wirkl. Mitglied der AdW
Wien; * Graz 11. VIII. 1845; t Wien
21. XII. — W.: Handbuch des Kirchen-
rechts (2 Bde., 1886/98). — Almanach
AdW Wien 19 19, 198—210 (Voltelini)
(P); WI7 1465; KL 17 (W); AA.
Sehill, Otto, Dr. jur., Geh. Justizrat, Rechts-
anwalt u. Notar a. D., nationallib. Poli-
tiker, bis 1908 I. Vizeprasident der Sach-
sischen II. Kammer; * Schneeberg 9. XII.
1 838 ; t Leipzig 1 . III. - LpZ 3 . III. ; DGK .
Sehleslnger, Siegmund, Journalist u. Lust-
spieldichter (Feuilletonredakteur des
Neuen Wiener Tageblatts); * Waag-
Neustadtl (Ungarn) 15. VI. 1832; | Wien
8. III. — W. : Die Gustel von Blasewitz
(Lustspiel, 1863); Wiener Tageblatter
(1880). — FZ 9. HI. (A.-Bl.); LE 20,
880 f.; LpZ 9. HI-; BR8 VI, 198 (W).
Schmid, Julius, Dr. med., Professor der
inneren Medizin a. d. Universitat Bres-
lau; * Rottweil 11. IX. 1874; f Breslau
6. VII. — LpZ 11. u. 18. VII.; DGK;
WN 191; SchwM 326; MMW 65, 804.
Schmidt, Adolf, Dr. med., Geh. Med. -Rat,
0. Professor der inneren Medizin an der
Universitat Bonn a. Rh., Direktor der
Medizin. Klinik; * Bremen 7. III. 1865;
f Bonn a. Rh. 1 1 . XI. — LZ 936; SozMH
362; L 54, 84; MMW 65, 1334 u. 1412 f.
(Strasburger) (P); ZB 43 [Zentralbl. f.
innere Med. 39, 49, Beilage (Grote)];
KL 17; PBL 15101. (W).
Schneider, Hermann, Professor, Historien-
maler, Chefredakteur der Fliegenden
Blatter; * Miinchen 15. VI. 1846; f Mun-
chen 24. VII. — W. : Venus mit Liebes-
gottern (Museum, Leipzig). — LpZ
26. VII.; LZ 625; IZ 3920 (P); SozMH
920; WI7i504, 8 1786; MS V, 2i4f.,
VI, 254; AA.
♦Schnutgen, Alexander,1) Dr. theol. etphil.h.
c.,Domkapitular,geistlicherRat,Honorar-
professor a. d. Universitat Bonn, Ehren-
burger der Stadt Koln, Herausgeber
der Zeitschr. fiir christl. Kunst (seit
1888); • Steele 22. II. 1843; t Kom
24. XI. — FZ 29. XI. (1. M.-Bl.),
(Liithgen); Kchr, NF 30, 165 — 172
(Clemen) (P); H 16, 328—331 (Weifl);
A. S. zum Gedachtnis (SA der Zschr. f.
christl. Kunst); LZ 957; SozMH 60;
IZ 3937 (P); ZB 42 [DBZ 52, 458]; WI '
1508; ZB 43 [Cicerone X, 379 (Bier-
mann); Die Denkmalpflege 20, 116 (Hei-
mann); Niedersachsen 24, 71 (Schon-
hoff); Heimatschutzchronik 19 18, 24];
KL 17 (W); DBJ 319/322 (Schaefer).
Schober, Ildefons, resign. Erzabt von Klo-
ster Beuron; * Pfullendorf i. B. 23. II.
1849; f Kloster Beuron 28. II. — FZ
1. III. (1. M.-BL); LpZ 1. III.; AA.
x) Der Artikel Schnutgen in der Toten-
liste 1914 des DBJ 1914 — 16, S. 310,
2 . Spalte ist zu streichen.
704
Totenliste 1918: Schoeler — Semon
Schoeler, Heinrich, Dr. med., Geh. Med.-
Rat, a.o. Professor der Augenheilkunde
an der Universitat u. Inhaber einer Au-
genklinik in Berlin; * Fellin (Livland)
5. VIII. 1844; t Berlin 24. XI. — W.:
Jahresberichte der Augenklinik (1874 bis
1882). — MMW 1394; ZB 43 [DMW 44,
145 1 (Uhthoff)] ; SozMH 1919, 362; KL
17; PBL 1518 f.
Schoene, Alfred, Dr. phil., D. theol. h. c,
Geh. Reg.-Rat, em. o. Professor der klas-
sischen Philologie an der Universitat
Kiel; ♦ Dresden 16. X. 1836; f Kiel 8. I.
— FZ 10. I. (A.-Bl.); LE 20, 622; LpZ
12. I.; JAW 39, 87—112 (Ehwald) (W);
WI7 1512, 8 1787; LZ 65; KL 17 (W);
O. Baumgarten, Rede zum lojahr. Todes-
tag A. Sens. (1928).
Scholtz, Hermann, Professor, kgl. Kammer-
virtuos, Pianist; * Breslau 9. VI. 1845;
f Dresden 13. VII. — W. : Klavierkonzert
(C-moll) ; Trio (F-moll) ; Herausgeber der
Chopin- Ausgabe in der Edition Peters. —
LpZis.VII.;DGK; JP86[AMZ45,346;
NZfM 182 ; NMZ39, 293 u. 305 ; DTonkZtg
70]; R 1 157 (W); A4i9;NMI,575 (W) ;
FAT 357.
Scholz, Ernst, Dr. jur., Oberburgermeister
von Charlottenburg, Mitglied des preufl.
Herrenhauses ; * Wiesbaden 3. V. 1874;
t Danzig 9. X. — FZ 10. X. (2. M.-Bl.) ;
WI7 1518; DGK; SozMH 1085.
Schreck, Gustav, Dr. phil. h. c. Professor,
Kantor zu St. Thomae in Leipzig, Lehrer
u. Mitglied des Direktoriums am Kon-
servatorium der Musik; * Zeulenroda
8. IX. 1849; t Leipzig 22. 1. — W. : Fest-
kantate zum Leipziger Universitats-
jubilaum 1909; Manner- u. gemischte
Chore. — LpZ 24. I.; FZ 26. I. (A.-BL);
NMZ38, 261 f. (Niemann) (P); LZ 108;
SozMH 221; JP 86 [NMZ 39, 261 u. 40,
165; AMZ 44; NZfM 29; DTonkZtg 21;
RMTZ 31]; ZB 42 [Die Stimme XII, 138
(Lobmann)]; R 1160; A 421; FAT 358.
Stahrimpf, Marie, s. Uhden, Marie.
Schrutka, Emil Edler v. Rechtenstamm,
Dr. jur., Hofrat, o. Professor des osterr.
Zivilprozeflrechts a. d. Universitat Wien;
* Briinn 1. VI. 1852; f Kollerwerk i. d.
Ramsau 4. I. — FZ 7. I. (A.-Bl.) ; LpZ
7. I.; LZ 65; WI 7 1531. • 1787; ZB 42
[Allgem. Osterr. Gerichtsztg. 17 (Sperl)];
KL 17 (W); AA.
Schuch, Werner, Professor, Historienmaler;
* Hildesheim 2. X. 1843; t Berlin 24. IV.
— W. : Die Schlacht bei Leipzig (Ruhmes-
halle, Berlin); Landschaft mit Raub-
ritterstaffage (Nat.-Gal., Berlin). — IZ
3906 (P); SozMH 566; FZ 25. IV. (2. M.-
Bl.) u. 29. IV. (A.-Bl.) ; Kchr. NF 29, 310;
WI 7 1534 (W) ; MS IV, 250 (W). VI, 259.
SehQck, Albert, Kapitan, KompaBforscher;
• Brieg 18. XI. 1833; t Hamburg 15. X.
— W. : Der Kompafl (3 Bde., 191 1 — 1918).
— PM66, 235; PFV, 1 135 (W).
Schuh, Georg Ritter v., Dr. jur., Dr. med.
h. c, Oberburgermeister von Nurnberg
i. R., Geh. Rat, Exzellenz, langj. Vors.
d. bayr. Kanalvereins; * Fiirth 17. XI.
1846; f Starnberg 2. VII. — FZ 5. VII.
(2. M.-Bl. u. A.-Bl.); WI7 1537; ZB 43
[Die freie Donau III, 425 (Steller)].
Schultze, August Sigismund, Dr. jur., em.
o. Professor der Rechte a. d. Universitat
StraBburg, Senior der Juristenfakultat;
* Greifswald 28. IV. 1833; f Straflburg
i. XI. — W.: Das deutsche Konkurs-
recht (1880); Privatrecht u. Prozefl in
ihren Wechselbez. (1883); Zur neuen
deutschen Zivilprozeflordnung (1901). —
FZ 21. XI. (A.-Bl.); LZ 957; SozMH
1226; WI7 1542 (W); KL 17 (W).
Schulze, Ludwig Theodor, D. theol., Dr. phil..
Geh. Konsistorialrat, em. o. Professor der
Theologie a. d. Universitat Rostock;
• Berlin 27. II. 1833; t Rostock 26. 1. —
W.: Heilsgeschichte des Neuen Testa-
ments nach den Quellen (1883,* 1889). —
FZ 31. I. (A.-Bl.); ELK 51, 135 f.; LpZ
29. I.; SozMH 645; ZB 42 [Allgem. ev.
Kirchenztg. 249 (Hashagen)]; ZB 43
[Mecklenburg. Heimat XI, 29]; WI 7
1548; KL 17 (W); KJ 1918, 620 f.
Schweinltz und Krain, Hans-Hermann,
Graf v., Frhr. v. Kauder, Afrikareisender
u. Schriftsteller, Griinder u. 1. Vorsitzen-
der der deutsch-bulgar. Gesellschaft;
* Liegnitz 21. II. 1865; f Charlottenburg
9. II. — W.: Deutsch-Ostafrika in Krieg
u. Frieden (1894); Oriental. Wanderun-
gen in Turkestan und im nordostl. Per-
sien (1910). — DKZ 35, 17; PM 64, 83;
WI7 1560, 8 I787; GT 1920; KL 17 (W).
*Sehwerln-L6witz, Hans Graf v., D. theol. h.c.
Dr. phil. h. c, Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz,
Prasident d. Deutschen Landwirtschafts-
rates u. d. PreuBischen Landesokonomie-
kollegiums, 19 10 — 19 11 Prasident des
Deutschen Reichstags, M. d. R. (deutsch-
konservativ) ; * Schwerinsburg (Kreis
Anklam) 19. V. 1847; t Berlin 4. XI. —
FZ 5. XI. (2. M.-Bl.) ; IZ 3933 (P) '. v. Ar-
nim-v. Below, Deutscher Aufstieg S. 333
bis 336 (Kaiser); SozMH 1237; DGK;
E 1278; WI7i562, 8 1787; RH 1912.
371 f. (P); GT 1920; DBJ 32V325
(v. Schwerln)(W).
Semon, Richard, Dr. phil. et med., Professor
d. Anatomie a. d. Univ. Jena a. D., Na.
Totenliste 19 18: Siemens — Steinaecker
705
turforscher u. Forschungsreisender (1891
bis 1893 Australien u. Malayischer Ar-
chipel); * Berlin 22. VIII. 1859; f Miin-
chen 27. XII. — ■ W.: Ini austral. Busch
und a. d. Kiisten des Korallennieeres
(* 1903); Die Mneme (8 191 1); Das Pro-
blem der Vererbung erworbener Eigen-
schaften (1912). — MMW 66, 60 u. 302;
SozMH 291 u. 354; WI7i58i, 8 1788;
KL 17.
Siemens, Arnold v., Ingenieur, GroBindu-
strieller, Vorsitzender des Aufsichtsrates
der Firma Siemens & Halske, Mitglied
des preuB. Herrenhauses auf Lebenszeit;
♦ Berlin 13. XI. 1853; f Berlin 29. IV.—
FZ 30. IV. (2. M.-BL), 2. V. (2. M.-Bl.),
3. V. (2. M.-Bl.); AT 1927; P.Conrad:
A. v. S. zum Gedachtnis (19 18).
Sievers, Heinrich, Dr. jur., Senatsprasident
am Reichsgericht, Fiihrer der sachsischen
Nation alliberalen ; * Hildesheim 27. II.
1848; f Leipzig 4. X. — LpZ 5. X.; LZ
822; DGK.
Simm, Franz, Professor, Maler; * Wien
24. VI. 1853; t Miinchen 21. II. — W.:
Liebhaberkonzert (Weimar) ; Malstunde
(Miinchen). — LpZ 23. II.; L,Z 196 und
221; Kchr, NF29, 221; WI7 1596,8 1788;
MS IV, 280, VI, 265 (W).
*Sinrmel, Georg, Dr. phil., Dr. ret. pol. h. c,
o. Professor der Philosophic a. d. Uni-
versity StraBburg ; * Berlin 1. III. 1858;
t StraBburg 27. IX. — - W. : Soziale Diffe-
renzierung (4i9io); Einleitung in die
Moralwissenschaft (3 191 1); Kant, Vor-
lesungen (4i9i8); Soziologie (1908);
Hauptprobleme der Philosophic (3 191 3) ;
Goethe (19 12); Rembrandt (19 16); Frag-
mented Aufsatze aus dem Nachl. (1923);
Soziologie (2 1922). — LpZ 28. IX.; FZ
28. IX. (2. M.-Bl., A.-Bl.), 5. X. (1. M.-
Bl.) (Lewinsohn), 9. X. (1. M.-Bl.),
(Tonnies); LZ 801; IZ 3928 (P) ; SozMH
1919, 283 — 288 (Schmalenbach) ; LE21,
162 f. u. 188 [Berl. Morgenztg. 226; TR,
Unterh.-Beil. 28. IX. ; BT 497] ; K\V 32 I,
43 — 47 (Fischer); PreuB. Jahrb. 207, 3,
S. 292— 316 (Cron); ZB 43 [JAW 1918,
475 — 477 (Hoeber); Die Umschau 593
(Hoeber)]; WI 7 1596 (W); KL 17 (W);
M. Adler: G. Ss. Bed. fur die Geistes-
gesch. (19 1 9); W. Fabian: Kritik der
Lebensphilosophie G. S.s (1926); W.
Knevels: Ss. Religionstheorie (1920);
DBJ 326/333 (Colin).
Sim mors bach, Oskar, o. Professor a. d.Tech-
nischen Hochschule Breslau; * Bad
Rothenfelde 1. VI. 1872; f Breslau
14. XII. — FZ 20. XII. (A.-Bl.) ; StE 39,
28 u. i39f. (P).
DBJ 45
Simon, Hermann Theodor, Dr. phil., o. Pro-
fessor der Physik an der Universitiit Got-
tingen, Redakteur der Physikalischen
Zeitschrift; • Kirn a. N. 1. I. 1870;
t Gottingen 22. XII. — FZ 31. XII.
(A.-Bl.) ; SozMH 1919, 352; DGK; Physi-
cal. Zschr. 20, 19 (P), (Des Coudres) ;
PF V, 1 167 (W); AA.
Simon, Max, Dr. phil., o. Honorarprofessor
der Geschichte der Mathematik an der
Universitat StraBburg; * Koiberg S. VI.
1844; t StraBburg 15. I. — W. : Didaktik
u. Methodik des Rechnens u. der Mathe-
matik (ai9o8); Geschichte der Mathe-
matik im Altertum in Verbindung mit
antiker Kulturgeschichte (1909). — I,pZ
17. I.; FZ 17. I. (A.-Bl.); L 54, 31—32
(Lorey); LZ 108; SozMH 359; ZB 43
[Zschr. f. mathem. u. naturw. Unterr. 49,
268—271 (Lorey)]; KL 17 (W); PF V,
1 167 (W).
Sittenfeld, Konrad, s. Alberti.
Spangenberf, Paul, Professor, Maler;
* Giistrow i. M. 6. VII. 1843; t Berlin
22. VI. — Kchr, NF 29, 431; WIM615;
MS IV, 314, VI, 268.
Spiegelberg, Hanns v., s. Zobeltitz.
Spinner, Wilfrid, D. theol., Geh. Kirchenrat,
Generalsuperintendent u. Oberhofpredi-
ger in Weimar, Mitglied des Groflherzogl.
Kirchenrats in Weimar; * Zurich 12. X.
1854; t Weimar 31. VIII. — FZ 2. IX.
(A.-Bl.) ; LZ 741 ; SozMH 1 1 58 ; WI 7 1622,
8 1788.
Splitgerber, August, Landschaftsmaler;
* Steingaden 27. VIII. 1844; f Miinchen
30. V. — W. : Abend (Neue Pinakothek,
Miinchen). — Kchr, NF 29, 381; DGK;
MS IV, 325, VI, 269.
SUrkloff, Gustav Freiherr v., General der
Kavallerie u. diensttuender General-
adjutant des Konigs von Wiirttemberg
(der letzte seines Geschlechts) ; * Stutt-
gart 24. I. 1853; f Oberstdorf i. Allgau
11. VI. — SchwM Nr. 272; WN 40—42
(v. Muff); DGK; WI 7 163 1, 8 1788; FT
1919.
Steig, Reinhold, Dr. phil., Professor, Lite-
rarhistoriker, Forscher der Romantik;
* Woldenberg 1. XII. 1857; t Berlin
11. III. — Mitherausgeber von Suphans
Herder- Ausgabe (Bd. 5, 9, 16, ^Z) unc*
von E. Schmidts Kleist- Ausgabe (4. Bd.),
Herausg. von Arnims Werken (3 Bde.,
1 910). — W.: (mit Grimm) Achim v. Ar-
nim und die ihm nahestanden ( 1 . Bd. 1 894,
3 . Bd. 1 904) ; H. v.Kleists Berliner Kampfe
(1901). — LE 20, 881; LpZ 13. III.; LZ
265; WI7 1638 (W); KL 17 (W).
Steinaecker, Fritz Freiherr v., Ritterguts-
706
Totenliste 1918: Stern — Unger
besitzer, Generallandschaftsdirektor von
Pommern, Mitglied des Preuflischen Ab-
geordnetenhauses, M. d. R. (bis 1 918 ) (kon-
serv.) ; * Rosenfelde 17. II. 1849; f Rosen-
felde 16. IV. — HPSt 1918; DGK; WI7
1640 f.; FT 1919.
Stem, Wilhelm, Dr. med., Sanitatsrat,
praktischer Arzt und philosophischer
Schriftsteller (kritischer Positivist);
* Sandberg (Prov. Posen) 11. VIII. 1844;
f Berlin 18. X. — W.: ttber tief e Lage
der Nieren ( 1 869) ; Kritische Grundlegung
der Ethik als positiver Wissenschaft
(1897); Bi* allg. Prinzipien d. Ethik auf
naturwiss. Basis (1901); DasWesen des
Mitleids ( 1 903) . — BT Nr . 5 50 ; VZ 20. X. ;
WI7 1649 (W). 8 1788; B 14 XVII, 918;
M6 XVIII, 950; Eisler, Philosophen-
lexikon l 716; Kant-Studien 23, 506 f.;
tJberweg, Grundrifl d. Gesch. d. Philos.
"IV, 655 ; ZB 43 [Die dtsch. Schule, 1918,
349—358 (Ostermann)]; KL 17 (W).
Stieda, Ludwig, Dr. med., Dr. phil. h. c,
Geh. Med. -Rat, em. o. Professor der
Anatomie an der Universitat GieBen;
* Riga 19. (7) XI. 1837; f Gieflen 19. XI.
— W.: Archaologisch-anatomische Stu-
dien (3 Bde., 1901/02). — FZ 25. XI.
(A.-Bl.), 29. XI. (A.-Bl.) ; MMW 65, 1422 ;
L 55, 21 — 24 (Eisler); PM 65, 24; WI 7
16S2; KL 17 (W); PBL 1652 f. (P), (W).
Stdhr, Ernst, Maler; * i860; 1 17. VI.— -W.:
Kreuzigung (Wien. Staatsgalerie). —
Osterr. Rdschau 57, 45 f.; (Holzer);
MS VI, 273.
ftStrasser, Peter, Fregattenkapitan und
Kommandant der deutschen Marineluft-
schifflotte; * Hannover 1. IV. 1876; gef.
iiber England 5. VIII. — MOV; IZ 3920
(P) ; E 910 (P) ; AA. — Die Unvergessenen
(1928), S. 335— 36o (P) (R. Frey).
StrauB, Otto, D. theol., Geh. Kons.-Rat,
Feldoberpfarrer des deutschen Ostheeres;
t Kiew 24. XI. — MWB1 103, 616; AA.
* Posen 27. I. 1861.
Strupp, Gustav, Dr. jur., Geh. Komm.-Rat,
Griinder der Bank fiir Thuringen;
* 9. VII. 1851; | Meiningen 4. XII. —
FZ 7. XII. (2. M.-BL); DGK; AA.
Tafel, Julius, Dr. phil., em. o. Prof, der
Chemie a. d. Univ. Wurzburg; * Choindez
(Schweiz) 2. VI. 1862; | Miinchen 2. IX.
— LpZ «;. IX.; LZ761; ZB 43 [ChZ 42,
481 (Emmer)]; PF V, 1238 (W) [Ber. der
Dtsch. Chem.Ges. 51, 18]; AA.
Taege, August, Historiker; * Alt-Kusthof
bei Dorpat 3. X. 1839; f Berlin 19. VIII.
— Mitherausgeber der Politischen Kor-
respondenz Friedrichs d. Gr. — LZ 741 ;
SozMH 1097; LpZ 27. VIII.; KL 17.
Thlel, Hugo, Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz,
Ministerialdirektor der Domanenabtei-
lung des preufl. Landwirtschaftsmini-
steriums a. D.; * Bonn 2. VI. 1839;
t Berlin 15. I. — FZ 16. I. (A.-BL);
HPSt 1918; WIM704, 8 1789; SozMH
927; ZB 43 [Jahrb. der Landw.-Ges. ^jt
5—8 (Schmidt)].
Thiele, Johannes, Dr. phil., o. Prof, der
Chemie a. d. Univ. Strafiburg; * Ratibor
13. V. 1865; | Strafiburg i. E. 17. IV. —
FZ 19. IV. (A.-Bl.); DGK; LZ 349;
L 54, 49; ZB 42 [ChZ. 42, 217 (Wede-
kind); Zeitschr. fiir angew. Chemie 31,
117]; WI7 1705; PF V, 1249 f. (W),
[Ber. d. dtsch. Chem. Ges. 51. 19 18].
Thurau, Gustav, Dr. phil., o. Prof, der ro-
manischen Philologie a. d. Univ. Greifs-
wald, Mitherausg. der Zeitschr. fur
franzos. u. engl. Unterricht; • 3. Ill,
1863; f Greifswald im VII. — W.: Hi-
storische Syntax der franzos. Sprache
(1896 — 1910). — LpZ 11. VII.; FZ 12.
VII. (A.-BL); LZ 588; SozMH 11. VII.
KL 17 (W).
Tollens, Bernhard, Dr. phil., Geh. Reg.-
Rat, o. Honorarprof. der Agrikultur-
chemie a. d. Univ. Gottingen, Herausg.
des Journals fiir Landwirtschaf t ; * Ham-
burg 30. VII. 1841 ; | Gottingen 31. 1. —
W.: Kurzes Handbuch der Kohlen-
hydrate (1 * 1897, II * 1914). — FZ 6. II.
(A.-Bl.) ; LpZ 6. II.; LZ 153; SozMH 927;
HPSt 1918; WI7 1720; ZB 42 [ChZ.
42, 109 (Ehrenberg); Journal fur Land-
w. 66, 1 — 6 (v. Seelhorst)]; ZB 43 (Be-
richt d. dtsch. Chem. Ges. 51, 1539
bis 1555 (Wallach)]; KL 17 (W); PF V,
1262 (W).
i&Tutschek, Ritter v., Kgl. bayer. Haupt-
mann, Fuhrer der Jagdfliegerstaffel 12,
Ritter des Ordens Pour le mirite, Sieger
in 27 Luftkampfen; * Ingolstadt 16. V.
1 891; f °ei Brancourt 15. III. — FZ
18. III. (M.-BL); LpZ 18. III.; MW 102,
Nr. 116; E 351; IZ 3900 (P); AA.
Uhden, Marie, verehel. Schrimpf, Malerin,
Expressionistin aus dem » Sturm «-Kreis;
Gattin des Malers Georg Schrimpf;
* Coburg 6. VIII. 1892; f Miinchen 14.
VIII.— SozMH 1 171 ; Kchr, NF 30, 81 ;
ZB 43 [Das Kunstblatt 1918, II, 326];
MS VI, 285; AA.
Unger, Max Alexander Wilhelm, Professor,
Bildhauer; • Berlin 26. I. 1854; f Kis-
singen 31. V. — W.: Prinz Friedrich-
Karl-Denkmal (Frankfurt a. M.); Fried-
rich Wilhelm IV. (Berlin, WeiBer Saal
im Schlofi). — DGK; WIM743 (W).
8 1789; MS IV, 465; VI, 285.
Totenliste 1918: Versewitz — Wedekind
707
Versewitz, s. Boetticher.
Vifitor, Wilhelm, Dr. phil.t o. Prof, der engl.
Philologie a. d. Univ. Marburg, Heraus-
geber der Zeitschrif t Die neuen Sprachen ;
* Cleeberg (Nassau) 25. XII. 1850;
f Marburg 23. IX. — W.: Englische
Schulgrammatik (4igo6); Eleniente der
Phonetik des Deutschen, Engl. u. Fran-
zos. (• 191 5; Aussprache des Schrift-
deutschen (•1914); Engl. Lesebuch,
Unterstuf e (8 1 9 1 1 ) ; Einf iihrung in das
Studium der engl. Philologie (4i9io);
Elemente der Phonetik (7 1923). — LpZ
25. IX.; FZ 24. IX. (i.M.-Bl.); LE21,
i88;LZ8oi;WI7 i759(W);KL 17 (W) ;
Festschrift, W. V. dargeboten (1910):
W. V. Nachrufe v. F. Doerr u. A. Schroer
{1919).
tgiVogt, Ernst, Dr. phil., a.o. Prof, der
Geschichte a. d. Univ. GieCen; * Kaisers-
lautern 22. IX. 1877; gef. (im Westen)
5.X. — W. : Die hessische Politik in der
Zeit der Reichsgrundung (1863 — 1871),
(1914). — FZ 10. X. (A.-Bl.). 11. X.
(A.-Bl.); SozMH 1097; KL 17 (W).
•VoB, Richard, Bibliothekar der Wart-
burg, Schrif tsteller ; * Neugrape i. Pom-
mern 2. IX. 185 1; f Berchtesgaden 10.
VI. — W.: Ausgew. W. (4 Bde., 1922);
Auseinem phantastischen Leben (1920);
Vision en eines deutschen Patrioten ( 1 87 1 ) ;
Romische Dorfgeschichten (1884); Jiirg
Jenatsch (1893) I Erlebtesund Geschautes
(1893); Villa Falconieri (1896); Aus
meinem romischen Skizzenbuch (1896);
Romeo und Julia ini Albanergebirge
(19 10); Zwei Menschen (191 1). — FZ 12.
VI. (2. M.-Bl.), 20. VI. (1. M.-Bl.), (Con-
rad); HFB1, Wochenausg. 196; IZ 3912
(P); SozMH 1228; WIM776, 8 1790;
LE 20, 1223, 1263 u. 1403 — 1405 (v. Bnu-
sen); ZB 42 [Das Bayerland 29, 273;
Allgem. Ztg. des Judentums 82, 46
(Cohn)]; ZB 43 [Der Hochweg 6, 230 bis
234; Sudd. Mhe, Juli 1918, S. 287]; KL
17 (W); BR6 VII, 289 f.; DBJ 334/336
(v. d. Leyen).
Wagner, Christian, schwabischer Bauern-
dichter; * Warnibronn 5. VIII. 1835;
f Warmbronn 15. II. — W.: Sonntags-
gange (I 8 1890, II* 1887, III 1890); Ein
BlumenstrauB (Gedichte, 1906, 4i909);
Eigenbrotler, kleine Geschichten aus
meiner J ugendzeit (191 5). — LpZ 1 6. II. ;
LZ 177; WN 15 — 25 (Finkelbeiner) ; IZ
3896 (Hamecher) (P) ; LE 20, 816; Pad-
agog. Warte 33, 24, S. 1231— 1239 (Rutz) ;
KW 31, II, 144 f. (Avenarius); SchwM,
Wochenausg. v. 18. IX., 1925, S. 5 (Ge-
denktafel in Warmbronn); ZB 42 [Der
Tunner, 676 (Storck); Westermanns
Monatsh., April 1918, S. 192]; ZB 43
[Bl. d. Schwab. Albvereins 30, 41 (Heim) ;
Mitteilgn. d. Dtsch. Monistenbundes III,
175; Die Rheinlande 19 18, 61 (Schafer)];
KL 17 (W).
Wagner, Heinrich Oswald, Werkzeugma-
schinenfabrikant i. Fa. Wagner & Co.
in Dortmund, Stadtrat a. D., Nestor
der deutschen Werkzeugmaschinenbauer ;
* Kassel 22. VI. 1836; t'Dortmund 28. V.
— VDI 62, 620 (P) ; AA.
Wagner, Otto, Hofrat, Oberbaurat, Archi-
tekt, 1894 — r912 Professor an der Aka-
demie der bildenden Kiinste in Wien;
* Wien 13. VII. 1841; f Wien 11. IV. —
FZ 12. IV. (A.-Bl.), 19. IV. (A.-BL); LZ
328; SozMH 505 (Westheim); IZ 3906
(P); WIM785 (W), 8 1790; Kchr, NF
29» 3°5 — 3°8 (Tietze) ; Neue osterr. Biogr.
178—187 (Frey), (W); Die k. k. Akade-
miederbild. Kiinste in Wien (19 17), (W) ;
ZB 42 [Donauland 42, 354 (Roefiler) ;
Cicerone X, 141]; ZB 43 [Dtsch. Kunst
u. Dekoration 42, 198 (Lux); Histor.-
polit. Bl. f. d. kathol. Deutschl. 162, 263
bis 268 (Schmitt)].
& Waldburg zu Zeil, Georg Fiirst von, Durch-
laucht, erbl. Mitglied der bayer. Kammer
der Reichsrate und der wiirttemb. Kam-
mer der Standesherren, Bataillonskom-
mandeur im Inf. -Reg. 479; • SchloB Zeil
28. V. 1867; gef. Allaines b. Peronne
2. IX. — WN 192 f.; WIM788; GH
1920.
Waltz, Otto, Dr. phil., kaiserl. russ. Wirkl.
Staatsrat, Exzellenz, em. o. Prof, der
allgemeinen Geschichte a. d. Univ. Dor-
pat; * Heidelberg 10. II. 1844; f Heidel-
berg 3. III. — W. : Der Wormser Reichs-
tag 1 52 1 (1868); Die Denkwiirdigkeiten
Kaiser Karls V. (1901). — LpZ. 8. III.;
FZ 6. III. (A.-Bl.); S0ZMH449; LZ 240;
KL 17 (W).
Warth, Otto, Dr. phil. h. c, Geh. Rat, em.
o. Prof. a. d. Techn. Hochschule in Karls-
ruhe; * Limbach (Rheinpfalz) 21. XI.
1845; t Karlsruhe s. XI. — FZ 21. XI.
(A.-Bl.); LZ 915; LpZ 23. I.; WI 7 1801,
8 1790; Kchr, NF. 30, 1 18; ZB 43 [Bayer.
Heimatschutz 16, 33].
• Wedekind, Frank, Buhnenschriftsteller;
Hannover 24. VII. 1864; f Miinchen 9. III.
— W.: Gesammelte Werke (1912 — 19);
Ges. Briefe (2 Bde., 1924, P). — LpZ
n. 11. 13. III.; FZ 10. III. (2. M.-Bl.),
12. III. (1. M.-Bl.), (Diebold), 8. IV.
(A.-Bl.); HFbl, Wochenausg. 183,8.7.;
IZ 3899 (Delphy), (P); E 329 (P) I WI 7
1810 (W). 8 1790; SozMH 451 f. (Hoch-
708
Totenliste 1918: Weileu — Wilms
dorf); LZ 240; LE 20, 850 f. und 879
(Bahr) [VZ 127 u. 140; Altonaer Nachr.
118; BT 127; Nordd. Allg. Ztg. 130;
BBZ 1 19; BBCourier 1 i9;Mannh.Tagebl.
69; Weser-Ztg. 177; Konigsb. Allg. Ztg.
121; Tag 67; KZ 237; BB in]; H 15,
102—105; KW 31, III, 7—8 (Nidden);
Dtsch. Buhnenjahrbuch 31 (1920), (P);
ZB 42 [Die neue Generation 97; Preufi.
Jahrb. 171, 335 — 348 (Heine); Schau-
biihne 269 — 275 (Kohn); Der Tiirmer,
April 1918, 73—76 (Storck); Velh. u.
Klas. Monatsh., Mai 1918, S. 96 — 102
(Rath); Die neue Zeit 36, II, 129—136
(Steiger) ; Osterr. Rdschau 55, 38 (Pirker) ;
Donauland II (19 18), 236 (Kliiger); Ge-
genwart 74 (Kienzl); Glocke 41, 126 bis
132 (Groflmann); Dtsch. Wille 31, April
1918 (Nidden)]; ZB 43 [Praktische Dra-
maturgic I (1918), 193 — 201 (Zielesch);
Friede I, 191 (Polgar)]; KL 17 (W) ; Neue
Rundschau, April 1924, S. 366 — 393
Holischer) ; Blatter der Biicherstube am
Museum Wiesbaden, Juli 1924, S. 50 bis
54 (Diinnwald) ; E. Vieweger : F. W. u. s.
Werk (1919); H. Stobbe, Bibliogr. der
Erstausgaben F. Ws. (1921); H. Lauten-
sack: F. Ws. Grablegung (19 19); A. Kut-
scher, F. W. (19225.); P. Fechter: F. W.
(T920); F.Dehnow: F. W. (1922): DBJ
336/340 (Kutscher) (L).
Weilen, Alexander v., Dr. phil., a.o. Prof,
der Literaturgeschichte a. d. Univ. Wien,
stellv. Vorsitzender der Gesellschaft fur
Theatergeschichte, Kustos an der Hof-
bibliothek, Theaterreferent der Wiener
Zeitung; * Wien 4. I. 1863; f Bockstein
b. Salzburg 23. VII. — W.: Wiener
Theatergeschichte (1901); Geschichte des
k. k. Hofburgtheaters (1902). — LZ 625;
JP 87; ZMW 88; SozMH 1105; Osterr.
Rdschau 56, 135; Dtsch. Biihnenjahr-
buch 31 (1920), 144; ZB 43 [Das dtsch.
Drama II 343 (Feld)]; KL 17 (W); AA.
Weinstein, Bernhard, Dr. phil., Geh. Reg.-
Rat, Professor, Privatdozent fiir Physik
u. Geographie a. d. Univ. Berlin;
•Kowno 1. IX. 1852; | Berlin 25. III. —
W.: Elektrochemie (1908); Die Physik
der bewegten Materie u. die Relativitats-
theorie(i9i3).— FZ 28. III. (A.-Bl.); LpZ
30. III.; SozMH 628; L 54, 64; PF V,
1350 (W); WI 7i82i (W).
Weiss, Bernhard, D.theol., Dr. phil., Wirkl.
Geh. Rat, Exzellenz, o. Prof, der Theo-
logie a. d. Univ. Berlin, Mitglied des Kon-
sistoriums; * Konigsberg 20. VI. 1827;
f Berlin 14. I. — W.: Lehrbuch der bibl.
Theologie des Neuen Testaments (* 1903) ;
Jesus von Nazareth (* 1913) ; Das Neue
Testament (Ia 1902. II f 1902, HI * 1905).
— FZ 17. I. (A.-Bl.); LpZ 18. I.; ELK
51, 86; KL 17 (W); LZ 88; SozMH 645;
ZB 42 [Studierstube 16, 193 — 204 (Gron-
nicke); Daheim 54, Nr. 18]; KJ 1918,
622 f.; Theol. Blatter, Jahrg. 6, 9 (Sept.
1927, Sp. 241 — 251 (Deiflmann). — Zum
Ged. Bernh. W.s (Berlin 1918), (Dryander
u. a.). — B.W. Aus neunzig Jahren 1827
bis 19 1 8 (hersg. von Hansgerhard WeiB.
1927. Mit 10 Bildern).
WelB, Max, stellv. Vorsteher des steno-
graph. Bureaus des Deutschen Reichs-
tags, bekannt als »Kaiserstenograph«;
* Drengfurt (Ostpr.) 8. VII. 1849; f Ber-
lin 21. VII. — IZ 3918 (P); WI7 1825.
* Wellhausen, Julius, D theol., Dr. phil.,
Dr. jur. h. c, Geh. Reg. -Rat, o. Professor
der semitischen Philologie a. d. Univ.
Gottingen, Mitglied d. AdW Berlin,
Ritter des Ordens Pour le mirite, • Ha-
meln 17. V. 1844; f Gottingen 7. I.; —
W.: Skizzen und Vorarbeiten (5 Bde..
1884/92); Prologomena zur Gesch. Is-
raels, 6. Aufl. 1905 ; Das arabische Reich
und sein Sturz 1902; Israelitische und
jiidische Geschichte, 7. Aufl. 19 14; Hand-
schr. Tagebuch im Bes. von Professor
Ed. Schwarz, Gottingen. — FZ 15. I.
(1. M.-Bl.), (Gunkel); LpZ 9. I.; LZ65;
SozMH 359 f. (Kiihnert); IZ 3891
(P); ELK 51, 62 u. no; HPSt 1918;
IE 20, 622; H 15, 705 — 708 (Goetts-
berger); Nachr. d. GdW Gottingen 1918.
43—73 (Schwartz); WI7 1828 (W); ZB42
[Neues Sachs. Kirchenbl. 89 (Giithe);
Neue jiid. Mhe., II, 178 — 181 (Cohen);
Protestantenbl. 75 (Graflmann); Christl.
Welt 32, 72 (Jiilicher) ; Allg. Ztg.d.Juden-
tums 162 (Jampel); Dtsch. Rdschau,
Juni 19 1 8, 407 — 412 (Willrich)]; ZB 43
(Der Islam IX, 95 (Becker) ; Protestant.
Mhe. 1918, 145 — 153 (Jiilicher)]; KL 17
(W); KJ 1 918, 623 f.; M. Kegel: Los von
W.!(i923);E.K6nig: Der doppelte Well-
hauseniarismus(i927); J. W.:Trauerfeier
(i9i8);DBJ 341/344 (Sellin).
Wendling, Carl, Professor, Hofpianist,
Lehrer am Konservatorium der Musik
in Leipzig; * Frankenthal (Rheinpfalz)
14. XI. 1857; f Leipzig 20. VI. — FZ
26. VI. (A.-Bl.); WI8 1791; JP88 [AmZ
320; NZfM 159; Klavierlehrer 18, 105;
NMZ 39, 273; DTonkZtg. 70]; R 1410;
FAT 445-
Werner, E.. s. Biirstenbinder.
Wiethaus, Otto, Geh. Kommerzienrat ;
* Hohenlimburg (1843); t Bonn 27. V.
— StE 38, 422 u. 475 f (P); AA.
* Wilms, Max, Dr. med. , o. Prof, der Chirurgie
Totenliste 1918: Windisch — Zimmerer
709
a. d. Univ. Heidelberg; * Hunshoven
(Rhld.) 5. XI. 1867; f Heidelberg 14. V.
— FZ 16. V. (1. M.-BL); MMW 578 u.
709 — 711 (Rost) (P);LZ 453; SozMH
361 f.; ZB 42 [Med. Klinik 14, 555 (Per-
thes)]; ZB 43 (Dtsch. Zeitschr. f. Chirur-
gie 145, S. I. (Trendelenburg); Zeitschr.
fiir Urologie XII, 24! (Rost)]; DBJ 344/
346 (Enderlen).
Windisch, Ernst, D. theol. h. c, Dr. phil.$
Geh. Rat, o. Prof. d. Sanskrit a. d. Univ.
Leipzig, Sekretar der phil.-hist. Klasse
der GdW Leipzig, korr. Mitglied der
AdW Miinchen; * Dresden 4. IX. 1844;
t Leipzig 30. X. — W.: Syntaktische
Forschungen (1871); Irische Grammatik
(1879); Buddhas Geburt und die Lehre
von der Seelenwanderung (1908). — FZ
31. X. (A.-BL); ELK 51, 990 f.; SozMH
55; J ahrb.d. AdW Miinchen 1919,27 — 28
(Kuhn) ; [Zeitschr. d. Morgenland. Ges.
73. l%3 — 188 (W); Ecce der Crucianer
1 918, 14; Journal of the Royal Aiiat. Soc.
1 919, 299 — 306; Festschrift fiir E. W.
(1914) (W)]; ZB 43 [Der neue Orient 4,
135]; WI7 1866 (W); KL 17 (W); Fest-
schrift E. W. zum 70. Geb.-Tage (1914).
Winnefeld, Hermann, Dr. phil., 2. Direktor
der Antikensammlung der Kgl. Museen
in Berlin, Privatdozent der klass. Archao-
logie a. d. Univ. Berlin; * Uberlingen
4. IX. 1862; t Berlin 30. IV. — FZ 7. V.
(A.-BL); LE 20, 1 136; LZ 408; SozMH
1097; ZB 43 [Jahrb. d. kaiserl. Archaolog.
Instituts, Beilage: Archaolog. Anz. 1918,
Bd. 33, 87 (Noack); Museumskunde 14,
113 (Wiegand)]; KL 17 (W);AA.
Wltz-Oberlin, C. Alphonse, D. theol., Ober-
kirchenrat, Professor der Theologie a. d.
Univ. Wien, Pfarrer der ev. -reform. Ge-
meinde in Wien, Mitglied des Oberkirchen-
rats, Vorsitzender des osterreich. Haupt-
vereins der Gustav- Adolf -Stiftung, Griin-
der u. President der Gesellschaft fiir die
Geschichte des Protestantismus in Oster-
reich; * Diedendorf (Elsafl) 8. XI. 184s;
f Wien 13. XII. — W.: Franz Josef I.
und die evangel. Kirche (1889) ; Wahrend
des Krieges, 12 Predigten (191 5). —
ELK 52, 64; W 7 1877 (W); KL 17
(W).
Wiethaus, Carl, Geh. Kommerzienrat, 1894
bis 1 9 10 Generaldirektor der westf&l.
Stahlindustrie ; * Limburg a. L. 29. VII.
1842; f Bonn. — JSTG 20 (1919).
5. 177 f-
Woerl, Leo, Hofbuchhandler, Griinder und
Inhaber von Woerls Reisebiicherverlag in
Leipzig, Herausgeber von Woerls Reise-
handbiichern u. Stadtef iihrern ; * Frei-
burg i. B. 23. V. 1843; t Leipzig 1. VII. —
FZ2. VII. (x. M.-BL); LZ573; KL 17
(W).
Wyss, Oskar, Dr. med., em. o. Prof, der
Hygiene a. d. Univ. Zurich; * Dietikon
(Kanton Zurich) 17. VIII. 1840; f Zurich
1 . V. — FZ 3. V. (2. M.-Bl.) ; MMW 606;
LZ 408; ZB 43 [Correspondenzblatt fiir
schweiz. Arzte 48, 1014; Jahrb. fiir Kin-
der heilkunde u. phys. Erziehung 88,
231 (Feer); PBL 1885 f.
Zander, Richard, Dr. med., o. Honorarprof.
der Anatomie a. d. Univ. Konigsberg;
• Konigsberg 18. VII. 1855; f Konigsberg
23. X. — W.: Die Leibesubungen und
ihre Bedeutung fiir die Gesundheit
(•1911). — LpZ 25. X.; FZ 26. X.
(A.-B1.);MMW 1256; LZ 877; WI 7 1903;
KL 17 (W); PBL 1889 f.(W).
Zepler, Bogumil, Dr. med., Komponist,
Redakteur der Zeitschr. Musik fiir Alle;
* Breslau 6. V. 1858; | Krummhiibeli.R.
17. VIII. — W.: Der Brautmarkt zu
Hira (kom. Oper, 1892); Die Bader von
Lucca (kom. Oper, 1905); Cavalleria
Berolina (1891, Parodie). — LpZ 19. VIII;
HFB1, Wochenausg. 206; WI7 1909 (W),
8 1892; JP 88 [AM Z375; NMZ 39. 317;
Signale 563; DTonkZtg 70; RMTZ 220;
SozMH 986]; IZ 3922 (P); KL 17 (W);
R 1458 (W); A 530; NMZ 725 (W);
FAT 465-
* Zlegler, Theobald, Dr. phil., em. o. Prof,
der Padagogik a. d. Univ. StraBburg,
Dekan in Herrenberg; * Goppingen 9. II.
1846; f (*m Feldlazarett zu Sierenz im
Oberelsam 1. IX. — W.: Der deutsche
Student (" 191 2); Die geistigen u. sozia-
len Stromungen des 19. Jahrhunderts
(7i92i); Individualismus und Sozialis-
mus im 19. Jahrh. (1899); Die soziale
Frage (€i899); Das Gefiihl (5 1912);
Geschichte der Padagogik (8i909);
AUgem. Padagogik (4 191 3). — FZ 3. IX.
2. M.-BL), 7. IX (2. M.-Bl.); IZ 3925
(P); E 1022 (P); ELK 51, 928; LE21,
57 ; LZ 741 ; WN 5 1—58 (Binder), [Staats-
anz. f. Wiirttbg., bes. Beilage 1. X.
(Bacmeister); Schwab. Bund, Nov 19 19
(Binder) ; Siiddtsch. Ztg.. Nr. 245 (Egel-
haaf)]; SozMH 1919, 291; ZB 43 (Zeit-
schr. fiir Kinderforschung 24, 48 — 52
(J.Meyer)]; KL 17 (W); DBJ 346/349
(Liermann).
Zimmerer, Eugen Ritter v., Wirkl. Geh.
Rat, Exzellenz, a.o. Gesandter u. bevoll-
machtigter Minister i. R., friiher Gouver-
neur von Togo u. Kamerun ; • Gardelegen
22. IX. 1855 ; f Frankfurt a. M. 19. HI.—
DGK; WI6 1830.
7io
Totenliste 19 18: Zluhan — Zopke
Zluhan, Gustav v., President der General-
direktion der Staatsbahnen in Stuttgart
a. D., Vorsitzender der Finanzabteilung
des Wurtt. Roten Kreuzes; * Schontal
(OA. Backnang) 22. VII. 1846; f Stutt-
gart 22. III. — WN 188 [SchwM.,
Nr. 146].
Zobeltitz, Hanns v., Schriftsteller, Haupt-
mann a. D., Herausgeber des »Daheim«
u. von »Velhagen u. Klasings Monats-
hefte« [Pseudonym: Hanns v. Spiegel-
berg]; * Spiegelberg (Neum.) 9. IX. 1853;
f Bad Oeynhausen 4. IV. — W.: Die
ewige Braut (9i904); Im Knodelland-
chen und anderswo ; I^ebenserinnerungen
(1916). — FZ 7. IV. (2. M.-Bl.); L,E 20,
979 f. u. 1007 [Kreuzztg., Nr. 175;
Reichsbote, Unterhaltungsbeilage 52 ;
Norddtsch. Allgem. Ztg., Nr. 172; VZ.
Nr. 172]; WI7 19201". (W), 8i792; LZ
308; SozMH 654; IZ 3903 (Hamacher)
(P); UAT 1924; KX 17 (W); BR • VIII,
108 f. (W). — Zum Gedachtnis H. v. Z.
(1919).
Zopke, Johannes, Professor, Direktor der
Staatl. Technischen Lehranstalten in
Hamburg; * Berlin 11. VII. 1866;
| Hamburg 25. VIII. — LpZ 25. VIII.;
FZ 29. VIII. (A.-Bl.); JSTG 20 (1919),
183 f.; LZ 720; SozMH 1 109; A A.
Totcnlistc 1919
Abeken, geb. v. Olfers, Hedwig, Schrift-
stellerin, Witwe des Gen. Legationsrates
Heinrich A.; * Berlin 31. V. 1830; f Ber-
lin 21. IV. — W.: Heinrich Abeken
(* 1909). — DerTag27. IV.; TR23.IV.;
VZ 24. IV.; Sen.; LE; AT 1907; PY II
103; Velh. & Klasings Monatshefte, Ja-
nuar 1928, S. 530 — 535 (Brief e H.Grimms
an Hedwig v. Olfers) .
Ahlefeld, Hunold v., Vizeadmiral a. D.,
Direktor der Werft der A.-G. »Weser«;
• Kiel 5. III. 1851; f Bremen 5. IX. —
TR 7. IX.; UAT 1919.
Altenberg, Peter, [Ps. fur Rich. Englander]
SchriftsteUer; * Wien 9. III. 1859; f
Wien 8. 1. — W. : Wie ich es sehe (1896) ;
Was der Tag zu mir tragt (1900); Mar-
chen des Lebens (1908) ; Vita ipsa (19 18) ;
Mein Lebensabend (1919). — Nachlafl,
hersg. v. A. Polgar (Berlin, S. Fischer
1925). — LZ 58; Sen; LE 21, 636 und
608— -610 [VZ 22; Mannh. Gen.-Anz. 17;
Heidelb. Ztg. 10; Berl. Bors.-Cour. 13];
SozMH 297 (Hochdorf); KW 32, II,
75 f.; WI7 15, 8 1767; M7 I 421 ; KL 17
(W); GJN 1 14 f.; BR I 52 (W). — Frie-
dell, Ecce poeta (19 12); Friedell, Das
Altenberg-Buch (1922). — BZ 44 [Die
Propylaen 114 (Mell); Neue Rundschau
329 — 342 (Kerr); Weltbiihne S. 64];
BZZ XI [Dresdner Neuest. Nachr. 10. 1.;
NZZ 9. und 15. I.; BT 30. 1.; FZ 21. I.;
NFP 11. I.; Konigsb. Hartungsche Ztg.
11. V.]. — E. Darmstaedter: P. A. zum
Gedachtnis(i927);K.Kraus:P.A.(i9T9).
Amann, Joseph Albert, Dr. med., Geh.Hof-
rat, a.o. Professor der Frauenheilkunde
und Geburtshilfe an der Universitat
Miinchen, Vorst. d. 2. gynakol. Klinik;
* Miinchen 1. VII. 1866; f Konstanz
.17. X. — W. : Lehrbuch der mikroskop.
gynakol. Diagnostik (1897). — MNN
5. XL; TR 20. X.; MMW 66, 1250 und
1355 f. (Albrecht); Sch; LZ 861; SozMH
1256; KL 17 (W); ZB 45 [Monatsschr.
fur Geburtshilfe und Gynakologie 50, 461
bis 468 (Albrecht)].
Ardenne, Armand Baron v., Generalleut-
nant z. D., Militarschriftsteller; • Leipzig
26. VIII. 1848; t Grofl-Lichterfelde20.IV.
— Sch; LZ 465; WI7 28; FT 1919.
Arnim-Muskau, Traugott Hermann Graf v.,
Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz, Legationsrat
a. D., Mitglied des preufl. Herrenhauses,
letzter lebender Teilnehmer der Frank-
furter Friedenskonferenz von 1871, 1872
bis 1874 Sekretar beim Fursten Bis-
marck; * Merseburg 20. VI. 1839; f Mus-
kau 22. 1. — DGK; DKZ 36, 13; WI7 31,
8 1767; M7 I 886 f.; GT 1920.
Arons, Leo, Dr. phil., Physiker [gab dem
preuflischen »Aronsgesetz« den Namen],
Sozialist. Vorkampfer fiir Volksbildung
und Bodenreform; * Berlin 15. II. i860;
f Berlin 10. X. — VZ 11. X.; Vorwarts
n.X.;TRu. X.; BB1 15.X.; M 7 1 895;
Sch; LZ 841 ; SozMH 949 — 952 u. 1082 f.
(Zepler), 1096 f. (Peus), 1099 f. (Koch),
1055 f. (Einstein), 1056 — 1062 (Schippel),
1062 — 1064 (Hirsch), 1064 — 1066 (Le-
gien), 1066— 1069 (Miiller), 1069 — 1071
u. no4f. (Berchardt), 1072 — 1074 (Meh-
ner), 1090 f. (Schippel) ; GJN 149; PF IV
35 ; ZB 45 [DieGleichheit 29, 306 (Zepler)].
Baginsky, Benno, Dr. med., Professor. Pri-
vatdozent fiir Hals-, Nieren- und Ohren-
krankheiten an der Universitat Berlin;
• Ratibor 24. V. 1848; f Berlin 1. XII.
— TR5.XII.;MMW66, 1456; LZ ion;
WI7 51; GJN 220 f.; PBL 78 f. (P).
Bahnsen, Wilhelm, Oberkonsistorialrat,
Generalsuperintendent des Herzogtums
Koburg; * Tondern 31. I. 1851;! Koburg
16. V. — W.: Passionspredigten (1880);
Evangelienpredigten (2 Bde., 1893/99);
Zwei Weihetage meines Lebens (1895) • — ■
DGK; WI7 52, 8 1768; KL 17.
Baer, Fritz, Professor, Landschaf tsmaler ;
•Miinchen 18. VIII. 1850; f Pasing20.II.
— . W.: Vorfriihlingsabend (Bremen,
Kunsthalle), SDnnenuntergang (Weimar,
Museum). — MNN 6. VIII.; DGK;
WI7 49, 8 1768; SozMH 296; Kchr, NF
30,455; MSV 11 (W), VI 10; TB II 342
712
Totenliste 19 19: Bartenwerffer — Blume
(W) [Abb. seiner W. in: Katal. der Miin-
chener Glaspalast-Ausstellungen 1 896,
1898, 1900 — 1907]; M7 I 1462; BZ 44
Per Cicerone XI 147]. — H.F.Eggler:
F.B.(i927).
Bartenwerffer, Konrad v.. General d. Inf.
2. D., zuletzt Chef d. Gen.-Stabs des
I. AK.; * Danzig 16. XII. 1835; f Mar-
burg a. L. 23. III. — MWB1 103, 842;
DGK; AT 1927.
Bartsch, Robert v., D. theol., Dr. jut., preu-
Bischer Unt erst aatssekre tar a. D., Wirkl.
Geh. Rat, Exzellenz; * Oderberg i. M.
31. VII. 1833; f Badern 8. XI. — KJ
1920, 577; AT 1921.
Bauer, Adolf, Dr. phil., o. Professor der
alten Geschichte an der Universitat
Wien, Wirkl. Mitglied der AdW Wien;
•Prag5.HI. 1855; f Wien 13. 1. — W.:
Die griech. Kriegsaltertiimer (in Mullers
Hb. der klass. Altertumswissenschaft,
•1892); Themistokles (1881); Die For-
schungen zur griechischen Geschichte
(1899). — Sch; LZ 93; SozMH 748; Al-
manach AdW Wien 1919, 210 — 227
(Kubitschek) (W); M7 I 1576; KL 17
(W); Klio 16,208; AA.
Bauer, Hermann Theodor, Bischof der
Evangelischen Bruderkirche und Vor-
sitzender der deutschen Unitatsdirektion ;
• Rixdorf 1. XI. 1850; | Herrnhut
20. XII. — KJ 1920, 577; AA.
Beck, Karl Richard, Dr. phil., Dr. ing. e. h.,
LLD., Dr. mont. h. c, Geh. Bergrat, Pro-
fessor der Geologie an der Bergakademie
Freiberg; * Niederpfannstiel b. Aue
24. XI. 1858; f Freiberg i. Sa. 18. VIII.
— W.: Lehre von den Erzlagerstatten
(2 Bde., 1900/03, * 191 1), [auch franz. u.
engl.]. — LZ 681; PM 65, 190; SozMH
932; MdT 15 [Zsch. f. prakt. Geol. 149
(Stutzer) (W) ; Jahrb. f . d. Berg- u. Hut-
tenw. in Sachsen 19 19, 9 (Schreiber)];
Ber. Verh. d. GdW Leipzig, Math.-phys.
Kl. 1919. 347—364 (Kosmat) (W); WI7
82; KL 17 (W); ZB 45 [Tonindustrie-
zeitung 27, 149 (Stutzer)].
Bentheim und Stelnfurt, Alexis Fiirst zu,
Graf zu Tecklenburg und Limburg, Herr
zu Rheda usw., Durchlaucht, General-
leutnant A la suite der Armee; • Burg-
steinfurt 17. XI. 1845; t Burgsteinfurt
21. I. — DGK; ERL; WI7 99; GHK
1920.
Berger, Ernst, Professor an der Kunst-
akademie Miinchen, Hersg. der Munche-
ner Kunsttechnischen Blatter; * Wien
3. 1. 1857; f (erschossen) Miinchen 4. V.
— W.: Beitrage zur Entwicklungs-
geschichte der Maltechnik (191 1 — 19 12);
Rebekkas Abschied (188 1). — Kchr;
NF 30, 645; MS I 109 (W), VI 21 ; TB III
395 (W) [Meyer, Kiinstlerlexikon III;
Kunst unserer Zeit II (1893) 5^; Kat. der
Miinchener Glaspalast-Ausstellungen
1883, 1886, 1889, 1893, 1900. 1906. 1907].
Bernatzik, Edmund, Dr. jur., Hofrat, o.
Professor der Rechte an der Universitat
Wien, Mitherausgeber der Ostr. Zsch. fur
offentl. Recht; * Mistelbach 28. IX. 1854;
f Wien 30. III. — W. : Republik und Mon-
archic (1892); Die osterreich. Verfass.-
Gesetze (*i9ii); tJber nationale Ma-
triken (1910); Systematische Rechts-
wissenschaft (2i9i3); Rechtsstaat und
Kulturstaat (191 2). — Herausgeber der
Wiener staatswissenschaftlichen Studien
(1898 ff.). — WI7io6. 8i768; Sch;
Osterr. Rundschau 59, 116 — 120 (Garr);
KL 17 (W); BZ 44 (Juristische Blatter
1 919, 109 (Wittmayer); BZ 45 [Osterr.
Zeitschr. fiir offentl. Recht I, S. VII bis
IX].
Berr, Georg v., (1872 — 1877) bayrischer
Finanzminister a. D. ; * Pottenstein b.
Pegnitz 7. VIII. 1830; f 14. I. — DGK;
Sch; ZB 44 [Forstwissensch. Zentral-
blatt 1919, 155]; AA.
Bierling, Ernst, D. theol.. Dr. jur., Geh.
Justizrat, em. o. Professor des Kirchen-
und Strafrechts an der Universitat Greifs-
wald, Mitgl. des ehemal. preuttischen
Herrenhauses; * Zittau 7. I. 184 1; f
Greifswald 8. XI. — W.: Juristische
Prinzipienlehre (4 Bde., 1894 — 1905). —
TR 13. XL; Sch; KJ 1920, 577; KL 17
(W).
Bilflnger, Hermann Freiherr v., General d.
Inf. z. D., Exzellenz, diensttuender Gene-
raladjutant des Konigs von Wurttem-
berg a. D., ehem. Mitglied der Wurttemb.
Ersten Kammer; * Friolzheim i.IH.
1843; t Stuttgart 14. III. — SchwM
16. III.; DGK; WI7 125; FT 1919; WN
79—82 (v. Muff); SchwM 126.
Blume, Wilhelm v., General der Inf. z. D.,
Chef des Inf .-Regts. Herwarth v. Bitten-
feld (i.Westfal.) Nr. 13, Dr. phil. h. c.
Militarschriftsteller, friiher Mitglied des
Staatsrats, des Bundesrats, des Reichs-
disziplinarhofs, Ehrenmitglied der schwe-
dischen Akademie der Kriegswissenschai t
in Stockholm, 1888 — 1 896 Komm. Gene-
ral des 15. Armeekorps; * Potsdam 10. V.
1835; f Nikolassee 20. V. — W.: Die
Operationen des deutschen Heeres von
der Schlacht bei Sedan bis zum Ende des
Krieges 1871 ('1872); Strategic eine
Studie (f 1886); Kaiser Wilhelm I. und
Roon (1906); Moltke (1907); Militarpoli-
Totenliste 1919: Blumner — Brieger
713
tische Aufsatze (1906). — TR 21. V.;
MWB1 103, Nr. 138 und S. 972, 978, 984;
Sch; WI7 141 (W); M 7 II. 512; KL 17
(W); AT 192 1, LA 9 f. (W).
Blumner, Hugo, Dr. phil., o. Professor der
Archaologie an der Universitat Zurich;
• Berlin 9. VIII. 1844; | Zurich 1. I. —
W.: Technologie und Terminologie der
Gewerbe und Kiinste bei Griechen und
Romern (4 Bde., 1875—1887, "1912);
Handbuch der rornischen Privatalter-
tiimer (1881); Pausaniae graecae descrip-
tiones (3 Bde., 1896 — 1910). — NZZ 13. 1.,
14. I.; Sch; DGK; SozMH 748; Kchr,
NF 30, 307 f. (Maas); JAW 41, 1 — 44
(Waser) (W) ; [Die Schweiz 18 (1914).
362 f. (Waser), (P) u. 23 (1918), 115 f.
(P); NZZ 2., 3., 6., 12.— 14., 17. I.; Ge-
dachtnisblatt v. Otto Busse; Jahresb. d.
Univ. Zurich 191 8/1 9, S. 55 — 58 (Schwy-
zer)] ; Jahrb. AdW Miinchen 1919, 29 — 30
(Rehm); LE 21, 637; WIM40 (W);
M7II, 517 (W); KL 17 (W); ZB 44
[DBZ 53, 52; Klio 16, 208. — Festgabe,
H. B. uberreicht (1914)].
Bode, Hedwig Baronin v., geb. Harnisch,
gesch. Schobert [Schriftstellername], Ro-
manschriftstellerin ; * Barniraskunow
(Pommern) 19. IV. 1858; f Berlin 21. I.
— W.: Madame Diane (* 1905); Treib-
holz (1916). — WIM45 (W), 8i769;
KL 17 (W); PY II, 263 (W).
Bonhdffer, Adolf, Dr. phil.. Professor, Di-
rektor der Wiirttembergischen Landes-
bibliothek in Stuttgart; * Eschelbach
19. VI. 1859; t Stuttgart 14. VIII. —
W.: Neubearb. von Windelbands Gesch.
der alten Philos. (8i9i2). — JAW 42,
74—83 (Const. Ritter) ; LZ 681; SozMH
1920, 203; WI7 160 f. (W); JB 1920, 178;
KL 17 (W); WN 104— 112 (Ritter).
Bossert, Otto Richard, Graphiker, Lehrer
an der Leipziger Kunstgew.-Akademie;
* Heidelberg 23. IV. 1874; f Leipzig 14. 1.
— W.: Land (8 Blatt) ; Meer (Zyklus). —
LNN 16. I.; Kchr. NF 30. 303; MS VI,
33 (W); TB IV, 404; M7 II, 707; ZB 44
[Archiv f. Buchgew. 1919, 18 (VoB);
Die Kunst fin* Alle 34, 221 (Grimm);
Kunsthandel 18 (VoB); IZ 3944 (VoB)];
AA.
Boetticher, Gotthold, Dr. phil., Professor,
Geh. Studienrat, Direktor des Konig-
stadtischen Realgymnasiums, Vorsitzen-
der der Gesellschaft fur deutsche Philo-
logie; * Wahlhausen (Kr. Heiligenstadt)
26. V. 1850; t (beim Kommunistenauf-
stand erschossen) Berlin 19. III. — AA;
Behrend, Gesch. der dtsch. Philologie in
Bildern (1927), S VII (P). — TR 7. III.;
KJ 1919, 564; ZB 44 [Zsch. f. d. dtsch-
Unterricht 262 — 270 (Kinzel)].
Bfittner, Johannes, Okonomierat, Garten -
bauschrif tsteller ; * GreuBen (Thiir.) 3. IX.
1861; t Frankfurt a. O. 28. IV. — W.:
Gartenbau fur Anf anger (ll 1916); Lehr-
buch des Obstbaus (6 1914). — DGK;
WI7 156 (W); KL 17 (W).
Bradl, Jakob, Professor, Bildhauer und
Maler, Leiter der Oberammergauer
Schnitzerschule ; * Miinchen 14. XII.
1864; f Ettal 16. IX. — W.: Tympanon
in Kulmbach; Madonna in der Lieb-
frauenkirche, Bamberg; Wittelsbach-
Brunnen in Passau. — LNN 18. IX.;
WI7i75 (W); H 17. 240—242 (Lang);
MS VI, 36 (W); TB IV, 506; BZ 45
[Christl. Kunst XVI, Beibl. 1].
Brandenburg, Martin, Maler, Mitglied der
Berliner Sezession; * Posen 8. III. 1870;
t Berlin 19. II. — W.: Das Herz; Der
schwarze Wahn; Parsifal; Sommertag.
— WIM77 (W), 8i769J SozMH 296;
KW 32, II 178 f. (Avenarius); Kchr,
NF 30, 441 f.; TB IV, 529 (W) [Kchr,
NF 18, 396 ff.]; MS V, 37 (W), VI, 36;
M7II, 774-
Brandt, Gustav, Dr. phil., Professor, Direk-
tor des Thaulow-Museums ; * Kiel 13. II.
1865; f Voorde b. Kiel 20. IV. — AA;
LZ 384; Kchr; NF 30, 620 f. (K.Schae-
fer) ; SozMH 595 ; BZ 44 [Gartenlaube 193
(Warncke)]; BZ 45 [Die Heimat 177 bis
1 8 1 (Deneken) ; Heimatschutz-Chronik
HI. 9]-
Bremen, Egon v., Dr. h. c, Wirkl. Geh. Rat,
Exzellenz, Ministerialdirektor im preu-
Bischen Kultusministerium a. D., Vor-
sitzender des Gerichtshofes zur Entschei-
dung von Kompetenzen; * Bergen auf
Riigen 21. V. 1852; | Berlin 9. VII. —
W. : Das Volksschulwesen im preuBischen
Staat (3 Bde., 1886). — DGK; WI 7 189.
Breuer, Josef v., Generaldirektor der Skoda-
werke; * Ozd (Ungarn) 6. V.1871 ; f Pilsen
4. VII. — StE 39. 828 u. 992 (Mann), (P).
Brfeger, Ludwig, Dr. med., Geh. Med. -Rat,
a.o. Professor der inneren Medizin an der
Universitat Berlin, Leiter der Hydro-
therapeuth. Anstalt, Vorsitzender der
Balneolog. Gesellschaft, Prasident der
Deutschen Gesellschaft fiir Volksbader;
• Glatz 26. VII. 1849; t Berlin 19. X. —
W.: Uber Ptomaine (3 Bde., 1885/86);
GrundriB der Hydrotherapie (1909). —
TR20. X.; IZ (P); WIM95 (W),8i77o;
KL 17 (W); PBL 240—243 (P), (W);
BZ 45 [ChZ 43, 769 (Neuberg) ; Med. Klinik
15.757 (Laqueur); DMW45, 831 (Kolle)
u. 1335 (Blumenthal) ; MMW 384]-
7i4
Totenliste 19 19: Brockhusen — Dallwitz
Brockhusen, Theo v., Maler, President der
freien Sezession; * Margrabowa 16. VII.
1882; f Berlin 20. IV. — W.: Markische
Landschaft (Berlin, Cassirer); Gutshof
in Seelow (1910). — DAZ 22. IV.; FZ
25. IV.; VZ 20. IV.; Sen; Kchr, NF 30,
5971; SozMH 581; WI7 198; MS V, 40;
TB V, 39 f . (W) ; M 7 II, 904; Cicerone XI,
260.
Brugmann, Karl, Dr. phil., LLD., Dr. h. c,
Geh. Rat, o. Professor der indogermani-
schen Sprachwissenschaft an der Univer-
sitat Leipzig, Mitglied der GdW Leipzig,
korresp. Mitglied der AdW Wien, Miin-
chen, Upsala, Kopenbagen, Budapest,
Gothenburg, Helsingfors [Rom, Peters-
burg, Turin]; * Wiesbaden 16. III. 1849;
t Leipzig 29. VI. — W.: GrundriB der
vergleich. Grammatik der indogerman.
Sprachen (1886 — 1892, "1897 — 1913);
Hersg. der Indogerman. Forschungen. —
LNN 30. VI.; Sch; LZ 509; M* III, 491;
Almanach AdW Wien 70, 256 — 261
(Kretschmar) ; SBGdW Leipzig 71 (1921),
25 — 40 (Streitberg) ; Indog. Jahrb. VII
(1921), 143—152 (Streitberg), (W); Jahr-
buch AdW Miinchen 1919, 3 1 — 36 (Streit-
berg) ; KL 17 (W) ; WI 7 206; KW 32, IV,
80 f. (Fischer); LE 21, 1402; M7II, 959
(W); BZZ XI [FZ 18. III.; Dresdner
Neuest. Nachr. 1. VII.; LNN 1. VII.;
NZZ 9. VII.].
Brans, Heinrich, Dr. phil., Geh. Hofrat,
o. Professor der Astronomie und Mathe-
matik an der Universitat Leipzig, Direk-
tor der Sternwarte, Mitgl. der GdW Leip-
zig, korresp. Mitgl. der AdW Miinchen,
Berlin, Stockholm, der GdW Gdttingen;
* Berlin 4. IX. 1848; f Leipzig 23. IX.
— W.: Die Figur der Erde (1878); t)ber
die Integrale des Vielkorperprobl. (1887) ;
Grundlinien des wiss. Rechnens (1903).
— LNN 25. IX.; Sch; LZ 777; PM 65,
190; Astronom. Jahrb. 23 (1921), 23;
Vierteljahrsschrift der Astronom. Ges.
Leipzig 56, 59 — 69 (Bauschinger), (P),
(W); Jahrb. d. AdW Miinchen 1919, 67
bis 72 (Seeliger); Ber. Verh. GdW Leip-
zig, Math.-phys. Kl. 1919. 3^5—374
(Herglotz), (W); WI72o9 (W); M7II,
973:KLi7(W); PF IV, i79(W);BZ45
[Astronom. Nachr. 210, 15 (Hayn)].
•Bubendey, Johann Friedrich, Baurat,
Wasserbaudirektor, Schopfer der Ham-
burger Hafenanlagen, 1895 — x9°3 Pro~
fessor fiir Wasserbau a. d. Technischen
Hochschule Charlottenburg ; * Hamburg
4. VII. 1848; f Hamburg 10. V. — Ham-
burger Fremdenbl. 1 1 . V. ; SozMH 772;
VDI 63. 573—575 (Thierry), (P) ; MdT
33 f. (U. Lohse); M7 II, 990; BZ44 [DBZ
53, 222 (Eiselen); Zschr. d. Verb, dtsch.
Dipl.-Ing.10.61 (Baritsch)]; BZ 45 [Zschr.
fur Binnenschiffahrt 155 (Hoch)], DBJ
350/355 (Hoch) (W).
Buttner Pfanner zu Thai, Franz, Dr. phil. .
Geh. Hofrat, Professor an der Miinchner
Kunstakademie; • Halle 9. VI. 1859;
t Schlofl UnterUuter b. Koburg 20. VIII.
— W.: Anhalts Bau- und Kunstdenk-
maler (1891 — 1895); Anleitung zur Re-
staur, u. Konserv. d.Olbilder (1896);
Herausgeber von Buttners Handbiicher
(4Bde.). — TR26. VIII.; WI722i (W);
MS V 45. VI 43; KL 17 (W); BZ 45
[Antiquitaten-Rundschau 17, 148].
Charlotte, Herzogin von Sachsen-Meiningen,
geb. Prinzessin von Preufien, Kgl. Ho-
heit, alteste Schwester Kaiser Wil-
helms II.; • Potsdam 24. VII. i860;
t Baden-Baden 8. X. — Sch; GHK 1920.
Cohn, Gustav, Dr. phil., o. Professor der
Staatswissenschaften an der Universitat
Gdttingen, Direktor des Staatswissensch.
Seminars; * Marienwerder 12. XII. 1840;
f Gdttingen 20. IX. — W.: System der
Nationalokonomie (188 5 — 1 898) ; Die
deutsche Frauenbewegung (1897). —
Sch; LZ 797; SozMH 1246; WI 7 263 (W),
•1771; M7II, 1666; GJN 579 f- (W);
BZ 45 [Bankarchiv 19, S. 1].
Cornu, Julius (Jules), Dr. phil., em. o. Pro-
fessor der romanischen Philologie an der
Universitat Graz; * Villers-Mendraz
(Schweiz) 24. II. 1849; f Leoben 27. XI.
— W.: Grammatik der portugiesischen
Sprache (in Grobers GrundriB der ger-
man. Philol. I). — BBI31. XII. ; LZ 1920,
21; LE 22, 504; M7III, 37-
Creizenach, Wilhelm, Dr. phil., Hofrat, em.
o. Professor der deutschen Sprache und
Liter atur an der Universitat Krakau.
Mitglied der AdW Krakau; • Frankfurt
a.M. 4. VI. 1851; f Dresden 15. V. —
W.: Geschichte des neueren Dramas
(4 Bde., 1893 — 19°9)' — Fz 24- V.; Sch;
DGK; LZ 404; WI 7 274 (W) ; M 7 III, 86;
KL 17 (W); BZ 45 [Mittlg. aus dem ges.
Gebiete der engl. Sprache u. Lit. 30
(1919), 281 (Fehr)]; Behrend, Gesch. der
dtsch. Philologie in Bildern (1927),
S.61 (P).
Dallwitz, Johann v., Wirklicher Geh. Rat,
Exzellenz, (1914 — 19 18) Statthalter von
ElsaB-Lothringen a. D. (1903 — 1909 an-
halt. Staatsminister, 1909 — 1910 Ober-
prasident von Schlesien, 19 10 — 19 14
preuflischer Minister d. I.); * Breslau
29. IX. 1855; | Bossee b. Weitensee
(Holstein) 2. VIII. — BT 6. VIII.; TR
Totenliste 19 19: Dammer — Dolivo-Dobrowolski
715
6. VIII.; LNN 7. VIII.; Sch; WI 7 284,
8 1771; M7III, 178; UAT 1921.
Dammer, Udo, Dr. phil.. Professor, Kustos
des Botanischen Gartens in Berlin;
* Apolda 8. 1, i860; t Grofirambin bei
Kolberg 20. XI. — W. : Handbuch fiir
Pflanzensammler (1891); Unsere Blumen
und Pflanzen im Garten (19 12), Unsere
Blumen und Pflanzen im Zimmer (19 14).
— WI7286 (W),8 I77U KL 17 (W).
Danckelman, Freiherr v., Alexander, Dr.
phil.. Professor, Gen. Regierungsrat,
1886/90 Generalsekretar der Gesellschaft
fiir Erdkunde in Berlin, dann bis 191 1
als Geograph im Reichskolonialamt, Geo-
graph u. Meteorolog, 1888 — 191 1 Schrift-
leiter der »Mitteilungen aus den deut-
schen Schutzgebieten*; * Gordemitz b.
Eilenburg 24. XI. 1855; | Schwerin 30.
XII. — PM 66, 61; WI7287; M 7 III
229.
* Delbrttck, Max, Dr. phil.t Geh. Reg.-Rat,
o. Professor d. technischen Chemie an der
Landwirtsch. Hochschule Berlin, Direk-
tor des Instituts fiir Garungsgewerbe,
Herausgeber der Wochenschrift fur
Brauerei u. d. Zschr. fiir Spiritusindu-
strie; * Bergen a. Rugen 16. VI. 1850;
f Berlin 4. V. — W. : Handbuch der Spiri-
tusfabrikation (8 1908). — DGK; LZ 359;
WI7298, • 1771: SozMH 592; M7III,
391 ; KL 17 (W); ZB 44 [Dtsche. Landw.
Presse 285 (Hayduck) ; Dtsche. Tierarztl.
Wschr. 190 (Paechtner) ; AUgem. Zschr. f .
Bierbrauerei 149, 155 (Clufl) ; VDI 63,
469]; BZ 45 [Die dtsche. Essigindustrie
23, 199 — 204 (Hayduck); Mittlg. zur
Gesch. der Med. u. Naturwiss. 18, 264;
Wochenschr. fiir Brauerei 195 — 200;
Zschr. fiir Spiritusind. 231; Zschr. fiir das
ges. Brauwesen, NF 42, r 75] ; F. Hayduck,
M. D. zum Gedachtn. Berlin 19 19; DBJ
355/36o (Hayduck).
Detten, Georg v., Geh. Justizrat, Land-
gerichtsrat a. D., westfalischer Ge-
schichtsforscher, Ehrenmitgl. des Ver. f.
Gesch. u. Altertumskunde Westfalens;
♦Werne a. L. 9. VI. 1837; f Paderborn
30. III. — W.: Die Hansa der West-
falen (1897); Westfal. Wirtschaftsleben
im Mittelalter (1902). — LE 21, 10 19;
WI7305 (W); KL 17 (W); UAT 1925;
ZB 44 [Niedersachsen 24, 216].
•Deussen, Paul, Dr. phil., Geh. Reg-Rat,
o. Professor der Philosophic a. d. Univer-
sitat Kiel, korresp. Mitglied der AdW
Wien; * Oberdreis (Kr. Neuwied) 7. I.
1845; t Kiel 6. VII. — W.: Elemente der
Metaphysik (1877, 6l9T9)i Allgemeine
Geschichte der Philosophic (1894 — 191 7) \
Mein Leben (1922). — BT 9. VII.; VZ
8. VII.; LNN 9. VII.; Sch; LZ 552;
SozMH 832; Almanach AdW Wien 1920,
242 — 254 (Meinong); M 7 III, 485 (W);
Kant-Studien 24. 3 (H. Scholz: P. D.);
KL 17 (W); BZ 45 [Bayreuther Blatter
42, 288 (Gotthelf) ; Der neue Orient V,
244; Weltall 19, 196 (Engelhard t) ; Der
Vortrupp 8, 481 — 487 (Biernatzki)]; BZZ
XI [TR 11. VII.; Tag 17. VII.; NZZ
17. VII.;FZ23. VII.; KZ 15.— 17. VII.];
DBJ 360/367 (StrauB).
Diethe, Alfred, Historienmaler, 1885 — J904
Professor an der Kunstakademie Dres-
den; * Dresden 13. II. 1836; f Dresden
7. VI. — W.: Christ us mit den Jiingern
in Emmaus (i860, Dresdener Galerie) ;
Auferstehung Christi (1861) ; Zwei Wand-
bilder im Bankettsaal der Albrechtsburg
zuMeiflen.— WI7 313 (W),8 1771; Kchr,
NF 30, 797 ; MS I, 343 ( W) , VI, 69 ; TB IX,
255 (W) [mit Lit.-Angaben] ; A A.
Dietrich, Christian, Rektor a. D., Fiihrer der
Gemeinschaftsbewegung, Herausgeber d.
Gemeindebl. » Philadelphia*; * Gschwend
8. IV. 1844; t Stuttgart 22. II. — KJ
1919. 565 ; WN 75—79 (Jehle) ; G.Schmid,
Von Kraft zu Kraft; Rektor D.s Lebens-
gang und Lebenswerk (191 9).
Dittrich, Rudolf, Komponist, Orgelprofessor
a. d. Akademie der Tonkunst, 1888 bis
1894 artistischer Direktor an der kaiser-
lich japanischen Musikakademie in Tokio ;
•Biala (Galizien) 25.IV. 1861; f Wien
16. II. — W.: Beitrage zur Kenntnis der
japan. Musik. — JP 74. [NMZ 40, 123;
AMZ 75]; A 117; NML 153; R 292;
FAT 84.
Dohm, Hedwig, Witwe Ernst Dohms,
Schriftstellerin, Frauenrechtlerin ; * Ber-
lin 20. IX. 1833; f Berlin 4. VI. — W.:
Der Frauen Natur und Recht (a 1893). —
TR 5. VI.; DGK; Sch; WI 7 327 (W),
8 1771 ; LZ 444; SozMH 570 u. 595 f.
(Zepler), 677 f. (Hochdorf) ; LE 21, 1274;
M7III, 876; KL 17 (W); PY I, 162 f.
(W); ZB 44 [Die Frau 26, 3iof. (Bau-
mer)]; BZ 45 [Schlesischer Musenalma-
nach, 5. Jahrg., IV. 73 (Rieger)]; BZZ XI
[VZ 20. IX. 1918; Tag 31.XII. 1918;
Dresdener Neueste Nachr. 6. VI.; BT
8. VI.; VZ 5. VI.; FZ 27. VI.].
♦Dolivo-Dobrowolski, Michael, Dr. Ing. e.h..
Direktor der AEG, Pionier des Dreh-
stroms, Erfinder (1888) des Drehstrom-
motors; * St. Petersburg 2. I. 1862;
f Darmstadt 15. XI. — BT 14. XII.; TR
25. XI.; MdT 58 f. [Elektrotechn. Zschr.
41, 722]; VDI 64, 137; WI7 328; M7III,
886; DBJ 367/368 (J. Birnholz).
yi6
Totenliste 1919: Doemming — Fischer
Doemming, Alfred v., D. theol., President
des Konsistoriums der Provinz Sachsen;
* Falkenberg (Pommern) 15. II. 1862;
t Magdeburg 1. X. — KJ 1920, 579; AT
1927.
Door, Anton, Professor, Pianist, 1869 bis
1 90 1 Lehrer am Konservatorium der Ge-
sellschaft der Musikfreunde in Wien;
* Wien 20. VI. 1833; t Wien . XI. —
JP75 [NMZ4I.79; DTZ 18, 10; FAT 85;
R 297; A 1 19.
Dofi, Bruno, Dr. pkil., Professor der Geolo-
gie a. d. Bergakademie Freiberg; * 1. I.
1861; f Dresden 28. V. — LZ 489;
SozMH 662; Zentralbl. fiir Mineralogie
1 9 19, 257—268 (Beck), (P), (W); PF IV,
3<>3 *•
Dorm, Joseph, Dr. phil. h. c, Dr. Ing.e.h.,
Geh. Rat, Oberbaudirektor, Leiter des
badischen Hochbauwesens, Professor a.
d. Techn. Hochschule Karlsruhe, Archi-
tekt, Ehrenbiirger von Heidelberg;
* Karlsruhe 14. II. 1837; f Karlsruhe
4. IV. — Bauw. : Erbgrofih. Palais, Karls-
ruhe; Kunstgewerbeschule, Mannheim;
Neue Bibliothek, Heidelberg. — W. : Aus-
gefiihrte Bauten (2 Bde., 1876); Bau-
kunst der Griechen ("1910); Baukunst
der Etrusker und Romer (2 1905) ; Hand-
buch der Architektur (1881 ff.). — FZ
17. IV.; DGK; SozMH 424; Kchr, NF 30,
559; WI ' 348 (W) ; MS I. 376 (W), VI, 79;
TB X, 2i8f. (W); M'lII, 1121 (W);
KL 17 (W); DBZ 169.
Eeearius-Sieber, Artur, Musikschriftsteller
und Klavierpadagoge; * Gotha 25. V.
1864; f Berlin 30. VI. 1919. — W.: [Vio-
lin]-Sonaten (2 Bde.); Viol.-Etiiden-
Album (3 Bde.) ; Handbuch der Klavier-
unterrichtslehre ; Die musikalische Ge-
horsbildung (1898, 1902); Fiihrer durch
die Violinliteratur. — JP 75 [NMZ 40,
262; Signale 469; DTZ 77 \ AMZ 430;
NZ f. Mus. 188]; FAT 91 ; NML 163 (W);
R 319 (W); A 127 (W).
Eck, Samuel, D. theol. , Dr. phil. h. c, Geh.
Kirchenrat, Professor der systematischen
Theologie a. d. Universitat Gieflen; * St.
Petersburg 28. XII. 1856; f Gieflen
3 1 . XII. — W. : Goethes Lebensanschau-
ung (1902); Gedanke und Personlichkeit
(1914). — KJ 1920, 579 f.; KL 17 (W);
LZ 1920, 92; SozMH 1920, 204; WI 7 354
(W); AA.
Ef eh berg, Richard, Musikpadagoge u. Kora-
ponist; * Berlin 13. V. 1855; f Berlin
16. XII. — W.: Padagogik fiir Musik-
lehrer (19 14); Methodik der Klavier-
spieler (19 14); Madchenlieder. — JP 75
[DTZ 18, 3; Die Stimme 14, 96; AMZ
1920, 31; NMZ 41. 147]; FAT 93 (W):
R 324 (W); A 128.
♦Eisner, Kurt, bayrischer Ministerprasi-
dent, Schriftsteller, Sozialist; • Berlin
14. V. 1867; | (ermordet) Miinchen 21. II.
— W.: Gesammelte Schriften (1919,
2 Bde.); Wachsen und Werden. Aphoris-
men, Ged., Tagebuchbl. (1926). — DGK;
Sch; WI7 371, 8 1772; SozMH 916, LE
2 1 , 826 ; H 1 7 , 1 695—704 (Prilip) ; M 7 III.
1404; KL, 17 (W); ZB 44 [Weltbiihne 29
bis 34 (Fischart), 243 (Natonek), 403
(E.Eisner); Der Sozialist 129 (Strobel);
Der neue Merkur, April 19 19, 56 — 5$
Hausenstein) ; SM, Juni 1919, 210; Jii-
dische Rundschau 14 (Meisl)]; BZ 45
[Der Zwiebelfisch 1919, 75 (v. Weber)
"• 77—83]; BZZ XI [Basler Nachr.
23.II.; VZ 23.II.; Vorwarts 24. II.;
BT 21. II.; FZ 20. II.; MNN i.III;
NZZ 1. III.]; Unserm K. E. zu Ehren u.
Gedachtnis (hrsg. v. W. Thomas, 1920);
A. Hepner: Zum Jahrestag der Griindung
der bayer. Republik, Wriirdigung der
Politik Eisners (1919); DBJ 368/37$
(Graflmann) (W), (L).
Englander, Richard, s. Altenberg. Peter.
Erhard, Theodor, Dr. phil., Geh. Bergrat,
em. o. Professor der Physik il. Elektro
technik a. d. Bergakademie Freiberg;
• Dresden 28. X. 1839; t Freiberg (Sa.)
6. IV. — W.: Einfiihrung in die Elektro-
technik (* 1903); Der elektrische Betrieb
im Bergbau (1902). — LZ 924; KL 17
(W); PFIV, 344.
Ernst, Heinrich, Kammersanger, 1875 bis
1890 an der Berliner Hofoper, Wagner-
San ger (Siegfried, Lohengrin) ; * Dresden
19. IX. 1846; f Wannsee 11. VIII. —
TR 13. VIII.; Dtsch. Buhnenjahrbuch 31
(1920), 162 f.
•Fischer, Emil, Dr. phil., med., ing., sch. c.
Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz. o. Professor
der Chemie an der Universitat Berlin,
Direktor des chem. Institutes, 2. Vize-
prasident der AdW Berlin, a.o. Mitgl. des
Senates der Kaiser-Wilhelm-Akademie,
korresp. Mitgl. d. AdW Miinchen u. Wien.
Entdecker des Veronals, Sajodins, Nobel-
preistrager (1902), Ritter des Ordens
Pour It miritc, * Euskirchen 9. X. 1852;
f Wannsee b. Berlin 15. VII. — W. : An-
leitung zur Darstellung organischer Pra-
parate (1901); Aus meinem Leben ( 1922).
— TR 15. VII.; IZ (P); MWB1 104. 7<?;
MMW 66, 938 f • (Abderhalden) ; WI 1 423
(W). '1773: KL 17 (W); LZ577; N7.
843 — 882 (Harries, Abderhalden u. a.),
(P); SB AdW Berlin 1920, 698 — 703
(Beckmann) ; Jahrb. AdW Miinchen 1920,
Totenliste 19 19: Fischer— Geisler
717
17 — 24 (Willstatter) ; Almanach AdW
Wien 1920, 123 — 127 (Schlenk); M 7 IV,
774; PF IV. 366—368 (W); E. Beck-
mann: Gedachtnisrede auf E. F. (1920);
VDJ 63, 715; ZB45 [Chem.-Ztg. 43, 565
(Jacobsen); Med. Klinik 15, 756 (Abder-
halden) ; Die Umschau 609 (Harries) ;
Hoppe-Seylers Zschr. fur physiol. Chemie
108, 1; Pharmaz. Ztg. 64, 427 (Saba-
litschka) ; Die chem. Industrie 42, 269
bis 276 (Wohl), Therapie der Gegenwart
1919. 317 — 32o (Klemperer) ; WKlinW
828 (Fiirth); DMW 45 (Bergmann),
BKlinW 56, 958 (Schmidt-Rund) ; Chem.-
Ztg. 43, 757 [Gedachtnisfeier] ; Osterr.
Chem.-Ztg. 22, 173 (Pollak); N 7, 843 bis
860 (Harries), 860 — 868 (Abderhalden) ,
868—873 (v. Weinberg), 873—878 (Tren-
delenburg), 878 (Lewin)]; BZ 46 [Archiv
fur physik.-therap. Therapie 21, 169;
Ber. d. dtsch. pharmaz. Ges. 29, 533
(Rosenmund) ; Zschr. fur angew. Chemie
32, 360 u. 744 f. (Wichelhaus u. a.)]; BZ
47 [SB der AdW Berlin 1920, 698 — 703
(Beckmann)]; BZZ XI [BT 16. VII.; VZ
16. VII.; Deutsche Ztg. 22. VII.; MNN
18. VII.; DAZ 17. VII.; NFP 17. VII.,
29. VII.; Germania 18. VII.; TR 17. VII.;
Vorwarts 17. VII.]; K. Hoesch: E. F.,
sein Leben u. sein Werk ( 1921 = Ber. d.
dsch. Chem. Ges., 54, Sonderheft 1 — 480);
Journ. Chem. Soc. London 117, 1 157 bis
1291 (M. O. Forster); A.Harnack: Grab-
rede fur E. F. (1919); DBJ 378/385 (Hel-
ferich) .
Fischer, Hermann Eberhard, Dr. med., Geh.
Med. -Rat, em. o. Professor der Chirurgie
a. d. Universitat Breslau; * Ziesar 14. X.
1830; | Berlin 1. II. — DGK; LZ 131;
MMW 66, 172; L 55. 13; PBL 512 — 514
(P). (W).
Franke, Hermann, Kantor in Sorau, Pro-
fessor und Musikdirektor, Komponist;
* Neusalz a. O. 9. II. 1834; j Sorau
18. X. — W.: Isaaks Opferung (Ora-
torium) ; Handbuch der Musik (1867). —
JP 76 [RMTZ 350]; FAT 109 (W); R 379
(W); A 148 (W); AA.
Freiesleben, Georg, Dr. jur., Wirkl. Geh.
Rat, Exzellenz, em. Senatsprasident beim
Reichsgericht ; * Dresden 6. II. 1839;
| Leipzig 25. IV. — LZ 318.
Fries, Wilhelm de, Ingenieur, Mitbegriinder
und Mitinhaber der Firma Wilhelm de
Fries & Co., friiher Direktor der Bern-
rather Maschinenf abrik ; * Orsoy 11. II.
1856; f Diisseldorf 2 1 . II. — StE 39. 647.
Frimberger, Georg Johann, Schriftsteller,
niederosterreichischer mundartl. Dichter,
Eisenbahnoberbeamter i. R.; * GroB-
Inzersdorf (N.-O.) 16. XII. 1851; f Wien
23. XI. — W.: Wia die Leut' san und
wia 's sein solln (Ged., 1895); Pfeffert
und gsalzn (Vortragsstiicke, 1892) ; Wein-
landler. Gesch., Gestalten u. Bilder aus
Niederosterr. (1901). — WI7468 (W),
8 1773; KL 17 (W); BR II, 291 (W).
Fritze, Hans v.. Dr. phil., Professor, wiss.
Beamterder AdW Berlin; * Berlin 23. IX.
1869; f Berlin 10. VII. — JAW 40, 58
bis 75 (Kirchner), (W) ; AT 1927.
•Fritzen, Adolf, Dr.theol. et phil., ehem.
Bischof von Straflburg; * Cleve 30. VII.
1838; f Straflburg 7. VIII. — Sch; WIT
470, 8 1773; E 1047 (P); ElsaB.-Lothr.
Jbl(i922), S. 184 f.; DBJ 386/388 (L.
Pfleger).
Funck, Theodor, Maler; * Elberfeld 10. III.
1863; f Diisseldorf 5. II. — W. : Bei der
Witwe Prins (Diisseldorf) . — Kchr, NF
30, 398; MS VI, 103; TB XII, 592 f.;
ZB 44 [Die Kunst fur Alle 34, 1 1/12, Bei-
lage V].
Gasser, Emil, Dr. med., Geh. Med. -Rat, o.
Professor der Anatomie a. d. Universitat
Marburg, Direktor des Anatom. Instituts ;
♦ Idstein (Nassau) 8. XII. 1847; t Mar-
burg 13. IV. — LZ 295; MMW 66, 578;
WI7493; PfiI< 584 (W); AA.
Geiger, Ludwig, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
a.o. Professor der neueren Literatur-
geschichte an der Universitat Berlin,
Griinder der Gesellschaft fur Theater-
geschichte; * Breslau 5. VI. 1848; t Ber-
lin 9. II. — W.: Geschichte der Juden in
Berlin (2 Bde., 1871); Goethes Leben
und Schaffen (1909); Herausgeber von:
Goethe-Jahrbuch (34 Bde., 1880 — 1913);
Vierteljahrsschrift fiir Kultur u. Lit. der
Renaissance (2 Bde., 1885/86) ; Zschr. fiir
vergleichende Lit.-Geschichte und Re-
naissanceliteratur (1887 — 1891); Zschr.
fiir die Gesch. der Juden in Deutschland
(1886— 1891. 5 Bde.). — BT (12. II.);
Weser-Ztg. 13. II.; FZ 18. III.; TR 10.IL;
IZ (P); SozMH 371; WI 7 500 (W).
8 1774; LZ 132; LE 21, 764; Dtsch. Biih-
nenjahrb. 31 (1920), 150; M 7 IV, I5941"-
(W) ; KL 17 (W) ; ZB 44 [Der Friede III,
443 (Ullrich); Alt-Berlin 36, 17; AUgem.
ZeitR. d. Judent. 61 (Katz) u. 77— 80];
Mittln des Gesamtarchivs der dsch. Juden
6, 104 — 106 (Elbogen).
Geisler, Paul, Komponist, Dirigent der Po-
sener Symphoniekonzerte, Griinder des
Posener Konservatoriums; * Stolp
10. VIII. 1856; f Posen 3. IV. — W.:
4 Symphonien, Opera (Friedericus Rex
u. a.), Chorwerke. — JP 76 [NZ f. Musik
96; AMZ 206, 212; NMZ 40, 195; DTZ
7i8
Totenliste 1919: Gerber — Grutzmacher
52]; FAT 119 (W); NML220 (W); R412
(W) ; A 160; ZB 44 [A. d. Ostlande 14, 14].
Gerber, Paul, Dr. med., Geh. Med. -Rat, o.
Professor der Hals- u. Nasenkrankheiten
an der Universitat Konigsberg, Direktor
der Poliklinik fiir Hals- u. Nasenkranke;
* Konigsberg i. Pr. 14. V. 1863; f Konigs-
berg i. Pr. 1. X. — W.: Die Syphilis des
Halses und der Nase (2 1910); Atlas der
Nasenkrankheiten (1901); Aus der Ju-
gendzeit. Lieder u. Gedichte (1895). —
TR i5.X.;MMW66, 1250; WI7 508 (W);
KL 17 (W); PBL 593 (W).
Gerhardt, M., s. Maul.
Gerland, Georg, Dr.phiL, Geh. Reg.-Rat,
em. o. Professor der Geographieu. Ethno-
logie an der Universitat StraBburg, Di-
rektor der kaiserl. Hauptstation fiir Erd-
bebenforschung in Straflburg i. E. i. R.;
* Kassel 29. I. 1833; | Jena 19. II. —
W. : Atlas der Volkerkunde (1886 — 1893) ;
Hrsg. der Beitrage zur Geophysik (1887
bis 1910). — Magdeb. Ztg. 6. III.; DGK;
LZ 193; PM 65, 22 f. (L.Neumann);
WI75n (W); M'lV, 1774 (W); KL 17
(W); PF IV, 421; ZB 44/45 [Hessenland
33, 59 u. 127].
GJellerup, Karl, danischer und deutscher
Dichter, Nobelpreistrager ; * Roholte
(Seeland) 2. VI. 1857; f Klotzsche bei
Dresden 1 1 . X. — W. : Minna (R., 1889) ;
Die Hiigelmuhle (R., 1896); Reif fur das
Leben (R., 1916); Die Gottesfreundin
(R., 1918); Die Opferfeuer (1903); Der
goldene Zweig (Novellenkranz, 1 9 1 7) ;
Das heiligste Tier (1920). — Karl Gj.,
der Dichter und Denker, sein Leben in
Selbstzeugnissen (2 Bde., 192 1 — 1923). —
Sch; LZ 841; LNN 15.X.; TR 14. X.;
SozMH 1 186; E 1381 (P); LE 22, 25a u.
285 f. [Dresdner Nachr. 285; TR, Unter-
haltungsb. 225; Dresdner NN 281; VZ
524; NZZ 1599]; KW 33, I in (Avena-
rius) ; WI 7 523 (W) ; M 7 V, 185 (W) ; KL
17 (W); BR II, 375 f- (W); BZ 45 [Uni-
versum 36, H. 4, S. 319 (Dittrich)].
Goecke, Theodor, Geh. Baurat, Professor a.
d. Technischen Hochschule Berlin, Pro-
vinzialkonservator der Kunstdenkmaler
der Provinz Brandenburg, Leiter der
Provinzial-Bauberatungsstelle, Heraus-
geber der Zeitschrift »Der Stadtebauf u.
der » Kunstdenkmaler der Provinz Bran-
denburg*; * Emmerich a. Rh. 19. V.
1850; f Berlin 15. VI. — TR 21. VI.;
DGK; Kchr, NF 30, 797; WI 7 533 (W),
8 1774; SozMH 1 121; DBZ 286; BZ 45
[Neudeutsche Bauzeitung 15, 170 (Leh-
weB); Stadtebau 16, 1 — 3 (Lasne)]; BZ
46 [Zentralbl. der Bauverw. 191 9, 321
(Siedler); Heimatschutz in Brandenburg
9/10, S. 88; Zschr. fiir Hochschulpadago-
gik 10, 65].
Greving, Joseph, Dr. theol., o. Professor der
katholischen Kirchengeschichte an der
Universitat Bonn; • Aachen 24.XII.186S;
t Bonn a. Rh. 6. V. — W.: Geschichte
der deutschen Reformation (1904). —
LZ 404; WI7 560 (W); ZB 45 [Histor-
polit. Blatter fiir das kathol. Deutsch-
land 164, 129 — 140 (Schlecht)]; AA.
Grill, Leo, Professor der Musik, 1871 bis
1907 Lehrer fiir Theorie am Konserva-
torium der Musik in Leipzig, Komponist
(Klavierstiicke, Kammermusik, Chore,
Lieder); • Budapest 24. II. 1846; f Ehr-
wald (Tirol) 12. V. — JP 76 [NZfM 140;
NMZ 40, 250]; FAT 134; R 473-
•Grdber, Adolf, Staatssekretar (Okt.-Nov.
19 1 8) a. D., Mitglied der National ver-
sammlung, Vorsitzender (seit 191 7) der
Zentrumsfraktion, 1887 — 1918 M. d. R.,
1889 — 1918 Mitgl. der Wiirtt. II. Kam-
mer, Mitglied des Zentralkomitees der
General versamml. d. Katholiken Deutsch-
lands; * Riedlingen 11. II. 1854; f Berlin
19. XI. — KV 20. u. 28. XI.; Germania
20. u. 26. XI.; BT 20. XI.; VZ 20. XL;
Tag 11. XII.; Schwab. Merkur 20. XI ;
Sch; E 1612; WI7564, 8 1774; SozMH
1920, 348; DGK 1919 II, S. 630 f. [Zus.-
Stellung der Nachrufe] ; M 7 V, 650; HNV
169 (P); H. Cardauns: A.G. (1921); WN
168 — 180 (Schermann) [Augsburger Post-
zeitung 21. u. 28. XI.; Germania 20. XI;
Schw. Kronik 20. XI. ; Allgem. Rund-
schau Nr. 49 u. 50; KVZ 24. u. 28. XI.];
BZ 46 [Akadem. Monatsbl. 14 (Maxell);
Das Echo, S. 161 2; Allgem. Rundschau
16, 745 (GrieBer); Stimmen der Zeit 98,
524 (Noppel)] ; Staatslexikon 6 II, 844 bis
846 (K.Hofmann); DBJ 388/392 (J. Ba-
chem) .
♦Grove, Otto v., Dr. ing. e. h.t Geh. Rat,
em. o. Professor des Maschinenbaus an
der Technischen Hochschule Munchen;
* Goslar 6. II. 1836; t Munchen 19. V.—
LZ 42 1 ; VDI 63, 1 105 — 1 107 (v. Lossow)
(P) ; MdT 96 f . (C. Walther) ; DBJ 392/397
(v. Lossow u. G. Lotter).
Grunmach, Emil, Dr. med., Geh. Med. -Rat,
a.o. Professor der inneren Medizin an der
Universitat Berlin, Direktor des Ront-
gen-Instituts ; • Schwetz4.V. 1849; | Ber-
lin 1. VIII. — TR8. VIII.; SozMHi2>6;
WI7577 (W); MMW 66. 950; LZ 6^;
PBL 6451. (W); AA.
GrQtimacher, Friedrich, Professor der Mu-
sik, Cellosolist der Giirzenich-Konzerte,
Lehrer am Konservatorium in Koln;
Totenliste 19 19: Griitzner — Hagen
719
• Meiningen 20. VII. 1866; f Koln a.Rh.
25. VII. — JP 76 [AMZ 454; DMZ 514;
NZfM 216]; FAT 136; R 478; A 181.
Griitzner, Paul v., Dr. med., em. (1884 bis
191 7) o. Professor der Physiologie an der
Universitat Tubingen; * Festenberg
(Schles.) 30. IV. 1847; t Bern 29. VII. —
W. : Physiologie der Stimme u. Sprache
(1879). — Berner Bund 8. VIII.; TR
1. VIII.; MMW 66, 920; Sch; LZ 637;
SozMH 932; WI'575 (W); KL 17 (W);
WN 199; PBL 644 f- (P), (W).
Guglia, Eugen, Dr. phil., Hofrat, ehem.
Chefredakteur der Wiener Zeitung, Pri-
vatdozent, Schriftleiter der Wochen-
schrift Urania; * Wien 24. VIII. 1857;
t Graz 8. VII. — W.: Geschichte Wiens
(1892); Leopold v.Ranke (1898); Frhr.
v. Gentz (1901); Fiihrer von Wien und
Umgebung (1908); Maria Theresia (zwei
Bande, 1917). — Sch; WI7582 (W);
KLi7(W).
Gunzburger, Bernhard, Kammersanger, Pro-
fessor an der Akademie der Tonkunst;
• Kriegshaber b. Augsburg 3. II. 1846;
f Munchen 21. III. — Dtsch. Btihnen-
jahrb. 31 (1920), 153; JP 76 [DTZ 52;
AMZ 171; NZfM 79; NMZ 40, 158].
Gutjahr, Louis, Generaldirektor der Badi-
schen AG fur Binnenschiffahrt u. See-
transport, Kommerzienrat, Ehrenbiirger
von Gernsheim ; * Gernsheim a. Rh. 6. III.
1847. t Alsbach m.VIL— JSTG 21
(1920).
Haase, Hugo, Rechtsanwalt, Sozialist, M.
d. National versammlung, Vorsitzender d.
Unabhang. Sozialdem. Partei, 9. Nov. bis
29. Dez. 19 18 Mitglied der Regierung der
Volksbeauftragten ; • Allenstein 29. IX.
1863; f Berlin 17. XI. (an den Folgen
eines Attentates) . — Sch ; WI 7 593,
8 1775; Sch; SozMH 1083 — 1085 (Zepler),
1 163 f . (Kranold) ; DGK 1919, II 542 [Zu-
sammenstellung der Nachrufe] ; M 7 V,
878; HNV 172 (P); BZ 45 [Weltbuhne
1919, 617 — 621 (Strobel)]; BZ 46 [Der
Kampf 1919, 757 (Kautsky)]; BZZ XII
[VZ 7. XI.; DAZ 7. XI.; FZ 7. XI.; BT
7. XL; Dtsche. Ztg. 8. XL].
'Haeckel, Ernst, Dr. phil., med. et jur. h. c,
Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz, em. o. Pro-
fessor der Zoologie an der Universitat
Jena; *Potsdam 16. II. 1834; f Jena
9. VIII. — W.: Die Radiolarien, eine
Monographic (1862 — 1888, 4 Tie.); Gene-
relle Morphologie der Organismen (2 Bde.,
1866); Natiirliche Schopfungsgeschichte
(10i9O2); Anthropogenic (6i9<>3); Der
Monismus (10 1000) ; Die Weltratsel (1900) ;
Kunstformen der Natur (1899 — 1904) ; —
Indische Reisebriefe (4i9X>3); Italien-
f ahrt ( 1 92 1 ) ; Entwicklungsgeschichte
einer Jugend. Briefe 1852 — 1856 (1921);
— Franziska v. Altenhausen. Ein Roman
aus dem Leben eines beriihmten Mannes
in Brief en, 1898 — 1903 (1927). — Sch;
LZ 637 ; M 7 V, 890 f . (W) ; TR 9. VIII. ;
SozMH 929—93 1 (Koelsch) ; WI 7 596
(W),8 1775; MMW 66, 950; LE21, 1531;
PM 65, 190; N VII, Heft 50 [dem An-
denken von E. H. gew.; mit Beitr. von
K. Heider u. a.] (P), (W); L 55. 84—88,
90 — 96 u. 100 — 104, u. 56, 9 (Taschen-
berg); KW 32, IV 217 f.; Jahrb. AdW
Munchen 191 9, 61 — 67 (Hertwig); Alma-
nach AdW Wien 1920, 159 — 163 (Grob-
ben) ; H. Schmidt, E. H., Leben u. Werke
(1927); W. Haeckel, Das E.-H.-Museum
in Jena (1927); W. Boelsche, E. H., ein
Lebensbild (1900); W.May, E. H.. Ver-
such einer Chronik seines Lebens u. Wir-
kens (1909); — BZ 45 [Archiv fur Pro-
tistenkunde 1919, 97 — 100 (Hirsch), AU-
gem. Zeitung, Munchen, Nr. 32, S. 362;
Kosmos 225 (Stehli); Naturwiss.Monats-
hefte 265 — 269 (v. Hanstein) ; Allgem.
Rundschau 16, 683 (Hoffmann) ; Die Um-
schau 665 (Maurer); BKW 791 (Posner);
DMW 45, 1031 (Posner); Pharmazeut.
Zeitung 467; Das freie Wort 19, 318 bis
326 (Huschke) u. 270 — 284 [Autobiogr.] ;
Mathem.-naturw. Blatter 16, ^^ — 38
(Hubschmann) ; Nord u. Sud, Dezember,
294 — 304 (Benedikt); Universum 35,
Heft 19, 25 (Neumann) ; Die neue Zeit 37,
488—496 (Quist); IZ 3982]; BZ 46
[WKW 32, 991 (Fischel); Jenaische Zeit-
schrift fur Naturwissenschaft 56, 225 bis
252 (Maurer); Nord u. Slid, Januar 1920,
S. 75 — 82 (Benedikt) ; Naturwissensch.
Wochenschrift 35, 49]; BZ 47 [WKW 37,
612 (Wasmann)]; BZZ XI [VZ 9. u. 10.
VIII. ; LpZ 10. VIII. ; KZ 10. VIII. ; LNN
9.VIII.;KV u.VIIL; Vorwarts9.VIII.;
Hann. Kurier 12. VIII.; TR 11. VIII.;
DAZ 15. VIIL; NFP 9/10. VIIL; NZZ
13. VIIL; BT 17. VIIL; Staatslexikon
6 II 965—968 (Baron); W. Haeckel: E. H.
im Bilde (1914); K. Hauser: E. H., sein
Leben u Wirken u. s. Bedeutung fur den
Geisteskampf der Gegenwart (1920); A.
Heilborn: Die Lear-Tragodie E. H.s
(1920); F. Maurer: E. H. u. die Biologie
(1914); F. Maurer: E. H., Rede bei der
Totenf eier ( 1 9 1 9) ; F. Maurer : Das Gehirn
E. H.s (1924); W. Ostwald: E. H. Fest-
rede(i9i4); H.Schmidt: E. H. (1926);
H. Schmidt: E. H., Rede (1914); DBJ
397/412 (R. Hertwig) (L).
Hagen, Bernhard, Dr. med. et phil. h. c,
720
Totenliste 19 19: Hagen — Henning
Hofrat, Professor, Leiter des Stadtischen
Volkermuseums und Dozent fur Volker-
kunde an der Universitat Frankfurt,
Forschungsreisender, Erforscher Nieder
landisch-Indiens; *Germersheim 23. XI.
1853; f Frankfurt a. M. 3. V. — W.:
Anthropologische Studien aus Insulinde
(1 891); Unter den Papuas (1899). — FZ
7. V.; DGK; PM 65, 66; WI 7 601 f. (W).
81775; Sch; M7V, 916; KL 17 (W).
Hagen, Theodor, Professor, Landschafts-
maler, ehem. Lehrer an der Weimarer
Kuns takademie ; * Diisseldorf 24. V. 1842;
f Weimar 12. II. — W.: Ein niederrhei-
nisches Stadtchen in Abendbeleuchtung
(1879, Dresdner Galerie) ; Friihlingswetter
(1872, Breslauer Museum) . — TR 14. II.
(Pastor); DGK; SozMH 296; Kchr, NF
30, 396—398 (Redslob); MS II, 118 (W).
VI. 124; TB XV, 4641- [Velh. & Klas.
Mke. 33 (19 19) II, Heft 9; Die Kunst 40,
Heft 7; Cicerone XI (1919), 96]; M7 V,
916; BZ 44 [Weimarer Blatter 163 — 166
(Redslob), 167 — 173 (Frede) ; Cicerone
XI, 96 (Corwegh); IZ 3950]; BZ 45 [Uni-
versum 35, Heft 43, 698 (Krummacher)] ;
Th. H., 8 f arb. Wiedergaben seiner Werke
(Einf. v. E. Redslob, 1921).
Hahn, Traugott, D. theol., Professor der
Theologie an der Universitat Dorpat;
* Pastorat Rauge 1. II. 1875; t (ermor-
det) Dorpat 14. I. — ELK 52, 109 f.;
0. Schabert, Baltisches Martyrerbuch
(1926), S. 76—85; KJ 1919, 566 f.
Hartmann, Felix v., Kardinal, Erzbischof
von Koln, 19 16 — 19 18 Mitglied des preu-
Cischen Herrenhauses ; * Miinster i. W.
15. XII. 1851; f Koln 11. XI. — KZ
11. XI.; KV 11. XL; 23. XL, 2. XIL,
9. XIL; TR 12. XL; WI7624, 8i775;
Sch; E 1612; M7 V, 11 501.; BZ 46 [Das
Echo 1919, S. 1612; Heimatblatterl.2 59;
Allgem. Rundschau 16, 715 und 743
(Schultz)] ; BZ 47 [Priester u. Mission 3,2,
S. 44 — 47 (Louis)] ; L. Berg: Ein Kirchen-
fiirst im Felde(i9i4); J. Dieninghoff : F.
v.H.(*i9i4);F. v.H., e.Lebensbild (1913).
Harttung, J. v., s. Pflugk-Harttung.
Hartung, Bruno, D. theol., Dr.phil., Geh.
Kirchenrat, Superintendent der Ephorie
Leipzig II; * Bernstadt (Lausitz) 1846;
t Leipzig 30. VIII. — KJ 1920, 581;
BZ 45 [Monatshefte des Gustav- Adolf -
Vereins I, 163 — 166 (Rendtorff)]; Ecce
Grimma 40, 97 — 106.
•Haeseler, Gottlieb Graf v., Generalfeld-
marschall, Exzellenz, ehem. Mitglied des
preuOischen Herrenhauses, Ritter des
Schw. Adler-Ordensund desPour le nitrite ;
* Potsdam 19. I. 1836; f Harnecop 25. X .
— LNN 27. X.; E 1503 (P) ; WI 7 599,
8 1775; Sch; MWB1 104, Nr. 53, 57, 58,
59, 63 u. S. 312 u. 369; Dtsch. Wille VI
(1926), S. 21 f. (v. Trotha); GT 1920;
BZ45; BZZ XII [DAZ 27. X.; Berl. Lo-
kalanz. 30. X. (v. Deimling) ; Hamb.
Fremdenbl. 27. X.; TR 29. X. u. 4. XL;
FZ 31. X. (Loffler)]; J. H. Schultz:
Feldm. Gf. H. in Wahrh. u. Dicht. ( 1914);
F.Sporleder: Neue u. alte Gf . H.-Anek-
doten (1913); DBJ 412/416 (Mafi).
Heinemann, Hugo, Dr. jur., Rechtsanwalt
am Kammergericht, Unterstaatssekretar
im preufiischen Justizministerium, Mit-
glied der preufiischen verfassunggeben-
den Landesversammlung (Sozialdem.) ;
* Berlin 18. II. 1863; t Berlin 2. VIII. —
VZ 4- VIII. (Eyck) ; SozMH 829 f . und
1 179 — 1 181 (Loewenfeld) ; BZ 45 [Dtsch.
Arbeit 4, 470; Glocke 5, 605; Soziale
Praxis 28, 785 ; Jurist. Wochenschrift 48,
622 (Heine); Die neue Zeit 37, II, 459].
Heiner, Franz Xaver, Dr. theol. et jur. can.,
Pralat, papstl. Protonotar, o. Professor
des Kirchenrechts an der Universitat
Freiburg i. B. a. D., Mitglied des Vati-
kanischen Gerichtshof s in Rom ; • Atteln
28. VIII. 1849; t Buldern (Westfalen)
13. VII. — W.: Grundrifl des kathol.
Eherechts (• 1909) ; Kathol. Kirchenrecht
(2 Bde., 6 1912/1913); Der Jesuitismus
(* 1902). — Germania 18. VII. ; LZ 601 ;
WI7652f. (W); KL 17 (W); BZ 45
[Caritas 25, 37]; Zschr. d. Savigny-
Stiftung; Kanon. Abt. 40, 375].
Heltmuller, Franz Ferdinand, Dr. phil., Li-
terarhistoriker, Mitherausgeber der Wei-
marer Goethe-Ausgabe ; * Hamburg
16. III. 1864; f Berlin 30. III. — W.:
Herausgeber von 0. E. Hartlebens aus-
gew. Werken (1909) u. Brief en (1908/12).
— Sch; LZ272; LE21, ioi8f.; WI 7 656
(W); KL 17 (W).
Hellmer, Hermann, Theaterarchitekt, i.Fa.
Fellner & Hellmer, Wien, Erbauer von
mehr als 60 Theatern ; * Harburg 13. VII.
1849; f Wien 2. IV. — W.: Deutsches
Theater, Prag; Deutsches Volkstheater,
Wien; Kunsthalle, Agram; Musikakade-
mie, Wien; Tonhalle, Zurich. — SozMH
684; MS V, 133, VI, 132 t. (W);TBXVI,
348 f. [Der Architekt 22, Beiblatt S. I
(W); ZBV 39. 207 (Deininger)].
Helmholtz, Otto, ehem. Leiter der Rheini-
schen St ahl werke; * Potsdam 27. 1. 1834;
f Hagen 30. VI. — StE 39, 958 — 960 (P).
Henning, Theodor, Dr. ing.e.h., Kommer-
zienrat, Griinder u. Inh. der Signalbau-
anstalt Schnabel & Henning, Bruchsal,
Erfinder von Stellwerken; • Mengede
Totenliste 19 19: Hentschel — Holtzendorff
721
12. IV. 1841; f Karlsruhe 8. I. — VDI
63. 301 (P); WI7667; MdT 113; ZB 44
[Verkehrstechnische Woche 13, y$].
Hentschel, Leopold Ritter v. Gilgenheimb,
General d. Inf. z. D., Exzellenz a la suite
des westfal. Inf. -Reg. 13 Herwarth von
Bittenfeld, .1903 — 19 10 Komm. General
des XV. A.-Korps, bis 1918 Mitglied der
Ersten Kamtner fiir ElsaB-Lothringen;
* Posen 24. XII. 1845; t Breslau 31. V.
— TR 11. VI.; DGK; WI 7 521, 8 1774;
MMW 103, S. 1009, 1016, 1028 u. 1042;
M7 V, 1403; AT 1925.
*Hertling, Georg Graf v., Dr. phil., Dr. rer.
pol. h. c.t Reichskanzler a. D., bayr.Mini-
sterprasident a. D., President der Gorres-
Gesellschaft, em. o. Professor der Philo-
sophic an der Universitat Munch en , o. Mit-
glied der AdW Munchen; * Darmstadt
31. VIII. 1843; t Ruhpolding 4. I. —
W.: Kleine Schriften zur Zeitgeschichte
und Politik (1897); Da$ Prinzip des Ka-
tholizismus und die Wissenschaft (1899) \
Recht, Staat und Gesellschaft (1906) ; Er-
innerungen aus meinem Leben (2 Bde.,
1 9 19). — Hersg. der Beitrage zur Gesch.
der Philos. des Mittelalters (1891 ff.). —
FZ 9. I. ; KV 6. I., 23. u. 27. II., 29. III.,
1. IV.; LZ 58; SozMH 916; H 16, 597
bis 609 (Aus meiner Jugendzeit) (P) ; Jb.
d. AdW Miinchen 19 19, 16 — 25 (Baeum-
ker) ; Familiengesch. Blatter 1927, Heft 9
(Ahnentafel H.s von P. v. Gebhardt) ;
Festschrift, G. v. H. zum 70. Geb.-Tag
am 31.8. 19 1 3 v. d. Gorres-Gesellschaft
(P); WI 7 677 f. (W); M7 V, 1466; K. v.
Hertling: Ein Jahr in der Reichskanzlei
(1919); BZ 44 [Das Echo, Nr. 1898;
Philosoph. Jahrb. der Gorres-Gesellsch.
32, 105 — 108 (Schreiber); Christl. Kunst
15, 109 (Staudhamer)] ; BZ 45 [Allgem.
Rundschau 16, 428 u.444 — 458 (Grauert)] ;
BZ 46 [Die Bucherwelt 191 9, 180 (Car-
dauns) ; Die Grenzboten 287 — 294, 344,
372 (v. Stockhammern) ; Hessische Hei-
mat I, 162 — 183]; BZ 47 [Histor. Jahrb.
der Gorres-Gesellsch. 39, 423 — 432];
Staatslexikon 5 II 1 168—75 (P) ( W) (Ler-
chenfeld); Grauert: G. v. H. (1920); Der
Wachter 1918, 44 ff. (Baeumker); Abh.
aus dem Geb. der Philos. u. ihrer Gesch.,
Festgabe zum 70. Feb.-Tage G. Frh. v,
H.gew. (1913); Festschrift G. v. H., dar-
gebr. von der Gorrergesellschaft (1913);
Grauert: Gedachtnisrede auf H. (19 19);
DBJ 416/426 (K. Bachem).
Herz-Pascha, Max, Architekt, ehemal. Chef-
konservator der arabischen Baudenkmale
im agyptischen Wakuf-Ministerium und
Direktor des arabischen Museums in
DBJ 46
Kairo; f Zurich im Mai. — LZ 404 u. 465 ;
Kchr, NF 30, 775 f . (Sarre) ; BZ 45
[Deutsche Bauzeitung 53, 334; Derneue
Orient V, 244].
Heyn, Immanuel, Pfarrer an der Kaiser-
Wilhelm-Gedachtniskirche in Berlin, M.
d. R. (Fortschr. Volksp.) ; * Cantreck 1. V.
1859; t Greifswald 18. VIII. — W.: Der
Heir ist der Geist. Predigten (1900);
Jesus im Lichte moderner Theologie
(1907). — WI7693, 8 1776'. RH 1912,
273f. (P); KL 17 (W); KJ 1920. 583;
BZ 45 [Studierstube 17, 325 (Mayer)];
BZ46 [Christl. Freiheit 1919, 730 (Mayer)].
Himmelbaur, Isidor, Hofrat, Direktor der
Universitatsbibliothek Wien; * Tarvis
6. II. 1858; | Wien im April. — LZ 341;
LE 21, 1084; WI7700.
Hirschel, Otto, Direktor der Landwirt-
schaftlichen Hauptgenossenschaft fiir
Oberhessen, 1893 — 1898 M. d. R. (Bauern-
bund), Mitbegr. des Hessischen Bauern-
bundes; * Frankfurt a. M. 2. VII. 1862;
| Friedberg i. H. 22. IX. — - WI7704.
8 1776.
Hobblng, Reimar, Verlagsbuchhandler, Inh.
der Firma R. Hobbing in Berlin; * Em-
den 1874; f Berlin 14. XII. — DAZ
15. XII.; TA; Sch; LZ 1920, 21; SozMH
1228; BB1 1919, Nr. 279, Seite n63f.;
IZ 3993 (P).
Hoffaoker, Karl, Professor, Architekt und
Bildhauer, Direktor der Kunstgewerbe-
schule und des Kunstgewerbemuseums
in Karlsruhe, 1895 — r9°5 Redakteur des
Kunstgewerbeblatts ; * Darmstadt 1 . VII.
1856; f Karlsruhe 26. V. — W.: Rats-
keller, Danzig; Schiller-Denkmal, Jena;
Kirche, Ludwigsfelde ; Haus des Vereins
der Berliner Kunstler. — DGK; WI 7 718
(W), 8 1776; Kchr, NF 30, 734; MS VI.
141 (W); M7V, 1650; BZ 45 [Christl.
Kunst 15, Beibl. 53 (Mayer)].
HoldeflelB, Friedrich, Dr. phil., Geh. Reg.-
Rat, o. Professor der I^andwirtschaft a.
d. Universitat Breslau u. Direktor des
Instituts fiir landw. Tierproduktions-
lehre; • Bennstedt 7. X. 1846; f Breslau
25. X. — W.: Das Knochenmehl, seine
Beurteilung und Verwendung (1890). —
TR 28.X.; SozMH 1920, 211; LZ 880;
M 7 V, 1703; BZ 45 [Deutsche Landw.
Tierzucht 23, 314 (Zorn)]; BZ 46 [Dtsch.
Landw. Presse 191 9, 683 (Zorn)].
Holtzendorff, Henning v., GroBadmiral,
ehem. Chef des Admiralstabs der Marine,
Ritter des Schwarzen-Adler-Ordens;
• Berlin 9. 1. 1853; t Prenzlau 7. VI. —
DGK; Sch; WI7 734. 8 1776; M7 V, 17x7;
UAT 1920.
722
Totenliste 1919: Hoering — Kiesekamp
Hoering, Baptist, Bildhauer, Schopfer von
Portratbusten ; * Riesbaeh-Ziirich i.XII.
1850; f Hauptwil (Thurgau) 28. X. —
Hist.-biogr. Lex. der Schweiz, Heft 32
(1927), S. 260.
Hoering, Paul, Dr., Professor, Faserstoff-
forscher; * 1868; f Chariot tenburg 29. 1.
— Schw. Merkur 1 1 . II. ; LZ 1 3 1 ; Ber. d.
Dsch. Chem. Ges. 52 (Simonis); PF IV
548 (W); ZB 44 [Chemikerztg. 43, 245
(Baum); Neue Faserstoffe 101 (Baum)].
Hummel, Joseph Friedrich, Komponist,
seit 1880 Direktor des Mozarteums in
Salzburg; * Innsbruck 14. VIII. 1841 ;
f Salzburg 29. VIII. — W. : Mannerchore.
— Dtsch. Biihnenjahrb. 31 (1920), 164;
JP 77 [AMZ 477 ; NMZ 40, 307 ; DTZ iqi] ;
R 566; FAT 170.
Hurwitz, Adolf, Dr. phil., o. Professor der
hoheren Mathematik a. d. Eidgen. Tech-
nischen Hochschule Zurich, korresp. Mit-
glied d. GdW Gottingen; * Hildesheim
26. III. 1859; f Zurich 21. XI. — Konigs-
berger Hart. Ztg. 25. 1. 1920; LZ ion;
SozMH 1920, 203; Nachr. d. GdW Got-
tingen 1920, 75—83 (Hilbert); WI7753;
PFIV, 566 (W); L. 56, 43 f.
Jacobi, Albano v., General d. Inf. a. D.,
Exzellenz, ehemal. Generaladjutant des
Kaisers u. Prases der Generalordenskom-
mission, 1905 — 1908 Militarbevollmach-
tigterin Petersburg; * Koln a. Rh. 16. X.
1854; t Stralsund 23. V. — DGK; ERL;
WI7 763, 8 1777.
Jacobi, Martin, Dr. phil., Komponist;
* Schwetz (Westpr.) 17. V. 1864; f Miin-
chen 24. X. — JP 77 [DTZ 18, 9; AMZ
1920, 31; NMZ 41, 147]; FAT 171.
Jacobs, Eduard, Dr. theol. et phil., furstlich
stolbergischer Archivrat i. R., Erforscher
der Geschichte des Harzes; * Krefeld
20. V. 1833; f Wernigerode 25. X. —
W. : Der Brocken und sein Gebiet (187 1) ;
Geschichtl. Text zu den Kunstdenk-
malern Wernigerodes (2 191 3) ; Urkunden-
buch der Stadt Wernigerode bis 1460
(1891). — Magdeb. Ztg. 9- XL; AA; LZ
880; PM 65, 231; LE 22, 376; WI7764
(W); JB 1920, 179; KL 17 (W); Mittel-
deutsche Lebensbilder II, S. 390 — 400
(Herse) (P) [Zsch. des Harzvereins 53,
S.I— VIII (Burger) u. IX— XVI (W)];
Neues Archiv fiir Sachs. Gesch. 41, 190L
(Ermisch); Korrespondenzblatt 19 19,
Nr. 11/12 (Friedensburg); Dsch. Ge-
schichtsbll. Bd. 20, 82 — 86 (Moetefindt).
Jacobsen, Friedrich, Dr. jur., Geh. Justiz-
rat, Landgerichtsdirektor, Romanschrift-
steller; * Emmelsbull 15. XI. 1853;
| Flensburg 1. I. — W. : Morituri te salu-
tant (1890); Prinzessin Use (1901); Das
Auge des Buddha (1919). — LE 21, 636;
M7VI, 186 (W); KL 17 (W).
Jannasch, Paul, Dr. phil., a.o. Professor der
Chemie an der Universitat Heidelberg.
Mitgl. der AdW Heidelberg; * Deutsch-
Ossig b. Gorlitz 2. X. 1841 ; f Heidelberg
20. III. — W. : Praktischer Leitf aden der
Gewichtsanalyse (2 Bde., 1896/ 1903). —
DGK; WI7 771 (W);KL 17 (W); PF IV,
584; Ber. d. dtsch. Chem.-Ges. 55 (1922),
(Strecker).
Jannasch, Robert, Dr. phil., Professor, Mit-
begr. u. Direktor der Deutschen Export-
bank, Vorsitzender des Zentralvereins
fiir Handelsgeographie, Griinder des
Deutschen Schulvereins (1880), Heraus-
geber des » Export «; * Kothen 30. IV.
1845; t Berlin 25. IV. — Sch; LZ 341;
PM 65, 66; DKZ 36, 55 ; BZ 44 [Export 50
(EraB, Stamper)] ; Westermanns Monats-
hefte, Oktober 19 19, 177 — 181 (Stam-
per)]; BZ 46 [Zschr. fiir Ethnologie 51,
189 (Schuchhardt)].
Karl Anton, Prinz von Hohenzollern, preu-
Bischer Generalleutnant z. D.; * Sig-
maringen 1. IX. 1868; f SchloB Namedy
21. II. — DGK; Sch; WI 8 1777; GHK
1920.
Kaufmann, Hugo, Professor, Architekt und
Bildhauer; * Schotten (Oberhessen)
29. VI. 1868; t Berlin 14. V. — W.:
Schmuckbrunnen (Maximilianspl., Miin-
chen) ; St. Georg (Nat.-Gal.) ; Einheits-
denkmal (Frankfurt a. M) ; Samariter-
brunnen (Bad Homburg). — DGK;
\VI78u (W), 8i777; MS V, i<?9 (W),
VI, 155 (W); TB XIX, 8f. (W), [mit
Literaturangaben !] ; ZB 44 [Allgem. Ztg.
d. Judentums 259 (Lederer)].
Kesselring, Heinrich, D. theol., em. o. Pro-
fessor der neutestamentl. Exegese und
prakt. Theologie an der Universitat
Zurich; * Frauenfeld (Schweiz) 1832;
f Zurich 22.XII. — NZZ 30. XII. u. 4. 1.
1920; LZ 1920, 69; WI7 827 (W);KJ 1920,
582 f.
Kiene, Hans v., Dr. jur., wurttembergischer
Justizminister, Fiihrer der Zentrums-
partei in Wiirttemberg; * Langenargen
a. Bodensee22. I. 1852; t Wangen 2«;.IX.
— Schw. Merkur 26. IX.; Sch; WI7 832
(W); WN 116 — 135 (Miiller), [Deutsches
Volksblatt Nr. 222. 224, 231 ; Staatsanz.
fiir Wiirttemberg Nr. 223; Schw. Merkur
Nr. 444; Wiirttemb. Zeitung. Nr. 225;
Neues Tagblatt, Nr. 486].
Kiesekamp, Hedwig, geb. Bracht, Schrift-
stellerin [Pseudonym: R. Rafael] ; * Haus
Henrichenburg 21. VII. 1846; f Miinster
Totenliste 1919: Kleinschmidt — Kundmann
723
i. W. 2. III. — W.: Gedichte (3i9oi);
Vom alten Sachsenstamme (Novellen,
1905). — KV 6. III.; IyZ 215 ; WI 7 832 f.
(W); KX 17 (W); PY I, 425 *•; ZB 44
[Allgem. Rundschau 16, 209 (Herbst);
Westmiinsterland VI, 33 — 35 (Bette)];
BZ 45 [Deutscher Hausschatz 45, 555
(Hamann) ; Heimatblatter fiir das nieder-
rhein.-westfal. Land I. 22].
Kleinschmidt, Arthur, Dr. phil., Hofrat,
anhalt. Hofbibliothekar a. D., a.o. Prof,
der Geschichte an der Univ. Heidel-
berg a. D.; * Wiesbaden 8. IV. 1848;
f Starnberg 5. VIII. — W.: Die Eltern
und Geschwister Napoleons I. (2 1886);
Geschichte des Konigreichs Westfalen
(1893); Bayern und Hessen 1799 — 18 16
(ai902). — TR 7. VIII.; LE 21, 1532;
Sch.;LZ637;KI, 17 (W).
KlUber, Robert v., Oberstleutnant, im
Kriege Chef des Generalstabes der 1.
Armee, der Armeeabteilung A und der
17. Armee, Ritter des Pour le mhite\
♦ Berlin 15. IX. 1873; t (ennordet) Halle
2. III. — Sch; Grabstein, Invalidenfried-
hof (Berlin); AT 1921.
Knoblauch, August, Dr. med., Geh. Med.-
Rat, o. Prof, der Neurologie a. d. Univ.
Frankfurt, Direktor der neurologischen
Universitatsklinik, langjahr. Vorsitzen-
der der Senckenbergischen Naturf orschen-
den Gesellschaf t ; * Heidelberg 4. II. 1 888 ;
f Frankfurt a. M. 24. VIII. — TR 28.
VIII.; IZ 24. VIII. (P); SozMH 1256;
MMW 66, I324f. (R. Koch); LZ 718;
BZ 45 [Frankfurter Universitatszeitung
V, 104 (Drevermann)] ; AA.
Koeks, Josef, Dr. med., Professor, Frauen-
arzt, Privatdoz. a. d. Univ. Bonn a. Rh.;
* Vaals, (Holl.-Limburg) 1. X. 1846;
t Bonn a. Rh. 4. III. — DGK; MMW 66,
3 1 2 ; PBL 880 ( W) ; ZB 44 [Das freie Wort
19. 93 (Gothe)].
Kolb, Christian, Dr. phil., Gymnasialprof.
u. Geschichtsforscher, Herausgeber der
Geschichtsquellen der Stadt Hall; * Da-
gersheim 16. III. 1843; t Tubingen 10. V.
— WN 100 — 103 (Knapp) [Schw. Kronik
Nr. 211].
Kohler, Josef, Dr. jur., LLD., Geh. Justiz-
rat, o. Prof, des Strafrechts a. d. Univ.
Berlin; * Offenburgg. III. 1849; t Berlin
3. VIII. — W. : Einfiihrung in die Rechts-
wissenschaft (* 1905); Handb. d. dtsch.
Patentrechts (1901); Ges. Beitrage zum
Zivilprozefi (1894); Studien aus dem
Strafrecht (6 Tie.. 1890 — 1897); Hersg.
von Holtzendorffs Enzyklopadie der
Rechtswissenschaft f 1914). — TR 3.
VIII.; Sch; L,Z 621; SozMH 1184; LE
21. 1531; WI'883 (W);H 17,232—235
(Hipp); Dtsch. Buhnenjahrb. 31 (1920),
162; M 7 VI, 1525 (W); KL 17 (W);
BZ 45 [Archiv fiir Rechts- u. Wirt-
schaftsphilosophie 13, 3 — 5 (Berolz-
heimer); Universum 35, H. 22, 49 (Leon-
hard); Zeitschr. f. dtsch. Zivilprozefl 48,
309 — 318 (Kriickmann) ; Badische No-
tarszeitschr. 19 19, 140 (Harrer)]; BZ 46
[Archiv fiir Strafrecht und Strafprozefi
69, 196 — 206 (Klee); Zeitschr. f. d. ges.
Handelsrecht 82, 499 (Seligsohn); Rhein.
Zeitschr. f. Zivil- u. Prozeflrecht io, 123
bis 133 (Rabel)]; BZ 47 [Nord u. Slid,
August 1920, 205 (Strupp); Deutsche
Revue, August 1920, 182 — 187 (Kapp-
stein); Westermanns Monatshefte, Au-
gust 1920, 647 — 650 (Eckstein); Zeitschr.
f. vergleich. Rechtswissensch. 38, 1 — 30
(Adam); Zeitschr. f. Volkerrecht 11, 4,
S.I— XXIII (Fleischmann)]; BZZ XI
[Schwab. Merkur 5. VIII.; LNN 5. VIII.;
LZ 4. VHI.; BT 4. VIII.; VZ 4. VIII.;
TR 4. VIII.; Hannov. Kurier 7. VIII.;
FZ 18. VIII.; VZ 23. VIII.] — J.K. zum
Gedachtnis (1920); Festgabe fiir J.K.
(19 1 9); A. Meszleny: J. K. alsMensch u.
Gelehrter (1925); A. Osterrieth: J.K.,
ein Lebensbild (1920).
* Koerber, Ernst v., Dr. jur., Geh. Rat.
Exzellenz, 1897 — 1898 Handelsminister,
1899 — 1904 osterreich. Ministerprasident
und Minister des Innern, 191 5 — 1916 ge-
meinsamer Finanzminister, 19 16 osterr.
Ministerprasident, Ehrenmitglied der
AdW Wien; * Trient 6. XI. 1850; f Ba-
den bei Wien 5. III. — NFP 5. III.;
VZ 8. III.; E 326 (P); Sch; WI7878,
8 1778; Almanach AdW Wien 19 19, 139
bis 149 (Friedjung) (P) ; Neue osterreich.
Biogr. 23-^43 (Friedjung); M 7 VI, 1754;
AT 1922 ; ZB 44 [Das freie Wort 19, 1 1 1
bis 114 (Janisch)]; DBJ 426/434 (Sieg-
hart).
Kdrte, Siegfried, Dr. phil. h. c, Oberburger-
meister von Konigsberg; * Berlin 23. XI.
1 86 1 ; f Konigsberg i. Pr. 4. III. — K6-
nigsb. Hartungsche Ztg. 16. III.; DGK;
Sch; WI 7 880, a 1778; Altpreufiische Mo-
natshefte 57, 145 — 169 (P); ZB 44 [Aus
dem Ostlande 14, 12].
Kubler, Wilhelm, o. Prof, des Elektroma-
schinenbaus a. d. Techn. Hochschule
Dresden; * Berlin 8. V. 1873; t Dresden
4. VI. — IZ 465 ; WI 7 926 (W) ; BZ 45
[Elektrische Kraftbetriebe und Bahnen
1919, 145 (Gorges); Elektrochem. Ztschr.
4°» 354]'. BZ 46 [Der prakt. Maschinen-
konstrukteur 1919, Nr. $7]; AA.
Kundmann, Karl, Professor a. d. Kunst-
724
Totenliste 19 19: Kukula — Lietz
akademie Wien, Bildhauer, a.o. Mitglied
der Akademie der Kiinste, Berlin ; * Wien
15. VII. 1838; f Wien 9. VI.— W.:Teget-
hoff-Denkmal (Wien),Schubert-Denkmal
(Wien). — DGK; WI 7 935 *• (W). 8 i779\
Sch; Kchr, NF 30, 796 f.; MS II, 407 f.,
VI 168 (W); M'VII, 314.
Kukula, Richard Cornelius, Dr. phil.,
o. Prof, der klassischen Philologie a. d.
Univ. Graz, korresp. Mitglied des dsterr.
Archaolog. Instituts; * Laibach 25. III.
1862; f Graz 6. IV. — Herausgeber der
Meisterwerke der Griechen und Romer
in komment. Ausgabe (1901 ff.; mit H.
Schenkl) . — DGK ; LZ 3 18 ; WI 7 934 ( W) .
8 1779; JAW 51, Bd. 206 B, 10 — 24
(Prinz) (W); KL 17 (W); S. Frankfurter:
R. Kukulas Lebenserinnerungen (1926).
Kupelwieser, Paul, Dr. h. c, Forderer der
osterreichischen Metallindustrie, Schop-
fer der neuerstandenen Insel Brioni;
* 1834 ; t Wien 2 1 . III. — W. : Aus den
Erinnerungen eines alten Osterreichers
(1918). — FZ 28. VI.; Sch; Osterreich.
Rdschau 59, 39 — 41; BZ 45 [Bergbau
und Hutte 5, 250 und 269].
Landauer, Gustav, Dr. phil., Schriftsteller,
Sozialist, Fuhrer im Munchener Rate-
aufstand; * Karlsruhe 7. IV. 1870; f (er-
schossen) Munchen 2. V. — W.: Shake-
speare (2 Bde., 1920); Der Todesprediger
(Roman, 1893); Aufruf zum Sozialismus,
191 1) ; Herausg. der Zeitschr. Masken. —
VZ 6. V.; BT 16. V.; FZ 15. V.; Konigsb.
Hartungsche Ztg. 3. VIII.; Sch; SozMIJ
646 f. (Zepler); LE 21, 1095 — 98 (Heufl) ,
1 1 19 [VZ 228], 1 146; KW 32, III, I56f .
(Friedrich); M 7 VII, 504; J. Bab: G. L..
Gedachtnisrede (19 19, * 1924); KL 17
(W); BR IV 167 (W); BZ 44 [Literar.
Rundschau fiir das evangel. Deutschland
294; Der Spiegel I, 5/6, S. 34-36 (Prechtl)] ;
W. Michel: Essays iiber G. L. (1920).
Lang, Heinrich, Professor, stellv. Direktor
des Konservatoriums in Stuttgart, Vor-
stand der Konsistorialorgelschule, Stifts-
organist, Komponist; * Laichingen
(Wiirttbg.) 17. II. 1858; | Stuttgart 14.
XI. — W. : Geistliche Lieder, Motetten,
Volksliedersatze, Mannerchore, Orgel-
werke. — Schwab. Merkur 15. XI.; TR
21. XI.; KJ 1920, 583; JP 77 [AMZ 690;
NMZ4i,79u. 141; NZf.Musik322; DTZ
18, 10]; FAT 212; NML365 (W); R706;
WN 158—168 (Mezger); G. Lang: H. L..
Ein Leben im Dienste gottgeweihter
Kunst (1920) (W); BZ 45 [Wurttemb.
Schulwochenbl. 369]; BZ 46 [Monats-
schr. fiir Gottesdienst und kirchl. Kunst
1920, 57 — 62 (Bopp)].
Lautensach, Otto, Dr. phil., Gymnasialpro-
fessor in Gotha, griechischer Gramma-
tiker; * Stralsund 20. IX. 185 1 ; | Gotha
18. II. — JAW 39, 81—86 (Meltzer) (W).
* Lehmbruck, Wilhelm, Professor, Bild-
hauer; * Duisburg-Meiderich, 4. I. 1881 ;
t Berlin 25. III. (Selbstmord). — W.:
»Kniende« in Duisburg [191 3]. — FZ
4. IV.; VZ 31. III.; NZZ 8. VI.; DGK;
Sch; WI 7 976; 8 1779; Kchr, NF 30, 538;
SozMH 580 f. (Stern); MS VI, 175; M7
VII, 766; P. Wertheim: W. h. (1919);
ZB 44 [Cicerone n, 191; Die Kunst f iir
Alle 34, 300 ; Das Kunstblatt 3,129; Kunst
und Kiinstler 17, 329 (Bethge)]; BZ45
[Deutsche Kunst und Dekoration 45, 43
bis 49 (Schwarz) ; Das Kunstblatt III 193
bis 200 (Westheim) und 200 — 204]; BZ
46 [Freie deutsche Biihne 1920, 662 — 66
(Schacht); Die Kunst fiir Alle 35, 145]
H. Bethge: W. L. zum Gedachtnis ( 1 920)
Das Werk W.Ls(i925); P. Westheim
W.L. (1919); DBJ 435/437 (Kuhn).
Liebknecht, Karl, Dr. jur. etrer. pol., Rechts-
anwalt, Fuhrer des Spartakusbundes ;
* Leipzig 13. VIII. 1871; f (erschossen)
Berlin 15. I. — W.: Briefe aus dem
Felde, aus der Untersuchungshaft und
ausdemZuchthaus (i9i9);K. L. [RedenJ,
Einl. von W. Miinzenberg (1926). • —
Sch; WI7 1000, • 1780; E 101 f.; DGK
(Sonderband: Die deutsche Revolution
L417, II, 350 f.); Max Adler: K. L. u.
Rosa Luxemburg, Gedenkr. (1919); H.
Lauf enberg : K . L. zum Gedachtnis ( 1 9 1 9 ) ;
K. Radek: Rosa Luxemburg, K. L., Leo
J ogiches ( 1 92 1 ) ; Sinowj ew u . Trotzki :
K. L. u. Rosa Luxemburg, Reden (1919);
Max Adler, Helden der sozialen Revo-
lution (1926), S. 31 — 53; M7 VII, 971;
H. Schumann, K. L-, ein unpolitisches
Bild seiner Personlichkeit (10 1923). —
BZ 44 [Der Kampf 74 — 86 (Adler) ; Das
Echo, Nr. 1899]; BZ 45 [Zeitschr. fiir
Staats- u. Volkswirtschaft 30, 3] ; BZZ
XI [Tag 22. I. (Leusch); NZZ 17. I.
(Neurath); Nationalztg. 18. 1.; BT 16. 1.;
Vorwarts 2 1 . II. ; VZ 1 5 . V. (Groflmann)] :
H 21, 2, S. 460 (Bauer).
Lletz, Hermann, Dr. phil., Lie. theoL,
Grander der Landerziehungsheime Usen-
burg, Haubinda, Bieberstein, Grander
des Landwaisenhauses in Veckenstedt;
• Dumgenewitz a. Riigen 28. IV. 1868;
f Haubinda 12. VI. — W. : Die deutsche
Nationalschule (191 1); Jahrbucher der
Landerziehungsheime (1899 — I9I4)l Vom
Leben u. Arbeit eines dsch. Erziehers
(» 1922); FZ 2. VII.; Tag 19. VII.; TR 30.
VII. (Eucken); SozMH 1230; WI T 1003;
Totenliste 19 19: Lindau — Loening
725
KW 32, IV, 47 (Hoffmann) ; M7 VII, 979;
E. Mei finer, Von Leben nnd Arbeit eines
deutschen Erziehers (3 1922); BZ 45
[Freie Bildung und Erziehung V, 101 bis
105 (Andreesen); Vierteljahrsschrift des
Vereins fiir philos. Padagogik 3, 281 — 283
(Rein); Deutsches Philologenblatt 360
(Hildebrandt) ; Sachs. Schulzeitung 294
(Schreiter) ; Padagog. Warte 439 — 443
(Eberhard); Der junge Deutsche 1, 124
bis 1 26 (Andreesen-Bieberstein) ; Deutsche
Blatter fiir erzieh. Unterricht 317 (An-
dreesen) ; Deutsche Schulpraxis 345
(Schreiter); Zeitschr. fiir Schulgesund-
heitspflege 32,401 — 406 (Fischer-Defoy)] ;
BZ 46 [Blatter fiir Fortbildung des Leh-
rers und der Lehrerin 12, 448 — 453 (Eber-
hard); Die freie Schulgemeinde 10, 75
(Wyneken) ; Korperliche Erziehung 1 5 ,
85 (Pimmer); Korper und Geist 28, 147.
(K ell wig)]; Jb. der deutsch. Universitat
Prag, 1924/25, Philos. Fak. (A. Seifert);
Der Pestalozzi des Deutschen H. L.
(1924); E. Meiflner, H. L. (1920); M.
Specht: H. L., Gedachtnisrede (1919).
♦Lindau, Paul, Dr. phil., Schriftsteller,
Dramaturg und Literarhistoriker, 1895
bis 1899 Intendant des Meininger Hof-
theaters, 1899 — 1902 Leiter des Berliner,
1904 — 1905 des Deutschen Theaters in
Berlin; * Magdeburg 3. VI. 1839; f Berlin
3 1 . I. — W. : Harmlose Briefe eines deut-
schen Kleinstadters (2 Bde., 1870); Nur
Erinnerungen (2 Bde., 191 7 — 191 8). —
Griinder und Herausgeber der Zeitschrif-
ten Die Gegenwart (1878 — 1904) und
Nord und Slid (1878 — 1904). — Ham-
burger Nachr. 3. II.; VZ 1. II.; BT i.II.;
KZ 1. II.; LNN 2. II.; FZ 15. II.; DGK;
LZ 113; Sch; WI7 1006 (W),8i78o; KW
32, II, 129 f. (Avenarius); SozMH 300
(Hochdorf); E 189 f. (P); LE 21, 699
und y^$ — 735 [Neues Wiener Journal
9072; Lokal-Anz. 1. II.; Mannh. General-
Anz. 54; FZ 86 A; Magdeb. Ztg. 107];
Dtsch. Biihnenjahrb. 31 (1920) 148 (IP);
M7 VII 100^ (W); KL 17 (W); BR IV,
266 f. (W); Hadlich: P. L. als dramati-
scher Dichter (1876); V. Klemperer,
P. L. (1909) ; BZ 44 [Die Bergstadt 7, 123
(Eckardt), Die deutsche Buhne 9, 443
( Wolff -Frank) ; Das Echo, Nr. 1902];
BZ 45 [Universum 35, H 19, 37 (Klaar)];
DBJ 437/442 (Knudsen).
Lindner, Theodor, Dr. phil., Dr. phil h.c.et
jur h. c, Geh. Reg. -Rat, em. o. Prof, der
Geschichte a. d. Univ. Halle; * Breslau
29. V. 1843; t Halle a. S. 25. XI. — W.:
Geschichte des deutschen Reiches vom
Ende des 14. Jahrh. bis zur Reformation
(2 Bde., 1875— 1880); Deutsche Ge-
schichte unter den Habsburgern und
Luxemburgern (2 Bde., 1890 — 1893); Ge-
schichte des deutschen Volkes (2 Bde.,
1894) i Die deutsche Hansa (4 191 1) ; Welt-
geschichte seit der Volkervvanderung
(9 Bde., 1 901— 1916). — TR26. XI.; LE
22, 437; Sch; LZ 964; WI7 1010 (W),
8 1780; M7VII, ion (W); KL 17 (W).
Liszt, Franz v., Dr. jur., Dr. rer. pol h. c,
Geh. Justizrat, o. Prof, des Strafrechts
und der Prozesse a. d. Univ. Berlin, MdR
und des preufl. Abg.-Hauses (Fortschr.
Volkspartei) ; * Wien 2. III. 1851 ; f See-
heim a. d. BergstraBe 21. VI. — W.:
Lehrbuch des deutschen Strafrechts
(24i922); Das Volkerrecht, systemat.
dargestellt (10 191 5) ; Strafrechtliche Auf-
satze und Vortrage (2 Bde., 1905); Griin-
der (1881) der Zeitschr. fiir die gesamte
Strafrechtswissenschaft. — FZ 9. VII.;
LNN 24. VI.; NZZ 26. VI.; NFP 23. VI.;
DGK; Sch; LZ 509; SozMH 1 18411. 1920,
295 (Loewenfeld); WI7ioi6f. (W),
8 1780; M7 VII, 1059 f. (W); KL 17 (W);
BZ 44 [Jurist. Blatter 1919, 206]; BZ 45
[Jurist. Blatter 222 (Loffler) ; Die Hilfe
360 (Eyck); Volkswohl 48, 545 (Heine-
mann); Zeitschr. f. d. ges. Strafrechts-
wiss. 529—534 (v. Hippel), 535— 543
(v. Lilienthal) ; Leipziger Zeitschr. fiir
deutsches Recht 13. 737; Allgem. Zeitung
des Judentums 303; Deutsche Straf-
rechtszeitung 289 (Lindenau) ; Die neue
Zeit 38, I, 79 — 86 (Hurwicz)]; BZ 46
[Das neue Europa 5, 10/1 1 (Hurwicz) ; Ju-
gendfiirsorgei4, 61 (Friedeberg) ; Zeitschr.
fiir Sexualwiss. VI, 177 (Mittermaier) ;
Zeitschr. fiir Hochschulpadagogik 10,
64).
Lofi, Paulus [Ludwig] v., P., O. P., Herausg.
der Quellen und Forschungen zur Gesch.
des Dominikanerordens in Deutschland;
* SchloC Wissen (Kr. Geldern) 31. III.
1866; f Diisseldorf 19. VI. — Kolnische
Volksztg. 21. VI.; H. Wilm: P. P. v. L.
und seine Verdienste um die Geschichte
des Dominikanerordens (= Quellen und
Forschungen z. Gesch. des Dom.-Ordens
18 [1923]).
Lohmann, Alfred, Dr. sc. pol. h. c, Chef der
Exportfirma L. & Co., Schopfer des
Handelsunterseeboots verkehrs 1 9 1 6 ;
t Timmendorfer Strand (Ostsee) 4. IX.
— TR 5. IX.; E. 1047 (P); SozMH 1228;
Sch.
Loening, Edgar, D. th. h. c, Dr. jur., Geh.
Justizrat, o. Prof, des Kirchen-, Ver-
fassungs- und Verwaltungsrechts a. d.
Univ. Halle, Mitherausgeber des Hand-
726
Totenliste 19 19: Lowenfeld — Metzdorff
worterbuchs der Staatswissenschaften
(1888/96, 3i9o8/i 1); * Paris 14. VI. 1843;
t Halle a. S. 19. II. — W.: Geschichte
des deutschen Kirehenrechts (2 Bde.,
1878); Grundziige der deutschen Reichs-
verfassung (4 1913). — TR20.II.; BB1;
UK; S0ZMH1183; DGK; LZ 169; Sch;
WI7 1023; KL 17 (W); BZ45 [Preu-
Bisches Verwaltungsblatt 40, 281 (Schul-
tzenstein)] ; BZ 46 [Zeitschr. der Savigny-
Stiftung, Kanonist. Abt. 40 $73].
Ldwenfeld, Theodor, Dr. jut., Geh. Justiz-
rat, Rechtsanwalt und o. Honorarprof.
a. d. Univ. Munchen, zivilistischer Mit-
arbeiter an Staudingers Kommentar
zum BGB.; * Munchen 31. VII. 1848;
t Munchen 18. I. — SozMH 206; WI7
1025; ZB 44 [Jut. Wochenschr. 48, 65
(Buhmann)].
Lad wig Viktor, Erzherzog von Osterreich,
jiingster Bruder Kaiser Franz Josephs,
vormaliger osterr.-ungar. General d. Inf. ;
* Wien 15. V. 1842; f Schlofl Klesheim b.
Salzburg 18. 1. — DGK; Sch; GH 1920;
ZB 44 [Polit. u. volkswirtsch. Chronik
1919, 19].
Lutz, Gottlob, Volksschulrektor und Natur-
f orscher ; * Musberg 1 o . VI . 1855;! Stutt-
gart 20. IV. — W.: Lehrbuch der prakt.
Pflanzenkunde (1886); Wanderungen in
Begleitung eines Naturkundigen (8 1914).
— WN 90—93 (W) (Wittmann) [Die
Volksschule 19 19, 10; Lehrerverein 1919,
17; Wiirttemberg. Staatsanzeiger 1919,
89; Aus der Heimat 19 19, Heft 2 — -6
(Sandherr)].
* Lurmann, Fritz W., Dr. ing. e. h., Er-
finder der Hochofen-Schlaekenform,
Ehrenmitglied des Vereins Deutscher
Ingenieure; • Alexanderhohe b. Iserlohn
31. V. 1834; f Osnabriick 24. VI. — Sch;
StE 828 u. 897 — 000 (Macco) (P) ; VDI
63, 642; MdT 163 (E. Gossow); DBJ 442/
446 (Dickmann) (L).
Luxemburg, verehel. Liibeck, Rosa, Dr.,
Schriftstellerin, Sozialistin, Fiihrerin des
Spartakusbundes; * Zamosc (Polen) 25.
XII. 1870; f (durch Totschlag) Berlin
15. I. — W.: Die Krise der Sozialdemo-
kratie (1919, f 1919); Einfuhrung in die
Nationalokonomie (1924); Ges. Werke,
Bd. 3 — 4(1925/26); Briefe aus demGe-
fangnis (1927). — Sch; E 99 (P) und
101; SozMH 180; M. Adler, Helden der
sozialen Revolution (1926), S. 31 — 53;
M7 VII, 1 381; K. Radek: R. L.. Karl
Liebknecht, L. Jogiches (192 1). — BZ44
[Das Echo, Nr. 1899; Glocke 4, 1333 — 42
(Lensch); Weltbuhne 59 (Fischart)]; BZ
45 [Freie Jugend I, 7 — 9 (Jenssen)]; C.
Zetkin: Um R. L.s Stellung zur wiss. Re-
volution (1922). — S. a. Liebknecht, K.
Mann, s. Wothe.
Marie Therese, Konigin von Bayern, geb.
Erzherzogin von Osterreich-Este ; • Wien
2. VII. 1849; t Schlofl Wildenwarth 3. II.
— DGK; Sch; GHK 1920; ZB 44 [Das
Bayerland 30, 188; Polit. u. volksw.
Chronik 191 9, 47].
Maul, Anna, Schriftstellerin [Pseudonym:
M. Gerhardt]; * SauBienen (Ostpr.)
8. III. 1838; f Berlin 13. II. — LE; WI 7
1084 (W); PY II, 24, I. 253 f. (W).
Mehlhorn, Paul, D. theol.. Dr. phil.. Kirchen-
rat, Pfarrer an der Refonnierten Ge-
meinde in Leipzig, theol. Schrif tsteller ;
* Gauern 3. I. 185 1 ; f Leipzig 5. XII. —
W.: Aus den Quellen der Kirchenge-
schichte (2 Bde., 1894/99); Rechenschaft
von unserm Christen turn (4 19 10). —
LZ988; WI7io94(W);KJ 1920. 583 f.;
KL 17 (W).
• Mehrlng, Franz, Dr. phil., Schriftsteller
und sozialdemokr. Politiker; * Schlawe
27. II. 1846; f Berlin 28. I. — W.: Ge-
schichte der deutschen Sozialdemokratie
(1897). — VZ 29. I.; Weser-Ztg. 30. I.;
BT 28. I.; DGK; SozMH H9f- (C.
Schmidt); LE 21, 700; LZ 113; Sch;
WI7io95 (W), 8i78i; KL 17 (W):
ZP 44 [Glocke 4, 1397 — 1409 (Lensch):
Weltbuhne 149 (Lurisch) ; Die neue Zeit
37. 433]; BZ 46 [Der Kampf 1919, 464
(Jenssen)]; DBJ 446/453 (Joelson).
Meier, Max, Dr. ing. e.h., Generaldirektor
der Bismarckhutte; * Resisca in Ungarn
2.X. 1863; f Bismarckhutte 4. III. —
StE 39. 284 u. 463 f. (P).
Merkel, Friedrich, Dr. med., Geh. Med.-Rat,
o. Professor der Anatomie a. d. Univer-
sity t Gottingen; • Niirnberg 5. IV. 1845
f Gottingen 28. V. — W. : Handbuch der
topographischen Anatomie (1885); Die
Anatomie des Menschen (2 Bde., 191 3).
— UK 1919/20; Nachr. GdW Gottingen
1920, 64 — 74 (Jensen) ; LZ 444; MMW 66,
907 (Voit); WI7 uo6(W).8 1781; KL 17
(W); PBL ii2of. (P), (W).
Mortens, Eduard, Dr., Erfinder des Ro-
tationskupf ertief druckes ; ; f Freiburg i.
Br. 24. II. — Sch; IZ, Nr. 3953 (Gersten-
berg) ; BZ 45 [Zschr. fiir Reproduktions-
technik 18 (Eder)].
Metternlch, s. Wolff gen. Metternich.
Metzdorff, Richard, Komponist; * Danzig
28. VI. 1844; f Berlin 26. IV. — W.:Zwci
Sinfonien F-Dur op. 16; Tragische Sin-
fonie op. 17 D-Moll; Ouvertiire zu Konig
Lear; Oper Rosamunde (1875, Weimar).
— Hann.Kurier27. V.; JP78 [AMZ 250;
Totenliste 19 19: Metzner — Naumann
727
RMTZ 131; NMZ 40, 223; NZfM 126;
DTZ 77]; FAT 252 (W) ; NML 419 (W) ;
R 823; A 299; SozMH 680.
Metzner, Franz, Professor, Bildhauer, Vor-
standsmitglied der Berliner Sezession;
* Wascherau in Bohmen 18. XI. 1870;
f Berlin 24. III. — W.: Plastiken am
Volkerschlachtdenkmal (Leipzig), Nibe-
lungenbrunnen (Prag). — VZ 22. und
25. III.; Deutsche Ztg. 25. III.; TR
24. III.; IZ; E 388 (P); Kchr, NF 30,
516 f.; SozMH 580 (Stern); Osterreich.
Rdsch. 59, 186 (Volz) ; MS VI, 195 ; BZ 44
[Deutsche Arbeit 4, 265 — 269 (Servaes) ;
Der Cicerone XI, 192; Gartenlaube 221
(Hartmann) ; Die Kunst fur Alle 34, 300;
IZ, Nr. 3956 (Delphy)]; BZ 45 [Dtsche.
Kunst und Dekoration 44, 315 — 324
(Kurth)]; BZ 46 [Heimdall 24, 59; Der
Architekt 21 II, 93 — 108 (Servaes)]; O.
Riedrich: Der Bildhauer F. M. (1925)
* Meyer, Kuno, Dr. phil., o. Professor der
keltischen Philologie an der Universitat
Berlin, friiher an der Universitat Liver-
pool, Ehrenbiirger von Dublin und Cork,
Dr. h. c. Oxford, Wales und St. Andrews;
* Hamburg 20. XII. 1858; f Leipzig
11. X. — W.: Herausg. der Zeitschrift
fur keltische Philologie. — VZ 14. X.;
LNN 15. X.; TR 14. X.; E 1388; Sch;
LZ 880; LE 22, 251; PM 65, 231 f.; SB
der AdW Berlin 1920, 703 — 709 (Schulze).
Ztschr. f . Kelt. Philologie 13, 283 (Po-
korny 15 (Best, Bibliogr. d. W). DBJ
453/455 (Muhlhausen) (L) .
Milchsack, Gustav, Dr. phil., Professor,
Oberbibliothekar und Vorstand der Lan-
desbibliothek Wolfenbiittel; * Niim-
brecht (Rhpf.) 7. I. 1850; f Wolfenbuttel
29. XII. — W.: Gutenberg. Leben und
Erfindung (1900). — LZ 1920, 116;
WI' 1 127 (W);KLi7(W); JB 1920, 180;
E 22, 636.
Mock, Fritz, Maler und Graphiker, • Bob-
lingen (Wttbg.) 13. IX. 1867; f Basel
30. IX. — WI7 1133 f.,8 i78i;MSV,209.
Morgenstern, Friedrich Ernst, Professor,
Maler; * Frankfurt a. M. 17. I. 1853;
f Frankfurt a. M. 29. V. — W.: Insel
Walcheren (Frankfurt a. M., Stadt. Ga-
lerie); Olbild von Frankfurt (Frankfurt
a. M., Histor. Museum). — DGK ; Kchr,
NF 30, 713 f.; WIM145 (W), 8i78i;
MS III, 247 (W), VI 200.
MOhldorfer, Wilhelm Karl, Komponist,
1 88 1 — 1 909 Stadttheater-Kapellmeister
in Koln; * Graz 6. III. 1837; t Koln
a. Rh. . III. — W. : Kyffhauser (Oper) ;
Der Goldmacher von StraiJburg (Oper);
Iolanthe (Oper) ; Aschenbrodel (Ballett) .
— JP 78 [DTZ 39; RMTZ 88; NMZ 40,
158 u. 182]; FAT 264; R 860.
M tiller, Eduard, Mitglied des Bundesrats
der Schweizerischen Eidgenossenschaft,
Chef des Justiz- u. Polizeidepartements,
1887 — 1895 Staatsprasident von Bern,
1899, 1907 u. 191 3 Bundesprasident;
* Dresden 12. XI. 1848; f Bern 9. XI. —
DGK; WI7 U54;Sch; Berner Bund 10.
u. n. XI.; NZZ 10. XI.; AA; M7VIII
819.
M tiller, Johannes, Dr. phil., Professor, Geh.
Reg. -Rat, Direktor d. Reichstagsbiblio-
thek (1906 — 19 1 3) i. R.; * Kleinsilber
(Kreis Aj-nswalde) 24. II. 1850; f Berlin
1 4. VII. — W. : Theologische Bibliographie
(1885 ff.) ; Katalog des Reichstags (Bd.
Ill ff , 1896 ff.).— LE21, i468;WI7 u;8
(W); LZ 601; KL 17 (W); JB 1920,
180.
MQller-Reuter, Theodor, Professor, Lehrer
am Konservatorium der Musik Leipzig,
Dirigent und Komponist; * Dresden
1. IX. 1858; f Gautzsch b. Leipzig 11.
VIII. — W. : Lexikon der deutschen
Konzertliteratur (Bd. I, 1909); Ruth
(Chorwerk) . — LNN 1 7. VIII. ; WI 7 1 163
(W); SozMH 126s; JP78 [RMTZ 254;
AMZ 466; DTZ 89; NZfM 228; NMZ 40,
290]; FAT 266 (W); NxML 436 (W) ;
R864 (W); A 315.
Myrbach, v. Rheinfeld, Franz Freiherr, Dr.
jur.t Hofrat, em. o. Professor der poli-
tischen Okonomie an der Universitat
Innsbruck; * Zaleszczyki (Galizien)
3. XII. 1850; f Innsbruck n. II. — W.:
GrundriB des osterreich. Finanzrechts
(2 1915). — SozMH 495; WI7 1172; LZ
193; KL 17 (W); FT 1925.
Naaf, Anton August, Schriftsteller, viel-
komponierter Dichter, Hersg. (1882 bis
1909) der Musikzeitschrif t » Lyra «; * Wei-
ten trebetitsch (Bohmen) 28. XI. 1850;
| Wien 27. XII. — W.: Von stiller Insel
(Gedichte, 1881); Aus dem Dornbusch
(Lieder, 1890); Der Sonne zu (Lieder,
* 190s). — LE; WI7 1173 (W); JP 78
[NZfM 11]; FAT 268; R 874; BR V,
94 f- (W).
Nahmer, Ernst v. d., Dr. phil., langjahr.
Vertreter der Koln. Zeitung in Konstan-
tinopel, Vorkampfer des deutschen Schul-
wesens in der Tiirkei; • 10. VII. 1862;
f 24. XI. — W. : Vom Mittelmeer zum
Pontus (1904). — Unvollendetes Werk
iiber die Geschichte des Deutschtums im
Orient. — SozMH; KL 17.
Naumann, Friedrich, D. theol., Pfarrer a. D.,
Sozialpolitiker, M. d. National versamml.,
Vorsitzender der Demokratischen Partei,
728
Totenliste 19 19: Nebe — Niessen
Hrsg. der »Hilfe«; * Stormthal b. Leipzig
25. III. i860; f Travemiinde 24. VIII. —
W.: Das soziale Programm der evangel.
Kirche 1891); Was heiBt christlich-
sozial? (2 Bde., 1894/96); Gotteshilfe
(8 1907); Asia (8 191 1); Demokratie und
Kaisertum (4 1905) ; Das blaue Buch von
Vaterland und Freiheit (19 14); Mittel-
europa (1915, 100. Tsd. 1916). — LNN
25. VIII.; Sch; LZ 681; E 991; SozMH
1920, 347 ; LE 22, 59 f • ; WI 7 1 177 f. (W) ;
ELK 52, 766; KW 32, IV 227 — 230
(Schairer, Avenarius); Die Hilfe 1921,
373 u. 1924, 431 — 435; Stresemann, Von
der Revolution bis zum Frieden von Ver-
sailles, S. 212 — 220; Stresemann, Reden
und Schriften I, 241 — 251 ; KZ 1920, 584 ;
KL 17 (W); HNV 222 (P); BZ 45 [Aka-
dem. Blatter 34, 143 (Oflwald); Christen-
tum und Gegenwart 10, 158; Die Hilfe
465 (Heile), 483 — 494; Plutus 289; So-
ziale Praxis 28, 847; Universum 35, H.49,
259 (Bousset); Deutsches Volkstum 262
bis 267 (Damaschke); Die Wartburg 196
(Pankow); Christl. Welt 33, 746; Glocke
V, Nr. 23, 274 — 281 (Gohre); Neues
Sachs. Kirchenblatt 577 (Naumann) ;
Evangel. Freiheit 298 — 302 (Naumann) ;
Deutsche Politik 291 (Rohrbach); Das
freie Wort 19, 308 — 311 (Kohler); Pro-
testantenblatt 426 (Schubring); Dtsche.
Stimmen 595 (Stresemann); Christl. Welt
33, 751 (Schlosser)] ; BZ46 [Histor.-polit.
Blatter fur das kathol. Deutschl. 165,
549 — 554; EcceMeiflen, Heft 24, 81 ; Die
Frau 27, 16 — 23 (Treuge) ; MonatFSchrif t
fur Pastoral theologie 16, 30 (Eytel) ;
Christl. Freiheit 1919, 566 u. 790 (Nack
u. Kulemann) ; Der unsichtbare Tern pel
I9I9. 318 (Horneffer); Die Hilfe 1920, 177
(Baumer) ; Christl. Kunstblatt 61 , 1 59 bis
174; Die Propyl aen 16, 322 (Schubring);
Dtsche. Lehrerzeitung 1920, 45 (Franke) ;
Christl. Welt 34, 193—206] ; BZ 47 [Die
Hilfe 1920, 482 (Baumer) u. 487 (Momm-
sen)] ; BZZ XI [VZ 25 . VIII. ; MNN 26. u .
30. VIII.; VZ 26. VIII.; Tag 10. IX; FZ
25. VIII. ff.; Germania 25.VIIL; FZ
12. IX.; Konigsb. Hartungsche Ztg.
4. IX. ; Kieler Ztg. 27. VIII. ; FZ 26. VIII.
— Margarete Naumann : F. N.s Kindheit
u. Jugend ( 1 928) (P) ; A. Naumann : F. N.s
christl. Sozialismus (1927); H. Barge:
F. N., Vortrag (1920); W. Bousset, F. N.,
Gedachtnisworte ( 1 9 1 9 ) ; Zum Gedachtnis
an F. N. (hrsg. v. J. Herz, 19 19); Th.
HeuB: F.N. zumGed.(i92o);M. Wenck:
F.N. (1920); DBJ 1922 (Nachtrag).
Hebe, Gustav, D. theol., Wirkl. Oberkonsi-
storialrat, Generalsuperintendent von
Westfalen a. D., theol. u. sozialpolit.
Schriftsteller; * RoBleben 21. IX. 1835;
| Eisenach 6. XI. — TR 7. XI.; LZ 924;
KJ 1920, 585; DZL.
Netto, Eugen, Dr. phil., em. o. Professor der
Mathematik an der Universitat Gieflen;
* Halle a. S. 30. VI. 1846; f GieBen 13. V.
— W.: Substitutionentheorie (1882); Al-
gebra (1896 — 1900). — SozMH 832;
WI7u83; LZ404; KL 17 (W); PFV,
897 f- (W).
Neukamp, Ernst, Dr. jur., Reichsgerichts-
rat, juristischer Schriftsteller; * Soest
8. IX. 1852; f Leipzig 6. II. — W.: Ge-
werbeordnung, erlautert (10i9i2); Kom-
mentar zur ZPO (f 1 9 1 1 ) ; Die gewerbe-
rechtl. Nebengesetze (1914). — LZ 132;
WI7u85; KL 17 (W) ; ZB 44 [Bank-
archiv 18, 91].
Neumann, Wilhelm, Dr. phil., Direktor de.s
Rigaer Stadtmuseums ; * 5. X. 1849;
t Riga 6. III. — W.: Schriften zur
baltischen Kunstgeschichte. — LZ 552;
SozMH 1 175; BB1 12. VII.; Kchr,NF
30, 796 (v. Seidlitz); KL 17.
Neumann, Wilhelm Anton, D. theol., Hof-
rat, Geistlicher Rat, em. o. Professor der
semitischen Sprachen und alttestament-
lichen Exegese an der Universitat Wien,
Zisterzienser des Stifts Heiligenkreuz;
* Wien 4. VII. 1837; f Modling im Okt.
— W.: Baugeschichte von St. Stephan
in Wien (1906). — TR 13. X.; WI7 1188;
LZ 841; KL 17 (W).
Neuring, Gustav, sachsischer Kriegsmini-
ster; * Harburg a. E. 14. IX. 1879;
f Dresden 12. IV. (ermordet). — Sch;
Dtsch. Ztg. 19. IV.; KV 22. IV ; Dtsch.
Ztg. 22.IV.;LZ28.VII;JZ4oo9(P);AA.
Nicodt, Jean Louis, Professor, Komponist,
Mitglied der Akademie der Kiinste in
Berlin; * Jersitz (Posen) 12. VIII. 1853;
f Langebriick b. Dresden 4. X. — W.:
Das Meer (Chorsymphonie) . — SozMH
1265; IZ 4. X. (P);Sch; JP78[AMZ ^69;
NZfM 258; RMTZ ^15; DTZ 113; NMZ
41, 31]; FAT 274 (W); R 891 f. (W);
A 323; NML 449 f. (W); Th. Schafer:
J.L.N. (1907).
Niemann, August, Schriftsteller, 1868 bis
1888 Hauptschriftleiter des Gothaer Hof-
kalenders, Romanschriftsteller; * Han-
nover 27. VI. 1839; f Klotzsche b. Dres-
den 17. IX. — W.: Lebenserinnerungen
(1909). — LNN 19. IX.; PM 66. 61 ; IZ
(P); SozMH 1 186; LE 22, 188; Sch; LZ
758; WI7ii92f. (W); KL 17 (W).
Niessen, Wilhelm, Dr. phil., Universitats-
musikdirektor u. em. Lektor des Musik-
unterrichts a. d. Universitat Miinster
Totenliste 191 9: Nissl — Petersen
729
i. W.; * Koln a. Rh. 1. XI. 1867; f Heil-
anstalt Warstein 15. III. — W.: Sesos-
tris (Oper). — LZ 234; SozMH 365; JP
78 [NMZ 40, 195; RMTZ 100; DTZ 52];
R895 (W); FAT 275; AA.
Nissl, Franz, Dr. med.. Geh. Rat, o. Pro-
fessor der Psychiatrie a. d. Universitat
Munchen, Vorsteher der histo-patholog.
Abteilung der Deutschen Forschungs-
anstalt fur Psychiatrie; * Frankenthal
(Rhpf.) 9. IX. i860; f Munchen 11. VIII.
— MNN 22. VIII.; TR 14. VIII.; BB1
18. VIII.; UK 1919/20; MMW 66, 1058
bis 60 (Kraepelin) ; LZ 660; WI7 1197
(W), 8i782; BZ 45 [BKW 56, 1006
(Spatz); DMW 45, 1087 (Jakob); Psych.-
neurol. Wochenschr. 21, 209 — 212 (Bres-
ler)] ; BZ 46 [Archiv fiir Psychiatrie und
Nervenkrankh. 61, 751 — 759 (Jahnel);
Mschr. fiir Psychiatrie u. Neurologie 46,
294 — 308 (Schroder); Zschr. f. d. ges.
Neurol, u. Psychiatrie 51, S. I (Gaupfcp)].
Niessl, v. Mayendorf, Gustav, Hofrat, em. o.
Professor der Astronomie u. Geodasie a. d.
Techn. Hochschule Brvinn, korresp. Mit-
glied AdW Wien; * Verona 26. I. 1839;
j Wien 1. IX. — Almanach AdW Wien
1920, 120 — 1.23 (Hepperger); WI 7 1194,
8 1782; PF V, 906.
Ochs, Traugott, Hofkapellmeister, Pro-
fessor, Leiter des Ochsschen Konservato-
riums, Musikpadagoge und Chordirigent ;
* Altenfeld i. Th. 19. X. 1854; f Berlin
27. VIII. — W. : Deutsches Aufgebot (fiir
Mannerchor u. Orchester) ; Requiem. —
TR 29. VIII.; BB1 i.IX.; WI7i209,
8 1782; Sch; JP 78 [AMZ 479; DTZ 89;
NZfM 237; RMTZ 28<]; FAT 280 (W);
NML 460 (W); R 909; A 329.
*Oechsli, Wilhelm, Dr. phil., o. Professor der
Schweizer Geschichte an der Universitat
u. Eidgen. Teclm. Hochschule Zurich;
* Riesbach bei Zurich 6. X. 185 1 ; | Weggis
26 . IV. - W. : Bilder aus d . Weltgeschichte
(3 Bde., 6 191 3) ; Quellenbuch zur Schwei-
zergeschichte (3iqo9); Geschichte der
Schweiz im 19. Jahrh. (2 Bde., 1904 bis
1913). — Berner Bund 30. IV.; Berner
Nachr. 4. V.; LZ 359; SozMH 749;
WI 7 i 2 10; KL 17 (W) ; Anz. fiir Schweiz.
Gesch. 50, 84 — 86; BZ 45 [Die Schweiz
III, 290 (Greyerz) ; Wisscn und Leben 12,
513 (Gagliardi)] ; DBJ 456/458 (Stern).
Ohly, Karl, D. theoi., Generalsuperintendent
von Wiesbaden; * Haiger 8. VIII. i860;
f Nassau 27. II. — ELK 52, 248; KJ
!9!9» 571; BZ 45 [Missionsblatt des
Frauenvereins fiir christl. Bildung 55,
Nr. 3— 4, S. 10—13].
Ohnesorg, Karl, Kapellmeister und Kom-
ponist; * Mannheim 29. VI. 1867; f Han-
nover 15. XI. — W.: Die Bettlerin von
Pont des Arts (Oper, 1899) ; Zauber einer
Polarnacht (Ballett). — JP 78 [NMZ 41,
99]; FAT 281; R 912 (W).
Oppenheim, Hermann, Dr. med., Dr. h. c.
(Birmingham), Professor, Nervenarzt,
Prasident der Gesellschaft Deutscher
Nervenarzte; * Warburg 1. I. 1858;
f Berlin 22. V. — FZ 28. V.; VZ 22. V.,
27. V.; DGK; Sch; SozMH 553; WI 7
1221,8 1 782 ;LZ 404; MMW 66, 608; PBL
1232 f. (P), (W); BZ 44 [Med. Klinik 15,
575 (Henneberg); WMW 1296 (Mar-
burg)]; BZ 45 [Neurol. Zentralbl. 38, 386
(Nonne); Archiv fiir Psych, u. Nerven-
krankh. 61, 471 — 475 (Finkelnburg) ;
BKW 669 (Cassirer); DMW 45, 830
(Saenger); Zschr. fiir arztl. Fortbildung
16, 381 (Simons); Zeitschr. fiir Psycho-
therapie u. medizin. Psychol. 7, 382
(Moll)]; BZ 46 [Zschr. f. d. ges. Neurol.
11. Psychiatrie 52, 1 — 6 (Liepmann)].
Osel, Heinrich, Zollinspektor a. D., M. des
bayr. Landtags und (1903 — 1906) M. d.
R. (Ztr.), zweiter Direktor der landw.
Zentralgen. der Bayr. Bauernvereini-
gung; * Hallstadt 10. V. 1863; | (im
Landtag erschossen) Munchen 2 1 . II. —
WI7 1226. 8 1783.
Paar, Eduard Graf v., Generaloberst, ehem.
Generaladjutant Kaiser Franz Josephs,
Geh. Rat und Kammerherr, Ritter des
Schwarzen-Adler-Ordens und des oster-
reichischen Ordens vom Goldenen Vlies;
* Wien 5. XII. 1837; f Wien 1. II. —
Sch; WI7 1233; GH 1920.
Passow, Hermann, Dr. chem., Leiter der
zementtechnischen Versuchsstation, ver-
dient urn die Gewinnung von Zement
aus Hochof enschlacke ; * Halberstadt
5.III.186S; | Blankenese 1. III. —
MdT 1 99 ; StE 39, 1 364 ; WI 7 1 243 ; BZ 45
[Cement 8, 475; Chem.-Ztg. 43, 725
(Griin); Tonindustrie-Ztg. 1010 (Griin)].
Pawel-Ramingen, Rudolf v., Wirkl. Geh.
Rat, Exzellenz, sachsen-weimarischer
Staatsminister und Prasident des Landes-
kirchenamtes a. D.; * Holzminden 6. VI.
1846; f Braunschweig 26. XII. — WI 7
1248, 8 1783; AT 1925.
Perthes, Bernhard, Geh. Hofrat, Seniorchef
der Verlagsbuchhandlung Justus Perthes
in Gotha; * Gotha 16. VI. 1858; f Gotha
18. XII. — TR 19. XII.; PM 66, 27
(Langhans) ; WI 7 1255; BB1 1919, Nr.
283, S. 1 188.
Petersen, Eugen, Professor, erster Sekretar
des Deutschen Archaologischen InstitUts
in Rom; * Heiligenhafen (Holstein)
730
Totenliste 19 19: Pfaff — Rech
16. VIII. 1836; * Rom 14. XII. — W.:
Vom alten Rom (4 191 1). — WI7 1258
(W),8i;83; KL 17 (W).
Pfaff, Wilhelm v., wiirttemb. General d. Inf.
z. D., Exzellenz, zuletzt (1895 — 1&97)
Kommandeur der 27. (2. wiirttemberg.)
Division; * Ulm 4. I. 1840; f Berlin
22.IX. — Schw.Merkur26.IX.u. i.XL;
TR 26. IX.; MWB1 104, 250; WI 7 1263.
8 1783; WN 112— 115 (v.Muff); Schw.
Merkur Nr. 444.
Pfeiffer, Berthold, Dr. phil., Professor,
Gymnasialoberlehrer a. D., Kunsthisto-
riker; * Stuttgart 24. VI. 1854; f Stutt-
gart 8. XII. — W. : Die bildenden Kiinste
in Wurttemberg unter Herzog Karl
Eugen (1907). — Schw. Merkur 12. XII.;
TR i3.XII.;Kchr, NF 31, 251 ; LZ 1920,
21; KL 17 (W); WN 181— 185 (Grad-
mann); Schw. Merkur Nr. 573.
Pfeiffer, Jacob, Kommerzienrat, Inh. der
Maschinenfabrik Gebriider Pfeiffer in
Kaiserslautern, fiihrte die sogen. unga-
rische Walzenmullerei in Deutschland
ein; * Kaiserslautern 25. II. 1842; f Kai-
serslautern 27. X. — VDI 63, 1273 f.
(P)-
Pflugk-Harttung, Julius v., Dr. phil., Geh.
Archivrat am Geh. Staatsarchiv in Berlin
a. D., Geschichtsforscher, Univ. -Prof ess.
a. D.; * Wernikow (Kreis Brandenburg)
8. XI. 1848; f Berlin 5. XI. — W.: Acta
Pontificum Rom. (1879 — 1883) I Iter Itali-
cum (1883— 1884); Allgem. Weltgesch.
(1885— 1888); Napoleon I., Republik u.
Kaisertum (I, 1900); (Ullsteins) Welt-
geschichte (6 Bde., 1907 — 1910); Illustr.
Geschichte der Befreiungskriege (191 2).
— VZ 7. XI.; TR 8. XI., 12. XII.; Sch;
LZ 902; LE 22, 375 f.; WI7 1268 (W),
8 1783; KL 17 (W); AT 1921.
Pintsch, Richard, Dr. ing. e.h., Geh. Kom-
merzienrat, Chef der Firma J ulius Pintsch
A.-G., Konstrukteur der Eisenbahn-
wagen-Gasbeleuchtung (Pintsch-Gas), M.
d. Akad. des Bauwesens; * Berlin 19. II.
1840; f Berlin 6. IX. — WI 7 1277,
8 1 789; S0ZMH1228; MdT 204(Schulz);
BZ 45 [Annalen fur Gewerbe- und Bau-
wesen 85, 57; Dinglers polytechn. Jour-
nal 100, 221; Licht und Lampe ^7$;
Organ fur die Fortschritte d. Eisenbahn-
wesens 334; Zschr. fiir Beleuchtungs-
wesen 101 ; VDI 63, 967] ; BZ 46 [Zentral-
blatt d. Bauverw. 1919, 465; Verh. d.
Ver. zur Beforderung des Gewerbefleifles
1920, 1—4; VDI 63, 1 187].
Platen-Hallermund, Carl Graf v., Erlaucht,
General-Erbpostmeister, Landeshauptm . ,
FideikommiBbesitzer ; * Liibeck 18. IX.
1870; f Roggendorf i. M. 4. V. — WI 7
1280, 8 1783; DGK.
Poppelreuter, Joseph, Dr. phil., Professor.
Direktor des Wallraf-Richartz-Museums
in Koln; * Laach (Rhld.) 30. VIII. 1867;
f Koln 5. II. — LZ 131; Kchr, NF 30,
398 u. 418 (Luise Straufi-Ernst) ; KL 17
(W); Cicerone 11, 96.
Possehl, Emil, Senator, Chef der Weltfirma
L. Possehl & Co., Liibeck ; * Liibeck r3.II.
1850; f Liibeck 4. II.. — AA; DGK;
Sch; StE 39, 236; Mittlg. d. Ver. fiir Lti-
beckische Gesch. u. Altertumskunde,
Heft 14, Nr. 10 (Nov. 1926), 183 — 213
(Curtius).
Pliehat, Max, Professor, Leiter des Schle-
sischen Konservatoriums in Breslau;
* Breslau 8. I. 1859; f im Karwendel-
gebirge (Unfall) 12. VIII. — W.: Eupho-
rion; Leben und Ideal (symphon. Dich-
tungen). — JP 79 [AMZ 466; NMZ 40.
307; DTZ 89; NZfM 237]; FAT 305 (W);
NML 508 (W); R 1017; A 368; TR
12. VIII.; SozMH 1265.
Queri, Georg, Schrif tsteller ; * Frieding
(Oberbayern) 30. IV. 1879; f Miinchen
21. XI. — W.: Die weltlichen Gesange
des Egidius Pflanzelter (* 19 10); Bayern-
buch (mit Ludwig Thoma; 191 3). — Tag
25. XII. (Rosner); BB1 26. XI.; WI 7
1318 (W); LE22,437;Sch;LZ945; KL
17 (W).
Rafael, R.. s. Kiesekamp, Hedwig.
Rah t] en, Carl, Kunstmaler; * Bremen 12.
XII. 1855; f 23. XII. — W.: Bilder-
zyklus zu Lenaus Postilion (Berlin,
Reichspostmuseum). — WIM324 (W),
8 1784; MS IV 8, VI 228.
Reber, Franz v., Dr. phil. et rer. techn., Geh.
Rat, Direktor der bayrischen Staats-
galerie a. D., Professor der Kunst-
geschichte a. d. Universitatu. a. d. Techn.
Hochschule Miinchen; * Cham (bayr.
Oberpfalz) 10. XI. 1834; f Pockting bei
Miinchen 4. IX. — W.: Kunstgeschichte
des Altertums (187 1); Kunstgesch. des
Mittelalters (1886); Geschichte der neue-
ren deutschen Kunst (3 Bde., '1884);
Gesch. der Malerei vom Anfang des 14.
bis zum Ende des 18. Jahrh. (1894). —
TR 8. IX.; Sch; LZ 739; SozMH 1260;
Kchr, NF 30, 999; Jahrb. AdW Miinchen
1919, 89 — 90 (Wolters); LE 22, 123;
WI7i334f. (W); KL 17 (W); BZ 45
[Allgem. Zeitung Nr. 36, S. 41 5 f .] ; BZ 46
[Zentralbl. d. Bauverw. 40, 93].
Rech, Joseph, Dr. phil., Geh. Studienrat.
Direktor des bischofl. Gymnasiums in
Metz, Ehrenburgermeister von Sablon
b. Metz, ehem. Mitglied der I. Kammer
Totenliste 19 19: Rein — Roon
731
von ElsaB-Lothringen ; * Humes (Kreis
Ottweiler) 2. III. 1856; t Koln-Linden-
thal im Okt. — TR 7. X.; WI 7 1335.
Rein, Johann Justus, Dr. phil., Geh. Reg.-
Rat, o. Professor der Geographic a. d.
Universitat Bonn i. R.; * Nemenheim
(Hessen) 27. I. 1835; f Bonn a. Rh. 24. 1.
— W. : Japan nach Reisen und Studien
(I2 1905, II 1886). — DGK; WIM347;
KL 17 (W); DZL.
Reinisch, Leo, Dr. phil., Hofrat, em. o. Pro-
fessor der agyptischen Sprache und Alter-
tumskunde an der Universitat Wien i. R. ;
* Osterwitz (Steiermark) 26. X. 1832;
t Lankowitz (Steiermark) 24. XII. —
BB1 3. I. 1920; LZ 1920, 92 ; PM 66, 28 ;
Almanach AdW Wien 1920, 210 — 220
(Junker); WI 6.
Reitz, Theodor, Dr. ing. e. h., Geh. Ober-
baurat, Chef der Technischen Abteilung
der Admiralitat; * Hamburg 12. II. 1866;
t Berlin 13. XII. — VDI 64, 77 (P) ;
JSTG 1 92 1, 78—80.
Reye, Karl Theodor, Dr. phil., o. Professor
der Mathematik an der Universitat StraB-
burg a. D.; * Cuxhaven 20. VI. 1838;
f Wiirzburg 2. VII. — W.: Geometrie
der Lage (I 5 1909, II 4 1907, III 4 19 10).
— BB1 12. VII.; SozMH 832; LZ 552;
KL 17 (W); PFV 1042 (W) [Jahresber.
des Dsch. Math.- Verb. 31, 22]; BZ 45
[Metereol. Zschr. 36, 271 (Siiring)] ; BZ 46
[Vierteljahrsschrift d. Naturforsch.-Ges.
in Zurich 64, 837].
Richter, Alfred Friedrich, Musikschrift-
steller und Komponist; * Leipzig 1. IV.
1846; t Berlin 1. III. — W. : Das Klavier-
spiel (2i9i2); Allgem. Musiklehre. —
Opern, Lieder, Chore. — LZ 234; LE;
SozMH 365; JP 79 [AMZ 159; NMZ 40,
i58];FAT32of.;NML528 (W) ; R 1066;
A 385.
Riedel, Louis, Hofrat, vogtlandischer Hei-
matdichter; * Gelenau 29. IV. 1847;
t Plauen i. V. 21. III. — W.: Derham
is derham f7 1912); In der Hutzenstum
C 19 1 2); Volksausgabe (14 Bde., 1897). —
LZ 234; KL 17 (W); BR V, 465 (W) ; BZ
44 [Sachs. Heimatschutznachr. 19 19, 7,
S. 6]; BZ 45 [Die Heimat (Vogtland) III,
26 (Rodiger) ; Mittlg. d. Ver. fiir sachs.
Volkskunde 8, 330 (Gerbet); Unser Eger-
land 23, 32].
Riem&nn, Hugo, Dr. phil. et mus., o. Hono-
rarprofessor der Musikwissenschaft a. d.
Universitat Leipzig; * GroB-Mehlra
(Schwarzburg-Sondersh .) 18. VII. 1849;
t Leipzig 10. VII. — W.: Musiklexikon
(10i922); Lehrbuch der musikalischen
Phrasierung; Opern-Handbuch ; Musika-
lische Katechismen; Geschichte d. Musik
seit Beethoven; Handbuch der Musik-
geschichte. — LNN 1 1 . VII. ; SozMH 841 ;
NMZ 40, 260 — 262 (Unger) ; Sch; LZ 552 ;
WI7 1373 (W), 8 1785; Dtsch. Biihnen-
jahrbuch 31 (1920), 160; KW 32 IV, I34f.
(Brandes); JP 79 [.AMZ 436; NMZ 40,
260; DMZ 448; NZfM 177; RMTZ 207;
KW 32, 21; Zschr. fiir Musikwiss. 734];
FAT 322 (W); NML 530 f. (W); R 1068
bis 1069 (W) ; A 386 f. (W), (P) ; Riemann-
Festschrift (Mennicke), (1909); Zschr. f.
Musik I, 569 ff. (R.-Heft); KL 17 (W) ;
BZ 45 [SM 17, H. 2, 165 (Moser) ; Monats-
schrift fiir Schulgesang 14, 73 — 84 [zu
R.s 70. Geburtstag]; Zschr. f. Musikwiss.
569—628]; BZ 46 [Musica sacra 52, 141 ;
Das deutsche Volkslied 21, 79] ; BZZ XI
[LNN 11. VII. (Steinitzer) ; FZ 17. VII.;
VZ 11. VII.; DAZ 11. VII.; Tag 13. VII.;
TR 11. VII.; BT 11. VII.; LpZ 11. VII.;
MNN 15. VII.L
Rlmpau, Hans, Okonomierat, Ritterguts-
besitzer, M. d. R. u. d. preuB. Abgeordn.-
Hauses (Nation allib.) ; * Schlanstedt (Kr.
Oschersleben) 23. V. 1854; f Emersleben
17. II. — DGK; WI7 1377.
Rogge, Bernhard, D. theol., kaiserl. Hofpre-
diger a. D.; * GroBtinz (Kr. Liegnitz)
22.X. 183 1 ; f Scharbeutz bei' Liibeck
9. VIII. — W. : Aus sieben Jahrzehnten.
Erinnerungen aus meinem Leben (1897
bis 1899, 2 Bde.). — TR 10. u. 18. VIII.;
IZ (P);LE2i, 1532; ELK 52, 742; WI 7
1394 (W),8 1785; Sch; SozMH 1252; KJ
1920. 585; KL 17 (W); BZ 45 [Evangel.
Kirchenztg. 217 — 224 (Grassow) ; PreuB.
Kirchenzeitung 229 (Scholz) ; Monats-
hefte des Gustav- Adolf- Vereins I, 166 bis
169 (Geifller)].
Rohloff, Otto, Professor, Bildhauer und
Ziseleur, Lehrer am Berliner Kunst-
gewerbemuseum; * Berlin 20. I. 1863;
f Berlin 18. IV. — SozMH 594; Kchr.
NF 30, 598; WI7 1395 (W); MS V, 243;
ZB 44 [Antiquitaten-Rundschau 17, 7^].
Rdhmann, Franz, Dr. med., o. Honorar-
professor der physiologischen Chemie an
der Universitat Breslau; * Berlin 24. III.
1856; | Breslau 9. VI. — W.: Lehrbuch
der Biochemie (1908). — DGK; LZ 465 ;
UK 1919/20; WI7 1389 (W),8 1785; KL
i7 (W).
•Romberg, Friedrich, Geh. Reg.-Rat, Direk-
tor der gewerblichen Lehranstalten der
Stadt Koln; Ehrenmitgl. des Vereins
dsch. Ing.; * Duisburg 5. III. 1846; f Bad
Bertrich 29. VII. — VDI 64, 29; DBJ
458/461 (Wille).
Roon, Waldemar Graf v., Generalleutnant
732
Totenliste 19 19: Ropp — Schimpff
z. D., Mitglied des fruheren preuB. H.-H.,
FideikommiBherr auf Krobnitz; * Berlin
4. VII. 1837; f Krobnitz (O.-L.) 27. III.
— Sch; WI7 1401, 4u68f.; GT 1920.
Ropp, Goswin Freiherr v. d., Dr. phil., Geh.
Reg.-Rat, o. Professor der mittleren und
neueren Geschichte an der Universitat
Marburg.Griinder u. Vors. der historischen
Kommission f. Hessen und Waldeck
(1897 — I9I9)i * Goldingen (Kurland)
5. VI. 1850; f Marburg 17. XL — W.:
Hanse-Rezesse von 143 1 — 1476 (7 Bde.,
1875 — 1892) ; Erzbischof Werner v. Mainz
(1872); Zur deutsch-skandinavischen Ge-
schichte des 15. Jahrh. (1876); Deutsche
Kolonien im 12. u. 13. Jahrh. (1886);
Sozialpol. Bewegungen im Bauernstande
vor dem Bauernkrieg ( 1 898 ) ; Kauf manns-
leben z. Zeit der Hanse (1907). — TR
18.XI.; HV20, 122—128 (Vigener) ; Han-
sische Geschichtsbl., 46. Jahrg. 1920/21
(Bd. 26), S. 1/8 (D. Schafer m. P); LZ
945; WI7i4oi;KLi7(W).
Rttfer, Philippe Bartholomew Professor,
Komponist und Pianist, Senator der Aka-
demie der Kiinste; * Liittich (Belgien)
7. VI. 1844; f Berlin 15. IX. — W.: Sym-
phonic F-Dur op. 23; Violinkonzert D-
Moll. — TR 19. IX.; IZ (P) ; BB1 22. IX. ;
WI7 I4I9(W),8I78S; JP79[AMZ 513;
NZfM 246; NMZ 41, 15; DTZ 100]; FAT
334; NML 546 (W); R 1103 (W) ; A 399.
Ruge, Georg, Dr. med., o. Professor der Ana-
tomie a. d. Universitat Zurich; * Berlin
19. VI. 1852; f Zurich 21. I. — NZZ 3.
II.; DGK; LZ 113; SozMH 354f.; MMW
66, 144^; PBL 1448 (W); ZB 44 [Jahrb.
der Univ. Zurich 1918/19, S. 58—61].
Sachs, Joseph, Dr. theol., bischofl. geistlicher
Rat, Rektor des bayrischen Lyzeums in
Regensburg, o. Hochschulprofessor der
Dogmatik und Religionsphilosophie ;
* Kraiburg 17. III. 1854; f Mallersdorf im
Juni — W. : Die ewige Dauer der Hollen-
strafen (1900). — LZ 532; KL 17 (W).
Sander, Paul, s. S. 738.
Saner, Bruno, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
o. Professor der Archaologie an der Uni-
versitat Kiel; * Leipzig 19. I. 1861 ; f Kiel
1 1. V. W: Der Anfang des Christentums
und die Kirche in B aden ( 1 9 1 1 ) ; Symbolik
des Kirchengebaudes und seiner Ausstat-
tung (1902) — BB1 101; LE 21, 1210;
Kchr, NF30, 713 (Maas); WI7 1442; Sch;
LZ 384; KL 17 (W); Cicerone XI, 344.
Sella, Rudolf v.. Dr. phil., o. Professor der
alten Geschichte an der Universitat Graz ;
• Wien 11. VII. i860; f Graz 19. XII. —
W. : Staatsvertrage des Altertums (II a
19 1 4) ; Entwicklung des griechischen Vol-
kes(i9i5). — TR20. XII.; Sch; LZ 1920,
21; LE22, 571; KL 17 (W).
Schallmeyer, Wilhelm, Dr. med., Arzt, So-
zialhygieniker, Schriftsteller; * Mindel-
heim (bayr. Schwaben) 10. II. 1857;
t Krailling b. Munchen 26. X. — W.:
Vererbung und Auslese im Lebenslauf der
Volker (8 1910). — TR 4. XI.; SozMH
1234; MMW 66, 1294 — 1296 (Lenz); Sch;
LZ902; WI7 1452 (W);KL 17 (W); BZ-
45 [Der praktische Arzt 59, 271 (Jan-
kau)]; BZ 46 [Familiengesch. Blatter i<S,
46; Polit.-anthropol. Monatsschr. 18, 46^
(Schemann); DMW 46, 78 (Ziegler) ;
Zschr. fur Sexualwiss. 6, 304 (Marcuse)].
♦Schaper, Fritz, Professor, Bildhauer, Mit-
glied des Senates der Akademie der
Kiinste, Mitglied der Akademie des Bau-
wesens, Kanzler des Ordens Pour Ic
mirite, Ehrenmitglied des Vereins Ber-
liner Kiinstler; * Alsleben 31. VII. 1841 ;
t Berlin 29. XI. — W. : Goethe- Denkmal
(Berlin); Luther (Erfurt), Lessing (Ham-
burg) ; Liebig (GieBen) ; Krupp (Essen) ;
Bliicher (Caub) ; Kaiserin Augusta (Ber-
lin); Gr. Kurfiirst (Berlin) ; Ludwig IV.
von Hessen (Darmstadt) ; GauB (Braun-
schweig) ; Moltke (Koln) ; Wilhelm I.
(Aachen). — TR 30. XI.; LNN 30. XI.;
SozMH 1920, 207; Kchr, NF 31, 251;
Sch; WI7 14S3 (W). 8 1786; MS IV, i8q;
DBJ 461/465 (Vollmer) (L).
Schauta, Friedrich, Dr. med., Hofrat, o. Pro-
fessor der Frauenheilkunde an der Uni-
versitat Wien; * Wien 15. VII. 1849;
t Wien 1 1 . I. — DGK ; LZ 76; MMW 66,
1 16; PBL 1485 f. (P). (W) ; ZB 44 [Medi-
zin. Blatter 41, 29; Zentralbl. fur Gynak.
43, 129 (Halban) ; Wiener Klin. Wschr. 9K
(Adler) ; DMW7 246 (Martin) ; WMW 185] ;
BZ 45 [Archiv fur Gynakol. Ill, S. XXI
bis XXIX (Thaler)] ; BZ 46 per Frauen-
arzt 35, 6 — 9 (Ekstein)].
Schenkl, Heinrich, Dr. phil., o. Professor der
klassischen Philologie an der Universitat
Wien; * Innsbruck 29. I. 1859; f Wien
3. XII. — TR 13. XII.; LZ 1920, 21;
Almanach AdW Wien 1920, 240 — 242
(Radermacher) ; WI 7 1464 (W).
Soberer, Rudolf, Ritter v., Dr. theol. etjur.,
Dr. h. c, Hofrat, em. o. Professor des Kir-
chenrechts an der Universitat Wien,
Wirkl. Mitglied der AdW Wien; * Graz
1 1. VIII. 1845 : t Wien i.Jan.— W. : Hand-
buch des Kirchenrechts (2 Bde., 1886/98).
— Reichspost (Wien) 27. XII.; LZ 58;
WI7 1465 (W); KL 17 (W).
Schimpff, Gustav, o. Professor fur Eisen-
bahnwesen a. d. Technischen Hochscbule
Aachen; * Berlin 24. IX. 1871 ; f Aachen
Totenliste 19 19: Schliiter — Seeber
733
20. XI. — TR 25. XI.; WI 7 1472.
8 1786.
Schlttter, Wolfgang, Dr. phil., russischer
Staatsrat, friiher Oberbibliothekar und
Privatdozent der vergleichenden und der
deutschen Philologie an der Universitat
Dorpat, 1 899 — 1 9 1 2 Direktor des Zentral-
museums vaterlandischer Altertiimer ;
* Hannover 9. VIII. 1848; f Konigsberg
i. Pr. im Jan. — LZ 113; WI 7 1482 (W).
Schmidt gen. Waldschmidt, Maximilian,
Hofrat, bayrischer Volksschrif tsteller ;
* Eschlkam (Niederbayern) 25. II. 1832;
t Miinchen 8. XII. — W.: Christkindl-
sucherin (1863); Brigitta (1867"); Glas-
macherleut (1869 18); Das zehnte Gebot
(3 Bde., 1879 8); Die Wanderung zum
Achtziger (191 2); Neue Volksausg. der
Ges. Werke (34 Bde.). — Sch; LZ ion ;
LE 22, 503; WI7 1497, 8 1786; KL 17
(W); BR VI, 233—235 (W).
Sehoell, Fritz. Dr. phil., Geh. Rat, em. o.
Professor der- klassischen Philologie an
der Universitat Heidelberg; * Weimar
8. II. 1850; f Rottweil a. N. 14. IX. —
LZ 777 \ WI7 1509 (W), 8 1786; JAW 50,
84—102 (Goetz); KL 17 (W).
Scholtz, Max, Dr., a.o. Professor d. pharmaz.
Chemie an der Universitat Rostock, des.
o. Prof. d. pharmaz. Chemie an d. Univ.
Breslau; * Breslau 7. VI. 1861 ; | Rostock
31. III. — W.: Lehrbuch der pharma-
zeutischen Chemie (2 Bde., 1910/12). —
LZ272; KLi7(W); PFV, ii24f. (W);
Ber. d. Dtsch. Chem.-Ges. 52, 19 (Meisen-
heimer); ZB 44 [Chem.-Ztg. 209 (Herz)].
Sehrader, Otto, Dr. phil., Dr. jur. h. c,
o. Professor der vergleichenden Sprach-
wissenschaf t ; * WTeimar 28. III. 1855;
■f Breslau 21. III. — W.: Sprachverglei-
chung und Urgeschichte (s 1907); Real-
lexikon der indogerman. Altertumskunde
(1901). — FZ 1 1. IV. (Streitberg) ; DGK;
vSch; LZ253; WI7 1521 f. (W); KL 17 (W).
Schram, Aloys Hanns, Professor, Historien-
Genremaler; * Wien 20. VIII. 1864;
t Wien §. IV. — W.: Maximilian I. bei
Guinegate 1479; Deckengemalde im
Wiener Parlament. — Kchr, NF 30, 714;
MS IV, 225(W),VI, 257; Cicerone XI, 300.
Schuckmann, Bruno v., Geh. Legationsrat
z. D., 1907 — 1 9 10 Gouverneur von
Deutsch-Siidwestafrika, Mitgl. d. PreuB.
Abg.-Hauses 1912 — 18 (konservativ) ;
* Rohrbeck 3. XII. 1857; | Stettin 6. VI.
— TR 10. VI.; DGK; Sch; SozMH 848;
WI7 1534, 8 1787; AT 1925.
Schlllte, Lambert us (Wilhelm), Dr. phil.,
Geh. Reg.-Rat, Professor, Gymnasial-
direktor in Beuthen, O.-S., i. R., OSF,
schlesischer Historiker; * Minister i. W.
26. VIII. 1843; t Scheibe b. Glatz 9. IV.
— Schlesische Ztg. 11. IV.; DGK; LZ
295; WI7i539, 8i787; ZB 44 [Ober-
schlesien 18, 55].
Schultze, Bernhard Sigmund, Dr. med.,
Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz, em. o. Pro-
fessor der Gynakologie an der Universitat
Jena; * Freiburg i. Br. 29. XII. 1827;
| Jena 17. IV. — W.: Lehrbuch der
Hebammenkunst (15i9i4); Pathologieu.
Therapie der Lageveranderungen der Ge-
barmutter(i88i,franzos.i884,engl.i888).
— Sch; LZ 295 ; MMW 66, 691 f- (Engel-
horn) ; KL 17 (W) ; PBL 1552— 1554 (W),
(P); ZB 44 [Zentralbl. fur Gynakol. 43,
393 — 398 (Kiistner); Monatsschr. f iir Ge-
burtshilfe und Gynakol. 48, 377 — 087
(Skutsch);DMW69i (Engelhorn) ; WMW
69, 957] i BZ 45 [Archiv fiir Gynakol. Ill,
V— XII (Henkel); Korresp.-Bliitter des
allgem. arztl. Ver. fiir Thiiringen 48, 123
bis 127 (Engelhorn)].
Schwally, Friedrich, Dr. phil., Lie. theol.,
o. Professor der orientalischen Sprachen
an der Universitat GieBen; * Butzbach
(Oberhessen) 10. VIII. 1863; f Konigs-
berg i. Pr. 6. II. — W. : Ibrahim ibn Mu-
hamtned al-Baihagi (3 Bde., 1900/02). —
LZ 1 S3; SozMH 748; WI7 1554; KL 17
(W); BZ 44 (Hessenland 3^, 38]; BZ 45
[Aus dem Ostlande XIV, Beilage 17].
Schwendener, Simon, Dr. phil., Dr. med. et
rer. nat. h.c, Geh. Reg.-Rat, o. Professor
der Botanik und Direktor des Botanischen
Gartens i. R., Mitglied der AdW Berlin,
korresp. Mitglied des AdW Miinchen und
Wien, Inhaber der Helmholtz-Medaille,
Ritter des Ordens Pour le mirite und des
bayr. Maximilian-Ordens, 1896 — 1899
President d. dtsch. Botan.Ges.; * Buchs
(St. Gallen) 10. II. 1829; | Berlin 27. V.—
VZ 1. VI.; Sch; LZ 444; SozMH 660 f.
(Koelsch); UK 1919/20; WI7 1561 (W).
8 1787; Almanach AdW Wien 1920, 149
bis 155 (Haberlandt) ; Jahrb. bayr. AdW
1919, 57—6i (Goebel); KL 17; PF V.
1 145 ; BZ 44 [Gartenflora 135 (Claussen)] ;
BZ 45 [Abh. d. AdW Berlin, phil.-hist.
KL, 1919. 1— 12 (Haberlandt) ; Med. Kli-
nik 15, 725 (Saul); Naturwiss. Wochen-
schrift 417 (Haberlandt)]; BZ 46 [Abh.
d. AdW Berlin, Physikal. KL, 1919, 1— 12
(Haberlandt) ; SB d. Ges. naturforsch.
Freunde in Berlin 191 9, 207 (Claussen)].
Seeber, Joseph, kathol. Geistlicher, ehemal.
Professor an der Militarakademie in Mod-
ling, Schrif tsteller; * Bruneck 4. III.
1856; f Erms in O.-Osterr. 19. IV. —
W.: St. Elisabeth, ep. Ged. (• 191 5); Der
734
Totenliste 1919: Seidl — Steiger
ewige Jude (ep. Ged., ll 19 10). — Reichs-
post (Wien) 29. IV. ; Tiroler Ehrenkranz
92 f. (Willram), (P) ; LE 21, 1147; KL 17
(W) ; KR 598; BZ 44 [Allgem. Rundschau
16, 354 (Wogme)]; BZ 45 [Volkslesehalle
9, 75 (Neumair)].
•Seidl, Emanuel v., Professor, Architekt;
* Miinchen 22. VIII. 1856; f Miinchen
24. XII. — W.: Schlofl Sigmaringen;
Villa Merck in Darmstadt; eigenes Haus
in Murnau; SchloB Stumm in Ramholz.
- — MNN 3 1 . XII. ; Magdeb. Ztg. 27. XII. ;
Sch;LZ 1920,44; WI7 1574 (W).8 1787;
Kchr, NF 31, 328; MS IV, 255, V, 260,
VI, 263; DBJ 465/467 (Schmitz).
Semon, Richard, Dr. phil. et med.. Professor
der Anatomie an der Universitat Jena
a. D., Zoogeograph; * Berlin 22. VIII.
1859; f Miinchen 27. XII. — W.: Die
Mneme (3 191 1); Das Problem der Ver-
erbung erworbener Eigenschaften (19 12).
— -WI7 is8i (W); PM6<;, 24; SozMH 291
u. 354 (Koelsch); KL 17 (W) ; BZ 45
4 [Journal fur Psychol, u. Neurologie 25,
49—52 (Forel)].
•Siemens, Wilhelm v.,Dr.tng., Dr.phil.h.c,
Geh. Reg-Rat, GroBindustrieller, Mit-
glied des preuflischen Herrenhauses, Vor-
sitzender des Aufsichtsrats des Siemens-
Konzerns; * Berlin 30. VII. 18; 5;
t Arosa (Schweiz) 14. X. — TR 15. X.;
WI8 1788; Sch; LZ 841; SozMH*iii9;
MdT 252; A. Rotth, W. v. S. (1922);
BZ 45 [Licht u. Lampe 388; Elektro-
techn.' Zschr. 40, 609 (Budde) ; K. Helffe-
rich, Reden u. Aufsatze aus dem Kriege
(191 7), S. 327—330]; BZ 46 [Zentralbl.
d. Hiitten- u. Walzwerke 23, 976; Ding-
lers Polytechn. Journal 100, 257 — 260
(Rotth); Nord u. Siid, Febr. 1920, 131
bis 138 (Fellinger) ; Zschr. fiir Elektro-
chemie 26, 84 (Erlwein) ; Elektrochem.
Zschr. 40, 609 (Budde); VDI 63, 1075 u.
. 1 301 (P), (Rieppel) ; Zschr. fiir techn.
Physik I, 29 — 36 (Gerdien) ; Zschr. fiir
Binnenschiffahrt 1919, 410; Prometheus
31, 113 (Buchholtz)] ; BZ 47 [Geschichts-
blatter fiir Technik, Ind. u. Gewerbe 6,
219 (Feldhaus) ; Wissenschaftl. Veroff.
aus dem Siemens-Konzern I, 1 — 18
(Harries)]; JSTG 21 (1920), S. 1 r 7 f . ;
P. Conrad: W. v. S. zum Gedachtnis
(19 19); A. Rotth: W. v. S., Ein Lebens-
bild (1922); DBJ 467/475 (Rotth).
Soennecken, Friedrich, Kommerzienrat,
Griinder und Seniorchef der Schreib-
federn- und Schreibwarenfabrik F. Soen-
necken, Bonn; * Droschede b. Iserlohn
20. IX. 1848; f Bonn a. Rh. 30. VI. —
Sch; WI7 1606, 8 1788.
Spohn, Julius, Geh. Kommerzienrat, Inh.d.
Zementfabrik Gebr. Spohn in Ravens-
burg, Blaubeuren und Neckarsulm; • Ra-
vensburg 31. VII. 1841 ; f Ravensburg
16. X. — WN 135 — 140 (Georg Spohn).
Stackel, Paul, Dr. phil., Geh. Hofrat, o. Prtv
fessor der Mathematik a. d. Universitat
Heidelberg; * Berlin 20. VIII. 1862;
j Heidelberg 12. XII. — W. : Leben und
Schriften der beiden Bolyai (2 Bde,,
1913). — LZ 1920, 21 ; SozMH 1920, 20?;
WIM627, 8i788; KL 17 (W) ; PF V,
H94f- (W).
Staedel, Wilhelm, Dr. rer. nat., Geh. Hofrat,
o. Professor der Chemie an der Techn.
Hochschule Darmstadt; * Darmstadt
18. III. 1843; t Darmstadt 14. V. —
W. : J ahresbericht fiir reine Chemie, 187;
bis 1881. — DGK; WI7 1627, 8 178S*;
PF V, 1 195 (W); Ber. d. dtsch. Chem -
Ges. 52, 19 (Wohler): ZB 44 [Chem. -Ztg.
43. 393 (Wohler)].
SUhl, Ernst, Dr. phil., o. Professor der Bo-
tanik und Direktor des Botanischen In-
stituts und Gartens an der Universitat
Jena, Mitglied der GdW Leipzig, korresp.
Mitglied der AdW Miinchen, Wien,
Upsala; • Schiltigheim (Elsafl) 21. VI.
1848; f Jena 3. XII. — TR 3. XII.;
SozMH 1234; N 8, 141 — 146 (Goebel);
L 56, 44; Berichte Verh. GdW Leipzig,
math.-phys. Klasse 1920, 129 — 138 (Mei-
senheimer) ; Almanach AdW Wien 1920,
163 — 167 (Molisch); Jahrb. AdW Miin-
chen 1 919, 74 — 82 (Goebel); WI7i62$
(W); KL 17 (W); BZ 46 [Naturwiss.
Wochensch. 35, 145 — 149 (Gerhardt)];
BZ 47 [Ber. der dsch. Bot. Ges. ^7, Beil.
85—104 (Kniep)]; BZ 49 [Verh. d. GdW
Leipzig, Math.-physikal. Kl. 72, 129 — 138
(Meisenheimer)]; LZ 988.
Stamm, Karl, schweizerischer Lyriker;
f Neumiinster 21 . III. — W. : Das Hohe-
lied (Ged., 191 3); Aus dem Tornister
(Ged.) ; Der Aufbruch des Herzens (Ged.
1919); Dichtungen (Gesamtausg., IQ20).
— NZZ 23. III.; LE 21. 954; BZ 44
[Schweiz. Lehrer-Zeitg. 129]; BZ 45 [Die
Schweiz III (Steffen) ; Wissen u. Leben
XII, 459(Huber)]; BZ 46 [Die junge
Schweiz 1919, 59 — 64 (Banninger)].
Star OSS on, Franz, mecklenburgisch-schweri-
nischer Staatsminister (seit 9. XI. 191 8),
sozialdem. Vorkampfer in Mecklenburg,
Mitglied der Nationalversamml. (Soz.);
* Berlin 3. V. 1874; f Schwerin 4. VII. —
Sch; HNV 268 (P).
Steiger, Edgar, Schriftsteller, Novellist und
Kritiker; * Egelshofen (Schweiz) 13. XI.
1858; t Miinchen 24. X. — W.: Der
Totenliste 19 19: Steinbach — Trinius
735
Kampf um die neuc Dichtung (2 1 89 1 ) . —
Sch; LZ 861; SozMH n86f.; IZ 24. X.;
KL17 (W); BZ45 [DieneueZeit38, S.I].
Steinbach, Emil, Komponist und Dirigent,
hervorragender Wagner-Interpret ; * Len-
genrieden i. Baden 14. XI. 1849; f Mainz
6.XII. — JP8o[NMZ4i, 115; DMZ886;
DTZ 18, 10; AMZ 1920, 31]; FAT 392;
NML 619; R 1239; A 454.
Steindachner, Franz, Dr. phil., Hofrat, em.
Intendant des Naturhistorischen (Hof-)
Museums in Wien, Wirkl. Mitglied der
AdW Wien; * Wien 1 1 . XI. 1834; f Wien
10. XI. — LZ 1920, 21 ; Almanach AdW
WTien 1920, 114 — 117 (Grobben).
Stengel, Hermann Freiherr v., Dr. jur., Dr.
rer. pol. h.c, Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz,
Staatssekretar des Reichsschatzamtes
a. D., vormals bayr. Staatsrat in a.o. D.;
* Speier 19. VII. 1837; | Miinehen 5. V.
— DGK; Sch; TR 6. V.; WIM647.
8 1788; FT 1919.
Stdlzel, Adolf, Dr. jur. h. c, Dr. phil. h. c,
Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz, Prasidentder
preuBischen Justizpriifungskommission
a. D., o. Honorarprofessor des Zivilrechts
und der Rechtsgeschichte a. d. Universi-
tat Berlin, ehem. konigl. preuBischer
Kronsyndikus iind Mitglied des Herrenh. ;
* Gotha 28. VI. 1831; j Berlin 20. IV.
— W.: Deutsehes EheschlieBungsrecht
(3i876); Uber Proberelationen (4i902);
Schuluug fiir die zivilistische Praxis
(1*1913, II5i9i4); Urkundl. Material
aus den brandenburg. Schoppenstuhls-
akten (4 Bde., 1901). — DAZ 23. IV.
(Heilfron); LZ 318; SozMH 11 83; WI 7
1659; KL 17 (W); ZB 44 [Alt-Berlin 36,
29 (Holtze) ; Gesetz und Recht 20, Heft 9;
Hessenland 33, 86 u. 117 (Gerland)].
Straufi, Edmund v., Kapellmeister, am vor-
mal. Kgl. Opernhaus; * Olmiitz 12. VIII.
1869; t Berlin 13. IX. — TR 19. IX.;
WI7 1668 f.,8 1788; SozMH 1265; JP 80
[AMZ 502; DTZ 200; NZfM 246; NMZ
41, 15]; FAT 398; NML 626; R 1255.
Straufi U. Torney, Carl Clemens Hugo v.,
Dr. jur., Dr. tned. h. c, D.theol.k.c, Wirkl.
Geh. Oberreg.-Rat, Senatsprasident am
PreuB. Oberverwaltungsgericht, Vorsitz.
der Internationalen Vereinigung und des
Deutschen Vereins gegen den MiBbrauch
geistiger Getriinke; * Biickeburg 13. I.
1838; f Berlin 28. VIII. — TR 29. VIII.;
Sch; WI7 1669, 8 1788; KJ 1920, 587 f.;
BZ 45 [Zschr. fiir Sexualwiss. VI, 240;
Das Land 27, 248 (Gonser)]; BZ 46 [Ge-
setz und Recht 20, 360; Gewerbe-Archiv
fiir das Deutsche Reich 19, I; PreuB. Ver-
waltungsblatt 40, 621].
Struckmann, Gustav, Dr. jur., Dr. k. c,
Oberbiirgermeister a. D. und Ehrenbiir-
ger von Hildesheim, 1879 — 1909 Mitglied
des preuBischen Herrenhauses ; * Osna-
briick 21. I. 1837; f Hildesheim 20. X. —
TR 29. X.; WI7 1674.
Sturm, Rudolf, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
o. Professor der Mathematik an der Uni-
versity t Breslau; * Breslau 6. I. 1841 ;
t Breslau 12. IV. — W.: Elemente der
darstellenden Geometrie (2 1900) ; Die Ge-
bilde ersten und zweiten Grades der
Liniengeometrie (2 Bde., 1892 — 1896);
Lehre von der geometrischen Verwandt-
schaft (4 Bde., 1908/09). — SozMH 832;
WI7 1682 (W);KL i7(W);PFV, 1227 f.
( W) ; BZ 45 [Zschr. fiir mathem. u. natur-
wiss. Unterricht 50, 289 — 293 (Lorey)].
Tann-Rathsamhausen, Luitpold Freiherr
von und zu der. General d. Infant, z. D.,
Exzellenz, 1905 — 1910 kommand. Gene-
ral des III. bayr. A.-Korps, 1914 — 1918
stellv. komm. General des I. bayr. Armee-
korps, a la suite des 2. u. 11. Inf.-Regts.,
Dr. ing. e. h.\ * Miinehen 19. IV. 1847;
f Weisendorf b. Erlangen 5. VIII. — Sch;
WI7 1693; FT 1920.
Tempeltey, Eduard v., Wirkl. Geh. Rat,
Exzellenz, Schriftsteller u. Buhnendich-
ter, Ehrenmitglied des Deutschen Biih-
nenvereins; * Berlin 13. X. 1832; f Ko-
burg 3. VI. — W. : Herzog Ernst II. von
Koburg und das Jahr 1866 (1898); Her-
ausgeber von Gustav Freytag und Herzog
Ernst von Koburg im Brief wechsel ( 1 904) .
— BB1. 113; Sch; LZ 444; LE 21, 1210;
Dtsch. Biihnenjahrbuch 31 (1920), 158;
WI7 1697 (W);KLi7(W); BR VII, 166;
BZ 45 [Die deutsche Biihne 11, 344
(Felisch)].
Tettenborn, Otto v., General der Infanterie
a. D. und ehem. Generaladjutant des
Konigs von Sachsen; * Festung Kdnig-
stein 21. VI. 1856; f Dresden 28. XI. —
MWB1 104, 392; WTI7 1700; UTA 1 92 1.
Toeche-Mittler, Theodor, Dr. phil., Hof-
buchhandler, Inhaber der Verlagsbuch-
handlung Mittler & Sohn, Berlin; * Ber-
lin 8. IX. 1837; | Berlin 24. XI. — W. :
Einhundert Jahre des Geschaftshauses
Ernst Siegfried Mittler & Sohn (1889);
Stimmungsgedanken iiber Raum u. Zeit
(1907). — MWB1 104, Nr. 64 u. S. ^72;
Sch; LZ 964; WI7i7i8 (W), 8 1789;
BB1 1919. Nr. 263, S. 1083.
Trinius, August, Geh. Hofrat, Sclirif tsteller ;
* Schkeuditz b. Leipzig 31. VII. 185 1;
t Waltershausen 2. IV. — W.: Thuringer
Wanderbuch (8 Bde., 1886 — 1892); Mar-
kische Streifzuge (2 1887). — TR 8. IV.;
736
Totenliste 191 9: Trollmann — Wedel
LE 2if 1019; WIM728 (W), 8 1789;
DGK; Sch; LZ 272; KL 17 (W); DZL;
BR VII, 219 (W); BZ 44 [Deutschland
10, 146 (Greiner); Thiiringer Monats-
blatter 19, 9 (Lorenzen)]; BZ 45 [Mark
15, 140 u. 151 (Kitzler); Alt-Berlin 36,
44]; BZ 46 [Frankenland VI/VII, 60
(Sieghard)]; BZ 47 [Die Propylaen 17,
290 (Schaffer)].
Trollmann, Ignaz, Freiherr v. Lovcenberg,
osterreichischer General d. Infant, a. D.,
(1916) Erstiirmer des Lovcen; * Steyr
25. XI. i860; f Graz23. II. — Sch;Ober-
osterreichische Mannergestalten (1926),
S. 11 — 14 (Straflmeyer), [Steyrer Ztg.
1919, 17].
Tuaillon, Louis (Ludwig), Professor. Bild-
hauer, Lehrer an der Berliner Kunst-
akademie, Ritter des Ordens Pour le
mirite; • Berlin 7. IX. 1862; f Berlin
21. II. — W.: Amazone (vor der Natio-
nalgalerie, Berlin); Rosselenker (Bre-
men) ; Standbild Kaiser Friedrichs (Bre-
men).—TR 23. II.; Deutsche Ztg. 18.V.;
Sch; WIM733, • 1789; Kchr. NF 30,
455; KW 32, II 179 (Avenarius) ; MS IV,
452 (W). VI 284; BZ 44 [Cicerone XI.
148; Daheim 54, I 47 (Pastor)]; BZ 45
[Ganymed 91 ; Universum 35, Heft 25/26,
S. 74] ; BZ 46 [Velh. & Klasings Monatsh.
1920, 296 — 306 (Weiglin)].
Vogel, Eduard, Dr. med. vet.. Professor an
der ehemal. K. Tierarztl. Hochschule
Stuttgart; • 3. V. 1831 ; f Stuttgart 29. I.
— WN 71—74 (v. Sufldorf), [SchwM
Nr. 50] ; ZB 44 [Dtsch. Tierarztl. Wochen-
schr. 88 (v. SuBdorf)].
Vohsen, Ernst, Konsul a. D., Verlagsbuch-
handler (Inh. der Firma D. Reimer, Ber-
lin) u. Kolonialpolitiker; Schriftfuhrer d.
Landeskundlichen Kommission des Deut-
schen Kolonialrates, Herausgeber der
Kolonialen Rundschau; * Mainz 1853;
| Nauheim 20. VI. — Sch; LZ 509;
SozMH 848; DKZ 36, 7yt LE 21, 1339;
PM 65, 66; Mittlg. aus den deutschen
Schutzgebieten 33 (1925), 2, S. V — VII
(Staudinger), (P); BZ 45 [Koloniale
Rundschau 67 — 128 (Johlinger u. a.)];
BZ 46 [Hessische Heimat I, 106 — 109
(Johlinger)]; BB1 1919, Nr. 131, S. 524.
Voigt, Woldemar, Dr. phil., Dr. phil. nat.
h. c, LLD, Dr. scient. h. c, o. Professor
der Physik an der Universitat Gottingen,
Mitglied d. GdW Gottingen, korresp.Mit-
glied d. AdW Miinchen, Berlin, Amster-
dam, Kopenhagen; * Leipzig 2. IX. 1850;
t Gieflen 13. XII. — W.: Kompendium
der theoretischen Physik (1895, 1896);
Thermodynamik (1903, 1904); Kristall-
physik (1910). — TR 19. XII.; LZ 1920,
21; Nachr. GdW Gottingen 1920, 46
bis 52 (Runge); Jahrb. AdW Miinchen
1919, 83 f. (Sommerfeld) ; WI 7 1768 (W)»
» 1790; KL 17 (W); PF V. i3i6f. (W).
[Physikal. Zschr. 21, 20; London Roy.
Soc. Proc. 99, 21].
Waechtler, August, D. theol. h.c.t Oberpfar-
rer u. Stadtsuperintendent von Halle a. S.
a. D., Vorsitzender des Evangelischen
Bundes, theol. Schrif tsteller ; • Essen
(Ruhr) 30. IX. 1846; f Halle a. S. 22. X.
— W. : Evangelische Pfarramtskunde
(1905); 1880 — 1906 Herausgeber der
Sonntagsklange fur evangelische Ge-
meinden. — LZ 861; WIM780 (W);
KJ 1920, 588; KL 17 (W).
Wagner, Alexander v., Professor, Tier- u.
Genremaler; * Budapest 16. IV. 1838;
f Miinchen 19. I. — W.: Geschichtliche
Fresken (Altes Nationalmus. , Miinchen),
Romischer Zirkus. — DGK; Kchr, NF
30, 329; WI 7 1782 (W) ; MS V, 49 u. 279,
VI, 291; ZB 44 [Chronik des Wiener
Goethe- Vereins 20, 58; Die Kunst fiir
Alle 34, 11/12, Beil. V].
Waldmann, Ludolf, Komponist; * Ham-
burg 30. VI. 1840; | Berlin 7. II. — W. :
Fischerin, du kleine, und andere popu-
lare Lieder. — DGK; SozMH 365 ; Dtsch.
Buhnenjahrbuch 31 (1920), 150; JP 80
[AMZ 99; NZfM 34; DTZ 25 ; RMTZ 48 ;
KW 32. 12; NMZ 40, 135]; FAT 436.
Waldschmidt, s. Schmidt, gen. Wald-
schmidt.
Walser, Hermann, Dr. phil., o. Professor
der Geographie an der Universitat Bern ;
• Biel 11. XII. 1870; f Bern 1. V. —
W.: Landeskunde der Schweiz (2 1914).
— Berner Bund 7. V.; SozMH 662; PM
65, 65 (Zeller); KL 17 (W).
Weber, Leonhard, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
o. Professor der theoretischen Physik u.
Meteorologie an der Universitat Kiel;
• Rostock 30. IV. 1848; f Kiel 28. IV. —
W.: Repetitorium der Experimental-
physik (1895); Wind und Wetter (1904.
• 1910). — DGK; WI 7 1806 (W), 8 1790;
LZ341; UK 1919/20; KL 17 (W); PFV,
1339; BZ 44 [Zschr. fiir Beleuchtungs-
wesen 50]; BZ 45 [Meteorol. Zschr. 36.
269].
♦Wedel, Karl Fiirst v., (1907— 1914) Statt-
halter von ElsaB-Lothringen a. D., Gene-
ral der Kavallerie z. D., ehemal. General-
adjutant des Kaisers, 1899 — r9Q2 Bot-
schafter in Rom, 1902 — 1907 in Wien;
• Oldenburg 5. II. 1842; f Stockholm
30. XII. — FZ 2. I. 1920; Sch; WI7 8.
• 1790; ERL; E 1920, 148 (P); S01MH
Totenliste 1919: Wegelin — Zedlitz
737
1920, 348; ElsaB-Lothring. Jahrbuch I
(1922), 184 f. (Spahn); UAT 1920; BZ 46
[Roland 20, 71 f. (Schultze)]; JZ 3994
(P); DBJ 475/484 (Stahlin).
Wegelin, Karl v., Dr. med., Obergeneralarzt
und Sanitatsinspekteur a. D., Exzellenz;
♦ Biidingen n. XI. 1847; t 1919- —
WN 203 f . (v. Muff), [SchwM Nr. 556 u.
562].
Wenglein, Joseph, Professor, Landschafts-
maler; * Miinchen 5. X. 1845; t Bad Tolz
18. I. — W. : Winter arn Isarufer (Berlin,
Nationalgalerie) ; Bauernhauser unter
Baumen (Dresdner Galerie); Kalkstein-
sammler im Isarbett (Miinchen, Neue
Pinakothek). — DGK; Kchr, NF 30, 329;
KW 32, II 102 (Avenarius); WI 7 1832 f.
(W); MS V, 78 (W), VI, 296; ZB 44 [Die
Kunst fur Alle 34, 11/ 12, Beilage].
Werdelmann, Wilhelm, Professor, Direktor
der Handwerker- und Kunstgewerbe-
schulein Barmen, Architekt; * Leopolds-
hohe (Lippe) 21. III. 1865; f Barmen
28. IV. — W.: Hallenschwimmbad Bres-
lau; Militarkurhaus Bad Landeck; Mit-
arbeiter am Reichsgerichtsgebaude Leip-
zig. — Kchr, NF 30, 624; WI 7 1834 f.
(W); MS VI, 297 (W).
* Werner,Alfred, Dr. phil., Dr.h.c, o. Prof,
der Chemie an der Universitat u. Eid-
genoss. Technischen Hochschule Zurich,
Begriinder einer Koordinationslehre.No-
belpreistrager, korresp. Mitgl. der GdW
Gottingen; • Mulhausen i. E. 12. XII.
1866; f Zurich 15. XI. — W.: Neuere
Anschauungen auf dem Gebiete der an-
organischen Chemie (*i909); Lehrbuch
der Stereochemie (1904). — TR 21. XI.;
MdT 290 f . [Zschr. fiir Elektrochemie 26,
514; Zschr. f. angew. Chemie 33, 37] Hel-
vetica chimica acta 3, 196 u. 225 (Bibliogr.
d. W); Sch; LZ 945 ; WI 7 1835 f. (W) ;
KL17; PFV, 1355 f. (W). [Ber.d.dtsch.
Chem.-Ges. 53, 20; London, Chem. Soc.
Journal 117, 20; Americ. Chem. Soc.
Journal 42, 20]; DBJ 484/489 (Pfeiffer).
Werner, Jakob, D. theol., Generalsuper-
intendent von Hessen-Kassel a. D.;
♦Marburg 17. X. 1835; f Marburg 3. XII.
— ELK 52, 1 102 (Bohmer); KJ 1920,
589.
Wette, Hermann, Dr. med., Geh. San. -Rat,
Spezialarzt fiir Ohren-, Hals- und Nasen-
krankheiten, Romanschrif tsteller ; * Her-
bern (Miinsterland) 16. V. 1857; f Wies-
loch i. B. 10. VIII. — W.: Westfiilische
Gedichte (s 1896) ; Krauskopf, R. (3 Bde.,
1903 — 1905, '1909); Widukind (Dr.,
1893, 2 1903)- — TR 22. VIII.; BB1
8.IX.;LE22, 59; WI7 1842 (W);KL 17
DBJ 47
(W); BZ 45 [Heimatblatter I, 153; Nie-
dersachsen 24, 340 (Schdnhoff) ; Weser-
land XI. 24] ; BZ 46 [Niedersachsenbuch
IV, 117; Mittlg. aus dem Quick born
XIII, 14].
Wohltmann, Ferdinand, Dr. phil., Geh. Re-
gier.-Rat, o. Professor der Landwirtsch.
u. Direktor des Landwirtschaftl. Institute
der Universitat Halle; • Hitzacker a. E.
20. X. 1857; f HaUe 10. IV. — W. : Hand-
buch der tropischen Agrikultur (1892). —
LZ 295; DKZ 36, 46 u. 54 f. (Golf); PM
65. 24; WI 7 1880 (W) ; KL 17 (W) ; ZB 44
[Dtsche. Landw. Presse 224 (Frolich)].
Wolff, genannt Metternich, Ferdinand Frei-
herr v., Forstmeister, (1903 — 18) M. d.
R. u. des Preufl. Abg.-Hauses (Zentrum) ;
* Benrath 3. II. 1855; f Xanten 12. VII.
— DGK; WI7 1886; FT 1920.
Wolf rum, Philipp, D. theol. h. c. Dr. phil.,
Generalmusikdirektor, Professor der Mu-
sikwissenschaft und Universitatsmusik-
direktor a. d. Universitat Heidelberg;
* Schwarzenbach am Wald 17. XII. 1855;
t Samaden 8. V. — W.: Orgelwerke,
Kammermusikwerke ; J. S. Bach (2 Bde.,
* 1910/11). — DGK; LZ 384; WI 7 1887
(W), 8 1 79 1 ; SozMH 680; NMZ 40, 205 f.
(Poppen) u. 41, 6 — 9 (Frommel); KJ
1919. 573; JP 81 [NMZ 40, 205 u. 41, 6;
Zschr. fiir Musikwiss. II, 54; RMTZ 144;
DTZ 64; KW 32, 19]; FAT 458; NMI,
712 (W); Zschr. fiir Musikwiss. I, 12
(Hasse); R 1436 (W); A 523; ZB 44
[Siona 68]; BZZ XI [Schwab. Merkur
17. V.; Badische Landesztg. 22. V.; FZ
3. VII.]; KW 32 III, S. 200 (Brandes).
Wdllwarth-Lauterburg, Georg Freiherr v.,
ehemal. M. d. R. (Reichspartei) und Abg.
des Wurttemb. Land tags; • Essingen
12. VI. 1836; f Essingen 16. III. — W.:
Erinnerungen aus meinem Leben (1920);
WN 83—90 (Egelhaaf); SchwM 18. III.
(Egelhaaf ) .
Wothe-Mahn [Mahn, geb. Wothe], Anny,
Romanschriftstellerin, Begriinderin der
Familienzeitschrif t : Von Haus zu Haus;
* Berlin 30. I. 1858; f Leipzig 30. VII. —
LNN 31. VII.; L,E 21, 1531; LZ 637;
WI7 1891, 8 1791; PY II. 452.
Zedlitz u. Neukirch, Oktavio Freiherr v.,
Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz, Prasident
der preuBischen Seehandlung a. D.,
(187 1 — 74) M. d. R. (freikonservativ) und
(1876 — 19 1 8) des Preufl. Abg.-Hauses,
ehemal. Vorsitzender der freikonserva-
tiven Fraktion im Preufl. Abg. -Haus;
* Glatz 6. XII. 1840; t Berlin 31. III. —
W.: Dreiflig Jahre preuflischer Finanz-
und Steuerpolitik (1901). — BT 1. IV.;
738
Totenliste 1919: Zeysing — Zimroermann
VZ 1. IV.; FZ 1. IV.; TR 2. IV.; E 405
(W); W'I'igos, 81792; DGK; Sch;
SozMH 916; v. Arnim- Below, Deutscher
Aufstieg 361 — 365 (Merbach), (P) ; FT
1920; BZ 44 [Das Echo, Nr. 19 10]; BZ
45 [Aus dem Ostlande 14, Beil. 17].
Zeysing, Theodor, Geh. Baurat, 1869 — 1880
kaiserl. Marine-Schiffbaudirektor in Kiel,
1880 — 1 90 1 in Danzig; * Wittstock a. d.
Dosse 15. VI. 1830; | Stettin 4. I. —
WP 191
1792.
Zlese, Elisabeth, geb. Schichau, leitete die
Schichauwerft in Danzig und Elbing nach
dem Tode ihres Gatten C. H. Ziese
(f 1917); | Elbing 2. VII. — DBJ 206.
Zimmer, Friedrieh, D. theol., Dr. phil., a.o.
Professor der Theologie an der Universi-
tat Konigsberg a. D., Begriinder u. Direk-
tor (1894 — 1906) des Diakonievereins,
Begriinder der Zimmerschen Tochter-
heime; * Gardelegen 22. IX. 1855; t Gie-
Ben 5. XII. — W.: Die Zimmerschen
Tochterheime (1909); Deutsche Biirger-
kunde (* 1914). — TR 6. XII.; LZ 1920,
21; EUt 52, 1152; WI7i9i5f. (W);
KJ 1920, 589; KL 17 (W).
Zimmermann, Georg, sachsischer Dialekt-
dichter; * Wermsdorf 12. 1. 1855 ; fLosch-
witz b. Dresden 21. IX. — W.: Von Der-
heeme, Dialektdichtungen (1899). — Sch;
LZ 777; BB1 24. IX.; Kh 17 (W) ; BR
VIII, 96 (W).
Zimmermann, Max Georg, Dr. phil., Geh.
Reg.-Rat, Professor der Kunstgeschichte
an der Technischen Hochschule Berlin
und Direktor des Beuth-Schinkel-Mu-
seums; * Elbing 1. VI. 1861; f Berlin
10. VII. — W.: Allgemeine Kunst-
geschichte (3 Bde., * 1913) ; Sizilien
(2Bde., 1904). — TR 11. VII. ;WI7 1917
(W), 8 1792; LE 2i, 1401 ; Kchr, NF 30,
844 u. 871; KL 17 (W).
Sander, Paul, Dr. phil., ao. Prov. d. Wirt-
schaftsgesch. a. d. dtsch. Univ. Prag;
f 2. V. Welkershausen b. Meiningen (53 J .
alt). — W.: Feudalstaat u. biirg. Ver-
fassung (1906); Gesch. d. dtsch. Stadte-
wesens (1922). — S. vermachte seinen
schriftl. NachlaB und seine Bibliothek
dem Hist. Seminar d. Univ Berlin. —
LZ 359.
Totenliste 1920
Adler, Sigmund, Dr. phil., Hofrat, o. Pro-
fessor der osterreichischen Rechtsgesch.
an der Universitat Wien; * Prag 26. XI.
1853; f Wien 18. VIII. — W.: Die Orga-
nisation der Zentralverwaltung unter
Kaiser Maximilian I. (1886). — LZ 702;
Sch 1920; SozMH 1 92 1, 55; HV 20, 122;
WI77. * U67'. M 7 I, 126; KL 17 (W);
GJNB I, 72; BZ 48 [Zschr. d. Savigny-
Stiftung, Germ. Abt. 41, 531].
Alsberg, Mdritz, Dr. med., Sanitatsrat,
Anthropolog; * Kassel 6. II. 1840;
t Kassel VII. — W.: Anthropologic
mit Berucksichtigung der Urgeschichte
des Menschen (a 1892). — \VI 6; LZ 597;
PBL 30 (W); BZ 47 [Hessenland, H. 34,
95].
Andorff, Paul, Professor, Maler; * Weimar
2. IV. 1849; t Frankfurt a. M. XII.
(Gasvergiftung) . — W.: Berliner Spittel-
markt. — Kchr 32, 15, S. 287; TB I. 442;
MS V, 5 (W), VI, 5.
Bachmann, Hermann, Chefredakteur der
Vossischen Zeitung; * Elbogen 21. XII.
1856; f Berlin 16. XI. — LNN 18. XL;
WI745.8 1767; Sch; KL 17 (W) ; BZZ 13
[VZ 16. XL].
Bahrdt, Waldemar, Direktor der Staats-
bibliothekin Krefeld; * Lauenburg 14 I.
1863; | Krefeld 25. XII.— LZ 1921,62;
JB 15, 132; AA.
Balst, Gottfried, Dr. phil., Geh. Hofrat,
o. Honorarprof. der romanischen Philo-
logie an der Universitat Freiburg i. Br.;
* Ulfa (Hessen) 28. II. 1853; f Freiburg
i.Br. 22.X. — W.: Die arabisehen Hauch-
lauteim Spanischen (1890); Parzival und
der Gral (1909). — TR 27. X.; Sch; LZ
878; LE 23, 376; M7I, 1364; WI753;
KL 17 (W) ; BZ 48 [Die neueren Sprachen
28, 435 (Hestermann)]; BZZ 13 [Tag
3. XL (Mulert)].
Bayer, Friedrich, Geh. Kommerzienrat, Di-
rektor der Farbenwerke vorm. Friedr.
Bayer & Co., Elberfeld; * Barmen 13.X.
185 1 ; * Wiesdort-Leverkusen 21. VI. —
WJ 778; AA.
Bayern, Ludwig Herzog in, Senior des Hau-
ses Wittelsbach ; * Miinchen 2 1 . VI. 183 1 ;
f Miinchen 6. XL — Sch; TR 9- XL;
E 2790; GH.
* Beck-Rzikowsky, Friedrich Graf, k. u. k.
Generaloberst z. D., 1881 — 1906 Chef des
k. u. k. Generalstabs, ehemal. General-
adjutant Kaiser Franz Josephs, Kapitan
der Arcieren-Leibgarde ; * Freiburg i. Br.
21. III. 1830; f Wien 9. II.— TR10. IL;
Sch; GK; M 7 II, 2; Streffleurs Milit.
Zschr. 1906, H. 6 (v. Hoen) ; Osterr.
Wehr-Zeitung 1920, H. 14 (Hoen); Neue
osterreich. Biogr.1, 1 16 — 125 (Hoen); GT
1 92 1, S. 78; BZ 46 [Polit. u. volksw.
Chronik der ostcrr.-ung. Monarchic XI,
72]; DBJ 490/495 (v. Auffenberg-Koma-
row).
Benedikt, Moritz, Dr. med., o. Honorar-
professor der Nervenheilkunde an der
Universitat Wien a. D., Mitglied der
AdW Rom, Neapel, Paris; • Eisenstadt
(Ungarn) 6. VII. 1835; f Wien 14. IV. —
W. : Nervenpathologie u. Elektrotherapie
(1874/75); Psychophysik der Moral
(1874); Anthropologic der Verbrecher
(187s). — TR 17. IV.; LZ 342; SozMH
iiogf. (Chaym); WI 7 97, 8 1768; M7II,
103 f.; KL i7(W);PBL 130 f. (P), (W) ;
GJNB I, 304 (W).
Benedikt, Moritz, Herausgeber der Neuen
Freien Presse, Mitglied des ehemal. oster-
reichischen Herrenhauses ; * Quatschitz
(Mahren) 27. V. 1849; t Wien 18. III. —
NFP22.III.;Sch; BBI25.IIL; WI798,
8 1768; M7II, 104; KL 17 (W); GJNB I,
304 f.; IZ 4006 (P).
Berberich, Adolf, Dr. phil., Professor, Obser-
vator am Astronomischen Recheninsti-
tut, . . . Herausgeber der Astronom. Jah-
resberichte; * t)berlingen i. B. 16. XL
1861 ; | Berlin-Tempelhof 27. IV. — TR
9. V.; LZ 420; BZ47 [Astronom. Nachr.
211, 270 (Cohn) ; Weltall 20, 1 79 (Archen-
hold)]; AA.
Berendt, Gottlieb, Dr. phil., Geh. Bergrat,
a.o. Professor der Geologie an der Uni-
740
Totenliste 1920: (Berger-Hohenfels) — Bod man n
versitat Berlin, 1874 — 1901 Landes-
geologe in Berlin, Vorkampfer d. Glazial-
theorie; * Berlin 4. I. 1836; f Schreiber-
hau27. L — TR 15.II.jLZ 198; PM 66,
6i;M7II, 134; KL 17 (W).
Berger(-Hohenfels), Stella Freiin v., geb.
Hohenfels, ehemal. k. u. k. Hofburg-
schauspielerin (Liebhaberin u. jugend-
liche Heldin), Gattin Alfred Frhr. v. Ber-
gers; * Florenz 16. IV. 1852; f Wien
2 1 . II. — LNN 23 . II. ; Sch ; M 7 V, 1670 ;
WI7 726; SozMH 307; EG 444 f.I FT
1 92 1, 62; BZZ 12 [Konigsb. Hartungsche
Ztg. 27. II. ; VZ 23. II. ; NFP 22. u. 25. II.
(Thiemig)] ; BZ 46 [Osterr. Rundschau 62,
238]; IZ4001 (P).
Berolzheimer, Fritz, Dr. jur., rechtsphilo-
sophischer Schriftsteller; * Bamberg 3. I.
1869; f Berlin 1. X. — W.: System der
Rechts- u. Wirtschaftsphilosophie, 5 Bde.
(1904— 1907).— BBI9. X.; Sch; LZ 797;
WI 7 1 1 1 ; ZB 48 [Archiv fiir Rechts- u.
Wirtschaftsphilos. 14, 238 — 250 (Las-
son)].
Bertelmann, Heinrich, hessischer Heimat-
dichter u. Romanschrif tsteller ; t Kassel
1. VI. — W.: Hessische Hohenluft; Der
Siebenbach; Unter den Linden. — LZ
476; GK; Heimatschollen 1926, 10 (W.
Scheller); Hessenland 34, 75 u. 82 — 84
(Heidelbach).
Berthold, Rudolf, Fliegerhauptmann, im
Weltkrieg Sieger in 44 Luftkampfen,
Ritter des Ordens Pour le mirite, Fiihrer
des J agdgesch waders II und der »Eiser-
nen Schar Berthold «; * Ditterswind b.
Bamberg 24. III. 1891 ; f (ermordet) Har-
burg a. E. 15. Ill; 0 Berlin (Invaliden-
friedhof. — (Inschrift: Geehrt vom
Feinde, erschlagen von deutschen Brii-
dern); IZ 4006/4007 (P); Die Unver-
gessenen (1928), S. 15 — 23 (Balla).
* Binding, Karl, Dr. jur., Wirkl. Geh. Rat,
Exzellenz, o. Professor des Strafrechts
an der Uni versitat Leipzig a. D., Ehren-
biirger der Stadt Leipzig; * Frankfurt
a. M. 4. VI. 1 841 ; f Freiburg i. Br. 7. IV.
— W. : Das burgundisch-roman. Konig-
reich (1868); Die Normen u. ihre "Ober-
tretung (4 Bde., * 1916 — 1919); GrundriB
des allgem. dtsch. Strafrechts (2 Tie.,
'1907); GrundriB des allgem. dtsch.
Straf prozeBrechts (4 1904); Die Freigabe
der Vernichtung lebensunwerten Lebens
(1920). — LNN 9. IV.; Sch; LZ 319;
GK; SozMH 819 (Loewenfeld) ; WI§,
8 1769; M 7 II, 391 ; KL 17 (W) ; BZZ 12
[VZ 9. IV.; FZ 24. IV. (Lobe)]; BZ 46
[Leipz. Zschr. fiir dtsch. Recht 14, 495a
(v. Miltner)]; BZ 47 [Jurist. Blatter 126;
Schweiz. Zschr. fiir Straf recht 33, 187
(Baumgarten) ; Osterreich. Zschr. fiir
Strafrecht 8, 423 (Ldffler)]; BZ 48
[Rechtsgang III, 1 13]; IZ 4007 (P); DBJ
495/499 (Beling) (L).
Birkmeyer, Karl v., Dr. jur., Geh. Rat, em.
o. Professor des Strafrechts an der Uni-
versitat Munchen, Mitglied der Straf -
rechtsreformkommission, Vertreter der
klassischen Straf rechtsschule u. der Ver-
geltungstheorie ; * Niirnberg27. VI. 1847;
f Munchen 29. II. — W.: GrundriB zu
Vorlesungen iiber das deutsche Straf-
recht C1908); Deutsches Straf prozeB-
recht (1898); Beitrage zur Kritik des
Vorentwurfs zu einem deutschen StGB.
(3 Tie., 1910); Hrsg. d. Enzyklopadie der
Rechtswissenschaft (* 1904). — LNN
2. III.; Sch; WI7 128,8 1769; M 7 II, 410;
LZ 259 u. 302; SozMH 818 f. (Loewen-
feld); BZ 47 [Osterr. Zschr. fiir Straf-
recht 8, 419 (Loffler)]; IZ 4002 (P).
Blsohoff, Josef, Pralat, Wirkl. Geh. papstl.
Kammerherr, klerikaler Tendenzroman-
schriftsteller [Pseudonym : Konrad v. Bo-
landen]; * Niedergailbach 9. VIII. 1828;
t Speyer 6. VI. — W. : Luthers Braut-
fahrt (1857); Franz v. Sickingen (1857).
— Sch; LZ 539; LE 22, 1275; M7 VI,
1681; KR (1914). S. 54 f.
BlOCh, Emil, Dr. med., em. a.o. Professor
der Ohrenheilkunde und Direktor der
Ohrenklinik a. d. Universitat Freiburg
i. Br.; * Emmendingen n. XII. 1847;
f Freiburg i. Br. 26. X. — W. : Pathologie
und Therapie der Mundatmung (1889);
Ohrenheilkunde im Kreise der modernen
Wissenschaft (1900). — LZ 894; MMW
67. 1308; WI7 137. 8 1769; PBL 194 (W);
BZ 48 [Archiv fiir Ohren-, Nasen- und
Kehlkopfheilkunde 107. S. V— VII (Schil-
ling)] ; BZ 49 [Zschr. fiir Ohrenheilkunde
81, 259 (Kahler)].
Blochmann, Reinhart, Dr. phil., Geh. Reg.-
Rat, o. Professor der Chemie a. d. Uni-
versitat Konigsberg; * 14. IV. 1848;
t Konigsberg i. Pr. 29. II. — L 56, 71 ;
ChZ 44, 613 (Saar); WI7i38; BZ 48
[Ecce der Crucianer 1920, 9].
Bluthgen, Viktor, Dichter u. Schriftsteller;
* Zorbigb. Halle 4. 1. 1844; f Berlin 2. IV.
— W.: Jugendschriften u. Marchen. —
TR 3. IV.; LNN 4. IV.; Sch; LZ 319;
LE 22, 1017; WI7i40, 81769; M7II.
534; KL 17 (W) ; BR I, 269 f. (W) ; BZ 46
[Daheim 55, 31 ; Die Mark 16, 52; IZ4007
(Gafken)];"lZ 4009 (P). — B.-Gedenk-
buch (1913)-
Bodmann, Johann Ferdinand Freiherr v.,
Geh. Rat, Exzellenz, Kammerherr und
Totenliste 1920: Bohm — Brede
741
Major a. D., badischer a.o. Gesandter u.
bevollm. Minister in Munchen u. Karls-
ruhe a. D.; * Karlsruhe 31. I. 1839;
Freiburg i. Br. 4. II. — GK; WI 7 146,
8 1769.
Bohm, Carl, Professor, Liederkomponist ;
• Berlin 11. IX. 1844; | Berlin 4. IV.
— W.: Hansel u. Gretel (Chorwerk). —
AMZ277; JP61 [Signale4i2; DTZ 18,
59; NMZ 41, 258]; FAT 48.
Bdhmler, Emil, Dr. ing. e. h., Baurat;
* Stuttgart 15. VI. 1874; f Mannheim
7. XII. — AA; ZBV 40, 639 (Neuffer) ;
Bauingenieur, Bd. 2 (192 1), S. ^$ (Probst)
(P); DBZ 1920, Nr. 104; Der Eisenbau,
Jahrg. 12, Nr. 2; Vereinsmittlg. des Sud-
westdtsch. Kanalvereins 1921, Nr. 13.
Bolanden, Konrad v., s. Bischoff , Joseph.
Bolau, Heinrich (bis 1909), Direktor des
Zool. Gartens in Hamburg, zoologischer
Schriftsteller, Mitglied der Kaiserlichen
Leopold. -Carolin.-Akademie; * Hamburg
17. IX. 1836; f Hamburg i. V. — TR
28. V.; LZ462; WI7 158; KL 17 (W).
Boner, Max, Zivilingenieur, Vorsitzender
des deutschen Hilfsvereins in Rostow;
• Recklinghausen 17. V. 1833; t Rostow
22. X. — BZ 49 [VDI 65, 651].
Boroevi6 von Bojna, Svetozar Freiherr v.,
k. u. k. Generalfeldmarschall, Fiihrer der
osterreich. 3. Armee in Galizien 1 914/15
und der 5. Armee am Isonzo 191 5 — 1918;
* Umetic 13. XII. 1856; f Klagenfurt
23. V. — W.: Durch Bosnien. — TR
27. V.; E 1270; PM 66, 95; M 7 II. 683;
PZZ 12 [Reichspost (Wien) 20. VI.
(Dnie)]; PZ 46 [NFP 26. V.].
* Boettinger, Heinrich (Henry) Theodor,
Dr. phil., Dr. ing. e. h., Geh. Reg.-Rat,
Rittergutsbesitzer, Mitgl. des ehemal.
preuBischen Herrenhauses, Vorsitzender
des Aufsichtsrats der Farbenfabriken
vorm. F. Bayer & Co. A.-G., bis 1882
Eigentiimer des Wurzburger Hofbrau-
hauses, Forderer der Naturwissenschaft
u. Technik, Griinder des Boettinger-
Studienhauses in Berlin (anfangs Got-
tingen) ; * Burton-on-Trent (England)
10. VII. 1848; f Arensdorf (Neumark)
9. VI. — TR it. VI.; GK; VDI 64, 448;
Sch; LZ 498; M7II, 723; WI7 156; AT
1927 ; BZ 46 [Die Chemische Industrie 43,
279]; BZ 47 [Gewerbl. Rechtsschutz und
Urheberrecht 25, 98 (Kloeppel) ; Zschr. d.
Verb, dtsch. Diploming. 11, 89 (Lang)];
BZ 48 [Zschr. fur angew. Chemie t,^, 161
(Duisberg u. Kloeppel)]; IZ 4017 (P);
DBJ 500/501 (Duisberg).
Bouche, Carl de, Kommerzienrat, Pro-
fessor, Glasmaler, Leiter des 1873 ge-
griindeten Ateliers fiir Glasmalerei in
Munchen; * Munchen 16. VII. 1845;
t Munchen 2. III. — W. : Chorfenster im
Augsburger Dom. — Sch; Kchr, NF 31,
24, S. 488; M7II, 724; W7 172; TB IV,
427; MS I, 161, V, 84 (W), VI, 34; Der
deutsche Herold 52, 19 (Rheude).
•Bousset.Wilhelm, D. theol., Dr. phil., o. Pro-
fessor der neutestamentlichen Exegese a.
der Universitat Gieflen; * Liibeck 3. IX.
1865; f GieBen 8. III. — W.: Die Re-
ligion des Judentums im neutestament-
lichen Zeitalter (*i9o6); Jesus (4i922);
Kyrios Christos (2 1921); Apophtegmata
Patrum (aus dem Nachlafl, 1923). — HK
29. III.; TR 12. III. u. 1. IV. (H. Bous-
set);Sch;LZ3o2;KJ 578 (W) ; ELK 53,
16, Sp. 334; LE 22, 957; M7II. 73&:
Nachr. der GdW Gottingen 1920, 84 — 96
(Reitzenstein) ; \VI7i73; KL 17 (W) ;
BZ 46 [Jungdeutsche Stimmen II, 218
(Falckner) ; Evangel. Freiheit 141 — 162
(Gunkel)]; BZ 48 [Die Hilfe 1921, 121
(Titius)]; IZ4006 (P) ; H. Gunkel: \V. B.,
Gedachtnisrede (1920); DBJ 501/505
(Gunkel).
Brandt, Max v., Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz,
1875 — ^93 a.o. Gesandter u. bevollm.
Minister d. Deutschen Reiches in Peking,
Schriftsteller; * Berlin 8. X. 1835; t Wei-
mar 24. III. — W. : Sittenbilder aus China
(ai90o); ^2 Jahre in Ostasien, Erinne-
rungen eines deutschen Diplomaten
(1902); China, Japan und Korea (in:
Helmolts Weltgeschichte, Bd. I, 2 191 3).
— Sch;GK;WI7 180, 8 1769; PM 66, 61;
KL 17 (W).
Braun, Marcus, Dr. phil., Professor, Dozent
u. Bibliothekar des judisch-theologischen
Seminars, jiidischer Gelehrter und Ge-
schichtsforscher, Herausgeber d. Gesamt-
archivs fiir Geschichte u. Wissenschaft d.
Judentums; * Rawitsch 9. VII. 1849;
f Breslau 26. IX. — W.: Geschichte
der Juden und ihrer Literatur (3 Bde.,
s 191 1 — 1 91 3); Lehrb. d. jiid. Geschichte
(4 Bde., I 8 1910, II * 1906). — LZ 774;
LE 23, 249; Mittlg. des Gesamtarchivs
der deutschen Juden 6, io6f. (Elbogen) ;
Monatsschr. fiir Gesch. u. Wissensch. des
Judentums 1919 (Freimann) (W) ; M7 II,
782 ; WI 7 1 8 1 ; KL 1 7 ( W) ; BZ 47 [Allgem.
Ztg. des Judentums 84, 385 (Lowen-
stamm)]; BZ 48 (Mschr. fiir Gesch. und
Wiss. d. Judentums 63, 241 — 249 (El-
bogen); Jahresber. des jiid. -theol. Semi-
nars 1920, S. Ill— VII].
Brede, Albrecht, Musikdirekt., Oratoriums-
komponist; * Besse (Hessen) 19. XII.
1834; f Kassel 15. I. — W.: Der zwolf-
742
Totenliste 1920: Breinbaur — Buths
jahrige Jesus im Tempel (Oratorium). —
LZ 116; JP 61 [NMZ 41. 178; AMZ 78;
DTZ XVIII, 21]; FAT 55; R 10 160.
Breinbaur, Leopold, Orgelbaumeister; * Ot-
tensheim 11. I. 1859; f ebenda 15. V. —
Oberosterreich. Mannergestalten (1926),
S. 114 — 117 (Neuhofer) (P).
Brenner, Oskar, D. theol., Dr. phil., Geh.
Hofrat, em. o. Professor der deutschen
Philologie u. Volkskunde an der Universi-
tat Wiirzburg (1892 — 1919); * Winds-
heim 13. VI. 1854; f Dirlewang (Schwa-
. ben) 15. VI. — W.: Mittelhochdeutsche
Grammatik (4 1 90 1 ) ; Altnordisches Hand-
buch (1882); Mitherausgeber der Wei-
marer Luther- Ausgabe. — LNN 17. VI.;
PM66, 167; M7 II, 848; W7 190, 8 1770;
LZ 499; Sen; GK; KL 17 (W).
Brisker, Karl. Ingenieur, o. Professor u. h.c,
Rektor magnifiers der Montan-Hoch-
schule in Leoben; * Konigshiitte 18. IV.
1875; t Leoben 16. V. — StE 40, 931
(Reitbock) (P) ; BZ 46 [Montanist. Rund-
schau 19 1 9, 564].
* Brnch, Max, D. theol. h. c, Dr. phil., Pro-
fessor, Ehrensenator der Akademie der
Kiinste, Mitglied des Direktoriums der
Hochschule fur Musik, Ritter des Ordens
Pourle mirite; * Koln a. Rh. 6. I. 1838;
f Berlin 2. X. — W.: Violinkonzert in
G-moll; Normannenzug (Mannerchor m.
Orchester). — TR 3. X.; E 2386; WI 7
202, 8 1770; Sen; LZ 797; M 7 II, 935;
JP 62 [AMZ 611; Signale 932; RMTZ
344; NMZ 42, 36; NZfM 377; DTZ 18,
139]; A 73 (W); FAT 57 (W); NML 79
(W); R 167 f. (W); BZZ 13 [NPZ 17. X.
(Cornelius) ; Schles. Ztg. 1 3.II.2 1 (Haase) j>
KZ 13. III. (Cronert)]; BZ 48 [Nieder-
rhein. 111. Mschr. 1920, 173 — 176 (Bur-
chard); Westermanns Mhe. Jan. 1921,
528 — 531 (Altmann); Die Westmark
577 — 581 (Wolff) ; Wege u. Ziele II, 221] ;
IZ4033 (P); F. Gyse: M. B. (1922); DBJ
505/509 (Blume).
Buchsel, Johannes, D. theol., Generalsuper-
intendent a. D.; * Berlin 19. IX. 1849;
f Stettin 21. II. — KJ 578; Unser Pom-
merland 5, 84.
Bttchsel, Wilhelm, Admiral z. D., Exzellenz,
friiher a la suite des Seeoffizierkorps, 1902
bis 1908 Chef des Admiralstabs ; * Stral-
sund 12. IV. 1848; f ebenda 7. IV. —
TR9. IV.; GK; WI72i6, 8 1770; M7II,
1031.
Buchwald, Gustav v., Dr. phil., Bibliothe-
kar u. Archivar, Vorsteher der mecklenb.-
strelitzschen Bibliothek u. des mecklenb.
Hauptarchivs ; * Schwerin 1. IX. 1850;
f Jena 13. III. — WI 7 214.
Buhler, Anton, Dr. phil., o. Professor der
Forstwissenschaft an der Universitat Tu-
bingen; * Hauerz 2. I. 1848; | Tubingen
1. I. — W.: Der Waldbau (2 Bde..
1818/22). — LZ 116; WI72I7, 8i77o;
M7II, 1056; BZ 47 [Forstwissensch.
Zentralbl. 42, 201].
Billow, Paula [Pauline Wilhelmine] v., geb.
Grafin v. Linden, lyrische Dichterin
[Pseudonym: G. v. d. Elda], friihere
mecklenburgisch-schwerinsche Oberhof-
meisterin; * Berlin 30. IX. 1833; f Dres-
den 7. VI. — W. : Lieder u. Worte (1893) i
Plaudereien u. Gedichte in Prosa (19 13);
Aus verklungenen Zeiten (Lebenserinne-
rungen, 1924). — GT 192 1.
Bunau, Margarete Henriette, Grafin v., geb.
Freiin v. Meerheimb, Schrif tstellerin ;
* Schmagerow i. P. 28. VII. 1859; f Wei-
mar 30. I. — W. : Allerseelen (Nov.) ; Die
Vorleserin Ihrer Majestat. — TR 31. I.;
WI72i9, 81770; LZ 181; Sen; LE 22.
764; KL 17 (W); PY II, 28 (W); GT
1 921; IZ 3998 (P).
Bunge, Gustav v., Dr. med. et chetn., o. Pro-
fessor der physikal. Chemie an der Uni-
versitat Basel; • Dorpat 19. I. 1844;
t Basel 5. XI. — W.: Lehrbuch der
Physiologie d. Menschen (2 Bde., * 1905) ;
Lehrbuch der physiol. u. pathalog. Che-
mie (1889). — LZ 894; WI7223, 8 1770;
MMW 67, 1368; Sch; SozMH 1921, 48 u.
262; M'll. 1089; CI1Z44, 889 (Kossel);
KL 17 (W); PF V, 187; BZZ 13 [NZZ 11.
XI.]; BZ 47 [Med. Klinik 16, 1247;
Schweiz. Med. Wschr. 1 192] ; BZ 48 [Tier-
arztl. Rundschau 25, 762 (Perl); Der Vor-
trupp 9, 14 — 20 (Ponickau); Vegetar.
Warte 53, 206]; IZ 4036 (P).
Bunte, August, Professor, Musikdirektor,
Komponist; * Baize b. Nienburg a. W.
1. V. 1836; j Hannover 6. V. — W.iPrin-
zeB Ilse (Kantate). — JP 62 [AMZ 337;
DTZ 18, 73; NMZ 41, 291]; FAT 60
(W).
Busolt, Georg, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
o. Professor der alten Geschichte an der
Universitat Gottingen; * Keppurren bei
Insterburg 13. XI. 1850; | Gottingen
2. IX. — W. : Griechische Geschichte bis
zur Schlacht bei Chaironeia (1885 — 1904) .
— Sch; LZ 725; WI7233 (W); M7II,
1 142; HV 20, 122; KL 17 (W).
Buths, Julius, Professor, stadt. Musik-
direktor u. Direktor des Konservatoriums
in Diisseldorf; * Wiesbaden 7. V. 185 1;
f Diisseldorf 12. III. — WI 7 234; JP 62
[AMZ 214; Signale 291 ; DMZ 120; NZfM
63; DTZ 18, 46; NMZ 41. 243]; A 79 (W).
FAT 63; NML 93 (W); R 10 183.
Totenliste 1920: Biitschli — Dehtnel
743
Btttschli, Otto, Dr. phil., Wirkl. Geh. Rat,
Exzellenz, o. Professor der Zoologie u.
Palaontologie an der Universitat Heidel-
berg, korresp. Mitglied der AdW Wien;
• Frankfurt a. M. 3. V. 1848; f Heidel-
berg 3. II. — W. : Studien iiber die Zell-
teilung (1876); Protozoen (1880 — 1889);
Mechanismus u. Vitalismus (1901). —
LNN 5. II.; N 8, 28 (Goldschmidt u. a.)
(W, P); Ahnanach der AdW Wien 1920,
174—176 (Grobben); WI7220 (W).
8 1770; M7II, 1 1 50 (W); I4Z 159; GK;
Sch; SozMH 414—416 (Koelsch); PP V,
185; BZZ 12 [NZZ 11. II.]; BZ 47; IZ
4001 [Biiste von G. Mahr]. — Das
Lebenswerk O. B.s (herausg. A. Kossel,
1920).
Cahn, Wilhelm, Dr. jur., Geh. legations-
rat z. D., Schriftsteller; • Mainz 15. III.
1839; t Berlin 13. VIII. — W.: Pariser
Gedenkblatter, Tagebuchaufzeichnungen
(1898); Aus dem Nachlafl Ed. Maskers
(1902). — Sch; WI7 237; Kh 17 (W).
* Cantor, Moritz. Dr. phil., Geh. Hofrat, em.
o. Hon.-Professor der Geschichte der
Mathematik an der Universitat Heidel-
berg; * Mannheim 23. VIII. 1829; f Hei-
delberg 10. IV. — W. : Vorlesungen iiber
Geschichte der Mathematik (3 Bde., 1894
bis 1901); 1859 — 1901 Mithrsg. d. Zschr.
fur Mathematik u. Physik. — DAZ
16. IV.; WP240 (W), 8 1770; M7II,
1244; M 341; KL 17 (W); PP V, 201 f.
( W) ; IZ 4008 (P) ; BZ 48 [Mittlg. z. Gesch.
der Mech. u. Naturwiss. 9, 222 (Giin-
ther)]; K. Bopp: M. C, Gedachtnisrede
(1920); DBJ 509/513 (Bopp) (L und Bi-
bliogr. d. Vortrage).
Cardinal v. Widdern, Georg, Militarschrift-
steller, Oberst a. D.; * Wollstein (Posen)
12. IV. 1841 ; t Berlin 21. VII. — W.: Der
Krieg an den ruckwartigen Verbiadungen
der deutschen Heere 1870/71 (5 Teile,
1893 — 1899). — hZ 612; M7II, 1260;
WP241 (W); KL 17 (W); LA 16 (W).
Conze, Georg, D. theol., Geh. Kommerzien-
rat, Ehrenvorsitzender des Rheinischen
Provinzialausschusses f iir innere Mission,
Mitglied der Provinzial- und General-
synode, Ehrenbiirger von Langenberg;
f Langenberg (Rhld.) 15. II. — KJ 1920,
578 f.; Die innere Mission ira evangel.
Deutschland 17,49.
Comill, Karl Heinrich, D. theol., Dr. phil.,
Geh. Koasistorialrat, o. Professor der alt-
testamentlichen Exegese an der Univer-
sitat Halle; * Heidelberg 26. IV. 1854:
f Halle 10. VI. — W.: Einleitung in das
Alte Testament (7 19 13); Der israelitische
Prophetismus (18 1920). — Sch; \,Z 499;
KJ 1920, 579 (Wj; WI727o. 8 1770;
M 7 III. 36.
♦Dahmel, Richard, Dr. phil., Dichter, 1914
bis 19 1 8 Kriegsfreiwilliger; * Wendisch-
Hermsdorf 18. XI. 1863; f Blankenese
bei Hamburg 8. II. — W.: Zwei Men-
schen (Roman, 1903, 79. Tsd. 1925);
Zwischen Krieg u. Menschheit (Kriegs-
tagebuch 1920) ; Erlosungen (Ged., 1891) ;
Kriegsbrevier (Ged., 1920); Ges. Werke
(10 Bde., 1906 ff.); Ausgew. Briefe
1922/23, 2 Bde.); Mein Leben (1922).
— WI7 (W), 8 i77i;M7III, 367; BB1
12. II.; E 369 (P); SozMH 370 f. (Hoch-
dorf); I*E 22, 763 f. u. 800—303 [Ber-
liner Borsen-Courier 69; NZZ 235;
VZ 79 (G. Hauptmann); Vorwiirts 71
(Stampfer); FZ 126 (1. M.-Bl.); TR.
Unt.-Beil. 32 (Strecker) ; Tag 46 (Ser-
vaes); BT 74 (Kerr); DAZ 73 (Reen-
ter); MNN 57 (Martens); NFP 11. II.;
KZ 136; Konigsb. Hartungsche Ztg. 66;
Dresdner Nachr. 41; Miinchen-Augsbur-
gerAbendztg. 57; VZ 100; Vorwartsgi];
KW 33 II, 202 — 207 (Nidden); Osterr.
Rundschau 63, 29 — 33 (F. Braun); Gei-
steskultur 35, 10/11, S. 424 — 444 (Harry
Slochower); KI* 17 (W); IZ 3999 (P);
BZZ 12 [Magdeb. Ztg. 9 II.; KZ 11. II.;
Kieler Ztg. n. II.; Schles. Ztg. 10. II.;
Hamb. Nachr. 9. II.; Koln. VZ 15. II.
(Berning); DAZ 9. II. (Fechter); I<pZ
10. II. (Herrmann); BT 10. II. (Kerr);
MNN 9. II. (Martens); Nationalztg.
10. II.;TR9- II. (Strecker); HPB1 10. II.
(Wagner) ; KHZ 9. II. (Hiia) ; Dresdner
Anzeigerg. II.; Vorwiirts 19. II. (Haupt-
mann) ; Tag 24. II. (Sarvaes) ; Dtsch. Ztg.
16. II.; FZ 17. II. (Kuckhoff); NZZ
9. III.; KVZ 29. IV. (Froberger); Vor-
warts 8. V.]; BZ 46 [Gegenwart 49. 87
(Kienzl); Die literar. Gas. 6, 57—60
(S^hiefler) u. 88—33 (Franck); Uterar.
Handw. 56, 97—100 (Flaskamp) ; Konser-
vat. Mschr. 77, 344 — 349 (Bsnzmann) ;
Allgem. Rundschau VII, 141 (Klein);
Neue Rundschau 324 (Heimann); Vein.
& Klas. Mhe. 284—288 (Hart) ; Die Frau
27, 175 (Baumer); Die Hilfe 123 (HeuB) ;
Die I«ese 200 (Vogt); Das Tagebuch
28. II., 292 — 302 (Schleich); Die neue
Zeit 38, 510 — 516 (Lessen); Zschr. fiir
Deutschkunde 113 — -133 (Bojunga);
Osterr. Rdsch. 63, 29 — 33 (Braun)]; BZ
47 [Allgem. Ztg. 636 (Lion) ; Die Pfo-
pylaen 17, 169 (Adelt) u. 171 (Frank);
Neue Rundschau 1 3761 389; Wissen u.
I^eben 13, H. 9/10]; BZ48 ff. — E. Lud-
wig, R. D. (1913); K. Kunze, Die
Dichtung R. D.s als Ausdruck der Zeit-
744
Totenliste 1920: Dernjac — Eisele
seele (1914) ; J . Bab, R. D., die Geschichte
eines Lebenswerkes (1926) ; H. Slochower,
R. D. (1927); Die Unvergessenen (1928),
S.43-53(Dury)(P);DBj5i3/52o(SPiero)
(L).
Dern]ac, Josef, Dr. phil., em. Direktor der
Bitoliothek der Akademie der bildenden
Kiinste u. Direktor der graflich Harrach-
schen Galerie; * Heilenstein (Steiermark)
8. III. 1851; f Wien 31. III. — LZ 420;
TR 16. V.; Kchr, NF 31, 34,8.655; AA.
Dickel, Karl, Dr. jut., Geh. Justizrat, a.o.
Professor des burgerlichen Rechts a. d.
Universitat Berlin u. a. d. Forstakademie
Eberswalde; * Paulsgiund (Kr. Wittgen-
stein) 28. II. 1853; t Berlin 30. XII. —
TR 21. XII.; LZ 1921, 62; KL 17 (W) ;
AA.
• Dlerauer, Johannes, Dr. phil., Direktor der
Vadiana in St. Gallen, Historiker;
* Bernegg (St. Gallen) 20. III. 1842;
t St. Gallen 14. III. — W.: Geschichte
der schweiz. Eidgenossenschaft (4 Bde.,
2.-3. I9Ig — 1922). — Berner Bund
16. III.; WI73i2; M7III, 776; KL 17
(W); BZ 47 [Wissen u. Leben 13, H. 13
(Greyerz)]; DBJ 520/522 (Stern) (L).
Dieterich, Karl, Dr. phil., wissenschaftl.
Direktor der chem. Fabrik Helfenberg
A.-G., Privatdozent der Pharmakochemie
a. d. Tierarztl. Hochschule in Dresden.
* Dresden 30. VII. 1869; f Dresden 4. Ill;
— W.: Helfenberger Annalen (1906 ff.).
— WI73i3, 8 1771; M'lII, 779; MMW
67, 364; LZ 319; Pharm.-Ztg. 65, 195;
PF V, 292 ; Berichte d. Dtsch. Chem. Ges.
53; BZ 46 [Pharmaz. Zentralhalle fiir
Deutschl. 175; Pharmazeut. Zeitung 65,
195; Weltmarkt 8, 183]; BZ 48 [Ber. d.
Dtsch. Pharmaz. Ges. 31, 113 — 115
(Thorns) ; Zschr. fiir angew. Ch. 23 A, 93
(Rassow)].
Dolezalek, Friedr., Dr. phil., o. Professor der
physikal. u. Elektrochemie an der Tech-
nischen Hochschule Berlin; * Szigeth
(Ungarn) 5. II. 1873;- t Berlin 10. XII.
— LZ 1921, 21; SozMH 1921, 570; WI7
328; KL 17; MdT 58 [Zschr. fiir physikal.
Chemie 1908,6; 1910, 2; 191 5, 5; 1920, 1 ;
192 1, 5]; ChZ. 45, 85 (Arndt); Zschr. fiir
Elektrochemie 27, 89 — 92 (Schulze) ; Be-
richte der dtsch. Chem. Ges. 54 A, 21 — 25
(Hofmann) ; Zschr. fiir Fernmeldetechnik
2, 18, Nr. i;KLi7(W); PFV, 3oi(W);
AA.
Dorner, August, D. theol.. Dr. phil., Wirkl.
Oberkonsistorialrat, em. o. Professor der
systemat. Theologie an der Universitat
Konigsberg; • Schiltach (Baden) 13. V.
1846; t Hannover 17. IV. — W.: Grund-
riB der Dogmengeschichte (1899) ; Grund-
rifl der Enzyklopadie der Theologie
(1901); Dem Andenken von J. A. Dorner
(1885). — LE 22, 1085; ELK 53. 19.
Sp. 398; GK; WI7 333 (W), a 1771 ; LZ
357; KJ 1920, 579 (W); M7III, 937;
KL 17 (W); BZ 47 [Zschr. fiir Religions-
kunde u. Missionswiss. 193 — 203 (Pott);
Protestant. Monatsh. 121 (Hoffmann);
Protestantenblatt 366 u. 375 (Rust)].
Dressel, Heinrich, Dr. phil., Direktor des
Miinzkabinetts der staatlichen Museen
in Berlin; • Rom 16. VI. 1845; t Teisen-
dorf i. Oberbayern 17. VII. — W. : Hrsg.
vcn Corpus inscriptionum latinorum,
Bd. 15 (1891 — 1899). — HV 20, 122;
LZ 670; M 7 III, 1006; SB der AdW Ber-
lin 1 92 1, 487 — 491 (Dragendorff ) ; Zschr.
fiir Numismatik 33 (192 1), 1 — 18 (Reg-
ling), (W); Jahrb. der preuB. Kunst-
samml., Amtl. Berichte 41, 235 — 240
(Nutzel).
Ecke, Gustav, D. theol., Geh. Konsistorial-
rat, o. Professor der protestantischen
systemat. u. praktischen Theologie an
der Universitat Bonn; * Erfurt 8. 1. 1855 ;
| Bonn a. Rh. 9. XI. — W.: Die theol.
Schule Alb. Ritschls u. die evangel. Kirche
der Gegenwart (2 Bde., 1897/1904); Un-
verruckbare Grenzsteine (6 19 10). — LZ
941; ELK 53, 870; WI7 355 (W); KL 17
(W).
Eggellng, Albert, Dr., Geh. Reg.-Rat. Pro-
fessor an der Tierarztl. Hochschule Ber-
lin; * Lochtum(Kr. Liebenburg) 16. VIII.
1848; f Bad Harzburg 1. IV. — AA;
LZ 319.
Ehrenberg, Hermann, Dr. phil., Geh. Reg.-
Rat, o. Professor der Kunstgeschichte an
der Universitat Minister; * Halle 7. III.
1858 ; f Munster 28. IV. — W. : Die Kunst
am Hofe der Herzoge von Preuflen
(1899); Handbuch der Kunstgeschichte
(1906); GrundriB der Kunstgeschichte
(1909). — TR 29. IV.; LE 22, ii47f.;
Kchr. NF 31, 32, S. 620; WI 7 361 (W) ;
HV20, 121; LZ 381; KL 17 (W);ZB49
[Soziale Praxis 30, 1337].
Eisele, Hermann Fridolin, Dr. jur., Geh.
Rat, em. o. Professor des rom. u. deut-
schen burgerl. Rechts an der Universitat
Freiburg i. Br. ; * Sigmaringen 2. V. 1837 ;
j Freiburg i. Br. 6. II. — W. : Abh. zum
rom. Zivilprozefl (1889); Beitr. zur rom.
Rechtsgeschichte (1896); Studien zur
rom. Rechtsgesch. (19 12). — TR 11. II.;
BB1 12. II.; LZ 181; WI7369 (W); KL
17 (W); ZB 47 [Zschr. der Savigny-
Stiftung, Romanist. Abt. 41, V— XIV
(Lenel)]; AA.
Totenliste 1920: Elda — Flaischlen
745
Elda, G. von der, s. v. Bulow, Paula.
Elster, Julius, Dr. phil., Geh. Hofrat, Pro-
fessor am Gymnasium Wolfenbiittel,
Geophysiker, ausw. Mitglied der GdW
Gottingen u. der Leopold. -Carol. Aka-
demie in Halle; * Blankenburg a. H.
24. XII. 1854; f Wolfenbiittel 6. IV. —
LZ 341; PM 66, 235; WI7375; PF IV,
378 f. (W); PFV, 334 (W); Nachr. der
GdW Gottingen 1921,5 3 — 60 ( Wiechert .) ;
ChZ 457 (Bergwitz); ZB 47 [Astronom.
Nachr., 211, B 205]; ZB 49 [Sirius 20,
H3].
Engelhard, Emil, Geh. Kommerzienrat,
President der Mannheimer Handelskam-
mer, ehemal. Mitglied der Nationalvers.
(demokrat. Partei); • Mannheim 24. V.
1854; f Mannheim 21. XI. — Sch; HNV.
Eschenburg, Johann Hermann, Kaufmann,
Senator u. (1911/12 u. 1915/16) Biirger-
meister von Liibeck; * Liibeck 19. VIII.
1844; t Liibeck 1. I. — WI7 389; Feh-
ling, Liibecker Ratslinie (1925), S. 166.
Estorff, Otto v., Oberjagermeister des Fur-
sten zu Waldeck, Kammerprasident a.D.,
Exzellenz; * Celle 6. II. 1845; t Arolsen
i.I. — ELK 53,4, Sp. 94; KJ 1920, 580;
UAT 1924.
Fabricius, Wilhelm, Dr. phil., Professor der
alten Geschichte, Vorsitzender d. Reichs-
limeskommission, Historiokartograph ;
* Darmstadt 9. I. 1861; f Darmstadt
24. X. — PM 66, 269; KL 17 (W); KZ
3. XI.; BZ 48 [Monatsh. fiir rhein. Kir-
chengesch. 15, 232 — 234 (Tuckermann) ;
Zschr. der Savigny-Stiftung, German.
Abt. 41, 530].
Falckenberg, Richard, Dr. phil., Geh. Hof-
rat, o. Professor der Philosophic an der
Universitat Erlangen; * Magdeburg
23. XII. 1851; f Jena 28. IX. — W.: Ge-
schichte der neueren Philosophic f 191 3) ;
Hermann Letze (1901) ; Hrsg. von From-
manns Klassikern der Philosophic —
Sch; LZ 774; LE 23, 248 f.; WI 7 402
(W), 8 1772; M 7 IV, 424 f.; Kant-Studien
26 (192 1). (H. Leser); KL 17 (W).
Fall- Fein, Friedrich v., Groflgrundbesitzer
u. Begriinder des Tierparks Askania-
Nowa (Taurien); (57 Jahre alt); f Kis-
singen, Anfang August 1920. — E 1886;
VZ n. VIII. (Heck); BZ 47 [Die gefie-
derte Welt 49, 146 u. 154 (Kracht)].
FaBbaeoder, Peter, Komponist u. Dirigent;
• Aachen 28. I. 1869; | Ziirich 27. II. —
JP62[AMZ 198; DTZ 18, 3i;RMTZi2i;
NMZ41, 210]; A 138; FAT 101 ; R 10 349;
NML 185; BZ 46 [Schweiz. Musikpad.
Blatter 81—84 (Vogler)].
Finsier, Georg, D. Dr., Pfarreru. Religions-
lehrer in Basel, Zwingli-Forscher u.
Zwingli-Biograph, Mitherausgeber der
Zwingli-Ausg ; * Zurich 1860; f Basel
18. XI. — W.: Zwingli- Bibliographic
1897.— LE 23,437; KL17 (W); NZZ
21. XI.; BZ 48 [Jahrb. des Ver. schweiz.
Gymnasiallehrer 45,5]; BZ 49 [Zwingliana
IV, 1—4 (Kohler)]; Huldreich Zwinglis
Samtl. Werke Bd. IX (Corp. Reform, vol.
XCVI) 8. I/II (W. Kohler m. P).
♦Fischer, Hermann v., Dr. phil., o. Pro-
fessor der Germanistik an der Universitat
Tubingen; * Stuttgart 12. X. 1851;
f Tubingen 30. X. — W. : Geographic der
schwabischen Mundart (1895); Schwab.
Worterbuch (5 Bde., 1904 — 1920, unvoll-
endet). — TR 2. XI.; LE 23, 396; Sch;
LZ 879; KW 34 I, 175 *• (Fischer); WI7
425 ( W) ; M 7 IV, 77 1 ; KL 1 7 (W) ; BZZ 1 3
[SchwM 2. XI.; Dresd. Neuest. Nachr.
3. XI. (Hoffmann)]; BZ48 [Oberdeutsch-
land, Febr. 1921, 359]; Behrend, Gesch.
der dsch. Philol. in Bildern (1927), S. 54
(P); DBJ 522/527 (Pfleiderer) (L).
Fischer, Paul David, Dr. jur., Wirkl. Geh.
Rat, Exzellenz, Unterstaatssekretar a.D.
im Reichspostministerium ; * Berlin 2. IV.
1836; f Berlin 13. III. — AA ;Archiv fin-
Post u. Telegr. 48, 125 (Giercke).
Flaischlen, Casar, Dr. phil., Dichter und
Schriftsteller; * Stuttgart 12. V. 1864;
f Gundelsheim (Wiirttemb.) 16. X. —
W.: Von Alltag und Sonne (Gedichte,
1898, 252. Tsd. 1925); Jost Seyfried
(autobiogr. Roman, 1905); Gesamm.
Dichtungen (6 Bde., 1921). — TR 18. X.;
E 2522; LZ845; Sch.; SozMH 1921, 514;
LE 23, 310 f. u. 289 — 291 [Stuttgarter
N. Tagbl. 500; NPK 494; TR, Unt.-Beil.
228 u. 231; VZ 512; BT 477; KZ 885;
FZ 785 A (HeuB); Berliner Lokalanz.
479; Hamb. Nachr. 503; Berliner Volks-
ztg. 478; Mannheimer Generalanz. 470;
Schles. Ztg. 536; LNN 287; Frank.
Kurier 31]; KW 34, I, 107; Ostdeutsche
Monatshefte 6, 10, S. 1029 — 1038 (Lange:
Erinnerungen an C. F.); WI 7 430 (W);
M7IV, 815; KL 17 (W); IZ 4034 (P);
BZZU [VZ 18. X.; Dresdner Anzeiger
18. X. ; Schw. M 18. X. u. 23. X. (Giintter)
NPZ 20. X. (Elster); FZ 22. X. (Heufl) ;
BT 18. X. (Block) ; Tag 19. X. (Heynen) ;
TR 20. X. (Strecker), 4. XI. (Fuhrmann) ;
23. X. (Schliepmann), 28. X. (Kurtz)];
BZ 47 [Freie deutsche Biihne 298 (ThieB) ;
Die deutsche Biihne 12, 689; Die schone
Literatur 21, 281 (Kochmann); Mark
16, 155; Nord u. Siid, Juli 1920, 79
(Kochmann); Der Tiirmer, Dez., 214 bis
217 (Elster); Gegenwart 49, 398 (Benz-
746
Totenliste 1920: Fleischmann — -Friedjung
mann), Die Hilfe 666 (Gerhard); Welt-
rundschau 321 (Kopp)]; BZ 48 [Allgein.
Ztg. 3 (Elster); Die Propylaen 18, 171
(Schaff); Padagog. Zentralbl. II, 58
(Pallat)]; BZ 49 [Deutschl. Eraeuerung
5, 437 — 444 (Schaeff-Hallwangen)]. —
E. Geisser: C. F. zum Gedachtnis (1920);
E. Rotth: Erinnerungen an C. F. (1924);
G. Stecher: C. F., Kunst u. Leben (1924);
F. ThieB: C F., ein Essay (1914).
Fleischmann, Wilhelm, Dr. phil.. Gen. Reg.-
Rat, o. Prof, der Landwirtschaft und
Direktor des landwirtsch. Instituts a. d.
Univ. Gottingen; * Er Ian gen 31. XII.
1837; t Gottingen 13. I. — W.: Lehr-
buch der Milchwirtschaft ('1901). —
TR 20. I.; LZ 140; WI 7 433 (W), 8 1773;
M 7 IV, 846; IZ 3997 (P) ; BZ 46 [Wiener
Landw. Zeitung 131 (Albrecht)]; BZ 47
[Journal f. Landw. 68, 1 — 4 (v. Seel-
horst); Dtsch. Landw. Presse 51 (Mar-
tiny)]; BZ 48 [Die landw. Versuchs-
stationen 97, 261 — 292 (Wiegner)].
Fdrster, Richard, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
o. Prof, der klassischen Philologie a. d-
Univ. Breslau, Direktor des Archaolog.
Museums der Universitat; * Gorlitz
2. III. 1843; t Breslau 7. VIII. — W.:
Das Erbe der Antike, Festreden (191 1);
Herausg. der Scriptores Physiognomici
(2 Bde., 1893). — WI 7 439 (W) ; M 7 IV,
956; Jahrb. der Schles. Ges. 97, 1 — 4
(Kroll) (P).
•Founder, August, Dr. phil., Hofrat,
o. Prof, der Geschichte a. d. Univ. Wien,
1 89 1 — 1899 Reichsrats- u. Landtagsab-
geordneter; * Wien 19. VI. 1850; f Wien
18. V. — W. : Napoleon I. (3 Bde., 8 191 3 ;
franzos. Ausg. 1890 — 1892); Historische
Studien u. Skizzen (3 Bde., 1908 — 1912) ;
Osterreich-Ungarns Neubau unter Kaiser
Franz Joseph I. (191 7); Erinnerungen
[bis i883reichend; 1923]. — NFP4. VI.;
LZ 437; WI7443. 8I773; M 7 IV, 981;
LE 22, 1208; HV 20, 2, S. 254 — 256
(Bauer) ; Almanach der AdW Wien 1920,
273—284 (Pribram); KL 17 (W); IZ
4015 (P); DBJ 527/532 (Pribram).
Frauberger, Heinrich, Direktor des Kunst-
gewerbemuseums in Dusseldorf ; * Obern-
dorf (N.Oe.) 18. VII. 1845; t Hinterstein
(AUgau) 12. VII. — TR 26. VII.;
LZ 631; Kchr, NF 31, 43/44, S. 846;
WI 7 452 (W) ; KL 17 (W) ; BZ47 [Allgem.
Zeitung des Judentums 84, 377]; BZ 48
[Monatsschr. fiir Gesch. u. Wiss. des
Judent. 1921, 235 (Toeplitz)].
Fresenius, Heinrich, Dr. phil., Professor,
Reg.-Rat, Leiter des chemischen Labo-
ratoriums Fresenius u. Vorstand der
agrikulturchem. Versuchsstation Wies-
baden; * Wiesbaden 14. XI. 1847;
| Wiesbaden 14. II. — W.: Geschichte
des chem. Instituts zu Wiesbaden (1898) ;
Herausg. der Zeitschr. fiir analytische
Chemie(seit 1882). — AA; WI7455 (W),
8 1773; LZ 198; Zeitschr. fiir analytische
Chemie 59, III — IX (W. Fresenius);
KL 17 (W); PF V, 393 (W); IZ4001 (P);
BZ 48 [Zeitschr. fiir angew. Chemie 33,
A 81 (Czapski)]; BZ 49 [Jahrb. des
nassauisch. Ver. fiir Naturkunde 73,
XIV (Heineck)].
Fretmd, Martin, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
Prof, der Chemie a. d. Univ. Frankfurt;
* NeiBe 18. III. 1863; f Frankfurt a. M.
13. III. ~- FZ 18. III. (Mayer); GK;
WI7 457, 8 1773; Sch; LZ 302; Berichte
der dtsch. Chem. Ges, 54 A, 53 — 7$
(Spiegel) ; PF V, 394 (W) ; GJNB II. 317 ;
BZ 48 [Zeitschr. fiir angew. Chemie
33 A 121 (Speyer)].
* Frey, Adolf, Dr. phil., o. Prof, der deut-
schen Literaturgeschichte a. d. Univ.
Zurich, Dichter; * Aarau 18. II. 1855;
t Zurich 12. II. — W.: Gedichte (1886) ;
Neue Gedichte (191 3); Bernhard Hirzel
(Roman 1918); DuB und underm Rafe,
50 Schwizerliedli (1891). — NZZ 18. II.
u. ff. (Enderlin); Sch; LZ 181; WI 7458
(W). 8 1773; LB 22, 803 f. u. 824 [Basler
Nachr. 72; NZZ 245, 281, 303, 305;
Leipz. Tagebl. (Michael)]; Kchr, NF 31,
22, S. 452; KW 33, II, 231 u. Ill, 20 — 23
(Schumann); Jahrb. der literar. Vereini-
gung Winterthur 1925, 21 — 28 (Erma-
tinger); M 7 IV, 1166; KL 17 (W) ; BR
II, 267 f.; BZ 46 [Schweiz. Lehrerztg. 53
(Zollinger)] ; BZ 47 [Wissen u. Leben XIII,
H. 9/10 (Trog)]; L. Frey: A. F., sein
Leben u. Schaff en erzahlt (2 Bde., 1923/
1925); C. F. Wiegand: Das A.-F.-Buch
(1920); DBJ 532/535 (Ermatinger).
Frledberg, Robert, Dr. phil., (1917 — 1918)
Vizeprasident des preuB. Staatsmini-
steriums u. preuB. Staatsminister a. D.,
Mitglied der preufl. Nation alversamm-
lung, 1 886 — 1 9 1 8 Mitglied und Vorsitzen-
der der demokrat. Fraktion des preuB.
Abgeordnetenhauses, 1893 — 1^98 M. d.
R., 1894 — 1917 o. Prof, der Staatswissen-
schaften a. d. Univ. Halle; * Berlin 28.
VII. 185 1 ; f Berlin 20. VI. — TR 2 1 . VI. ;
GK; E 1506; LZ 515; WI746i,8 1773:
Sch; M7IV; KLi7(W); IZ40i8(P);
BZZ 12 [Nationalztg. 22. VI. (Oeser) ;
Magdeb. Ztg. 22. VI.].
* Friedjung, Heinrich, Dr. phil., Dr. jur.
h. c. (Heidelberg), Prof. a. d. Wiener Han-
delsakademie (1873 — 1879) a. D.,histori-
Totenliste 1920: Fiirbringer — Goldschmidt
747
scher Schrif tsteller ; * Rostschin i. Mahren
18. I. 1851; f Wien 14. VII. — W.: Der
Kampf um die Vorherrschaft in Deutsch-
land 1859 — 1866 (2 Bde., 8 1912/13);
Benedeks nachgel. Papiere (1901); Der
Krimkrieg und die osterr. Politik (1907) ;
Das Zeitalter des Imperialismus (3 Bde.,
1 91 9 — 1923) ; Histor. Aufsatze (1919). —
KVZ 22. VII. (v. Sosnosky); NFP 14.
VII. ; NZZ 20. VII. (v. Sosnosky) ; Sch ; WI
7 463 (W), 8 1773; LB 22, 1468; KW 33,
III, 430 f. (E. H.); SozMH 704 (Koch);
M 7 IV, 1 187; HV 20, 122; Osterreich.
Rundschau 64, 137 — 140 (Zweybriick) ;
Almanach der AdW Wien 71 (192 1), 22$
bis 232 (Redlich) ; KL 17 (W) ; IZ4022 (P) ;
Histor. Zeitschr. 123, 187 (Schiifller) ;
DBJ 535/545 (Srbik).
Fiirbringer, Max, Dr. med. et phil., Geh.
Rat, em. o. Prof, der Anatomie und Di-
rektor des Anatomischen Instituts a. d.
Univ. Heidelberg; * Wittenberg 30. I.
1846; t Heidelberg 6. III. — W.: v. Ge-
genbaur-Fiirbringer, Anatomie des Men-
schen (umgearb. Aufl., I 1909); Unter-
suchungen zur Morphologie u. Syste-
matik der Vogel (2 Teile, 1888). — Sch;
LZ 259; WI7477 (W), 8 1773; M7IV.
I294;MMW67, 337; N 8, 3, S. 357— 359
(Braus); PBL 566 f. (W) ; IZ 4003 (P) ;
DMW 46, 470 (Braus). — Festschrift fiir
M. F.
* Ganghofer, Ludwig, Dr. phil., Schrift-
steller; * Kaufbeuren 7. VII. 1855;
f Tegernsee 24. VII. — W.: EdelweiB-
. konig (R., 1886); Die Trutze von Trutz-
berg (R., 191 5); Der Herrgottschnitzer
von Ammergau (Volksstiick, 1880); Le-
benslauf eines Optimisten (3 Bde.,
1909 ff.); Ges. Schriften (40 Bde., 1910
bis 1921). — MNN 26. VII.; NFP 26.
VII. ; Sch; SozMH 986 ;WI 7 488, 8 1773;
LZ 612; M7IV, 1408; E 1750; LE 22,
1467 u. 1507 [LpZ 171; VZ 368; MNN
301 ; NZZ 1 247 ; NFP 20095 ; LNN 203] ;
KL 1 7 ( W) ; BR II, 3 1 7 f • ; BZ 47 [Allgem .
Ztg. 299 (Scharrer-Santen) ; Gartenlaube
533 (Miihling); Allgem. Rundschau 17,
425]; Zdenko v. Kraft: L. G. als Dichter
des Berchtesgadener Landes (1925);
Chiavacci: L. G. (2 1920); B.Rost: Der
Dichter L. G. u. s. Vaterstadt Kaufbeuren
(1925); DBJ 545/547 (v. d. Leyen) (L).
Gattermann, Ludwig, Dr. phil., o. Prof, der
Chemie a. d. Univ. Freiburg i. B.; * Gos-
lar 24. IV. i860; f Freiburg i. B. 20. VI.
— W.: Die Praxis des organischen Che-
mikers (1894. 19 1925). — LNN 25. VI.;
LZ 515; WI7494, 8 1774; M7 IV, i486;
PF IV, 480 f . ; Zeitschr. f . angew. Chemie
33, A 185; Berichte der dtsch. Chem.
Ges. 54, A 115 — 141 (Jacobsohn). PF
V, 413 f. (W).
Geib, Otto, Dr. jur., o. Prof, des rom.
Rechts a. d. Univ. Tubingen; * Tubingen
12. 1. 1859; f Tubingen 3. VIII. — LZ
652; TR 6. VIII.; BZ47 [Archiv fiir
zivilist. Praxis 1 19, 286 — 292 (Riimelin)];
AA.
Gemmingen-Guttenberg, Wilhelm Frhr. v.,
D. theol., Prasident des Wurttembergi-
schen Konsistoriums (1885 — 1905) a. D.;
• Stuttgart 12. X. 1827; f Stuttgart
6. 1. — SchwM 10. 1.; AA; ELK 53, 4, Sp.
94; GK; FT 1926.
Genest, Werner, Baurat, Ingenieur, Be-
griinder u. Generaldirektor der Firm a
Mix & Genest A.-G., Telephon- u. Tele-
graphenwerke ; * Jerichow 18. VIII. 1850;
t Berlin 13. III.. — AA; SozMH 563;
WI75o5; VDI 64, 335.
GeBmann, Albert, Dr. phil., k. u. k. Arbeits-
minister a. D., Exzellenz, Mitbegriinder
der christlich-sozialen Partei; "f Prein b.
Reichenau 7. VII. — Sch; WI 7 514;
NFP 7, VII.
Gleim, C. O., Dr. ing. e. h., Eisenbahninge-
nieur, Erbauer der groflen Elbbrucken
bei Hamburg; * 1843; f Hamburg i.XI.
— IZ 4036 (P); VDI 64, 1063; BZ47
[DBZ 54, 443 (Faulwasser) ; ZB V 40, 588].
Goldschmidt, Henriette, geb. Benas, Pad-
agogin u. Frauenrechtlerin, Mitbegriinde-
rin des Allgem. Deutschen Frauenvereins
(1865), des Vereins fiir Familien-u. Volks-
erziehung (1871), des Leipziger Seminars
fiir Kindergartnerinnen u. der Frauen-
hochschule Leipzig (191 1); * Krotoschin
23. XI. 1825; t Leipzig 30. I. — W.:
Was ich von Frobel lernte u . lehrte ( 1 909) ;
Ideen iiber weibliche Erziehung (1882). —
FZ. 7. II. (Beck); Dresdner Neueste
Nachr. 1. II. (Stritt) ; VZ 3. II. (Cauer);
Sch; SozMH 410 f (Lande) ; WI 7 540,
8 1774; LZ 140; KW 30, II, 235 f. (Brun-
nemann); M 7 V, 377; PY I, 269 (W) ;
IZ 3998 (P); BZ 46 [Soz. Kultur 214
(Erlbeck); Die Lehrerin 37, 188 (Lange) ;
Allgemeine Zeitung des Judentums 84,
j j (Neifler)]; BZ 47 [Neue Bahnen 55,
9 (Lange); Frauenbildung 227 — 230
(Mayer)]; Priifer-Siebe, H.G. (1922).
Goldschmidt, Hugo, Dr. jur., Professor,
Musikgelehrter, 1893 — *9<>5 Mitdirektor
des Klindworth-Scharwenka-Konserva-
toriumsin Berlin; * Breslau 19. IX 1859;
. j Wiesbaden 26. XII. — W. : Studien zur
Geschichte der it alien. Operim 17. Jahrh.
(2 Bde., 1901/04); Geschichte der Musik-
asthetikim 18. Jahrh. (19 15); Handbuch
748
Totenliste 1920: Grienberger — Herff
der deutschen Gesangspadagogik (1896).
— Sch; SozMH 1921, 323; LE 23, 638;
M7 V, 378; AMZ 1921, 17; Zeitschr. f.
Musikwiss. 3, 255; JP 63 [NMZ 42, 131;
NZfM 1921, 45]; FAT 128 (W); R10448
(W); NML232 (W); A 171 (W); BZ 49
[Zeitschr. f. Asthetik 1 5,454—456 (Wolf)].
Grienberger, Julius, Reichsritter v., Archi-
tekt, Professor, Direktor der kunstge-
werblichen Fachschule in Hall i. T.;
• Salzburg 8. III. i860; f Linz 14. IV. —
WI7 561,81774; LZ341.
Grotthuss, Jeanott, Freiherr v., Schriftstel-
ler, Herausgeber der Zeitschrift Der Tur-
mer; * Riga 5. IV. 1865 ; f Berlin 30. VIII.
— W.: Probleme und Charakterkopfe
(1897). — LE 23, 124; ELK 53, 38, Sp.
731?; Sch; LZ 725; M7 V, 720; WI7 570;
KL 17 (W); BR II, 465 f. (W); IZ 4030
(P) ; BZZ 12 [NPZ 7. IX. (Elster) ; Schles.
Ztg. 9. IX.]; BZ 47 (Akadem. Bl. 35, 151
(Pusch); Der Tiirmer, Okt. 1920, 2 — 6
(Koch)].
GUfifeld, Paul, Dr. phil., Professor, Geh. Reg.-
Rat, Forschungsreisender, Generalsekre-
tar der Ges. fur Erdkunde in Berlin;
• Berlin 14. X. 1840; f Berlin 17. 1. — W.:
Die Loan go-Expedition (1879 — 1882);
In den Hochalpen {• 1893). — LNN
20. I. ; LE 22, 699 ; GK ; M 7 V, 822 ( W) ;
PM 66, 27 (Marquardsen) ; WI758i,
• 1775; LZ 116; KL 17 (W); IZ 3997 (P).
Hamburger, Paul, Dr. phil., Generalsekre-
tar des Reichsverbandes der deutschen
Presse; * Breslau 18. X. 1859; f Berlin
6. VI. — Sch; GK; LE 22, 1275; KL
17 (W).
Hamm, Oskar, Dr. jur., Wirkl. Geh. Rat,
Exzellenz, Oberlandesgerichtsprasident
von Koln a. D. (1899 — 1905), vorher
(1896 — 1899) Oberreichsanwalt, ehemals
preuflischer Kronsyndikus, Mitglied des
preuO. Staatsratsu. Herrenhauses, Ehren-
mitglied der Deutschen Kolonialgesell-
schaft; * Ratingen 24. VI. 1839; | Bonn
a. Rh.28.X. — Sch;DKZ37, n,S. 121 f.
(Clemens) ; WI 7 61 1 ; IZ 4036 (P) ; BZ 47
[DJZ 857 (Rasch-O. Liebmann)].
Hansemann, David v., Dr. med.t Geh. Med.-
Rat, o. Honorarprofessor der Anatomie
a. d. Univ. Berlin, Prosektor am R.-Vir-
chow-Krankenhaus ; • Eupen 5. IX. 1858;
t Berlin 28. VIII. — AA; Sch; WI76i5
(W), 8 1775; LZ 742; MMW 67, 1056;
KL 17 (W); PBL 586 (W); IZ 4028 (P);
BZ 47 [Zeitschr. fur Krebsforschung 17, 1
(Orth u. Blumenthal); Med. Klinik 16,
067 (Hart); BKW 57, 891 (Hart); DMW
46, 1088 (Benda); Zeitschr. fur arztl.
Fortbildung, Beibl. 542 (Hart)]; BZ 49
[Zentralbl. fur allgem. Pathol, u. pathol.
Anatomie 31, 113 (Hart)].
Hansen, Adolf, Dr. phil., Geh. Hofrat,
o. Prof, der Botanik a. d. Univ. Giefien;
• Altona 10. V. 185 1 ; f Gieflen 24. VI. —
W.: Ernahrung der Pflanzen (1885);
Repetitorium der Botanik ("1921);
Pflanzenphysiologie (* 1898); Kerners
Pflanzenleben (3 Bde., '191 3/16); Die
Pflanzendecke der Erde (1920). — LZ
539; WI76i5 (W), 8 1775; Berichte der
deutschen Botan. Ges. 38, 66 — 77
(Kuster) (W); M 7 V, 1098 (W); KL
17 (W).
Harrassowitz, Otto, Hofrat, Antiquariats-
buchhandler; * La Guayra (Venezuela)
18 XII. 1845; t Gaschwitz bei Leipzig
24. VI. — WI7622, 8 1775; LZ 516; Sch;
BB1 696 (Nr. 141) u. 706 (Nr. 145).
Hasbach, Wilhelm, Dr. phil., em. o. Pro-
fessor der Volkswirtschaftslehre an der
Universitat Kiel; * Venauen b. Mulheim
a. R. 25. VIII. 1849; f Karlsruhe 30. IV.
— W.: Giiterverzehrung u. Giiterhervor-
bringung (1906); Die moderne Demo-
kratie (19 12). — LZ 498; SozMH 548
(Schmidt); HV 20, 121; M 7 V, 1162.
Hauser, Kaspar, Dr. phil. h. c. (Zurich).
Lehrer, schweizerischer Geschichtsfor-
scher, Herausgeber der Neujahrsblatter
der Staatsbibliothek Winterthur; • Wa-
denswil6. 1. 1845; f Winterthur 16. V. —
LE 22, 1208; Historisch-biogr. Lex. der
Schweiz, H. 30, S. 93 (P) [Landbote
1920, 14; NZZ 1920, 831].
Heinroth, Elisabeth, geborene Rindfleisch,
Schriftstellerin [Pseudonym : Klaus Ritt-
land]; * Dessau 18. III. 1861 ; f Berlin
5. XII. — DAZ 12. XII. (Frobenius);
HK 12. 1. 1921 (B6hmer);Sch; WI7654;
M7 V, 1333; LE 1921. 8; KL 17 (W).
Helm, Theodor, Dr. phil.. Professor, Musik-
schriftsteller, Vorkampfer fiir Bruckner;
• Wien 9. IV. 1843; t Wien 23. XII. —
W. : Beethovens Streichquartette (* 1910) ;
Die grofie Sonatenform seit Beethoven.
— AMZ 1921,45; WI7 662 (W); FAT 153
(W); R l0525 (W); A 196.
Hennlg, Martin, D. theol., Direktor u. Vor-
stand des Rauhen Hauses in Hamburg;
• Loslau (O.-S.) 28. XI. 1864; f Bad Tolz
27. VIII. — W.: Quellenbuch zur Ge-
schichte der inneren Mission (191 2);
J. H. Wichern (200. Tsd., 1908).— ELK
53. 37. Sp. 719; WI7666; KL 17 (W);
BZ 47 [Bausteine 52, 109; Die innere
Missionis, 145 (Pfeiffer)]. — Erica Hennig:
M. H., ein deutscher Erzieher (1927) (P).
Herff, Franz v., Generalkonsul, deutscher
Geschaftstrager beim Quirinal in Rom;
Totenliste 1920: Hering — Imhoof-Blumer
749
•Toluca (Mexiko) 27. IX. 1857; f Rom
29. V. — LNN 1. VI.; WI767i.
Bering, Hermann, D. theol., Geh. Konsi-
storialrat, em. o. Professor der prakti-
schen Theologie an der Universitat Halle ,
Herausgeber der Sammlung von Lehr-
biichern der praktischen Theologie;
• Dallmin 26. II. 1838; f Halle 6. IV. —
LNN 9. IV.; Sch; GK; WI 7 672 (W).
« 1776; KJ 1920, 581 f.(W); ELK 53, 16.
Sp. 334; LZ 319; IZ 4008 (P).
HeB, Otto, Opernkapellmeister (seit 191 3)
an der Staatsoper in Munchen; * Miin-
chen 16. X. 1871 ; f Planegg b. Munchen
8. XI. — MNN 9. u. 12. XI. (Ehlers);
LNN 10. XI.; SozMH 1921, 212; FAT
158; NML 273; R 10 536; BZ 47 [Allgem.
Rdsch. 17, 612].
Heyden(-Cadow), Wilhelm v., preuBischer
Landwirtschaftsminister (1890 — 1894) a.
D., 1877 — J889 Mitglied des PreuBischen
Abg.-Hauses (konserv.); * Stettin 16. III.
1839; t Plotz b. Volchow 20. VI. — GK;
M7 V, 1526.
Hinz, Wilhelm, Kirchenrat, Direktor des
Oberkirchenkollegiums der lutherischen
Freikirche in Preuflen (73 Jahre alt);
t Breslau 27. XI. — TR 30. XL; ELK
53> 5i. Sp. 951 *•
Hirsch, Franz, Dr. phil., Schriftsteller und
Redakteur; * Thorn 2. V. 1844; t Berlin
18. VII. — W.: Gesch. der dtsch. Lite-
ratur (1883 *•) I Vagantensang u. Schwer-
terklang (1889); Annchen von Tharau
(E.. 18 1908). — TR 20. VII.; WI7 703;
KL 17 (W); BR III, 222.
Hoffmann, Eduard, Dr. jur., Wirkl. Geh.
Rat, Exzellenz, Direktor im Reichsjustiz-
amt a. D., President des Oberprisen-
gerichts; * Frankfurt a. M. 21. I. 1848;
t Berlin 21. VIII. — AA.
Hoffmeister, Eduard v., preuBischer Gene-
ralleutnant z. D., Xenophon-Forscher,
Sieger in dem Gefecht bei Kwangtschang
20. II. 1 90 1 uber die Chinesen; * Karls-
ruhe 7. VII. 1852; f Heidelberg 19. V. —
W.: Eine Chinafahrt 1900 — 1901 (1907);
Durch Armenien. Zug Xenophons (191 1) .
— GK; PM66,94;M7 V, 1657; WI 7 723,
8 1776; Sch; AT 1923.
Hofmann, Franz, Dr. med., Geh. Rat, em.
o. Prof, der experimentellen Hygiene a.
d. Uni versitat Leipzig, Mitglied des
Reichsgesundheitsamtes ; * Munchen
14. VI. 1843; t Giechkrottendorf (Ober-
franken) 15. IX. — LZ7 724 (W),8 1776;
LZ 742; MMW 67, 1 162 u. 68, 114
(Poetter) (P) ; BZ 47 [DMW 46, 1173
(Flugge)].
Hohenfels, Stella, s. Berger, Freiin v.
Hohenlohe-Schillingsfttrst, Fiirstin zu, Maria,
geb. Prinzessin zu Say n -Wittgenstein,
Freundin F. Liszts u. F. v. Saars ; * Woro-
nince b. Odessa 19. II. 1837; t 21, I. —
Neue osterr. Biographie IV. 58 — 72 (P)
(Bettelheim) [mit Literaturangaben!]
Hohnel, Franz v., Dr. phil., Hofrat, o. Pro-
fessor der Botanik an der Techn. Hoch-
schule in Wien, korresp. Mitglied der
AdW Wien; * Zombor (Ungarn) 24. IX.
1852; f Wien 11. XI. — TR 20. XI.;
L 57, 4; Osterreich. Chemikerztg., NF 24,
1 — 2 (Pabisch); LZ 941; Almanach der
AdW Wien 71, 171— 173; BZ 49 [Ber.
der dtsch. Bot. Ges. 39, Beil. [103] bis
[126], (Weese) (W)].
Holl, Moritz, Dr. med., Hofrat, o. Professor
der Anatomie an der Universitat Graz;
• Wien 28. VI. 1852; f Graz 11. XII.—
W.: Operationen an der Leiche (1883). —
TR 15. XII.; LZ 1921, 21; WI7729,
8 1777; MMW 67, 1516; Almanach der
AdW Wien 71, 173 f.; PBL 770 (W); AA.
Hoyer, Egbert v., Geh. Rat, Professor der
mechanischen Technologie an der Uni-
versitat Munchen; * Oldersum (Ostfries-
land) 9. IX. 1836; f Munchen 6. XII. —
W.: Lehrbuch der vergleichenden mech.
Technologie (3 Bde., 3i90o); Technolo-
gisches Worterbuch in dtsch., engl. und
franz. Sprache (3 Bde., 5 1904). — M7 VI,
31 (W); WI7742 (W), 8 1777; LZ 1921-
21; Sch; Bayrisches Ind.- u. Gewerbebl.
106, 261; KL 17 (W); BZ47 [Bayr. Ind.-
u. Gewerbebl. 261].
Hubner, Max, Oberst z. D., militargeograph.
Schriftsteller; * Oschatz 13. VII. 1854;
t Buhlau b. Dresden 24. XI. — W.: Mili-
tarische u. militargeogr. Betrachtungen
iiber Marokko (1905); Militarpolitik
(1908). — WI7 746 (W),8 1777; LZ 941;
M7 VII, 40 (W); LA43*-
Hunzinger, August Wilhelm, D. theol., Dr.
phil., Hauptpastor an der Michaelskirche
in Hamburg, 1909 — 191 2 o. Professor der
systemat. Theologie an der Universitat
Erlangen; * Dreiliitzow 27. III. 1871;
t Hamburg 13. XI. -— HN 13. XI. und
26. III. 192 1 ; TR 14. XI.; Sch; LZ 924;
WI7752. 8 1777. — M.Jaeger: H., ein
Portrat (1923).
Imhoof-Blumer, Friedrich, Dr. phil., Numis-
matiker, korresp. Mitglied der AdW Ber-
lin, Wien, Paris, Herausgeber des Ber-
liner akademischen Miinzwerkes (1899
bis 1 91 3); Ritter des Ordens Pour le
me'rite; • Winterthur 11. V. 1838;
f Winterthur 26. IV. — W.: Monnaies
Grecques (1883). — NZZ 26. IV.; Berner
Bund 30. IV.; TR 1. V.; Sch; LZ 476;
750
Totenliste 1920: Jaffe — Keller
LE 22, 1 148; Zschr. fur Numismatik
33, 134—139 (Regling); JAW 50, 103
bis 122 (Waser) (W); Almanach der
AdW Wien 70, 261—273 (W); Kchr, NF
3 1 , 32, S. 620 ; M 7 VI, 367 ; BZ 46 [Anti-
quitatenrundschau 18, no; B. Bick :
Fr. I. (W) (1921); Histor.-biogr. Lexikon
der Schweiz, Heft 33, S. 338 f. (P). —
A. Engeli: F.J. (1924).
Jaff6, Richard, Dr. jur., Justizrat, Dra-
matiker u. Schrif tsteller ; * Posen 15. II.
1861; t Berlin 2. VII. — W.: Bild der
Signorelli (1890); ohne Ideale (1891). —
LZ557;KL 17 (W); BR III, 333 (W).
Jarno, Georg, Operettenkomponist; * Buda-
pest 3. VI. 1868; f Breslau25. V. — W.:
Die Forster-Christel (1907). — LNN
26. V.; Sch; JP 63 [AMZ 433; DTZ 18,
94; NMZ 41, 307]; M7 VI, 265; FAT 174
(W) ; NML 305 i . (W) ; R u 591 (W) .
Jenner, Gustav, Dr. phil. k. c, Universitats-
musikdirektor in Marburg, Komponist
(der einzige Schiiler Brahms') ; * Keitum
3. XII. 1865; f Marburg 29. VIII. —
W. : Sonaten, Lieder, Terzette; J . Brahms
als Mensch, Lehrer u. Kiinstler (1905). —
LZ 725; LE 23, 124 f.; JP 63 [Zschr. fiir
Musikw. II, 743 (Moser); AMZ 546;
NMZ 41, 387 u. 42, 59; NZ328; RMTZ
317]; FAT 174; NML 306 f. (W) ; R 10593
(W); A 219.
Johann Albrecht, Herzog zu Mecklenburg,
s. Mecklenburg, Johann Albrecht.
Jonas, Fritz, Dr. phil., Schulrat, Stadt- u.
Kreisschulinspektor a. D., Literarhisto-
riker; * Berlin 24. VI. 1845; t Berlin
21. VII. — W.: 200 Jahre preufiische
Geschichte (1900). — LZ 612; WI 7 784;
KL 17 (W).
Junghann, Otto, Geh. Bergrat, General-
direktor a. D. u. Aufsichtsrat der Berliner
Elektrizitatswerke ; * Drakenstedt 5. IX.
1836; | Charlottenburg 6. X. — StE 43,
1472; WI779i.
Junghans, Arthur, Dr. ing. e. h., Geh. Kom-
merzienrat, Direktor der Vereinigten
Uhrenfabriken Gebr. Junghans A.-G.,
Grander des Museums fiir Zeitmeflkunde
in Stuttgart; f Schramberg (Wiirttb.)
imjan. — SozMH 1026; WI779i; IZ
4001 (P).
Kahle, Anna v., Bildhauerin, Schulerin
Schapers; * Bellin (Neumark) 17. II.
1853; t Berlin im Juni — W.: Fontane
(Mark. Museum, Berlin); Mutter u. Kind
(Brunnen in Brandenburg). — SozMH .
1921, 115; Kchr, NF 31, 38, S. 739;
WI 7 796; TB XIX, 435; MS II, 301 (W).
vi, 153.
Kanzow,Karl, Geh. Justizrat, Landgerichts-
direktor a. D., Syndikus des Vereins Ber-
liner Kiinstler, Vors. des Vereins der
Kunstfreunde, Mitglied der preuB. Lan-
desversammlung (Demokrat) ; * Stettin
22. IX. 1858; f Berlin 29. I. — Sch;
Konigsberger Hartungsche Ztg. 31. I.;
AA.
Kanzow, Max, Dr. med., Obergeneralarzt,
Generalsekretar der Inspektion der frei-
willigen Krankenpflege ; * 1851; f Plauen
i. V. 31. XII. — Sch; TR 31. XII.
*v. Kapp v. Gultstein, Otto, Dr. ing. e. k..
Geh. und Oberbaurat, Erbauer der Ana-
tolischen Eisenbahn, von Eisenbahnen in
China, Chile, auf dem Balkan usw., Ehr.-
Mitglied des Wurttemb. Vereins fiir Han-
delsgeographie ; * Rottenburg 1. VIII.
1853; fStuttgart 19. X. — SchwM23.X.;
Sch; SMH 192 1, 10; SozMH 192 1, 472;
AT 1927; BZ 47 [ZBV 40, 580]; DBJ
55o/55i (Igen).
Kaufmann, Franz, Dr. jur., Stiftspropst,
Kunsthistoriker, Restaurator des Aache-
ner Domes, Mitglied des Preuflischen Ab-
geordnetenhauses ; * Bonn 15. III. 1862;
t Burg Burboslar 25. VIII. — W.: Er-
innerungen an Hettinger (1891); Leop.
Kaufmann, Oberbiirgermeister von Bonn
(1903). — KVZ 27. VIII. (HeB) u.4. IX.
(P. Kaufmann) ; Kchr, NF 31, 49, Sp.958;
LE 23, 54; KL 17 (W); BZ 48 [Akadem.
Monatsbl. 1921, 53 (P. Kaufmann)].
Kaufmann, Wilhelm, Zeitungs- und Korre-
spondenzgriinder, fiihrender Deutsch-
amerikaner; * 24. IX. 1847; t Dresden
18. V. — W.: Der Deutsche im ameri-
kan. Biirgerkriege (191 1). — Der Aus-
landdeutsche 3, 19, S. 578 — 582 (G. Kauf-
mann); SozMH 752; HV 20, 383 f.
Kaulbach, Friedrich August v., Wirkl. Geh.
Rat, Exzellenz, Professor, Maler, Direk-
tor der Akademie der bildenden Kiinste
in Munchen; • Miinchen 2. VI. 1850;
t Ohlstadt b. Murnau 26. I. — W.: Ein
Maitag (1879, Dresden); Lautenschla-
gerin (1882, Wien). — TR 27. I.; HK
8. II.; MNN 29. I. (Uhde-Bernays); Sch;
LZ 140; SozMH 207; Kchr, NF 31, 19.
S. 385 f. (Mayer); GK; WI7 812; M 7 VI,
1160; TB XX, 20 f.; MS II, 314 (W),
VI, 155 ; Graul, F. A. v. K. (1890) ; A. Ro-
senberg, F. A. v. K. (1900) ; Westermanns
Monatsh. 1895, Bd- 7$, S. 45 — 48 (Graul) ;
IZ 3997 (P) ; BZ 46 [Die Kunst fiir Alle
35, 210 (Wolf)]. — Seemanns Kiinstler-
mappen 23 (1919).
•Keller, Albert v., Professor, Maler; * Gais
b-Ziirich27.lv. 1844; f Munchen 14. VII.
— W. : Auferweckung von Jairi Tochter-
lein (1886, Munchen, Neue Pinakothek);
Totenliste 1920: Keller — KnaufT
751
Somnambule ( 1 89 1 ) ; Das Urteil des Paris
(1898); Die Gattin des Kiinstlers (Miin-
chen, Neue Pinakothek). — FZ 20. VII.
(Liibbecke); TR 17. VII.; E 1750; Sch;
SozMH 1921, 115; WI7 818,8 i777;Kchr,
NF 31, 45, S. 870; Der Tiirmer, Sept.
1920, 511 — 514 (Stolzing); M 7 VI, 1204
(W); TB XX, 92 f. (W); MS II, 319,
VI, 155; IZ4022 (P); BZ47 [Daheim 55,
•Nr. 46/47 (H. v. Zobeltitz); Die Kunst
fiir Alle 35, 423; Kunst u. Kunstler 19,
34]; Psych. Studien 1921, 193 — 214
(v. Schrenck-Notzing)] ; H. Rosenhagen,
A. v. K. (1912); DBJ 551/555 (Schmidt).
Keller(-Reutlingen), Paul Wilhelm, Maler;
* Reutlingen 2. II. 1854; f Miinchen 10. 1.
— W.: Im Dachauer Moos (Neue Pina-
kothek) ; Abendlandschaf ten (Museen in
Leipzig, Dresden, Kiel). — LNN 15. I.;
GK; Kchr, NF 31, 17, S. 346; TB XX,
114 (W); MS II, 321 (W), VI, 156; IZ
3997 (P).
Kempi, Paul, Dr. phil., Professor, Geh.
Reg. -Rat, Hauptobservator am astro-
physikalischen Observatorium ; * Berlin
2. VI. 1856; f Potsdam 17. II. — LZ 198;
GK; AA.
Khaynach, Friedrich Frhr. v., Kunstmaler;
* Hamm 10. XII. 1867; | Berlin 16. XI.
— W. : Toskanischer Friihling; Idylle;
Elegie; Symphonic — TR 16. XI.; MS
VI, 156; TB XX, 244 (W).
Kirste, Johann, Dr. phil., o. Professor der
orientalischen Philologie an der Univer-
sity Graz; * Graz i.X. 1851; | Graz2.V.
— LZ 420; Almanach AdW Wien 254
bis 256 (Rhodokanakis).
Klein, Gustav, Dr. med., a.o. Professor der
Gynakologie u. Vorstand der gynakol.
Polyklinik a. d. Universitat Miinchen;
* Villach (Karnten) 4. I. 1862; | Miinchen
15. VI. — LZ 5i5;MMW67, 740 u. 845 f.
(Treber) ; BZ 47 [Zentralbl. fiir Gynakol.
44. 873 (Hengge)]; AA.
Kleinert, Paul, D. theoL, Dr. phil., Wirkl.
Geh. Oberkonsistorialrat, em. o. Prof,
der Theologie a. d. Univ. Berlin, Mitglied
des evangel. Oberkirchenrats ; * Vielguth
b.Oels 25. IX. 1837; | Berlin 29. VII. —
W.: AbriB der Einleitung zum Alten
Testament (4i878); Homiletik (1907);
Selbstgesprache am Kranken- u. Sterbe-
lager (1896). — Philotesia, P. K. darge-
bracht, 1907. — TR 30. VII. u. 3. VIII.
(Holl); WI7847 (W), 8 1778; LZ 631;
ELK 53, 36, Sp. 703; KL 17 (W); BZ 48
[Monatsschr. fiir Pastoraltheol. 17, 224
bis 229 (v. d. Goltz)].
* Klinger, Max, Dr. med. h. c, Geh. Hofrat,
Maler u. Bildhauer; * Plagwitz b. Leipzig
18. II. 1857; f GroBjena 5. VII. — W.:
Brahms- Phantasie (41 Blatter, 1894) ; Das
Urteil des Paris (1887, Wien) ; Die Quelle
(1892, Dresden); Kreuzigung Christi
(Leipzig, Museum) ; Die blaue Stunde
(Leipzig); Christus im Olymp (Wien,
1 897) ; Salome ( 1 893, Leipzig) ; Kassandra
(ebd.) ; Beethoven (1902, Leipzig). — Ma-
lerei u. Zeichnung (8 1899) ; Brief e 1874 bis
1 919 (1924); Gedanken u. Bilder (1925).
— LNN 6. VII. (Delphy); Borsencour.
6. VII. (Glaser) ; Weserztg. 6. VII. (Lan-
dau); MNN 14. VII. (v. Ostini); LZ 557;
SozMH 911 f. (Hilberseimer) ; E 1631
(P); WI785i f (W); H 17, II, 709—722
(Klein-Diepold); MS II, 352, VI 159;
Christi. Kunst 1921, XVII, Beibl. 21
(Doering) ; Ganymed (Beibl. der Maree-
Gesellschaft) II, 1920, 130 — 135 (Meier-
Graefe) ; Geisteskampf der Gegenwart
1 92 1, 77—86 (Ruling); KW 33, III. 339
bis 342 (Avenarius); Kchr, NF 31, 41,
5. 795 f-; M7VI, 1423 f. (W); TB XX,
513 — 519 (W) [Verzeichnis der Nekro-
loge!];MSII, 352 f.; H 17, 2, S. 709 — 722
(Klein-Diepold) ; Tiirmer 22, 2, S. 424
bis 426 (Esch) ; Konserv. Mtsschr. 1920,
660 (v. Khaynach); Kunst u. Kunstler
18, 517—519 (Scheffler); Die Hilfe 15.
VII. (Schubring) ; Archiv fiir Buchge-
werbe 57 (1920) (Zeitler) ; IZ 4020
(Heyne) (P). — F. Avenarius: M. K. als
Poet (1916). — M. K., Radierungen,
Zeichnungen, Bilder u. Skulpturen (190 1) ;
J. Vogel; M. K. (1897); Brieger-Wasser-
vogel: M. K. (1902); Avenarius: K.s
Griffelkunst (1895); Treu: K. als Bild-
hauer (1900); J. Vogel: M. K.s Leipziger
Skulpturen (2 1902); M. Schmid: M. K.
(6ig26); Verzeichnis von K.s Radie-
rungen von H. W. Singer (1909). — BZZ
12 [NFP 6. VII. (Salten); BT 6. VII.
(Stahl); Dresdner Anz. 6. VII. (Schu-
mann) ; DAZ 6. VII. (Flechter) ; Dresdnef
N. Nachr. 6. VII. (Giinther) ; FZ 6. VII.
(Schwabacher) ; Germania 6. VII.; HN
6. VII. (Piper) ; KZ 6. VII.; Tag 6. VII.;
MNN6.VII. NPZ6.VII.; SchM. 6. VII.;
TR 6. VII.; Vorwarts6. VII.; VZ 5. VII.;
WZ 6. VII.; LNN 9. VI.; LpZ 10. VII.;
HK 6. VII. ] ; BZ 47 [Die Bergstadt 9. I.
84 (Eckardt); Cicerone 12, 556USW.]; BZ
48 [Geisteskampf der Gegenwart 1921,
77 — 86 (Ruling); Christi. Kunst 1921, 21
(Doering)] ; Leipziger Kalender, Jahrg. 12
(i925),S.5i— 58 (J. Vogel); DBJ 555/567
(Rosenhagen); (L), (P).
Knauff, Franz, Dr. med., Geh. Rat, em. o.
Prof, der Hygiene u. gerichtl. Medizin;
* Karlsruhe 1835 ; t Heidelberg 12. IV. —
752
Totenliste 1920: Kniep— Kiibler
TR 12. IV; MM W 62, 472; LZ 342 u. 380;
PBL 871.
Kniep, Ferdinand, Dr. jur., Geh. Justizrat,
o. Honorarprof. des rdmischen Rechts
a. d. Univ. Jena; * Wismar 30. III. 1830;
f Jena 18. XII. — TR 19. XII.; LZ
1921, 21; WI7859 (W), 8i778; KL
17 (W).
Knoke, Karl, D. theol., Geh. Kons.-Rat,
em. o. Professor der praktischen Theo-
logie, Abt zu Bursfelde; * Schmedenstedt
15. X. 1841; f Gottingen 22. X. — W.:
Praktisch-theol. Kommentar zu dem
Pastoralbrief des Apostels Paulus (2 Bde.,
1887--1889). — TR 27. X.; WI7862
(W); ELK 53. 46. Sp. 856; KL 17 (W);
AA.
Knollmann, Friedrich, Arbeitersekretar,
Mitglied der deutschen National versamm-
lung (Deutschnat. Volksp.); * AUstaden
(Ruhr) 15. III. 1880; f Berlin i<5. IV. —
Sch; GK; HNV.
Knopf, Rudolf, Dr. theol., Dr. phil.t o. 6.
Prof, der neu test amen tlichen Theologie
a. d. Univ. Bonn; * Biala (Galizien)
26. X. 1874; f Bonn a. Rh. 19. I. —
W. : Ausgewahlte Marty rerakten (* 191 3) ;
Die Apostelgeschichte ubersetzt und er-
klart (ai907). — BB1 27. I.; WI7862
(W), 8 1778; ELK $3, 6, Sp. 134; KJ 583];
BZ 46 [Evangel. Kirchenztg. fiir Osterr.
37 (Loerche) u. 70].
Knorr, Eduard v., Admiral a. D., 1895 ^ls
1899 kommandierender Admiral der
Hochseeflotte, seit 1906 Vorsitzender des
antiultramontanen Reichs -Verbandes ;
* Saarlouis 8. III. 1840; f Berlin 17. II.—
TR 17. II.; Sch; GK; E 498; M7VI.
1473; IZ 4001 (P).
Koch, David, D. theol., Stadtpfarrer a. D.,
Kunsthistoriker, Herausgeber des Christl.
Kunstblattes, Griinder (1910) des Bun-
des der Freunde fiir Volkskunst; * Ulm
6. IV. 1869; f Stuttgart 19. V. — TR
21. V.; LNN28. V.; BBI20. V.;KJ 583;
Sch; ELK 53, 28, Sp. 568; LE 22, 1208;
Kchr, NF31, 35, Sp. 674; WI7867 (W);
KL 17 (W); BZ 47 [Christl. Kunstblatt
61, 321].
Konig, Otto, em. Prof. a. d. Kunstgewerbe-
schule Wien, Bildhauer; * MeiBen 28. I.
1838; f Wien 30. XII. — W.: Konigin-
Olga-Brunnen (Stuttgart). — DBZ 1921,
12; WI7875f. (W); Kchr 56, 309; MS
II. 327.
Kdnnecke, Gustav. Dr. phil., Archivrat,
em. Direktor des Staatsarchivs Marburg,
Privatdozent ; * Croppenstedt 27. X.
1 845 ; f Marburg 24. X. ; AA. — W. : Bilder-
atlas zur deutschen Nationalliteratur
(*i895). — TR 29. X.; HV 20, 254;
WI7876; Sch; SozMH 1921, 158; LZ
879; KL 17 (W); BZ 48 (Hessenland 34.
188 (Heusohn)] ; Behrend, Gesch. derdsch.
Philol. in Bildern (1927), S. 76 (P).
Koppel-Ellfeld, Franz, Dr. jur., Professor,
Hoftheaterintendanzrat a. D., Dram a -
tiker u. Schriftsteller; • Eltville a. Rh.
7. XII. 1838; | Dresden 16. XII. — LZ
92; GK; WI7889 (W). 8 1778; M7VI,
1743; KL 17 (W); IZ3997 (P).
Kornbeck, Julius, Professor, Landschafts-
maler ; * Winnenden ( Wiirttemberg) 2 1 .
VII. 1839; f Oberensingen 3. V. — W.:
Rhonegletscher; Schafherde im Gebirge.
— Kchr, NF31, 32, S. 643; GK;MSII.
381 (W), VI. 161.
• Kdrner, Emilio, General, Reorganisator
(1885 — 1 9 10) u. ehemal. Oberstkomman-
dierender (1894) u. Generalinspekteur
(seit 1904) des chilenischen Heeres ; *Weg-
witz Kr. Merseburg 10. X. 1846; f Berlin
20. III. — Sch; GK; WI7878; M7V.
1777; DBJ 567/570 (Reymann).
Krabbes, Hermann, Professor, Maler 1874
bis 191 1 Zeichenlehrer an der Technischen
Hochschule Karlsruhe; * Leipzig 17. V.
1840; f Illenau b. Achern 30. V. — W.:
Garten in der Villa d'Este (Leipziger
Museum); Kalvarienberg bei Bozen. —
TR 12. VI.; Kchr, NF 31, 39. Sp. 762;
WI7896,8I778; MS II, 385, VI, 164; AA.
Krause, Martin, Geh. Rat, o. Prof, der
Mathematik a. d. Techn. Hochschule
Dresden ; • 185 1 ; f Dresden 2. III. — W. :
Theorie der elliptischen Funktionen (mit
E. Naetsch, 19 12). — LNN 5. III.; Ber.
der Verh. d. GdW Leipzig, Math.-phys.
Kl. 1920, 103 — 106 (Herglotz); LZ 238;
PF V, 678 (W); IZ4003 (P).
Krause, Max, Bildhauer; * Filehne 5. X.
1875 ; t Berlin 13. XI. — W.: Springende
Antilope (Essen, Museum). — Kchr, NF
32, 9, S. 174; SozMH 1042 (Behne) und
ii24f. (Hilberseimer) ; MS VI, 165.
Kreowski, Ernst, proletarischer Tendenz-
lyriker; * Rossi tten 12. VI. 1859; f Britz
14. I. — W. : Schlagende Wetter (sozial-
dem. Gedichte, 1898); Ausgew. Werke
(1912). — LE22,698;Sch;WI79o8(W);
KL 17 (W); BR IV, no (W); BZ 46
[IZ 3996 (Ploch)].
Kttbler, Wilhelm, Ingenieur, o. Prof, fiir
Elektromaschinenbau a. d. Techn. Hoch-
schule Dresden; • Berlin 8. V. 1873;
t Dresden 4. VI. — JSTG 192 1, 68—70;
WI7926; KL 17 (W) ; BZ 46 [Elektr.
Kraftbetriebe und Bahnen 1919. M5;
Der prakt. Maschinenkonstrukteur 1919,
37]-
Totenliste 1920: Kuhlenbeck — Legien
753
Kuhlenbeck, Ludwig, Dr. jur., Justizrat,
Rechtsanwalt, 1903 — 1908 o. Prof, des
deutschen Privatrechts a. d. Univ. Lau-
sanne; * Osnabriick 25. IV. 1857; | Jena
13. V. — W.: BGB, erlautert (* 1903);
Die Entwicklungsgeschichte des Rom.
Rechts (2 Bde., 1910); Eros u. Psyche
(Ged., * 1890). — LNN 15. V.; Sch; LZ
420; KL 17 (W); BZ 47 [Jurist. Wo-
chenschr. 49, 675].
Kuhn, Ernst, Dr. phil., o. Prof, der arisch-
indogennanischen Philologie a. d. Univ.
Miinchen, Mitglied der AdW Munchen;
* Berlin 7. II. 1846; f Munchen 20. VIII.
— W.: Beitrage zur Pali-Grammatik
(1875); Beitrage zur Sprachenkunde
Hinterindiens ( 1 889) Herausg. d. Oriental.
Bibliographic (Bd. 6), (1892) u. des Grund-
risses der iranischen Philol. u. Altertums-
kunde (2 Bde., 1895/1904). — MNN 25.
VIII. (Scherman); Sch; LZ686; TR 25.
VIII. ; WI 7 933 (W), 8 1779; M 7 VII, 289;
BZ 47 per neue Orient 7, 201]; BZ 48
[Ostasiat. Zeitschr. 7, 272].
Kuhn, Daniel, pfalzischer Dialektdichter,
Rechnungskommissar ; * Horingen 2 8. III.
1859; t Speyer 14. V. — W.: Pfalzer
Schnitzer ("io/h); Aus der Hamet
(2i9io). — LE 22, 1208; Sch; KL 17
(W); BR IV, 134; BZ 47 [Pfalzische
Heimatkunde 16, 107]; BZ 48 [Das
Bayerland 32, 158 (Frankel)].
Laffert, Maximilian v., General der Ka-
valleriea.D., 1913 — 19 1 8 Komm. General
des 19. Armeekorps, Ritter des Ordens
Pour le nterite; * Lindau (Bayern) 10.V.
1855; f Dresden 8. IX. — TR9-IX.;Sch.
Lammasch, Heinrich, Dr. jur., o. Prof, des
offentlichen Rechts a. d. Univ. Wien,
1899 — 1 91 8 Mitglied des osterreichischen
Herrenhauses, seit 1900 Mitglied des
Internat . Schiedsgerichtshof s, 1 9 1 8 osterr.
Ministerprasident, 191 9 osterr. Friedens-
delegierter in St. Germain; • Seiten-
stetten (N.-O.) 21. V. 1853; f Salzburg
6. I. — W. : Auslieferungspflicht u. Asyl-
recht (1887); GrundriB des (osterreich.)
Straf rechts (5 1926). — VZ 8. I.; Reichs-
post (Wien) 8. 1. (Seipel) u. 3. II. (Sperl) ;
LNN 9. I.; E 1920, 141 (P); Sch; LZ69;
WI7945, 8I779; M'VII, 493l H 17, 5,
S. 607 — 610 (Rittler) ; SozMH 600 u. 818
(Loewenfeld) ; Neue osterreich. Biogr.
I, 44—54 (Sperl); KL 17 (W); BZZ 12
[NZZ 8. u. n. I.; Berner Bund 8. I.; BT
20. I. (Zweig)]; BZ 46 [Gerichtszeitung
Wien 1920, 116 — 120 (Schwind)]; BZ 47
[Juristische Blatter 1920, 29; Zeitschr.
fur offentl. Recht 1, V— VIII (Hold);
Schweiz. Zeitschr. fur Straf recht 33, 185
DBJ 48
(Stoofl) ; Osterr. Zeitschr. fur Strafrecht
8, 415 (Gleispach)]. — H. L., seine Auf-
zeichnungen, sein Wirken und seine Poli-
tik (herausg. von M. Lammasch und H.
Sperl, 1922); Gedachtnisreden auf H. L.
von Redlich, Renner, Schwind u. Seipel
(1920).
Landau, Leopold, Dr. med., Geh. Med. -Rat,
a.o. Prof, der Geburtshilfeu. Gynakologie
a. d. Univ. Berlin; * Warschau 16. VII.
1848; | Berlin 28. XII. — W.: Anatomie
u. klinische Beitrage zur Lehre von den
Myomen am weiblichen Sexualapparat
(1888). — VZ 29. XII. (Lennhoff); LZ
1921; Sch 1920; TR 30. XII.; WI 7 947
(W); M7VII, 504; PBL 942—944 (P).
(W) ; BZ 47 [BKW 57, 723 (Pick)]; BZ 48
[Allgem. Zeitung des Judentums 85, 7].
Landgraf, Wilhelm, Dr. med., Obergeneral-
arzt u. Sanitatsinspekteur a. D., Exzel-
lenz, Mitglied des Wissenschaftlichen
Senats fiir das Heeressanitatswesen ;
• Genthin 3. VII. 1850; f Berlin 28. XII.
— TR 30. XII.; WI7948. 8 1779;
PBL 946.
Landsberg, Hans, Dr. phil., Schrif tsteller ;
* Breslau 1. XII. 1875; f Berlin 10. II. —
W.: H. Sudermann (2 1905); A. Schnitz-
ler (1904) ; Hartleben (1905). — WI 7 949
(W), 8i779; Sch; KL 17 (W); BZ 46
[Freie deutsche Buhne 1920, 769 — 772
(Eulenberg)].
Langert, Johann August, Hof kapellmeister
von Gotha (1873 — 1%97) a- ^-» Kompo-
nist; * Koburg 26. XI. 1836; Koburg
28. XII. — W. : Die Fabier (Oper, 1866) ;
Dornroschen 1871). — AMZ 1921, 17;
R86u (W); JP63PDMZ 1921, 11; NMZ
42, 131]; R107o7 (W); FAT 213 (W);
A 260.
Lazarus, Gustav, Professor, Pianist u. Kom-
ponist; * Koln a. Rh. 19. VII. 1861 ;
f Berlin 24. V. — W.: Opern, Chore,
Klaviersachen. — WI7 967 (W), 8 1779;
JP 63 [AMZ 433; DTonk Ztg. 18, 94;
NMZ 41, 324]; NML 369 (W); FAT 216;
R107i8 (W); A 264.
• Legien, Karl, Vorsitzender des Allgem.
Deutschen Gewerkschaftsbundes, M. d. R.
(Sozialdem.); * Marienburg 1. XII. 1861 ;
f Berlin 26. XII. — W. : Das Koalitions-
recht der deutschen Arbeiter in Theorie
u. Praxis (1809). — Sch; WI7972,
8 1779; M7 VII, 751; SozMH 1921, 1 — 8
(Severing u. Sassenbach), 33, 37, 150 f.
(Zepler) ; Echo 192 1, 1 ; HNV (P) ; BZZ 12
[BT 27. XII.; LNN 28. XII.; Vorwarts
27. u. 28 XII.; MNN 27. XII.; KZ 27.
XII.; VZ 27. XII. (Bernhard); NZZ
28. XII.; HF 27. XII.; DAZ 1. I. 21
A
754
Totenliste 1920: Lentze — Martius
(Aug. Miiller)]; BZ 47 [Soziale Praxis 29,
1556 (Heyde)]; BZ 48 [Firn, 192 1, 193;
Die Hilfe 1921, 7 (Erkelenz); Korresp.-
Bl. des Allgem. Deutschen Gewerkschafts-
bundes 1921/ 1 — 4 (Umbreit); Soziale
Praxis 1921, 40 (Wissell); Die neue Zeit
39, I, 345]; DBJ 570/576 (Leipart).
Lentze, August v., General d. Inf. z. D.;
Exzellenz, Chef des ehem. Inf.-Regts 141 ,
1 890 — 1 902 kommand . General in Danzig ,
* Soest 22. VI. 1832; f Wernigerode 25.
XI. — TR 27. XI.; WI8; M7 VII, 840;
BZ 49 [Monatsch. fur Pobtik u. Wehr-
macht ;o, 235 — 245 und 278 — 286
(v. Zwehl)].
Lerno, Franz Xaver, Senatsprasident am
'bayerischen Oberlandesgericht, General-
staatsanwalt a. D., M. d. R. u. des bayer.
Landtags (Zentrum); * Straubing 13. II.
1849; t Miinchen 18. I. — Sch; GK ;
WI7987-
LeuB, Hans, politischer Schriftsteller, Pre-
sident der mecklenburg-strelitzer Lan-
desversammlung, Landdrost des Kreises
Stargard; * Spiekeroog 10. XII. 1861;
f Neustrelitz 28. IX. — W.: Aus dem
Zuchthause (1902). — Sch; LZ 774;
SozMH 1019; LE 23, 248; KL 17 (W);
BR IV, 241 (W); HFB1 19. X.
Liechtenstein, Aloys Prinz von u. zu, 1906
bis 191 8 Landmarschall von Niederoster-
reich, Fiihrer der christlich-sozialen
Partei, 1878 — 1918 Mitglied des osterr.
Abgeordnetenhauses (stellte 1888 im
Reichsrat den Liechtensteinschen Schul-
antrag); * Prag 18. XI. 1846; f Wien
25. III. — Sch; GK; WI7 1001, 8 1780;
M 7 VII, 971; Gerniania t. IV.; Reichs-
post (Wien) 26. III.
LIpsius, Hermann Justus, Dr. phil., Dr.
jur. h. c, Geh. Hofrat u. Prof, der klassi-
schen Philologie u. Direktor desphilolog.
Seminars a. d. Univ. Leipzig; * Leipzig
9. V. 1834; t Leipzig 5. IX. — W.: Atti-
sches Recht u. Rechtsverfahren (3 Bde.,
1005—1915). — LNN 7. IX.; WI7 1015
(W), 8 1780; SB der GdW Leipzig 73
(1921), 41—^0 (Korte), 63 f. u. 75—94
(Mistriotes) ; M 7 VII, 1047; KL 17 (W) ;
IZ 4030 (P); BZ 47 [Ecce MeiBen 25, 5;
Ecce Grimma 41, 20 — 27].
Ludwich, Artur, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
em. o. Prof, der klassischen Philologie
a. d. Univ. Konigsberg; * Lyck 18. V.
1840; f Konigsberg i. Pr. 12. XI. — W.:
Aristarchs homerische Textkritik (2 Bde.,
1884 f.) — TR 16. XL; M7VII. 1257;
IAW 42, 4^—73 (Tolkiehn) (W); KL
17 (W).
Ludwig, Herzog in Bayern, s. Bayern.
Lynen, Wilhelm, o. Prof, der Maschinen-
baukunde u. Kinematik a. d. Techn.
Hochschule in Miinchen; • Stolberg b.
Aachen 6. XL 1861; f Miinchen 23. VII.
— TR 29. VII.; LZ 670; SozMH 1921.
1 20 ; BZ 47 [Bayer. Industrie- u. Gewerbe-
blatt 1921, 171].
* Macco, Heinrich, Dr. ing. e. h., Geschafts-
fiihrer der Handelskammer Siegen, Eisen-
bahnbauer, Mitgl. d. preuB. A.-H. (Na-
tionallib.) ; * Siegen 25. VI. 1843 1 1 Gliicks-
burg 13. VIII. — StE4o, 1192U. 1 359 f-
(P) ; WI 7 1052 ; VDI 64, 865 (P) ; E 2008 ;
BZ 47; DBJ 576/578.
Mallinger, Mathilde, preuBische Kammer-
sangerin, 1866 — 1869 an der Miinchner,
1869 — 1882 an der Berliner Hofoper, seit-
dem Gesanglehrerin ; * Agram 17, II.
1847; f Berlin 19. IV. — (1868) das erste
Evchen in Wagners Meistersingern. —
BT 20. IV.; Germania 27. IV.; WI 7 1061,
8 1780; M7 VI, 1 581; Sch; SozMH 481;
FAT 236 f ; NML 402; R 10 776; A 283;
EG 634 f . ; IZ 4009 (P) ; BZ 47 [Zeitschr.
fiir Musik 87, 98 (Reimerdes)].
Mannchen, Adolf, Professor, Maler; * Ru-
dolstadt 7 . IX . 1 860 ; f Diisseldorf 3 1 . Ill .
— W.: Friede (Leipzig 1892); Abend -
friede (Darmstadt 1895) > Stein eklopfende
Frauen (Leipzig 1897). — Kchr, NF 31,
30, S. 574; WI7 1057 (W);M7VI, 1637;
MS V, 196 (W). VI 185.
March taler, Otto v., Generaloberst a. D.,
Chef des friiheren Inf. -Reg. 180, & la suite
des friiheren F.-A.-Reg. 122, wiirttemb.
Kriegsminister u. Generaladjutant a. D.
— * Wiblingen 9. VI. 1854; f Stuttgart
11. I. — SchwM 13. I.; ERL; GK;
WI7 1067 f.,8 1780; Sch.
Marquardsen, Hugo, Dr., Geh. Reg.-Rat.
Vortragender Rat im Reichsministeriun?
fiir Wiederaufbau, Hauptmann a. D.,
seit 191 1 Herausgeber der Mitteilungen
aus den deutschen Schutzgebieten ; * Porto
Alegre 2. II. 1869; f Berlin 17. V. —
PM 66, 95-
Mar quart, Richard Anton Felix, Berufs-
verbandsbeamter, M. d. R. (1912 — 1918,
Nationalliberal) ; * Leipzig 14. X. 1858;
f Leipzig 17. VII. — WI 7 1070, 8 1781.
Marschall v. Bieberstein, Freiherr Adolf,
1908 — 191 1 badischer Minister des Aus-
wartigen u. des GroBh. Hauses, Exzellenz;
* Karlsruhe n. I. 1848; f Freiburg i. B.
13. XI. — Sch; WI7 1071, 8 1781.
Martius, Karl Alexander v., Dr. phil., Che-
miker, Begriinder der A.-G. fiir Anilin-
fabrikation in Berlin, der Deutschen
Chemischen Gesellschaft (1867), Mitbegr.
der Kaiser- WTilhelm-Gesellschaft zur For-
Totenliste 1920: Mayer-Homberg — Neitzel
755
derung der Wissenschaf ten ; * Miinchen
19. I. 1838; | Stauffenhof b. Reichenhall
26. II. — Sch; LZ 259; SozMH 563; M7
VII, 1 786 ; PF V, 8 1 3 ; IZ 4002 (P) ; BZ 46
[ChZ 44, 317 (Groflmann) ; Verh. des Ver-
eins zur Forderung des GewerbefleiBes
1920, 105 — 109]; BZ47[Gewerbl. Rechts-
schutz u. Urheberrecht, 25, 65].
Mayer-Homberg, Dr. jur., o. Prof, des deut-
schen Rechts a. d. Univ. Marburg;
* Eupen 29. XII. 1 88 1 ; f Marburg 17. 1.
— W.: Die frankischen Volksrechte ini
Mittelalterl (191 2). — LZ 140; HV 20,
253; BZ 48 [Zeitschr. der Savigny-
Stiftung, German. Abt. 41, 526]; AA.
* Mecklenburg, Johann Albrecht Herzog zu,
Priisident der Deutschen Kolonialgesell-
schaft; Mitglied des Kolonialrats, 1897 —
1 90 1 Regent in Mecklenburg-Schwerin
u. 1907 — 13 in Braunschweig; * Schwerin
8. XII. 1857; t Schlofl Wiligrad 16. II —
LNN 17. II.; Sch; PM 66, 61; DKZ 37,
25; Mecklenburger Ztg. 16. II.; IZ 4001
(P);M7VI, ^40; Kolonialzeitung 1920;
DBJ 547/550 (Seitz).
Meerheimb, Henriette v., s. Biinau, Hen-
riette Griifin v.
Meinong von Handschuchsheim, Alexius, *)
Dr. phil., Hofrat, Professor der Philo-
sophic an der Universitat Graz, Begriin-
der der »Gegenstandstheorie« (» Grazer
Schule«); * Lemberg 17. VII. 1853; fGraz
27. XI. [ 1 920, nicht 1 92 1 !] — W. : » Unter-
suchungen zur Gegenstandstheorie und
Psychologie « ( 1 904) ; » Hume-Studien «
(2Bde., 1877/82); BeitragezurPadagogik,
Ed. Martinak dargebr. von A. M. 191 9;
Grundlegung der allg. Werttheorie
(2. Aufl. m. Vorwort von Doris M. 1923).
— TR 5. XII.; WI 7 1097; VZ n. XII.
(Allesch); LE 23, 509; LZ 1921 21 ; Sch;
WI7io97(W); SozMH i92i,258(Chaym);
Almanach 71 (1921) der AdW Wien 232
bis 241 [Autobiogr.]; KL 17 (W); BZ 49
[Zsch. fur padagog. Psychologie 22, 399
(Tumlirz)]. — »Die dsch. Philosophic in
Selbstdarstellungent, Bd. I (2 1923); M7
VIII 181 f.; B •III, 213; Archivf. Gesch.
d Philos. 34, 41/46 (Frankl); Beitrage fiir
Philosophic d. dsch. Idealismus II, 31
bis 37 (M.s philos. Arbeiten).
Meyn,Georg, Professor, Portratmaler.Lehrer
an der Kunstakademie in Berlin ; • Berlin
19. XII. 1859; t Berlin 2. II.— W.; Por-
trats von Hartleben, Flaischlen, Hegeler,
Tovote, Wolzogen. — Kch, NF 3 1 , 2 1 , Sp
423; WI7 11 21 f(W); MS III. 194, VI, 196*.
l) Der Artikel Meinong in der Totenliste
des DBJ 1921, S. 308, 2.Sp.,istzustreichen.
DBJ 48*
Miltner, Ferdinand Ritter v., bayerischer
Justizminister a. D., Exzellenz; * Fiirth
5. VII. 1856; f Miinchen 18. VI. — TR
21. I.; WI7 1129, 8 1781; Sch; GK; AT
1927; BZ 47 [Jur. Wochenschr. 49, 587;
Deutsch-osterr. Notariatsztg. 1920, 193
(H. Schmidt); Leipziger Zeitschr. fiir
deutsches Recht 14, 585 (Ebermayer) ;
Zeitschr. fiir Rechtspflege in Bay era 16,
185 (v. d. Pfordten)].
Mitzschke, Paul, Dr. phil., groflherzoglich
sachs. Archivrat i. R., thiiringischer Ge-
schichtsf orscher ; * Naumburg 19. VIII.
1853 ; f Weimar 24. IX. — W.: Familie
Mitzschke (1877)- — TR 29. IX.; PM
66, 235; WI7 1 133 (W); LZ774; LE23,
250; KL 17 (W).
Mdskes, Karl, Pianist u. Komponist, Lehrer
am Konservatorium in Stuttgart ; * Kem-
pen(Rhl.)4. V. 1868; f Stuttgart 20. VII.
— JP 64 [NMZ 41, 354 und 371; NZfM
280; DTonkZtg 18, 105]; AA.
Mosse, Rudolf, Dr. h. c, Begriinder und
Seniorchef des Verlagshauses Rudolf M.
in Berlin, Verleger dos Berliner Tage-
blattes, Rittergutsbesitzer, * Griitz 8. V.
1843; t Gut Schenkendorf (Mark) 8. IX.
— BT 9. IX., 13. IX (Wolff); Konigsb.
Hartungsche Ztg. 13. IX. (Kappstein) ;
Sch; SozMH 1019; WI7ii48, 81782;
BB1 1088 (Nr. 205); BZ 47 [Pirn 1920,
633 (Franke); Die Wage, NF 1, 23
(Block); Allgem. Ztg. des Judentums 84,
361 (Katz) u. 403 (Gedachtnisfeier)]. —
R. M. zum 70. Geb.-Tage (191 3).
Milnsterberg, Oskar, Dr. phil., Fabrikdirek-
tor der W. Hegelberg A.-G.. Berlin,
Kunsthistoriker; * Danzig 23. VII. 1865 ;
t Berlin 12. IV. — W.: Japan. Kunst-
geschichte (3 Bde., 1904 — 1907); Chines.
Kunstgeschichte (2 Bde., 1910/11). —
Sch; LZ 341; Kchr, NF 31, 30, S. 574;
GK; WI7 1 165 (W); Ostasiat. Zeitschr.
7, 272.
Neitzel, Otto, Dr. phil., Professor, Musik-
schriftsteller u. Komponist, Mitglied der
Berliner Akademie der Kiinste; * Fal-
kenburg (Pommern) 6. VII. 1852; f Koln
10. III. — W.: Fiihrer durch die Oper
(3 Bde.) ; Der alte Dessauer (Oper) ; Aus
meiner Musikantenmappe (191 3). — KZ
11. III. (Wolff) u. 20. III.; TR 11. III.;
WI7ii8i (W). • 1181; Sch; JP 64
[RMTZ 118; NZfM 63; DTonkZtg 18.
46; AMZ 220 u. 221 (Schwers); NMZ 41,
228]; FAT 271 (W); NML 443 (W); R
10 884; A 320; IZ 4005 (P); BZ 47 [Die
deutsche Biihne 12, 256]. — A. Dette:
O. N., Die Barberina; Einfuhrung
(1914).
756
Totenliste 1920: Neumann — Pfeffer
Neumann, Adam, Vorsitzender des Holz-
arbeiterverbandes; * Rengen 22. 1. 1868;
j Hamburg 27. I. — SozMH 275; AA.
NIeber, Stephan v., Generalleutnant a. D.,
Exzellenz, im Kriege Etappeninspekteur
der 2. Armee; * Oldenburg 10. V. 1855;
f Neustrelitz 25. III. — TR 31. III.
JSTG 22 (1921). 74; WI7 1191.
Niedner, Johannes, D. theol., Dr. jur., Geh.
Justizrat, o. Prof, des offentlichen Rechts
a. d. Univ. Jena, Oberverwaltungsge-
richtsrat; * Riidersdorf b. Berlin 10. V.
1868; f Jena 18. I. — W.: Grundziige
der Verwaltungsorganisation der alt-
preuflischen Landeskirche (1902). — TR
19. L; LZ 116; WI7 1192, 8 1782; Sch;
GK; KL 17 (W); Zeitschr. der Savigny-
Stiftung, Kanonist. Abt. 336 (Schultze)].
Ndrber, Thomas, Dr. h. c, Erzbischof von
Freiburg i. B., Eminenz; * Waldstetten
bei Walldiirn 19. XII. 1846; f Frei-
burg i. B. 27. VII. — Sch; WI7 1199,
8 1782; ZB 47 [Caritas 25, 144 — 150
(Werthmann)]. — G. Stezenbach: Th. N.
(1920).
Oldenberg, Hermann, Dr. phil. et theol.,
Geh. Rat, o. Prof, der vergleichenden
Sprachforschung und des Sanskrit a. d.
Univ. Gottingen; * 31. X. 1864; f Got-
tingen 27. III. — W.: Die Literatur des
alten Indien (1903). — FZ 26. III. (H.
Lommel); TR 27. III.; Sch; LZ 302;
LE 22, 957; Nachr. der GdW Gottingen
1920, 53—63 (Berthold); KL 17 (W);
Ostasiat. Zeitschr. 7, 272.
Ortloff, Fr. Hermann, Dr. jur., Landge-
richtsrat a. D., juristisch-nationalokono-
mischer Schriftsteller, a.o. Prof, der
Rechte a. d. Univ. Jena a. D.; * Jena
17. IX. 1828; t Weimar im XII. — TR
8. XII.; LZ 1921, 21; WI7i225 (W),
81782; XL 17 (W).
Oesterheld, Erich, Verlagsbuchhandler u.
Dramatiker; * Berlin 6. 1. 1883; f Berlin
8. XI. — W.: Schattenspiele der Seele
(1904); Die Hochzeitsreise (Sch.). — LE
23, 376; LZ 894 u. 192 1, 47; Liter. Hand-
weiser 1921, 1; Sch; WI7 12 12; KL 17
(W); BR V, 202; BBL 1368 (Nr. 255);
BZ 47 u. 48 [Die deutsche Buhne 12, 715
u. 13, 26].
Oettingen, Artur v., Dr. phys., em. o. Hono-
rarprofessor der Physik a. d. Univ. Leip-
zig, russischer Wirkl. Staatsrat, Musik-
gelehrter, Herausgeber der Klassiker der
exakten Wissenschaften, Mitarbeiter an
PF, Begriinder der dualen Harmonie-
lehre; * Dorpat 16./28. III. 1836; f Bens-
heim a. B. 5. IX. — W.: Poggendorfs
Biograph.-literar. Handworterbuch, Bd.
Ill u. IV. — LNN 6. IX.; LZ 725;
WI7 1214 (W), 8 1782; L 56, 73'. JP 64
[Zeitschr. f . Musikw. 2, 743 ; NMZ 42, 47 ;
NZfM 350]; PM 66, 235; ChZ 144 (1920),
797 (Ostwald) ; Ber. der GdW Leipzig,
math.-phys. Kl. 71, 281 — 291 (Ostwald);
KL 17 (W) ; PF V, 920 (W) ; IZ 4029 (P) ;
BZ 47 [Die Stimme 15, 16 (Seydel)].
Oswald, E. s. Schulze-Smidt.
Otto, Ludwig, Professor, Geschichts- und
Bildnismaler ; * Born a 21. VII. 1850;
t Dresden iq. VI. — TR 18. VI.J Kchr,
NF 31. 40, S. 784; MS III, 351 (W),
VI, 213; BZ 47 [Antiquitatenrundschau
18, 162; Bausteine 52, 90 (Lotichius)],
Paasche, Hans, Kapitanleutnant a. D.,
Pazifist; * Rostock 3. IV. 1881; f (er-
schossen) Waldfrieden (Neumark) 21. V.
— W.: Im Morgenlicht (Jagd- u. Kriegs-
erlebnisse in Ostafrika). — FZ 3. VI.
(Hammer); Sch; KW n, III, 432 (Ave-
narius); BZ 46 [Der Vortrupp 9, 293
(Popert)].; BZ 47 [Lebenskunst 15, 90 u.
134 (Ebert)]; WI7i234.
Pape, Wilhelm, Geschichts- u. Portrat-
maler in Berlin; * Carlshiitte bei Rends-
burg 3. IX. 1859; f Stockholm 14. XII. —
W.: Luthers letztes Bekenntnis (Luther-
haus, Eisleben) ; Portrats von Graf Balle-
strem, Fiirst Bulow, Tirpitz. — Kchr,
NF 32, 13, S. 245; WI7 1210 (W); MS
III, 369 (W). VI, 214.
Pattai, Robert, Dr. jur., 1909 — 1 1 President
desosterreich. Abgeordnetenhauses, Mit-
glied des ehem. osterreich. Herrenhauses
(christlich-sozial) ; * Graz 9. VIII. 1846;
t Wien 30. IX. — Sch; AA.
Pfaundler v. Hadermur, Leopold, Dr. phil.,
Hofrat, em. o. Prof, der Physik a. d.
Univ. Graz, Gletscherforscher, wirkliches
Mitglied der AdW Wien; • Innsbruck
14. II. 1839; t Graz 6. V. — W.: Lehr-
buch der Physik u. Meteorologie (4 Bde.,
10 1905 — 1909); Chronik der Familie
Pfaundler i486— 191 5 (191 5). — Sch;
LZ 420; TR 11. V.; PM 1921, 131;
Tyroler Ehrenkranz, S. 213 — 215 (Ham-
med) (P); WI7 1264 (W); KL 17 (W);
PF V, 966 (W) ; Almanach AdW Wien
1920, 117 — 120.
* Pfeffer, Wilhelm, Dr. phil., Dr. phil. h. c,
rer. nat. h. c. u. of scient., Geh. Rat,
o. Prof, der Botanik und Direktor des
Botanischen Instituts a. d. Univ. Leipzig,
Mitglied der GdW Leipzig, AdW Berlin,
Miinchen, Wien [Petersburg, Rom, Paris,
London], Ritter des Ordens Pour le mirite
u. des bayer. Maximiliansordens; * Gre-
benstein b. Kassel 9. III. 1845; f'Leipzig
31. I. — W.: Physiologische Unter-
Totenliste 1920: Piepho — Rath
757
suchungen (1873); Pflanzenphysiologie
(2 Bde., 2 1897 (x904); Herausgeber der
Jahrbiicher fiir wissensch. Botanik (Bd.
27 ff.). — BT (Pringsheim) ; VZ 14. II.
(v. Guttenberg); WI 7 1264 (W), 8 1783;
LZ 181; M fl XV, 694 (W); ChZ 44, 145
(Ostwald); Ber. d. Dtsch. Bot. Ges. 38,
30—63 (Fitting) (W); Jahrb. AdWMiin-
chen 1920, 24 f . (Goebel) ; Almanach AdW
Wien 1920, 167 — 173 (Czapek); KL 17
(W) ; PF V, 966; IZ 3998 (P) ; BZ 46 [Ber.
d. dtsch. Chem. Ges. 53, 36—39 (Prings-
heim); Hessenland 34, 29; Pharmazeut.
Zeitung 65, 105]. — Pfeffer-Festschrift
(Jahrb. f. wissensch. Botanik 56, (191 5);
NIII.Heftio, 1915; DB J 578/582 (Fit-
ting) (L).
Piepho, Karl, Maler; * Frankfurt a. M.
25. III. 1869; f Munchen 23. V. — W.:
Erwartung (Stilleben). — LNN 28. V.;
Kchr, NF 31, 36, S. 699; MS III, 435,
V, 232, VI, 220.
Pitreich, Heinrich Freiherr v., k. u. k. Gene-
ral d. Inf. i. P., Geh. Rat, osterreich.-ung.
Reichskriegsminister a. D.; * Laibach
10. VII. 1841; tWien 13.L — WI7 1278,
8 1783; FT 192 1.
Plehwe, Karl v., Dr. jur., D. theol. h. c,
Wirkl. Geh. Oberjustizrat, Exzellenz,
Prasident des Oberlandesgerichts in
Konigsberg u. ehemal. kgl. preuBischer
Kronsyndikus, Mitglied des ehemal. preu-
Bischen Herrenhauses; * Dwarischken
24. IX. 1834; f Konigsberg 6. XII. —
TR 8. XII.; Sch; WI7 1283.
Pochhammer, Leo, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
o. Professor der Mathematik an der Uni-
versitat Kiel; * Stendal 25. VIII. 1841;
t Kiel 24. III. — W.: Untersuchungen
iiber das Gleichgewicht eines elast. Stabes
(1879); Zum Problem der Willensfreiheit
(1908). — TR 29. III.; LZ 319; WI7
1285; PF V, 987.
Politzer, Adam, Dr. med., Hofrat, o. Pro-
fessor der Ohrenheilkunde an der Uni-
versitat Wien; * Alberti (Ungarn) 1. X.
1835; t Wien 10. VIII. — W\: Lehrbuch
der Ohrenheilkunde (5 1908); Geschichte
der Ohrenheilkunde (2 Bde., 1907/13). —
NFP 17. VIII. (Neumann) ; TR 12. VIII.;
Sch; MMW 67, 1004 u. 1056; WI 7 1292;
PBL 1309 (P), (W); BZ 47 [Monatsschr.
fiir Ohrenheilk. u. Laryngo-Rhinol. 54,
- 769 (Urbantschitsch) ; Intern. Zentralbl.
fiir Ohrenheilk. 18, 47; BKW 57, 1037
(Brtihl); WKW 33, 767 (Neumann)]; BZ
48 [Msch. fiir Ohrenheilk. u. Laryngo-
Rhinol. 55, 57 — 65 (Gomperz), 65 — 70
(Briihl); Zschr . fiir Ohrenheilk. 80, 314
bis 318 (Siebenmann)].
Prem, Siegmund M., Dr. phil., Professor.
Literarhistoriker ; * Niederau (Tirol)
27. X. 1853; f Innsbruck 25. IV. — W.:
Goethe ('1900); Martin Greif (8i90i);
Hermann v. Gilen (a 1897). — TR 16. V.;
LZ 381; LB 22, 1 148; WI7i3o3 (W);
KLi7(W).
Preusehen, Erwin, D. theol., Dr. phil., a.o.
Professor der neutestamentl. Exegese u.
der Kirchengeschichte an der Universitat
GieBen, Pfarrer; * LiBberg (Oberhessen)
8. I. 1867; t Hausen b. GieBen 25. V. —
W.: Monchtum u. Serapiskult (2i903);
Kirchengeschichte fiir das christliche
Haus (6 191 3) ; Herausgeber der Zeitschr.
fiir neutestamentliche Theologie. — TR
29. V.; LZ 476; ELK 53, 28, Sp. 568;
WI7 1304 (W); KJ 1920, 585 (W); KL 17
(W); BZ 47 [Zschr. fiir neutestamentl.
Wissensch. u. Kunde des Urchris ten turns
19, 49 (Topelmann) u. 97 — 102 (Kriiger) ;
BZ 48 [Quartalsblatter des histor. Ver.
fiir das GroBh. Hessen, NF 6, 293 — 295
(Herrmann)]; AA.
PreuBen, Joachim Prinz von, jiingster Sohn
Kaiser Wilhelms II.; * Berlin 17. XII.
1890; J (Selbstmord) Villa Liegnitz
18. VII. — E 1750; WI7 1777; Sch; HK
1 92 1 ; IZ 4022 (P).
Radecke, Ernst, Dr. phil., Professor, Musik-
direktor in Winterthur, Privatdozent an
der Universitat Zurich; * Berlin 8. XII.
1866; f Winterthur 8. X. — WI7 1321 f.;
J P 64 [ AMZ 642 ; NZfM 400 ; NMZ 42,47;
RMTZ 378; Zschr. f. Musik III, 63];
FAT 308; NML 5101. (W); R 10 1028.
*Raps, August, Dr. phil., Dr. ing. e. h.t Pro-
fessor, Direktor der Siemens & Halske
A.-G., Erfinder der Quecksilberpumpe,
Schopfer der modernen Signalgerate der
Kriegsmarine; * Koln a. Rh. 23. I. 1865;
t Berlin 20. IV. — TR 21. IV. u. 5. V.;
JSTG22 (i92i),S.78;MdT2i5 (Franke);
WI7 1328, 8 1784; LZ 357, SozMH 1921,
nof.; IZ 4010 (P); VDI 64, 385; BZ 47
[Dinglers Polytechn. Journal 10 1, 95
(Rotth) ; Zschr. des Osterr. Ing.- u. Arch.-
Ver. 72, 237 (Petritsch); Internat. Mo-
natsschr. 14, 755 (Ebeling)]; BZ 48 [Fort-
schritte auf d. Geb. der Rontgenstrahlen
27, 560 (Gocht) ; Zschr. fiir techn. Physik
2, 57 (Schmidt)]. Wiss. Veroffentl. a. d.
Siemens-Konzern I. Bd, 2. Heft (Franke) ;
DBJ 582/587 (Rotth).
Rath, Heine (Heinrich), Professor an der
Kunstakademie Stuttgart, Graphiker u.
Maler; • Berlin 17. VIII. 1873; f Stutt-
gart 5. V. — W. : Deutsche Stadte (Farb-
holzschnitte, zwei Reihen). — TR 6. V.;
Kchr, NF 31, 32, S. 643; GK; MS V, 239,
758
Totenliste 1920: Reckleben — Riimelin
VI, 229; BZ 49 [Die Kunst fiir Alle 37,
47—52 (Lehrs)].
Reckleben, Hans, Dr. phil., Hofrat, Ober-
assistent am Laboratorium fiir angew.
Chemie an der Universitat Leipzig;
* Langenweddingen (Pr.) 6. I. 1864;
f (erschossen) Leipzig 19. III. — LNN
20. III.; LZ 277; WI7i337; Ber. der
Dtsch. Chem. Ges. 53 (1920), (Schreiber);
PF V, 1029 (W).
Recknagel, Georg, Dr. phil.. Professor u.
Rektor des Realgymnasiums in Augs-
burg, i. R., Physiker; * Gersdorf a. Rhon
14. IV. 1835 ; f Westheim 22. V. — Jahrb.
AdW Miinchen 1920, 26 — 29 (Giinther);
PF V, 1029 f.
Reclam, Hans Heinrich, Geh. Kommerzien-
rat, Verlagsbuchhandler, Mitbegriinder
von Reclams Universalbibliothek (1867);
* Leipzig 18. V. 1840; | Leipzig 30. III.
— LNN 1. IV.; WI7 1337, 8 1784; LZ
302; SozMH 752 f.; GK; Sch; BB1 303
(Nr. 71); IZ 4006 (P); BZ 46 [Ernte 79
bis 83 (Dreesen) ; LE 902 — 907] ; BZ 47
[Dtsch. Arbeit 5, 407]. — K. Bonhoff :
H. H. R., Worte am Sarge (1920).
Relnhard, Richard, Dr. jur., ehemal. badi-
scher Forst- u. Domanendirekter, * Frei-
burg i. B. 29 IV. 1846; f Freiburg i. Br.
1. VI. — Sch; GK.
Blbbert, Hugo, Dr. med., Geh. Med.-Rat,
o. Professor der pathol. Anatomie u. der
a 11 gem. Pathologie an der Universitat
Bonn; * Hohenlimburg (Westf.) 1. III.
1855; t Bonn a. Rh. 10 XI. — W.: Ge-
schwulstlehre (2i9i4); Lehrbuch der
allgem. Pathologie u. spez. pathol. Ana-
tomie (10 1 928) . — TR 1 1 . XI. ; WI 7 1 363
(W), 8 1784; LZ 924; KL 17 (W); PBL
1372 f.; BZ 48 [Beitr. zur pathol. Ana-
tomie u. zur allgem. Pathol. 68, III
(Aschoff) ; Zentralbl. fiir allgem. Patho-
logie u. pathol. Anatomie 32, 281 (J ores) ;
Medizin. Klinik 16, 1304 (Aschoff) ; DMW
47, 22 (Pryne) ; MMW 67, 1476 (Fischer)].
Richarz, Franz, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
o. Professor der Physik a. d. Universitat
Marburg; * Endenich b. Bonn 15. X.
i860; f Marburg 10. VI. — W.: Fort-
schritte auf dem Geb. der Elektrizitat
(» 1902). — LNN 18. VI.; WI7 1364 (W),
* 1784; LZ 499; KL 17; PF IV, 1244;
Physikal. Zschr. 22, 33 — 36 (Schulze);
PM 66, 167; KL 17 (W); PF V, 1047 f.
(W); BZ 47 [Hessenland 34, 94].
* Riehn, Wilhelm, Dr. ing., Geh. Reg.-Rat,
o. Professor des Kraftmaschinen- und
Schiffbaus an der Techn. Hochschule
Hannover; * Estebriigge 17. VI. 1841;
t Hannover 24. XII. — W.: Uber die
Berechnung des Schiffswiderstandes. —
LZ 1921,62; JSTG 1922,98 f.;MdT225f;
VDI 65, 297 (Frese); WI 7 1372; DBJ
587/589 (L.Klein).
Rittland, Klaus, s. Heinroth, Elisabeth.
RGchllng, Karl, Professor, Geschichts- und
Landschaftsmaler; * Saarbriicken 18. X.
1855; t Berlin 6. V. — W.: Einzug der
Preuflen in Danzig (Danzig, Rathaus);
Germans to the front. — Kchr, NF 31, 32,
S. 643 : TR 5. V. ; GK ; WI 7 1 387. 8 1785 \
Sch; MS IV, 90, VI, 237 (W) ; IZ 4012 (P) .
Rohn, Karl, Dr. phil., Geh. Hofrat, o. Pro-
fessor der Mathematik an der Universitat
Leipzig, Erfinder des Ellipsenzirkels;
* Schwanheim 28. I. 1855; f Leipzig
4. VIII. — LNN 5. VIII.; LZ 631 ; Ber.
iiber die Verh. der GdW Leipzig, Math.-
phys. Kl. 1920, 107 — 127 (Holder), (W) ;
PF V, 1061 (W).
Roeren, Hermann, Geh. Justizrat, Ober-
landesgerichtsrat i. R., bis 191 2 M. d. R.
(Zentrum); * Riithen (Kr. Lippstadt)
29. III. 1844; f Koln-Lindenthal 23. XII.
— W.: Gesetz zur Bekampfung des un-
lauteren Wettbewerbs (8iooi); Lex
Heinze, Kunst u. Literatur (1901); Die
offentliche Unsittlichkeit u. ihre Bekamp-
fung (4I904). — KVZ 27. XII.; Sch;
WI7 1391 (W),8 1785^1921, i;Literar.
Handw. 1921, 2; KL 17 (W); BZ 48
[Volkswart 1921, 17 (Lennartz)].
Roscher, Karl, Dr., Wirkl. Geh. Rat, Exzel-
lenz, Ministerialdirektor im sachsischen
Ministerium d. I. a. D., volkswirtschaftl .
Schriftsteller; * Gottingen 18. VII. 1846;
t Loschwitz b. Dresden 8. XI. — LZ 894 ;
WI7 1402 (W),8 1785; LZ 894; HV 1920.
254; BZ 47 [Bausteine 52, 121 — 126
(Hickmann, v. d. Trenck) ; Sachs. Indu-
strie 17, 133; Mittlg. der Handelskammer
Dresden 9, 369].
Rubiner, Ludwig, Schriftsteller u. Drama-
tiker, Ftihrer der Aktivisten; • 1882;
f Berlin 26. II. — BT Nr. 122 (Hollan-
der); BB1 3. III.; LZ 238; Sch; SozMH
539 f. (Koch); LE 22, 824 u. 856 [NZZ
353 (Korrodi); BZZ 12 [BT 23. V.; DAZ
25. V.; FZ 26. V.; KZ 27. V. ; Nationalztg.
26. V.; Tag 23. V.u. 26. V.; VZ23.V.];
BZ 47 [LE 1920, 1 183]; BZ 48 [Freie
Deutsche Biihne 192 1, 585].
Rudell, Alexander, Dr. ing. e. h., Wirkl. Geh.
Oberbaurat, VortragenderRatim Reichs-
verkehrsministerium ; * Trier 6. IX. 1852 ;
| Berlin 14. XII. — DBZ498U. 1921,80;
ZBV 41 (1921). 3 (P), (Cornelius); DBZ
55,80.
Rflmelln, Theodor, Dr. ing., Reg.-Bau-
meister a. D., Zivilingenieur, Waaser-
Totenliste 1920: Rusch — Schroeder
759
kraftingenieur; * Besigheim a. N. 20. V.
1877; t Miinchen 9. XI. — W.: Wasser-
kraftanlagen (3 Tie., Samml. Goschen).
— TR 11. XI.; DBZ 448 u. 1921, 46;
SozMH 1921, 1012; MdT 234 f. [VDI64,
1063; ZBV 40. 612]; WI7 1420; DBZ 54,
448; BZ 48 [Dinglers Polytechn. Journal
336, 23 (Eisner)].
Rusch, Gustav, Dr. phil., Reg.-Rat, Schul-
geograph, em. Professor der Geographic
u. Geschichte an der Staatslehrerbild.-
Anstalt, Direktor des offentlichen Mad-
chenlyzeums in Wien; * Bielitz 15. \r.
185 1 ; t Wien 16. I. — W. : Lehrbuch der
Geographie (• 1914); Landeskunde von
Niederosterreich. — PM 66, 61 ; GA 100 f.
(Pabisch); BZ 47 [Geog. Anz. 1920, 101
(Pabisch); Monatsh. fur padag. Reform
141 — 146 (Sommert)].
Ruseler, Georg, Rektor, Schriftsteller und
Liter arhistoriker ; * Obenstrohe 11. I.
1866; f Oldenburg 6. III. — W.: Die
Stedinger (Trauerspiel, 4 1891) ; Gedichte
(1895). — Sch; LZ 259; GK; LE 1920,
Heft 14; WIM425 (W); KL 17 (W);
BR VI, 88 (W); IZ 4003 (P); BZZ 12
[KielerZtg. 10. III.; TR 12. III.; Weser-
Ztg. 8. III.]; BZ 46 [Niedersachsen 25,
352 (Scharrelmann) ; Niedersachsenbuch
IV, 131; Die Tide III, 600 bis 603
(v. Busch); Mittlg. aus dem Quickborn
13, 66 — 68]; BZ 47 [Niedersachsenbuch
5, 135 (Schwarz); Der Schiitting 1921, 15
(Theilmann)].
RuB, Viktor, langj. Abg. des osterreich.
Abg.-Hauses, Mitglied des ehemal. osterr.
Herrenhauses, Prasident des Wiener
Goethe- Vereins; • 28. V. 1840; f Wien
17. VII. — LE 22, 1468; NFP) 28. V.
(Plener); ZBV 40, 492 (Schneller].)
Sauberzweig, Traugott, Generalleutnant
a. D., Ritter des Ordens Pour le mirite
mit Eichenlaub, im Kriege Chef des Gene-
ralstabs der 8. u. (191 8) der 18. Armee;
f Kassel 14. IV. — AA; Ludendorff,
Meine Kriegserinnerungen, S. 120, 386,
474-
Scharf, Felix, Hiittendirektor a. D., tech-
nischer Direktor des Bochumer Vereins;
* Seegraben b. Leoben 5. XII. 1858;
t Bochum 6. II. — StE 40, 418 f. (Grosse)
(P).
Schatz, Friedrich, Dr. med., Geh. Med.-Rat,
em. o. Professor der Gynakologie an der
Universitat Rostock; * Plauen i. V.
17. XI. 1841; f Rostock 21. V. — W.:
Klinische Beitrage zur Physiologie des
Fotus (3 Bde.) ; Klin. Beitrage zur Physio-
logie der Geburt (2 Bde.). — TR 22. V.;
MMW 67, 680; WI7 1455 (W), 8 1786;
LZ 462; PBL 1483 f- (W), (P); BZ 47
[Zentralbl. fiir Gynakol. 44, 745 — 749
(Buttner)].
Schauer, Hugo, Dr. jur., osterreich. Justiz-
minister a. D.; * 1862 ; f Voitsberg 2. IV.
— Sch; GK; BZ 46 [Gerichtszeitung,
Wien 1920, 113]; BZ47 [Polit. u. Volks-
wirtsch. Chronik 1920, XI, 172].
Scherer, Valentin, Dr. phil., Kunsthistori-
ker; * Bammenthal b. Heidelberg 4. VII.
1878; f Potsdam 2. XII. — W.: Albrecht
Durer (8 1908). — TR 6. XII.; Sch; LZ
1921, 21 u. 44; LE 23, 509; Kchr, NF 32,
12, S. 230 u. 16, S. 307—309 (O. F.);
KL 17 (W).
Schldsser, Rudolf, Dr. phil., Professor,
Direktor des Goethe- u . Schiller- Archivs ;
* Elberfeld 1 1 . VI. 1867 ; | Weimar 26. II.
— W.: F. W. Gotters Leben u. Werke
(1894). — TR 26. II. u. 2. III. (Wiede-
mann); LE 22, 824; WI7 1481 (W); LZ
220; KL 17 (W).
Schmidt, Georg, Dr. phil., Pastor a. D.,
Genealogeu. Heraldiker; * Halle 22. III.
1838; | Halle 6. XI. — W.: Urkunden-
buch der Familie v. Klitzing (3 Bde.,
1 89 1 — 1908); Schonhausen u. die v. Bis-
marck (* 1898); Stammtafeln u. Wappen
der v. d. Schulenburg (3 Bde., 1897 bis
1908). — LZ 924; WI7 1490 (W),8 1786;
HV 20, 254.
Schdnaich-Carolath, Heinrich Prinz zu,
ehemal. M. d. R. (nationallib.) u. des
preufl. Herrenh., Mitbegriinder d.Goethe-
Gesellschaft, Prasident der Gesellschaft
fiir Volksbildung; • Amtitz 24. IV. 1852;
f Berlin 20. VI. — VZ 21. VI. (v. Bunsen
u. G. Bernhard); LZ 515; WI7i5ii,
8 1787; ERL; E 1506; Sch; IZ4018 (P);
BZ 48 [Niederlausitzer Mittlg. 15, 1].
Sehottlaender, Salo, Verlagsbuchhandler in
Fa. S. Sehottlaender & Co., Konsul;
* Miinsterberg i. Schles. 19. VI. 1844;
t Breslau 2. IV. — LE 22, 1018; WI 7
1521, 8 1787; LZ 319; Sch; GK; BB1 319
(Nr.74).
Schroeder, Leopold v., Dr. phil., Staatsrat,
o. Professor der indischen Philologie u.
Altertumskunde an der Universitat Wien ;
* Dorpat 12. XII. 1851;! Wien 8. II. —
W.: Indiens Literatur u. Kultur (1887);
Konig Sundara (Trauersp., * 1889); Bal-
tische Heimat-, Trust- u. Trostlieder
(1906). — Reichspost (Wien) 21. II.;
Schles. Ztg. 4. IX.; LZ 181 ; KJ 587 (W) ;
BB1 12. II.; LE 22, 764; Almanach der
AdW Wien 1920, 228 — 239 (Rader-
macher); KL 17 (W); BZ 46 [Deutsche
Arbeit 19, 279 (Neubauer)]; BZ 47 [Bay-
reuther Blatter 43, 168 (Hofler); Der
760
Totenliste 1920: Schubert — Seligmann
neue Orient 6, 179]; BZ 48 [Ostasiat.
Zschr. 7, 272].
Schubert, Johann Baptist, Schulrat, Vor-
sitzender d. bayrischen Volksschullehrer-
vereins, Herausg. der padagogischen Mo-
natsschrift »Repertorium der Padagogik«
friiher Mitgl. des Bayr. Landtags (libe-
ral) ; t Augsburg 27. VI. — Sch; LZ 579;
GK; WI7i532.
Sehultze, August, Geh. Kommerzienrat,
Direktor d. Oldenburg- Portugies. Dampf-
schif f s-Reederei A.-G. ; * Varel 5 . IV. 1 848 ;
t Oldenburg 24. I. — JSTG 22 (192 1),
80 — 82; WI7i542;BZ46[Hansa57, 102].
Sohultze, Oskar, Dr. med., Hofrat, Professor
der Anatomie an der Universitat Wiirz-
burg; * Bonn 10. VIII. 1859; f Wtirz-
burg 30. VI. — W.: GrundriB u. Atlas
der topogr. Anatomie (2i9o8); Stohr,
Handbuch der Histologic (15i9i2). —
LZ 557; MMW 67, 830; KL 17 (W);
PBL 1554; BZ 49 [Anatom. Anzeiger 54,
411 — 428 (Lubosch)].
Schulze, Adolf, Professor, Musikpadagoge,
ehemal. Direktor der Gesangschule der
Gesangsklasse an der Hochschule f . Musik
in Berlin, Mitglied der Akademie der
Kiinste; * Mannhagen b. Molln 13. IV.
1835; f Jena 9. IV. — LZ 341; JP 65
[AMZ 262; RMTZ 167; NZfM in; DTZ
18, 59; NMZ 41, 258]; FAT 364; R 10
1 174; A 425.
Sehulze-Smidt, Bernhardine, Romanschrift-
stellerin [Pseudon.: E. Oswald]; * Gut
Dunge 19. VIII. 1846; f Bremen 17. II.
■ — W. : Inge von Rantum (Nov., a 1902) ;
Er lebt (Nov., 8 1907); Eiserne Zeit (Ro-
man, * 1902). — TR 24. II.; BBI23. II.;
Sch; WI7 1549 (W); KL 17 (W) ; PY II,
283 (W) ; IZ 4005 (P) ; Weser-Zeitung 16.,
23. III. u. ff . (Reisetagebuch der B. S-S.) ;
BZ 46 [Niedersachsen 25, 330 (Kropp);
Daheim 55, Nr. 23 (Schanz)].
Sehunke, Hugo, Geh. Reg.-Rat, Direktor
des Schiffsvermessungsamtes (bis 19 18)
a. D.; • Berlin 8. III. 1845; t Weimar
9. XI. — JSTG 1922, 100.
Schflte, Wilhelm, Dr., Geh. Reg.-Rat, Pro-
fessor u. Direktor des Anatom.-patholog.
Institute der Tierarztl. Hochschule Ber-
lin, Entdecker des Rotzbazillus ; * Berlin
19. IX. 1839; f Berlin 7. XI. — TR 11.
XL; MMW 67, 1368; LZ 924; KL 17
(W); IZ 4036 (P); BZ 47 [Berliner
Tierarztl. Wochenschr. 36, 624 — 527
(Schmaltz)] ; BZ 49 [Archiv f iir wissensch.
u. prakt. Tierheilkunde 47, 1 — 5 (Neu-
mann)]; A A.
Schwahn, Paul, Dr. phil., Professor, wissen-
schaftl. Direktor der Berliner »Urania«,
Herausgeber von *Himmel u. Erde«;
* Schwerin 1859; f Berlin 20. IV. —
AA; PM 66, 61; Sch; LZ 357; BZ 48
[Sirius 1920, 152].
Schwalbe, Ernst, Dr. med., o. Professor der
patholog. Anatomie u. Direktor des
pathologischen Instituts der Universitat
Rostock; * Berlin 26. 1. 1871 ; gef. Rostock
17. III. 1 920 als Zeitfreiwilliger. — MMW
67, 830; LZ 319; KL 17; IZ 4<x>7 (P);
BZ 47 [Zentralbl. fur allgem. Pathol, u.
pathol. Anatomie 30, 673 — 675]; BZ 48
[Beitrage zur patholog. Anat. u. zur all-
gem. Pathol. 67, I — IV].
Schwiening, Heinrich, Dr. med., Professor,
Abteilungsdirigent im Reichsarbeitsmini-
sterium, Oberstabsarzt a. D.; • 1870;
f Berlin 19. II. — LZ 220; MMW 67, 278;
TR 20. II.; BZ 46 [DMW 46, 247
(J. Schwalbe) u. 271 (Martineck)].
Seemuller, Josef, Dr. phil., Hofrat, o. Pro-
fessor der deutschen Spracheu. Literatur
an der Universitat Wien; * Wien 15. X.
1855 ; f St. Martin 20. 1. — W. : Deutsche
Laut- und Formenlehre (2 Bande,
1885/1911); Deutsche Mundarten (3 Bde.,
1 908/1 1); Deutsche Sprachlehre (2 Bde.,
191 1) ; Handschr . Nachlafl im Germanist .
Sem. der Univ. Wien. — Sch; LZ 140;
WI7i57i (W), * 1787; GK; LE 22, 764;
Jahrb. der bayr. AdW 19 19, 41 — 46
(Kraus) ; Almanach der AdW Wien 1920,
220—228 (Brecht); KL 17 (W); BZ 48
[Neues Archiv der Ges. fur altere dtsch.
Geschichtskunde 43, 402 — 406 (v. Stein -
meyer); Das dtsch. Volkslied 22, 33];
Neue osterr. Biogr. IV, 128 — 140 (Pfalz)
(P) (W) ; Behrend, Gesch. der dsch. Philol.
in Bildern (1927), S.42 (P).
Seliger, Josef, Vorsitzender der deutsch-
sozialen Partei in der Tschechoslowakei ;
* 1869; f Teplitz-Schonau 18. X. — Sch;
SozMH 967 (Zepler) ; BZ 47 [Der Kampf
*3» 393 (Ellenbogen)].
Seliger, Max, Geh. Hofrat, Professor, Direk-
tor der Akademie fur graphische Kiinste
u. Buchgewerbe in Leipzig, der erste An-
reger der Leipziger Ausstellung fur Buch-
gewerbe und Graphik (19 14); * Bublitz
(Pommern) 12. V. 1865; f Leipzig 10. V.
-— LNN 1 1 . V. (Delphy) ; Sch; WI 7 1 578
(W), 8 1788; LZ 397; GK; Kchr, NF 31,
32, S. 643 f.; MS IV, 257, V, 261, VL263 ;
IZ 401 2 (P) ; Archiv fiir Buchgewerbe 57,
105 (Zeitler).
Seligmann, Gustav, Dr., Geh. Kommerzien-
rat, Bankier, Mineralog u. Miner alien*
sammler; • 1849; f Koblenz 28. VI. —
GK; Zentralbl. fiir Mineral, u. Geol. 1920,
366 — 368 (Brauns).
Totenliste 1920: Selling — Stein
761
Selling, Eduard, Dr. phil., a.o. Professor der
Mathematik an der Universitat Wiirz-
burg a. D. u. Konservator des Astrono-
mischen Kabinetts in Wurzburg, Erfinder
von Rechenmaschinen ; * Ansbach 1834;
f Munchen 31. I. — LZ 198; WI 7 1580;
PFV, 1 153.
Semper, Hans, Dr. pkil., Hofrat, em. o. Pro-
fessor der Kunstgeschichte an der Uni-
versitat Innsbruck; * Dresden 12. III.
1845; t Innsbruck 24. V. — W.: Dona-
tello, s. Zeit u. Schule (2 Bde., 1875). —
TR29. V.; WI7 1581 (W);Kchr. NF31,
37, S. 717; Sch; LZ 462; KL 17 (W).
Sepp, Bernhard, Dr. phil., Professor der
Weltgeschichte am Lyzeum Regensburg;
* Koblenz 3. IX. 1853; f Regensburg
8. III. — W.: Maria Stuart u. ihre An-
klager (1884); Tabula paschalis ann.
300 — 2200. — LZ 319; WI7 1582 (W);
HV 20, 121; AA.
Serno, Heinrich, General der Artillerie a.D.,
191 2 — 1 914 Direktor der Militartech-
nischen Akademie; * Bromberg 11. III.
1856; f Konigswusterhausen 29. IX. —
TR 30. IX.; WI7 1583.
♦Seuffert, Lothar v., Dr. jur., Geh. Rat,
o. Professor des deutschen u. romischen
Zivilrechts u. Zivilprozesses an der Uni-
versitat Munchen; * Wurzburg 15. VI.
1843 : t Munchen 25. III. — LNN 2. IV.;
LZ 319; GK; BZ 46 [Zschr. fur Rechts-
pflege in Bayern 16, Nr. 8/9 (v.d.Pford-
ten)]; AA; DBJ 589/593 (Fischer).
Slebeck, Hermann, Dr. phil., D. theol. h. c,
Geh. Hofrat, em. o. Professor der Philo-
sophic u. Padagogik an der Universitat
GieBen; * Eisleben 28. IX. 1842; f GieBen
22. II. — W. : Untersuchungen zur Philo-
sophic der Griechen (2 1888); Geschichte
der Psychologie (I, 1884); Lehrbuch der
Religionsphilosophie (1893); Aristoteles
(8i9io); "Qber musikalische Einfuhlung
(1906). — Sch; LZ 238; WI7 1589 (W),
8 1788; SozMH 202 f.; LE22, 825; JP65
[DTZ 18, 59]; KL 17 (W).
Siebeek, Paul, D. theol.. Dr. phil., Verlags-
buchhandler, Inh. der Lauppschen Buch-
handl. u. des Verlags J. C. B. Mohr,
Tubingen; * Tubingen . 7. III. 1855;
f Tubingen 20. XI. — LZ 986; SozMH
1921,625; WI7 1589; BB1 1417 (Nr. 268)
u. 1424 (Nr. 268).
Siefert, Xaver, Geh. Oberforstrat, em. o.
Professor der Forstwissenschaft an der
Techn. Hochschule Karlsruhe; * Freiburg
i.B. 14. 1. 1849; | Karlsruhe 9. XI. —
TR 12.XI.; LZ924; BZ48 [Allgem. Forst-
u. Jagdzeitung 97, 142] ; BZ 49 [Zentralbl.
fur das ges, Forstwesen 47, 100] AA.
Siegfried, Max, Dr. phil. et med. h. c, o. Pro-
fessor der physiologischen Chemie und
Direktor des physiol.-chemischen Insti-
tuts an der Universitat Leipzig; * Leip-
zig 6. IV. 1864; f Leipzig 22. II. — LZ
220; WI7 1592 (W), 8 1788; MMW 67,
308; PF V, 1 163 (W); Ber. d. dtsch.
Chem. Ges. 53, 20; SB der GdW Leipzig
74, 22; BZ 46 [Biochem. Zschr. Bd. 105,
S. I]; BZ 49 [Zschr. fur angew. Chemie
3$, 85 (Rassow)].
Solereder, Hans, Dr. phil., o. Professor der
Botanik u. Direktor des Botanischen
Gartens an der Universitat Erlangen;
* Munchen 11. IX. i860; | Erlangen
8. XI.— TR13. XL; LZ 941; ^ 57, 41
Ber. d. dtsch. Bot. Ges. 38, [92] — [102]
(Radlkofer) (W)]; AA.
Solms-Baruth, Friedrich Fiirst zu, 19 14 bis
1918 Militarinspekteur der Freiwilligen
Krankenpflege im Felde, Generalleutnant
a la suite a. D., Kanzler des Schwarzen-
Adler-Ordens, friiher kgl. preuBischer
Oberstkammerer, Mitglied des ehemal.
preuBischen Herrenhauses ; * Berlin
24. VI. 1853; t Klitschdorf (Schlesien)
31. XII. — HK 1922; WI7 1607; ERL;
Sch.
Solms-Hohensolms-Lich, Karl Fiirst zu,
Major a la suite der Armee a. D., Mitglied
des ehemal. preuBischen Herrenhauses,
President der f riiheren Ersten Hessischen
Standekammer; * Lien 27. VI. 1866;
t Lich 26. VII. — Sch ; ERL ; TR 4. VIII. ;
WI7i6o8.
Spanuth, August, Musikkritiker, Heraus-
geber der »Signale fur die musikalische
Welt«; * Brinkum (Hannover) 15. III.
1857; t Berlin 9. I. — W.: Methodik des
Klavierspiels (mit X. Scharwenka, 1907).
— TR 17. I.; LE 22, 636; NML 611;
FAT 384; R10 1220 f.; A 44* f-; IZ 3996
(P) ; BZ 46 [Signale fur die musikal. Welt
1920, 30].
Spatz, Wilhelm, Dr. phil., Professor, Ge-
schichtsforscher Berlins, Griinder der
Deutsch - Schwedischen Vereinigung ;
t Wernigerode 20. XI. — LZ 963 ; LE 23,
436; HV 20, 254; BZ 48 [Padagog. Zen-
tralbl. 2, 14].
Stein, August, Journalist, Vertreter der
Frankfurter Zeitung in Berlin [Pseu-
donym: Irenaeus]; * Breslau 185 1;
| Berlin 12. X. — W.: Es war alles ganz
anders (1921). — FZ 759; NZZ 18. X.;
Sch; LE 23, 291 u. 311 u. 329 — 331
(Meyerfeld) ; SozMH 10 19.
Stein, Walther, Dr. phil., o. Prof, der mitt-
leren und neueren Geschichte a. d. Univ.
Gottingen; * Langenberg (Rhld.) 9. II.
762
Totenliste 1920: Steinlechner — Thode
1864; f Gottingen 29. IX. — Mitarbeiter
und Mitherausgeber der Hansischcn Ge-
schichtsblatter, Herausgeber der Akten
zur Geschichte der Verfassung und Ver-
waltung der Stadt Koln, 2 Bde., 1893
bis 1895; Beitrage zur Geschichte vor-
nehmlich Kolns und der Rheinlande,
1895; Herausgeber des Hansischen Ur-
kundenbuches, Bd. 8 — 11; Deutsche
Verkehrsgeschichte in der Kaiserzeit,
1924. — TR 2. X.; Sch; LZ 797; H 20,
253; Hans. Geschichtsbl. XXVI (46.
Jahrg.), S. 9/13 (D. Schafer) m. (P); AA.
Steinlechner, Paul, Dr. jur., Hofrat, em. o.
Professor des osterr. Zivilrechts an der
Universitat Graz; * 23. XII. 184 1 ; f Graz
12. 1. — TR 12. 1.;LZ i8i;BZ47 [Jurist.
Blatter 1920, 30 (Ehrenzweig)] ; AA.
Stelnmetz, Hermann, Wirkl. Geh. Ober-
konsistorialrat, President des Landes-
konsistoriums Hannover, Kurator des
Klosters Loccum; * Gottingen 16. II.
1 866 ; f Hannover 1 1 . V. — K J 1 920, 587 ;
ELK 53, 21, Sp. 438 f-
Stembeis, Otto v., Dr. ing. e. h., Gch. Kom-
merzienrat, GroBindustrieller, Pionier d.
bayrischen Holzindustrie, Erbauer der
Wendelsteinbahn ; f Brannenburg27.XII.
— IZ4039(P); DBZ 21, 8.
Storck, Karl, Dr. phil., Musikschriftsteller,
Schriftleiter der Zeitschrift »Der Tur-
mer«; * Durmenach (ElsaB) 23. IV. 1873;
t Alsberg i. W. 12. V. — W.: Deutsche
Literaturgeschichte (7i9i2); Opernbuch
(10I9I2); Musikgeschichte (f 19 10). —
Deutsche Zeitung 12. V.; Sch; LZ 420;
WI7 1663 (W); JP 65 [AMZ 326 u. 331
(Schwers); NZfM 159; RMTZ 196; DTZ
18, 7s: NMZ 41, 291; Zschr. fur Musik
2, 615]; KL 17 (W); FAT 397 (W); NML
624 (W); R 10 125 1 (W); A 457 * I ™ 4013
(P); BZ 46 [Der Tiirnier, Juni 1920, 245
(v. GrotthuB)].
Strahl, Hans, Dr. med., Geh. Med. -Rat,
o. Professor der Anatomie an der Uni-
versitat GieCen; * Berlin 28. III. 1857;
t Gieflen 13. III. — TR 24. III.; LZ 277;
WI7 1665, 8 1788; MMW 67, 416; KL 17
(W); PBL 1665; AA.
Stroof, Ignaz, Dr. phil. h. c. (Berlin), Dr. ing.
e. h. (Karlsruhe), Chemiker, technischer
Leiter der chemischen Fabrik Griesheim ;
• Koln 5. IV. 1838; t Griesheim 12. XI.
— ChZ 45, 57; MdT 264 [(Pistor,
Chem. Industrie 43, 495; Enz. Chemie 3,
406]; Zschr. fur Elektrochemie 27, 92 bis
94 (Lepsius); BZ 47 [Die chemische In-
dustrie 43, 495 (Pistor)]; BZ 48 [Zschr.
fur Elektrochemie u. angew. physikal.
Chemie 27, 92 (Lepsius)].
Strove, Hermann, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
o. Professor der Astronomie an der Uni-
versitat Berlin u. Direktor der Stern -
warte in Babelsberg, Mitglied der AdW
Berlin, korresp. Mitglied der AdW Mun-
chen; * Pulkowa bei St. Petersburg 3. X.
1854; f Herrenalb 12. VIII. — TR
13. VIII.; E 2008; Sch; PM 66, 235;
WI7 1676 (W); Astronom. Jahrb. 23, 24
[mit Verzeichnis der Nekrologe !] ; Viertel-
jahrsschr. der Astronom. Ges. Leipzig
56, 4—12 (P); SB d. AdW Berlin 1921,
491—496 (G. Muller); Jahrb. der AdW
Miinchen 1920, 29 f. (Seeliger); Month-
ley Notices 81, 271 — 272; Popular
Astronomy 29, 536—541; PF V, 1225
( W) ; Astronom. Nachr. 212,21; Viertelj .-
Schr. der Astronom. Ges. 56, 21; BZ 4S
[Sirius 1920, 203 (Kritzinger) ; Weltwirt-
schaft 192 1, 35].
Supan, Alexander, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
o. Professor der Geographic an der Uni-
versitat Breslau; * Innichen (Tirol) 3. III.
1847; | Breslau 7. VII. — W.: Lehrbuch
der Geogr. fur osterreich. Mittelschulen
(u 1904); Grundziige der phys. Erd-
kunde (6 1911); Die Bevolkerung der
Erde (1891 — 1909); Deutsche Schul-
geographie (u 19 12). — Sch; E 1630;
LE 22, 1402; LZ 597; WI7 1686 (W);
SozMH 1 131 f. (Naphtali); Geogr. Zschr.
27» J93 — T98 (Dietrich); PM 66, 139 bis
146 (Wagner); KL 17 (W); IZ 4021 (P) ;
BZ47.
Sury, Max Joseph v., Landschaftsmaler;
* Solothurn 11. VIII. 1842; f Kreuz-
lingen i. Okt. — W : Gemalde im Museum
Solothurn. — K Chr 56, 88; MS IV 367,
V27 1, VI 276.
Thode, Henry, Dr. phil., Geh. Rat, em. o.
Professor der Kunstgeschichte an der
Universitat Heidelberg ( 1 894 — 191 1) ;
* Dresden 13. I. 1857; f Kopenhagen
9. XI. — W.: Michelangelo (2 Bde.,
1902/03, * 1908, III 1912); Bocklin und
Thoma (1905). — Sch; LZ 894; SozMH
1921, 115; BB1 18. XI.; LE 23, 436;
E 2790; HV 20, 384; WI7i7o8 (W);
Kchr, NF 32, 8, S. 150 u. q, S. 165 f .
(W. v. Seidlite); JP 65 [AMZ 702; NMZ
42, 1 13; NZfM 447]; KL 17 (W);IZ4036
(P); BZZ 13 [MNN 11. XI.; NPZ 13. XI.;
Nationalztg. 12. XI.; NZZ 1. XII.;
SchwM 15. XI.]; BZ 47 [DBZ 54, 444];
BZ 48 [Bayreuther Blatter 44, 5 (Bruck) ;
Die Kunst fur Alle 36, 122 (Beringer) ;
Kunst u. Kunstler 19, 154 (Waldmann) ;
Der Tiirmer, Jan. 192 1, S. 292 (Priifer)] ;
BZ 49 [Repertorium der Kunstwissen-
schaft 43, 55 — 61 (Storck)].
Totenliste 1920: Thoinsen — Wagner
763
Thomson, August v., Admiral a la suite des
Seeoffizierkorps a. D., 1899 — 1903 Chef
der Marinestation der Nordsee ; * Oldens-
wort (Schleswig) 6. VIII. 1846; t Kiel
27.IX. — TR30. IX.;WI7 1710,8 1789;
Sch.
Toldt, Karl, Dr. med., Hofrat, em. o. Pro-
fessor der Anatomie an der Universitat
Wien, Mitglied der AdW Wien, lebens-
langl. Mitgl. des ehemal. osterreich.
Herrenhauses ; * Bruneck 3. V. 1840;
f Wien 13. XI. — W.: Anatomischer
AUas (1900). — NFPi8.XI.;TR 15. XI.;
WTI 7 1 720, 8 1 789 ; MMW 67, 1 368 ; PM 60
11 . 94 ; 1 92 1 , 28 ; L 56, 71; Almanach der
AdW Wien 71 (192 1), 155 — 171 (Hoch-
stetter); Tiroler Ehrenkranz, S. 2i6f.
(v. Klebelsberg) ; KL 17 (W) ; PBL 17 16
(W); BZ 48 [Anatom. Anzeiger 54, 82
bis 91 (Schumacher); Mittlg. d. Ver. d.
Freunde des human. Gymnasiums 20, 21
bis 26 u. 42 — 52 (Hauler, Frankfurter);
WKW 33, 1041 (Poch)].
Toula, Franz (v.), Dr. phil., Hofrat, em. o.
Professor der Geologie u. Mineralogie an
der Techn. Hochschule Wien, Ehren-
mitgl. der Geolog. Ges. in Wien u. Berlin ;
* Wien 20. XII. 1845; t Wien 3. I. —
W.: Lehrbuch der Geologie (3 19 18). —
LZ 181; PM 66, 28; Verh. der Geolog.
Reichsanstalt 1920, 41 — 49 (Rosiwal) ;
KL 17 (W); PF V, 1265 (W); BZ 48
[Verh. d. Geolog. Reichsanstalt 1920, 41].
Trautmann, Moritz, Dr. phil., Geh. Reg.-
Rat, em. o. Professor der englischen Phi-
lologie an der Universitat Bonn; * Kloden
(Prov. Sachsen) 24. III. 1842; f Frank-
furt a. M. 23. IV. — W.: Lautlehre des
Deutschen, Franzosischen u. Englischen
(1901). — TR 23. IV.; BB1 28. IV.; Sch;
LZ 357; GK; WTI7i723 (W), 8 1789;
LE 22, 1085 ; KL 17 (W) ; BZ 47 [Nieder-
sachsen 25, 119].
Trotha, Lothar v., Gen. d. Inf. a. D., Exzel-
lenz, 1904 — 1906 Kommandeur d.Schutz-
truppe u. Gouverneur in Deutsch-Siid-
westafrika, Ritter des Ordens Pour le
mirite, Teilnehmer an der Chinaexpedi-
tion 1900/01 u. Fiihrer des Feldzugs in
Siidwestafrika 1904/06; * Magdeburg
3. VII. 1848; f Bonn a. Rh. 31. III. —
GK; WI7 1729 f.,8 1789.
Twele, Adrian, Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz,
1905 — 1 9 10 Unterstaatssekret. i. Reichs-
schatzamt; * Hildesheim 23. IX. 1853;
t Goslara. H. 18. I. — WI7 1736, 8 1789;
A. Wermuth, Ein Beamtenleben (1922),
S. 274.
Ungerer, Jakob, Professor, Bildhauer;
* Miinchen 13. VI. 1840; f Miinchen
im April . — W . : Mendebrunnen (Leipzig) .
— LNN 1. V.; WI7 1744; MS IV, 465
(W), VI, 285.
Uthmann, Adolf, Komponist und Dirigent
von sozialistisch-tendenziosen Arbeiter-
choren; • Barmen 29. VI. 1867; f Bar-
men 22. VI. — W.: Internationale
(Mannerchor) ; Der Arbeit Lied (Manner-
chor) ; Tord Foleson (Mannerchor) . —
R. Kotzschke, Geschichte des deutschen
Mannergesangs (1927), S. 217 f.; FAT
422; NML 661 f.; R 10 1337.
Vogelsang, Karl, Dr. phil., Bergrat, Ober-
berg- u. Hiittendirektor der Mansfeldi-
schen Kupferschieferbauenden Gesell-
schaft in Eisleben; * Bonn a. Rh. 1866;
| (erschossen) Eisleben 16. III. — WI 7
1765, 8 1790; PM 66, 61; BZ 46 [Metall
und Erz 17, 161]; BZ 48 [Mansfelder
Blatter ^t>, ioi — 105 (Kutzke)].
Voigt, Johann Friedrich, Dr. phil., Pro-
fessor, Hamburger Geschichtsforscher ;
* 1833; t Hamburg 14. II. — Sch; BB1
20. II.; LZ 198; BZ 46 [Mittlg. des dtsch.
Seef ischvereins 66 ; Zschr . der Zentralstellc
fur Niedersachs. Familiengesch. 1920, 19
(Holler)].
Voigts, Bodo, D. theol., Wirkl. Geh. Rat,
Exzellenz, President des Evang. Ober-
kirchenrats a. D.; * Liichow (Hannover)
9. VIII. 1844; f Berlin 29. I. — Sch;
GK; WI7 1768, 8 1790; ELK 53, 6, Sp.
134; KJ 1920, 588; IZ 4001 (P).
VoB, Ernst, Griinder u . Teilhaber der Schiff s-
werft Blohm & VoB; * Fockbeck bei
Rendsburg 12. I. 1842; f Hamburg
1. VIII. — Hamburger Nachr. 3. VIII.;
StE 40, 1 191 (P); VDI 64, 651.
Wackernell, Josef Eduard, Dr. phil., Hof-
rat, em. o. Prof, der deutschen Philologie
a. d. Univ. Innsbruck; * Goflan 22. XI.
1850; f Innsbruck 6. X. — W.: Das
deutsche Volkslied (1890); Gilmstudien
(1908 f.) ; Herausgeber der Sammlung der
Volkslieder aus Tirol u. Vorarlberg. —
TR 6.X. ; LZ 797; LB 23, 250; WI7 17791.
(W) ; KL 17 (W) ; BZ 47 [Literar. Handw.
56, 621 — 624 (Dorrer)]; BZ 48 [Das
deutsche Volkslied 23, 16].
Wagner, Ernst, Dr. phil., Wirkl. Geh. Rat,
Exzellenz, Direktor der Vereinigten Badi-
schen Sammlungen fur Altertumskunde
u. Volkerkunde a. D.; * Karlsruhe 5. IV.
1832; f Karlsruhe 7. III. — W.: Fund-
statten u. Funde aus vorgesch., rom. u.
alemann. Zeit im GroBh. Baden (2 Bde.,
1908/n). — Schw M. 10. Ill,; LZ 277;
PM 66, 61; WIM783 (W); BZ 47
[Zeitschr. f. d. Gesch. des Oberrheins^
NF35,446(Krieger)]; AA.
764
Totenliste 1920: Warnekros — Willmann
Warnekros, Ludwig, Dr. med., Geh. Med.-
Rat, a.o. Prof, der Zahnheilkunde und
Direktor des zahnarztl. Instituts a. d.
Univ. Berlin; * Gefell (Kr. Ziegenriick)
21. X. 1855; t Berlin 29. VI. — LZ498;
WI7 1800 (W), 8 1790; BZ 47 [Zahnartl.
Rundschau 29, 267 (Schramm)]; AA.
* Weber, Max, Dr. jur., o. Prof, der Natio-
nalokonomie a. d. Univ. Miinchen, Mit-
glied der AdW Miinchen u. Heidelberg;
♦ Erfurt ai. IV. 1864; f Miinchen 14. VI.
— W. : Ges. Aufsatze zur Religionssozio-
logie (3 Bde., a 1922/23); Ges. Aufsatze
zur Wissenschaftslehre (1922); Ges. Auf-
satze zur Sozial- u. Wirtschaftsgesch.
(1924); Ges. Aufsatze zur Soziologie und
Sozialpolitik (1924); Wirtschaft und Ge-
sellschaft (a 2 Bde., 1925). — Vorwarts
19. VI., FZ 19. VI. u. 15. I. 1921; Sch;
LZ 499; KL 17 (W) ; SozMH 541 (Schmidt)
u. 704 (Koch); WI7 1807, 8 1790; LE 22.
1339; KW 33, III, 288 f. (Schumann);
Die Gesellschaft, Jahrg. 3, 2 S. 131 — 153
(Salomon) ; Jahrbuch der AdW Miinchen
1919, 31— 34(Lotz); IZ 4017 (P). K.Jas-
pers: M. W., eine Gedenkrede (192 1);
Nachruf von E. Troeltsch in: J. C. B.
Mohrs Griinem Heft 1926, 1 ; R. Michels,
Bedeutende Manner (1927), S. 118; Ma-
rianne Weber: M. W., ein Lebensbild
(1926), (W). BZZ 12 [MNN 16. VI.; VZ
19. VI.; FZ 7. VII.; BT 1. VII.]; BZ 46
[Die Hilfe 1920, 386 (Baumer)]; BZ 47
[Deutsche Arbeit 5, 407; Archiv fur So-
zialwiss. u. Sozialpolitik 48, I — IV;
Deutsche Politik 1920 I, 791 (Heufl)];
BZ 49 [Die Hochschule 4, 97 — 100 (Cor-
rell); Osterreich. Rundschau 17, 11 29 bis
1 1 34 (Kapherr)]; Preufl. Jbb. 210, 3,
S. 304 — 320 'Liebert) ; Zeitwende, Jhg.4,
2, S. 139 — 152 (Gerhardt); Logos, Jhg.
15, 2, S. 222 — 237 (Rickert); Zsch. fur
Politik, Bd. 16, 5, S. 513 — 517 (Hintze) ;
Dsche. Vschr. fiir Literaturwiss. und
Geistesgesch. Ill, 2, S. 177 — 193 (Voege-
lin); H. J. Grab: Der Begriff des Ratio-
nalen in der Soziologie M. W.s (1927 =
Sozialwiss. Abh. 3) ; Die Gesellschaft Jg 3
(1926), 2 S. 131 — 153 (A.Salomon); DBJ
593/6i5 (Schumacher) (L).
Wegner, Marie, Frauenrechtlerin, Ehren-
vorsitzende des Schlesischen Frauenver-
bandes, Herausgeberin der Zeitschrift
Die Frau der Gegenwart; * Bogdanowo
16. IX. 1859; fRostock 12. I. — W.:
Merkbuch der Frauenbewegung (1908). —
Sch; LE 22, 699; SozMH 413 f.; KL
17 (W).
Weiehselbaum, Anton, Dr. med., Hof- und
Obersanitatsrat, o. Prof, der patholog.
Anatomie a. d. Univ. Wien, Mitglied der
AdW Wien, Entdecker des Erregers der
Genickstarre {Meningococcus) ; * Schiltern
8. II. 1845; t Wien i. Okt. — W.: Epi-
demiologic (1908); Parasitologic (1899).
— NFP 24. X.; TR 23. X.; MMW 67,
1280; WI7i8i6 (W); LZ 863; SozMH
192 1, 510; L 56, 71 ; Almanach der AdW
Wien 71 (1921), 152 — 155 (Exner); KL
17 (W); PBL 1824 (P), (W); IZ4034 (P);
BZ 47 [WKW 33, 979 (Wiesner)]; BZ 48
[Beitr. zur pathol. Anat. u. zur allgem.
Pathologie 68, I (Aschoff); Centralbl. fur
allgem. Pathologie u. pathol. Anatomie
31, 337 (Stoerk)]; WMW 1920, 1869 bis
1872 (Miloslavisch)].
Welntraud, Wilhelm, Dr. med., Professor,
Direktor der inneren Abteilung des Kran-
kenhauses Wiesbaden, Sekretar des
Kongresses der Inneren Medizin, medizin.
Schriftsteller; * Offenbach 13. VIII.
1866; f Wiesbaden 7. IX. — TR 7. IX.;
LZ 742; SozMH 1921, 510; MMW 67,
1 1 08 u. 1 151 (Prussian); PBL 1827 (W);
BZ 47 [Mitteil. aus den Grenzgebieten der
Med. u. Chirurgie 32, 327 (Naunyn) ; Med.
Klinik 16, 968 (Brandenburg)]; BZ 48
[BKW 57, 1 183 (Blumenfeld)].
Wertheim, Ernst, Dr. med., o. Prof, der
Frauenheilkunde a. d. Univ. Wien;
* Graz 21. IV. 1864; f Wien 15. II.
— TR 16. II.; LZ 259; MMW 67; 228;
BZ 46 [WMW 70, 409 (Halban), u. 545, —
549 (Latzko); Medizin. Blatter 42, 52 bis
57 (Klein); Monatsschr. fiir Geburtsh. u.
Gynakol. 51, 271—277 (Weibel); WKW
33, 183 (Kermauner)] ; BZ 47 [Centralbl.
fur Gynakol. 44, I, 281 — 286 (Weibel);
Archiv fiir Gynakol. 113, V— XVI (Wei-
bel)] BZ 48 [Wiener Klinische Rundschau
34, 52 (Klein)]; AA.
Westerahagen, Thilo v., General d. Infan-
terie a. D., Exzellenz, Chef der preufli-
schen Landgendarmerie ; * Stendal 26. III.
1853 ; t Koln a. Rh. 2. XII. — WI 7 1841 ,
8 1791.
* Willmann, Otto, Dr. phil., Hofrat, em.
o. Prof, der Philosophic u. Padagogik
a.d.deutschen Univ. Prag; * Lissa (Posen)
24. IV. 1839; f Leitmeritzi. B. 1. VII. —
W.: Geschichte des Idealismus (3 Bde.,
1 I9°7)» Didaktik als Bildungslehre
(4I909); Philosophische Propadeutik
(2 Bde., 4i9i3); Herausgeber von Her-
barts pad agog. Schriften (3 1913). —
TR 12. VII.; LE 22, 1468; Sch; LZ 579;
WI7 1862 (W); KL 17 (W); BZ 47 [Die
Bergstadt 9, 165 (Eckardt) ; Deutsches
Philologenblatt 1920, 473 (Seidenberger) ;
Die Volksschule 1920, 386; Literar.
Totenliste 1920: Wilsdorf — Zeyer
765
Handw. 56, 407 (Seidenberger) ; Die Hei-
matschule 1920, 50 — 53 (Clemenz); Die
Volksschule 1920 419 — 422 (Fritzsch)];
DBJ 616/621 (Kahl) (L).
Wilsdorf, Viktor v.. General der Infanterie
u. sachsischer Kriegsminister a. D., Ex-
zellenz; • GroBhartmannsdorf 18. 1. 1857 ;
f Dresden 24. III. — Sch; GK; ERL;
WI7 1863. 8 1791.
Wohlrabe, Wilhelm, Dr. phil., em. Gym-
nasialrektor, padagogischer Schrif tsteller ;
* Altenbeichlingen 13. III. 185 1; f Jena
29. XII. — W.: Die Lehrer im Spiegel
der Literatur (1898 f., 8 1905); Deutsches
Land und Volk in Lied, Spruch und dichte-
rischer Schilderung (15 Bde., 1909). —
TR 29. XII.; Sch; LE 23, 638; LZ 1921,
62; KL 17 (W).
Wolff, Friedrich, Dr. ing. e. h., Geh. Kom-
merzienrat, Seniorchef der Parfumerie-
u. Toilet teseifenfabrik F. Wolff & Sohn
in Karlsruhe, Ehrenbiirger von Karls-
ruhe; * Karlsruhe 15. II. 1833; f Karls-
ruhe 17. VI. — IZ 4018 (P); AA.
Wolgast, Heinrich, Lehrer, padagogischer
Schrif tsteller; * Jersbeck 26. X. i860;
t Hamburg 29. VIII. — W.: Das Elend
unserer Jugendliteratur (6i9ii); Vom
Kinderbuch (1905). — Sch; LZ 702; LE
21, 124.
Woermann, Eduard, Reeder, Seniorchef
der Firma C. Woermann in Hamburg;
* Neumiihlen a. Elbe 14. VIII. 1863;
t Hamburg 26. V. — Sch; GK; SozMH
568; JSTG 22 (1921), 85—87; IZ 4015
(P); BZ 46 [Hansa 57, 479]-
* Woy rsch, Remus v . , Generalf eldmarschall,
Exzellenz, Mitglied des ehemal. preuB.
Herrenhauses ; * Pilsnitz i. Schles. 4. II.
1847; t Pilsnitz 6. VIII. — E 1886;
WI7 1892, 8 1791; Sch; ERL; IZ 4025
(P); B. Clemenz: Gfeldm. v. W. u. seine
Schlesier (19 19); Schles. Lebensbilder I,
185 (M. Laubert); DBJ 621/626 (Strutz)
(L).
* Wundt, Wilhelm, Dr. phil., med. et jur.,
Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz, em. o. Prof,
der Philosophic u. Psychologie a. d. Univ.
Leipzig, Mitglied der GdW Leipzig, Rit-
ter des Ordens Pour le mSrite, Ehren-
biirger von Leipzig u. Mannheim;
* Neckerau (Baden) 16. VIII. 1832;
f GroBbothen 31. VIII. — W.: System
der Philosophic ('1907); Grundrifl der
Psychologie (1896); Volkerpsychologie
(10 Bde., 1900 ff.); Menschen- und Tier-
seele (6 1911); Grundziige der psycholog.
Psychologie (3 Bde, 6 1908) ; Logik (3 Bde.,
8 1906/08); Ethik 3 Bde.,4 1912). — Sch;
LZ702;LE23, 124; KL 17 (W); E2141
(P); WI' 1896 (W), 8 1791; KW 34, I.
35 f. (Avenarius u. Fischer); SozMH
1094 f . (Mennicke) ; ELK 53, $7, Sp. 7i9f . ;
PM 66, 235 f.; Neue Bahnen 36, 3, S. 82
bis 88 (Hecker); IZ 4028 (P); BZZ 12
[Deutsche Zeitung 6. IX.; NZZ 5. IX.,
7. IX.; Tag 7. IX.; SchwM 5. u. 6. IX.;
FZ 10 IX.; DAZ 5. IX.; BT 12. IX.;
Konigsb. Hartungsche Ztg. 6. IX.];
BZZ 13 [LNN 31. X.]; BZ 47 [Neue
Bahnen 31, 311 (Fortunatus) ; Glaube u.
Deutschtum 1, 24, 1 — 12 (Maurenbrecher) ;
Philos. Jahrb. der Gorresges. 33, 417—420
(Schreiber); PreuBische Jahrbucher 182,
no — 113 (Grau), Zeitschr. fur Kinder-
forschung 25, 393 (Schlag); Neues Sachs.
Kirchenblatt 649 (Loesche); DMW 46,
1 147 (Ziehen); Blatter fur Fortbildung
des Lehrers u. der Lehrerin 13, 654 — 660
(Conrad); Leipziger Lehrerzeitung 27,
Wiss. Beil.65 — 69 (HeuBner) ; Konservat.
Monatsschr. 78, 1 — -6 (Conrad) ;Psychische
Studien 505 — 510 (Giinther); Der Tur-
mer, Okt. 1920, 31 — 34 (Kubsch)];
BZ 48 [Stimmen der Zeit 100, 412 — 424
(Frobes); MMW 68, 521 (Weygandt) ;
Zeitschr. fur Theol. u. Kirche, NF 2, 213
bis 238 (Thieme) ; Zeitschr. fur die ges.
Neurol, u. Psychiatrie 61, 351 — 362
(Kraepelin)]; BZ 49 [Die deutsche Schule
1 92 1, 289 — 295 (Hylla); Zeitschr. fin-
Missions wiss. 11, 202 — 212 (Kusters)];
W. W., Eine Wurdigung, herausg. von
A. Hoffmann (2 Bde., a 1924); E.Saupe:
W.W.s padagog.-schulpol. Anschauungen
(* 1926) ; Eleonore Wundt: W. W.s Werk
(1927) (W); W. Nef : Die Philosophic W.
W.s (1923); St. Hall: W. W. (deutsch
(1914) ; F. Krueger: W. W. als deutscher
Denker (1922); P. Petersen: W.W. u.
seine Zeit (1925); DBJ 626/636 (El.
Wundt) (L).
Wurm, Emanuel, Cheiniker, Schriftsteller,
Mitglied der Nationalversammlung (Un-
abh. Soz.); * Breslau 16. IX. 1857;
f Berlin 3. V. — W.: Lebenshaltung des
deutschen Arbeiters (1892); Natur-
erkenntnis (8 1902). — TR 5. V.; Sch;
GK; WI7 1896, 8 1 791; SozMH 464, 688
u. io86f.;KL 17 (W); BZ 46 [Die neue
Zeit 38, II, 145 — 146]
Ysenburg u. Budingen, Wolfgang Fiirst zu,
Hauptmann a. D. a la suite der Armee,
erbl. Mitglied der ehemal. hessischen
I. Kammer; * Budingen. 30. III. 1877;
f GoBweinstein 29. VII. — ERL.
Zeyer, Karl v., Dr. jur.t wurttembergischer
Finanzminister a. D., Exzellenz. * 1839;
f Stuttgart 1. I. — SchwM 2. I.; Sch;
GK.
766
Tot enlist e 1920: Zschokke — Zuntz
Zschokke, Hermann, Dr. theol., Dompropst
des Metropolitankapitels zu Wien, Titu-
larbischof von Caesarea, Weihbisehof von
Wien, Geh. Rat, Kanzler der theol. Fa-
kultat der Universitat Wien, Sektions-
chef; * Bohmisch-Leipa 16. VI. 1838;
t Wien 23.X. — TR 27. X.; LZ 879; WI
7 1923; AA.
* Zuntz, Nathan, Dr. h. c, Geh. Reg.-Rat,
Professor der Tierphysiologie an der
Landwirtschaf tlichen Hochschule Berlin ;
* Bonn 7. X. 1847; t Charlottenburg
23. III. — W.: Lehrbuch der Physio-
logic des Menschen (8 1913). — MNN
27. III.; TR 23. III.; MMW 67, 416 und
438; Sch; LZ 277; SozMH 478; WI 7
i294f (W); PBL 1910 (W); IZ4006 (P);
BZ 46 [Med. Klinik 16, 487 (Seuffert) ;
WKW 33, 344 (Durig); BKW 57, 433
(Loewy) ; DMW 46, 439] ; BZ 47 [Biochem.
Zeitschr. 105, I]; N 5, 40, S. 617—620
(Caspari) [Zu Z.s 70. Geburtstag]; Pflii-
gers Archiv 194, 1 — 19 (Loewy); DBJ
636/639 (Loewy) (L).
Berichtigungen zum Band 1914^16
S. 200, Zeile 13 v. u. 1894 statt 1897 u^d
1893 statt 1894.
S. 201, Zeile 13 v. u. Louise v. Francois
statt Ida Fleischl.
S. 277, 2. Spalte. Zeile 10/1 1 : f Berlin-
Wilmersdorf 19. III., statt 19. VII.
S. 310, 2. Spalte zu streichen der Artikel
Schniitgen, vgl. dafiir Totenliste 19 18
(oben S. 703).
S. 325, 2. Spalte im Artikel Ehrlich, Paul,
ist Zeile 6 zu lesen: Strehlen statt
Strahlau (vgl. S. 126 desselben Ban des).
S. 329, 2. Spalte zu streichen der Artikel
Helbing, Albert. Vgl. dafiir Totenliste
1 914 S. 287, 1. Spalte.
S. 368 ist zwischen Riihl und Ruhstrat
einzuordnen :
Rudorff, Ernst, Dr. phil. h.c, Professor,
Komponist und Klavierpadagoge, Mit-
glied der Akademie der Kiinste, 1867 bis
1 9 10 Lehrer und Mitglied der Direktiou
der Kgl. Hochschule fur Musik, Griinder
und (1890 — 1893) Vors. der Musikal.
Ges. in Berlin, Griinder des Heimat-
schutzes; * Berlin 18. I. 1840; f GroC-
lichterfelde 31. XII. 19 16. — BT 20. III.
Wolff); LpZ 3. 1.; LZ 57; BB1 16 (Nr. 4)
u. 396 (Nr. 92); HPSt 1918; KW 30. II.,
S. 185 f.; ZB 42 [Die Denkmalpflege 19,
24] ; ZB 43 [Schwab. Heimatbuch VI, 34] ;
WIM417]; ZB 44 [Heimatschutz fur
Brandenburg IX. 154].
Namen^Verzeichnis
Baare, Fritz (E. v. Mutius)
^•Bachem, Julius (K. Hoeber)
Back, Otto (H. v. d. Goltz)
Ballin, Albert (P. Stubmann)
^^. Bassermann, Ernst (Hans Goldschmidt)
Bayer, Adolf v. (W. Schlenk)
Beck, Ludwig (O. Johannsen)
Beck, Theodor (F. Meisel)
Beck-Rzikowsky, Friedrich v. (Moritz
v. Auffenberg-Komarow f)
Behring, Emil v. (H. Dold)
Below, Fritz v. (E. Zipfel)
Bettinger, Franz v. (A. Knecht) ....
Bezzel, Hermann (J. Rupprecht) ....
Binding, Karl (E. Beling)
•Bissing, Moritz v. (P. Oflwald)
^^-'Bottinger, Heinrich v. (C. Duisberg)
Bousset, Wilhelm (H. Gunkel)
Brent ano, Franz (K. Stumpf)
Bruch, Max (F. Blume)
Bubendey, Job. Friedrich (O. Hoch) .
Buz, Heinrich v. (P. v. Lossow)
Cantor, Moritz (K. Bopp)
Cohen, Hermann (W. Kinkel)
Crusius, Otto (R. Pfeiffer)
Dehmel, Richard (H. Spiero)
Delbriick, Max (F. Hayduck)
Deussen, Paul (O. StrauB)
Dierauer, Johannes (A. Stern)
Dolivo-Dobrowolsky, Michael (J. Birn-
holz)
Dyckerhoff, Rudolf (E. Probst)
Eichhorn, Hermann v. (G. Strutz) . . .
Eisner, Kurt (J. v. GraBmann f)
Fischer, Emil (B. Helferich)
Fischer, Hermann (W. Pfleiderer) . . .
Flex, Walter (W. Millack)
Fournier. August (A. Pribram)
Freeh, Fritz (S. v. Bubnoff)
Frey, Adolf (E. Ermatinger)
Friedjung, Heinrich (H. v. Srbik)
Friedrich, Johann (J. Schnitzer)
Fritzen, Adolf (L. Pdeger)
Froriep, August (M. Heidenhain)
Canghofer, Ludwig (F. v. d. Leyen) . .
Oillhausen, Gisbert (W. Berdrow) . . .
Seite Seite
3 Grober, Adolf (K. Bachem) 388
207 Grove, Otto v. (P. v. Lk>ssow) 392
8 Haeckel, Ernst (R. Hertwig) 397
210 Haeseler, Gottlieb v. (H. Mafl) 412
13 N^Iahn, Diederich (P. Botticher) 250
215 Hauck, Albert (K. Mirbt) 253
218 Hering, Ewald (E. Th. v. Brucke) ... 258
18 Hertling, Georg v. (K. Bachem) 416
Hocheder, Karl (Th. Fischer) 86
490 v Jakobi, Hugo (A. Elbers) 90
2 1 Xfohann Albrecht von Mecklenburg (Th.
22 1 Seitz) 547
27 Jiingst, Karl (Th. Geilenkirchen) .... 263
31 Kapp v. Giiltstein, Otto v. (H. Igen) . 550
495 Kawerau, Gustav (M. Schian) 266
35 Keller, Albert v. (P.F.Schmidt) 551
500 Klinger, Max (H. Rosenhagen) 555
501 Koerber, Ernst v. (R. Sieghart) 426
54. Korner, Emil (M. Reymann) 567
qos^-SCrauel, Richard (W. Michael) 273
350 Krocher, Jordan v. (N. v. Gerlach) . . 277
225 Lange, Friedrich (R. Craemer) 94
509 Launhardt, Wilhelm (W. Hoyer) 279
230 Legien, Karl (Th. Leipart) 570
23>. Ivehmbruck, Wilhelm (A. Kuhn) 435
5i3^NLindau, Paul (H. Knudsen) 437
355 Lurmann, Fritz (H. Dickmann) 442
360 Macco, Heinrich 576
520 Matthias, Adolf (J. Norrenberg) .... 99
Mehring, Franz (O. Joelson) 446
367 Mehrtens, Georg (K. Beyer) 103
61 Meyer, Kuno (L. Miihlhausen) 453
244 Meyer (aus Speyer) , Wilh. (E- Schroder) 106
368 Mohr, Otto (W. Gehler) 282
378 Neumann, Karl (R. Laqueur) no
522 Niemann, Albert (W. Golther) 114
63 Oechsli, Wilhelm (A. Stern) 456
527 y^ Olde, Hans (H. Vollmer) 117
69 Peters, Karl (H. Schnee) 285
532 Petri, Emil (A. Goetz) 298
535 Pfeffer, Wilhelm (H. Fitting) 578
74 Philip povich v. Philippsberg, Eugen
38c\ (F. Somary) 119
8i\Puttkamer, Jesko v. (Th. v. Seitz) ... 120
545 Raps, August (A. Rotth) 582
83 Richthofen, Manfred v. (H. Dahlmann) 307
768
Namen - Verzeichnis
Seite
Riehn, Wilhelm (L. Klein) 587
Romberg, Friedrich (K. Wille) 458
Rosegger, Peter (M. Enzinger) 309
Rothpletz, August (W. Salomon) .... 317
Schaper, Fritz (H. Vollmer) 461
•v^chmoller, Gustav (O. Hintze) 124
Schnutgen, Alexander (K. Schaefer) . 319
Schonleber, Gustav (J . Beringer) .... 1 34
Schroder, Richard (K. Beyerle) 138
\Schwerin-Lowitz, Hans v. (E. v. Schwe-
rhi) 322
Seidl, Emanuel v. (H. Schmitz) 465
Seuffert, hothar v. (O. Fischer) 589 ^
Siemens, Wilhelm v. (A. Rotth) 467
Simmel, Georg (J. Cohn) 326
\ Sim son, Paul (K. J. Kaufmann) 147
Sohm, Rudolf (H. Fehr) 150
Stadler, Toni (P.Schmidt) 156
Seite
Steinhausen, Heinrich (H. Spiero) ... 160
Triibner, Wilhelm (H. Rosenhagen) . . 162
Veith, Rudolf (W. Laudahn) 169
Vofl, Richard (F. v. der Ley en) 334
Wagner, Adolf (H.Schumacher) 173
Weber, Max (H. Schumacher) 593
Wedekind, Frank (A. Kutscher) 336
Wedel, Karl v. (K. Stahlin) 475
Wellhausen, Julius (E. Sellin) 341
Werner, Alfred (P. Pfeiffer) 484
Willmann, Otto (Wr. Kahl) 616
Wilms, Max (E. Enderlein) 344
Woyrsch, Remus v. (G. Strutz) 621
Wundt, Wilhelm (E. Wundt) 626
Zeppelin, Ferdinand v. (E. Gossow) . 193
Ziegler, Theobald (0. Liermann) .... 346
Ziese, Karl (P. Krainer) 202
Zimtz, Nathan (A. Loewy) 636
Autoren^Verzeichnis
Seite
Auffenberg-Komarow, Moritz v. f (F. v.
Beck-Rzikowsky) 490
Bachem, Karl (A. Grober) 388
— (H. Hertling) 416
Beling, Erast (K. Binding) 495
Berdrow, Wilhelm (G. Gillhausen) ... 83
Beringer, Joseph (G. Schonleber) .... 134
Beyer, Kurt (G. Mehrtens) 103
Beyerle, Konrad (R. Schroder) 138
Birnholz, James (M. Dolivo-Dobro-
wolsky) 367
Blume, Friedrich (M. Bruch) 505
Bopp, Karl (M. Cantor) 509
Botticher, Paul (D. Hahn) 250
Briicke, Ernst Theodor v. (E. Hering) 258
Bubnoff, Serge v. (F. Freeh) 69
Cohn, Jonas (G. Simmel) 326
Craemer, Rudolf (F. Lange) 94
Dahlmann, Hermann (M. v. Richt-
hofen) 307
Dickinann, Herbert (F. Liirmann) . . . 442
Dold, Hermann (E. v. Behring) 21
Duisberg, Karl (H. v. Bottinger) .... 500
Elbers, Auguste (H. Jakobi) 90
Enderlein, Eugen (M. Wilms) 344
Enzinger, Moritz (P. Rosegger) 309
Ermatinger, Emil (A. Frey) 532
Fehr, Hans (R. Sohm) 150
Fischer, Otto (L. v. Seuffert) 589
Fischer, Theodor (K. Hocheder) 86
Fitting, Hans (W. Pfeffer) 578
Gehler, Willy (O. Mohr) 282
Geilenkirchen, Theodor (K. Jiingst).. 263
Gerlach, Nikolaus v. (J. v. Krocher) . 277
Goetz, Adolf (E. Petri) 298
Goldschmidt, Hans (E. Bassermann) 13
Golther, Wolfgang (A.Niemann) .... 114
Goltz, Hans v. d. (O. Back) 8
Gossow, Erich (F. v. Zeppelin) 193
Graflmann, Joseph v. f (K. Eisner) . . 368
Gunkel, Hermann (W. Bousset) 501
Hayduck, Friedrich (M. Delbriick) . . . 355
Heidenhain, Max (A. Froriep) 81
Helferich, Burckhardt (E. Fischer) . . 378
Hertwig, Richard (E. Haeckel) 397
Hintze, Otto (G. Schmoller) 124
Seite
Hoch, Otto (J. Bubendey) 350
Hoeber. Karl (J. Bachem) 207
Hoyer, Wilh. (W. Launhardt) 279
Igen, Hans (0. v. Kapp v. Giiltstein) 550
Joelson, Olga (F. Mehring) 446
Johannsen, Otto (L. Beck) 218
Kahl, Wilhelm (O. Willmann) 616
Kaufmann, Karl J. (P. Simson) 147
Kinkel, Walter (H. Cohen) 230
Klein, Ludwig (W. Riehn) 587
Knecht, August (F. v. Bettinger) 27
Knudsen, Hans (P. Lindau) 437
Krainer, Paul (K. Ziese) 202
Kuhn, Alfred (W. Lehinbruck) 435
Kutscher, Artur (F. Wedekind) 336
Laqueur, Richard (K. J. Neumann) . . no
Laudahn, Wilhelm (R. Veith) 169
Leipart, Theodor (K. Legien) 570
Leyen, Friedrich v. d. (L. Ganghofer) . . 545
— (R. Vofl) 334
Liermann, Otto (Th. Ziegler) 346
Loewy, Adolf (N. Zuntz) 6$6
Lossow, Paul v. (H. Buz) 225
— (O. Grove) 392
Mafi, Heinrich (G. v. Haeseler) 412
Meisel, Ferdinand (Th. Beck) 18
Michael, Wolfgang (R. Krauel) 273
Millack, Walter (W. Flex) 63
Mirbt, Karl (A. Hauck) 253
Miihlhausen, Ludwig (K. Meyer) .... 453
Mutius, Erhardt v. (F. Baare) 3
Norrenberg, J. (A. Matthias) 99
OBwald, Paul (M. v. Bissing) 35
Pfeiffer, Paul (A. Werner) 484
Pfeiffer, Rudolf (0. Crusius) 237
Pfleger, Lucian (A. Fritzen) 386
Prleiderer, Wilh. (H. Fischer) 522
Pribram, Alfred (A. Fournier) 527
Probst, Emil (R. Dyckerhoff) 61
Reymann, Martin (B. E. Korner) .... 567
Rosenhagen, Hans (M. Klinger) 555
— (W. Triibner) 162
Rotth, August (A. Raps) 582
— (W. v. Siemens) 467
Rupprecht, Johannes (H. Bezzel) . ... 31
Salomon, Wilhelm (A. Rothpletz) ... 317
770
Autoren - Verzcichnis
Seite
Schaefer, Karl (A. Sclinutgen) 319
Schian, Martin (G. Kawerau) 266
Schlenck, Wilhelm (A. v. Bayer) 215
Schmidt, Paul F. (A. v. Keller) 551
— (T. Stadler) 156
Schmitz, Hermann (E. v. Seidl) 465
Schnee, Heinrich (K. Peters) 285
Schnitzer, Joseph (J. Friedrich) 74
Schroder, Edward (W. Meyer) 106
Schumacher, Hermann (A. Wagner) . 173
— (M. Weber) 593
Schwerin, Ernst v. (H. v. Schwerin-
Lowitz) 322
Seitz, Theodor v. (Johann Albrecht v.
Mecklenburg) 547
— (J. v. Puttkamer) 1 20
Sellin, Ernst (J. Wellhausen) 341
Sieghardt, Rudolf (E. v. Koerber) . . . 426
Sornary, Felix (E. v. Philippowieh
Philippsberg)
Spiero, Heinrich (R. JDehmel)
— (H. Steinhausen)
Srbik, Heinrich v. (H. Friedjung) .
Stahlin, Karl (K. v. Wedel)
Stern, Alfred (J . Dierauer)
— (W. Oechsli)
Straufl, Otto (P. Deussen)
Strutz, Georg (H. v. Eichhorn) . .
— (R. v. Woyrsch)
Stubmann, Peter (A. Ballin)
Stumpf, Carl (F. Brentano)
Volimer, Hans (H. Olde)
— (F. Schaper)
Wille, Konstantin (F. Romberg) .
Wundt, Eleonore (W. Wundt) ...
Zipfcl, Ernst (F. v. Below)